Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
8 March 1904, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
15. Was Findet der heutige Mensch in der Theosophie?
15. What Does Modern Man Find in Theosophy?
[ 1 ] Die theosophische Weltanschauung ist für diejenigen, welche eine festere Begründung ihrer Begriffe und ihrer Vorstellungen in bezug auf die übersinnliche Welt gebrauchen, und für diejenigen, die nach einer solchen tieferen Begründung des Wissens über Seele und Geist streben. Derer sind ja wahrhaftig in unserer Zeit nicht so wenig. Wir sehen, daß die Kulturwissenschaft seit langem bestrebt ist, den Ursprung der Religionen zu erforschen. Den Ursprung der Religionen sucht die Kulturwissenschaft bei primitiven Völkerschaften, bei den sogenannten Urvölkern, um zu erkennen, wie sich die religiösen Vorstellungen im Laufe der Zeit gebildet haben, und in diesen religiösen Vorstellungen ist ja im Grunde genommen dasjenige enthalten, was sich in den verschiedenen Epochen der Mensch für Vorstellungen, für Ideen über die übersinnliche, seelische und geistige Welt gemacht hat. Da sehen wir, wie auf der einen Seite die Forscher bestrebt sind, alle Religionen zurückzuführen auf eine im einfachen, kindlichen, naiven Menschen entstehende Naturverehrung. Auf der anderen Seite sehen wir andere Forscher den Ursprung der Religionen darauf zurückzuführen, daß der einfache, naive Mensch sieht, wie sein Mitmensch aufhört zu leben, wie er aufhört zu atmen, wie der Tod über ihn kommt, und wie er sich nicht denken kann, daß nichts mehr bleiben soll; wie er von seinen verschiedenen Erfahrungen, die ja der primitive Mensch in höherem Maße als der Kulturmensch von der übersinnlichen Welt hat, von seinen Traumerlebnissen und von spirituellen Erlebnissen sich die Vorstellung bildet, daß der Ahne, der Vorfahre, der dahingestorben ist, eigentlich noch da ist, daß er wirksam sei als Seele, beschützend seine Hand ausbreite und dergleichen mehr. Auf den Ahnenkultus, auf den Seelenkultus wird also von einigen Forschern der Ursprung der Religionen zurückgeführt, Wir könnten noch eine ganze Reihe anderer derartiger Forschungen anführen, welche belehren sollen darüber, wie die Religion in die Welt gekommen ist. Dadurch sucht der Mensch heute eine feste Stütze für die Frage: Sind auch unsere Vorstellungen über ein Leben nach dem Tode, über ein jenseitiges Reich, das nicht innerhalb der Sinnenwelt beschlossen ist, sind unsere Vorstellungen über ein ewiges Leben fest begründet? Und wie kommt der Mensch zu solchen Vorstellungen? — Das ist die eine Art, wie heute der Mensch versucht, diese Vorstellungen vom Übersinnlichen zu begründen.
[ 1 ] The theosophical worldview is intended for those who need a more solid foundation for their concepts and ideas regarding the supersensible world, and for those who seek such a deeper foundation for their knowledge of the soul and spirit. Indeed, there are quite a few such people in our time. We see that cultural science has long sought to explore the origins of religions. Cultural studies seeks the origins of religions among primitive peoples, among the so-called indigenous peoples, in order to understand how religious concepts have developed over time; and these religious concepts essentially contain what humanity has conceived of as ideas and notions about the supersensible, soul, and spiritual worlds throughout the various epochs. Here we see how, on the one hand, researchers strive to trace all religions back to a worship of nature arising in simple, childlike, naive human beings. On the other hand, we see other researchers attributing the origin of religions to the fact that the simple, naive human being sees how his fellow human being ceases to live, how he ceases to breathe, how death comes upon him, and how he cannot conceive that nothing should remain; how, from his various experiences—which the primitive human being has to a greater degree than the civilized human being from the supersensible world—from his dream experiences and spiritual experiences, he forms the idea that the ancestor who has died is actually still there, that he is active as a soul, spreading out his hand in protection, and so on. Some researchers thus trace the origin of religions back to ancestor worship and soul worship. We could cite a whole series of other such studies intended to explain how religion came into the world. Through this, people today seek a firm foundation for the question: Are our conceptions of life after death, of a realm beyond the sensory world, and of eternal life firmly grounded? And how do people arrive at such conceptions? — This is one way in which people today attempt to ground these conceptions of the supernatural.
[ 2 ] Nicht in gleicher Weise ist die theosophische Weltanschauung bestrebt, diese Begründung der gegenwärtigen Menschheit zu bieten. Kommt die Kulturforschung auf die Erfahrung des primitiven, einfachen, naiven, kindlichen Menschen zurück, so fragt die theosophische Weltanschauung vielmehr nach der religiösen Erfahrung des vollkommensten Menschen, desjenigen, der zu einer höheren Stufe in der geistigen Anschauung gekommen ist, was der als seine Anschauung, als seine Erfahrungen, als seine Erlebnisse über die übersinnliche Welt entwickeln kann. Dasjenige, was der Mensch, der sein Innenleben entwickelt hat, der gewisse Kräfte, gewisse Fähigkeiten, die dem heutigen Durchschnittsmenschen noch nicht zugänglich sind, erworben hat, was ein solcher Mensch imstande ist zu erfahren über die höhere Welt, das wird zur Grundlage dessen gemacht, was die theosophische Weltanschauung zur Begründung ihrer Anschauung beitragen will. Die Erfahrung, die über die sinnliche hinausgeht, die sich auf die sogenannte Selbsterkenntnis der Seele und des Geistes stützt, diese höhere Erfahrung ist es, welche der theosophischen Weltanschauung zugrunde liegt. Was ist diese höhere Erfahrung? Was heißt es, über die geistige und seelische Welt etwas zu erfahren? Das wird sogar von einem großen Teile der gegenwärtigen Menschheit einigermaßen schwer zu begreifen sein. Das war in früheren Zeiten nicht so. Heute aber ist der Mensch mit seinen Erfahrungen hingezogen zu dem, was wir die sinnliche Welt nennen, die Welt der äußeren Erscheinungen. In dieser Welt der äußeren Erscheinungen ist der heutige Mensch heimisch. Er fragt, wie sieht dies fürs Auge aus, wie nimmt sich jenes für die tastende Hand aus, wie kann man dies oder jenes mit dem Verstande begreifen. Er sieht nur die Welt der äußeren Erscheinungen. So liegt vor ihm aufgeschlossen diese Welt der sinnlichen Erfahrungen.
[ 2 ] The theosophical worldview does not seek to offer this explanation to present-day humanity in the same way. While cultural research looks to the experience of the primitive, simple, naive, childlike human being, the theosophical worldview instead inquires into the religious experience of the most perfect human being—that is, the one who has reached a higher stage of spiritual perception—and what such a person can develop as their perception, their experiences, and their insights into the supersensible world. That which the human being who has developed his inner life, who has acquired certain powers and abilities not yet accessible to the average person of today, is capable of experiencing regarding the higher world—this is made the foundation of what the theosophical worldview seeks to contribute as the basis for its perspective. The experience that goes beyond the sensory, that is based on the so-called self-knowledge of the soul and the spirit—it is this higher experience that underlies the theosophical worldview. What is this higher experience? What does it mean to experience something of the spiritual and soul world? This will be somewhat difficult for a large part of present-day humanity to grasp. That was not the case in earlier times. Today, however, human beings, with their experiences, are drawn to what we call the sensory world, the world of external appearances. In this world of external appearances, modern human beings feel at home. They ask: How does this look to the eye? How does that feel to the touching hand? How can one grasp this or that with the intellect? They see only the world of external appearances. Thus this world of sensory experiences lies open before them.
[ 3 ] Sehen wir uns einmal an, was uns diese sinnliche Erfahrung geben kann. Wir wollen uns klarwerden, wie uns diese sinnliche Erfahrung entgegentritt. Betrachten wir irgend etwas, was diesen äußeren Erscheinungen angehört. Betrachten wir irgendein Wesen, irgendein Ding der Welt. Wir können an all diesen Dingen der Welt nachweisen, daß sie einmal entstanden sind; sie haben sich gebildet und waren einmal nicht da. Sie sind entweder von der Natur oder von Menschenhand aufgebaut, und nach einiger Zeit werden sie verschwunden sein. Das ist die Eigenschaft aller Dinge, welche der äußeren Erfahrung angehören, daß sie entstehen und vergehen. Das können wir nicht nur von den leblosen Dingen sagen, das können wir auch von allen lebendigen Dingen sagen, ja vom Menschen selbst. Er entsteht und vergeht, wenn wir ihn als äußere Erscheinung betrachten. Dasselbe können wir sagen von ganzen Völkerschaften. Man braucht nur einen kurzen Blick auf die Weltgeschichte zu werfen und man wird sehen, wie Völkerschaften, die durch Jahrhunderte tonangebend gewesen sind, große, gewaltige Taten verrichtet haben, wie auch sie aus der Weltgeschichte verschwunden sind, zum Beispiel die Ostund Westgoten. Und gehen wir von da aus zu den Erscheinungen über, die man als menschliche Schöpfungen bezeichnet, zu demjenigen, was als Höchstes, als Herrlichstes im Gebiete der menschlichen Leistungen empfunden wird. Betrachten wir ein Werk Michelangelos oder eines Raffael, oder wir können irgend etwas anderes, ein bedeutendes Werk der Technik betrachten, so werden Sie sich sagen müssen: Jahrhunderte oder Jahrtausende hält ein solches Werk; und mögen sich menschliche Augen befriedigt fühlen beim Anblick der Werke eines Raffael oder Michelangelo, mögen menschliche Herzen entzückt sein beim Anblick solcher Werke — aber Sie können sich des Gedankens nicht verschließen, daß das, was hier in der äußeren Erscheinung erschlossen ist, einmal zugrunde geht und im Staub verschwindet. Nichts bleibt von dem, was äußere Erscheinung genannt werden soll. Ja, wir können noch weiter gehen. Heute lehrt uns die Naturwissenschaft, daß unsere Erde, daß unsere Sonne an einem bestimmten Punkte der Weltenentwickelung entstanden ist, und der Physiker behauptet bereits, daß man fast ausrechnen kann, wann jener Zeitpunkt eingetreten sein muß, an dem unsere Erde am Ende ihrer Entwickelung angelangt ist, an dem sie in einen Zustand von Starrheit verfällt, so daß sie sich unmöglich weiter entwickeln kann. Dann ist das Ende in der äußeren Erscheinung eingetreten. Dann wird alles dasjenige, was sinnlich wahrnehmbar gelebt hat, was jedenfalls gewirkt und geschafft hat, das wird verschwunden sein. Und so können Sie das ganze Reich dessen, was man äußere Gestalten, was man äußere Erscheinungen, Formen nennt, verfolgen — Sie werden überall in dieser Welt finden: Entstehen und Vergehen; oder wenn wir in das Reich des Lebendigen hinaufkommen, so nennen wir Entstehen und Vergehen: Geburt und Tod. Geburt und Tod herrschen im Reiche der Gestalten oder Formen, in jenem Reiche, das der sinnlichen Erfahrung zugänglich ist.
[ 3 ] Let us consider what this sensory experience can offer us. Let us clarify how this sensory experience presents itself to us. Let us consider something that belongs to these external phenomena. Let us consider any being, any object in the world. We can demonstrate with regard to all these things in the world that they once came into being; they were formed and were not there at one time. They are either created by nature or by human hands, and after some time they will have disappeared. This is the characteristic of all things that belong to external experience: that they arise and pass away. We can say this not only of inanimate things, but also of all living things, indeed of human beings themselves. They come into being and pass away when we regard them as external phenomena. We can say the same of entire peoples. One need only cast a brief glance at world history to see how peoples who have set the tone for centuries, who have accomplished great and mighty deeds, have also vanished from world history—for example, the Ostrogoths and Visigoths. And let us move from there to the phenomena we call human creations, to that which is perceived as the highest, the most magnificent in the realm of human achievement. If we consider a work by Michelangelo or Raphael, or if we look at something else—a significant work of technology—you will have to say to yourself: Such a work lasts for centuries or millennia; and while human eyes may feel satisfied at the sight of the works of Raphael or Michelangelo, and human hearts may be delighted at the sight of such works—you cannot shut out the thought that what is revealed here in its outward appearance will one day perish and vanish into dust. Nothing remains of what is called outward appearance. Yes, we can go even further. Today, natural science teaches us that our Earth, that our Sun, came into being at a specific point in the development of the world, and physicists already claim that one can almost calculate when that point must have occurred at which our Earth has reached the end of its development, at which it falls into a state of rigidity, so that it can no longer possibly develop further. Then the end has come in the outer appearance. Then everything that has lived as a sensory perception, that has in any case acted and created, will have disappeared. And so you can trace the entire realm of what is called outer forms, what is called outer appearances—you will find everywhere in this world: arising and passing away; or when we ascend into the realm of the living, we call arising and passing away: birth and death. Birth and death reign in the realm of figures or forms, in that realm which is accessible to sensory experience.
[ 4 ] Wir fragen uns: Ist dieses Reich das einzige, das uns vorliegt? Wir fragen uns, ist das Reich, in dem Geburt und Tod unaufhörlich herrschen, das einzige, das den Menschen zugänglich ist? Für denjenigen, der nur die sinnliche Anschauung gelten läßt, der nichts wissen will von Selbsterkenntnis des Geistes, von Fähigkeiten, die hinausgehen können über die bloße Gestaltenbetrachtung, über die Betrachtung der äußeren Erscheinungen, für denjenigen mag es wohl so erscheinen, als ob alles im Aufundabfluten, im Entstehen und Vergehen, Geburt und Tod sei. Man kann auch nicht durch dasselbe Natur- und Geistbetrachten zu einer höheren Anschauung kommen, durch das man die äußere Erfahrung gewinnt. Man kann nicht auf dieselbe Weise, durch die Sinne, hinauskommen über Geburt und Tod. Dazu bedarf es der Vertiefung in höhere geistige Fähigkeiten; nicht in abnorme geistige Fähigkeiten, die nur besondere Menschen haben, nein, nur der Vertiefung in jene Seelenkräfte, die sozusagen beschlossen liegen unter der äußeren oberflächlichen Schicht. Wenn jemand sich in jene Seelenregion versetzt, dann wird er imstande sein, durch sinnige, tiefergehende Betrachtung, eine andere Anschauung zu gewinnen über die Dinge und Wesenheiten. Betrachten Sie das einfachste: das Pflanzenleben. Da sehen Sie ewig Geburt und Tod wechseln. Sie sehen eine Lilie aus dem Keim entstehen und sehen die Lilie wieder verschwinden, nachdem sie einige Zeit das Auge entzückt und das Herz erfreut hat. Wenn Sie nicht mehr mit dem Auge des Leibes, sondern mit dem Auge des Geistes sehen, dann sehen Sie noch mehr. Sie sehen, daß die Lilie sich aus dem Keim entwickelt, daß sie nach der Stufe der Entwickelung wiederum zum Keim wird, und daß dann eine neue Lilie entsteht, die wiederum einen Keim treibt. Betrachten Sie ein Samenkörnchen; da sehen Sie, wie in dieser Welt Gestalt entsteht und Gestalt vergeht, aber wie jede Gestalt bereits wiederum den Samen und den Keim zu einer neuen Gestalt enthält. Das ist die Natur des Lebendigen; das ist die Natur dessen, was man Kraft nennt, was hinausgeht über die bloße Form und die bloße Gestalt.
[ 4 ] We ask ourselves: Is this realm the only one available to us? We ask ourselves: Is the realm in which birth and death reign ceaselessly the only one accessible to human beings? For those who accept only sensory perception, who want nothing to do with self-knowledge of the spirit, with abilities that can go beyond the mere observation of forms, beyond the observation of external phenomena—for such people, it may well seem as though everything is in a state of ebb and flow, of arising and passing away, of birth and death. Nor can one arrive at a higher perspective by observing nature and the spirit in the same way that one gains external experience. One cannot transcend birth and death in the same way, through the senses. This requires immersion in higher spiritual faculties; not in abnormal spiritual faculties that only certain people possess, no, but only immersion in those soul forces that lie, so to speak, hidden beneath the outer, superficial layer. When someone enters that region of the soul, they will be able, through meaningful, deeper contemplation, to gain a different perspective on things and beings. Consider the simplest example: plant life. There you see birth and death eternally alternating. You see a lily emerge from the seed and then see the lily disappear again after it has delighted the eye and gladdened the heart for a time. When you no longer see with the eye of the body but with the eye of the spirit, then you see even more. You see that the lily develops from the seed, that after the stage of development it becomes a seed again, and that then a new lily arises, which in turn sprouts a seed. Consider a single seed; there you see how form arises and passes away in this world, but how every form already contains within itself the seed and the sprout for a new form. That is the nature of the living; that is the nature of what is called power, which goes beyond mere form and mere shape.
[ 5 ] Da kommen wir in ein neues Reich, das wir nur mit den Augen des Geistes sehen können, das für das Auge des Geistes ebenso gewiß und wahrhaftig ist wie die äußere Form für das leibliche Auge. Die Formen entstehen und vergehen; was aber immer und immer wieder erscheint, was mit jeder neuen Gestalt immer wieder da ist, das ist das Leben selbst. Denn Leben können Sie mit keiner Naturwissenschaft, mit keiner äußeren Anschauung irgendwie verstandesmäßig fassen. Sie können es aber durch Anschauung des Geistes fließen sehen durch die entstehenden und vergehenden Gestalten hindurch. Welches ist der Charakter des Lebens? Es erscheint immer wieder. So wie Geburt und Tod die Eigenschaften der äußeren Erscheinungen, der Formen ist, so ist Wiedergeburt, fortwährende Erneuerung, die Eigenschaft des Lebens. Die Gestalt, die wir als lebendig bezeichnen, hat in sich eingeschlossen die Kraft, dieselbe Kraft, welche imstande ist, eine neue Gestalt in neuer Geburt anstelle der alten entstehen zu lassen. Wiedergeburt und abermals Wiedergeburt ist das Wesen, das Charakteristische im Reiche der Lebendigen, wie Geburt und Tod das Charakteristische im Reiche der Formen, der äußeren Gestalten ist. Und wenn wir hinaufsteigen zum Menschen, wenn der Mensch sich selbst betrachtet, einen Blick tut in seine Seele, dann wird er finden, daß in ihm etwas vorhanden ist, das eine höhere Stufe darstellt als das Leben, das wir bei der Pflanze verfolgt haben; daß dieses Leben aber dieselbe Eigenschaft haben muß wie das Leben in der Pflanze, das von Gestalt zu Gestalt hineilt.
[ 5 ] Here we enter a new realm that we can see only with the eyes of the spirit, a realm that is just as certain and real to the eye of the spirit as the external form is to the physical eye. Forms arise and pass away; but what appears again and again, what is always present with every new form, that is life itself. For you cannot grasp life intellectually through any natural science or through any external observation. But you can see it flowing through the arising and passing forms by means of spiritual perception. What is the nature of life? It appears again and again. Just as birth and death are the characteristics of external phenomena, of forms, so is rebirth, continual renewal, the characteristic of life. The form we call living contains within itself the power—the very same power—that is capable of bringing a new form into being in a new birth in place of the old. Rebirth and rebirth again is the essence, the defining characteristic of the realm of the living, just as birth and death are the defining characteristics of the realm of forms, of external figures. And when we ascend to the human being, when the human being contemplates himself, casts a glance into his soul, then he will find that there is something within him that represents a higher stage than the life we have observed in the plant; but that this life must possess the same quality as the life in the plant, which rushes from form to form.
[ 6 ] Wir haben gesagt, die Kraft sei es, welche die neue Gestalt wiedergebären läßt aus der alten. Sehen Sie das Samenkörnchen an; es ist unscheinbar in seiner äußeren Erscheinung. Was Sie aber nicht sehen können, das ist die Kraft, und diese Kraft, nicht die äußere Erscheinung, ist der Schöpfer der neuen Pflanze. Aus dem unscheinbaren Samenkorn geht die neue Lilie hervor, weil im Samenkorn die Kraft zur neuen Lilie schlummert. Wenn Sie ein Samenkorn ansehen, dann sehen Sie für die äußere Anschauung etwas Unscheinbares, und aus der Art und Weise, wie es das Leben geformt hat, können Sie sich eine Vorstellung machen von der Kraft. Wenn Sie aber in Ihre eigene Seele sehen, dann können Sie die Kraft, durch welche diese Seele wirkt, durch welche diese Seele in der Welt der Formen sich betätigt, sehen, dann können Sie die Kraft in sich selbst mit den Augen des Geistes wahrnehmen.
[ 6 ] We have said that it is the power that brings the new form into being from the old. Look at the tiny seed; it is unremarkable in its outward appearance. But what you cannot see is the power, and this power—not the outward appearance—is the creator of the new plant. From the inconspicuous seed emerges the new lily, because within the seed lies the power for the new lily. When you look at a seed, you see something inconspicuous to the outer eye, and from the way life has shaped it, you can form an idea of the power. But when you look into your own soul, you can see the power through which this soul acts, through which this soul is active in the world of forms; then you can perceive the power within yourself with the eyes of the spirit.
[ 7 ] Welches sind die Kräfte der Seele? Diese Kräfte, die durchaus sich nicht vergleichen lassen mit anderen Kräften, sondern auf höherer Stufe stehen, und nicht wesensgleich sind mit der sprossenden Lebenskraft der Pflanze, diese Kräfte sind — um in großen Zügen all das, was wir Seelenleben nennen, zusammenzufassen —: Sympathie und Antipathie. Dadurch betätigt sich die Seele im Leben und verrichtet Handlungen. Warum vollziehe ich eine Handlung? Weil mich irgendeine in meiner Seele befindliche Sympathie treibt. Und warum fühle ich Abscheu? Weil ich eine Kraft in mir fühle, die man als Antipathie bezeichnen kann. Versuchen Sie es, durch innere Anschauung dies fortwährend wogende Leben der Seele zu begreifen, so werden Sie diese zwei Kräfte in der Seele immer und immer wieder finden und können sie auf Sympathie und Antipathie zurückführen. Solches muß den sinnigen Seelenbetrachter dazu führen, zu fragen: Wie verhält es sich eigentlich mit dem? Was müssen da in der Seele für Kräfte walten? — Wenn Sie fragen: Woraus ist die Lilie entstanden — und würden sagen: Diese Lilie ist aus dem Nichts entstanden —, dann stellte man sich nicht vor, daß sie aus dem Samenkorn entstanden ist, in welches schon die Kraft gelegt war von der vorhanden gewesenen Pflanze; dann setzte man nicht voraus, daß aus dem Samenkorn eine neue Gestalt entstehen konnte. Die neue Gestalt verdankt ihr Dasein der alten, abgestorbenen, vergangenen Gestalt, welche nichts zurückgelassen hat als die Kraft zur Entstehung einer neuen. Wie wir es niemals begreifen, wie eine Lilie entsteht, wenn nicht eine andere Lilie die Kräfte hätte frei werden lassen zum Entstehen einer neuen, ebensowenig können wir begreifen, wie das Aufundabwogen des Seelenlebens, das sich aus Sympathie und Antipathie zusammensetzt, da sein könnte, wenn wir dies nicht auf den Ursprung hin verfolgen wollten. Ebenso wie wir uns klar sein müssen über die Frage, daß jede Pflanze in ihrer Gestalt auf eine vorhergehende zurückgeführt werden muß, ebenso müssen wir uns klar sein, daß die Kraft nicht aus dem Nichts entstanden sein kann. Und ebensowenig wie die Kraft der Lilie in nichts verschwinden kann, ebensowenig kann die Kraft der Seele in nichts verschwinden. Sie muß ihre Wirkung, ihre weitere Gestaltung in der äußeren Wirklichkeit finden. Wiedergeburt finden wir im Reiche des Lebendigen, finden wir auch bei einer innigen Seelenbetrachtung im Reiche des Seelischen. Wir brauchen uns nur diese Gedanken in der rechten Weise vorzuhalten. Wir brauchen uns nur jene unendliche Konsequenz vorzustellen, und wir werden von dem Gedanken der Wiedergeburt leicht übergehen können zu der Kraft, die die Seele beleben muß, ohne die die Seele gar nicht gedacht werden kann, wenn man sich nicht vorstellen will, daß eine Seele aus dem Nichts entstanden sein soll und in nichts verschwinden soll. Damit kommen wir auch im seelischen Leben zur Wiedergeburt, und wir brauchen uns nur zu fragen: Wie muß die Wiedergeburt im seelischen Leben beschaffen sein? — Hier handelt es sich darum, daß man sich nicht an die sinnliche Anschauung hält, sondern daß man in sich die Anschauung des geistigen Lebens entwikkelt, um den ewigen Wandel der Gestalten im Zusammenhang mit dem gleichbleibenden Leben zu erfassen. Da brauchen Sie nur einen großen deutschen Geist recht auf sich wirken zu lassen, dann werden Sie eine Vorstellung bekommen, wie man mit dem Auge des Geistes das von Gestalt zu Gestalt fließende Leben betrachten kann. Da brauchen Sie nur Goethes naturwissenschaftliche Schriften, die so anmutig geschrieben sind, in die Hand zu nehmen, wo Sie in lebensvoller Weise, mit dem Auge des Geistes gesehen, Betrachtungen des Lebens haben, und Sie werden sehen, wie man das Leben betrachten muß. Und wenn man diese Betrachtungen überträgt auf die Anschauung des Seelenlebens, dann kommt man dazu zu sagen, daß unsere Sympathien und Antipathien entwickelt sind, daß sie hervorgegangen sind aus einem Keim, so wie die Pflanze aus einem Keim in bezug auf ihre Gestalt hervorgegangen ist. Das ist die erste primitive Vorstellung, die einem Hauptgedanken der theosophischen Weltanschauung zugrunde liegt, dem Gedanken der Wiederverkörperung des seelischen Lebens. Was wir uns fragen vom Standpunkt des sinnigen Nachdenkens, ist: Wie sollen wir uns das komplizierte Seelenleben vorstellen, wenn wir nicht an die Wiederverkörperung der Seele glauben wollen? — Man kann einwenden: Jawohl, es wäre ein seelisches Wunder, es wäre ein seelischer Aberglaube, wenn ich zugeben sollte, daß das in mir vorhandene Seelenleben auf einmal entstanden sein soll, und daß es auch seine Wirkung haben müsse. — Man könnte einwenden: Ja, aber die vorhergehende Gestalt der Seele braucht nicht auf unserer Erde gewesen zu sein, und ihre Wirkung braucht auch nicht irgendwie auf dieser Erde zu sein. — Doch auch da können Sie über die scheinbare Klippe mit ein wenig sinnigem Nachdenken wegkommen. Die Seele tritt in die Welt; die Seele hat eine Summe von Anlagen, diese sind entwickelt und sind nicht aus dem Nichts entstanden. So wenig ist Seelisches aus Körperlichem, so wenig ist Seelisches aus Materiellem entstanden, wie ein Regenwurm aus Schlamm entstanden sein kann. So wie das Leben nur aus Lebendigem, so kann die Seele nur aus Seelischem entstanden sein. Der Ursprung der Seele kann auch nicht woanders liegen als auf unserer Erde. Denn wenn die Fähigkeiten von fernen Welten herrührten, dann würden sie nicht hineinpassen in unsere Welt, dann wäre die Seele nicht angepaßt dem Leben der Erscheinungswelt. So wie jegliches Wesen an seine Umgebung angepaßt ist, so ist die Seele in ihrem Entstehen unmittelbar ihrer Umgebung angepaßt. Daher müssen Sie die Vorbedingungen für das gegenwärtige Seelenleben zunächst nicht irgendwo in einer unbekannten Welt suchen, sondern in dieser Welt. Damit haben wir den Gedanken der Wiederverkörperung gefaßt.
[ 7 ] What are the powers of the soul? These powers, which cannot be compared to other forces but stand on a higher level, and are not of the same nature as the sprouting life force of a plant—to summarize, in broad terms, all that we call the life of the soul—are: sympathy and antipathy. Through these, the soul acts in life and performs deeds. Why do I perform an action? Because some sympathy within my soul drives me. And why do I feel aversion? Because I feel a force within me that can be called antipathy. If you try to grasp this ceaselessly surging life of the soul through inner contemplation, you will find these two forces in the soul time and again and can trace them back to sympathy and antipathy. This must lead the discerning observer of the soul to ask: What is actually the nature of this? What forces must be at work in the soul? — If you ask: From what did the lily arise — and were to say: This lily arose from nothing —, then one would not imagine that it arose from the seed, in which the power of the former plant was already contained; then one would not assume that a new form could arise from the seed. The new form owes its existence to the old, dead, past form, which left behind nothing but the power for the emergence of a new one. Just as we can never comprehend how a lily comes into being unless another lily had released the forces necessary for the emergence of a new one, so too can we not comprehend how the ebb and flow of the soul’s life—composed of sympathy and antipathy—could exist if we did not trace it back to its origin. Just as we must be clear about the fact that every plant in its form must be traced back to a preceding one, so too must we be clear that the force cannot have arisen out of nothing. And just as the force of the lily cannot vanish into nothing, so too the force of the soul cannot vanish into nothing. It must find its effect, its further form, in external reality. We find rebirth in the realm of the living; we also find it in the realm of the soul through deep soul-contemplation. We need only keep these thoughts in mind in the right way. We need only imagine that infinite consistency, and we will easily be able to move from the idea of rebirth to the power that must animate the soul—without which the soul cannot even be conceived, unless one wishes to imagine that a soul should have arisen from nothing and should vanish into nothing. Thus we also come to rebirth in the spiritual life, and we need only ask ourselves: What must rebirth in the spiritual life be like? — The point here is not to cling to sensory perception, but to develop within oneself a perception of spiritual life in order to grasp the eternal transformation of forms in connection with the unchanging life. All you need to do is allow a great German mind to truly take effect upon you, and then you will gain an idea of how one can observe, with the eye of the spirit, the life flowing from form to form. You need only take up Goethe’s scientific writings, which are so gracefully written, where you find observations on life presented in a vivid manner, seen through the eye of the spirit, and you will see how one must view life. And when one applies these observations to the view of the life of the soul, one comes to say that our sympathies and antipathies are developed, that they have emerged from a seed, just as the plant has emerged from a seed in terms of its form. This is the first primitive conception underlying a central idea of the theosophical worldview: the idea of the reincarnation of the soul life. What we ask ourselves from the standpoint of rational reflection is: How are we to conceive of the complex soul life if we do not wish to believe in the reincarnation of the soul? — One might object: Indeed, it would be a spiritual miracle, it would be spiritual superstition, if I were to admit that the soul life existing within me is supposed to have arisen all at once, and that it must also have its effect. — One might object: Yes, but the soul’s previous form need not have been on our Earth, and its effect need not be on this Earth in any way. — Yet even there, with a little thoughtful reflection, you can navigate past the apparent obstacle. The soul enters the world; the soul possesses a sum of predispositions, which are developed and did not arise out of nothing. Just as little as the spiritual arises from the physical, so little does the spiritual arise from the material, just as an earthworm cannot have arisen from mud. Just as life can only arise from the living, so the soul can only have arisen from the spiritual. Nor can the origin of the soul lie anywhere other than on our Earth. For if these capacities originated from distant worlds, they would not fit into our world; the soul would not be adapted to life in the phenomenal world. Just as every being is adapted to its environment, so is the soul, in its origin, directly adapted to its environment. Therefore, you need not initially seek the preconditions for present-day soul life somewhere in an unknown world, but rather in this world. With this, we have grasped the concept of reincarnation.
[ 8 ] So kann jeder, wenn er sich nur wirklich vertiefen will, durch reines, sinniges Nachdenken zu dem Gedanken der Wiederverkörperung der Seele kommen. Das, sehen Sie, ist es, was all die hervorragenden Geister, die die lebendige Natur zu erfassen verstanden, zu dem Gedanken der Seelenwanderung in diesem Sinne, gezwungen hat, in dem Sinne einer Seelenwanderung von Form zu Form, einer Seelenwanderung, die wir als Wiedergeburt, Reinkarnation oder Wiederverkörperung bezeichnen.
[ 8 ] Thus, anyone who is truly willing to delve deeply into the matter can arrive at the idea of the reincarnation of the soul through pure, meaningful reflection. That, you see, is what compelled all the outstanding minds who understood how to grasp living nature to the idea of the transmigration of souls in this sense—in the sense of a transmigration of souls from form to form, a transmigration of souls that we call rebirth, reincarnation, or re-embodiment.
[ 9 ] Ich will noch verweisen auf einen der hervorragendsten Geister der neueren Zeit, auf Giordano Bruno, der mit seiner Menschenbetrachtung die Wiederverkörperung des Seelischen als sein Glaubensbekenntnis ausgesprochen hat. Bruno hat den Märtyrertod erlitten dafür, daß er zuerst dem Vater der modernen Naturwissenschaft, Kopernikus, offen zustimmte. So werden Sie zugeben, daß er die äußere Gestalt in ihrer sinnlichen Erscheinung zu beurteilen verstand. Er verstand aber noch mehr. Er verstand, das von Gestalt zu Gestalt fließende Leben zu betrachten, und damit wurde er von selbst zur Wiederverkörperung geführt. — Und gehen wir weiter, so finden wir bei Lessing in der «Erziehung des Menschengeschlechts» diese Lehre von der Wiederverkörperung dargestellt. Auch bei Herder finden wir sie berührt. Wir finden sie endlich in mancherlei Gestalt bei Goethe angedeutet, wenn Goethe sich auch in seiner vorsichtigen Art nicht sehr deutlich ausgesprochen hat, Jean Paul und unzählige andere könnten noch angeführt werden. Was die modernen Geister, von denen unser ganzes Kulturleben abhängt, die auch die wichtigsten Vorstellungen beeinflußt haben, was diese Geister dazu geführt hat, das ist nicht nur das Bestreben, den Menschen zu befriedigen, sondern weil durch diese Lehre vor allem allein eine Vorstellung geschaffen ist, die die Welterklärung möglich macht. Die Seele ist fortwährend in Wiedergeburt begriffen. Sympathie und Antipathie sind dagewesen und werden immer dasein. Das ist dasjenige, was über die Seele zu sagen ist in der theosophischen Weltanschauung.
[ 9 ] I would also like to refer to one of the most outstanding minds of modern times, Giordano Bruno, who, through his view of humanity, proclaimed the reincarnation of the soul as his creed. Bruno suffered a martyr’s death for having been the first to openly endorse Copernicus, the father of modern natural science. You will thus admit that he knew how to judge the outer form in its sensory manifestation. But he understood even more. He understood how to contemplate the life flowing from form to form, and this naturally led him to reincarnation. — And if we proceed further, we find this doctrine of reincarnation presented in Lessing’s *The Education of the Human Race*. We also find it touched upon in Herder. Finally, we find it hinted at in various forms in Goethe, even though Goethe, in his cautious manner, did not express himself very clearly; Jean Paul and countless others could also be cited. As for the modern thinkers upon whom our entire cultural life depends, and who have also influenced the most important ideas—what led these thinkers to this is not merely the desire to satisfy humanity, but because this doctrine, above all else, creates a concept that makes an explanation of the world possible. The soul is constantly undergoing rebirth. Sympathy and antipathy have always existed and will always exist. This is what can be said about the soul in the theosophical worldview.
[ 10 ] Und nun kehren wir einmal zu unserem Ausgangspunkt zurück. Sagen wir noch einmal, wir haben gesehen, daß Gestalt auf Gestalt, Form auf Form in unserer sinnlichen Welt wechselt, daß alles Entstehen und Vergehen, Geburt und Tod ist. Wir haben gesehen, daß auch die wunderbarsten Werke, die geschaffen werden, vergehen. Fragen wir uns aber: Ist an dem Werk nur das Werk beteiligt? Ist bei der Schöpfung eines Raffael oder Michelangelo oder bei den einfachsten, primitiven menschlichen Schöpfungen, ist da nichts anderes beteiligt als dieses Werk? — Wir müssen doch unterscheiden das Werk und die Tätigkeit, die der Mensch verwendet hat, die Tätigkeit, die irgendein Wesen verwendet hat, um eine Arbeit, ein Werk oder irgend etwas, was sich als Schöpfung bezeichnen läßt, um das zustande zu bringen. Der äußeren Welt der Gestalten und Formen ist das Werk hingegeben, und in dieser äußeren Gestalt ist das Werk auch dem Schicksal dieser äußeren Gestalten verfallen, dem Entstehen und Vergehen. Aber Tätigkeit, die Tätigkeit, die sich im Wesen selbst begibt, dasjenige, was dazumal vorging in der Seele eines Raffael oder eines Michelangelo, als er seine Werke schuf, diese Tätigkeit ist auch dasjenige, was die Seele sozusagen wiederum in ihr eigenes Wesen hinein zurückzieht, das ist die Tätigkeit, die in das Werk nicht ausgeflossen ist. Wie ein Siegelabdruck im Siegel, so ist diese Tätigkeit in der Seele geblieben; und damit kommen wir auf etwas, was in der Seele nicht nur für kurze Zeit bleibt, sondern was in der Seele unvergänglich bleibt. Denn betrachten wir den Michelangelo einige Zeit nachher. Ist an ihm seine Tätigkeit fruchtlos vorübergegangen? Nein! Diese Tätigkeit hat beigetragen zur Erhöhung seiner inneren Fähigkeiten, und tritt er an ein neues Werk heran, so schafft er nicht nur damit, was vorher in ihm war, sondern er schafft aus jener Kraft, die erst entstanden ist durch seine Tätigkeit an früheren Werken. Seine Kräfte sind erhöht, sind befestigt, bereichert worden durch seine erste Tätigkeit. So schafft die Tätigkeit der Seele neue Fähigkeiten, die wiederum im Werk sich umsetzen, wiederum tätig werden, wieder in die Seele sich zurückziehen und Kräfte zu neuer Betätigung geben. Keine Tätigkeit der Seele kann verlorengehen. Was die Seele als Tätigkeit entwickelt, ist immer der Ursprung, die Ursache zu einer Erhöhung des seelischen Wesens, zur Entfaltung neuer Tätigkeit.
[ 10 ] And now let us return to our starting point. Let us say once more that we have seen that form follows form, shape follows shape in our sensory world, that everything is becoming and passing away, birth and death. We have seen that even the most marvelous works that are created pass away. But let us ask ourselves: Is the work alone involved in the work? In the creation of a Raphael or a Michelangelo, or in the simplest, most primitive human creations, is there nothing else involved besides this work? — We must, after all, distinguish between the work and the activity that the human being has employed, the activity that any being has employed, in order to bring about a work, a creation, or anything that can be called a creation. The work is consigned to the external world of forms and shapes, and in this external form, the work is also subject to the fate of these external forms—to coming into being and passing away. But activity—the activity that takes place within the being itself, that which once occurred in the soul of a Raphael or a Michelangelo as he created his works—this activity is also that which the soul, so to speak, draws back into its own being; this is the activity that has not flowed out into the work. Like an imprint in a seal, this activity has remained in the soul; and this brings us to something that remains in the soul not merely for a short time, but that remains imperishable within the soul. For let us consider Michelangelo some time later. Has his activity passed fruitlessly from him? No! This activity has contributed to the elevation of his inner capacities, and when he approaches a new work, he creates not only from what was previously within him, but from that power which first arose through his activity in earlier works. His powers have been elevated, strengthened, and enriched by his initial activity. Thus the soul’s activity creates new capacities, which in turn are realized in the work, become active again, withdraw back into the soul, and provide strength for new activity. No activity of the soul can be lost. What the soul develops as activity is always the origin, the cause of an elevation of the soul’s being, of the unfolding of new activity.
[ 11 ] Das ist dasjenige, was in der Seele liegt als Tätigkeit, als Leben, das ist das Unvergängliche, das ist dasjenige, was wirklich gestaltend ist, das ist nicht nur Gestalt, nicht nur Leben, das ist schaffende Kraft. Durch meine Tätigkeit schaffe ich nicht nur das Werk, sondern Ursache für neue Tätigkeit, und immer schaffe ich durch die vorangehende eine neue Tätigkeit.
[ 11 ] This is what lies within the soul as activity, as life; this is the imperishable; this is what is truly formative; this is not merely form, not merely life—this is creative power. Through my activity, I create not only the work, but also the cause for new activity, and through the preceding activity I always create a new one.
[ 12 ] Das liegt allen großen Weltanschauungen zugrunde. In einer sehr schönen Weise sagt eine alte indische Schrift, wie man sich diese Tätigkeit im Inneren eines Wesens vorzustellen hat. Da wird erzählt, wie alle Gestalten verschwinden in einer endlosen Gestaltenwelt, wie Geburt und Tod in der äußeren Welt der Formen herrscht, wie die Seele immer wieder geboren wird. Aber wenn auch Lilie auf Lilie entsteht, es wird eine Zeit kommen, wo keine neue Lilie mehr entsteht, es wird eine Zeit kommen, wo die Seele nicht mehr in Sympathie oder Antipathie lebt. Das Lebendige wird immer wieder und wieder geboren; was aber nicht aufhört, das ist die Tätigkeit, die sich immer erhöht, steigert, die unvergänglich ist.
[ 12 ] This is the foundation of all great worldviews. An ancient Indian text describes in a very beautiful way how one should imagine this activity within a being. It tells how all forms disappear into an endless world of forms, how birth and death reign in the outer world of forms, and how the soul is born again and again. But even if lily follows lily, a time will come when no new lily arises; a time will come when the soul no longer lives in sympathy or antipathy. The living is born again and again; but what does not cease is the activity that ever increases, intensifies, and is imperishable.
[ 13 ] Das ist die dritte Stufe des Daseins, die sich immer fort und fort steigernde Tätigkeit, und diese Stufe des Daseins und das Charakteristische des Geistes ist zu gleicher Zeit dadurch gekennzeichnet, daß ihr weder das Vergängliche noch das immerfort Schaffende anhaftet. In der ersten Stufe ist unsere Gestalt ein sinnliches Wesen, es ist ein immer wieder geborenes Wesen als Seele, und es ist ein unvergängliches, ein höheres Wesen als Geist. Daß Sympathie und Antipathie ebenso entstehen und vergehen müssen, wenn auch ihre Daseinszeit eine viel längere ist als die der äußeren Gestalt, das geht hervor aus der Betrachtung des Geistigen selbst und seiner Forderungen. Was fordert von dem Menschen der Geist, wenn er sich in diesen Geist versenkt? Dieser Geist hat eines an sich, was er uns immer wieder vorhält, was er uns mit Energie und Stärke vorhält: daß er sich niemals befriedigt erklären kann mit der bloßen Seele, der Sympathie und Antipathie. Dieser Geist, der sagt uns, daß die eine Sympathie berechtigt, die andere unberechtigt ist. Dieser Geist ist unser Führer im Reiche der Sympathie und Antipathie, unser Führer bei der Berätigung im Reiche der Seele. Und wir sind, wenn wir uns als Mensch entwikkeln wollen, berufen, unsere Sympathie und Antipathie einzurichten nach den Forderungen des Geisteslebens, das uns zu den Höhen der Entwickelung heraufführen soll. Damit ist von vornherein dem Geiste zugestanden die Überordnung über die bloße Welt der Sympathie und Antipathie, über das bloße Seelische, und wenn der Geist die Welt der unberechtigten, der niederen Sympathie und Antipathie immerfort überwindet, dann stellt dies einen Hinaufstieg dar der Seele zum Geiste. Es gibt Anfangszustände der Seele; da ist sie verstrickt in die Gestalten der äußeren Wirklichkeit. Da ging ihre Sympathie zu äußeren Formen hin. Aber die höher entwickelte Seele ist die, die auf die Forderung des Geistes hört, und so entwickelt sich die Seele von der Neigung zum Sinnlichen hinauf zu ihrer Neigung zur Sympathie für den Geist selbst.
[ 13 ] This is the third stage of existence, the ever-increasing activity, and this stage of existence and the characteristic nature of the spirit are simultaneously defined by the fact that neither the transitory nor the ever-creating clings to them. In the first stage, our form is a sensory being; it is a being that is born again and again as a soul, and it is an imperishable, higher being as spirit. That sympathy and antipathy must likewise arise and pass away, even though their duration of existence is much longer than that of the outer form, is evident from the consideration of the spiritual itself and its demands. What does the spirit demand of the human being when he immerses himself in this spirit? This spirit has one thing about it that it repeatedly holds up to us, that it holds up to us with energy and strength: that it can never be satisfied with the mere soul, with sympathy and antipathy. This spirit tells us that one sympathy is justified, the other unjustified. This spirit is our guide in the realm of sympathy and antipathy, our guide in deliberation within the realm of the soul. And if we wish to develop as human beings, we are called upon to align our sympathies and antipathies with the demands of spiritual life, which is meant to lead us to the heights of development. Thus, from the outset, the spirit is granted supremacy over the mere world of sympathy and antipathy, over the mere soul, and when the spirit continually overcomes the world of unjustified, lower sympathy and antipathy, this represents an ascent of the soul toward the spirit. There are initial states of the soul; there it is entangled in the forms of external reality. There its sympathy was directed toward external forms. But the more highly developed soul is the one that heeds the demands of the spirit, and thus the soul develops from a tendency toward the sensual up to a tendency toward sympathy for the spirit itself.
[ 14 ] Sie können das noch in anderer Weise verfolgen. Die Seele ist zunächst ein verlangendes Wesen. Die Seele ist erfüllt von Sympathie und Antipathie, von der Begierdenwelt, von der Welt des Verlangens. Der Geist aber zeigt nach einiger Zeit der Seele, daß sie nicht bloß zu verlangen hat. Wenn die Seele durch den Entschluß des Geistes das Verlangen überwunden hat, dann ist sie nicht untätig, dann strömt ebenso wie aus der unentwickelten Seele das Verlangen strömt, aus der entwickelten Seele die Liebe. Verlangen und Liebe, das sind die beiden entgegengesetzten Kräfte, zwischen denen sich die Seele entwickelt. Die noch in Sinnlichkeit, in äußerer Gestalt verstrickte Seele ist die verlangende Seele; die ihren Zusammenhang, ihre Harmonie mit dem Geiste entwickelnde Seele ist diejenige, welche liebt. Das ist dasjenige, was die Seele in ihrem Laufe von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führt, daß sie von einer begehrenden, verlangenden Seele zu einer liebenden Seele wird, daß ihre Werke Werke der Liebe werden.
[ 14 ] You can explore this further in other ways. The soul is, first and foremost, a desiring being. The soul is filled with sympathy and antipathy, with the world of desires, with the world of longing. But after some time, the spirit shows the soul that it is not meant merely to desire. When the soul has overcome desire through the spirit’s resolve, it is not idle; just as desire flows from the undeveloped soul, love flows from the developed soul. Desire and love—these are the two opposing forces between which the soul develops. The soul still entangled in sensuality, in outward form, is the desiring soul; the soul that develops its connection, its harmony with the spirit, is the one that loves. This is what guides the soul in its course from rebirth to rebirth—that it may become, from a coveting, desiring soul, a loving soul, so that its works may become works of love.
[ 15 ] Damit haben wir die dritte Form der Gefühle bezeichnet, und wir haben zu gleicher Zeit die Grundeigenschaften des Geistes entwickelt, seine Wirksamkeit im Menschen dargestellt und gezeigt, daß er der große Erzieher der Seele vom Verlangen zur Liebe ist, und daß er die Seele wie mit magnetischer Gewalt zu sich hinaufzieht. Nun, wir sehen auf der einen Seite die Welt der Gestalten und Formen, auf der anderen die Welt des unvergänglichen Geistes, und beide miteinander verbunden durch die Welt des Seelischen. Ich habe in dieser Auseinandersetzung lediglich Rücksicht genommen auf eine sinnige Selbstbetrachtung, die jeder Mensch, wenn er die nötige Ruhe in sich findet und nicht nur in äußerer Anschauung verstrickt ist, imstande ist, mit dem Auge des Geistes zu sehen. Derjenige aber, der in sich die höheren geistigen Fähigkeiten entwickelt hat, ein Okkultist, der lernt noch etwas ganz anderes. Der weiß nicht nur diese drei Welten mit der sinnigen Betrachtung zu erreichen, sondern er hat eine Anschauung vom Leben und vom Geist, ebenso wie das äußere Auge eine Anschauung der äußeren sinnlichen Wirklichkeit hat. Wie das Auge Licht und Finsternis unterscheidet, wie das Auge verschiedene Farben unterscheidet, so unterscheidet das geistige, das entwickelte, geöffnete Auge des Okkultisten das höhere, glänzende Licht des Geistes, das kein sinnliches Licht ist, das ein heller erstrahlendes Licht in höheren Welten, in höheren Sphären ist, und dieses strahlende Licht des Geistes, das ist für den Okkultisten ebenso Wirklichkeit, wie unser Sonnenlicht für unsere Betrachtung Wirklichkeit ist. Und wir sehen bei einzelnen Dingen, daß das Sonnenlicht zurückgestrahlt, reflektiert wird. So unterscheidet der Okkultist das strahlende Selbstleuchten des Geistes von dem eigentümlichen Glimmern des Lichtes, welches zurückgestrahlt wird von der Welt der Gestalten, als seelische Flamme. Seele heißt, zurückstrahlendes Geisteslicht, Geist heißt, ausstrahlendes schöpferisches Licht. Diese drei Gebiete sind Geisteswelt, Seelenwelt und Gestaltenwelt, denn so erscheinen sie dem Okkultisten. Nicht nur sind verschieden die Gebiete des Daseins. — Die äußere Gestalt ist für den Okkultisten die Leere, die Finsternis, dasjenige, was im Grunde genommen nichts ist, und die große, einzige Wirklichkeit ist das hehre, erstrahlende Licht des Geistes. Und dasjenige, was wir als glänzendes Licht fühlen, was sich um die Gestalten herumlegt und eingesogen wird, das ist die Welt des Seelischen, welches immer und immer wieder geboren wird, bis es erreicht wird von dem Geist, bis der es ganz zu sich hinaufgezogen hat und sich mit ihm vereint. Dieser Geist erscheint in mannigfaltiger Gestalt in der Welt, aber die Gestalt ist nur der äußere Ausdruck des Geistes. Den Geist haben wir erkannt in seiner Tätigkeit, in seiner sich immer steigernden Tätigkeit, und diese Tätigkeit haben wir Karma genannt.
[ 15 ] We have thus described the third form of emotion, and at the same time we have explored the fundamental characteristics of the spirit, illustrated its influence in human beings, and shown that it is the great educator of the soul, guiding it from desire to love, and that it draws the soul upward toward itself as if by magnetic force. Now, on the one hand we see the world of figures and forms, on the other the world of the imperishable spirit, and both connected by the world of the soul. In this discussion, I have taken into account only a meaningful self-observation that every human being, if they find the necessary inner calm and are not entangled solely in external perception, is capable of seeing with the eye of the spirit. But the one who has developed the higher spiritual faculties within himself, an occultist, learns something quite different. He not only knows how to reach these three worlds through sensory observation, but he has a perception of life and of the spirit, just as the outer eye has a perception of external sensory reality. Just as the eye distinguishes between light and darkness, just as the eye distinguishes between different colors, so does the spiritual, developed, and opened eye of the occultist distinguish the higher, radiant light of the spirit—which is not a sensory light, but a brighter, more resplendent light in higher worlds, in higher spheres— and this radiant light of the spirit is just as much a reality for the occultist as our sunlight is a reality for our perception. And we see in individual things that sunlight is reflected back. Thus the occultist distinguishes the radiant self-illumination of the spirit from the peculiar glimmer of light that is reflected back from the world of forms as a soul-flame. Soul means reflected spiritual light; spirit means radiating creative light. These three realms are the world of the spirit, the world of the soul, and the world of forms, for this is how they appear to the occultist. Not only are the realms of existence different. — For the occultist, the outer form is emptiness, darkness, that which is essentially nothing, and the great, sole reality is the noble, radiant light of the spirit. And that which we perceive as a shining light, which surrounds the forms and is drawn into them, is the world of the soul, which is born again and again until it is reached by the spirit, until the spirit has drawn it entirely up to itself and united with it. This spirit appears in manifold forms in the world, but the form is only the outer expression of the spirit. We have recognized the Spirit in its activity, in its ever-increasing activity, and we have called this activity karma.
[ 16 ] Nun, was ist nun das eigentliche Bedeutungsvolle und Charakteristische dieser Tätigkeit des Geistes? Dieser Geist kann in seiner Tätigkeit nicht unbeeinflußt bleiben von der Tat, die er einmal verrichtet hat in der Stufe, die er einmal eingenommen hatte. Ich möchte Ihnen klarmachen, wie diese Tätigkeit des Geistes ihre Wirkung haben muß. Denken Sie einmal folgendes: Denken Sie, Sie haben vor sich stehen ein Gefäß mit Wasser und Sie werfen in dieses Gefäß eine warme Metallkugel. Diese Kugel erhitzt das Wasser; dieses ist also das Werk der Kugel. Durch dasselbe aber, was die Kugel verursacht hat, hat sie selber eine Veränderung erlitten. Die Veränderung haftet so lange, bis eine neue Veränderung eintritt. Wenn die Kugel das eine Werk verrichtet hat, dann hat sie das Gepräge dieses ihres Werkes, dann trägt sie dieses Gepräge mit sich. Wenn Sie die Kugel in ein zweites Gefäß versenken, dann wird sie als Folge ihrer ersten Tätigkeit dieses zweite Wasser nicht wieder erwärmen können. Kurz, wie sie das zweite Mal wirkt, ist eine Folge von dem, wie sie das erste Mal gewirkt hat. Durch dieses einfache Gleichnis kann man sich klarmachen, wie der Geist in seiner Tätigkeit wirkt. Wenn der Geist in seiner Tätigkeit ein bestimmtes Werk verrichtet, so ist nicht nur diesem Werk das Gepräge aufgedrückt, sondern der Tätigkeit des Geistes selbst ist derselbe Stempel aufgedrückt. Wie die Kugel sich abgekühlt und dadurch etwas Bleibendes erhalten hat, so hat der Geist bleibend seine Signatur, sein Gepräge erhalten von seiner Tat. Ob gute, ob schlechte Tat, die Taten gehen nicht spurlos an dem, was an der Seele bleibend ist, vorbei. So wie die Tat war, so ist auch der Stempel, den die Tat erhalten hat und den sie fortan trägt.
[ 16 ] Now, what is the truly significant and characteristic aspect of this activity of the spirit? In its activity, this spirit cannot remain unaffected by the deed it once performed at the stage it once occupied. I would like to make clear to you how this activity of the spirit must have its effect. Consider the following: Imagine you have a vessel of water in front of you and you throw a warm metal ball into this vessel. This ball heats the water; this is thus the work of the ball. But through the very thing the ball has caused, it has itself undergone a change. The change persists until a new change occurs. Once the ball has performed its work, it bears the imprint of that work; it carries this imprint with it. If you submerge the ball in a second vessel, it will not be able to heat this second water again as a result of its first action. In short, how it acts the second time is a consequence of how it acted the first time. Through this simple analogy, one can understand how the spirit acts in its activity. When the spirit performs a specific work in its activity, not only is the imprint pressed upon this work, but the same stamp is pressed upon the spirit’s activity itself. Just as the ball has cooled and thereby retained something lasting, so the spirit has permanently retained its signature, its imprint, from its deed. Whether good or bad, deeds do not pass without leaving a trace on what remains in the soul. Just as the deed was, so is the stamp that the deed has received and which it bears from then on.
[ 17 ] Das ist es, was uns dazu führt, zu erkennen, daß einer jeglichen Tat, wie der große Mystiker Jakob Böhme sagt, «aufgedrückt ist ein Kennzeichen, das von ihr fortan nicht zu nehmen ist, als wieder durch neue Tat, durch neues Erlebnis, daß der alte Stempel durch einen neuen ersetzt wird». Das ist das Karma, das der einzelne erlebt. Indem die Seele von Wiedergeburt zu Wiedergeburt schreitet, bleiben ihr die Taten aufgedrückt, die Signatur, die Prägung, die sie während der Taten erlangt hat, und in einem neuen Erlebnis kann nur Folge gegeben werden von alten Erlebnissen. Das ist die strenge, die Begriffe von Ursache und Wirkung entwickelnde Lehre von Karma, die sich in der theosophischen Weltanschauung uns bietet. Ich bin das Ergebnis meiner früheren Taten, und meine jetzigen Taten werden in ihrer Fortsetzung in zukünftigen Erlebnissen ihre Wirkung haben. Damit haben Sie für den Menschen das Gesetz des Karma ausgesprochen, und derjenige, der sich in seinen Taten vollständig als Geist betrachten will, der muß sich in diesem Sinne betrachten, der muß sich klar sein, daß eine jegliche Tat eine Wirkung hat, daß es in der moralischen Welt ebenso das Gesetz von Ursache und Wirkung gibt wie in der äußeren sinnlichen Welt der Gestalten.
[ 17 ] This is what leads us to realize that, as the great mystic Jakob Böhme says, every action “is imprinted with a mark that cannot be removed from it henceforth, except through a new action, through a new experience, whereby the old stamp is replaced by a new one.” This is the karma that the individual experiences. As the soul progresses from rebirth to rebirth, the deeds remain imprinted upon it—the signature, the imprint it has acquired during those deeds—and in a new experience, only the consequences of past experiences can be realized. This is the rigorous doctrine of karma, which develops the concepts of cause and effect, as presented to us in the theosophical worldview. I am the result of my past deeds, and my present deeds will have their effect in their continuation in future experiences. With this, you have articulated the law of karma for humanity, and whoever wishes to regard themselves entirely as spirit in their actions must view themselves in this sense; they must be clear that every action has an effect, that the law of cause and effect exists in the moral world just as it does in the outer sensory world of forms.
[ 18 ] Das sind die drei Grundgesetze der theosophischen Weltanschauung: Geburt und Tod herrscht nur in der Welt der Formen, Wiederverkörperung herrscht in der Welt des Lebens, und Karma, oder die sich ewig gestaltende und steigernde Tätigkeit, die herrscht im Reiche des Geistes. Die Gestalt, die Form ist vergänglich, das Leben gebiert sich immer wieder, der Geist ist aber ewig.
[ 18 ] These are the three fundamental laws of the theosophical worldview: birth and death prevail only in the world of forms, reincarnation prevails in the world of life, and karma—or the eternally evolving and intensifying activity—prevails in the realm of the spirit. The form is transitory, life is constantly reborn, but the spirit is eternal.
[ 19 ] Das sind die drei Grundgesetze der theosophischen Weltanschauung, und damit haben Sie auch zugleich alles entgegengenommen, was die theosophische Weltanschauung in das menschliche Leben einführen kann. Der Geist erzieht die verlangende Seele zur Liebe. Der Geist ist dasjenige, was von allen innerhalb der menschlichen Natur empfunden wird, wenn diese menschliche Natur sich in ihr Inneres versenkt. Die einzelne Gestalt hat nur ein Interesse für dasjenige, was ihr als einzelne Gestalt zugehört. Diese einzelne Gestalt wirkt daher nur für sich, und dieses Wirken für sich ist das Wirken in Selbstsucht, das ist das Wirken in Egoismus. Und dieser Egoismus ist in der ganzen Welt der Gestalten, der äußeren Formen, das tonangebende Gesetz. Aber die Seele erschöpft sich nicht innerhalb der einzelnen Gestalt, sie geht von Gestalt zu Gestalt. Sie hat das Verlangen nach immer wiederkehrender Neugeburt. Der Geist hat aber das Streben, das sich immer und immer wieder neu Gestaltende immer höher zu entwickeln, von der unvollkommenen zur vollkommenen Gestalt zu formen. So führt die Seele in ihrem Verlangen von Geburt zu Geburt, so führt der Geist in seiner Erziehung der Seele vom Ungöttlichen zum Göttlichen; denn das Göttliche ist nichts anderes als das Vollkommene, zu dem der Geist die Seele erzieht. Die Erziehung der Seele durch den Geist vom Ungöttlichen zum Göttlichen, das ist die theosophische Weltbetrachtung. Und damit haben Sie auch die Ethik der theosophischen Weltanschauung gegeben. So wie der Geist nicht anders kann, als die Seele zur Liebe zu erziehen und das Verlangen in Liebe umzuwandeln, so hat die theosophische Weltanschauung als ihren ersten Grundsatz, eine menschliche Gemeinschaft zu gründen, die auf Liebe gebaut ist. Und damit ist die Sittenlehre der theosophischen Weltanschauung in Einklang gekommen mit den ewigen Gesetzen des Geistes. Nichts anderes, als was der Geist als sein innerstes Wesen anerkennen muß, die Umwandlung des Verlangens in Liebe, hat zur Gründung einer die ganze Menschheit mit dem seelischen Feuer der Liebe umfassenden Theosophischen Gesellschaft geführt. Das ist es, was als ethische Weltanschauung der theosophischen Bewegung voranleuchtet. Und fragen wir uns: Findet der gegenwärtig nachdenkende Mensch seine Befriedigung in dieser Weltanschauung? — Der gegenwärtige Mensch ist gewöhnt, nicht mehr bloß auf äußere Traditionen, nicht mehr bloß auf äußere Anschauung hin und einer Autorität zu glauben, sondern immer mehr entwickelt sich der Mensch dahin, eine Weltanschauung zu suchen, welche seine Gedanken befriedigt, welche dasjenige befriedigt, was er die Selbsterkenntnis seines Geistes nennt. Wenn der moderne Mensch sich bestrebt, diese Selbsterkenntnis zu erlangen, dann gibt es für ihn nichts anderes als diese theosophische Anschauung, welche im Grunde genommen kein Bekenntnis ausschließt, alle aber einschließt. Denn diese theosophische Anschauung bietet wirklich der Seele das, was sie sucht. Unaufhörlich muß sich die Seele Fragen vorlegen über das menschliche Schicksal und seine Ungleichheit. Kann es die sinnige Seele ertragen, daß auf der einen Seite unschuldige Menschen in Bitternis und Elend leben, auf der anderen Seite scheinbar solche, die es nicht verdienen, im Glücke schwelgen? Das ist die große Frage, die die Menschenseele an das Schicksal stellen muß. Solange wir das Leben nur betrachten zwischen Geburt und Tod, so lange finden wir nimmermehr eine Antwort auf dieses Rätsel. Wir finden nimmermehr Trost für die Seele. Betrachten wir aber das Karmagesetz, dann wissen wir, daß alle Bitternisse, alles Elend die Ergebnisse von Ursachen sind, die in früheren Leben da waren. Dann werden wir auf der einen Seite sagen: Dasjenige, was die Seele heute als ihr Schicksal erlebt, das ist die Wirkung früherer Erlebnisse. Das kann nicht anders sein. Trost wird diese Erklärung sofort dann, wenn wir in die Zukunft sehen, weil wir sagen: Derjenige, der heute Schmerzliches erlebt, oder der Bitternis und Kummer erlebt, der kann sich über sein Schicksal nicht nur beklagen, sondern der muß sich sagen: Bitternis, Herzeleid, das hat Wirkung auf die Zukunft. Was heute dein Schmerz ist, das verhält sich für dein Leben in Zukunft so, wie sich der Schmerz eines Kindes verhält, wenn es hinfällt: dadurch lernt es gehen. So ist aller Kummer die Ursache zu einer Erhöhung des seelischen Lebens, und Trost findet die Seele sofort, wenn sie sich sagt: Nichts ist ohne Wirkung. Das Leben, das ich heute erfahre, das muß seine Frucht tragen für die Zukunft.
[ 19 ] These are the three fundamental laws of the Theosophical worldview, and with them you have also received everything that the Theosophical worldview can introduce into human life. The Spirit educates the longing soul in love. The Spirit is that which is felt by everyone within human nature when this human nature turns inward. The individual form has interest only in that which belongs to it as an individual form. This individual form therefore acts only for itself, and this acting for itself is acting out of self-interest; that is, acting out of egoism. And this egoism is the dominant law throughout the entire world of forms, of external shapes. But the soul does not exhaust itself within the individual form; it passes from form to form. It has a longing for ever-recurring rebirth. The Spirit, however, has the aspiration to develop that which takes on new form again and again ever higher, to shape it from the imperfect to the perfect form. Thus the soul, in its longing, moves from birth to birth; thus the spirit, in its education of the soul, leads it from the ungodly to the divine; for the divine is nothing other than the perfect, to which the spirit educates the soul. The education of the soul by the spirit from the ungodly to the divine—that is the theosophical worldview. And with that, you have also presented the ethics of the theosophical worldview. Just as the Spirit cannot help but educate the soul in love and transform desire into love, so the theosophical worldview has as its first principle the establishment of a human community built upon love. And thus the moral teaching of the theosophical worldview has come into harmony with the eternal laws of the Spirit. Nothing other than what the Spirit must recognize as its innermost essence—the transformation of desire into love—has led to the founding of a Theosophical Society that embraces all of humanity with the spiritual fire of love. This is what shines forth as the ethical worldview of the Theosophical Movement. And let us ask ourselves: Does the thinking person of today find satisfaction in this worldview? — Modern man is no longer accustomed to believing merely in external traditions, merely in external views, or in authority; rather, he is increasingly developing toward seeking a worldview that satisfies his thoughts, that satisfies what he calls the self-knowledge of his spirit. When modern man strives to attain this self-knowledge, there is nothing else for him but this theosophical view, which, in essence, excludes no creed but includes them all. For this theosophical view truly offers the soul what it seeks. The soul must ceaselessly ask itself questions about human destiny and its inequality. Can the sensitive soul bear that, on the one hand, innocent people live in bitterness and misery, while on the other hand, those who seemingly do not deserve it revel in happiness? This is the great question that the human soul must pose to fate. As long as we view life only between birth and death, we will never find an answer to this riddle. We will never find comfort for the soul. But if we consider the law of karma, then we know that all bitterness, all misery, are the results of causes that existed in past lives. Then we will say, on the one hand: What the soul experiences today as its fate is the effect of past experiences. It cannot be otherwise. This explanation becomes a source of comfort the moment we look to the future, because we say: The one who experiences pain today, or who experiences bitterness and sorrow, cannot merely complain about their fate, but must tell themselves: Bitterness, heartache—these have an effect on the future. What is your pain today relates to your future life in the same way that a child’s pain relates to falling down: through it, the child learns to walk. Thus, all sorrow is the cause of an elevation of the spiritual life, and the soul finds comfort immediately when it tells itself: Nothing is without effect. The life I experience today must bear fruit for the future.
[ 20 ] Nun will ich noch eine andere Erscheinung erwähnen, das ist die Erscheinung des Gewissens. Diese Erscheinung ist zunächst unerklärlich. Sie wird sofort verständlich, wenn wir sie erfassen in ihrem Werdegang. Wenn wir wissen, daß jede Seele eine bestimmte Stufe der Entwickelung darstellt, dann werden wir zugeben, daß in der unentwickelten Seele der Drang nach Gestalt lebt. Wenn sie aber der Geist zu sich gezogen hat, wenn der Geist sich immer mehr mit ihr vereinigt hat, dann spricht bei jeder Entwickelung von Sympathie und Antipathie der Geist, und dieses Sprechen des Geistes aus der Seele, das vernimmt der Mensch als Stimme des Gewissens. Stets nur auf einer bestimmten Stufe der menschlichen Entwickelung kann dieses Gewissen auftreten. Wir sehen bei primitiven Völkern niemals die Stimme des Gewissens. Erst später, wenn die Seele durch verschiedene Persönlichkeiten hindurchgegangen ist, dann spricht der Geist zur Seele.
[ 20 ] Now I would like to mention another phenomenon, namely the phenomenon of conscience. At first glance, this phenomenon is inexplicable. It becomes immediately understandable when we consider its development. If we know that every soul represents a certain stage of development, then we must admit that in the undeveloped soul the urge toward form is alive. But once the spirit has drawn it to itself, once the spirit has united with it more and more, then in every development of sympathy and antipathy it is the spirit that speaks, and this speaking of the spirit from within the soul is what the human being perceives as the voice of conscience. This conscience can arise only at a specific stage of human development. We never see the voice of conscience among primitive peoples. Only later, when the soul has passed through various personalities, does the spirit speak to the soul.
[ 21 ] Damit haben Sie die Hauptbegriffe der theosophischen Weltanschauung, und Sie haben gesehen, wie lichtvoll diese Anschauung für diejenige Welt ist, die uns als Welt der äußeren Formen erscheint. Ja, diese Welt der Gestaltungen würden wir niemals begreifen, wenn wir sie nicht aus dem Geist begreifen würden. Derjenige aber, der nur in der äußeren Gestalt lebt, der sich hinreißen läßt in der Welt der Formen, der ist auf der Stufe des Vergänglichen, der ist auf derjenigen Stufe, wo er die Selbstsucht und den Egoismus entwickelt, weil unsere äußere Form nur Interesse für die Form hat. Aber aus der Selbstsucht entwickelt er sich heraus, weil der Geist immer sprechender wird. Diesen Geist, der in allen Menschen derselbe ist, werden wir aber erst dann erkennen, wenn wir uns zur Betrachtung des ewig unvergänglichen, des innersten Wesenskernes im Menschen aufschwingen. Wir werden den Menschen erst dann in seinem innersten Wesen erkennen, wenn wir zu seinem Geiste vordringen. Erkennen wir den innersten Wesenskern im Menschen, dann erkennen wir den Geist in uns. Den Geist im anderen Menschen begreift aber nur der, der den anderen Menschen als Bruder ansieht; er begreift ihn erst dann, wenn er erst die Brüderlichkeit vollständig zu würdigen versteht.
[ 21 ] You now have the main concepts of the theosophical worldview, and you have seen how illuminating this perspective is for the world that appears to us as the world of external forms. Indeed, we would never comprehend this world of forms if we did not grasp it through the spirit. But the one who lives only in the outer form, who allows himself to be carried away by the world of forms, remains on the level of the transitory; he is on that level where he develops selfishness and egotism, because our outer form is concerned only with form itself. But he grows out of selfishness because the spirit becomes ever more eloquent. We will, however, only recognize this spirit—which is the same in all human beings—when we rise to contemplate the eternally imperishable, the innermost core of being within the human being. We will only recognize the human being in his innermost being when we penetrate to his spirit. If we recognize the innermost core of being in the human being, then we recognize the spirit within ourselves. But the spirit in another human being is understood only by those who regard the other human being as a brother; they understand it only when they have come to fully appreciate brotherhood.
[ 22 ] Deshalb bezeichnet die theosophische Bewegung die Brüderlichkeit als das Ideal, das die geistige Entwickelung der Menschheit erreichen will unter dem Einfluß dieser Weltanschauung.
[ 22 ] That is why the Theosophical Movement describes brotherhood as the ideal that humanity’s spiritual evolution seeks to achieve under the influence of this worldview.
[ 23 ] Das, verehrte Anwesende, findet der moderne Mensch in der theosophischen Bewegung. Weil diese Bewegung das dem modernen Menschen bietet, was er sucht, deshalb hat sie sich im Laufe der neunundzwanzig Jahre, die sie besteht, über alle Länder der Erde verbreitet. Wir finden sie in Indien, Australien, Amerika, in allen Ländern des westlichen Europa. Sie ist überall zu finden, weil sie diesem modernen Menschen nach und nach einleuchtende Vorstellungen bringt. Das bietet die Theosophie dem heutigen Menschen. Es ist etwas, was der heutige Mensch sucht, es ist etwas, was der heutige Mensch empfindet, etwas, was alle diejenigen klar und deutlich empfunden haben, die mit sinnigem Blick in Natur und Menschenleben zu schauen wußten und fanden, was sich dieser Anschauung des Geistes aufträgt und aufprägt das, was Befriedigung, Trost, Mut, was Leben gibt. Es ist die Anschauung, daß das Vergängliche, daß Geburt und Tod nicht das einzige sind, sondern daß in diesem vergänglichen, vorüberwandelnden Gestaltungsleben des äußeren Seins sich das innere Sein des Geistes auslebt. Dann blicken wir getrost in die Vergangenheit und mutvoll in die Zukunft, wenn diese Anschauung unsere Überzeugung geworden ist. Und dann sagen wir aus tiefster Seele heraus trostvoll und mutvoll dasjenige, was aus voller Überzeugung der Dichter ausgesprochen hat:
[ 23 ] This, ladies and gentlemen, is what modern man finds in the Theosophical Movement. Because this movement offers modern man what he seeks, it has spread throughout all the countries of the world over the course of the twenty-nine years of its existence. We find it in India, Australia, America, and in all the countries of Western Europe. It can be found everywhere because it gradually brings modern man insights that make sense to him. This is what Theosophy offers to people today. It is something that modern man seeks; it is something that modern man feels; it is something that all those have clearly and distinctly felt who knew how to look at nature and human life with a discerning eye and found that what presents itself to and imprints itself upon this spiritual perspective is that which gives satisfaction, comfort, courage, and life. It is the view that the transitory—that birth and death—are not the only reality, but that within this transitory, ever-changing form of existence of the outer being, the inner being of the spirit lives itself out. Then we look confidently to the past and courageously to the future, once this perspective has become our conviction. And then, from the depths of our souls, we speak with comfort and courage the words that the poet uttered with full conviction:
Die Zeit ist eine blühende Flur,
Ein großes Lebendiges ist die Natur,
Und alles ist Frucht,
und alles ist Samen.
Time is a blooming field,
Nature is a great living entity,
And everything is fruit,
and everything is seed.
