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Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51

4 März 1905, Berlin

24. Schillers Wirkungen im 19. Jahrhundert

[ 1 ] Ich möchte heute noch sprechen über die Art der Wirkung, die Schiller auf das 19. Jahrhundert gehabt hat, um dann überzugehen auf die Bedeutung Schillers für die Gegenwart, und auf das, was Schiller für die noch folgende Zukunft sein kann. Im Schlußvortrage will ich dann ein Gesamtbild Schillers geben. Wer Schillers Verhältnis zum 19. Jahrhundert schildern will, kann sich unmöglich auf Einzelheiten einlassen, deshalb wollen wir uns nicht mit einzelnen Begebenheiten besonders aufhalten, wenn sie nicht besondere symptomatische Bedeutung haben. Es handelt sich darum, zu zeigen, wie es sich mit dem ganzen Kulturleben des 19. Jahrhunderts verhält, und welche Stellung Schiller darin einnimmt.

[ 2 ] Es ist im allgemeinen schwer zu sagen, wie groß der Einfluß Schillers auf die einzelnen Perioden ist; die Kanäle lassen sich nicht im einzelnen verfolgen. Schillers Einfluß läßt sich zum Teil vergleichen mit dem, welchen Herder im Anfange des Jahrhunderts ausübte, von dem Goethe zu Eckermann sagte: «Wer liest noch Herders philosophische Werke? aber überall begegnet man Ideen, die er gesät.» Es ist dies eine intensivere Wirkung als die mit dem Namen verknüpfte. Auch mit Schiller ist dies der Fall. Sein Wirken Jäßt sich nicht abtrennen von der Wirkung der großen klassischen Zeit. Eines aber läßt sich herausheben: diese Wirkung Schillers, die Anerkennung, von der das Nationalfest am 10. November 1859 Kunde gibt, kam keineswegs so leicht und widerspruchslos heraus. Schiller hat sich nicht so leicht durchgerungen. Es hat viel geschehen müssen, um namentlich in die Jugend hinein den Geist Schillers auf ganz imponderable Art fließen zu lassen. So hat das «Lied von der Glocke» zunächst in den Kreisen der Romantiker den heftigsten Widerspruch hervorgerufen. Caroline von Schlegel, die Gattin August Wilhelms von Schlegel, hat es ein spießbürgerliches philiströses Gedicht genannt.

[ 3 ] Nicht nur in dem, was uns in den Xenien entgegentritt, sondern im allgemeinen in den Kreisen derer, die man die Romantiker nannte, finden wir lebhaften Widerspruch gegen Schiller. Die Romantiker sahen in Goethes «Wilhelm Meister» ihr Ideal und hatten Goethe, den treuen Freund, der Schiller die Worte nachgerufen:

Weit hinter ihm im wesenlosen Scheine
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine ... .

[ 4 ] auf den Schild gehoben auf Kosten Schillers. Was Schiller verstand, das Moralische, Ethische so hoch zu erheben, war ihnen etwas durchaus Unsympathisches. Harte Worte flossen von seiten der Romantiker gegen Schiller, den spießbürgerlichen Ethiker. Diejenigen, die heute in Schillerehrung aufgewachsen sind, werden schwer Worte verstehen können, wie sie zum Beispiel Friedrich von Schlegel über ihn fand in Besprechungen über Schiller und Goethe. Er nennt seine Einbildungskraft «zerrüttet». Da ist nichts zu merken von dem, was alle Herzen zu Schiller zog. Ungefähr gegen Ende der zwanziger Jahre erschien der Briefwechsel Goethes und Schillers, jenes Denkmal, das Goethe seinem Freunde und der Freundschaft setzte. Man kann unendlich viel daraus lernen, und seine Bedeutung für die deutsche Kunstbetrachtung ist gar nicht zu bemessen. Auch da verhielten sich die Romantiker durchaus ablehnend. Sie hatten bissigen Spott dafür. Wie schwer es war, für Schillers Ruhm festen Boden zu fassen, zeigt die Großmannssucht der Persönlichkeiten, die Schiller am heftigsten Opposition machten. A. W. Schlegel, der verdienstvolle Übersetzer Shakespeares, hat ein Sonett auf sich selbst gedichtet, in dem sich ausspricht, wie er sein eigenes Verhältnis zum deutschen Volke auffaßte; er spricht da mit einem Selbstgefühl von seiner dichterischen Bedeutung, das uns heute sonderbar anmutet. Es schließt:

Wie ihn der Mund der Zukunft nennen werde
Ist unbekannt, doch dies Geschlecht erkannte
Ihn bei dem Namen August Wilhelm Schlegel.

[ 5 ] Der Mann stellt nicht bloß eine Einzelerscheinung dar, er stellt die romantische Theorie dar; ihn kann man nur verstehen, wenn man begreift, was die romantische Schule wollte. Die Romantiker wollten eine neue Kunst, eine Zusammenfassung alles Künstlerischen. Es war ihre Theorie eigentlich herausgewachsen aus dem, was Schiller in seinen ästhetischen Aufsätzen dargestellt hatte, aber sie war eine karikierte Auffassung. Das Wort Schillers: «Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt», wurde ihnen zu einer Art Motto. So entstand die romantische Ironie, die alles zu einem Spiele des Genies machte. Man hatte eine Auffassung, als ob es der Willkür des Menschen unterliege, ein Genie zu sein. Wenn Schiller die Kunst ein Spiel nannte, war es, weil er dem Spiel den ganzen vollen Ernst geben wollte. In der Besiegung des Stoffes durch die Form liegt das Kunstgeheimnis des Meisters, sagt Schiller, während die Romantiker die Form vernachlässigten und vom Stoffe selbst verlangten, daß er künstlerisch wirke. Eine solche Richtung war es, die ich nicht kritisieren, sondern charakterisieren will, welche Schiller grundsätzlich entgegenstand. Der Briefwechsel Goethes und Schillers wurde daher, wie gesagt, von ihnen aufgenommen als etwas, das sie störte. Die darin besprochenen Kunstregeln fanden sie hausbacken. A. W. von Schlegel schrieb unter dem Eindruck dieses Briefwechsels boshafte Epigramme. Untereinander betrachteten sich die Romantiker mit der größten Bewunderung. Dies alles zeigt, wie in den ersten Jahrzehnten Schillers Lebenswerk den heftigsten Widerspruch hervorrief. Andererseits war die Persönlichkeit Schillers so gewaltig, daß auch aus diesen Kreisen ihm Anerkennung und Bewunderung gezollt wurde. So schrieb Ludwig Tieck über Schillers «Wallenstein» in verständnisvoller und verehrungsvoller Art.

[ 6 ] Wir sehen, daß Schiller immer mehr seinen Einfluß sich nach und nach erringt, daß er sich einnistet in die Herzen der Nation. So ist Theodor Körner zwar die bedeutendste, aber nicht einzige Erscheinung, die ganz im Geiste Schillers lebt, er, der auch den Heldentod stirbt, ganz erfüllt von den Idealen, die Schiller ihm eingepflanzt. Er schien dazu geweiht durch die persönliche Freundschaft, die seine Familie mit Schiller verband. Eine herzliche Freundschaft war es, die Körners Vater und Schiller verknüpfte; er war der Pate Theodor Körners, von ihm war die «Leier» gekauft, die Theodor Körner überall begleitete. Schiller hat sich langsam, aber ganz sicher in die Herzen der Jugend eingeschlichen.

[ 7 ] Wer die Entwickelung des Schriftwesens bei den sich sträubenden Romantikern verfolgt, begegnet dem Einfluß Schillers selbst in den Wortformen, die er geprägt. Durch Schiller hat sich herausgebildet, was man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutsche Bildung nennen kann: sie ist ganz wie durch Imponderabilien geformt durch das, was sich in das Gemüt einpflanzte von Schiller aus. Das, was von Herder und den anderen Klassikern ausging, ist durch die Bilder und didaktischen Wendungen Schillers in die Nation geflossen. Mochten auf der Höhe der ästhetischen Bildung sich einige auch sträuben, immer mehr hat Schiller sich eingebürgert. So wächst sein Einfluß fort und fort. Und wie der hundertjährige Geburtstag Schillers kommt, da sind es die Besten, die ihn feiern, die Besten der Nation. In einem Buch über Schiller sind die Reden gesammelt, die damals gehalten wurden. Und es waren bedeutende Männer, die jene Reden hielten: Jakob Grimm, Th. Vischer der große Ästhetiker, Karl Gutzkow, Ernst Curtius, Moriz Carriere und viele andere. Der Same war aufgegangen, den Schiller gesäet.

[ 8 ] Und doch muß man sagen, daß die Sprache, die damals, 1859, gesprochen wurde, dem doch recht fremd gegenüberstand, was als erwas Neues in jener Zeit heraufkam. Die Betonung des Ideals im Jahre 1859 stimmt seltsam zu dem, was sonst in diesem Jahre ans Licht kam. Vier bedeutende Erscheinungen sind es vor allem, auf die ich hier hinweisen will: 1859 erschien Charles Darwins «Abstammung der Arten». Dann Fechners «Vorschule der Ästhetik». Fechner hat einen großen Einfluß auf eine Strömung der Gegenwart gewonnen: er ist ausgegangen von Hegel, der selbst Schiller gegen die Romantiker in Schutz genommen hatte. Vischer, der aus der Goethe-Schillerzeit stammte, der eine idealistische Ästhetik vertrat, sieht sich in Widerspruch versetzt zu dem, was er selbst bisher bekannt hatte; er sieht diese Richtung abgelöst durch Fechner. Es ist dies eine Ästhetik von unten, während es früher eine Ästhetik von oben war, die man vertrat. Von unten, aus kleinen Symptomen, wollte man jetzt das Wesen des Schönen erkennen. Das dritte Werk, welches Raumverhältnisse behandelte, steht in einem gewissen Gegensatz zu Schillers Art. Hatte sich doch dieser in einem seiner Epigramme an die Astronomen so gewendet:

«Schwartzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen.
Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt?
Euer Gegenstand ist der erhabendste freilich im Raume,
Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.»

[ 9 ] Dieses dritte Werk war die von Kirchhoff und Bunsen gefundene «Spektralanalyse». Durch sie konnte die Sonne in ihren Bestandteilen erkannt werden, konnte eine Analyse der fernsten Nebelflecken unternommen werden.

[ 10 ] Das vierte Werk war: Karl Marx «Kritik der politischen Ökonomie». Es war ein sonderbarer Kontrast zwischen dem, was man damals bei der Schillerfeier entwickelte und dem, was jene Zeit wirklich heraufbrachte.

[ 11 ] Es war ein eigentümlicher Standpunkt, den Schiller, und unsere Klassiker überhaupt, zur Weltkultur einnahmen. Man kann sich Raffael, Michelangelo nicht denken ohne den Zusammenhang mit ihrer Zeit, aus der sie geboren waren, aus der heraus sie schufen. So ist die homerische Kunst im innigen Zusammenhang mit dem, was in allen lebte. Homer brauchte nur dem Form zu geben, was als Fühlen und Denken seine Zeitgenossen durchdrang. Ganz anders war es bei unseren Klassikern. Homer, von wem dichtete er? Von Griechen redete er zu Griechen. So waren noch Dante, noch Michelangelo, ja auch noch Shakespeare ganz hineingestellt in ihre Zeit. Anders war es bei unseren Klassikern. Lessing begeisterte sich für Winckelmann, aus seinen Darlegungen bildete er sich seine Kunstanschauungen. Auch ging Lessing zurück auf Aristoteles. Schiller und Goethe studierten mit Lessing in Gläubigkeit Aristoteles. Daher kam ein so abgesondertes Schönheitsideal, eine so vom Leben der Zeit abgesonderte Kunst, besonders im späteren Lebensalter der Dichter. Denn die Jugenddramen Schillers, «Die Räuber», «Kabale und Liebe» sind ja noch verbunden mit dem eigenen Leben. Goethe hatte sich besonders in Italien entwickelt. Die Kunst war Selbstzweck geworden, abstrakt abgezogen vom wirklichen Leben. Gleichgültig gegenüber den Stoffen waren Goethe und Schiller geworden. So sehen wir, daß Schiller jetzt seine Stoffe überall sucht in der Welt. Er hat sich herausgehoben aus der ihn umgebenden Welt, hat sich auf eigene Füße gestellt. Nichts charakterisiert Schillers Einfluß so, als daß auf ihn die Romantik folgt, die alles Fremdländische assimiliert. Übersetzungen aus allen Gebieten der Weltliteratur bilden ein Hauptverdienst der romantischen Schule. Schillers Stellung zur Kunst bildet etwas, was auf sein Verhältnis zum 19. Jahrhundert entscheidend wirkt.