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World-Riddles and Theosophy
GA 54

15 February 1906, Berlin

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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
  1. Die Welträtsel und die Anthroposophie

12. Wiederverkoörperung und Karma

12. Reincarnation and Karma

[ 1 ] Es gibt Rätsel der Welt, welche denjenigen interessieren, der tiefer eindringen will in das Gefüge, in das Gewebe unseres Daseins. Solche Rätsel der Welt sind zum Beispiel diese: Woher kommen Stoffe und Kräfte, woher kommt das Leben in der Welt? Woher die Zweckmäßigkeit in der Natur, woher dasjenige, was wir Bewußtsein nennen? Wie haben wir die Frage nach dem Ursprung der Sprache zu bewerten, wie die Frage nach dem Rätsel des freien Willens? Das sind alles Fragen, die dem, der tiefer in das Verständnis des Daseins eindringen will, sich gewiß aufdrängen, Fragen, die einer fortgeschrittenen, gebildeten Intelligenz nicht fernliegen können. Aber vor diesen Fragen gibt es näherliegende, große Menschheitsfragen, die zunächst keinen theoretischen, keinen wissenschaftlichen Wert haben, die sich aber auch aufdrängen, welche uns von den Arbeiten und Mühen des Lebens aufschauen lassen zu dem, was wir das Unvergängliche nennen wollen gegenüber dem Vergänglichen. Diese Fragen hängen zusammen mit dem, was uns auf Schritt und Tritt begegnet, mit dem, was uns überall in der Welt als Rätsel entgegentreten muß. Es sind Fragen, von deren Beantwortung nicht nur die Befriedigung unseres theoretischen oder wissenschaftlichen Interesses abhängt, sondern von denen es auch abhängt, ob wir Kraft, Mut und Sicherheit im Leben haben, ob wir Hoffnung haben für eine gedeihliche Zukunft des Menschengeschlechts und des Einzelmenschen.

[ 1 ] There are mysteries of the world that interest those who wish to delve deeper into the structure, into the fabric of our existence. Such mysteries of the world include, for example, the following: Where do matter and forces come from? Where does life in the world come from? Where does the purposefulness in nature come from, and where does that which we call consciousness come from? How should we assess the question of the origin of language, and the question of the mystery of free will? These are all questions that certainly present themselves to those who wish to delve deeper into the understanding of existence—questions that cannot be foreign to an advanced, educated mind. But before these questions, there are more immediate, great questions of humanity that, at first glance, have no theoretical or scientific value, yet which also impose themselves upon us—questions that cause us, amid the labors and struggles of life, to look up toward what we might call the imperishable in contrast to the perishable. These questions are connected to what we encounter at every turn, to what confronts us as a mystery everywhere in the world. These are questions on whose answers not only the satisfaction of our theoretical or scientific interest depends, but also whether we have strength, courage, and security in life, and whether we have hope for a prosperous future for the human race and for each individual.

[ 2 ] Solche Lebensfragen werfen sich uns auf, wenn wir den Blick auf das unmittelbare Dasein des Menschen richten, wenn wir sehen, wie der eine bei seiner Geburt mit einer geringen Fähigkeit und Kraft ausgestattet und durch diese geringfügigen Anlagen und Talente so veranlagt ist, daß wir voraussehen können, wie er zu einem elenden, ärmlichen Dasein verurteilt ist, das er fortschleppen muß zwischen Geburt und Tod. Er kann in eine Familie so hineingeboren sein, daß er schon durch die Umstände und Tatsachen ohne seine Schuld zum Elend verurteilt erscheint. Der andere ist in eine Familie hineingeboren, die von vornherein sicherstellt, daß er ein glückliches, freudevolles Dasein haben wird; er hat Talente und Fähigkeiten, daß wir sagen können, er wird Großes und Bedeutsames im Leben vollbringen. Das alles und anderes, das uns jeden Tag, jede Stunde und jeden Augenblick, wenn wir das Leben, wie es uns entgegentritt, unbefangen betrachten, schließt die großen und unmittelbaren Rätsel ein. Die großen Weltanschauungen und Weltanschauungsverkündiger waren von jeher bemüht, den Menschen diese Daseinsrätsel zu lösen. Aber in jeder neuen Zeit bedürfen die Daseinsrätsel einer neuen Lösung. Nicht als ob etwa die alten Wahrheiten nicht mehr wahr wären, darum handelt es sich nicht, sondern darum, daß Denken und Empfinden der Menschen anders wird, daß das Empfinden der Seele sich mehr ändert, als man gewöhnlich glaubt, daß man nicht andere Fragen aufwirft, wohl aber die alten Fragen in anderer Weise aufgeworfen werden. Die theosophische oder geisteswissenschaftliche Lebensanschauung, seit dreißig Jahren in gebildeten Kulturen sich ausbreitend, versucht, in solcher Weise die Daseinsrätsel zu lösen, daß der moderne Mensch Befriedigung gewinnen kann durch eine solche Lösung.

[ 2 ] Such questions about life arise when we turn our gaze to the immediate existence of human beings, when we see how one person is endowed at birth with limited abilities and strength, and is so predisposed by these meager aptitudes and talents that we can foresee how he is condemned to a miserable, wretched existence that he must endure from birth to death. He may be born into a family in such a way that, through circumstances and facts beyond his control, he already appears condemned to misery. Another is born into a family that ensures from the outset that he will have a happy, joyful existence; he possesses talents and abilities such that we can say he will accomplish great and significant things in life. All of this and more—which we encounter every day, every hour, and every moment when we observe life as it presents itself to us with an open mind—encompasses the great and immediate mysteries. The great worldviews and their proponents have always strived to solve these mysteries of existence for humanity. But in every new era, the mysteries of existence require a new solution. Not that the old truths are no longer true—that is not the point—but rather that people’s thinking and feeling change; that the soul’s perception changes more than is commonly believed; and that while new questions are not raised, the old questions are posed in a different way. The theosophical or spiritual-scientific view of life, which has been spreading in educated cultures for thirty years, attempts to solve the mysteries of existence in such a way that modern people can find satisfaction in such a solution.

[ 3 ] Da sind es zwei, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung durchziehende Begriffe, die den Gegenstand unseres heutigen Themas bilden und Antwort geben sollen auf die aufgeworfenen Fragen: die beiden Ideen von der Wiederverkörperung oder von den wiederholten Erdenleben des Menschen und von Karma oder dem großen Schicksalsgesetz des Daseins. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung will durch diese beiden Ideen auf die Rätselfragen des Daseins so antworten, wie der Naturforscher, der Forscher überhaupt, aus der Erkenntnis, aus dem Wissen heraus, nicht aus einem bloßen Glauben, Antwort gibt auf seine Fragen. Keinen andern Charakter trägt das, was die geisteswissenschaftliche Weltanschauung geben will, als dasjenige, was die übrige Forschung bieten will, nur daß der einzige Unterschied vielleicht der ist, daß zum Begreifen, zum Auffassen der wissenschaftlichen Wahrheiten Vorbedingungen bestimmter Art gehören. Eine gewisse wissenschaftliche Grundlage gehört auch fast zu der ganzen populären wissenschaftlichen Darstellung. Richtig verständlich aber wird die theosophische oder geisteswissenschaftliche Weltanschauung für jeden Menschen sein, Befriedigung wird sie jedem Menschen gewähren, vom einfachen, naiven Gemüt, das nur imstande ist, mit Empfindung und Gefühl den Fragen und Antworten zu folgen, bis hinauf zu dem gelehrtesten Weisen, der mit dem größten Zweifel zunächst an diese Dinge herangeht und der, wenn er nur Geduld und Ausdauer hat, sich in diese Dinge hineinzuarbeiten, seine Befriedigung dabei findet. Sie alle werden nicht nur Befriedigung finden, nicht nur jenes erlösende Gefühl bekommen, welches uns dann in die Seele tritt, wenn wir erwartungsvoll lange uns gesehnt haben, eine Antwort zu bekommen auf irgendeine Frage — wer dieses Gefühl kennt, weiß etwas von dem intimen Glücksgefühl der Seele —, sondern auch in bezug auf die Lebensfrage gibt sie noch etwas ganz anderes. Da kommt nicht etwa in Betracht, was unseren Wissensdurst befriedigt, sondern etwas, was uns Sicherheit gibt für das Leben, etwas, was nicht bloß für einzelne, sondern für alle Seelenkräfte Antwort geben soll.

[ 3 ] There are two concepts that permeate the spiritual-scientific worldview and form the subject of our discussion today; they are intended to provide answers to the questions raised: the two ideas of reincarnation—or the repeated earthly lives of human beings—and of karma—or the great law of destiny governing existence. Through these two ideas, the spiritual-scientific worldview seeks to answer the enigmatic questions of existence in the same way that the natural scientist—indeed, the researcher in general—answers his questions based on insight and knowledge, not on mere belief. What the spiritual-scientific worldview seeks to offer is no different in character from what other fields of research seek to offer; the only difference, perhaps, is that understanding and grasping scientific truths requires certain prerequisites. A certain scientific foundation is also almost always part of popular scientific presentations. However, the theosophical or spiritual-scientific worldview will be truly understandable to every person, it will bring satisfaction to every person, from the simple, naive mind—which is only capable of following the questions and answers with feeling and emotion—all the way up to the most learned sage, who initially approaches these matters with the greatest skepticism and who, provided he has the patience and perseverance to work his way into them, will find satisfaction in doing so. They will all not only find satisfaction, not only experience that sense of relief that enters our soul when, after longing expectantly for a long time, we finally receive an answer to some question—whoever knows this feeling knows something of the soul’s intimate sense of happiness—but with regard to the question of life, it also offers something entirely different. What is at stake here is not merely what satisfies our thirst for knowledge, but something that gives us security in life, something that is meant to provide an answer not just for individual, but for all the powers of the soul.

[ 4 ] Weil wir heute so wichtige, so wichtige und grundlegende Fragen behandeln, lassen Sie mich gleich sagen, in welchem Sinne die geisteswissenschaftlichen Antworten auf der Grundlage des Lebens aufzufassen sind. Vielfach wird, aus einem vollständigen Mißverständnis heraus, dem Geisteswissenschafter entgegnet: Bringe uns die Beweise für dasjenige, was du da behauptest, wenn wir dir glauben sollen, was du uns erzählst von höheren, geistigen Welten und von Dingen, die zunächst den gewöhnlichen Sinnen der Erfahrung unzugänglich sind. — Sachgemäß kann der Geisteswissenschafter nur das eine antworten: Niemand braucht mir zu glauben, von niemandem verlange ich mehr als das Vertrauen zu meinen Behauptungen, denn solche Beweise, wie man sie gewöhnlich verlangt, kann es für geisteswissenschaftliche Wahrheiten nicht geben. Wer sie verlangt, versteht nicht den Charakter und den Sinn der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Die Beweise für die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten liefert das Leben und das Leben liefert sie nicht nur dann, wenn wir es sinnlich betrachten hier innerhalb dessen, was uns unsere eigenen Augen und Ohren und unser Tastsinn lehren, sondern das Leben im weitesten Umfang bis hinauf zu den höchsten geistigen Partien des Lebens. Wenn jemand kommt und sagt: Was du da erzählst, glaube ich nicht, denn das kann etwas sein, was du ausgedacht hast, das können Phantastereien sein —, da kann man antworten: Gut, glaube das, glaube daß die Geisteswissenschafter die größten Schwindler der Welt sind. Es gibt aber etwas anderes, das zwischen Glauben und Nichtglauben liegt. Das ist das unbefangene Zuhören. — Nehmen Sie einen drastischen Beweis. Nehmen Sie eine Karte von Kleinasien. Ein Mann sagt, das ist nicht eine Karte von Kleinasien, das hast du dir so ausgedacht. — Man kann ihm nur antworten: Schön, das macht nichts, aber merke dir, was ich dir darauf gezeigt habe, nimm Notiz davon und präge es dir ein. Wenn du dann nach Kleinasien kommst, wirst du sehen, daß es so richtig ist. — Ebenso ist es auch mit den geisteswissenschaftlichen Lehren. Kein Mensch braucht sie zu glauben. Wenn wir nur aufmerksam und unbefangen beobachten wollen, so gibt es Beweise genug dafür im Leben, auch für das Leben, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten, im Jenseits sind.

[ 4 ] Since we are addressing such important, such important and fundamental questions today, let me state right away in what sense the answers provided by the humanities—based on life itself—are to be understood. Often, out of a complete misunderstanding, the humanities scholar is challenged: “Provide us with proof of what you’re claiming if we are to believe what you tell us about higher, spiritual worlds and about things that are initially inaccessible to the ordinary senses of experience.” — Properly speaking, the spiritual scientist can only reply: No one needs to believe me; I demand nothing more from anyone than trust in my assertions, for the kind of proof that is usually demanded simply cannot exist for spiritual scientific truths. Anyone who demands such proof does not understand the nature and meaning of spiritual scientific truths. Life itself provides the proof for spiritual scientific truths, and it does so not only when we observe it sensually here within the realm of what our own eyes, ears, and sense of touch teach us, but also in the broadest sense, extending all the way up to the highest spiritual realms of life. If someone comes along and says, “I don’t believe what you’re saying, because it might be something you’ve made up; it might be fantasy”—then one can reply: “Fine, believe that; believe that the scholars of the spiritual sciences are the greatest charlatans in the world.” But there is something else that lies between belief and disbelief. That is impartial listening. — Take a striking example. Take a map of Asia Minor. A man says, “That’s not a map of Asia Minor; you just made it up.” — One can only reply: “Fine, that doesn’t matter, but remember what I’ve shown you on it, take note of it, and commit it to memory.” When you get to Asia Minor, you’ll see that it’s actually true. — The same is true of the teachings of the spiritual sciences. No one needs to believe in them. If we’re simply willing to observe attentively and without prejudice, there’s plenty of evidence for them in life—even for life after we’ve passed through the gate of death and are in the afterlife.

[ 5 ] In neuer Weise müssen die alten Fragen beantwortet werden. Noch im 17. Jahrhundert war es nicht bloß Aberglaube der großen Masse, sondern eine gemeinsame Überzeugung aller gelehrten Leute, die glaubten, etwas von der Naturwissenschaft zu verstehen, daß aus gewöhnlichem Flußschlamm nicht nur ganz niedere Tiere, sondern sogar Regenwürmer herauswachsen können. Das hat man allgemein geglaubt. Man hat nicht die Überzeugung gehabt, daß ein Regenwurm von einem Regenwurm kommen muß, sondern man hat geglaubt, daß er aus dem Schlamme heraus entstanden ist. Der italienische Naturforscher Redi hat den Satz aufgestellt: Lebendiges kommt nur von Lebendigem. Niemals kommt Lebendiges aus Leblosem. Der Regenwurm entsteht nicht aus dem Schlamm, sondern durch Fortpflanzung eines Regenwurms. — So jung ist diese Überzeugung! So schreitet das Menschengeschlecht fort in bezug auf die Wahrheit. Heute würde jeder für einen Toren angesehen werden, der glaubte, daß Regenwürmer aus dem Schlamm herauswachsen können. Was damals Redi ausgesprochen hat — der dafür mit knapper Not dem Schicksal entgangen ist, dem Giordano Bruno verfallen ist —, das gilt heute für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung. So wie es den damaligen Denkgewohnheiten ganz zuwider war, zuzugeben, daß Lebendiges aus Lebendigem stammen muß, so ist die Lehre von der Wiederverkörperung den Denkgewohnheiten der Gegenwart zuwider. Manche werden von den geisteswissenschaftlichen Wahrheiten geradezu wild, wie dazumal die Menschen wild geworden sind, als behauptet wurde, daß die Regenwürmer nicht aus dem Schlamm herauswachsen. In demselben Sinne, wie das, was ich jetzt behauptet habe, sagt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung: Geistig-Seelisches kommt nur aus Geistig-Seelischem. — Wenn nicht die Torheit über die Vernunft siegt, dann ist es zweifellos, daß in weiteren zwei Jahrhunderten, genau ebenso wie die naturwissenschaftliche Wahrheit, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung alle Kreise ergriffen haben wird.

[ 5 ] The old questions must be answered in a new way. As late as the 17th century, it was not merely a superstition of the masses, but a common belief among all scholars who thought they understood something about the natural sciences, that not only very lowly animals but even earthworms could grow out of ordinary river mud. This was a widely held belief. People were not convinced that an earthworm must come from another earthworm; rather, they believed it arose from the mud. The Italian naturalist Redi formulated the principle: “Life comes only from life. Life never arises from the non-living.” Earthworms do not arise from mud, but through the reproduction of an earthworm. — That is how recent this conviction is! This is how the human race progresses in regard to the truth. Today, anyone who believed that earthworms could grow out of mud would be considered a fool. What Redi articulated back then—he who narrowly escaped the fate that befell Giordano Bruno—applies today to the spiritual-scientific worldview. Just as it was completely contrary to the habits of thought at that time to admit that living things must originate from living things, so the doctrine of reincarnation is contrary to the habits of thought of the present. Some people are downright enraged by the truths of spiritual science, just as people were enraged back then when it was claimed that earthworms do not grow out of the mud. In the same sense as what I have just asserted, the spiritual-scientific worldview states: The spiritual-soul aspect comes only from the spiritual-soul aspect. — Unless folly prevails over reason, there is no doubt that in another two centuries, just as scientific truth has done, the spiritual-psychological worldview will have taken hold in all circles.

[ 6 ] Was heißt es, Geistig-Seelisches kommt nur aus GeistigSeelischem? Geistig-seelisch ist es, wenn uns das Schicksal des Menschen entgegentritt, wie es abhängt von äußeren Tatsachen, von Anlagen und Fähigkeiten, von dem ganzen Charakter. Nur derjenige, der nicht die feinen, intimen Eigenheiten einer menschlichen Seele in ihrem Werden zu beobachten vermag, nur derjenige, der bloß einen Sinn hat für das grobe Physische, kann leugnen, daß wir im Kinde etwas heranwachsen sehen, was ebensowenig erklärt werden darf aus einem Nichtseelischen, einem Nichtgeistigen wie der Regenwurm aus dem Schlamm. Schillers Nase, Schillers rote Haare und manches andere in seiner Physiognomie sind gewiß erklärlich durch leibliche Vererbung, genau wie die Kohlenstoffteile und die Sauerstoffteile im Regenwurm von andern Kohlenstoff- und Sauerstoffteilen der Umgebung herkommen. Die leblosen Teile des Regenwurms kommen von den leblosen Teilen der umliegenden Natur und so kommen auch die physischen Teile unseres Leibes aus der physischen Umgebung. Aber Schillers Fähigkeiten und Talente können wir aus der Umgebung ebensowenig erklären wie die Regenwürmer aus dem Schlamm. Aber nicht auf Schiller kommt es an. Nur als ein radikales Beispiel sei er angeführt. Für jeden Menschen, auch für den einfachsten, gilt es, daß er sich allmählich aus dem herausbildet, was in ihm gattungsmäßig ist. Es ist unmöglich, das Individuelle aus der physischen Vererbung herzuleiten. Selbst imGroben ist das leicht einzusehen. Versuchen Sie einmal zu verstehen, wie Goethes Ausspruch hier gilt: «Geheimnisvoll am lichten Tag, läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.» Für Zange und Mikroskop ist das also nichts. Sehen Sie sich das Kind an, wie es Ihnen in den ersten Monaten und Lebensjahren entgegentritt. Auf dem Gesicht drückt sich aus, was es von Vater, Mutter und Ahnen hat. Es drückt sich aus das Allgemein-Menschliche, das Gattungsmäßige, der Stammescharakter, der Familiencharakter. Wir sagen oft, der milde Zug des Kindes kommt vom Vater, von der Mutter, von Onkel oder Tante. Dann aber, wenn wir das Kind heranwachsen sehen, geht mit ihm eine merkwürdige Veränderung vor, die für einen feineren Sinn durchaus sichtbar ist. Was wir als den Zusammenfluß von Vater, Mutter, Großmutter und so weiter wie einen Abdruck wahrnehmen können, das wandelt sich und nimmt Gestaltung von dem inneren Wesen heraus an. Und das, was im Innersten lebt, was nicht von Vater und Mutter abgeleitet werden kann, das drückt sich allmählich aus in den Gesichtszügen. Je mehr Individuelles, je mehr über das Gattungsmäßige Erhabenes in der Seele lebt, desto mehr schafft die Seele in dem Leibe von Innen heraus und gestaltet ihn um. Und wo ließe sich das Anilitz einer großen Denkerpersönlichkeit, eines großen Weltwohltäters, der aus seinem Inneren wirkt und die Welt mit Neuem bereichert, wo ließe sich das aus Vererbung erklären? Aus dem Antlitz können Sie sehen, wie der Mensch hinauswächst über das bloße Gattungsleben. In jedem Menschen offenbart sich eben ein geistiger Wesenskern, der nicht herausgeboren ist aus der physischen Vererbung, sondern hineingeboren ist in sie. Wenn Sie diesen geistigen Kern nicht auf Vater und Mutter, Ahnen und Urahnen zurückführen können, so müssen wir ihn auf etwas Geistiges zurückführen können. Geistig-Seelisches stammt von Geistig-Seelischem. Da gibt es nur die Idee der Entwickelung, die Idee der wiederholten Verkörperung. Das Wesen, das dem Kinde seine Züge eindrückt, war schon da, war wiederholt schon da im Körper. Da finden Sie eine Erklärung für das Geistig-Seelische genauso, wie Sie für den Regenwurm eine Erklärung finden, wenn Sie sagen, der Regenwurm ist aus einem Regenwurm entstanden und nicht aus Schlamm oder Sand. Einmal war etwas Unvollkommenes da, auf das wir aber in diesem Vortrage nicht eingehen können.

[ 6 ] What does it mean to say that spiritual-psychic phenomena arise only from spiritual-psychic sources? It is spiritual-psychic when we are confronted with a person’s fate as it depends on external circumstances, on innate dispositions and abilities, and on their entire character. Only someone who is unable to observe the subtle, intimate characteristics of a human soul as it develops, only someone who has a sense only for the coarse physical, can deny that we see something growing within the child that can no more be explained by something non-spiritual or non-soul-related than the earthworm can be explained by the mud. Schiller’s nose, Schiller’s red hair, and many other features of his physiognomy can certainly be explained by physical heredity, just as the carbon and oxygen components in the earthworm originate from other carbon and oxygen components in the environment. The inanimate parts of the earthworm come from the inanimate parts of the surrounding natural world, and in the same way, the physical parts of our body come from the physical environment. But we can explain Schiller’s abilities and talents just as little from the environment as we can explain earthworms from the mud. Yet Schiller is not the point. He is cited here merely as a radical example. For every human being, even the simplest, it is true that they gradually develop out of what is generic within them. It is impossible to derive the individual from physical heredity. Even in broad terms, this is easy to see. Try to understand how Goethe’s saying applies here: “Mysterious in broad daylight, nature cannot be stripped of her veil, and what she chooses not to reveal to your mind, you cannot force from her with levers and screws.” So this is not a matter for forceps or a microscope. Look at the child as it appears to you in the first months and years of life. The face reveals what the child has inherited from its father, mother, and ancestors. It reveals what is universally human, what is generic, the tribal character, and the family character. We often say that a child’s gentle features come from the father, the mother, an uncle, or an aunt. But then, as we watch the child grow up, a remarkable transformation takes place within them, one that is quite visible to a more refined sensibility. What we can perceive as the convergence of father, mother, grandmother, and so on—like an imprint—transforms and takes shape from the inner being itself. And that which lives in the innermost being—which cannot be derived from the father or mother—gradually expresses itself in the facial features. The more individuality there is, the more that which transcends the generic lives within the soul, the more the soul shapes the body from within and transforms it. And where could the essence of a great thinker, a great benefactor of the world—who works from within and enriches the world with something new—be explained by heredity? From the face, you can see how a person grows beyond mere species existence. In every human being, a spiritual core of being is revealed, one that is not born out of physical heredity but is born into it. If you cannot trace this spiritual core back to father and mother, ancestors, and forefathers, then we must be able to trace it back to something spiritual. Spiritual-soul elements originate from spiritual-soul elements. There is only the idea of evolution, the idea of repeated incarnation. The being that imprints its features on the child was already there; it has been there repeatedly in the body. There you will find an explanation for the spiritual-soul aspect just as you find an explanation for the earthworm when you say that the earthworm arose from an earthworm and not from mud or sand. Once there was something imperfect, but we cannot go into that in this lecture.

[ 7 ] Wie erklärt nun die Geisteswissenschaft das Vollkommene und das Unvollkommene auf dem seelisch-geistigen Gebiet? So wie das kleine Plasmodientier — nach Haeckelscher Manier — durch einfache Lebensbedingungen entstanden ist, und wie sich das folgende Tier nach und nach durch Entfaltung der äußeren physischen Gestalt gebildet hat, so können wir von einer vollkommenen Seele sagen, sie hat sich aus einer unvollkommenen Seele, die allmählich vollkommener geworden ist, nach und nach gebildet. Der unvollkommene Wilde mit seiner kindlichen Seele hat uns diejenige Gestalt unserer Seele bewahrt, durch die wir durchgehen mußten, um uns zu der geistigen Gestalt unserer Seele hinaufzuheben. Oder vergleichen Sie die Seele eines europäischen Durchschnittsmenschen mit der Seele eines Menschen, wie ihn Darwin noch getroffen hat. Die Seele eines heutigen Menschen hat Begriffe von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, von Falsch und Wahr. Darwin wollte einmal einem Wilden, der noch Menschenfresser war, klarmachen: Du darfst nicht Menschen fressen, das ist schlecht, das darf man nicht tun. — Da schaute ihn der Wilde kurios an und sagte: Ja, woher kannst du das wissen, du müßtest ihn doch erst gefressen haben. Wenn wir ihn gefressen haben, dann wissen wir, ob er gut oder schlecht war. — So haben Sie eine unvollkommene Seele, die sich durch die Entwickelung immer vollkommener und vollkommener gestalten wird. Unsere Seele kommt nicht bei jedem einzelnen als Baby zur Welt, sondern diese Seele hat sich erst in unvollkommenen Verkörperungen entwickelt, wo sie nichts anderes begriffen hatte von Gut und Schlecht als das Angenehme und das Unangenehme für den Gaumen und dergleichen. Durch solche Stufen hindurch hat sie sich entwickelt und ist durch viele Verkörperungen immer lernend bis zu unserer Stufe heraufgeschritten. Wir tragen unsere Seele in uns mit den Fähigkeiten und Kräften, die wir haben, mit dem Schicksal, das sie erleidet. Wir werden genauer sehen, wenn wir wiederkommen in einer andern Verkörperung auf der Erde; wir werden immer vollkommener auf der Erde erscheinen, bis jene Stufe kommt, auf der wir geeignet sind, zu einem höheren und göttlicheren Dasein aufzusteigen, von dem wir heute nicht zu sprechen brauchen. Es gibt gewiß noch andere Erklärungen des Daseins als die Lehre von der Wiederverkörperung, aber diese einzig und allein kann dem Menschen die Daseinsrätsel lösen. Ein Daseinskern tritt uns entgegen in jenem Menschen, von dem wir sagen, daß er durch viele Leben, durch wiederholte Leben durchgeht. Während der materialistisch Gesinnte uns sagt, Geist und Seele seien nur ein Anhängsel zum Körper, seien nur aus dem Körper herausgebildet, die Gedankenvorstellungen und die Sprache seien nur eine höhere Ausbildung dessen, was auch im Physisch-Tierischen uns entgegentritt, während der Materialist uns klarmacht, daß unsere erhabensten sittlichen Ideale, unsere heiligsten religiösen Gefühle nichts anderes seien als die Ergebnisse unserer physischen Organisation, zeigt uns die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, daß dies alles, was in unserer Seele ruht, unser ewiger Wesenskern ist, der sich im Gegenteil von Stufe zu Stufe seinen Körper gestaltet und gebildet hat. Das Körperlich-Physische stammt aus dem Geistig-Seelischen: das ist die Lehre der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, die immer klarer und klarer werden wird, je tiefer Sie sich in diese Weltanschauung hineinleben. Sie ist eine Lehre, die nicht auf dem blinden Glauben beruht, obwohl, wenn man sie in einer kurzen Stunde populär darstellen will, man sie nur kurz skizzieren und nicht weitläufig in dieselbe einführen kann. Sie ist aber eine Lehre, die ebenso sicher und fest begründet ist wie nur irgendeine wissenschaftliche Lehre. Mit denselben Methoden, nur auf geistigem Gebiete, arbeitet sie, mit denen die sinnliche Wissenschaft auf dem physischen Gebiete arbeitet. Die Geisteswissenschaft spricht davon, daß der Mensch aus einer höheren und niederen Natur besteht, und daß seine niedere Natur, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, denjenigen Elementen zurückgegeben wird, denen sie zugehört. Der Körper wird der Erde übergeben, andere Teile werden andern Elementen übergeben. Aber ein ewiger Wesenskern ist in dem Menschen, der immer neue Menschengestalt und -form annimmt, wie die Lilie als Gattungswesen immer neue Formen annimmt, indem sie immer wieder durch das Samenkorn durchgeht, um zu einem neuen lebendigen Dasein zu kommen.

[ 7 ] How, then, does spiritual science explain the perfect and the imperfect in the realm of the soul and spirit? Just as the tiny plasmodium—in the manner described by Haeckel—arose from simple conditions of life, and just as the subsequent animal gradually took shape through the development of its external physical form, so too can we say of a perfect soul that it has gradually formed from an imperfect soul that has gradually become more perfect. The imperfect savage, with his childlike soul, has preserved for us that form of our soul through which we had to pass in order to elevate ourselves to the spiritual form of our soul. Or compare the soul of an average European with the soul of a person such as Darwin once encountered. The soul of a modern person has concepts of good and evil, of right and wrong, of false and true. Darwin once tried to explain to a savage who was still a cannibal: “You must not eat people; that is wrong; you must not do that.” — The savage looked at him curiously and said: “Yes, how can you know that? You’d have to have eaten him first. Once we’ve eaten him, then we’ll know whether he was good or bad.” — So you have an imperfect soul that will become more and more perfect through evolution. Our soul is not born as a baby in every single person; rather, this soul first developed in imperfect incarnations, where it understood nothing of good and evil other than what was pleasant and unpleasant to the palate and the like. It has developed through such stages and, through many incarnations of constant learning, has advanced to our level. We carry our soul within us, along with the abilities and powers we possess, and the fate it endures. We will see more clearly when we return in another incarnation on Earth; we will appear on Earth in ever more perfect forms until we reach the stage where we are ready to ascend to a higher and more divine existence—one we need not discuss today. There are certainly other explanations of existence besides the doctrine of reincarnation, but this alone can solve the mysteries of existence for humankind. A core of existence confronts us in that human being of whom we say that he passes through many lives, through repeated lives. While the materialist tells us that spirit and soul are merely appendages to the body, that they are merely derived from the body, and that thoughts, ideas, and language are merely a higher development of what we also encounter in the physical-animal realm, while the materialist makes it clear to us that our most exalted moral ideals and our most sacred religious feelings are nothing other than the results of our physical organization—the spiritual-scientific worldview shows us that all that resides in our soul is our eternal core of being, which, on the contrary, has shaped and formed its body step by step. The physical-bodily originates from the spiritual-soul: this is the teaching of the spiritual-scientific worldview, which will become ever clearer the deeper you immerse yourselves in it. It is a teaching that is not based on blind faith, although, if one wishes to present it in a popular way in a short hour, one can only briefly outline it and cannot provide a comprehensive introduction to it. It is, however, a teaching that is just as securely and firmly grounded as any scientific teaching. It works with the same methods—only in the spiritual realm—that the sensory sciences employ in the physical realm. Spiritual science teaches that human beings consist of a higher and a lower nature, and that when a person passes through the gate of death, their lower nature is returned to the elements to which it belongs. The body is returned to the earth; other parts are returned to other elements. But there is an eternal core of being within the human being that continually takes on new human forms and shapes, just as the lily, as a species, continually takes on new forms by repeatedly passing through the seed to come into a new living existence.

[ 8 ] Diese Lehre von der Wiederverkörperung des Wesens, welche uns die Entwickelung auf geistigem Gebiet zeigt als das höhere Gegenbild der Entwickelung auf dem sinnlichen Gebiete, führt uns dazu, jene feineren, intimeren Dinge am Menschen zu sehen. Wir sprechen davon, daß dieser Wesenskern des Menschen eine dreifache Grundwesenheit enthält, daß er dreifacher Natur ist, wir sprechen davon, daß im tiefsten Inneren des Menschen etwas sitzt, was heute, so wie es bei den normal gebildeten Menschen unter uns lebt, bei den meisten noch ganz unentwickelt ist, nur keimhaft vorhanden ist. Diesen inneren tiefsten Wesenskern des Menschen nennen wir Atma oder den Geistesmenschen. Er ist bei der Mehrzahl der Menschen heute noch nicht einmal für einen seelischen Blick sichtbar.

[ 8 ] This doctrine of the reincarnation of the being—which spiritual development reveals to us as the higher counterpart to development in the sensory realm—leads us to perceive those finer, more intimate aspects of the human being. We speak of how this core of the human being contains a threefold fundamental essence, that it is of a threefold nature; we speak of how, in the deepest innermost part of the human being, there lies something that—as it exists today among the normally educated people among us—is still entirely undeveloped in most people, present only in embryonic form. We call this innermost core of the human being the Atma, or the spiritual human being. For the majority of people today, it is not even visible to the soul’s gaze.

[ 9 ] Ein zweites Glied dieses geistigen Wesenskernes des Menschen ist die Buddhi. In unserer deutschen Sprache würden wir sagen, der Lebensgeist. Dieses zweite Element in der menschlichen Seele ist etwas, was bei den Höchstentwickelten, bei den Führern, den Leitern der Menschheit in einer gewissen Weise zum Ausdruck kommt. Wir können in gewisser Weise beschreiben, was dieser Lebensgeist ist. Diese Buddhi in höchster Glorie und Erhabenheit ist es, die bei den alten Religionsstiftern, bei Hermes, Buddha, Zarathustra und im höchsten Maße bei dem Christus Jesus im Innern gelebt hat. Soll ich klarmachen, was diese Buddhi bedeutet im geistigen Gebiete, so kann ich das nur durch ein Gleichnis tun. Man muß das Geistige entweder sehen, oder man muß, wie Goethe, der sagt: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», Ewiges, Unvergängliches in ein Gleichnis fassen. Ein solches Gleichnis möchte ich anführen für Buddhi. Wenn Sie sich die gewöhnliche produktive Kraft im gewöhnlichen sinnlichen Leben vorstellen, gepaart mit Liebe, aber nicht als empfangende Liebe, sondern als eine ganz und gar gebende Liebe: das ist Buddhi. Es gibt in der Natur kaum ein anderes Gleichnis als die Henne, die auf dem Ei sitzt, mit der eigenen Lebenswärme neues Leben hervorzaubernd, das eigene Dasein in einer Liebeseigenschaft hinopfernd für das neue Leben. Nun denken Sie sich das ins Geistige umgesetzt, denken Sie sich eine Individualität, welche die großen, treibenden Kräfte in der Menschennatur, das was Impuls ist in unserer menschlichen Fortentwickelung, in geistiger Weise so hervorbringt, wie das eben geschildert worden ist, dann haben Sie es. Oder war nicht etwa das, was seit zwei Jahrtausenden als der Gemüts- und Gefühlssegen, der durch die abendländischen und amerikanischen Herzen flutet und uns mit Seligkeit erfüllt, war das Element des christlichen Fühlens und Empfindens nicht eine Grundkraft, nicht etwas, das von Christus hervorgebracht und in Christus vorhanden war? Und wurde es nicht in diese Welt hereingebracht in höchst glorienhafter Weise, im Geiste darstellend das, was im Sinnlichen lebt, die hingebende Liebe, die hervorbringt — die nicht hervorbringt ein menschliches Wesen, sondern eine geistige Liebe, die die Weltenweisheit, die durch die Jahrhunderte fortzeugt, schafft? Denken Sie sich dieses Element in der Menschennatur, dann haben wir das, was wir in der christlichen Mystik den Christus, in der griechischen Mystik den Chrestòs, in der morgenländischen Mystik die Buddhi nennen, den Lebensgeist in seiner höchsten Potenz. Ein jeder, der etwas fühlt davon, was es heißt, geistig zu produzieren, was als Kraft der Menschheitsentwickelung einverleibt wird, was Impulse im geistigen Leben gibt, ein jeder, der davon etwas fühlt, der hat in geistiger, heller, lichter Klarheit ein Gefühl ähnlich dem, das sich hier unten durch ein Gleichnis ausdrückt, das wahre Wonnegefühl, mit dem das Huhn auf dem Ei sitzt. Das ist die Buddhi. In einem gewissen Maße ist sie bei jedem einzelnen Menschen vorhanden, wenigstens in der Anlage.

[ 9 ] A second aspect of this spiritual core of the human being is the Buddhi. In German, we would call it the “spirit of life.” This second element in the human soul is something that finds expression in a certain way in the most highly developed individuals—the leaders and guides of humanity. We can describe, to a certain extent, what this “spirit of life” is. It is this Buddhi, in its highest glory and sublimity, that lived within the ancient founders of religions—Hermes, Buddha, Zarathustra—and, to the highest degree, within Christ Jesus. If I am to clarify what this Buddhi means in the spiritual realm, I can do so only through a parable. One must either see the spiritual, or, like Goethe, who says, “All that is transitory is but a parable,” one must express the eternal and imperishable in a parable. I would like to offer such a parable for Buddhi. If you imagine the ordinary creative power in ordinary sensory life, paired with love—but not as a receiving love, rather as a love that is entirely giving—that is Buddhi. There is scarcely any other parable in nature than that of the hen sitting on her egg, conjuring forth new life with her own body heat, sacrificing her own existence in an act of love for the sake of the new life. Now imagine this transposed into the spiritual realm; imagine an individuality that brings forth the great, driving forces in human nature—that which serves as the impulse for our human evolution—in a spiritual manner, just as has been described, and then you have it. Or was not what, for two millennia, has been the blessing of the soul and the emotions—flooding through Western and American hearts and filling us with bliss—was not the element of Christian feeling and sensibility a fundamental force, not something brought forth by Christ and present in Christ? And was it not brought into this world in the most glorious manner, representing in the spirit what lives in the physical realm—the self-sacrificing love that brings forth—not a human being, but a spiritual love that creates the wisdom of the worlds, which endures through the centuries? Imagine this element within human nature, and we have what we call the Christ in Christian mysticism, the Chrestòs in Greek mysticism, and the Buddhi in Eastern mysticism—the spirit of life in its highest potency. Anyone who senses even a little of what it means to produce spiritually—that which is incorporated as a force in human evolution, that which provides impulses in spiritual life—anyone who senses even a little of this has, in spiritual, bright, luminous clarity, a feeling similar to that expressed here below through a parable: the true sense of bliss with which the hen sits on her egg. That is the Buddhi. To a certain extent, it is present in every single human being, at least in potential.

[ 10 ] Die dritte Kraft der Seele ist diejenige, durch die wir die Welt begreifen, die Welt auffassen. Es wäre im höchsten Grade töricht, zu glauben, daß man Wasser aus einem Gefäß herausholen könnte, wenn kein Wasser darin ist. So töricht sind aber diejenigen, welche sagen, daß sie Weisheit aus der Welt holen können, wenn keine darin ist. Der Astronom sucht die Weisheit in der Welt zu berechnen und zu begreifen. Nur durch die Weisheit ist die Welt zu begreifen. Wäre es nicht die größte Torheit, Weisheit schöpfen zu wollen aus der Welt, wenn nicht Weisheit darinnen wäre? Wenn nicht die Weisheit gegeben wäre, nimmermehr könnten wir die Weisheit da holen. Durch dieselbe Weisheit, mit der wir die Welt begreifen wollen, ist die Welt gemacht. Das ist das dritte Element, das alle Welt durchflutet. Das ist das Manas. Ins Deutsche wird es am besten übersetzt, indem man sagt: Die Weisheit wird herausgeboren aus der Welt. — Unser Geistselbst ist dieses dritte Element. Wenn Sie diese drei Dinge: Atma, Buddhi, Manas nehmen, dann haben Sie den tiefsten Wesenskern des Menschen, dann haben Sie das, was von Wiederverkörperung zu Wiederverkörperung geht, das, was von dem Wilden, wo diese Dreiheit auch vorhanden ist auf niederen Stufen, nur unvollkommen gestaltet wird, bis herauf, wo wir es beim jetzigen normalen Menschen, bis herauf, wo wir es beim großen Führer der Menschheit sehen. Von Wiederverkörperung zu Wiederverkörperung geht der Mensch, vom geistig Gebildeten bis zum geistig nicht nur idealen, sondern heiligen Führer der Menschheit, bis zu Franz von Assisi, Bernhard oder andern. Der Schüler kann sich an der Art und Weise, wie die Menschen in dieser Entwickelung nebeneinander stehen, den Durchgang durch die wiederholten Erdenleben völlig klarmachen.

[ 10 ] The third power of the soul is the one through which we comprehend the world, through which we grasp the world. It would be utterly foolish to believe that one could draw water from a vessel if there were no water in it. Yet those who say they can draw wisdom from the world when there is none in it are just as foolish. The astronomer seeks to calculate and comprehend wisdom in the world. Only through wisdom can the world be understood. Would it not be the greatest folly to want to draw wisdom from the world if there were no wisdom within it? If wisdom were not given, we could never draw it from there. The world was created by the very same wisdom with which we seek to comprehend it. This is the third element that permeates the entire world. This is the Manas. It is best translated into German by saying: “Wisdom is born out of the world.” — Our spiritual self is this third element. If you take these three things: Atma, Buddhi, and Manas, then you have the deepest core of human being; then you have that which passes from reincarnation to reincarnation—that which is formed, albeit imperfectly, from the most primitive state, where this trinity also exists at lower levels, all the way up to where we see it in the present-day normal human being, and all the way up to where we see it in the great leaders of humanity. From one reincarnation to the next, the human being progresses—from the spiritually formed being to the spiritual leader of humanity, who is not merely ideal but sacred—all the way to Francis of Assisi, Bernard, or others. By observing how these individuals stand side by side in this process of development, the student can fully grasp the passage through repeated earthly lives.

[ 11 ] Dem, der intimer sieht, drückt sich im ganzen Menschen aus das, was ich angeführt habe. Ich habe gesagt, dieser Wesenskern des Menschen ist nur in der Anlage beim normal gebildeten Menschen vorhanden. Er wird immer vollkommener und vollkommener werden. Aber was wir heute aus unserem Wesenskern herausgestalten, das hat von Anfang an uns selbst gestaltet und geschaffen. So sehen wir, wie dieses dreigliedrige Wesen, dieser Wesenskern zunächst auf unbewußte und dann auf bewußte Weise im Menschen arbeitet. Vorhin habe ich nur ein Beispiel erwähnt, wie sich die innere Wesenheit des Menschen in der Physiognomie des Denkers ausdrückt. Nicht nur in der bleibenden Physiognomie, sondern auch in der Geste und in der Beweglichkeit der Gesichtszüge drückt sich der Wesenskern aus. Sie werden nach und nach, je nachdem der Wesenskern herauswächst beim Kinde, dementsprechend gestaltet. Das, was man eigentlich Geistesforschung, Okkultismus nennt, gibt Ihnen den Zusammenhang zwischen dieser dreigliedrigen Wesenheit des Menschen und dem, was äußerlich in seinem Körper, in seinem Instrumente zum Ausdruck kommt. Der sogenannteOkkultist sagt, beim Manne drückt sich zunächst, was wir Manas nennen, das Geistselbst, in den Zügen des Gesichtes aus. Dasjenige, was wir die Buddhi nennen, gestaltet sich in seinem Sprachorgan, lebt in seiner Stimme, vorbereitend und vorbezeichnend künftige Stufen. Das dritte, was wir Atma nennen, lebt beim Manne in der Geste, in der Bewegung der Hand. Ich sagte, im Sprachorgan und in der Stimme lebt das zweite Glied, die Buddhi oder, wie Sie vorhin gesehen haben, der Christus. Die christliche Mystik hat das in tiefster Weise zum Ausdruck gebracht im JohannesEvangelium, wo zu lesen steht: «Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und ein Gott war das Wort.» Die Sprache wird von Johannes direkt als der Christus bezeichnet. In der weiblichen Natur ist es etwas anders. Damit ist selbstverständlich nichts gesagt gegen die in der Theosophie geübte absolute Gleichstellung der Geschlechter. Atma, Buddhi, Manas ist dasselbe beim Manne und beim Weibe. Sie haben nichts mit dem Geschlecht zu tun, wohl aber mit der äußeren Gestalt. Bei der Frau kommt Manas in der Sprache zur Geltung, Buddhi in der Geste der Hand, und das Atma kommt im ganzen Leibe zum Vorschein. Das sind die sogenannten okkulten Unterschiede zwischen der männlichen und der weiblichen Gestalt, nicht zwischen dem Wesenskern von Mann und Frau.

[ 11 ] To those who look more closely, what I have described is expressed in the whole human being. I have said that this core essence of the human being is present only as a potential in the normally developed human being. It will become more and more perfect. But what we shape today out of our core essence is what has shaped and created us from the very beginning. Thus we see how this threefold being, this core of the being, works within the human being, first unconsciously and then consciously. Earlier I mentioned just one example of how the inner being of the human being is expressed in the physiognomy of the thinker. The core of the being expresses itself not only in the permanent features of the face, but also in gestures and in the mobility of the facial features. They are gradually shaped in accordance with the way the core of the being develops in the child. What is actually called spiritual research or occultism reveals to you the connection between this threefold nature of the human being and what is expressed outwardly in the body, in the human instrument. The so-called occultist says that in human beings, what we call Manas—the mental self—is first expressed in the features of the face. That which we call Buddhi takes shape in the speech organ, lives in the voice, and serves to prepare for and foreshadow future stages. The third, which we call Atma, lives in human beings through gesture and the movement of the hand. I said that the second principle, Buddhi—or, as you saw earlier, the Christ—lives in the vocal organ and in the voice. Christian mysticism has expressed this in the deepest way in the Gospel of John, where it is written: “In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God.” John directly identifies speech as the Christ. In the female nature, it is somewhat different. This, of course, in no way contradicts the absolute equality of the sexes practiced in Theosophy. Atma, Buddhi, and Manas are the same in both men and women. They have nothing to do with gender, but rather with outward form. In women, Manas is expressed through speech, Buddhi through hand gestures, and Atma is manifested throughout the entire body. These are the so-called occult differences between the male and female forms, not between the essential core of men and women.

[ 12 ] Was ist nun dieser Idee der Wiederverkörperung gegenüber das Gesetz von Karma? Karma kommt von oder hängt wenigstens zusammen mit dem Sanskritwort Karnoti, das heißt tun, machen, wirken. Es ist genau derselbe Stamm wie im lateinischen creare, schaffen. Creare, machen und schaffen, ist also genau dasselbe. Karma und Schaffen ist dasselbe, nur in zwei verschiedenen Sprachen ausgedrückt. Nun wollen wir uns klarmachen, was Karma heißt. Karma heißt, deutsch ausgedrückt, Tätigkeit, Werden, Handeln. An einem einfachen Beispiele lassen Sie mich noch klarmachen, was Karma heißt. Denken Sie sich, Sie arbeiten von morgens bis abends an irgend etwas. Sie gehen dann schlafen, schlafen die ganze Nacht hindurch und stehen am Morgen wieder auf. Wenn Sie sich jetzt sagen: Was ich gestern gearbeitet habe, das geht mich nichts an, ich fange heute von Frischem an —, da wären Sie doch töricht. Das einzig Mögliche ist doch nur das, daß man das, was man am Abend verlassen hat, am Morgen wieder aufnimmt, indem man sagt, dies ist mein Werk und wo ich gestern aufgehört habe, da muß ich heute wieder anfangen. Was heißt das? Das heißt doch nur, durch mein Werk von gestern ist mein Schicksal von heute bestimmt. Ich habe mir gestern mein Schicksal für heute geschaffen. Damit ist der ganze Begriff vom Karma gegeben. Ein jedes Wesen zimmert sich sein Schicksal für die Zukunft.

[ 12 ] How does the law of karma relate to this idea of reincarnation? Karma comes from—or is at least related to—the Sanskrit word *karnoti*, which means “to do,” “to make,” or “to act.” It shares exactly the same root as the Latin *creare*, meaning “to create.” *Creare*, “to make” and “to create,” is therefore exactly the same thing. Karma and creation are the same thing, merely expressed in two different languages. Now let’s clarify what karma means. Karma means—to put it in German terms—activity, becoming, action. Let me use a simple example to further clarify what karma means. Imagine you’re working on something from morning till night. You then go to sleep, sleep through the night, and get up again in the morning. If you were to say to yourself now: “What I worked on yesterday is none of my business; I’ll start fresh today”—you would be acting foolishly. The only possible course of action is to pick up where you left off the previous evening, saying, “This is my work, and where I stopped yesterday is where I must begin again today.” What does that mean? It simply means that my work from yesterday determines my fate today. Yesterday, I created my fate for today. This encapsulates the entire concept of karma. Every being crafts its own fate for the future.

[ 13 ] Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Tiere wanderten ein in finstere Höhlen. Es tritt etwas Eigentümliches mit diesen Tieren ein. Sie verlieren das Augenlicht. Die Nahrungssäfte ziehen nach andern Teilen des Körpers, die sie notwendiger brauchen als das Sehvermögen. Die Folge davon ist: Das Augenlicht tritt zurück, die Tiere werden blind. Was haben wir da vor uns, wenn wir sehen, wie diese Tiere wieder und wieder blinde Generationen hervorbringen? Da müssen wir sagen, in der Blindheit der Tiere haben wir die Wirkung der Tatsache, daß die Tiere hineingezogen sind in finstere Höhlen. Wodurch haben diese Tiere ihre jetzige Gestalt hervorgebracht? Durch ihre vorhergehende Handlung. Nichts anderes ist Karma, als wenn man durch sein Wirken in der Vergangenheit sein Schicksal für die Zukunft vorbereitet. Ursache und Wirkung hängen immer zusammen. Wenn der Mensch ein Erdenleben zwischen Geburt und Tod durchläuft, begeht er eine Anzahl von Handlungen. Er geht in der Zwischenzeit durch Tod und neue Geburt hindurch und tritt dann in ein neues Leben ein. Es ist so, wie wenn wir aufwachten und wieder aufnähmen, was wir am Abend hinterlassen haben. Was wir in vergangenen Erdenleben gesät haben, das ernten wir als Frucht im neuen Erdenleben. Haben wir uns im vergangenen Leben ein böses, widerwärtiges Schicksal zusammengezimmert, dann tritt uns die Wirkung unserer eigenen Taten im neuen Erdenleben entgegen. Wenn wir einem Menschen Böses zugefügt haben, dann wird er uns im neuen Leben wieder erscheinen und wird uns ausgleichend Böses zufügen. Von einem Menschen, der mir entgegentritt und Böses verübt, kann ich annehmen, daß ich schon in früheren Erdenleben mit ihm zusammen war und selbst die Ursache gelegt habe zu dem, was er mir jetzt antut. So wird das Schicksal des einzelnen durch das große Gesetz von Karma durchsichtiger und erklärbar, und das größte Lebensrätsel, das uns auf Schritt und Tritt entgegentritt, erhält Licht und Lösung. Jetzt wird mir die Erklärung zuteil, warum der eine in tiefste Not und tiefstes Elend hineingeboren wurde und warum ihm ein so widerwärtiges Schicksal scheinbar unverdient hier im Leben entgegentritt. Es ist hier so wie bei demjenigen, der gestern seine Arbeit nicht ordentlich gemacht hat. Er wird durch die schlechte Vorbereitung von gestern dazu verurteilt sein, heute wieder schlechte Arbeit zu verrichten. So ist es auch, wenn ich sage, der, welcher Not und Elend jetzt hat, hat sich das im früheren Leben zusammengezimmert. Ich weiß auch, daß nichts ohne Wirkung bleibt. Was ich jetzt begehe an gutem und bösem Schaffen, hat seine Wirkung im kommenden Leben. Die Wirkung in der Welt hängt zusammen mit der Ursache, was man belehrend an den Sternen und der Sonne wahrnimmt. So ist es auch in der geistig-seelischen Welt. Was wir uns jetzt zusammenzimmern, das wird in einem späteren Leben seinen Ausgleich finden. Richtig ist das biblische Wort: Gott läßt seiner nicht spotten, das, was ihr säet, das werdet ihr auch ernten. — Paulus als Eingeweihter wußte wohl, warum er ein solches Wort besonders aussprach. Das ist das große Weltgesetz, das das menschliche Schicksal lenkt.

[ 13 ] Take another example. Animals migrated into dark caves. Something peculiar happens to these animals. They lose their eyesight. The nutrients are redirected to other parts of the body that need them more than vision does. The result is that their eyesight recedes, and the animals go blind. What do we see before us when we observe these animals producing blind generations time and again? We must conclude that the animals’ blindness is the effect of their having been drawn into dark caves. How did these animals bring about their present condition? Through their previous actions. Karma is nothing other than preparing one’s destiny for the future through one’s actions in the past. Cause and effect are always interconnected. As a human being goes through an earthly life between birth and death, they perform a number of actions. In the meantime, they pass through death and rebirth and then enter a new life. It is as if we were to wake up and pick up where we left off the night before. What we have sown in past earthly lives, we reap as fruit in the new earthly life. If we have brought upon ourselves an evil, repulsive fate in a past life, then the consequences of our own actions will confront us in the new earthly life. If we have done evil to a person, that person will reappear to us in the new life and, in return, will inflict evil upon us. When a person confronts me and commits evil, I can assume that I was already with him in earlier earthly lives and that I myself laid the foundation for what he is now doing to me. Thus, the fate of the individual becomes clearer and more understandable through the great law of karma, and the greatest mystery of life—which confronts us at every turn—is illuminated and resolved. Now I am given the explanation as to why one person was born into the deepest distress and misery, and why such a repulsive fate—seemingly undeserved—confronts him here in life. It is like the person who did not do his work properly yesterday. Because of yesterday’s poor preparation, he will be condemned to do poor work again today. So it is when I say that the one who now suffers hardship and misery has brought it upon himself in a past life. I also know that nothing remains without consequence. Whatever good or evil deeds I commit now will have their effect in the life to come. The effect in the world is linked to the cause, as can be observed instructively in the stars and the sun. So it is also in the spiritual-soul world. What we bring upon ourselves now will find its balance in a later life. The biblical saying is true: God will not be mocked; what you sow, that you will also reap. — Paul, as an initiate, surely knew why he specifically uttered such a saying. This is the great law of the universe that guides human destiny.

[ 14 ] Nun weiß ich wohl, daß es auch notwendig ist, ein wenig eine Vorstellung davon zu bekommen, wie dieses Gesetz wirkt, und darüber möchte ich noch einige Worte sagen. Wer schon andere Vorträge von mir gehört hat, weiß schon, was ich hiermit andeuten will. Wenn wir mit geistigem Sinn den Menschen betrachten, so steht er nicht als dieser physische Körper vor uns, sondern wir wissen, daß dieser physische Körper nur ein Teil der großen Wesenheit ist, daß hinter ihm etwas ist, was Paulus den geistigen Leib und was der Geisteswissenschafter den Ätherleib nennt. Wie ein Abbild des physischen Leibes ist der Ätherleib, oder besser umgekehrt, der physische Leib ist ein Abbild des Ätherleibes. Das ist das zweite Glied der menschlichen Wesenheit, der Ätherleib. Das dritte Glied ist der Astralleib, dasjenige, was der Mensch in sich trägt als Lust und Leid, Freude und Schmerz, Instinkte, Triebe, Leidenschaften und Begierden, alles, was vor uns steht, wenn ein Mensch vor uns steht, was wir aber nicht mit sinnlich-physischen Mitteln sehen, wahrnehmen können. Was sehen wir, wenn ein Mensch vor uns steht? Wir sehen dieHaut, deren Farbe und so weiter. Der Anatom kann mit physischen Mitteln noch Knochen, Muskeln, Nerven und so weiter betrachten, aber Lust und Schmerz, Instinkte, Begierden und Leidenschaften, die auch in demselben Raume sind, sind nicht sinnlich wahrnehmbar. Das nennt man den Astralleib und darin sitzt erst die geistige Wesenheit des Menschen, die wir unser Ich nennen, die wir den Träger unseres Selbstbewußtseins nennen. Indem wir dieses haben, werden wir unsererseits wieder Träger von Atma, Buddhi, Manas, von dem, was ich beschrieben habe als Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch.

[ 14 ] Now I am well aware that it is also necessary to gain some understanding of how this law works, and I would like to say a few more words about that. Anyone who has heard other lectures of mine already knows what I am getting at here. When we look at a human being with spiritual insight, he does not stand before us as this physical body; rather, we know that this physical body is only a part of the greater being, that behind it there is something that Paul calls the spiritual body and that the spiritual scientist calls the etheric body. The etheric body is like a reflection of the physical body—or rather, the physical body is a reflection of the etheric body. This is the second member of the human being: the etheric body. The third component is the astral body—that which a person carries within themselves as pleasure and suffering, joy and pain, instincts, drives, passions, and desires—everything that stands before us when a person stands before us, yet which we cannot see or perceive through physical, sensory means. What do we see when a person stands before us? We see the skin, its color, and so on. The anatomist can still observe bones, muscles, nerves, and so on using physical means, but pleasure and pain, instincts, desires, and passions—which are also present in the same space—cannot be perceived by the senses. This is called the astral body, and it is within this that the spiritual essence of the human being resides—what we call our “I,” the bearer of our self-consciousness. By possessing this, we in turn become bearers of Atma, Buddhi, and Manas—of what I have described as the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being.

[ 15 ] Den Astralleib hat schon das Tier. Es hat Lust, Freude und Schmerz. Was aber in der höchsten Ausgestaltung bei den Führern der Menschheit und in der Anlage bei allen Menschen vorhanden ist, das ist der ewige Wesenskern des Menschen, der von Verkörperung zu Verkörperung fortschreitet. Wenn der Mensch nun stirbt, was bleibt da vorhanden und was vergeht? Der physische Körper, das was man mit Augen sieht und mit Händen tasten kann, das wird der Erde übergeben. Der Ätherleib geht im allgemeinen Lebensäther auf, und zwar kurze Zeit, nicht lange nachdem wir durch den Tod gegangen sind. Das dritte ist der Astralleib, dasjenige, an dem der Mensch schon gearbeitet hat. Nehmen Sie eine solche Seele, die im Kulturmenschen lebt, da haben Sie den inneren Wesenskern und dann die Summe der Triebe und Leidenschaften. Beim Wilden, auf der ersten Stufe der Verkörperung, haben Atma, Buddhi, Manas wenig an den Instinkten gearbeitet. Daher sind sie auch noch tierisch. Was tut der geistige Wesenskern? Er arbeitet fortwährend, indem er die tierischen Leidenschaften veredelt. Dadurch unterscheidet sich der Kulturmensch von dem Wilden, daß der Astralleib bei ihm nicht mehr tierisch ist. Dann stirbt der Mensch und gehrt in die geistig-seelische Welt. Da sieht man, was noch in ihm war als Trieb aus der erstmaligen Verkörperung. Tritt der Mensch zum ersten Male in die Verkörperung, so sind die tierischen Leidenschaften ungeläutert. Er verzehrt seine Mitmenschen und so weiter. Dann treten die Folgen auf. Da fängt er an, im gröbsten etwas zu begreifen. Wir nehmen den radikalen Fall an, daß er sich sagt, wenn ich den andern verzehren kann, kann der andere auch mich verzehren. Er begreift, daß er vielleicht auch aufgefressen werden kann. Es wird ihm im letzten Moment klar, wozu es führt, und da dämmert in ihm sein erstes sittliches Bewußtsein auf, ganz dämmerhaft. Da läutert er dann seinen Trieb durch das Urteil, das er sich gebildet hat, und dieses Urteil kommt aus seinem geistigen Wesenskern. Was er als Urteil ausgebildet hat, tritt bei der zweiten Verkörperung als Anlage auf. Er ist ein wenig edler geworden. Und jetzt läutert er immer mehr und mehr seine Leidenschaften und Triebe. Er erhöht sie von Verkörperung zu Verkörperung. Das ist es, was wirklich geschieht, wenn der Mensch stirbt. Der physische Leib wird der Erde übergeben, der Ätherleib geht in dem Lebensäther auf. Was geschieht nun mit dem Menschen, was tritt jetzt ein?

[ 15 ] Even animals possess an astral body. They experience desire, joy, and pain. But what exists in its highest form in the leaders of humanity and, in potential, in all people, is the eternal core of the human being, which progresses from incarnation to incarnation. When a human being dies, what remains and what passes away? The physical body—that which can be seen with the eyes and touched with the hands—is returned to the earth. The etheric body dissolves into the general life ether, and this occurs shortly after we have passed through death. The third is the astral body, the one on which the human being has already worked. Take, for example, a soul living within a civilized human being: there you have the inner core of the being and, alongside it, the sum of the drives and passions. In the case of the primitive human, at the first stage of incarnation, Atma, Buddhi, and Manas have done little work on the instincts. Therefore, these instincts are still animalistic. What does the spiritual core of the being do? It works continuously to refine the animalistic passions. This is what distinguishes the civilized human from the primitive human: that the astral body is no longer animalistic in the former. Then the human being dies and returns to the spiritual-soul world. There one sees what remained within him as an impulse from his first incarnation. When the human being enters incarnation for the first time, the animal passions are unrefined. He preys on his fellow human beings and so on. Then the consequences arise. That is when he begins, in the crudest sense, to understand something. Let us assume the extreme case in which he tells himself: If I can devour others, then others can also devour me. He realizes that he, too, might be devoured. At the very last moment, it becomes clear to him where this is leading, and his first moral consciousness dawns within him, very faintly. Then he purifies his instincts through the judgment he has formed, and this judgment arises from the core of his spiritual being. What he has developed as a judgment appears as a predisposition in his second incarnation. He has become a little nobler. And now he purifies his passions and instincts more and more. He elevates them from incarnation to incarnation. This is what really happens when a human being dies. The physical body is returned to the earth; the etheric body dissolves into the life ether. What happens to the human being now? What takes place at this point?

[ 16 ] Nicht bloß das Vermögen, hellseherisch in die Welt zu sehen, schon der Verstand könnte den, der tiefer nachdenkt, lehren, was geschehen muß. Der Mensch ist jetzt entkörpert, er hat keinen physischen Körper. Was hat er aber das ganze Leben hindurch getan? Er hat sein Leben hindurch sich durch den Geschmackssinn die Annehmlichkeiten des Essens verschafft. Diese Annehmlichkeit des Essens, das Leckere der Speisen, der Gaumengenuß ist seelisch. Der Gaumen selbst ist physisch. Hätte der Mensch nicht das Physische, so könnte er sich den seelischen Genuß nicht verschaffen. Hätte er kein physisches Ohr, so könnte er nicht hören, hätte er kein physisches Auge, so könnte er nicht sehen. Alles was wir wahrnehmen, nehmen wir zunächst mit den physischen Sinnen wahr., Der heutige Mensch kann nichts ohne seine physischen Sinne wahrnehmen. Er ist daran gebunden und daran gewohnt. Er ist gewohnt, solche Wünsche zu befriedigen, die durch die sinnlichen Organe befriedigt werden können. Die Gewohnheit, Wünsche zu haben, Genüsse zu haben, bleibt, die Mittel, durch die er sie befriedigen kann, fallen ab; Zunge, Augen und Ohren fallen ab. Die hat er nicht mehr. Jetzt fehlt ihm das nach dem Tode. Er lechzt noch nach dem Genuß, der nur durch das sinnliche Organ verschafft, befriedigt werden kann. Die Folge davon ist, daß der Mensch nach dem Tode in einen Bewußtseinszustand kommt, der im wesentlichen darin besteht, sich abzugewöhnen, nur durch die sinnlichen Organe befriedigt zu werden. Die Seele muß sich abgewöhnen, nach sinnlicher Befriedigung zu verlangen, muß sich hinausläutern über das, was sie auf der Erde befriedigt hat und nur durch sinnliche, physische Mittel befriedigt werden kann. Das heißt Kamaloka in der theosophischen Weltanschauung. Es lebt in der Form des Purgatoriums, des Läuterungsfeuers bei uns. Man kann das, was der Mensch da erlebt, nicht unzutreffend mit einem brennenden Durstgefühl, mit einer Art brennender Entbehrung vergleichen. So ist dieser Zustand nach dem Tode. Sinnlich-physisch ist das entsprechende Mittel nicht da nach dem Tode; das Organ ist nicht da, durch welches die lechzende Seele befriedigt werden kann. Wenn eine Seele im Verlaufe der Jahre im Kamaloka diesen Zusammenhang mit dem Physischen sich abgewöhnt hat, dann lebt sie in der geistigen Welt, der sie als Seele zugehört. Und das nimmt sie mit in die geistige Welt. Diese geistige Welt nennt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung Devachan oder das Geisterland. Was nimmt die Seele mit? Die geläuterten Begierden und Leidenschaften. Die sind jetzt vergeistigt und herausgeläutert aus dem Physischen. Wenn der Mensch auf der Erde verkörpert war, dann nimmt er das, was er sich erobert hat, ins Devachan herüber und verarbeitet es da für eine neue irdische Verkörperung. Es muß da aus einer Erfahrung, die er gemacht hat, eine Kraft des Lebens werden. Es ist nicht genug, daß der Mensch eine Erfahrung macht. Fassen Sie genau den Unterschied zwischen Erfahrung und Kraft des Lebens ins Auge. Wenn eine unentwickelte Seele durch Konsequenz erfährt, daß es unmöglich ist, seinen Mitmenschen zu fressen, ohne sich selbst in Gefahr und in Schaden zu bringen, wenn das als Erfahrung vor die Seele tritt, so ist das die Erfahrung, die sich umwandeln muß in Kraft, so daß eine innere Stimme vorhanden ist: Du darfst einen Menschen nicht fressen. — Dann wird das Wille, die Stimme des Gewissens, die immer vollkommener und vollkommener werden wird, je mehr Verkörperungen wir durchgemacht haben. Erfahrung verwandelt sich in Wille, in Gewissensstimme im Laufe der Verkörperungen. Und jetzt wissen Sie, was der Mensch im Devachan macht. Im Kamaloka läutert er sich, im Devachan verwandelt er die Erfahrungen, die er macht, in Kraft für das nächste Erdenleben, um als kraftvolle, innere, individuelle Natur aufzutreten. Daher können Sie es sehen, wenn eine unentwickelte Seele im Wilden auftritt; das ist in seinen Gesten und Gesichtszügen, in seinen Handbewegungen als etwas Gattungsmäßigem zu erkennen. Je mehr Inkarnationen durchgemacht sind, desto mehr tritt das Individuelle hervor. Und was ist das, was ausgestaltet wird? Es sind die Erfahrungen seiner früheren Inkarnationen, die zum Charakter werden.

[ 16 ] It is not merely the ability to see into the world clairvoyantly; reason alone could teach those who reflect more deeply what must happen. The person is now disembodied; he has no physical body. But what has he done throughout his entire life? Throughout his life, he has used his sense of taste to derive pleasure from eating. This pleasure in eating—the deliciousness of food, the delight of the palate—is spiritual. The palate itself is physical. If a person did not have the physical, he could not derive spiritual pleasure. If he had no physical ear, he could not hear; if he had no physical eye, he could not see. Everything we perceive, we first perceive through the physical senses. Modern man cannot perceive anything without his physical senses. He is bound to them and accustomed to them. He is accustomed to satisfying those desires that can be satisfied through the sensory organs. The habit of having desires and seeking pleasure remains, but the means by which he can satisfy them are lost; his tongue, eyes, and ears are gone. He no longer has them. Now, after death, he lacks them. He still craves the pleasure that can be obtained and satisfied only through the sensory organs. The consequence of this is that after death, a person enters a state of consciousness that essentially consists of weaning oneself off the habit of being satisfied solely through the sense organs. The soul must wean itself from craving sensual satisfaction; it must purify itself of what satisfied it on Earth and what can be satisfied only through sensual, physical means. This is what Kamaloka signifies in the theosophical worldview. It corresponds to what we call Purgatory, the purifying fire. One can not inaccurately compare what a person experiences there to a burning thirst, to a kind of burning deprivation. Such is this state after death. Sensually and physically, the corresponding means are not present after death; the organ through which the thirsting soul can be satisfied is no longer present. When, over the course of years in Kamaloka, a soul has weaned itself from this connection with the physical, it then lives in the spiritual world to which it belongs as a soul. And it takes this with it into the spiritual world. The spiritual-scientific worldview calls this spiritual world Devachan or the Land of Spirits. What does the soul take with it? Its purified desires and passions. These are now spiritualized and purified of their physical nature. When a person was incarnated on Earth, they take what they have attained with them into Devachan and process it there in preparation for a new earthly incarnation. An experience they have had must be transformed there into a life force. It is not enough for a person to simply have an experience. Consider carefully the difference between experience and life force. When an undeveloped soul learns through consequence that it is impossible to devour one’s fellow human beings without putting oneself in danger and causing harm—when this presents itself to the soul as an experience—that is the experience that must be transformed into life force, so that an inner voice arises: You must not eat a human being. — Then this becomes will, the voice of conscience, which will become more and more perfect the more incarnations we have undergone. Experience is transformed into will, into the voice of conscience, over the course of incarnations. And now you know what a person does in Devachan. In Kamaloka, the soul purifies itself; in Devachan, it transforms the experiences it has into strength for the next earthly life, so that it may emerge as a powerful, inner, individual nature. That is why you can recognize when an undeveloped soul appears in a primitive state; this is evident in its gestures and facial features, in its hand movements, as something generic. The more incarnations a soul has undergone, the more the individuality emerges. And what is it that takes shape? It is the experiences of its previous incarnations that become its character.

[ 17 ] Nun können Sie noch die Frage aufwerfen: Ja warum erinnert sich der Mensch an die früheren Verkörperungen nicht? — Diese Frage hat so, wie sie gestellt ist, wenig Sinn. Das werden Sie gleich ersehen. Es ist so, wie wenn jemand kommt und sagt: Die Menschen nennen sich Menschen, und ein vierjähriges Kind steht vor uns, das nicht rechnen kann —, und nun sagt er: Dieses Kind kann nicht rechnen, es ist aber ein Mensch, also können die Menschen nicht rechnen. — Es ist dies aber eine Frage der Entwickelung. Jeder Mensch kommt einmal dahin, wo einige Fortgeschrittene schon hingelangt sind, die sich an die früheren Erdenleben erinnern können. Wenn er sich nicht erinnern kann, so liegt es daran, daß er sich diese Fähigkeit erst erwerben muß, wie das Kind die Fähigkeit des Lesens, Rechnens und Schreibens sich erwirbt. Der Mensch darf nicht in Dumpfheit das Schicksal an sich vorübergehen lassen, wenn er sich durch diese Erlebnisse zu dem Standpunkt emporschwingen will, sich an seine früheren Erdenleben zu erinnern. Wie tritt nun dieses Erinnern an die früheren Erdenleben auf?

[ 17 ] Now you might ask: Why don’t people remember their past incarnations? — This question, as it is phrased, makes little sense. You will see why in a moment. It is as if someone were to come along and say: People call themselves human beings, and here stands a four-year-old child who cannot do arithmetic—and now he says: This child cannot do arithmetic, but he is a human being, so human beings cannot do arithmetic. — Yet this is a matter of development. Every person will eventually reach the point where some more advanced individuals have already arrived—those who can remember their past earthly lives. If a person cannot remember, it is because they must first acquire this ability, just as a child acquires the ability to read, do arithmetic, and write. A person must not let fate pass them by in a state of apathy if they wish to rise, through these experiences, to the point where they can remember their past earthly lives. How, then, does this recollection of past earthly lives occur?

[ 18 ] Dieses Leben ist gebunden daran, daß der Mensch möglichst viel von seinem inneren geistigen Wesenskern entwickelt hat. Je freier und unabhängiger der Mensch in diesem Leben geworden ist von der Sinnlichkeit, je mehr er in der Seele lebt, je weniger er angewiesen ist auf dasjenige, was er an Genüssen durch die Sinne vermittelt erhält, desto mehr nähert er sich dem Zustande, wo er sich in den früheren Zuständen erkennt. Wie sollte aber ein solcher Mensch sich an frühere Erdenleben erinnern? Man untersuche nur einmal, was einen gewöhnlichen Menschen gewöhnlich erfüllt. Nur das, was die sinnliche Auffassung bietet! Das verschwindet natürlich, denn eine Erinnerung an frühereErdenJeben ist dabei nicht möglich. Erst wenn der Mensch ein Leben führt in seinem göttlichen Selbst, dann erinnert er sich in demselben Maße an das, was er in den früheren Inkarnationen erlebt hat, und diejenigen, welche sich in das geistige Leben vertiefen, werden sicher mit einer Rückerinnerung an das geistige Leben wiederverkörpert werden.

[ 18 ] This life is contingent upon a person having developed as much as possible of their inner spiritual core. The freer and more independent a person has become in this life from sensuality, the more they live in the soul, the less they depend on the pleasures conveyed through the senses—the closer they come to the state in which they recognize themselves in their past lives. But how could such a person remember past earthly lives? One need only examine what usually fills the mind of an ordinary person. Only what sensory perception offers! That naturally disappears, for a memory of past earthly lives is not possible under such circumstances. Only when a person leads a life within his divine Self does he recall, to the same extent, what he experienced in his past incarnations; and those who immerse themselves in the spiritual life will surely be reincarnated with a recollection of that spiritual life.

[ 19 ] Ein anderer Einwand wird gewöhnlich gemacht gegen die Lehre vom Karma. Man sagt, nun ja, es ist das alte Schicksalsgesetz. Aber jetzt wird gesagt, der Mensch habe sich in den früheren Erdenleben alles zubereitet. Schicksal und Charakter seien dadurch unabänderlich bestimmt. Da gibt es keine Freiheit und keinen freien Willen mehr. Da stehen wir unter einem Fatum. — Wenn jemand so sagen würde, so wäre das ebenso klug, wie wenn jemand sagen wollte: Hier habe ich ein Kassenbuch. Links habe ich alle Sollposten, rechts alle Habenposten. Wenn ich beide Seiten addiere, so kommt ja eine bestimmte Zahl heraus. Subtrahiere ich beide Zahlen, so ergibt sich der Gewinn oder der Verlust. Füge ich diesen der einen Seite wieder hinzu, so haben wir eine Bilanz. — Gewiß, das ist ebenso bei einer Lebensbilanz. Die guten Taten stehen auf der einen Seite, die bösen und dummen Taten auf der andern. Da gibt es auch ein Lebenskonto mit der Lebensbilanz, wie es Konten und Bilanz in der kaufmännischen Buchhaltung gibt. Denken Sie sich nun einen Kaufmann, der sagte, mein Jahresabschluß ist gemacht, ich darf nichts mehr eintragen, ich darf keine neuen Geschäfte mehr machen, denn alles, was ich noch machen darf, ist durch die früheren Eintragungen vorherbestimmt. — Dasselbe wäre es, wenn der Mensch sagte, ich darf keine neuen Taten mehr begehen. Die Eintragungen und der Abschluß verbieten ihm das nicht. Ebensowenig wie die Buchhaltung dem Kaufmann verbietet, neue Geschäfte zu machen, ebensowenig verbietet ihm das Karma gute oder böse Taten. In jedem Augenblick können wir neue Posten eintragen, in jedem Augenblick können wir die Soll- und die Habenseite vermehren. Manche sagen auch: Wenn ich einem in Not und Elend Befindlichen helfe, so greife ich ja in sein Karma ein. Das darf ich aber nicht. — So ist es nicht. Sie können dem Menschen helfen, neue und gute Posten in sein Karma einzuschreiben und dadurch, sein Lebenskonto zu einem günstigen zu gestalten. Was Sie an Faulem, Lässigem und Fatalistischem da hineinschreiben, ist nicht so positiv mit dem Karmagesetz verbunden. Mit dem Karmagesetz ist aber etwas anderes verbunden.

[ 19 ] Another objection is commonly raised against the doctrine of karma. People say, “Well, it’s just the old law of fate.” But now it is claimed that human beings have prepared everything for themselves in their previous earthly lives. Fate and character are thereby irrevocably determined. There is no longer any freedom or free will. We are subject to a fate. — If someone were to say that, it would be just as sensible as if someone were to say: Here I have a cash book. On the left I have all the debit entries, on the right all the credit entries. If I add both sides together, a certain number comes out. If I subtract one number from the other, the result is the profit or loss. If I add this back to one side, we have a balance sheet. — Certainly, it’s the same with a life balance sheet. Good deeds are on one side, bad and foolish deeds on the other. There is also a life account with a life balance sheet, just as there are accounts and a balance sheet in commercial bookkeeping. Now imagine a merchant who said, “My annual financial statement is complete; I can’t make any more entries, I can’t do any new business, because everything I’m still allowed to do is predetermined by the earlier entries.” — It would be the same if a person said, “I can’t commit any new deeds.” The entries and the final statement don’t forbid him from doing so. Just as bookkeeping does not forbid the merchant from conducting new business, neither does karma forbid him from performing good or evil deeds. At every moment we can enter new entries; at every moment we can increase the debit and credit sides. Some also say: “If I help someone in need and misery, I am interfering with their karma.” But I must not do that.—That is not the case. You can help a person record new and good entries in their karma and thereby make their life account a favorable one. Whatever you write into it that is lazy, careless, or fatalistic is not so positively connected to the law of karma. However, something else is connected to the law of karma.

[ 20 ] Wenn Sie einen Chemiker in sein Laboratorium hineingehen sehen, wird er vielleicht mit der bestimmten Idee hineingehen: Wenn ich Schwefel, Sauerstoff und Wasserstoff in einer gewissen Weise zusammenbringe, so entsteht Schwefelsäure nach einem unabänderlichen Gesetz. Gegen dieses Gesetz ist nichts einzuwenden. Aber der Chemiker kann es auch unterlassen, die Mischung vorzunehmen, er kann sie machen oder nicht machen. Das Gesetz beeinträchtigt seinen freien Willen gar nicht. Aber das Gesetz gibt ihm die Sicherheit, daß das, was eintreten soll, auch wirklich eintreten wird, wenn es eintreten soll. Es gibt nicht aus derselben Mischung das eine Mal Kohlensäure und das andere Mal Schwefelsäure. Das Gesetz läßt uns auf eine bestimmte Wirkung bauen. Ebenso ist es auch mit dem Karma. Von keiner Tat kann uns das Gesetz vom Karma abhalten, aber es gibt uns die Sicherheit, daß ein richtiger und gerechter Ausgleich stattfinden muß im Leben, daß jede gute Tat ihre gute Wirkung und jede gescheite Tat ihre entsprechende Wirkung haben muß. Daß alles nach einem geistigen Gesetze geschieht, das gibt uns die Sicherheit, das zeigt uns, daß nichts, was wir tun, dem Zufall anheimfällt, sondern daß alles, was wir tun, so getan ist, daß wir bauen können auf einen richtigen Weltenzusammenhang.

[ 20 ] If you see a chemist entering his laboratory, he may be going in with a specific idea: If I combine sulfur, oxygen, and hydrogen in a certain way, sulfuric acid will be produced according to an immutable law. There is nothing wrong with this law. But the chemist is free to choose whether or not to carry out the mixture; he can do it or not. The law does not interfere with his free will at all. But the law gives him the certainty that what is meant to happen will indeed happen when it is meant to happen. The same mixture does not produce carbonic acid one time and sulfuric acid the next. The law allows us to rely on a specific outcome. The same is true of karma. The law of karma cannot prevent us from performing any action, but it gives us the assurance that a proper and just balance must take place in life—that every good deed must have its good effect and every wise deed its corresponding effect. The fact that everything happens according to a spiritual law gives us this assurance; it shows us that nothing we do is left to chance, but that everything we do is done in such a way that we can rely on a proper cosmic order.

[ 21 ] So ist dieses Gesetz vom Karma nicht bloß ein wissenschaftliches Gesetz, nicht etwas, was bloß das theoretische Interesse befriedigt, sondern etwas, was die Lösung des Lebensrätsels, des Weltenrätsels birgt. Es gibt Kraft und Sicherheit im Leben, es wirkt so, daß wir wissen, daß alles in diesem Leben zusammenhängt nach einem Gesetz, das immer mehr und mehr erkannt wird, das wir zunächst unbewußt und dann immer bewußter deuten. Nicht bloß der Wissenstrieb wird durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung befriedigt. Noch etwas anderes wird durch sie gegeben, nämlich Kraft und Mut und Sicherheit. Nicht allein wird uns etwas gesagt über unsere Bestimmung, sondern es wird uns zu gleicher Zeit die Möglichkeit gegeben, im Sinne dieser unserer Bestimmung zu leben, so zu leben, daß wir einem immer vollkommeneren und vollkommeneren Dasein zuschreiten. So ist nicht dogmatisch und lehrhaft, sondern lebensvoll und gemütsdurchtränkt die Lösung des Lebensrätsels durch die beiden Tatsachen der Wiederverkörperung und des Karmagesetzes.

[ 21 ] Thus, this law of karma is not merely a scientific law, not something that merely satisfies theoretical interest, but something that holds the key to solving the riddle of life, the riddle of the universe. It provides strength and security in life; it works in such a way that we know everything in this life is interconnected according to a law that is being recognized more and more—a law that we interpret first unconsciously and then with increasing awareness. It is not merely the thirst for knowledge that is satisfied by the spiritual-scientific worldview. It also provides something else: namely, strength, courage, and security. Not only are we told something about our destiny, but at the same time we are given the opportunity to live in accordance with this destiny—to live in such a way that we advance toward an ever more perfect existence. Thus, the solution to the riddle of life through the two facts of reincarnation and the law of karma is not dogmatic or didactic, but full of life and imbued with feeling.

[ 22 ] Alle diejenigen, welche einen tieferen Blick in die Natur getan haben, in die Natur des geistigen Lebens, kamen mehr oder weniger auf dieses Schicksalsgesetz und auf das Gesetz der Wiederverkörperung. Giordano Bruno war ein Anhänger des Gesetzes, und als aus einer Dumpfheit heraus wieder eine neue Geisteskultur geholt worden ist, da war es Lessing, der seine Weisheit hat ausklingen lassen in der Lehre von der Wiederverkörperung. Ich weiß, daß viele Lessing zu tadeln unterlassen. Wenn es aber einem gefällt, ihn zu loben, da werden sie nicht mitgehen. Es ist aber sonderbar einem großen Manne gegenüber, daß man von ihm nur das annimmt, was einem paßt. Und ebenso ist es bei Giordano Bruno und Goethe, bei denen man diese Ideen als Altersschwäche oder ähnliches ansieht. Wir werden sehen, daß auch unsere deutsche Theosophie tief durchdrungen ist von dieser Anschauung. Aber erst heute, erst seit einigen Jahrzehnten ist es möglich, von dieser Anschauung wiederum öffentlich Mitteilung zu machen. Durch die Jahrhunderte der neuen Entwickelung war das nicht möglich, weil die Menschheitskultur eine andere Aufgabe hatte, wie ich das schon auseinandergesetzt habe. Dämmerhaft kamen die Lehren von der Wiederverkörperung und von Karma herauf, und auch diese großen Geister konnten so manches nur bildlich, in Sinnbildern verkündigen, lebensvoll faßten sie sie auf. Da wo ihnen das Leben in seinen tiefsten Tiefen erklärlich werden konnte, deuteten sie oft mit großem Lebenshumor auf diese Wahrheiten hin, auf dieses ewige Gesetz von der Wiederverkörperung, das das bestimmt, was wir jetzt erleben zwischen Geburt und Tod. Darauf deutete Goethe hin, als er sich seine tiefe innere Seelenfreundschaft zu Frau von Stein erklären wollte, indem er sagte: «Ach, du warst in abgelebten Zeiten, meine Schwester oder meine Frau.» Aber auch das Gesetz, welches als das Karmagesetz über uns waltet, drückt Goethe aus wie andere große Geister. Daß wir in die Welt hereintreten nach unserer Anlage, wie wir sind, dem Gesetze von Ursache und Wirkung folgend, wie alles in der Welt, das drückt er aus in den schönen Worten:

[ 22 ] All those who have taken a deeper look into nature—into the nature of spiritual life—have, to a greater or lesser extent, arrived at this law of destiny and the law of reincarnation. Giordano Bruno was a proponent of this law, and when a new spiritual culture was brought forth from a state of intellectual stagnation, it was Lessing who gave full expression to his wisdom in the doctrine of reincarnation. I know that many refrain from criticizing Lessing. But if one chooses to praise him, they will not go along with it. Yet it is strange, when dealing with a great man, to accept from him only what suits one’s own views. And the same is true of Giordano Bruno and Goethe, whose ideas are dismissed as senility or something similar. We shall see that our German Theosophy, too, is deeply imbued with this view. But only today—only in the last few decades—has it become possible to once again speak publicly about this view. Throughout the centuries of this new development, this was not possible because human culture had a different task, as I have already explained. The teachings of reincarnation and karma emerged dimly, and even these great minds could proclaim many things only figuratively, through symbols; they grasped them with a vivid sense of life. Where life could be made understandable to them in its deepest depths, they often pointed to these truths with great humor, to this eternal law of reincarnation that determines what we now experience between birth and death. Goethe alluded to this when he sought to express his deep inner soul-friendship with Frau von Stein, saying: “Ah, in times past, you were my sister or my wife.” But Goethe, like other great minds, also expresses the law that governs us as the law of karma. He expresses the fact that we enter the world according to our nature, as we are, following the law of cause and effect—just as everything in the world does—in these beautiful words:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten,
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Just as on the day you were born into this world,
The sun stood in greeting to the planets,
And so you flourished immediately and ever onward
According to the law by which you came into being.
This is how you must be; you cannot escape it,
As the Sibyls and prophets have long said,
And no time, no power can break apart
A formed shape that develops while alive.

[ 23 ] Aber das Tiefste, was er zu sagen hatte, das sagte er im Bilde, unter anderem in dem schönen Gedicht, wo er die Seele des Menschen vergleicht mit dem Wasser und das Schicksal des Menschen mit dem Wind, die Seele als dasjenige, was von Verkörperung zu Verkörperung dahinfließt im Lebensstrom und das Schicksal mit dem Winde, das diese Seele auf und ab wogen läßt in immerwährenden Wellen. Und wie jede folgende Welle in ihrer Gestalt abhängig ist von der vorhergehenden, so ist die Seele abhängig von ihrer vorigen Gestalt, und so wie der Wind immer neu wird, so wird in das Lebenskonto des Menschen immer Neues einziehen, immer Neues eingetragen. «Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind», so sagt er am Schlusse des Gedichtes, wo er geradezu die Wiederverkörperung im Erdenleben darstellt. «Des Menschen Seele gleicht dem Wasser, vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es, und wieder nieder zur Erde muß es, ewig wechselnd.» So stellt Goethe die Seele dar. Sie kommt aus der geistigen Welt, steigt zur Erde nieder, geht zurück zum Himmel und kommt wieder in neuer Verkörperung:

[ 23 ] But the deepest things he had to say, he expressed through imagery, including in that beautiful poem where he compares the human soul to water and human destiny to the wind—the soul as that which flows from incarnation to incarnation in the stream of life, and destiny as the wind that causes this soul to rise and fall in everlasting waves. And just as each successive wave depends in its form on the one that precedes it, so the soul depends on its previous form; and just as the wind is ever renewed, so something ever new will flow into the account of human life, something ever new will be recorded there. “Human soul, how you resemble water; human fate, how you resemble the wind,” he says at the end of the poem, where he directly depicts reincarnation in earthly life. “The human soul resembles water; it comes from heaven, rises to heaven, and must descend again to earth, eternally changing.” This is how Goethe depicts the soul. It comes from the spiritual world, descends to Earth, returns to heaven, and comes back in a new incarnation:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und, leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leis’ rauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen,
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.
Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen!
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind.

The human soul
Is like water:
It comes from the heavens,
It rises to the heavens,
And must descend once more
To the earth,
Eternally changing.

Flowing from the high,
steep rock face
The pure stream,
Then it gently sprays
In waves of mist
Upon the smooth rock,
And, gently received,
It surges, veiling,
Softly rushing
Down into the depths.

Cliffs rise,
Toward the precipice,
It foams sullenly
Step by step
Toward the abyss.
In its shallow bed
It creeps through the meadow valley,
And in the smooth lake
All the stars
Reflect their faces.

The wind is the wave
Lovely suitor;
The wind stirs from the depths
Foaming waves!
Soul of man,
How much you resemble the water!
Fate of man,
how much you resemble the wind.