Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
4 January 1904, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
4. Theosophie und Christentum
4. Theosophy and Christianity
[ 1 ] Oft verwechselt man heute noch das, was die Theosophische Gesellschaft ist, mit buddhistischer Weltanschauung. Öfters habe ich mir in diesen monatlichen Versammlungen schon die Bemerkung erlaubt, daß bei dem Theosophischen Kongreß in Chicago 1893 der indische Brahmane G. N. Chakravarti selbst gesagt hat, daß auch für ihn die Theosophie etwas völlig Neues oder wenigstens eine völlige Erneuerung der Weltanschauung gebracht habe. Er sprach damals aus, daß alle spirituelle Weltanschauung, auch seines Volkes in Indien, dem Materialismus gewichen sei, und daß es die Theosophische Gesellschaft war, welche die geistige Weltanschauung in Indien erneuert habe. — Man kann schon daraus schließen, daß wir die Theosophie nicht aus Indien geholt haben, so wie man andererseits, wenn man die theosophische Bewegung verfolgt, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, zugeben muß, daß sie sich immer mehr und mehr bemüht hat, auch die Erklärerin aller anderen Religionssysteme zu sein, daß sie sich immer mehr und mehr bemüht hat, den Wahrheitskern nicht nur orientalischer, sondern auch der abendländischen Religionsbekenntnisse an den Tag zu bringen.
[ 1 ] Even today, people often confuse the Theosophical Society with the Buddhist worldview. On several occasions during these monthly meetings, I have remarked that at the Theosophical Congress in Chicago in 1893, the Indian Brahmin G. N. Chakravarti himself stated that Theosophy had brought him something entirely new, or at least a complete renewal of his worldview. He stated at the time that all spiritual worldviews, including that of his people in India, had given way to materialism, and that it was the Theosophical Society that had renewed the spiritual worldview in India. — One can already conclude from this that we did not bring Theosophy from India, just as, on the other hand, if one follows the Theosophical Movement as it has developed over the past decades, one must admit that it has increasingly strived to be the interpreter of all other religious systems, that it has increasingly striven to bring to light the core of truth not only in Eastern but also in Western religious creeds.
[ 2 ] Heute soll es lediglich meine Aufgabe sein, mit einigen Strichen zu zeigen, wie im richtig verstandenen Christentum wahre, echte Theosophie zu finden ist, oder vielmehr, ich muß die Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft gegenüber dem Christentum charakterisieren.
[ 2 ] Today, my sole task is to show, in a few strokes, how true, authentic theosophy can be found within Christianity as it is properly understood; or rather, I must describe the role of the Theosophical Society in relation to Christianity.
[ 3 ] Eine Dienerin, nichts anderes, will die theosophische Bewegung auch gegenüber dem Christentum sein. Dienen will sie dadurch, daß sie den tiefsten Kern, das eigentliche Wesen aus dem christlichen Religionsbekenntnisse herauszuschälen sucht. Dadurch erhofft sie, niemandem, welcher an dem Christentum hängt, dessen Herz mit dem Christentum verbunden ist, irgend etwas zu nehmen. Im Gegenteil, diejenigen, welche die theosophische Bewegung verstehen, wissen, daß gerade durch sie der Christ unendlich viel erhalten kann, daß unendlich viele der Streitigkeiten, welche sich - heute allüberall in den christlichen Bekenntnissen gebildet haben, verschwinden müssen, wenn der wahre Kern, der doch nur der eine Kern sein kann, mit an den Tag kommt.
[ 3 ] The Theosophical Movement seeks to be nothing more than a servant to Christianity. It seeks to serve by striving to distill the deepest core, the very essence, from the Christian creed. In doing so, it hopes not to take anything away from anyone who is attached to Christianity, whose heart is bound to Christianity. On the contrary, those who understand the Theosophical Movement know that it is precisely through it that the Christian can gain infinitely much, that the countless disputes that have arisen—today everywhere within the Christian creeds—must disappear when the true core, which can be only one core, comes to light.
[ 4 ] Ich kann natürlich nicht in aller Breite und Ausführlichkeit dieses große Thema erschöpfen, und ich bitte Sie daher, mit den wenigen Strichen vorliebzunehmen, die ich zu geben in der Lage bin. Aber es ist doch wohl an der Zeit, gerade in der Gegenwart das zu geben, was ich zu geben vermag.
[ 4 ] Of course, I cannot cover this vast topic in its full breadth and detail, and I therefore ask you to make do with the few insights I am able to offer. But surely the time has come, especially in the present, to offer what I am able to offer.
[ 5 ] Diese unsere Gegenwart ist ja nicht eine Zeit, die es liebt, sich zu dem Geiste in seiner Lebendigkeit zu erheben. Es gibt zwar Ideale, zu denen die Menschen aufschauen, und von Idealen sprechen sie viel, aber daß sie die Ideale verwirklichen könnten, daß der Geist wirkend vorhanden sein könnte und daß es die Aufgabe ist, ihn zu erkennen, davon will das 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts nicht viel wissen. Dadurch unterscheidet sich diese unsere Zeit ganz wesentlich von der Zeit der großen Geister, welche in Anlehnung an den Stifter des Christentums das Christentum ursprünglich ausgebildet haben. Gehen Sie zurück in die früheren Zeiten des Christentums, etwa zu Clemens von Alexandrien, und Sie werden finden, daß damals alle GeJlehrsamkeit, alles Wissen nur dazu da war, um eines zu verstehen: um zu verstehen, wie das lebendige Wort, das Licht der Welt, hat Fleisch werden können. Unsere Zeit liebt es nicht, sich in solche Höhen der geistigen Anschauung zu erheben. So wie wir in bezug auf die naturwissenschaftliche Anschauung uns darauf beschränkt haben, das rein Tatsächliche zu sehen, das, was Augen sehen, was die Sinne vernehmen können, so sind tatsächlich auch die Religionsbekenntnisse voll von solchen materialistischen Anschauungen. Und gerade die Vertreter solcher materialistischer Anschauungen werden glauben, das Bekenntnis am besten zu verstehen. Sie wissen nicht, wie stark da unbewußt materialistische Gedanken Platz gegriffen haben. Nur einzelnes lassen Sie mich zeigen.
[ 5 ] Our present age is not one that loves to rise up to the spirit in its vitality. There are, of course, ideals to which people look up, and they speak much of ideals, but the idea that they could realize these ideals, that the spirit could be actively present, and that it is our task to recognize it—the 19th century and the beginning of the 20th century want little to do with this. In this respect, our time differs quite fundamentally from the time of the great spirits who, following the founder of Christianity, originally shaped Christianity. Go back to the early days of Christianity, to Clement of Alexandria, for example, and you will find that in those days all learning, all knowledge, existed solely to understand one thing: to understand how the living Word, the Light of the World, could have become flesh. Our time does not love to rise to such heights of spiritual insight. Just as we have limited ourselves, with regard to the scientific view of nature, to seeing only the purely factual—that which the eyes see, that which the senses can perceive—so, in fact, religious creeds are also full of such materialistic views. And it is precisely the proponents of such materialistic views who will believe they understand the creed best. They do not realize how deeply unconscious materialistic thoughts have taken root there. Let me point out just a few examples.
[ 6 ] Das 19. Jahrhundert hat versucht, in ernster Arbeit sich mit dem Christentum abzufinden. Kritisch ging man vor allen Dingen zu Werke und versuchte, in streng wissenschaftlicher Weise die Urkunden daraufhin zu untersuchen, inwiefern in denselben historisch-tatsächliche Wahrheit vorhanden ist. Ja, «tatsächliche» Wahrheit, das ist dasjenige, worauf auch Religionsgelehrte heute ausgehen. Dem Buchstaben nach wurde in jeder Weise untersucht, ob der eine oder andere Evangelist die reine, tatsächliche Wahrheit spricht darüber, was sich wirklich ereignet haben könnte, was sich vor den Augen der Menschen einst abgespielt haben könnte. Das zu untersuchen, ist die Aufgabe der sogenannten historisch-kritischen Theologie. Wir sehen, wie unter diesen Aufgaben allmählich das Bild des Fleisch gewordenen Gottes eine materialistische Färbung angenommen hat. Eine Sache lassen Sie mich anführen, die immer von neuem diejenigen, welche Wahrheit suchen, in Anspruch nimmt.
[ 6 ] The 19th century made a serious effort to come to terms with Christianity. Above all, scholars approached the task critically and sought to examine the historical documents in a strictly scientific manner to determine the extent to which they contained historical and factual truth. Yes, “factual” truth—that is what religious scholars also assume today. Literally, every effort was made to examine whether one or the other evangelist speaks the pure, factual truth about what might actually have happened, what might once have taken place before people’s eyes. To investigate this is the task of so-called historical-critical theology. We see how, in the course of these investigations, the image of God incarnate has gradually taken on a materialistic hue. Let me cite one thing that continually engages those who seek the truth.
[ 7 ] David Friedrich Strauß hat in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts damit den Anfang gemacht, historisch den tatsächlichen Kern der Evangelien zu untersuchen. Und nachdem er versucht hatte klarzulegen, was ein solcher historischer Wahrheitskern ist, da suchte er selbständig ein Bild des Christentums zu entwerfen. Dieses Bild, das er entworfen hat, ist nun tatsächlich aus dem Geiste seiner Zeit heraus, aus dem Geiste heraus, der nicht glauben konnte, daß sich einmal etwas weit über den Menschen Hinausragendes, etwas aus der Höhe des Geistigen Herstammendes in der Welt verwirklicht haben könnte; etwas, das aus dem eigentlichen Geiste heraus geboren ist. Was David Friedrich Strauß fand, ist nun dieses: Nicht in einer einzelnen Persönlichkeit kann sich der wirkliche Gottessohn darstellen. Nein, nur die ganze Menschheit, die Menschenart, die Gattung allein kann die wirkliche Darstellung des Gottes auf der Erde sein. Das Ringen der ganzen Menschheit, symbolisch aufgefaßt, das ist der lebendige Gott, aber nicht ein einzelnes Individuum. Und alles dasjenige, was sich in den Zeiten, in denen das Christentum entstanden ist, an Erzählungen über die Person Christi gebildet hat, alles das sind nichts anderes als Mythen, welche die Volksphantasie erschaffen hat. — Durch das Bemühen, den Gottessohn als das Ringen und Streben der ganzen menschlichen Gattung darzustellen, ist bei David Friedrich Strauß der Gottessohn verflüchtigt zu einem göttlichen Ideal.
[ 7 ] In the 1830s, David Friedrich Strauss pioneered the historical investigation of the actual core of the Gospels. And after attempting to clarify what such a historical core of truth is, he set out on his own to develop a vision of Christianity. This image he conceived is in fact a product of the spirit of his time—a spirit that could not believe that something far transcending humanity, something originating from the heights of the spiritual, could ever have been realized in the world; something born of the spirit itself. What David Friedrich Strauss found is this: The true Son of God cannot be represented in a single individual. No, only all of humanity, the human race, the species alone can be the true representation of God on earth. The struggle of all humanity, understood symbolically, is the living God, but not a single individual. And all that which took shape in the narratives about the person of Christ during the times when Christianity arose—all of that is nothing other than myths created by the popular imagination. — Through his effort to portray the Son of God as the struggle and striving of the entire human race, David Friedrich Strauss has reduced the Son of God to a divine ideal.
[ 8 ] Sehen Sie sich nun aber in den Evangelien um, suchen Sie in den christlichen Bekenntnissen — ein Wort werden Sie niemals darin finden, und eine Vorstellung werden Sie bei Jesu nirgends finden: das ist die Vorstellung des idealen Menschen in der Art und Weise, wie Strauß ihn konstruiert hat. Die Menschengattung, abstrakt gedacht, die findet sich nirgends in den Evangelien. Das ist bezeichnend, daß das 19. Jahrhundert zu einem Jesus-Bild gekommen ist von einer Vorstellung aus, die Jesus niemals in seinem Leben angedeutet oder ausgesprochen hat.
[ 8 ] But take a look at the Gospels, search through the Christian creeds—you will never find a single word in them, and you will find no such concept anywhere in Jesus’ teachings: that is the concept of the ideal human being as Strauss conceived it. The human race, conceived in the abstract, is nowhere to be found in the Gospels. It is significant that the 19th century arrived at an image of Jesus based on a concept that Jesus never hinted at or articulated in his lifetime.
[ 9 ] Nach und nach sind auch noch andere an die Aufgabe herangetreten, kritisch den Gehalt der Evangelien zu prüfen. Die verschiedenen Phasen kann ich Ihnen hier nicht anführen; das würde zu weit gehen. Aber es ist in den letzten Jahren oft ein Wort gefallen, das so richtig zeigt, wie wenig sympathisch es unserer Zeit ist, zu dem Gott, zu dem Geistwesen, das sich in einer Persönlichkeit verwirklicht haben soll, in ähnlicher Art hinaufzuschauen wie im ersten christlichen Jahrhundert, wo alle Gelehrsamkeit, alle Weisheit, alles Wissen lediglich dazu zu verwenden war, diese einzigartige Erscheinung zu begreifen und zu verstehen. Ein Wort ist da gefallen, und dieses Wort ist: Der schlichte Mann aus Nazareth. Den Gottesbegriff ließ man fallen. Man will — das ist letztlich die Tendenz, die in diesen Worten liegt —, man will diese Persönlichkeit, die am Anfange des Christentums steht, bloß als Menschen gelten lassen und will alles dasjenige, was man als Dogmenkram ansieht, als eine in den Wolken schwebende Phantasie auffassen. Alles das will man entfernen und die Persönlichkeit Jesu als reinen Menschen betrachten, als einen Menschen, der zwar höher geartet ist als die übrigen Menschen, der aber Mensch unter Menschen ist, der doch in gewisser Hinsicht gleich ist den anderen Menschen. So will man auch von theologischer Seite her das Christus-Bild herunterziehen in das Gebiet des rein Tatsächlichen.
[ 9 ] Gradually, others have also taken on the task of critically examining the content of the Gospels. I cannot list the various phases here; that would go too far. But in recent years, a phrase has often been used that truly shows how unappealing it is to our time to look up to God—to the spiritual being said to have manifested in a human personality—in a manner similar to that of the first Christian century, when all learning, all wisdom, and all knowledge were devoted solely to comprehending and understanding this unique phenomenon. A word has been used, and that word is: the simple man from Nazareth. The concept of God has been abandoned. One wants—and this is ultimately the tendency inherent in these words—one wants to regard this personality, who stands at the beginning of Christianity, merely as a human being, and to view everything that is regarded as dogmatic drivel as a fantasy floating in the clouds. One wishes to remove all of that and regard the personality of Jesus as a mere human being, as a person who, though of a higher nature than other human beings, is nonetheless a human among humans, who is, in a certain sense, equal to other human beings. Thus, from a theological perspective as well, one wishes to bring the image of Christ down into the realm of the purely factual.
[ 10 ] Das sind zwei Extreme, die ich Ihnen vorgeführt habe, auf der einen Seite der das Gottesbild verflüchtigende Gottesbegriff des David Friedrich Strauß, auf der anderen Seite der schlichte Mann aus Nazareth, der nichts enthält als eine reine Lehre des allgemeinen Menschentums. Dies ist im Grunde nichts anderes, als was auch diejenigen anerkennen können, welche gar nichts wissen wollen von einem Stifter des Christentums. Auch das haben wir gesehen, wie Anhänger einer allgemeinen Sittenlehre sich herauskonstruieren, daß Jesus im Grunde dieselbe Sittenlehre gehabt und gelehrt habe, wie sie heute auch gepredigt wird von der «Gesellschaft für ethische Kultur». Und sie glauben, Jesus dadurch erheben zu können, wenn sie zeigen, daß auch schon vor dem 1ı9. Jahrhundert Menschen sich bekannt haben zu dem, wozu wir es gebracht haben durch die Kantsche Spekulation oder durch die Aufklärung. — In Wahrheit handelt es sich aber um Lehren, welche einstmals das höchste Mysterium waren, und der Inhalt dieser Weisheit wurde nur gegeben für diejenigen, welche sich zu den Höhen des Menschlichen erhoben haben.
[ 10 ] These are two extremes I have presented to you: on the one hand, David Friedrich Strauss’s concept of God, which dissolves the image of God; on the other, the simple man from Nazareth, who embodies nothing but a pure teaching of universal humanity. This is essentially nothing other than what even those who want nothing to do with a founder of Christianity can acknowledge. We have also seen how adherents of a general moral doctrine construct the idea that Jesus essentially held and taught the same moral doctrine as is preached today by the “Society for Ethical Culture.” And they believe they can thereby elevate Jesus by showing that even before the 18th century, people had already professed what we have brought about through Kantian speculation or the Enlightenment. — In truth, however, these are teachings that were once the highest mystery, and the content of this wisdom was given only to those who have risen to the heights of humanity.
[ 11 ] Fragen wir uns, stehen wir denn, wenn wir den einen oder den anderen dieser Christus-Begriffe nehmen, noch irgendwie auf dem Boden der Evangelien? Ich kann heute nicht ausführen, warum ich nicht der Anschauung sein kann, welcher viele der gelehrten Theologen sind, warum das vierte Evangelium weniger autoritativ und weniger authentisch sein soll als die drei ersten. Derjenige, welcher klar und deutlich den Hergang prüft und untersucht, sieht keinen Grund, warum das Evangelium von Johannes, welches gerade dasjenige ist, das uns so sehr erhebt, sozusagen abgesetzt worden ist im Streben nach reiner Tatsächlichkeit. Man glaubt, daß die drei ersten Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas, mehr den Menschen, den reinen, schlichten Mann aus Nazareth darstellen, während das JohannesEvangelium allerdings den Anspruch macht, das Fleisch gewordene Wort in Jesus zu erkennen. Hier wurde der unbewußte Wunsch, der in den Seelen lebt, zum Vater des Gedankens. Wenn aber das Johannes-Evangelium weniger Anspruch hat auf Authentizität, so ist es unmöglich, das Christentum zu halten. Dann ist es unmöglich, von der christlichen Lehre der Persönlichkeit Jesu etwas anderes zu sagen als, er sei der schlichte Mann aus Nazareth. Aber niemand, weder ich noch andere, die sich die alten Bekenntnisschriften vor Augen halten, kann etwas anderes sagen, als daß diejenigen, welche ursprünglich von Jesus Christus sprachen, wirklich von dem Fleisch gewordenen Gott, von dem höheren Gottesgeist sprachen, der in dieser Persönlichkeit des Jesus von Nazareth sich verwirklich hat.
[ 11 ] Let us ask ourselves: if we adopt one or the other of these concepts of Christ, are we still, in any sense, grounded in the Gospels? I cannot explain today why I cannot share the view held by many learned theologians, namely that the fourth Gospel is less authoritative and less authentic than the first three. Anyone who clearly and carefully examines the sequence of events sees no reason why the Gospel of John—which is precisely the one that so greatly uplifts us—has, so to speak, been set aside in the pursuit of pure factuality. It is believed that the first three Gospels—Matthew, Mark, and Luke—depict more the man, the pure, simple man from Nazareth, while the Gospel of John certainly claims to recognize the Word made flesh in Jesus. Here, the unconscious desire that lives in the souls became the father of the thought. But if the Gospel of John has less claim to authenticity, then it is impossible to uphold Christianity. Then it is impossible to say anything about the Christian doctrine of the person of Jesus other than that he was the simple man from Nazareth. But no one, neither I nor others who have the ancient creeds before their eyes, can say anything other than that those who originally spoke of Jesus Christ were truly speaking of God incarnate, of the higher Spirit of God who realized himself in this personality of Jesus of Nazareth.
[ 12 ] Da ist es nun die Aufgabe vor allen Dingen der Theosophie, zu zeigen, wie wir dieses vor allem von Johannes gebrauchte Wort von dem Fleisch gewordenen Wort zu verstehen haben. Denn auch die übrigen Evangelien versteht man in Wahrheit nicht, wenn man nicht von dem JohannesEvangelium ausgeht. Was die anderen Evangelisten erzählen, es wird licht und hell und klar, wenn man die Worte des Johannes-Evangeliums als eine Interpretation, als eine Erklärung dazunimmt.
[ 12 ] It is now the task of theosophy, above all else, to show how we are to understand this term—used primarily by John—referring to the Word made flesh. For, in truth, the other Gospels cannot be understood unless one takes the Gospel of John as the starting point. What the other evangelists recount becomes clear and lucid when one takes the words of the Gospel of John as an interpretation, as an explanation.
[ 13 ] Ich kann nicht in allen Einzelheiten schildern, was zu den einzelnen Aufstellungen führt, die ich heute machen werde. Aber ich kann wenigstens hindeuten auf die Hauptsache, die vor allen Dingen dem materialistisch gesinnten Theologen anstößig ist. Dazu gehört schon die Geburtsgeschichte, die sagt, daß Jesus nicht wie andere Menschen geboren sein soll. Das ist ja etwas, was auch David Friedrich Strauß gegen die Wahrheit der Evangelien geltend gemacht hat.
[ 13 ] I cannot describe in detail everything that leads to the individual points I will be making today. But I can at least point out the main issue, which is particularly offensive to the materialistically minded theologian. This includes the nativity story, which states that Jesus was not born like other human beings. This is, after all, something that David Friedrich Strauss also raised as an argument against the truth of the Gospels.
[ 14 ] Was wurde gemeint mit der höheren Geburt? Es wird uns ohne weiteres klar, wenn wir das Johannes-Evangelium richtig verstehen. Die ersten Sätze des Johannes-Evangeliums, der eigentlichen Botschaft von dem Fleisch gewordenen Wort, teilen mit: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Alles ist durch das Wort geworden, und außer durch das Wort ist nichts geworden.» Es wird mitgeteilt, daß das Wort immer da war in anderer Weise, daß es sich aber in die ser Persönlichkeit äußerlich sichtbar verwirklicht hat. Und wir hören, daß durch dasselbe Wort, oder sagen wir, durch denselben Gottesgeist, der in Jesus lebte, die Welt selbst entstanden ist. «Und in diesem Wort war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen. Es ward ein Mensch gesandt mit Namen Johannes, auf daß sie alle glauben sollten. Er war nicht das Licht, aber er sollte davon zeugen, denn das wahre Licht sollte erst in die Welt kommen.» — Was sollte kommen in Jesus Christ? Aber gleich hören wir, daß es schon da war. «Es war in der Welt. Aber die Welt hat es nicht erkannt. In die einzelnen Menschen kam es, aber die einzelnen Menschen nahmen es nicht auf. Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch dasselbe als Gottes Kinder offenbaren. Die, die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus menschlichem Willen, sondern aus Gott geworden.»
[ 14 ] What was meant by “being born from above”? It becomes clear to us immediately if we understand the Gospel of John correctly. The opening verses of the Gospel of John, the very message of the Word made flesh, declare: “In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God. All things were made through the Word, and without the Word nothing was made.” It is stated that the Word has always existed in a different form, but that it has been outwardly manifested in the person of Jesus. And we hear that through this same Word—or, let us say, through the same Spirit of God who lived in Jesus—the world itself came into being. “And in this Word was life, and the life was the light of men. And the light shone in the darkness, but the darkness did not comprehend it. A man was sent whose name was John, that all might believe through him. He was not the light, but he was to bear witness to it, for the true light was yet to come into the world.” — What was to come in Jesus Christ? But immediately we hear that it was already there. “It was in the world. But the world did not recognize it. It came into individual people, but individual people did not receive it. But those who received it were able to reveal themselves as God’s children through it. Those who trusted in his name were not born of blood, nor of the will of the flesh, nor of the will of man, but of God.”
[ 15 ] Hier haben Sie in einer, wie ich glaube, einigermaßen richtigen und sinngemäßen Übersetzung die Bedeutung des Fleisch gewordenen Gottes und zu gleicher Zeit die Bedeutung dessen, was es heißt: «Und Christus ist nicht auf menschliche Art geboren.» Das «Wort» war immer da, und jeder einzelne Mensch sollte in seinem Inneren, in seinem Urbeginn, einen Christus gebären. In unserem Herzen haben wir alle die Anwartschaft auf Christus. Aber während dieses lebendige Wort, dieser Christus in jedem einzelnen Platz haben sollte, haben die Menschen an diesem Platz ihn nicht gewahrt, ihn nicht wahrgenommen. Das ist es ja gerade, was uns durch das Evangelium gezeigt wird, daß immerdar das Wort war, daß der Mensch es annehmen konnte und es nicht annahm. Und weiter wird uns gesagt, einzelne nahmen es an. Immer waren einzelne da, welche in sich den lebendigen Geist, den lebendigen Christus, das lebendige Wort erweckten, und die, welche sich nach seinem Namen benannten, sind nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus menschlichem Willen, sondern sie waren immer aus Gott geworden.
[ 15 ] Here you have, in what I believe to be a reasonably accurate and meaningful translation, the significance of God becoming flesh and, at the same time, the meaning of the statement: “And Christ was not born in the human way.” The “Word” has always been there, and every single person was meant to give birth to a Christ within themselves, at their very beginning. In our hearts, we all have the potential for Christ. But while this living Word, this Christ, was meant to have a place in each individual, people have not preserved him in that place, have not perceived him. This is precisely what the Gospel shows us: that the Word has always been there, that human beings could have accepted it but did not. And furthermore, we are told that some did accept it. There have always been individuals who awakened within themselves the living Spirit, the living Christ, the living Word, and those who were named after him were not born of blood, not of the will of the flesh, not of human will, but they were always born of God.
[ 16 ] Das wirft erst das richtige Licht auf das Matthäus-Evangelium. Jetzt verstehen wir, warum die Geburt Christi «aus Gott» genannt wird. Das widerlegt am besten das, was David Friedrich Strauß will. Nicht die ganze menschliche Gattung ist imstande gewesen, den Christus in sich aufzunehmen; obwohl er für die ganze menschliche Gattung und für die ganze Menschheit war. Und nun sollte einer kommen, der in sich die ganze Fülle der Unendlichkeit des Geistes einmal dargestellt hat. Dadurch bekam diese Persönlichkeit ihre einzigartige Bedeutung für die ersten christlichen Lehrer, die verstanden, um was es sich da handelt. Sie verstanden, daß es sich weder um einen abstrakten, schattenhaften Begriff handelt noch daß es sich handelt um den einen einzelnen Menschen in seiner Tatsächlichkeit, sondern wahrhaft und wirklich um den Gottmenschen, um eine Einzelpersönlichkeit in der Fülle der Wahrheit.
[ 16 ] This finally sheds the proper light on the Gospel of Matthew. Now we understand why Christ’s birth is called “from God.” This is the best refutation of what David Friedrich Strauss claims. Not the entire human race was capable of receiving Christ within itself, even though he was for the entire human race and for all of humanity. And now there was to come one who once embodied within himself the full measure of the infinity of the Spirit. This is what gave this personality its unique significance for the early Christian teachers, who understood what was at stake. They understood that this was neither an abstract, shadowy concept nor a single human being in his actuality, but truly and really the God-man, an individual personality in the fullness of truth.
[ 17 ] Nun, so können wir es verstehen, daß alle diejenigen, die in den ersten Zeiten der Frohbotschaft von dem Christus verkündigten, nicht nur an der Lehre und an der tatsächlichen Person, sondern vor allen Dingen an der Anschauung von der Gottmenschheit festhielten, daß sie die Überzeugung davon sich bildeten, daß er, den sie gesehen haben, ein hoher, ein wirklicher Gottmensch war. Nicht die Lehre hielt die ersten Christen zusammen, nicht das, was Christus gelehrt hat; das war es nicht, worin sich die ersten Christen verbunden glaubten. — Schon das allein spricht auch gegen diejenigen, welche eine abstrakte ethische Sittenlehre an die Stelle des Christentums setzen wollten. Dann aber sind sie nicht mehr Christen.
[ 17 ] Well, we can understand that all those who proclaimed the Good News of Christ in the early days held fast not only to the doctrine and to the actual person, but above all to the vision of the God-man, that they formed the conviction that he whom they had seen was a noble, a true God-man. It was not doctrine that held the first Christians together, nor what Christ taught; that was not what the first Christians believed united them. — That alone speaks against those who wanted to replace Christianity with an abstract ethical doctrine of morals. But then they are no longer Christians.
[ 18 ] Nicht gleichgültig war es, wer diese Lehre in die Welt gebracht hat, sondern deren Stifter war in der Welt wirklich Fleisch geworden. Daher wird im Anfange des Christentums weniger auf Beweise als auf die lebendige Erinnerung an den Herrn Wert gelegt. Dies wird fortwährend betont. Es ist die Persönlichkeit, die gotterfüllte Persönlichkeit, welche die größten Gemeinschaften zusammenhält. Deshalb sagen uns die ersten christlichen Kirchenlehrer immer und immer wieder, daß es das Verdienst des historischen Ereignisses ist, von dem das Christentum seinen Ausgang genommen hat. Wir haben von Irenäus den Hinweis darauf, daß er noch selbst Menschen gekannt habe, die ihrerseits noch Apostel gekannt hatten, jene, die den Herrn von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Und er betont, daß der vierte Papst, Clemens Romanus, noch viele Apostel gekannt hat, die auch den Herrn von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten. Das ist so. Und warum betont er das? Die ersten Lehrer wollten nicht allein von der Lehre, nicht allein von logischen Beweisen sprechen, sondern sie wollten vor allen Dingen davon sprechen, daß sie das, was von oben her in die Erdenwelt eingetreten war, selbst mit Augen gesehen, mit Händen gefühlt haben; daß sie nicht dazu da seien, um etwas zu beweisen, sondern um Zeugnis abzulegen von dem lebendigen Wort. Das war aber nicht die Persönlichkeit, die man mit Augen sehen, mit Sinnen wahrnehmen konnte. Nicht die Persönlichkeit, die dann der schlichte Mann aus Nazareth genannt werden konnte, ist es, die die erste Lehre des Christentums verkündigt. Ein einziges Wort eines gewiß maßgebenden Zeugen muß dafür sprechen, daß etwas Höheres zugrunde liegt. Und dieses Wort des Paulus, es kann nicht genug betont werden: «Ist Christus nicht auferstanden, dann ist nichtig unsere Botschaft und eitel unser Glaube.» Als Grundlage des Christentums nennt Paulus den auferstandenen Christus, nicht den Christus, der in Galiläa und Jerusalem gewandert ist. Eitel ist der Glaube, wenn der Christus nicht auferstanden ist. Eitel ist der Christ, wenn er sich nicht bekennen kann zum auferstandenen Christus.
[ 18 ] It was not a matter of indifference who brought this teaching into the world; rather, its founder had truly become flesh in the world. That is why, in the early days of Christianity, less emphasis was placed on proof than on the living memory of the Lord. This is constantly emphasized. It is the personality—the God-filled personality—that holds the largest communities together. That is why the early Christian Church Fathers tell us time and again that the merit lies in the historical event from which Christianity originated. We have a reference from Irenaeus indicating that he himself had known people who, in turn, had known the apostles—those who had seen the Lord face to face. And he emphasizes that the fourth pope, Clement of Rome, had known many apostles who had also seen the Lord face to face. That is so. And why does he emphasize this? The first teachers did not want to speak solely of doctrine, not solely of logical proofs, but above all they wanted to speak of the fact that they themselves had seen with their own eyes and touched with their own hands that which had come down from above into the earthly world; that they were not there to prove something, but to bear witness to the living Word. But that was not the person whom one could see with the eyes or perceive with the senses. It is not the person who could then be called the simple man from Nazareth who proclaims the first teaching of Christianity. A single word from a certainly authoritative witness must speak to the fact that something higher underlies it all. And this word of Paul—it cannot be emphasized enough: “If Christ has not been raised, then our preaching is in vain and your faith is in vain.” As the foundation of Christianity, Paul names the risen Christ, not the Christ who walked in Galilee and Jerusalem. Faith is in vain if Christ has not been raised. The Christian is in vain if he cannot profess faith in the risen Christ.
[ 19 ] Was verstanden sie unter dem auferstandenen Christus? Auch das können wir von Paulus lernen. Er sagt es uns klar und deutlich, worauf sich das Bekenntnis zur Auferstehung bei ihm gründet. Das wissen ja alle; alle wissen, daß Paulus sozusagen ein nachgeborener Apostel ist, daß er die Bekehrung zum Christen der Erscheinung des längst nicht mehr auf Erden weilenden Christus verdankt. Diese Erscheinung einer hohen geistigen Wesenheit kann nur der Theosoph in ihrer Wahrheit erkennen. Nur er weiß, was ein Eingeweihter, wie Paulus, meint, wenn er davon spricht, daß ihm lebendig der auferstandene Christus erschienen ist. Und Paulus sagt uns noch mehr, und das müssen wir wohl beherzigen. Er sagt uns im ı. Korinther 15, 3-8: «Ich habe euch überliefert in erster Linie, wie ich es selbst bekommen habe, daß der Christus gekommen ist um unserer Sünden willen, daß er gestorben ist und auferweckt am dritten Tage, und daß er erschienen ist dem Kephas und den Zwölfen, und nach dieser Erscheinung mehr als fünfhundert Brüdern, von denen die meisten noch leben, einige aber sind entschlafen. Zuletzt ward mir als dem zur Unzeit Geborenen die Erscheinung.»
[ 19 ] What did they understand by the risen Christ? We can learn that from Paul as well. He tells us clearly and unambiguously what his belief in the Resurrection is based on. Everyone knows this; everyone knows that Paul is, so to speak, a later-born apostle, that he owes his conversion to Christianity to the appearance of Christ, who had long since departed from the earth. Only the theosophist can recognize the truth of this appearance of a high spiritual being. Only he knows what an initiate like Paul means when he speaks of the risen Christ appearing to him alive. And Paul tells us even more, and we must take this to heart. He tells us in 1 Corinthians 15:3–8: “I passed on to you, first of all, what I myself received: that Christ came for our sins, that he died and was raised on the third day, and that he appeared to Cephas and the Twelve, and after this appearance to more than five hundred brothers, most of whom are still alive, though some have fallen asleep. Last of all, the appearance was made to me also, as to one born out of due time.”
[ 20 ] Gleich stellte er da seine Erscheinung derjenigen, auf welche der höhere Glaube der anderen Apostel sich gründete. Er stellte sie gleich der Erscheinung, welche die Apostel von Christus überhaupt hatten, nachdem er gestorben war. Wir haben es also zu tun mit einer geistigen Erscheinung; mit einer Geist-Erscheinung, die wir uns nicht in schattenhafter Weise zu denken haben, als schattenhaft ideell, sondern als Wirklichkeit, wie sich der Theosoph den Geist vorstellt; mit einer Erscheinung des Geistes, die zwar nicht körperlich ist, aber doch wirklicher und wahrhaftiger als jede äußere, durch die Sinne wahrnehmbare Wirklichkeit. Wenn wir das uns vorhalten, dann sind wir uns klar, daß es gar nicht anders sein kann, als daß man es in den ersten christlichen Jahrhunderten zu tun hat mit dem Fleisch gewordenen Wort, daß der Gottmensch nicht der schlichte Mann aus Nazareth ist, sondern der wirklich realisierte höhere Gottesgeist. Wenn wir das betrachten, dann stehen wir völlig auf dem Boden der Theosophie. Und niemand ist vielleicht im wahren Sinne des Wortes mehr ein Theosoph zu nennen als der Verkündiger des Auferstehungswunders: der Apostel Paulus. Keinem Theosophen kann es einfallen, den Apostel Paulus als etwas anderes anzusehen, als einen tief Eingeweihten, als einen derjenigen, die da wissen, um was es sich handelt.
[ 20 ] He immediately equated this appearance with the one upon which the higher faith of the other apostles was founded. He equated it with the appearance that the apostles had of Christ in general after he had died. We are thus dealing with a spiritual apparition; with a spiritual apparition that we must not conceive of in a shadowy way, as a shadowy idea, but as reality, as the theosophist conceives of the spirit; with an apparition of the spirit that, while not physical, is nevertheless more real and true than any external reality perceptible through the senses. If we bear this in mind, then it becomes clear to us that it cannot be otherwise than that in the first Christian centuries we are dealing with the Word made flesh, that the God-man is not the simple man from Nazareth, but the truly realized higher Spirit of God. When we consider this, we stand entirely on the ground of Theosophy. And perhaps no one can be called a theosophist in the true sense of the word more than the proclaimer of the miracle of the Resurrection: the Apostle Paul. No theosophist would think of viewing the Apostle Paul as anything other than a deeply initiated being, as one of those who know what is at stake.
[ 21 ] Eines muß ich da noch hervorheben, und das ist, daß es nicht zulässig ist, herunterzuziehen diese erhabene Erscheinung, die einzig in der Welt dasteht, in die materialistische Weltanschauung; daß der Weg zum Verständnis des Stifters des Christentums nicht in den Regionen verläuft, wo nur «schlichte Menschen», wo nur Ideale sind, sondern daß er hinaufführen muß dahin, wo der hohe Christus-Geist selber ist. Und das haben die ersten Christen getan, diesen Weg haben sie gehen wollen, um zu begreifen das lebendige Wort.
[ 21 ] There is one thing I must emphasize here, and that is that it is not permissible to reduce this sublime phenomenon, which stands alone in the world, to a materialistic worldview; that the path to understanding the founder of Christianity does not lie in the realms where there are only “simple people,” where there are only ideals, but that it must lead upward to where the high Christ Spirit itself is. And that is what the first Christians did; they sought to walk this path in order to comprehend the living Word.
[ 22 ] Sie können nun sagen, Sie glauben, jetzt sei allmählich alles anders geworden, und das ist gut begründet. Nur dadurch, daß im Laufe der Jahrhunderte der Tatsachensinn sich ausgebildet hat, daß der Mensch vor allen Dingen lernte, die Sinne auszubilden, sie mit Instrumenten zu bewaffnen, dadurch hat er seine Fortschritte in der äußeren Welt Erkenntnis gemacht. Aber diese ungeheuren Fortschritte in unserem Weltverkehr, das Durchdringen des Sternenhimmels mit der Kopernikanischen Weltanschauung, das Durchdringen der kleinsten Lebewesen mit dem Mikroskop, sie alle haben uns, wie ein jegliches Ding seine Schatten wirft, auch ihre Schattenseiten gebracht. Sie haben uns ganz bestimmte Denkgewohnheiten gebracht; Denkgewohnheiten, die vor allen Dingen hängen an dem tatsächlich Wirklichen, an dem sinnlich Wahrnehmbaren. Und so ist es dann gekommen, daß auf die natürlichste Weise von der Welt dieses an das rein Sinnliche sich hinwendende Denken Gewohnheit geworden ist, daß es sich auch an die höchsten religiösen Wahrheiten herangemacht und den Geist und seinen Inhalt so zu begreifen versucht hat, wie der Naturforscher mit seinen Sinnen die äußere Natur zu begreifen versucht.
[ 22 ] You might say that you believe things have gradually changed, and you have good reason to think so. It is only because, over the course of the centuries, a sense of reality has developed—because human beings learned above all to train their senses and equip them with instruments—that they have made their progress in the external world known. But these tremendous advances in our understanding of the world—the exploration of the starry heavens through the Copernican worldview, the examination of the tiniest living beings through the microscope—have all brought us, just as every thing casts its shadow, their own downsides as well. They have brought us very specific habits of thought; habits of thought that cling above all to what is actually real, to what is perceptible to the senses. And so it has come to pass that, in the most natural way, this mode of thinking—which turns toward the purely sensory—has become a habit in the world; that it has also set about the highest religious truths and attempted to comprehend the spirit and its content in the same way that the natural scientist attempts to comprehend external nature with his senses.
[ 23 ] Ideale, welche abstrakte Begriffe enthalten, kann sich allenfalls der materialistische Naturforscher noch vorstellen. Er spricht dann von Wahrheit, Schönheit, Güte, welche sich in der Welt immer mehr und mehr verwirklichen wollen. Er stellt sich schattenhafte Begriffe vor. Er kann sich noch zu einer «Schlichtheit» erheben im menschlichen Vorstellen, aber zu etwas noch Höherem, zum Ergreifen einer wirklichen Geistigkeit kann es dieser naturwissenschaftliche Sinn mit seiner durch Jahrhunderte anerzogenen Denkgewohnheit nicht bringen. Diese Gedankengewohnheiten sind nun heute auf ihre höchste Höhe gekommen. Und wie alles das, was sich einseitig ausgebildet hat, einer Ergänzung bedarf, so bedarf auch der berechtigte materialistische Sinn auf der anderen Seite der spirituellen Vertiefung. Er bedarf derjenigen Erkenntnis, die uns erhebt zu den Höhen der Geistigkeit. Und dieses Erheben zu dem Geiste und seiner Wirklichkeit, das will die Theosophie. Deshalb will sie sich vor allen Dingen an das halten, wovon man nicht in materialistischen Anschauungen spricht, sondern an das, was sich erhebt zu den höchsten Stufen menschlicher Erkenntnis. Von daher ist zu verstehen, was es heißt, das Wort ist Fleisch geworden; was es heißt, den Geist aus dem Göttlichen in dem menschlichen Körper zu erfassen.
[ 23 ] Ideals that contain abstract concepts can, at best, still be conceived by the materialist natural scientist. He then speaks of truth, beauty, and goodness, which seek to realize themselves more and more in the world. He imagines shadowy concepts. He can still rise to a “simplicity” in human imagination, but this scientific mindset, with its habits of thought ingrained over centuries, cannot attain anything higher—the grasping of true spirituality. These habits of thought have now reached their zenith. And just as everything that has developed one-sidedly requires a complement, so too does the legitimate materialistic mindset require spiritual deepening on the other side. It requires the kind of knowledge that lifts us to the heights of spirituality. And this lifting up to the Spirit and its reality is what Theosophy seeks. That is why it seeks above all to hold fast not to what is discussed in materialistic views, but to that which rises to the highest levels of human knowledge. From this perspective, one can understand what it means that the Word became flesh; what it means to grasp the Spirit from the Divine within the human body.
[ 24 ] Was Christus meinte, das konnte er nicht immer unumwunden aussprechen. Sie alle kennen das Wort: Vor dem Volke sprach er in Gleichnissen, wenn er aber mit den Jüngern zusammen war, da legte er ihnen diese Gleichnisse aus. — Woraus entsprang diese Absicht des Stifters des Christentums, sozusagen zwei Sprachen zu sprechen? Die einfache Vergleichung kann es uns sagen, woraus das entspringt. Wenn Sie irgendeinen Gegenstand, einen Tisch brauchen, dann gehen Sie nicht zu jedem beliebigen Menschen, sondern zu demjenigen, der versteht, einen Tisch zu machen. Und wenn dieser ihn gemacht hat, dann maßen Sie sich nicht an, den Tisch selbst gemacht zu haben. Sie gestehen ruhig zu, ein Laie zu sein im Tischemachen. Das aber wollen die Menschen nicht zugestehen, daß man auch ein Laie sein kann in bezug auf die höchsten Dinge, die es gibt, daß der schlichte Verstand, der sozusagen im Naturzustande ist, die höchsten Höhen erst erklimmen muß. Daraus ist.die Sehnsucht entsprungen, herunterzuziehen diese höchste Wahrheit auf das Niveau des allgemeinen Menschenverstandes. Aber ebenso wie wir als Laien im Tischemachen wissen, wenn ein Tisch gut ist, wie wir ihn in unseren Dienst zu stellen haben, so wissen wir, wenn wir das Wahre gehört haben, ob es zu unseren Herzen spricht, ob unser Herz es gebrauchen kann. Aber wir müssen uns nicht anmaßen, aus dem bloßen Herzen, aus dem schlichten Menschenverstande heraus auch selbst die Erkenntnis erzeugen zu wollen. Aus dieser Anschauung ist die Unterscheidung entsprungen, die in alten Zeiten immerdar gemacht worden ist zwischen Priestern und Laien. Mit Priesterweisen haben wir es in alten Zeiten zu tun, und mit höchsten Wahrheiten, die nicht draußen auf den Straßen verkündert wurden, sondern drinnen in den Mysterientempeln.
[ 24 ] Christ could not always speak his mind openly. You are all familiar with the saying: “He spoke to the people in parables, but when he was with his disciples, he explained these parables to them.” — What was the reason behind this intention of the founder of Christianity to speak, so to speak, two languages? A simple comparison can tell us where this stems from. If you need any object, a table, for example, you do not go to just anyone, but to the one who knows how to make a table. And once he has made it, you do not presume to claim that you made the table yourself. You calmly admit that you are a layman when it comes to making tables. But people do not want to admit that one can also be a layman with regard to the highest things that exist, that the simple mind, which is, so to speak, in a natural state, must first climb to the highest heights. From this has sprung the longing to bring down this highest truth to the level of common sense. But just as we, as laypeople in table-making, know when a table is good and how to put it to use, so too, when we have heard the truth, do we know whether it speaks to our hearts, whether our hearts can make use of it. But we must not presume to want to produce knowledge ourselves from the heart alone, from simple common sense. From this perspective arose the distinction that was always made in ancient times between priests and laypeople. In ancient times, we were dealing with priestly ways and with the highest truths, which were not proclaimed out on the streets, but within the mystery temples.
[ 25 ] Höchste Weisheiten wurden nur denjenigen ausgelegt, die genügend dazu vorbereitet waren. Die Reichen des Geistes, die bekamen sie zu hören, weil sie die tiefere Wahrheit über die Welt, die Menschenseele und über Gott sind. Man mußte ein Eingeweihter werden, ein Meister, dann bekam man den Begriff, die unmittelbare Vorstellung davon, welches der Inhalt der höchsten Weisheit ist. Es war so, daß durch Jahrhunderte hindurch die Weisheit eingeflossen war in die Mysterientempel. Draußen aber stand die Menge und bekam nichts zu hören als dasjenige, was die Priesterweisheit mitzuteilen für gut fand. Immer größer und größer war die Kluft geworden zwischen dem Priestertum und dem Laientum. Initiierte nennt man diejenigen, welche wußten um die Weisheit des lebendigen Gottes. Viele Stufen hatte man zu steigen, bis man hinaufgeführt wurde zu dem Altar, an dem einem verkündigt wurde, was die Weisesten erkundet hatten und geoffenbart hatten über die Weisheit des lebendigen Gottes.
[ 25 ] The highest truths were revealed only to those who were sufficiently prepared. The spiritually rich were the ones who heard them, for they embody the deeper truth about the world, the human soul, and God. One had to become an initiate, a master; only then did one gain an understanding, a direct conception of what the content of the highest wisdom is. It was the case that, over the course of centuries, wisdom had flowed into the mystery temples. Outside, however, stood the masses, hearing nothing but what the priestly wisdom deemed fit to impart. The gulf between the priesthood and the laity had grown ever wider. Initiates are those who knew the wisdom of the living God. One had to climb many steps before being led up to the altar, where one was told what the wisest had discovered and revealed about the wisdom of the living God.
[ 26 ] Das war durch Jahrhunderte hindurch Brauch. Dann kam eine Zeit, und dies ist die Zeit der Entstehung des Christentums, in der sich auf dem großen Schauplatz der Weltgeschichte als historische Tatsache abspielte vor den Augen der Welt, für alle Menschen das, was sich vorher nur abgespielt hatte für die Reichen im Geiste, für diejenigen, welche eingeweiht wurden in die Mysterien. Nur diejenigen, die da schauten in den Mysterientempeln die Geheimnisse des Daseins, die konnten in alten Zeiten, nach der Anschauung der Priesterweisen, zu einer wirklichen Seligkeit kommen. In dem Stifter des Christentums lebte aber das höhere Erbarmen, mit der ganzen Menschheit einen anderen Weg zu gehen, und auch selig werden zu lassen diejenigen, die da nicht schauten, das heißt, die nicht eindringen konnten in die Mysterientempel, die, welche nur durch das schwache Gefühl, bloß durch den Glauben zu dieser Seligkeit geführt werden sollen.
[ 26 ] This had been the custom for centuries. Then came a time—the time of the emergence of Christianity—when, on the great stage of world history, what had previously taken place only for the spiritually rich, for those initiated into the mysteries, unfolded before the eyes of the world as a historical fact for all people. Only those who beheld the mysteries of existence in the mystery temples could, in ancient times, according to the view of the priestly sages, attain true bliss. But the founder of Christianity was moved by a higher compassion to take a different path with all of humanity, and to grant salvation also to those who did not behold these mysteries—that is, those who could not enter the mystery temples, those who are to be led to this salvation only through a faint sense, merely through faith.
[ 27 ] Und so mußte ein neues Bekenntnis, eine neue Frohbotschaft ertönen nach den Absichten des Stifters des Christentums, welche in anderen Worten spricht, als die alten Priesterweisen gesprochen hatten; eine Botschaft, welche herausgesprochen ist aus der tiefsten Weisheit und dem unmittelbaren spirituellen Erkennen, welche aber zu gleicher Zeit Widerhall finden konnte in dem schlichtesten Menschenherzen. Heranziehen wollte sich daher dieser Stifter des Christentums Jünger und Apostel. Überall, wo es Steine gab, das heißt Menschenherzen, um Funken herauszuschlagen, sollten sie eingeweiht werden in das Mysterium. So mußten sie das Höchste erleben, das ist der Sieg des Wortes. Zu dem Volke sprach er in Gleichnissen, aber wenn er mit ihnen allein war, legte er sie ihnen aus.
[ 27 ] And so a new creed, a new Gospel, had to be proclaimed in accordance with the intentions of the founder of Christianity—one that spoke in words different from those used by the old priests; a message spoken from the deepest wisdom and direct spiritual insight, yet one that could at the same time find an echo in the simplest human heart. This founder of Christianity therefore sought to draw disciples and apostles to himself. Wherever there were stones—that is, human hearts—from which to strike sparks, they were to be initiated into the Mystery. Thus they had to experience the Highest, which is the victory of the Word. To the people he spoke in parables, but when he was alone with them, he explained them to them.
[ 28 ] Lassen Sie uns nur ein paar Beispiele anführen, wie der Christus das lebendige Wort zu entzünden versuchte, wie er das Leben herausschlagen wollte aus den einzelnen Menschenherzen. Wir hören, daß der Christus seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes hinaufführt auf den Berg und daß er dört eine Metamorphose durchmacht vor den Augen seiner Jünger. Wir hören, daß Moses und Elias zu beiden Seiten des Jesus waren.
[ 28 ] Let us cite just a few examples of how Christ sought to kindle the living Word, how he sought to draw life forth from the hearts of individual people. We hear that Christ led his disciples Peter, James, and John up the mountain and that there he underwent a metamorphosis before the eyes of his disciples. We hear that Moses and Elijah were on either side of Jesus.
[ 29 ] Der Theosoph weiß, was der mystische Ausspruch bedeutet: auf den Berg hinaufführen. Solche Ausdrücke muß man kennen, fachmännisch kennen, genau ebenso wie man die Sprache kennen muß, bevor man den Geist eines Volkes zu studieren in der Lage ist. Was heißt es, auf den Berg führen? Es heißt nichts anderes als, in den Mysterientempel hineingeführt werden, wo man durch Anschauen, durch mystisches Anschauen die unmittelbare Überzeugung schöpfen kann von der Ewigkeit der Menschenseele, von der Wirklichkeit des geistigen Daseins.
[ 29 ] The theosophist knows what the mystical saying means: “to lead up the mountain.” One must be familiar with such expressions—be expertly familiar with them—just as one must know the language before one is able to study the spirit of a people. What does it mean to lead up the mountain? It means nothing other than being led into the temple of the Mysteries, where, through beholding—through mystical beholding—one can gain immediate conviction of the eternity of the human soul and of the reality of spiritual existence.
[ 30 ] Diese drei Jünger hatten eine noch höhere Erkenntnis als die anderen durch ihren Meister zu gewinnen. Sie hatten vor-allen Dingen hier auf dem Berge die Überzeugung zu gewinnen, daß der Christus wirklich war das lebendige, das Fleisch gewordene Wort. Deshalb zeigt er sich in seiner Geistigkeit, in jener Geistigkeit, welche erhaben ist über Raum und Zeit; in jener Geistigkeit, für welche es kein Vorher und kein Nachher gibt, in der alles Gegenwart ist. Auch das Vergangene ist Gegenwart. Da ist das Vergangene wesenhaft, als Elias und Moses neben der Gegenwart des Jesus erschienen. Und jetzt glauben die Jünger an den Gottesgeist. Aber sie sagen: Es steht doch geschrieben, daß, bevor der Christus kommt, noch der Elias kommt und ihn vorher verkündigt. Und nun lesen Sie das Evangelium. Es sind wirklich die Worte, welche auf das folgen, was ich erzählt habe. Sie sind im höchsten Grade bedeutend: «Elias ist gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, und sie haben mit ihm gemacht, was sie mit ihm haben machen wollen.» — «Elias ist gekommen», halten wir die Worte fest. Und dann heißt es weiter: «Da merkten die Jünger, daß er von Johannes dem Täufer geredet hatte.» Und Jesus hatte vorher gesagt: «Teilet niemandem mit, was ihr heute erfahren habt, bevor der Menschensohn auferstanden ist.» In ein Mysterium sind wir geführt. Drei Jünger hat der Christus nur für würdig gehalten, dieses Mysterium zu erfahren. Und welches ist dieses Mysterium? Mitgeteilt hat er, daß der Johannes der reinkarnierte Elias ist.
[ 30 ] These three disciples were to gain an even higher understanding than the others through their Master. Above all, they were to come to the conviction here on the mountain that the Christ was truly the living Word made flesh. That is why he reveals himself in his spirituality—in that spirituality which transcends space and time; in that spirituality for which there is no before and no after, in which everything is the present. Even the past is the present. There, the past is substantial, as Elijah and Moses appeared alongside the presence of Jesus. And now the disciples believe in the Spirit of God. But they say: It is written, after all, that before the Christ comes, Elijah will come and announce him beforehand. And now read the Gospel. These are indeed the words that follow what I have recounted. They are of the utmost significance: “Elijah has come, but they did not recognize him, and they did to him what they wanted to do to him.” — “Elijah has come,” let us note these words. And then it continues: “Then the disciples realized that he had been speaking of John the Baptist.” And Jesus had said earlier: “Tell no one what you have learned today until the Son of Man has risen.” We are led into a mystery. Christ deemed only three disciples worthy to know this mystery. And what is this mystery? He revealed that John is the reincarnated Elijah.
[ 31 ] Die Wiederverkörperung wurde zu allen Zeiten gelehrt innerhalb der Mysterientempel. Und keine andere als diese okkulte theosophische Lehre hat der Christus seinen vertrauten Jüngern mitgeteilt. Sie sollten sie kennenlernen, diese Reinkarnationslehre. Aber gewinnen sollten sie auch das lebendige Wort, das aus ihrem Munde kommen muß, wenn es belebt und durchgeistigt ist von dieser Überzeugung, bis ein anderes eingetreten ist. Erst sollten sie die unmittelbare Überzeugung haben, daß der Geist auferstanden ist. Wenn sie dieses hinter sich haben, dann sollen sie hinausgehen in alle Welt und aus schlichten Herzen die Funken schlagen, die in ihnen angezündet worden sind. Das war eine der Einweihungen, das war eines der Gleichnisse, die der Christus seinen Vertrauten gegeben und ausgelegt hat.
[ 31 ] Reincarnation has been taught throughout the ages within the mystery temples. And Christ imparted no other teaching to his close disciples than this occult theosophical doctrine. They were to become acquainted with this doctrine of reincarnation. But they were also to acquire the living word that must come from their mouths when it is enlivened and imbued with this conviction, until another has come. First, they should have the immediate conviction that the Spirit has risen. Once they have this behind them, then they should go out into the whole world and, from simple hearts, strike the sparks that have been kindled within them. That was one of the initiations, that was one of the parables that Christ gave and explained to his inner circle.
[ 32 ] Hören wir ein anderes. Auch das Abendmahl ist nichts anderes als eine Einweihung, eine Einweihung in die tiefste Bedeutung der ganzen christlichen Lehre. Wer das Abendmahl in seiner wahren Bedeutung versteht, der erst versteht die christliche Lehre in ihrer Geistigkeit und in ihrer Wahrheit. Gewagt ist es, diese Lehre auszusprechen, die ich Ihnen jetzt vortragen will, und ich weiß wohl, daß sie Angriffe erfahren kann von allen Seiten, weil sie dem Buchstaben widerspricht. Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Nur mühsam kann man sich hinaufringen zu der Einsicht von der wahren Bedeutung des Abendmahls. Nicht im einzelnen hören Sie darüber heute, aber andeuten lassen Sie mich, was dieses zu den tiefsten Mysterien des Christentums Gehörige eigentlich bezeichnet. Der Christus versammelt seine Apostel, um mit ihnen die Einsetzung des unblutigen Opfers zu feiern. Das wollen wir verstehen.
[ 32 ] Let us consider another example. The Lord’s Supper, too, is nothing other than an initiation—an initiation into the deepest meaning of the entire Christian doctrine. Only those who understand the Lord’s Supper in its true meaning can truly grasp Christian doctrine in its spirituality and truth. It is a bold thing to speak this teaching that I now wish to present to you, and I am well aware that it may be attacked from all sides because it contradicts the letter of the law. The letter kills, but the Spirit gives life. It is only with great effort that one can bring oneself to grasp the true meaning of the Lord’s Supper. You will not hear about it in detail today, but let me hint at what this, which belongs to the deepest mysteries of Christianity, actually signifies. Christ gathers his apostles to celebrate with them the institution of the bloodless sacrifice. Let us understand this.
[ 33 ] Um uns einen Weg zu bahnen, dieses Ereignis zu verstehen, lassen Sie uns einmal auf eine andere, wenig be achtete Tatsache zurückkommen, die uns zeigen soll, wie wir das Abendmahl aufzufassen haben. Wir hören im Evangelium, daß der Christus vorbeikam an einem Blindgeborenen. Und die um ihn waren, die fragten: «Hat dieser gesündigt oder seine Eltern, daß er blind geboren ist zur Strafe?» Der Christus antwortete: «Nicht dieser selbst hat gesündigt und auch nicht seine Eltern, aber er ist blind geboren, damit die Werke der Gottheit offenbar werden», oder noch besser, «damit die göttliche Art, die Welt zu regieren, offenbar werde». Also, es wird mit den Worten «in der göttlichen Art die Welt zu regieren» begründet, daß dieser blind geboren ist. Da er nicht gesündigt hat in diesem Leben und seine Eltern auch nicht, so muß der Grund woanders gesucht werden. Wir können nicht stehenbleiben bei der einzelnen Persönlichkeit und nicht bei den Eltern und Voreltern, sondern wir müssen uns das Innere der Seele des Blindgeborenen ewig denken, wir müssen uns dazu verstehen, die Ursache in den vorher existierenden Seelen zu suchen, die Seelen, die die Wirkung erfahren haben eines früheren Lebens, Das, was wir Karma nennen, ist hier angedeutet, nicht ausgesprochen. Und gleich werden wir hören, warum solches nicht ausgesprochen ist. Daß die Sünden der Väter gerächt werden an den Kindern und Kindeskindern, das ist eine Lehre bei denjenigen, in welche der Christus hineinversetzt worden ist. Die Sünden der Väter werden an Kindern und Kindeskindern gesühnt. Das ist eine Lehre, die nicht stimmt zu der Anschauung, die der Christus gegenüber dem Blindgeborenen ausgesprochen hat. Hält man an der Lehre fest, daß es nur Sünde der Väter sein könne, daß es nur innerhalb der physischen Welt Schuld und Sühne gibt, dann müßte er leiden für das, was seine Väter begangen haben.
[ 33 ] To help us understand this event, let us return to another, little-noticed fact that should show us how we are to interpret the Lord’s Supper. We read in the Gospel that Christ passed by a man born blind. And those around him asked, “Has this man sinned, or have his parents, that he was born blind as a punishment?” Christ answered, “Neither this man nor his parents have sinned, but he was born blind so that the works of God might be revealed,” or better yet, “so that the divine way of governing the world might be revealed.” Thus, the fact that he was born blind is explained by the words “the divine way of governing the world.” Since he has not sinned in this life, nor have his parents, the reason must be sought elsewhere. We cannot limit ourselves to the individual personality, nor to the parents and ancestors; rather, we must contemplate the innermost depths of the soul of the man born blind; we must be prepared to seek the cause in the pre-existing souls—those souls that have experienced the consequences of a previous life. What we call karma is implied here, though not explicitly stated. And shortly we shall hear why this is not explicitly stated. That the sins of the fathers are avenged upon the children and the children’s children—this is a teaching among those into whom Christ has been incarnated. The sins of the fathers are atoned for by the children and the children’s children. This is a teaching that does not accord with the view that Christ expressed regarding the man born blind. If one adheres to the teaching that it can only be the sin of the fathers, that there is guilt and atonement only within the physical world, then he would have to suffer for what his fathers have committed.
[ 34 ] Das zeigt uns, daß der Christus die Seinen hinaufhebt zu einem ganz neuen Begriff von Schuld und Sühne, zu einem Begriff, der nichts zu tun haben wollte mit dem, was in der physischen Welt vor sich geht, zu einem Begriff, der nicht in der realen, durch die Augen offenbaren Wirklichkeit seine Geltung haben kann. Den alten Sündenbegriff, den wollte Christus bei den Seinen überwinden, den Begriff, der sich an die physische Vererbung und an die physische Tatsächlichkeit heftet. Und war es nicht ein solcher Schuldbegriff, der sich an das Physisch-Tatsächliche hält, der den alten Opfern zugrunde lag? Gingen sie nicht hin, die Sünder, zu dem Altar und brachten ihre Sühnopfer dar, brachten sie nicht ein rein physisches Ereignis vor, um die Sünden abzustreifen? Die alten Opfer waren physische Tatsächlichkeiten. Aber in der physischen Tatsächlichkeit, das lehrte der Christus, kann Schuld und Sühne nicht gesucht werden. Deshalb kann selbst das Höchste, selbst der Gottesgeist, das lebendige Wort, der Tatsächlichkeit verfallen bis zum Tode, dem der Christus verfallen ist, ohne schuldig zu sein. Alles äußere Opfer kann sich nicht decken mit dem Begriff von Schuld und Sühne. Das Lamm Gottes war das Unschuldigste, es kann den Opfertod sterben.
[ 34 ] This shows us that Christ elevates his followers to an entirely new concept of guilt and atonement—a concept that has nothing to do with what takes place in the physical world, a concept that cannot hold true in the reality revealed to the eyes. Christ wanted to overcome the old concept of sin among His own—the concept that clings to physical heredity and physical reality. And was it not such a concept of guilt, one that clings to the physical and factual, that underlay the ancient sacrifices? Did not the sinners go to the altar and offer their sacrifices of atonement; did they not perform a purely physical act to cast off their sins? The old sacrifices were physical realities. But in physical reality, as Christ taught, guilt and atonement cannot be sought. Therefore, even the Highest, even the Spirit of God, the living Word, can fall into reality to the point of death—the death to which Christ fell—without being guilty. No external sacrifice can correspond to the concept of guilt and atonement. The Lamb of God was the most innocent; it can die the sacrificial death.
[ 35 ] Damit sollte auf dem Schauplatz der Geschichte vor aller Welt bezeugt werden, daß Schuld und Sühne nicht in der Tatsächlichkeit ihre Verkörperung hat, nicht in der physischen Tatsächlichkeit existieren kann, sondern auf einem höheren Gebiete, auf dem Gebiete des geistigen Lebens zu suchen ist. Wenn der Schuldige nur im physischen Leben der tatsächlichen Strafe verfallen könnte, wenn der Schuldige nur Opfer zu bringen brauchte, dann müßte nicht das unschuldige Lamm am Kreuze sterben. Damit Menschen erlöst werden von dem Glauben, daß in äußerer Tatsächlichkeit Schuld und Sühne gefunden werde, daß sie eine Folge der äußerlich vererbten Sünde sein soll, darum nahm der Christus das Opfer des Kreuzes auf sich. Und so ist er wirklich für den Glauben aller Menschen gestorben, um ein Zeugnis dafür zu geben, daß nicht im physischen Bewußtsein das Bewußtsein für Schuld und Sühne zu suchen ist. Darum sollten sich alle daran erinnern: Selbst das Opfer am Kreuze ist nicht dasjenige, worauf es ankommt, sondern dann, wenn sich der Mensch erhebt über Schuld und Sühne, um Ursache und Wirkung für seine Taten auf dem Gebiete des Geistigen zu suchen, dann hat er erst die Wahrheit erreicht.
[ 35 ] This was to bear witness before the whole world, on the stage of history, that guilt and atonement do not find their embodiment in reality, cannot exist in physical reality, but must be sought in a higher realm, the realm of spiritual life. If the guilty party could be subjected to actual punishment only in physical life, if the guilty party need only make sacrifices, then the innocent Lamb would not have had to die on the cross. So that people might be redeemed from the belief that guilt and atonement are to be found in external reality, that they are a consequence of externally inherited sin—for this reason Christ took upon Himself the sacrifice of the cross. And so he truly died for the faith of all people, to bear witness that the awareness of guilt and atonement is not to be sought in physical consciousness. Therefore, everyone should remember: Even the sacrifice on the cross is not what matters; rather, when a person rises above guilt and atonement to seek the cause and effect of his actions in the spiritual realm, only then has he attained the truth.
[ 36 ] Deshalb ist das letzte Opfer, das unblutige Opfer, zugleich auch der Beweis von der Unmöglichkeit des äußeren Opfers, so daß das unblutige Opfer eingesetzt wird, so daß der Mensch Schuld und Sühne, das Bewußtsein von dem Zusammenhang seiner Taten, auf geistigem Gebiete zu suchen hat. Das soll im Gedächtnis bleiben. Deshalb soll nicht der Opfertod als dasjenige angesehen werden, auf das es ankommt, sondern an die Stelle des blutigen Opfers soll das unblutige, das geistige Opfer, das Abendmahl treten als Symbol dafür, daß auf dem geistigen Felde Schuld und Sühne für menschliche Taten leben. Dies ist aber die theosophische Lehre vom Karma, daß alles dasjenige, was der Mensch irgendwie in seinen Handlungen verursacht hat, seine Wirkungen nach sich zieht durch rein geistige Gesetze, daß Karma nichts zu tun hat mit physischer Vererbung. Dafür ist ein äußeres Zeichen das unblutige Opfer, das Abendmahl.
[ 36 ] Therefore, the final sacrifice—the bloodless sacrifice—is at the same time proof of the impossibility of external sacrifice, so that the bloodless sacrifice is instituted, and so that man must seek guilt and atonement, the awareness of the connection between his deeds, in the spiritual realm. This should be kept in mind. Therefore, the sacrificial death should not be regarded as the decisive factor; rather, in place of the bloody sacrifice, the bloodless, spiritual sacrifice—the Lord’s Supper—should take its place as a symbol that guilt and atonement for human deeds exist in the spiritual realm. This, however, is the theosophical doctrine of karma: that everything a person has in any way brought about through their actions produces its effects through purely spiritual laws, and that karma has nothing to do with physical heredity. The bloodless sacrifice, the Lord’s Supper, serves as an outward sign of this.
[ 37 ] Aber nicht in Worten ausgesprochen liegt im christlichen Bekenntnis dieses, daß das Abendmahl das Symbol für Karma ist. Das Christentum hatte eben eine andere Aufgabe. Ich habe sie bereits angedeutet. Karma und Reinkarnation, Schicksalsverkettung auf geistigem Gebiete und Wiederverkörperung der menschlichen Seele, das waren tiefe esoterische Wahrheiten, die im Inneren der esoterischen Tempel gelehrt worden sind. Sie hat Christus, wie alle großen Lehrer, die Seinen im Inneren der Tempel gelehrt. Dann aber sollten sie hinausgehen in alle Welt, nachdem in ihnen entzündet war die Kraft und das Feuer des Gottes, damit auch diejenigen, die nicht schauen, doch glauben konnten und selig werden.
[ 37 ] Yet the Christian creed implicitly holds that the Eucharist is a symbol of karma. Christianity simply had a different mission. I have already hinted at it. Karma and reincarnation, the chain of destiny in the spiritual realm, and the reincarnation of the human soul—these were profound esoteric truths that were taught within the esoteric temples. Christ, like all great teachers, taught His disciples within the temples. But then they were to go out into the whole world, after the power and fire of God had been kindled within them, so that even those who do not see might still believe and be saved.
[ 38 ] Deshalb rief er die Seinen noch zusammen, gleich am Anfang, um ihnen zu sagen, daß sie nicht allein Lehrer im Reiche des Geistes sind, sondern daß sie etwas anderes sein sollen. Und das ist der tiefere Sinn der ersten Worte der Bergpredigt: «Selig sind, die da Bettler sind um Geist, denn sie finden in sich selbst die Reiche der Himmel.» Nur so ist es zu verstehen, wenn richtig übersetzt ist, wie es möglich ist, aus dem lebendigen Anschauen zur Erkenntnis zu kommen. Jetzt aber sollen die, die da Bettler sind um Geist, durch ihr schlichtes Herz die Wege zum Reiche im Geiste, im Himmel finden.
[ 38 ] That is why he gathered his disciples together right at the beginning, to tell them that they are not merely teachers in the Kingdom of the Spirit, but that they are to be something else. And that is the deeper meaning of the first words of the Sermon on the Mount: “Blessed are those who are beggars for the Spirit, for they find within themselves the Kingdoms of Heaven.” Only in this way can it be understood, if translated correctly, how it is possible to arrive at knowledge through living contemplation. But now, those who are beggars for the Spirit are to find, through their simple hearts, the paths to the Kingdom in the Spirit, in Heaven.
[ 39 ] Nicht sollten die Apostel draußen reden von den höchsten Erkenntnissen; in schlichte Worte sollten sie diese Erkenntnis kleiden. Aber sie selbst sollten vollkommen sein. Deshalb sehen wir diejenigen, welche Träger sein sollten des Wortes Gottes, eine wahrhafte Theosophie lehren, eine wahrhafte theosophische Lehre ausgeben. Nehmen Sie und verstehen Sie die Worte des Paulus, verstehen Sie die Worte des Dionysios des Areopagiten und dann des Scotus Erigena, der in seinem Buche «Über die Einteilung der Natur» die Siebenteilung des Menschen lehrte wie alle Theosophen, dann werden Sie wissen, daß deren Auslegung des Christentums dieselbe war, welche ihm die Theosophie heute angedeihen läßt. Nichts anderes als das, was die christlichen Lehrer in den ersten Jahrhunderten gelehrt haben, das will die Theosophie wieder an den Tag bringen. Dienen will sie der christlichen Botschaft, auslegen will sie sie im Geiste und in der Wahrheit. Das ist die Aufgabe der Theosophie gegenüber dem Christentum. Nicht das Christentum zu überwinden, sondern es in seiner Wahrheit zu erkennen, dazu ist die Theosophie da.
[ 39 ] The apostles should not speak of the highest truths in public; they should clothe this knowledge in simple words. But they themselves should be perfect. That is why we see those who are meant to be bearers of the Word of God teaching true theosophy, expounding a true theosophical doctrine. Take and understand the words of Paul, understand the words of Dionysius the Areopagite, and then those of Scotus Erigena, who in his book *On the Division of Nature* taught the sevenfold division of the human being, just as all theosophists do; then you will know that their interpretation of Christianity was the same as that which theosophy bestows upon it today. Theosophy seeks to bring to light nothing other than what the Christian teachers taught in the first centuries. It seeks to serve the Christian message; it seeks to interpret it in spirit and in truth. This is the task of Theosophy in relation to Christianity. Theosophy exists not to overcome Christianity, but to recognize it in its truth.
[ 40 ] Und Sie brauchen nichts anderes, als das Christentum in seiner Wahrheit zu verstehen, dann haben Sie die Theosophie in ihrem vollen Umfange. Zu einer anderen Religion brauchen Sie nicht zu gehen. Sie können Christen bleiben und brauchen nichts anderes zu tun, als was wirkliche christliche Lehrer getan haben: nämlich hinaufzusteigen, um die geistigen Tiefen des Christentums auszuschöpfen. Dann sind auch diejenigen Theologen widerlegt, die den Glauben hegen, daß die Theosophie eine buddhistische Lehre sei, aber es ist widerlegt auch der Glaube, daß man die tiefen Lehren des Christentums nicht durch Hinaufsteigen in die Höhen, sondern durch Herunterziehen in die Tiefen erkennen soll. Theosophie kann nur zu dem immer besseren Begreifen des Mysteriums der Fleischwerdung führen, um dann zu verstehen das Wort, das, trotz aller rationalistischen Ableugnungsversuche, in der Bibel liegt. Wer sich in die Bibel versenkt, der kann sich nicht zu dem Rationalismus, nicht zu David Friedrich Strauß und nicht zu seinen Nachbetern bekennen. Er kann sich einzig und allein zu dem Worte bekennen, welches Goethe ausgesprochen hat, der in diesen Dingen tiefer sah als mancher andere. Er sagt: Die Bibel bleibt doch das Buch der Bücher, das Weltbuch, welches gehörig verstanden, zum christlichen Erziehungsmittel der Menschheit werden muß in der Hand nicht der naseweisen, sondern der weisen Menschen.
[ 40 ] And you need nothing more than to understand Christianity in its truth; then you will have Theosophy in its entirety. You do not need to turn to another religion. You can remain a Christian and need do nothing more than what true Christian teachers have done: namely, ascend to explore the spiritual depths of Christianity. Then those theologians who hold the belief that Theosophy is a Buddhist teaching will also be refuted, but the belief that one should not recognize the deep teachings of Christianity by ascending to the heights, but rather by descending into the depths, is also refuted. Theosophy can only lead to an ever-deeper understanding of the mystery of the Incarnation, so that one may then comprehend the Word which, despite all rationalistic attempts at denial, lies within the Bible. Whoever immerses themselves in the Bible cannot profess allegiance to rationalism, nor to David Friedrich Strauss, nor to his followers. They can only and solely profess the words spoken by Goethe, who saw more deeply into these matters than many others. He says: “The Bible remains, after all, the Book of Books, the World Book, which, when properly understood, must become the Christian means of education for humanity—in the hands not of the impertinent, but of the wise.”
[ 41 ] Eine Dienerin des Wortes ist in dieser Beziehung die Theosophie, und sie will hervorbringen den Geist, der willig ist, hinaufzusteigen dahin, wo der Stifter des Christentums gestanden hat; zu erzeugen jenen Geist, der nicht bloß menschliche, sondern der kosmische Bedeutung hat, jenen Geist, der Verständnis hatte nicht allein für das schlichte Menschenherz, das sich im Alltäglichen bewegt, sondern der gerade deshalb für das Menschenherz ein so tiefes Verständnis hatte, weil sein Blick in die Tiefen der Weltgeheimnisse drang. Es gibt kein besseres Wort, das zu zeigen, als ein Wort, das zwar nicht in unseren Evangelien steht, aber in anderer Weise überliefert wurde. Jesus kam mit seinen Jüngern an einem toten Hunde vorbei, der schon in Fäulnis übergegangen war. Da wendeten sich die Jünger ab. Aber Jesus sah mit Wohlgefallen das Tier an und bewunderte seine schönen Zähne. Paradox mag das Gleichnis sein, zum tieferen Verständnis der Wesenheit Christi führt es uns aber. Es ist ein Zeugnis, daß der Mensch das Wort lebendig in sich fühlt, wenn er an keinem Ding der Welt ohne Verständnis vorbeigeht, wenn er sich zu vertiefen und zu versenken weiß in alles, was da ist, und selbst an scheinbar Ekelhaftem nicht vorbeigehen kann, ohne Duldsamkeit, ohne Verständnis zu üben; das Verständnis, welches uns hineinsehen läßt in das Kleinste und uns erhebt zu dem Höchsten, das Verständnis für den Blick, dem nichts verborgen ist, der an nichts vorübergeht, der alles an sich herankommen läßt in vollkommener Duldsamkeit, der in seinem Herzen die Überzeugung trägt, daß wahrhaft alles, was da ist, «Fleisch von unserem Fleisch, Blut von unserem Blut» in irgendeiner Form ist: Wer zu diesem Verständnis sich hindurchgerungen hat, der erst weiß und versteht, was es heißt: der lebendige Gottesgeist war verwirklicht in einer einzigen Person, der lebendige Gottesgeist, aus dem alle Welt gemacht ist.
[ 41 ] Theosophy is a servant of the Word in this regard, and it seeks to bring forth the spirit that is willing to ascend to where the founder of Christianity stood; to generate that spirit which has not merely human but cosmic significance, that spirit which had understanding not only for the simple human heart moving within the everyday, but which had such a deep understanding of the human heart precisely because its gaze penetrated the depths of the world’s mysteries. There is no better word to illustrate this than one that, though not found in our Gospels, has been handed down in another way. Jesus and his disciples came upon a dead dog that had already begun to decompose. The disciples turned away. But Jesus looked at the animal with pleasure and admired its beautiful teeth. Paradoxical as the parable may be, it leads us to a deeper understanding of the essence of Christ. It is a testimony that a person feels the Word alive within them when they do not pass by any thing in the world without understanding, when they know how to delve deeply and immerse themselves in all that exists, and cannot even pass by what seems repulsive without exercising tolerance and understanding; the understanding that allows us to see into the smallest things and lifts us up to the highest, the understanding of the gaze from which nothing is hidden, which passes nothing by, which allows everything to come near in perfect tolerance, which carries in its heart the conviction that truly everything that exists is, in some form, “flesh of our flesh, blood of our blood”: Whoever has struggled to reach this understanding is the one who truly knows and understands what it means: the living Spirit of God was realized in a single person, the living Spirit of God from whom the whole world is made.
[ 42 ] Das ist der Sinn, den der Theosoph wieder beleben will. Jener Sinn, der übrigens in verflossenen Jahrhunderten keineswegs ganz ausgestorben war, jener Sinn, der nicht von dem Durchschnittsverstande, von einem untergeordneten Standpunkte aus den Maßstab sucht für das Höchste, sondern der vor allen Dingen sich selbst zu erhöhen sucht, der in sich zu steigern sucht, auszubilden sucht die höchsten Erkenntnisse, weil er der Überzeugung ist: wenn er sich selbst gereinigt, vergeistigt hat, neige der Geist sich zu ihm hinab. «Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.» Das sagte der große Mystiker Angelus Silesius. Derselbe wußte auch, was eine Lehre bedeutet, wenn sie höchste Erkenntnis, wenn sie Leben wird. Zu Nikodemus sagte Jesus: Wer wiedergeboren ist, wer von oben geboren ist, der spricht das, was er sagt, nicht mehr nur aus der menschlichen Erfahrung heraus, er spricht es «von oben» her aus. — Er spricht Worte, wie sie Angelus Silesius gesprochen hat am Schlusse des «Cherubinischen Wandersmann»: «Im Fall du mehr willst lesen, so geh”’ und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.»
[ 42 ] This is the spirit that the Theosophist seeks to revive. That spirit, which, incidentally, had by no means died out entirely in centuries past; that spirit which does not seek the standard for the highest from the average intellect, from a subordinate standpoint, but which seeks above all to elevate itself, to cultivate within itself the highest insights, because it is convinced: that if he has purified and spiritualized himself, the Spirit will descend toward him. “If Christ is born a thousand times in Bethlehem and not within you, you remain lost forever.” So said the great mystic Angelus Silesius. He also knew what a teaching means when it becomes highest knowledge, when it becomes life. To Nicodemus, Jesus said: Whoever is born again, whoever is born from above, no longer speaks what he says merely from human experience; he speaks it “from above.” — He speaks words such as those spoken by Angelus Silesius at the end of *The Cherubic Wanderer*: “If you wish to read more, then go” and become the Scripture yourself and the very essence.”
[ 43 ] Das ist die Anforderung, die derjenige stellt, aus dem der Geist spricht. Nicht ihn soll man hören, nicht auf seine Worte nur hören, sondern in sich anklingen lassen dasjenige, was aus ihm spricht.
[ 43 ] This is the demand made by the one through whom the Spirit speaks. One should not listen to him, nor listen only to his words, but allow that which speaks through him to resonate within oneself.
[ 44 ] Zu solchem Worte, zu solch froher Botschaft hat Jesus diejenigen auserkoren, die da sagten: Was von Anbeginn gewesen ist, das ewige Weltgesetz, was wir mit eigenen Augen gesehen, mit Händen gefühlt haben von dem Worte des Lebens, das künden wir euch. — Er war es, der ein einzelner Mensch war, und der zu gleicher Zeit lebte in dem Worte der Jünger.
[ 44 ] For this word, for this good news, Jesus chose those who said: “What has been from the beginning, the eternal law of the world, what we have seen with our own eyes and touched with our own hands—this Word of Life—we proclaim to you.” — It was He who was a single human being and who at the same time lived in the words of the disciples.
[ 45 ] Aber eines hat er noch gesagt, dessen müssen sich vor allen Dingen Theosophen bewußt sein, daß er nicht bloß da war in der Zeit, in der er gelehrt und gelebt hat, sondern das bedeutungsvolle Wort ist uns überliefert: «Ich bleibe bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.» Und die Theosophie weiß, daß er bei uns ist, daß er heute so wie damals unsere Worte prägen, unsere Worte beflügeln kann, daß er heute wie damals uns auch führen kann, daß unsere Worte das aussprechen, was er selbst ist. Eines aber will die Theosophie verhindern. Sie will verhindern, daß gesagt werden muß: Er ist gekommen, er ist da, sie haben ihn aber nicht erkannt. Die Menschen haben mit ihm machen wollen, was in ihrem Belieben steht. — Nein, an seine eigenen Quellen will der Theosoph gehen. Die Theosophie soll geistig erheben zur Geistigkeit, damit die Menschen erkennen, daß er da ist, damit sie wissen, wo sie ihn zu finden haben, und damit sie hören das lebendige Wort dessen, der da gesagt hat:
[ 45 ] But he said one more thing that theosophists, above all, must be aware of: that he was not merely present during the time in which he taught and lived, but that these meaningful words have been handed down to us: “I am with you always, even to the end of the age.” And Theosophy knows that he is with us, that today, just as then, he can shape our words, inspire our words, that today, just as then, he can also guide us, that our words express what he himself is. But there is one thing Theosophy wants to prevent. It wants to prevent the need to say: He came, he is here, but they did not recognize him. People have wanted to do with him as they pleased. — No, the theosophist wants to go to his own sources. Theosophy is meant to spiritually elevate us to spirituality, so that people may recognize that he is there, so that they may know where to find him, and so that they may hear the living word of the one who said:
[ 46 ] «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.»
[ 46 ] “I am with you always, even to the end of the age.”
