Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
4 December 1903, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
6. Die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Theosophie II
6. The Epistemological Foundations of Theosophy II
[ 1 ] Mit der Bemerkung, daß die gegenwärtige, namentlich deutsche Philosophie und im besonderen ihre Erkenntnistheorie es den Bekennern derselben schwierig macht, den Zugang zu der theosophischen Weltanschauung zu finden, habe ich vor acht Tagen diese Vorträge eingeleitet, und ich bemerkte, daß ich versuchen werde, diese Erkenntnistheorie, diese gegenwärtige philosophische Weltanschauung zu skizzieren und zu zeigen, wie jemand mit einem durchaus ernsten Gewissen nach dieser Richtung hin es schwer hat, Theosoph zu sein.
[ 1 ] Eight days ago, I began these lectures by noting that contemporary philosophy—particularly German philosophy, and especially its epistemology—makes it difficult for its adherents to find their way to the theosophical worldview, and I noted that I would attempt to outline this epistemology, this contemporary philosophical worldview, and to show how someone with a thoroughly serious conscience in this direction finds it difficult to be a Theosophist.
[ 2 ] Im allgemeinen sind die Erkenntnistheorien, die sich aus dem Kantianismus herausgebildet haben, ausgezeichnet und absolut richtig. Es ist aber von ihrem Standpunkt aus nicht einzusehen, wie der Mensch dazu kommen kann, etwas über Wesen, die andersgeartet sind als er, überhaupt über wirkliche Wesenheiten etwas zu erfahren. Das hat uns ja die Betrachtung des Kantianismus gezeigt, daß diese Anschauung zuletzt zu dem Ergebnis kommt, daß alles, was wir um uns herum haben, nur eine Erscheinung, nur eine Vorstellung von uns selbst ist. Was wir um uns herum haben, das ist nicht eine Wirklichkeit, sondern das wird beherrscht von den eigenen Gesetzen unseres Geistes, das wird beherrscht von den Gesetzen, die wir selbst unserer Umgebung vorschreiben. Ich sagte: Wie wir mit einem Auge, das mit einer farbigen Brille begabt ist, die ganze Welt in dieser Farbennuance sehen müssen, so muß der Mensch — nach Kants Anschauung — die Welt so gefärbt sehen, wie er sie seiner Organisation gemäß sieht, gleichgültig wie sie auch in der äußeren Wirklichkeit beschaffen sein mag. So dürfen wir nicht von einem «Ding an sich» sprechen, sondern lediglich von der ganz subjektiven Erscheinungswelt. Wenn das der Fall ist, dann ist alles dasjenige, was mich umgibt — der Tisch, die Stühle und so weiter —, eine Vorstellung meines Geistes; denn sie alle sind für mich nur da, insofern ich sie wahrnehme, insofern ich nach meinem eigenen Geistgesetz diesen Wahrnehmungen Form gebe, ihnen die Gesetze vorschreibe. Ich kann nichts darüber aussagen, ob noch irgend etwas außer meiner Wahrnehmung von Tisch und Stühlen vorhanden ist. Das ist im Grunde genommen das, wozu die Kantsche Philosophie letzten Endes kommt.
[ 2 ] In general, the theories of knowledge that have emerged from Kantianism are excellent and absolutely correct. However, from their standpoint, it is not clear how a human being can come to learn anything at all about beings that are different from him—or indeed about real entities. Our examination of Kantianism has indeed shown us that this view ultimately leads to the conclusion that everything around us is merely an appearance, merely a representation of ourselves. What we have around us is not reality; rather, it is governed by the laws of our own mind, by the laws that we ourselves impose on our surroundings. I said: Just as we must see the whole world in this coloration with an eye endowed with colored glasses, so must human beings—according to Kant’s view—see the world colored in the way they perceive it according to their own constitution, regardless of what it may actually be like in external reality. Thus, we must not speak of a “thing-in-itself,” but merely of the entirely subjective world of phenomena. If that is the case, then everything that surrounds me—the table, the chairs, and so on—is a representation of my mind; for they are all there for me only insofar as I perceive them, insofar as I give form to these perceptions according to my own mental laws and prescribe laws for them. I cannot say anything about whether anything exists beyond my perception of the table and chairs. This is, in essence, what Kant’s philosophy ultimately amounts to.
[ 3 ] Das ist natürlich nicht vereinbar damit, daß wir in das wahre Wesen der Dinge eindringen können. Die Theosophie ist unzertrennlich von der Ansicht, daß wir nicht nur in das körperliche Dasein der Dinge eindringen können, sondern auch eindringen können in das Geistige der Dinge; daß wir nicht nur ein Erkennen haben von dem, was uns körperlich umgibt, sondern auch Erfahrungen haben können von dem, was rein geistig ist. Wie nun ein energisches Buch mit der heute «Theosophie» genannten Weltanschauung das darstellt, was später Kantianismus geworden ist, das will ich Ihnen zeigen, indem ich Ihnen aus dem Werke, das kurze Zeit vor der Begründung des Kantianismus geschrieben worden ist, eine Stelle vorlese. Erschienen ist das Buch im Jahre 1766. Es ist ein Buch, welches — wir können es durchaus so sagen — von einem Theosophen geschrieben sein könnte. In ihm wird vertreten, daß der Mensch nicht nur mit seiner ihn umgebenden Körperwelt in einem Verhältnis steht, sondern daß es ganz sicher einmal wissen schaftlich wird bewiesen werden, daß der Mensch außer der körperlichen Welt auch einer geistigen Welt angehört, und daß auch die Art und Weise, wie er mit dieser in Zusammenhang sein kann, wissenschaftlich bewiesen werden kann. Es ist da manches so gut demonstriert, daß man es als leidlich bewiesen betrachten oder doch annehmen könnte, daß es künftig bewiesen werden wird: «Ich weiß nicht, wo oder wann, daß die menschliche Seele in Beziehung zu anderen steht, daß sie wechselweise wirken und voneinander Eindrücke empfangen, deren sich der Mensch aber nicht bewußt ist, solange alles wohl steht.» Und dann aus einer zweiten Stelle: «Es ist manches zwar einerlei Subjekt, was keine begleitende Ideen sein können der anderen Welt, und daher ist alles Geistdenken so, daß es in den Zustand eines Geistes gar nicht hineinkommt...» und so weiter.
[ 3 ] This, of course, is incompatible with the idea that we can penetrate the true nature of things. Theosophy is inseparable from the view that we can penetrate not only into the physical existence of things, but also into their spiritual nature; that we not only have knowledge of what physically surrounds us, but can also have experiences of what is purely spiritual. I would like to show you how a powerful book, reflecting the worldview now called “theosophy,” portrays what later became Kantianism, by reading you a passage from a work written shortly before the founding of Kantianism. The book was published in 1766. It is a book that—we can certainly say this—could have been written by a theosophist. It argues that human beings are not only in a relationship with the physical world surrounding them, but that it will certainly one day be scientifically proven that human beings belong not only to the physical world but also to a spiritual world, and that the manner in which they can be connected to this world can also be scientifically proven. There are many things so well demonstrated there that one could regard them as reasonably proven, or at least assume that they will be proven in the future: “I do not know where or when, but the human soul is in relation to others, that they interact and receive impressions from one another, of which the human being is not aware, however, as long as all is well.” And then from a second passage: “There are indeed certain things that are of a different nature, which cannot be accompanying ideas of the other world, and therefore all spiritual thought is such that it does not enter into the state of a spirit at all...” and so on.
[ 4 ] Der Mensch mit seinem durchschnittlichen Anschauungsvermögen kann sich nicht bewußt werden des Geistes; aber es wird gesagt, daß ein solches gemeinsames Leben mit einer geistigen Welt doch anzunehmen ist. Mit einer solchen Anschauung ist die Kantsche Erkenntnistheorie nicht zu vereinigen. Derjenige, welcher die Grundlegung zu dieser Anschauung geschrieben hat, ist Immannel Kant selbst. Es ist also so, daß wir in Kant selbst eine Umkehr zu verzeichnen haben. Denn im Jahre 1766 schreibt er das, und vierzehn Jahre darauf begründet er diejenige Erkenntnistheorie, welche es unmöglich macht, zur Theosophie den Weg zu finden. Unsere moderne Philosophie fußt auf dem Kantianismus. Sie hat verschiedene Gestalten angenommen, diejenigen von Herbart und Schopenhauer bis Otto Liebmann und Johannes Volkelt und Friedrich Albert Lange. Wir werden überall eine mehr oder weniger kantianisch gefärbte Erkenntnistheorie finden, wonach wir es nur mit Erscheinungen, mit unserer subjektiven Wahrnehmungs welt zu tun haben, so daß wir nicht bis zur Wesenheit, der Wurzel des «Dings an sich» dringen können.
[ 4 ] A person with average powers of perception cannot become aware of the spirit; yet it is said that such a shared existence with a spiritual world must nevertheless be assumed. Kant’s theory of knowledge cannot be reconciled with such a view. The one who wrote the foundation for this view is Immanuel Kant himself. It is thus the case that we must note a reversal in Kant himself. For in 1766 he writes this, and fourteen years later he establishes the theory of knowledge that makes it impossible to find the path to theosophy. Our modern philosophy is based on Kantianism. It has taken various forms, from those of Herbart and Schopenhauer to Otto Liebmann, Johannes Volkelt, and Friedrich Albert Lange. Everywhere we will find an epistemology colored to a greater or lesser extent by Kant, according to which we deal only with phenomena, with our subjective world of perception, so that we cannot penetrate to the essence, the root of the “thing-in-itself.”
[ 5 ] Nun möchte ich Ihnen zunächst alles dasjenige vorführen, was im Laufe des 19. Jahrhunderts sich herausgebildet hat, und was wir die modifizierte Kantsche Erkenntnistheorie nennen können. Ich möchte entwickeln, wie sich die jetzige Erkenntnistheorie herausgebildet hat, welche mit einem gewissen Hochmut auf denjenigen blickt, der sich dem Glauben hingibt, daß man etwas wissen könne. Ich möchte zeigen, wie sich derjenige eine erkenntnistheoretische Grundanschauung bildet, welcher mit seiner Vorstellungsart auf dem Kantschen Boden steht. Alles, was die Wissenschaft gebracht hat, scheint die Kantsche Erkenntnistheorie zu belegen. Es scheint so fest gefügt zu sein, daß man ihm nicht entkommen kann. Heute wollen wir es aufrollen und das nächste Mal wollen wir sehen, wie man sich damit zurechtfinden kann.
[ 5 ] Now I would like to begin by presenting to you everything that emerged over the course of the 19th century, and what we might call the modified Kantian theory of knowledge. I would like to explain how the current theory of knowledge has developed, one that looks down with a certain arrogance upon those who believe that it is possible to know anything. I would like to show how a person whose mode of thought is grounded in Kantian principles forms a fundamental epistemological view. Everything that science has produced seems to corroborate Kantian epistemology. It seems so firmly established that one cannot escape it. Today we will unpack it, and next time we will see how one can come to terms with it.
[ 6 ] Zunächst scheint es die Physik selbst zu sein, welche uns überall lehrt, daß dasjenige, wovon der naive Mensch glaubt, daß es Wirklichkeit sei, keine Wirklichkeit ist. Nehmen wir den Ton. Sie wissen, daß die Erschütterung der Luft außerhalb unseres Organs da ist, außerhalb unseres Ohres, das den Ton hört. Was außer uns vorgeht, ist eine Erschütterung der Luftteilchen. Nur dadurch, daß diese Erschütterung in unser Ohr kommt und das Trommelfell in Schwingung bringt, setzt sich die Bewegung fort bis in das Gehirn. Da nehmen wir das wahr, was wir Ton, was wir Schall nennen. Die ganze Welt wäre stumm und tonlos; erst dadurch, daß die äußere Bewegung von unserem Ohr aufgenommen wird, und das, was nur Schwingung ist, umgesetzt wird, erleben wir das, was wir als Tonwelt empfinden. So kann der Erkenntnistheoretiker leicht sagen: Ton ist nur das, was in dir existiert, und denkst du dies weg, so ist weiter nichts als bewegte Luft vorhanden.
[ 6 ] At first glance, it seems to be physics itself that teaches us everywhere that what the naive person believes to be reality is not reality. Take sound, for example. You know that the vibration of the air exists outside our organ, outside our ear, which hears the sound. What happens outside of us is a vibration of air particles. Only because this vibration enters our ear and causes the eardrum to vibrate does the movement continue all the way to the brain. There we perceive what we call sound. The whole world would be silent and soundless; only because the external movement is received by our ear, and what is merely vibration is transformed, do we experience what we perceive as the world of sound. Thus the epistemologist can easily say: Sound is only what exists within you, and if you think this away, there is nothing left but moving air.
[ 7 ] Dasselbe gilt für das, was wir in der Außenwelt antreffen von Farben und Licht. Der Physiker ist der Anschauung, daß Farbe eine Schwingung des AÄthers ist, der den ganzen Weltenraum erfüllt. Ebenso wie durch den Schall die Luft in Schwingung gesetzt wird, wie, wenn wir einen Schall hören, außer uns nichts anderes als die Bewegung der Luft vorhanden ist, so ist bei dem Licht nur eine schwingende Bewegung des Äthers da. Die Ätherschwingungen sind etwas anders als die der Luft. Der Äther schwingt senkrecht zur Fortpflanzungsrichtung der Wellen. Das ist klargelegt durch die experimentierende Physik. Wenn wir die Farbenempfindung des «Rot» haben, so haben wir es zu tun mit einer Empfindung. Dann müssen wir uns fragen: Was ist denn noch vorhanden, wenn kein empfindendes Auge vorhanden ist? — Es soll ja von den Farben nichts anderes da sein im Raum, als schwingender Äther. Die Farbenqualität ist aus der Welt geschafft, wenn das empfindende Auge aus der Welt geschafft ist.
[ 7 ] The same applies to the colors and light we encounter in the external world. Physicists hold the view that color is a vibration of the ether, which fills the entire universe. Just as sound causes the air to vibrate—so that when we hear a sound, there is nothing present outside of us other than the movement of the air—so too, in the case of light, there is only a vibrating movement of the ether. The vibrations of the ether are somewhat different from those of the air. The ether vibrates perpendicular to the direction of propagation of the waves. This has been demonstrated by experimental physics. When we have the color sensation of “red,” we are dealing with a sensation. Then we must ask ourselves: What else is present when there is no perceiving eye? — After all, there is supposed to be nothing else in space regarding colors except vibrating ether. The quality of color ceases to exist when the perceiving eye ceases to exist.
[ 8 ] Was Sie sehen als Rot, das sind 392 bis 454 Billionen Schwingungen, bei Violett sind es 751 bis 757 Billionen Schwingungen. Das ist unvorstellbar schnell. Die Physik des 19. Jahrhunderts hat alle Licht- und Farbenempfindung in Schwingungen des Äthers verwandelt. Wäre kein Auge da, die ganze Farbenwelt wäre nicht vorhanden. Es wäre alles stockdunkel. Es würde nicht geredet werden können von Farbenqualität im äußeren Raum. Das geht so weit, daß Helmholtz gesagt hat: Wir haben in uns die Empfindungen von Farbe und Licht, von Schall und Ton. Das ist nicht einmal ähnlich demjenigen, was außer uns vorgeht. Wir dürfen das nicht einmal ein Bild nennen von dem, was außer uns vorgeht. — Das, was wir als Farbenqualität des Roten kennen, ist nicht ähnlich den etwa 420 Billionen Schwingungen in der Sekunde. Deshalb meint Helmholtz: Dasjenige, was wirklich in unserem Bewußtsein vorhanden ist, ist nicht ein Bild, sondern ein bloßes Zeichen.
[ 8 ] What you see as red consists of 392 to 454 trillion vibrations; for violet, it is 751 to 757 trillion vibrations. That is unimaginably fast. Nineteenth-century physics reduced all perception of light and color to vibrations of the ether. If there were no eye, the entire world of color would not exist. Everything would be pitch black. We could not speak of color quality in the external world. This goes so far that Helmholtz said: We have within us the sensations of color and light, of sound and tone. This is not even similar to what is happening outside of us. We cannot even call this an image of what takes place outside of us. — What we know as the color quality of red is not similar to the approximately 420 trillion vibrations per second. That is why Helmholtz says: What is truly present in our consciousness is not an image, but a mere sign.
[ 9 ] Die physikalische Wissenschaft hat beibehalten, daß Raum und Zeit vorhanden sind, wie ich sie wahrnehme. Der Physiker stellt sich also vor, daß, wenn ich eine Farbempfindung habe, die Bewegung im Raume verläuft. Und ebenso ist es mit der Zeitvorstellung, wenn ich die Empfindung des Rot habe und die Empfindung des Violett, Beide sind subjektive Vorgänge in mir. Sie folgen zeitlich aufeinander. Die Schwingungen folgen in der Außenwelt aufeinander. Die Physik geht da nicht so weit wie Kant. Ob die «Dinge an sich selbst» raumerfüllt sind, ob sie in einem Raume sind oder in der Zeit aufeinander folgen, das können wir — im Sinne von Kant — nicht wissen; sondern wir wissen nur: wir sind so und so organisiert, und deshalb muß das, was da räumlich oder nicht räumlich ist, immer die Form des Räumlichen annehmen. Wir breiten diese Form darüber aus. Für die Physik muß die schwingende Bewegung im Raume vor sich gehen, sie muß eine gewisse Zeit beanspruchen. Der Äther schwingt mit, sagen wir, 480 Billionen Schwingungen in der Sekunde. Darin liegt schon die Raum- und Zeitvorstellung. Raum und Zeit nimmt also der Physiker als außer uns liegend an. Alles übrige ist aber nur Vorstellung, ist subjektiv. Sie können in physikalischen Werken lesen, daß für denjenigen, der sich klargeworden ist darüber, was geschieht in der Außenwelt, nichts vorhanden ist als schwingende Luft, als schwingender Äther. Das scheint die Physik beigetragen zu haben, daß alles, was wir haben, nur innerhalb unseres Bewußtseins existiert und außer demselben nichts vorhanden ist.
[ 9 ] Physical science has maintained that space and time exist as I perceive them. The physicist thus imagines that when I have a color sensation, movement occurs in space. And the same applies to the concept of time: when I have the sensation of red and the sensation of violet, both are subjective processes within me. They follow one another in time. The vibrations follow one another in the external world. Physics does not go as far as Kant in this regard. Whether “things-in-themselves” are spatial, whether they exist in space or follow one another in time—we cannot know this, in Kant’s sense; rather, we know only this: we are organized in such and such a way, and therefore whatever is spatial or non-spatial must always take on the form of the spatial. We project this form onto it. For physics, the oscillating motion must take place in space; it must take a certain amount of time. The ether oscillates at, say, 480 trillion vibrations per second. This already contains the concept of space and time. The physicist thus assumes that space and time lie outside of us. Everything else, however, is merely a concept; it is subjective. You can read in works of physics that for those who have come to understand what happens in the external world, nothing exists except vibrating air, except vibrating ether. This seems to be the contribution of physics: that everything we have exists only within our consciousness, and that nothing exists outside of it.
[ 10 ] Das zweite, was uns die Wissenschaft des 19. Jahrhun derts vorführen kann, sind die Gründe, welche die Physiologie liefert. Der große Physiologe Johannes Müller hat das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien gefunden. Nach diesem reagiert jedes Organ mit einer bestimmten Empfindung. Wenn Sie das Auge stoßen, so können Sie einen Lichtschein wahrnehmen; wenn Elektrizität hindurchgeht, ebenfalls. Das Auge wird auf jeden Einfluß von außen so antworten, wie es dem Auge eben entspricht. Es hat von innen heraus die Kraft, mit dieser Eigentümlichkeit von Licht und Farbe zu antworten, Wenn Licht und Äther eindringen, so antwortet das Auge mit Licht- und Farbenreizen.
[ 10 ] The second thing that 19th-century science can demonstrate to us are the principles provided by physiology. The great physiologist Johannes Müller discovered the law of specific sensory energies. According to this law, every organ responds with a specific sensation. If you strike the eye, you can perceive a glimmer of light; if electricity passes through it, the same occurs. The eye will respond to every external influence in a manner that corresponds to the nature of the eye itself. It possesses the inherent power to respond with this characteristic of light and color. When light and ether penetrate it, the eye responds with stimuli of light and color.
[ 11 ] Die Physiologie liefert noch weitere Bausteine, um zu beweisen, was die subjektivistische Anschauung aufgestellt hat. Nehmen Sie an, wir haben eine Tastempfindung. Da stellt sich der naive Mensch vor, daß unmittelbar der Gegenstand es ist, den er wahrnimmt. Aber was nimmt er in Wahrheit wahr? — so fragt der Erkenntnistheoretiker. Was vor mir steht, ist nichts anderes als eine Zusammenfügung von kleinsten Teilchen, von Molekülen. Sie sind in Bewegung. Jeder Körper ist in solcher Bewegung, die von den Sinnen nicht wahrgenommen werden kann, weil die Schwingungen zu klein sind. Im Grunde genommen ist es nichts anderes als nur die Bewegung, die ich wahrnehmen kann, denn der Körper kann nicht in mich hineinkriechen. Was ist es, wenn Sie die Hand auf den Körper legen? Die Hand führt eine Bewegung aus. Diese setzt sich fort bis zu dem Nerv und dieser setzt sie um in das, was Sie als Empfindung haben: in Wärme und Kälte, in weich und hart. Auch in der Außenwelt sind Bewegungen enthalten, und wenn mein Tastsinn daran kommt, so setzt das Organ es um in Wärme oder Kälte, in Weichheit oder Härte.
[ 11 ] Physiology provides further evidence to support the claims made by the subjectivist view. Suppose we have a tactile sensation. The naive person imagines that it is the object itself that he perceives. But what does he actually perceive? — asks the epistemologist. What stands before me is nothing other than an assembly of minute particles, of molecules. They are in motion. Every body is in such motion, which cannot be perceived by the senses because the vibrations are too small. Basically, it is nothing other than just the motion that I can perceive, for the body cannot crawl inside me. What happens when you place your hand on the body? The hand performs a movement. This continues to the nerve, and the nerve translates it into what you experience as sensation: into warmth and cold, into softness and hardness. Movements are also present in the external world, and when my sense of touch encounters them, the organ translates them into warmth or cold, into softness or hardness.
[ 12 ] Auch nicht einmal das, was zwischen dem Körper und uns geschieht, können wir wahrnehmen, denn die äußerste Hautschicht ist unempfindlich. Wenn die Epidermis ohne einen darunterliegenden Nerv ist, so kann sie niemals etwas empfinden. Immer ist die Epidermis zwischen dem Ding und dem Körper. Der Reiz wirkt also aus einer relativ großen Entfernung durch die Epidermis hindurch. Nur das, was in Ihrem Nerv erregt wird, das kann wahrgenommen werden. Der äußere Körper bleibt ganz außerhalb von dem Bewegungsvorgange. Sie sind getrennt von dem Ding, und was Sie wirklich empfinden, wird innerhalb der Epidermis erzeugt. Alles, was wirklich in Ihr Bewußtsein eindringen kann, das geschieht in dem Bereich des Körpers, so daß es noch abgetrennt wird von der Epidermis. Wir würden also sagen müssen nach dieser physiologischen Erwägung, daß wir nichts von dem hereinbekommen, was in der Außenwelt vorgeht, sondern daß es lediglich Vorgänge innerhalb unserer Nerven selbst sind, die sich im Gehirn fortpflanzen, die uns durch ganz unbekannte äußere Vorgänge erregen. Wir können niemals über unsere Epidermis hinauskommen. Sie stecken in Ihrer Haut und nehmen nichts anderes wahr, als was innerhalb dieser sich abspielt.
[ 12 ] Nor can we perceive what happens between the body and us, for the outermost layer of skin is insensitive. If the epidermis lacks an underlying nerve, it can never feel anything. The epidermis is always situated between the object and the body. The stimulus thus acts from a relatively great distance through the epidermis. Only what is stimulated in your nerve can be perceived. The outer body remains entirely outside the process of movement. You are separated from the object, and what you actually feel is generated within the epidermis. Everything that can truly penetrate your consciousness occurs within the body, so that it remains separated from the epidermis. We would therefore have to conclude, based on this physiological consideration, that we do not receive anything of what is happening in the external world, but that it is merely processes within our nerves themselves—which propagate in the brain—that excite us through entirely unknown external processes. We can never go beyond our epidermis. You are trapped within your skin and perceive nothing other than what takes place within it.
[ 13 ] Gehen wir zu einem anderen Sinnesorgan über, zu dem Auge. Gehen wir von dem Physikalischen zu dem PhysioJogischen über. Sie sehen, daß die Schwingungen sich fortpflanzen; sie müssen unseren Körper erst durchdringen. Das Auge besteht zunächst aus einer Haut, der Hornhaut. Hinter dieser liegt die Linse und hinter der Linse der Glaskörper. Da muß das Licht erst durch. Dann kommt es auf das Hintere des Auges, das ausgekleidet ist mit der Netzhaut. Würden Sie die Netzhaut entfernen, so würde das Auge niemals etwas in Licht umsetzen. Bekommen Sie Formen von Gegenständen, so müssen die Strahlen erst in unser Auge eindringen, und innerhalb des Auges wird ein kleines Netzhautbild entworfen. Dieses ist das letzte, was die Empfindung hervorrufen kann. Was vor der Netzhaut liegt, ist unempfindlich; von dem, was da geschieht, können wir keine wirkliche Wahrnehmung haben. Erst das Bild auf der Netzhaut können wir wahrnehmen. Man stellt sich vor, daß da chemische Veränderungen des Sehpurpurs vor sich gehen. Die vom äußeren Gegenstand ausgehende Wirkung muß die Linse und den Glaskörper passieren, dann eine chemische Veränderung in der Netzhaut hervorrufen, und das ist das, was Empfindung wird. Dann setzt das Auge das Bild wieder nach außen, umgibt sich mit den Reizen, die es empfangen hat, und setzt sie wieder um in die Welt außer uns. Was in unserem Auge vorgeht, ist nicht das, was den Reiz bildet, sondern ein chemischer Vorgang. Die Physiologen liefern immer neue Gründe für die Erkenntnistheoretiker. Wir müssen Schopenhauer scheinbar vollständig recht geben, wenn er sagt: Der gestirnte Himmel ist von uns selbst geschaffen. Es ist eine Umdeutung der Reize. Von dem «Ding an sich» können wir nichts wissen.
[ 13 ] Let us move on to another sensory organ, the eye. Let us shift from the physical to the physiological. You see that the vibrations propagate; they must first penetrate our body. The eye consists first of all of a membrane, the cornea. Behind this lies the lens, and behind the lens the vitreous body. The light must first pass through these. Then it reaches the back of the eye, which is lined with the retina. If you were to remove the retina, the eye would never be able to convert anything into light. When we perceive the shapes of objects, the rays must first enter our eye, and within the eye a small retinal image is formed. This is the final stage that can evoke a sensation. What lies before the retina is insensitive; we cannot have any real perception of what happens there. Only the image on the retina can be perceived. One imagines that chemical changes in the visual purple are taking place there. The effect emanating from the external object must pass through the lens and the vitreous body, then cause a chemical change in the retina, and that is what becomes sensation. Then the eye projects the image outward again, surrounds itself with the stimuli it has received, and transforms them back into the world outside us. What takes place in our eye is not what constitutes the stimulus, but a chemical process. Physiologists are constantly providing new grounds for epistemologists. We must apparently agree entirely with Schopenhauer when he says: The starry sky is created by ourselves. It is a reinterpretation of the stimuli. We can know nothing of the “thing-in-itself.”
[ 14 ] Sie sehen, diese Erkenntnistheorie beschränkt den Menschen lediglich auf die Dinge, sagen wir Vorstellungen, welche sein Bewußtsein erschafft. Er ist eingeschlossen in diesem seinem Bewußtsein. Er kann annehmen, wenn er will, daß etwas vorhanden ist in der Welt,,das auf ihn Eindruck macht. Jedenfalls aber kann nichts in ihn hineindringen. Alles, was er empfindet, wird von ihm selbst geschaffen. Wir können nicht einmal von dem etwas wissen, was in der Peripherie vor sich geht. Nehmen Sie den Reiz im Sehpurpur. Er muß zum Nerv geleitet werden, und dieser muß wieder in irgendeiner Weise in die eigentliche Empfindung umgesetzt werden, so daß die ganze Welt, die uns umgibt, nichts anderes wäre als das, was wir aus unserem Inneren heraus geschaffen hätten.
[ 14 ] You see, this theory of knowledge limits human beings solely to the things—let’s say, ideas—that their consciousness creates. They are confined within their own consciousness. They may assume, if they wish, that there is something in the world that makes an impression on them. In any case, however, nothing can penetrate into them. Everything he perceives is created by himself. We cannot even know anything about what is happening on the periphery. Take the stimulus in the visual field. It must be transmitted to the nerve, and this must in turn be translated in some way into the actual sensation, so that the entire world surrounding us would be nothing other than what we have created from within ourselves.
[ 15 ] Dies sind die physiologischen Beweise, die uns dazu füh ren, zu sagen, daß das so sei. Es gibt aber auch Menschen, die nun fragen, wie wir dazu kommen, außer uns andere Menschen anzunehmen, die wir doch auch nur erkennen aus den Wahrnehmungseindrücken, die wir von ihnen empfangen. Wenn ein Mensch vor mir steht, so habe ich doch nur Schwingungen als Reize und dann ein Bild meines eigenen Bewußtseins. Es ist lediglich eine Annahme, daß außer dem Bewußtseinsbild etwas dem Menschen Ähnliches vorhanden sein soll. So stützt die moderne Erkenntnistheorie ihre Anschauung, daß das, was äußerer Erfahrungsgehalt ist, lediglich subjektiver Natur ist. Sie sagt: Was wahrgenommen wird, ist ausschließlich der eigene Bewußtseinsinhalt, ist Veränderung dieses Bewußtseinsinhaltes. Ob es Dinge an sich gibt, liegt außer unserer Erfahrbarkeit. Die Welt ist für mich eine subjektive Erscheinung, welche sich aus meinen Empfindungen bewußt oder unbewußt aufbaut. Ob es auch andere Welten gibt, liegt außer dem Bereiche meiner Erfahrbarkeit.
[ 15 ] This is the physiological evidence that leads us to say that this is the case. However, there are also people who ask how we come to assume the existence of other people besides ourselves, whom we, after all, recognize only through the sensory impressions we receive from them. When a person stands before me, I have only vibrations as stimuli and then an image in my own consciousness. It is merely an assumption that something resembling a human being exists beyond this image in consciousness. Thus, modern epistemology supports its view that the content of external experience is purely subjective in nature. It states: What is perceived is exclusively the content of one’s own consciousness; it is a transformation of this content of consciousness. Whether things in themselves exist lies beyond our experience. The world is for me a subjective phenomenon that is constructed, consciously or unconsciously, from my sensations. Whether other worlds exist also lies beyond the realm of my experience.
[ 16 ] Wenn ich sage: es liegt außer dem Bereiche der Erfahrbarkeit, ob es noch eine andere Welt gibt, so liegt es auch außer dem Bereiche der Erfahrbarkeit, ob es noch andere Menschen mit anderen Bewußtseinen gibt, denn es kann nichts von einem Bewußtsein der anderen Menschen in den Menschen hineinkommen. Von der Vorstellungswelt eines anderen und von dem Bewußtsein eines anderen kann nichts in mein Bewußtsein kommen. Diese Auffassung haben diejenigen, die sich mehr oder weniger der Kantschen Erkenntnistheorie angeschlossen haben.
[ 16 ] When I say that it lies beyond the realm of experience whether there is another world, it also lies beyond the realm of experience whether there are other people with different consciousnesses, for nothing from the consciousness of other people can enter into a person. Nothing from another person’s imagination or consciousness can enter my own consciousness. This is the view held by those who have more or less subscribed to Kant’s theory of knowledge.
[ 17 ] Kant hat die Erkenntnistheorie zusammengefaßt in den Worten: Hundert mögliche Taler enthalten nicht weniger als hundert wirkliche Taler, das heißt, ich kann einen Gegenstand nicht dadurch als einen wirklichen ansehen, daß ich irgend etwas in der Vorstellung hinzufüge. Die Vor stellung gibt lediglich ein Bild. Soll ein Gegenstand da sein, dann muß er mir entgegenkommen, und ich umspinne ihn mit den Gesetzen, die ich aus mir selbst heraus entwickle. Dieser Anschauung hat sich auch Schopenhauer angeschlossen in einer etwas modifizierten Gestalt.
[ 17 ] Kant summarized epistemology in the following words: A hundred possible thalers contain no fewer than a hundred real thalers; that is to say, I cannot regard an object as real simply by adding something to my conception of it. The imagination merely provides an image. If an object is to exist, then it must come to me, and I wrap it in the laws that I develop from within myself. Schopenhauer also subscribed to this view in a somewhat modified form.
[ 18 ] Johann Gottlieb Fichte hat sich in seiner Jugend auch dieser Anschauung angeschlossen. Er hat die Kantsche Theorie konsequent durchgedacht. Es gibt vielleicht keine schönere Beschreibung derselben als die, welche Fichte in seiner Schrift «Über die Bestimmung des Menschen» gegeben hat. Er sagt darin: «Es gibt überall kein Dauerndes, weder außer mir noch in mir, sondern nur einen unaufhörlichen Wechsel. Ich weiß überall von keinem Sein, und auch nicht von meinem eigenen. Es ist kein Sein. — Ich selbst weiß überhaupt nicht, und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder; — Bilder, die vorüberschweben, ohne daß etwas sei, dem sie vorüberschweben; die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen. Bilder, ohne etwas in ihnen Abgebildetes, ohne Bedeutung und Zweck. Ich selbst bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bildern.-»
[ 18 ] Johann Gottlieb Fichte also subscribed to this view in his youth. He thought through Kant’s theory consistently. There is perhaps no more beautiful description of it than the one Fichte provided in his essay “On the Vocation of Man.” In it, he says: “There is nothing permanent anywhere, neither outside of me nor within me, but only ceaseless change. I know of no being anywhere, not even my own. There is no being. — I myself know nothing at all, and I am not. Images are: they are the only thing that exists, and they know of themselves, in the manner of images; — images that float by without there being anything over which they float; that are connected by images to the images. Images without anything depicted within them, without meaning or purpose. I myself am one of these images; indeed, I am not even this, but only a confused image of the images.”
[ 19 ] In der Tat — bleiben Sie dabei, daß Sie es in Ihrer subjektiven Auffassung einzig mit den Gebilden Ihres eigenen Bewußtseins zu tun haben, dann müssen Sie notwendig zu der Anschauung kommen, daß Sie von sich selbst nicht mehr wissen als von der Außenwelt. Wenn Sie zur Vorstellung des eigenen Ich übergehen, dann ist Ihnen davon auch nicht mehr gegeben als von der Außenwelt. Halten Sie diesen Gedanken in seiner vollen Bedeutung fest, so wird es Ihnen klarwerden, daß Ihnen die Außenwelt in eine Summe von Trugbildern zerfließt, und daß auch die Innenwelt nichts anderes ist als ein Gebilde von lauter ineinandergefügten subjektiven Träumen. Sie können sich schon von außen, ich möchte sagen, von seiten der Körperlichkeit her, vorstellen, daß auch Sie selbst gleich der Außenwelt nichts anderes sind als eine Art Traumgebilde, eine Art Illusion, wenn Sie die Anschauung richtig ausdeuten.
[ 19 ] Indeed—if you maintain that, in your subjective view, you are dealing solely with the constructs of your own consciousness, then you must necessarily come to the conclusion that you know no more about yourself than you do about the external world. If you turn to the concept of your own self, you are no more certain of it than of the external world. If you grasp this thought in its full significance, it will become clear to you that the external world dissolves into a sum of illusions, and that the inner world, too, is nothing other than a construct of interlocking subjective dreams. You can already imagine from the outside—I would say, from the perspective of physicality—that you yourself, just like the external world, are nothing more than a kind of dream construct, a kind of illusion, if you interpret this view correctly.
[ 20 ] Sehen Sie Ihre Hand an, welche Ihre Bewegungen in Tastempfindung umsetzt. Diese Hand ist nichts anderes als ein Gebilde meines subjektiven Bewußtseins, und mein ganzer Körper und was in mir ist, ist auch ein Gebilde meines subjektiven Bewußtseins. Oder nehme ich mein Gehirn: Könnte ich unter dem Mikroskop untersuchen, wie die Empfindung entstand im Gehirn, ich hätte nichts vor mir als einen Gegenstand, den ich wieder in meinem Bewußtsein in ein Bild umzusetzen habe.
[ 20 ] Look at your hand, which translates your movements into tactile sensations. This hand is nothing other than a construct of my subjective consciousness, and my entire body and everything within me is also a construct of my subjective consciousness. Or take my brain: if I could examine under a microscope how sensation arises in the brain, I would have nothing before me but an object that I must once again translate into an image in my consciousness.
[ 21 ] Die Ich-Vorstellung ist eine ebensolche Vorstellung, sie ist erzeugt wie irgendeine andere. Träume ziehen an mir vorüber, Illusionen ziehen an mir vorüber — das ist die Weltanschauung des Illusionismus, welche sich notwendig als die letzte Konsequenz des Kantianismus zeigt. Kant wollte die alte dogmatische Philosophie überwinden; er wollte überwinden, was von Wolff und von der Wolffschen Schule vorgebracht worden ist. Das betrachtete er als eine Summe von Hirngespinsten.
[ 21 ] The concept of the self is just such a concept; it is produced like any other. Dreams pass before my eyes, illusions pass before my eyes—this is the worldview of illusionism, which necessarily emerges as the ultimate consequence of Kantianism. Kant wanted to overcome the old dogmatic philosophy; he wanted to overcome what had been put forward by Wolff and the Wolffian school. He regarded this as a collection of fanciful notions.
[ 22 ] Es waren die Beweise für die Freiheit des Willens, für die Unsterblichkeit der Seele und für das Dasein Gottes, welche Kant hinsichtlich ihrer Beweiskraft als Hirngespinste entlarvte. Und was gibt er als Beweise? Er hat bewiesen, daß wir von einem «Ding an sich» nichts wissen können, daß das, was wir haben, nur Bewußtseinsinhalt ist, daß aber Gott «etwas an sich» sein müsse. So können wir notwendigerweise das Dasein Gottes im Sinne Kants nicht beweisen. Unsere Vernunft, unser Verstand sind nur anwendbar auf das, was in der Wahrnehmung gegeben ist. Sie sind nur dazu da, um Gesetze vorzuschreiben für das, was die Wahrnehmung ist, und daher liegen diese Dinge: Gott — Seele — Willen — völlig außer unserer Vernunfterkenntnis. Die Vernunft hat eine Grenze, und sie kann nicht darüber hinaus.
[ 22 ] It was the proofs of free will, the immortality of the soul, and the existence of God that Kant exposed as mere figments of the imagination in terms of their evidential value. And what does he offer as proof? He has proven that we can know nothing of a “thing-in-itself,” that what we have is merely the content of consciousness, but that God must be “a thing-in-itself.” Thus, we cannot necessarily prove the existence of God in Kant’s sense. Our reason, our intellect, are applicable only to what is given in perception. They exist only to prescribe laws for what perception is, and therefore these things—God, the soul, the will—lie completely beyond the reach of our rational knowledge. Reason has a limit, and it cannot go beyond it.
[ 23 ] Im Vorwort zur zweiten Auflage der «Kritik der reinen Vernunft» sagt er an einer Stelle: «Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.» Das ist es, was er im Grunde genommen wollte. Er wollte das Wissen einschränken auf die sinnliche Wahrnehmung, und alles, was über die Vernunft hinausgeht, das wollte er auf andere Weise erreichen. Er wollte es auf dem Wege des moralischen Glaubens erreichen. Daher sagte er: Auf keine Art wird jemals die Wissenschaft das objektive Dasein der Dinge erreichen können. Aber eines finden wir in uns: den kategorischen Imperativ, der mit einer unbedingten Verpflichtung in uns auftritt. — Kant nennt ihn eine göttliche Stimme. Er ist erhaben über die Dinge, er führt unbedingte moralische Notwendigkeit mit sich. Von hier aus steigt Kant auf, um das, was er für das Wissen vernichtet, für den Glauben wieder zu erobern. Da der kategorische Imperativ mit nichts zu tun hat, was durch sinnliche Einwirkung bedingt ist, sondern in uns auftritt, so muß etwas vorhanden sein, was sowohl die Sinne als auch den kategorischen Imperativ bedingt, und was auftritt, wenn alle Pflichten des kategorischen Imperativs erfüllt sind. Das wäre die Glückseligkeit. Aber es kann kein Mensch die Brücke finden zwischen den beiden. Da er sie nicht finden kann, so muß sie ein göttliches Wesen herstellen. Dadurch kommen wir zu einem Gottesbegriff, den wir niemals auf sinnliche Weise finden können.
[ 23 ] In the preface to the second edition of *Critique of Pure Reason*, he states at one point: “I therefore had to set knowledge aside in order to make room for faith.” That is essentially what he wanted. He wanted to limit knowledge to sensory perception, and everything that goes beyond reason, he wanted to attain in another way. He wanted to attain it through moral faith. Hence he said: Science will never, under any circumstances, be able to attain the objective existence of things. But there is one thing we find within ourselves: the categorical imperative, which arises in us as an unconditional obligation. — Kant calls it a divine voice. It is transcendent over things; it carries with it unconditional moral necessity. From here, Kant ascends to reclaim for faith what he has destroyed for knowledge. Since the categorical imperative has nothing to do with anything conditioned by sensory influence, but arises within us, there must be something that conditions both the senses and the categorical imperative, and that arises when all the duties of the categorical imperative are fulfilled. That would be bliss. But no human being can find the bridge between the two. Since he cannot find it, a divine being must establish it. This brings us to a concept of God that we can never find through the senses.
[ 24 ] Ein Einklang zwischen der Sinnenwelt und der moralischen Vernunftwelt muß hergestellt werden. Wenn auch in einem Leben gleichsam genug getan würde, so dürfen wir doch nicht glauben, daß das irdische Leben überhaupt genügt. Das menschliche Leben geht hinaus über das irdische Leben, weil der kategorische Imperativ es so fordert. Und so müssen wir eine göttliche Weltordnung annehmen. Und wie könnte der Mensch einer göttlichen Weltordnung, dem kategorischen Imperativ, folgen, wenn er nicht Freiheit hätte? — So hat Kant das Wissen vernichtet, um durch den Glauben zu den höheren Dingen des Geistes zu gelangen. Glauben müssen wir! Er versucht auf dem Wege der praktischen Vernunft wieder hineinzubringen, was er aus der theoretischen Vernunft hinausgeworfen hat.
[ 24 ] A harmony must be established between the sensory world and the world of moral reason. Even if enough were done in a single lifetime, so to speak, we must not believe that earthly life is sufficient in itself. Human life extends beyond earthly life, because the categorical imperative demands it. And so we must accept a divine world order. And how could man follow a divine world order—the categorical imperative—if he did not have freedom? — Thus Kant destroyed knowledge in order to reach the higher things of the spirit through faith. We must believe! He attempts, through the path of practical reason, to reintroduce what he has cast out of theoretical reason.
[ 25 ] Auf dieser Kantschen Philosophie fußen auch diejenigen Anschauungen, welche scheinbar der Kantschen Philosophie ganz fern stehen. Auch ein Philosoph, der großen Einfluß gehabt hat — auch in der Pädagogik: Herbart. Eine eigene Anschauung hatte er aus der Kantschen Vernunftkritik entwickelt: Wenn wir hinsehen auf die Welt, da stoßen wir auf Widersprüche. Sehen wir uns nur einmal das eigene Ich an. Heute hat es diese Vorstellungen, gestern hatte es andere, morgen wird es wieder andere haben. Ja, was ist es denn, das Ich? Es tritt uns entgegen und ist erfüllt mit einer bestimmten Vorstellungswelt. In einem anderen Augenblick tritt es uns mit einer anderen Vorstellungswelt entgegen. Wir haben da ein Werden, viele Eigenschaften, und trotzdem soll es ein Ding sein. Es ist eins und vieles. Jedes Ding ist ein Widerspruch. So, sagt Herbart, sind überall in der Welt nur Widersprüche vorhanden. Vor allen Dingen müssen wir uns den Satz vorhalten, daß der Widerspruch nicht das wahre Sein sein kann. Daraus leitet nun Herbart die Aufgabe seiner Philosophie ab. Er sagt: Wir müssen die Widersprüche wegschaffen, wir müssen eine widerspruchslose Welt uns konstruieren. Die Welt der Erfahrungen ist eine unwirkliche, eine widerspruchsvolle. In der Umarbeitung der widerspruchsvollen Welt in eine widerspruchslose sieht er den wahren Sinn, das wahre Sein. Herbart sagt: Wir finden den Weg zum «Ding an sich», indem wir die Widersprüche sehen, und wenn wir diese aus uns herausschaffen, dann dringen wir zu dem wahren Sein, zu dem wahren Realen vor. — Das eine hat aber auch er mit Kant gemein, daß das, was uns in der Außenwelt umgibt, eine bloße Illusion sei. Auch er hat dasjenige, was für den Menschen wertvoll sein soll, auf andere Weise zu stützen versucht.
[ 25 ] Even those views that seem to be quite distant from Kant’s philosophy are grounded in it. This includes a philosopher who had a great influence—including in the field of education: Herbart. He had developed his own view based on Kant’s Critique of Pure Reason: When we look at the world, we encounter contradictions. Let us just take a look at our own self. Today it has these ideas, yesterday it had others, tomorrow it will have yet others. Yes, what is it, this “I”? It presents itself to us and is filled with a certain world of ideas. In another moment, it presents itself to us with a different world of ideas. We have here a process of becoming, many qualities, and yet it is supposed to be a single thing. It is one and many. Every thing is a contradiction. Thus, says Herbart, there are only contradictions everywhere in the world. Above all, we must bear in mind the principle that contradiction cannot be true being. From this, Herbart derives the task of his philosophy. He says: We must eliminate the contradictions; we must construct a world free of contradictions for ourselves. The world of experience is an unreal, contradictory one. In the transformation of the contradictory world into a contradiction-free one, he sees the true meaning, true being. Herbart says: We find the path to the “thing-in-itself” by seeing the contradictions, and when we eliminate these from ourselves, we penetrate to true being, to the true real. — But he also shares with Kant the view that what surrounds us in the external world is a mere illusion. He, too, has attempted to ground what is supposed to be valuable to humanity in a different way.
[ 26 ] Und nun kommen wir sozusagen auf den Kern der Sache. Das müssen wir uns doch vorhalten, daß alles moralische Handeln im Grunde genommen nur dann einen Sinn hat, wenn es in der Welt reale Wirklichkeit annehmen kann. Was soll alles moralische Handeln, wenn wir in einer Welt des Scheines leben? Da können Sie niemals überzeugt sein, daß das, was Sie tun, ein Wirkliches darstellt. Dann sind im Grunde genommen all Ihr Moralischwerden und alle Ihre Ziele in der Luft schwebend. Da war Fichte von einer wunderbaren Konsequenz. Später hat er die Anschauung geändert und ist zu der reinen Theosophie gekommen. Durch die Wahrnehmung können wir — so sagt er — über die Welt niemals etwas anderes wissen, als Träume von diesen Träumen. Aber etwas treibt uns, das Gute zu wollen. Dieses läßt uns blitzartig hineinschauen in diese große Traumwelt. Die Verwirklichung des Sittengesetzes sieht er in der Traumwelt. Was kein Verstand lehrt, das soll begründet werden durch die Anforderungen des Sittengesetzes. — Und Herbart sagt: Weil alles, was wir wahrnehmen, widerspruchsvoll ist, können wir niemals zu Normen für unser sittliches Handeln kommen. Daher muß es für unser sittliches Handeln Normen geben, welche aller Beurteilung von seiten des Verstandes und der Vernunft überhoben sind. Sittliche Vollkommenheit, Wohlwollen, innere Freiheit, sie sind unabhängig von der Verstandestätigkeit, Weil alles in unserer Welt Schein ist, deshalb müssen wir etwas haben, um darin des Nachdenkens enthoben zu sein.
[ 26 ] And now we come, so to speak, to the heart of the matter. We must bear in mind that all moral action, fundamentally speaking, only makes sense if it can take on real reality in the world. What is the point of all moral action if we live in a world of appearances? There, you can never be certain that what you do represents something real. Then, fundamentally speaking, all your moral development and all your goals are left hanging in the air. In this regard, Fichte was wonderfully consistent. Later, he changed his view and turned to pure theosophy. Through perception, he says, we can never know anything about the world other than dreams of these dreams. But something drives us to will the good. This allows us to glimpse, in a flash, into this great dream world. He sees the realization of the moral law in the dream world. What no intellect teaches must be grounded in the demands of the moral law. — And Herbart says: Because everything we perceive is contradictory, we can never arrive at norms for our moral action. Therefore, there must be norms for our moral conduct that are exempt from all judgment on the part of the intellect and reason. Moral perfection, benevolence, inner freedom—these are independent of intellectual activity. Because everything in our world is an illusion, we must have something that frees us from reflection within it.
[ 27 ] Das ist die erste Phase der Entwickelung des 19. Jahrhunderts: die Verwandlung der Wahrheit in eine Traumwelt. Der Traumidealismus, der allein das sein soll, zu dem das Nachdenken über das Sein kommen kann, der war es, der die Begründung einer moralischen Weltanschauung unabhängig machen wollte gegenüber allem Wissen und Erkennen. Er wollte das Wissen einschränken, um für den Glauben Platz zu bekommen. Deshalb hat die deutsche Philosophie gebrochen mit den uralten Traditionen derjenigen Weltanschauungen, die wir als Theosophie bezeichnen. Niemals hätte derjenige, der sich als Theosoph bezeichnet, diesen Dualismus annehmen können, diese Trennung des Moralischen und der Traumwelt. Es war für ihn immer eine Einheit, von dem untersten Kraftatom bis hinauf zur höchsten geistigen Wirklichkeit. Denn so wie dasjenige, was das Tier in Lust und Unlust vollbringt, nur gradweise verschieden ist von dem, was auf der höchsten Spitze des Geisteslebens aus reinsten Motiven hervorgeht, so ist überall das, was unten geschieht, nur gradweise verschieden von dem, was oben geschieht. Diesen einheitlichen Weg zu einem Gesamtwissen und einem Gesamtüberschauen der Welt hat Kant dadurch verlassen, daß er die Welt zerspalten hat in eine zu erkennende, aber scheinbare Welt, und in eine andere, die einen ganz anderen Ursprung hat, in die Welt des Moralischen. Er hat dadurch den Blick unendlich vieler getrübt. Unter den Nachwirkungen der Kantschen Philosophie leiden alle diejenigen, welche den Zugang zur Theosophie nicht finden können.
[ 27 ] This is the first phase of 19th-century development: the transformation of truth into a dream world. Dream idealism—which was supposed to be the sole destination of reflection on being—sought to make the foundation of a moral worldview independent of all knowledge and understanding. It sought to limit knowledge in order to make room for faith. That is why German philosophy broke with the ancient traditions of those worldviews we call theosophy. No one who called themselves a theosophist could ever have accepted this dualism, this separation of the moral realm and the dream world. For him, it was always a unity, from the lowest atom of force all the way up to the highest spiritual reality. For just as what the animal accomplishes in pleasure and displeasure differs only gradually from what arises at the highest pinnacle of spiritual life from the purest motives, so too is what happens below everywhere only gradually different from what happens above. Kant abandoned this unified path to a comprehensive knowledge and an overall view of the world by dividing the world into a world that is knowable but illusory, and into another that has a completely different origin, the world of morality. In doing so, he has clouded the vision of an infinite number of people. All those who cannot find access to theosophy suffer from the aftereffects of Kantian philosophy.
[ 28 ] Zuletzt werden Sie sehen, wie die Theosophie aus einer wahren Erkenntnistheorie herausspringt; vorher war es aber nötig, daß ich den scheinbar festgefügten Bau der Wissenschaft vorgeführt habe. Daß nur der Äther schwingt, und wir Grün oder Blau empfinden, daß wir durch die Luftschwingungen den Ton empfinden, das scheint unwiderleglich durch die Forschung begründet zu sein. Zu zeigen, wie es sich damit wirklich verhält, das soll der Inhalt des nächsten Vortrages sein.
[ 28 ] Finally, you will see how theosophy springs from a true theory of knowledge; but first it was necessary for me to demonstrate the seemingly solid structure of science. That it is only the ether that vibrates, and that we perceive green or blue, that we perceive sound through the vibrations of the air—this seems to be irrefutably established by research. To show how this actually works will be the subject of the next lecture.
