Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
7 November 1903, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
3. Das Wesen der Gottheit vom theosophischen Standpunkt
3. The Nature of Divinity from a Theosophical Perspective
[ 1 ] Das Wissen von dem Urquell aller Dinge ist etwas, wovon der Theosoph nicht so ohne weiteres zu sprechen sich erkühnt. Die Theosophie soll ja der Weg sein, der uns dahin führt, endlich diesen Begriff mit unserem Denkvermögen fassen zu können; sie soll uns den Weg zeigen, der uns dahin führt, Klarheit, soweit sie zu gewinnen ist, über diese Vorstellung zu gewinnen. Dieser Weg ist lang und führt über manche Stationen, und jede einzelne Station will nicht bloß passiert sein, sondern auf jeder müssen wir stehen und lernen.
[ 1 ] Knowledge of the source of all things is something the theosophist does not readily dare to speak of. Theosophy is, after all, meant to be the path that leads us to finally grasp this concept with our intellectual faculties; it is meant to show us the way that leads us to gain clarity, to the extent that it can be attained, regarding this idea. This path is long and passes through many stages, and each individual stage is not merely to be passed through, but at each one we must pause and learn.
[ 2 ] Aber nicht nur der Ausgangspunkt, sondern auch der Schlußstein ist wichtig. Wenn wir uns das vorhalten, so müssen wir vor allen Dingen ein wenig auf die Natur des theosophischen Lebens eingehen, um zu sehen, wie die Theosophie zu dem Gottesbegriff steht. Die Theosophie ist, so wie sie seit dem Jahre 1875 in der von Frau Blavatsky gegründeten Gesellschaft angestrebt wird, etwas anderes, als was man abendländische Wissenschaft nennt, etwas anderes, als was unsere abendländische Kultur und ihre Gelehrsamkeit im äußeren Leben anstrebt. Die Art und Weise, wie das abendländische Wissen beschaffen ist, unterscheidet sich gründlich von dem, was theosophische Weisheit ist. Theosophische Weisheit ist uralt, so alt wie das Menschengeschlecht, und derjenige, welcher sich in den Entwickelungsgang des Menschen vertieft, der wird immer mehr über den Ausgangspunkt des Menschen zu erfahren wünschen als das, was unsere Kulturgeschichte der letzten Jahrzehnte so leichthin geglaubt hat, daß die Menschen ausgegangen seien von Unkultur und Nichtwissen. Sehen wir zu, wie es wirklich ist, wenn wir uns in das Leben der Urzeiten vertiefen. Da sehen wir, daß die menschliche Geistesentwickelung ausgegangen ist von einer hohen geistigen Kraft des Schauens, daß im Anfange der Menschheitsentwickelung allüberall wirkliche Gottesweisheit vorhanden war. Wer die Urreligionen studiert, empfängt das Licht dieser Weisheit. Unsere Zeit, gemäß dem Sinne unseres Lebens, gibt nun dem Theosophen eine Erneuerung dieses Geisteslebens, das die ganze Menschheit durchströmt.
[ 2 ] But it is not only the starting point that is important, but also the culmination. Keeping this in mind, we must first and foremost examine the nature of theosophical life in order to see how Theosophy relates to the concept of God. Theosophy, as it has been pursued since 1875 in the Society founded by Madame Blavatsky, is something other than what is called Western science, something other than what our Western culture and its scholarship strive for in external life. The nature of Western knowledge differs fundamentally from what constitutes theosophical wisdom. Theosophical wisdom is ancient, as old as the human race, and anyone who delves into the course of human development will increasingly wish to learn more about the starting point of humanity than what our cultural history of the last few decades has so readily believed—that humans originated from a state of barbarism and ignorance. Let us see how it really is when we delve into the life of primeval times. There we see that human spiritual development originated from a high spiritual power of vision, that at the beginning of human development true divine wisdom was present everywhere. Whoever studies the ancient religions receives the light of this wisdom. Our time, in accordance with the meaning of our lives, now offers the theosophist a renewal of this spiritual life that flows through all of humanity.
[ 3 ] Unser abendländisches Geistesleben beruht zunächst auf unserem Verstande, Es beruht auf der einseitigen Denkkraft. Gehen Sie unsere ganze Kultur im Abendlande durch, so stoßen Sie auf unsere großen Entdeckungen und Erfindungen, auf unsere Wissenschaften und auf das, was sie zur Aufklärung der Welträtsel getan haben. Sie stoßen auf Denken, verständiges Denken, auf Beobachtung mit den Sinnen und so weiter. Auf diese Weise breitet der abendländische Verstand sein Wissen nach allen Seiten aus. Er untersucht mit Instrumenten, mit dem Teleskop den Himmelsraum und dringt mit dem Mikroskop in die kleinste Körperwelt ein. Das alles verbindet er mit dem Verstande. Dadurch verbreitet sich unser abendländisches Wissen nach allen Seiten, Wir wissen immer mehr und mehr von dem, was uns umgibt, aber wir erreichen niemals eine Vertiefung unseres Wissens, nämlich ein Vordringen zum eigentlichen Wesen der Dinge. Deshalb darf es uns nicht wundern, wenn die abendländische Wissenschaft nicht zurechtkommt mit dem Gottesbegriff. Wir müssen zum Quell des Daseins, zu dem geistigen Wesen vordringen. Sie können nicht kombiniert und nicht durch die Sinne wahrgenommen werden; sie müssen auf andere Weise wahrgenommen werden.
[ 3 ] Our Western intellectual life is based, first and foremost, on our intellect; it is based on one-sided thinking. If you examine our entire Western culture, you will encounter our great discoveries and inventions, our sciences, and what they have done to shed light on the mysteries of the world. You will encounter thinking, rational thinking, observation through the senses, and so on. In this way, the Western intellect spreads its knowledge in all directions. It explores the heavens with instruments, with the telescope, and penetrates the smallest physical world with the microscope. It connects all of this with the intellect. As a result, our Western knowledge spreads in all directions; we know more and more about what surrounds us, but we never achieve a deepening of our knowledge—namely, a penetration to the very essence of things. Therefore, we should not be surprised that Western science cannot come to terms with the concept of God. We must penetrate to the source of existence, to the spiritual being. It cannot be combined nor perceived through the senses; it must be perceived in another way.
[ 4 ] Diejenigen, welche wissen, daß es einen anderen Weg gibt als den, den unser Abendland geht, suchen die Weisheit auf ganz andere Weise zu erlangen. Gehen Sie zurück auf die ägyptische Priesterweisheit, zurück auf die griechischen Mysterien, zurück nach Indien, gehen Sie zurück auf alle diese Religionen und Weltanschauungen und Sie werden finden, daß diejenigen, welche nach Weisheit suchten, dies auf ganz anderem Wege taten als die europäische Gelehrsamkeit. Selbsterziehung, Selbstentwickelung war es, was vor allen Dingen gesucht wurde von den Weisheitsschülern. Selbsterziehung durch ehrliches Ringen der menschlichen Seele suchten sie, und durch sie suchten sie die höhere Weisheit zu erringen. Von vornherein waren sie überzeugt, daß der Mensch, so wie er in die Welt hineingeboren ist, bestimmt ist zum Aufstieg, zur Höherentwickelung. Sie waren überzeugt davon, daß der Mensch nicht fertig ist, daß er den höchsten Grad von Vollkommenheit nicht unmittelbar in einem einzigen Leben erreichen kann, daß eine Entwickelung des Menschen und seiner Seelenfähigkeiten stattfinden muß, ähnlich wie bei der Pflanze, bei der die Wurzel bleibt, wenn auch Blatt und Blüte verdorren. So ähnlich ist es, wenn wir die Selbsterziehung richtig in die Hand nehmen, die im Erdenleben Blüte und Frucht hervorbringt, wenn gehörig darin gearbeitet wird. So strebte der Weisheitsschüler. Er suchte sich einen Führer. Dieser gab ihm Anhaltspunkte, wie er durch ein entsprechendes Leben seine astralischen Organe entwickeln konnte. Dann entwickelte er sich stufenweise nach aufwärts. Seine Seele wurde immer weiter- und weiterschauend, immer empfindender und empfindender für die Urquellen des Daseins. Auf jeder neuen Stufe gewann er neue Einsichten. Mit jeder Stufe näherte er sich dem We sen, dessen Begriff wir heute zu besprechen haben. Er sah, daß er mit dem Verstande nicht den Gott erfassen kann. So suchte er vor allen Dingen, sich selbst zu erheben. Er war überzeugt, daß in der ganzen Natur und auch in der menschlichen Seele das Gotteswesen zu finden ist. Dieses Gotteswesen ist niemals ein fertig Abgeschlossenes; es ist als Entwickelung in allem Lebenden, in allen Dingen. Wir selbst sind dieses Gotteswesen. Wir sind nicht das Ganze, aber wir sind ein Tröpfchen von derselben Qualität, von derselben Essenz. Tief unter uns in verborgenen Abgründen und Untergründen, die nicht an der Oberfläche des Tages liegen, liegt unser eigentliches göttliches Wesen. Wir müssen es suchen und es heraufholen. Dann holen wir auch etwas herauf, was über unserem gewöhnlichen Dasein steht, dann holen wir auch das in uns herauf, was göttlich in uns ist. Jeder von uns ist gleichsam ein Strahl der Gottheit oder, sagen wir, ein Spiegelbild der Gottheit. Wenn wir uns die Gottheit als Sonne vorstellen würden, so ist jeder von uns wie ein Spiegelbild der Sonne im Wassertropfen. Wie der Wassertropfen die Sonne ganz und gar abspiegelt, so ist jeder Mensch ein wahres, echtes Spiegelbild des göttlichen Wesens. Das Gotteswesen ruht in uns, nur wissen wir nichts davon; wir müssen es aus uns selbst herausholen. Wir müssen uns ihm erst nähern. Goethe sagt: Er könne nicht verstehen, wie einer unmittelbar zur Gottheit vordringen wolle. — Wir müssen uns immer mehr und mehr ihr nähern. Selbstentwickelung führt uns nach und nach zum Begreifen des Lebensgrundes.
[ 4 ] Those who know that there is a path other than the one our Western world is following seek to attain wisdom in a completely different way. Go back to the wisdom of the Egyptian priests, back to the Greek mysteries, back to India; go back to all these religions and worldviews, and you will find that those who sought wisdom did so in a way entirely different from European scholarship. Self-education, self-development—that was what the seekers of wisdom sought above all else. They sought self-education through the honest struggle of the human soul, and through it they sought to attain higher wisdom. From the very beginning, they were convinced that human beings, just as they are born into the world, are destined for ascent, for higher development. They were convinced that human beings are not complete, that they cannot attain the highest degree of perfection immediately in a single lifetime, that a development of the human being and their soul’s capacities must take place, much like in a plant, where the root remains even as the leaves and flowers wither. It is much the same when we properly take charge of self-education, which brings forth blossoms and fruit in earthly life if we work at it diligently. Thus did the student of wisdom strive. He sought out a guide. This guide gave him pointers on how he could develop his astral organs through a life lived accordingly. Then he developed step by step upward. His soul became ever more far-seeing, ever more sensitive to the primal sources of existence. At every new stage he gained new insights. With each stage he drew nearer to the Being whose concept we are to discuss today. He saw that he could not grasp God with the intellect. So, above all else, he sought to elevate himself. He was convinced that the divine essence is to be found in all of nature and also in the human soul. This divine essence is never a finished, complete entity; it is a process of development in all living beings, in all things. We ourselves are this divine essence. We are not the whole, but we are a drop of the same quality, of the same essence. Deep within us, in hidden abysses and depths that do not lie on the surface of the day, lies our true divine essence. We must seek it out and bring it to the surface. Then we also bring forth something that stands above our ordinary existence; then we also bring forth within ourselves that which is divine in us. Each of us is, as it were, a ray of the Divine or, let us say, a reflection of the Divine. If we were to imagine the Divine as the sun, then each of us is like a reflection of the sun in a drop of water. Just as the drop of water reflects the sun completely, so every human being is a true, genuine reflection of the divine essence. The divine essence rests within us, but we are unaware of it; we must draw it out of ourselves. We must first draw closer to it. Goethe says: He could not understand how anyone could wish to penetrate directly to the divine. — We must draw closer and closer to it. Self-development leads us gradually to an understanding of the foundation of life.
[ 5 ] Wenn wir uns auf diese Weise entwickeln, dann treiben wir nichts anderes als theosophisches Leben. Alles dasjenige, was die Geisteswissenschaft lehrt und zu leben empfiehlt, all die großen Gesetze, die sie uns klarmacht und die ihre Schüler, die wirklich mitarbeiten wollen, in sich zur lebendigen Wahrheit machen, die Lehren von Wiederverkörperung und von Karma, dem Schicksalsgesetz, von den Zwischenwesen, von dem Urgrunde und Allwesen, das das ganze Universum beherrscht, das ist innere Welt, die wir die astrale und die gedankliche, die Budhiwelt und die Atmawelt nennen. Von all jenen Welten erfahren wir etwas, und das, was wir von jenen Welten erfahren, sind Stufen zur Weisheit, die uns zum Höchsten hinführen. Wenn wir diese Stufen zu erklimmen suchen, dann ist dies ein weiter Weg. Nur diejenigen, welche auf dem höchsten Gipfel menschlicher Entwickelung angelangt sind, werden einmal sehen können, daß sie vielleicht eine Ahnung haben von dem Umfange jenes Begriffes, den wir heute andeutungsweise besprechen wollen.
[ 5 ] If we develop in this way, then we are doing nothing other than living the theosophical life. Everything that spiritual science teaches and recommends we live by, all the great laws it makes clear to us and which its students—those who truly wish to cooperate—make into a living truth within themselves, the teachings of reincarnation and karma, the law of destiny, of the intermediate beings, of the Primordial Ground and the Universal Being that governs the entire universe—this is the inner world, which we call the astral and the mental, the buddhi world and the atma world. We learn something of all those worlds, and what we learn of those worlds are steps toward wisdom that lead us to the Highest. If we seek to climb these steps, then this is a long journey. Only those who have reached the highest summit of human development will one day be able to see that they may have a glimpse of the scope of that concept which we wish to discuss in outline today.
[ 6 ] Daher die Scheu, mit welcher die Theosophie über den Gottesbegriff spricht. Der Theosoph spricht über diese Begriffe ungefähr in derselben Gesinnung, in der ein Hindu von Brahma spricht. Wenn Sie ihn fragen: Was ist Brahma? — dann nennt er Ihnen vielleicht: Mahadeva, Wishnu und Brahma. Brahma ist eine der göttlichen Wesenheiten oder vielmehr ein Ausdruck der göttlichen Wesenheit. Aber hinter alledem ruht für den Hindu noch etwas anderes. Hinter all den Wesen, denen er die Urtat der Welt zuschreibt, ruht etwas, was er bezeichnet als Brahma oder als Brahman. Brahman ist sächlich. Und fragen Sie ihn, was hinter den Wesenheiten ist, von denen er spricht, so sagt er nichts darüber. Er sagt nichts darüber, denn über dieses kann man nicht mehr sprechen. Alles, was der Mensch sagen kann nach dieser Richtung, sind Fingerzeige, Fingerzeige in jene Perspektive hinein, an deren Endpunkt die göttliche Wesenheit für uns ist. — Dahin führt auch dasjenige, was wir den Wahlspruch unserer Theosophischen Gesellschaft. nennen. Sie kennen ihn vielleicht, diesen Wahlspruch. Er drückt nichts anderes aus als das, was ich jetzt mit einigen Worten anzudeuten versuchte, Gewöhnlich wird dieser Wahlspruch übersetzt mit den Worten: Keine Religion ist höher als die Wahrheit. — Wir wollen einmal sehen, inwiefern das ganze theosophische Streben dahin geht. — Was wissen wir über das menschliche Streben? Menschliches Wissen muß immer darauf ausgehen, in den verschiedenen Philosophien und Weltanschauungen in die Geheimnisse des Daseins zu dringen und die Urquellen des Lebens zu finden.
[ 6 ] Hence the caution with which Theosophy speaks of the concept of God. The Theosophist speaks of these concepts in much the same spirit as a Hindu speaks of Brahma. If you ask him, “What is Brahma?”—he might answer: Mahadeva, Vishnu, and Brahma. Brahma is one of the divine entities, or rather an expression of the divine entity. But behind all this, for the Hindu, there lies something else. Behind all the beings to whom he attributes the primal act of the world, there lies something he designates as Brahma or as Brahman. Brahman is a neuter noun. And if you ask him what lies behind the entities of which he speaks, he says nothing about it. He says nothing about it, for one can no longer speak of this. All that a human being can say in this regard are pointers, pointers toward that perspective at the end of which the divine entity stands for us. — That is also where what we call the motto of our Theosophical Society leads. You may be familiar with this motto. It expresses nothing other than what I have just tried to hint at in a few words. Usually, this motto is translated as: “No religion is higher than the truth.” — Let us see to what extent the entire theosophical endeavor is directed toward this. — What do we know about human striving? Human knowledge must always aim, within the various philosophies and worldviews, to penetrate the mysteries of existence and to find the primordial sources of life.
[ 7 ] Sehen wir uns die verschiedenen Religionen einmal an. Scheinbar widersprechen sie einander; sie widersprechen sich aber nur, wenn man sie oberflächlich betrachtet. Wenn wir sie tiefer betrachten, so hängen sie zusammen. Sie haben zwar nicht den gleichen Inhalt. Nicht den gleichen Inhalt haben: Christentum, Hinduismus, Brahmanismus, Zarathustrismus, und nicht den gleichen Inhalt hat die heutige Naturwissenschaft. Und dennoch — alle diese verschiedenen Weltanschauungen stellen nichts anderes dar als Versuche des menschlichen Geistes, sich dem Urgrund des Daseins zu nähern. Auf verschiedenenWegen kann man zum Gipfel eines Berges hinkommen. Von verschiedenen Standpunkten aus sieht eine Gegend verschieden aus, und so nimmt sich auch die Urwahrheit von verschiedenen Standpunkten gesehen verschieden aus. Wir alle sind voneinander verschieden. Der eine hat diesen, der andere hat jenen Charakter, diese oder jene geistige Entwickelung. Wir alle gehören aber auch einer Rasse, einem Stamme, einem Zeitalter an. So war es immer. Aber dadurch, daß wir einem Stamme, einer Rasse, einem Zeitalter angehören und einen Charakter haben, dadurch haben wir bei den Menschen eine Summe von verschiedenen Empfindungen und Gefühlen. Die bilden die verschiedenen Sprachen, in denen sich die Menschen Fragen vorlegen und sich über die Rätselfragen des Lebens verständigen. Der Grieche konnte sich nicht dieselben Vorstellungen machen wie der moderne Mensch, weil der Blick, mit dem er die Welt sah, ein ganz anderer war. So sieht der Theosoph überall verschiedene Aspekte, verschiedene Arten der Weisheit. Suchen wir den Grund dafür, dann sehen wir, daß wir eine verborgene, aber sich immer und immer wieder offenbarende Urweisheit in uns haben, die identisch ist mit der göttlichen Weisheit.
[ 7 ] Let us take a look at the various religions. On the surface, they seem to contradict one another; but they only contradict one another when viewed superficially. If we examine them more deeply, we see that they are interconnected. They do not, however, share the same content. They do not share the same content: Christianity, Hinduism, Brahmanism, Zoroastrianism—and modern science does not share the same content either. And yet—all these different worldviews represent nothing other than attempts by the human spirit to approach the source of existence. There are various paths to the summit of a mountain. A landscape looks different from different vantage points, and so the ultimate truth also appears different when viewed from different perspectives. We are all different from one another. One person has this character, another that; one has this spiritual development, another that. But we all also belong to a race, a tribe, an age. It has always been so. But because we belong to a tribe, a race, an age, and possess a character, we possess a sum of diverse sensations and feelings among human beings. These form the various languages in which people pose questions to one another and communicate about the enigmatic questions of life. The Greek could not form the same concepts as modern man, because the perspective through which he viewed the world was entirely different. Thus, the theosophist sees everywhere different aspects, different kinds of wisdom. If we seek the reason for this, we see that we possess within us a hidden yet ever-revealing primordial wisdom that is identical with divine wisdom.
[ 8 ] Was haben die Menschen sich also gebildet im Laufe der Zeiten, und was werden sie sich immer bilden? Meinungen werden sie sich bilden. Meinungen sind es, mit denen wir es zu tun haben. Die eine Meinung ist anders als die andere; die eine steht höher als die andere. Und wir haben die Verpflichtung, zu immer höheren und höheren Meinungen aufzusteigen. Aber wir müssen uns klar sein, daß wir über das Meer der Meinungen hinauskommen müssen. Die Wahrheit selbst ist in den Meinungen zur Zeit noch verborgen, sie ist noch verhüllt, sie zeigt sich noch in verschiedenen Formen und Aspekten. Wir können aber durchaus diese Meinungen in uns haben, wenn wir nur zu den Meinungen und Wahrheiten selbst den richtigen Standpunkt, den richtigen Gesichtspunkt einnehmen. Niemals dürfen wir uns zu glauben vermessen, die Wahrheit — die Goethe mit dem Göttlichen identisch nennt — mit unseren beschränkten Fähigkeiten erfassen zu können. Niemals dürfen wir uns vermessen zu glauben, daß ein Gedankenabschluß möglich sei. Sind wir uns aber dessen bewußt, dann fühlen wir etwas, das darüber hinausgeht, dann haben wir etwas von dem, was die Theosophie im höheren Sinne des Wortes weisheitsvolle Bescheidenheit nennt.
[ 8 ] So what have people formed over the course of time, and what will they continue to form? They will form opinions. It is opinions that we are dealing with. One opinion differs from another; one stands higher than the other. And we have a duty to rise to ever higher and higher opinions. But we must be clear that we must rise above the sea of opinions. Truth itself is still hidden within opinions at present; it is still veiled; it still reveals itself in various forms and aspects. We can, however, certainly hold these opinions within us, provided we adopt the correct standpoint, the correct perspective, toward the opinions and truths themselves. We must never presume to believe that we can grasp the truth—which Goethe identifies with the Divine—with our limited faculties. We must never presume to believe that a final conclusion of thought is possible. But if we are aware of this, then we feel something that goes beyond it; then we possess something of what Theosophy, in the higher sense of the word, calls wise humility.
[ 9 ] Der Theosoph geht mit seinen Empfindungen und seinem Denken aus sich heraus. Er sagt sich: Ich muß Meinungen haben, denn ich bin bloß ein Mensch, und es ist meine geistige Verpflichtung, mir Gedanken und Begriffe von den Rätselfragen des Daseins zu bilden; aber ich habe etwas in mir, was nicht in einen begrenzten Begriff gebracht werden kann; ich habe etwas in mir, was mehr ist als Denken, was hinausgeht über das Denken: das ist das Leben. Und dieses Leben ist das göttliche Leben, das alle Dinge durchströmt, das auch mich durchströmt. — Es ist dasjenige, das uns weiterträgt, dasjenige, das wir niemals umfassen können. Wir werden es nie umfassen können. Wenn wir aber zugestehen, daß wir in den fernsten Zeiten Höheres und Höheres erreicht haben werden, als wir jetzt haben, dann müssen wir auch zugestehen, daß wir in den fernsten Zeiten noch andere Meinungen haben werden, die höher sind als die, welche wir jetzt haben. Aber Sie können nicht das lebendige Leben, das in uns ist, anders haben. Das können Sie nicht anders haben; denn dieses Leben ist das göttliche Leben selbst, das hinführt zu den höheren Gedanken, die uns noch kommen, die wir einstmals auch haben werden. Haben wir diese Empfindung gegenüber unseren Begriffen, und haben wir sie vor allen Dingen den Begriffen des göttJlichen Wesens gegenüber, dann sagen wir uns: Das Wahre ist mit dem Göttlichen identisch; das Göttliche lebt in meinen Adern. Es lebt in allen Dingen und es lebt auch in mir. — Und wenn wir diesen Gedanken in uns denken, so ist er göttlich, aber er ist nicht Gott selbst und kann die Gottheit nicht umspannen. Da müssen wir uns sagen: über jede menschliche Meinung hinaus, über jede Zeit- und Volksmeinung hinaus geht die Urwahrheit, die sich in Ihnen allen offenbart, die wir empfinden müssen und die wir aufstrebend suchen müssen. Aber keine menschliche Meinung steht uns höher als diese lebendige Empfindung für die unergründliche Weisheit und Göttlichkeit, die sich in dem ausdrückt, was ich jetzt aussprach. Seien wir überzeugt, daß wir in der Gottheit begriffen sind, daß Gott in uns wirkt, wenn wir lebendige Wesen sind. Das ist der Sinn des theosophischen Wahlspruches: Keine menschliche Meinung steht höher als die lebendige Empfindung der sich immer wandelnden und in ihrer Ganzheit niemals darstellenden göttlichen Weisheit. — Dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn wir die Sache so ansehen, daß der GoetheAusspruch richtig ist:
[ 9 ] The theosophist reaches beyond himself with his feelings and his thoughts. He tells himself: I must have opinions, for I am merely a human being, and it is my spiritual duty to form thoughts and concepts about the mysteries of existence; but I have something within me that cannot be confined to a limited concept; I have something within me that is more than thought, that goes beyond thought: that is life. And this life is the divine life that flows through all things, that also flows through me. — It is that which carries us forward, that which we can never fully comprehend. We will never be able to grasp it. But if we admit that in the most distant times we will have attained higher and higher things than we have now, then we must also admit that in the most distant times we will still have other opinions that are higher than those we have now. But you cannot have the living life that is within us any other way. You cannot have it any other way; for this life is the divine life itself, which leads to the higher thoughts that are yet to come to us, which we too will one day possess. If we have this feeling toward our concepts, and if we have it above all toward the concepts of the divine Being, then we say to ourselves: The True is identical with the Divine; the Divine lives in my veins. It lives in all things, and it also lives in me. — And when we think this thought within ourselves, it is divine, but it is not God Himself and cannot encompass the Godhead. Here we must tell ourselves: beyond every human opinion, beyond every opinion of time and people, lies the primordial truth that reveals itself in all of you, which we must feel, and which we must seek with an aspiring heart. But no human opinion stands higher for us than this living sense of the unfathomable wisdom and divinity expressed in what I have just said. Let us be convinced that we are embraced by the Divinity, that God works within us when we are living beings. This is the meaning of the theosophical motto: No human opinion stands higher than the living sense of divine wisdom, which is ever-changing and can never be fully represented in its entirety. — Then we must not be surprised if, when we view the matter in this way, Goethe’s saying proves true:
Wie einer ist, so ist sein Gott;
Darum ward Gott so oft zu Spott.
As a man is, so is his God;
That is why God was so often mocked.
[ 10 ] Gewiß, wir Menschen können uns keinen anderen Begriff von dem göttlichen Wesen machen als einen solchen, der unseren jeweiligen Fähigkeiten angepaßt ist. Aber sehen wir uns die Sache so an, wie wir sie eben angesehen haben, so müssen wir sagen: Wir haben aber auch ein Recht, uns einen entsprechenden Begriff von dem Göttlichen zu machen. Nur eins ist nötig, und das ist: den guten Willen haben, nicht dabei stehenzubleiben. Zu glauben, daß wir die Urweisheit erreicht haben, das wäre vermessen. Vermessen ist es auch von der Wissenschaft, wenn sie jetzt den Gottesbegriff erklärt zu haben glaubt. In dieser Beziehung steht unsere gegenwärtige Zeitkultur tatsächlich wieder einmal auf einem jener Tiefpunkte, auf dem die Menschheit manchmal steht. Unsere Zeitkultur ist gegenüber dem Gottesbegriff, wie Sie wissen, etwas vermessen. Und gerade diejenigen, welche eine neue Bibel, eine sogenannte natürliche Schöpfungsgeschichte haben wollen, gerade die sind oftmals in einem vermessenen Sinn befunden worden, der sie nicht weiterkommen läßt. Es gibt eine Schrift von David Friedrich Strauß mit dem Titel «Alter und neuer Glaube», welche 1872 erschienen ist und direkt auftritt mit der Meinung, daß sie eine neue Bibel sei gegenüber der alten Bibel, daß das, was aus der Naturwissenschaft heraus kommt, wahr sei. Denn das, was die Bibel erzählt, erschüttere sie so, daß diese Begriffe fortgeworfen werden müssen.
[ 10 ] Certainly, we humans cannot form any conception of the divine being other than one that is adapted to our respective capacities. But if we look at the matter as we have just done, we must say: We also have a right to form an appropriate conception of the divine. Only one thing is necessary, and that is: to have the good will not to stop there. To believe that we have attained primordial wisdom would be presumptuous. It is also presumptuous of science to believe that it has now explained the concept of God. In this regard, our contemporary culture is indeed once again at one of those low points where humanity sometimes finds itself. As you know, our contemporary culture is somewhat presumptuous when it comes to the concept of God. And it is precisely those who want a new Bible, a so-called natural account of creation, who have often been found to be in a presumptuous state that prevents them from moving forward. There is a work by David Friedrich Strauss titled *Old and New Faith*, published in 1872, which directly asserts that it is a new Bible in contrast to the old Bible, that what emerges from the natural sciences is true. For what the Bible recounts shakes it so profoundly that these concepts must be cast aside.
[ 11 ] Glauben Sie mir, daß es die Besten sind, die heute in einem solchen Wahn befangen sind, daß die Besten es sind, die in gutem Glauben meinen, daß wir aus der Verbreitung des menschlichen Wissens, daß wir aus dem, was uns als Stoff und Kraft entgegentritt, zum Urwesen des Daseins kommen. Was ist dieser materialistische Gottesglaube, der uns da entgegentritt? Es sind oft hervorragende Persönlichkeiten, die dahin gekommen sind, zu sagen: Die Materie ist unser Gott. — Diese durcheinanderwirbelnden Atome, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen, sie sollen dasjenige bewirken, was unsere eigene Seele ausmacht. Was ist der materialistische Gottesglaube? Es ist Atheismus! Dieser läßt sich vergleichen mit einer Religionsstufe, die sonst auch in der Welt vorhanden ist, die wir aber nur dann richtig auffinden können, wenn wir die charakteristischen Begriffe aus dem materialistischen neuen Glauben haben. Toter Stoff und tote Kraft ist es, was der Materialist anbietet und anbetet. Sehen wir zurück in die Zeiten des alten Griechentums, und nehmen wir nicht die tiefen Mysterienreligionen, sondern die Volksreligion der Griechen. Ihre Götter waren menschlich, waren idealisierte Menschen. Gehen wir zurück auf andere Stufen des Daseins, so finden wir da, daß die Menschen Tiere angebetet haben, daß ihnen Pflanzen Sinnbilder des Göttlichen waren. Aber alles dieses waren Wesen, welche Leben in sich hatten. Das waren höhere Stufen als das, was die ganz Wilden hatten, die einem Steinklotz entgegentraten und ihn als belebt anbeteten. Der Steinklotz unterscheidet sich in nichts von dem, was Kraft und Stoff ist. So unglaublich es klingt, die Materialisten stehen auf der Stufe solcher Fetischanbeter. Sie sagen freilich, sie beten aber Kraft und Stoff gar nicht an. Wenn sie das sagen, dann entgegnen wir ihnen: Sie haben keinen richtigen Begriff davon, was der Fetischanbeter seinem Fetisch gegenüber empfindet. Die Fetischanbeter vermögen noch nicht, sich zu einer höheren Gottesvorstellung emporzuschwingen. Ihre Kultur ermöglicht es ihnen nicht. Es ist für sie eine berechtigte Meinung, ein Bild, das sie sich selbst machen, anzubeten. Dieser Meinung sind ja heute nicht nur die Wilden, sondern auch die Materialisten. Wer aber heute wissenschaftlicher Fetischanbeter ist, sich selbst das Bild von Stoff und Kraft macht und es anbetet, der verschuldet etwas. Er könnte kraft der von uns erreichten Kulturstufe einsehen, wenn er nur wollte, auf welch niedriger Stufe er stehengeblieben ist.
[ 11 ] Believe me, it is the best among us who are caught up in such delusion today; it is the best who, in good faith, believe that through the dissemination of human knowledge—through what confronts us as matter and force—we can arrive at the primordial essence of existence. What is this materialistic belief in God that confronts us? It is often outstanding personalities who have come to say: Matter is our God. — These swirling atoms, which attract and repel one another, are supposed to bring about that which constitutes our own soul. What is this materialistic belief in God? It is atheism! This can be compared to a stage of religion that otherwise also exists in the world, but which we can only truly identify if we have the characteristic concepts of this new materialistic belief. Dead matter and dead force are what the materialist offers and worships. Let us look back to the times of ancient Greece, and consider not the profound mystery religions, but the popular religion of the Greeks. Their gods were human, idealized human beings. If we go back to earlier stages of existence, we find that people worshipped animals, that plants were symbols of the divine to them. But all these were beings that possessed life within themselves. These were higher stages than what the completely savage peoples had, who encountered a lump of stone and worshipped it as if it were alive. The lump of stone differs in nothing from what is merely force and matter. As incredible as it sounds, the materialists stand on the same level as such fetish worshippers. They say, of course, that they do not worship force and matter at all. When they say that, we reply: They have no real concept of what the fetish worshipper feels toward his fetish. The fetish worshippers are not yet capable of rising to a higher conception of God. Their culture does not allow it. For them, it is a legitimate belief to worship an image they have created for themselves. This view is held today not only by savages, but also by materialists. But anyone who is a scientific fetishist today, who creates for himself an image of matter and force and worships it, is at fault. By virtue of the cultural level we have attained, he could see, if only he wanted to, at what low level he has remained.
[ 12 ] Wenn wir heute umgeben sind von dieser geradezu lähmenden Gottesvorstellung, so sagen wir uns: Das ist ein Grund, von der Gottesvorstellung zu sprechen. — Daher darf ich vielleicht auf ein Buch hinweisen. Man sagt, es ist ein großes Verdienst Feuerbachs, des Philosophen, daß er einen sogenannten «phantastischen» Gott vertreten hat. Feuerbach hat nämlich im Jahre 1841 ein Buch erscheinen lassen und darin den Standpunkt vertreten, daß wir den Satz: Gott hat den Menschen erschaffen nach seinem Bilde — umdrehen und sagen müssen: Die Menschen haben sich den Gott nach ihrem Ebenbild geschaffen. — Wir müssen uns klar sein darüber, daß des Menschen Wünsche und Bedürfnisse so sind, daß er gern etwas über sich sieht. So schafft dann seine Phantasie sich ein Ebenbild von sich selbst. Die Götter werden Ebenbilder des Menschen. — Damit soll Feuerbach eine hohe, erhabene Weisheit ausgesprochen haben. Gehen wir aber zurück in die Zeiten des alten Griechentums, zurück zum Ägyptertum und so weiter, immer und immer wieder haben die Menschen die Götter vorgestellt so, wie sie selbst waren. So konnten sie sich auch Stier- und Löwenvorstellungen von Göttern bilden, waren die Menschen in ihren Seelen stierähnlich, dann wurden die Stiere ihre Götter, sie wurden stierähnlich; waren sie löwenähnlich, dann wurden die Löwen und löwenähnliche Bilder ihre Götter. Das ist also keine neue Weisheit. Es ist eine Weisheit, die in unserer Zeit sich nur wieder breitmacht.
[ 12 ] When we are surrounded today by this downright paralyzing conception of God, we say to ourselves: This is a reason to speak about the conception of God. — Therefore, perhaps I may draw attention to a book. It is said that one of the great merits of Feuerbach, the philosopher, is that he advocated a so-called “fantastic” God. For in 1841, Feuerbach published a book in which he argued that we must reverse the statement “God created man in his own image” and say instead: “Man created God in his own image.” — We must be clear that human desires and needs are such that people like to see something above themselves. Thus, their imagination creates an image of itself. The gods become images of man. — With this, Feuerbach is said to have expressed a lofty, sublime wisdom. But let us go back to the times of ancient Greece, back to Egypt, and so on; time and again, people have imagined the gods as they themselves were. Thus, they could also form images of gods as bulls and lions: if people were bull-like in their souls, then the bulls became their gods, and they became bull-like; if they were lion-like, then the lions and lion-like images became their gods. This is therefore no new wisdom. It is a wisdom that is merely spreading once again in our time.
[ 13 ] Aber ist es denn nicht wahr, daß tatsächlich der Mensch sich seine Götter erschafft? Ist es nicht wahr, daß unsere Meinungen über die Götter aus unserer eigenen Brust entspringen? Ist es nicht wahr, daß wenn wir uns umsehen in der Welt, wir das Göttliche ja nicht mit den Augen, nicht mit den Sinnen um uns sehen? Derjenige, der mit den Sinnen schauen und mit dem Verstand begreifen will, der wird so sprechen wie etwa Du Bois-Reymond, der große Physiologe: Ich würde an einen Weltenlenker glauben, wenn ich ihn nachweisen könnte; wenn ich ihn nachweisen könnte wie das menschliche Gehirn. Dann müßte ich aber, so wie ich im menschlichen Körper Nervenstränge nachweisen kann, auch draußen in der Welt solche nachweisen können. — In der Außenwelt, so wie Du Bois-Reymond und die neueren es wollen, können wir die Gottheit nicht finden. Diese ihre Meinungen sind schon aus der eigenen Brust geschaffen, wie Feuerbach sagt.
[ 13 ] But is it not true that man actually creates his own gods? Is it not true that our opinions about the gods spring from our own hearts? Is it not true that when we look around the world, we do not see the divine with our eyes, nor with our senses? He who wishes to see with the senses and comprehend with the intellect will speak as, for example, Du Bois-Reymond, the great physiologist, does: I would believe in a ruler of the world if I could prove his existence; if I could prove him just as I can prove the existence of the human brain. But then, just as I can prove the existence of nerve fibers in the human body, I would also have to be able to prove their existence out in the world. — In the external world, as Du Bois-Reymond and the modern thinkers would have it, we cannot find the deity. These opinions of theirs are already created from within their own breasts, as Feuerbach says.
[ 14 ] Aber ebenso kann man sagen: Was spricht denn in der menschlichen Seele, wenn diese menschliche Seele sich Meinungen, Gedanken macht? — Wir wissen es, daß wir selbst ein Teil dieser göttlichen Wesenheit sind, wir wissen, daß Gott in uns lebt. Wir wissen, daß wir Menschen von allen Dingen, welche uns in dieser physischen Welt umgeben, sozusagen das Endglied sind, das edelste und vollkommenste Wesen innerhalb dieser Welt. Müssen wir da nicht sagen, daß der Mensch, insofern er sich physisch ausgestaltet, sich nach Gott als dem vollkommensten Wesen ausgestaltet? Wer wird Goethe nicht recht geben, wenn er seiner Meinung mit den schönen Worten Ausdruck gibt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.»
[ 14 ] But one might also ask: What is it that speaks within the human soul when that human soul forms opinions and thoughts? — We know that we ourselves are a part of this divine being; we know that God lives within us. We know that we humans, of all things that surround us in this physical world, are, so to speak, the final link, the noblest and most perfect being within this world. Must we not then say that the human being, insofar as he develops physically, develops in the image of God as the most perfect being? Who would not agree with Goethe when he expresses his opinion in these beautiful words: “When the healthy nature of man functions as a whole, when he feels himself in the world as in a great, beautiful, dignified, and worthy whole, when harmonious contentment grants him pure, free delight: then the universe, if it could perceive itself, would exult as having reached its goal and admire the summit of its own becoming and being.”
[ 15 ] Der Mensch bildet sich Gedanken; aus der Menschenbrust heraus quellen die Gedanken. Aber was spricht aus der Menschenbrust? Aus ihr spricht Gott selbst — ist der Mensch nur geneigt, diese seine innere Stimme selbstlos zu hören, sie nicht durch seine Interessen und Neigungen des Alltags übertönen zu lassen. Das ist es: zwar ist es Menschenstimme, aber in der Menschenstimme ist Gottes Stimme. Daher ist es nicht zu verwundern, wenn wir in der Menschenstimme verschiedene Aspekte, verschiedene Anschauungen über die urgöttliche Weisheit haben. Eine höhere, eine geistige Bescheidenheit ist dasjenige, was den Theosophen durchdringen muß, wenn er sich diesen Gottesbegriff aneignen will. Vor allen Dingen muß er sich klar sein, daß das Leben ein ewiges Lernen ist, daß er niemals mit einer Meinung abschließt; daß alles in Entwickelung ist. Auch die menschliche Seele ist in Entwickelung. Dann ergibt sich von selbst, daß es tieferstehende und höherstehende Seelen gibt. Dann gibt es auch Seelen, welche noch nicht weit vorgeschritten sind in ihrer Gottesvorstellung, und dann wieder gibt es Seelen, welche längst hinausgeschritten sind über das Gewöhnliche und mit hohen Weltbegriffen auch erhabene Gottesbegriffe sich angeeignet haben.
[ 15 ] Human beings form thoughts; thoughts spring from the human breast. But what speaks from the human breast? God Himself speaks from it—provided that the human being is willing to listen selflessly to this inner voice, without allowing it to be drowned out by the interests and inclinations of everyday life. That is it: though it is the human voice, God’s voice is within the human voice. Therefore, it is not surprising that we find in the human voice various aspects, various views regarding the primordial divine wisdom. A higher, spiritual humility is what must permeate the theosophist if he wishes to make this concept of God his own. Above all, he must be clear that life is an eternal learning process, that he never settles on a single opinion; that everything is in a state of development. The human soul, too, is in a state of evolution. It then follows naturally that there are souls at lower and higher levels. There are also souls that have not yet advanced far in their conception of God, and then again there are souls that have long since gone beyond the ordinary and, along with lofty concepts of the world, have also acquired sublime concepts of God.
[ 16 ] Es ist europäisches und amerikanisches Wissen, das sich weise und erhaben dünkt, so weise und erhaben, daß darüber nichts hinausgeht. Jeder glaubt, daß er die Summe aller Weisheit hat. Ganz anders ist derjenige, der an orientalischer und derjenige, der an theosophischer Weisheit hängt. Er sagt sich: Was du erreicht hast, das kannst du jeden Tag überholen, wenn du den Weg weiter gehst. Alles, was du erreicht hast, ist dein inneres Gut. Aber du darfst nicht ruhen, du mußt weiter gehen und hören auf die Stimme in der Natur und in deiner eigenen Brust.
[ 16 ] It is European and American knowledge that considers itself wise and exalted, so wise and exalted that nothing surpasses it. Everyone believes they possess the sum total of all wisdom. Quite different is the one who clings to Oriental wisdom and the one who clings to theosophical wisdom. He tells himself: What you have achieved, you can surpass every day if you continue on the path. Everything you have achieved is your inner treasure. But you must not rest; you must go further and listen to the voice in nature and in your own heart.
[ 17 ] Nichts ist so verderblich für die abendländische Geistkultur als unsere überhandnehmende Kritik. Denn sie ist niemals unter dem Gesichtspunkte gefaßt, daß man sich weiterentwickeln muß, daß man nie ein abgeschlossenes Urteil haben darf über eine Sache. Der Theosoph wird dies niemals haben. Er wird mit Kühnheit und mit Mut sich sagen, was er als wahr erkannt hat: Ich rufe bei allen, die mich hören wollen, dieselbe Empfindung hervor, daß ich mich sehne und immer wieder sehne nach höheren Stufen und höheren Gipfeln des Daseins und der Weisheit. — So wird sich der Theosoph sagen. Niemals werden wir da ankommen, wo das Ende der Seelenentwickelung ist; niemals werden wir eine abgeschlossene Welt haben. Wir werden den Weg suchen, der uns führt zu Erkenntnissen über unsere Sinne hinaus zu den höheren Welten, der uns vor allen Dingen aber eine richtige Empfindung gibt. Wäre jeder von uns ein noch so hoch entwickeltes Wesen, wir müssen immer tiefer in die Welt hineinschauen, tiefer erkennen die Quellen des Lebens, als wir es heute können, wenn wir innerhalb des abendländischen Lebens und Empfindens stehen. Wir sollen uns als höherstehende menschliche Wesenheiten verhalten. Deshalb ist es aber auch so schwer, dem zu entsprechen, was uns von hochentwickelten Wesenheiten eingeströmt wird an Weisheiten, eingeströmt wird von Wesen, welche auf der Entwickelungsleiter der Menschen schon einen höheren Grad erreicht haben als der gewöhnliche Mensch. Das sind Wesenheiten, die viel zu sagen haben. Wir müssen eine Empfindung haben dafür, wo Erhabenheit ist; dann werden wir lernen, hinzuhören und hinzuhorchen.
[ 17 ] Nothing is as destructive to Western intellectual culture as our rampant criticism. For it is never approached from the perspective that one must continue to develop, that one must never arrive at a final judgment on a matter. The Theosophist will never have this. With boldness and courage, he will declare what he has recognized as true: I evoke in all who are willing to listen the same feeling—that I yearn, again and again, for higher stages and higher peaks of existence and wisdom. — This is what the Theosophist will say to himself. We will never arrive at the end of the soul’s development; we will never have a closed world. We will seek the path that leads us to insights beyond our senses into the higher worlds, but above all gives us a true sense of things. No matter how highly developed each of us may be, we must look ever deeper into the world, perceive the sources of life more deeply than we can today, while standing within Western life and sensibility. We should conduct ourselves as higher human beings. That is precisely why it is so difficult to live up to the wisdom flowing to us from highly developed beings—beings who have already reached a higher stage on the ladder of human development than the average person. These are beings who have much to say. We must have a sense of where sublimity lies; then we will learn to listen and to listen intently.
[ 18 ] In dieser Gesinnung will die Theosophie eine geistige Strömung aufbauen, um dadurch einen Kern der Menschheit heranzuziehen, welcher wieder ehrlich und wahrhaft glaubt, daß die menschliche Seele ein Entwickelungsprodukt ist. Hätte vor Jahrmillionen der Wurm, der damals lebte, gesagt, ich bin auf dem höchsten Gipfel des Daseins angekommen, dann hätte sich der Wurm nicht zum Fisch, der Fisch nicht zum Säugetier, nicht zum Affen und nicht zum Menschen entwickeln können. Unbewußt haben sie daran geglaubt, daß sie darüber hinauswachsen, daß sie zu immer höheren und höheren Höhen heranwachsen müssen. Sie haben an etwas sie über ihre Wesenheit Hinaufführendes geglaubt, und das ist das, was die Kraft ihres Werdens ist. Wir Menschen können eigentlich nicht gegen die Natur empfinden. Wir sollten mit der Natur empfinden. Dasjenige, was die Natur unbewußt als die Kraft des Werdens in sich hat, was wir immer mehr und mehr uns bewußt machen sollen, dieses Bewußtsein soll die Kraft unserer Entwickelung sein. Darüber müssen wir uns klar sein, daß wir über uns hinaus uns entwickeln müssen. Genau ebenso wie draußen in der Welt der tierischen Lebewesen das unvollkommene Säugetier neben dem vollkommenen lebt, wie das eine gleichsam zurückgeblieben ist auf einer niederen Stufe, das andere schon früher eine höhere Stufe erreicht hat und doch neben dem niedrigen lebt, genau ebenso ist es mit den Menschen. In der Menschheit leben die verschiedenen Menschen auf verschiedenen Entwicklungsstufen nebeneinander.
[ 18 ] With this mindset, Theosophy seeks to establish a spiritual movement in order to draw together a core group of humanity that once again sincerely and truly believes that the human soul is a product of evolution. If, millions of years ago, the worm that lived at that time had said, “I have reached the highest peak of existence,” then the worm could not have evolved into a fish, nor the fish into a mammal, nor the mammal into an ape, nor the ape into a human. Unconsciously, they believed that they would outgrow their current state, that they must grow to ever higher and higher heights. They believed in something that would lead them beyond their own being, and that is the very force of their becoming. We humans cannot actually feel against nature. We should feel with nature. That which nature unconsciously possesses within itself as the power of becoming—which we should make more and more conscious to ourselves—this consciousness should be the power of our development. We must be clear about this: that we must develop beyond ourselves. Just as in the world of animal life the imperfect mammal lives alongside the perfect one—just as one has, so to speak, remained at a lower stage while the other has already reached a higher stage yet still lives alongside the lower one—so it is with human beings. Within humanity, different people at different stages of development live side by side.
[ 19 ] Wir müssen zugeben, daß unser Gottesbegriff ein kleinlicher ist gegenüber demjenigen, den ein erhabenes Wesen hat. Wir müssen auch zugeben, daß unser heutiger Gottesbegriff ein kleinlicher sein wird gegenüber demjenigen, welchen sich die Menschheit in Jahrmillionen machen wird, wenn sie sich weiterentwickelt haben wird. Deshalb müssen wir den Gottesbegriff in eine unendliche Perspektive rükken, ihn als ein lebendiges Leben in uns tragen. Daß wir uns dem nähern, daß wir uns dahin bemühen müssen, das unterscheidet den theosophischen Gottesbegriff von allen anderen. Keinen von diesen Begriffen leugnen wir. Wir sind uns klar darüber, daß sie alle berechtigt sind, je nach den menschlichen Fähigkeiten. Aber wir sind uns auch klar darüber, daß keiner erschöpfend ist. Wir sind uns klar darüber, daß wir uns nicht anschließen können denjenigen, welche Unfrieden stiften zwischen den verschiedenen Meinungen. Nebeneinander, nicht gegeneinander, haben die verschiedenen religiösen Richtungen zu sein.
[ 19 ] We must admit that our concept of God is a petty one compared to that held by a sublime being. We must also admit that our current concept of God will be a petty one compared to the one humanity will develop over millions of years as it continues to evolve. Therefore, we must place the concept of God in an infinite perspective, carrying it within us as a living life. The fact that we must approach this, that we must strive toward it, is what distinguishes the theosophical concept of God from all others. We do not deny any of these concepts. We are clear that they are all valid, depending on human capacities. But we are also clear that none is exhaustive. We are clear that we cannot align ourselves with those who sow discord between the various opinions. The various religious traditions must exist side by side, not in opposition to one another.
[ 20 ] Und nun kommen wir dazu zu sagen, was wir den Gottesbegriff nennen. Es ist kein Pantheismus, kein pantheistischer Begriff, kein anthropomorphischer Begriff, kein umrissener Begriff. Wir beten nicht diesen oder jenen Gott an, wir beten hinter Brahma Brahman an, das der Hindu verehrt, der noch eine Empfindung von den Dingen hat, denen gegenüber er nur Schweigen kennt. Wir sind uns klar darüber, daß wir dieses Gotteswesen erleben können im Leben. Wir können es uns nicht vorstellen, aber es lebt in uns als das Leben. Das ist nicht Gotteserkenntnis, nicht Gotteswissenschaft; die Theosophie ist auch nicht Theologie. Die Theosophie will den Weg finden; sie ist das Suchen nach Gott.
[ 20 ] And now we come to what we call the concept of God. It is not pantheism, not a pantheistic concept, not an anthropomorphic concept, not a defined concept. We do not worship this or that god; we worship Brahman behind Brahma, whom the Hindu reveres—the Hindu who still has a sense of those things toward which he knows only silence. We are clear that we can experience this divine being in life. We cannot imagine it, but it lives within us as life itself. This is not knowledge of God, nor is it the science of God; nor is Theosophy theology. Theosophy seeks to find the path; it is the search for God.
[ 21 ] Ein deutscher Philosoph hat nur kurze, aber treffende Worte gesagt gegenüber dieser Sache. Schelling hat gesagt: Kann man denn das Dasein des Daseins beweisen? — Die verschiedenen Beweise für das Dasein Gottes können keine Führer zu Gott sein, sie bringen uns höchstens zu einem Vorstellen der Gottheit. Ein wirklicher Beweis ist nur da notwendig, wo ein Ding durch unseren Begriff erst erreicht werden muß. Gott lebt in unseren Taten, in unseren Worten. Es kann sich also nicht darum handeln, das Dasein Gottes zu beweisen, sondern nur darum, Meinungen von demselben zu gewinnen und sich zu bemühen, daß sie immer vollkommener werden. Das ist es, worum es sich handelt und wobei mitzuwirken sich die «Theosophische Gesellschaft» zum Ziel gesetzt hat.
[ 21 ] A German philosopher had only a few, but apt, words to say on this matter. Schelling said: Can one prove the existence of existence? — The various proofs of God’s existence cannot serve as guides to God; at most, they lead us to a conception of the deity. A true proof is necessary only where a thing must first be grasped through our concept. God lives in our deeds, in our words. It is therefore not a matter of proving the existence of God, but only of forming opinions about Him and striving to make them ever more perfect. That is what is at stake, and the “Theosophical Society” has set itself the goal of contributing to this.
[ 22 ] Diejenigen, welche heute auf dem theologischen Standpunkte stehen, haben keine Empfindung, keine Ahnung davon, was es in den verflossenen Zeiten an richtunggebenden Empfindungen in dieser Beziehung gegeben hat. Ich möchte Sie an einen tonangebenden Geist des 15. Jahrhunderts erinnern, welcher schon damals eigentlich Theosoph war, Theosoph ganz in unserem Sinne. Er war katholischer Kardinal. Erinnern möchte ich an den feinsinnigen Theosophen Nikolaus Cusanus, weil er für uns heutige Theosophen ein Vorbild sein kann. Er hat es ausgesprochen, daß in allen Religionen ein Kern liegt, daß sie verschiedene Aspekte einer Urreligion sind, daß sie sich versöhnen sollen, daß sie vertieft werden sollen. Wahrheit soll man in ihnen suchen, nicht aber sich anmaßen, gleich die Urwahrheit selbst greifen zu können.
[ 22 ] Those who hold theological views today have no sense, no idea, of the guiding sentiments that existed in this regard in times past. I would like to remind you of a leading figure of the 15th century who was, in fact, already a theosophist back then—a theosophist entirely in our sense of the word. He was a Catholic cardinal. I would like to recall the subtle theosophist Nicholas of Cusa, because he can serve as a model for us theosophists today. He stated that there is a core in all religions, that they are different aspects of a primordial religion, that they should be reconciled, and that they should be deepened. One should seek truth within them, but not presume to be able to grasp the primordial truth itself.
[ 23 ] Den Gottesbegriff sucht sich Cusanus in einer tiefsinnigen Weise klarzumachen. Wenn Sie diese Anschauung des Cusanus verstehen, bekommen Sie einen Begriff davon, daß das Christentum auch innerhalb des Mittelalters bedeutende, tiefe Geister gehabt hat, Geister von einer Art, daß man sich von ihnen heute mit unseren Vorstellungen gar keinen Begriff machen kann. So sagt Cusanus — und auch noch manche andere Vorgänger vor ihm: Wir haben unsere Begriffe, unsere Gedanken. Woher sind alle unsere menschlichen Vorstellungen? Von dem, was uns umgibt, was wir erfahren haben. Was wir erfahren haben, ist aber doch nur eine kleine Ausgestaltung des Unendlichen. Und gehen wir zum Höchsten, nehmen wir den Begriff des Seins selbst. Ist das nicht auch ein menschlicher Begriff? Woher haben wir den Begriff des Seins? Wir leben in der Welt. Sie macht einen Eindruck auf unsere Tastorgane, auf unsere Augen. Und von dem, was wir sehen, hören, sagen wir: es ist. Wir legen dem das Sein bei. Im Grunde genommen bedeutet «ein Ding ist» soviel wie: ich habe es gesehen. — Sein hat dieselbe Wurzel wie «sehen». Wenn wir sagen, Gott ist, legen wir damit der Gotteswesenheit eine Vorstellung bei, die wir nur aus unserer Erfahrung gewonnen haben. Wir sagen damit nichts anderes als, Gott hat eine Eigenschaft, die wir an verschiedenen Dingen wahrgenommen haben. Deshalb hat Cusanus ein Wort ausgesprochen, das tief bezeichnend ist. Er sagt: Gott kommt nicht das Sein, ihm kommt das Übersein zu. — Das ist nicht eine Vorstellung, die wir mit unseren Sinnen gewinnen können. Deshalb lebt auch in Cusanus’ Seele die Empfindung des Unendlichen. Es ist tief ergreifend, wie dieser Kardinal sagt: Ich habe in meinem ganzen Leben Theologie studiert, auch die Wissenschaften der Welt betrieben und — soweit sie zu erkennen sind mit dem Verstande — auch verstanden. Aber dann wurde ich in mir gewahr, und dadurch habe ich erfahren: in der menschlichen Seele lebt ein Selbst, das immer mehr von der menschlichen Seele aufgeweckt wird. — Solches lesen Sie bei Cusanus. Die Bedeutung dessen, was er sagt, geht weit hinaus über das, was wir heute denken und vorstellen.
[ 23 ] Cusanus seeks to clarify the concept of God in a profound way. If you understand Cusanus’s view, you will gain an appreciation of the fact that Christianity, even within the Middle Ages, had significant, profound minds—minds of a kind that we cannot even begin to comprehend today with our current concepts. Thus says Cusanus—and many other predecessors before him: We have our concepts, our thoughts. Where do all our human concepts come from? From what surrounds us, from what we have experienced. But what we have experienced is only a small manifestation of the infinite. And if we turn to the highest, let us take the concept of being itself. Is that not also a human concept? Where do we get the concept of being? We live in the world. It makes an impression on our sensory organs, on our eyes. And of what we see and hear, we say: it is. We attribute being to it. Basically, “a thing is” means the same as: I have seen it. — “Being” has the same root as “to see.” When we say, “God is,” we thereby attribute to the divine essence a concept that we have derived solely from our experience. We are saying nothing other than that God has a quality that we have perceived in various things. That is why Cusanus uttered a phrase that is deeply significant. He says: God does not have being; he has super-being. — This is not a concept we can grasp with our senses. That is why the sense of the infinite also lives in Cusanus’s soul. It is deeply moving how this cardinal says: I have studied theology my whole life, also pursued the sciences of the world and—insofar as they can be grasped by the intellect—also understood them. But then I became aware of myself, and through this I have come to know: within the human soul lives a Self that is increasingly awakened by the human soul. — Such is what you read in Cusanus. The significance of what he says goes far beyond what we think and imagine today.
[ 24 ] So notwendig es ist, daß wir gegenüber alledem, was wir in der Welt erfahren, zu klaren und scharf umrissenen Begriffen kommen, so notwendig ist es auch, daß wir uns gegenüber der Gottesvorstellung in jedem Momente bewußt sind, daß unsere Empfindung hinausgehen muß über alles, was wir mit dem Verstande und mit den Sinnen wahrnehmen. Dann werden wir uns klar darüber sein, daß wir Gott nicht erkennen, sondern Gott suchen sollen. Dann werden wir immer mehr sehen, was der Weg der Gotteserkenntnis ist, und uns dann zu dieser hin entwickeln. Wenn Gott in uns nicht abgeschlossenes Leben, sondern lebendiges Leben selbst ist, dann werden wir warten, bis durch die von der Theosophie eingeschlagenen Wege höhere geistige Kräfte entwickelt sind. Gott herrscht nicht nur in dieser Welt, sondern auch in jenen Welten, die nur derjenige schauen kann, dessen seelisches Auge geöffnet ist für alle jene Welten, von denen die Theosophie spricht. Und sie spricht von sieben Stufen des menschlichen Bewußtseins. Sie weiß, daß menschliche Entwickelung heißt: Nicht auf der physischen Stufe des Bewußtseins stehenbleiben, sondern hinaufschreiten zu höheren und immer höheren Stufen.
[ 24 ] Just as it is necessary for us to arrive at clear and sharply defined concepts regarding everything we experience in the world, so too is it necessary that, when it comes to the concept of God, we remain conscious at every moment that our perception must go beyond everything we perceive with our intellect and our senses. Then we will be clear that we are not to know God, but to seek God. Then we will increasingly see what the path to the knowledge of God is, and develop toward it. If God is not a closed-off life within us, but living life itself, then we will wait until higher spiritual powers are developed through the paths taken by theosophy. God reigns not only in this world, but also in those worlds that can be seen only by those whose spiritual eye is open to all those worlds of which Theosophy speaks. And it speaks of seven stages of human consciousness. It knows that human development means: not remaining at the physical stage of consciousness, but advancing to higher and ever higher stages.
[ 25 ] Wer das tut, der erlebt zunächst nur einen untergeordneten Begriff davon. Dennoch dürfen wir niemals verzagen, sondern müssen uns klar sein darüber, daß wir die Berechtigung haben, uns Meinungen und immer höhere Meinungen von dem Gotteswesen zu machen, daß es aber Vermessenheit ist, zu glauben, daß jemals eine Meinung den Gegenstand erschöpfen wird. Wir müssen uns klar darüber sein, daß wir die richtigen Empfindungen und Gefühle in uns haben müssen, dann wird das Gefühl aus dem Schauen heraus wieder andächtig werden, dann werden wir wieder ehrfürchtig werden. Ehrfürchtig zu sein, haben wir nur durch die europäischen Gedanken verloren. Ehrfurcht und Andacht ist etwas, was es neu zu erwecken gilt. Was soll denn aber mehr unsere Ehrfurcht erwecken als dasjenige, was als göttliche Wesenheit, als Urquell des Daseins vorhanden ist! Lernen wir wieder Andacht entwickeln, dann wird unsere Seele von etwas ganz anderem durchwärmt und durchglüht werden, nämlich von dem, was als Lebensblut das Universum durchströmt. Das wird in uns ein Teil unseres Wesens.
[ 25 ] Whoever does this initially experiences only a limited understanding of it. Nevertheless, we must never lose heart, but must be clear that we have the right to form opinions—and ever higher opinions—about the divine being; yet it is presumption to believe that any opinion will ever fully encompass the subject. We must be clear that we must have the right sentiments and feelings within us; then the feeling arising from contemplation will once again become devout, and we will once again become reverent. We have lost our reverence solely through European thought. Reverence and devotion are something that must be reawakened. But what could awaken our reverence more than that which exists as a divine being, as the primal source of existence! If we learn to develop reverence again, then our soul will be warmed and inflamed by something entirely different, namely by that which flows through the universe as the lifeblood. This will become a part of our being.
[ 26 ] Davon spricht auch Spinoza. Spinoza hat in seiner «Ethik» Begriffe von der Gottheit entwickelt, und er schließt seine «Ethik» mit einem Hymnus auf die Gottheit. Er schließt sie in diesem Sinne: Nur derjenige Mensch hat Freiheit erreicht, nur derjenige Mensch schafft sich auch ein tiefes Gefühl, ein Fühlen, das die Gottheit in ihn strömen läßt, dessen Erkenntnis sich verbindet in Liebe. Amor dei intellectualis — erkennende Liebe zu Gott —, das heißt: die in der Erkenntnis ruhende Liebe des Geistes zu Gott ist Gottes Liebe selbst. Das ist nicht ein Begriff, nicht eine begrenzte Vorstellung, sondern lebendiges Leben.
[ 26 ] Spinoza also speaks of this. In his *Ethics*, Spinoza developed concepts of the Deity, and he concludes his *Ethics* with a hymn to the Deity. He concludes it in this way: Only the person who has attained freedom, only the person who cultivates within himself a profound feeling—a feeling that allows the divine to flow into him, whose knowledge is united in love—has truly attained freedom. Amor dei intellectualis—intellectual love of God—that is to say: the love of the spirit for God, rooted in knowledge, is God’s love itself. This is not a concept, not a limited idea, but living life.
[ 27 ] So ist unser Gottesbegriff nicht eine Gotteswissenschaft, sondern das Einmünden alles dessen, was wir als Wissenschaft erfahren können, die Verbindung alles dessen in einem lebendigen Gefühl, in dem Leben im Gefühl des Göttlichen. Nicht als «Gottesweisheit» sollte das Wort Theosophie übersetzt werden, sondern als «Göttliche Weisheit» oder noch besser: Das Suchen eines Weges nach Gott, das Suchen nach einer immer zunehmenden Vergöttlichung. «Weisheitsuche», das ist es.
[ 27 ] Thus, our concept of God is not a science of God, but the convergence of everything we can experience as science, the unification of all this in a living feeling, in a life lived within the sense of the Divine. The word “theosophy” should not be translated as “divine knowledge,” but rather as “divine wisdom” or, even better: the search for a path to God, the search for ever-increasing deification. “The search for wisdom”—that is what it is.
[ 28 ] Mehr oder weniger sind immer diejenigen, welche sich zu höheren Höhen des Daseins emporgerungen haben, auf diesem Boden gestanden. Unter anderen auch Goethe, der viel mehr Theosoph war, als man gewöhnlich ahnt, der vor allem der theosophische Dichter der Deutschen ist. Er kann erst ganz verstanden werden, wenn er mit der Leuchte der Theosophie erhellt wird. Unter vielen anderen Wahrheiten, die verborgen in Goethes Werken ruhen, ruht dort auch der Wahrspruch der Theosophie selbst. An hervorragender Stelle hat Goethe ausgesprochen: Keine Religion ist höher als die Wahrheit! — Davon war Goethe tief durchdrungen. So wie alles Dasein eine Gestalt hat, so sind auch unsere Gedanken gestaltet. Wie jedes gestaltete Wesen ein Gleichnis ist, so sind auch unsere Gottesvorstellungen ein Gleichnis des Gottes — aber niemals das Göttliche selbst. Auch dem Gottesbegriff gegenüber, der ein vergänglicher ist, auch dem Bilde dessen gegenüber, das ein Unvergängliches ist, gilt das Goethe-Wort:
[ 28 ] To a greater or lesser extent, those who have striven to reach higher levels of existence have always stood on this ground. Among them is Goethe, who was far more of a theosophist than is generally suspected, and who is, above all, the theosophical poet of the Germans. He can only be fully understood when illuminated by the light of theosophy. Among the many truths hidden within Goethe’s works lies the very maxim of theosophy itself. In a particularly striking passage, Goethe declared: No religion is higher than the truth! — Goethe was deeply imbued with this. Just as all existence has a form, so too are our thoughts formed. Just as every formed being is a parable, so too are our conceptions of God a parable of God—but never the Divine itself. Goethe’s words also apply to the concept of God, which is transitory, and to the image of God, which is imperishable:
[ 29 ] Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.
[ 29 ] Everything that is transient is merely a parable.
