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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Recognizing the Supernatural in our Time
and its Significance for Modern Life
GA 55

11 October 1906, Berlin

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1. Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit und deren Bedeutung für das heutige Leben

1. The Understanding of the Supernatural in Our Time and Its Significance for Contemporary Life

[ 1 ] Der heutige Vortrag ist eine Art Programm, und die folgenden sollen zwei Ziele verfolgen: Das erste Ziel ist, die Zuhörer bekannt zu machen mit dem, was die Geistesforschung über die Welt des Geistes in bezug auf den Menschen, in bezug auf die Entwicklung des Menschen, in bezug auf Leben und Bestimmung des Menschen, in bezug auf Geburt und Tod, Ursprung des Lebens, Ursprung des Bösen, Gesundheit und Krankheit und in bezug auf Erziehungsfragen bieten kann. So daß im Laufe des Winters der Umfang dieser Geistesforschung sich vor unsere Seele stellen soll.

[ 1 ] Today’s lecture is a kind of outline, and the following lectures will pursue two goals: The first objective is to familiarize the audience with what spiritual science has to offer regarding the world of the spirit—in relation to human beings, human development, human life and destiny, birth and death, the origin of life, the origin of evil, health and illness, and questions of education. So that, over the course of the winter, the scope of this spiritual research may unfold before our souls.

[ 2 ] Andererseits aber sind die Vorträge so eingerichtet, daß die Beziehung der gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Forschung zu den großen Kulturaufgaben, zu den brennenden Zeitfragen, zu den großen Lebensfragen des Daseins, wie sie von der Gegenwart gestellt werden, besprochen wird. Es soll die Geisteswissenschaft nicht wie irgendeine Theorie hingestellt werden, sondern sie soll als etwas erkannt werden, das sich in das ganze Leben eines Gegenwartsmenschen mit einer gewissen inneren Notwendigkeit hineinstellt. So sehr auch das Alter der Zuhörer verschieden sein wird, durch die Mannigfaltigkeit der Themata wird vielleicht doch für jeden etwas Interessantes dargeboten werden können.

[ 2 ] On the other hand, however, the lectures are structured in such a way that they discuss the relationship between current research in the humanities and the major cultural challenges, the pressing issues of our time, and the great questions of life as they are posed in the present. The aim is not to present the humanities as just another theory, but rather to have them recognized as something that, with a certain inner necessity, becomes an integral part of the entire life of a contemporary person. No matter how varied the ages of the audience may be, the diversity of topics will perhaps allow something of interest to be offered to everyone.

[ 3 ] Ich möchte nun, bevor ich zum Vortrage selbst übergehe, die einzelnen Themen, die als Einzelvorträge etwas in sich Abgeschlossenes und auf der anderen Seite doch ein zusammenhängendes Ganzes bilden sollen, nochmals erwähnen. Vorerst wollen wir diesmal, weil es nicht so bequem ist wie im vergangenen Winter, sehr darauf achten, daß die Vorträge stattfinden werden am zweiten und dritten Donnerstag eines jeden Monats. Am 25. werden wir zu sprechen haben über das Thema «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Da werden wichtige Kulturfragen der Menschheitsentwicklung zur Sprache kommen, im Anschlusse an eine vielleicht nur vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zu beleuchtende intime Lebensfrage. Es ist dabei nicht darauf abgesehen, eine sensationell aussehende Frage aufs Tablett zu heben. Dann folgt «Der Lebenslauf des Menschen vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt», dann «Wer sind die Rosenkreuzer?», dann «Richard Wagner und die Mystik», dann «Was wissen unsere Gelehrten von der Theosophie?» und dann die religiöse Frage «Bibel und Weisheit».

[ 3 ] Before I move on to the lecture itself, I would like to mention once again the individual topics, which are intended to form self-contained units as separate lectures, yet at the same time constitute a coherent whole. For now, since the circumstances are not as convenient as they were last winter, we will take great care to ensure that the lectures take place on the second and third Thursdays of each month. On the 25th, we will discuss the topic “Blood Is a Very Special Fluid.” Important cultural questions concerning human development will be addressed, followed by an intimate question of life that can perhaps only be illuminated from the perspective of spiritual science. The aim here is not to present a sensational-sounding topic. This will be followed by “The Course of Human Life from the Perspective of Spiritual Science,” then “Who Are the Rosicrucians?”, then “Richard Wagner and Mysticism,” then “What Do Our Scholars Know About Theosophy?”, and finally the religious question “The Bible and Wisdom.”

[ 4 ] Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche im verflossenen Winter schon hier versammelt waren zu den geisteswissenschaftlichen Vorträgen, werden manches Bekannte in etwas anderer Beleuchtung finden. Aber die Dinge der geisteswissenschaftlichen Forschung werden der Seele erst ganz zu eigen, wenn sie von den verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Deshalb bitte ich, wenn Sie Bekanntes hören, es hinzunehmen, da es sich um den einführenden Vortrag zu dem ganzen Programm des Winters handelt. Dieser heutige Vortrag soll eine Art Versprechen sein. Es soll versprochen werden, was die folgenden Vorträge einlösen sollen. Es soll hingewiesen werden auf das, was man geisteswissenschaftliche Forschung innerhalb der Gegenwart nennt, und darauf, daß diese Erforschung des geistigen, übersinnlichen Lebens eine große einschneidende Bedeutung für unsere Gegenwart hat und berufen ist, eine immer einschneidendere Bedeutung für das Leben der Menschen in der Zukunft zu bekommen.

[ 4 ] Those among the distinguished audience who were already gathered here last winter for the lectures on the humanities will find some familiar topics presented in a slightly different light. But the subjects of spiritual scientific research only truly become part of the soul when they are illuminated from various angles. Therefore, I ask that when you hear familiar material, you accept it as such, since this is the introductory lecture for the entire winter program. Today’s lecture is intended to be a kind of promise. It is meant to promise what the following lectures will fulfill. It is meant to point to what is called spiritual scientific research in the present day, and to the fact that this exploration of spiritual, supersensible life has great and far-reaching significance for our present and is destined to take on ever greater significance for the lives of people in the future.

[ 5 ] Es ist erst dreißig Jahre her, seit eine theosophische Bewegung durch die Welt geht. Und nach diesen dreißig Jahren ist die Theosophie nicht etwa eine geistige Bewegung, die sonderlich angesehen ist. In den weitesten Kreisen draußen versteht man unter Theosophie nicht irgend etwas, was man als auf wirklichem, tatsächlichem Boden stehend ansieht. Viele sind unter unseren Zeitgenossen, die die Theosophie als etwas Phantastisches, als etwas, was sich in einem Wolkenkuckucksheim ergeht, ansehen. Nicht zu leugnen ist, daß die Theosophie, durch unkundige und vielleicht auch durch vorschnelle, dilettantische Persönlichkeiten, vielleicht sogar durch scharlatanhafte Seelen mit einem gewissen Recht an ihrem Ansehen verloren hat. Die Frage, was die Theosophie dem Menschen der Gegenwart aber doch bedeuten kann, soll uns heute hauptsächlich beschäftigen.

[ 5 ] It has only been thirty years since the Theosophical Movement began to spread throughout the world. And after these thirty years, Theosophy is by no means a spiritual movement that is held in particularly high regard. In the broadest circles, Theosophy is not understood as something grounded in reality. Many of our contemporaries view Theosophy as something fanciful, as something that exists in a fantasy world. It cannot be denied that Theosophy has, to a certain extent, lost its reputation due to uninformed and perhaps also hasty, amateurish individuals—and perhaps even charlatans. However, the question of what Theosophy can still mean to people today is what we shall focus on primarily.

[ 6 ] Manche große Vorurteile sind verbreitet gegenüber der theosophischen Weltanschauung. Da sagt der eine: Ach, die Theosophie ist etwas, was so ähnlich ist wie der Spiritismus, also etwas, was sich mit unserer heutigen abgeklärten, wissenschaftlichen Weltanschauung durchaus nicht verträgt. Die Theosophie ist etwas, was höchstens für Träumer eine Bedeutung haben kann, was aber mit den wissenschaftlichen, logischen Gesetzen in Widerspruch steht. So sagen diejenigen, welche entweder selber auf dem Boden der Wissenschaft stehen, oder welche sich sagen: Wissenschaft ist die Losung der Zeit, wir müssen auf sie hören, sie zeigt uns die tiefen Fragen des Daseins, und es ist eine Versündigung, wenn wir gegen die wohlbegründeten Ansprüche der Wissenschaft verstoßen und uns dem hingeben, was unwissenschaftlich ist.

[ 6 ] There are many widespread prejudices against the Theosophical worldview. Some people say: “Oh, Theosophy is something similar to Spiritism—in other words, something that is completely incompatible with our modern, rational, scientific worldview.” Theosophy is something that can, at most, be of significance to dreamers, but which contradicts scientific and logical laws. This is what those say who either stand on the ground of science themselves, or who tell themselves: Science is the watchword of our time; we must listen to it; it reveals to us the profound questions of existence; and it is a sin to violate the well-founded claims of science and indulge in what is unscientific.

[ 7 ] Ein anderes Vorurteil kommt von der religiösen Seite, sei es von solchen, die durch ihren Beruf für die Religion sein wollen oder sollen, oder von anderen, welche glauben, mit ihrem religiösen Gewissen in Zwiespalt zu kommen, wenn sie sich der Theosophie zuwenden. Wie eine neue Sekte, wie eine neue Religionsstiftung betrachtet man das, was die Theosophie bringt. Immer und immer wieder wird der hier oft erwähnte, mißverständliche Gedanke geäußert: die Theosophie sei so etwas wie eine Auffrischung uralter buddhistischer Wissenschaft, statt dem Christentum solle der Welt eine Art Neubuddhismus eingeimpft werden. Was auch immer gesagt werden mag: diese drei Vorurteile erheben sich immer wieder.

[ 7 ] Another prejudice stems from the religious sphere, whether from those who, by virtue of their profession, wish to be or are expected to be religious, or from others who believe they will find themselves in conflict with their religious conscience if they turn to Theosophy. What theosophy brings is viewed as a new sect, as a new religious movement. Time and again, the often-mentioned, misleading idea is expressed: that Theosophy is something like a revival of ancient Buddhist scholarship, and that instead of Christianity, a kind of “New Buddhism” is to be instilled in the world. Whatever may be said, these three prejudices arise time and again.

[ 8 ] Die Theosophie würde sich an ihrem ersten Grundsatz versündigen, der verlangt, die Eigentümlichkeit einer jeden Geisteskultur zu verstehen, wenn sie eine fremde Geisteskultur, ein uraltes Religionssystem nach Europa verpflanzen wollte. Jedes Weltanschauungssystem wächst heraus aus den ganzen Bedingungen einer gewissen Volkskultur und kann nicht in eine ganz andere Kultur hinein verpflanzt werden. Wollen wir einen wirklichen geistigen Fortschritt innerhalb unserer Welt, wollen wir der Menschheit mit der europäisch-amerikanischen Kultur die Quellen eröffnen für einen Fortschritt in die Zukunft hinein, wollen wir dem modernen Menschen etwas bieten, dann können wir nicht mit Anschauungen und Ideen einer längst verbrauchten Zeit kommen, dann müssen wir alles, was wir an Motiven, an Fragen, an Vorstellungen aufbringen können, dem lebendigen Leben unserer Gegenwart selbst entnehmen. Dann müssen wir da anknüpfen, wo unsere eigene Seele lebt, wo unsere eigene Seele wurzelt.

[ 8 ] Theosophy would be violating its first principle—which requires an understanding of the unique characteristics of every spiritual culture—if it were to attempt to transplant a foreign spiritual culture, an ancient religious system, into Europe. Every worldview system grows out of the totality of conditions of a particular national culture and cannot be transplanted into an entirely different culture. If we want genuine spiritual progress within our world, if we want to open up the sources of progress into the future for humanity through European-American culture, if we want to offer something to modern people, then we cannot come forward with views and ideas from a time long past; rather, we must draw everything we can muster—motives, questions, and concepts—from the living reality of our own present. Then we must take up where our own soul lives, where our own soul is rooted.

[ 9 ] Nichts Fremdes soll in unsere Kultur verpflanzt werden. Lediglich darum handelt es sich, einzusehen, daß unsere Kultur einer Vertiefung fähig ist und daß das, was begonnen ist mit der äußeren Kultur, bewußt fortentwickelt wird. Jede Kultur ist so anzusehen, daß sie in sich voll entwickelte Triebe, gereifte Pflanzen und Früchte enthält, und daneben Keime, die der Mensch fühlt. Der Mensch der Gegenwart fühlt solche Keime. Diese Keime sitzen in seiner Seele als brennende Zeitfragen, als etwas, was er ersehnt und erhofft in der Zukunft, als Rätsel, die sich ihm auf die Seele legen. Das alles ist in den Seelen der Gegenwartsmenschen verschlossen. Der Keim, der noch eingepflanzt ist in die Erde, muß heraus. Vieles sitzt noch verborgen in der Seele der Gegenwartsmenschen. Es kann um nichts anderes zu tun sein, als das herauszuholen, was in den Seelen der gegenwärtigen Menschen ist.

[ 9 ] Nothing foreign should be transplanted into our culture. It is simply a matter of recognizing that our culture is capable of deepening and that what has begun with external culture is being consciously developed further. Every culture must be viewed as containing within itself fully developed shoots, mature plants, and fruits, as well as seeds that human beings sense. People today sense such seeds. These seeds lie within their souls as burning questions of our time, as something they yearn for and hope for in the future, as mysteries that weigh upon their souls. All of this is locked within the souls of people today. The seed that is still planted in the earth must be brought forth. Much still lies hidden in the souls of people today. There can be no other task than to bring forth what is within the souls of people today.

[ 10 ] Aber auch mit einem gegenwärtigen Religionsbekenntnis kommt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht in Widerspruch. Sie versucht jedes Religionsbekenntnis zu verstehen und zu zeigen, wie in allen großen Weltreligionen die eine Urwahrheit der Menschheit lebt. Aber sie geht nicht herum und sucht eklektisch aus den verschiedenen Religionen einen Wahrheitskern heraus. Nicht ist sie eine Sammlerin, diese Geisteswissenschaft, sondern sie ist etwas, was auf eigenem Grund und Boden wächst: etwas, was, wie wir nachher gleich hören werden, nur in der verschiedensten Spiegelung wiedergefunden werden kann in den einzelnen großen Weltreligionen. Nicht herausgeholt aus den großen Weltreligionen ist die Geisteswissenschaft, sondern in den besten Religionen findet man in verschiedener Art das ausgebildet, was die geisteswissenschaftliche Weisheit uns heute geben kann. Sie soll es uns für die Gegenwart so geben, daß wir es nicht bloß zum Verständnis für die Vergangenheit und Gegenwart haben, sondern daß wir etwas zum Hineinleben in die Zukunft, zum wahren geistigen Menschheitsfortschritt haben. Die Geisteswissenschaft will keine neue Religionsstiftung sein.

[ 10 ] But the spiritual-scientific worldview does not conflict with a current religious belief either. It seeks to understand every religious belief and to show how the one primordial truth of humanity lives on in all the great world religions. But it does not go around eclectically searching for a core of truth within the various religions. Spiritual science is not a collector; rather, it is something that grows on its own soil: something that, as we will hear shortly, can only be found reflected in the most diverse ways within the individual major world religions. Spiritual science is not extracted from the great world religions; rather, in the finest religions one finds, in various forms, the very wisdom that spiritual science can offer us today. It is meant to provide this wisdom for our present in such a way that we possess it not merely for an understanding of the past and present, but so that we have something to live by as we move into the future—something that fosters true spiritual progress for humanity. Spiritual science does not seek to establish a new religion.

[ 11 ] Lassen Sie uns unbefangen einmal den Gedanken betrachten, inwiefern sie keine Religionsstiftung sein kann und warum sie nicht daran denken kann, eine neue Sekte zu stiften. Immer genauer werden die Vorträge dieses Winters zeigen, daß die Zeit der Religionsstiftungen, die Art und Weise, wie die Wahrheit in den Religionen zum Ausdruck gekommen ist, vorüber ist, oder mit anderen Worten, daß die Zeit, wo neue Religionen begründet werden können, vorbei ist. Diese Zeit hat abgeschlossen mit der Zentralreligion des Christentums, denn das Christentum ist einer unendlichen Vertiefung, einer unendlichen Ausbildung für die fernste Zeit der Zukunft fähig. Und die Geisteswissenschaft wird das Instrument, das Mittel bilden, dieses Christentum den aufgeklärtesten und wissenschaftlichsten Menschen immer mehr zugänglich zu machen. Zum Verständnis der Religion soll diese Geisteswissenschaft beitragen. Die Weisheit, die in den Religionen liegt, soll sie darbieten. So wird sie das Instrument und das Mittel sein, sich innerhalb des geistigen Lebens zurechtzufinden. Man braucht in der Zukunft keine neuen Religionen. Die alten enthalten das, was sie enthalten können. Weisheit enthalten sie. Aber man braucht die Weisheit in einer neuen Form. Dann wird man die alten Formen auch wieder verstehen, dann werden die alten Religionen durch die Geisteswissenschaft wieder zur wahren Geltung kommen. Jeder Mensch wird wieder zu seiner Religion kommen können.

[ 11 ] Let us consider, with an open mind, to what extent it cannot be a religious foundation and why it cannot conceive of founding a new sect. The lectures this winter will demonstrate with increasing clarity that the era of the founding of religions—the way in which truth has been expressed in religions—is over; or, in other words, that the time when new religions can be founded is past. This era came to a close with the central religion of Christianity, for Christianity is capable of infinite deepening and infinite development for the most distant future. And spiritual science will serve as the instrument, the means, to make this Christianity increasingly accessible to the most enlightened and scientific of people. This spiritual science is intended to contribute to an understanding of religion. It is to present the wisdom that lies within the religions. In this way, it will serve as the instrument and the means for finding one’s way within spiritual life. There will be no need for new religions in the future. The old ones contain all they can contain. They contain wisdom. But this wisdom is needed in a new form. Then people will once again understand the old forms, and the old religions will regain their true significance through spiritual science. Every person will be able to return to their own religion.

[ 12 ] Bisher hat es in der Gegenwart ein Gefühl gegeben, das sich in den verschiedenen Religionen herangebildet hat: man hat von Toleranz gesprochen gegenüber den verschiedenen Religionen. Den Menschen, die mit der Gegenwart fühlen, frommt es nicht mehr, mit Haß, Verachtung und Verfolgung den anderen Religionen zu begegnen. Das ist zu einer Unmöglichkeit geworden. Der Gegenwartsmensch kann die Zeit des Hasses und der Intoleranz nicht mehr recht verstehen, wo im Dienste der Religion ungeheuer viel Blut geflossen ist. Zu dulden und zu tolerieren, ist die jetzige Tendenz; das wird eine Zeitlang so gehen. Aber es wird auch eine Zeit kommen, wo dieses Gefühl zu schwach und zu matt ist, um einen wirklichen Fortschritt in die Zukunft zu bewirken. Für die Zeit des Übergangs, für das letzte Jahrhundert war dieses Gefühl in gewisser Beziehung ein Segen. Die Duldung ist durchaus berechtigt. Wahre Menschenliebe und echte Humanität wurden herausgebildet. Aber was für eine Zeit gut ist, das ist es noch nicht für alle Zeiten. Die verschiedenen Epochen der Weltentwicklung haben verschiedene Aufgaben. Ein Gefühl, das für das neunzehnte Jahrhundert voll berechtigt war, das für das neunzehnte Jahrhundert edle Hoffnungen in den Seelen gestiftet hat, das wird sich matt und unwirksam erweisen für das zwanzigste Jahrhundert. Dieses zwanzigste Jahrhundert wird sich zu etwas anderem fähig erweisen. Nicht nur gegenseitige Toleranz und Duldung, sondern vollständiges gegenseitiges Verstehen wird es brauchen. Oder war es nicht so, daß bis heute der Christ gesagt hat: Ich verstehe nicht den Muselmann, ich verstehe nicht den Bekenner des jüdischen Glaubensbekenntnisses bis ins Innere, aber wir dulden uns gegenseitig. — Das wird künftig nicht mehr die Menschen trennen. Künftig wird es nötig sein, sich gegenseitig zu verstehen und sich zu sagen: Ich habe mein Bekenntnis, das aus einer Kulturströmung herausgewachsen ist, die mir die Anschauungen, Gedanken und Ideale in mein Seelenblut verpflanzt hat, aber ich muß auch mit anderen menschlichen Geistern im Verkehr sein, muß sie ganz verstehen können. Die Wahrheit, die ich bei mir finde, soll nicht nur tolerieren und dulden, sondern eindringen in das, was die andere Seele fühlt und empfindet. Sie soll Verständnis haben für jedes andere Bekenntnis. — Das ist noch etwas ganz anderes. Das ist eine Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung: über die Duldung hinauszuschreiten zum völligen gegenseitigen Verständnis. Dann wird der Bekenner einer Religion oder Konfession sich sagen: Die Wahrheit ist mir in einer bestimmten Form bekannt geworden. Die Wahrheit lebt aber in anderen Seelen in anderer Form. Die Formen haben gewiß ihre Berechtigung, sie sollen uns aber nicht trennen. Das, was an Weisheit darin liegt, soll uns verbinden. — In positivem Sinne soll es eine Humanitätsidee sein, die auf Grund von einsichtiger Menschenliebe verbindet und nicht bloß auf Grund von Toleranz. Einsicht ist mehr als Toleranz. Einsicht adelt den Menschen mehr als Duldung.

[ 12 ] Until now, a sentiment has developed in the modern world that has taken root in various religions: people have spoken of tolerance toward different religions. It no longer serves the interests of those who are in tune with the modern world to treat other religions with hatred, contempt, and persecution. That has become impossible. People today can no longer truly understand the era of hatred and intolerance, when an immense amount of blood was shed in the name of religion. Acceptance and tolerance are the current trend; this will continue for a while. But a time will also come when this sentiment is too weak and too feeble to bring about real progress into the future. For the transitional period—for the last century—this sentiment was, in a certain sense, a blessing. Tolerance is entirely justified. True love of humanity and genuine humanity were cultivated. But what is good for one era is not necessarily good for all time. The various epochs of world development have different tasks. A sentiment that was fully justified for the nineteenth century—one that instilled noble hopes in people’s souls during that century—will prove feeble and ineffective for the twentieth century. This twentieth century will prove capable of something else. It will require not merely mutual tolerance and forbearance, but complete mutual understanding. Or has it not been the case that, up to the present day, the Christian has said: “I do not understand the Muslim; I do not understand the adherent of the Jewish creed to the very core, but we tolerate one another.” — That will no longer divide people in the future. In the future, it will be necessary to understand one another and to say: “I have my own faith, which has grown out of a cultural current that has instilled these views, thoughts, and ideals into the very blood of my soul, but I must also interact with other human spirits and be able to understand them fully.” The truth I find within myself should not merely tolerate and accept, but should penetrate into what the other soul feels and experiences. It should have understanding for every other creed. — That is something entirely different. That is a task of the spiritual-scientific worldview: to move beyond tolerance toward complete mutual understanding. Then the adherent of a religion or denomination will say to himself: The truth has become known to me in a certain form. But the truth lives in other souls in a different form. These forms certainly have their justification, but they should not divide us. The wisdom contained within them should unite us. — In a positive sense, it should be an ideal of humanity that unites people on the basis of enlightened love for humanity, and not merely on the basis of tolerance. Enlightenment is more than tolerance. Enlightenment ennobles human beings more than mere tolerance does.

[ 13 ] Die Theosophie ist nicht unwissenschaftlich. Als die Theosophie vor dreißig Jahren zum ersten Male in die Welt trat, war bei der Gründerin die Aufgabe so gedacht: Dem Menschen der Gegenwart, wie jeder Menschenseele, ist es selbstverständlich, daß man sich die Rätselfragen vorlegt nach dem Unendlichen und Ewigen, die Rätselfragen nach der Bestimmung des Menschen, nach dem Schicksal, die Rätselfragen nach Geburt und Tod und nach dem, was nach dem Tode sein wird, die Rätselfragen: Was bleibt von dem Menschen, wenn er dem physischen Leben abstirbt, woher kommt Krankheit, woher das Leiden? Oh, es gibt keinen Menschen, der diese Fragen nicht aufwerfen müßte. Religionen waren immer dazu da, um geistigen Inhalt zur Beantwortung dieser Welträtsel in die Seelen zu gießen, damit nicht nur das theoretische Bedürfnis befriedigt werde, sondern damit die Antwort für die Menschen Kraft, Trost und Zuversicht sei. Oder mit anderen Worten: Der Mensch sollte aus der Religion eine Antwort bekommen auf die brennenden Daseinsfragen, damit er mit Ruhe und Sicherheit im Leben sich bewegt, damit er weiß: ich vollbringe, was ich zu vollbringen habe, aber ich sehe auch auf zu den großen Tatsachen der Unsterblichkeit, die jenseits des Alltags liegen. Nur ein Mensch — und das wird jeder zugeben müssen, der eine Empfindung hat für die tiefsten Impulse der Seele —, der innerlich befriedigt ist, der harmonisch sich so aufzuklären weiß, daß diese Rätsel der Welt nicht als bange Sorge und als Unsicherheit in seiner Seele leben, sondern der über die höchsten Fragen der Seele ruhig sein kann, ist stark und hat die Kraft zu leben. Unwissenschaft, Unweisheit schwächt und macht den Menschen gegenüber der Alltagsarbeit und ebenso gegenüber den wichtigsten Aufgaben des Lebens irre.

[ 13 ] Theosophy is not unscientific. When Theosophy first emerged thirty years ago, its founder envisioned the task as follows: For people today, as for every human soul, it goes without saying that one ponders the mysteries of the infinite and the eternal, the mysteries of humanity’s purpose, of destiny, the mysteries of birth and death and of what lies beyond death—the mysteries: What remains of a person when they die and leave physical life behind? Where do illness and suffering come from? Oh, there is no person who does not have to ask these questions. Religions have always been there to pour spiritual content into people’s souls as answers to these mysteries of the world, so that not only the theoretical need is satisfied, but so that the answer may be a source of strength, comfort, and confidence for people. Or, to put it another way: Human beings should find in religion an answer to the burning questions of existence, so that they may move through life with peace and security, knowing: I accomplish what I must accomplish, but I also look up to the great realities of immortality that lie beyond everyday life. Only a person—and anyone who is attuned to the deepest impulses of the soul will have to admit this—who is inwardly satisfied, who knows how to find harmony in such a way that these mysteries of the world do not dwell in their soul as anxious worry and uncertainty, but who can remain calm in the face of the soul’s highest questions, is strong and has the strength to live. Unscientific thinking and lack of wisdom weaken a person and lead them astray both in their daily work and in the most important tasks of life.

[ 14 ] Man wird immer mehr und mehr einsehen, daß die Grundlage von Kraft, die Grundlage von Lebensenergie die Weisheit ist, und daß die Weisheit die einzige Grundlage ist. Zur Erkenntnis dieser Tatsache und zur Befriedigung der in dieser Tatsache liegenden Fragen ist die theosophische Bewegung da. Warum aber, wenn die Religionen in den verschiedensten Zeiten der Weltentwicklung diese brennenden Fragen der Menschheit befriedigt haben, warum brauchen wir da Geisteswissenschaft? Eben darum, weil die Zeiten sich unterscheiden, weil unsere Vorfahren durch andere seelische Mittel befriedigt werden konnten, als die Menschen der Gegenwart und der Zukunft befriedigt werden müssen. Oder war es nicht so und ist es nicht jeden Tag mehr so, daß sie sagen: In der Religion werden viele Fragen des Daseins beantwortet, aber unser Gefühl kann sich nicht mehr befriedigen an der Art, wie sie beantwortet werden. Sie sind hingegangen zu den verschiedenen Religions- und wissenschaftlichen Bekenntnissen. Zahlreiche unserer Zeitgenossen haben versucht, aus der Naturwissenschaft, aus der Geschichte eine Art Ersatz zu bilden für diejenigen, die vermöge ihres modernen Gewissens sich nicht mehr befriedigt erklären können von der früheren Art, die Rätselfragen zu lösen. Gar manche, die unbefriedigt sind von der Bibel und der Religion, suchen sehnsüchtig in der heutigen Wissenschaft. Aber immer mehr und mehr müssen diese letzteren erkennen, daß für die höchsten Fragen des Daseins gerade die heutige Wissenschaft — deren Größe nicht verunglimpft werden soll durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, sondern vielmehr anerkannt werden soll, da sie so Gewaltiges leistet für die sinnlichen Tatsachen — versagt gegenüber den wichtigsten Fragen des Daseins. So sagt sich mancher: Wenn es sich darum handelt, unsere Erde durch ein Kulturnetz zu umspannen, wenn es gilt, die Erde zu durchforschen bis in die kleinsten Lebewesen hinein, liefert uns die moderne Wissenschaft wunderbare Erkenntnisse. Wenn aber die Menschen fragen nach der Zukunft des Lebens, nach dem eigentlichen Sinn des Daseins, da versagt die Wissenschaft, ja, sie versagt stark. Diejenigen, die es noch nicht probiert haben — und es werden mehr und mehr Menschen versucht haben, mit Hilfe der Wissenschaft das zu probieren, was sie mit Hilfe der Religion nicht erreichen können —, werden es noch einsehen, daß die Wissenschaft in den wichtigsten Daseinsfragen versagt.

[ 14 ] People will come to realize more and more that the foundation of strength, the foundation of life energy, is wisdom, and that wisdom is the only foundation. The Theosophical Movement exists to help people recognize this fact and to answer the questions inherent in it. But if religions have satisfied humanity’s burning questions at various stages of world development, why do we need spiritual science? Precisely because times have changed; because our ancestors could be satisfied through different spiritual means than those required to satisfy people of the present and the future. Or is it not the case—and is it not becoming more so every day—that people say: Religion answers many questions of existence, but our sensibilities can no longer find satisfaction in the way those questions are answered? They have turned to various religious and scientific doctrines. Numerous people of our time have attempted to construct a kind of substitute from the natural sciences and from history for those who, by virtue of their modern conscience, can no longer find satisfaction in the earlier way of solving these enigmatic questions. Quite a few who are dissatisfied with the Bible and religion search longingly within contemporary science. But more and more, these people are coming to realize that when it comes to the highest questions of existence, modern science itself—whose greatness should not be disparaged by the spiritual-scientific worldview, but rather acknowledged, since it accomplishes so much in regard to sensory facts—falls short in addressing the most important questions of existence. Thus, many say to themselves: When it comes to encompassing our Earth with a network of civilization, when it comes to exploring the Earth down to the smallest living beings, modern science provides us with marvelous insights. But when people ask about the future of life, about the very meaning of existence, science fails—indeed, it fails miserably. Those who have not yet tried it—and more and more people will have tried, with the help of science, to achieve what they cannot achieve with the help of religion—will yet come to realize that science fails when it comes to the most important questions of existence.

[ 15 ] Bietet aber nun die Geisteswissenschaft in dieser Richtung etwas? Ja, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung ist für die zuletzt angedeuteten Fragen da. Wer sich noch innerhalb der religiösen Traditionen befriedigt fühlt, der wird sich unbefriedigt fühlen von der Geisteswissenschaft, weil er glaubt, daß sie ihm nichts bieten kann, weil er sich einhüllt in das, was ihm die religiöse Tradition geben kann. Was aber heute noch gut für ihn ist, kann es schon morgen nicht mehr sein. Das war das Ideal der Gründerin der theosophischen Bewegung: sichere Erkenntnis über die höchsten Probleme des Daseins zu geben. Wer sich tiefer einläßt in die geisteswissenschaftliche Forschung und Betrachtung, wird sehen, wie keiner wissenschaftlichen Anforderung gegenüber gerade diese geisteswissenschaftliche Forschung sich irgendwie zurückziehen muß. Auf wissenschaftlicher Grundlage eine allgemein verständliche Weltanschauung zu geben, die für die aufgeklärtesten und auch für die schlichtesten Menschen etwas bieten kann, das wird die geisteswissenschaftliche Weltanschauung leisten.

[ 15 ] But does spiritual science offer anything in this regard? Yes, the spiritual scientific worldview is designed to address the questions just mentioned. Those who still find fulfillment within religious traditions will feel unsatisfied by theosophy, because they believe it has nothing to offer them, since they wrap themselves in what religious tradition can provide. But what is still good for them today may no longer be so tomorrow. That was the ideal of the founder of the Theosophical Movement: to provide certain knowledge about the highest problems of existence. Anyone who delves more deeply into spiritual scientific research and contemplation will see that this very research need not in any way fall short of scientific standards. To provide, on a scientific basis, a worldview that is universally understandable—one that has something to offer both the most enlightened and the simplest of people—that is what the spiritual scientific worldview will accomplish.

[ 16 ] Aber man könnte vielleicht doch die Theosophie als eine Art Störenfried ansehen. Sie können vielleicht sagen: Laßt uns doch nur bei unserem alten Glauben, ja, tut etwas dazu, diesen alten Glauben wiederherzustellen! Die Wissenschaft vermag doch keine Antwort zu geben, versucht es doch, wieder den alten Glauben zu stützen! — Solche Menschen beachten nicht, was um sie vorgeht. Sie sind die wahren Phantasten. Die Theosophie will mit offenen Augen in unseren Kulturprozeß hineinsehen. Wir brauchen nur ein Bild vor uns hinzustellen, und es kann ein Beweis sein für die Notwendigkeit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.

[ 16 ] But perhaps one could view Theosophy as a kind of troublemaker after all. You might say: Let’s just stick to our old faith—indeed, let’s do something to restore that old faith! Science is unable to provide an answer, so let’s try to prop up the old faith once more! — Such people do not pay attention to what is happening around them. They are the true dreamers. Theosophy seeks to look into our cultural process with open eyes. We need only present a single image, and it can serve as proof of the necessity of a spiritual-scientific worldview.

[ 17 ] Werfen wir für zwei Minuten den Blick auf das merkwürdige Land, das eine so eigentümliche religiöse Entwicklung durchgemacht hat im Laufe der letzten Jahrhunderte, auf Spanien. Schauen wir Spanien an, diesen Hort einer orthodox-religiösen Welteinrichtung, nicht nur Weltanschauung. Dieses Land, wo ein uraltes Religionsbekenntnis eingegriffen hat in die alleralltäglichste Einrichtung, befindet sich in einer Umbildung. Wer hat denn vor einigen Jahren noch geglaubt, daß in Spanien das eintreten könnte, was wir heute dort sich abspielen sehen. Denken Sie nur einmal daran, daß vor ganz kurzer Zeit in Spanien die regierenden Mächte nichts haben wissen wollen von irgendwelchen sogenannten modernen Ideen, von irgendwelchen aufklärerischen Ideen, denken Sie an das feste orthodoxe Bekenntnis derjenigen Frau, die als Königin-Mutter dem gegenwärtigen jungen König von Spanien vorangegangen ist, wie wenig sie geneigt war, auch nur ein Tüpfelchen abzugehen von dem, was sich seit Jahrhunderten fest eingebaut hat in das Gefüge eines ganzen Staates. Denken Sie sich den Kontrast: Diese Frau sitzt in Lourdes, da, wo sie Befriedigung in der alten Weise in vollen Zügen zu schlürfen versucht und die alten Wahrheiten an sich herantreten läßt — und in Spanien muß der junge König es zugeben, daß mitten in das feste Gefüge hinein neue Ideen eintreten. Er mußte es zugeben, daß ein liberaler Minister an den Einrichtungen rüttelt, daß an der Unterrichts- und Ehegesetzgebung gerüttelt wird, und, wie es scheint, in unbarmherziger Weise. Das sind die Zeitströmungen, und gegen solche Zeitströmungen vermag keine menschliche Meinung etwas. Dagegen vermag nur das Verständnis etwas. Wie lassen doch die Menschen heute diese Zeitströmungen an sich herankommen. Wie stehen manche mit verbundenen Augen solchen Erscheinungen gegenüber, ganz unvorbereitet, wie lassen sie sich überraschen, frappieren und schockieren. Wie üben sie Kritik an den Zeitströmungen, wie kommen sie nicht weiter, als daß sie sagen: wir müssen die alten Formen stützen. Wie begreifen sie gar nicht, daß die Zeitströmungen stärker sind als die phantastischsten Meinungen. Sie begreifen nicht, daß es nötig ist, mit hellem Blick und offenem Auge zu sehen, was die Menschen nötig haben. Die Menschen sind heute nicht mehr so unbewußt, alles über sich ergehen zu lassen. Sie sind dazu berufen, diese Zeitbewegungen zu verstehen und ihnen selbst die Richtung zu geben. Jeder einzelne ist dazu berufen, erkennen zu lernen, was in solchen Zeitströmungen liegt und wie diese zu einem gedeihlichen Fortschritt in der Zukunft gebracht werden können. Die Menschen machen Geschichte, und wenn gegen die Menschen Geschichte gemacht werden soll, so kommt das Chaos. Nur aus dem Miteinander kann Recht und Harmonie kommen. Die Zeit gibt schon die Notwendigkeiten: an den Menschen ist es, sie zu verstehen. Nicht in bequemer Weise soll der Mensch die Dinge an sich herankommen lassen. Da würde er nur zu Ballast in der Entwicklung. Die Zeitströmungen kann man aber nicht übersehen, wenn man nicht einen Blick in das Übersinnliche hinein zu tun vermag. Der Mensch ist dazu berufen, das Übersinnliche in sein Herz, in sein Gemüt und in seine Seele aufzunehmen, so daß es durch ihn in der Welt wirkt.

[ 17 ] Let’s take a two-minute look at Spain, that remarkable country that has undergone such a unique religious evolution over the course of the last few centuries. Let’s look at Spain, this bastion of an orthodox religious worldview—not merely a worldview. This country, where an ancient religious creed has permeated even the most mundane aspects of daily life, is undergoing a transformation. Who would have believed just a few years ago that what we are seeing unfold there today could ever happen in Spain? Just think for a moment that, until very recently, the ruling powers in Spain wanted nothing to do with any so-called modern ideas, with any Enlightenment ideas; think of the steadfast orthodox conviction of that woman who, as Queen Mother, preceded the current young King of Spain—how little she was inclined to deviate even a jot from what had been firmly embedded for centuries in the fabric of an entire state. Imagine the contrast: This woman is sitting in Lourdes, where she is trying to savor satisfaction in the old way to the fullest and letting the old truths draw near to her—and in Spain, the young king must admit that new ideas are making their way into the very fabric of society. He had to admit that a liberal minister is shaking up the institutions, that education and marriage laws are being shaken up—and, it seems, in a ruthless manner. These are the currents of the times, and no human opinion can do anything against such currents. Only understanding can do anything against them. How people today allow these currents of the times to wash over them! How many face such phenomena blindfolded, completely unprepared—how they allow themselves to be surprised, taken aback, and shocked. How they criticize the currents of the times, yet get no further than saying: “We must uphold the old forms.” How can they fail to realize that the currents of the times are stronger than even the most fanciful opinions? They do not realize that it is necessary to see, with a clear gaze and open eyes, what people need. People today are no longer so passive as to simply endure everything. They are called upon to understand these currents of the times and to guide them themselves. Every single person is called upon to learn to recognize what lies within such currents of the times and how they can be channeled toward fruitful progress in the future. People make history, and if history is to be made against the people, chaos ensues. Justice and harmony can arise only from cooperation. The times already dictate the necessities: it is up to people to understand them. Human beings should not allow things to simply come to them in a complacent manner. That would only make them a hindrance to development. However, the currents of time cannot be overlooked unless one is able to cast a glance into the supersensible realm. Human beings are called upon to take the supersensible into their hearts, minds, and souls, so that it may work through them in the world.

[ 18 ] Nun versuchen wir einmal, uns diese Frage, die sich aus der eben gemachten Betrachtung ergibt, so recht vor die Seele hinzumalen. Was ergibt sich für den denkenden Menschen aus dem, was wir gehört haben? Es ergibt sich sehr viel daraus. Wer eine Einsicht hat in das geistige Leben, der weiß eines: daß es keine gedeihliche materielle Kultur geben kann ohne die Grundlage eines wirklichen geistigen Lebens. Nie hat es einen Staat, nie hat es eine Volksgemeinschaft gegeben ohne eine wirkliche religiöse Grundlage. Es sollte nur jemand einmal ernstlich versuchen, eine Kolonie zu begründen mit Menschen, die nur matierelle Interessen haben und die nur eine materialistische Weltanschauung haben, die also nichts mitbringen als das, was man heute innerhalb der materialistischen Weltanschauung gelten lassen will, die nichts von dem Übersinnlichen kennt. Man versuche eine solche Kolonie zu begründen. Allerdings, es bringen die Menschen ja doch die Reste idealer Gedanken und Ideen mit. Wären die nicht mehr da, so würde es schnell in ein vollständiges Chaos ausarten. Sie können kein soziales Leben begründen ohne weisheitsvolle religiöse Grundlage. Der ist ein schlechter Praktiker, der mit der Praxis allein auszukommen glaubt. Wollen Sie das materielle Dasein der Menschen immer mehr fördern, so müssen Sie daran denken, daß die Seele jeder materiellen Kultur nur die Religions- und Erkenntnisgrundlage sein kann. Wenn Sie den Menschen Brot geben wollen, so müssen Sie ihnen zuerst etwas geben für die Seele. In der Zeitschrift «Luzifer» habe ich den scheinbar grotesken Satz ausgesprochen, daß man niemand Brot geben kann, ohne daß man ihm Weltanschauung gibt, da das Brotgeben ohne geistige Nahrung zum Unheil führt. In jenem Aufsatz haben Sie das mehr oder weniger bewiesen.

[ 18 ] Now let us try to truly bring this question—which arises from the observation we have just made—to life in our minds. What does what we have heard mean for the thinking person? It means a great deal. Anyone who has insight into spiritual life knows one thing: that there can be no flourishing material culture without the foundation of a genuine spiritual life. There has never been a state, nor has there ever been a national community, without a genuine religious foundation. Let someone just try, in earnest, to found a colony with people who have only material interests and who hold only a materialistic worldview—people who, in other words, bring with them nothing but what is currently accepted within that materialistic worldview, and who know nothing of the supersensible. Let one try to found such a colony. Admittedly, people do bring with them the remnants of ideal thoughts and ideas. If those were no longer present, it would quickly degenerate into complete chaos. You cannot establish a social life without a wise religious foundation. Anyone who believes they can get by on practice alone is a poor practitioner. If you wish to promote people’s material existence more and more, you must remember that the soul can be the only foundation of religion and knowledge for any material culture. If you want to give people bread, you must first give them something for the soul. In the magazine Luzifer, I made the seemingly grotesque statement that one cannot give anyone bread without also giving them a worldview, since giving bread without spiritual nourishment leads to disaster. In that essay, you have more or less proven this.

[ 19 ] Wie müßte es aber in der Gegenwart sein, wenn ein gedeihlicher Fortschritt stattfinden sollte angesichts des Ereignisses in Spanien, welches nur in besonderer Weise das zum Ausdruck bringt, was sich überall vollzieht, was aber nur der übersehen könnte, der den Kopf gegenüber dem Leben in den Kultursand stecken würde wie der Vogel Strauß. Ebenso wie es auf allen Lebensgebieten Kundige gibt, die uns mit Kleidern versorgen und andere Bedürfnisse des Lebens befriedigen helfen, so gibt es auch Kundige auf dem Gebiete des Seelenlebens, auf dem Gebiete des Übersinnlichen. Das Vertrauen zu den Priestern und Weisen war es, was die Kulturen begründete. Nicht haben wir ein Recht, die verflossene Kultur zu kritisieren. Sie war so gut, wie sie für ihre Epoche sein konnte. Wenn die Kulturen jetzt nicht mehr passen, so liegt es nicht daran, daß sie zu bekämpfen sind, sondern daran, daß die Menschheit eine FortentwickJung braucht in der geistigen Wahrheit, weil die Menschen nicht mehr unter den alten Formen des geistigen Lebens leben können. Ebenso wie der Mensch, der früher zu dem Priester ging, Worte des Trostes und der Sicherheit erhielt, ebenso müßte es in unserer Zeit Menschen und Forscher geben — ja, es muß sie geben —, an die man sich zu halten hat, die einem die Wahrheit in der neuen, der Gegenwart entsprechenden Form sagen können, die einem wieder etwas sagen können von dem Übersinnlichen, in einer Form, wie der moderne Mensch es glauben kann.

[ 19 ] But what would the present situation be like if genuine progress were to take place in light of the events in Spain—events that merely express in a particular way what is unfolding everywhere, yet which only someone who buries their head in the cultural sand like an ostrich could fail to see? Just as there are experts in all areas of life who provide us with clothing and help satisfy other needs of life, so too are there experts in the realm of the soul, in the realm of the supersensible. It was trust in priests and sages that laid the foundation for civilizations. We have no right to criticize past cultures. They were as good as they could be for their era. If these cultures no longer fit our times, it is not because they should be opposed, but because humanity needs further development in spiritual truth, since people can no longer live under the old forms of spiritual life. Just as people used to go to the priest and receive words of comfort and reassurance, so too in our time there ought to be—indeed, there must be—people and researchers to whom one can turn, who can speak the truth in a new form appropriate to the present, who can once again speak to us of the supersensible in a way that modern people can believe.

[ 20 ] Fragen wir uns einmal, wie könnte sich die Gegenwart in bezug auf diese Sache stellen, wenn alles so bliebe, wie es von zahlreichen unserer Zeitgenossen für richtig befunden wird. Sie sehen da etwas, was als Symptom in bezug auf Spanien erwähnt worden ist. Sie sagen vielleicht: die alten Formen werden sich auflösen, und der Mensch wird in neue Ordnungen hineinwachsen. Diese neuen Ordnungen werden aber nie gedeihen können, wenn nicht ein Seelisches hineinkommt, wie das Lebensblut, wenn nicht etwas Geistiges unsere ganze Kultur durchpulsen kann. Können die Menschen, die sich heute voneinander entfernen in bezug auf ihre Meinungen über die Seele und in bezug auf die Einrichtungen, an einen Ort hingehen und sich Rat holen in bezug auf die höchsten Fragen des Daseins?

[ 20 ] Let us ask ourselves: How might the present situation unfold with regard to this matter if everything remained as many of our contemporaries consider to be correct? You see there something that has been mentioned as a symptom with regard to Spain. You might say: the old forms will dissolve, and human beings will grow into new orders. But these new orders will never be able to flourish unless something spiritual enters into them like the lifeblood, unless something spiritual can pulse through our entire culture. Can people who are drifting apart today—in their views on the soul and in their institutions—go to one place and seek counsel regarding the highest questions of existence?

[ 21 ] Betrachten wir die Sache an einem charakteristischen Symptom unserer Zeit. Von der Naturwissenschaft, von der Erkenntnis der äußeren sinnlichen Tatsachen, der positiven Tatsachen, erwarten viele einen Ersatz für die alte religiöse Anschauung. Vor einigen Tagen hat eine Naturforscherversammlung in Stuttgart stattgefunden. Können wir uns sagen, daß der moderne Mensch, mit seinen Bedürfnissen und Sehnsüchten gegenüber dem Ewigen, gegenüber dem, was der Tod besagt, hinschauen kann zu dem modernen Areopag des Geisteslebens, wenn er Antwort braucht und wenn die geistige Entwicklung ihren Fortgang nehmen soll? Es sind gewaltige Fragen besprochen worden auf dem Kongreß in Stuttgart. In den erstaunlichsten Dingen lebt sich der menschliche physische Forschergeist bei einer solchen Gelegenheit aus. Für den, der eine Empfindung dafür hat, sei es erwähnt: man sprach über solche Vorstellungen wie die Verpflanzung eines Organs des einen Lebewesens auf ein anderes. Es wurde genau besprochen, wie die Verpflanzung eines Bestandteiles eines Lebewesens in ein anderes Lebewesen hinein stattfinden kann, dem dieser Bestandteil fehlt. Oder ist es nicht interessant, zu sehen, wie die Naturforschung durch die Errungenschaft des Mikroskopes alles bisher Dagewesene überboten hat? Ist es nicht bewundernswert, zu sehen, wie aus gewissen Mischungen und Lösungen heraus man aus der toten Substanz etwas entstehen läßt, was, mit dem Schein des Lebens begabt, sich herausentwickelt aus der toten Substanz wie der scheinbar tote Kristall. Vieles ließe sich noch anführen, was uns zeigen könnte, welchen Respekt und welche Achtung uns diese moderne Naturforschung abnötigen kann.

[ 21 ] Let us consider this issue in light of a characteristic symptom of our time. Many people expect natural science—the knowledge of external, sensory facts, the positive facts—to serve as a substitute for the old religious worldview. A few days ago, a conference of natural scientists took place in Stuttgart. Can we say that modern man, with his needs and longings regarding the eternal—regarding what death signifies—can turn to the modern Areopagus of spiritual life when he needs answers and when spiritual development is to continue? Profound questions were discussed at the congress in Stuttgart. On such an occasion, the human spirit of physical inquiry runs wild with the most astonishing ideas. For those who have a sense of this, it should be mentioned that concepts such as the transplantation of an organ from one living being to another were discussed. There was a detailed discussion of how the transplantation of a component from one living being into another—one that lacks that component—might take place. Or is it not interesting to see how, through the achievement of the microscope, biological research has surpassed everything that has come before? Is it not admirable to see how, from certain mixtures and solutions, one can cause something to emerge from dead matter—something endowed with the appearance of life that develops from the dead matter, much like the seemingly lifeless crystal? Much more could be cited to show us the respect and esteem that this modern natural science commands.

[ 22 ] Nun aber kommt der Mensch heran und fragt sich: Wozu ist dieses ganze Leben? Welches ist der Sinn von alledem, was sich in so wunderbaren Formen für die physischen Forscher darstellt? Gibt es in dem Reiche derjenigen, die in dem Areopag des Geisteslebens sind, auch solche, die Antwort geben auf die letzten Fragen?

[ 22 ] But now a person comes along and asks himself: What is the purpose of all this life? What is the meaning of all that presents itself in such wondrous forms to physical researchers? Are there, in the realm of those who are in the Areopagus of spiritual life, also those who can provide answers to the ultimate questions?

[ 23 ] Auf dem letzten Naturforscher-Kongreß hatte man auf solche Fragen keine Rücksicht genommen. Noch vor zwei Jahren hat ein Breslauer Chemiker eine merkwürdige Rede gehalten, wonach alles abgelehnt werden soll, was dem Menschen in psychischer Weise zu erforschen möglich ist. Das war Ledebur, der Breslauer Chemiker. Theodor Lipps durfte jetzt über Naturwissenschaft und Philosophie sprechen. Das ist ein beachtliches Zeichen, daß es möglich war, in einer naturwissenschaftlichen Versammlung das zu bieten, was Lipps geboten hat. Es war ihm möglich, mitten in diese rein positive Forschung solche Worte hineinzuwerfen wie: Die Naturwissenschaft kann sich niemals zu einer Weltanschauung erheben, wenn sie nicht zu einer geistigen Durchdringung der menschlichen Erscheinung kommt. Wenn der Mensch in sich hineinsieht, so findet er das Ich, und wenn er das dann ausdehnt zu einem Welten-Ich, dann kann er zu einiger Befriedigung kommen.

[ 23 ] At the last naturalists’ congress, no consideration was given to such questions. Just two years ago, a chemist from Breslau delivered a remarkable speech in which he argued that everything that humans are capable of exploring psychologically should be rejected. That was Ledebur, the chemist from Breslau. Theodor Lipps was now permitted to speak on natural science and philosophy. It is a significant sign that it was possible to present what Lipps presented at a scientific gathering. He was able to interject words such as these into the midst of this purely positive research: “Natural science can never rise to the level of a worldview unless it achieves a spiritual penetration of the human phenomenon. When a person looks within, they find the ‘I,’ and when they then expand that into a ‘world-I,’ they can attain some satisfaction.”

[ 24 ] Es ist ein sonderbares Gefühl, das derjenige, der sich mit diesen Dingen beschäftigt hat, gegenüber einer solchen Tatsache haben muß. Da gibt es seit dreißig Jahren eine theosophische Bewegung, die nicht bloß in ganz allgemeiner, platter Weise die großen Fragen beantwortet, sondern in konkreter Weise sich einläßt auf das Schicksal des Menschen vor der Geburt und nach dem Tode, sich einläßt auf das, was sich dem Menschen bietet in der geistigen Welt, wenn ihm das Auge dafür geöffnet ist. Kurz, nachdem es dreißig Jahre eine solche Vertiefung gegeben hat, kommt einer einmal zum Wort, der in den allerelementarsten und allertrivialsten Begriffen etwas bietet, was überhaupt noch keinem Menschen eine Befriedigung geben kann, weil es sich gegenüber den unmittelbaren großen Lebensfragen wie ein Begriffsgespinst, wie etwas ganz Abstraktes, Weltfernes ausnimmt. Wer sich nicht mit Fachphilosophie beschäftigt hat — welchen Begriff die Philosophie erst herausgearbeitet hat —, für den ist das nichts anderes als ein abstraktes Wortgespinst, bei dem er sich nichts denken kann. So sehen Sie, daß im offiziellen Leben, wo die Menschen dennoch Trost und Lösung suchen für die Lebensrätsel, nichts geboten werden kann, aus Unvermögen, aus Unverständnis gegenüber den wirklich höchsten Fragen.

[ 24 ] It is a strange feeling that anyone who has studied these matters must have when confronted with such a fact. For thirty years now, there has been a theosophical movement that does not merely answer the great questions in a very general, superficial way, but rather engages concretely with the fate of human beings before birth and after death, and with what is offered to human beings in the spiritual world once their eyes are opened to it. In short, after thirty years of such in-depth exploration, someone finally speaks up who, using the most elementary and trivial terms, offers something that cannot possibly satisfy anyone at all, because—in the face of the immediate, great questions of life—it appears like a web of abstract concepts, something entirely abstract and detached from the real world. For those who have not engaged with specialized philosophy—a concept that philosophy itself has only recently developed—this is nothing more than an abstract web of words that they cannot make sense of. Thus you see that in official life, where people nevertheless seek comfort and solutions to life’s mysteries, nothing can be offered—out of inability and a lack of understanding regarding the truly highest questions.

[ 25 ] Und doch, es muß für die äußere Kultur, die alle Formen zersprengt, ein solches Lebenszentrum geben, aus dem geistiger Inhalt herkommen kann, nicht bloß wertlose Wortgespinste, sondern lebendige Erkenntnis des Übersinnlichen. Diese muß, von den geistigen Führern der Gegenwart her, eindringen in das, was sich als Rest des geistigen Inhalts in den alten Formen erhalten hat. Wenn von einer solchen Stätte aus, in derselben logischen Weise, in der die Wissenschaft spricht, über die übersinnliche Welt eine entsprechende Botschaft verkündigt werden kann, dann wird sich das — wie die alten Religionen sich ergossen haben — ergießen in die Seelen und äußeren Einrichtungen. Dann werden — das werden Sie sehen — die vermaterialisierten alten Religionsformen verschwinden und neue Formen werden sich bilden.

[ 25 ] And yet, for the external culture that shatters all forms, there must be such a center of life from which spiritual content can arise—not merely worthless webs of words, but a living understanding of the supersensible. This must, through the spiritual leaders of the present, penetrate what has been preserved as the remnant of spiritual content within the old forms. If, from such a source, a corresponding message about the supersensible world can be proclaimed in the same logical manner in which science speaks, then it will—just as the ancient religions poured forth—flow into souls and external institutions. Then—as you will see—the materialized old religious forms will disappear, and new forms will take shape.

[ 26 ] Man soll sich aber keiner Illusion hingeben über die Bedeutung dieser geistigen Kultur. Es gibt viele — und in Frankreich ist das Wort dieser vielen tonangebend geworden —, die sa sagen, der Mensch braucht seine Moral gar nicht aus etwas wie Religion heraus zu bilden. Sie sagen: Es gibt eine menschliche Moral und die kann begründet werden ohne ein Religionsbekenntnis. Die, welche so sprechen, haben die eigentlichen geistigen Gesetze wenig kennengelernt. Wenn Sie den Gang der Geisteskultur seit alten Zeiten verfolgen, so werden Sie sich sagen können: Die verschiedenen aufeinanderfolgenden Kulturepochen der Menschheit haben der Menschheit verschiedene Inhalte gebracht. Was hat die Hermes-Kultur den Ägyptern, was die Kultur der indischen Rishis den Hindus, was der Zarathustrismus den Persern, was die Kultur des Moses den Juden gebracht, und was endlich die Kultur des Christus Jesus, des größten Religionsstifters, der modernen Zeit? Jede Kulturströmung hat ihre Bedeutung in ihrer Zeit gehabt. Und groß sind sie gewesen, weil ihre Missionare es verstanden haben, die Bedürfnisse ihrer Zeit zu verstehen. Richtig werden die Missionare der Zukunft wirken, welche die Herzen der Menschen wieder verstehen und in sie hineinwirken können. Verschiedene Formen haben wir für die verschiedenen Zeiten, in immer neuer Gestalt erscheinen die alten Wahrheiten.

[ 26 ] However, one should not harbor any illusions about the significance of this spiritual culture. There are many—and in France, the views of these many have come to set the tone—who say that human beings do not need to derive their morality from something like religion. They say: There is a human morality, and it can be founded without a religious creed. Those who speak this way have gained little understanding of the true spiritual laws. If you trace the course of spiritual culture since ancient times, you will be able to say to yourself: The various successive cultural epochs of humanity have brought different content to humanity. What did the Hermetic culture bring to the Egyptians, what did the culture of the Indian rishis bring to the Hindus, what did Zoroastrianism bring to the Persians, what did the culture of Moses bring to the Jews, and finally, what did the culture of Jesus Christ—the greatest religious founder of modern times—bring? Every cultural movement has had its significance in its own time. And they were great because their missionaries understood the needs of their time. The missionaries of the future will work effectively when they once again understand people’s hearts and are able to influence them. We have different forms for different times; the old truths appear in ever-new guises.

[ 27 ] Das erste, was jeder neuen Gestalt einer Kultur zugrunde liegt, ist ein Bekenntnis, eine Summe von Anschauungen, von Empfindungen und Vorstellungen über das Höchste und das Übersinnliche, ein Wissen des Menschen von den göttlichen Grundlagen der Welt, ein Wissen des Menschen über das, was den Tod besiegt. Und jede große Kulturepoche hat aus diesen Grundlagen heraus die Kraft zum geistigen Schaffen gezogen. Niemals wäre das zustande gekommen, was im alten Ägypten, in Indien und Vorderasien, in Griechenland und endlich in den christlichen Zeiten entstanden ist, wenn es nicht aus dem herausgewachsen wäre, was die Menschen geglaubt und gedacht haben. Das Allermateriellste ist nur ein Ergebnis dessen, was der Mensch weiß über das Übersinnliche. Das erste in jeder Kulturströmung ist also das Bekenntnis.

[ 27 ] The first thing underlying every new form of culture is a creed—a sum of views, feelings, and ideas about the Supreme and the Transcendent—a human understanding of the divine foundations of the world, a human understanding of that which conquers death. And every great cultural epoch has drawn the power for spiritual creation from these foundations. What emerged in ancient Egypt, in India and the Near East, in Greece, and finally in Christian times would never have come about if it had not grown out of what people believed and thought. The most material aspects are merely a result of what human beings know about the supernatural. The primary element in every cultural movement is therefore this creed.

[ 28 ] Das zweite ist, wie dieses Bekenntnis auf das Gefühl und die Gemüter wirkt. Die Gedanken und die Vorstellungen, die sich der Mensch macht über das Übersinnliche, üben einen Eindruck auf die Seele aus und erheben sie, und alle höhere Lebensfroheit und Harmonie gießt sich in die Seele unter dem Einflusse des Bekenntnisses. Wo jemals Menschen froh gewesen sind im höchsten Sinne, wo sie jemals Sicherheit gehabt, jemals in ihre Empfindungen sich etwas hineingegossen haben, so daß sie sich sagen konnten, ich weiß, daß ich eine höhere Bestimmung habe, und wo sich dieses Wissen umgewandelt hat in ihrer Seele in eine befriedigende Lebensfreude und Lebenszuversicht, da war es immer unter dem Eindruck eines Bekenntnisses.

[ 28 ] The second point is how this confession affects one’s feelings and state of mind. The thoughts and ideas that a person forms about the supernatural make an impression on the soul and uplift it, and all higher joy of life and harmony pour into the soul under the influence of the confession. Wherever people have ever been joyful in the highest sense, wherever they have ever felt secure, wherever they have ever allowed something to flow into their feelings so that they could say to themselves, “I know that I have a higher purpose,” and wherever this knowledge has been transformed in their souls into a satisfying joy in life and confidence in life—there it was always under the influence of a creed.

[ 29 ] Das erste also ist das Bekenntnis selbst, das zweite ist die Welt der Gefühle: Erhebung, Lebensfreude und Lebenssicherheit. Und so ist das dritte die Welt der Willensimpulse, die Welt der Moral und der Ethik. Die Sittenlehren bilden die Kunst — etwas, was zum zweiten Teil gehört —, das Moralische und das Willenselement, die Welt der Sittlichkeit und Gesetzgebung und alles staatlichen Zusammenlebens. Es ist eine große Täuschung, wenn jemand sich dem Glauben hingibt, daß es jemals eine Sittlichkeit, eine Moral geben kann, die nicht herausgewachsen ist aus der Grundlage eines Bekenntnisses, aus der Grundlage der Gefühlssphäre. Als erstes hat der Mensch eine Meinung über das Übersinnliche, als zweites Lebensfroheit und Zuversicht, und als drittes die Impulse für seine Handlungen, das, was ihm sagt: das ist gut, das ist böse.

[ 29 ] The first, then, is the creed itself; the second is the world of emotions: elation, joy of life, and a sense of security. And so the third is the world of volitional impulses, the world of morality and ethics. Ethical teachings constitute the art—something that belongs to the second part—the moral and volitional elements, the world of morality and legislation, and all aspects of civic life. It is a great delusion for anyone to succumb to the belief that there can ever be a morality that has not grown out of the foundation of a creed, out of the foundation of the emotional sphere. First, a person has an opinion about the supernatural; second, a zest for life and confidence; and third, the impulses for his actions—that which tells him: this is good, that is evil.

[ 30 ] Wie kommt es, daß viele den Glauben haben — was eine Illusion ist —, daß man Moral begründen kann ohne Bekenntnis, das heißt eine bodenlose Moral? Das kommt davon her, daß die Moral, dieses dritte in einer Kulturströmung, das letzte ist, was verschwindet. Wenn eine Kulturströmung abflutet, flutet zuerst das Bekenntnis ab. Zuerst glaubt man nicht mehr die Dinge, die in dem Bekenntnis gegeben werden. Wenn aber lange schon nicht mehr der lebendige Glaube da ist, der den Menschen mit absoluter Sicherheit auf die Formen hinblicken läßt, dann sind noch immer die Empfindungen und Gefühle da, die sich in diesem Glauben ausgebildet haben. Und wenn auch diese Gefühle nicht mehr da sind, wenn der Mensch nicht mehr die ererbte Freudigkeit haben kann, dann ist noch immer die Moral da. Heute stehen die, welche glauben, eine solche bodenlose Moral gründen zu können, nicht auf dem Boden einer bodenlosen Moral. In Wahrheit leben sie unter den Resten der Moral und der Weltanschauung, die ihnen aus dem Bekenntnis geblieben sind als ererbte Stücke der Kultur.

[ 30 ] How is it that many people hold the belief—which is an illusion—that morality can be founded without a creed, that is, a morality without a foundation? This stems from the fact that morality, this third element in a cultural current, is the last thing to disappear. When a cultural current ebbs away, belief is the first to ebb. First, people no longer believe the things set forth in that belief. But even when the living faith—which allows people to look upon the forms with absolute certainty—has long since vanished, the sensations and feelings that developed within that faith are still there. And even when these feelings are no longer present—when people can no longer possess the inherited joy—morality still remains. Today, those who believe they can establish such a bottomless morality do not stand on the ground of a bottomless morality. In truth, they live among the remnants of morality and worldview that have remained to them from their creed as inherited fragments of culture.

[ 31 ] Diejenigen, welche sagen, alles Übersinnliche sei unzugänglich für den Menschen, alles Übersinnliche sei phantastisch, die handeln so, wie sie es tun, weil in ihnen noch die Moral der Vorzeit lebt. Viele Menschen gibt es, die das Bekenntnis glauben überwunden zu haben, doch stehen sie alle noch unter der Moral, die ihnen das Bekenntnis gegeben hat.

[ 31 ] Those who say that everything supernatural is inaccessible to human beings, that everything supernatural is fanciful, act as they do because the morality of bygone times still lives within them. There are many people who believe they have outgrown their faith, yet they are all still subject to the morality that their faith has instilled in them.

[ 32 ] Es gibt viele Sozialisten, die eine Moral begründen wollen, eine Moral, die aus dem Nichts heraus geboren ist. Warum können sie aber überhaupt über Moral reden? Warum verschwindet denn nicht alle Moral in ein Chaos hinein? Weil sie die alte Moral, die sie bekämpfen, noch in ihren Gliedern haben, weil sie eben staatliche ÄAnderungen auf der Grundlage der überkommenen staatlichen Moral herbeiführen wollen. Sie ist hervorgewachsen aus der Vergangenheit. Daher wird ein Fortschritt erst unter der Erneuerung der Erkenntnis des Übersinnlichen möglich sein, der übersinnlichen Welt, wenn es möglich ist, dem Menschen etwas zu geben, was ihn hinaufweist in die übersinnliche Welt, was ihn bekannt macht mit den Kräften, die uns umgeben und die hineinspielen in die Welt, die um uns ist. Ist es möglich, ihm diese Weisheit des Übersinnlichen zu vermitteln, dann wird dies eine Gefühlswelt der Lebenssicherheit und eine Moral begründen mit Impulsen für das Handeln. Dann leben wir nicht mehr von ererbten Gütern, sondern von dem, was aus der Zeit, in der wir leben, selbst entsprießen kann.

[ 32 ] There are many socialists who want to establish a morality—a morality born out of nothing. But why can they even talk about morality at all? Why doesn’t all morality simply vanish into chaos? Because the old morality they are fighting against is still ingrained in them; because they want to bring about political changes based on that traditional political morality. It has grown out of the past. Therefore, progress will only be possible through a renewal of the knowledge of the supersensible—the supersensible world—if it is possible to give human beings something that points them upward toward the supersensible world, something that familiarizes them with the forces that surround us and that interact with the world around us. If it is possible to impart this wisdom of the supersensible to them, then this will establish a world of feelings rooted in a sense of security in life and a morality that provides impulses for action. Then we will no longer live off inherited assets, but from what can spring forth from the very time in which we live.

[ 33 ] Diese Erkenntnis des Übersinnlichen, welche die geisteswissenschaftliche Weltanschauung geben will, verstößt gegen keine Logik. In welchem Sinne spricht sie von einem Übersinnlichen? Spricht sie davon, daß in einem Jenseits oder an einem unbekannten Orte das Geistige ist? Merkwürdig, es werden Weltanschauungen gestiftet, die behaupten, daß ein Jenseitsglaube alle Kultur vernichten müsse. Nun; alle solche Anschauungen wissen nicht, in welchem Sinne die wirkliche Geistesforschung von diesem Übersinnlichen spricht. Öfters ist das hier schon durch Vergleiche klargemacht worden, wie und in welchem Sinne die Geistesforschung von einem solchen Übersinnlichen spricht. Dieser Vergleich soll zum Schluß noch einmal vor unsere Seele hintreten.

[ 33 ] This understanding of the supersensible, which the spiritual scientific worldview seeks to provide, does not contradict logic. In what sense does it speak of the supersensible? Does it mean that the spiritual exists in an afterlife or in an unknown place? It is curious that worldviews are being propagated which claim that a belief in the afterlife must destroy all culture. Well, none of these views understand in what sense genuine spiritual research speaks of this supersensible realm. It has often been made clear here through comparisons how and in what sense spiritual research speaks of such a supernatural realm. Let this comparison come before our souls once more as we conclude.

[ 34 ] Für einen Menschen, der blind geboren ist, ist die Welt der Farben und des Lichtes ein Jenseits der für ihn wahrnehmbaren Welt. Wodurch ist eine Welt für den Menschen da? Lediglich dadurch, daß er Organe hat für diese Welt. In dem Augenblicke, wo dem Blindgeborenen das Auge geöffnet wird, muß er sich nicht mehr bloß von anderen Menschen sagen lassen, es gibt Licht und Farbe, sondern da tritt eine neue Welt, die immer da war, vor sein Auge. Nichts anderes sagt die Geisteswissenschaft, und von nichts anderem handelt sie. Wenn sie von anderen Welten spricht, so spricht sie davon in genau demselben Sinne wie in dem Vergleich von der Welt der Farben und des Lichtes gegenüber dem Blindgeborenen. Der Geistesforscher sagt, daß eine Welt für ihn dann da ist, wenn ein Organ für sie da ist. Die übersinnliche Welt ist dem Menschen der Gegenwart verschlossen, weil bei ihm keine Organe dafür vorhanden sind. Sie verhält sich nicht anders für ihn, als sich die Welt der Farben und des Lichtes für den Blindgeborenen verhält.

[ 34 ] For a person born blind, the world of colors and light lies beyond the world he can perceive. How does a world come into being for a person? Solely because he has the senses to perceive that world. The moment the eyes of a person born blind are opened, he no longer needs to rely solely on others to tell him that light and color exist; instead, a new world—one that has always been there—appears before his eyes. Spiritual science says nothing else, and it deals with nothing else. When it speaks of other worlds, it does so in exactly the same sense as in the comparison of the world of colors and light as experienced by someone born blind. The spiritual researcher says that a world exists for him when an organ for perceiving it is present. The supersensible world is closed off to people today because they lack the organs to perceive it. It is no different for them than the world of colors and light is for the person born blind.

[ 35 ] Hier sind nicht nur Gegenstände, die der Mensch mit dem Verstande und mit den Sinnen erfassen kann, hier sind noch ganz andere Wesenheiten. Indem Sie durch den Saal schreiten, schreiten Sie durch eine Welt des Geistigen, wie der Blinde, der die Stühle und Bänke nur tasten kann, durch eine Welt von Farben und Licht schreitet, ohne sie sehen zu können. Wie es von einem Blinden ein logisches Unding wäre, nachdem er gehört hat, daß es Farbe und Licht gibt, zu sagen, das sei Phantasterei, ebenso ist es unlogisch, daß der, welcher nicht übersinnlich sieht, sagt, es sei Phantasterei. Es hat immer Leute gegeben, welche mehr sehen konnten als die Mitmenschen. Eingeweihte oder Initiierte hat man solche Menschen genannt. Es sind das Menschen, die eine Art geistiger Neugeburt erlebt haben und von denen in allen Religionen erzählt wird. Es gibt einen geistigen Augenblick im Leben eines solchen Menschen, der eine viele größere Bedeutung hat als die physische Geburt. Dieser geistige Augenblick besteht darin, daß der Mensch, der sein geistiges Auge und sein geistiges Ohr eröffnet hat, eine ganz neue Welt wahrnehmen kann, daß er sich bis zur übersinnlichen Welt hinaufentwickelt hat. Diejenigen, welche von der übersinnlichen Welt zu sprechen berechtigt sind — die Stifter der Religionen —, haben zu den Menschen in demselben Sinne gesprochen, wie der Sehende zu dem Blinden vom Licht spricht und ihm davon erzählt.

[ 35 ] Here there are not only objects that humans can perceive with their intellect and senses; here there are also entirely different entities. As you walk through the hall, you are walking through a spiritual world—just as a blind person, who can only feel the chairs and benches, walks through a world of colors and light without being able to see them. Just as it would be a logical absurdity for a blind person, after hearing that color and light exist, to say that this is a figment of the imagination, so too is it illogical for someone who does not see supernaturally to say that it is a figment of the imagination. There have always been people who could see more than their fellow human beings. Such people have been called initiates. These are people who have experienced a kind of spiritual rebirth and of whom all religions speak. There is a spiritual moment in the life of such a person that has far greater significance than physical birth. This spiritual moment consists in the fact that the person who has opened his spiritual eye and his spiritual ear can perceive an entirely new world—that he has developed himself up to the level of the supersensible world. Those who are entitled to speak of the supersensible world—the founders of religions—have spoken to people in the same way that a sighted person speaks to a blind person about light and tells him about it.

[ 36 ] Neuerdings dringt die Botschaft von der übersinnlichen Welt wieder an die Menschen heran durch die Geisteswissenschaft. Dies geschieht in keinem anderen Sinn, als indem sie den Menschen zeigt, daß es immer Erleuchtete, Erfahrenere gegeben hat, die hineinschauen konnten in die übersinnliche Welt, und daß es heute noch Menschen gibt, die das geistige Auge offen haben, die die geistigen Eigenschaften der sinnlichen Dinge sehen. Sie zeigt, daß es Menschen gibt, die hinter die Pforte des Todes schauen können, die sehen können, welches der unsterbliche Teil des Menschen ist, was übrigbleibt von dem Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Über dieses alles in Einzelheiten aus der Forschung heraus Nachricht zu geben, ist unsere Aufgabe. Sie sind dazu berufen, einen neuen Mittelpunkt zu bilden, von dem aus die Menschen hören werden von der geistigen Welt.

[ 36 ] Recently, the message from the supersensible world has once again been reaching people through spiritual science. This happens in no other way than by showing people that there have always been enlightened, more experienced individuals who could look into the supersensible world, and that there are still people today who have their spiritual eyes open, who see the spiritual qualities of sensory things. It shows that there are people who can look beyond the gate of death, who can see what the immortal part of the human being is, what remains of the human being when he or she passes through the gate of death. It is our task to provide detailed information about all of this based on our research. You are called to form a new center from which people will hear about the spiritual world.

[ 37 ] Es ist billig zu sagen: Gebt mir die Mittel, selbst hineinzuschauen. Jeder kann die Mittel haben, wenn er sich an die richtige Quelle wendet. Durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wird jedem die Möglichkeit geboten. Die erste Stufe ist aber, mit der heutigen Anschauungsweise sich zu erheben zu folgendem Gedanken, der sich in dem Menschen ausbildet: Ich höre von einem Mitmenschen, daß er hineinschauen kann in die übersinnliche Welt, ich höre, daß er mir sehr viel zu sagen versteht über die übersinnliche Welt, er erzählt im einzelnen, wie es nach dem Tode ausschaut, wie Kräfte und Wesenheiten die Welt durchpulsen, Kräfte und Wesenheiten, die dem gewöhnlichen Auge noch verschlossen sind. Ich kann zwar noch nicht hineinschauen in diese Welt, aber ich will meine Ahnung fragen, ob der Mann mir etwas Unwahrscheinliches sagt. Ich will meine Empfindung fragen, ob das nicht höchst wahrscheinlich klingt, wenn ich mich nicht durch materialistische Anschauungen abhalten lasse, ob das unbefangen klingt, was der Betreffende sagt. Dann will ich die Gedankenlogik zu Hilfe nehmen und sehen, ob er nicht etwas sagt, was das Leben erklärlich machen kann. Dann will ich noch weiter gehen. Ich will sagen, ich habe dich ruhig angehört, denn du hast etwas gesagt, was mit der Logik stimmt. Jetzt will ich das Schicksal des Menschen betrachten, will sehen, ob es mir erklärlich wird, wenn ich so die Welt betrachte. Indem ich mir also sage: nehmen wir einmal an, die Anschauung der Geisteswissenschaft wäre richtig, erklärt sie das Leben, wird das Leben verständlich? so prägen sich die Gedanken in meine Seele ein: ich will versuchen, im Leben zu erproben, ob sie Lebensfroheit, Lebenssicherheit, Lebenskraft gibt. So will ich Stück für Stück erproben, ob eine innere Möglichkeit besteht, das anzunehmen, was der Eingeweihte sagt. Ich will mich auf einen solchen Standpunkt stellen, wie sich eine merkwürdige Persönlichkeit in bezug auf die gewöhnliche Welt des Lichtes und der Farben gestellt hat.

[ 37 ] It is easy to say: Give me the means to look inside for myself. Anyone can have the means if they turn to the right source. The spiritual-scientific worldview offers this opportunity to everyone. The first step, however, is to rise above today’s way of thinking to the following idea, which develops within a person: I hear from a fellow human being that he can look into the supersensible world; I hear that he has much to tell me about the supersensible world; he describes in detail what it is like after death, how forces and beings pulse through the world—forces and beings that are still hidden from the ordinary eye. Although I cannot yet see into this world myself, I want to consult my intuition to see if this man is telling me something implausible. I want to consult my feelings to see if it doesn’t sound highly probable—provided I don’t let materialistic views deter me—and if what he says sounds unbiased. Then I want to call upon logical reasoning and see whether he is not saying something that can make life understandable. Then I want to go even further. I want to say, “I have listened to you calmly, for you have said something that is consistent with logic.” Now I want to consider the fate of humankind; I want to see whether it becomes understandable to me when I view the world in this way. So, as I say to myself: “Let’s assume for a moment that the perspective of spiritual science is correct—does it explain life? Does it make life understandable?”—these thoughts take root in my soul: I want to try to test in life whether it brings joy, security, and vitality. So I want to test, step by step, whether there is an inner possibility of accepting what the initiate says. I want to adopt a standpoint similar to that taken by a remarkable personality with regard to the ordinary world of light and colors.

[ 38 ] Öfters wurde schon das Leben der taubstummen und blinden Helen Keller erwähnt. Das ist eine Persönlichkeit, die mit sieben Jahren noch wie ein kleines wildes Tier war, die aber eine geniale Erzieherin gefunden hat, so daß sie so weit gekommen ist, daß sie nicht nur eine Durchschnittsbildung hatte, sondern sich messen konnte mit manchem gebildeten Menschen. Niemals ist sie imstande gewesen, Töne zu hören, Farben zu sehen, Licht wahrzunehmen. Finsternis und Stummheit lagerte um ihre Seele. Aber sie hat das, was andere Menschen von Farbe, Licht und Ton wahrgenommen haben, auf ihre Seele wirken lassen. Von ihr ist ein neues Büchelchen erschienen: «Optimismus». Sie zeigt darin, daß sie nicht nur unser Wissen aufgenommen hat, sondern auch von der Sprache und dem Wissen der Griechen und Römer. Sie spricht von den schönsten Schöpfungen des Hörens und Sehens, obgleich sie selbst nichts wahrgenommen hat. In ihrer Seele hat sich nicht nur so etwas ausgebildet wie Wortvorstellungen, sondern das Büchelchen über den Optimismus zeigt, daß sie Kraft und Sicherheit erhalten konnte aus den Mitteilungen der Sehenden um sie herum.

[ 38 ] The life of Helen Keller, who was deaf, blind, and mute, has often been mentioned. She was a child who, at the age of seven, was still like a wild little animal, but who found a brilliant teacher, enabling her to progress to the point where she not only attained an average level of education but could also hold her own against many educated people. She was never able to hear sounds, see colors, or perceive light. Darkness and silence enveloped her soul. But she allowed what other people perceived in terms of color, light, and sound to take root in her soul. A new little book by her has been published: Optimism. In it, she shows that she has not only absorbed our knowledge but also that of the Greeks and Romans. She speaks of the most beautiful creations of hearing and seeing, even though she herself perceived nothing. Not only has something akin to verbal concepts developed within her soul, but the booklet on optimism also shows that she was able to draw strength and assurance from the accounts of those around her who could see.

[ 39 ] So vermag der Mensch, wenn er sich nicht verschließt gegenüber den geistig Sehenden und Hörenden, Kraft und Sicherheit und Hoffnung für die Zukunft zu erhalten. Disharmonie macht schwach und kraftlos für das Leben. Sehend wird der Mensch für seine Umgebung, wenn er auf die Sehenden hört. Wissend wird er und frei handelnd, wenn er denen, die Kunde geben können, folgen kann. Das Leben vermag er in den Dienst des Übersinnlichen zu stellen. Eine neue Kultur aus dem Übersinnlichen heraus muß, wie das Lebensblut, den Staat und die gesellschaftlichen Formen durchdringen. So hängt die Erkenntnis des Übersinnlichen in der Gegenwart mit großen Lebensfragen zusammen. Wenn die großen Lebensfragen in den verschiedensten Formen von allen Seiten uns entgegendrängen, dann muß man erkennen, daß man etwas braucht, was einen tiefer hineinführt in das Verständnis des Lebens. Aus einer prophetischen Voraussicht gegenüber dem, was kommen muß, ist die geisteswissenschaftliche Weltanschauung herausgegriffen, herausgeschaffen. Das soll uns die Serie von Vorträgen des Winters zeigen in bezug auf die Fragen der großen Kulturströmungen und auch in bezug auf die einzelne Seele, die still und schlicht im häuslichen Heim schaffen muß vom Morgen bis zum Abend. Jede Seele findet in der Geistesforschung etwas, wodurch sie Kraft und Sicherheit, innere Befriedigung, Lebensmut und Lebensfreude finden kann und auch das Notwendige zu einem wirklich gedeihlichen Menschheitsfortschritte.

[ 39 ] Thus, if a person does not close themselves off from those who see and hear spiritually, they can draw strength, security, and hope for the future. Disharmony makes one weak and powerless in life. A person becomes attuned to their surroundings when they listen to those who see. They become knowledgeable and act freely when they can follow those who can impart knowledge. They are able to place their lives in the service of the supersensible. A new culture arising from the supersensible must, like the lifeblood, permeate the state and social structures. Thus, the recognition of the supersensible in the present is connected to the great questions of life. When the great questions of life press upon us from all sides in the most diverse forms, we must recognize that we need something that leads us deeper into an understanding of life. The spiritual-scientific worldview has been drawn forth and shaped out of a prophetic foresight regarding what must come. This is what the winter lecture series aims to show us—both in relation to the questions raised by the great cultural currents and in relation to the individual soul, which must work quietly and simply in the home from morning until evening. Every soul finds in spiritual research something through which it can find strength and security, inner satisfaction, courage to face life, and joy in living—as well as what is necessary for truly flourishing human progress.

[ 40 ] Wenn auch noch manche da sind, welche über die geisteswissenschaftliche Erkenntnis des Übersinnlichen lächeln und als Praktiker, die sie sein wollen, sagen: was haben wir zu tun mit dem unpraktischen Zeug — die geisteswissenschaftliche Bewegung wird arbeiten und eine Zeit wird kommen, wo auch solche, die heute noch zu den Zweiflern und Kleinmütigen und Ungläubigen gehören, hinsehen werden auf diejenigen, die als Samen gesät worden sind, weil sie gebraucht werden zur Lösung der großen Fragen und Rätsel, die auf der Seele lasten werden. Immer mehr und mehr werden sie gebraucht werden für den Menschheitsfortschritt schon in der nächsten Zukunft für die Fragen, die nicht menschlich willkürlich sind, sondern durch das Leben mit starker Kraft gestellt werden.

[ 40 ] Even though there are still some who scoff at the spiritual-scientific understanding of the supersensible and, as practitioners—which is what they claim to be—say: “What do we have to do with this impractical stuff?”—the spiritual science movement will carry on its work, and a time will come when even those who today still count themselves among the doubters, the fainthearted, and the unbelievers will look to those who have been sown as seeds, for they will be needed to solve the great questions and mysteries that will weigh upon the soul. They will be needed more and more for the progress of humanity, even in the near future, to address the questions that are not arbitrarily posed by humans but are raised with great force by life itself.