Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
23 March 1904, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
9. Theosophische Seelenlehre II: Seele und Menschenschicksal
9. Theosophical Doctrine of the Soul II: The Soul and Human Destiny
[ 1 ] Die materialistische Weltanschauung hat das moderne Denken zu der grotesken Behauptung geführt, daß die herrliche Tragödie des Hamlet nichts weiter sei, als die umgewandelten Nahrungsmittel, die der große Dichter Shakespeare genossen hat.
[ 1 ] The materialistic worldview has led modern thinking to the grotesque assertion that the magnificent tragedy of *Hamlet* is nothing more than the transformed food that the great poet Shakespeare consumed.
[ 2 ] Nun, zunächst könnte eine solche Behauptung als eine ironische, als eine humoristische aufgefaßt werden. Und dennoch: wer die Ansicht über die Seele, welche sich innerhalb der sogenannten materialistischen Weltanschauung herausgebildet hat, zu Ende denkt, der muß zu dieser Behauptung zuletzt kommen. Diese Ansicht führt allerdings die materialistische Seelenansicht ad absurdum. Aber wenn es wahr ist, daß wir die Seelenerscheinungen ebenso zu begreifen haben als Ausflüsse der mechanischen Tätigkeit unseres Gehirns, wie wir die Vorgänge einer Uhr zu verstehen haben aus dem Triebwerk dieser Uhr, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als in denjenigen Ursachen, in denen wir die Gründe zu suchen haben für den Gang der Gehirnwerkzeuge, zuletzt auch die Ursachen der Seelenerscheinungen, die Ursachen der höchsten Außerungen des Menschengeistes zu sehen.
[ 2 ] Well, at first glance, such a claim might be interpreted as ironic or humorous. And yet: anyone who thinks through to its logical conclusion the view of the soul that has developed within the so-called materialist worldview must ultimately arrive at this claim. This view, however, reduces the materialist conception of the soul to absurdity. But if it is true that we must understand the phenomena of the soul as effluents of the mechanical activity of our brain, just as we must understand the workings of a clock from its mechanism, then we have no choice but to see in those causes—in which we must seek the reasons for the functioning of the brain’s mechanisms—ultimately also the causes of mental phenomena, the causes of the highest expressions of the human spirit.
[ 3 ] Schon der deutsche Philosoph Leibniz hat in bezug auf diese Behauptung die richtige Zurückweisung gefunden. Er hat gesagt: Man stelle sich einmal vor, dieses ganze menschliche Gehirn wäre begriffen, man wüßte bis ins einzelnste hinein, wie diese Zellen und die Zellenumgebungen funktionieren, man wüßte alle einzelnen Bewegungen und könnte verzeichnen, was räumlich im Gehirn vorgeht, wenn ein Gedanke, eine Empfindung, ein Gefühl im Menschen Platz greift; nehmen wir an, dieses Endziel der Naturwissenschaft wäre erreicht. — Dann sagt Leibniz weiter: Man stelle sich nun dieses menschliche Gehirn unendlich vergrößert vor, so daß man ruhig darin spazierengehen kann, ruhig beobachten kann, was da für Bewegungen sich darinnen abspielen. Man hat ganz und gar eine Maschine vor sich. Was wird man sehen? Bewegungen wird man sehen, räumliche Vorgänge wird man sehen. Aber was man nicht sehen wird, das ist dasjenige, zu dem der Mensch sagt: Ich fühle Lust und Leid, ich fühle Freude und Schmerz, ich denke diesen oder jenen Gedanken. Dasjenige, was des Menschen Ich als sein tiefinnerstes Eigentum, als seine tiefinnersten Vorgänge und Erlebnisse ansehen muß, das wird kein Beobachter dieser großen, dieser vergrößerten Gehirnmaschinerie sehen können. Um das zu beobachten, was das Ich als seine Erlebnisse in Gefühlen, Empfindungen und Vorstellungen betrachtet, dazu gehört eine ganz andere Art von Erfahrung, dazu gehört menschliche Innenerfahrung, dazu gehört, daß wir von aller räumlichen Betrachtung absehen und uns in die Seele selbst versenken, um aus der Seele heraus die Erklärungsgründe zu holen für dasjenige, was in ihr vorgeht.
[ 3 ] The German philosopher Leibniz had already found the correct rebuttal to this claim. He said: Imagine for a moment that the entire human brain were understood, that we knew down to the smallest detail how these cells and their surroundings function, that we knew every single movement and could record what is happening spatially in the brain when a thought, a sensation, or a feeling takes hold in a person; let us assume that this ultimate goal of natural science had been achieved. — Then Leibniz continues: Imagine now this human brain infinitely enlarged, so that one can calmly walk around inside it, calmly observe what movements are taking place there. One has a machine before one’s eyes. What will one see? One will see movements; one will see spatial processes. But what one will not see is that which the human being says: I feel pleasure and pain, I feel joy and sorrow, I think this or that thought. That which the human self must regard as its innermost possession, as its innermost processes and experiences, no observer of this vast, this enlarged brain machinery will be able to see. To observe what the “I” regards as its experiences in feelings, sensations, and ideas, a completely different kind of experience is required; human inner experience is required; it requires that we refrain from all spatial observation and immerse ourselves in the soul itself, in order to draw from the soul the explanatory reasons for what is taking place within it.
[ 4 ] Man kann diese Frage noch in einer anderen Weise beJeuchten. Ich war einstmals zugegen, als zwei junge Studenten miteinander diskutierten über diese Frage. Der eine war mitten drin im materialistischen Denken. Er war sich klar darüber, daß der Mensch nichts anderes sei als ein Mechanismus, daß wir den Menschen begriffen haben, wenn wir wissen, wie seine Gehirnfunktionen und seine übrigen körperlichen Funktionen sind. Darauf sagte der andere: Aber es gibt ja doch eine einfache Tatsache, welche nur ausgesprochen zu werden braucht, um sich klarzumachen, daß hier noch etwas ganz anderes vorliegt als ein Vorgang, der ähnlich einem mechanischen sei. Warum sagt der Mensch nicht: Mein Gehirn fühlt, mein Gehirn empfindet, mein Gehirn stellt vor? — Nun, der Mensch würde diese Tatsache als eine Verfälschung seiner innersten Seelenerfahrung anerkennen müssen. Niemals können wir durch räumliche Beobachtung, ebenso wie bei äußeren Erscheinungen, uns die Seelenvorgänge erklärlich machen. Das ist ja gerade der charakteristische Unterschied zwischen körperlichen Vorgängen und Seelenvorgängen, daß, wenn wir etwas in einer Maschine vorgehen sehen, wir uns sagen können, diese oder jene Teile der Maschine sind in Bewegung, sind wirksam, und weil diese wirksam sind, vollzieht die Maschine dieses oder jenes. Man kann da nicht einwenden, daß wir noch nicht alle Bewegungen, alle Verrichtungen unseres Gehirnmechanismus kennen. Denn das ist ja gerade der Sinn der Leibnizschen Beantwortung der Frage, daß auch dann, wenn wir diesen ganzen Mechanismus begriffen hätten, das eigentliche Seelenleben doch völlig unberücksichtigt geblieben wäre. Da gibt es nur eines: In unser Inneres selbst zu blicken, uns zu fragen, was entdecken wir da, wenn wir unser eigenes Ich sprechen lassen? Was entdecken wir, wenn wir nicht mit Augen sehen und nicht mit Ohren hören, sondern wenn wir die eigene Seele beobachten?
[ 4 ] One can approach this question in yet another way. I was once present when two young students were discussing this question. One of them was deeply immersed in materialistic thinking. He was convinced that human beings are nothing more than mechanisms, that we have understood human beings once we know how their brain functions and their other bodily functions work. To this, the other replied: But there is a simple fact that need only be stated to make it clear that what we have here is something entirely different from a process resembling a mechanical one. Why does a human being not say: My brain feels, my brain perceives, my brain imagines? — Well, a human being would have to acknowledge this fact as a distortion of his innermost soul experience. We can never explain mental processes through spatial observation, just as we cannot with external phenomena. This is precisely the characteristic difference between physical processes and mental processes: that when we see something happening in a machine, we can say that this or that part of the machine is in motion, is active, and because these parts are active, the machine performs this or that action. One cannot object here that we do not yet know all the movements, all the operations of our brain mechanism. For that is precisely the point of Leibniz’s answer to the question: even if we had understood this entire mechanism, the actual life of the soul would still have remained completely unaccounted for. There is only one thing to do: to look into our inner selves, to ask ourselves, what do we discover there when we let our own self speak? What do we discover when we do not see with our eyes and do not hear with our ears, but when we observe our own soul?
[ 5 ] Dann aber, wenn wir diesen Standpunkt uns klargemacht haben, müssen wir uns auch darüber klar sein, daß alle Fragen, die sich auf die Seele und ihre Vorgänge beziehen, ebenso wissenschaftlich und unbefangen behandelt werden müssen wie die Fragen der äußeren Naturwissenschaft. Kein Naturforscher wird zugeben, daß man durch eine bloße chemische Analyse einer Gehirnpartie etwas über das Leben dieses Gehirns, etwas über die Gestalt dieses Gehirns unmittelbar erfahren könne. Dazu sind andere Methoden notwendig. Dazu ist notwendig, daß wir die Gestalt irgendeines solchen organischen Gliedes studieren, daß wir sie im Zusammenhang betrachten mit der übrigen organischen Welt. Kurz, wir sind nicht imstande, wenn wir bei der bloßen Physik, bei der bloßen Chemie bleiben, die Vorgänge des Lebens zu beschreiben. Ebensowenig sind wir imstande, wenn wir bloß die äußeren Erscheinungen beobachten, die Tatsachen des Seelenlebens zu erkennen.
[ 5 ] But once we have made this point clear to ourselves, we must also be clear that all questions relating to the soul and its processes must be treated just as scientifically and impartially as the questions of the natural sciences. No natural scientist will admit that one can learn anything directly about the life of a brain or about the structure of that brain through a mere chemical analysis of a part of the brain. Other methods are necessary for this. It is necessary that we study the structure of any such organic component and that we consider it in connection with the rest of the organic world. In short, we are unable to describe the processes of life if we confine ourselves to mere physics and mere chemistry. Nor are we able to recognize the facts of the life of the soul if we merely observe external phenomena.
[ 6 ] Welches sind nun diese Tatsachen des Seelenlebens? Die Grundtatsache des Seelenlebens ist Lust und Schmerz. Denn das, was wir als Lust und Schmerz, als Freude und Unlust empfinden, das ist unser ureigenes Seelenerlebnis. Wir gehen an Gegenständen um uns herum vorüber. Die Gegenstände machen auf uns ihren Eindruck. Sie sagen uns etwas über ihre Farbe und Form, auch über ihre Bewegungen, sie sagen uns dasjenige, was sie im Raume sind. Aber nichts können wir den Gegenständen selbst entnehmen, wenn wir davon etwas wissen wollen, was im Menschen vor sich geht, wenn er an diesen Gegenständen vorübergeht. Die Farbe eines Gegenstandes wirkt auf das Auge des einen und wirkt auf das Auge des anderen. Die Lust oder vielleicht auch der Schmerz, den der eine bei dieser Farbe empfinden kann, kann verschieden, ganz verschieden sein von der Lust und dem Schmerz des anderen. Dasjenige, was der eine als Lust empfindet, rührt vielleicht davon her, daß diese Farbe ihn an ein besonders liebes Erlebnis erinnert, daß er oftmals dieser Farbe gegenüber Freude empfand. Ein anderer muß an ein trauriges Erlebnis denken, wenn er diese Farbe sieht, deshalb empfindet er vielleicht Schmerz. Diese Farbenerlebnisse sind des Menschen ureigenste Erlebnisse. Diese gehören ganz allein ihm. In der Freude und im Schmerz, die sich abspielen im Innenleben, drückt sich des Menschen ganz besondere Wesenheit aus, jene Wesenheit, wodurch sich der eine von dem anderen unterscheidet, jene Wesenheit, worin keiner dem anderen gleich ist. Schon das sollte uns klarmachen, daß es nicht allein von außen, von dem, was in der Sinnenwelt vorgeht, abhängen kann, wie sich Lust und Schmerz gestalten, sondern es zeigt uns, daß in unserem Inneren auf Eindrücke der Außenwelt etwas antwortet, das in jedem Menschen anders ist; so daß also, so viele Menschen vor uns stehen, ebenso viele Innenwelten vor uns stehen, die wir nur begreifen können aus dem Tiefsten dieser ihrer inneren Natur heraus, die etwas ganz besonders, etwas ganz für sich bestehendes Wirkliches sind, gegenüber allem, was im Raume und in der Zeit vor unserem Auge und vor unserem Ohr sich ausspricht.
[ 6 ] What, then, are these facts of mental life? The fundamental fact of mental life is pleasure and pain. For what we experience as pleasure and pain, as joy and displeasure, is our very own mental experience. We pass by objects around us. The objects make an impression on us. They tell us something about their color and shape, as well as their movements; they tell us what they are in space. But we cannot glean anything from the objects themselves if we want to know what is going on within a person as they pass by these objects. The color of an object affects one person’s eye and affects another’s. The pleasure—or perhaps even the pain—that one person may feel upon seeing this color can be different, quite different from the pleasure and pain of another. What one person perceives as pleasure may stem from the fact that this color reminds them of a particularly cherished experience, that they have often felt joy in the presence of this color. Another person may think of a sad experience when they see this color, which is why they may feel pain. These color experiences are the very most personal experiences of the human being. They belong entirely to them alone. In the joy and pain that unfold in the inner life, the very special essence of the human being is expressed—that essence by which one person differs from another, that essence in which no one is like another. This alone should make it clear to us that how pleasure and pain take shape cannot depend solely on external factors, on what occurs in the sensory world; rather, it shows us that within us, something responds to impressions from the outside world that is different in every human being; so that, just as there are many people standing before us, there are just as many inner worlds standing before us, which we can only comprehend from the very depths of their inner nature—which are something quite special, something real that exists entirely in and of itself, in contrast to everything that manifests itself in space and time before our eyes and ears.
[ 7 ] In Lust und Leid spielt sich des Menschen Innenleben ab. Und mit Lust und Leid hängt etwas zusammen, was durch alle Zeiten, seit Menschen gedacht haben, wie eine große Frage, wie ein ungeheures Rätsel die Menschenbrust durchzogen hat. Es hängt damit zusammen das Menschenschicksal, dieses Menschenschicksal, das der feinfühlige griechische Geist empfunden hat wie etwas Überpersönliches, wie etwas, das über dem Menschen schwebt, das über die Menschen hereinbricht, wie etwas, das nichts zu tun hat mit dem, was der einzelne verdient, was der einzelne erwirkt und erstrebt hat. Mit den dürresten Worten nur können wir die Auffassung des griechischen Volkes bezeichnen. Es ist dasjenige Seele, welches das gigantische Schicksal erträgt, indem es nur gar zu oft den Menschen zermalmt. So verschieden Lust und Leid der Menschen sind, so verschieden sind die menschlichen Schicksale, und diese menschlichen Schicksale haben, wie eine einfache triviale Beobachtung zeigen kann, nichts zu tun mit demjenigen, was der Mensch als Persönlichkeit sich selbst erarbeitet, sich selbst erwirbt. Das, was man im eigentlichen Sinne Schicksal nennt, ist etwas, was über dem persönlichen Verdienst, über der persönlichen Schuld liegt. Wir sondern aus, wenn wir von Schuld und von Verdienst sprechen, dasjenige, was über den Menschen hereinbricht, und was von seiner eigenen Arbeit unabhängig ist. Da ist der eine, welcher durch seine Geburt bestimmt ist, in Armut und Elend zu leben, vielleicht nicht nur durch die Umgebung, in die er hineingeboren war, sondern einfach durch die Gabe, durch die Mitgift der Natur, die er bei seiner Geburt empfangen hat. Da ist der andere, der als Kind des Glücks erscheint, bei dem Lust und Leid zum höchsten Gipfel führen können, einfach dadurch, daß er bei seiner Geburt mit größeren, vorzüglicheren Gaben ausgestattet ist als ein anderer. Wie sich das Schicksal und das einzelne menschliche Leben verketten, das bildet durch alle Zeiten hindurch die große bange Frage des denkenden Menschen. Das Menschenschicksal und die Menschenseele haben in ihren Wechselbeziehungen die Dichter und die Forscher beschäftigt. Und wie nimmt sich das Menschenschicksal gegenüber dem einzelnen menschlichen Seelenerlebnis aus?
[ 7 ] Human inner life unfolds through pleasure and pain. And linked to pleasure and pain is something that, throughout the ages, ever since humans have been capable of thought, has permeated the human heart like a great question, like an immense mystery. It is connected to the human fate—this human fate that the sensitive Greek spirit perceived as something supra-personal, as something that hovers above humanity, that descends upon people, as something that has nothing to do with what the individual deserves, what the individual has achieved and strived for. We can describe the Greek people’s conception only in the driest terms. It is the soul that bears this gigantic fate, even though it all too often crushes the human being. Just as varied as human joy and sorrow are, so too are human fates, and these human fates, as a simple, trivial observation can show, have nothing to do with what a person, as a personality, works out for themselves or acquires for themselves. What is called fate in the true sense is something that lies beyond personal merit and beyond personal fault. When we speak of guilt and merit, we distinguish that which befalls a person and which is independent of their own efforts. There is the one who is destined by birth to live in poverty and misery, perhaps not only because of the environment into which they were born, but simply because of the gift, the endowment of nature, that they received at birth. Then there is the other, who appears as a child of fortune, for whom pleasure and suffering can lead to the highest peaks, simply because he was endowed at birth with greater, more exceptional gifts than another. How fate and the individual human life are intertwined has, throughout the ages, been the great, anxious question of the thinking human being. Human destiny and the human soul, in their interrelationships, have occupied poets and researchers. And how does human destiny compare to the individual human soul’s experience?
[ 8 ] Wir finden für das Wechselverhältnis von Seele und Schicksal in der Natur ein völliges Gleichnis. Wir finden ein Gleichnis in dem, was uns in der Natur als Art, als Gattungsgebilde der Lebewesen entgegentritt. Ein Lebewesen ist nicht in beliebiger Weise gestaltet. Jedes Lebewesen ist seinem Keime nach gestaltet. Seinem Keime nach ist der Löwe Löwe, der Frosch Frosch, weil in dem Keime die Kraft zu der besonderen Gestalt liegt, und weil der Keim diese Kraft von seinen Vorfahren erbt. Deshalb ist das Tier in besonderer Gattung gestaltet. Diese Vererbungsgesetze walten in der Pflanzen- und Tierart; sie walten nach Maßgabe dessen, was sie an Gliedern vererbt haben, um sich betätigen zu können. Ein Leben ist bestimmt durch die Ausbildung der Organe, die dem Wesen vererbt worden sind. Dieses Vererbungsgesetz ist das große Gesetz, welches die Arten und Gattungen in der Tier- und Pflanzenwelt bestimmt und auch in der physischen Menschenwelt. Dieses Art- und Gattungsgesetz, dieses Vererbungs- und Entwickelungsgesetz ist das Schicksalsgesetz für die Arten und Gattungen. Nur so wie das Vererbungsgesetz waltet, kann das Einzelwesen sich betätigen. Ganz ähnlich ist für den einzelnen Menschen dasjenige, was er als Lust und Leid empfindet gegenüber dem ob seiner waltenden Schicksal. So wie das Tier die Gestalt seiner Gattung von seinen Vorfahren ererbt hat, so treffen wir in ganz bestimmter Weise den Menschen mit Anlagen, mit Charaktermerkmalen ausgestattet, die das Maß seiner Lust und seines Schmerzes bestimmen, die das Maß derselben enthalten, ihm sein Leben zumessen.
[ 8 ] We find a perfect analogy in nature for the interplay between soul and destiny. We find an analogy in what we encounter in nature as species, as the generic forms of living beings. A living being is not shaped in just any way. Every living being is shaped according to its germ. According to its germ, the lion is a lion, the frog a frog, because the power for its particular form lies within the germ, and because the germ inherits this power from its ancestors. That is why the animal is formed into a specific genus. These laws of heredity govern plant and animal species; they govern according to what they have inherited in terms of limbs in order to be able to act. A life is determined by the formation of the organs that have been inherited by the being. This law of heredity is the great law that determines the species and genera in the animal and plant worlds, and also in the physical human world. This law of species and genera, this law of heredity and development, is the law of destiny for the species and genera. Only in accordance with how the law of heredity operates can the individual being act. In a very similar way, what the individual human being experiences as pleasure and pain is determined by the destiny that governs him. Just as the animal has inherited the form of its genus from its ancestors, so we find that human beings are endowed in a very specific way with predispositions and character traits that determine the measure of their pleasure and pain, that contain the measure thereof, and that measure out their lives.
[ 9 ] Wie das Artgesetz über den Tieren waltet, so waltet das Schicksal über den einzelnen Menschen. So wie der Naturforscher in der neueren Zeit, wenn er ehrlich, dem Entwickelungsgesetze getreu forscht, sich fragt, warum hat dieses Tier ein längeres oder kürzeres Greiforgan, ein schärferes oder ein weniger scharfes Auge, und wie er sich nicht begnügt, das längere oder kürzere Greiforgan, das mehr oder weniger scharfe Auge als ein Wunder hinzunehmen, sondern sich sagt, ich muß dieses Tier mit anderen Tieren vergleichen, ich muß beobachten, wie sich allmählich diese Organe herausgebildet haben durch das große eherne Naturgesetz der Artverwandtschaft, der Vererbung unter allen Lebewesen, so muß auch der Menschenforscher, der Seelenforscher, wenn er das einzelne Menschenleben verstehen will, sich fragen: Wie hängt das große Gesetz des Schicksals mit diesen einzelnen menschlichen Leben zusammen, wie ist es möglich, daß das Schicksal über dem einzelnen Leben so gewaltet hat, daß es dieses oder jenes Maß von Lust und Leid bestimmt hat? — Ganz analog der Frage des Naturforschers ist die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Menschenseele und Menschenschicksal. Und eine ganz analoge Betrachtung wird uns Aufklärung verschaffen über die Fragen, die in dieser Richtung die Menschen beschäftigen.
[ 9 ] Just as the law of nature governs animals, so does fate govern individual human beings. Just as the modern naturalist, when he conducts his research honestly and in accordance with the laws of evolution, asks himself why this animal has a longer or shorter prehensile organ, a sharper or less sharp eye, and just as he does not content himself with accepting the longer or shorter prehensile organ, the more or less sharp eye, as a miracle, but tells himself, I must compare this animal with other animals; I must observe how these organs have gradually developed through the great, ironclad law of nature governing kinship and heredity among all living beings—so too must the researcher of humanity, the researcher of the soul, if he wishes to understand the individual human life, ask himself: How is the great law of fate connected to these individual human lives? How is it possible that fate has ruled over the individual life in such a way as to determine this or that measure of pleasure and suffering? — The question of the connection between the human soul and human fate is entirely analogous to the naturalist’s question. And a completely analogous consideration will provide us with insight into the questions that occupy people in this regard.
[ 10 ] Es gibt eine Tatsache, welche so klar spricht in bezug auf diese Frage, daß wir sie nur nach allen Richtungen durchzudenken brauchen, daß wir uns nur ganz in sie zu vertiefen brauchen, um eine Antwort zu gewinnen. Diese Tatsache wird nicht in demselben Stile und in demselben Sinne beobachtet, wie der Naturforscher beobachtet, wenn er die Verwandtschaft der Arten und Gattungen studiert. Aber das liegt nicht daran, daß diese Tatsache nicht ebenso klar und deutlich spricht, sondern es liegt einfach daran, daß die neuere Menschheit sich gewöhnt hat, über diese Tatsache hinwegzusehen; sich daran gewöhnt hat, das laute Sprechen, das klare Zeugnis dieser Tatsache nicht gelten zu lassen. Sie ist allerdings nicht eine so rohe und grobe, wie die Tatsachen sind, die zu unseren äußeren Sinnen sprechen. Aber können wir denn hoffen, daß uns das feine Seelenleben über die intimen Vorgänge in unserem eigenen Inneren ebenso grobe und ebenso auffällige Tatsachen der Aufklärung gibt wie die äußeren Sinnestatsachen? Müssen wir nicht vielmehr voraussetzen, daß die Fragen, die sich in unserem Seelenleben verkörpern, feinerer, subtilerer Natur sind? Es ist ganz so, wie einstmals Galilei das große Gesetz der Pendelerscheinungen entdeckte, als ihm der Sinn aufging, der sich ihm an einer schwingenden Lampe in der Kirche öffnete, so daß sich ihm in diesem Augenblick das Gesetz der Natur offenbarte. Diesen Erfolg hatte er nur dadurch, daß er die Tatsachen im richtigen Sinne zusammenhalten konnte. So müssen uns aber auch die Tatsachen, wenn wir sie im richtigen Sinne uns klarmachen, aufklären in bezug auf Schicksal und Seelenleben.
[ 10 ] There is a fact that speaks so clearly regarding this question that we need only consider it from every angle, that we need only immerse ourselves fully in it, to arrive at an answer. This fact is not observed in the same manner or with the same intent as the naturalist observes when studying the relationships between species and genera. But this is not because this fact does not speak just as clearly and distinctly; rather, it is simply because modern humanity has become accustomed to overlooking this fact; has become accustomed to disregarding the loud voice, the clear testimony of this fact. It is, however, not as crude and coarse as the facts that speak to our external senses. But can we hope that the subtle life of the soul will provide us with facts of enlightenment regarding the intimate processes within our own inner being that are just as crude and just as conspicuous as the facts perceived by our external senses? Must we not rather assume that the questions embodied in our inner life are of a finer, more subtle nature? It is just as Galileo once discovered the great law of pendulum phenomena when the meaning dawned on him, revealed to him by a swinging lamp in the church, so that the law of nature was revealed to him at that very moment. He achieved this success only because he was able to hold the facts together in the right sense. But in the same way, if we make the facts clear to ourselves in the right sense, they must also enlighten us regarding destiny and the life of the soul.
[ 11 ] Gehen Sie die Reihe der Tierwesen durch. Sie finden eine Mannigfaltigkeit verschiedener Arten und Gattungen. Sie erklären sich als moderner Naturforscher diese Arten und Gattungen durch die Verwandtschaft untereinander und durch die Abstammung voneinander. Sie sind befriedigt, wenn Sie begriffen haben, daß ein höheres, vollkommeneres Tier seinen Artcharakter dadurch erhalten hat, daß es von seinen Vorfahren abstammt, deren Organe sich allmählich umgewandelt haben zu den Organen des Tieres, das heute vor uns steht.
[ 11 ] Go through the animal kingdom. You will find a wide variety of different species and genera. As a modern naturalist, you explain these species and genera through their kinship with one another and their descent from one another. You are satisfied when you have grasped that a higher, more perfect animal has acquired its species characteristics by descending from ancestors whose organs have gradually transformed into the organs of the animal that stands before us today.
[ 12 ] Was aber interessiert Sie an dem Tier? Es kann niemals die Frage sein, daß wir uns für das Tier viel weiter interessieren als nach seinem Artcharakter. Wir sind völlig befriedigt, wenn wir einen Löwen oder eine andere Tierart nach dem Artcharakter beschrieben haben. Wir sind völlig aufgeklärt über einen Löwen, wenn wir verstanden haben, wie die Löwenart im allgemeinen lebt, wie die Löwenart im allgemeinen sich betätigt; dann wissen wir, daß dasselbe vom Vater, vom Sohn und vom Enkel innerhalb der Löwengattung gilt. Wir sind uns klar darüber, daß uns einzelne Verschiedenheiten, die ja auch im Tierreich vorhanden sind, nicht in dem Maße interessieren, daß wir nun an jedes einzelne Individuum herantreten müßten, um es für sich zu studieren. Wir sind uns klar, daß das Maßgebende für das Tier dasjenige ist, was Vater, Sohn und Enkel miteinander gemeinsam haben. Der Forscher wird sich befriedigt erklären, wenn er irgendein Exemplar der Löwengattung, der Löwenart begriffen hat. Diese Tatsache muß zu Ende gedacht werden und völlig klar in ihrer Bedeutung begriffen sein. Wenn man sie dann vergleicht mit der anderen Tatsache, daß dies bei den Menschen ganz anders ist, dann läßt sich in wenigen Worten der Unterschied des Menschencharakters vom Tiercharakter angeben; ein Unterschied, der, wenn er einmal verstanden ist, von keinem naturalistischen Forscher geleugnet werden kann; ein Unterschied, so groß und gewaltig, daß er Licht verbreitet über die eigentliche Wesenheit der menschlichen Seele. Die Tatsache, die hier zugrunde liegt, läßt sich mit den Worten aussprechen: Der Mensch hat eine Biographie, das Tier hat keine Biographie.
[ 12 ] But what interests you about the animal? It can never be the case that we are interested in the animal beyond its species-specific characteristics. We are completely satisfied once we have described a lion or another animal species in terms of its species-specific characteristics. We are fully informed about a lion once we have understood how the lion species generally lives and behaves; then we know that the same applies to the father, the son, and the grandson within the lion genus. We are clear that individual differences, which do exist in the animal kingdom, do not interest us to the extent that we would now have to approach every single individual to study it on its own. We are clear that what is decisive for the animal is what the father, son, and grandson have in common. The researcher will be satisfied once he has grasped any specimen of the lion genus, the lion species. This fact must be thought through to its conclusion and fully understood in its significance. When one then compares it with the other fact that this is entirely different in humans, the difference between human character and animal character can be stated in a few words; a difference which, once understood, cannot be denied by any naturalist; a difference so great and profound that it sheds light on the very essence of the human soul. The underlying fact here can be expressed in these words: Man has a biography; the animal has no biography.
[ 13 ] Zwar ist in der Natur alles nur gradweise vorhanden, und gegen diesen Satz soll nichts eingewendet werden, denn es ist klar, daß man einzelne Merkmale eines Tieres verzeichnen und dadurch etwas Ähnliches wie eine Biographie zustande bringen kann. Aber es bleibt doch als eine Tatsache bestehen, daß wir erst im Menschenreich eine wirkliche Biographie haben. Damit ist gegeben, daß wir dasselbe Interesse, das wir der tierischen Art entgegenbringen, dem einzelnen menschlichen Individuum entgegenbringen. Während wir beim Menschen nicht gleichgültig sind, ob wir den Vater, den Sohn oder den Enkel beschreiben, nennen wir eine zusammengehörige Gruppe von Tieren eine Art, weil sie die gleichen Merkmale haben und wir sie naturwissenschaftlich begriffen haben, wenn wir ihre Gestaltung als Art begriffen haben. Da müssen wir die bedeutungsvolle Tatsache aussprechen: Jedes menschliche Individuum ist eine Art für sich. Das ist ein Satz, der vielleicht manchem nicht sofort einleuchtet, der manchem als etwas erscheint, was herausgekünstelt ist.
[ 13 ] It is true that in nature everything exists only in a gradual sense, and there is no objection to this statement, for it is clear that one can record individual characteristics of an animal and thereby produce something akin to a biography. Yet it remains a fact that it is only in the human realm that we have a true biography. This means that we extend the same interest we show toward the animal species to the individual human being. While we are not indifferent in the case of humans as to whether we are describing the father, the son, or the grandson, we call a related group of animals a species because they share the same characteristics, and we have understood them scientifically once we have grasped their form as a species. Here we must state the significant fact: every human individual is a species unto themselves. This is a statement that may not immediately make sense to some, that may seem to some like something contrived.
[ 14 ] Aber wenn auch dieser Satz in seiner ganzen Tragweite nicht sofort begriffen werden kann, demjenigen, der ihn durchdenkt, der ihn bis zu Ende denkt, dem wird er nur in dem Lichte erscheinen können, das ich bezeichnet habe. Und damit sind wir auch über die Behauptung hinaus, daß für den Seelenforscher bloß das einzelne hervorragende Individuum ein Beweis sei, daß im Menschen etwas Besonderes auftrete, während doch die meisten Menschen gleichgeartet seien und im Grunde genommen — nur in höherer Ausbildung — dasselbe hätten wie die Tiere auch.
[ 14 ] But even if the full significance of this sentence cannot be grasped immediately, to those who reflect on it, who think it through to its conclusion, it can only appear in the light I have described. And with that, we have also moved beyond the assertion that, for the researcher of the soul, only the exceptional individual serves as proof that something special occurs in human beings, whereas most people are alike and, fundamentally—merely through higher education—possess the same qualities as animals do.
[ 15 ] O nein, den einfachen Menschen, den Wilden, können Sie dadurch vom Tiere unterscheiden, daß Sie sich bewußt sind, daß er eine Biographie hat, daß mit seinem Artcharakter als Mensch seine Wesenheit nicht erschöpft ist, daß es bei ihm darauf ankommt, daß wir diese einzelne Individualität bei ihm erfassen; daß es nicht gleichgültig ist, ob der Vater, der Sohn oder der Enkel vor uns steht. Wollen wir naturwissenschaftlich verfahren, dann müssen wir dieselben Regeln, dieselbe Gesetzmäßigkeit auf den Menschen anwenden, die wir auf das Tier in bezug auf seinen Artcharakter anwenden. Wir würden das einzelne Tier, welches in vollkommener Gestaltung, in ganz bestimmter Form vor uns steht, als ein Wunder ansehen müssen, wenn wir es nicht begriffen in seiner Verwandtschaft und Abstammung von anderen Wesen. Wir würden aber auch den einzelnen Menschen, der ein Ganzes, eine Art für sich ist, mit seinen besonderen Erlebnissen von Leid und Lust, als ein Wunder ansehen müssen, wenn wir ihn einfach so hinstellten, wie er sich vor uns zeigt. Derjenige, welcher die einzelne menschliche Individualität, dasjenige, was sich in der Biographie ausdrückt, stehen läßt, ohne sie erklären zu wollen, ohne sie von den anderen Wesenheiten zu unterscheiden, wer dieses Wesen unerklärt lassen will, der gleicht einem Wundergläubigen. Wenn wir an der Entwickelung festhalten, dann müssen wir sagen: Wie im Tierreich die einzelne Tierform mit ihrer Art verwandt ist, so müssen wir auch die einzelne menschliche Seele in ihrer besonderen Erscheinungsform zurückführen auf etwas anderes Seelisches. So klar wie die Naturwissenschaft geworden ist, seit sie anerkannt hat, daß das Leben sich nicht aus dem Leblosen entwickeln kann, sondern daß jedem Lebendigen ein Keim zugrunde liegt, so wahr ist es, daß es heute naturwissenschaftlicher Aberglaube wäre, wenn jemand glaubte, was im 16. Jahrhundert geglaubt worden ist, daß sich Fische, Frösche und dergleichen aus Schlamm entwickeln könnten.
[ 15 ] Oh no, you can distinguish the simple person, the savage, from an animal by being aware that he has a life story, that his essence is not limited to his species-character as a human being, that what matters is that we grasp this unique individuality in him; that it is not irrelevant whether the father, the son, or the grandson stands before us. If we wish to proceed scientifically, then we must apply the same rules, the same laws to human beings that we apply to animals with regard to their species-character. We would have to regard the individual animal, which stands before us in perfect form, in a very specific shape, as a miracle if we did not understand it in terms of its kinship and descent from other beings. But we would also have to regard the individual human being, who is a whole, a species unto himself, with his particular experiences of suffering and pleasure, as a miracle if we simply presented him as he appears before us. The one who leaves the individual human personality—that which is expressed in the biography—as it is, without seeking to explain it, without distinguishing it from other beings; the one who wishes to leave this being unexplained, is like a believer in miracles. If we hold fast to evolution, then we must say: Just as in the animal kingdom the individual animal form is related to its species, so too must we trace the individual human soul in its particular manifestation back to something else of a spiritual nature. Just as clear as natural science has become since it recognized that life cannot develop from the inanimate, but that every living being is based on a germ, so it is true that it would be scientific superstition today if anyone believed what was believed in the 16th century—that fish, frogs, and the like could develop from mud.
[ 16 ] So aber wäre es, wenn jemand behaupten wollte, Seelisches entstehe nicht aus Seelischem, sondern aus Seelenlosem. Wie Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann, in dem Sinne, wie die Naturwissenschaft es annimmt, so muß man erkennen, daß Seelisches nur aus Seelischem entstehen kann. Und so wie die Naturwissenschaft es als einen kindlichen Glauben ansieht, daß das Leben nicht aus einem Keim, sondern aus Leblosem hervorgehe, so muß es eine wahre Seelenlehre als ein Unding betrachten, daß aus Mechanischem Seelisches hervorgehen könnte. Das wäre dasselbe, wie wenn jemand behauptete, aus beliebigem Zusammenballen von Schlamm könne Seelisches hervorgehen.
[ 16 ] But this would be the case if someone were to claim that the spiritual does not arise from the spiritual, but from the non-spiritual. Just as living things can arise only from living things, in the sense that natural science assumes, so one must recognize that the spiritual can arise only from the spiritual. And just as natural science regards it as a childish belief that life does not arise from a germ but from the inanimate, so a true doctrine of the soul must regard it as an absurdity that the spiritual could arise from the mechanical. That would be the same as if someone were to claim that the spiritual could arise from any random clump of mud.
[ 17 ] Wenn wir dieses zugrunde legen, dann müssen wir uns sagen: Wer nicht an ein Wunder auf dem Gebiete des Seelenlebens glauben will, der muß jeder einzelnen Seele gegenüber sich die Frage stellen: Woher stammt sie, wo liegen die Ursachen, daß sie sich in dem Zustande, in dem sie sich befindet, gerade so gestaltet? Wir müssen sozusagen von dem seelischen Wesen eines Menschen zu seinem seelischen Vorfahren aufsteigen, wie wir von der körperlichen Gestaltung eines Tieres zu seinen körperlichen Vorfahren hinaufsteigen, um das Hervorgehen seiner Art zu begreifen.
[ 17 ] If we take this as our starting point, then we must ask ourselves: Anyone who refuses to believe in a miracle in the realm of the soul must ask themselves, with regard to every single soul: Where does it come from? What are the causes that have shaped it into the state it is in right now? We must, so to speak, ascend from the spiritual being of a human being to his spiritual ancestors, just as we ascend from the physical form of an animal to its physical ancestors in order to understand the origin of its species.
[ 18 ] Im letzten Vortrag habe ich den Gipfel, welchen Aristoteles seiner Seelenlehre gegeben hat, als das Verhängnis der Seelenlehre des Abendlandes bezeichnet. Ich habe gezeigt, daß Aristoteles in bezug auf unsere körperliche Welt völlig auf dem Standpunkte stand, auf dem auch die moderne Entwickelungslehre steht, daß er die Wesen bis hinauf zu den höchsten auf natürliche Weise sich entwickeln läßt. Da aber, wo Aristoteles von der höchsten Seele spricht, sagt er mit Recht ganz dasselbe, was wir jetzt auseinandergesetzt haben. Dieses Seelische ist unerklärbar aus dem, was wir als bloße Naturvorgänge kennengelernt haben. Nimmermehr kann jemand die Seele begreifen als bloßen Naturvorgang. Deshalb greift Aristoteles als ehrlicher Forscher und Denker zu einer Erklärung, die klipp und klar das Wunder bei jeder einzelnen Seelenentstehung zugibt. Dadurch erscheint er als ein ehrlicher Denker, aber als ein solcher, der gegenüber dem Seelischen ein naturwissenschaftliches Prinzip verleugnet. Wenn ein Mensch sich so weit entwickelt hat, daß sein Körperliches Menschenform gewonnen hat, dann wird dieser Menschenform von dem Schöpfer die Seele einerschaffen; das ist der einzige konsequente Standpunkt, den man einnehmen muß, wenn man sich nicht entschließen will, in demselben Sinne die Seele zu erklären, wie es die moderne Naturwissenschaft mit den Arten des Tierreiches macht. Will man nicht das seelische Vorfahrenwesen suchen, wie man das Tiervorfahrenwesen sucht, wenn man das Tier erklären will, dann muß man sagen, in jeden einzelnen Menschen ist eine Seele hineinerschaffen.
[ 18 ] In my last lecture, I described the culmination to which Aristotle brought his theory of the soul as the downfall of Western psychology. I have shown that, with regard to our physical world, Aristotle stood entirely on the same ground as modern evolutionary theory, in that he allowed beings—up to the highest—to develop naturally. But when Aristotle speaks of the highest soul, he rightly says exactly what we have just discussed. This spiritual aspect cannot be explained by what we have come to know as mere natural processes. No one can ever comprehend the soul as a mere natural process. Therefore, as an honest researcher and thinker, Aristotle resorts to an explanation that clearly and unambiguously acknowledges the miracle in the origin of every single soul. In this way, he appears as an honest thinker, but as one who denies a scientific principle in the face of the soul. When a human being has developed to the point where their physical form has taken on human shape, then the Creator instills the soul into this human form; this is the only consistent position one must take if one does not wish to explain the soul in the same way that modern natural science explains the species of the animal kingdom. If one does not wish to seek the spiritual ancestor, as one seeks the animal ancestor when explaining animals, then one must say that a soul is created within every single human being.
[ 19 ] Es gibt da nur noch einen anderen Weg, und dieser andere Weg, dieser Ausweg, ist nur ein scheinbarer. Er besteht in dem Wege, den Herbert Spencer, der jüngst verstorbene große englische Philosoph, gezeigt hat. Er war sich klar darüber — was wir auch gesagt haben —, daß es unmöglich ist, das einzelne Seelenwesen für sich stehen zu lassen, es als ein Wunder hinzunehmen. Daher, sagt er, müssen wir bezüglich dieses Seelenlebens hinaufgehen zu den physischen Vorfahren des betreffenden Menschen, und so wie er von den physischen Vorfahren die Gestalt seines Gesichtes, seine Hände und Füße ererbt hat, so hat er auch seine seelischen Eigenschaften ererbt von den Vorfahren. So stellt Herbert Spencer die Seelenentwickelung vollständig gleich der körperlichen Entwickelung. Das ist aber nur ein scheinbarer Ausweg, der sich mit den Tatsachen nimmermehr in Einklang bringen läßt. Das, was aus einem anderen erklärlich sein soll, muß sich aus den Eigenschaften des anderen ableiten lassen.
[ 19 ] There is only one other way, and this other way, this way out, is only an apparent one. It consists of the path shown by Herbert Spencer, the great English philosopher who recently passed away. He was well aware—as we have also said—that it is impossible to leave the individual soul to stand on its own, to accept it as a miracle. Therefore, he says, with regard to this soul life we must go back to the physical ancestors of the person in question, and just as he has inherited the shape of his face, his hands, and his feet from his physical ancestors, so too has he inherited his soul qualities from his ancestors. Thus Herbert Spencer equates the development of the soul entirely with physical development. But this is only an apparent solution that can never be reconciled with the facts. That which is to be explained from one must be derivable from the characteristics of the other.
[ 20 ] Nun sagt wohl Goethe: «Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, von Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.» Aber niemand wird behaupten wollen, wenn er die Tatsachen unbefangen prüft, daß dasjenige, was des Menschen ureigenste Wesenheit ausmacht, dasjenige, was er gerade als das Ergebnis seines Schicksals betrachtet, daß dieses in gleicher Weise von seinen physischen Vorfahren bestimmt wird, wie seine äußere Form und Gestalt von seinen Vorfahren bestimmt ist, denn sonst müßte die Entwickelung des Geistes denselben Gesetzen folgen, denen die Entwickelung des Physischen folgt. Aber wo könnten wir die geistigen Eigenschaften eines Newton, eines Galilei, eines Kepler, eines Goethe herleiten von ihren Vorfahren? Wo könnten wir die Eigenschaften Schillers herleiten? Von seinem Vater? Gewiß hat Schiller von seinem Vater die äußere Gestalt erhalten, das Artmäßige; denn das, was die allgemeine Gestalt ausmacht, das ist durch die physische Vererbung bestimmt, wie die physische Gestalt der Tiere durch die Vererbung bestimmt ist. Aber wenn wir die eigentlichen inneren Eigenschaften der einzelnen Individualität - und es braucht nicht Schiller zu sein, es kann ein beliebiger Herr Müller aus diesem oder jenem Ort sein — erklären wollen, wenn wir erklären wollen, was in seiner tiefsten Seele vorgeht, wodurch er dieser bestimmte Mensch ist, woraus seine Biographie folgt, dann können wir diesen Menschen niemals dadurch begreifen, daß wir seinen Ursprung bei den physischen Vorfahren studieren.
[ 20 ] Now, as Goethe says: “From my father I inherited my stature and a serious approach to life; from my mother, a cheerful disposition and a love of storytelling.” But no one who examines the facts impartially would claim that what constitutes a person’s very essence—that which he regards as the very result of his destiny—is determined by his physical ancestors in the same way that his outward form and appearance are determined by them, for otherwise the development of the mind would have to follow the same laws as the development of the physical. But where could we trace the mental qualities of a Newton, a Galileo, a Kepler, or a Goethe back to their ancestors? Where could we derive Schiller’s qualities? From his father? Certainly, Schiller received his outward form, the typical features, from his father; for what constitutes the general form is determined by physical heredity, just as the physical form of animals is determined by heredity. But if we wish to explain the actual inner qualities of a particular individual—and it need not be Schiller; it could be any Mr. Müller from this or that place—if we wish to explain what goes on in his deepest soul, what makes him this particular person, from what his biography arises, then we can never understand this person by studying his origins in his physical ancestors.
[ 21 ] Studieren Sie einen Löwen und beschreiben Sie statt dieses Löwchens den Löwenvater oder Löwengroßvater: Sie werden naturwissenschaftlich völlig befriedigt sein. Beschreiben Sie aber einen Menschen, so müssen Sie sein ureigenes Leben beschreiben. Die Biographie des Großvaters oder Vaters ist etwas ganz anderes als seine eigene. So verschieden wie Art und Art im Tierreich ist, so verschieden sind die Biographien der einzelnen Menschen.
[ 21 ] Study a lion and describe the lion’s father or grandfather instead of this little lion: you will be completely satisfied from a scientific standpoint. But if you describe a human being, you must describe his very own life. The biography of a grandfather or father is something entirely different from his own. Just as species differ in the animal kingdom, so do the biographies of individual human beings.
[ 22 ] Wer diese Gedanken voll durchdenkt, kann niemals die geistige Entwickelung analog nehmen der physischen. Wir müssen vielmehr annehmen, wenn wir die geistige Entwickelung erklären wollen, daß wir in derselben Weise zu den geistigen Vorfahren aufsteigen müssen, wie wir zur Erklärung der physischen Natur zu den physischen Vorfahren aufsteigen. Und der physische Vorfahr kann nicht zugleich der geistige Vorfahr sein. Die Entwickelung des Seelischen geht nicht einen Schritt denselben Gang mit der Entwickelung des Physischen. Will ich eine Seele erklären, so muß ich ihren Ursprung ganz woanders suchen als in dem physischen Organismus. Sie muß schon einmal dagewesen sein, sie muß einen Seelenvorfahr haben, wie die tierische Art einen physischen Vorfahr hat. Damit kommen wir auf die Ideen, welche die tieferen Seelenforscher aller Zeiten als die ihrigen anerkannt haben, und welche, im wahren Sinne des Wortes, in naturwissenschaftlichem Sinne das Wesen der Seele betrachten. Wer mit aller Energie des Forschungstriebes in dieses Wesen der Seele eindringt — Sie können es zum Beispiel in durchsichtiger Auseinandersetzung bei Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts» sehen —, der kommt zu der Annahme, daß jede Seele zurückverfolgt werden muß zu einer anderen Seele. Und damit kommen wir zum Entwickelungsgesetz der Seele, wir kommen zum Reinkarnationsgesetz, zum Gesetz der Wiederverkörperung.
[ 22 ] Anyone who thinks these ideas through to their full conclusion can never equate spiritual development with physical development. Rather, if we wish to explain spiritual development, we must assume that we must trace it back to spiritual ancestors in the same way that we trace physical nature back to physical ancestors. And the physical ancestor cannot simultaneously be the spiritual ancestor. The development of the soul does not follow the same path as the development of the physical. If I wish to explain a soul, I must seek its origin somewhere entirely different from the physical organism. It must have existed before; it must have a spiritual ancestor, just as the animal species has a physical ancestor. This brings us to the ideas that the deeper soul-researchers of all times have recognized as their own, and which, in the true sense of the word, consider the nature of the soul in a scientific sense. Whoever penetrates this essence of the soul with all the energy of the research impulse—you can see this, for example, in a lucid discussion in Lessing’s *The Education of the Human Race*—comes to the conclusion that every soul must be traced back to another soul. And this brings us to the law of the soul’s development; we arrive at the law of reincarnation, the law of re-embodiment.
[ 23 ] So wie im Tierreich Art nach Art sich verkörpert, wie eine Verwandlung der Art stattfindet, eine Reinkarnation der Art, so findet im Menschen eine Verwandlung der Seele statt. Nichts anderes als dieser Gedanke darf verbunden werden mit dem, was man Reinkarnationslehre in der geisteswissenschaftlichen Seelenlehre nennt. Es ist kein phantastischer Gedanke, es ist ein Gedanke, welcher kristallklar ist und notwendig aus den Voraussetzungen der Natur entspringt. Genauso notwendig wie der Gedanke der Artreinkarnation, der Artwandlung im Reiche der Tiere, ist der Gedanke der Reinkarnation der Individualität. Die Reinkarnation der Art haben wir auf der Stufe der Tierheit, die Reinkarnation der Individualität haben wir auf der Stufe der Menschheit. Wenn aber das der Fall ist, dann weitet sich uns der Blick von der einzelnen persönlichen Menschenseele, die mit ihrem Eigenleben von Lust und Schmerz sonst unerklärlich vor uns steht, über ihren Seelenvorgänger hinaus und von diesem auf weitere Vorgänger. So wie wir eine Art begreifen, wenn wir sie zurückverfolgen auf ihre Vorfahren, so begreifen wir die Seele, wenn wir sie verfolgen als eine sich wiederverkörpernde Individualität. Was scheinbar als unerklärliches Schicksal in mir waltet, was wie scheinbar unvorbereitet in meiner Geburt veranlagt ist, das ist nicht als ein Wunder, aus dem Nichts heraus entsprungen, zu betrachten; das ist eine Wirkung, wie alles in der Welt eine Wirkung ist, aber eine Wirkung der seelischen Vorgänge in meinem seelischen Vorfahren.
[ 23 ] Just as in the animal kingdom species are embodied according to their kind, just as a transformation of the species takes place—a reincarnation of the species—so too does a transformation of the soul take place in human beings. Nothing other than this idea may be associated with what is called the doctrine of reincarnation in the spiritual science of the soul. It is not a fanciful idea; it is a thought that is crystal clear and necessarily arises from the laws of nature. Just as necessary as the idea of species reincarnation—the transformation of species in the animal kingdom—is the idea of the reincarnation of the individual. We have the reincarnation of the species at the level of animality; we have the reincarnation of the individuality at the level of humanity. But if this is the case, then our view expands from the individual human soul, which otherwise stands before us inexplicably with its own life of pleasure and pain, beyond its soul predecessor and from there to further predecessors. Just as we understand a species when we trace it back to its ancestors, so do we understand the soul when we trace it as a reincarnating individuality. What appears to reign within me as inexplicable fate, what seems to be predisposed in my birth as if unprepared, is not to be regarded as a miracle sprung from nothing; it is an effect, just as everything in the world is an effect, but an effect of the soul processes in my spiritual ancestors.
[ 24 ] Nicht im einzelnen kann uns hier beschäftigen, wie die Verkörperungen geschehen. Hier soll in wissenschaftlich analoger Weise einfach gezeigt werden, wie der Gedanke der theosophischen Seelenlehre durchaus vereinbar ist, ja, auf geistigem Gebiet genau dasselbe ist wie die moderne Entwickelungstheorie auf dem Gebiet des Tierlebens. Gerade der Naturforscher sollte von seiner physischen Reinkarnationslehre aufsteigen zu dieser seelischen Reinkarnationslehre. Der Buddhist, bei dem diese seelische ReinkarnationsJehre ist wie bei uns die naturwissenschaftliche Entwickelungslehre, er kennt nicht in dem Sinne wie das Abendland die rätselvolle Entwickelung, den rätselvollen Gang des Schicksals im einzelnen Leben. Er sagt sich: Dasjenige, was ich erlebe, ist Wirkung des Seelenlebens, aus dem sich das meinige entwickelt hat; ich muß es hinnehmen als eine Wirkung. Und dasjenige, was ich selbst heute vollziehe, ist Ursache und bleibt nicht ohne Wirkung. Wieder und wieder wird sich meine Seele verkörpern, und es wird das Schicksal dieser Seele, als welche sie erscheint, bestimmen, es wird mit dieser Seele zusammen ein Ganzes machen. So gliedert sich in einer Kette Schicksal und Seelenwesen zusammen. Wie auf der Perlenschnur des Schicksals erscheinen die einzelnen Stufen der Seelenentwickelung des menschlichen Lebens, des ganzen Menschenlebens aufgereiht. Und was unerklärlich ist in einem Menschenleben, das wird erklärlich werden, wenn wir es nicht als Wunder für sich hinnehmen, sondern wenn wir es in seinen wiederkommenden Erscheinungen betrachten.
[ 24 ] We cannot go into detail here about how reincarnation occurs. The aim here is simply to demonstrate, using a scientific analogy, how the concept of theosophical soul doctrine is entirely compatible with—indeed, in the spiritual realm, is exactly the same as—the modern theory of evolution in the realm of animal life. It is precisely the natural scientist who should rise from his physical theory of reincarnation to this spiritual theory of reincarnation. The Buddhist, for whom this spiritual theory of reincarnation is what the scientific theory of evolution is to us, does not, in the same sense as the West, know the mysterious development, the mysterious course of fate in the individual life. He tells himself: What I experience is the effect of the soul life from which my own has developed; I must accept it as an effect. And what I myself accomplish today is a cause and does not remain without effect. Again and again my soul will incarnate, and it will determine the fate of this soul as it appears; it will form a whole together with this soul. Thus, destiny and the soul’s being are linked together in a chain. Like beads on the string of destiny, the individual stages of the soul’s development in human life—in the whole of human life—are strung together. And what is inexplicable in a human life will become explicable if we do not accept it as a miracle in and of itself, but rather if we consider it in its recurring manifestations.
[ 25 ] Dann aber, wenn wir die Seelenentwickelung in dieser Art betrachten, kommen wir über das Verhängnis des Aristoteles hinüber; und nur allein dadurch kommen wir über das Verhängnis der aristotelischen Seelenlehre hinaus. Wer sich nicht zu der Entwickelungslehre bekennt, muß sich zum Schöpfungsakte bekennen, der sich bei jeder einzelnen Geburt des Menschen vollzieht. Er muß bei jeder Geburt ein besonderes Schöpfungswunder annehmen. Die naturwissenschaftliche Schöpfungslehre ist Wunderglaube, Aberglaube. Noch im 18. Jahrhundert hat man gesagt, es gibt so viele Gattungen nebeneinander, wie ursprünglich geschaffen worden sind. Es gibt auch auf dem Gebiet der Seelenlehre nur diese zwei Wege: den wunderbaren Schöpfungsakt bei der Entstehung des einen Menschen, oder Seelenentwickelung. Das erste ist unmöglich. Aber deshalb gibt es doch ehrliche Forscher, welche sich nicht zur Seelenentwickelung entschließen können. Wenn aber ein ehrlicher Forscher sich nicht zur Seelenentwickelung entschließen kann, so wird er sich auch heute noch zum Schöpfungsakt bei jeder einzelnen Menschenentstehung bekennen. Das ist nicht naturwissenschaftlich, aber es ist ehrlich gedacht. Diejenigen aber, welche naturwissenschaftlich denken wollen und imstande sind, das Seelenleben in naturwissenschaftlichem Geiste zu betrachten, kommen von selbst, vom Standpunkte der modernen Forschung zu dieser Seelen-Wiederverkörperungslehre, wie auch ein moderner Philosoph, Professor Baumann in Göttingen, dazu gekommen ist. Das werden die zwei Wege sein, die wir in klarem Denken verfolgen müssen: entweder Seelenschöpfung als Wunder in jedem Fall oder Seelenentwickelung im Sinne des naturwissenschaftlichen Denkens und Wiederkehr der Seele.
[ 25 ] But when we view the development of the soul in this way, we transcend the limitations of Aristotle; and only in this way can we transcend the limitations of Aristotelian soul theory. Anyone who does not subscribe to the theory of evolution must subscribe to the act of creation that takes place with every single human birth. They must accept a special miracle of creation with every birth. The scientific theory of creation is a belief in miracles, superstition. As late as the 18th century, it was said that there are as many species coexisting as were originally created. In the field of the doctrine of the soul, too, there are only these two paths: the miraculous act of creation at the origin of a single human being, or the evolution of the soul. The first is impossible. But that is why there are still honest researchers who cannot bring themselves to accept the evolution of the soul. However, if an honest researcher cannot bring himself to accept the evolution of the soul, he will still, even today, affirm the act of creation in the origin of every single human being. This is not scientific, but it is an honest way of thinking. But those who wish to think scientifically and are capable of viewing the life of the soul in a scientific spirit arrive of their own accord, from the standpoint of modern research, at this doctrine of the reincarnation of the soul, just as a modern philosopher, Professor Baumann in Göttingen, has arrived at it. These will be the two paths we must pursue with clear thinking: either the creation of the soul as a miracle in every case, or the development of the soul in the sense of scientific thinking and the return of the soul.
[ 26 ] Von dieser Seelenentwickelungslehre aus wird uns dann aber auch ein helles Licht geworfen auf die große Frage, welche insbesondere die moderne Philosophie und die moderne Denkweise überhaupt beschäftigt hat, die Frage nach dem Werte des Lebens. Diese Frage ist, wie Sie wissen, von den neueren Philosophen, von Schopenhauer, Eduard von Hartmann und ähnlichen Philosophen, negativ beantwortet worden. Dem Leben ist ein Wert abgesprochen worden, aus dem einfachen Grunde, weil das Leben weit mehr Unlust biete als Lust. Wenn wirklich das Leben innerhalb der einzelnen Persönlichkeit zwischen Geburt und Tod erschöpft wäre, dann wäre die Frage nach dem Wert des Lebens berechtigt, insofern als man diesen Wert des Lebens nach Lust und Unlust abzuschätzen hätte. Da sagen ja diese Philosophen einfach, die Erfahrung lehre uns in jedem einzelnen Fall, daß die Unlust weitaus die Lust überwiege, daß das Leben schmerz- und leidvoll sei. Schon aus diesem Grunde, so nimmt Schopenhauer an, müssen wir uns zu dieser pessimistischen Anschauung bekennen. Wir nehmen ja in selbstverständlicher Weise die Lust hin als etwas, das uns gebührt. Wer betrachtet denn nicht — und darin hat Schopenhauer recht — die Lust als etwas, was für uns selbstverständlich ist? Wo gibt es nicht eine geringfügige Ursache, die der Mensch als Schmerz empfindet, während er jede Lust mehr oder weniger als selbstverständlich hinnimmt. Es sei daher natürlich, sagen die Pessimisten, daß die Menschen die Lust nicht so fühlen, wie sie die Herabminderung der Lust als Schmerz und Unlust empfinden. So ziehen die Pessimisten die sogenannte Lustbilanz des Lebens und sie erklären, daß diese zeigt, daß die Unlust weit stärker das Leben beherrscht als die Lust. Ohne Frage, wenn man innerhalb des einzelnen Menschenlebens dieses Rätsel lösen will, so kommt man zu keiner anderen Lösung. Denn wer ein Menschenleben in seiner persönlichen Einzelheit übersieht, der wird sich allerdings sagen: Ist die Unlustmenge, von welcher dieses Leben betroffen worden ist, noch so gering, sie bleibt vorhanden als etwas, was diesem Menschen gleichsam vorgehalten worden ist. Man versuche einmal tatsachengemäß, beim Tode eines Menschen diese Lustbilanz zu ziehen. Wenn man sie zieht, dann wird man allerdings im Sinne Hartmanns den Lustwert des Lebens als negativ ansetzen. Schließt nun das Leben mit dem Tode ab, dann schließt das Leben mit einem negativen Wertfaktor, mit einer negativen Wertzahl. Dann aber erscheint dieses einzelne Leben völlig unerklärlich.
[ 26 ] From this theory of the development of the soul, however, a clear light is also shed on the great question that has particularly preoccupied modern philosophy and modern thought in general: the question of the value of life. As you know, this question has been answered in the negative by more recent philosophers, such as Schopenhauer, Eduard von Hartmann, and similar thinkers. Life has been denied any value for the simple reason that it offers far more suffering than pleasure. If life were truly exhausted within the individual personality between birth and death, then the question of the value of life would be justified, insofar as one would have to assess this value of life in terms of pleasure and pain. These philosophers simply say that experience teaches us in every single case that pain far outweighs pleasure, that life is painful and full of suffering. For this reason alone, Schopenhauer assumes, we must subscribe to this pessimistic view. We naturally accept pleasure as something that is our due. Who does not—and in this Schopenhauer is right—regard pleasure as something that is self-evident to us? Where is there not some trivial cause that a person perceives as pain, while accepting every pleasure more or less as a matter of course? It is therefore natural, say the pessimists, that people do not feel pleasure in the same way that they perceive the diminution of pleasure as pain and displeasure. Thus, the pessimists draw up the so-called pleasure balance sheet of life and declare that it shows that displeasure dominates life far more strongly than pleasure. Without question, if one seeks to solve this riddle within the scope of an individual human life, one arrives at no other solution. For whoever surveys a human life in its personal particularity will indeed say to themselves: However small the amount of displeasure that has affected this life may be, it remains present as something that has, as it were, been held against this person. Let us try, based on the facts, to draw up this balance sheet of pleasure upon a person’s death. If we do so, we will indeed, in Hartmann’s sense, assess the pleasure value of life as negative. If life now ends with death, then life ends with a negative value factor, with a negative value figure. But then this individual life appears completely inexplicable.
[ 27 ] Etwas ganz anderes ist es, wenn wir dasjenige, was wir zurückbehalten als Ergebnis des einzelnen Lebens, als eine Ursache betrachten für das folgende Leben, wenn wir es betrachten als dasjenige, was sich hinüberpflanzen, fortpflanzen läßt auf eine andere Daseinsstufe. Dann nimmt sich dasjenige, was in dem einen Leben als Schmerz, als Unlust erscheint, aus wie etwas, das günstig wirken kann im nächsten Leben. Und aus welchem Grunde? Aus dem sehr einfachen Grunde, weil dann die Empfindung der Unlust, die wir in diesem einzelnen Leben haben, nicht das allein Maßgebende ist, sondern weil auch dasjenige maßgebend ist, was als Wirkung aus dieser Unlust entspringt. Wenn ich heute eine Unlust empfinde, dann wird für heute diese Unlust meinem Leben ein negatives Vorzeichen anhängen. Aber diese Unlust kann morgen für mich vom höchsten Werte sein. Ich kann dadurch, daß ich heute bei irgendeinem Erlebnis Unlust, Schmerzen empfunden habe, lernen für morgen. Ich kann lernen bei ähnlicher Gelegenheit, diese Unlust, diesen Schmerz zu vermeiden; ich kann lernen, diese Unlust, diesen Schmerz als eine Lektion zu betrachten, um die Verrichtungen, die mir Unlust bereitet haben, morgen vollkommener zu machen. Unbill wird uns von diesem Standpunkte aus in einem gewissen Zusammenhang erscheinen, der eine weittragende Bedeutung hat. Nehmen Sie an, ein Kind lernt gehen. Es fällt fortwährend und tut sich weh, es bereitet sich dadurch Schmerz. Dennoch wäre es unrichtig, wenn eine Mutter ihr Kind mit lauter Kautschukballen umgeben würde, damit es, wenn es fällt, keinen Schmerz haben würde. Dann würde das Kind niemals laufen lernen. Der Schmerz ist die Lektion. Er bereitet uns vor zu einer höheren Entwickelungsstufe. Nur dadurch, daß das Leben des einzelnen Menschen zwischen Geburt und Tod nicht in lauter Lust aufgeht, sondern daß es uns den aus unseren unvollkommenen Verrichtungen entspringenden Schmerz und die daraus entstehende Unlust bereitet, nur dadurch lernen wir. Und schließt das Leben mit einer Unlustbilanz, so schließt es zugleich mit einer Ursache, die für das spätere Leben eine Wirkung haben wird. Durch eine Unlust des einen Lebens werden wir eine höhere Stufe des nächsten Lebens erreichen.
[ 27 ] It is quite another matter when we regard what we retain as the result of a single life as a cause for the next life, when we regard it as that which can be carried over and propagated to another stage of existence. Then what appears in one life as pain or displeasure takes on the character of something that can have a beneficial effect in the next life. And for what reason? For the very simple reason that the feeling of displeasure we experience in this particular life is not the sole determining factor, but because what arises as an effect from this displeasure is also decisive. If I feel a sense of displeasure today, then for today this displeasure will cast a negative shadow over my life. But this displeasure may be of the highest value to me tomorrow. By having felt displeasure or pain in some experience today, I can learn for tomorrow. I can learn, on a similar occasion, to avoid this displeasure, this pain; I can learn to regard this displeasure, this pain, as a lesson, so that tomorrow I may perform the tasks that caused me displeasure more perfectly. From this standpoint, adversity will appear to us in a certain context that has far-reaching significance. Suppose a child is learning to walk. It falls constantly and hurts itself; it causes itself pain in the process. Nevertheless, it would be wrong for a mother to surround her child with nothing but rubber balls so that it would feel no pain when it falls. Then the child would never learn to walk. Pain is the lesson. It prepares us for a higher stage of development. Only because the life of the individual human being between birth and death is not consumed by pure pleasure, but because it causes us the pain arising from our imperfect actions and the resulting displeasure—only through this do we learn. And if life ends with a balance of displeasure, it ends at the same time with a cause that will have an effect on the life that follows. Through the displeasure of one life, we will reach a higher stage in the next life.
[ 28 ] So weitet sich uns der Blick, wenn wir das Leben des Menschen über Geburt und Tod hinaus betrachten. Es stellt sich die Lust- und Unlustbilanz als etwas dar, was da sein muß, damit wir lernen von dem einzelnen Leben und es herübertragen können in ein anderes Leben. Würden wir nicht Schmerz erleiden, so würde es uns gehen wie einem Kind, das nicht laufen lernen kann, wenn man ihm den Schmerz erspart. Daher kommen wir dazu, die Unlustbilanz, wie sie der Pessimist anführt, als einen Entwickelungsfaktor anzusehen. Der treibt als Motor die Entwickelung vorwärts. Dann kommt für uns der Satz, der oftmals gesprochen wird: der Schmerz ist ein Entwickelungsfaktor, zu Ehren, und bekommt auch einen höheren Sinn. Und so werden wir das Einzelleben begreifen als Wirkung, als ein Ergebnis vorhergehender Ursachen. Wenn wir es so begreifen als Wirkung, dann werden wir die nebeneinander bestehenden Vollkommenheitsgrade innerhalb der Menschen verstehen, wie wir die nebeneinander bestehenden Vollkommenheitsgrade innerhalb der Tiergattungen verstehen. Wie es uns nach der Entwickelungslehre nicht wunderbar erscheint, daß der vollkommene Löwe neben der unvollkommenen Amöbe lebt, wie uns diese unvollkommene Ausgestaltung aus dem Entwickelungsgesetz begreiflich ist, so wird uns auch die Entwickelungsstufe der Seele vom höchsten Genie bis zu der unentwickelten Stufe des Wilden begreiflich erscheinen aus dem Entwickelungsgesetz der Seele. Denn das Genie — als was stellt es sich uns dar? Es stellt sich uns dar als eine höhere Entwickelungsstufe, als ein höherer Vollkommenheitsgrad des Seelenwesens, das in dem Wilden auf einer untergeordneten Bildungsstufe lebt. So wie die höhere Tierart von den untergeordneten Gebilden der Tiere auf dem physischen Gebiete sich unterscheiden, so unterscheidet sich die Seele des Genies von der Seele des Hottentotten auf seelischem Gebiete. Dadurch erklärt sich uns aber auch, daß im Grunde genommen die geniale Begabung gar nichts radikal Verschiedenes ist von der gewöhnlichen Menschenbegabung, sondern daß es nur eine spätere Entwickelungsstufe ist.
[ 28 ] This is how our perspective broadens when we view human life beyond birth and death. The balance of pleasure and pain presents itself as something that must exist so that we can learn from a single life and carry that learning over into another life. If we did not suffer pain, we would be like a child who cannot learn to walk if one spares him the pain. Therefore, we come to view the balance of displeasure, as the pessimist points out, as a factor in development. It drives development forward as a motor. Then the often-repeated statement—that pain is a factor in development—gains its due and takes on a higher meaning. And so we will understand individual life as an effect, as a result of preceding causes. If we understand it in this way as an effect, then we will understand the coexisting degrees of perfection within human beings, just as we understand the coexisting degrees of perfection within animal species. Just as it does not seem strange to us, according to the theory of evolution, that the perfect lion lives alongside the imperfect amoeba—just as this imperfect form is comprehensible to us through the law of evolution—so too will the stages of the soul’s development, from the highest genius down to the undeveloped stage of the savage, appear comprehensible to us through the law of the soul’s evolution. For the genius—as what does it present itself to us? It presents itself to us as a higher stage of development, as a higher degree of perfection of the soul being, which lives in the savage at a subordinate stage of development. Just as the higher animal species differ from the lower forms of animals in the physical realm, so does the soul of the genius differ from the soul of the Hottentot in the spiritual realm. This also explains to us, however, that, fundamentally speaking, genius is not radically different from ordinary human endowment, but is merely a later stage of development.
[ 29 ] Vergleichen wir die Psychologie von Franz Brentano. Sie betont, daß das Genie sich nicht im wesentlichen unterscheidet von der Entwickelungsstufe der unvollkommenen Seele, sondern nur dem Grade nach. Man sehe sich ein Genie wie Mozart an. Er hat schon als Knabe eine Begabung gezeigt, welche ganz absonderlich erscheint. Er hat eine ganze Messe, welche er einmal angehört hat und die er niemals früher verfolgen konnte, weil sie nicht aufgeschrieben werden durfte, unmittelbar nachdem er sie gehört hat, niedergeschrieben, Was ist das für eine Gedächtnisleistung, daß diese Seele des Mozart eine große Reihe von Vorstellungen mit einem Blick umspannt, die die unvollkommene Seele nicht umspannen kann, sondern sie nach und nach erst fassen kann. Es ist nur die besondere Entwickelung desjenigen Seelenvermögens, das die Vorstellungen miteinander verbindet und verkettet. Dieses Seelenvermögen kann so niedrig stehen, daß es nicht möglich ist, fünf bis sechs Vorstellungen in einer gewissen Zeit zu überschauen. Aber durch Übung kann der Mensch dieses sein Vorstellungsvermögen verbessern, seine Überschau erweitern. Wenn wir nun sehen, wie das Genie auftritt mit weitgehenden Anlagen, die aber graduell durch Übung erlangt werden können, so sollen wir das Genie doch nicht als ein Wunder betrachten. Wir werden es als eine Wirkung ansehen müssen. Und da das Genie bereits geboren wird mit den Eigenschaften, so werden wir die Ursache in einer vorhergehenden Entwickelungsstufe der Seele, in einem vorhergehenden Leben suchen müssen. Nur dadurch kommen Sie zu einer Erklärung genialer Anlagen. Dadurch können Sie jeden menschlichen Entwickelungsgrad auf seelische Weise begreifen. Sie können verfolgen das menschliche Wesen von den höchsten genialen Fähigkeiten bis hinunter zu den traurigsten Erscheinungen des Menschenlebens, die wir als Irrsinn bezeichnen. Vom naturwissenschaftlichen Standpunkte ist hier abzusehen; nur vom Standpunkte des Seelenforschers aus ist mit einem Wort hinzuweisen auf diese Menschen. Wir wissen, daß es Mißgeburten gibt, Verkrüppelungen. Wenn wir diese Begriffe ausdehnen vom naturwissenschaftlichen Gebiete auf das Gebiet der Psychologie, dann kommen wir auf dem Gebiete des Seelenlebens zu den abnormen Erscheinungen des Seelenlebens.
[ 29 ] Let us compare this with the psychology of Franz Brentano. He emphasizes that genius does not differ in essence from the developmental stage of the imperfect soul, but only in degree. Consider a genius like Mozart. Even as a boy, he displayed a talent that seems quite extraordinary. He wrote down an entire mass—which he had heard only once and had never been able to follow before because it was not permitted to be written down—immediately after hearing it. What a feat of memory it is that Mozart’s soul can encompass a vast array of ideas at a single glance, which the imperfect soul cannot encompass but can only grasp little by little. It is merely the special development of that faculty of the soul that connects and links ideas together. This faculty of the soul may be so underdeveloped that it is not possible to grasp five or six ideas within a certain period of time. But through practice, a person can improve this faculty of imagination and expand their scope of understanding. When we now see how genius appears with far-reaching aptitudes, which can, however, be attained gradually through practice, we should not regard genius as a miracle. We must view it as an effect. And since genius is already born with these qualities, we must seek the cause in a previous stage of the soul’s development, in a previous life. Only in this way can you arrive at an explanation of genius. In this way, you can understand every stage of human development in a spiritual sense. You can trace the human being from the highest genius to the saddest manifestations of human life, which we call insanity. The scientific point of view must be set aside here; only from the point of view of the researcher of the soul can one point to these people in a word. We know that there are deformities and disabilities. If we extend these concepts from the realm of natural science to the realm of psychology, then we arrive, in the realm of the soul’s life, at the abnormal phenomena of the soul’s life.
[ 30 ] Auf diese Weise zeigt sich uns klar und übersichtlich, daß das Seelenleben zeitlich in einem Zusammenhang steht wie das physische Leben draußen im Raume. Und diejenigen, welche behaupten, daß solche Gedanken den naturwissenschaftlichen Tatsachen widersprechen, haben ganz gewiß nicht die ganze Tragweite weder der naturwissenschaftlichen . Gedanken noch dieser Seelenwissenschaft durchgearbeitet. Die haben ihre Beobachtung nicht so weit entwickelt, daß sie die Methoden der Seelenforschung so handhaben gelernt haben, wie die Naturwissenschafter die Methoden der äußeren Naturwissenschaft handhaben. Und wenn behauptet wird, daß die Lehren, die wir hier vorgetragen haben, phantastisch erscheinen, dann dürfen wir wohl auch die Frage aufwerfen, was sagen dazu diejenigen, welche die Grundlagen zu dieser Naturwissenschaft gelegt haben? Diese müssen doch die Tragweite der naturwissenschaftlichen Gedanken erkannt haben, genauso wie diejenigen, welche unmittelbar, mit ursprünglichen Kräften ein Land zuerst erforschen, das Land genauer kennen als diejenigen, welche nur eine Mitteilung oder Beschreibung empfangen haben. So wird der Naturforscher, der aus den Tiefen seines Forschens heraus die Grundlagen zu den Wahrheiten der Naturwissenschaft findet, eine größere Berechtigung haben als der, welcher als Nachtreter hinterher kommt und uns weismachen will, daß dieSeelenforscher von besonders für sich bestehenden Seelen- und Geistwesen sprechen.
[ 30 ] In this way, it becomes clear and evident to us that the life of the soul is connected in time just as physical life is connected in space. And those who claim that such ideas contradict the facts of natural science have certainly not fully grasped the full scope of either natural scientific thought or this science of the soul. They have not developed their powers of observation to the point where they have learned to apply the methods of soul research in the same way that natural scientists apply the methods of external natural science. And if it is claimed that the teachings we have presented here seem fanciful, then we may well ask: what do those who laid the foundations for this natural science have to say about this? Surely they must have recognized the scope of scientific thought, just as those who first explore a land directly, with their own original powers, know that land more intimately than those who have merely received a report or description. Thus, the natural scientist who, from the depths of his research, discovers the foundations of the truths of natural science, will have greater authority than the one who comes along later as a follower and tries to convince us that the researchers of the soul speak of soul and spirit beings that exist independently.
[ 31 ] Nun nodh einige Beispiele, wie die grundlegenden Naturforscher gedacht haben über die Seelen- und Geistesforscher. Immer und immer wieder wird betont von einer solchen Seelenlehre, wie sie jetzt auseinandergelegt worden ist, daß sie dem Gesetze von der Erhaltung der Kraft widersprechen soll. Das ist das große Gesetz, das alle physischen Erscheinungen für den Erklärer beherrscht. Dieses besagt, daß in der Natur keine Kraft entsteht, sondern daß alle Kraft durch Entwickelung aus einer anderen hervorgeht, und daß wir die Menge einer Kraft durch die Kraft messen können, welche ihre Ursache ist. Wenn wir Wärme im Dampfkessel in Dampf umwandeln, so haben wir die Ursache und Wirkung vor uns, und wir messen die Wirkung an dem Maße der Ursache. Nun sagen die Gegner der Seelenlehre im geistigen Sinne: Dieses Gesetz widerspricht doch der Annahme, daß sich besondere Seelenvorgänge im Inneren abspielen. Meßt einmal die äußeren Eindrücke, die ein Mensch empfängt, meßt das, was in ihm vorgeht, meßt das, was in dem Gehirn vorgeht, und man wird nicht behaupten können, daß daraus sich etwa besonders entscheiden läßt: es gibt eine Seelenkraft. Dann aber würde diese aus dem Nichts heraus geboren und dies widerspreche dem Grundgesetz von der Umwandlung der Kraft. Julius Robert Mayer ist der Entdecker dieses grundlegenden Gesetzes von der Erhaltung der Kraft, von dem uns gesagt wird, daß es der Seelenlehre widersprechen soll. Hören wir den Entdecker dieses Gesetzes, einen der größten Naturforscher und Denker aller Zeiten. Im Jahre 1842, im Zeitalter der Naturforschung, hat er das wichtigste der Naturgesetze des 19. Jahrhunderts entdeckt. Diejenigen, welche materialistische Naturforscher sind — Sie können das in ihren Büchern verfolgen —, sagen und wollen uns glauben machen, daß durch dieses Gesetz alle Geist- und Seelenlehre beseitigt wäre. Wir hören diese Naturforscher so reden, daß derjenige, welcher noch immer innere Seelenlehre annimmt, die Naturwissenschaft nicht verstehe, die sich ausdrückt in dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Julius Robert Mayer aber sagt: Wenn oberflächliche Köpfe, welche sich als Genie dünken, überhaupt nichts Weiteres und Höheres annehmen wollen, so kann eine solche Anmaßung der Wissenschaft nicht zur Last gelegt werden, noch kann sie derselben zu Nutz und Frommen gereichen.
[ 31 ] Here are a few examples of how the fundamental natural scientists viewed the researchers of the soul and the spirit. Time and again, it is emphasized that a doctrine of the soul such as the one just explained is said to contradict the law of conservation of energy. This is the great law that governs all physical phenomena for the explainer. It states that no force arises in nature, but that all force arises through development from another, and that we can measure the magnitude of a force by the force that is its cause. When we convert heat into steam in a steam boiler, we have the cause and effect before us, and we measure the effect by the extent of the cause. Now the opponents of the doctrine of the soul in the spiritual sense say: This law contradicts the assumption that specific soul processes take place within. Measure the external impressions a person receives, measure what is going on within them, measure what is going on in the brain, and one will not be able to claim that this allows for any particular conclusion: that there is a soul force. But then this would be born out of nothing, and this would contradict the fundamental law of the transformation of energy. Julius Robert Mayer is the discoverer of this fundamental law of the conservation of energy, which we are told is supposed to contradict the doctrine of the soul. Let us hear from the discoverer of this law, one of the greatest natural scientists and thinkers of all time. In 1842, in the age of natural science, he discovered the most important of the natural laws of the 19th century. Those who are materialist natural scientists—you can see this in their books—say and want us to believe that this law would eliminate all teachings about the spirit and the soul. We hear these natural scientists say that anyone who still accepts inner spiritual teachings does not understand natural science, which is expressed in the law of conservation of energy. Julius Robert Mayer, however, says: If superficial minds, who fancy themselves geniuses, refuse to accept anything further or higher, such presumption cannot be laid at the door of science, nor can it serve its benefit or good.
[ 32 ] Das sagt der Entdecker dieses Gesetzes. Fragen Sie sich, ob die Nachtreter ein Recht haben, sein Gesetz aufzurufen gegen dasjenige, was er selbst erkannt hat.
[ 32 ] This is what the discoverer of this law says. Ask yourself whether those who come after him have the right to invoke his law against what he himself has recognized.
[ 33 ] Ein anderer grundlegender Forscher unserer modernen Naturwissenschaft, welcher für die Welt der Lebewesen durch seine geologischen Forschungen über die Umwandlungen der Formen unserer Erdschichten die Grundlage gelegt und dadurch Darwin vorgearbeitet hat, ist Lyell, der große englische Geologe. Er hat in bezug auf die Geologie als erster den Satz ausgesprochen, daß wir nicht naturwissenschaftlich verfahren, wenn wir in der Natur wunderbare Katastrophen annehmen, wenn wir annehmen, daß sich Umwälzungen in früheren Zeiträumen vollzogen haben, die nicht noch heute durch äußere Kraft erklärlich sein sollten. Dieser Forscher Lyell, auf den sich wieder die materialistische Naturforschung beruft, sagt folgendes: In welcher Richtung wir immer unsere Forschungen anstellen mögen, überall finden wir eine schöpferische Intelligenz, Vorsehung, Macht und Weisheit.
[ 33 ] Another fundamental figure in modern science, who laid the groundwork for the study of living organisms through his geological research on the transformations of the Earth’s strata—and thereby paved the way for Darwin—is Lyell, the great English geologist. He was the first, in the context of geology, to state that we are not proceeding scientifically if we assume miraculous catastrophes in nature, if we assume that upheavals took place in earlier periods that cannot be explained even today by external forces. This researcher, Lyell, to whom materialistic natural science again refers, says the following: “In whatever direction we may conduct our research, everywhere we find creative intelligence, providence, power, and wisdom.”
[ 34 ] Und materialistische Forscher sagen uns, seitdem das Gesetz der sogenannten Lebenskraft überwunden ist, seitdem man imstande ist, Stoffe im Laboratorium herzustellen, von denen man geglaubt hat, daß sie nur im lebenden Menschen entstehen können, seitdem hat man kein Recht mehr zu sagen, daß sich im chemischen Laboratorium nicht dasselbe abspielt, was sich in der Natur abspielt. Der mit Friedrich Wöhler befreundete Jöns Jacob Berzelius sagt: Die Kenntnis der Natur ist die Grundlage der Forschung. Die, welche sich nicht an sie halten, kommen nicht ab von irreführenden Einflüssen. — Wilhelm Preyer hat über das Phänomen des Todes geschrieben. Er ist es, der mit Entschiedenheit gesagt hat, daß der Tod nicht aufgefaßt werden kann als ein Ende der in dem Körper inkarnierten Individualität, daß der Tod nicht so aufgefaßt werden kann beim Menschen, weil er nicht einmal so aufgefaßt werden kann in der niederen Welt. Preyer sagt, nur der Körper stirbt, nicht stirbt die Materie, nicht die Kraft, nicht die Bewegung, nicht das Leben.
[ ] And materialist researchers tell us that since the law of the so-called vital force has been overcome, since it has become possible to produce in the laboratory substances that were once believed to arise only in living human beings, since then we no longer have the right to say that what takes place in the chemical laboratory is not the same as what takes place in nature. Jöns Jacob Berzelius, a friend of Friedrich Wöhler, says: Knowledge of nature is the foundation of research. Those who do not adhere to it cannot escape misleading influences. — Wilhelm Preyer has written about the phenomenon of death. It is he who has stated with conviction that death cannot be understood as the end of the individuality incarnated in the body, that death cannot be understood in this way in human beings, because it cannot even be understood in this way in the lower world. Preyer says, only the body dies; matter does not die, nor does force, nor movement, nor life.
[ 35 ] Das sind Aussprüche echter, grundlegender Naturforscher, nicht philosophischer Dilettanten, welche glauben, aus der Naturwissenschaft heraus die Seelenerscheinungen — ich will nicht sagen — leugnen zu können, aber die seelischen Erscheinungen als bloße Funktionen der rein mineralischen Vorgänge erklären zu dürfen. Wenn wir also sehen, daß gerade diejenigen, welche sich ursprünglich um die Forschung des Ganges der Naturentwickelung verdient gemacht haben, in dieser Naturentwickelung keinen Widerspruch sehen mit der Anschauung einer Seelenentwickelung im Inneren, dann müssen wir uns im Einklang befinden mit allen diesen. Und wir wissen, daß alle diejenigen, welche die innere Seelenentwickelung leugnen, von dem Ausspruch Hamerlings getroffen werden, der sagt: Wer die Seele sucht, der käme ihm vor wie ein Hund, der nach seinem eigenen Schwanze schnappt und ihn nicht erreichen kann. - Das ist eine Seelenlehre im geisteswissenschaftlichen Sinne, eine Seelenlehre im modernen naturwissenschaftlichen Sinne, allerdings nicht in einer schablonenhaften Anwendung der naturwissenschaftlichen Methode, sondern in deren Anwendung aus dem Geist heraus. Dann aber zeigt sich uns das Schicksalsgesetz als ein großes Entwickelungsgesetz. Wie die Gattung eingespannt ist in die Tierentwickelung und wie eine Welle auf dem Spiegel des Meeres erscheint, die aufgeworfen wird von der dahinflutenden Entwickelung, so erscheint das einzelne Menschenleben wie eine aufgeworfene Welle und die hintereinander folgenden einzelnen Leben erscheinen wie einzelne Wellen von dem Menschenschicksal selber.
[ 34 ] These are the words of genuine, fundamental natural scientists, not philosophical dilettantes who believe that, on the basis of natural science, they can—I will not say—deny the phenomena of the soul, but that they are entitled to explain these phenomena as mere functions of purely mineral processes. So when we see that precisely those who originally rendered outstanding service to the study of the course of natural development do not perceive any contradiction in this natural development with the view of an inner soul development, then we must be in agreement with all of them. And we know that all those who deny inner soul development are struck by Hamerling’s statement, which says: He who seeks the soul appears to him like a dog snapping at its own tail and unable to reach it. — This is a doctrine of the soul in the spiritual-scientific sense, a doctrine of the soul in the modern scientific sense, though not in a formulaic application of the scientific method, but in its application from the spirit. Then, however, the law of destiny reveals itself to us as a great law of evolution. Just as the species is embedded in the evolution of the animal kingdom and appears like a wave on the surface of the sea, raised by the surging tide of evolution, so the individual human life appears like a raised wave, and the successive individual lives appear like individual waves of human destiny itself.
[ 36 ] Welches die Gründe dieser Wellen sind, das werden wir im nächsten Vortrage betrachten, wenn wir das, was menschliches Schicksal ist, aus dem ewigen Wesen heraus begreifen. Heute aber habe ich gezeigt, daß diejenigen, welche das Schicksal als das große Entwickelungsgesetz ansehen, es ansehen als wirkend, als wellenwerfend, und daß jede einzelne Welle in ihrer Erscheinung ein Abbild des Menschenwesens ist. So sehen alle diejenigen, welche sich in die Sache vertieft haben, das Seelenleben in seiner Entwickelung an. Und deshalb spricht Goethe davon, daß die einzelne Seele wie eine Welle ist, die immer und immer wieder aufgeworfen wird, und daß der Wind das treibende Schicksal ist, das aus dem Wasser heraus diese Wellen aufwirft. Deshalb vergleicht er die Seele mit dem Wellenspiel und das Schicksal mit dem Winde, aus der theosophischen Erkenntnis heraus, denn Goethe war im tiefsten Sinne einverstanden mit dieser Seelenlehre. Er hat seinen Vergleich durchgeführt von Wind und Wellen, von Seele und Schicksal des Menschen in den schönen Worten:
[ 35 ] We will examine the causes of these waves in the next lecture, when we come to understand human destiny from the perspective of the eternal essence. Today, however, I have shown that those who view destiny as the great law of evolution regard it as active, as generating waves, and that each individual wave, in its appearance, is a reflection of the human being. This is how all those who have delved deeply into the subject view the life of the soul in its development. And that is why Goethe speaks of the individual soul as being like a wave that is raised up again and again, and of the wind as the driving force of fate that raises these waves from the water. That is why he compares the soul to the play of waves and destiny to the wind, based on theosophical insight, for Goethe was in the deepest sense in agreement with this doctrine of the soul. He expressed his comparison of wind and waves, of the soul and the destiny of the human being, in these beautiful words:
Wind ist der Welle Lieblicher Buhler;
Wind mischt von Grund aus Schäumende Wogen.Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind!
The wind is the wave’s sweet suitor;
The wind stirs up foaming waves from the depths.Human soul, how you resemble water!
Human fate, how you resemble the wind!
