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Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52

30 March 1904, Berlin

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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
  1. Spirituelle Seelenlehre und Weltbetrachtrung, 2nd ed.

10. Theosophische Seelenlehre III: Seele und Geist

10. Theosophical Doctrine of the Soul III: Soul and Spirit

[ 1 ] Lassen Sie mich diesen dritten Vortrag mit einem Bilde beginnen, durch welches Plato ausdrückt, was er über die Ewigkeit des Menschengeistes zu sagen hatte.

[ 1 ] Let me begin this third lecture with an image through which Plato expresses his thoughts on the eternity of the human spirit.

[ 2 ] Sokrates steht im Angesichte des Todes vor seinen Schülern. In den nächsten Stunden muß sich das Ende des großen Lehrers abspielen. Im Angesichte dieses seines Todes unterredet sich Sokrates über die Ewigkeit des geistigen Wesenskerns im Menschen. Einen tiefen, einen gewaltigen Eindruck macht das, was er vorbringt über die Unvertilgbärkeit dessen, was im Menschen lebt. In wenigen Stunden wird in dem Körper, der vor seinen Schülern steht, kein Leben mehr sein. In wenigen Stunden wird der Sokrates, den man mit Augen sehen kann, nicht mehr sein. In dieser Lage macht es Sokrates seinen Schülern klar, daß derjenige, der in wenigen Stunden nicht mehr vor ihnen stehen wird, den sie nicht mehr haben werden, nicht der ist, der ihnen so wertvoll ist; daß dieser Sokrates, der jetzt noch vor ihnen steht, nicht derjenige sein kann, welcher ihnen die große Lehre der Menschenseele und des Menschengeistes übermittelt hat. Er macht seinen Schülern klar, daß der wahre Weise durch die Betrachtung der Welt, der er sich hingegeben hat, sich unabhängig gemacht hat von aller Sinnenwelt. Alles dasjenige, was die sinnlichen Eindrücke, was die sinnlichen Begierden und Wünsche ihm liefern können, schwindet gerade durch eine wahrhaft weise Weltbetrachtung. Für den Weisen ist dasjenige allein wertvoll, was niemals die Sinne geben können. Wenn aber nur hinweggeht, was vor den Sinnen steht, dann bleibt das unverändert, was keine Sinne erreichen können. Beweise, und wären sie die schärfsten, und wären sie die zündendsten, könnten kaum mächtiger, gewaltiger wirken als die Überzeugung, die sich in der unmittelbaren Empfindung ausdrückt, die aus dem Herzen des Weisen herausdringt in dem Augenblicke, wo die äußere sinnliche Lage dem völlig zu widersprechen scheint, was der Mund des Sokrates sagt. Das ist eine Überzeugung, welche ausgesprochen ist mit der Todesweihe, eine Überzeugung, welche einfach dadurch, daß sie in dieser Lage ausgesprochen wird, davon zeugt, zu welch mächtiger Kraft sich in dem Weisen diese Anschauung durchgerungen hat, so daß er das Ereignis, das in wenigen Stunden über ihn hereinbrechen wird, besiegt.

[ 2 ] Socrates stands before his students in the face of death. In the coming hours, the great teacher’s final moments will unfold. In the face of his own death, Socrates speaks about the eternity of the spiritual core of human existence. What he says about the indestructibility of what lives within a human being makes a profound, powerful impression. In a few hours, there will be no more life in the body standing before his students. In a few hours, the Socrates whom one can see with one’s eyes will no longer be. In this situation, Socrates makes it clear to his students that the one who will no longer stand before them in a few hours, whom they will no longer have, is not the one who is so precious to them; that this Socrates, who still stands before them now, cannot be the one who has imparted to them the great teaching of the human soul and the human spirit. He makes it clear to his students that the true sage, through his contemplation of the world to which he has devoted himself, has made himself independent of the entire sensory world. Everything that sensory impressions, that sensory desires and longings can provide him with, fades away precisely through a truly wise view of the world. For the wise man, the only thing of value is that which the senses can never provide. But when only that which stands before the senses passes away, then that which no senses can reach remains unchanged. Evidence, even if it were the most compelling and the most stirring, could hardly have a more powerful, more overwhelming effect than the conviction expressed in the immediate feeling that wells up from the heart of the wise man at the very moment when the external sensory situation seems to completely contradict what the mouth of Socrates says. This is a conviction uttered with a death sentence, a conviction which, simply by being uttered in this situation, testifies to the mighty power to which this view has risen within the wise man, so that he overcomes the event that will befall him in a few hours.

[ 3 ] Und welche Wirkung hat dieses Gespräch auf die Schüler ausgeübt? Phaidon, der Schüler, sagt, daß er in diesem Augenblick in einer Lage war, in der gewöhnlich nicht diejenigen sind, die ein solches Ereignis erleben. Nicht Schmerz und nicht Freude ging durch sein Herz. Erhaben war er über alles Leid und über alle Lust. Mit einer seligen Ruhe und Gelassenheit nahm Phaidon die Lehren auf, die ihm angesichts des Todes übergeben wurden.

[ 3 ] And what effect did this conversation have on the students? Phaedo, the student, says that at that moment he was in a state in which those who experience such an event are not usually found. Neither pain nor joy passed through his heart. He was elevated above all suffering and all pleasure. With a blissful calm and serenity, Phaedo received the teachings that were imparted to him in the face of death.

[ 4 ] Wenn wir uns dieses Bild vor die Seele stellen, so fällt uns ein Zweifaches ein. Plato, der große Weise Griechenlands, sucht seine Überzeugung von der Ewigkeit des Menschengeistes nicht allein durch logische Beweise, durch philosophische Erörterungen zu stützen, sondern dadurch, daß er sie einen hochentwickelten Menschen im Angesichte des Todes aussprechen läßt. Als eine Erfahrung, als etwas, das unmittelbar in der Menschenseele lebt, spricht sich diese Überzeugung aus. Damit wollte Plato andeuten, daß die Frage über die Ewigkeit der Menschenseele eine solche ist, deren Antwort wir nicht in jeder Lage zu geben imstande sind, deren Antwort wir uns erst dann geben können, wenn wir uns zu der Höhe des Geistes hinaufentwickelt haben, auf welcher eine solche Persönlichkeit steht, wie Sokrates, der sein ganzes Leben hindurch der inneren Betrachtung der Seele gewidmet hat; ein Weiser, welcher Erkenntnis hatte von dem, was sich enthüllt, wenn der Mensch seinen Blick in sein Inneres richtet. Ein solcher stellt uns die Kraft der unmittelbaren Überzeugung hin, daß in ihm etwas lebt, von dem er weiß, daß es unvertilgbar ist, weil er es erkannt hat. Darauf kommt es an. Jeder Einsichtige auf diesem Gebiete wird niemals davon sprechen, ein Beweis für die Unsterblichkeit der Menschenseele könne in jeder Lage gegeben werden, sondern die Überzeugung von der Ewigkeit des Menschengeistes muß erworben werden; der Mensch muß das Leben der Seele kennengelernt haben. Und wenn er dieses Leben kennt, wenn er sich vertieft hat in dessen Eigenschaften, dann weiß er, geradeso wie man von einem anderen Gegenstande Bescheid weiß, wenn man seine Eigenschaften kennt, dann weiß er über den Menschengeist Bescheid und es spricht in seinem Inneren die Kraft der Überzeugung. Und nicht allein das, sondern in einem wichtigen, in einem wesentlichen Augenblick läßt Plato den Sokrates diese Überzeugung aussprechen: in einem Augenblick, wo alle Sinneseindrücke der ausgesprochenen Wahrheit zu widersprechen scheinen.

[ 4 ] When we hold this image before our minds, two things come to mind. Plato, the great sage of Greece, seeks to support his conviction regarding the eternity of the human spirit not only through logical proofs and philosophical arguments, but by having a highly developed individual express it in the face of death. This conviction expresses itself as an experience, as something that lives directly within the human soul. By this, Plato wished to suggest that the question of the eternity of the human soul is one to which we are not capable of giving an answer in every situation, but one to which we can give an answer only when we have developed ourselves to the spiritual height at which stands a personality such as Socrates, who devoted his entire life to the inner contemplation of the soul; a sage who possessed knowledge of what is revealed when a person turns their gaze inward. Such a person presents to us the power of the immediate conviction that something lives within them which they know to be indestructible, because they have recognized it. That is what matters. No one with insight in this field will ever claim that proof of the immortality of the human soul can be provided in every situation; rather, the conviction of the eternity of the human spirit must be acquired; the human being must have come to know the life of the soul. And when he knows this life, when he has delved into its characteristics, then he knows—just as one knows about any other object when one knows its characteristics—then he knows about the human spirit, and the power of conviction speaks within him. And not only that, but at a crucial, pivotal moment, Plato has Socrates express this conviction: at a moment when all sensory impressions seem to contradict the truth that has been spoken.

[ 5 ] Und die Schüler, wodurch verstehen sie diese große Lehre, wodurch leuchtet sie ihnen ein? Sie leuchtet ihnen dadurch ein, daß sie durch die Gewalt der Rede des Sokrates über Lust und Leid hinweggehoben werden; hinweggehoben werden über dasjenige, was den Menschen an das unmittelbar Vergängliche, an das Sinnliche, an das Alltägliche bindet. Damit soll ausgesprochen werden, daß der Mensch nicht in jeder Lage Bescheid weiß über die Eigenschaften des Geistes, sondern nur dann, wenn er sich hinweghebt über dasjenige, was ihn an das Alltägliche bindet, wenn er Lust und Leid, wie sie aus den Eindrücken des Alltäglichen stammen, abgestreift hat, wenn er in einem Feieraugenblick hinaufschauen kann dahin, wo Alltägliches nicht mehr spricht, wo die Ereignisse, die sonst Trauer verursachen, keine Trauer, solche, die sonst Freude verursachen, keine Freude mehr verursachen. Empfänglicher ist in solchen Augenblicken der Mensch für die allerhöchsten Wahrheiten.

[ 5 ] And the students—how do they understand this great teaching? How does it become clear to them? It becomes clear to them because they are lifted above pleasure and pain by the power of Socrates’ words; they are lifted above that which binds human beings to the immediately transitory, to the sensual, to the everyday. This is meant to convey that man does not know the nature of the spirit in every situation, but only when he rises above that which binds him to the everyday, when he has cast off pleasure and pain, as they arise from the impressions of the everyday, when, in a moment of celebration, they can look up to where the everyday no longer speaks, where events that would otherwise cause sorrow no longer cause sorrow, and those that would otherwise cause joy no longer cause joy. In such moments, human beings are more receptive to the highest truths.

[ 6 ] Das gibt uns den Sinn, zu verstehen, wie die Theosophie über die Ewigkeit der Seele denkt. Sie spricht nicht in dem Sinne von Unsterblichkeit, daß sie wie ein anderes Ding diese Unsterblichkeit zu beweisen versucht. Nein, sie gibt Anleitung, Anweisungen, wie sich der Mensch nach und nach in jene Lage und Verfassung des Geistes versetzen kann, in der er den Geist in seinem eigenen Inneren wahrhaft erlebt, ihn seinen Eigenschaften nach kennenlernt, indem er sich in das Geistesleben zu versetzen versucht. Und dann ist sie sich klar darüber, daß aus der Anschauung des Geistes heraus unmittelbar die Überzeugung von der Ewigkeit dieses Geistes quillt. Wie wir einen Gegenstand, der vor unser sinnliches Auge tritt, nicht durch einen Beweis erkennen, sondern dadurch, daß er unserem sinnlichen Auge seine Eigenschaften einfach durch die Wahrnehmung zeigt, so stellt der Theosoph die Frage nach der Unsterblichkeit der Menschenseele in einer völlig anderen Form, als man es gewöhnlich hört. Er stellt die Frage: Wie können wir inneres, geistiges Leben wahrnehmen? Wie vertiefen wir uns in unser Inneres, auf daß wir den Geist in unserem Inneren sprechen hören?

[ 6 ] This helps us understand how Theosophy views the eternity of the soul. It does not speak of immortality in the sense that it attempts to prove this immortality as if it were just another fact. No, it provides guidance and instructions on how a person can gradually place themselves in that state and condition of mind in which they truly experience the spirit within themselves, coming to know its qualities by attempting to immerse themselves in spiritual life. And then it is clear that the conviction of the eternity of this spirit springs directly from the perception of the spirit. Just as we do not recognize an object that appears before our physical eyes through proof, but rather because it simply reveals its qualities to our physical eyes through perception, so the theosophist poses the question of the immortality of the human soul in a completely different form than is usually heard. He asks: How can we perceive inner, spiritual life? How do we delve into our inner being so that we may hear the spirit within us speak?

[ 7 ] Zu allen Zeiten und an allen Orten, an denen versucht worden ist, Schüler heranzuziehen zum Begreifen dieser Fragen, da verlangte man zunächst von diesen Schülern, daß sie eine Vorbereitungszeit durchmachen. Plato hat, wie Sie wahrscheinlich alle wissen, von seinen Schülern verlangt, daß sie in den Geist der Mathematik eingedrungen seien, bevor sie versuchten, seine Lehren über das Geistesleben aufzunehmen. Welchen Sinn hatte diese platonische Vorbereitung? Den Geist der Mathematik sollte der Schüler erfaßt haben. Wir haben in dem ersten Vortrag gehört, was uns dieser Geist der Mathematik bietet. Er bietet uns in elementarster Weise Wahrheiten, die erhaben sind über alle sinnlichen Wahrheiten; Wahrheiten, die wir nicht durch das Auge sehen, nicht mit den Händen greifen können. Wenn wir uns auch die Lehre vom Kreis, die Lehre von den Zahlenverhältnissen sinnlich veranschaulichen, wir alle wissen, daß wir damit nur eine Veranschaulichung machen. Wir wissen, daß die Lehren vom Kreis, vom Dreieck unabhängig sind von dieser sinnlichen Anschauung. Wir zeichnen uns ein Dreieck auf die Tafel oder auf Papier, und durch dieses sinnliche Dreieck versuchen wir zu dem Satze zu kommen, daß die drei Winkel eines Dreiecks hundertachtzig Grad haben. Wir wissen aber, daß dieser Satz wahr ist für jedes Dreieck, welche Form wir ihm auch immer geben mögen. Wir wissen, daß dieser Satz uns einleuchtet, wenn wir uns gewöhnt haben, solche Sätze unabhängig von den sinnlichen Eindrücken, unabhängig von jeder sinnlichen Anschauung zu fassen. Die einfachsten, die trivialsten Wahrheiten sind es, die wir uns auf diese Weise aneignen. Die Mathematik gibt nur die trivialsten übersinnlichen Wahrheiten, aber sie gibt übersinnliche Wahrheiten. Und weil sie die einfachsten, die trivialsten und daher am leichtesten zu erreichenden übersinnlichen Wahrheiten gibt, deshalb verlangte Plato von seinen Schülern, daß sie an der Mathematik lernen, wie man zu den übersinnlichen Wahrheiten gelangt. Und was lernt man dadurch, daß man zu übersinnlichen Wahrheiten gelangt? Man lernt dadurch ohne Lust und Leid, ohne unmittelbares, alltägliches Interesse, ohne persönliche Vorurteile, ohne dasjenige, was uns auf Schritt und Tritt im Leben begegnet, eine Wahrheit auffassen. Warum tritt die mathematische Wahrheit mit solcher Klarheit und Unbesieglichkeit vor uns? Weil sich in ihre Erkenntnis keinerlei Interesse, keinerlei persönliche Sympathie und Antipathie, das heißt, keine Vorurteile hineinspielen. Es ist uns ganz gleichgültig, daß zwei mal zwei gleich vier ist; es ist uns gleichgültig, wie groß die Winkel eines Dreiecks immer sein mögen und so weiter. Diese Freiheit von allem sinnlichen Interesse, von jeder persönlichen Lust und Unlust, die ist es, die Plato im Auge hatte, als er von seinen Schülern verlangte, daß sie sich in den Geist der Mathematik vertiefen. Und hatten sie sich dadurch gewöhnt, interesselos zur Wahrheit aufzuschauen, hatten sie sich gewöhnt, ohne Lust und Leid, ohne Einmischung von Leidenschaft und Begierde, ohne Einmischung von alltäglichen Vorurteilen sich zur Wahrheit hinaufzuringen, dann hielt Plato seine Schüler für würdig, auch in bezug auf diejenigen Fragen die Wahrheit zu schauen, in bezug auf welche die Menschen gewöhnlich mit den größten Vorurteilen behaftet sind.

[ 7 ] At all times and in all places where attempts have been made to guide students toward an understanding of these questions, those students were first required to undergo a period of preparation. As you probably all know, Plato required his students to have grasped the spirit of mathematics before attempting to take in his teachings on the spiritual life. What was the purpose of this Platonic preparation? The student was to have grasped the spirit of mathematics. In the first lecture, we heard what this spirit of mathematics offers us. It offers us, in the most elementary way, truths that are sublime above all sensory truths; truths that we cannot see with the eye, nor grasp with the hands. Even when we illustrate the theory of the circle or the theory of numerical ratios through the senses, we all know that we are merely providing an illustration. We know that the theories of the circle and the triangle are independent of this sensory perception. We draw a triangle on the blackboard or on paper, and through this sensory triangle we try to arrive at the theorem that the three angles of a triangle add up to one hundred and eighty degrees. But we know that this theorem is true for every triangle, whatever shape we may give it. We know that this theorem makes sense to us once we have become accustomed to grasping such theorems independently of sensory impressions, independently of any sensory perception. It is the simplest, the most trivial truths that we acquire in this way. Mathematics provides only the most trivial transcendental truths, but it does provide transcendental truths. And because it provides the simplest, the most trivial, and therefore the most easily attainable transcendental truths, Plato demanded of his students that they learn from mathematics how to arrive at transcendental truths. And what does one learn by arriving at transcendental truths? One learns thereby to grasp a truth without pleasure or pain, without immediate, everyday interest, without personal prejudices, without that which we encounter at every turn in life. Why does mathematical truth present itself to us with such clarity and invincibility? Because no interest whatsoever, no personal sympathy or antipathy—that is, no prejudices—come into play in its comprehension. We are completely indifferent to the fact that two times two equals four; we are indifferent to how large the angles of a triangle may be, and so on. This freedom from all sensory interest, from every personal desire and aversion—that is what Plato had in mind when he demanded that his students immerse themselves in the spirit of mathematics. And once they had become accustomed to looking up to the truth with disinterest, once they had become accustomed to striving toward the truth without pleasure or pain, without the interference of passion and desire, without the interference of everyday prejudices, then Plato considered his students worthy to see the truth even regarding those questions about which people are usually burdened with the greatest prejudices.

[ 8 ] Welcher Mensch könnte andere Fragen zunächst ebenso interesselos, ebenso ohne Lust und Leid behandeln, wie die mathematische Wahrheit zwei mal zwei ist vier, oder, die Winkelsumme eines Dreiecks ist hundertachtzig Grad? Aber nicht früher als bis der Mensch sich dahin gebracht hat, die höchsten Wahrheiten über Seele und Geist in einem ähnJichen, interesselosen lust- und leidfreien Lichte zu sehen, nicht früher wurde er reif befunden, diesen Fragen näherzutreten. Ohne Lust und Leid muß der Mensch diese Fragen behandeln. Erhaben muß er sein über dasjenige, was alltäglich, bei jeder Gelegenheit, auf Schritt und Tritt in seiner Seele auftaucht. Wo sich Lust und Leid und persönliches Interesse in unsere Antwort hineinmischen, da können wir die Fragen nicht objektiv, nicht im wahren Lichte beantworten. Das wollte Plato auch sagen, als er den sterbenden Sokrates über die Unsterblichkeit des Menschengeistes sprechen ließ. Also nicht darum kann es sich handeln, die Unsterblichkeit in jeder Lage zu beweisen, sondern lediglich darum: Wie gelangt man zur Wahrnehmung der Eigenschaften der Menschenseele, daß, wenn man zu dieser Wahrnehmung gelangt, die Kraft der Überzeugung von selbst aus unserer Seele fließt?

[ 8 ] What person could initially treat other questions with as little interest, as free from pleasure and pain, as the mathematical truth that two times two equals four, or that the sum of the angles of a triangle is one hundred and eighty degrees? But not until man has brought himself to view the highest truths about the soul and spirit in a similar, disinterested light, free from pleasure and pain, not until then was he deemed ready to approach these questions. Man must treat these questions without pleasure or pain. He must rise above that which arises in his soul daily, at every opportunity, at every turn. Where pleasure and pain and personal interest intrude into our answer, there we cannot answer the questions objectively, not in the true light. This is what Plato also meant when he had the dying Socrates speak about the immortality of the human spirit. So the point is not to prove immortality in every situation, but simply this: How does one come to perceive the qualities of the human soul, so that, once one has attained this perception, the power of conviction flows of its own accord from our soul?

[ 9 ] Dies lag auch allen denjenigen Unterrichtsstätten zugrunde, in denen versucht wurde, in einer sachgemäßen Weise die Schüler zu den höchsten Wahrheiten hinzuführen. Daß die Fragen: Lebt der Menschengeist vor der Geburt und nach dem Tode, und welches ist die Menschenbestimmung in der Zeit und in der Ewigkeit? — daß diese Fragen von den meisten Menschen nicht ohne Interesse behandelt werden können, ist nur natürlich. Es ist natürlich, daß alles, was der Mensch nur aufbringen kann an persönlichem Interesse, was er nur aufbringen kann an Hoffnung und Furcht, diesen beiden den Menschen immerfort und immerfort begleitenden Leidenschaften, sich kettet für ihn an die Frage der Ewigkeit des Geistes. Mysterienschulen nannte man in alten Zeiten und Orten die Stätten, wo höchste Fragen des Geisteslebens den Schülern beigebracht und beantwortet wurden. Und in solchen Mysterienstätten wurden die Schüler nicht in abstrakter Weise über solche Fragen unterrichtet. Es wurden ihnen die Wahrheiten erst dann überliefert, wenn ihre Seele, ihr Geist, ihre ganze Persönlichkeit in der Verfassung war, daß sie diese Fragen im richtigen Lichte sehen konnten. Und diese Verfassung war keine andere als die, hinaus sein über Lust und Leid, als hinweg sein über dasjenige, was sich an den Menschen kettet Tag für Tag, Stunde für Stunde: Furcht und Hoffnung. Diese Leidenschaften, dieser Gefühlsinhalt, sie mußten erst aus der Persönlichkeit entfernt werden. Ohne Furcht und Hoffnung, geläutert davon, mußte der Schüler herantreten. Eine Läuterung also war die Vorbereitung, die der Schüler durchzumachen hatte. Ohne diese wurden dem Schüler die Fragen nicht zur Antwort gebracht. Die Läuterung von den Leidenschaften, von Lust und Leid, von Furcht und Hoffnung, das war die Vorbedingung zum Hinansteigen zum Gipfel des Berges, auf dem die Unsterblichkeitsfrage behandelt werden kann. Denn man war sich klar darüber, daß dann der Schüler dem Geiste so ins Auge schauen kann wie derjenige, welcher sich im Geiste in ein mathematisches Gebiet vertieft, der reinen objektiven Mathematik ins Auge schaut: leidenschaftslos, furchtlos, ohne von Hoffnungen gequält zu sein.

[ 9 ] This was also the foundation of all those educational institutions that sought to guide students toward the highest truths in an appropriate manner. Since the questions: Does the human spirit live before birth and after death, and what is humanity’s destiny in time and eternity? — cannot be treated by most people without interest is only natural. It is natural that everything a person can muster in terms of personal interest, everything he can muster in terms of hope and fear—these two passions that constantly accompany human beings—becomes inextricably linked for him to the question of the eternity of the spirit. In ancient times and places, the sites where the highest questions of spiritual life were taught to and answered for the students were called mystery schools. And in such mystery schools, the students were not taught about such questions in an abstract manner. The truths were only handed down to them when their soul, their spirit, their entire personality was in a state where they could see these questions in the right light. And this state was none other than being beyond pleasure and pain, being beyond that which chains a person day by day, hour by hour: fear and hope. These passions, this emotional content, had first to be removed from the personality. The student had to approach the teachings free from fear and hope, purified of them. Purification, then, was the preparation the student had to undergo. Without this, the questions were not answered for the student. Purification from the passions, from pleasure and pain, from fear and hope—that was the prerequisite for ascending to the summit of the mountain where the question of immortality can be addressed. For it was clear that only then could the student look the Spirit in the eye just as one who, in spirit, immerses himself in a mathematical field looks pure objective mathematics in the eye: dispassionately, fearlessly, without being tormented by hopes.

[ 10 ] Wir haben im letzten Vortrag gesehen, daß Lust und Leid vor allen Dingen der Ausdruck dessen sind, was wir die Menschenseele nennen. Das innere Erlebnis, das ureigenste Erlebnis der Person sind Lust und Leid. Lust und Leid müssen erst eine Läuterung durchmachen, bevor die Seele zum Geist gelangen kann. Lust und Leid sind beim gewöhnlichen Menschen gekettet an die alltäglichen Eindrücke der Sinne, gekettet an die unmittelbaren Erfahrungen der Persönlichkeit, gekettet an dasjenige, was den Menschen um seiner selbst willen, um seiner Persönlichkeit willen interessiert. Was macht uns gewöhnlich Lust, was macht uns Leid? Dasjenige, was uns als Persönlichkeit interessiert. Dasjenige macht uns Lust und Leid, was mit unserem Tode mehr oder weniger verschwindet. Dieser enge Kreis dessen, was uns Lust und Leid macht, ist es, den wir verlassen müssen behufs höherer Erkenntnis. Unsere Lust und unser Leid müssen getrennt werden, müssen abgezogen werden von diesen alltäglichen Interessen und hinaufgeführt werden zu ganz anderen Welten. Der Mensch muß Lust und Leid, muß die Wünsche seiner Seele hinwegheben über das Alltägliche, über das Sinnliche, er muß sie ketten an die höchsten Erlebnisse des Geistes. Er muß mit diesen Wünschen und Begierden aufblicken zu dem, welchem man für gewöhnlich nur ein schattenhaftes oder, wie man sonst sagt, ein abstraktes Dasein zuspricht. Was könnte für den Menschen des alltäglichen Daseins abstrakter sein als der reine, unsinnliche Gedanke? Die Menschen des Alltags, die mit Lust und Leid an ihrem Persönlichen haften, sie fliehen schon die einfachsten, die trivialsten übersinnlichen Wahrheiten. Die Mathematik wird in den weitesten Kreisen gerade deshalb so geflohen, weil sie nichts bei sich führt, was zu Interesse, zu Lust und Leid im alltäglichen Sinne des Wortes führt. Geläutert mußte der Schüler in den Mysterienschulen werden von dieser alltäglichen Lust und diesem alltäglichen Leid. Was nur als Gedankenbild in seinem Inneren lebte und vorüberhuschte wie ein schemenhaftes Schattengebilde, daran mußte er hängen, das mußte er so lieben, wie der Mensch mit seiner ganzen Seele an dem Alltäglichen hängt. Die Umwandlung der Leidenschaften und Triebe nannte man die Metamorphose. Eine neue Wirklichkeit gibt es darnach für ihn, eine neue Welt macht Eindruck auf ihn. Dasjenige, was den gewöhnlichen Menschen kalt läßt, was ihn nüchtern und kalt berührt, ist die Ideenwelt. Und das ist es, woran sich bei ihm nun Lust und Leid ketten, worauf man hinschaut wie zu etwas Wirklichem, und das nun eine Wirklichkeit gewinnt wie Tisch und Stühle. Erst dann, wenn der Mensch so weit ist, daß die im gewöhnlichen Sinne abstrakt genannte Ideenwelt seine Seele bewegt, seine Seele hinreißt, aufsaugt, wenn das, was im gewöhnlichen Sinne des Wortes nur eine schattenhafte Gedankenwirklichkeit hat, ihn so umgibt, daß er innerhalb derselben webt und lebt, so wie der alltägliche Mensch in der gewöhnlichen sinnlichen Wirklichkeit sich bewegt, die er sehen und tasten kann — wenn mit dem ganzen Menschen diese Verwandlung geschehen ist, dann ist er in der Verfassung, in welcher der Geist in der Umwelt zu ihm spricht; dann erlebt er diesen Geist wie eine lebendige Sprache, dann vernimmt er das Fleisch gewordene Wort, das sich in allen Dingen ausspricht.

[ 10 ] In the last lecture, we saw that pleasure and suffering are, above all, expressions of what we call the human soul. Pleasure and suffering are the inner experience, the very essence of the person’s experience. Pleasure and suffering must first undergo a process of purification before the soul can attain the spiritual realm. In the ordinary person, pleasure and suffering are bound to the everyday sensory impressions, bound to the immediate experiences of the personality, bound to that which interests the person for its own sake, for the sake of their personality. What usually gives us pleasure, what causes us suffering? That which interests us as a personality. That which gives us pleasure and suffering is what more or less disappears with our death. It is this narrow circle of what gives us pleasure and suffering that we must leave behind in order to attain higher knowledge. Our pleasure and our suffering must be separated, must be detached from these everyday interests and led up to entirely different worlds. Man must lift pleasure and pain, must lift the desires of his soul above the everyday, above the sensual; he must chain them to the highest experiences of the spirit. With these desires and longings, he must look up to that which is usually attributed only a shadowy or, as one otherwise says, an abstract existence. What could be more abstract to the person of everyday existence than the pure, non-sensual thought? The people of everyday life, who cling to their personal lives with pleasure and suffering, already flee even the simplest, the most trivial supersensory truths. Mathematics is shunned in the widest circles precisely because it carries nothing within it that leads to interest, to pleasure and pain in the everyday sense of the word. In the mystery schools, the student had to be purified of this everyday pleasure and this everyday pain. He had to cling to that which lived within him only as a mental image and flitted by like a shadowy form; he had to love it just as a human being clings with his whole soul to the everyday. The transformation of the passions and drives was called the metamorphosis. There is a new reality for him thereafter; a new world makes an impression on him. That which leaves the ordinary person cold, which touches him soberly and coldly, is the world of ideas. And that is what pleasure and suffering now cling to in him, what one looks upon as something real, and which now gains a reality like tables and chairs. Only then, when the human being has reached the point where the world of ideas—which is called abstract in the ordinary sense—moves his soul, captivates his soul, absorbs it, when that which, in the ordinary sense of the word, has only a shadowy reality of thought, surrounds him in such a way that he weaves and lives within it, just as the everyday person moves within the ordinary sensory reality that he can see and touch—when this transformation has taken place in the whole person, then he is in a state in which the Spirit speaks to him through the environment; then he experiences this Spirit as a living language, then he hears the Word made flesh, which expresses itself in all things.

[ 11 ] Wenn der gewöhnliche Mensch hinausschaut und die leblosen Mineralien um sich sieht, so sieht er sie beherrscht von Naturgesetzen, beherrscht von den Gesetzen der Schwerkraft, des Magnetismus, der Wärme, des Lichtes. Die Gesetze, unter denen diese Wesen stehen, macht sich der Mensch klar durch seine Gedanken. Aber eben diese Gedanken sprechen nicht zu ihm mit derselben greifbaren Wirklichkeit, bedeuten nicht dasjenige, was seine Hände tasten, was seine Augen sehen. Wenn aber im Menschen diese Verwandlung vor sich gegangen ist, von der ich gesprochen habe, dann denkt er nicht nur an bloße Schattenbilder wie die Naturgesetze, dann fangen diese Schattenbilder an, die lebendige Sprache des Geistes zu ihm zu sprechen. Aus seiner Umwelt, aus der Welt um ihn herum spricht der Geist zu ihm. Aus den Pflanzen, aus den Mineralien, aus den verschiedenen Gattungen der Tiere spricht zum wunschlosen, zum leidlos gewordenen Menschen der Geist der Umwelt.

[ 11 ] When the ordinary person looks out and sees the lifeless minerals around him, he sees them governed by the laws of nature—the laws of gravity, magnetism, heat, and light. Man understands the laws that govern these entities through his thoughts. But these very thoughts do not speak to him with the same tangible reality; they do not signify what his hands touch, what his eyes see. But when this transformation I have spoken of has taken place within a person, then he no longer thinks merely of mere shadows such as the laws of nature; then these shadows begin to speak to him in the living language of the spirit. From his surroundings, from the world around him, the spirit speaks to him. From the plants, from the minerals, from the various species of animals, the spirit of the environment speaks to the human being who has become free of desire and suffering.

[ 12 ] Auf eine Entwickelung, nicht auf eine abstrakte Wahrheit, auf eine konkrete Wahrheit, nicht auf logische Beweise, deutet die Theosophie, wenn sie von der Ideenwelt, von der geistigen Welt spricht. Was die Menschen werden sollen, davon spricht sie, nicht von etwas, was beweisen soll. Anders spricht die Natur zu einem Menschen, der seine Seele hinaufgeläutert hat, so daß sie nicht mehr am Alltäglichen haftet; der nicht mehr die gewöhnlichen Schmerzen und die gewöhnlichen Leiden und Freuden hat, sondern höhere Schmerzen und höhere Freude und zugleich höhere Seligkeiten, die aus dem reinen Geiste der Dinge fließen. Das drückt die theosophische Ethik in bildlicher Sprache aus. In zwei schönen, herrlichen Bildern drückt sie aus, daß der Mensch erst in dem Augenblicke, wo er seine Sinne hinweggebracht hat über den gewöhnlichen Schmerz und die gewöhnliche Freude an den Dingen, die höchsten Wahrheiten erkennen kann. Solange das Auge mit Freude und Schmerz, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, an den Dingen haftet, so lange kann es den Geist um sich herum nicht wahrnehmen. Solange das Ohr noch die unmittelbare Empfindlichkeit des Alltags hat, so lange kann es das lebendige Wort, durch das die geistigen Dinge um uns herum zu uns sprechen, nicht vernehmen. Deshalb sieht die theosophische Entwickelungslehre in zwei Bildern die Forderung, die der Mensch sich stellen muß, wenn er zur Erkenntnis des Geistes hingelangen will.

[ 12 ] When theosophy speaks of the world of ideas, of the spiritual world, it points to a process of development, not to an abstract truth; to a concrete truth, not to logical proofs. It speaks of what human beings are to become, not of something that is to be proven. Nature speaks differently to a person who has purified their soul so that it no longer clings to the mundane; who no longer experiences ordinary pains and ordinary sufferings and joys, but rather higher pains and higher joys, and at the same time higher bliss, which flow from the pure spirit of things. Theosophical ethics expresses this in figurative language. In two beautiful, magnificent images, it expresses that only at the moment when a person has raised their senses above the ordinary pain and joy of things can they perceive the highest truths. As long as the eye clings to things with joy and pain, in the ordinary sense of the word, it cannot perceive the spirit around it. As long as the ear retains the immediate sensitivity of everyday life, it cannot hear the living Word through which the spiritual things around us speak to us. Therefore, theosophical doctrine of development sees in these two images the challenge that a person must set for themselves if they wish to attain knowledge of the Spirit.

Bevor das Auge sehen kann,
Muß es der Tränen sich entwöhnen.
Bevor das Ohr vermag zu hören,
Muß die Empfindlichkeit ihm schwinden ...
— Mabel Collins, «Licht auf den Weg»

Before the eye can see,
It must wean itself from tears.
Before the ear can hear,
Its sensitivity must fade ...
— Mabel Collins, “Light on the Path”

[ 13 ] Tränen der Freude und Tränen des Schmerzes im alltäglichen Sinne, kann das Auge nicht mehr haben, das hingegeben ist dem Geiste. Denn wenn der Mensch sich zu dieser Entwickelungsstufe gebracht hat, dann spricht sein Selbstbewußtsein in einer ganz anderen, in einer neuen Weise zu ihm. In das verhangene Heiligtum unseres Inneren blicken wir dann in einer ganz neuen Weise. Der Mensch nimmt sich dann wahr als einen Angehörigen der geistigen Welt. Er nimmt sich dann wahr als etwas, was rein und erhaben ist über alles Sinnliche, weil er Lust und Leid im sinnlichen Sinne abgelegt hat. Dann vernimmt er ein Selbstbewußtsein in seinem Inneren, welches so zu ihm spricht, wie die mathematischen Wahrheiten interesselos zu ihm sprechen, aber so zu ihm sprechen, wie mathematische Wahrheiten auch in anderem Sinne sprechen. Mathematische Wahrheiten sind nämlich wahr mit einem Ewigkeitssinn. Was uns in der unsinnlichen Sprache der Mathematik vor Augen tritt, das ist wahr, unabhängig von Zeit und Raum. Und unabhängig von Zeit und Raum spricht dasjenige in unserem Inneren zu uns, was dann vor unserer Seele auftritt, wenn sie sich hinaufgeläutert hat zu Lust und Leid an geistigen Dingen. Dann spricht das Ewige mit seiner Ewigkeitsbedeutung zu uns. So hat das Ewige mit seiner Ewigkeitsbedeutung zu dem sterbenden Sokrates gesprochen, und der Strom der unmittelbaren Geistigkeit ging auf die Schüler über. Aus dem, was er als Erfahrung empfangen hat am sterbenden Sokrates, spricht der Schüler Phaidon aus, daß Lust und Leid im gewöhnlichen Sinne des Wortes schaden müssen, wenn der Geist unmittelbar zu uns sprechen will.

[ 13 ] The eye that is devoted to the spirit can no longer shed tears of joy or tears of pain in the everyday sense. For when a person has reached this stage of development, their self-awareness speaks to them in a completely different, new way. We then gaze into the veiled sanctuary of our inner being in a wholly new way. The human being then perceives himself as a member of the spiritual world. He then perceives himself as something that is pure and exalted above all that is sensory, because he has cast off pleasure and suffering in the sensory sense. Then they perceive a self-awareness within themselves that speaks to them just as mathematical truths speak to them dispassionately, yet also speaks to them in a way that mathematical truths speak in another sense. For mathematical truths are true in a sense of eternity. What appears before us in the non-sensual language of mathematics is true, independent of time and space. And independent of time and space, that which appears before our soul when it has purified itself to experience pleasure and pain in spiritual matters speaks to us from within. Then the Eternal speaks to us with its meaning of eternity. Thus the Eternal, with its meaning of eternity, spoke to the dying Socrates, and the stream of immediate spirituality passed on to the disciples. Based on what he received as an experience from the dying Socrates, the disciple Phaedo declares that pleasure and pain in the ordinary sense of the word must be harmful if the spirit wishes to speak to us directly.

[ 14 ] Das können wir an den gewöhnlich abnorm genannten Erscheinungen des Menschenlebens beobachten. Scheinbar fern den Betrachtungen, denen der erste Teil meines Vortrages gewidmet war, stehen diese Erscheinungen. Im wahren Sinne des Wortes betrachtet, stehen sie aber diesen Betrachtungen sehr nahe. Das sind die Erscheinungen, welche gewöhnlich abnorme Seelenzustände genannt werden, wie Hypnotismus, Somnambulismus und Hellsehen. Was bedeutet Hypnose im Leben des Menschen? Es kann heute nicht meine Aufgabe sein, die verschiedenen Verrichtungen zu erzählen, die vorzunehmen sind, wenn wir einen Menschen in den schlafähnlichen Zustand versetzen wollen, den wir die Hypnose nennen. Entweder geschieht das — ich will es nur vorübergehend erwähnen — durch das Hinblicken auf einen glänzenden Gegenstand, durch das die Aufmerksamkeit in einer ganz besonderen Weise konzentriert wird, oder auch dadurch, daß wir den Menschen einfach ansprechen in entsprechender Weise, indem wir sagen: Du schläfst jetzt ein. — Dadurch können wir diesen Zustand der Hypnose, eine Art von Schlaf, in dem das gewöhnliche Tagesbewußtsein wie ausgelöscht ist, hervorbringen. Der Mensch, der auf diese Weise in hypnotischen Schlaf versetzt worden ist, der steht oder sitzt vor demjenigen, der ihn als Hypnotiseur in diesen Schlaf versetzt hat, regungslos, im gewöhnlichen Sinne des Wortes eindruckslos. Ein solcher Hypnotisierter kann mit Nadeln gestochen werden, kann geschlagen werden, seine Glieder können in andere Lagen versetzt werden — er vernimmt von alledem nichts, er verspürt nichts von dem, was ihm unter anderen Umständen, bei wachendem Bewußtsein, Schmerz oder vielleicht ein Wohlgefühl, einen Kitzel, wollen wir sagen, verursacht hätte. Im gewöhnlichen, allgemeinen Sinn ist Lust und Leid aus dem Wesen eines solchen Hypnotisierten ausgeschaltet. Lust und Leid ist aber dasjenige, was wir im Sinne unseres letzten Vortrages als die eigentliche Grundeigenschaft der Seele, des mittleren Teiles der menschlichen Wesenheit, bezeichnet haben. Was ist nun im Hypnotismus ausgeschaltet? Im wesentlichen ist von den drei Grundteilen, Körper, Seele und Geist, die Seele ausgeschaltet. Die Verrichtung, die wir gemacht haben, besteht darin, daß wir den mittleren Grundteil des Menschen von seiner Wesenheit ausgeschaltet haben. Er ist nicht tätig, er empfindet nicht im gewöhnlichen Sinne Lust und Leid; es schmerzt ihn nicht, was ihn schmerzen würde, wenn seine Seele in normaler Weise funktionierte.

[ 14 ] We can observe this in the phenomena of human life that are commonly referred to as abnormal. At first glance, these phenomena seem far removed from the considerations to which the first part of my lecture was devoted. Viewed in the true sense of the word, however, they are very closely related to those considerations. These are the phenomena commonly referred to as abnormal states of the soul, such as hypnotism, somnambulism, and clairvoyance. What does hypnosis mean in human life? It is not my task today to describe the various procedures that must be carried out if we wish to induce a person into the sleep-like state we call hypnosis. This is achieved—I will only mention this briefly—either by having the person gaze at a shiny object, which concentrates their attention in a very particular way, or by simply addressing the person in a specific manner, saying: “You are now falling asleep.” — In this way we can induce this state of hypnosis, a kind of sleep in which ordinary waking consciousness is as if extinguished. The person who has been put into hypnotic sleep in this way stands or sits before the hypnotist who put them into this sleep, motionless, unresponsive in the ordinary sense of the word. Such a hypnotized person can be pricked with needles, can be struck, their limbs can be moved into different positions—they perceive nothing of all this, they feel nothing of what, under other circumstances, with waking consciousness, would have caused them pain or perhaps a feeling of well-being, a tickle, let us say. In the ordinary, general sense, pleasure and pain are eliminated from the being of such a hypnotized person. But pleasure and pain are precisely what we described in our last lecture as the actual fundamental characteristic of the soul, the middle part of the human being. What, then, is eliminated in hypnotism? Essentially, of the three fundamental parts—body, soul, and spirit—the soul is eliminated. The procedure we have performed consists in eliminating the middle fundamental part of the human being from his being. It is not active; it does not experience pleasure and pain in the ordinary sense; it does not feel pain from what would cause him pain if his soul were functioning normally.

[ 15 ] Wie ist nun in einem solchen Menschen die Wesenheit tätig, wenn Sie einen solchen hypnotisierten Menschen ansprechen, ihm irgendwelche Befehle erteilen? Wenn Sie zu ihm sagen: Stehe auf, mache drei Schritte —, so führt er diese Befehle aus. Noch viel kompliziertere, mannigfaltigere Befehle können Sie ihm erteilen — er führt sie aus. Sie können ihm sinnliche Gegenstände hinlegen, zum Beispiel eine Birne, und ihm sagen, das sei eine Glaskugel. Er wird es glauben. Dasjenige, was sinnlich vor ihm liegt, hat für ihn keine Bedeutung. Daß Sie ihm sagen, es sei eine Glaskugel, das ist für ihn maßgebend. Wenn Sie ihn fragen: Was hast du vor dir? — so wird er Ihnen antworten: Eine Glaskugel. — Ihr Geist, dasjenige, was sich in Ihnen befindet, wenn Sie der Hypnotiseur sind, das, was Sie denken, das, was als Gedanke von Ihnen ausgeht, das wirkt unmittelbar auf die Handlungen dieses Menschen ein. Er folgt mit seinem Körper automatisch den Befehlen Ihres Geistes. Warum folgt er diesen Befehlen? Weil seine Seele ausgeschaltet ist, weil seine Seele sich nicht zwischen seinen Körper und Ihren Geist hineinstellt. Mit dem Augenblicke, wo seine Seele mit ihrer Lust und ihrem Leid tätig ist, mit dem Augenblicke, wo ihre Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, einfache Wahrnehmungen zu machen, wieder auftritt, in diesem Augenblick entscheidet erst die Seele, ob diese Befehle auszuführen sind, ob sie die Gedanken des anderen anzunehmen hat. Wenn Sie in normalem Zustande einem anderen Menschen gegenüberstehen, dann wirkt sein Geist auf Sie. Aber sein Geist, das, was er denkt, was er will, das wirkt zunächst auf Ihre Seele. Das wirkt auf Sie wie Lust und Leid, und Sie entscheiden, wie Sie sich zu den Gedanken, zu den Willenshandlungen des anderen verhalten sollen. Schweigt die Seele, ist die Seele ausgeschaltet, dann stellt sie sich nicht zwischen Ihren Körper und den Geist des anderen hinein, dann folgt der Körper den Eindrücken des Hypnotiseurs, den Eindrücken des Geistes desselben willenlos, wie das Mineral den Naturgesetzen folgt. Ausschaltung der Seele, das ist das Wesentliche, worauf es bei der Hypnose ankommt. Dann wirkt der fremde Gedanke, der außerhalb des Menschen befindliche Gedanke auf diesen Menschen, der in einem schlafähnlichen Zustand ist, mit der Kraft eines Naturgesetzes ein. Es wirkt selbst wie ein Naturgesetz ein das, was sich zwischen diese geistige Naturkraft und den Körper einschiebt, und das ist die Seele. Zwischen Ihren eigenen Geist und Ihren eigenen Körper schiebt sich ja die Seele ein. Und dasjenige, was wir als Gedanke erfassen, was wir denkerisch erfassen, das führen wir im Alltagsleben nur dadurch aus, daß es sich umwandelt in unsere persönlichen Wünsche, daß es angenommen, für richtig befunden wird von unserer Lust und unserem Leid, daß, mit anderen Worten, unser Geist zu unserer Seele zunächst spricht, daß unsere Seele die Befehle dieses unseres eigenen Geistes ausführt.

[ 15 ] How does the essence operate within such a person when you address a hypnotized individual and give them commands? If you say to them, “Stand up, take three steps,” they carry out these commands. You can give them even more complicated, varied commands—they will carry them out. You can place tangible objects before them, for example a pear, and tell them it is a glass ball. They will believe it. What lies before them in tangible form has no significance for them. The fact that you tell them it is a glass ball is what matters to them. If you ask him: What do you see in front of you? — he will answer you: A glass ball. — Your mind, that which is within you when you are the hypnotist, what you think, what emanates from you as a thought, directly influences this person’s actions. He automatically follows the commands of your mind with his body. Why does he follow these commands? Because his soul is switched off, because his soul does not interpose itself between his body and your mind. The moment his soul becomes active with its pleasure and its suffering, the moment his ability to feel pain and to make simple perceptions reappears—at that very moment, the soul alone decides whether these commands are to be carried out, whether it must accept the thoughts of the other. When you face another person in a normal state, their mind affects you. But their mind—what they think, what they want—first affects your soul. This affects you as pleasure and pain, and you decide how to respond to the other person’s thoughts and volitional acts. If the soul is silent, if the soul is shut off, then it does not interpose itself between your body and the other person’s mind; then the body follows the hypnotist’s suggestions, the suggestions of that mind, without will, just as a mineral follows the laws of nature. The shutting off of the soul—that is the essential point upon which hypnosis depends. Then the foreign thought—the thought located outside the person—acts upon this person, who is in a sleep-like state, with the force of a law of nature. That which interposes itself between this spiritual force of nature and the body acts like a law of nature itself, and that is the soul. For the soul interposes itself between your own mind and your own body. And what we grasp as a thought, what we grasp intellectually, we carry out in everyday life only by transforming it into our personal desires, by having it accepted and deemed correct by our pleasure and our suffering—in other words, by our mind first speaking to our soul, so that our soul carries out the commands of our own mind.

[ 16 ] Nun kann die Frage aufgeworfen werden: Warum steht nicht, wenn die Seele ausgeschaltet ist, wenn der Hypnotisierte dem Hypnotiseur gegenübersteht, das dritte, das höchste Wesensglied des Menschen, der Geist, dem Hypnotiseur gegenüber? Warum schlummert er, warum ist der Geist des Menschen untätig? — Darüber werden wir uns klar, wenn wir wissen, daß für den Menschen während seiner irdischen Verkörperung das Zusammenwirken von Geist, Seele und Körper wesentlich ist, daß der Geist des Menschen nur dadurch die Umwelt versteht, die sinnliche Wirklichkeit versteht, daß die Seele ihm dieses Verständnis vermittelt. Wenn unser Auge von außen einen Eindruck empfängt, so muß, damit dieser Eindruck bis zu unserem Geiste dringen kann, die Seele als Vermittler eintreten. Eine Farbe nehme ich wahr. Das Auge vermittelt mir durch seine Einrichtung den äußeren Eindruck, Der Geist denkt über die Farbe nach. Er bildet sich einen Gedanken. Aber zwischen den Gedanken und den äußeren Eindruck schiebt sich das Reagenz der Seele ein, schiebt sich dasjenige ein, wodurch der Eindruck erst zu ihrem eigenen inneren Leben wird, wodurch er ein Erlebnis der eigenen Seele wird. Nur zu der eigenen Seele, zu der persönlichen Seele vermag im irdischen Menschen der Geist zu sprechen. Schalten Sie durch die Hypnose die Seele aus, dann vermag der Geist sich im Hypnotisierten nicht mehr zu äußern. Sie haben damit dem Geiste das Organ genommen, durch das er sich äußern kann, durch das er tätig sein kann. Nicht den Geist haben Sie ihm genommen, Sie haben nur seine Seele ausgeschaltet und in Untätigkeit versetzt. Aber weil der Geist im Menschen nur in der Seele tätig sein kann, so kann der Geist nicht selbst im Körper tätig sein. Daher sagen wir, er ist in bewußtlosem Zustande, was nichts anderes heißt, als: sein Geist ist untätig. Nun verstehen wir, wodurch in der Hypnose der Mensch so empfänglich wird für die geistigen Eindrücke, die vom Hypnotiseur ausgehen. Er wird empfänglich, weil sich kein Seelisches zwischen ihn und den Hypnotiseur einschiebt. Da wird der Gedanke des anderen zur unmittelbaren Naturkraft, da wird der Gedanke schöpferisch. Schöpferisch ist der Gedanke, und schöpferisch ist der Geist in der ganzen Natur. Er tritt nur nicht unmittelbar auf.

[ 16 ] Now the question may be raised: Why is it that, when the soul is suspended—when the hypnotized person faces the hypnotist—the third and highest component of the human being, the spirit, does not face the hypnotist? Why does it slumber? Why is the human spirit inactive? — This becomes clear to us when we realize that for human beings during their earthly incarnation, the interaction of spirit, soul, and body is essential; that the human spirit understands the environment and sensory reality only through the soul, which mediates this understanding. When our eye receives an impression from the outside, the soul must act as a mediator so that this impression can reach our spirit. I perceive a color. The eye conveys the external impression to me through its structure; the spirit reflects on the color. It forms a thought. But between the thought and the external impression, the soul’s response intervenes—that which transforms the impression into the soul’s own inner life, making it an experience of the soul itself. The spirit can speak only to one’s own soul, to the personal soul, in the earthly human being. If you shut down the soul through hypnosis, then the spirit can no longer express itself in the hypnotized person. You have thereby taken away from the spirit the organ through which it can express itself, through which it can be active. You have not taken the spirit from him; you have only shut down his soul and rendered it inactive. But because the spirit in a human being can only be active in the soul, the spirit cannot be active in the body itself. That is why we say the person is in an unconscious state, which means nothing other than: their spirit is inactive. Now we understand why, under hypnosis, a person becomes so receptive to the spiritual impressions emanating from the hypnotist. They become receptive because nothing of the soul interposes itself between them and the hypnotist. There, the other’s thought becomes an immediate force of nature; there, thought becomes creative. Thought is creative, and the spirit is creative throughout all of nature. It simply does not manifest itself immediately.

[ 17 ] Nun haben wir bei Hypnotisierten und anderen ähnlichen abnormen Zuständen zugleich mit der Ausschaltung der Seele das Bewußtsein, den eigentlichen Geist des Menschen, untätig gemacht. Wir haben den Menschen in einen bewußtlosen Zustand versetzt. Wir können uns ein Bild dessen machen, was da eigentlich vorgeht, wenn wir uns etwa vorstellen, daß wir einen schlafenden Menschen aus einem Zimmer in ein anderes bringen und ihn dort einige Zeit schlafen lassen. Eindrücke sind um ihn herum, aber er nimmt sie nicht wahr. Er weiß von seiner Umgebung nichts. Bringen wir ihn, ohne daß er erwacht ist, wieder in das Zimmer, in dem er früher geschlafen hat, dann ist er in einem anderen Raum gewesen, ohne etwas davon zu wissen, dann hat er von diesem anderen Raum keine Wahrnehmung erhalten. Es hängt davon ab, daß wir unsere Umgebung wahrnehmen, wenn wir diese unsere Umgebung «wirklich» nennen wollen. Vieles kann um uns herum sein, kann wirklich sein, wesenhaft sein — wir wissen davon nichts, weil wir es nicht wahrnehmen. Wir richten uns nicht darnach, unsere Tätigkeit steht in keinem Zusammenhang damit, weil wir nichts wahrnehmen.

[ 17 ] Now, in the case of hypnotized individuals and other similar abnormal states, we have simultaneously rendered the consciousness—the very essence of the human spirit—inactive along with the suppression of the soul. We have placed the person in an unconscious state. We can get a sense of what is actually happening if we imagine, for example, that we carry a sleeping person from one room to another and let them sleep there for a while. Impressions surround him, but he does not perceive them. He knows nothing of his surroundings. If we bring him back, without his having awakened, to the room where he was sleeping before, then he has been in another room without knowing anything about it; he has received no perception of this other room. It depends on our perceiving our surroundings if we wish to call these surroundings “real.” Much may be around us, may be real, may be substantial—we know nothing of it because we do not perceive it. We do not orient ourselves toward it; our activity has no connection to it because we perceive nothing.

[ 18 ] In einem solchen Zustand ist der Hypnotisierte dem Hypnotiseur gegenüber. Kräfte gehen von dem Hypnotiseur aus; Kräfte wirken, die geistdurchtränkt sind von den Gedanken des Hypnotiseurs. Sie gehen aus von ihm und wirken auf den Hypnotisierten ein. Aber der Hypnotisierte weiß nichts davon. Er spricht, aber er spricht nur dasjenige, was im Geiste des Hypnotiseurs liegt und lebt. Er ist sozusagen tätig, ohne daß er — wie das bei Menschen im gewöhnlichen Leben der Fall ist — sein eigener Zuschauer ist, ohne daß er zu gleicher Zeit dasjenige, was Gegenstand seiner Tätigkeit ist, beobachtet. Er ist sozusagen in der Umgebung, in der er sich befindet, dem Geiste des Hypnotiseurs gegenüber, so wie der Schlafende, den man in einen anderen Raum gebracht hat und der gar nichts weiß von dem, was um ihn herum vorgeht. So kann ja der Mensch immer wieder und wieder in Umgebungen gebracht werden, wo der Geist zu ihm spricht. Er kann in Umgebungen sein, wo der Geist zu ihm spricht. Jetzt und in jedem Augenblick sind auch Sie in Umgebungen, in denen der Geist zu Ihnen spricht, denn alles um uns herum ist durch den Geist gemacht. Die Naturgesetze sind Geist, nur daß der Mensch in der gewöhnlichen Anschauung diesen Geist nur in dem schattenhaften Abglanz der Gedanken wahrnimmt. Dieser Geist ist Geist, genauso wie der Geist, der im Hypnotiseur tätig ist, wenn der Hypnotiseur auf den Hypnotisierten wirkt.

[ 18 ] In such a state, the hypnotized person is in the presence of the hypnotist. Forces emanate from the hypnotist; forces that are imbued with the hypnotist’s thoughts. They emanate from him and act upon the hypnotized person. But the hypnotized person is unaware of this. He speaks, but he speaks only what lies and lives in the hypnotist’s mind. He is, so to speak, active without being—as is the case with people in ordinary life—his own observer, without simultaneously observing that which is the object of his activity. He is, so to speak, in the environment in which he finds himself, facing the hypnotist’s mind, just like a sleeping person who has been taken into another room and knows nothing of what is happening around him. Thus, a person can be placed again and again in environments where the spirit speaks to him. He can be in environments where the spirit speaks to him. Right now and at every moment, you, too, are in environments where the Spirit speaks to you, for everything around us is made by the Spirit. The laws of nature are Spirit, only that in the ordinary view of things, man perceives this Spirit only in the shadowy reflection of thoughts. This Spirit is Spirit, just as the Spirit that is active in the hypnotist when the hypnotist acts upon the hypnotized person.

[ 19 ] Nun ist der Mensch im normalen, im gewöhnlichen Wachzustand, wenn auch nicht in einem solchen Geisteszustand wie der Hypnotisierte, aber er ist gewissermaßen auch seiner geistigen Umgebung gegenüber in einem Zustand, in dem seine Sinne, in dem sein Wahrnehmungsvermögen für den Geist nicht aufgeschlossen sind. Wenn dieses Wahrnehmungsvermögen für den Geist, der in der Umwelt ist, aufgeschlossen ist, wenn die Dinge der geistigen Welt, die um uns herum sind, eine laute, vernehmliche Sprache zu uns sprechen, dann kann das nur sein in dem Fall, wo wir im normalen Leben in einer ähnlichen Lage sind wie der Hypnotisierte dem Hypnotiseur gegenüber. Leidlos, schmerzlos ist der Hypnotisierte. Er nimmt Nadelstiche, er nimmt einen Schlag nicht wahr. Lust und Leid im gewöhnlichen Sinne des Wortes sind ausgelöscht. Wenn wir in unserem gewöhnlichen Leben, in dem wachen Tagesbewußtsein jenen Zustand erreichen, den ich im ersten Teile meines Vortrages geschildert habe — denn die theosophische Weltanschauung soll einen höheren Entwickelungszustand des Menschen betrachten, den Plato von seinen Schülern, der Mysterienpriester von seinen Zöglingen verlangte —, wenn wir jenes, was als Alltagslust und Alltagsleid uns berührt, was unmittelbar unsere Augen zu Tränen reizt, unser Ohr empfindlich macht, uns mit Furcht und Hoffnung erfüllt, wenn wir das, was den Gegenstand unserer Alltäglichkeit ausmacht, abstreifen, frei von dieser Welt uns machen und jene Verwandlung des Geistes durchmachen, welche beschrieben worden ist, dann können wir — aber nun vollbewußt — der geistigen Welt gegenüber in einen ähnlichen Zustand kommen wie im abnormen Sinne der Hypnotisierte dem Hypnotiseur gegenüber. Dann werden wir unsere Augen und Ohren in derselben Tätigkeit haben, wie wir sie sonst haben; wir werden unser waches Tagesbewußtsein haben, aber wir werden innerhalb dieses wachen Tagesbewußtseins uns nicht von den alltäglichen Gegenständen im gewöhnlichen Sinne berühren lassen. Diese Verwandlung muß sich vollziehen mit dem Menschen. Er muß die geistige Umwelt, das, was in den Dingen spricht, so leid- und lustlos vernehmen, wie der Hypnotisierte im abnormen Zustande die Gedanken und Worte des Hypnotiseurs vernimmt; durch die Leid- und Lustlosigkeit vernimmt er, was die Sprache des Geistes in seiner Umwelt ist.

[ 19 ] Now, in the normal, everyday waking state, although a person is not in the same mental state as someone under hypnosis, they are, in a sense, also in a state with regard to their spiritual environment in which their senses—their capacity for perception—are not open to the spirit. If this capacity for perception is open to the spirit that is present in the environment, if the things of the spiritual world that surround us speak to us in a loud, audible voice, then this can only be the case when, in normal life, we are in a situation similar to that of the hypnotized person in relation to the hypnotist. The hypnotized person is free from suffering and pain. They do not perceive needle pricks or blows. Pleasure and pain in the ordinary sense of the word are extinguished. If, in our ordinary life, in our waking daily consciousness, we attain that state I described in the first part of my lecture—for the theosophical worldview is meant to consider a higher state of human development, the one Plato demanded of his students, the mystery priests of their pupils— if we shed that which touches us as everyday pleasure and everyday suffering, that which immediately brings tears to our eyes, makes our ears sensitive, fills us with fear and hope—if we cast off that which constitutes the object of our everyday existence, free ourselves from this world, and undergo that transformation of the spirit which has been described—then we can—but now fully conscious — enter a state toward the spiritual world similar to that of the hypnotized person toward the hypnotist in the abnormal sense. Then we will use our eyes and ears in the same way as we normally do; we will have our waking daytime consciousness, but within this waking daytime consciousness we will not allow ourselves to be affected by everyday objects in the ordinary sense. This transformation must take place within the human being. He must perceive the spiritual environment—that which speaks through things—with the same indifference and apathy as the hypnotized person in an abnormal state perceives the thoughts and words of the hypnotist; through this indifference and apathy, he perceives what the language of the spirit is in his environment.

[ 20 ] Nur die Erfahrung kann auf diesem Gebiete das Entscheidende sein. Wenn die monumentalen Leitsätze der theosophischen Ethik bis zu einem gewissen Grade erfüllt sind, wenn der Mensch in den Zustand gekommen ist, wo er geistigen Wahrheiten wirklich so gegenübersteht wie im gewöhnlichen Sinne der Mensch den mathematischen Wahrheiten, objektiv, lust- und leidfrei, dann spricht der Geist der Umwelt zu den Menschen, dann ist der Geist nicht gebunden an die Eindrücke seiner Sinne, so wenig wie der Hypnotisierte gebunden ist an das, was auf seine Sinne wirkt. Der Hypnotiseur wirkt nur auf den leid- und lustlos gewordenen Hypnotisierten, und so wirkt der Geist nur auf den leid- und lustlos gewordenen hellsehenden Menschen. Um bei wachem Tagesbewußtsein eine solche Empfindlichkeit zu haben für die Umwelt, ist es nötig, eine Entwickelung durchgemacht zu haben, so daß wir mit völlig funktionierendem Verstande, mit völlig tätiger Vernunft zwischen den Dingen hindurchgehen und dennoch vermögen, den Geist zu uns sprechen zu lassen. Das ist es: Hellsehen heißt nichts anderes, als es zu einer Entwickelungsstufe der menschlichen Wesenheit gebracht zu haben, durch welche der Mensch lust- und leidfrei die Welt um sich herum wahrzunehmen vermag. Wenn der Mensch sich soweit entwickelt hat, daß seine Leidenschaften und Begierden in ihm schweigen, daß schweigt, was er schattenhaft Gedanke nennt und an dem er mit solcher Hingebung, mit solcher Anhänglichkeit hängt, wie der Mensch an den sinnlichen \Eindrücken der unmittelbaren Umgebung; wenn der Mensch diesen leidenschaftslosen, diesen begierdelosen Zustand so lieb haben kann, wie der gewöhnliche Mensch die Dinge um sich herum lieb hat, dann ist er reif geworden, den Geist um sich herum wahrzunehmen. Dann wünscht er nicht mehr dasjenige, was im Alltagsleben gewünscht wird, dann wünscht er im Gebiete der geistigen Welt.

[ 20 ] Only experience can be the deciding factor in this area. When the fundamental principles of theosophical ethics have been fulfilled to a certain degree, when a person has reached a state in which they truly approach spiritual truths in the same way that people ordinarily approach mathematical truths—objectively, free from pleasure and pain, then the Spirit of the environment speaks to human beings; then the Spirit is no more bound by the impressions of the senses than the hypnotized person is bound by what acts upon their senses. The hypnotist acts only upon the hypnotized person who has become free from pleasure and pain, and so the Spirit acts only upon the clairvoyant who has become free from pleasure and pain. To possess such sensitivity to the environment while in waking daytime consciousness, it is necessary to have undergone a process of development so that we may move among things with a fully functioning intellect and fully active reason, yet still be able to allow the spirit to speak to us. That is it: Clairvoyance means nothing other than having brought the human being to a stage of development through which one is able to perceive the world around oneself free from pleasure and suffering. When a person has developed to the point where their passions and desires are silent within them, where that which they shadowy call a thought—and to which they cling with such devotion, with such attachment, as a person clings to the sensory impressions of their immediate surroundings—is silent; when a person can love this passionless, desireless state as much as the ordinary person loves the things around them, then they have become ripe to perceive the spirit around them. Then they no longer desire what is desired in everyday life; then they desire in the realm of the spiritual world.

[ 21 ] Dann werden seine Gedanken aber auch, durch die Durchtränkung mit seinen höher gearteten Wünschen, mit seiner geläuterten Seele zu wirksamen Kräften. Die Gedanken des Menschen sind nur deshalb bloß abstrakte Gedanken, weil der gewöhnliche Mensch zwischen sich, zwischen seinem geistigen Inneren, zwischen dem, was Gedanke, Idee, geistige Wirklichkeit ist und allem übrigen, die Seele mit ihrer Lust und ihrem Leid, mit ihren persönlichen Wünschen einschiebt.

[ 21 ] Then, too, his thoughts—imbued with his higher desires—become effective forces through his purified soul. Human thoughts are merely abstract thoughts only because the ordinary person interposes the soul—with its joys and sorrows, with its personal desires—between himself, his inner spiritual self, and that which is thought, idea, and spiritual reality, and everything else.

[ 22 ] Nur das ist der Grund, warum unsere Gedanken erst von der Seele aufgenommen werden müssen, warum unsere Gedanken erst in die Persönlichkeit umgesetzt werden müssen, um wirksam zu werden. Persönliche Wünsche sind es, die an die Gedanken des einzelnen herantreten. Habe ich ein Ideal, dann werde ich dieses Ideal im Sinne der persönlichen Wünsche in die Wirklichkeit umsetzen. Ich muß als Persönlichkeit — im gewöhnlichen Alltagsleben ist das so — ein Interesse haben an dem, was als Gedanke mir voranleuchtet, wenn ich es ausführen soll. Ich muß als Person einen Gedanken, einen Willensentschluß wünschenswert finden. Mein persönlicher Wunsch kettet sich an den Gedanken, der sonst unabhängig von Zeit und Raum wäre, denn was wahr im Gedanken ist, ist wahr zu allen Zeiten. Kommen wir über diese persönlichen Wünsche hinaus, entwikkeln wir uns in dem Sinne, wie die Mysterienpriester es von ihren Zöglingen verlangt haben, dann werden unsere Wünsche so, daß wir die ganze Kraft unserer Seele nicht an unser persönliches Interesse ketten, sondern wir werden liebevoller und hingebungsvoller verfolgen das, was im rein Geistigen lebt. Und dann wird dieser Gedanke, der in uns lebt, der Geist, der in uns lebt, nicht stumpf und abstrakt sein wie im Alltagsmenschen, dann wird er nicht durch die Mittel der seelischen Erlebnisse in die Außenwelt zu dringen haben, dann wird er sozusagen von dem innersten Geiste des Menschen, ohne von dem unmittelbaren Selbst berührt zu werden, ohne durch das persönliche Selbst hindurchgehen zu müssen, hinausströmen in die Außenwelt. Er wird nicht abgestumpft von der Außenwelt, er tritt an uns heran wie eine Naturkraft; er tritt an uns heran wie die Kraft der Kristallisation, wie die magnetische Kraft, welche vom Magneten ausgeht und in den Eisenfeilspänen Gebilde anordnet. Wie diese Kräfte, die uns in der Natur als Wirklichkeit umgeben, so wirkt der wunschlose Gedanke auf unsere Umgebung, auf die Wirklichkeit um uns. Eine Erkenntnis unserer Umwelt, eine Erkenntnis unserer Mitmenschen wird in ganz anderem Sinne fruchtbar, wenn wir es zu solchen, den persönlichen Wünschen entrückten Gedanken gebracht haben. Dann tritt das auf, was als Gedankenkraft von diesem entwickelten Menschen auf seine Mitmenschen übergeht.

[ 22 ] That is precisely why our thoughts must first be taken up by the soul, why our thoughts must first be translated into the personality in order to become effective. It is personal desires that approach the thoughts of the individual. If I have an ideal, then I will translate that ideal into reality in accordance with my personal desires. As a personality—and this is how it is in ordinary everyday life—I must have an interest in what shines before me as a thought if I am to carry it out. As a person, I must find a thought, a decision of the will, desirable. My personal desire binds itself to the thought, which would otherwise be independent of time and space, for what is true in thought is true at all times. If we go beyond these personal desires, if we develop in the sense that the mystery priests demanded of their pupils, then our desires will become such that we do not chain the full power of our soul to our personal interests, but rather we will pursue with greater love and devotion that which lives in the purely spiritual. And then this thought that lives within us, the spirit that lives within us, will not be dull and abstract as in the everyday person; then it will not have to penetrate the outer world through the means of soul experiences; then it will, so to speak, flow out into the outer world from the innermost spirit of the human being, without being touched by the immediate self, without having to pass through the personal self, flow out into the outer world. It will not be dulled by the outer world; it approaches us like a force of nature; it approaches us like the force of crystallization, like the magnetic force that emanates from the magnet and arranges the iron filings into patterns. Just as these forces, which surround us in nature as reality, so does the desireless thought act upon our surroundings, upon the reality around us. An understanding of our environment, an understanding of our fellow human beings, becomes fruitful in a wholly different sense when we have brought it to such thoughts, detached from personal desires. Then what arises is the power of thought that passes from this developed human being to his fellow human beings.

[ 23 ] Dann tritt das auf, was bei wirklich selbstlosen Menschen der Gedanke ist, der Gedanke als eine organisierende Naturkraft. Bei den großen, wahrhaften Weisen — nicht bloß bei den Gelehrten, sondern bei denjenigen, welche der Menschheit Weisheit gebracht haben —, bei denen wird uns überall erzählt, daß sie zu gleicher Zeit Heiler waren, daß von ihnen eine Kraft ausgegangen ist, die ihren Mitmenschen Hilfe gebracht hat, Befreiung von körperlichen und seelischen Leiden. Das war nur deshalb der Fall, weil sie es zu einer solchen Entwickelung gebracht hatten, durch welche der Gedanke zu einer Kraft wird, durch die der Geist unmittelbar in die Welt einströmen kann. Erkenntnis, die in dieser Weise frei ist von Wünschen, die selbstlose Erkenntnis ist, welche als die Kraft, die sonst nur in den Dienst des Selbst gerückt wird, einströmt in den Menschen, solche Kraft befähigt den Menschen, im geistigen Sinne zu heilen.

[ 23 ] Then what emerges in truly selfless people is thought—thought as an organizing force of nature. In the case of the great, true sages—not merely the scholars, but those who have brought wisdom to humanity—we are told everywhere that they were also healers, that a power emanated from them which brought help to their fellow human beings, liberation from physical and mental suffering. This was only the case because they had attained a state of development in which thought becomes a force through which the spirit can flow directly into the world. Knowledge that is in this way free from desires—selfless knowledge—which flows into the human being as a force that is otherwise directed solely toward the service of the self; such a force enables the human being to heal in a spiritual sense.

[ 24 ] Nur prinzipiell kann von mir heute angedeutet werden, welches die Vorbedingungen eines solchen geistigen Heilens sind. Im theosophischen Sinne kann das Hinausgehen des Menschen über das engbegrenzte, alltägliche Selbst eine Vorbedingung sein für das sogenannte geistige Heilen. In einem gewissen Sinne muß also der Mensch, wenn er zum Hellseher, zum Heiler werden will, auslöschen sein seelisches Eigenleben, dasjenige, was vorzugsweise ihm als Persönlichkeit angehört. Dadurch wird ein solcher Mensch nicht etwa vollständig empfindungslos und stumpf. O nein, ein solcher Mensch wird im Gegenteil in einem höheren Sinne empfindlich und sensitiver, als er vorher war. Ein solcher Mensch entwickelt eine Empfänglichkeit, die allerdings nicht diejenige ist, die die Sinne im Alltagsleben liefern, aber er entwickelt eine Empfänglichkeit viel höherer Art. Oder ist denn die Empfänglichkeit des Menschen geringer als diejenige des niederen Tieres, welches statt des Auges nur einen Pigmentfleck hat, durch welchen es höchstens einen Lichteindruck haben kann? Wird es anders bei dem Menschen dadurch, daß er den Eindruck, den er im Sehpurpur empfängt, umwandelt zur Wahrnehmung der Farbe in der Umwelt? Wie das Auge des Menschen zu dem Pigmentfleck des niederen Tieres sich verhält, so verhält sich der Geistorganismus des Hellsehers zum Organismus des unentwickelten Menschen. Die Ausschaltung der Persönlichkeit ist das Opfer. Die Auslöschung der Persönlichkeit löst in unserer Umwelt die Stimme des Geistes aus. Die Auslöschung der Persönlichkeit löst uns die Rätsel in der Natur. Unsere Seelenwelt müssen wir auslöschen. Lust und Leid im gewöhnlichen Sinne des Wortes müssen wir überwinden. Das ist notwendig zum Behufe einer gewissen Erkenntnis und höheren Entwickelung.

[ 24 ] Today I can only hint at the prerequisites for such spiritual healing in general terms. In the theosophical sense, a person’s transcendence of the narrowly defined, everyday self can be a prerequisite for what is known as spiritual healing. In a certain sense, therefore, if a person wishes to become a clairvoyant or a healer, they must extinguish their own inner life—that which belongs primarily to them as a personality. This does not mean that such a person becomes completely insensitive or dull. Oh no; on the contrary, such a person becomes, in a higher sense, more sensitive and perceptive than they were before. Such a person develops a receptivity that is certainly not the same as that provided by the senses in everyday life, but rather a receptivity of a much higher order. Or is human receptivity any less than that of a lower animal, which instead of an eye has only a pigment spot through which it can perceive at most an impression of light? Is it any different for human beings because they transform the impression they receive in the visual purple into the perception of color in the environment? Just as the human eye relates to the pigment spot of the lower animal, so does the spiritual organism of the clairvoyant relate to the organism of the undeveloped human being. The suppression of the personality is the sacrifice. The extinction of the personality triggers the voice of the spirit in our environment. The extinction of the personality solves the mysteries of nature for us. We must extinguish our soul world. We must overcome pleasure and suffering in the ordinary sense of the word. This is necessary for the sake of a certain insight and higher development.

[ 25 ] Eine Auslöschung der eigenen Persönlichkeit in gewissem Sinne ist nun aber auch notwendig bei einer einzelnen Aufgabe, die eine unendliche Wichtigkeit für das alltäglichste menschliche Leben hat, beim menschlichen Erziehungswesen. In jedem heranwachsenden Menschen, von der Geburt des Kindes an, durch die Entwickelungsjahre hindurch, ist es ja im innersten Kern der menschlichen Wesenheit der Geist, der sich entwickeln soll; der Geist, der zunächst verborgen ruht innerhalb des Körpers, verborgen ruht innerhalb der Seelenregungen des sich entwickelnden Menschen. Stellen wir uns diesem Geist gegenüber, mit unseren Interessen — ich will nicht einmal sagen Wünschen und Begierden —, machen wir den heranwachsenden Menschen von unseren Interessen abhängig, dann lassen wir unseren Geist einströmen in den Menschen und wir entwickeln im Grunde genommen das, was in uns ist, in dem werdenden Menschen. Aber ich will nicht einmal sprechen davon, daß wir unsere Wünsche und Begierden tätig sein lassen bei der Erziehung eines heranwachsenden Menschen, sondern nur davon, daß nur allzuoft, ja, daß es fast Regel ist, daß der Erzieher seinen Verstand sprechen läßt, daß der Erzieher seine Vernunft vor allen Dingen frägt, was zu geschehen hat behufs dieser oder jener Erziehungsmaßregel. Dabei berücksichtigt er nicht, daß er einen werdenden Geist vor sich hat, der nur dann sich seinem Wesen entsprechend bilden kann, wenn er sich diesem Wesen entsprechend allseitig frei und ungehindert entfalten kann, und wenn ihm von dem Erzieher Gelegenheit gegeben wird zu dieser Entfaltung. Einen fremden Menschengeist haben wir vor uns. Einen fremden Menschengeist müssen wir auf uns wirken lassen, wenn wir Erzieher sind. Wie wir gesehen haben, daß in der Hypnose, im abnormen Zustand der Geist unmittelbar auf den Menschen wirkt, so wirkt in einer anderen Gestalt, wenn wir das Kind vor uns haben, der sich entwickelnde Geist des Kindes unmittelbar auf uns und muß auf uns wirken. Dieser Geist wird aber nur von uns ausgebildet werden können, wenn wir uns, ebenso wie bei anderen höheren Verrichtungen, auszulöschen vermögen, wenn wir imstande sind, ohne Einmischung unseres Selbst, ein Diener des uns zur Erziehung anvertrauten Menschengeistes zu sein, wenn dieser Menschengeist von uns in die Gelegenheit versetzt wird, sich frei zu entfalten. Solange wir unsere eigensüchtigen Begriffe und Forderungen, die uns gemäß sind, dem Geist entgegenströmen lassen, solange wir unser Selbst mit seinen Charaktereigentümlichkeiten diesem Geist entgegenstellen, so lange sehen wir diesen Geist ebensowenig, wie.das Auge, das noch in Lust und Leid verwickelt ist, den Geist der Umwelt hellseherisch sieht.

[ 25 ] Yet, in a certain sense, the suppression of one’s own personality is also necessary for a single task that is of infinite importance to the most ordinary aspects of human life: the education of human beings. In every growing human being, from the child’s birth through the formative years, it is, after all, the spirit at the very core of the human being that is meant to develop; the spirit that initially lies hidden within the body, hidden within the soul’s stirrings of the developing human being. If we confront this spirit with our interests—I do not even want to say desires and cravings—if we make the growing human being dependent on our interests, then we allow our spirit to flow into the human being, and we are essentially developing within the growing human being what is within us. But I do not even wish to speak of the fact that we allow our wishes and desires to play an active role in the education of a growing human being, but only of the fact that all too often—indeed, that it is almost the rule—the educator lets his intellect speak, that the educator asks his reason above all else what must be done for the sake of this or that educational measure. In doing so, he fails to take into account that he has before him a developing spirit, which can only form itself in accordance with its nature if it can unfold freely and unhindered in every respect in accordance with that nature, and if the educator gives it the opportunity for this unfolding. We have before us a foreign human spirit. We must allow a foreign human spirit to act upon us when we are educators. Just as we have seen that in hypnosis, in an abnormal state, the spirit acts directly upon the human being, so too, in a different form, when we have the child before us, the child’s developing spirit acts directly upon us and must act upon us. However, this spirit can only be shaped by us if, just as in other higher tasks, we are able to efface ourselves; if we are capable of being a servant of the human spirit entrusted to us for education without the interference of our own self; if this human spirit is given the opportunity by us to unfold freely. As long as we allow our selfish concepts and demands, which suit us, to flow against the spirit, as long as we oppose this spirit with our ego and its character traits, we will see this spirit just as little as the eye, still entangled in pleasure and pain, sees the spirit of the environment clairvoyantly.

[ 26 ] Auf einer Alltagsstufe muß der Erzieher ein höheres Ideal erfüllen. Und er wird dieses Ideal erfüllen, wenn er das geheimnisvolle, aber doch offenbare Prinzip der völligen Selbstlosigkeit begreift und die Auslöschung des eigenen Selbst versteht. Diese Auslöschung des eigenen Selbst ist das Opfer, durch welches wir den Geist in unserer Umwelt vernehmen. Den Geist vernehmen wir in abnormen Zuständen, wenn wir auf abnorme Weise lust- und leidlos werden. Den Geist vernehmen wir hellsehend, wenn wir im normalen Zustande, bei vollem Tagesbewußtsein, lust- und leidlos werden. Und den Geist führen wir im richtigen Denken, wenn wir ihn selbstlos innerhalb der Erziehung führen. Dieses selbstlose Ideal, welches alltäglich von dem Erzieher angestrebt werden muß, kann nur als eine Gesinnung dem Erzieher voranleuchten. Aber gerade deshalb, weil auf diesem Gebiete eine unmittelbare Notwendigkeit unserer Kulturentwickelung vorliegt, weil auf diesem Gebiet eine wahre, selbstlose Gesinnung erzeugt werden muß im Sinne unserer Kultur, deshalb wird es vor allen Dingen das Gebiet der Erziehungsideale sein, wo Theosophie schöpferisch wird auftreten können, wo sie der Menschheit wird die schönsten Dienste leisten können. Wer die Hingabe an das theosophische Leben hat, wer allmählich lernt, die Sinne für den Geist zu erschließen durch die Entwickelung der Selbstlosigkeit, der wird die beste Grundlage für eine erzieherische Tätigkeit haben, und der wird an der Erziehungsaufgabe der Menschheit im theosophischen Sinne arbeiten. Das allein braucht der Erzieher vor allem zu beachten, Er braucht im übrigen nicht theosophische Dogmen, nicht theosophische Prinzipien bei jeder Gelegenheit zur Schau zu tragen. Auf Dogmen, Prinzipien und Lehren kommt es nicht an; auf das Leben kommt es an und auf die Umsetzung der Kräfte, welche aus der Selbstlosigkeit und dadurch aus der Wahrnehmungsfähigkeit für den Geist fließen. Darauf kommt es an und nicht darauf, daß der Erzieher die Lehren der Theosophie aufgenommen hat. Theosoph ist er dadurch, daß er in jedem sich heranentwikkelnden Menschenleben etwas wie Rätsel vor Augen sieht, das wie ein Wesen vor der Seele auftritt, das er als Geist zu entwickeln hat, indem er den Geist heranzubilden hat. Ein Rätsel der Natur, das er zu lösen hat, soll jedes werdende Menschenwesen dem Menschen sein, der Erzieher sein will. Ist er mit einer solchen Gesinnung Erzieher, dann ist der Erzieher im besten Sinne des Wortes Theosoph. Dadurch ist er es, daß er mit einer wahren, heiligen Scheu an jedes Menschenwesen, an jedes heranwachsende Menschenwesen herangeht und das Jesus-Wort versteht: «Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» Ihr habt es mir, dem Mensch gewordenen Gott getan, weil ihr in dem Geringsten meiner Brüder den göttlichen Geist erkannt und gepflegt habt.

[ 26 ] In everyday life, the educator must live up to a higher ideal. And he will fulfill this ideal when he grasps the mysterious yet manifest principle of complete selflessness and understands the extinction of the self. This extinction of the self is the sacrifice through which we perceive the Spirit in our environment. We perceive the Spirit in abnormal states when we become free of pleasure and pain in an abnormal way. We perceive the Spirit clairvoyantly when, in a normal state and with full daytime consciousness, we become free of pleasure and pain. And we guide the Spirit through right thinking when we guide it selflessly within the educational process. This selfless ideal, which the educator must strive for daily, can only shine before the educator as a disposition. But precisely because there is an immediate necessity for our cultural development in this area, because a true, selfless attitude must be fostered here in the spirit of our culture, it will be above all the realm of educational ideals where Theosophy will be able to act creatively, where it will be able to render the finest services to humanity. Whoever is devoted to the theosophical life, whoever gradually learns to open the senses to the spirit through the development of selflessness, will have the best foundation for educational work, and will work on the educational task of humanity in the theosophical sense. That alone is what the educator must keep in mind above all else; he does not, for the rest, need to display theosophical dogmas or theosophical principles at every opportunity. Dogmas, principles, and teachings are not what matter; what matters is life itself and the application of the powers that flow from selflessness and, through that, from the ability to perceive the spirit. That is what matters, and not whether the educator has adopted the teachings of Theosophy. He is a Theosophist by virtue of the fact that in every human life in the process of development he sees something like a riddle before his eyes, which appears before the soul as a being that he must develop as spirit by nurturing the spirit. Every human being in the making should be a riddle of nature for the person who wishes to be an educator—a riddle he must solve. If he is an educator with such a mindset, then the educator is a theosophist in the best sense of the word. This is what makes him so: that he approaches every human being, every growing human being, with a true, sacred reverence, and understands the words of Jesus: “Whatever you did for one of the least of these brothers and sisters of mine, you did for me.” You did it for me, God made man, because you recognized and nurtured the divine spirit in the least of my brothers and sisters.

[ 27 ] Wer sich mit einer solchen Gesinnung durchdringt, der steht als Mensch Menschen ganz anders gegenüber. Er sieht im Geringsten seiner Brüder den Gottesgeist, den sich entwickelnden Geist. Und dasjenige, was in ihm lebt im Verhältnis zu seinen Mitmenschen, das wird ihn in einem ganz anderen Sinne mit Ernst und Würde, mit Scheu und Ehrfurcht, mit Achtung erfüllen, wenn er in dieser Art jeden Menschen betrachtet als ein Rätsel der Natur, als ein heiliges Rätsel der Natur, dem er sich nicht aufzudrängen hat, das er höchstens zu lösen hat, und mit dem er sich in ein Verhältnis zu setzen hat, daß aus diesem Ernst die Ehrfurcht, die Achtung des göttlichen Geisteskerns in jedem Menschen entspringen könnte. Steht der Mensch so innerhalb seiner Brüder, dann ist er auf dem Wege, mag er vom Ziele noch so weit entfernt sein. Das Ziel, das wir uns so setzen, steht in unendlicher Ferne vor uns. Er ist auf dem Wege, den die theosophische Ethik mit den schönen, monumentalen Worten andeutet:

[ 27 ] Anyone who imbued with such a mindset approaches other people in a completely different way. He sees in the humblest of his brothers the Spirit of God, the evolving spirit. And that which lives within him in relation to his fellow human beings will fill him, in a wholly different sense, with solemnity and dignity, with reverence and awe, with respect, when he regards every human being in this way as a mystery of nature, as a sacred mystery of nature, which he must not impose upon, but which he must at most solve, and with which he must establish a relationship such that from this seriousness reverence and respect for the divine spiritual core in every human being might spring forth. If a person stands thus among his brothers, then he is on the path, however far he may still be from the goal. The goal we thus set for ourselves lies in infinite distance before us. He is on the path that theosophical ethics suggests with the beautiful, monumental words:

Bevor das Auge sehen kann,
Muß es der Tränen sich entwöhnen.
Bevor das Ohr vermag zu hören,
Muß die Empfindlichkeit ihm schwinden ...

Before the eye can see,
It must wean itself from tears.
Before the ear can hear,
Its sensitivity must fade ...