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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Recognizing the Supernatural in our Time
and its Significance for Modern Life
GA 55

22 November 1906, Berlin

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4. Der Ursprung des Bösen

4. The Origin of Evil

[ 1 ] Es ist charakteristisch für die ganze heutige Literatur, daß sie so wenig vom Bösen spricht. Der Materialismus befaßt sich eben nicht mit dem Bösen. Leid, Krankheit und Tod können anscheinend eine materielle Erklärung finden, aber das Böse nicht. Beim Tier spricht man von Grausamkeit, Schädlichkeit, aber böse kann man das Tier nicht nennen. Das Böse erschöpft sich innerhalb des Menschenreiches. Die heutige Naturwissenschaft sucht den Menschen aus dem Tier heraus zu begreifen und verwischt alle Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Darum muß sie auch das Böse leugnen. Man muß, um das Böse zu finden, ganz eingehen auf die menschlichen Eigenschaften. Man muß erkennen, daß der Mensch ein eigenes Reich in Anspruch nimmt. Wir wollen diese Frage jetzt vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus betrachten.

[ 1 ] It is characteristic of all contemporary literature that it speaks so little of evil. Materialism simply does not concern itself with evil. Suffering, illness, and death can apparently be explained in material terms, but evil cannot. When speaking of animals, one refers to cruelty and harmfulness, but one cannot call an animal evil. Evil is confined to the human realm. Modern natural science seeks to understand humans by reducing them to animals and blurs all distinctions between humans and animals. That is why it must also deny the existence of evil. To find evil, one must delve deeply into human characteristics. One must recognize that human beings occupy a realm of their own. Let us now consider this question from the perspective of the spiritual sciences.

[ 2 ] Es gibt eine menschliche Urweisheit, die hinter dem rein äußerlichen Sinnenschein der Dinge zum eigentlichen Wesen der Dinge vordringt. Früher wurde diese Weisheit in engen Kreisen bewahrt und nur nach strengen Proben wurde der Zugang zu diesen Kreisen gewährt. Ehe ein Mensch Zutritt erlangte, mußte er den Hütern dieser Weisheit bewiesen haben, daß er sein Wissen nur in selbstlosester Weise verwenden werde. Seit den letzten Jahrzehnten ist das Elementare dieser Weisheits-Wissenschaft aus gewissen Gründen popularisiert worden. Immer mehr wird davon ins tägliche Leben einfließen. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.

[ 2 ] There is a primal human wisdom that penetrates beyond the purely superficial appearance of things to reach their true essence. In the past, this wisdom was preserved within closed circles, and access to these circles was granted only after rigorous trials. Before a person was granted access, they had to prove to the guardians of this wisdom that they would use their knowledge only in the most selfless manner. In recent decades, the fundamentals of this wisdom-science have been popularized for certain reasons. More and more of it will find its way into daily life. We are only at the beginning of this development.

[ 3 ] Wie hängt nun das Böse mit der eigentlichen Menschennatur zusammen? Oft hat man sich das Böse auf die verschiedenste Art zu erklären versucht. Da hat man gesagt: Es gibt kein Böses im eigentlichen Sinne des Wortes. Es ist ein herabgemindertes Gutes, es ist das schlechteste Gute. Denn wie es bei allem verschiedene Grade des Daseins gibt, so auch beim Guten. Oder man sagte: Wie das Gute eine Urmacht ist, so ist es auch das Böse. Diese Ansicht prägte sich namentlich in der persischen Mythe von Ormuzd und Ahriman aus. Die Geheimwissenschaft erst zeigt aus der Tiefe der menschlichen und der ganzen kosmischen Natur heraus, wie das Böse zu begreifen ist. Leugnet man es, kann man es gar nicht begreifen. Man muß verstehen, welche Aufgabe, welche Mission das Böse in der Welt hat. Aus der Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein sehen wir, wie die Menschen aus der Vergangenheit geworden sind und was das Böse in ihrem Entwicklungsgang bedeuten soll.

[ 3 ] How, then, is evil related to human nature itself? People have often tried to explain evil in a wide variety of ways. Some have said: There is no evil in the true sense of the word. It is a diminished form of good; it is the worst kind of good. For just as there are different degrees of existence in everything, so too is it with good. Or it has been said: Just as good is a primal force, so too is evil. This view found particular expression in the Persian myth of Ormuzd and Ahriman. Only esoteric science reveals, from the depths of human and cosmic nature as a whole, how evil is to be understood. If one denies it, one cannot understand it at all. One must understand what task, what mission evil has in the world. Looking at the future development of humanity, we see how people have emerged from the past and what evil is meant to signify in their course of development.

[ 4 ] Die Geheimwissenschaft lehrt das Dasein gewisser hochentwickelter Menschen, der Eingeweihten oder Initiierten. In den Geheimschulen aller Zeiten wird gelehrt, wie sich der Mensch auf eine solche Entwicklungsstufe bringen kann. Bestimmte Übungen werden da vorgeschrieben, die auf ganz natürliche Weise den Menschen fortentwickeln. Meditations- und Konzentrationsübungen sind es, die dem Menschen eine andere Anschauung geben sollen, eine Anschauung, die er nicht mit dem Verstande und den fünf Sinnen erwerben kann. Die Meditation führt zunächst weg von der sinnlichen Auffassung. Durch innere seelische Arbeit wird da der Mensch frei von den Sinnen. Etwas Ähnliches geht da im Menschen vor sich wie bei der Operation eines Blindgeborenen. Eine Art Operation findet statt, die geistige Augen und Ohren öffnet. Diese Entwicklung wird in längerer Zeit die ganze Menschheit erreichen. Das Weltliche darf man darum aber nicht verleugnen, wenn man sich höher entwickeln will. Weltflüchtige Askese taugt nicht fürs Hellsehen. Hellsehen ist die Frucht dessen, was die Seele in der Sinnenwelt sammelt. Schön verglich die griechische Philosophie die Menschenseele mit einer Biene. Die Welt von Farben und Licht bietet der Seele den Honig, den sie mitbringt in die höhere Welt. Sinnenerfahrung muß die Seele vergeistigen und hinauftragen in höhere Welten.

[ 4 ] Esoteric science teaches of the existence of certain highly evolved human beings, the initiates. In the esoteric schools of all ages, it is taught how a person can reach such a stage of development. Specific exercises are prescribed there that further develop the individual in a completely natural way. These are exercises in meditation and concentration, intended to give the individual a different perspective—one that cannot be attained through the intellect or the five senses. Meditation initially leads away from sensory perception. Through inner spiritual work, the individual becomes free from the senses. Something similar takes place within a person as in the “operation” of a person born blind. A kind of operation takes place that opens spiritual eyes and ears. Over time, this development will reach all of humanity. However, one must not renounce the worldly realm if one wishes to develop to a higher level. Asceticism that turns away from the world is not suitable for clairvoyance. Clairvoyance is the fruit of what the soul gathers in the sensory world. Greek philosophy beautifully compared the human soul to a bee. The world of colors and light offers the soul the honey that it carries with it into the higher world. Sensory experience must spiritualize the soul and carry it up into higher worlds.

[ 5 ] Welche Aufgabe hat nun die Seele, die frei ist vom Leibe? Wir treffen hier auf einen wichtigen Grundsatz. Jedes Wesen wird, wenn es sich herausentwickelt hat, auf einer höheren Stufe Leiter und Führer derjenigen Wesen und Formen, durch die es durchgegangen ist. Wir sehen da ein Zukunftsbild. Wenn der Mensch sich so vergeistigt haben wird, daß er den physischen Leib nicht mehr braucht, wirkt der Mensch als geistiger Leiter von außen auf die Welt ein. Dann ist die Aufgabe dieses Planeten erfüllt. Er geht dann zu einer anderen Verkörperung über. Die Erde wird dann ein neues planetarisches Dasein erhalten. Die Menschen werden dann die Götter des neuen Planeten sein. Der Menschheitsleib, der verlassen ist vom Geist, wird niederes Reich sein. Wir tragen jetzt eine doppelte Natur in uns: das, was herrschen wird auf dem nächsten Planeten, und das, was das niedere Reich sein wird. So wie die Erde sich neu verkörpern wird, so hat sie sich auch herausgebildet aus früheren Entwicklungsvorgängen, und so wie die Menschen die Götter des nächsten Planeten sein werden, so waren die uns jetzt leitenden Wesenheiten Menschen auf dem vorhergehenden Planeten, und sie hatten als Niederes das, was wir Menschen auf der Erde sind. Damit finden wir den Zusammenhang der Erde mit Vorgängen, die in der Vergangenheit und in der Zukunft liegen. Die Stufe, die der Mensch heute auf der Erde hat, hatten einstmals die Wesen, die die Schöpfer und Führer der Menschen heute sind, die ElohimGeister, die sich offenbaren als Führer der Entwicklung des Menschen. Und die Menschen werden auf dem zukünftigen Planeten so weit sein, daß sie selbst Lenker und Leiter sind. Aber man muß nicht denken, es müsse sich nun genau so wiederholen; dasselbe wiederholt sich nie. Nichts geschieht zweimal in der Welt. Nie war das Dasein so wie jetzt auf der Erde. Das Erdendasein bedeutet den Kosmos der Liebe, das Dasein auf dem früheren Planeten bedeutet den Kosmos der Weisheit. Die Liebe vom Elementarsten bis zum Höchsten sollen wir entwickeln. Die Weisheit ruht verborgen auf dem Grunde des Erdendaseins. Darum soll man nicht von der «niederen» physischen Menschennatur sprechen, denn sie ist gewissermaßen die vollkommenste Form des Menschen. Man betrachte den weisheitsvollen Bau eines Knochens, zum Beispiel des Oberschenkelknochens. Da ist das Problem: mit dem geringsten Aufwand von Material und Kraft die größtmöglichste Gewichtsmasse zu tragen, in vollkommenster Art gelöst. Man schaue sich den Wunderbau des Herzens, des Gehirns an! Der Astralleib steht nicht etwa höher. Er ist der Genießer, der fortwährende Attacken auf das weisheitsvoll gebaute Herz macht. Er wird noch lange brauchen, um so vollkommen und weise zu sein wie der physische Leib. Aber er muß es werden. Darin besteht die Entwicklung. Auch der physische Leib mußte sich so entwickeln. Was weise an ihm ist, mußte aus Unweisheit und Irrtum hervorgehen. Die Weisheitsentwicklung ging der Liebesentwicklung voraus. Die Liebe ist noch nicht vollkommen. Aber in der ganzen Natur ist sie zu finden. Bei der Pflanze, beim Tier, beim Menschen, von der niedersten Geschlechtsliebe an bis zur höchsten, vergeistigtesten Liebe. Ungeheure Mengen von Wesen, die der Liebestrieb hervorgebracht, gehen im Kampf ums Dasein zugrunde. Kampf wirkt überall da, wo Liebe ist. Das Auftreten der Liebe bringt Kampf, notwendigen Kampf mit sich. Aber sie wird ihn auch überwinden, wird den Krieg in Harmonie verwandeln.

[ 5 ] What, then, is the task of the soul that is free from the body? Here we encounter an important principle. Every being, once it has evolved fully, becomes, on a higher plane, a guide and leader of those beings and forms through which it has passed. We see a vision of the future here. When human beings have become so spiritualized that they no longer need the physical body, they will influence the world from the outside as spiritual leaders. Then this planet’s mission will be fulfilled. It will then transition to another incarnation. The Earth will then take on a new planetary existence. Human beings will then be the gods of the new planet. The body of humanity, abandoned by the spirit, will become the lower kingdom. We now carry a dual nature within us: that which will reign on the next planet, and that which will become the lower kingdom. Just as the Earth will take on a new embodiment, so too did it emerge from earlier stages of development; and just as human beings will be the gods of the next planet, so too were the beings who now guide us human beings on the previous planet, and they had, as their lower realm, what we humans are on Earth. Thus we find the connection between the Earth and events that lie in the past and in the future. The stage that human beings occupy on Earth today was once occupied by the beings who are now the creators and guides of humanity—the Elohim spirits, who reveal themselves as the guides of human evolution. And on the future planet, human beings will have advanced to the point where they themselves will be the guides and leaders. But one must not think that this will repeat itself exactly in the same way; the same thing never repeats itself. Nothing happens twice in the world. Existence on Earth has never been as it is now. Earthly existence represents the cosmos of love; existence on the former planet represents the cosmos of wisdom. We are to develop love from its most elementary form to its highest. Wisdom lies hidden at the very foundation of earthly existence. Therefore, one should not speak of the “lower” physical human nature, for it is, in a sense, the most perfect form of the human being. Consider the wise structure of a bone, for example, the femur. There, the problem—to bear the greatest possible mass with the least expenditure of material and energy—is solved in the most perfect way. Just look at the marvelous structure of the heart and the brain! The astral body is by no means superior. It is the one that constantly launches attacks on the wisely constructed heart. It will take a long time for it to become as perfect and wise as the physical body. But it must become so. That is what development consists of. The physical body, too, had to develop in this way. What is wise in it had to emerge from ignorance and error. The development of wisdom preceded the development of love. Love is not yet perfect. But it can be found throughout all of nature. In plants, in animals, in humans—from the lowest sexual love to the highest, most spiritualized love. Vast numbers of beings brought forth by the love instinct perish in the struggle for existence. Struggle is at work wherever love is present. The emergence of love brings with it struggle—a necessary struggle. But love will also overcome it, transforming war into harmony.

[ 6 ] Weisheit ist das Charakteristikum der physischen Natur. Da, wo diese Weisheit von Liebe durchsetzt ist, da erst ist der Anfang der Erdentwicklung. Wie heute Kampf auf der Erde ist, war auf dem früheren Planeten Irrtum zu finden. Merkwürdige Fabelwesen wandelten da umher, Irrtümer der Natur, die nicht entwicklungsfähig waren. Wie Liebe aus Lieblosem hervorgeht, so die Weisheit aus Unweisheit. Die, welche die Erdentwicklung erreichen, werden die Liebe als eine Naturkraft in den nächsten Planeten hineinbringen. So ward auch einst die Weisheit auf die Erde getragen. Die Menschen der Erde schauen auf zu den Göttern als zu den Bringern der Weisheit. Die Menschen des folgenden Planeten werden zu den Göttern als zu den Bringern der Liebe aufschauen. Die Weisheit wird den Menschen als göttliche Offenbarung von den Menschen des früheren Planeten zuteil. Alle Reiche der Welt hängen unter sich zusammen. Wenn es keine Pflanzen gäbe, so würde in kurzer Zeit die Lebensluft verpestet sein; denn Mensch und Tier atmen Sauerstoff ein und lebenvernichtende Kohlensäure wieder aus. Doch die Pflanzen atmen Kohlensäure ein und geben Sauerstoff von sich. So hängt hier hinsichtlich der Lebensluft das Höhere vom Niederen ab.

[ 6 ] Wisdom is the defining characteristic of physical nature. Only where this wisdom is imbued with love does the development of the Earth truly begin. Just as there is strife on Earth today, error was found on the earlier planet. Strange mythical creatures roamed there—errors of nature that were incapable of evolution. Just as love arises from lovelessness, so does wisdom arise from ignorance. Those who attain Earth’s evolution will bring love as a force of nature into the next planet. Thus, too, wisdom was once brought to Earth. The people of Earth look up to the gods as the bringers of wisdom. The people of the next planet will look up to the gods as the bringers of love. Wisdom will be bestowed upon humanity as a divine revelation from the people of the earlier planet. All the kingdoms of the world are interconnected. If there were no plants, the air we breathe would soon be polluted; for humans and animals inhale oxygen and exhale carbon dioxide, which destroys life. But plants inhale carbon dioxide and release oxygen. Thus, with regard to the air we breathe, the higher depends on the lower.

[ 7 ] So ist es nun in allen Reichen. Wie das Tier und der Mensch von der Pflanze, so sind wieder die Götter von den Menschen abhängig. Das hat die griechische Mythe so schön ausgedrückt: Die Götter erhalten von den Sterblichen Nektar und Ambrosia. Beide bedeuten die Liebe. Die Liebe wird innerhalb des Menschengeschlechtes erzeugt. Und Liebe atmet das Göttergeschlecht ein, sie ist die Götternahrung. Die Liebe, die von den Menschen erzeugt wird, wird den Göttern Speise. Das ist viel wirklicher als etwa die Elektrizität, so seltsam es zuerst erscheint. Die Liebe tritt zuerst als Geschlechtsliebe auf und entwickelt sich hinauf bis zur höchsten geistigen Liebe. Aber alle Liebe, niedere und hohe, ist Götteratem. Nun kann man sagen: Wenn das alles so ist, kann es kein Böses geben. Aber Weisheit liegt der Welt zugrunde, Liebe entwickelt sich. Weisheit wird die Lenkerin der Liebe. So wie alle Weisheit aus Irrtum geboren wird, ringt sich alle Liebe nur aus Kämpfen zur Höhe empor.

[ 7 ] This is how it is in all realms. Just as animals and humans depend on plants, so too do the gods depend on humans. The Greek myth expressed this so beautifully: The gods receive nectar and ambrosia from mortals. Both symbolize love. Love is generated within the human race. And the divine race breathes in this love; it is the food of the gods. The love generated by humans becomes the sustenance of the gods. This is far more real than, say, electricity, however strange it may seem at first. Love first appears as sexual love and develops upward to the highest spiritual love. But all love, whether lowly or exalted, is the breath of the gods. Now one might say: If all this is true, then there can be no evil. But wisdom underlies the world; love develops. Wisdom becomes the guide of love. Just as all wisdom is born of error, all love struggles upward to the heights only through conflict.

[ 8 ] Nicht alle Wesen des früheren Planeten stiegen zur Höhe der Weisheit hinan. Es sind Wesen zurückgeblieben, sie stehen ungefähr zwischen Göttern und Menschen. Sie brauchen noch etwas vom Menschen. Aber in einen physischen Körper können sie sich nicht mehr kleiden. Luziferische Wesenheiten nennt man sie, oder man faßt sie zusammen unter dem Namen Luzifer als ihrem Anführer. Wie wirkt nun Luzifer auf die Menschen? Nicht so wie die Götter. Das Göttliche tritt an das Edelste im Menschen heran, aber an das Niedere kann und soll es nicht kommen. Weisheit und Liebe werden erst am Ende der Entwicklung ihre Vermählung feiern. Aber die luziferischen Wesenheiten treten an das niedere, unentwickelte Element der Liebe heran. Sie bilden die Brücke zwischen Weisheit und Liebe. So erst mischt sich die Weisheit mit der Liebe. Das, was sich nur ans Unpersönliche wendet, verstrickt sich so mit der Persönlichkeit. Auf dem früheren Planeten war die Weisheit ein Instinkt, wie es heute die Liebe ist. Ein schöpferischer Weisheitsinstinkt war herrschend, wie heute ein schöpferischer Liebesinstinkt. Früher hatte also die Weisheit den Menschen instinktmäßig geführt. Dadurch aber, daß die Weisheit heraustrat und nicht mehr führte, ward der Mensch selbstbewußt, er wußte sich als ein selbständiges Wesen. Im Tier ist die Weisheit noch instinktmäßig, darum ist es noch nicht selbstbewußt. Aber die Weisheit wollte den Menschen nun von außen lenken und leiten, ohne daß die Liebe einen Zusammenhang damit hatte. Da Luzifer kam, pflanzte er die menschliche Weisheit in die Liebe. Und die menschliche Weisheit schaut auf zur göttlichen Weisheit. Im Menschen ward die Weisheit zum Enthusiasmus, zur Liebe selbst. Hätte nur die Weisheit ihren Einfluß ausgeübt, so wäre der Mensch nur gut geworden, er hätte die Liebe nur zum Aufbau des Erdenbewußtseins gebraucht. Aber Luzifer brachte die Liebe mit dem Selbst in Verbindung, zum Selbstbewußtsein trat die Selbstliebe. Das wird schön im Paradiesesmythus ausgedrückt: «... und sie sahen, daß sie nackend waren», das heißt, damals sahen die Menschen zum ersten Male sich selbst, vorher hatten sie nur die Umwelt gesehen. Da hatten sie nur ein Erdenbewußtsein, aber kein Selbstbewußtsein. Nun konnten die Menschen die Weisheit in den Dienst des Selbst stellen. Selbstlose Liebe zur Umwelt und Liebe zum Selbst gab es von nun an. Und die Selbstliebe war böse und die Selbstlosigkeit war gut. Nie hätte der Mensch ein warmes Selbstbewußtsein bekommen ohne Luzifer. Denken und Weisheit traten nun in den Dienst des Selbst. Nun gab es eine Wahl zwischen gut und böse. Nur um das Selbst in den Dienst der Welt zu stellen, darf Liebe zum Selbst hinzutreten. Nur wenn die Rose den Garten zieren will, darf sie sich selbst schmücken. Das muß man sich bei einer höheren, okkulten Entwicklung tief in die Seele schreiben. Um das Gute fühlen zu können, mußte der Mensch auch das Böse fühlen können. Enthusiasmus für das Höhere gaben ihm die Götter. Aber ohne das Böse konnte es kein Selbstgefühl, keine freie Wahl des Guten, keine Freiheit geben. Das Gute konnte ohne Luzifer verwirklicht werden, die Freiheit nicht. Um das Gute wählen zu können, muß der Mensch auch das Böse vor sich haben, es muß ihm innewohnen als Kraft der Selbstliebe. Aber die Selbstliebe muß zur All-Liebe werden. Dann wird das Böse überwunden sein. Freiheit und das Böse entspringen aus demselben Punkt. Luzifer enthusiasmiert den Menschen menschlich für das Göttliche. Luzifer ist der Träger des Lichts. Elohim ist das Licht selbst. Hat das Licht der Weisheit die Weisheit im Menschen entzündet, so hat Luzifer das Licht in den Menschen hineingetragen. Aber der schwarze Schatten des Bösen mußte sich hineinmischen. Luzifer bringt eine eingeschränkte, fleckenerfüllte Weisheit, aber diese kann in den Menschen eindringen. Luzifer ist der Träger der äußeren, menschlichen Wissenschaft, die ja im Dienste des Egoismus steht. Darum wird vom okkulten Schüler Selbstlosigkeit gegenüber dem Wissen verlangt. Dies ist der Ursprung des Bösen in der menschlichen Entwicklung. Was der Sauerteig des alten Brotteiges für das neue Brot ist, das ist vom früheren Planeten Luzifer für uns. Das Böse wird gut an seinem Ort. Bei uns ist es nicht mehr gut. Das Böse ist ein versetztes Gutes. Das absolut Gute eines Planeten bringt in einem seiner Teile zum neuen Planeten immer auch das Böse mit. Das Böse ist ein notwendiger Entwicklungsgang.

[ 8 ] Not all beings from the former planet ascended to the heights of wisdom. Some beings remained behind; they occupy a position roughly between the gods and human beings. They still need something from human beings. But they can no longer take on a physical body. They are called Luciferic beings, or they are grouped together under the name Lucifer, their leader. How, then, does Lucifer influence human beings? Not in the same way as the gods. The divine approaches the noblest aspect of the human being, but it cannot and must not approach the lower aspects. Wisdom and love will not celebrate their union until the end of evolution. But the Luciferic entities approach the lower, undeveloped element of love. They form the bridge between wisdom and love. Only in this way does wisdom mingle with love. That which turns only toward the impersonal thus becomes entangled with the personality. On the earlier planet, wisdom was an instinct, just as love is today. A creative instinct of wisdom prevailed, just as a creative instinct of love does today. In the past, then, wisdom had guided human beings instinctively. But because wisdom stepped back and ceased to guide, human beings became self-aware; they recognized themselves as independent beings. In animals, wisdom is still instinctive; that is why they are not yet self-aware. But wisdom now sought to direct and guide human beings from the outside, without love having any connection to it. When Lucifer came, he implanted human wisdom into love. And human wisdom looks up to divine wisdom. In human beings, wisdom became enthusiasm, became love itself. Had wisdom alone exerted its influence, human beings would have become only good; they would have needed love only for the development of earthly consciousness. But Lucifer linked love to the self; self-love joined self-awareness. This is beautifully expressed in the myth of Paradise: “... and they saw that they were naked”—that is, at that moment humans saw themselves for the first time; before that, they had seen only their surroundings. At that time, they had only earthly consciousness, but no self-awareness. Now humans could put wisdom in the service of the self. From then on, there was selfless love for the environment and love for the self. And self-love was evil, while selflessness was good. Without Lucifer, humans would never have attained a warm sense of self-awareness. Thought and wisdom now entered into the service of the self. Now there was a choice between good and evil. Love for the self may be added only in order to place the self in the service of the world. Only when the rose wishes to adorn the garden may it adorn itself. This must be deeply engraved upon the soul in the course of a higher, occult development. In order to be able to feel the good, humankind also had to be able to feel the evil. The gods gave them enthusiasm for the higher. But without evil, there could be no sense of self, no free choice of good, no freedom. Good could be realized without Lucifer, but freedom could not. In order to choose good, humanity must also have evil before it; it must be inherent in humanity as the force of self-love. But self-love must become universal love. Then evil will be overcome. Freedom and evil spring from the same source. Lucifer inspires in humans a human enthusiasm for the divine. Lucifer is the bearer of light. Elohim is the light itself. Just as the light of wisdom has kindled wisdom within humans, so Lucifer has carried the light into humans. But the black shadow of evil had to intrude. Lucifer brings a limited, flawed wisdom, but this can penetrate human beings. Lucifer is the bearer of external, human science, which, after all, serves egoism. That is why selflessness toward knowledge is required of the occult student. This is the origin of evil in human development. Just as the leaven in the old dough is to the new bread, so is the former planet Lucifer to us. Evil becomes good in its proper place. For us, it is no longer good. Evil is good that has been distorted. The absolute good of a planet always brings evil with it in one of its parts to the new planet. Evil is a necessary stage of development.

[ 9 ] Man darf nicht sagen, die Welt sei unvollkommen, weil das Böse in ihr ist. Vielmehr ist sie gerade darum vollkommen. Wenn in einem Gemälde herrliche Lichtgestalten und böse Teufelsfratzen zugleich dargestellt sind, so würde man das Bild doch vernichten, wenn man die Teufelsfratzen herausschneiden wollte. Die Weltenschöpfer brauchten das Böse, um das Gute zur Entfaltung zu bringen. Was sich erst am Felsen des Bösen brechen muß, ist ein Gutes. Durch Selbstliebe nur kann es die All-Liebe zu ihrer höchsten Blüte bringen. Darum hat Goethe so recht, wenn er im Faust den Mephisto sagen läßt:

[ 9 ] One must not say that the world is imperfect because evil exists within it. On the contrary, it is perfect precisely because of that. If a painting depicts both magnificent figures of light and evil, demonic grimaces at the same time, one would still destroy the painting if one tried to cut out the demonic grimaces. The creators of the world needed evil to bring about the full development of good. That which must first be tested against the rock of evil is good. Only through self-love can universal love reach its highest flowering. That is why Goethe is so right when he has Mephisto say in Faust:

«Ich bin ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft.»

“I am a part of that force,
which always intends evil and always brings about good.”