Philosophy, History and Literature
GA 51
11 February 1905, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
21. Schillers Weltanschauung und sein Wallenstein
21. Schiller’s Worldview and His Wallenstein
[ 1 ] Von Schillers Weltanschauung kann man nicht in dem Sinne sprechen wie von der philosophischen Weltanschauung anderer Menschen, denn sie ist in einem fortwährenden Flusse, in stetigem Aufsteigen. Kleine menschliche Persönlichkeiten haben es leicht, zu einer Weltanschauung zu kommen. Größere können sehr schwer sich durchringen. Dies kommt daher, weil eine kleine Persönlichkeit nicht imstande ist, die großen Rätsel zu durchschauen. Für den Größeren stellt sich mit jeder Lebenserfahrung ein neues Rätsel ein; es modifiziert auf einer neuen Grundlage die Anschauung, die neu gestaltet werden muß. Diese Sache hat Goethe bis zu seinem Lebensende durchgemacht und auch Schiller ging es so. Gerade Schiller hat es ausgesprochen, daß er im Grunde nur einen kleinen Umkreis des eigenen Werdens kannte, aber sein Geist arbeitete fortwährend an einer Vertiefung, einer Harmonisierung dieses seines Begriffs- und Lebenserfahrungsvorrats. Geradezu charakteristisch ist, wie Schiller Gespräche führte. Darin war er ein Gegenpol von Herder, und ein gewisses Licht fällt auf Schiller durch diese Gegenüberstellung.
[ 1 ] One cannot speak of Schiller’s worldview in the same sense as one speaks of the philosophical worldviews of other people, for it is in a state of constant flux, of steady ascent. People of limited character find it easy to arrive at a worldview. Greater ones find it very difficult to bring themselves to do so. This is because a small personality is incapable of fathoming the great mysteries. For the greater one, every life experience presents a new mystery; it modifies, on a new foundation, the worldview, which must be reshaped. Goethe went through this process until the end of his life, and Schiller experienced it as well. Schiller, in particular, stated that he was essentially familiar only with a small sphere of his own development, but his mind was constantly working to deepen and harmonize his store of concepts and life experiences. The way Schiller conducted conversations is particularly characteristic. In this regard, he was the polar opposite of Herder, and this contrast sheds a certain light on Schiller.
[ 2 ] Wenn Herder in Gesellschaft von Leuten war, die sich dafür interessierten, entwickelte er seine Anschauungen; selten wurde ein Einwand gemacht; er stand so fest, so klar, daß er im dialektischen Gespräch nicht hätte eine Frage weiter bringen wollen. Ganz anders war es bei Schiller; bei ihm wurde jedes Gespräch lebendig: er nahm jeden Einwand auf, jedes Thema wurde angeschlagen, und dadurch brachte er das Gespräch auf alle möglichen Seitenpfade, alles wurde von allen Seiten beleuchtet. Im Gespräch drückt sich am schönsten aus in dem Leben, welches Schiller im persönlichen Verkehr umfloß —, wie seine Anschauungen im ewigen Flusse waren. Wir haben hier dasselbe Streben nach Wahrheit, das Lessing in den Worten zum Ausdruck brachte: «Wenn Gott vor mir stünde, in der einen Hand die volle Wahrheit, in der andern das Streben nach der Wahrheit, so würde ich ihn bitten: Herr, gib mir das Streben nach der Wahrheit, denn die volle Wahrheit ist wohl nur für Gott allein da.»
[ 2 ] When Herder was in the company of people who were interested in the subject, he would expound his views; objections were rarely raised; his position was so firm and clear that he would not have wanted to take a question any further in a dialectical discussion. It was quite different with Schiller; with him, every conversation came alive: he took up every objection, every topic was broached, and in this way he led the conversation down all manner of side paths, with everything being examined from every angle. This is most beautifully expressed in the vitality that Schiller exuded in personal interaction—just as his views were in a constant state of flux. Here we see the same quest for truth that Lessing expressed in these words: “If God were standing before me, holding the full truth in one hand and the quest for truth in the other, I would ask him: Lord, give me the quest for truth, for the full truth is surely reserved for God alone.”
[ 3 ] So sehen wir, wie Schiller durch alle Perioden seines Lebens hindurch in einem fortwährenden Streben nach höherer Weltanschauung begriffen ist; wie er, als er zur Professur nach Jena ging, genötigt war, seine Ideen lebendig zu machen; wie er rang, die großen Kräfte, die in der Welt wirkend sind, zu erfassen und in lebendigem Vortrage fruchtbar zu machen.
[ 3 ] Thus we see how Schiller, throughout all periods of his life, was engaged in a constant striving for a higher worldview; how, when he took up his professorship in Jena, he was compelled to bring his ideas to life; how he struggled to grasp the great forces at work in the world and to make them fruitful through his lively lectures.
[ 4 ] Die geschichtsphilosophischen kleineren Aufsätze zeigen uns, wie er mit diesen Ideen rang. Außer dem schon erwähnten Vortrag: «Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?» — versuchte er die Bedeutung eines solchen Gesetzgebers wie Moses zu charakterisieren. Dann behandelt er die Zeit der Kreuzzüge; und es gibt vielleicht nichts Schöneres und Interessanteres als die Art, in der Schiller die Besitzund Lehnsverhältnisse des Mittelalters schildert. Die großen Freiheitskämpfe der Niederlande werden so erfaßt, daß man daran lernen kann, wie die Geschichtsentwickelung innerlich vor sich geht. Dann die Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs, in der ihn schon vor allem die Figur des Wallenstein fesselt, die ihm den Menschen mit dem Gesetz des Willens in sich selbst zeigt, fest in seiner Person, aber mit kleinlicher Ehrsucht behaftet, schwankend in seinen Zielen, und, voll von unklaren Begriffen, über Sterndeutung grübelnd. Später versucht er dichterisch diese Figur zu enträtseln. Doch vorher sucht Schiller sich noch zu klären durch philosophische Studien in Kants Werken. Nicht unvorbereitet trat Schiller auch als Philosoph an den Kantianismus heran. Es war damals etwas in ihm, das nur durch die Anlehnung an Kant herauskommen konnte.
[ 4 ] His shorter essays on the philosophy of history show us how he grappled with these ideas. In addition to the lecture already mentioned, “What Does Universal History Mean, and to What End Is It Studied?”—he attempted to characterize the significance of a lawgiver such as Moses. He then turns to the era of the Crusades; and there is perhaps nothing more beautiful or interesting than the way Schiller describes the property and feudal relationships of the Middle Ages. The great struggles for freedom in the Netherlands are analyzed in such a way that one can learn from them how historical development unfolds internally. Then comes the history of the Thirty Years’ War, in which he is captivated above all by the figure of Wallenstein, who reveals to him the man governed by the law of will within himself—firm in his character, yet afflicted by petty ambition, wavering in his goals, and, full of vague concepts, pondering astrology. Later, he attempted to unravel this figure through poetry. But first, Schiller sought to clarify his own thinking through philosophical studies of Kant’s works. Schiller did not approach Kantianism as a philosopher unprepared. There was something within him at that time that could only emerge through his engagement with Kant.
[ 5 ] Man muß diesen Punkt in Schillers Wesen tief fassen, um seine große Persönlichkeit recht verstehen zu können. Es gibt eine Reihe von Briefen, «Philosophische Briefe» zwischen Julius und Rafael: die Philosophie, die er da entwikkelt, ist etwas, was ihm eingeboren ist. Das Weltbild, das er sich gebildet hat aus seiner tiefen Persönlichkeit heraus, stellt der dar, welcher Julius heißt, während wir uns in Rafael einen Mann charakterisiert denken müssen, wie seinen Freund Körner, der zu einer gewissen Abgeschlossenheit gekommen ist, wenn auch nicht in so tiefer Weise. Denn im Leben erscheint der Geringere oft als der Klügere, Übergeordnete, gegenüber dem Höherstrebenden, Ringenden. Der Ringende, der aber hier noch in Disharmonien unbefriedigt lebt, entwirft in der «Theosophie des Julius» sein Weltbild etwa in folgender Weise: «Alles in der Welt entstammt einem geistigen Urgrunde. Auch der Mensch ist zunächst hervorgegangen aus diesem Urgrund; er ist ein Zusammenfluß aller Kräfte der Welt. Er wirkt wie ein Auszug, wie eine Vereinigung alles dessen, was in der Natur ausgebreitet ist. Alles Dasein außer ihm ist nur Hieroglyphe einer Kraft, die ihm ähnlich ist. Im Bilde des Schmetterlings, der sich aus der Raupe neu verjüngt in die Luft erhebt, haben wir ein Bild der menschlichen Unsterblichkeit. Nur, wenn wir uns erheben könnten zu dem Ideal, das uns eingepflanzt ist, könnten wir zur Befriedigung gelangen.» Er nennt dieses Weltbild «Theosophie des Julius». Die Welt ist ein Gedanke Gottes; alles lebt nur in der unendlichen Liebe Gottes; alles in mir und außer mir ist nur eine Hieroglyphe des höchsten Wesens. Wie Goethe in seinem Prosahymnus an die Natur es ausgedrückt hatte, daß der Mensch ungefragt und ungewarnt in den Kreislauf des Lebens durch die Natur gestellt sei, daß sie selbst in ihm rede und handle, so kommt Schiller in gewisser Weise in dieser Theosophie des Julius zu einem ähnlichen Standpunkt. Aber er fühlt sich zunächst unbefriedigt: nur ein Gott könnte von einem solchen Standpunkt aus die Welt betrachten, meint er. Kann denn wirklich die Menschenseele, die so klein und beschränkt ist, mit einem solchen Bilde der Welt leben?
[ 5 ] One must grasp this aspect of Schiller’s nature deeply in order to truly understand his great personality. There is a series of letters, the “Philosophical Letters,” between Julius and Rafael: the philosophy he develops there is something innate to him. The worldview he has formed from the depths of his personality is embodied by the character named Julius, whereas we must conceive of Rafael as a man characterized, like his friend Körner, by a certain detachment—albeit not to such a profound degree. For in life, the lesser person often appears wiser and more superior than the one who strives higher and struggles. The striver, however, who here still lives unsatisfied amid disharmonies, outlines his worldview in The Theosophy of Julius roughly as follows: “Everything in the world originates from a spiritual primal source. Human beings, too, first emerged from this primal source; they are a convergence of all the forces of the world. He acts as an extract, as a unification of all that is spread out in nature. All existence apart from him is merely a hieroglyph of a force that is similar to him. In the image of the butterfly, which, rejuvenated from the caterpillar, rises into the air, we have an image of human immortality. Only if we could rise to the ideal that is implanted within us could we attain fulfillment.” He calls this worldview “Julius’s Theosophy.” The world is a thought of God; everything lives only in God’s infinite love; everything within me and outside of me is merely a hieroglyph of the supreme Being. Just as Goethe had expressed it in his prose hymn to nature—that man is placed by nature into the cycle of life without being asked or warned, that nature itself speaks and acts within him—so Schiller, in a certain sense, arrives at a similar standpoint in this “Theosophy of Julius.” But at first he feels unsatisfied: only a God, he believes, could view the world from such a standpoint. Can the human soul, so small and limited, truly live with such a vision of the world?
[ 6 ] Aus dem Kantianismus hat Schiller nun zunächst ein neues Weltbild gewonnen, das bis zur Mitte der neunziger Jahre vorhält. Das Welträtsel ist ihm zum Menschenrätsel geworden; das Problem der Freiheit ist es zunächst, das ihn beschäftigt. Die Frage tritt vor seinen Geist: Wie kann der Mensch seine Vollkommenheit erlangen?
[ 6 ] From Kantianism, Schiller initially derived a new worldview that would remain with him until the mid-1890s. The mystery of the world had become for him the mystery of humanity; it was the problem of freedom that first occupied his mind. The question arose in his mind: How can human beings attain perfection?
[ 7 ] Am reinsten und schönsten tritt uns hier Schillers Weltanschauung in den «Ästhetischen Briefen» entgegen: Auf der einen Seite ist der Mensch seiner niederen Natur, seinen Trieben unterworfen; die Natur ist hier Notwendigkeit in den Sinnendingen, die auf ihn einstürmen. Auf der anderen Seite liegt im Denken des Menschen die geistige Notwendigkeit; da ist die Logik, der er sich unterwerfen muß. Er ist Sklave der Naturnotwendigkeit und zugleich Sklave der Vernunftnotwendigkeit. Kant antwortet auf diesen Widerspruch mit einer Herabdrückung der Naturnotwendigkeit gegenüber der geistigen Notwendigkeit. Schiller erfaßte in ganzer Tiefe die Kluft zwischen Naturund Vernunftnotwendigkeit. Er sah hier ein Problem, das über alle menschlichen Verhältnisse sich ausbreitet. Die Gesetze, die die Menschen regieren, sind teils hergenommen aus der Naturnotwendigkeit, aus den dynamischen Kräften, die in den Menschen wirken; teils aus der moralischen Ordnung, die sie in sich tragen. Disharmonie, Unterdrückung muß daraus folgen. So haben wir den dynamischen Staat und den moralischen Staat; beide wirken als eine eiserne Notwendigkeit.
[ 7 ] Schiller’s worldview is presented to us in its purest and most beautiful form here in the “Aesthetic Letters”: On the one hand, human beings are subject to their base nature and their instincts; nature here is necessity in the sensory phenomena that assail them. On the other hand, spiritual necessity lies in human thought; there is logic, to which he must submit. He is a slave to natural necessity and, at the same time, a slave to rational necessity. Kant responds to this contradiction by downplaying natural necessity in favor of intellectual necessity. Schiller grasped the gulf between natural and rational necessity in all its depth. He saw here a problem that extends across all human relationships. The laws that govern human beings are derived in part from natural necessity—from the dynamic forces at work within them—and in part from the moral order they carry within themselves. Disharmony and oppression must result from this. Thus we have the dynamic state and the moral state; both operate as an iron necessity.
[ 8 ] Derjenige Mensch nur kann sich frei nennen, der sich die ehernen Gesetze der Vernunft und Logik so zu eigen gemacht hat, daß er ihnen ohne Zwang folgt, der so weit sein sittliches Gefühl geläutert hat, daß er gar nicht anders kann, als das Reine wollen, weil seine Neigungen sich hinauforganisiert haben zum geistigen Leben. Der Mensch, der die Vernunftgesetze heruntergeholt hat in die Triebe und Neigungen der Seele, und die menschlichen Leidenschaften heraufgeholt zur Erkenntnis der moralischen Ordnung, der wird die dynamischen Gesetze so beherrschen, daß Harmonie entsteht zwischen seinen Trieben und der Vernunft. Schiller nennt die Stimmung, in der der Mensch sich befindet, der seine Triebe so gereinigt hat, die ästhetische Stimmung, und den Staat, in dem solche Menschen wirken, die ästhetische Gesellschaft. Der Mensch muß verwirklichen, was ihm als seine höchste Würde erscheint.
[ 8 ] Only that person can call himself free who has made the iron laws of reason and logic his own to such an extent that he follows them without compulsion, who has purified his moral sensibility to such a degree that he cannot help but will what is pure, because his inclinations have been elevated to the level of spiritual life. The person who has brought the laws of reason down into the drives and inclinations of the soul, and raised human passions up to the recognition of the moral order, will master the dynamic laws in such a way that harmony arises between his drives and reason. Schiller calls the state of mind in which a person finds himself—one who has thus purified his instincts—the aesthetic state of mind, and the society in which such people act, the aesthetic society. Man must realize what appears to him as his highest dignity.
[ 9 ] In der Theosophie des Julius hatte Schiller ein ideales Weltbild aufgestellt. Eine Erziehung zu dem Ideal ist es, was Schiller vom Menschen und von der menschlichen Gesellschaft verlangt. Entwickelung ist es, was Schiller den Menschen vorhält.
[ 9 ] In Julius’s theosophy, Schiller had established an ideal worldview. Schiller demands that people and human society be educated toward this ideal. Schiller holds people accountable for their development.
[ 10 ] Das drückt sich aus in dem Gedichte: «Der Spaziergang». Nicht als etwas Erreichtes erscheint ihm die Harmonie der Welt, sondern als ein Entwickelungsziel. Schön erscheint ihm die ewige Harmonie der Natur, aber als etwas, was auch der Mensch in sich erstreben sollte. Es muß das Ideal des Menschen werden, daß ein Zustand herbeigeführt werde, wo die Menschen in solcher Harmonie dahinleben, wie sie in der Natur vorbildlich sich uns zeigt. Was Schiller früher angestrebt hatte als Inhalt der Erkenntnis, wurde ihm jetzt sittlich-ästhetisches Ideal. Jetzt, unter dem Einfluß Goethes, wurde er wieder zum Dichter: so glaubte er am besten zeigen zu können, wie der Geist des Menschen in Entwickelung begriffen ist, wie die verschiedenen Kräfte in ihm zusammenwirken, wie er von den Tiefen zu den Höhen strebt.
[ 10 ] This is expressed in the poem “The Walk.” To him, the harmony of the world does not appear as something that has already been achieved, but rather as a goal of development. The eternal harmony of nature appears beautiful to him, but as something that human beings, too, should strive for within themselves. It must become humanity’s ideal to bring about a state in which people live in such harmony as nature exemplifies for us. What Schiller had previously sought as the substance of knowledge now became for him a moral and aesthetic ideal. Now, under Goethe’s influence, he became a poet once more: he believed this was the best way to show how the human spirit is in the process of development, how the various forces within it interact, and how it strives from the depths to the heights.
[ 11 ] In einer ganz bedeutsamen Weise hat er im «Wallenstein» sein ureigenes Problem dichterisch hingestellt. Schwer ist es ihm geworden, die Menschennatur darzustellen, schwerer wie kleineren Naturen. Nicht aus abstrakten Ideen heraus hat Schiller seine Gestalten geschaffen und dann erst gleichsam zu seinem Gedankenskelett das Fleisch gesucht, wie man vielfach behauptet hat. So war es nicht bei seinen Gestalten, so war es vor allem nicht beim «Wallenstein». Schiller ging aus von einer innerlich musikalischen Stimmung, wie er es nannte, nicht von Ideen. Gleichsam in Melodien ergoß sich in sein Inneres der Strom der im Menschen verwickelten Kräfte, die sich lösten in Harmonie oder untergingen in Disharmonie. Dann suchte er die Gedanken, die Charaktere, die einzelnen Stimmungen. So standen ihm vor Augen die kontrastierenden Seelenkräfte Wallensteins, die diesen mit Notwendigkeit zu einer großen Katastrophe führen. — Man kann leider diese Stimmung nicht anders als mit gedanklichen Mitteln wiedergeben. — Es gibt eine auf sich selbst gebaute Persönlichkeit, die tragisch zugrunde geht. Tragisch in wahrem Sinne aber wirkt sie nur, wenn sie an sich selbst scheitert. Was Hebbel als notwendige Voraussetzung des Tragischen fordert, «daß es so hat kommen müssen», daß nichts tragisch sein könne, was auch in anderer Weise hätte getan werden können; wie intuitiv ist diese Ansicht von Schiller erfaßt worden, obgleich er sie nocht nicht ausspricht!
[ 11 ] In Wallenstein, he presented his very own problem in a profoundly significant way through poetry. It became difficult for him to portray human nature—more difficult than it is for those of lesser stature. Schiller did not create his characters from abstract ideas and then, as it were, seek the flesh to clothe his skeletal framework of thought, as has often been claimed. That was not the case with his characters, and it was certainly not the case with Wallenstein. Schiller proceeded from what he called an “inner musical mood,” not from ideas. As it were, the stream of forces entangled within the human being poured into his inner being in melodies, resolving into harmony or sinking into disharmony. Then he sought out the thoughts, the characters, and the individual moods. Thus, the contrasting forces of Wallenstein’s soul stood before his eyes, forces that inevitably lead him to a great catastrophe. — Unfortunately, this mood can be conveyed only through intellectual means. — There is a self-contained personality that meets a tragic end. But it is tragic in the true sense only when it fails because of itself. What Hebbel demands as a necessary prerequisite for the tragic—namely, “that it had to come to this,” that nothing can be tragic that could also have been done differently—how intuitively Schiller has grasped this view, even though he does not yet articulate it!
[ 12 ] Aber Schiller steht unter dem Einflusse noch einer andern tragischen Idee, die sich nicht auflösen läßt, die vor allem in der Person des Wallenstein selbst zum Ausdruck kommt. Es ist das Bewußtsein, daß in das Menschenleben etwas Höheres hineinspielt, das in diesem Rahmen nicht zu lösen ist. Erst am Ende der Welt, wenn die Menschen zur Vollkommenheit gelangt sein werden, wird der Blick des Menschen so sein Schicksal überschauen können. Bis dahin werden immer Irrtümer sein müssen, etwas Unlösbares, für das Wallenstein in den Sternen eine Lösung sucht, das etwas Imponderables im eigenen Herzen ist. Fest vorherbestimmt glaubt Wallenstein in den Sternen sein Geschick zu lesen und muß nun sehen, wie Octavio ihn, entgegen dem Sternenorakel, betrügt. Doch die Freiheit des Menschen bleibt das Höchste; eine innere Notwendigkeit läßt ihn in den Sternen die Lösung suchen: er steht vor einem neuen Rätsel, die Sterne haben ihm gelogen. Doch nein, die Sterne können nicht lügen: Der Mensch, der gegen die heiligsten Gesetze des Gefühls und Herzens verstößt, er bringt die Harmonie der Sterne in Unordnung. Es kann keine Ordnung in der Natur geben, die den Gesetzen des menschlichen Geistes widerspricht. Wer in dieser Weise den Charakter Wallensteins betrachtet, wird Schillers eigene Person in tiefer Bedeutung durch die Person Wallensteins hindurchblicken sehen.
[ 12 ] But Schiller is also influenced by another tragic idea that cannot be resolved, one that finds its expression above all in the character of Wallenstein himself. It is the awareness that something higher intervenes in human life—something that cannot be resolved within this framework. Only at the end of the world, when humanity has attained perfection, will human vision be able to survey its destiny in its entirety. Until then, there will always be errors—something insoluble, for which Wallenstein seeks a solution in the stars, something imponderable within his own heart. Convinced that his fate is firmly predetermined, Wallenstein believes he can read his destiny in the stars and must now witness how Octavio betrays him, contrary to the stars’ oracle. Yet human freedom remains supreme; an inner necessity compels him to seek the solution in the stars: he faces a new enigma—the stars have lied to him. But no, the stars cannot lie: The person who violates the most sacred laws of feeling and the heart disrupts the harmony of the stars. There can be no order in nature that contradicts the laws of the human spirit. Anyone who views Wallenstein’s character in this way will see Schiller’s own person shining through the character of Wallenstein in a profound sense.
[ 13 ] Ins Auge schauen wollte Schiller dem Widerspruch der Welt und zeigen, wie man mit diesem Widerspruch lebt. Es muß eine Wahrheit in der Welt sein, sagt er sich, und diese hat er gesucht, wie er es schon in dem Briefe des Julius tut. Der Widerspruch liegt in den einzelnen Erscheinungen. Schiller kommt hier zu der Erkenntnis dessen, was die alten Inder und andere Weise als Illusion erkannten. In der Wahrheit wollte er leben, und er betrachtete die Kunst als ein Tor, durch welches der Mensch wandeln muß, um ins Morgenrot der Schönheit und Freiheit zu gelangen. In dem Gedichte «Die Künstler» fordert er es geradezu von den Künstlern, sich hinzustellen auf den Weltenplan und mitzuschaffen an der Verwirklichung des Ideals. So ruft er ihnen zu: «Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie!»
[ 13 ] Schiller wanted to look the contradiction of the world squarely in the eye and show how one can live with this contradiction. There must be a truth in the world, he tells himself, and he sought this truth, just as he does in The Letter of Julius. The contradiction lies in individual phenomena. Here, Schiller comes to recognize what the ancient Indians and other sages recognized as illusion. He wanted to live in the truth, and he regarded art as a gateway through which humanity must pass to reach the dawn of beauty and freedom. In the poem “The Artists,” he directly calls upon artists to take their place on the world stage and to help bring the ideal to fruition. Thus he cries out to them: “The dignity of humanity is entrusted to your hands. Preserve it!”
