Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
17 December 1903, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
7. Die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Theosophie III
7. The Epistemological Foundations of Theosophy III
[ 1 ] In den vorhergehenden Vorträgen habe ich versucht, die gegenwärtige Erkenntnistheorie, wie sie an unseren Universitäten getrieben wird, und wie sie auch von denjenigen Philosophen und denkenden Forschern getrieben wird, die sich an Schopenhauer, Kant und ähnliche große deutsche Denker anlehnen, in ihren Grundgedanken zu skizzieren. Ich versuchte zu gleicher Zeit anzudeuten, wie die ganze wissenschaftliche Entwickelung des 19. Jahrhunderts, sei es die physikalische, die physiologische und auch die psychologische, im Grunde genommen die Kantsche Erkenntnistheorie oder ihre Ausbildung, wie sie durch Schopenhauer, durch Eduard von Hartmann gekommen ist, angenommen und richtig gefunden hat. Damit haben wir gezeigt, daß im Grunde genommen jene Art der Erkenntnistheorie, die wir als Illusionismus bezeichnen können, welche uns völlig auf unser eigenes Bewußtsein zurückweist und die ganze Welt zu einer Welt der Vorstellung macht, die allein richtige zu sein scheint. Das scheint so selbstverständlich, daß man geradezu heute als philosophisch unmündig gilt, wenn man den Satz: Die Welt ist meine Vorstellung — bezweifeln wollte.
[ 1 ] In my previous lectures, I have attempted to outline the fundamental ideas of contemporary epistemology as it is taught at our universities and as it is also pursued by those philosophers and thoughtful researchers who draw on Schopenhauer, Kant, and other great German thinkers. At the same time, I attempted to suggest how the entire scientific development of the 19th century—be it in physics, physiology, or psychology—has, in essence, accepted and found valid Kant’s theory of knowledge or its elaboration as presented by Schopenhauer and Eduard von Hartmann. We have thus shown that, fundamentally, that type of epistemology which we may call illusionism—which reduces us entirely to our own consciousness and makes the whole world a world of representation—appears to be the only correct one. This seems so self-evident that today one is virtually regarded as philosophically immature if one were to doubt the statement: “The world is my representation.”
[ 2 ] Sie werden mir jetzt auch gestatten, über das Geistige zu sprechen, da ich Ihnen ja fast sämtliche Gründe vorgeführt habe, welche zu dieser illusionistischen Erkenntnistheorie geführt haben. Ich habe Ihnen die Gründe gezeigt, welche zu der Erkenntnis führen: Die Welt ist unsere Vorstellung —; ich habe Ihnen gezeigt, wie durch die sinnesphysiologische Betrachtungsweise alles, was uns umgibt, vernichtet wird, sei es die Welt der Temperaturempfindung, sei es die des Tastsinns und so weiter. Diese Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffe erscheinen letzten Grundes wie von der Seele des Menschen herausgeboren als ein Selbsterzeugnis des Menschen. Die Erkenntnis, die dies nach allen Seiten zu begründen sucht, entspricht der Schopenhauerschen Lehre: Die Welt ist unsere Vorstellung —, wonach es keinen Himmel gibt, sondern nur ein Auge, das ihn sieht, keine Töne, sondern nur ein Ohr, das sie hört.
[ 2 ] You will now also allow me to speak about the spiritual, since I have presented to you almost all the reasons that have led to this illusionistic theory of knowledge. I have shown you the reasons that lead to the realization: The world is our conception—; I have shown you how, from the perspective of sensory physiology, everything that surrounds us is annihilated, be it the world of temperature perception, that of the sense of touch, and so on. These perceptions, ideas, and concepts ultimately appear to be born from the human soul as a self-creation of the human being. The insight that seeks to justify this from all sides corresponds to Schopenhauer’s doctrine: The world is our idea—according to which there is no heaven, but only an eye that sees it; no sounds, but only an ear that hears them.
[ 3 ] Sie konnten vielleicht glauben, daß ich diese verschiedenen erkenntnistheoretischen Standpunkte widerlegen wollte. Ich habe gezeigt, wozu sie führen, aber fassen Sie dies nicht als eine Widerlegung der verschiedenen Standpunkte auf. Der Theosoph kennt keine Widerlegung. Er kennt nicht das, was man nennt, sich in der Philosophie nur auf einen Standpunkt stellen. Diejenigen, welche sich einem philosophischen System ergeben haben, glauben, daß dieses eine das unbedingt richtige sei. So können wir Schopenhauer, Hartmann, die Hegelianer und die Kantianer von diesem Gesichtspunkte aus kämpfen sehen. Dies kann aber nimmermehr der Gesichtspunkt des Theosophen sein. Der Theosoph sieht es anders. In einem großen Sinn gesehen, gibt es für ihn auch nicht einen Streit der verschiedenen Religionssysteme, da er einsieht, daß allen ein Wahrheitskern zugrunde liegt und daß der Streit der Buddhisten, der Mohammedaner und der Christen nicht berechtigt ist. So weiß der Theosoph auch, daß in jedem philosophischen System ein Kern von Erkenntnis liegt, daß in jedem sozusagen eine Stufe der menschlichen Erkenntnisform verborgen ist.
[ 3 ] You might have thought that I intended to refute these various epistemological viewpoints. I have shown where they lead, but do not take this as a refutation of the various viewpoints. The theosophist knows no refutation. He does not know what is called taking only one standpoint in philosophy. Those who have surrendered themselves to a philosophical system believe that this one is absolutely the correct one. Thus, from this perspective, we can see Schopenhauer, Hartmann, the Hegelianists, and the Kantianists fighting one another. But this can never be the perspective of the theosophist. The theosophist sees it differently. Viewed in a broader sense, there is no conflict between the various religious systems for him, since he realizes that a core of truth underlies them all and that the conflict between Buddhists, Muslims, and Christians is unjustified. Thus, the Theosophist also knows that there is a core of knowledge in every philosophical system, that in each, so to speak, a stage of human cognition is hidden.
[ 4 ] Nicht darum kann es sich handeln, Kant zu widerlegen, nicht darum, Schopenhauer zu widerlegen. Wer ehrlich strebt, der kann sich irren, aber der nächstbeste kann nicht einfach kommen, um ihn zu widerlegen. Es muß uns klar sein, daß alle diese Geister von ihrem Gesichtspunkte aus nach der Wahrheit gestrebt haben, und daß wir gerade den Wahrheitskern in den verschiedenen philosophischen Systemen finden werden. Auch nicht darum kann es sich für uns handeln, wer recht oder unrecht hat. Wer sich fest nur auf seinen eigenen Standpunkt stellt, dann die Standpunkte miteinander vergleicht und sagt, nur den oder den könne er gelten lassen, der ist in bezug auf die philosophische Erkenntnis nicht auf einem anderen Standpunkt als auf dem eines Briefmarkensammlers. Nicht einmal der höchststehende Erkenner hat die höchste Stufe der Einsicht erklommen. Wir stehen alle auf der Leiter der Entwickelung. Selbst der Höchste kann nichts Absolutes über die Wahrheit, über den Weltengeist ausmachen. Und wenn wir eine höhere Stufe der Erkenntnis erstiegen haben, so haben wir auch dann nur ein relatives Urteil, das aber sich immer erweitern wird, wenn wir einen noch höheren Gipfel werden erstiegen haben.
[ 4 ] The point is not to refute Kant, nor to refute Schopenhauer. Anyone who strives honestly may be mistaken, but the next best person cannot simply come along to refute him. We must realize that all these thinkers have sought the truth from their own perspective, and that it is precisely the core of truth that we will find in the various philosophical systems. Nor can it be a matter for us of who is right or wrong. Whoever stands firmly only on his own standpoint, then compares the standpoints with one another and says that he can accept only this one or that one, is, with regard to philosophical knowledge, on no other standpoint than that of a stamp collector. Not even the most exalted knower has climbed to the highest level of insight. We are all on the ladder of development. Even the highest cannot determine anything absolute about the truth or the world spirit. And even when we have ascended to a higher level of knowledge, we still have only a relative judgment—one that will, however, continue to expand as we climb to an even higher summit.
[ 5 ] Wenn wir das theosophische System in den Grundfesten begriffen haben, dann erscheint es uns als Vermessenheit, über einen Philosophen zu sprechen, wenn wir uns nicht probeweise auf seinen Standpunkt stellen können, so daß wir die Wahrheit seiner Gedanken ebenso beweisen können, wie er das selber könnte. Man kann sich immer irren, aber man darf sich nicht in sophistischer Weise auf den Standpunkt stellen, daß es unmöglich sei, einen anderen Standpunkt zu überschauen. Ich will Ihnen einen Beweis liefern aus der deutschen Geistesentwickelung, daß es möglich ist, das so zu überschauen, wie ich es charakterisiert habe.
[ 5 ] Once we have grasped the foundations of the theosophical system, it seems presumptuous to us to speak about a philosopher unless we can tentatively adopt his point of view, so that we can prove the truth of his ideas just as he himself could. One can always be mistaken, but one must not adopt the sophistical position that it is impossible to comprehend another point of view. I will provide you with proof from the development of German thought that it is possible to comprehend it in the way I have described.
[ 6 ] In den sechziger Jahren war das Morgenrot des Darwinismus aufgegangen, und er wurde gleich materialistisch gedeutet. Die materialistische Deutung ist eine Einseitigkeit. Aber die, welche so deuteten, hielten sich für unfehlbar; die Materialisten der sechziger Jahre hielten sich für unfehlbar in ihren Schlüssen. Dann erschien die «Philosophie des Unbewußten» von Eduard von Hartmann. Ich will sie nicht verteidigen. Mag sie ihre Einseitigkeiten haben, so erkenne ich doch an, daß dieser Standpunkt ein weit höherer ist als der eines Vogt, eines Haeckel und eines Büchner. Daher haben die Materialisten sie für einen aufgewärmten Schopenhauerianismus gehalten. Da erschien ein neues Buch, das mit schlagenden Gründen eine Widerlegung der «Philosophie des Unbewußten» brachte, das alles widerlegte. Man glaubte, daß es nur aus der Reihe der Naturwissenschafter habe kommen können. «Er nenne sich uns», schrieb Haeckel, «und wir nennen ihn einen der Unsrigen.» Da erschien die zweite Auflage, und der Verfasser nannte sich: es war Eduard von Hartmann selber. Er hat gezeigt, daß er sich völlig auf den Standpunkt der Naturforscher stellen kann. Hätte er gleich seinen Namen daraufgesetzt, so hätte die Schrift ihren Zweck nicht erreicht. Sie sehen, daß der Höherstehende sich auch auf den untergeordneten Standpunkt stellen kann und alles, was gegen den höheren Standpunkt vorzubringen ist, selber vorzubringen vermag. Niemand also darf sich vermessen, besonders nicht vom theosophischen Standpunkte aus, über ein philosophisches System zu sprechen, wenn er sich nicht bewußt ist, dieses philosophische System von innen heraus begriffen zu haben.
[ 6 ] In the 1860s, the dawn of Darwinism had broken, and it was immediately interpreted in materialistic terms. The materialistic interpretation is one-sided. But those who interpreted it that way considered themselves infallible; the materialists of the 1860s considered themselves infallible in their conclusions. Then Eduard von Hartmann’s *Philosophy of the Unconscious* appeared. I do not wish to defend it. While it may have its one-sidednesses, I nevertheless acknowledge that this standpoint is far superior to that of Vogt, Haeckel, and Büchner. That is why the materialists regarded it as a rehash of Schopenhauerianism. Then a new book appeared that offered a compelling refutation of the “Philosophy of the Unconscious,” refuting everything. It was believed that it could only have come from the ranks of the natural scientists. “Let him reveal himself to us,” wrote Haeckel, “and we shall call him one of our own.” Then the second edition appeared, and the author revealed himself: it was Eduard von Hartmann himself. He has shown that he can fully adopt the standpoint of the natural scientists. Had he put his name on it right away, the work would not have achieved its purpose. You see that the one standing higher can also take the subordinate standpoint and is capable of raising all the arguments that can be raised against the higher standpoint. No one, therefore, should presume—especially not from the theosophical standpoint—to speak about a philosophical system unless he is conscious of having understood that philosophical system from within.
[ 7 ] Deshalb handelt es sich also nicht um die Widerlegung des Kantianismus und des Schopenhauerianismus. Über diese Kinderkrankheiten des Widerlegens müssen wir hinwegkommen. Wir müssen zeigen, wie sie selbst über sich hinausführen, wenn sie in ihrem wahren Kern verfolgt werden. Stellen wir uns deshalb nochmals probeweise auf den Standpunkt der subjektivistischen Erkenntnistheorie, die also zum Grundsatz führt: Die Welt ist meine Vorstellung. — Sie will den naiven Realismus überwinden, wonach dasjenige, was vor mir steht, das Wahre ist, während die Erkenntnistheoretiker gefunden haben, daß alles, was mich umgibt, nichts ist als meine Vorstellungen.
[ 7 ] This is therefore not a refutation of Kantianism and Schopenhauerianism. We must move beyond these infantile forms of refutation. We must show how they lead beyond themselves when pursued to their true core. Let us therefore tentatively adopt once more the standpoint of subjectivist epistemology, which leads to the principle: The world is my representation. — It seeks to overcome naive realism, according to which what stands before me is the truth, whereas epistemologists have found that everything surrounding me is nothing but my representations.
[ 8 ] Wenn man bei diesem Standpunkt der Erkenntnistheorie stehenbleiben müßte, so wäre jegliche Grundlage für einen theosophischen Aufbau einer Lebensanschauung vergeblich. Wir wissen, daß das, was wir erkennen von der Welt, nicht bloß unsere Vorstellungen sind. Wären sie nur subjektive Gebilde unseres Ich, wir könnten nicht über sie hinauskommen. Wir könnten nichts ausmachen über einen Wahrheitswert dessen, was wir erkennen. Wir würden niemals in der theosophischen Weltanschauung die Dinge als wesentlich anschauen können, sondern nur als subjektive Gebilde unseres Ich. Dadurch würden wir immer auf unser Ich zurückgewiesen. Wir könnten nie sagen, daß uns aus irgendeiner höheren Welt eine Kunde käme, wenn wir das, was wir aus der Tiefe unseres Vorstellungslebens heraufholen, nur für uns allein haben, sondern nur wenn wir in unserer subjektiven Welt auch die Kundgebungen einer wahrhaften und wirklichen Welt haben. Darauf beruht das, was wir uns als Theosophie vorstellen müssen. Daher kann sich die Theosophie niemals mit dem Satz: Die Welt ist meine Vorstellung — zufrieden geben.
[ 8 ] If we were forced to remain at this stage of epistemology, any foundation for a theosophical framework of a worldview would be in vain. We know that what we perceive of the world is not merely our own ideas. If they were merely subjective constructs of our ego, we could not transcend them. We could not determine the truth value of what we perceive. In the theosophical worldview, we would never be able to regard things as essential, but only as subjective constructs of our ego. Consequently, we would always be reduced to our ego. We could never say that a message comes to us from some higher world if what we draw up from the depths of our imaginative life were only for ourselves alone, but only if, within our subjective world, we also have the manifestations of a true and real world. This is the foundation of what we must conceive of as Theosophy. Therefore, theosophy can never be satisfied with the statement: “The world is my imagination.”
[ 9 ] Selbst bei Schopenhauer können wir sehen, daß er über den Satz: Die Welt ist meine Vorstellung — hinausschreitet. Bei Schopenhauer gibt es auch noch den anderen Satz, der den ersten ergänzen soll: Die Welt ist Wille. — Dazu kommt Schopenhauer auf keine andere Weise als der Theosoph. Er sagt: Alles, was am Sternenhimmel ist, ist nur meine Vorstellung, aber eines, mein eigenes Dasein, erkenne ich nicht als Vorstellung. Ich handle, ich tue, ich will; das ist eine Kraft in der Welt, in der ich bin und in mir, so daß ich von mir selbst weiß, was meiner Vorstellung zugrunde liegt. Möge daher auch alles übrige, was mich umgibt, Vorstellung sein, ich selbst bin mein Wille. — Damit hat Schopenhauer den festen Punkt zu gewinnen gesucht, den er aber doch niemals hat wirklich erreichen können. Denn dieser Satz ist ein sich selbst vernichtender Satz, der nur logisch zu Ende gedacht zu werden braucht, um dahinterzukommen, daß er das ist, was der Mathematiker eine Reductio ad absurdum nennt.
[ 9 ] Even in Schopenhauer, we can see that he goes beyond the statement: “The world is my idea.” Schopenhauer also offers another statement intended to complement the first: “The world is will.” — Schopenhauer arrives at this in no other way than the theosophist. He says: Everything in the starry sky is merely my representation, but one thing—my own existence—I do not recognize as a representation. I act, I do, I will; this is a force in the world in which I am and within me, so that I know from myself what underlies my representation. Therefore, even if everything else that surrounds me is an idea, I myself am my will. — With this, Schopenhauer sought to secure a firm foothold, which he, however, was never truly able to attain. For this statement is a self-defeating one, which need only be thought through to its logical conclusion to reveal that it is what the mathematician calls a reductio ad absurdum.
[ 10 ] Kein Steinchen kann aus dem Bau herausgenommen werden, den Schopenhauer uns aufgestellt hat. Wenn wir Tast-, Wärme- und Kälteempfindungen haben, dann wissen wir, daß wir da nur Vorstellungen haben unseres Ich. Seien wir konsequent. Wie erkennen wir uns selbst? Wir sehen keine wirkliche Farbe, sondern wir wissen nur, daß ein Auge da ist, welches Farbe sieht. Woher wissen wir aber, daß ein Auge sieht, daß eine Hand da ist, die fühlt? Nur dadurch, daß wir sie wahrnehmen, wie wir irgendeine andere Sache, eine Sinnesempfindung wahrnehmen, wenn wir die Außenwelt erkennen wollen. So ist auch unsere Selbsterkenntnis an dieselben Gesetze und Regeln gebunden, an welche das Gesetz der Außenwelt gebunden ist. Und so wahr meine Welt meine Vorstellung ist, so wahr muß es sein, daß ich selbst mit alledem, was in mir ist, meine Vorstellung bin. Damit kommen wir dazu, auch die ganze Schopenhauersche Philosophie, alles was über die ganze subjektive und objektive Welt gedacht wird, als bloße Vorstellung anzusehen. Seien Sie sich klar darüber, daß nur dies die wahre und echte Konsequenz der Schopenhauerschen Philosophie sein kann. Dann muß er aber auch zugeben, daß alles das, was er über sich selbst festgestellt hat, nur seine Vorstellung ist. Und damit sind wir bei dem angekommen, was der Mathematiker eine Reductio ad absurdum nennt, das Indie-Höhe-Ziehen an seinem eigenen Haarschopf. Wir schweben völlig in der Luft. Wir haben keinen festen Punkt mehr. Wir haben den naiven Realismus vernichtet, haben aber zu gleicher Zeit gezeigt, daß dies uns in den Nihilismus hineinführt. Man hat also einen anderen Punkt aufzusuchen, wenn diese Schlußfolgerung ad absurdum führt.
[ 10 ] Not a single brick can be removed from the edifice that Schopenhauer has constructed for us. If we have sensations of touch, heat, and cold, then we know that we have only ideas of our self. Let us be consistent. How do we recognize ourselves? We do not see any real color, but we only know that there is an eye that sees color. But how do we know that an eye sees, that there is a hand that feels? Only by perceiving them, just as we perceive any other thing, a sensory sensation, when we wish to recognize the external world. Thus, our self-knowledge is also bound by the same laws and rules to which the laws of the external world are bound. And just as my world is my idea, so it must be true that I myself, with everything that is within me, am my idea. This leads us to regard the entire Schopenhauerian philosophy—everything thought about the entire subjective and objective world—as a mere idea. Be clear that this alone can be the true and genuine consequence of Schopenhauer’s philosophy. But then he must also admit that everything he has established about himself is merely his own conception. And with that, we have arrived at what the mathematician calls a reductio ad absurdum, the act of pulling oneself up by one’s own hair. We are completely suspended in the air. We no longer have a fixed point. We have destroyed naive realism, but at the same time have shown that this leads us into nihilism. We must therefore seek another point if this conclusion leads to absurdity.
[ 11 ] Schopenhauer hat das selbst getan. Er hat gesagt: Wenn ich zum Realen kommen will, so darf ich nicht in der Vorstellung stehenbleiben, sondern ich muß zum Willen fortschreiten. Damit wurde Schopenhauer zum Realisten, freilich in anderer Weise als Herbart. Herbart sagt: Wir müssen das Wirkliche im Widerspruchslosen suchen. — Deshalb stellte er seine vielen Realien auf. Und Schopenhauer stellt ebenfalls solche Realien auf.
[ 11 ] Schopenhauer did this himself. He said: If I want to arrive at the real, I must not stop at the realm of ideas, but must proceed to the will. In this way, Schopenhauer became a realist, though in a different way than Herbart. Herbart says: We must seek the real in that which is free from contradiction. — That is why he established his many realities. And Schopenhauer likewise establishes such realities.
[ 12 ] Nun ist es wahr, wirklich wahr, daß die Welt, die mich umgibt, Schein ist. Aber wie der Rauch auf Feuer deutet, so deutet der Schein auf das ihm zugrunde liegende Sein. Herbart sucht das Problem in monadologischer Weise zu lösen, wie auch Leibniz; bei Herbart ist es allerdings gefärbt durch Kantianismus. Leibniz lebte vor Kant, er war noch frei von kantischem Einfluß. Schopenhauer stellt sich auf den Standpunkt: Ich selbst weiß mich als ein Wollender. Dieser Wille zum Dasein verbürgt mir mein Sein. Ich bin Wille, und ich offenbare mich in der Welt alsVorstellung. So wie ich Wille bin und mich manifestiere, so sind es auch die übrigen Dinge, und sie manifestieren sich im Äußeren. Wie das Ich in mir liegt, liegt auch der Wille in mir, und in den äußeren Dingen liegt der Wille dieser Dinge. — Schopenhauer hat so den Weg gezeigt zur Selbsterkenntnis, und damit gab er implicite zu, daß man nur dadurch die Dinge wirklich erkennen kann, daß man in ihrem Inneren darinnen ist.
[ 12 ] Now it is true, truly true, that the world around me is an illusion. But just as smoke points to fire, so does the illusion point to the being that underlies it. Herbart seeks to solve the problem in a monadological manner, as does Leibniz; in Herbart, however, it is colored by Kantianism. Leibniz lived before Kant; he was still free from Kantian influence. Schopenhauer takes the position: I myself know myself as a willer. This will to exist guarantees my being. I am will, and I reveal myself in the world as a representation. Just as I am will and manifest myself, so too are all other things, and they manifest themselves externally. Just as the self lies within me, so too does the will lie within me, and in external things lies the will of those things. — Schopenhauer thus showed the path to self-knowledge, and in doing so he implicitly admitted that one can truly know things only by being within them.
[ 13 ] Gewiß, wenn der naive Realismus recht hat, daß die Dinge außer uns sind, mit unserem Ich gar nichts zu tun haben und wir allein durch unsere Vorstellung Kunde von den Dingen außer uns haben, wenn also deren Wesen außer uns bleibt, dann ist dem Schopenhauerianismus gar nicht zu entkommen. Am wenigsten zu rechtfertigen ist dann aber der zweite Teil: Die Welt ist mein Wille.
[ 13 ] Certainly, if naive realism is correct—that things exist outside of us, have nothing to do with our ego, and we know of things outside of us solely through our imagination; in other words, if their essence remains outside of us—then there is no escaping Schopenhauerianism. But the second part is the least justifiable: The world is my will.
[ 14 ] Sie werden dies gleich verstehen. Wenn Sie sich eine Vorstellung bilden, läßt sich das vergleichen mit einem Siegel und seinem Abdruck. Das «Ding an sich» ist gleich dem Siegel, die Vorstellung ist gleich dem Siegelabdruck. Vom Siegel bleibt alles außerhalb der Substanz, die den Siegelabdruck aufnimmt. Der Abdruck, die Vorstellung, ist ganz subjektiv. Ich habe nichts in mir von dem «Ding an sich», so wie das Siegel selbst niemals in die Substanz des Siegelabdrucks hineinkommt. Darin liegt der Grundgedanke der subjektivistischen Anschauung. Schopenhauer aber sagt: Ich kann nur dadurch eine Sache erkennen, daß ich drinnenstehe. — Das sagt auch Julius Baumann, der auch andeutungsweise die Lehre von der Reinkarnation hat, wenn er auch nicht Theosoph ist. Aber diese seine Denkweise hat Julius Baumann dazu geführt, sie auch in bezug auf die erkenntnistheoretische Grundlegung anzuwenden. Wenn auch diese Form des Denkens bei ihm im Elementaren steckengeblieben ist, so ist er doch auf dem Wege.
[ 14 ] You will understand this in a moment. When you form a concept, it can be compared to a seal and its impression. The “thing-in-itself” is like the seal; the concept is like the impression. Everything about the seal remains outside the substance that receives the impression. The impression, the idea, is entirely subjective. I have nothing within me of the “thing-in-itself,” just as the seal itself never enters into the substance of the seal impression. Therein lies the fundamental idea of the subjectivist view. Schopenhauer, however, says: I can only recognize a thing by being inside it. — Julius Baumann says the same thing; he also holds, albeit in a suggestive way, the doctrine of reincarnation, even though he is not a theosophist. But this way of thinking led Julius Baumann to apply it also with regard to the epistemological foundation. Even if this form of thinking has remained at the elementary level for him, he is nevertheless on the path.
[ 15 ] Tatsächlich gibt es keine Möglichkeit, ein Ding zu erkennen, als in dasselbe hineinzukriechen. Und das ist nicht möglich, wenn wir sagen, das Ding ist außer uns und wir haben von demselben nur Kunde; dann kann nichts in uns hineinkommen. Könnten wir aber in das Ding selbst hineinkommen, dann könnten wir das Wesen der Dinge erkennen. Das scheint einem heutigen Erkenntnistheoretiker der absurdeste Gedanke zu sein. Aber es scheint nur so. Allerdings, unter den Voraussetzungen der abendländischen Erkenntnistheorie erscheint er so. Aber er erschien nicht immer so, vor allen Dingen denjenigen nicht, deren Geist nicht umflort war von den Grundsätzen dieser Erkenntnistheorie.
[ 15 ] In fact, there is no way to know a thing except by entering into it. And that is not possible if we say that the thing is outside of us and we have only knowledge of it; then nothing can enter into us. But if we could enter into the thing itself, then we could recognize the essence of things. To a contemporary epistemologist, this seems to be the most absurd idea. But it only seems that way. Admittedly, under the premises of Western epistemology, it appears that way. But it did not always appear that way, especially not to those whose minds were not clouded by the principles of this epistemology.
[ 16 ] Eines aber könnte möglich sein: Wir sind vielleicht gar niemals wirklich aus den Dingen herausgekommen. Wir haben vielleicht niemals jene strenge Scheidewand aufgerichtet, jenen Abgrund aufgerissen, welcher uns, nach Kant, streng von den Dingen scheiden soll. Dann kommt uns der Gedanke näher, daß wir in den Dingen sein können. Und das ist der Grundgedanke der Theosophie. Der ist so, daß unser Ich nicht uns selbst gehört, nicht eingeschlossen ist in das engumschlossene Gebäude, als das uns unsere Organisation erscheint, sondern der einzelne Mensch ist nur Erscheinung des göttlichen Selbst der Welt. Er ist gleichsam nur eine Spiegelung, ein Ausfluß, ein Funke des All-Ich. Das ist ein Gesichtspunkt, der die Geister Jahrhunderte hindurch beherrscht hat, bevor es eine Kantsche Philosophie gab. Die größten Geister haben nie anders gedacht als in diesem Sinne.
[ 16 ] But one thing might be possible: perhaps we have never truly stepped outside of things. Perhaps we have never erected that strict partition, never torn open that abyss which, according to Kant, is supposed to strictly separate us from things. Then the thought occurs to us that we might be within things. And that is the fundamental idea of theosophy. It holds that our ego does not belong to us, is not enclosed within the tightly sealed structure that our organization appears to be, but rather that the individual human being is merely a manifestation of the divine Self of the world. He is, as it were, merely a reflection, an emanation, a spark of the Universal Self. This is a perspective that dominated minds for centuries before Kantian philosophy existed. The greatest minds have never thought otherwise than in this sense.
[ 17 ] Johannes Kepler hat uns den Bau des Planetensystems erschlossen und hat den Gedanken gefaßt, daß die Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne kreisen. Das ist ein Gedanke, durch den wir Einblick gewinnen in das Wesen des Kosmos. Ich möchte Ihnen nun seine Worte anführen, damit Sie sehen, wie er empfunden hat: «Vor mehreren Jahren ist mir die erste Morgenröte erschienen, vor mehreren Wochen ist mir der Tag geworden und vor einigen Stunden die Sonne gekommen. Ich schrieb ein Buch. Diejenigen, welche das Buch lesen und verstehen, sind mir recht, die anderen — an ihnen liegt mir nichts . . .» Ein Gedanke, der lange gewartet hat, bis er im Kopfe eines Menschen wieder aufleuchten konnte. Das ist aus der Erkenntnis heraus gesprochen, daß das, was in unserem Geiste liegt und was wir von der Welt erkennen, dasselbe ist, was die Welt hervorgebracht hat; daß es nicht ein Zufall ist, wenn die Planeten elliptische Bahnen beschreiben, sondern daß sie vom schaffenden Geiste selbst in diese hineingebracht sein müssen; daß wir nicht Eckensteher sind, die sich über das Weltall nur Gedanken machen, sondern daß dasjenige, was der Inhalt unseres Geistes ist, draußen selbst schaffend tätig ist. Aus diesem Grunde war Kepler überzeugt davon, daß für dasjenige, was er als Grundgedanken des kosmischen Universums ausgemacht hat, er selbst nur der menschliche Schauplatz sei, auf dem dieser im Weltenall lebende und es durchflutende Gedanke erschienen ist, um wiedererkannt zu werden.
[ 17 ] Johannes Kepler revealed to us the structure of the planetary system and conceived the idea that the planets orbit the Sun in elliptical paths. This is an idea that gives us insight into the nature of the cosmos. I would now like to quote his words so that you may see how he felt: “Several years ago, the first dawn appeared to me; several weeks ago, the day dawned for me; and a few hours ago, the sun rose. I wrote a book. Those who read and understand the book are right in my eyes; the others—I care nothing for them . . .” A thought that waited a long time before it could shine forth again in a human mind. This is spoken from the realization that what lies within our spirit and what we perceive of the world is the very same thing that the world has brought forth; that it is no coincidence that the planets describe elliptical orbits, but that they must have been placed into these by the creative spirit itself; that we are not mere bystanders who merely ponder the universe, but that what constitutes the content of our mind is itself creatively active out there. For this reason, Kepler was convinced that, with regard to what he had identified as the fundamental idea of the cosmic universe, he himself was merely the human stage upon which this idea—living in the cosmos and permeating it—had appeared in order to be recognized.
[ 18 ] Kepler würde es niemals eingefallen sein, zu sagen, daß das, was er von dem Weltall erkannt habe, nur seine Vorstellung sei, sondern er würde sagen: Das, was ich erkannt habe, gibt mir Kunde von dem, was draußen im Raum wirklich ist. — Wenn man Kepler gesagt hätte, daß das nur Vorstellung, aber nicht objektiv draußen sei, würde er gesagt haben: Glaubst du wirklich, daß das, was mir Botschaft bringt von dem anderen, nur dann vorhanden ist, wenn ich die Botschaft entgegennehme? — Konsequenterweise müßte derjenige, welcher auf dem Boden subjektivistischer Erkenntnistheorie steht, sich sagen, wenn er vor einem Telephon steht: Der Herr in Hamburg, der mich jetzt anruft, ist nur meine Vorstellung; ich nehme ihn nur als meine Vorstellung wahr.
[ 18 ] It would never have occurred to Kepler to say that what he had come to know about the universe was merely his imagination; rather, he would have said: What I have come to know tells me what truly exists out there in space. — If someone had told Kepler that this was merely a conception and not objectively out there, he would have said: Do you really believe that what brings me a message from the other exists only when I receive the message? — Consequently, anyone who stands on the ground of subjectivist epistemology would have to tell himself, when standing in front of a telephone: “The gentleman in Hamburg who is calling me now is merely my imagination; I perceive him only as my imagination.”
[ 19 ] So führt uns also dieser Gedankengang selbst dahin, einmal zu fragen: Wie ist es möglich, das Prinzip wirklich anzuerkennen, daß wir das Wesen nur dann erkennen, wenn wir in das Wesen der Dinge selbst hineinkommen, wenn wir uns mit dem Wesen identifizieren können? Das ist die Erkenntnistheorie derjenigen, welche einen tieferen und klareren Standpunkt gegenüber der modernen Anschauung haben wollen.
[ 19 ] This line of thought thus leads us to ask: How is it possible to truly acknowledge the principle that we can only recognize the essence of things when we enter into the essence of things themselves, when we can identify with that essence? This is the theory of knowledge of those who wish to adopt a deeper and clearer perspective in contrast to the modern view.
[ 20 ] Hamerling hat ein gutes Buch geschrieben: «Die Atomistik des Willens.» Er ist ein ernster Denker und hat ernste Gedanken. Sie sind im Schopenhauerschen Sinne geschrieben, aber es sind Gedanken, die sich bemühen, zum Wesen der Dinge zu kommen. Hamerling sagt: Eines ist unbedingt sicher: Kein Mensch wird sein eigenes Dasein in Abrede stellen wollen, kein Mensch wird zugeben, daß er selbst nur ein gedachtes Sein hat, daß sein Sein aufhört, wenn er nicht mehr denkt. Auch Schiller sagt ja einmal: Ja, Descartes behauptet: ich denke, also bin ich. Aber ich habe schon oft nicht gedacht und bin doch dagewesen.
[ 20 ] Hamerling has written a good book: *The Atomism of the Will*. He is a serious thinker and has serious thoughts. They are written in the Schopenhauerian sense, but they are thoughts that strive to get to the essence of things. Hamerling says: One thing is absolutely certain: No human being will want to deny their own existence; no human being will admit that they themselves have only an imagined existence, that their existence ceases when they no longer think. Schiller, too, once said: Yes, Descartes claims: I think, therefore I am. But I have often not been thinking and yet I have been there.
[ 21 ] Hamerling sucht eine ähnliche Gesinnung wiederzugewinnen wie Schopenhauer: Ich muß allen übrigen Wesen auch ein Existenzgefühl zuerkennen. Das Ich und die Atome sind für ihn die beiden Pole. — Es ist das alles immer etwas spärlich, auch das Hamerling-Buch. Um dem Illusionismus zu entkommen, sucht er sich das so auszuführen, daß er sagt: Nur dasjenige Sein können wir verwirklichen, innerhalb dessen wir selbst stehen. — Mit allem Scharfsinn sucht Hamerling das auszuführen. Fechner versucht anstelle des Existenzgefühles das Gefühl überhaupt zu setzen. Herbart — so sagte er — hätte den Fehler gemacht, daß er durch bloßes Denken zur realen Wirklichkeit kommen will. Dadurch kommen wir aber nicht zu dem Ich. Vielmehr hebt das Ich sich aus dem Untergrunde des Fühlens heraus. Er hätte, ähnlich wie Schopenhauer, schreiben können: Die Welt als Gefühl und Vorstellung. — Hamerling hätte schreiben können: Die Welt als Atom, Wille und Vorstellung. — Und Frohschammer hat über Phantasie als Weltschöpfung, das eigentliche Sein verbürgend, geschrieben, wie Schopenhauer über den Willen. Er suchte die ganze Natur draußen als Erzeugnis der Phantasie darzustellen. — Sie alle suchen aus dem Absurden der Kantschen Philosophie herauszukommen.
[ 21 ] Hamerling seeks to regain a mindset similar to Schopenhauer’s: I must acknowledge that all other beings also possess a sense of existence. For him, the self and the atoms are the two poles. — It’s all a bit sparse, including Hamerling’s book. To escape into illusionism, he tries to elaborate on this by saying: We can only realize that being within which we ourselves stand. — With all his acumen, Hamerling tries to elaborate on this. Fechner attempts to substitute feeling in general for the sense of existence. Herbart—so he said—made the mistake of wanting to arrive at real reality through mere thinking. But that does not lead us to the self. Rather, the self rises up from the depths of feeling. He could have written, much like Schopenhauer: The World as Feeling and Representation. — Hamerling could have written: The World as Atom, Will, and Representation. — And Frohschammer wrote about imagination as the creation of the world, guaranteeing true being, just as Schopenhauer wrote about the will. He sought to portray all of nature outside as a product of the imagination. — They all seek to escape the absurdity of Kant’s philosophy.
[ 22 ] Da ist jetzt ein subtiler Gedankengang nötig, aber jeder muß ihn gemacht haben, der mitreden will: Wodurch kommen wir überhaupt dazu, irgendeinen Satz aufzustellen über das, was unsere Erkenntnis ist? Wodurch fühlen wir uns berufen zu sagen, die Welt ist unsere Vorstellung, ist Wille oder Phantasie oder dergleichen? Irgend etwas muß uns die Möglichkeit und Fähigkeit geben, uns selbst, unser Erkenntnisvermögen und unser Vorstellungsvermögen in ein Verhältnis zur Welt zu bringen.
[ 22 ] A subtle line of reasoning is now required, but anyone who wishes to join the discussion must have followed it: How do we even come to formulate any statement about what our knowledge is? What makes us feel compelled to say that the world is our conception, our will, or our imagination, or the like? Something must give us the possibility and ability to relate ourselves, our cognitive faculties, and our powers of imagination to the world.
[ 23 ] Stellen Sie sich vor den Gegensatz von Ich und der übrigen Welt, das heißt, Sie sollen sagen, wie Sie Ihr Ich und die übrige Welt erkennen. Nehmen Sie zwei Gegensätze: einen Ankläger eines Verbrechers und einen Verteidiger. Der eine urteilt von dem einen, der andere von dem anderen Standpunkt aus. Keiner von beiden kann berufen sein, volle Objektivität zu geben. Nur der objektiv über ihnen stehende Richter kann ein Urteil abgeben. Was die beiden vorbringen, stellen Sie sich vor, auch den Richter, der objektiv beides abwägt. Niemals kann einer allein entscheiden, und ebensowenig kann das Ich allein entscheiden über das, was sein Verhältnis zur Welt ist. Das einzelne Ich ist subjektiv, es könnte niemals allein entscheiden über sein Verhältnis zur Welt. Es wäre niemals eine Erkenntnistheorie möglich, wenn nur das Ich auf der einen Seite und die Welt auf der anderen Seite wäre. Ich muß in meinem Denken einen objektiven Standpunkt gewinnen und damit über mich selbst und über die Welt hinauskommen. Stecke ich in meinem Denken ganz darinnen, so ist dies unmöglich, wie es für das Denken der Kantianer und Schopenhauerianer unmöglich ist. Stellen Sie sich vor, wie Kant an seinem Schreibtisch sitzt und nur aus sich heraus urteilt. So ist es nicht möglich, zu einem objektiven Urteil zu kommen. Nur unter einer Voraussetzung ist es möglich, daß ich mein Denken über mich und die Welt gleichsam zum Richter zu setzen vermag: wenn es etwas Über-mich-Hinausgehendes ist.
[ 23 ] Imagine the contrast between the self and the rest of the world; that is, you are to describe how you perceive your self and the rest of the world. Consider two opposing roles: a prosecutor and a defense attorney. One judges from one perspective, the other from the opposite. Neither of them can claim to be fully objective. Only the judge, who stands objectively above them, can render a verdict. Imagine what the two present, and also the judge, who objectively weighs both sides. No one can ever decide alone, and just as little can the self alone decide what its relationship to the world is. The individual self is subjective; it could never decide alone on its relationship to the world. A theory of knowledge would never be possible if there were only the self on one side and the world on the other. I must attain an objective standpoint in my thinking and thereby transcend myself and the world. If I am completely immersed in my thinking, this is impossible, just as it is impossible for the thinking of the Kantians and Schopenhauerians. Imagine Kant sitting at his desk, judging solely from within himself. In this way, it is not possible to arrive at an objective judgment. It is possible for me to make my thinking about myself and the world, as it were, a judge only under one condition: if it is something that transcends me.
[ 24 ] Nun zeigt Ihnen schon die leiseste Selbstbesinnung, daß Ihr Denken etwas über Sie Hinausgehendes ist. Es ist nicht wahr, daß es nur ein bloßer Schein, nur eine bloße Erscheinung ist, daß zwei mal zwei gleich vier ist, daß alle Wahrheiten, welche mit einer absoluten Gültigkeit auftreten, nur in Ihrem Bewußtsein Gültigkeit haben. Sie erkennen, daß deren Objektives über ihre subjektive Gültigkeit hinausragt, Sie erkennen dessen Gültigkeit an. Es hat mit Ihrem Ich nichts zu tun, daß zwei mal zwei gleich vier ist. Nichts im Felde der Weisheit hat mit Ihrem Ich zu tun. Weil Sie sich zu einem objektiven, in sich geschlossenen Denken erheben können, können Sie auch objektiv über die Welt urteilen. Alle Denker setzen diesen Satz schon voraus, sonst könnten sie sich gar nicht hinsetzen und über die Welt nachdenken. Und wenn es nur die zwei Gedanken gäbe, nämlich: Ich bin in der Welt —, und: Die Welt ist in mir —, so könnte man weder Kantianismen noch Schopenhauerianismen begründen. Sie müssen zugeben, daß Sie befugt sind, über Wahrheit zu urteilen. Denn innerhalb unseres Denkens ist etwas, das über unserem Ich liegt. Das haben alle Philosophen zugegeben, die nicht im Kantianismus befangen sind, die unbefangen monadologisch denken. Alle diejenigen, welche die wahren Realien der Welt in diesem Sinne gedacht haben, haben sie als geistig gedacht. Geistig haben sie sie gedacht. Gehen wir zurück bis zu Giordano Bruno, zu Leibniz, zu denjenigen, welche den Realien ihre Eigenschaften beizulegen sich bemühten, Sie werden finden, daß sie monadologisch gedacht haben, daß sie das Denken als aus dem Urgrunde, vom Geist kommend, anerkannt haben. Wenn aber Geist das ist, was das Wesen der Dinge ausmacht, dann steht gegenüber dieser Anschauung selbst Kantische und Schopenhauersche Erkenntnistheorie auf dem Standpunkte eines naiven Realismus.
[ 24 ] Even the slightest self-reflection will show you that your thinking is something that extends beyond you. It is not true that it is merely an illusion, merely an appearance, that two plus two equals four, that all truths which appear with absolute validity are valid only in your consciousness. You recognize that their objectivity extends beyond their subjective validity; you acknowledge their validity. The fact that two times two equals four has nothing to do with your ego. Nothing in the realm of wisdom has anything to do with your ego. Because you are capable of rising to objective, self-contained thinking, you can also judge the world objectively. All thinkers already presuppose this principle; otherwise, they could not even sit down and reflect on the world. And if there were only these two thoughts, namely: I am in the world — and: The world is in me — then neither Kantianism nor Schopenhauerianism could be justified. You must admit that you are authorized to judge truth. For within our thinking there is something that lies above our ego. All philosophers who are not bound by Kantianism, who think monadologically without bias, have admitted this. All those who have conceived of the true realities of the world in this sense have conceived of them as spiritual. They have conceived of them spiritually. If we go back to Giordano Bruno, to Leibniz, to those who endeavored to ascribe properties to the realities, you will find that they thought monadologically, that they recognized thought as arising from the primal source, from the spirit. But if spirit is what constitutes the essence of things, then even Kantian and Schopenhauerian epistemology stands, in contrast to this view, on the standpoint of a naive realism.
[ 25 ] Ich komme auf mein Gleichnis zurück. Denken Sie, von dem Stoff des Petschaftes käme nichts auf den Siegelabdruck, aber es käme auf die Schrift an, auf Ihren Namen, der auf dem Petschaft steht, auf den Geist. Dann können Sie sagen, es mag sein, daß nichts von dem Stoff hinüberwandert, aber etwas, was herüberwandert, das wäre Ihr Name, der auf dem Petschaft steht; der wandert herüber aus der Welt des Geistes. Er wandert hinüber trotz aller Scheidewände, die wir aufgerichtet haben. Dann braucht es nicht geleugnet zu werden, daß die Schopenhauersche Erkenntnistheorie teilweise richtig ist, aber wir schreiten über die Scheidewände hinweg. Alle jene materialistischen Erwägungen, lassen Sie sie bestehen! Geben Sie zu, daß nichts in den Siegelabdruck herüberwandert von dem Stoff des Siegels, aber daß der Geist hinübergeht, denn der kommt in seiner wahren Gestalt in uns hinein, weil wir in Wahrheit aus ihm herausgekommen sind. Weil wir ein Funke dieses Weltgeistes sind, deshalb leben wir in ihm und erkennen ihn wieder. Wir wissen ganz genau, wenn der Weltgeist an unser Auge, unser Ohr anklopft, daß das nicht bloß unser subjektives Empfinden ist, sondern wir schauen, wer da draußen ist. So sind wir uns klar, daß der Geist draußen die Vermittler sucht, die wir als die Geistesvermittler angegeben haben. Wenn feststeht, daß die Welt Geist ist in ihrer Grundwesenheit, so können wir uns voll auf den Standpunkt stellen, den Kant und Schopenhauer einnehmen. Das alles ist richtig, aber es ist nicht weitgehend genug. Es ist leicht, sich auf Kant und Schopenhauer einzustellen. Aber man muß über sie hinauskommen, denn richtig ist es, daß der Geist es ist, der in allen Dingen lebt und daß der Geist sich anklopfend an uns wendet, um seine Wesenheit uns zu geben. So bewahrheitet sich im theosophischen Sinne tatsächlich dasjenige, was Baumann für eine wirkliche Erkenntnis der Dinge fordert, nämlich wir müssen in dem Wesen der Dinge drinnenstecken. Wir stecken auch im Weltengeist drinnen und sind nur ein Wesen desselben.
[ 25 ] I’ll return to my parable. Suppose nothing from the material of the seal were to appear on the seal impression, but what mattered was the writing, your name inscribed on the seal, the spirit. Then you could say that while nothing from the material may pass over, what does pass over is your name inscribed on the seal; it passes over from the world of the spirit. It passes over despite all the dividing walls we have erected. Then there is no need to deny that Schopenhauer’s theory of knowledge is partly correct, but we step over the dividing walls. All those materialistic considerations—let them stand! Admit that nothing from the substance of the seal migrates into the seal impression, but that the spirit passes over, for it enters us in its true form, because in truth we have come forth from it. Because we are a spark of this world spirit, that is why we live in it and recognize it again. We know quite clearly that when the world spirit knocks at our eye, our ear, this is not merely our subjective perception, but we see who is out there. Thus we are aware that the spirit out there seeks the mediators whom we have designated as the spiritual mediators. If it is established that the world is spirit in its fundamental essence, then we can fully adopt the standpoint taken by Kant and Schopenhauer. All of this is correct, but it is not far-reaching enough. It is easy to align oneself with Kant and Schopenhauer. But one must go beyond them, for it is true that it is the Spirit that lives in all things and that the Spirit turns to us, knocking, to give us its essence. Thus, in the theosophical sense, what Baumann demands for a true understanding of things is indeed fulfilled: namely, we must be immersed in the essence of things. We are also immersed in the world spirit and are merely a manifestation of it.
[ 26 ] Ich habe heute den Grundgedanken dieser Philosophie in Bilder eingekleidet. Eine philosophische Abhandlung darüber finden Sie in meiner «Philosophie der Freiheit», und auch die gegnerischen Standpunkte finden Sie da. Ich habe vorgetragen, daß Schopenhauer, Kant, die Neukantianer auf dem Standpunkte stehen, daß wir über die Vorstellung nicht hinauskommen, und dann, wie sie auf halbem Wege den naiven Realismus überwunden haben. Aber, da sie von dem «Ding an sich» ausgehen und zeigen, daß man nicht aus sich heraus kann, bleiben sie doch noch im naiven Realismus stecken, weil sie die Wahrheit im Stofflichen suchen. Und auch alle die modernen Erkenntnistheoretiker, wenn sie auch noch so sehr glauben, über den naiven Realismus hinausgekommen zu sein, stehen doch mit einem Bein auf dem naiven Realismus, weil sie nicht davon abgekommen sind, alles auf das Stoffliche zu gründen.
[ 26 ] Today I have expressed the fundamental idea of this philosophy in images. You will find a philosophical treatise on this subject in my *Philosophy of Freedom*, and you will also find the opposing viewpoints there. I have explained that Schopenhauer, Kant, and the Neo-Kantians take the position that we cannot go beyond the concept, and then how they have overcome naive realism halfway through. But since they start from the “thing-in-itself” and show that one cannot escape from oneself, they remain stuck in naive realism because they seek the truth in the material world. And all modern epistemologists, too, no matter how much they believe they have moved beyond naive realism, still have one foot in naive realism, because they have not departed from the practice of grounding everything in the material.
[ 27 ] Theosophie nur kann uns zur Pforte der Erkenntnis hinführen. Wenn wir den Gegenstand der Erkenntnis auffinden wollen, führt sie uns dahin, sagen zu können, daß das wahre Wesen der Welt Geist ist. Von dem Augenblicke an, wo wir zu dieser Pforte kommen, ist der weitere Weg der Geist. Aller Welt liegt der Geist zugrunde.
[ 27 ] Only theosophy can lead us to the gateway of knowledge. If we wish to discover the object of knowledge, it leads us to the realization that the true nature of the world is Spirit. From the moment we reach this gateway, the path ahead is Spirit. Spirit underlies the entire world.
[ 28 ] Das wollte ich einmal ausführen. Nur kurz und skizzenhaft ist es geschehen. Der Mensch ist gewiß ein Siegelabdruck der Welt. Sein Wesen liegt aber nicht im Stofflichen. Wir können dies Wesen aber jeden Augenblick erkennen, denn es liegt im Geiste. Der Geist fließt in den Stoff, in uns ein, wie der Name, der auf dem Petschaft steht, in den Siegelabdruck hinübergeht.
[ 28 ] I wanted to elaborate on this at some point. I have done so only briefly and in outline form. Man is certainly an imprint of the world. But his essence does not lie in the material realm. We can, however, recognize this essence at every moment, for it lies in the spirit. The spirit flows into matter, into us, just as the name on the seal passes into the seal impression.
[ 29 ] Ich glaube gezeigt zu haben, daß man sich auch auf den Standpunkt der Kathederphilosophie stellen kann, nur daß man sie dann besser verstehen muß als die Kathederphilosophen selber. Dann wird auch bei uns jeder den Weg zur Theosophie finden, auch wenn er auf gegnerischem Standpunkte steht. Sie können auf jedem Standpunkte stehen, wenn Sie sich nur nicht Scheuleder anlegen lassen. Aus jeder Philosophie heraus werden Sie den Weg zur Theosophie finden können.
[ 29 ] I believe I have shown that one can adopt the standpoint of academic philosophy, provided that one understands it better than the academic philosophers themselves. Then everyone among us will find the path to Theosophy, even if they hold an opposing viewpoint. You can hold any viewpoint, as long as you do not allow Scheuleder to influence you. From any philosophical perspective, you will be able to find the path to Theosophy.
[ 30 ] Man lernt Schopenhauer am besten dadurch überwinden, daß man ihn gründlich kennenlernt. Die meisten kennen ihn nur ein wenig. Aber man muß auch da in das Wesen der Dinge hineingehen, nämlich sich auf seinen Standpunkt stellen. Es gibt zwölf Bände Schopenhauer, die ich textkritisch herausgegeben habe. Mehrere Jahre habe ich mich also auch mit Schopenhauer befaßt. Deshalb glaube ich, einigermaßen über ihn Bescheid zu wissen. Aber wenn man ihn wirklich erkennt und erfaßt, dann kommt man zum theosophischen Standpunkt. Nicht durch ein halbes Wissen, denn das führt von der Theosophie hinweg. Das halbe abendländische Wissen führt zunächst von der Theosophie weg, führt zu Subjektivismus, zu Idealismus und so weiter. Lassen Sie das aber zum ganzen Wissen werden, dann wird auch das Abendland den Weg zur Theosophie finden.
[ 30 ] The best way to move beyond Schopenhauer is to get to know him thoroughly. Most people know him only a little. But one must also delve into the essence of things, namely, take his point of view. There are twelve volumes of Schopenhauer that I have edited from a textual-critical perspective. So I have also been engaged with Schopenhauer for several years. That is why I believe I know him reasonably well. But when one truly recognizes and grasps him, one arrives at the theosophical standpoint. Not through half-knowledge, for that leads away from theosophy. Half-knowledge in the West initially leads away from theosophy, leading to subjectivism, to idealism, and so on. But let that become complete knowledge, and then the West, too, will find the path to Theosophy.
[ 31 ] Ich habe Julius Baumann schon angeführt. Der weiß, was echte Erkenntnis ist, wenn er auch noch nicht zu dem gekommen ist, was das Große der Theosophie ist, das ich glaube schwach andeutend gezeigt zu haben. Denn das wirkliche Wissen widerspricht keineswegs der Theosophie. Sie ist eben diejenige Anschauung, welche überall Friede und Toleranz hereinbringt. Alle diese Wahrheiten, die ich angeführt habe, sind Stufen zur eigentlichen Wahrheit. Kant ist ein Stück weit die Stufen hinaufgestiegen, Schopenhauer auch. Der eine mehr, der andere weniger. Auf dem Wege sind sie. Es handelt sich aber immer darum, wie weit sie diesen Weg verfolgt haben. Auf dem Gipfel zu sein, das vermißt sich auch die Theosophie nicht. Der rechte Weg ist der Weg selbst, vor allen Dingen derjenige, der über den griechischen Tempeln gestariden hat: «Erkenne dich selbst.» Wir sind eines Wesens mit dem Weltengeist. Wie wir unser eigenes Wesen erkennen werden, so werden wir das Wesen des Weltengeistes erkennen. «Aufstieg von unserem Geist zum Allgeist», das heißt Theosophie.
[ 31 ] I have already cited Julius Baumann. He knows what true knowledge is, even if he has not yet arrived at the greatness of theosophy, which I believe I have shown in a faint hint. For true knowledge in no way contradicts theosophy. It is precisely that perspective which brings peace and tolerance everywhere. All these truths I have cited are steps toward the true truth. Kant has climbed the steps a good distance, Schopenhauer as well. One more so, the other less so. They are on the path. But the question is always how far they have pursued this path. Theosophy does not presume to be at the summit either. The right path is the path itself, above all the one inscribed above the Greek temples: “Know thyself.” We are one with the World Spirit. Just as we come to know our own nature, so shall we come to know the nature of the World Spirit. “The ascent of our spirit to the Universal Spirit”—that is Theosophy.
