World-Riddles and Theosophy
GA 54
23 November 1905, Berlin
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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
8. Bruderschaft und Daseinskampf
8. Brotherhood and the Struggle for Existence
[ 1 ] Es ist heute unsere Aufgabe, über zwei Seeleninhalte zu sprechen, von denen der eine ein großes, die Menschheit, seit sie wirklich fühlt, durchdringendes Ideal darstellt, Bruderschaft, und der andere etwas, was uns insbesondere heute im Leben auf Schritt und Tritt begegnet, der Daseinskampf: Bruderschaft und Daseinskampf. Diejenigen von Ihnen, welche sich nur ein wenig mit den Zielen der geisteswissenschaftlichen Bewegung befaßt haben, kennen ja unseren ersten Grundsatz, den Kern einer auf allgemeiner Menschenliebe gegründeten Bruderschaft zu bilden, ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Beruf, Bekenntnis und so weiter. Damit hat die Theosophische Gesellschaft selbst dieses Prinzip einer allgemeinen Bruderschaft an die Spitze ihrer Bewegung gestellt und zum wichtigsten ihrer Ideale gemacht. Angezeigt hat sie dadurch, daß sie von denjenigen Kulturbestrebungen, die uns heute vor allen andern Dingen not tun, diesen großen ethischen Zug nach der Bruderschaft hin als innig zusammenhängend ansieht mit dem, was überhaupt das Ziel der Menschheitsentwickelung ist.
[ 1 ] Our task today is to speak about two spiritual concepts, one of which represents a great ideal—brotherhood—that has permeated humanity ever since it began to truly feel, and the other something we encounter at every turn in our lives, especially today: the struggle for existence. Brotherhood and the struggle for existence. Those of you who have even briefly considered the goals of the spiritual science movement are certainly familiar with our first principle: to form the core of a brotherhood founded on universal love for humanity, without distinction of race, gender, profession, creed, and so on. In this way, the Theosophical Society itself has placed this principle of universal brotherhood at the forefront of its movement and made it the most important of its ideals. In doing so, it has demonstrated that, among the cultural endeavors we need above all else today, it regards this great ethical impulse toward brotherhood as intimately connected with what is, in fact, the very goal of human development.
[ 2 ] Der geisteswissenschaftlich Strebende ist überzeugt, und nicht nur überzeugt, sondern sich ganz klar darüber, daß die tiefe Erkenntnis, die Erkenntnis der geistigen Welt, wenn sie wahrhaft und wirklich den Menschen ergreift, zur Bruderschaft führen muß, daß die edelste Frucht tiefer, innerster Erkenntnis eben diese Bruderschaft ist. Damit allerdings scheint die geisteswissenschaftliche Weltanschauung manchem zu widersprechen, was in den letzten Zeiten an die Menschheit herangetreten ist. Es wird gerade in gewissen Kreisen immer wieder und wieder auf die fortschrittlich wirkende Kraft des Kampfes hingewiesen, und wie oft können wir es heute noch hören, daß des Menschen Kräfte wachsen am Widerstand, daß der Mensch stark wird an Willen und intellektueller Initiative dadurch, daß er seine Kräfte an dem Gegner messen muß. Eine Weltanschauung, die aus geistvollen Grundlagen hervorgegangen ist, die Weltanschauung Friedrich Nietzsches, hat unter manchen andern kampfbegeisterten Sätzen auch diesen: Ich liebe den Kritiker, ich liebe den großen Kritiker mehr als den kleinen. — Das können wir in den verschiedensten Abänderungen gerade bei Nietzsche als etwas, was ganz in seine Lebensanschauungen hineingehört, immer wieder und wieder finden. Mit gewissen wirtschaftlichen Anschauungen, die seit langem herrschen, hängt es zusammen, daß man in dem Kampfe aller gegen alle in der allgemeinen Konkurrenz einen mächtigen Hebel des Fortschritts sieht. Wie oft wurde gesagt, daß dadurch die Menschheit am besten vorwärtsschreiten könne, daß der einzelne sich selbst, so gut es geht, nützt und sich zur Geltung bringt. Das Wort Individualismus ist geradezu zu einem Schlagwort geworden, freilich mehr auf dem Gebiete des äußeren materiellen Lebens, aber auch nicht ohne Gültigkeit auf dem Gebiete inneren geistigen Lebens.
[ 2 ] Those who strive for spiritual knowledge are convinced—and not merely convinced, but fully aware—that profound insight, insight into the spiritual world, when it truly and genuinely takes hold of a person, must lead to brotherhood; that the noblest fruit of deep, innermost insight is precisely this brotherhood. However, the spiritual-scientific worldview thus seems to contradict, in the eyes of some, certain trends that have emerged among humanity in recent times. In certain circles, in particular, the supposedly progressive power of struggle is pointed out time and again, and how often do we still hear today that a person’s strengths grow through resistance, that a person becomes strong in will and intellectual initiative by having to measure their strengths against an opponent. A worldview that has emerged from spiritual foundations—the worldview of Friedrich Nietzsche—includes, among many other battle-inspired statements, this one: “I love the critic; I love the great critic more than the small one.”—We can find this, in various forms, time and again in Nietzsche’s work as something that is entirely integral to his outlook on life. It is linked to certain economic views that have long prevailed—the view that the struggle of all against all in general competition is a powerful lever of progress. How often has it been said that humanity can best move forward when the individual serves his own interests as best he can and asserts himself. The word “individualism” has virtually become a catchphrase—admittedly more in the realm of external, material life, but not without validity in the realm of inner, spiritual life as well.
[ 3 ] Daß der Mensch seinen Mitmenschen am meisten nütze, wenn er so viel wie möglich wirtschaftlich aus dem Leben herausschlägt, denn dadurch, daß er wirtschaftlich stark wird, kann er auch der Allgemeinheit mehr nützen: das ist das Glaubensbekenntnis vieler Nationalökonomen und Soziologen. Auf der andern Seite hören wir, wie immer wieder betont wird, daß der Mensch nicht aufgehen soll in einer Schablone, daß er die in ihm liegenden Kräfte allseitig entwickeln, daß er sich rückhaltlos ausleben soll, daß er zur Entfaltung bringen soll, was in seinem Inneren liegt und daß er dadurch den Mitmenschen am meisten nützen könne. Es gibt viele unter unseren Volksgenossen, die geradezu ängstlich sind in der Verfolgung dieses Prinzips, die nicht genug darin tun können, sich auszuleben. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung verkennt nicht die Notwendigkeit des Kampfes ums Dasein, gerade in unserer Zeit, aber gleichzeitig ist sich diese Weltanschauung auch klar darüber, daß heute, wo dieser Kampf ums Dasein die mächtigsten Wogen schlägt, das Prinzip der Bruderschaft in seiner tiefen Bedeutung dem Verständnis wieder nähergebracht werden muß.
[ 3 ] That people are most useful to their fellow human beings when they make the most of life economically, because by becoming economically strong, they can also be of greater benefit to society as a whole: this is the creed of many economists and sociologists. On the other hand, we hear it emphasized time and again that people should not be confined to a mold, that they should develop their inherent abilities in every respect, that they should live life to the fullest without reservation, that they should bring to fruition what lies within them, and that in this way they can be of the greatest benefit to their fellow human beings. There are many among our fellow countrymen who are downright anxious in their pursuit of this principle, who cannot do enough to live life to the fullest. The spiritual-scientific worldview does not overlook the necessity of the struggle for existence, especially in our time; but at the same time, this worldview is also clearly aware that today, when this struggle for existence is at its most intense, the principle of brotherhood, in its deepest meaning, must once again be brought closer to our understanding.
[ 4 ] Die wichtigste Frage wird diese sein: Ist es denn richtig, was von so vielen geglaubt wird, daß des Menschen Kräfte vorzüglich am Widerstand wachsen, daß es vor allen Dingen der Kampf ist, den der Mensch zu führen hat, welcher ihn groß und stark gemacht hat? Ich habe in dem Vortrage über die Friedensidee, den ich vor Ihnen halten durfte, bereits darauf hingewiesen, daß dieses Prinzip des Kampfes ums Dasein im Menschenleben heute eine starke Nahrung dadurch erhält, daß die Naturwissenschaft es zu einem allgemeinen natürlichen Weltprinzip gemacht hat, daß sie, namentlich im Westen, eine Zeitlang geglaubt hat, diejenigen Wesen in der Welt seien am zweckdienlichsten gestaltet, welche ihren Gegner aus dem Felde geschlagen haben und in diesem Daseinskampfe übriggeblieben sind.
[ 4 ] The most important question will be this: Is it true, as so many believe, that human strength grows primarily through resistance, and that it is above all the struggle that man must wage that has made him great and strong? In the lecture on the idea of peace that I had the privilege of delivering before you, I already pointed out that this principle of the struggle for existence is strongly reinforced in human life today by the fact that the natural sciences have made it a general, natural principle of the world; that, particularly in the West, for a time believed that the beings in the world were most effectively designed to be those who had defeated their opponents and survived this struggle for existence.
[ 5 ] Der Naturforscher Huxley sagt: Wenn wir das Leben draußen ansehen, erscheint es uns wie ein Gladiatorenkampf, der Stärkste bleibt Sieger, die andern gehen zugrunde. — Wenn man den Naturforschern glauben würde, müßte man annehmen, daß alle die Wesen, welche heute die Welt bevölkern, in der Lage gewesen sind, die andern, die noch früher da waren, aus dem Felde zu schlagen. Es gibt auch eine Soziologenschule, welche aus diesem Prinzip des Kampfes ums Dasein heraus geradezu eine Entwickelungslehre für die Menschheit hat machen wollen. In einem Buche, betitelt «Von Darwin bis Nietzsche», hat der Dekan Alexander Tille zu zeigen versucht, daß das Glück der Menschheit für die Zukunft davon abhängt, daß man rückhaltlos diesen Kampf ums Dasein auf die Fahne der Entwickelung der Menschheit schreibe, daß man dafür sorge, daß das Unfähige zugrunde gehe, daß man dagegen das Starke und Kräftige im Daseinskampfe züchten und fördern müsse. Der Schwache solle zugrunde gehen. Wir brauchten eine solche Gesellschaftsordnung, die den Schwachen unterdrücke, weil er schädlich sei. — Ich frage Sie: Wer ist der Starke, derjenige der eine ideale Geisteskraft, aber einen schwächlichen Körper hat, oder der andere, welcher eine weniger hohe Geisteskraft mit einem robusten Körper besitzt? — Mit allgemeinen Regeln ist hier wenig getan, wie Sie sehen. Schwer ist es, zu entscheiden, wer eigentlich übrigbleiben sollte im Daseinskampfe. Wenn es sich um praktische Maßnahmen handeln würde, so müßte zuerst diese Frage entschieden werden. Wir fragen uns nun, was zeigt sich uns, wenn wir das menschliche Leben betrachten? Hat in der Entwickelung der Menschheit das Prinzip der Bruderschaft oder das Prinzip des Daseinskampfes Großes geleistet, oder haben sie beide etwas zu der Entwickelung der Menschheit beigetragen?
[ 5 ] The naturalist Huxley says: When we look at life out there, it appears to us like a gladiatorial contest; the strongest emerges victorious, while the others perish. — If one were to believe the naturalists, one would have to assume that all the creatures that populate the world today were able to drive out those that were here before them. There is also a school of sociologists that has sought to derive a theory of human evolution directly from this principle of the struggle for existence. In a book titled *From Darwin to Nietzsche*, Dean Alexander Tille has attempted to show that the future happiness of humanity depends on unreservedly championing this struggle for existence as the banner of human progress, on ensuring that the unfit perish, and on cultivating and promoting the strong and vigorous in the struggle for existence. The weak should perish. We need a social order that suppresses the weak because they are harmful. — I ask you: Who is the strong one—the one with an ideal intellectual capacity but a frail body, or the other, who possesses a less lofty intellect but a robust body? — As you can see, general rules are of little use here. It is difficult to decide who should actually survive in the struggle for existence. If we were dealing with practical measures, this question would have to be settled first. We now ask ourselves: What do we see when we consider human life? In the development of humanity, has the principle of brotherhood or the principle of the struggle for existence achieved great things, or have both contributed to the development of humanity?
[ 6 ] Nur mit flüchtigen Worten möchte ich nochmals darauf aufmerksam machen, was ich schon in dem Vortrag über die Friedensidee gesagt habe, daß selbst die Naturwissenschaft von heute nicht mehr auf dem Boden steht, auf dem sie noch vor einem Jahrzehnt gestanden hat. Ich habe schon auf den grundlegenden Vortrag des russischen Forschers Keßler vom Jahre 1880 hingewiesen, in dem gezeigt worden ist, daß die entwicklungsfähigen und eigentlich fortschreitenden Tierarten nicht diejenigen sind, welche den größten Kampf führen, sondern welche sich gegenseitig beistehen, einander Hilfe leisten. Damit sollte nicht behauptet werden, daß Kampf und Krieg in der Tierwelt nicht bestehen. Gewiß sind sie vorhanden, aber eine andere Frage ist es, was die Entwickelung mehr fördert, der Krieg oder die gegenseitige Hilfeleistung? Es wurde ferner die Frage aufgeworfen: Überleben diejenigen Arten, deren Individuen fortwährend miteinander kämpfen, oder diejenigen, welche sich gegenseitig Hilfe leisten? Hier ist durch die angedeutete Forschung schon nachgewiesen, daß nicht der Kampf, sondern die Hilfeleistung das eigentlich Fortschrittfördernde ist. Ich habe schon auf das Buch des Fürsten Kropotkin «Gegenseitige Hilfe im Tierreich und Menschenieben» hingewiesen. Zu dem, was heute ausgeführt wird zu den Fragen, die uns hier beschäftigen, finden Sie in dem Buche manchen schönen Beitrag.
[ 6 ] I would like to briefly reiterate what I already said in my lecture on the idea of peace: even today’s natural sciences no longer stand on the same ground they did just a decade ago. I have already referred to the seminal lecture by the Russian researcher Kessler from 1880, in which it was demonstrated that the animal species capable of development—and truly progressive—are not those that engage in the fiercest struggle, but rather those that stand by one another and offer each other help. This is not to claim that struggle and war do not exist in the animal world. Certainly they exist, but it is another question entirely as to which promotes evolution more: war or mutual aid? The question was also raised: Do those species survive whose individuals are constantly fighting one another, or those that provide mutual aid? The research mentioned here has already demonstrated that it is not struggle, but mutual aid, that is the true driver of progress. I have already referred to Prince Kropotkin’s book *Mutual Aid in the Animal Kingdom and Among Humans*. You will find many insightful contributions in that book regarding the issues we are discussing here today.
[ 7 ] Was hat also Bruderschaft in der Menschheitsentwickelung geleistet? Wir brauchen uns nur die eigenen Vorfahren auf demselben Boden, auf dem wir heute leben, einmal anzuschauen. Man kann leicht die Vorstellung bekommen, als ob Jagd und Krieg das eigentlich Fördernde gewesen wäre und hauptsächlich den Charakter jener Menschen bedingt habe. Wer aber tiefer auf die Geschichte eingeht, wird finden, daß dies nicht richtig ist, daß gerade diejenigen, auch unter den germanischen Stämmen, am besten gediehen sind, welche das Prinzip der Bruderschaft in außerordentlicher Weise ausgebildet hatten. Wir finden dieses Prinzip der Bruderschaft vor allen Dingen in der Art und Weise ausgebildet, wie in den Zeiten vor und nach der Völkerwanderung der Besitz geregelt war. In ausgedehntestem Maße gab es da einen Gemeinbesitz an Grund und Boden. Die Dorfmark, in welcher die Menschen beisammen wohnten, hatte einen gemeinsamen Grundbesitz, und mit Ausnahme des wenigen, was unmittelbar zum Hausgebrauch gehört, mit Ausnahme der Werkzeuge, vielleicht auch eines Gartens, war alles, was Besitz war, gemeinschaftlich. Von Zeit zu Zeit wurde der Grund und Boden von neuem wieder unter den Menschen aufgeteilt, und es zeigte sich, daß diese Stämme dadurch stark geworden waren, daß sie die Bruderschaft in bezug auf materielle Güter bis zu einer außerordentlichen Höhe getrieben hatten.
[ 7 ] So what role has brotherhood played in human development? We need only take a look at our own ancestors on the very same land where we live today. It is easy to get the impression that hunting and war were the primary driving forces and that they were the main factors shaping the character of those people. But anyone who delves deeper into history will find that this is not true, that it was precisely those—even among the Germanic tribes—who had developed the principle of brotherhood to an extraordinary degree who flourished the most. We find this principle of brotherhood manifested above all in the way property was regulated in the periods before and after the Migration Period. To the greatest extent, there was communal ownership of land. The village common, where people lived together, had shared land ownership, and with the exception of the few items belonging directly to household use—such as tools and perhaps a garden—everything that constituted property was held in common. From time to time, the land was redistributed among the people, and it became apparent that these tribes had grown strong by taking their brotherhood with regard to material goods to an extraordinary level.
[ 8 ] Wenn wir einige Jahrhunderte weitergehen, finden wir, daß dieses Prinzip uns in außerordentlich fruchtbringender Weise entgegentritt. Das Prinzip der Bruderschaft, wie es ausgeprägt ist in der alten Dorfmark, in den alten Zuständen, wo die Menschen ihre Freiheit im brüderlichen Zusammenleben fanden, drückte sich besonders charakteristisch darin aus, daß man so weit ging, das, was der einzelne besaß, bei seinem Tode auf seinem Grunde zu verbrennen, weil man nichts, was einem einzelnen als Einzelbesitz gehörte, nach dem Tode desselben besitzen wollte. Als mit diesem Prinzip gebrochen worden war infolge verschiedener Verhältnisse, namentlich weil einzelne sich Großgrundbesitz angeeignet hatten und die Menschen in der umliegenden Gegend dadurch zur Leibeigenschaft und zu Frondiensten gezwungen waren, da machte sich das Prinzip der Bruderschaft in einer andern, leuchtenden Weise geltend. Die, welche bedrückt waren von den Herren, den Besitzenden, wollten sich von ihrem Druck freimachen. So sehen wir in der Mitte des Mittelalters eine große, gewaltige Freiheitsbewegung durch ganz Europa gehen. Diese Freiheitsbewegung stand im Zeichen der allgemeinen Bruderschaft, aus der eine allgemeine Kultur hervorblühte. Wir sind in der sogenannten Städtekultur in der Mitte des Mittelalters. Diejenigen Menschen, welche es nicht aushalten konnten unter der Fronarbeit auf den Gütern, entflohen ihren Herren und suchten ihre Freiheit in den erweiterten Städten. Da kamen die Menschen von oben herunter, von Schottland, Frankreich und Rußland, von allen Seiten her kamen sie und brachten die freien Städte zusammen. Dadurch entwickelte sich das Prinzip der Bruderschaft, und in der Art, wie es sich betätigte, wurde es im höchsten Maße kulturfördernd. Diejenigen, welche gemeinschaftliche, gleichartige Beschäftigungen hatten, schlossen sich zu Vereinigungen zusammen, die man Schwurbruderschaften nannte und die später zu den Gilden auswuchsen. Diese Schwurbruderschaften waren weit mehr als bloße Vereinigungen der gewerblichen oder handeltreibenden Menschen. Sie entwickelten sich aus dem praktischen Leben heraus zu einer moralischen Höhe. Das gegenseitige Sich-Beistehen, die gegenseitige Hilfeleistung war in hohem Maße bei diesen Bruderschaften ausgebildet, und viele Dinge, um die sich heute fast niemand mehr kümmert, waren Gegenstand solchen Beistandes. So leisteten sich zum Beispiel die Angehörigen einer solchen Bruderschaft in der Weise Hilfe, daß sie sich in Krankheitsfällen unterstützten. Es wurden von Tag zu Tag zwei Brüder bestimmt, die am Bette eines kranken Bruders Wache halten mußten. Es wurden die Kranken mit Nahrungsmitteln unterstützt, ja es wurde selbst über den Tod hinaus brüderlich gedacht, indem es als ganz besonders ehrenvoll galt, den zur Bruderschaft Gehörigen in entsprechender Weise zu begraben. Endlich gehörte es auch zur Ehre der Schwurbruderschaft, die Witwen und Waisen zu versorgen. Daraus sehen Sie, wie ein Verständnis für die Moral im Gemeinschaftsleben erwuchs, wie sich diese Moral auf dem Grunde eines Bewußtseins bildete, von dem sich der heutige Mensch schwer eine Vorstellung machen kann. Glauben Sie nicht, daß hier in irgendeiner Weise die gegenwärtigen Verhältnisse getadelt werden sollen. Sie sind notwendig geworden, so wie es auch nötig gewesen ist, daß die mittelalterlichen Verhältnisse in ihrer Art zum Ausdrucke gekommen sind. Verstehen müssen wir nur, daß es auch andere Phasen der Entwickelung gab als die heutige.
[ 8 ] If we move forward a few centuries, we find that this principle presents itself to us in an extraordinarily fruitful way. The principle of brotherhood, as it was embodied in the old village community, in the old social conditions where people found their freedom in fraternal coexistence, was expressed in a particularly characteristic way by the practice of going so far as to burn what an individual owned on his own land upon his death, because people did not want to possess anything that belonged to an individual as private property after his death. When this principle was broken as a result of various circumstances—namely, because individuals had appropriated large estates and the people in the surrounding area were thereby forced into serfdom and compulsory labor—the principle of brotherhood asserted itself in another, resplendent way. Those who were oppressed by the lords, the landowners, wanted to free themselves from their oppression. Thus, in the middle of the Middle Ages, we see a great, powerful movement for freedom sweeping across all of Europe. This movement for freedom was characterized by universal brotherhood, from which a universal culture blossomed. We are in the so-called urban culture of the Middle Ages. Those people who could no longer endure corvée labor on the estates fled their lords and sought their freedom in the expanding cities. Then people came down from the north—from Scotland, France, and Russia—they came from all directions and brought the free cities together. Through this, the principle of brotherhood developed, and in the way it manifested itself, it became a powerful force for cultural advancement. Those who shared similar occupations joined together to form associations known as sworn brotherhoods, which later evolved into guilds. These sworn brotherhoods were far more than mere associations of artisans or merchants. They developed from practical life to a higher moral plane. Mutual support and assistance were highly developed within these brotherhoods, and many matters that almost no one concerns themselves with today were the subject of such support. For example, the members of such a brotherhood helped one another by providing support in cases of illness. Each day, two brothers were designated to keep vigil at the bedside of a sick brother. The sick were provided with food, and fraternal concern extended even beyond death, as it was considered a particularly great honor to bury a member of the brotherhood in a fitting manner. Finally, it was also considered an honor for the sworn brotherhood to provide for widows and orphans. From this you can see how an understanding of morality in communal life arose, and how this morality was formed on the basis of a consciousness that is difficult for people today to imagine. Do not think that the present conditions are being criticized in any way here. They have become necessary, just as it was necessary for medieval conditions to find expression in their own way. We must simply understand that there were other phases of development besides the one we experience today.
[ 9 ] In den freien Städten des Mittelalters sprach man überall von einem «Gerichtspreis», von einem «Gerichtsmarkt». Was war damit gemeint? Ich will es an einem konkreten Beispiele anschaulich machen. Wenn von den umliegenden Ländereien Produkte in eine Stadt gebracht wurden, so war es streng verboten, daß sie in den ersten Tagen anders als im Kleinverkauf abgesetzt wurden. Niemand durfte im großen kaufen und Zwischenhändler werden. Niemals war damals daran gedacht worden, daß der Preis durch Angebot und Nachfrage geregelt werden sollte. Man verstand damals beides zu regulieren. Die Gruppen in den Städten oder die Gilden mußten den Mitgliedern, welche nach Darlegung dessen, was erforderlich war, um Waren herzustellen, um Produzent zu werden, aufgenommen worden waren, den Preis für diese Produkte feststellen. Niemand durfte den Preis überschreiten. Wenn wir selbst über die Arbeitsverhältnisse ein wenig Umschau halten, dann sehen wir, wie ein gründliches Verständnis vorhanden war für das, was ein Mensch nötig hatte. Wenn wir die Arbeitslöhne der damaligen Zeit unter Berücksichtigung der ganz andern Verhältnisse betrachten, so müssen wir uns sagen, wie damals ein Arbeiter entlohnt war, das hält keinen Vergleich aus mit der Entlohnung von heute. Oftmals ist diese Tatsache von den Forschern ganz falsch gedeutet worden.
[ 9 ] In the free cities of the Middle Ages, people everywhere spoke of a “court price” and a “court market.” What was meant by this? I will illustrate it with a concrete example. When products were brought into a city from the surrounding countryside, it was strictly forbidden to sell them in any way other than by retail during the first few days. No one was allowed to buy in bulk and act as a middleman. At that time, it had never occurred to anyone that prices should be determined by supply and demand. Back then, people knew how to regulate both. The groups in the cities—or the guilds—had to set the price for these products for members who had been admitted after demonstrating what was required to produce goods and become producers. No one was allowed to exceed that price. If we take a brief look at working conditions ourselves, we see how thoroughly people understood what a person needed. If we examine the wages of that time, taking into account the entirely different circumstances, we must acknowledge that the way a worker was paid back then bears no comparison to today’s wages. This fact has often been completely misinterpreted by researchers.
[ 10 ] Nach praktischen Gesichtspunkten waren diese Bruderschaften gestaltet und daher bildeten sie sich auch allmählich nach solchen praktischen Gesichtspunkten aus. Sie griffen dann von einer Stadt zur andern über, denn es war natürlich, daß diejenigen, welche in den verschiedenen Städten ein gemeinsames Handwerk und gemeinsame Interessen hatten, sich miteinander verbanden und sich gegenseitig unterstützten. So dehnten sich die Verbände von Stadt zu Stadt aus.
[ 10 ] These guilds were organized according to practical considerations and, as a result, gradually took shape in accordance with those practical considerations. They then spread from one city to another, for it was natural that those who shared a common trade and common interests in the various cities would join together and support one another. Thus, the associations expanded from city to city.
[ 11 ] Die Menschheit war damals noch nicht unter Polizeimaßregeln vereinigt, sondern unter praktischen Gesichtspunkten. Wer sich die Mühe nimmt, die Verhältnisse zu studieren, welche damals gleichmäßig in den Städten Europas sichtbar waren, der merkt sehr bald, daß wir es hier mit einer ganz bestimmten Phase der Vertiefung des Bruderschaftsprinzips zu tun haben. Das zeigt sich besonders, wenn wir sehen, welche Frucht sich daraus entwickelt hat. Wir könnten zunächst auf die höchsten Gipfel hinweisen, auf die gewaltigen Kunstleistungen des i2. und 1i3. Jahrhunderts. Sie wären nicht möglich gewesen ohne diese Vertiefung des Bruderschaftsprinzips. Dantes gewaltiges Werk, «Die Göttliche Komödie», verstehen wir kulturhistorisch nur dann, wenn wir die Ausprägung des Bruderschaftsprinzips verstehen. Sehen Sie sich ferner an, was in den Städten unter den Einflüssen dieses Prinzips entstanden ist, zum Beispiel wie Buchdruckerkunst, Kupferdruck, Papierbereitung, Uhrmacherkunst und die später erscheinenden Erfindungen sich unter dem freien Prinzip der Bruderschaft vorbereiteten. Was wir das Bürgertum zu nennen gewohnt sind, geht aus der Pflege des Bruderschaftsprinzips in den mittelalterlichen Städten hervor. Vieles, was durch die wissenschaftliche und künstlerische Vertiefung hervorgebracht worden ist, wäre nicht möglich gewesen ohne die Pflege dieses Bruderschaftsprinzips. Wenn ein Dom gebaut werden sollte, nehmen wir den Kölner Dom oder irgendeinen andern, dann sehen wir, daß sich zunächst eine Vereinigung bildete, eine sogenannte Baugilde, wodurch ein entschiedenes Zusammenwirken der Mitglieder einer solchen Gilde entstand. Man kann, wenn man einen intuitiven Blick dafür hat, sogar in dem Baustil dieses Bruderschaftsprinzip zum Ausdruck gebracht sehen, man kann es zum Ausdruck gebracht sehen fast in jeder mittelalterlichen Stadt, und Sie finden es überall, ob Sie nach dem Norden von Schottland oder nach Venedig gehen, ob Sie sich russische oder polnische Städte ansehen.
[ 11 ] At that time, humanity was not yet united by police regulations, but rather by practical considerations. Anyone who takes the trouble to study the conditions that were uniformly evident in the cities of Europe at that time will very soon realize that we are dealing here with a very specific phase in the deepening of the principle of brotherhood. This becomes particularly evident when we see the fruits that developed from it. We could begin by pointing to the highest peaks—the magnificent artistic achievements of the 12th and 13th centuries. They would not have been possible without this deepening of the principle of brotherhood. We can understand Dante’s monumental work, *The Divine Comedy*, in a cultural-historical context only if we understand the manifestation of the principle of brotherhood. Consider, furthermore, what emerged in the cities under the influence of this principle—for example, how the art of printing, copperplate engraving, papermaking, watchmaking, and the inventions that appeared later were laid the groundwork under the free principle of brotherhood. What we are accustomed to calling the bourgeoisie arose from the cultivation of the principle of brotherhood in medieval cities. Much of what has been brought about by scientific and artistic advancement would not have been possible without the cultivation of this principle of brotherhood. When a cathedral was to be built—take Cologne Cathedral or any other—we see that an association was first formed, a so-called builders’ guild, which gave rise to a decisive collaboration among the members of such a guild. If one has an intuitive eye for it, one can even see this principle of brotherhood expressed in the architectural style; one can see it expressed in almost every medieval city, and you will find it everywhere, whether you go to the north of Scotland or to Venice, whether you look at Russian or Polish cities.
[ 12 ] Das eine müssen wir betonen, daß das Bruderschaftsprinzip unter dem Einflusse einer entschieden in die materielle Kultur hineingehenden Zeitströmung herausgekommen ist, und deshalb sehen wir sowohl in dem, was als höhere Kultur hervorgeht, wie in dem, was als Frucht jener Zeit uns bleibt, überall das Materielle, das Physische. Es mußte einmal gepflegt werden, und um es richtig zu pflegen, es auszugestalten, war dieses Bruderschaftsprinzip dazumal nötig. Aus einer Abstraktion heraus ist dieses Bruderschaftsprinzip seinerzeit hervorgegangen und durch diese Abstraktion, durch dieses verstandesmäßige Denken ist unser Leben gespalten worden, so daß man heute nicht mehr recht weiß, nicht mehr recht begreift, wie Daseinskampf und Bruderschaftsprinzip in ihrer gegenseitigen Beziehung zusammenwirken. Auf der einen Seite wurde das Geistesleben immer abstrakter und abstrakter. Moral und Gerechtigkeit, Anschauungen in bezug auf das Staatswesen und die andern gesellschaftlichen Verhältnisse wurden unter immer abstraktere Grundsätze gebracht, und der Daseinskampf wurde immer mehr und mehr durch eine Kluft von dem getrennt, was der Mensch eigentlich als sein Ideal fühlt. Dazumal, in der Mitte des Mittelalters, bestand eine Harmonie zwischen dem, was man als sein Ideal fühlte und dem, was man wirklich tat, und wenn je einmal gezeigt worden ist, daß man Idealist und Praktiker zugleich sein kann, so ist das im Mittelalter der Fall gewesen. Auch das Verhältnis des römischen Rechtes zum Leben war noch ein harmonisches. Schauen Sie sich dagegen heute die Sache an, dann finden Sie, wie unsere Rechtsverhältnisse über dem moralischen Leben schweben. Viele sagen: Wir wissen, was gut, recht und billig ist, aber praktisch ist es nicht. — Das kommt davon her, daß das Denken über die höchsten Prinzipien vom Leben abgetrennt ist.
[ 12 ] We must emphasize one thing: that the principle of brotherhood emerged under the influence of a current of the times that was decidedly rooted in material culture; and therefore, we see the material and the physical everywhere—both in what emerges as higher culture and in what remains to us as the fruit of that era. It had to be cultivated at one time, and in order to cultivate it properly—to give it form—this principle of brotherhood was necessary back then. This principle of brotherhood arose at that time out of an abstraction, and through this abstraction—through this intellectual thinking—our life has been divided, so that today we no longer really know, no longer really understand, how the struggle for existence and the principle of brotherhood interact in their mutual relationship. On the one hand, spiritual life became increasingly abstract. Morality and justice, as well as views regarding the state and other social conditions, were subsumed under ever more abstract principles, and the struggle for existence became increasingly separated by a gulf from what human beings actually feel to be their ideal. Back then, in the middle of the Middle Ages, there was harmony between what people felt was their ideal and what they actually did; and if it has ever been demonstrated that one can be both an idealist and a pragmatist, that was certainly the case in the Middle Ages. The relationship between Roman law and life was also still a harmonious one. If, on the other hand, you look at the situation today, you will find that our legal relationships hover above moral life. Many say: We know what is good, right, and just, but it is not practical. — This stems from the fact that thinking about the highest principles is separated from life.
[ 13 ] Vom 16. Jahrhundert ab sehen wir das geistige Leben mehr unter den Grundsätzen des Verstandes sich entwickeln. Derjenige, der aus seiner Gilde heraus, mit den andern zwölf Schöffen zusammen zu Gericht saß über irgendein Vergehen, das ein Mitglied der Gilde begangen hatte, er war der Bruder dessen, der gerichtet werden sollte. Leben verband sich mit Leben. Jeder wußte, was der andere arbeitete, und jeder versuchte zu begreifen, warum er einmal abweichen konnte von dem richtigen Wege. Man sah gleichsam in den Bruder hinein und wollte in ihn hineinsehen.
[ 13 ] From the 16th century onward, we see intellectual life developing more in accordance with the principles of reason. The man who, as a member of his guild, sat on the bench with the other twelve lay judges to adjudicate some offense committed by a fellow guild member was the brother of the one who was to be judged. Life was intertwined with life. Everyone knew what the others did for a living, and everyone tried to understand why someone might stray from the right path. It was as if one could see right into the brother and wanted to look deep within him.
[ 14 ] Jetzt hat sich eine Jurisprudenz herausgebildet der Art, daß den Richter und den Anwalt nur das Gesetzbuch interessiert, daß beide nur einen «Fall» sehen, auf den sie das Gesetz anzuwenden haben. Betrachten Sie nur, wie alles, was moralisch gedacht ist, von der Rechtswissenschaft losgelöst ist. Diesen Zustand haben wir immer mehr im letzten Jahrhundert sich entwickeln sehen, während im Mittelalter unter dem Prinzip der Bruderschaft sich etwas herausgebildet hatte, was notwendig und wichtig ist für jeden gedeihlichen Fortschritt: Sachverständigkeit und Vertrauen, die heute als Prinzip immer mehr in Fortfall kommen. Das Urteil des Sachverständigen ist heute fast ganz zurückgetreten gegenüber der abstrakten Jurisprudenz, gegenüber dem abstrakten Parlamentarismus. Der Allerweltsverstand, die Majorität soll heute das Maßgebende sein, nicht das Sachverständnis. Die Bevorzugung der Majorität mußte kommen. Aber ebensowenig wie man in der Mathematik abstimmen kann, um ein richtiges Resultat herauszubringen — denn 3 mal 3 ist immer 9 und 3 mal 9 ist immer 27 —, so ist es auch da. Unmöglich wäre es, das Prinzip des Sachverständigen durchzuführen ohne das Prinzip der Bruderschaft, der Bruderliebe.
[ 14 ] A body of jurisprudence has now emerged in which judges and lawyers are concerned only with the law code, and in which both see only a “case” to which they must apply the law. Just consider how everything that is conceived in moral terms is detached from jurisprudence. We have seen this state of affairs develop more and more over the last century, whereas in the Middle Ages, under the principle of brotherhood, something had emerged that is necessary and important for any flourishing progress: expertise and trust, which today are increasingly falling by the wayside as principles. Today, the expert’s judgment has almost entirely given way to abstract jurisprudence and abstract parliamentarianism. Common sense and the majority are now supposed to be the determining factors, not expert knowledge. The prioritization of the majority was bound to happen. But just as one cannot vote in mathematics to arrive at a correct result—for 3 times 3 is always 9 and 3 times 9 is always 27—so it is here as well. It would be impossible to implement the principle of the expert without the principle of brotherhood, of brotherly love.
[ 15 ] Der Daseinskampf hat seine Berechtigung im Leben. Dadurch, daß der Mensch ein Sonderwesen ist, daß er als einzelner seinen Weg durch das Leben gehen muß, ist er auf diesen Daseinskampf angewiesen. In gewisser Beziehung gilt auch hier das Wort Rückerts: Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten. — Machen wir uns nicht fähig, unseren Mitmenschen zu helfen, so werden wir ihnen auch schlecht helfen können. Sehen wir nicht zu, daß alle unsere Anlagen ausgebildet werden, so werden wir auch nur geringen Erfolg haben, unseren Brüdern zu helfen. Um diese Anlagen zur Entwickelung zu bringen, muß ein gewisser Egoismus vorhanden sein, denn Initiative hängt mit Egoismus zusammen. Wer es versteht, sich nicht führen zu lassen, wer es versteht, nicht jedes Bild aus der Umgebung auf sich wirken zu lassen, sondern hinabzusteigen in sein Inneres, wo die Quellen der Kräfte sind, der wird sich zu einem kräftigen und fähigen Menschen ausbilden und bei ihm wird die Möglichkeit, andern Dienste zu leisten, viel mehr vorhanden sein als bei dem, welcher sich allen möglichen Einflüssen seiner Umgebung fügt. Es liegt nahe, daß dieses Prinzip, das für den Menschen notwendig ist, ins Radikale ausgearbeitet werden kann. Nur dann wird aber dieses Prinzip die richtigen Früchte tragen, wenn es gepaart ist mit dem Prinzip der Bruderliebe.
[ 15 ] The struggle for existence has its place in life. Because human beings are unique creatures, because each individual must make his or her own way through life, they are dependent on this struggle for existence. In a certain sense, Rückert’s words apply here as well: When the rose adorns itself, it also adorns the garden. — If we do not make ourselves capable of helping our fellow human beings, we will be of little help to them. If we do not ensure that all our talents are developed, we will have only limited success in helping our brothers. To develop these talents, a certain degree of self-interest must be present, for initiative is linked to self-interest. Whoever knows how not to let themselves be led, whoever knows how not to let every impression from their surroundings affect them, but instead to descend into their inner self, where the sources of strength lie, will develop into a strong and capable person, and will have far greater capacity to serve others than one who submits to every possible influence of their environment. It stands to reason that this principle, which is essential for human beings, can be taken to extremes. However, this principle will bear the right fruit only when it is paired with the principle of brotherly love.
[ 16 ] Ich habe gerade aus diesem Grunde die freien Städtegilden des Mittelalters als praktisches Beispiel angeführt, um zu zeigen, wie das Praktische gerade unter dem Prinzip der gegenseitigen persönlichen, individuellen Hilfeleistung so stark geworden ist. Woraus haben sie die Stärke gesogen? Daraus, daß sie mit ihren Mitmenschen in Bruderschaft gelebt haben. Recht ist es, sich so stark wie möglich zu machen. Aber die Frage ist, ob wir überhaupt stark werden können Ohne die Bruderliebe. Diese Frage muß derjenige, der sich zu einer wirklichen Seelenkenntnis aufschwingt, mit einem entschiedenen Nein beantworten.
[ 16 ] It is precisely for this reason that I cited the free city guilds of the Middle Ages as a practical example to show how practical life became so strong precisely under the principle of mutual, personal, and individual assistance. Where did they draw their strength from? From the fact that they lived in brotherhood with their fellow human beings. It is right to make oneself as strong as possible. But the question is whether we can become strong at all without brotherly love. Anyone who rises to a true understanding of the soul must answer this question with a decisive “no.”
[ 17 ] Wir sehen in der ganzen Natur Vorbilder des Zusammenwirkens von Einzelwesen in einem Ganzen. Nehmen Sie bloß den menschlichen Körper. Er besteht aus selbständigen Wesen, aus Millionen und Abermillionen von einzelnen selbständigen Lebewesen oder Zellen. Wenn Sie einen Teil dieses menschlichen Körpers unter dem Mikroskop betrachten, so finden Sie, daß er geradezu aus solchen selbständigen Wesen zusammengesetzt ist. Wie wirken sie aber zusammen? Wie ist dasjenige selbstlos geworden, das in der Natur ein Ganzes bilden soll? Keine unserer Zellen macht ihre Sonderheit in egoistischer Weise geltend. Das Wunderwerkzeug des Gedankens, das Gehirn, ist ebenfalls aus Millionen feiner Zellen gebildet, aber jede wirkt an ihrem Platze in harmonischer Weise mit den andern. Was bewirkt das Zusammenwirken dieser kleinen Zellen, was bewirkt es, daß ein höheres Wesen innerhalb dieser kleinen Lebewesen zum Ausdrucke kommt? Des Menschen Seele ist es, die diese Wirkung hervorbringt. Aber niemals könnte die menschliche Seele hier auf Erden wirken, wenn nicht diese Millionen kleiner Wesen ihre Selbstheit aufgeben und sich in den Dienst des großen, gemeinsamen Wesens stellen würden, das wir als die Seele bezeichnen. Die Seele sieht mit den Zellen des Auges, denkt mit den Zellen des Gehirns, lebt mit den Zellen des Blutes. Da sehen wir, was Vereinigung bedeutet. Vereinigung bedeutet die Möglichkeit, daß ein höheres Wesen durch die vereinigten Glieder sich ausdrückt. Das ist ein allgemeines Prinzip in allem Leben. Fünf Menschen, die zusammen sind, harmonisch miteinander denken und fühlen, sind mehr als 1 + 1 + 1 + 1 + 1, sie sind nicht bloß die Summe aus den fünf, ebensowenig wie unser Körper die Summe aus den fünf Sinnen ist, sondern das Zusammenleben, das Ineinanderleben der Menschen bedeutet etwas ganz Ähnliches, wie das Ineinanderleben der Zellen des menschlichen Körpers. Eine neue, höhere Wesenheit ist mitten unter den fünfen, ja schon unter zweien oder dreien. «Wo zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Es ist nicht der eine und der andere und der dritte, sondern etwas ganz Neues, was durch die Vereinigung entsteht. Aber es entsteht nur, wenn der einzelne in dem andern lebt, wenn der einzelne seine Kraft nicht bloß aus sich selbst, sondern auch aus den andern schöpft. Das kann aber nur geschehen, wenn er selbstlos in dem andern lebt. So sind die menschlichen Vereinigungen die geheimnisvollen Stätten, in welche sich höhere geistige Wesenheiten herniedersenken, um durch die einzelnen Menschen zu wirken, wie die Seele durch die Glieder des Körpers wirkt.
[ 17 ] Throughout nature, we see examples of how individual beings interact to form a whole. Just take the human body, for example. It consists of independent entities—millions upon millions of individual, independent living beings, or cells. If you examine a part of this human body under a microscope, you will find that it is literally composed of such independent entities. But how do they work together? How has that which is meant to form a whole in nature become selfless? None of our cells asserts its individuality in a selfish manner. The marvelous instrument of thought—the brain—is likewise formed from millions of minute cells, yet each functions harmoniously with the others in its proper place. What brings about the interaction of these tiny cells? What enables a higher being to find expression within these tiny living entities? It is the human soul that brings about this effect. But the human soul could never function here on earth if these millions of tiny beings did not relinquish their individuality and place themselves in the service of the great, shared being that we call the soul. The soul sees through the cells of the eye, thinks through the cells of the brain, and lives through the cells of the blood. Here we see what union means. Union means the possibility that a higher being expresses itself through the united parts. This is a universal principle in all life. Five people who are together, thinking and feeling in harmony with one another, are more than 1 + 1 + 1 + 1 + 1; they are not merely the sum of the five, any more than our body is the sum of the five senses. Rather, the coexistence and interdependence of human beings signify something very similar to the interdependence of the cells of the human body. A new, higher being is present among the five—indeed, even among two or three. “Where two or three are gathered in my name, there am I in their midst.” It is not the one, the other, and the third, but something entirely new that arises through their union. But it arises only when the individual lives within the other, when the individual draws strength not merely from within themselves but also from the others. But this can only happen if he lives selflessly within the other. Thus, human communities are the mysterious places into which higher spiritual beings descend to work through individual human beings, just as the soul works through the limbs of the body.
[ 18 ] In unserem materialistischen Zeitalter wird man das nicht leicht glauben, aber in der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung ist es nicht bloß etwas Bildliches, sondern im höchsten Grade Wirkliches. Daher spricht der Geisteswissenschafter nicht bloß von abstrakten Dingen, wenn er von dem Volksgeist oder von der Volksseele oder von dem Familiengeist oder von dem Geiste einer andern Gemeinschaft spricht. Sehen kann man diesen Geist nicht, der in einer Vereinigung wirkt, aber da ist er, und er ist da durch die Bruderliebe der in dieser Vereinigung wirkenden Persönlichkeiten. Wie der Körper eine Seele hat, so hat eine Gilde, eine Bruderschaft auch eine Seele, und ich wiederhole noch einmal, es ist das nicht bloß bildlich gesprochen, sondern als volle Wirklichkeit zu nehmen.
[ 18 ] In our materialistic age, this may be hard to believe, but from the perspective of the spiritual sciences, it is not merely a figurative concept, but something that is real in the highest degree. That is why the spiritual scientist does not speak merely of abstract things when he speaks of the national spirit, the national soul, the family spirit, or the spirit of another community. One cannot see this spirit at work within an association, but it is there, and it exists through the brotherly love of the individuals active within that association. Just as the body has a soul, so too does a guild or a brotherhood have a soul, and I repeat once more: this is not merely a figure of speech, but must be taken as full reality.
[ 19 ] Zauberer sind die Menschen, die in der Bruderschaft zusammen wirken, weil sie höhere Wesen in ihren Kreis ziehen. Man braucht sich nicht mehr auf die Machinationen des Spiritismus zu berufen, wenn man mit Bruderliebe in einer Gemeinschaft zusammenwirkt. Höhere Wesen manifestieren sich da. Geben wir uns in der Bruderschaft auf, so ist dieses Aufgeben, dieses Aufgehen in der Gesamtheit eine Stählung, eine Kräftigung unserer Organe. Wenn wir dann als Mitglied einer solchen Gemeinschaft handeln oder reden, so handelt oder redet in uns nicht die einzelne Seele, sondern der Geist der Gemeinschaft. Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukünftigen Menschheit, aus Gemeinschaften heraus zu wirken. Wie eine Epoche die andere ablöst und jede ihre eigene Aufgabe hat, so ist es auch mit der mittelalterlichen Epoche im Verhältnis zu der unsrigen, mit unserer Epoche im Verhältnis zu der zukünftigen. Im unmittelbaren praktischen Leben, bei der Grundlegung der nützlichen Künste, haben die mittelalterlichen Bruderschaften gewirkt. Ein materialistisches Leben haben sie erst gezeigt, nachdem sie ihre Früchte erhalten hatten, ihre Bewußtseinsgrundlage, nämlich die Brüderlichkeit, aber mehr oder weniger geschwunden war, nachdem das abstrakte Staatsprinzip, das abstrakte, geistige Leben anstelle wirklichen Ineinanderfühlens getreten war. Der Zukunft obliegt es, wieder Bruderschaften zu begründen, und zwar aus dem Geistigen, aus den höchsten Idealen der Seele heraus. Das Leben der Menschen hat bisher die mannigfaltigsten Vereinigungen gezeitigt, es hat einen furchtbaren Daseinskampf hervorgerufen, der heute geradezu an seinem Gipfelpunkte angekommen ist. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung will die höchsten Güter der Menschheit im Sinne des Bruderschaftsprinzips ausbilden, und so sehen Sie dann, daß die geisteswissenschaftliche Weltbewegung auf allen Gebieten dieses Bruderschaftsprinzip an die Stelle des Daseinskampfes setzt. Ein Gemeinschaftsleben müssen wir führen lernen. Wir dürfen nicht glauben, daß der eine oder der andere imstande sei, dieses oder jenes durchzuführen.
[ 19 ] Magicians are those who work together in the Brotherhood because they draw higher beings into their circle. There is no longer any need to resort to the machinations of spiritualism when one works together in a community with brotherly love. Higher beings manifest themselves there. When we surrender ourselves to the Brotherhood, this surrender—this merging into the whole—is a tempering, a strengthening of our faculties. When we then act or speak as members of such a community, it is not the individual soul that acts or speaks within us, but the spirit of the community. This is the secret of the progress of future humanity: to work from within communities. Just as one epoch succeeds another and each has its own task, so it is with the medieval epoch in relation to our own, and with our epoch in relation to the future one. In immediate practical life, in laying the foundations of the useful arts, the medieval brotherhoods were active. They only began to lead a materialistic life after they had reaped their rewards, once the foundation of their consciousness—namely, brotherhood—had more or less faded away, and the abstract principle of the state, the abstract, spiritual life, had taken the place of genuine empathy. It is up to the future to reestablish brotherhoods, and to do so from the spiritual realm, from the highest ideals of the soul. Human life has thus far given rise to the most diverse associations; it has brought about a terrible struggle for existence, which today has reached its very peak. The spiritual-scientific worldview seeks to develop humanity’s highest goods in accordance with the principle of brotherhood, and so you will see that the spiritual-scientific world movement replaces the struggle for existence with this principle of brotherhood in all areas. We must learn to lead a communal life. We must not believe that one person or another is capable of accomplishing this or that.
[ 20 ] Es möchte wohl ein jeder gerne wissen, wie man Daseinskampf und Bruderliebe miteinander vereinigt. Das ist sehr einfach. Wir müssen lernen, den Kampf durch positive Arbeit zu ersetzen, den Kampf, den Krieg zu ersetzen durch das Ideal. Man versteht heute nur noch zu wenig, was das heißt. Man weiß nicht, von welchem Kampf man spricht, denn man spricht im Leben überhaupt nur noch von Kämpfen. Da haben wir den sozialen Kampf, den Kampf um den Frieden, den Kampf um die Emanzipation der Frau, den Kampf um Grund und Boden und so weiter, überall, wohin wir blicken, sehen wir Kampf.
[ 20 ] Everyone would probably like to know how to reconcile the struggle for existence with brotherly love. It’s very simple. We must learn to replace struggle with positive work, and to replace war with the ideal. Today, people still understand far too little of what that means. People don’t know which struggle they’re talking about, because in life, all they ever talk about are struggles. There’s the social struggle, the struggle for peace, the struggle for women’s emancipation, the struggle for land, and so on—everywhere we look, we see struggle.
[ 21 ] Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung strebt nun dahin, an die Stelle dieses Kampfes die positive Arbeit zu setzen. Derjenige, der sich eingelebt hat in diese Weltanschauung, der weiß, daß das Kämpfen auf keinem Gebiete des Lebens zu einem wirklichen Resultate führt. Suchen Sie das, was sich in Ihrer Erfahrung und vor Ihrer Erkenntnis als das Richtige erweist, in das Leben einzuführen, es geltend zu machen, ohne den Gegner zu bekämpfen. Es kann natürlich nur ein Ideal sein, aber es muß ein solches Ideal vorhanden sein, das heute als geisteswissenschaftlicher Grundsatz in das Leben einzuführen ist. Menschen, die sich an Menschen schließen und die ihre Kraft für alle einsetzen, das sind diejenigen, welche die Grundlage abgeben für eine gedeihliche Entwickelung in die Zukunft hinein. Die Theosophische Gesellschaft will selbst in dieser Beziehung mustergültig sein, sie ist deshalb nicht eine Propagandagesellschaft wie andere, sondern eine Brudergesellschaft. In ihr wirkt man durch die Arbeit eines jeden einzelnen der Mitglieder. Man muß das nur einmal richtig verstehen. Derjenige wirkt am besten, der nicht seine Meinung durchsetzen will, sondern das, was er seinen Mitbrüdern an den Augen ansieht; der in den Gedanken und Gefühlen der Mitmenschen forscht und sich zu deren Diener macht. Der wirkt am besten innerhalb dieses Kreises, der im praktischen Leben durchführen kann, die eigene Meinung nicht zu schonen. Wenn wir in dieser Weise zu verstehen suchen, daß unsere besten Kräfte aus der Vereinigung entspringen und daß die Vereinigung nicht bloß als abstrakter Grundsatz festzuhalten, sondern vor allen Dingen in theosophischer Weise bei jedem Handgriffe, in jedem Augenblicke des Lebens zu betätigen ist, dann werden wir vorwärtskommen. Wir dürfen nur keine Ungeduld haben in diesem Vorwärtskommen.
[ 21 ] The humanistic worldview now strives to replace this struggle with positive work. Those who have come to embrace this worldview know that struggle leads to no real results in any area of life. Seek to introduce into life that which, in your experience and according to your understanding, proves to be right, and to assert it without fighting your opponent. Of course, this can only be an ideal, but such an ideal must exist—one that is to be introduced into life today as a spiritual-scientific principle. People who draw close to others and devote their strength to the benefit of all—these are the ones who lay the foundation for a flourishing development into the future. The Theosophical Society aims to be exemplary in this regard; it is therefore not a propaganda organization like others, but a brotherhood. Within it, the work of each individual member makes a difference. One need only understand this correctly once. The person who works most effectively is not the one who seeks to impose his own opinion, but rather the one who sees what is evident in the eyes of his fellow members; the one who probes the thoughts and feelings of his fellow human beings and makes himself their servant. The person who works most effectively within this circle is the one who, in practical life, is able to refrain from sparing his own opinion. If we seek to understand in this way—that our greatest strengths spring from the Society, and that the Society is not merely to be upheld as an abstract principle but, above all, is to be put into practice in a theosophical manner in every action, in every moment of life—then we will make progress. We must simply not be impatient in this progress.
[ 22 ] Was zeigt uns also die Geisteswissenschaft? Sie zeigt uns eine höhere Wirklichkeit, und dieses Bewußtsein einer höheren Wirklichkeit ist es, was uns in der Betätigung des Bruderschaftsprinzips vorwärtsbringt.
[ 22 ] So what does spiritual science show us? It shows us a higher reality, and it is this awareness of a higher reality that moves us forward in the practice of the principle of brotherhood.
[ 23 ] Man nennt heute noch die Theosophen unpraktische Idealisten. Es wird nicht lange dauern, so werden sie sich als die Praktischsten erweisen, weil sie mit den Kräften des Lebens rechnen. Niemand wird daran zweifeln, daß man einen Menschen verletzt, wenn man ihm einen Stein an den Kopf wirft. Daß es aber viel schlimmer ist, dem Menschen ein Haßgefühl zuzusenden, das die Seele des Menschen viel mehr verletzt als der Stein den Körper, das wird nicht bedacht. Es kommt ganz darauf an, in welcher Gesinnung wir den Mitmenschen gegenüberstehen. Es hängt aber auch gerade davon unsere Kraft für ein gedeihliches Wirken in der Zukunft ab. Wenn wir uns bemühen, so in Bruderschaft zu leben, dann führen wir das Prinzip der Bruderschaft praktisch aus.
[ 23 ] Even today, theosophists are still called impractical idealists. It won’t be long before they prove to be the most practical of all, because they take the forces of life into account. No one will doubt that throwing a stone at a person’s head causes them harm. But people do not consider that it is far worse to send a person a feeling of hatred, which wounds the human soul far more deeply than the stone wounds the body. It all depends on the attitude with which we face our fellow human beings. Yet our ability to work effectively for a prosperous future also depends precisely on this. If we strive to live in this spirit of brotherhood, then we are putting the principle of brotherhood into practice.
[ 24 ] Tolerant sein, heißt in geisteswissenschaftlichem Sinne noch etwas anderes, als was man gewöhnlich darunter versteht. Es heißt, auch die Freiheit des Gedankens der andern zu achten. Einen andern von seinem Platze wegzuschieben, ist eine Rüpelhaftigkeit, wenn man aber in Gedanken dasselbe tut, so fällt niemandem ein, daß dies ein Unrecht ist. Wir sprechen zwar viel von der Schätzung der fremden Meinung, sind aber nicht geneigt, dies für uns selbst gelten zu lassen.
[ 24 ] In the humanities, being tolerant means something different from what is commonly understood by the term. It means respecting the freedom of thought of others as well. To push someone else out of their place is rude, but when one does the same in thought, it does not occur to anyone that this is wrong. Although we speak a great deal about respecting the opinions of others, we are not inclined to apply this principle to ourselves.
[ 25 ] Ein Wort hat für uns fast noch keine Bedeutung, man hört es und hat es doch nicht gehört. Wir müssen aber lernen, mit der Seele zuzuhören, wir müssen verstehen, die intimsten Dinge mit der Seele zu erfassen. Immer ist erst im Geiste vorhanden, was später im physischen Leben wird. Unterdrücken müssen wir also unsere Meinung, um den andern ganz zu hören, nicht bloß das Wort, sondern sogar das Gefühl, auch dann, wenn sich in uns das Gefühl regen sollte, daß es falsch ist, was der andere sagt. Es ist viel kraftvoller, zuhören zu können, solange der andere spricht, als ihm in die Rede zu fallen. Das gibt ein ganz anderes gegenseitiges Verständnis. Sie fühlen dann, wie wenn die Seele des andern Sie durchwärmte, durchleuchtete, wenn Sie ihr in dieser Weise mit absoluter Toleranz entgegentreten. Nicht bloß Freiheit der Person sollen wir gewähren, sondern völlige Freiheit, ja sogar die Freiheit der fremden Meinung sollen wir schätzen. Das ist nur ein Beispiel für vieles. Derjenige, der dem andern ins Wort fällt, der tut von einer geistigen Weltanschauung aus betrachtet etwas Ähnliches wie der, welcher dem andern physisch einen Fußtritt gibt. Bringt man es dazu, zu begreifen, daß es eine viel stärkere Beeinflussung ist, einem andern ins Wort zu fallen, als ihm einen Fußtritt zu geben, dann erst kommt man dazu, die Bruderschaft bis in die Seele hinein zu verstehen, dann wird sie eine Tatsache. Das ist das Große der geisteswissenschaftlichen Bewegung, daß sie uns einen neuen Glauben, eine neue Überzeugung von den geistigen Kräften, die von Mensch zu Mensch strömen, bringt. Das ist das höhere, geistige Bruderschaftsprinzip. Jeder mag sich ausmalen, wie weit die Menschheit von solchem geistigem Bruderschaftsprinzip entfernt ist. Jeder mag sich darin ausbilden, wenn er Zeit dazu findet, seinen Lieben Gedanken der Liebe und Freundschaft zuzusenden. Der Mensch hält das gewöhnlich für etwas Bedeutungsloses. Aber wenn Sie einmal dahin gelangen, einzusehen, daß der Gedanke ebensogut eine Kraft ist wie die elektrische Welle, die von einem Apparat ausgeht und zum Empfangsapparat überströmt, dann werden Sie auch das Bruderschaftsprinzip besser verstehen, dann wird allmählich das gemeinschaftliche Bewußtsein deutlicher, dann wird es praktisch.
[ 25 ] A word has almost no meaning for us; we hear it and yet have not really heard it. But we must learn to listen with our souls; we must understand how to grasp the most intimate things with our souls. Whatever later becomes reality in physical life first exists in the spirit. We must therefore set aside our own opinions in order to truly hear the other person—not just the words, but even the feelings—even when we feel inside that what the other person is saying is wrong. It is far more powerful to be able to listen while the other person is speaking than to interrupt them. This fosters a completely different kind of mutual understanding. You will then feel as if the other person’s soul were warming and illuminating you, when you meet it in this way with absolute tolerance. We should not merely grant personal freedom, but we should value complete freedom—even the freedom of differing opinions. This is just one example among many. From the perspective of a spiritual worldview, the person who interrupts another is doing something similar to the person who physically kicks another. Only when we come to understand that cutting someone off is a far more powerful influence than kicking them do we begin to understand brotherhood down to the very depths of our souls; only then does it become a reality. This is the greatness of the spiritual scientific movement: it brings us a new faith, a new conviction in the spiritual forces that flow from person to person. This is the higher, spiritual principle of brotherhood. Let each person imagine for themselves how far humanity is from such a spiritual principle of brotherhood. Let each person cultivate this within themselves, whenever they find the time, by sending thoughts of love and friendship to their loved ones. People usually consider this to be something insignificant. But once you come to realize that a thought is just as much a force as the electrical wave that emanates from one device and flows over to the receiving device, then you will also understand the principle of brotherhood better; then the collective consciousness will gradually become clearer, and then it will become practical.
[ 26 ] Von diesem Gesichtspunkt aus können wir uns klar darüber werden, wie die geisteswissenschaftliche Weltanschauung den Daseinskampf und das Bruderschaftsverhältnis auffaßt. Wir wissen ganz genau, daß mancher, der an diesen oder jenen Platz im Leben gestellt ist, einfach unterginge, wenn er nicht mit den Wölfen heulen würde, wenn er diesen Daseinskampf nicht ebenso grausam führen würde wie viele andere. Für denjenigen, der materialistisch denkt, gibt es fast kein Entrinnen aus diesem Daseinskampf. Wir sollen zwar an dem Platze unsere Pflicht tun, an den uns das Karma hingestellt hat. Wir tun aber das Richtige, wenn wir uns klar sind, daß wir viel mehr leisten würden, wenn wir darauf verzichteten, in der unmittelbaren Gegenwart die Erfolge zu sehen, die wir erreichen wollen. Bringen Sie es übers Herz, wenn Sie vielleicht mit blutender Seele im Daseinskampfe stehen, demjenigen, dem Sie wehe getan haben im Daseinskampfe, in liebevoller Gesinnung von Seele zu Seele Ihre Gedanken zuströmen zu lassen, dann werden Sie als Materialist vielleicht denken, Sie haben nichts getan. Nach diesen Auseinandersetzungen aber werden Sie einsehen, daß dies später seine Wirkung haben muß, denn nichts, das wissen wir, ist verloren, was im Geistigen vorgeht.
[ 26 ] From this perspective, we can gain a clear understanding of how the spiritual-scientific worldview conceives of the struggle for existence and the relationship of brotherhood. We know full well that many who find themselves in this or that position in life would simply perish if they did not howl with the wolves, if they did not wage this struggle for existence just as ruthlessly as many others. For those who think materialistically, there is almost no escape from this struggle for existence. We should, of course, fulfill our duty in the place where karma has placed us. But we are doing the right thing if we realize that we would accomplish much more if we refrained from expecting to see, in the immediate present, the successes we hope to achieve. If, while you are perhaps engaged in the struggle for existence with a bleeding soul, you can bring yourself to let your thoughts flow in a loving spirit from soul to soul toward the one you have hurt in that struggle, then, as a materialist, you might think you have done nothing. After these struggles, however, you will come to realize that this must have an effect later on, for nothing—as we know—is lost that takes place in the spiritual realm.
[ 27 ] So können wir manchmal mit zagender Seele, mit Wehmut im Herzen den Daseinskampf aufnehmen und durch unsere Mitarbeit denselben umwandeln. So in diesem Daseinskampfe arbeiten, heißt in praktischer Beziehung den Daseinskampf ändern. Nicht von heute auf morgen ist das möglich, aber daß wir es können, ist außer allem Zweifel. Wenn wir an der eigenen Seele im Sinne der Bruderliebe arbeiten, dann nützen wir dadurch, daß wir uns nützen, am meisten der Menschheit, denn wahr ist es, daß unsere Fähigkeiten entwurzelt sind wie eine aus dem Boden gerissene Pflanze, wenn wir im selbstischen Sondersein verharren. Sowenig ein Auge noch ein Auge ist, wenn es aus dem Kopfe gerissen wird, sowenig ist eine menschliche Seele noch eine Menschenseele, wenn sie sich von der menschlichen Gemeinschaft trennt. Und Sie werden sehen, daß wir unsere Talente dann am besten ausbilden, wenn wir in brüderlicher Gemeinschaft leben, daß wir am intensivsten leben, wenn wir im Ganzen wurzeln. Freilich müssen wir abwarten, bis das, was Wurzel schlägt im Ganzen, durch stille Einkehr in sich selbst zur Frucht reift.
[ 27 ] Thus, we can sometimes take up the struggle of existence with a hesitant spirit and melancholy in our hearts, and transform it through our active participation. To work in this struggle of existence means, in practical terms, to change the struggle of existence. This is not possible overnight, but there is no doubt whatsoever that we can do it. When we work on our own souls in the spirit of brotherly love, we benefit humanity most by first benefiting ourselves; for it is true that our abilities are uprooted—like a plant torn from the ground—if we remain stuck in selfish isolation. Just as an eye is no longer an eye when it is torn from the head, so too is a human soul no longer a human soul when it separates itself from the human community. And you will see that we develop our talents best when we live in brotherly community, that we live most intensely when we are rooted in the whole. Of course, we must wait until what takes root in the whole ripens into fruit through quiet introspection.
[ 28 ] Wir dürfen uns weder in der Außenwelt noch in uns selbst verlieren, denn wahr ist es im höchsten geistigen Sinne, was der Dichter gesagt hat, daß man stille bei sich selbst sein muß, wenn unsere Talente heraustreten sollen. Aber diese Talente wurzeln doch in der Welt. Sie stärken und uns dem Charakter nach bessern können wir nur dann, wenn wir in der Gemeinschaft leben. Deshalb ist es wahr im Sinne des echten wahren Bruderschaftsprinzips, daß die Brüderlichkeit den Menschen gerade im Daseinskampfe am allerstärksten macht, und er wird am meisten von seinen Kräften in der Stille seines Herzens finden, wenn er seine ganze Persönlichkeit, seine ganze Individualität mit den andern Menschenbrüdern zusammen ausbildet. Wahr ist es: Es bildet ein Talent sich in der Stille —, wahr ist es aber auch: Es bildet ein Charakter und damit der ganze Mensch und die ganze Menschheit sich im Strome der Welt.
[ 28 ] We must not lose ourselves either in the outside world or within ourselves, for what the poet said is true in the highest spiritual sense: that one must be at peace with oneself if our talents are to come to the fore. But these talents are, after all, rooted in the world. We can strengthen them and improve our character only when we live in community. That is why it is true, in the sense of the genuine principle of brotherhood, that brotherhood makes a person strongest precisely in the struggle for existence, and he will find the greatest measure of his strength in the stillness of his heart when he develops his entire personality, his entire individuality, together with his fellow human beings. It is true that talent is formed in silence—but it is also true that character, and with it the whole person and all of humanity, is formed in the flow of the world.
