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World-Riddles and Theosophy
GA 54

1 February 1906, Berlin

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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
  1. Die Welträtsel und die Anthroposophie

11. Die Weisheitslehren des Christentums

11. The Wisdom Teachings of Christianity

[ 1 ] Dem Menschen tritt die Welt, wenn er um sich blickt, zunächst in verwirrender Mannigfaltigkeit entgegen, sowohl als äußere Natur wie als Menschenleben selbst. Er richtet wohl den Blick hinauf zu dem Sternenhimmel und versucht den Sinn der herrlichen, aber zunächst rätselhaften Mannigfaltigkeit der Sterne des leuchtenden Himmels zu ergründen. Auch vom Gang der Sterne und vom sonstigen Leben und Weben der Elemente während des Tages wird wohl der sinnige Mensch versuchen, in allem den Sinn zu erkennen. Wenn wir dann hinuntersehen auf unsere Erde, wenn wir versuchen, unsere Gebirge mit ihrer bunten Mannigfaltigkeit von Felsen, Wäldern und Vegetation zu verstehen, wenn wir versuchen, die Dinge, die uns umgeben an Pflanzen, Tieren und Wesen unseresgleichen, zu begreifen und in den Erscheinungen, die mehr oder weniger dunkel aus den Ereignissen der Natur zu uns herandringen, kurz in allem versuchen, Vernunft und Sinn zu sehen, dann fühlen wir wohl zunächst eine Art von Ohnmacht gegenüber all dem Verwirrenden, das uns da entgegentritt. Das Verwirrendste aber bildet für uns dasjenige, was im eigentlichen Leben des Menschen, in der geschichtlichen Entwickelung des Menschen seit Jahrtausenden uns entgegentritt. Wissenschaft, Religion und sonstiges menschliches Streben, Gefühl, Verstand und Vernunft haben von jeher versucht, in die bunte Mannigfaltigkeit der Sterne, in das Leben und Treiben der Wesen unserer Erde Sinn und Zusammenhang hineinzubringen. Wer könnte leugnen, daß es der Menschengeist in dieser Beziehung weit gebracht hat und daß er hoffen darf, es immer weiter und weiter zu bringen. Ob aber auch ein gesetzmäßiger Sinn, eine Art geistiger Zusammenhang in dem enthalten ist, was wir menschliche Entwickelung in der Geschichte nennen, das erscheint doch manchem recht fraglich, wenn er den Ablauf des Schicksals betrachtet mit all dem Elend, das auf der einen Seite unverdient über Einzelmenschen, über Stämme und Völker dahingeht, mit all dem Glück, das scheinbar unverdient den einzelnen oder auch viele trifft, mit all der Aufeinanderfolge geschichtlicher Erlebnisse der einzelnen Völker, Rassen und Nationen. Wenn wir so in alles das hineinblicken, dann erscheint es uns wohl manchmal als das reine Chaos. Da glaubt wohl mancher, vergeblich nach einem Sinn, nach einem Zusammenhang zu forschen, glaubt vergeblich für alles das Verständnis schöpfen zu können.

[ 1 ] When a person looks around, the world first presents itself in a bewildering diversity—both in the form of the external natural world and in human life itself. He may well turn his gaze upward toward the starry sky and try to fathom the meaning of the magnificent, yet at first enigmatic, diversity of the stars in the luminous heavens. The thoughtful person will also seek to discern the meaning in everything—from the movement of the stars to the various activities and interactions of the elements throughout the day. When we then look down upon our Earth, when we try to understand our mountains with their colorful diversity of rocks, forests, and vegetation, when we try to comprehend the things that surround us—plants, animals, and our fellow human beings—and to discern reason and meaning in the phenomena that reach us, more or less obscurely, from the events of nature; in short, when we try to reason and meaning in everything—then we likely feel, at first, a kind of powerlessness in the face of all the confusion that confronts us. But what is most confusing to us is that which confronts us in the actual life of humankind, in the historical development of humankind over millennia. Science, religion, and other human endeavors—feeling, intellect, and reason—have always sought to bring meaning and coherence to the colorful diversity of the stars and to the life and activities of the beings on our Earth. Who could deny that the human spirit has come a long way in this regard and that it may hope to go ever further and further? But whether there is also a lawful meaning, a kind of spiritual coherence, in what we call human development throughout history—this seems quite questionable to many when they consider the course of fate, with all the misery that, on the one hand, befalls individuals, tribes, and peoples undeservedly, and with all the happiness that seemingly befalls individuals or even many people undeservedly, with all the succession of historical experiences of individual peoples, races, and nations. When we look into all of this, it sometimes appears to us as pure chaos. Many believe they are searching in vain for meaning, for a connection, and believe they cannot make sense of it all.

[ 2 ] Große, tiefblickende Geister haben niemals daran gezweifelt, daß der menschliche Geist auch in diesem Ablauf der geschichtlichen Ereignisse Sinn und Verstand, gesetzmäßige Notwendigkeit finden kann. Ich brauche nur darauf aufmerksam zu machen, daß unser großer deutscher Dichter und Denker, Lessing, in dem Testament seines Lebens, in seinem letzten Werke, diese Menschheitsentwikkelung dargestellt hat als eine Erziehung des Menschengeschlechts. Dargestellt hat er das Altertum wie die Kindheit der Menschheit mit dem Alten Testament als dem ersten Elementarbuch, das folgende Zeitalter wie eine Art von Jünglingsalter, von dem aus wir die Möglichkeit haben, in die Zukunft hineinzublicken, die uns etwas Reifes und Männliches bringen soll. Ich möchte noch daran erinnern, daß ein anderer großer deutscher Denker, den freilich heute nur wenige kennen, selbst die nicht, die dazu berufen wären, ihn zu studieren, der große deutsche Philosoph Hegel, die Geschichte eine Erziehung des Menschen zum Bewußtsein der Freiheit, ein Gewecktwerden zum Bewußtsein der Freiheit genannt hat. Diese zwei Beispiele könnten wir durch hundert vermehren, und wir würden überall sehen, daß die Menschen, die mit genialem Blick in dieses Treiben, in dieses verwirrende, scheinbar chaotische Treiben blicken, niemals gezweifelt haben, daß darin auch eine gesetzliche Notwendigkeit, vor allen Dingen eine höhere Ordnung vorhanden ist als draußen in der Natur, in der Welt der Sterne, Pflanzen, Tiere und physischen Wesen überhaupt.

[ 2 ] Great, far-sighted minds have never doubted that the human spirit can find meaning, reason, and lawful necessity even in this course of historical events. I need only point out that our great German poet and thinker, Lessing, in the testament of his life—his final work—depicted this development of humanity as the education of the human race. He portrayed antiquity as the childhood of humanity, with the Old Testament as its first primer; the subsequent ages as a kind of adolescence, from which we have the opportunity to look into the future, which is to bring us something mature and manly. I would also like to recall that another great German thinker—one whom, admittedly, few people know today, not even those who would be called upon to study him—the great German philosopher Hegel, called history an education of humanity toward the consciousness of freedom, an awakening to the consciousness of freedom. We could multiply these two examples by a hundred, and we would see everywhere that the people who, with a genius’s insight, look upon this activity—this confusing, seemingly chaotic activity—have never doubted that within it there is also a lawful necessity, and above all a higher order than exists out there in nature, in the world of the stars, plants, animals, and physical beings in general.

[ 3 ] Wenn wir den Blick über die Entwickelung der Menschheit schweifen lassen, tritt uns eines entgegen, das heute nicht mehr mit der Lebendigkeit empfunden wird, mit der es empfunden werden sollte: eine Zweiheit, eine durchgreifende Zweiteilung. Es ist dies scheinbar etwas ganz Triviales, was aber nur deshalb so trivial erscheint, weil es die Menschen so gewohnt worden sind. Wir rechnen nämlich mit dem langen Zeitraum vor und mit dem langen Zeitraum nach Christi Geburt. Das wird heute aus dem Grunde nicht mehr als etwas Bedeutsames empfunden, weil die Menschheit das so gewohnt geworden ist. Aber ist es nicht etwas im höchsten Sinne Bedeutsames, daß unsere ganze Geschichte gespalten wurde nach diesem einzigen Ereignis in zwei Teile? Daß etwas so mächtig als Kraft gewirkt haben muß, daß es von einem so großen Teil der Menschheit, wie es wirklich der Fall ist, anerkannt wurde? Daß dies geschehen konnte, zeigt uns an, daß tief in der Menschenbrust etwas verborgen ist von dem Bewußtsein der einzigartigen, gewaltigen Bedeutung der Tat des Christus Jesus. Wer könnte aber leugnen, daß heute diese Bedeutung vielen etwas Fragwürdiges geworden ist, so daß heute wenige von denen, die sich zu den Alleraufgeklärtesten rechnen, sich wahrhaft Rechenschaft davon geben können, warum das so ist, aus welcher unendlichen Tiefe heraus eigentlich die Menschheit zu dieser Zweiteilung der Geschichte gekommen ist?

[ 3 ] When we let our gaze wander over the course of human development, we encounter something that is no longer perceived today with the vitality with which it ought to be perceived: a duality, a pervasive division into two parts. This is seemingly something quite trivial, but it only appears so trivial because people have become so accustomed to it. We, in fact, distinguish between the long period before and the long period after the birth of Christ. This is no longer perceived as significant today simply because humanity has become so accustomed to it. But is it not significant in the highest sense that our entire history has been divided into two parts by this single event? That something must have exerted such a powerful influence that it was recognized by such a large portion of humanity as is indeed the case? The fact that this could happen shows us that deep within the human heart lies a hidden awareness of the unique, immense significance of the deed of Christ Jesus. But who could deny that today this significance has become something of a mystery to many, so that even today few of those who count themselves among the most enlightened can truly account for why this is so—from what infinite depth humanity has actually arrived at this division of history?

[ 4 ] Das ist die Frage, die uns heute beschäftigen soll, die Weisheitslehre des Christentums vom Standpunkte einer vertieften geistigen Weltauffassung. Die theosophische Bewegung, die seit dreißig Jahren in der gebildeten Welt sich immer mehr und mehr ausbreitet, versucht unter anderem auch, die Weisheitslehre des Christentums zu vertiefen. Diejenigen, welche sich schon etwas mit anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft befaßt haben, wissen, daß der zweite Grundsatz der geisteswissenschaftlichen Strömung der ist, den Weisheitskern in allen großen Kulturreligionen zu suchen. Gerade in bezug auf die anthroposophische Auffassung des Christentums herrschen die denkbar größten Mißverständnisse, und unter denen, die berufen sind, das Christentum zu lehren und zu erklären, sind gerade die allerwenigsten, welche dem anthroposophischen Streben wirkliches Verständnis entgegenbringen. Immer wieder und wieder wird gesagt: Ja, die Anthroposophie will irgendwelche morgenländische Lehren, einen neuen Buddhismus nach Europa herein verpflanzen. Das wäre das Unanthroposophischste, was nur zu denken ist. Wenn wir es ehrlich meinen mit dem Grundsatz, den Weisheitskern in allen Religionen zu suchen, dann müssen wir uns bewußt sein, daß wir diesen Weisheitskern vor allen Dingen im Christentum zu suchen haben, in der Religion, durch welche die ganze Kultur Europas geschaffen worden ist und aus der die feinsten Strömungen des Abendlandes entsprungen sind. Wer das Christentum heute nicht verstehen würde, würde sich selbst nicht verstehen, und wenn das Christentum für Europa etwas wirklich Großes leisten soll in der Zukunft, dann muß es vertieft werden. Soll die Geisteswissenschaft einen Anteil an dieser großen Leistung haben, dann hat sie die Aufgabe, in die Tiefen des Christentums einzudringen und da jene Quellen zu suchen, die noch in die Zukunft hinübersprudeln können, die Kulturhoffnungen für die Zukunft zu erwecken in der Lage sind.

[ 4 ] That is the question we shall be addressing today: the wisdom teachings of Christianity from the perspective of a profound spiritual worldview. The Theosophical Movement, which has been spreading more and more throughout the educated world for the past thirty years, seeks, among other things, to deepen the wisdom teachings of Christianity. Those who have already engaged to some extent with anthroposophically oriented spiritual science know that the second principle of this spiritual scientific movement is to seek the core of wisdom in all the great cultural religions. It is precisely with regard to the anthroposophical view of Christianity that the greatest possible misunderstandings prevail, and among those called to teach and explain Christianity, there are very few indeed who show genuine understanding for the anthroposophical endeavor. Time and again it is said: Yes, anthroposophy wants to transplant some Eastern teachings—a new Buddhism—into Europe. That would be the most unanthroposophical thing imaginable. If we are sincere in our commitment to the principle of seeking the core of wisdom in all religions, then we must be aware that we must seek this core of wisdom first and foremost in Christianity—the religion through which the entire culture of Europe was created and from which the finest currents of the West have sprung. Anyone who does not understand Christianity today would not understand themselves, and if Christianity is to achieve something truly great for Europe in the future, then it must be deepened. If spiritual science is to play a part in this great achievement, then its task is to penetrate the depths of Christianity and seek out those sources there that can still gush forth into the future—sources capable of awakening cultural hopes for the future.

[ 5 ] Als ich vor einiger Zeit in einer Stadt Süddeutschlands über die Weisheitslehren des Christentums, also über unser heutiges Thema sprach, da waren auch verschiedene protestantische Pastoren und katholische Priester da. Nach dem Vortrage sagten mir die katholischen Priester: Was Sie uns da gesagt haben, ist das auserlesenste Christentum, aber doch nur für die Auserlesenen, welche in so vertiefter Weise das Christentum haben wollen. Wir aber verkündigen das Christentum in einer Form, in der es alle verstehen, in der es allen zugänglich ist. — Da sagte ich: Wenn Sie recht hätten, dann könnten Sie sicher sein, daß es mir niemals eingefallen wäre, über den Weisheitskern des Christentums zu sprechen, da ich es für das Überflüssigste in der Welt halten würde. Wenn Sie nämlich recht hätten, könnte es dann einen Menschen geben, der sich gedrängt fühlte, abzufallen von der Art und Weise, wie Sie lehren? Dann könnten sich nicht mit jedem Tage diejenigen mehren, welche keine Befriedigung mehr finden bei der Art und Weise, wie Sie lehren. Gewiß gibt es viele, für die Sie heute sprechen können. Aber daß es möglich ist, daß zahlreiche Menschen bei Ihnen nicht mehr ihre Befriedigung finden, das beweist Ihnen die Tatsache, daß es Menschen gibt, zu denen in anderer Weise gesprochen werden muß. Es kommt nicht darauf an, daß wir uns einbilden, wir finden den Weg zu allen. Das können wir leicht tun und meinen, wir tragen so vor, daß wir den Weg zu allen finden. Aber darauf kommt es nicht an, welche Meinungen wir haben über das, was wir für den richtigen Weg halten. Nicht auf unsere Einbildungen, sondern auf die Tatsachen kommt es an. Wenn Sie dieses beobachten und nicht das sprechen !assen, was Sie hinstellen als Ihr subjektives Bekenntnis, dann werden Sie sehen, daß es viele gibt, zu denen Sie nicht mehr sprechen. Und zu denen muß eben in einer neuen Form gesprochen werden. Das sind diejenigen, zu denen der Geisteswissenschafter spricht.

[ 5 ] Some time ago, when I was speaking in a city in southern Germany about the wisdom teachings of Christianity—that is, our topic today—there were also several Protestant pastors and Catholic priests in attendance. After the lecture, the Catholic priests said to me: “What you have told us is the most refined form of Christianity, but it is only for the elect—those who seek Christianity in such a profound way. We, however, proclaim Christianity in a form that everyone can understand, in a form that is accessible to all.” — So I said: “If you were right, then you could be certain that it would never have occurred to me to speak about the core wisdom of Christianity, since I would consider it the most superfluous thing in the world. For if you were right, could there be a single person who would feel compelled to stray from the way you teach?” Then the number of those who no longer find satisfaction in the way you teach would not be increasing day by day. Certainly, there are many to whom you can speak today. But the fact that it is possible for numerous people to no longer find satisfaction in your teachings is proven by the fact that there are people to whom one must speak in a different way. It doesn’t matter whether we imagine that we can reach everyone. We can easily do that and think we’re presenting things in a way that allows us to reach everyone. But what matters is not what opinions we hold about what we consider the right path. It’s not our delusions that matter, but the facts. If you observe this and do not let what you present as your subjective conviction be the basis of your speech, then you will see that there are many to whom you no longer speak. And to them, you must speak in a new way. These are the ones to whom the spiritual scientist speaks.

[ 6 ] Aber nicht allein zu diesen wird die Geisteswissenschaft sprechen. Sie wird auch zu denen sprechen, die noch in voller christlicher Frömmigkeit bei alten christlichen Traditionen verharren, und auch für diese wird sie eine Vertiefung, eine Vergeistigung der wahrhaften Lehren des Christentums sein. Der geisteswissenschaftliche Wahrspruch: Nichts ist höher als die Wahrheit —, wird häufig von solchen wie dem Pfarrer, den ich angeführt habe, recht mißverstanden. Man glaubt, es genüge, wenn man nur den Glauben hat, etwas sei wahr. Nein, das genügt nicht, daß wir die subjektive Überzeugung haben und uns einbilden, wir hätten den richtigen Weg. Das soll gerade durch die geisteswissenschaftliche Weltströmung überwunden werden. Die Wahrheit liegt nicht bei unserer Meinung, sondern bei den Tatsachen. Die Beobachtung der Tatsachen muß uns höherstehen als das, was wir glauben. Das ist der Sinn des Wahrspruches. Was wir glauben, ist unsere persönliche Angelegenheit. Überpersönlich ist das, was durch die Welt der Tatsachen zu uns spricht. Dem haben wir uns zu fügen, dem haben wir nachzugehen.

[ 6 ] But spiritual science will not speak only to these people. It will also speak to those who, in full Christian devotion, still adhere to old Christian traditions, and for them, too, it will be a deepening and a spiritualization of the true teachings of Christianity. The maxim of spiritual science: Nothing is higher than the truth — is often misunderstood by people such as the pastor I mentioned. It is believed that it is enough simply to have faith that something is true. No, it is not enough for us to have a subjective conviction and imagine that we are on the right path. This is precisely what the spiritual scientific world movement aims to overcome. Truth does not lie in our opinion, but in the facts. The observation of facts must take precedence over what we believe. That is the meaning of the maxim. What we believe is our personal affair. What speaks to us through the world of facts is transpersonal. To this we must submit; this is what we must pursue.

[ 7 ] Es ist in der Tat wahr, daß durch die Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde die Menschheitsentwickelung in zwei Teile gespalten worden ist, und daher müssen wir etwas tiefer hineinblicken in diesen Gang der Menschheitsentwickelung. Wer nur einigermaßen in eine geistige Erforschung des Daseins eindringt, der wird bald erkennen, wie schal und oberflächlich alle materialistische Weltanschauung ist, wie alles Stoffliche nur der Ausdruck des dahinterliegenden Geistigen ist, wie das Geistige Ursprung und Quell alles äußeren sinnlichen Daseins ist. Der Mensch als dieses Sinnenwesen, als das er sich seit den Zeiten, von denen uns die Geschichte, das menschliche Denken überhaupt berichtet, entwickelt hat, der Mensch selbst, so wie er auf der Erde lebt, ist nur der Ausdruck eines überirdischen Menschenwesens, das geistig ist. Heute ist nicht die Zeit dazu da, diese großen Gedanken hier in einer völligen, etwa wissenschaftlichen Weise auszuführen. Das ist öfter hier in diesen Vorträgen geschehen. Heute kann ich es nur bildlich andeuten, und bildlich wurde es von christlichen und vorchristlichen Denkern immer in der Art angedeutet, daß das noch nicht von der Materie berührte übersinnliche Menschenwesen herabgestiegen sei und sich in der Sinnlichkeit verkörpert habe. In dem, was die jüdische Geheimlehre Adam Kadmon nennt, sehen wir den von andern geistigen Welten in diese sinnliche Welt hereingekommenen Menschen. Es wird dieses Hereinkommen als ein «Fall» bezeichnet. Aber man muß das nicht mißverstehen. Große christliche Schriftsteller haben dies als einen Fall aufgefaßt, und als ein Hinaufheben aus diesem Fall zu einer neuen geistigen Höhe wurde die Tat des Christus Jesus aufgefaßt. Wir werden es noch sehen, wie der Paulinische Ausspruch, daß der Christus Jesus der umgekehrte Adam sei, einen tiefen geistigen Sinn hat. Wenn wir so den Menschen auffassen als gleichsam — ich bitte das Wort «gleichsam» nicht etwa auf die Waage zu legen, weil es nur eine Andeutung des wahren Verhältnisses sein soll —, als gleichsam heruntergestiegen von geistigen Höhen und in der Sinnenwelt verkörpert, dann werden wir auch begreifen, worin zunächst in den ersten Zeiten geschichtlicher Entwickelung des Menschen Aufgabe bestanden hat.

[ 7 ] It is indeed true that the appearance of Christ Jesus on earth divided the development of humanity into two parts, and therefore we must look a little more deeply into this course of human development. Anyone who delves even moderately into a spiritual exploration of existence will soon recognize how hollow and superficial all materialistic worldviews are, how everything material is merely an expression of the spiritual reality underlying it, and how the spiritual is the origin and source of all external, sensory existence. Human beings, as these sensory beings—as they have developed since the times of which history and human thought in general tell us—human beings themselves, as they live on Earth, are merely the expression of a super-earthly human being that is spiritual. Today is not the time to elaborate on these great ideas here in a comprehensive, scientific manner. That has been done more often in these lectures. Today I can only hint at it figuratively, and it has always been hinted at figuratively by Christian and pre-Christian thinkers in the sense that the supersensible human being, not yet touched by matter, descended and incarnated itself in the sensory world. In what Jewish esoteric teaching calls Adam Kadmon, we see the human being who has entered this sensory world from other spiritual worlds. This entry is described as a “fall.” But one must not misunderstand this. Great Christian writers have understood this as a fall, and the deed of Christ Jesus was understood as a lifting up from this fall to a new spiritual height. We shall yet see how the Pauline statement that Christ Jesus is the “reversed Adam” has a profound spiritual meaning. If we thus conceive of human beings as, so to speak—please do not take the word “so to speak” too literally, for it is meant only as an indication of the true relationship—as having, so to speak, descended from spiritual heights and become incarnated in the sensory world, then we will also understand what the task consisted of, at least in the early stages of human historical development.

[ 8 ] Was hat da in den ersten Zeiten geschichtlicher und vorgeschichtlicher Entwickelung der Mensch auf diesem irdischen Schauplatz zu tun gehabt? Für ihn waren in dieser ersten Zeit seine sinnlichen Glieder Werkzeuge, deren Gebrauch er lernen mußte. Der hohe geistige Mensch war jetzt in der Sinnenwelt verkörpert. Er lernte da in der ersten Epoche des Daseins, die ich die instinktive Epoche menschlicher Entwickelung nennen möchte, seine eigenen Werkzeuge gebrauchen. Das war die erste Aufgabe des ersten Viertels menschlicher Entwickelung — wir wollen nicht in die sehr alten Zeiten zurückgehen. Seine Hände und die übrigen Gliedmaßen lernte der Mensch allmählich gebrauchen, er lernte sich einfügen in die ihn umgebende Welt und Natur. Dazu brauchte er keinen Verstand, das war instinktives Einfühlen und Einziehen in das Dasein. Als die Menschheit sich beherrschen lernte und den Gebrauch der Gliedmaßen als Werkzeuge erwarb, da lebte sie in der Stammesgeschichte. Das Volk war dasjenige, innerhalb dessen der Mensch lebte. Es war ein natürlicher Zusammenhang, der gegeben war durch die Blutsverwandtschaft. So etwas wie ein tierischer Instinkt hielt die Menschheit zusammen. Nur die großen Lehrmeister waren außerhalb des Instinktlebens. In der verschiedensten Weise lernten die Menschen ihre Gliedmaßen gebrauchen, je nach der Beschaffenheit der Länder, Erdgegenden und Zeiten, in denen die Völker lebten. Die Entwickelung erzeugte eine große Mannigfaltigkeit in der menschlichen Gliederung. Dasjenige, was dem Menschen mitgegeben war, gestaltete sich in der größten Verschiedenheit aus. Wir können überall zurückgehen auf unserem Erdenrund: wir finden bei allen Völkern diese instinktive Epoche der Entwickelung.

[ 8 ] What role did human beings play on this earthly stage during the earliest periods of historical and prehistoric development? For them, in this initial period, their physical limbs were tools whose use they had to learn. The highly spiritual human being was now embodied in the sensory world. There, in the first epoch of existence—which I would like to call the instinctive epoch of human development—he learned to use his own tools. That was the first task of the first quarter of human development—let us not go back to those very ancient times. Humanity gradually learned to use its hands and other limbs; it learned to adapt to the world and nature surrounding it. This required no intellect; it was an instinctive empathy and immersion in existence. When humanity learned to control itself and acquired the use of its limbs as tools, it lived in the tribal era. The people were the community within which human beings lived. It was a natural bond established through blood kinship. Something akin to an animal instinct held humanity together. Only the great teachers stood outside this instinctual way of life. People learned to use their limbs in a wide variety of ways, depending on the nature of the countries, regions, and eras in which the peoples lived. This development gave rise to a great diversity in human physique. What was inherent in human beings took on the greatest variety of forms. We can look back across the entire globe: we find this instinctive epoch of development among all peoples.

[ 9 ] Dann finden wir eine zweite Epoche. Da lernt der Mensch noch etwas mehr, etwas, was die Bibel und andere Weltanschauungen mit einem bestimmten Wort umfassen, mit einem Wort, das richtig zu verstehen außerordentlich wichtig ist. Wir verstehen dieses Wort richtig, wenn wir uns klarmachen, was die erste Periode der Menschheitsentwickelung vorzugsweise hervorbringen mußte. In der mannigfaltigsten Weise hat der Instinkt die Menschen gelehrt, die Glieder zu gebrauchen, in der einen Gegend so, in der andern anders. Ein Volk entwickelte sich in der heißen Zone bei einem üppigen Pflanzenwuchs, wo ohne Mühsal die Nahrung zu beschaffen war, ein anderes entwickelte sich in einer kalten, unwirtlichen Gegend, wo es mit großer Mühe sich seine Nahrung und seine Daseinsbedingungen schaffen mußte und so mit großer Mühe die Gliedmaßen sich zu bilden hatte. Daß die Menschen so wenig Verstand hatten, führte dazu, daß sie einander gegenüberstanden, wie es die verschiedene Instinktausbildung ergab. Etwas Neues trat ein durch das Gesetz, welches der Verstand machte. Die Instinkte der Völker sind verschieden, der Verstand ist ein gleicher, und in dem Augenblick, als der einheitliche Verstand angewendet wurde auf das menschliche Zusammenleben, trat das in die Welt, was auch in der Bibel das Gesetz genannt wird. Erst lernte der Mensch seinen ganzen Körper als sein Werkzeug beherrschen. Dann trat die gesetzmäßige Periode auf, wo der Mensch Harmonie und Ordnung in seine Gemeinschaft hineinzubringen suchte, wo er die Instinkte auszugleichen suchte im gegenseitigen Handeln, wo er ein Verhältnis, wie es der Verstand ergibt, auf dieser Erde herstellen wollte. Der Verstand wurde durch die Art und Weise, wie die Menschen zusammenlebten, eingeführt. So entwickelte sich die Menschheit in den zwei ersten Vierteln des Daseins. Aber die Menschheit war da nicht ohne Leitung, nicht ohne Führung. Der Instinkt entwickelte sich zu immer größerer Helligkeit, bis dann das Gesetz die Form des in weitesten Kreisen verbreiteten Verstandes annahm.

[ 9 ] Then we come to a second epoch. In this epoch, human beings learn something more—something that the Bible and other worldviews encapsulate in a specific word, a word that is extraordinarily important to understand correctly. We understand this word correctly when we realize what the first period of human development was bound to produce above all else. In the most diverse ways, instinct taught people to use their limbs—one way in one region, another way in another. One people developed in the tropical zone amid lush vegetation, where food could be obtained without difficulty; another developed in a cold, inhospitable region, where it had to secure its food and means of subsistence with great effort and thus had to develop its limbs with great effort as well. The fact that humans had so little reason led them to stand opposed to one another, as dictated by the differing development of their instincts. Something new emerged through the law established by reason. The instincts of peoples differ, but reason is the same; and the moment that unified reason was applied to human coexistence, what is also called “the law” in the Bible came into the world. First, humans learned to master their entire bodies as their tools. Then came the period of law, when man sought to bring harmony and order into his community, when he sought to balance the instincts in their mutual interactions, and when he sought to establish on this earth a relationship as dictated by reason. Reason was introduced through the way people lived together. This is how humanity developed during the first two quarters of its existence. But humanity was not without guidance or direction during that time. Instinct developed into ever greater clarity, until the law took on the form of reason, which was widespread in the broadest circles.

[ 10 ] Woher kam das alles? Niemals wäre die Menschheit so weit gekommen ohne solche Brüder, welche in der Entwickelung ihren andern Mitmenschen weit, weit vorangeschritten waren. Zu allen Zeiten, immer und überall hat es Menschen gegeben, die sich rascher die Stufen des Daseins hinaufentwickelten, um Führer sein zu können, um die andere Menschheit leiten zu können. Solche Persönlichkeiten, solche Individualitäten werden von der Geistesforschung die Hüter der Weisheit, die Hüter des Menschenfortschrittes genannt. Solche Hüter des Menschenfortschrittes hat es immer gegeben. Es gibt sie auch heute noch. Diese großen Individualitäten, diese Persönlichkeiten, die heute auf einer Stufe des Daseins angekommen sind, wohin die Mehrzahl der Menschheit erst in einer fernen, fernen Zukunft kommen wird, waren auch in den vorchristlichen Zeiten, in den zwei ersten Vierteln der Menschheitsentwickelung vorhanden. Sie leiteten die Welt, sie waren die Behüter der Menschheit und brachten Ordnung und Zusammenhang in die Menschheit. Wo hatten jene Leiter des Menschengeschlechts ihr Wissen, ihre Weisheit her? Und worin bestand diese Weisheit? — Man leitete das Sichtbare durch das Unsichtbare, das Sinnliche durch das Übersinnliche. Man leitete die materiellen Zusammenhänge durch dasjenige, was im Materiellen unsichtbar schlummert. Schlummert es im Materiellen unsichtbar? Ein einfaches Nachdenken kann Sie davon überzeugen. Sehen Sie hinauf zur Wolke. Sie erscheint Ihnen hell und dunkel. Sie kündigt Ihnen ein Gewitter an. Und während Sie noch hinaufsehen, zuckt der Blitz durch die Wolke, rollt der Donner. Wo war der Blitz, wo war der Donner? Sie schlummerten, sie schliefen als verborgene materielle Kräfte. So wie Blitz und Donner schlummerten, so schlummern noch eine Menge verborgener Kräfte in dem Sichtbaren als Unsichtbares, in dem Sinnlichen als Übersinnliches. So wie unsere ganze äußere Kultur im Grunde genommen dahin gekommen ist, wo sie ist, dadurch daß der Mensch gelernt hat, die einfach in der Materie schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zu wecken, so kommt die große geistige Kultur davon her, daß die Hüter der Menschheit imstande sind, die im Sinnlichen schlummernden übersinnlichen Kräfte, die im Irdischen schlummernden überirdischen Fähigkeiten zu erwecken und das Niedere durch das Höhere zu beherrschen vermögen. So wie der Baumeister die Anziehungskräfte der Erde benützt, um auf die Säule den Balken zu legen, also eine in der Materie schlummernde Kraft benützt, um durch die verschiedene Kombination von Säulen und Balken unsere Gebäude aufzuführen, und wie der Elektriker unsere Motoren und andere elektrische Apparate mit der unsichtbaren elektrischen Kraft beherrscht, so beherrschen die Hüter der Weisheit und des Menschheitsfortschrittes die irdischen Kräfte durch dasjenige, was nicht sinnlich in der Welt vorhanden ist. Das Sichtbare wird nicht durch das Sichtbare beherrscht, sondern durch das Unsichtbare. Nicht derjenige ist weltfremd, der sich erheben wird durch das Unsichtbare über das Sichtbare, sondern derjenige, der am Sichtbaren hängenbleibt. Der wahre Wirklichkeitsmensch ist der, welcher die Welt beherrscht durch das, was in ihm schlummert, damit er die Wirklichkeit gestalten, aufbauen und in den Dienst des Menschheitsfortschrittes stellen kann. So wie der Baumeister und der Elektriker die in der Materie schlummernden Kräfte benützen, um Häuser zu bauen, um mechanische Kultur zu schaffen, so benützen die großen Hüter der Weisheit und des Menschheitsfortschrittes die im Menschentum liegenden Kräfte, um die Menschen selbst zu ihrem Ziele zu führen, um dasjenige, was in der Außenwelt chaotisch durcheinanderwirbelt, zu gliedern und ihm Bedeutung zu geben. Niemals war die Fortentwickelung von der instinktiven, dann gesetzmäßigen Periode herauf bis zu der unsrigen sinnlich. Das aber mußten die weisen Hüter der Menschen erst erfahren, erst erlebt haben, sie mußten davon ganz durchdrungen sein, nicht aus blindem Glauben, nicht aus vagen Überzeugungen, sondern aus geistiger Erfahrung heraus. Sie mußten sich klar darüber sein, daß es ein Übersinnliches gibt, ein Übersinnliches in und außer dem Menschen, daß das, was sich abspielt zwischen Geburt und Tod, nur die eine Seite unseres Daseins ist und daß es einen Wesenskern gibt, der hinausreicht über Geburt und Tod, daß es im Menschen etwas gibt, was umfassender als alles Sinnliche ist, was der Schöpfer der Gestalt und der Erhalter alles Sinnlichen ist, und dies nicht etwa aus einer Vermutung, sondern aus der unmittelbaren übersinnlichen, ewigen Anschauung heraus,

[ 10 ] Where did all this come from? Humanity would never have come this far without such brothers, who had advanced far, far ahead of their fellow human beings in their development. Throughout all ages, always and everywhere, there have been people who ascended the stages of existence more rapidly in order to serve as guides and lead the rest of humanity. Such personalities, such individuals, are called by spiritual research the guardians of wisdom, the guardians of human progress. Such guardians of human progress have always existed. They still exist today. These great individuals, these personalities who have now reached a stage of existence that the majority of humanity will not attain until a distant, distant future, were also present in pre-Christian times, during the first two quarters of human development. They guided the world; they were the guardians of humanity and brought order and coherence to humankind. Where did those leaders of the human race obtain their knowledge and wisdom? And what did this wisdom consist of? — They guided the visible through the invisible, the sensory through the supersensory. They guided material relationships through that which lies dormant and unseen within the material world. Does it lie dormant and unseen within the material world? A moment’s reflection can convince you of this. Look up at the cloud. It appears both light and dark to you. It heralds a thunderstorm. And while you are still looking up, lightning flashes through the cloud, and thunder rolls. Where was the lightning, where was the thunder? They lay dormant; they slept as hidden material forces. Just as lightning and thunder lay dormant, so too do a multitude of hidden forces still lie dormant in the visible as the invisible, in the sensory as the supersensory. Just as our entire external culture has, in essence, come to be where it is by man learning to awaken the forces and abilities simply slumbering within matter, so the great spiritual culture arises from the fact that the guardians of humanity are able to awaken the supersensible forces slumbering within the sensible, the superterrestrial abilities slumbering within the earthly, and are capable of mastering the lower through the higher. Just as the master builder uses the Earth’s gravitational forces to place the beam on the column, —that is, uses a force lying dormant in matter to erect our buildings through the various combinations of columns and beams—and just as the electrician controls our motors and other electrical devices with the invisible electrical force, so do the guardians of wisdom and human progress control earthly forces through that which is not sensually present in the world. The visible is not controlled by the visible, but by the invisible. It is not the one who will rise above the visible through the invisible who is out of touch with the world, but the one who remains attached to the visible. The truly real person is the one who masters the world through that which lies dormant within him, so that he may shape and build reality and place it in the service of human progress. Just as the master builder and the electrician use the forces lying dormant in matter to build houses and create mechanical civilization, so do the great guardians of wisdom and human progress utilize the forces inherent in humanity to guide people themselves toward their goals, to structure what swirls chaotically in the external world, and to give it meaning. Never was the progression from the instinctive period, through the period governed by laws, up to our own, a sensory one. But the wise guardians of humanity first had to learn this, first had to experience it; they had to be thoroughly imbued with it—not out of blind faith, not out of vague convictions, but out of spiritual experience. They had to be clear that there is a supersensible realm—a supersensible realm both within and outside of human beings—that what unfolds between birth and death is only one aspect of our existence, and that there is an essential core that extends beyond birth and death; that there is something within the human being that is more comprehensive than all the sensory realm, that is the creator of form and the sustainer of all the sensory realm—and this not merely out of conjecture, but out of direct, supersensory, eternal insight,

[ 11 ] Aus dieser Anschauung heraus mußten die Hüter der Menschheit handeln, dann aus der Erkenntnis heraus, daß der Tod zu besiegen ist, daß ein Bewußtsein zu erringen ist, daß es etwas gibt, was den Tod als ein Ereignis wie andere Ereignisse im Leben erscheinen läßt. Nur aus einer solchen Erfahrung heraus erwächst dem Menschen die Kraft, das Sinnliche aus dem Übersinnlichen, das Sichtbare aus dem Unsichtbaren heraus zu beherrschen. Soll ich also mit wenigen Worten sagen, worin das große Geheimnis derjenigen, die wir die großen Hüter der Menschheit nennen, bestand, so muß ich sagen, diese Hüter der Weisheit und des Menschheitsfortschrittes wußten, daß es im Menschen etwas gibt, das den Tod besiegt. Sie mußten hinter die Kulissen des Daseins, hinter die Regionen des Daseins sehen, die der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Das, was hinter dem Sinnlichen liegt, mußte ihnen durch die Erfahrung zugänglich sein. Und dieses hinter der sinnlichen Welt Liegende lernten sie kennen in den sogenannten Einweihungstempeln, in den Einweihungstempeln der alten ägyptischen Priester und Geheimlehrer, in den Schulen der eleusinischen und anderer griechischer Einweihungstempel. Diejenigen, welche reif waren, diese Überzeugungen sich zu erwerben, wurden in diese Geheimnisse eingeweiht. Nur mit wenigen Worten — alles übrige wird in den nächsten Vorträgen herauskommen — kann ich andeuten, was in diesen Einweihungstempeln, in diesen hohen Schulen des geistigen Lebens den Menschen überliefert worden ist.

[ 11 ] The guardians of humanity had to act from this perspective—based on the realization that death can be overcome, that a certain level of consciousness can be attained, and that there is something that makes death appear as just another event in life. Only from such an experience does the power arise within a human being to master the sensible from the supersensible, the visible from the invisible. So if I am to say in a few words what the great secret of those we call the great Guardians of Humanity consisted of, I must say that these Guardians of wisdom and human progress knew that there is something within the human being that overcomes death. They had to look behind the scenes of existence, into the realms of existence that a human being enters once they have passed through the gate of death. What lies beyond the sensory world had to be accessible to them through experience. And they came to know this realm beyond the sensory world in the so-called temples of initiation—the temples of the ancient Egyptian priests and secret teachers, and the schools of the Eleusinian and other Greek temples of initiation. Those who were ready to acquire these convictions were initiated into these mysteries. In just a few words—the rest will become clear in the coming lectures—I can hint at what was handed down to people in these temples of initiation, in these high schools of spiritual life.

[ 12 ] Da ging der Mensch zunächst durch den Tod hindurch, erlebte er innerhalb dieses Lebens schon jenen Aufstieg, der sich für den Menschen vollzieht, wenn er durch die Todespforte hindurchschreitet. Wenn der Mensch im natürlichen Tod die Pforte, die zur andern Welt führt, durchschreitet, dann betritt er ein anderes Land, das Land auf der andern Seite des Daseins. Man kann das auch schon während dieses Lebens betreten, man kann es betreten durch einen anderen Bewußtseinszustand, durch die Erweckung von Fähigkeiten, die in der Menschenbrust schlummern, die uns befähigen, nicht bloß den bewußtlosen Zustand während des Schlafes in der geistigen Umwelt zu erleben, sondern durch die geistigen Eigenschaften auch die Welt jenseits zu betreten, Bürger der geistigen Welt zu sein. Das nannte man den Tod, die Auferstehung und die Himmelfahrt. Diese erlebten die großen Eingeweihten. Wenn ich mich so ausdrücken darf, erlebten sie bei lebendigem Leibe den Tod, für dreieinhalb Tage waren sie sozusagen tot, sie traten aus dem physischen Körper heraus und erfuhren die Tatsachen einer höheren Welt, einer geistigen Welt, derjenigen Welt, welcher der Mensch seinem tieferen Wesen nach angehört. Das geschieht mit demjenigen Teil der menschlichen Wesenheit, der in das übersinnliche Dasein eintritt. Wenn der Mensch dann durch diese höhere Welt hindurchgegangen war, dann wurde er von denjenigen, die schon Eingeweihte waren, in sein irdisches Dasein zurückgerufen. Dann war er ein neuer Mensch, ein Mensch, den man einen Auferstandenen genannt hat. Als Symbol dafür bekam er einen neuen Namen, der eine tiefere Bedeutung hatte. Ein solcher, der in den Mysterien und in den Einweihungstempeln zum Schauen gekommen war, sprach eine neue Sprache, und in seinen Worten tönten die Klänge der geistigen Welt, die er während der Einweihung erlebt hat. Er war ein Bote höherer Welten, seine Worte hatten Flügel durch die Erlebnisse in der geistigen Welt selbst, er sprach eine andere Sprache. Er war einer derjenigen, von denen man sagte, er redet die Sprache der Götter, er redet die Weisheit, welche die Götter wissen. Das ist im Grunde genommen Theosophie, die göttliche Weisheit. Man nannte einen solchen Menschen, wenn man das Wort ins Deutsche übersetzt, selig. Die Worte haben eine tiefe Bedeutung, wenn man sie im rechten Sinne versteht, sie sind nicht zufällig entstanden. Von einem solchen, der Anteil genommen hat an der geistigen Welt, weil er sie geschaut hat, sagte man, er ist selig. Diejenigen, die etwas wissen von jener großen Seligkeit, von jenen wunderbaren Erlebnissen einer andern Welt, die erzählen davon, selbst wenn sie profane Schriften darüber schreiben. Das Wichtigste dieser Dinge wurde niemals niedergeschrieben und kann niemals niedergeschrieben werden. Aber diejenigen, die etwas davon erzählen und niedergeschrieben haben, schreiben davon in Tönen, die ganz anders klingen als diejenigen, welche etwas von einem sinnlichen Dasein erzählen. Diejenigen, die etwas von der Einweihung wußten, sprechen von einer Erneuerung des ganzen menschlichen Wesens. Und einer von ihnen sagte: Derjenige ist erst im wahren Sinne des Wortes ein Mensch geworden, der in den Mysterien seines ewigen Wesenskernes teilhaftig geworden ist, während die andern noch warten müssen, bis ihnen ebenfalls diese Gnade zuteil wird. — Plato, der einzigartige griechische Philosoph, sagt: Diejenigen wandeln im Schlamme, die nichts erfahren haben von dem Heiligen in der Einweihung. — So könnten wir noch viele Stimmen aus dem Altertum und aus der vorchristlichen Zeit anführen, worin die Heiligkeit, die Gewalt und Größe der Einweihung stimmungsvoll hervorgehoben wird, so daß es in unserer Seele nachhallt. Nur wenige, einzelne Auserlesene, konnten in solcher Weise, unmittelbar durch die Schau, teilhaftig werden an dem höheren geistigen Leben. Die Menge hatte keinen andern Anteil als den an den Verkündigungen solcher Schauenden, solcher Eingeweihten.

[ 12 ] When a person first passed through death, they already experienced within this life the ascent that takes place for a person when they pass through the gate of death. When a person, upon natural death, passes through the gate that leads to the other world, they enter a different realm—the realm on the other side of existence. One can also enter this realm during this very life; one can enter it through a different state of consciousness, through the awakening of abilities that lie dormant within the human breast—abilities that enable us not only to experience the unconscious state during sleep in the spiritual realm, but also, through spiritual qualities, to enter the world beyond and become citizens of the spiritual world. This was called death, resurrection, and ascension. The great initiates experienced these. If I may put it this way, they experienced death while still alive; for three and a half days they were, so to speak, dead; they stepped out of their physical bodies and experienced the realities of a higher world, a spiritual world—the world to which human beings belong by virtue of their deeper nature. This happens to that part of the human being that enters into the supersensible realm. Once the person had passed through this higher world, they were called back to their earthly existence by those who were already initiates. Then they were a new person, a person who was called a “resurrected one.” As a symbol of this, they were given a new name that had a deeper meaning. One who had attained vision in the mysteries and in the temples of initiation spoke a new language, and in his words resounded the sounds of the spiritual world he had experienced during initiation. He was a messenger from higher worlds; his words had wings born of his experiences in the spiritual world itself; he spoke a different language. He was one of those of whom it was said that he spoke the language of the gods, that he spoke the wisdom known to the gods. This is, in essence, theosophy—divine wisdom. Such a person was called “blessed,” if one translates the word into German. These words have a deep meaning when understood in the proper sense; they did not arise by chance. Of one who had partaken of the spiritual world—because he had beheld it—it was said that he was “blessed.” Those who know something of that great bliss, of those wondrous experiences of another world, speak of them, even when they write secular works on the subject. The most important aspects of these things have never been written down and can never be written down. But those who have spoken of them and put them in writing do so in tones that sound quite different from those who speak of a sensory existence. Those who knew something of initiation speak of a renewal of the entire human being. And one of them said: Only he who has become a partaker of the mysteries of his eternal core of being has become a human being in the true sense of the word, while the others must still wait until this grace is also bestowed upon them. — Plato, the unique Greek philosopher, says: Those who have experienced nothing of the sacred in initiation walk in the mud. — We could cite many more voices from antiquity and from pre-Christian times in which the holiness, the power, and the grandeur of initiation are evocatively emphasized, so that it resonates within our souls. Only a few, select individuals, were able to partake in the higher spiritual life in this way, directly through vision. The masses had no other share in this than that which came through the proclamations of such visionaries, such initiates.

[ 13 ] Da trat das Christentum auf, und durch das Christentum wurden diese ganzen Verhältnisse anders. Darin liegt die ganze Tiefe der Umwandlung, welche durch das Christentum in der Menschheit bewirkt worden ist. Sie ist ausgedrückt in einem gewaltigen Wort, und das heißt: «Selig sind diejenigen, die da glauben, auch wenn sie nicht schauen.» Das Geheimnis des Christentums liegt in diesem Wort, und wir verstehen es nur, wenn wir es möglichst wörtlich nehmen. Was heißt es? Wir wissen, daß derjenige, welcher in einem Einweihungstempel die Einweihung erfahren hatte, wußte, daß er den Tod besiegte, daß er die Grablegung mitmachte und selig geworden ist durch die Schau. Nun kam eine große Individualität, die auf dem äußeren Plane der Geschichte vor aller Augen, so weit diese Augen es sehen wollten oder es durch den Glauben, durch die Vereinigung mit der einzigartigen Persönlichkeit aufnehmen konnten, dieses große Ereignis, das sich für die Eingeweihten in dem tiefen Dunkel der Mysterientempel so oft abgespielt hatte, einmal äußerlich auf dem geschichtlichen Plane vollzog. Das war das Ereignis, das sich im Jahre 33 in Palästina abspielte. Das, was bis dahin mehr oder weniger symbolisch in den Tiefen der Tempel empfangen und gehütet worden ist, das war jetzt historische Wahrheit, geschichtliche Wirklichkeit auf der großen Bühne des Lebens geworden. Das muß man verstehen, denn das ist wichtig. Ich habe wirklich mit vollem Bedacht meine kleine Schrift über das Christentum nicht: «Die Mystik desChristentums» betitelt, sondern «Das Christentum als mystische Tatsache». Ich wollte nicht das Mystische des Christentums darstellen, sondern das Christentum selbst sollte als mystische Tatsache verstanden werden. Es sollte verstanden werden, daß das, was in Palästina sich abgespielt hat, zu gleicher Zeit eine Tatsache von tiefer Symbolik ist und zu gleicher Zeit etwas, was tatsächliche Wirklichkeit, tatsächliche Wahrheit ist. Verstehen wir uns recht in diesem Punkte gerade, denn er gehört zu den wichtigsten Punkten in der Erkenntnis des Christentums. Wenn man davon spricht, daß in Palästina im Jahre 33 das Ereignis des Todes, der Auferstehung, der Grablegung und der Himmelfahrt als historisches Ereignis sich vollzogen hat und sagt, daß dieses Ereignis aber auch vorher so und so oft im Mysterientempel sich abgespielt hat, dann hält man das nicht für etwas Wirkliches, dann glaubt man nicht an den tatsächlichen Christus. Und andere, die wieder an den Christus glauben, meinen, daß wir es bei dem Sterben, der Grablegung und der Auferstehung mit einer tiefen Symbolik zu tun haben. Es ist schwer zu verstehen, daß etwas zugleich Tatsache und zugleich Sinnbild sein kann. Daß eine Tatsache auch eine tiefe symbolische Bedeutung hat, wird derjenige, der die Geschichte in «wirklicher» Weise auslegen und gleichgültig betrachten wird, niemals fassen; daß es in der Geschichte hohe und niedere Berge gibt, hohe Berge, die über das Große hinausgehen, das sind zugleich Tatsachen und Symbole. Das ist es, worauf es ankommt. Jetzt haben wir ein Ereignis vor alle hingestellt, welches ausspricht vor allen Menschen, daß der Tod zu besiegen ist und daß es im Geiste ein Leben gibt, das über allen Tod hinausreicht, denn der Einzige hatte den Tod besiegt. Er hatte dasjenige, was die Eingeweihten als ihre Erfahrung in den Mysterien erlebt haben, vor aller Augen dargelebt. Jetzt brauchte man nicht mehr ins Mysterium hineinzugehen, um zu schauen, jetzt konnte man glauben und sich verbunden fühlen mit demjenigen, der in der physischen Welt das große Ereignis vom Siege des Lebens über den Tod dargelebt hat. Jetzt konnte man glauben, wenn man auch nicht schaute. Derjenige versteht die religiösen Bücher richtig, der sich wieder aufringt zu einem wörtlichen Verstehen. Das Schauen bedeutet nämlich wörtlich das Schauen in den Mysterien, und das Glauben ist der Glaube an die Tatsache der Besiegung des Todes durch das Leben, das Christus uns dargestellt hat. So dürfen wir sagen, daß die größte Weisheitslehre des Christentums die ist, daß die Weisheitslehre der verschiedenen Religionen im Christentum zur Tatsache geworden ist.

[ 13 ] Then Christianity emerged, and through Christianity all these circumstances changed. Therein lies the full depth of the transformation that Christianity has brought about in humanity. It is expressed in a powerful phrase, which is: “Blessed are those who believe, even though they do not see.” The mystery of Christianity lies in this saying, and we can only understand it if we take it as literally as possible. What does it mean? We know that whoever had undergone initiation in a temple of initiation knew that he had conquered death, that he had participated in the burial, and had become blessed through the vision. Now a great individual came along who, on the outer plane of history and before everyone’s eyes—insofar as those eyes were willing to see it or could receive it through faith and through union with this unique personality—carried out once and for all, outwardly on the historical plane, this great event that had so often taken place for the initiates in the deep darkness of the mystery temples. That was the event that took place in Palestine in the year 33. What had until then been received and preserved more or less symbolically in the depths of the temples had now become historical truth, historical reality on the great stage of life. This must be understood, for it is important. I deliberately chose not to title my short treatise on Christianity *“The Mysticism of Christianity”*, but rather *“Christianity as a Mystical Fact”*. I did not wish to portray the mystical aspect of Christianity; rather, Christianity itself was to be understood as a mystical fact. It should be understood that what took place in Palestine is at once a fact of profound symbolism and, at the same time, something that is actual reality, actual truth. Let us be clear on this point in particular, for it is one of the most important aspects of understanding Christianity. When one speaks of the events of the death, resurrection, burial, and ascension having taken place in Palestine in the year 33 as historical events, and says that these events had also occurred in this or that way many times before in the mystery temples, then one does not regard this as something real; then one does not believe in the actual Christ. And others, who do believe in the Christ, maintain that the death, burial, and resurrection involve profound symbolism. It is difficult to understand that something can be both a fact and a symbol at the same time. Those who interpret history in a “literal” way and view it with indifference will never grasp that a fact also has a profound symbolic meaning; that there are high and low mountains in history—high mountains that transcend the great—these are both facts and symbols. That is what matters. Now we have set before everyone an event that proclaims to all people that death can be conquered and that there is a life in the spirit that extends beyond all death, for the One had conquered death. He had lived out before everyone’s eyes what the initiates had experienced in the Mysteries. Now it was no longer necessary to enter the Mysteries to see; now one could believe and feel connected to the One who, in the physical world, had lived out the great event of life’s victory over death. Now one could believe, even if one did not see. The one who strives once more for a literal understanding is the one who understands the religious books correctly. For “seeing” literally means seeing within the Mysteries, and “believing” is faith in the fact of the victory of life over death, which Christ has revealed to us. Thus we may say that the greatest teaching of wisdom in Christianity is that the teachings of wisdom from the various religions have become a reality within Christianity.

[ 14 ] Was waren die Weisheitslehren der verschiedenen Religionen? Das können Sie durch eine wirkliche Vertiefung in die geisteswissenschaftlichen Lehren sich zur Überzeugung bringen, daß in bezug auf die Lehren die Religionen miteinander übereinstimmen. Nehmen Sie die Lehren des Hermes, des Pythagoras, des Zarathustra oder auch anderer Religionsstifter: in dem, was sie gelehrt und ausgesprochen haben, kann ein tiefer Weisheitskern, der übereinstimmt, gefunden werden. Alle die Lehrer, welche die großen Weisheitslehren verkündigt haben, sie alle konnten sagen: Ich bin der Weg und die Wahrheit. — Denn Wahrheit strömte aus ihrem Munde; die Wahrheit, die sie erlebt haben in den Mysterientempeln, sie waren zu Boten der göttlichen Wahrheit geworden. Bei dem Christus Jesus war es etwas anderes. Er konnte mehr von sich sagen. Er ist dasjenige geworden, was in dem großen und schönen Spruch: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» ausgedrückt ist. Das, was die andern Religionsstifter sagten, während ihr Leben sich verbarg vor den Blicken der Menschheit in dem Dämmerdunkel des Mysteriums, das lehrte er vor aller Augen. Unsichtbar war das Leben, durch das die Erfahrung gewonnen wurde im Inneren des Mysteriums. Sichtbar wurde es durch das Ereignis in Palästina. So steht das Christentum über den alten vorchristlichen Religionen. Die Weisheit, die durch das verborgene Leben des Eingeweihten gewonnen worden ist, ist herausgetreten an die Offentlichkeit, und wir haben in der neueren Zeit im Christentum die Wahrheit, die selbst Person, die selbst Leben, die selbst Dasein geworden ist. Daher kommt es bei den alten Religionen vielfach nicht darauf an, zu erzählen, wie die Religionsstifter gelebt haben. Wir hören nicht erzählen, wie der ägyptische Hermes, wie die indischen Rishis, wie Zarathustra, wie Buddha gelebt hat. Wenn wir die Lehren empfangen und unser Herz und unseren Sinn in ihnen erheben, so fließt daraus der Segen für uns. Wollen wir aber das Christentum verstehen, so müssen wir in Betracht ziehen, daß der Christus nicht bloß so gesprochen hat, sondern auch seinen Weg so gegangen ist. Daher ist von ihm auch kein Buch erhalten, sondern nur Bücher über ihn. Die frohen Botschaften, die Evangelien, sind nicht die Weisheitssprache des Jesus. Sie sind die Erzählungen von dem Leben Jesu. Andere haben gesprochen über ihn und von ihm. Wenn die Jünger des Buddha und des Hermes sprächen, so würden sie sagen: Das haben wir gehört, das sind seine heiligen Worte, die wollen wir euch wiedergeben. — Wenn aber die Jünger Jesu in die Welt hinauszogen, dann legten sie Wert darauf, daß er da war, daß sie mit ihm verbunden waren, daß sie seine Genossen waren. Sie suchten die Tradition, die Überlieferung durchzuhalten, sie fortzupflanzen von Generation zu Generation: Wir haben selbst mit ihm zusammen das Wort auf dem heiligen Berge gehört, wir haben die Hände in seine Wunden gelegt. — Das Wahrheitselement des Zusammenlebens war es, was die Lebendigkeit auf die Nachwelt herüberbringen soll. Das ist etwas anderes als das, was vorher in den verschiedenen andern Religionen vorhanden war. Das ist das völlig Neue.

[ 14 ] What were the teachings of wisdom in the various religions? By truly delving into the teachings of the spiritual sciences, you can convince yourself that, in terms of their teachings, the religions are in agreement with one another. Consider the teachings of Hermes, Pythagoras, Zarathustra, or other religious founders: in what they taught and expressed, a deep, consistent core of wisdom can be found. All the teachers who proclaimed the great teachings of wisdom could say: “I am the Way and the Truth.” — For truth flowed from their mouths; the truth they had experienced in the mystery temples—they had become messengers of divine truth. With Christ Jesus, it was different. He could say more about himself. He became what is expressed in the great and beautiful saying: “I am the Way, the Truth, and the Life.” What the other founders of religions spoke of—while their lives remained hidden from the gaze of humanity in the twilight of mystery—he taught before everyone’s eyes. The life through which that experience was gained within the mystery was invisible; it became visible through the events in Palestine. Thus Christianity stands above the ancient pre-Christian religions. The wisdom gained through the hidden life of the initiate has emerged into the public sphere, and in modern times, within Christianity, we have the Truth that has become a Person, Life itself, and Being itself. This is why, in the case of the ancient religions, it is often not important to recount how the founders of those religions lived. We do not hear accounts of how the Egyptian Hermes, the Indian Rishis, Zarathustra, or Buddha lived. When we receive the teachings and lift up our hearts and minds in them, blessings flow to us from them. But if we wish to understand Christianity, we must take into account that Christ not only spoke in this way but also walked his path in this way. That is why no book by him has survived, but only books about him. The Good News, the Gospels, are not the words of wisdom spoken by Jesus. They are accounts of Jesus’ life. Others have spoken about him and on his behalf. If the disciples of the Buddha and of Hermes were to speak, they would say: “This is what we have heard; these are his sacred words; we wish to convey them to you.” — But when the disciples of Jesus went out into the world, they emphasized that he was there, that they were connected to him, that they were his companions. They sought to uphold the tradition, to pass it on from generation to generation: “We ourselves heard the Word together with him on the holy mountain; we placed our hands in his wounds.” — It was the element of truth in their shared life that was meant to convey that vitality to posterity. This is something different from what previously existed in the various other religions. This is something entirely new.

[ 15 ] Wenn wir die ganze Bedeutung dieses völlig Neuen ermessen wollen, dann müssen wir uns den Unterschied klarmachen, der zwischen dem ersten Viertel der Menschheitsentwickelung bestand und dem, was jetzt eintrat. Was tritt jetzt ein? Für was bereitet das Christentum die Menschheit eigentlich vor? Warum mußte einer das große Ereignis so erleben, daß die Menschen zu ihm hinschauen konnten, zu ihm aufblicken konnten als einem Beweis des Sieges des Lebens über den Tod? Man brauchte einen solchen, weil jetzt eine andere Epoche in der Menschheitsgeschichte eintritt, weil jetzt der Intellekt, die Kraft des Geistes für Jahrhunderte, ja Jahrtausende für etwas anderes verwendet worden ist. Ungefähr mit der Ausbreitung des Christentums beginnt dasjenige, was wir den Siegeszug der Menschheit über unsere materielle Welt nennen können. Zuerst mußte das Christentum den Boden dazu vorbereiten. In der Mitte des Mittelalters beginnt der materielle Sieg der Menschheit, immer vollkommener werden die Gesetze, mit denen die Menschen ihn begründen. Der Mensch macht sich zum Herrn der Natur durch die Vervollkommnung seiner Mechanismen, begründet einen großen, erdumspannenden Verkehr und Handel. Der menschliche Intellekt wird Sieger über unsere Erde. Das ist alles in den vorchristlichen Zeiten nicht dagewesen. Versuchen Sie sich zu vergegenwärtigen, wie unsere Wissenschaft in den Zeiten, in denen auch das Christentum hervorgeht, beginnt. Sie wissen, Thales war der erste Philosoph. Das Christentum bereitet dann den Boden dafür vor, die Menschheitskraft zu verwenden zum Sieg über die äußere Natur. Damit die Menschheit nicht völlig abgeschlossen werde vom geistigen Leben, dazu war notwendig, daß die Überzeugung von einem geistigen Leben von ganz anderer Seite herkommt. Die tüchtige Persönlichkeit mußte jetzt dazu verwendet werden, um den Erdball in materieller Beziehung zu erobern. Daher mußte sich die Wissenschaft vom Gefühl, vom Glauben abspalten. Das war das Charakteristikum derjenigen, welche eingeweiht wurden in die Mysterien, daß Wissenschaft und Glaube und Empfindung und Glaube eins waren. Für den, der aus dem Materiellen heraustritt, gibt es keine Trennung zwischen Glauben und Wissen, zwischen Wahrheit und Empfindung. Die Formen, in denen die Sterne angeordnet waren, das waren bei den chaldäischen Eingeweihten die Schriftzüge der Gottheit selbst. Das mußte anders werden in der neuen Zeit. Zunächst richtete der Mensch den Blick hinauf zum Sternenhimmel, und eine der göttlichen Empfindungen entkleidete Wissenschaft umspannte die Himmelsräume und das irdische Dasein in allen seinen Erscheinungen. Die Welt konnte in ihrem Wissen mit dem Glauben und mit der Weisheit nicht mehr denselben Weg gehen. Weil beide sich trennen mußten, mußte ein Ereignis eintreten, das den Glauben sicherstellte, das eine so feste Empfindung, ein so festes Gefühl in der Menschheit begründete, daß sich daneben die materielle Wissenschaft begründen konnte und daß durch die materielle Zeit hindurch der Glaube fortlebte. So haben wir nebeneinander fest begründet den Glauben, und die Wissenschaft, die nicht den Glauben hat, sondern auf die Persönlichkeit, den Christus hinschaut. Ein wahrhaft persönliches Verhältnis zu dem Einzigartigen setzt sich neben dem materiellen Streben fest. Und so war das, was im Jahre 33 in Palästina hingestellt war, das Bollwerk zur Bewahrung des Ewigen, des Bewußtseins des Geistigen während der Entwickelung der Menschheit zur Materialität. Es mußten diejenigen selig werden, die an den Einzigen glauben konnten, während sie ihr Schauen verwenden mußten auf die Erringung des materiellen Lebens. So war das Altertum in seiner zweiten Epoche die prophetische Hindeutung auf den Christus Jesus. Nicht mit Unrecht wird das, was im Alten Testament gelehrt wird, als die prophetische Vorhersage, der prophetische Hinweis auf den Christus Jesus gedeutet. Jede Einweihung war eine solche Vorhersage. Was der Eingeweihte erlebte, erlebte er zuerst geistig, dann symbolisch, dann war es in der Welt da. Dann war es Erfüllung, Erfüllung des Alten: es war das Neue Testament. Auch dieses Wort zeigt sich uns in seiner vollen Bedeutung, wenn wir es in seiner Tiefe erfassen. So haben Sie die drei Epochen der Menschheitsentwickelung geschildert, die nebeneinandergehen, von Glauben, Wissen und Weisheit.

[ 15 ] If we want to grasp the full significance of this entirely new development, we must understand the difference between the first quarter of human development and what is now taking place. What is now taking place? What is Christianity actually preparing humanity for? Why was it necessary for someone to experience this great event in such a way that people could look to him, could look up to him as proof of life’s victory over death? Such a figure was needed because a new epoch is now dawning in human history, because for centuries—indeed, millennia—the intellect, the power of the spirit, has been directed toward something else. Roughly with the spread of Christianity begins what we might call humanity’s triumph over our material world. First, Christianity had to prepare the ground for this. In the middle of the Middle Ages, humanity’s material triumph begins; the laws by which people establish it become ever more perfect. Humanity makes itself the master of nature through the refinement of its mechanisms, establishing a vast, global network of transportation and trade. The human intellect triumphs over our Earth. None of this existed in pre-Christian times. Try to imagine how our science began in the era when Christianity itself was emerging. As you know, Thales was the first philosopher. Christianity then prepared the ground for using human power to triumph over external nature. To prevent humanity from becoming completely cut off from spiritual life, it was necessary for the conviction of a spiritual life to come from an entirely different source. The capable individual now had to be employed to conquer the globe in material terms. Therefore, science had to separate itself from feeling and faith. The defining characteristic of those who were initiated into the mysteries was that science, faith, and feeling were one. For the one who steps out of the material realm, there is no separation between faith and knowledge, between truth and feeling. The patterns in which the stars were arranged were, for the Chaldean initiates, the script of the Deity itself. This had to change in the new era. At first, humanity turned its gaze upward to the starry sky, and a scientific understanding, stripped of divine feeling, encompassed the celestial realms and earthly existence in all its manifestations. In its knowledge, the world could no longer follow the same path as faith and wisdom. Because the two had to part ways, an event had to occur that would secure faith—one that would establish such a firm sensation, such a firm feeling within humanity that material science could be founded alongside it, and that faith would live on throughout the material age. Thus we have firmly established, side by side, faith and science—a science that does not rely on faith but looks to the Person, to Christ. A truly personal relationship with the One and Only takes root alongside material striving. And so what was established in Palestine in the year 33 served as the bulwark for the preservation of the Eternal, of the awareness of the Spiritual, during humanity’s development toward materiality. Blessed were those who could believe in the One, even as they had to direct their gaze toward the attainment of material life. Thus, antiquity in its second epoch was the prophetic foreshadowing of Christ Jesus. It is not without reason that what is taught in the Old Testament is interpreted as the prophetic foretelling, the prophetic reference to Christ Jesus. Every initiation was such a prophecy. What the initiate experienced, he first experienced spiritually, then symbolically, and then it was present in the world. Then it was fulfillment, the fulfillment of the Old: it was the New Testament. This word, too, reveals its full meaning to us when we grasp its depth. This is how you have described the three epochs of human development that run parallel to one another: faith, knowledge, and wisdom.

[ 16 ] Anders waren die Zeiten gewesen — versetzen wir uns einmal zurück in die Zeiten, von denen zwar die Geschichte nicht so recht erzählt — ich habe öfter schon davon gesprochen —, in denen die armen ägyptischen Sklaven die großen, mächtigen Felsblöcke herbeischleppten und sich blutig arbeiteten an gigantischen Steinriesen. Davon kann sich der moderne Arbeiter keinen Begriff machen, was jenes Arbeiten bedeutete. Beseligung und Zufriedenheit waren die Gefühle, die durch die Seele des elenden Sklaven zogen. Eines wußte nämlich dieser Sklave. Er wußte, daß dieses Leben, das er in so harter Arbeit lebte, eines unter vielen war. Der Eingeweihte hat es ihm oft gesagt, um es der Menschheit zum Bewußtsein zu bringen, daß der Mensch sich oft und oft verkörpert und daß er dasjenige, was er erlebt, sich selbst bereitet hat, und daß er dasjenige, was er jetzt tut, belohnt erhält in zukünftigen Leben. So löste sich für ihn das Rätsel des menschlichen Schicksals tatsächlich. Innerhalb des blutig arbeitenden Sklavenvolkes war Beseligung und religiöse Empfindung. Der Sklave sagte sich: Der, welcher heute mir befiehlt, war ehemals auch so wie ich, und ich werde, wenn ich dies jetzt alles ausführe, einst auch so sein wie er. — Das zu erreichen, wäre den Weisen, die in späterer Zeit die materielle Welt eroberten, den Weisen, die es mit der rein materiellen Wissenschaft zu tun hatten, nicht möglich gewesen, so gewaltig auch die Lehren des Galilei und Kopernikus sind, die Lehren der modernen Erforschung des sinnlich materiellen Daseins. Gewiß, es soll nichts gegen diese Lehren gesagt sein und es kann niemand die Größe und Gewalt dieser Lehren besser schätzen als ich, aber wahr ist es doch und es muß auch gesagt werden, daß jene Feuerworte, jenen Geist, der die Seelen öffnet, der dem Menschen die Hoffnung gibt für die Ewigkeit, der den Menschen die Gewißheit gibt des seelisch-geistigen Lebens, die materialistischen Forscher nicht finden konnten. Diese Gewißheit aber kam von der persönlichen Verbindung mit dem einzigartigen Christus. Nach und nach hat sich auch wieder die äußere Wissenschaft vertieft. Die Wissenschaft ist allmählich wieder zu einer Weisheit geworden, und die Folge davon ist, daß diese äußere Wissenschaft den Anspruch erhoben hat, wiederum als Religionsgründer aufzutreten. Denn, was sind denn die Aufklärer, die Freidenker? Was wollen sie? Sie sind ja eigentlich religiöse Naturen. Sie wollen eine Religion begründen, sie wollen aus der modernen Wissenschaft selbst eine solche Religion hervorzaubern. Im Grunde genommen sind Moleschott, Haeckel und so weiter mit ihren Büchern, die eine Art materialistisches Evangelium für so viele begründet haben, nichts anderes als materialistische Religionsstifter. Weil das Weltlich-Sinnliche eine so gewaltige Kraft und Autorität gewonnen hat, daß der Mensch das Höchste durch die Wissenschaft und ihre Weisheit erringen will, deshalb haben sich die Wissenschafter, auch die, welche die Gewalt der Wissenschaft nur etwas empfinden und etwas von dem Großen und Gewaltigen der Wissenschaft mitzuteilen haben, abgewendet von dem Christus Jesus. So haben wir die Abspaltung der Wissenschaft. Jesus hat aber ein Wort gesprochen, ein Wort, das wir nicht tief genug erfassen können, und das ist das: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.» Wir brauchen seine Weisheit nicht bloß aus den Überlieferungen und Büchern zu entlehnen, sondern, wenn wir uns erheben in die höheren Welten, werden wir in uns selbst wieder das große Erlebnis haben, das nur in den höheren Welten jenseits der Pforte des Todes erfahren werden kann. Dann spricht er wieder zu uns, dann beweist er uns, daß er heute da ist, daß wir ihn hören können unmittelbar in der Gegenwart. Daher brauchen wir wieder eine solche Vertiefung der Menschheit, daß der Mensch in sich selbst das Christus-Erlebnis hat, daß der Mensch wieder in sich selbst etwas Ähnliches erfahren kann wie die Eingeweihten in den alten Mysterien. Wenigstens ein Abglanz des großen, bedeutsamen Erlebnisses der Mysterientempel soll allmählich denjenigen, die sich der Anthroposophie zuwenden, überliefert werden, ein Betreten der geistigen Region, der andern Seite des Lebens schon hier während dieses Lebens, damit sie dasjenige erfahren können, was Goethe so groß und bedeutsam ausgedrückt hat in dem Gedicht, das so beginnt: «Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet», und das schließt: «Und solang du das nicht hast, dieses: Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.»

[ 16 ] Times were different back then—let’s transport ourselves back to those times, which history doesn’t really tell us much about—I’ve spoken of them often—when the poor Egyptian slaves dragged the huge, mighty boulders into place and toiled themselves to the point of bloodshed on gigantic stone colossi. The modern worker cannot begin to imagine what that kind of labor meant. Bliss and contentment were the feelings that filled the soul of the wretched slave. For this slave knew one thing: he knew that this life, which he lived through such hard labor, was just one among many. The Initiate has often told him this, to bring it to humanity’s awareness: that human beings incarnate time and again, that they have brought upon themselves what they experience, and that they will be rewarded in future lives for what they do now. Thus, the mystery of human destiny was truly unraveled for him. Amid the slave people toiling in blood, there was bliss and religious feeling. The slave said to himself: “The one who commands me today was once just like me, and if I carry out all this now, I too will one day be like him.” — Achieving this would not have been possible for the sages who later conquered the material world, the sages who dealt with purely material science—no matter how powerful the teachings of Galileo and Copernicus may be, nor the teachings of modern research into sensory-material existence. Certainly, nothing is to be said against these teachings, and no one can appreciate the greatness and power of these teachings better than I; but it is nevertheless true—and it must also be said—that the materialist researchers were unable to find those fiery words, that spirit which opens the souls, which gives people hope for eternity, and which gives them the certainty of spiritual-soul life. This certainty, however, came from a personal connection with the unique Christ. Little by little, external science has also deepened once more. Science has gradually become wisdom again, and the consequence of this is that this external science has laid claim to acting once more as the founder of a religion. For what, after all, are the Enlightenment thinkers, the freethinkers? What do they want? They are, in fact, religious by nature. They want to establish a religion; they want to conjure up such a religion out of modern science itself. When all is said and done, Moleschott, Haeckel, and others—with their books, which have established a kind of materialistic gospel for so many—are nothing other than materialistic founders of religion. Because the worldly-sensual realm has gained such immense power and authority that human beings seek to attain the highest reality through science and its wisdom, scientists—even those who merely sense the power of science and have something to say about its grandeur and might—have turned away from Jesus Christ. Thus we have the separation of science. But Jesus spoke a word—a word we cannot grasp deeply enough—and that is this: “I am with you always, even to the end of the age.” We need not merely borrow His wisdom from traditions and books; rather, when we rise into the higher worlds, we will once again have within ourselves that great experience which can only be encountered in the higher worlds beyond the gate of death. Then He speaks to us again; then He proves to us that He is here today, that we can hear Him directly in the present moment. Therefore, we need once more such a deepening of humanity that each person may have the Christ experience within themselves, that each person may once again experience within themselves something similar to what the initiates experienced in the ancient mysteries. At least a glimmer of the great, significant experience of the mystery temples should gradually be passed on to those who turn to anthroposophy—an entry into the spiritual realm, the other side of life, already here during this life—so that they may experience what Goethe expressed so grandly and significantly in the poem that begins: “Tell it to no one, only to the wise, for the crowd will mock it at once,” and which concludes: “And as long as you do not have this—this: Die and Become—you are but a gloomy guest on the dark earth.”

[ 17 ] Um dieses Stirb und Werde handelt es sich heute. Es gibt ein Mittel zur geistigen Entwickelung, durch das wir den inneren göttlichen Wesenskern in uns erwecken können, durch das wir hinauswachsen können in die geistige Welt. Da gehen uns die Augen auf für die geistige Welt, die Ohren werden in uns rege, daß wir Höheres sprechen hören. Wir werden Bürger einer höheren Welt werden können, wir werden finden, daß der Christus bei uns ist bis ans Ende der Welt. Dann können wir auch jene Sprache wieder vernehmen, die zu den Jüngern sprach auf dem Berge. Das ist in dem tiefsten Mysterium des Christentums selbst angedeutet.

[ 17 ] This dying and becoming is what we are dealing with today. There is a means of spiritual development through which we can awaken the inner divine core of our being, through which we can grow into the spiritual world. Then our eyes are opened to the spiritual world, and our ears become attuned so that we may hear the higher words. We will be able to become citizens of a higher world; we will find that Christ is with us until the end of the world. Then we will also be able to hear once more that language which spoke to the disciples on the mountain. This is hinted at in the deepest mystery of Christianity itself.

[ 18 ] Lassen Sie uns zum Schluß dieses große Mysterium einmal hinstellen. Auch Christus hatte eingeweihte Schüler, auch er führte sie hinweg von der Menge. Wenn er das, was er der Menge in Gleichnissen sagte, auslegen wollte, so führte er seine drei eingeweihten Jünger: Petrus, Jakobus und Johannes auf den Berg Tabor. Da schauten sie die Verklärung. Wer die Verklärung versteht, der wird darin das tiefste Mysterium des Christentums erkennen. Die Jünger werden entrückt dem sinnlichen Dasein. Was tritt ihnen vor Augen? Elias und Moses. Elias ist das Wort für Weg oder Ziel, Moses ist einfach das geheimwissenschaftliche Wort für Wahrheit, und Jesus ist das Leben. Indem in der Zeitlichkeit die Ewigkeit ihnen erschienen ist, indem ihnen diejenigen, die längst tot sind, vor Augen erschienen, vor ihren geistigen Augen, heißt das, sie waren in die geistige Welt hinaufgestiegen. Petrus sagt, hier ist es schön, hier laßt uns Hütten bauen. Den Ausdruck «Hütten bauen» können Sie überall lesen, wo ein Schüler die zweite Stufe des Chelapfades ersteigt. Von ihm wird gesagt, daß er in der jenseitigen Welt Hütten baut. Von demjenigen, der die sogenannten Schlüsselworte erkennt, werden überall die großen Wahrheiten in den religiösen Urkunden erkannt. Das große Wort «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben», tritt Ihnen da entgegen. Als sie vom Berge herabgingen, verbot ihnen Jesus, jemandem zu sagen, was sie gesehen hatten, bis des Menschen Sohn von den Toten auferstanden sei. Sie befragten sich untereinander: Was ist denn das, das Auferstehen von den Toten? — Und sie fragten Jesu: Es sagen doch die Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen? — Er antwortete: Elias soll ja zuvor kommen und alles wieder zurechtbringen. — Die Jünger, im intimsten Heiligtum, sprechen hier von der Wiederverkörperung wie von etwas, das unter ihnen selbstverständlich ist. Der Herr sprach selbst davon wie von etwas Selbstverständlichem, indem er sagte: Elias ist wiedergekommen, Johannes der Täufer ist Elias, saget es aber niemand bis ich wiederkomme. — Das ist das Testament auf dem Berge. «Berg» ist das Schlüsselwort für Einweihung. Überall, wo es sich um Einweihung handelt, ist der Ausdruck «Auf dem Berge» angewendet. Was heißt: «Sagt es niemand bis ich wiederkomme»? Das heißt, bis ich wieder zu euch spreche, bis ihr selbst wieder da seid in solcher Gestalt, daß die Menschheit wiederum das Wort der Wahrheit wahrnehmen kann. Als Stellvertreter war der Christus Jesus auf der Erde. Durch den Hinblick auf seinen Tod sollte die Menschheit den Sieg des Lebens über den Tod empfinden. Der Glaube, durch den selbst der ägyptische Sklave vom Jenseits gewußt hat, sollte ersetzt werden durch den Glauben, daß das Ewige in dem Wesenskern ist, der durch das Physische hindurchgeht. Jetzt mußten sie den Siegeszug durch die Welt antreten. Materiell bleibt uns nichts von dem, was Weisheit, unmittelbares Wissen vom Jenseits ist. Jetzt sollte während der folgenden zweitausend Jahre der Menschheit nichts verkündigt werden von der Wiederverkörperung. Das hat Jesus als Testament eingesetzt. Erst wenn die Menschen durchgegangen sind durch die dritte Epoche der Entwickelung, werden sie diesen materiellen Sieg über den Erdball errungen haben, sie werden den Intellekt und den Verstand auf die äußere Kultur angewendet haben. Dann erst darf wieder eine neue Epoche beginnen, dann kann wieder die Weisheit dasjenige begreifen, was sich einzigartig dargelebt hat. Dann erscheint der Christus wieder auf der Erde, damit er unmittelbar ergriffen werden kann. Dann braucht der Mensch nicht mehr das Leben auf Tabor, dann wird er die Einweihung in sich selbst erleben, den Gottmenschen in sich selbst finden. Dann wird er wieder aufschauen zu dem göttlichen Leben, das in den vorchristlichen Zeiten Gemeingut der Menschheit gewesen ist. Diese neue Epoche ist durch die anthroposophische Lehre eingeleitet worden. Was der Christus auf dem Berge Tabor hinterlassen hat, das fühlen die geisteswissenschaftlich Strebenden als ihre Mission, als ihren Beruf. Christliche Mystiker des Mittelalters haben es schon angedeutet. Bei Angelus Silesius, dem großen schlesischen Eingeweihten, finden Sie es ausgesprochen: «Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.» Wie der Blinde das Erwachen des Lichtes, so kann derjenige, welcher in den neuen Zustand kommt, die Erscheinung wie auf Tabor erleben. Das ist die Zukunft.

[ 18 ] Let us, in conclusion, consider this great mystery. Christ, too, had initiated disciples; he, too, led them away from the crowd. When he wished to explain what he had told the crowd in parables, he led his three initiated disciples—Peter, James, and John—up Mount Tabor. There they witnessed the Transfiguration. Whoever understands the Transfiguration will recognize in it the deepest mystery of Christianity. The disciples are lifted out of their sensory existence. What appears before their eyes? Elijah and Moses. Elijah is the word for “path” or “goal”; Moses is simply the esoteric word for “truth”; and Jesus is “life.” Because eternity appeared to them within temporality—because those who had long since died appeared before their eyes, before their spiritual eyes—this means they had ascended into the spiritual world. Peter says, “It is good to be here; let us build huts here.” You can read the expression “build huts” wherever a disciple ascends the second stage of the chela path. It is said of him that he builds huts in the world beyond. Those who recognize the so-called key words will recognize the great truths in religious texts everywhere. The great words “I am the Way, the Truth, and the Life” come to meet you there. As they were coming down from the mountain, Jesus forbade them to tell anyone what they had seen until the Son of Man had risen from the dead. They asked one another, “What, then, is this—rising from the dead?” — And they asked Jesus, “But don’t the scribes say that Elijah must come first?” — He replied, “Elijah is indeed to come first and set everything right again.” — The disciples, in the innermost sanctuary, speak here of reincarnation as something that is self-evident among them. The Lord Himself spoke of it as something self-evident when He said: “Elijah has returned; John the Baptist is Elijah—but tell no one until I come again.”—This is the Testament on the Mountain. “Mountain” is the key word for initiation. Whenever initiation is involved, the expression “on the mountain” is used. What does “Tell no one until I come again” mean? It means until I speak to you again, until you yourselves are there once more in such a form that humanity can once again perceive the Word of Truth. Christ Jesus was on earth as a representative. By looking toward his death, humanity was to sense the victory of life over death. The faith through which even the Egyptian slave knew of the afterlife was to be replaced by the faith that the Eternal resides in the core of the being, which passes through the physical. Now they had to embark on their triumphal march through the world. Materially, nothing remains to us of what constitutes wisdom—direct knowledge of the afterlife. Now, for the next two thousand years of human history, nothing was to be proclaimed about reincarnation. Jesus established this as his testament. Only when humanity has passed through the third epoch of development will it have achieved this material victory over the globe; it will have applied the intellect and reason to external culture. Only then may a new epoch begin again; only then can wisdom once more comprehend that which has been uniquely lived out. Then Christ will appear again on Earth so that he may be directly grasped. Then human beings will no longer need the experience of Mount Tabor; they will experience initiation within themselves and find the God-man within themselves. Then they will once again look up to the divine life that was the common heritage of humanity in pre-Christian times. This new epoch has been ushered in by the anthroposophical teaching. What Christ left behind on Mount Tabor, those striving in spiritual science feel is their mission, their calling. Christian mystics of the Middle Ages had already hinted at it. In the writings of Angelus Silesius, the great Silesian initiate, you will find it expressed explicitly: “If Christ is born a thousand times in Bethlehem and not within you, you will remain lost for all eternity.” Just as the blind man experiences the dawning of light, so too can the one who enters this new state experience the vision as on Mount Tabor. That is the future.

[ 19 ] So haben wir in der dritten Epoche der Menschheit ein Christentum des Glaubens gehabt, und so werden wir in der vierten Epoche ein Christentum der Weisheit haben. Was hat die Menschheit in der dritten Epoche geleistet? Die instinktive Periode ist die Periode der vorchristlichen Zeit. Die Periode der äußeren materiellen Kultur haben wir gehabt, und wir treten jetzt ein in die vierte Periode der Menschheitsentwickelung. Den Erdkreis hat der Mensch umspannt mit Industrie und Handel; ohne Unterschied von Nation und Rasse wirken Industrie und Handel. Die Maschine bereitet dieselben Fabrikate in Japan, Brasilien und Europa. Dieselben Eisenbahnen durchqueren den Erdball auf allen Gebieten ohne Unterschied von Rasse, Nation und Stand. Die Unterschiede in der Menschheit sind gefallen in unserem Kulturkörper. Der Scheck, der hier in Berlin ausgestellt wird, kann eingelöst werden in Tokio. Alles in unserer Kultur hat sich so vollzogen, daß wir als Grundsatz der dritten Periode aufstellen können, was kein Mensch als Grundsatz hätte hinstellen können, als diese Kultur eingeleitet werden sollte, am Ausgangspunkt unserer Kultur: Wir wollen eine Kultur begründen, die den Erdball umspannt, ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Beruf und Bekenntnis. Das ist die materielle Kultur, die unter diesem Motto den Erdkreis, den Erdball umspannt hat. Diese Kultur muß Seele erhalten. Und diese Kulturseele in sie hineinzuführen, das ist die Aufgabe der vierten Epoche der Menschheit, das ist die Aufgabe der Anthroposophie und unserer Lebensführung. Eine materielle Kultur haben wir, und eine geistige Kultur mit denselben Eigenschaften brauchen wir. Stark sind die Menschen da, wo sie die moralische Verbindung begründet haben. Der japanische Händler versteht die Händler aller anderen Länder. Bis in die Seele hinein müssen sich die Menschen wieder verstehen können. Das wird auch sein, wenn diese Errungenschaften auch für die Menschenwissenschaft fruchtbar gemacht werden. Der Kulturkörper hat drei Epochen. Er braucht Kulturseele. Kulturgeist muß die vierte Epoche bringen. Das ist der große Grundgedanke, das große Ziel, das die große Kulturbewegung haben muß, wenn sie etwas anderes sein will als ein bloßes Spiel für diejenigen, welche nichts anderes zu tun haben, als über mystische Gedanken zu grübeln. Wird die Theosophische Gesellschaft bestehen, dann wird sie das zustande bringen. Daher muß sie das Christentum in seiner Tiefe auffassen, sie muß seine tiefsten Weisheitslehren verstehen und muß auch die Kraft haben, diese Weisheitslehren nicht in alter traditioneller Form zu üben, im Alten zu leben, sondern sie umzugestalten, daß sie brauchbar in allen Zeiten fortleben werden, so daß das Christentum nicht Vergangenheit ist, sondern die lebendige Kraft hat, weiter und weiter in die Zukunft hineinzuwirken. So ist die Anthroposophie, das anthroposophisch verstandene Christentum keine Lehre, kein Dogma, keine Sektiererei, sondern es ist etwas anderes, es ist Leben, es ist etwas in die Zukunft hineinweisendes, es ist etwas, was das Herz höher schlagen macht im besten Sinne des Wortes, es ist etwas, was die Seele erhebt zu den größten Aufgaben der Gegenwart, weil die größten Aufgaben allein dem segensreichen Hoffen für die Zukunft entsprechen können. Dann werden wir das Christentum begriffen haben, wenn es uns Leben gibt für die Zukunft. Dann verstehen wir die hohen Geister recht, wenn sie unsere Lehrer werden für die Zukunft. Wir werden ihre richtigen SchüJer sein, wenn wir nicht in autoritativer Weise dasjenige fortpflanzen wollen, was sie selbst gesagt haben, sondern wenn ihre Worte, ihre Taten die Energie geworden sind für das Neue, was wir schaffen. Das ist das große Geheimnis, die große Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit, die wir im Fortgang der Menschheitsentwicklung haben, die uns erfüllen sollen, die unser Leben im höchsten Sinne des Wortes ausmachen sollen. Das ist die wahre Erziehung der Menschheit, daß wir aus einer wirklichen Erkenntnis der großen Taten unserer Vorfahren die Kraft zum Schaffen in die Zukunft und die Hoffnung auf eine segensreiche Wirkung in der Zukunft empfangen.

[ 19 ] Thus, in the third epoch of humanity, we had a Christianity of faith, and in the fourth epoch, we will have a Christianity of wisdom. What did humanity accomplish in the third epoch? The instinctive period is the pre-Christian era. We have lived through the period of external material culture, and we are now entering the fourth period of human development. Humanity has spanned the globe with industry and trade; industry and trade operate without distinction of nation or race. Machines produce the same goods in Japan, Brazil, and Europe. The same railroads crisscross the globe in all regions, regardless of race, nation, or social class. The differences among humankind have been overcome within our cultural framework. A check issued here in Berlin can be cashed in Tokyo. Everything in our culture has unfolded in such a way that we can establish as the guiding principle of the third period something that no one could have proposed as a principle when this culture was first being established, at the very outset of our cultural journey: We want to establish a culture that spans the globe, without distinction of race, gender, profession, or creed. This is the material culture that, under this motto, has spanned the globe. This culture must be imbued with a soul. And to infuse this cultural soul into it—that is the task of the fourth epoch of humanity; that is the task of anthroposophy and our way of life. We have a material culture, and we need a spiritual culture with the same qualities. People are strong where they have established moral bonds. The Japanese merchant understands merchants from all other countries. People must once again be able to understand one another right down to the soul. This will also come to pass when these achievements are made fruitful for the science of humanity. The cultural body has three epochs. It needs a cultural soul. The cultural spirit must usher in the fourth epoch. This is the great fundamental idea, the great goal that the great cultural movement must have if it is to be anything other than a mere pastime for those who have nothing better to do than ponder mystical thoughts. If the Theosophical Society is to endure, it will bring this about. Therefore, it must grasp Christianity in its depth; it must understand its deepest teachings of wisdom and must also have the strength not to practice these teachings in their old, traditional form—not to live in the past—but to transform them so that they will live on as something useful in all ages, so that Christianity is not a thing of the past but possesses the living power to continue to influence the future further and further. Thus, anthroposophy—Christianity as understood through the lens of anthroposophy—is not a doctrine, not a dogma, not sectarianism, but something else entirely; it is life, it is something that points toward the future; it is something that makes the heart beat faster in the best sense of the word; it is something that lifts the soul to the greatest tasks of the present, because only the greatest tasks can correspond to a hopeful vision for the future. We will have truly understood Christianity when it gives us life for the future. Then we will truly understand the great spirits when they become our teachers for the future. We will be their true disciples not when we seek to perpetuate in an authoritarian manner what they themselves have said, but when their words and deeds have become the energy for the new things we create. This is the great mystery, the great law and necessity that we find in the course of human development—one that is meant to fulfill us and to constitute our lives in the highest sense of the word. This is the true education of humanity: that from a genuine understanding of the great deeds of our ancestors, we receive the strength to create for the future and the hope for a blessed impact in the future.