Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit
und deren Bedeutung für das heutige Leben
GA 55
11 Oktober 1906, Berlin
1. Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit und deren Bedeutung für das heutige Leben
[ 1 ] Der heutige Vortrag ist eine Art Programm, und die folgenden sollen zwei Ziele verfolgen: Das erste Ziel ist, die Zuhörer bekannt zu machen mit dem, was die Geistesforschung über die Welt des Geistes in bezug auf den Menschen, in bezug auf die Entwicklung des Menschen, in bezug auf Leben und Bestimmung des Menschen, in bezug auf Geburt und Tod, Ursprung des Lebens, Ursprung des Bösen, Gesundheit und Krankheit und in bezug auf Erziehungsfragen bieten kann. So daß im Laufe des Winters der Umfang dieser Geistesforschung sich vor unsere Seele stellen soll.
[ 2 ] Andererseits aber sind die Vorträge so eingerichtet, daß die Beziehung der gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Forschung zu den großen Kulturaufgaben, zu den brennenden Zeitfragen, zu den großen Lebensfragen des Daseins, wie sie von der Gegenwart gestellt werden, besprochen wird. Es soll die Geisteswissenschaft nicht wie irgendeine Theorie hingestellt werden, sondern sie soll als etwas erkannt werden, das sich in das ganze Leben eines Gegenwartsmenschen mit einer gewissen inneren Notwendigkeit hineinstellt. So sehr auch das Alter der Zuhörer verschieden sein wird, durch die Mannigfaltigkeit der Themata wird vielleicht doch für jeden etwas Interessantes dargeboten werden können.
[ 3 ] Ich möchte nun, bevor ich zum Vortrage selbst übergehe, die einzelnen Themen, die als Einzelvorträge etwas in sich Abgeschlossenes und auf der anderen Seite doch ein zusammenhängendes Ganzes bilden sollen, nochmals erwähnen. Vorerst wollen wir diesmal, weil es nicht so bequem ist wie im vergangenen Winter, sehr darauf achten, daß die Vorträge stattfinden werden am zweiten und dritten Donnerstag eines jeden Monats. Am 25. werden wir zu sprechen haben über das Thema «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Da werden wichtige Kulturfragen der Menschheitsentwicklung zur Sprache kommen, im Anschlusse an eine vielleicht nur vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zu beleuchtende intime Lebensfrage. Es ist dabei nicht darauf abgesehen, eine sensationell aussehende Frage aufs Tablett zu heben. Dann folgt «Der Lebenslauf des Menschen vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt», dann «Wer sind die Rosenkreuzer?», dann «Richard Wagner und die Mystik», dann «Was wissen unsere Gelehrten von der Theosophie?» und dann die religiöse Frage «Bibel und Weisheit».
[ 4 ] Diejenigen der verehrten Zuhörer, welche im verflossenen Winter schon hier versammelt waren zu den geisteswissenschaftlichen Vorträgen, werden manches Bekannte in etwas anderer Beleuchtung finden. Aber die Dinge der geisteswissenschaftlichen Forschung werden der Seele erst ganz zu eigen, wenn sie von den verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Deshalb bitte ich, wenn Sie Bekanntes hören, es hinzunehmen, da es sich um den einführenden Vortrag zu dem ganzen Programm des Winters handelt. Dieser heutige Vortrag soll eine Art Versprechen sein. Es soll versprochen werden, was die folgenden Vorträge einlösen sollen. Es soll hingewiesen werden auf das, was man geisteswissenschaftliche Forschung innerhalb der Gegenwart nennt, und darauf, daß diese Erforschung des geistigen, übersinnlichen Lebens eine große einschneidende Bedeutung für unsere Gegenwart hat und berufen ist, eine immer einschneidendere Bedeutung für das Leben der Menschen in der Zukunft zu bekommen.
[ 5 ] Es ist erst dreißig Jahre her, seit eine theosophische Bewegung durch die Welt geht. Und nach diesen dreißig Jahren ist die Theosophie nicht etwa eine geistige Bewegung, die sonderlich angesehen ist. In den weitesten Kreisen draußen versteht man unter Theosophie nicht irgend etwas, was man als auf wirklichem, tatsächlichem Boden stehend ansieht. Viele sind unter unseren Zeitgenossen, die die Theosophie als etwas Phantastisches, als etwas, was sich in einem Wolkenkuckucksheim ergeht, ansehen. Nicht zu leugnen ist, daß die Theosophie, durch unkundige und vielleicht auch durch vorschnelle, dilettantische Persönlichkeiten, vielleicht sogar durch scharlatanhafte Seelen mit einem gewissen Recht an ihrem Ansehen verloren hat. Die Frage, was die Theosophie dem Menschen der Gegenwart aber doch bedeuten kann, soll uns heute hauptsächlich beschäftigen.
[ 6 ] Manche große Vorurteile sind verbreitet gegenüber der theosophischen Weltanschauung. Da sagt der eine: Ach, die Theosophie ist etwas, was so ähnlich ist wie der Spiritismus, also etwas, was sich mit unserer heutigen abgeklärten, wissenschaftlichen Weltanschauung durchaus nicht verträgt. Die Theosophie ist etwas, was höchstens für Träumer eine Bedeutung haben kann, was aber mit den wissenschaftlichen, logischen Gesetzen in Widerspruch steht. So sagen diejenigen, welche entweder selber auf dem Boden der Wissenschaft stehen, oder welche sich sagen: Wissenschaft ist die Losung der Zeit, wir müssen auf sie hören, sie zeigt uns die tiefen Fragen des Daseins, und es ist eine Versündigung, wenn wir gegen die wohlbegründeten Ansprüche der Wissenschaft verstoßen und uns dem hingeben, was unwissenschaftlich ist.
[ 7 ] Ein anderes Vorurteil kommt von der religiösen Seite, sei es von solchen, die durch ihren Beruf für die Religion sein wollen oder sollen, oder von anderen, welche glauben, mit ihrem religiösen Gewissen in Zwiespalt zu kommen, wenn sie sich der Theosophie zuwenden. Wie eine neue Sekte, wie eine neue Religionsstiftung betrachtet man das, was die Theosophie bringt. Immer und immer wieder wird der hier oft erwähnte, mißverständliche Gedanke geäußert: die Theosophie sei so etwas wie eine Auffrischung uralter buddhistischer Wissenschaft, statt dem Christentum solle der Welt eine Art Neubuddhismus eingeimpft werden. Was auch immer gesagt werden mag: diese drei Vorurteile erheben sich immer wieder.
[ 8 ] Die Theosophie würde sich an ihrem ersten Grundsatz versündigen, der verlangt, die Eigentümlichkeit einer jeden Geisteskultur zu verstehen, wenn sie eine fremde Geisteskultur, ein uraltes Religionssystem nach Europa verpflanzen wollte. Jedes Weltanschauungssystem wächst heraus aus den ganzen Bedingungen einer gewissen Volkskultur und kann nicht in eine ganz andere Kultur hinein verpflanzt werden. Wollen wir einen wirklichen geistigen Fortschritt innerhalb unserer Welt, wollen wir der Menschheit mit der europäisch-amerikanischen Kultur die Quellen eröffnen für einen Fortschritt in die Zukunft hinein, wollen wir dem modernen Menschen etwas bieten, dann können wir nicht mit Anschauungen und Ideen einer längst verbrauchten Zeit kommen, dann müssen wir alles, was wir an Motiven, an Fragen, an Vorstellungen aufbringen können, dem lebendigen Leben unserer Gegenwart selbst entnehmen. Dann müssen wir da anknüpfen, wo unsere eigene Seele lebt, wo unsere eigene Seele wurzelt.
[ 9 ] Nichts Fremdes soll in unsere Kultur verpflanzt werden. Lediglich darum handelt es sich, einzusehen, daß unsere Kultur einer Vertiefung fähig ist und daß das, was begonnen ist mit der äußeren Kultur, bewußt fortentwickelt wird. Jede Kultur ist so anzusehen, daß sie in sich voll entwickelte Triebe, gereifte Pflanzen und Früchte enthält, und daneben Keime, die der Mensch fühlt. Der Mensch der Gegenwart fühlt solche Keime. Diese Keime sitzen in seiner Seele als brennende Zeitfragen, als etwas, was er ersehnt und erhofft in der Zukunft, als Rätsel, die sich ihm auf die Seele legen. Das alles ist in den Seelen der Gegenwartsmenschen verschlossen. Der Keim, der noch eingepflanzt ist in die Erde, muß heraus. Vieles sitzt noch verborgen in der Seele der Gegenwartsmenschen. Es kann um nichts anderes zu tun sein, als das herauszuholen, was in den Seelen der gegenwärtigen Menschen ist.
[ 10 ] Aber auch mit einem gegenwärtigen Religionsbekenntnis kommt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht in Widerspruch. Sie versucht jedes Religionsbekenntnis zu verstehen und zu zeigen, wie in allen großen Weltreligionen die eine Urwahrheit der Menschheit lebt. Aber sie geht nicht herum und sucht eklektisch aus den verschiedenen Religionen einen Wahrheitskern heraus. Nicht ist sie eine Sammlerin, diese Geisteswissenschaft, sondern sie ist etwas, was auf eigenem Grund und Boden wächst: etwas, was, wie wir nachher gleich hören werden, nur in der verschiedensten Spiegelung wiedergefunden werden kann in den einzelnen großen Weltreligionen. Nicht herausgeholt aus den großen Weltreligionen ist die Geisteswissenschaft, sondern in den besten Religionen findet man in verschiedener Art das ausgebildet, was die geisteswissenschaftliche Weisheit uns heute geben kann. Sie soll es uns für die Gegenwart so geben, daß wir es nicht bloß zum Verständnis für die Vergangenheit und Gegenwart haben, sondern daß wir etwas zum Hineinleben in die Zukunft, zum wahren geistigen Menschheitsfortschritt haben. Die Geisteswissenschaft will keine neue Religionsstiftung sein.
[ 11 ] Lassen Sie uns unbefangen einmal den Gedanken betrachten, inwiefern sie keine Religionsstiftung sein kann und warum sie nicht daran denken kann, eine neue Sekte zu stiften. Immer genauer werden die Vorträge dieses Winters zeigen, daß die Zeit der Religionsstiftungen, die Art und Weise, wie die Wahrheit in den Religionen zum Ausdruck gekommen ist, vorüber ist, oder mit anderen Worten, daß die Zeit, wo neue Religionen begründet werden können, vorbei ist. Diese Zeit hat abgeschlossen mit der Zentralreligion des Christentums, denn das Christentum ist einer unendlichen Vertiefung, einer unendlichen Ausbildung für die fernste Zeit der Zukunft fähig. Und die Geisteswissenschaft wird das Instrument, das Mittel bilden, dieses Christentum den aufgeklärtesten und wissenschaftlichsten Menschen immer mehr zugänglich zu machen. Zum Verständnis der Religion soll diese Geisteswissenschaft beitragen. Die Weisheit, die in den Religionen liegt, soll sie darbieten. So wird sie das Instrument und das Mittel sein, sich innerhalb des geistigen Lebens zurechtzufinden. Man braucht in der Zukunft keine neuen Religionen. Die alten enthalten das, was sie enthalten können. Weisheit enthalten sie. Aber man braucht die Weisheit in einer neuen Form. Dann wird man die alten Formen auch wieder verstehen, dann werden die alten Religionen durch die Geisteswissenschaft wieder zur wahren Geltung kommen. Jeder Mensch wird wieder zu seiner Religion kommen können.
[ 12 ] Bisher hat es in der Gegenwart ein Gefühl gegeben, das sich in den verschiedenen Religionen herangebildet hat: man hat von Toleranz gesprochen gegenüber den verschiedenen Religionen. Den Menschen, die mit der Gegenwart fühlen, frommt es nicht mehr, mit Haß, Verachtung und Verfolgung den anderen Religionen zu begegnen. Das ist zu einer Unmöglichkeit geworden. Der Gegenwartsmensch kann die Zeit des Hasses und der Intoleranz nicht mehr recht verstehen, wo im Dienste der Religion ungeheuer viel Blut geflossen ist. Zu dulden und zu tolerieren, ist die jetzige Tendenz; das wird eine Zeitlang so gehen. Aber es wird auch eine Zeit kommen, wo dieses Gefühl zu schwach und zu matt ist, um einen wirklichen Fortschritt in die Zukunft zu bewirken. Für die Zeit des Übergangs, für das letzte Jahrhundert war dieses Gefühl in gewisser Beziehung ein Segen. Die Duldung ist durchaus berechtigt. Wahre Menschenliebe und echte Humanität wurden herausgebildet. Aber was für eine Zeit gut ist, das ist es noch nicht für alle Zeiten. Die verschiedenen Epochen der Weltentwicklung haben verschiedene Aufgaben. Ein Gefühl, das für das neunzehnte Jahrhundert voll berechtigt war, das für das neunzehnte Jahrhundert edle Hoffnungen in den Seelen gestiftet hat, das wird sich matt und unwirksam erweisen für das zwanzigste Jahrhundert. Dieses zwanzigste Jahrhundert wird sich zu etwas anderem fähig erweisen. Nicht nur gegenseitige Toleranz und Duldung, sondern vollständiges gegenseitiges Verstehen wird es brauchen. Oder war es nicht so, daß bis heute der Christ gesagt hat: Ich verstehe nicht den Muselmann, ich verstehe nicht den Bekenner des jüdischen Glaubensbekenntnisses bis ins Innere, aber wir dulden uns gegenseitig. — Das wird künftig nicht mehr die Menschen trennen. Künftig wird es nötig sein, sich gegenseitig zu verstehen und sich zu sagen: Ich habe mein Bekenntnis, das aus einer Kulturströmung herausgewachsen ist, die mir die Anschauungen, Gedanken und Ideale in mein Seelenblut verpflanzt hat, aber ich muß auch mit anderen menschlichen Geistern im Verkehr sein, muß sie ganz verstehen können. Die Wahrheit, die ich bei mir finde, soll nicht nur tolerieren und dulden, sondern eindringen in das, was die andere Seele fühlt und empfindet. Sie soll Verständnis haben für jedes andere Bekenntnis. — Das ist noch etwas ganz anderes. Das ist eine Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung: über die Duldung hinauszuschreiten zum völligen gegenseitigen Verständnis. Dann wird der Bekenner einer Religion oder Konfession sich sagen: Die Wahrheit ist mir in einer bestimmten Form bekannt geworden. Die Wahrheit lebt aber in anderen Seelen in anderer Form. Die Formen haben gewiß ihre Berechtigung, sie sollen uns aber nicht trennen. Das, was an Weisheit darin liegt, soll uns verbinden. — In positivem Sinne soll es eine Humanitätsidee sein, die auf Grund von einsichtiger Menschenliebe verbindet und nicht bloß auf Grund von Toleranz. Einsicht ist mehr als Toleranz. Einsicht adelt den Menschen mehr als Duldung.
[ 13 ] Die Theosophie ist nicht unwissenschaftlich. Als die Theosophie vor dreißig Jahren zum ersten Male in die Welt trat, war bei der Gründerin die Aufgabe so gedacht: Dem Menschen der Gegenwart, wie jeder Menschenseele, ist es selbstverständlich, daß man sich die Rätselfragen vorlegt nach dem Unendlichen und Ewigen, die Rätselfragen nach der Bestimmung des Menschen, nach dem Schicksal, die Rätselfragen nach Geburt und Tod und nach dem, was nach dem Tode sein wird, die Rätselfragen: Was bleibt von dem Menschen, wenn er dem physischen Leben abstirbt, woher kommt Krankheit, woher das Leiden? Oh, es gibt keinen Menschen, der diese Fragen nicht aufwerfen müßte. Religionen waren immer dazu da, um geistigen Inhalt zur Beantwortung dieser Welträtsel in die Seelen zu gießen, damit nicht nur das theoretische Bedürfnis befriedigt werde, sondern damit die Antwort für die Menschen Kraft, Trost und Zuversicht sei. Oder mit anderen Worten: Der Mensch sollte aus der Religion eine Antwort bekommen auf die brennenden Daseinsfragen, damit er mit Ruhe und Sicherheit im Leben sich bewegt, damit er weiß: ich vollbringe, was ich zu vollbringen habe, aber ich sehe auch auf zu den großen Tatsachen der Unsterblichkeit, die jenseits des Alltags liegen. Nur ein Mensch — und das wird jeder zugeben müssen, der eine Empfindung hat für die tiefsten Impulse der Seele —, der innerlich befriedigt ist, der harmonisch sich so aufzuklären weiß, daß diese Rätsel der Welt nicht als bange Sorge und als Unsicherheit in seiner Seele leben, sondern der über die höchsten Fragen der Seele ruhig sein kann, ist stark und hat die Kraft zu leben. Unwissenschaft, Unweisheit schwächt und macht den Menschen gegenüber der Alltagsarbeit und ebenso gegenüber den wichtigsten Aufgaben des Lebens irre.
[ 14 ] Man wird immer mehr und mehr einsehen, daß die Grundlage von Kraft, die Grundlage von Lebensenergie die Weisheit ist, und daß die Weisheit die einzige Grundlage ist. Zur Erkenntnis dieser Tatsache und zur Befriedigung der in dieser Tatsache liegenden Fragen ist die theosophische Bewegung da. Warum aber, wenn die Religionen in den verschiedensten Zeiten der Weltentwicklung diese brennenden Fragen der Menschheit befriedigt haben, warum brauchen wir da Geisteswissenschaft? Eben darum, weil die Zeiten sich unterscheiden, weil unsere Vorfahren durch andere seelische Mittel befriedigt werden konnten, als die Menschen der Gegenwart und der Zukunft befriedigt werden müssen. Oder war es nicht so und ist es nicht jeden Tag mehr so, daß sie sagen: In der Religion werden viele Fragen des Daseins beantwortet, aber unser Gefühl kann sich nicht mehr befriedigen an der Art, wie sie beantwortet werden. Sie sind hingegangen zu den verschiedenen Religions- und wissenschaftlichen Bekenntnissen. Zahlreiche unserer Zeitgenossen haben versucht, aus der Naturwissenschaft, aus der Geschichte eine Art Ersatz zu bilden für diejenigen, die vermöge ihres modernen Gewissens sich nicht mehr befriedigt erklären können von der früheren Art, die Rätselfragen zu lösen. Gar manche, die unbefriedigt sind von der Bibel und der Religion, suchen sehnsüchtig in der heutigen Wissenschaft. Aber immer mehr und mehr müssen diese letzteren erkennen, daß für die höchsten Fragen des Daseins gerade die heutige Wissenschaft — deren Größe nicht verunglimpft werden soll durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, sondern vielmehr anerkannt werden soll, da sie so Gewaltiges leistet für die sinnlichen Tatsachen — versagt gegenüber den wichtigsten Fragen des Daseins. So sagt sich mancher: Wenn es sich darum handelt, unsere Erde durch ein Kulturnetz zu umspannen, wenn es gilt, die Erde zu durchforschen bis in die kleinsten Lebewesen hinein, liefert uns die moderne Wissenschaft wunderbare Erkenntnisse. Wenn aber die Menschen fragen nach der Zukunft des Lebens, nach dem eigentlichen Sinn des Daseins, da versagt die Wissenschaft, ja, sie versagt stark. Diejenigen, die es noch nicht probiert haben — und es werden mehr und mehr Menschen versucht haben, mit Hilfe der Wissenschaft das zu probieren, was sie mit Hilfe der Religion nicht erreichen können —, werden es noch einsehen, daß die Wissenschaft in den wichtigsten Daseinsfragen versagt.
[ 15 ] Bietet aber nun die Geisteswissenschaft in dieser Richtung etwas? Ja, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung ist für die zuletzt angedeuteten Fragen da. Wer sich noch innerhalb der religiösen Traditionen befriedigt fühlt, der wird sich unbefriedigt fühlen von der Geisteswissenschaft, weil er glaubt, daß sie ihm nichts bieten kann, weil er sich einhüllt in das, was ihm die religiöse Tradition geben kann. Was aber heute noch gut für ihn ist, kann es schon morgen nicht mehr sein. Das war das Ideal der Gründerin der theosophischen Bewegung: sichere Erkenntnis über die höchsten Probleme des Daseins zu geben. Wer sich tiefer einläßt in die geisteswissenschaftliche Forschung und Betrachtung, wird sehen, wie keiner wissenschaftlichen Anforderung gegenüber gerade diese geisteswissenschaftliche Forschung sich irgendwie zurückziehen muß. Auf wissenschaftlicher Grundlage eine allgemein verständliche Weltanschauung zu geben, die für die aufgeklärtesten und auch für die schlichtesten Menschen etwas bieten kann, das wird die geisteswissenschaftliche Weltanschauung leisten.
[ 16 ] Aber man könnte vielleicht doch die Theosophie als eine Art Störenfried ansehen. Sie können vielleicht sagen: Laßt uns doch nur bei unserem alten Glauben, ja, tut etwas dazu, diesen alten Glauben wiederherzustellen! Die Wissenschaft vermag doch keine Antwort zu geben, versucht es doch, wieder den alten Glauben zu stützen! — Solche Menschen beachten nicht, was um sie vorgeht. Sie sind die wahren Phantasten. Die Theosophie will mit offenen Augen in unseren Kulturprozeß hineinsehen. Wir brauchen nur ein Bild vor uns hinzustellen, und es kann ein Beweis sein für die Notwendigkeit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.
[ 17 ] Werfen wir für zwei Minuten den Blick auf das merkwürdige Land, das eine so eigentümliche religiöse Entwicklung durchgemacht hat im Laufe der letzten Jahrhunderte, auf Spanien. Schauen wir Spanien an, diesen Hort einer orthodox-religiösen Welteinrichtung, nicht nur Weltanschauung. Dieses Land, wo ein uraltes Religionsbekenntnis eingegriffen hat in die alleralltäglichste Einrichtung, befindet sich in einer Umbildung. Wer hat denn vor einigen Jahren noch geglaubt, daß in Spanien das eintreten könnte, was wir heute dort sich abspielen sehen. Denken Sie nur einmal daran, daß vor ganz kurzer Zeit in Spanien die regierenden Mächte nichts haben wissen wollen von irgendwelchen sogenannten modernen Ideen, von irgendwelchen aufklärerischen Ideen, denken Sie an das feste orthodoxe Bekenntnis derjenigen Frau, die als Königin-Mutter dem gegenwärtigen jungen König von Spanien vorangegangen ist, wie wenig sie geneigt war, auch nur ein Tüpfelchen abzugehen von dem, was sich seit Jahrhunderten fest eingebaut hat in das Gefüge eines ganzen Staates. Denken Sie sich den Kontrast: Diese Frau sitzt in Lourdes, da, wo sie Befriedigung in der alten Weise in vollen Zügen zu schlürfen versucht und die alten Wahrheiten an sich herantreten läßt — und in Spanien muß der junge König es zugeben, daß mitten in das feste Gefüge hinein neue Ideen eintreten. Er mußte es zugeben, daß ein liberaler Minister an den Einrichtungen rüttelt, daß an der Unterrichts- und Ehegesetzgebung gerüttelt wird, und, wie es scheint, in unbarmherziger Weise. Das sind die Zeitströmungen, und gegen solche Zeitströmungen vermag keine menschliche Meinung etwas. Dagegen vermag nur das Verständnis etwas. Wie lassen doch die Menschen heute diese Zeitströmungen an sich herankommen. Wie stehen manche mit verbundenen Augen solchen Erscheinungen gegenüber, ganz unvorbereitet, wie lassen sie sich überraschen, frappieren und schockieren. Wie üben sie Kritik an den Zeitströmungen, wie kommen sie nicht weiter, als daß sie sagen: wir müssen die alten Formen stützen. Wie begreifen sie gar nicht, daß die Zeitströmungen stärker sind als die phantastischsten Meinungen. Sie begreifen nicht, daß es nötig ist, mit hellem Blick und offenem Auge zu sehen, was die Menschen nötig haben. Die Menschen sind heute nicht mehr so unbewußt, alles über sich ergehen zu lassen. Sie sind dazu berufen, diese Zeitbewegungen zu verstehen und ihnen selbst die Richtung zu geben. Jeder einzelne ist dazu berufen, erkennen zu lernen, was in solchen Zeitströmungen liegt und wie diese zu einem gedeihlichen Fortschritt in der Zukunft gebracht werden können. Die Menschen machen Geschichte, und wenn gegen die Menschen Geschichte gemacht werden soll, so kommt das Chaos. Nur aus dem Miteinander kann Recht und Harmonie kommen. Die Zeit gibt schon die Notwendigkeiten: an den Menschen ist es, sie zu verstehen. Nicht in bequemer Weise soll der Mensch die Dinge an sich herankommen lassen. Da würde er nur zu Ballast in der Entwicklung. Die Zeitströmungen kann man aber nicht übersehen, wenn man nicht einen Blick in das Übersinnliche hinein zu tun vermag. Der Mensch ist dazu berufen, das Übersinnliche in sein Herz, in sein Gemüt und in seine Seele aufzunehmen, so daß es durch ihn in der Welt wirkt.
[ 18 ] Nun versuchen wir einmal, uns diese Frage, die sich aus der eben gemachten Betrachtung ergibt, so recht vor die Seele hinzumalen. Was ergibt sich für den denkenden Menschen aus dem, was wir gehört haben? Es ergibt sich sehr viel daraus. Wer eine Einsicht hat in das geistige Leben, der weiß eines: daß es keine gedeihliche materielle Kultur geben kann ohne die Grundlage eines wirklichen geistigen Lebens. Nie hat es einen Staat, nie hat es eine Volksgemeinschaft gegeben ohne eine wirkliche religiöse Grundlage. Es sollte nur jemand einmal ernstlich versuchen, eine Kolonie zu begründen mit Menschen, die nur matierelle Interessen haben und die nur eine materialistische Weltanschauung haben, die also nichts mitbringen als das, was man heute innerhalb der materialistischen Weltanschauung gelten lassen will, die nichts von dem Übersinnlichen kennt. Man versuche eine solche Kolonie zu begründen. Allerdings, es bringen die Menschen ja doch die Reste idealer Gedanken und Ideen mit. Wären die nicht mehr da, so würde es schnell in ein vollständiges Chaos ausarten. Sie können kein soziales Leben begründen ohne weisheitsvolle religiöse Grundlage. Der ist ein schlechter Praktiker, der mit der Praxis allein auszukommen glaubt. Wollen Sie das materielle Dasein der Menschen immer mehr fördern, so müssen Sie daran denken, daß die Seele jeder materiellen Kultur nur die Religions- und Erkenntnisgrundlage sein kann. Wenn Sie den Menschen Brot geben wollen, so müssen Sie ihnen zuerst etwas geben für die Seele. In der Zeitschrift «Luzifer» habe ich den scheinbar grotesken Satz ausgesprochen, daß man niemand Brot geben kann, ohne daß man ihm Weltanschauung gibt, da das Brotgeben ohne geistige Nahrung zum Unheil führt. In jenem Aufsatz haben Sie das mehr oder weniger bewiesen.
[ 19 ] Wie müßte es aber in der Gegenwart sein, wenn ein gedeihlicher Fortschritt stattfinden sollte angesichts des Ereignisses in Spanien, welches nur in besonderer Weise das zum Ausdruck bringt, was sich überall vollzieht, was aber nur der übersehen könnte, der den Kopf gegenüber dem Leben in den Kultursand stecken würde wie der Vogel Strauß. Ebenso wie es auf allen Lebensgebieten Kundige gibt, die uns mit Kleidern versorgen und andere Bedürfnisse des Lebens befriedigen helfen, so gibt es auch Kundige auf dem Gebiete des Seelenlebens, auf dem Gebiete des Übersinnlichen. Das Vertrauen zu den Priestern und Weisen war es, was die Kulturen begründete. Nicht haben wir ein Recht, die verflossene Kultur zu kritisieren. Sie war so gut, wie sie für ihre Epoche sein konnte. Wenn die Kulturen jetzt nicht mehr passen, so liegt es nicht daran, daß sie zu bekämpfen sind, sondern daran, daß die Menschheit eine FortentwickJung braucht in der geistigen Wahrheit, weil die Menschen nicht mehr unter den alten Formen des geistigen Lebens leben können. Ebenso wie der Mensch, der früher zu dem Priester ging, Worte des Trostes und der Sicherheit erhielt, ebenso müßte es in unserer Zeit Menschen und Forscher geben — ja, es muß sie geben —, an die man sich zu halten hat, die einem die Wahrheit in der neuen, der Gegenwart entsprechenden Form sagen können, die einem wieder etwas sagen können von dem Übersinnlichen, in einer Form, wie der moderne Mensch es glauben kann.
[ 20 ] Fragen wir uns einmal, wie könnte sich die Gegenwart in bezug auf diese Sache stellen, wenn alles so bliebe, wie es von zahlreichen unserer Zeitgenossen für richtig befunden wird. Sie sehen da etwas, was als Symptom in bezug auf Spanien erwähnt worden ist. Sie sagen vielleicht: die alten Formen werden sich auflösen, und der Mensch wird in neue Ordnungen hineinwachsen. Diese neuen Ordnungen werden aber nie gedeihen können, wenn nicht ein Seelisches hineinkommt, wie das Lebensblut, wenn nicht etwas Geistiges unsere ganze Kultur durchpulsen kann. Können die Menschen, die sich heute voneinander entfernen in bezug auf ihre Meinungen über die Seele und in bezug auf die Einrichtungen, an einen Ort hingehen und sich Rat holen in bezug auf die höchsten Fragen des Daseins?
[ 21 ] Betrachten wir die Sache an einem charakteristischen Symptom unserer Zeit. Von der Naturwissenschaft, von der Erkenntnis der äußeren sinnlichen Tatsachen, der positiven Tatsachen, erwarten viele einen Ersatz für die alte religiöse Anschauung. Vor einigen Tagen hat eine Naturforscherversammlung in Stuttgart stattgefunden. Können wir uns sagen, daß der moderne Mensch, mit seinen Bedürfnissen und Sehnsüchten gegenüber dem Ewigen, gegenüber dem, was der Tod besagt, hinschauen kann zu dem modernen Areopag des Geisteslebens, wenn er Antwort braucht und wenn die geistige Entwicklung ihren Fortgang nehmen soll? Es sind gewaltige Fragen besprochen worden auf dem Kongreß in Stuttgart. In den erstaunlichsten Dingen lebt sich der menschliche physische Forschergeist bei einer solchen Gelegenheit aus. Für den, der eine Empfindung dafür hat, sei es erwähnt: man sprach über solche Vorstellungen wie die Verpflanzung eines Organs des einen Lebewesens auf ein anderes. Es wurde genau besprochen, wie die Verpflanzung eines Bestandteiles eines Lebewesens in ein anderes Lebewesen hinein stattfinden kann, dem dieser Bestandteil fehlt. Oder ist es nicht interessant, zu sehen, wie die Naturforschung durch die Errungenschaft des Mikroskopes alles bisher Dagewesene überboten hat? Ist es nicht bewundernswert, zu sehen, wie aus gewissen Mischungen und Lösungen heraus man aus der toten Substanz etwas entstehen läßt, was, mit dem Schein des Lebens begabt, sich herausentwickelt aus der toten Substanz wie der scheinbar tote Kristall. Vieles ließe sich noch anführen, was uns zeigen könnte, welchen Respekt und welche Achtung uns diese moderne Naturforschung abnötigen kann.
[ 22 ] Nun aber kommt der Mensch heran und fragt sich: Wozu ist dieses ganze Leben? Welches ist der Sinn von alledem, was sich in so wunderbaren Formen für die physischen Forscher darstellt? Gibt es in dem Reiche derjenigen, die in dem Areopag des Geisteslebens sind, auch solche, die Antwort geben auf die letzten Fragen?
[ 23 ] Auf dem letzten Naturforscher-Kongreß hatte man auf solche Fragen keine Rücksicht genommen. Noch vor zwei Jahren hat ein Breslauer Chemiker eine merkwürdige Rede gehalten, wonach alles abgelehnt werden soll, was dem Menschen in psychischer Weise zu erforschen möglich ist. Das war Ledebur, der Breslauer Chemiker. Theodor Lipps durfte jetzt über Naturwissenschaft und Philosophie sprechen. Das ist ein beachtliches Zeichen, daß es möglich war, in einer naturwissenschaftlichen Versammlung das zu bieten, was Lipps geboten hat. Es war ihm möglich, mitten in diese rein positive Forschung solche Worte hineinzuwerfen wie: Die Naturwissenschaft kann sich niemals zu einer Weltanschauung erheben, wenn sie nicht zu einer geistigen Durchdringung der menschlichen Erscheinung kommt. Wenn der Mensch in sich hineinsieht, so findet er das Ich, und wenn er das dann ausdehnt zu einem Welten-Ich, dann kann er zu einiger Befriedigung kommen.
[ 24 ] Es ist ein sonderbares Gefühl, das derjenige, der sich mit diesen Dingen beschäftigt hat, gegenüber einer solchen Tatsache haben muß. Da gibt es seit dreißig Jahren eine theosophische Bewegung, die nicht bloß in ganz allgemeiner, platter Weise die großen Fragen beantwortet, sondern in konkreter Weise sich einläßt auf das Schicksal des Menschen vor der Geburt und nach dem Tode, sich einläßt auf das, was sich dem Menschen bietet in der geistigen Welt, wenn ihm das Auge dafür geöffnet ist. Kurz, nachdem es dreißig Jahre eine solche Vertiefung gegeben hat, kommt einer einmal zum Wort, der in den allerelementarsten und allertrivialsten Begriffen etwas bietet, was überhaupt noch keinem Menschen eine Befriedigung geben kann, weil es sich gegenüber den unmittelbaren großen Lebensfragen wie ein Begriffsgespinst, wie etwas ganz Abstraktes, Weltfernes ausnimmt. Wer sich nicht mit Fachphilosophie beschäftigt hat — welchen Begriff die Philosophie erst herausgearbeitet hat —, für den ist das nichts anderes als ein abstraktes Wortgespinst, bei dem er sich nichts denken kann. So sehen Sie, daß im offiziellen Leben, wo die Menschen dennoch Trost und Lösung suchen für die Lebensrätsel, nichts geboten werden kann, aus Unvermögen, aus Unverständnis gegenüber den wirklich höchsten Fragen.
[ 25 ] Und doch, es muß für die äußere Kultur, die alle Formen zersprengt, ein solches Lebenszentrum geben, aus dem geistiger Inhalt herkommen kann, nicht bloß wertlose Wortgespinste, sondern lebendige Erkenntnis des Übersinnlichen. Diese muß, von den geistigen Führern der Gegenwart her, eindringen in das, was sich als Rest des geistigen Inhalts in den alten Formen erhalten hat. Wenn von einer solchen Stätte aus, in derselben logischen Weise, in der die Wissenschaft spricht, über die übersinnliche Welt eine entsprechende Botschaft verkündigt werden kann, dann wird sich das — wie die alten Religionen sich ergossen haben — ergießen in die Seelen und äußeren Einrichtungen. Dann werden — das werden Sie sehen — die vermaterialisierten alten Religionsformen verschwinden und neue Formen werden sich bilden.
[ 26 ] Man soll sich aber keiner Illusion hingeben über die Bedeutung dieser geistigen Kultur. Es gibt viele — und in Frankreich ist das Wort dieser vielen tonangebend geworden —, die sa sagen, der Mensch braucht seine Moral gar nicht aus etwas wie Religion heraus zu bilden. Sie sagen: Es gibt eine menschliche Moral und die kann begründet werden ohne ein Religionsbekenntnis. Die, welche so sprechen, haben die eigentlichen geistigen Gesetze wenig kennengelernt. Wenn Sie den Gang der Geisteskultur seit alten Zeiten verfolgen, so werden Sie sich sagen können: Die verschiedenen aufeinanderfolgenden Kulturepochen der Menschheit haben der Menschheit verschiedene Inhalte gebracht. Was hat die Hermes-Kultur den Ägyptern, was die Kultur der indischen Rishis den Hindus, was der Zarathustrismus den Persern, was die Kultur des Moses den Juden gebracht, und was endlich die Kultur des Christus Jesus, des größten Religionsstifters, der modernen Zeit? Jede Kulturströmung hat ihre Bedeutung in ihrer Zeit gehabt. Und groß sind sie gewesen, weil ihre Missionare es verstanden haben, die Bedürfnisse ihrer Zeit zu verstehen. Richtig werden die Missionare der Zukunft wirken, welche die Herzen der Menschen wieder verstehen und in sie hineinwirken können. Verschiedene Formen haben wir für die verschiedenen Zeiten, in immer neuer Gestalt erscheinen die alten Wahrheiten.
[ 27 ] Das erste, was jeder neuen Gestalt einer Kultur zugrunde liegt, ist ein Bekenntnis, eine Summe von Anschauungen, von Empfindungen und Vorstellungen über das Höchste und das Übersinnliche, ein Wissen des Menschen von den göttlichen Grundlagen der Welt, ein Wissen des Menschen über das, was den Tod besiegt. Und jede große Kulturepoche hat aus diesen Grundlagen heraus die Kraft zum geistigen Schaffen gezogen. Niemals wäre das zustande gekommen, was im alten Ägypten, in Indien und Vorderasien, in Griechenland und endlich in den christlichen Zeiten entstanden ist, wenn es nicht aus dem herausgewachsen wäre, was die Menschen geglaubt und gedacht haben. Das Allermateriellste ist nur ein Ergebnis dessen, was der Mensch weiß über das Übersinnliche. Das erste in jeder Kulturströmung ist also das Bekenntnis.
[ 28 ] Das zweite ist, wie dieses Bekenntnis auf das Gefühl und die Gemüter wirkt. Die Gedanken und die Vorstellungen, die sich der Mensch macht über das Übersinnliche, üben einen Eindruck auf die Seele aus und erheben sie, und alle höhere Lebensfroheit und Harmonie gießt sich in die Seele unter dem Einflusse des Bekenntnisses. Wo jemals Menschen froh gewesen sind im höchsten Sinne, wo sie jemals Sicherheit gehabt, jemals in ihre Empfindungen sich etwas hineingegossen haben, so daß sie sich sagen konnten, ich weiß, daß ich eine höhere Bestimmung habe, und wo sich dieses Wissen umgewandelt hat in ihrer Seele in eine befriedigende Lebensfreude und Lebenszuversicht, da war es immer unter dem Eindruck eines Bekenntnisses.
[ 29 ] Das erste also ist das Bekenntnis selbst, das zweite ist die Welt der Gefühle: Erhebung, Lebensfreude und Lebenssicherheit. Und so ist das dritte die Welt der Willensimpulse, die Welt der Moral und der Ethik. Die Sittenlehren bilden die Kunst — etwas, was zum zweiten Teil gehört —, das Moralische und das Willenselement, die Welt der Sittlichkeit und Gesetzgebung und alles staatlichen Zusammenlebens. Es ist eine große Täuschung, wenn jemand sich dem Glauben hingibt, daß es jemals eine Sittlichkeit, eine Moral geben kann, die nicht herausgewachsen ist aus der Grundlage eines Bekenntnisses, aus der Grundlage der Gefühlssphäre. Als erstes hat der Mensch eine Meinung über das Übersinnliche, als zweites Lebensfroheit und Zuversicht, und als drittes die Impulse für seine Handlungen, das, was ihm sagt: das ist gut, das ist böse.
[ 30 ] Wie kommt es, daß viele den Glauben haben — was eine Illusion ist —, daß man Moral begründen kann ohne Bekenntnis, das heißt eine bodenlose Moral? Das kommt davon her, daß die Moral, dieses dritte in einer Kulturströmung, das letzte ist, was verschwindet. Wenn eine Kulturströmung abflutet, flutet zuerst das Bekenntnis ab. Zuerst glaubt man nicht mehr die Dinge, die in dem Bekenntnis gegeben werden. Wenn aber lange schon nicht mehr der lebendige Glaube da ist, der den Menschen mit absoluter Sicherheit auf die Formen hinblicken läßt, dann sind noch immer die Empfindungen und Gefühle da, die sich in diesem Glauben ausgebildet haben. Und wenn auch diese Gefühle nicht mehr da sind, wenn der Mensch nicht mehr die ererbte Freudigkeit haben kann, dann ist noch immer die Moral da. Heute stehen die, welche glauben, eine solche bodenlose Moral gründen zu können, nicht auf dem Boden einer bodenlosen Moral. In Wahrheit leben sie unter den Resten der Moral und der Weltanschauung, die ihnen aus dem Bekenntnis geblieben sind als ererbte Stücke der Kultur.
[ 31 ] Diejenigen, welche sagen, alles Übersinnliche sei unzugänglich für den Menschen, alles Übersinnliche sei phantastisch, die handeln so, wie sie es tun, weil in ihnen noch die Moral der Vorzeit lebt. Viele Menschen gibt es, die das Bekenntnis glauben überwunden zu haben, doch stehen sie alle noch unter der Moral, die ihnen das Bekenntnis gegeben hat.
[ 32 ] Es gibt viele Sozialisten, die eine Moral begründen wollen, eine Moral, die aus dem Nichts heraus geboren ist. Warum können sie aber überhaupt über Moral reden? Warum verschwindet denn nicht alle Moral in ein Chaos hinein? Weil sie die alte Moral, die sie bekämpfen, noch in ihren Gliedern haben, weil sie eben staatliche ÄAnderungen auf der Grundlage der überkommenen staatlichen Moral herbeiführen wollen. Sie ist hervorgewachsen aus der Vergangenheit. Daher wird ein Fortschritt erst unter der Erneuerung der Erkenntnis des Übersinnlichen möglich sein, der übersinnlichen Welt, wenn es möglich ist, dem Menschen etwas zu geben, was ihn hinaufweist in die übersinnliche Welt, was ihn bekannt macht mit den Kräften, die uns umgeben und die hineinspielen in die Welt, die um uns ist. Ist es möglich, ihm diese Weisheit des Übersinnlichen zu vermitteln, dann wird dies eine Gefühlswelt der Lebenssicherheit und eine Moral begründen mit Impulsen für das Handeln. Dann leben wir nicht mehr von ererbten Gütern, sondern von dem, was aus der Zeit, in der wir leben, selbst entsprießen kann.
[ 33 ] Diese Erkenntnis des Übersinnlichen, welche die geisteswissenschaftliche Weltanschauung geben will, verstößt gegen keine Logik. In welchem Sinne spricht sie von einem Übersinnlichen? Spricht sie davon, daß in einem Jenseits oder an einem unbekannten Orte das Geistige ist? Merkwürdig, es werden Weltanschauungen gestiftet, die behaupten, daß ein Jenseitsglaube alle Kultur vernichten müsse. Nun; alle solche Anschauungen wissen nicht, in welchem Sinne die wirkliche Geistesforschung von diesem Übersinnlichen spricht. Öfters ist das hier schon durch Vergleiche klargemacht worden, wie und in welchem Sinne die Geistesforschung von einem solchen Übersinnlichen spricht. Dieser Vergleich soll zum Schluß noch einmal vor unsere Seele hintreten.
[ 34 ] Für einen Menschen, der blind geboren ist, ist die Welt der Farben und des Lichtes ein Jenseits der für ihn wahrnehmbaren Welt. Wodurch ist eine Welt für den Menschen da? Lediglich dadurch, daß er Organe hat für diese Welt. In dem Augenblicke, wo dem Blindgeborenen das Auge geöffnet wird, muß er sich nicht mehr bloß von anderen Menschen sagen lassen, es gibt Licht und Farbe, sondern da tritt eine neue Welt, die immer da war, vor sein Auge. Nichts anderes sagt die Geisteswissenschaft, und von nichts anderem handelt sie. Wenn sie von anderen Welten spricht, so spricht sie davon in genau demselben Sinne wie in dem Vergleich von der Welt der Farben und des Lichtes gegenüber dem Blindgeborenen. Der Geistesforscher sagt, daß eine Welt für ihn dann da ist, wenn ein Organ für sie da ist. Die übersinnliche Welt ist dem Menschen der Gegenwart verschlossen, weil bei ihm keine Organe dafür vorhanden sind. Sie verhält sich nicht anders für ihn, als sich die Welt der Farben und des Lichtes für den Blindgeborenen verhält.
[ 35 ] Hier sind nicht nur Gegenstände, die der Mensch mit dem Verstande und mit den Sinnen erfassen kann, hier sind noch ganz andere Wesenheiten. Indem Sie durch den Saal schreiten, schreiten Sie durch eine Welt des Geistigen, wie der Blinde, der die Stühle und Bänke nur tasten kann, durch eine Welt von Farben und Licht schreitet, ohne sie sehen zu können. Wie es von einem Blinden ein logisches Unding wäre, nachdem er gehört hat, daß es Farbe und Licht gibt, zu sagen, das sei Phantasterei, ebenso ist es unlogisch, daß der, welcher nicht übersinnlich sieht, sagt, es sei Phantasterei. Es hat immer Leute gegeben, welche mehr sehen konnten als die Mitmenschen. Eingeweihte oder Initiierte hat man solche Menschen genannt. Es sind das Menschen, die eine Art geistiger Neugeburt erlebt haben und von denen in allen Religionen erzählt wird. Es gibt einen geistigen Augenblick im Leben eines solchen Menschen, der eine viele größere Bedeutung hat als die physische Geburt. Dieser geistige Augenblick besteht darin, daß der Mensch, der sein geistiges Auge und sein geistiges Ohr eröffnet hat, eine ganz neue Welt wahrnehmen kann, daß er sich bis zur übersinnlichen Welt hinaufentwickelt hat. Diejenigen, welche von der übersinnlichen Welt zu sprechen berechtigt sind — die Stifter der Religionen —, haben zu den Menschen in demselben Sinne gesprochen, wie der Sehende zu dem Blinden vom Licht spricht und ihm davon erzählt.
[ 36 ] Neuerdings dringt die Botschaft von der übersinnlichen Welt wieder an die Menschen heran durch die Geisteswissenschaft. Dies geschieht in keinem anderen Sinn, als indem sie den Menschen zeigt, daß es immer Erleuchtete, Erfahrenere gegeben hat, die hineinschauen konnten in die übersinnliche Welt, und daß es heute noch Menschen gibt, die das geistige Auge offen haben, die die geistigen Eigenschaften der sinnlichen Dinge sehen. Sie zeigt, daß es Menschen gibt, die hinter die Pforte des Todes schauen können, die sehen können, welches der unsterbliche Teil des Menschen ist, was übrigbleibt von dem Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Über dieses alles in Einzelheiten aus der Forschung heraus Nachricht zu geben, ist unsere Aufgabe. Sie sind dazu berufen, einen neuen Mittelpunkt zu bilden, von dem aus die Menschen hören werden von der geistigen Welt.
[ 37 ] Es ist billig zu sagen: Gebt mir die Mittel, selbst hineinzuschauen. Jeder kann die Mittel haben, wenn er sich an die richtige Quelle wendet. Durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wird jedem die Möglichkeit geboten. Die erste Stufe ist aber, mit der heutigen Anschauungsweise sich zu erheben zu folgendem Gedanken, der sich in dem Menschen ausbildet: Ich höre von einem Mitmenschen, daß er hineinschauen kann in die übersinnliche Welt, ich höre, daß er mir sehr viel zu sagen versteht über die übersinnliche Welt, er erzählt im einzelnen, wie es nach dem Tode ausschaut, wie Kräfte und Wesenheiten die Welt durchpulsen, Kräfte und Wesenheiten, die dem gewöhnlichen Auge noch verschlossen sind. Ich kann zwar noch nicht hineinschauen in diese Welt, aber ich will meine Ahnung fragen, ob der Mann mir etwas Unwahrscheinliches sagt. Ich will meine Empfindung fragen, ob das nicht höchst wahrscheinlich klingt, wenn ich mich nicht durch materialistische Anschauungen abhalten lasse, ob das unbefangen klingt, was der Betreffende sagt. Dann will ich die Gedankenlogik zu Hilfe nehmen und sehen, ob er nicht etwas sagt, was das Leben erklärlich machen kann. Dann will ich noch weiter gehen. Ich will sagen, ich habe dich ruhig angehört, denn du hast etwas gesagt, was mit der Logik stimmt. Jetzt will ich das Schicksal des Menschen betrachten, will sehen, ob es mir erklärlich wird, wenn ich so die Welt betrachte. Indem ich mir also sage: nehmen wir einmal an, die Anschauung der Geisteswissenschaft wäre richtig, erklärt sie das Leben, wird das Leben verständlich? so prägen sich die Gedanken in meine Seele ein: ich will versuchen, im Leben zu erproben, ob sie Lebensfroheit, Lebenssicherheit, Lebenskraft gibt. So will ich Stück für Stück erproben, ob eine innere Möglichkeit besteht, das anzunehmen, was der Eingeweihte sagt. Ich will mich auf einen solchen Standpunkt stellen, wie sich eine merkwürdige Persönlichkeit in bezug auf die gewöhnliche Welt des Lichtes und der Farben gestellt hat.
[ 38 ] Öfters wurde schon das Leben der taubstummen und blinden Helen Keller erwähnt. Das ist eine Persönlichkeit, die mit sieben Jahren noch wie ein kleines wildes Tier war, die aber eine geniale Erzieherin gefunden hat, so daß sie so weit gekommen ist, daß sie nicht nur eine Durchschnittsbildung hatte, sondern sich messen konnte mit manchem gebildeten Menschen. Niemals ist sie imstande gewesen, Töne zu hören, Farben zu sehen, Licht wahrzunehmen. Finsternis und Stummheit lagerte um ihre Seele. Aber sie hat das, was andere Menschen von Farbe, Licht und Ton wahrgenommen haben, auf ihre Seele wirken lassen. Von ihr ist ein neues Büchelchen erschienen: «Optimismus». Sie zeigt darin, daß sie nicht nur unser Wissen aufgenommen hat, sondern auch von der Sprache und dem Wissen der Griechen und Römer. Sie spricht von den schönsten Schöpfungen des Hörens und Sehens, obgleich sie selbst nichts wahrgenommen hat. In ihrer Seele hat sich nicht nur so etwas ausgebildet wie Wortvorstellungen, sondern das Büchelchen über den Optimismus zeigt, daß sie Kraft und Sicherheit erhalten konnte aus den Mitteilungen der Sehenden um sie herum.
[ 39 ] So vermag der Mensch, wenn er sich nicht verschließt gegenüber den geistig Sehenden und Hörenden, Kraft und Sicherheit und Hoffnung für die Zukunft zu erhalten. Disharmonie macht schwach und kraftlos für das Leben. Sehend wird der Mensch für seine Umgebung, wenn er auf die Sehenden hört. Wissend wird er und frei handelnd, wenn er denen, die Kunde geben können, folgen kann. Das Leben vermag er in den Dienst des Übersinnlichen zu stellen. Eine neue Kultur aus dem Übersinnlichen heraus muß, wie das Lebensblut, den Staat und die gesellschaftlichen Formen durchdringen. So hängt die Erkenntnis des Übersinnlichen in der Gegenwart mit großen Lebensfragen zusammen. Wenn die großen Lebensfragen in den verschiedensten Formen von allen Seiten uns entgegendrängen, dann muß man erkennen, daß man etwas braucht, was einen tiefer hineinführt in das Verständnis des Lebens. Aus einer prophetischen Voraussicht gegenüber dem, was kommen muß, ist die geisteswissenschaftliche Weltanschauung herausgegriffen, herausgeschaffen. Das soll uns die Serie von Vorträgen des Winters zeigen in bezug auf die Fragen der großen Kulturströmungen und auch in bezug auf die einzelne Seele, die still und schlicht im häuslichen Heim schaffen muß vom Morgen bis zum Abend. Jede Seele findet in der Geistesforschung etwas, wodurch sie Kraft und Sicherheit, innere Befriedigung, Lebensmut und Lebensfreude finden kann und auch das Notwendige zu einem wirklich gedeihlichen Menschheitsfortschritte.
[ 40 ] Wenn auch noch manche da sind, welche über die geisteswissenschaftliche Erkenntnis des Übersinnlichen lächeln und als Praktiker, die sie sein wollen, sagen: was haben wir zu tun mit dem unpraktischen Zeug — die geisteswissenschaftliche Bewegung wird arbeiten und eine Zeit wird kommen, wo auch solche, die heute noch zu den Zweiflern und Kleinmütigen und Ungläubigen gehören, hinsehen werden auf diejenigen, die als Samen gesät worden sind, weil sie gebraucht werden zur Lösung der großen Fragen und Rätsel, die auf der Seele lasten werden. Immer mehr und mehr werden sie gebraucht werden für den Menschheitsfortschritt schon in der nächsten Zukunft für die Fragen, die nicht menschlich willkürlich sind, sondern durch das Leben mit starker Kraft gestellt werden.
