Recognizing the Supernatural in our Time
and its Significance for Modern Life
GA 55
8 November 1906, Berlin
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Recognizing the Supernatural in our Time, tr. SOL
3. Der Ursprung des Leides
3. The Origin of Suffering
[ 1 ] Mehr noch als die anderen Vorträge des Winterzyklus hängen die drei nächsten zusammen: der heutige «Über den Ursprung des Leids», der nächste «Über den Ursprung des Bösen» und der folgende «Wie begreift man Krankheit und Tod?», doch wird jeder von diesen drei Vorträgen auch in sich selbst abgeschlossen und verständlich sein.
[ 1 ] Even more so than the other lectures in the winter series, the next three are interconnected: today’s “On the Origin of Suffering,” the next one, “On the Origin of Evil,” and the one after that, “How Do We Understand Illness and Death?” However, each of these three lectures will also stand on its own and be understandable in its own right.
[ 2 ] Wenn der Mensch das Leben rings um sich her betrachtet, wenn er Selbstschau hält und den Sinn und die Bedeutung des Lebens bei sich selbst erforschen will, dann findet er einen eigentümlichen, zum Teil warnenden, zum Teil ganz rätselvollen Wächter vor dem Tore dieses Lebens stehen: das Leid.
[ 2 ] When a person contemplates the life around them, when they engage in self-reflection and seek to explore the meaning and significance of life within themselves, they find a peculiar guardian standing at the gate of this life—one that is at times a warning and at times utterly enigmatic: suffering.
[ 3 ] Das Leiden, das seinerseits wiederum eng verbunden ist mit dem, was wir in den nächsten Vorträgen betrachten wollen, mit dem Bösen, mit Krankheit und Tod, erscheint dem Menschen manchmal als etwas, was so tief ins Leben eingreift, daß es mit den allerhöchsten Fragen des Lebens zusammenzuhängen scheint. Daher ist die Frage nach dem Leide eine der wesentlichsten aller Weltanschauungen seit den ältesten Zeiten des Menschengeschlechts, und immer, wenn man versuchte, den Wert des Lebens abzuschätzen, den Sinn des Lebens zu erkennen, hat man vor allen Dingen erkennen wollen, welche Rolle das Leid, der Schmerz im menschlichen Leben spielt.
[ 3 ] Suffering—which, in turn, is closely linked to what we intend to examine in the following lectures, namely evil, illness, and death—sometimes appears to human beings as something that intrudes so deeply into life that it seems to be connected to the most fundamental questions of existence. For this reason, the question of suffering has been one of the most fundamental aspects of all worldviews since the earliest times of humankind, and whenever people have attempted to assess the value of life or to discern its meaning, they have sought above all to understand the role that suffering and pain play in human life.
[ 4 ] Wie ein Störenfried erscheint das Leid mitten im fröhlichen Leben, es erscheint als eine Herabminderung von Lebenlust und Lebenshoffnung. Gerade diejenigen, welche den Wert des Lebens in der Lebensfreudigkeit suchen, welche nur für die Lebensfreudigkeit da zu sein scheinen, haben diesen Störenfried, Leid und Schmerz, am meisten empfunden. Wie wäre es sonst erklärbar, daß bei einem so lebensfrohen, so in Lebensfreudigkeit aufgehenden Volke, wie es die Griechen waren, ein Ausspruch wie ein dunkler Punkt am Sternenhimmel der Schönheit des Griechentums auftaucht, der Ausspruch des weisen Silen im Gefolge des Dionysos: Was ist für den Menschen das Beste? Das Beste für den Menschen ist, nicht geboren zu sein, und ist er einmal geboren, so ist das Zweitbeste, bald nach der Geburt zu sterben. — Vielleicht wissen Sie, daß Friedrich Nietzsche, als er die Geburt der Tragödie aus dem Geiste des alten Griechentums zu begreifen suchte, an diesen Spruch anknüpfte, um zu zeigen, wie auf dem Grunde griechischer Lebensweisheit und griechischer Kunst das Leid und die Betrübnis des Menschen über das Leid und über das, was damit zusammenhängt, eine bedeutungsvolle Rolle spielt.
[ 4 ] Suffering appears like a troublemaker in the midst of a joyful life; it appears as a diminishment of the zest for life and hope in life. It is precisely those who seek the value of life in its joy, who seem to exist solely for that joy, who have felt this troublemaker—suffering and pain—the most. How else could one explain that among a people as full of life and so absorbed in the joy of living as the Greeks were, a saying should appear like a dark spot in the starry sky of Greek beauty—the saying of the wise Silenus in the retinue of Dionysus: “What is best for man?” The best thing for a human being is not to be born, and once born, the next best thing is to die soon after birth.” — Perhaps you know that Friedrich Nietzsche, when he sought to understand The Birth of Tragedy from the Spirit of Ancient Greece, drew upon this saying to show how, at the very foundation of Greek wisdom and Greek art, human suffering and sorrow—over suffering and all that is connected with it—play a significant role.
[ 5 ] Nun aber finden wir auch einen anderen und kaum viel jüngeren Satz aus dem Griechentum, einen kurzen Ausspruch, der uns zu gleicher Zeit zeigt, wie in einer gewissen Art wiederum aus diesem alten Griechentum heraus eine Erkenntnis aufdämmert, daß das Leiden und die Schmerzen der Welt doch nicht bloß eine verhängnisvolle Rolle spielen. Es ist der Ausspruch, den wir bei einem der ältesten griechischen Tragiker, bei Äschylos finden, daß aus Leiden Erkenntnis erwächst. Da werden zwei Dinge zusammengebracht, von denen zweifellos ein großer Teil der Menschheit das eine aus dem Leben hinweggelöscht haben möchte, während er das andere, die Erkenntnis, als eines der höchsten Güter des Lebens betrachtet.
[ 5 ] But now we also find another saying from ancient Greece, one that is hardly much younger—a brief aphorism that simultaneously shows us how, in a certain sense, an insight is dawning once again from this ancient Greek tradition: that the suffering and pain of the world do not, after all, play merely a fateful role. It is the saying found in the works of one of the oldest Greek tragedians, Aeschylus, that insight arises from suffering. Here, two things are brought together, one of which a large part of humanity would undoubtedly like to erase from life, while regarding the other—insight—as one of life’s highest goods.
[ 6 ] Daß das Leben und das Leid, wenigstens das Leben der heutigen Menschen und der höheren Wesen auf unserem Erdenrund, tief verflochten sind, hat man von jeher geglaubt einsehen zu müssen. So stehen nicht nur am Ausgangspunkt des biblischen Schöpfungsmythos Erkenntnis des Guten und Bösen und Leid innig miteinander verbunden, sondern wir sehen auch auf der anderen Seite, mitten aus der Anschauung des Alten Testaments heraus, wie aus einer schwarzen Anschauung des Leidens auch eine helle, lichtvolle aufdämmert. Wenn wir uns im Alten Testament umsehen, wenn wir den Schöpfungsmythos in bezug auf diese Frage verfolgen, so wird uns klar, daß man innerhalb dieser alten Weltanschauung Leiden und Sünde zusammenbrachte, daß man Leid als die Folge der Sünde ansah. Heute, bei der Denkweise, die selbst da, wo man nicht recht will, sich der materialistischen Weltauffassung nähert, begreift man nicht m hr leicht, wie man in der Sünde die Ursache des Leidens suchen kann. Aber wenn wir Geistesforscher sind und uns in frühere Zeitalter hineindenken lernen, dann werden wir sehen, daß es nicht ganz so unsinnig ist, an einen solchen Zusammenhang zu glauben, und der nächste Vortrag wird uns zeigen, daß es eine Möglichkeit gibt, einen Zusammenhang zwischen dem Bösen und dem Leid zu sehen. Das Leid aber aus seinen Ursachen zu erklären, stellte sich für die Anschauung des alten Judentums als eine Unmöglichkeit heraus. So sehen wir, daß mitten in dieser Anschauung, die Leid und Sünde in Zusammenhang bringt, die merkwürdige Gestalt des Hiob steht, jene Gestalt, die uns zeigt oder zeigen will, wie Leiden und unsägliche Schmerzen mit einem vollkommen unschuldigen Leben zusammenhängen können, wie es unverdiente Leiden und Schmerzen geben kann. In dem Bewußtsein dieser eigenartig tragischen Persönlichkeit Hiob sehen wir noch einen anderen Zusammenhang von Leid und Schmerz aufdämmern, einen Zusammenhang mit der Veredlung des Menschen. Das Leid erscheint uns da als eine Prüfung, als Wurzel eines Aufwärtsklimmens, einer Höherentwicklung. So braucht dieses Leiden im Sinne dieser Hiob-Tragik keineswegs seinen Ursprung im Bösen zu haben, sondern kann selbst erster Ursprung sein, so daß das, was aus ihm hervorgeht, eine vollkommenere Phase menschlichen Daseins, menschlichen Lebens darstellt. Das alles liegt unserem heutigen, modernen Denken ziemlich fern, und die breitere Masse unseres heutigen gebildeten Publikums kann sich nicht mehr in eine solche Denkweise hineinfinden. Sie brauchen aber nur in Ihrem Leben etwas zurückzudenken und Sie werden sehen, daß Vollkommenheit und Leid gar oft auch vor Ihren Augen zusammengestellt erschien, und daß es in der Menschheit immer ein Bewußtsein gegeben hat von dem Zusammenhang zwischen Leiden und Vollkommenheit. Dieses Bewußtsein wird uns hinüberheben zu dem, was wir heute im Sinne der Geistesforschung zu betrachten haben werden, nämlich den Zusammenhang zwischen Leiden und Geistigkeit.
[ 6 ] It has always been believed that life and suffering—at least the lives of people today and of the higher beings on our Earth—are deeply intertwined. Thus, not only are the knowledge of good and evil and suffering intimately connected at the very beginning of the biblical creation myth, but we also see, on the other hand, from the perspective of the Old Testament, how a bright, luminous view of suffering dawns from within a dark one. When we look around in the Old Testament, when we trace the creation myth in relation to this question, it becomes clear to us that within this ancient worldview, suffering and sin were brought together, that suffering was viewed as the consequence of sin. Today, with a way of thinking that—even where one does not really intend to—tends toward a materialistic worldview, it is no longer easy to understand how one could seek the cause of suffering in sin. But if we are spiritual researchers and learn to put ourselves in the mindset of earlier ages, then we will see that it is not entirely nonsensical to believe in such a connection, and the next lecture will show us that there is a way to perceive a connection between evil and suffering. Explaining suffering in terms of its causes, however, proved impossible for the worldview of ancient Judaism. Thus we see that at the heart of this worldview, which links suffering and sin, stands the remarkable figure of Job—that figure who shows us, or seeks to show us, how suffering and unspeakable pain can be connected to a completely innocent life, and how undeserved suffering and pain can exist. In the awareness of this uniquely tragic figure, Job, we see yet another connection between suffering and pain beginning to emerge—a connection with the ennoblement of the human being. Suffering appears to us here as a trial, as the root of an upward ascent, of higher development. Thus, in the sense of this tragedy of Job, this suffering need not by any means have its origin in evil, but can itself be the primary source, so that what emerges from it represents a more perfect phase of human existence, of human life. All of this is quite foreign to our contemporary, modern way of thinking, and the broader mass of our educated audience today can no longer relate to such a way of thinking. But you need only reflect a little on your own life, and you will see that perfection and suffering have very often appeared side by side before your very eyes, and that there has always been an awareness within humanity of the connection between suffering and perfection. This awareness will lift us up to what we must now consider in the context of spiritual research, namely, the connection between suffering and spirituality.
[ 7 ] Erinnern Sie sich, wie oft in diesem oder jenem Trauerspiel der tragische Held vor Ihren Augen gestanden hat. Durch Leiden und leidensvolle Kämpfe hindurch führt der Dichter immer wieder und wiederum den Helden; und wenn er dann bis zu dem Punkte kommt, wo der Schmerz sich aufs höchste steigert und in dem Ende des physischen Körpers seinen Abschluß findet, dann lebt in der Seele des Zuschauers nicht bloß Mitleid mit dem tragischen Helden, nicht bloß die Betrübnis darüber, daß solche Leiden, wie sie sich eben abgespielt haben, möglich sind, sondern es stellt sich heraus, daß der Mensch vom Anblick des Leidens gehoben und erbaut wurde, daß er das Leid hat untergehen sehen im Tode und aus dem Tode heraus sich die Gewißheit ergeben hat, daß es einen Sieg gibt über Schmerzen und Leiden, ja selbst über den Tod. Durch nichts kann künstlerisch dieser höchste Sieg des Menschen, dieser Sieg seiner innersten Kräfte und Triebe, dieser Sieg des edelsten Triebes seiner Natur so erhaben vor Augen geführt werden als durch das Trauerspiel. Wenn dem Bewußtsein dieses Sieges das Erlebnis von Leiden und Schmerzen vorhergegangen ist und wir von solchen Tatsachen, die sich vor den Augen des Zuschauers im Theater immer wieder abspielen können, aufschauen zu dem, was ein großer Teil der heutigen Menschheit noch immer als das Höchste aller geschichtlichen Entwicklung empfindet, wenn wir aufschauen zu dem Ereignis, das unsere Zeitrechnung in zwei Teile teilt, zu dem Ereignisse der Erlösung durch den Christus Jesus, dann kann es uns auffallen, daß eine der größten Erhebungen, eine der größten Erbauungen und Siegeshoffnungen, die jemals im Herzen der Menschen Platz gegriffen haben, aus dem weltgeschichtlichen Anblick des Leides entsprossen ist. Die großen, bedeutsamen und tief in das Menschenherz einschneidenden Empfindungen der christlichen Weltanschauung, jene Empfindungen, die für so viele Menschen Lebenshoffnung und Lebenskraft sind, die Gewißheit geben, daß es ein Ewiges, daß es einen Sieg über den Tod gibt, alle diese erbauenden und erhebenden Empfindungen entspringen aus der Anschauung eines universellen Leidens, eines Leidens, das die Unschuld trifft, eines Leidens, das durch keine Sünde der eigenen Persönlichkeit herbeigeführt worden ist.
[ 7 ] Do you remember how often, in this or that tragedy, the tragic hero has stood before your very eyes? Time and again, the poet leads the hero through suffering and agonizing struggles; and when he finally reaches the point where the pain reaches its peak and finds its conclusion in the death of the physical body, then what lives in the soul of the spectator is not merely compassion for the tragic hero, nor merely sorrow that such sufferings, as have just unfolded, are possible; rather, it turns out that the viewer has been uplifted and edified by the sight of suffering, that he has seen suffering subdued in death, and that from death has emerged the certainty that there is a victory over pain and suffering—yes, even over death itself. Nothing can artistically present this supreme victory of humankind—this victory of its innermost forces and impulses, this victory of the noblest impulse of its nature—as sublimely as the tragedy. If the awareness of this victory has been preceded by the experience of suffering and pain, and if, from such events—which can unfold time and again before the eyes of the theatergoer—we look up to what a large part of humanity today still perceives as the highest achievement of all historical development, when we look up to the event that divides our calendar into two parts—the event of redemption through Jesus Christ—then we may notice that one of the greatest exaltations, one of the greatest sources of comfort and hope for victory that has ever taken root in the hearts of people, sprang from the world-historical spectacle of suffering. The great, significant feelings of the Christian worldview that cut deep into the human heart—those feelings that are a source of hope and vitality for so many people, that provide the certainty that there is an eternity, that there is a victory over death— all these uplifting and inspiring sentiments spring from the vision of universal suffering—a suffering that strikes the innocent, a suffering that has not been brought about by any sin of one’s own person.
[ 8 ] So sehen wir auch hier ein Höchstes im Bewußtsein der Menschheit sich an das Leid anknüpfen. Und wenn wir so sehen, wie diese Dinge im kleineren und im größeren immer wieder in der Menschheit auftauchen, wie sie geradezu den elementaren Teil der ganzen menschlichen Natur und des ganzen menschlichen Bewußtseins bilden, dann muß es uns doch scheinen, als ob das Leiden irgendwie mit dem Höchsten im Menschen zusammenhänge.
[ 8 ] Here, too, we see the highest aspect of human consciousness linked to suffering. And when we see how these things repeatedly arise in humanity, on both a small and a large scale, and how they constitute, as it were, the very essence of the whole of human nature and human consciousness, then it must surely seem to us as if suffering is somehow connected to the highest aspect of the human being.
[ 9 ] Nur ein Hinweis sollte das sein auf eine Grundempfindung der menschlichen Seele, die sich immer und immer wieder losringt, und die gleichsam wie ein großer Trost dasteht dafür, daß es Leiden gibt. Wenn wir uns nun noch feiner und intimer in das Menschenleben einleben, so können sich uns auch Erscheinungen vor die Seele stellen, die uns auf die Bedeutung des Leidens hinweisen. Wir werden hier symptomatisch auf einesolcheErscheinung hinweisen müssen, die vielleicht kaum damit zusammenzuhängen scheint, wenn wir uns jedoch intimer auf die menschliche Natur einlassen, werden wir sehen, daß auch diese Erscheinung auf die Bedeutung gewisser Seiten des Leides hinweisen wird.
[ 9 ] This is meant merely as a hint at a fundamental feeling of the human soul, one that breaks free again and again, and which stands, as it were, as a great consolation for the fact that suffering exists. If we now delve even more deeply and intimately into human life, phenomena may also present themselves to our souls that point to the significance of suffering. We will have to point out one such phenomenon here as an example; it may seem to have little connection to the subject, but if we engage more intimately with human nature, we will see that this phenomenon, too, points to the significance of certain aspects of suffering.
[ 10 ] Denken Sie noch einmal an das tragische Kunstwerk, das Trauerspiel, das nur entstehen kann, wenn sich des Dichters Seele weit, weit öffnet, aus sich herausgeht und lernt, fremdes Leid mitzuempfinden, fremdes Leid auf die eigene Seele abzulagern. Und nun vergleichen Sie diese Empfindung nicht etwa bloß mit dem Lustspiele — da werden wir keinen guten Vergleich herausbekommen —, sondern mit etwas, was in gewisser Weise auch zur Kunst gehört: mit der Stimmung, aus der die Karikatur fließt, die vielleicht mit Spott und Hohn dasjenige im Zerrbilde zeigt, was in der Seele des anderen vorgeht und in die äußere Wirksamkeit tritt. Versuchen wir es, uns zwei Menschen vor die Seele hinzustellen, von denen der eine ein Ereignis oder einen Menschen tragisch ergreift, der andere als Karikatur erfaßt. Nicht ein bloßer Vergleich, nicht ein bloßes Bild ist es, wenn wir sagen, die Seele des tragischen Dichters und Künstlers erscheint uns, wie wenn sie aus sich herausginge und weiter und weiter würde. Was aber eröffnet sich ihr durch dieses Weiterwerden? Das Verständnis des anderen Menschen. Durch nichts versteht man das Leben des anderen mehr, als wenn man seinen Schmerz auf die eigene Seele ablagern läßt. Was muß man aber tun, wenn man karikieren will? Man darf nicht eingehen auf das, was die andere Seele fühlt, man muß sich über sie stellen, sie von sich weisen, und dieses Vonsichweisen ist die Grundlage des Zerrbildes. Niemand wird leugnen, daß, ebenso wie uns durch das tragische Mitleid die andere Persönlichkeit tief verständlich wird, durch die Karikatur dasjenige vor uns auftritt, was in der Seele der eigenen Persönlichkeit des Karikierenden lebt. Viel mehr lernen wir die Überlegenheit, den Witz, das Anschauungsvermögen, die Phantasie des Karikierenden kennen als den, der karikiert wird.
[ 10 ] Think once more of the tragic work of art, the tragedy, which can only come into being when the poet’s soul opens wide, steps outside itself, and learns to empathize with the suffering of others, to take on that suffering into its own soul. And now do not compare this feeling merely with that of comedy—for we will not arrive at a good comparison there—but with something that, in a certain sense, also belongs to art: with the mood from which caricature flows, which perhaps, with mockery and scorn, depicts in a distorted image what is taking place in another’s soul and manifesting itself outwardly. Let us try to picture two people in our minds, one of whom is tragically moved by an event or a person, while the other captures it as a caricature. It is not a mere comparison, nor a mere image, when we say that the soul of the tragic poet and artist appears to us as if it were stepping outside itself and expanding further and further. But what does this expansion open up to the soul? An understanding of the other person. Nothing allows one to understand another’s life more than letting their pain settle upon one’s own soul. But what must one do if one wishes to caricature? One must not engage with what the other soul feels; one must rise above it, reject it—and this rejection is the foundation of the caricature. No one will deny that, just as tragic compassion allows us to deeply understand another’s personality, caricature reveals what lives in the soul of the caricaturist’s own personality. We come to know far more about the caricaturist’s superiority, wit, perceptiveness, and imagination than about the person being caricatured.
[ 11 ] Haben wir so aus gewissen Symptomen heraus anschaulich gemacht, daß das Leid doch mit etwas Tiefem in der Menschennatur zusammenhängt, so dürfen wir hoffen, daß durch ein Begreifen des eigentlichen Wesens der Menschennatur uns auch Schmerz und Leid in ihrem Ursprung klar werden können.
[ 11 ] Having thus demonstrated, on the basis of certain symptoms, that suffering is indeed connected to something profound in human nature, we may hope that by understanding the true nature of human nature, the origins of pain and suffering will also become clear to us.
[ 12 ] Die Geisteswissenschaft, die wir hier zu vertreten haben, geht davon aus, daß alles Dasein um uns herum seinen Ursprung aus dem Geiste genommen hat. Eine mehr materialistische Anschauung sieht den Geist nur da, wo er wie eine Krone der sinnlichen Schöpfung erscheint, wie eine Blüte, die sich aus der Wurzel des materiellen Daseins heraushebt. Diese letztere Anschauung sieht rings um sich das materielle Dasein, die physische Körperwelt sich herauforganisieren innerhalb der lebenden Wesen, sie sieht das Bewußtsein, die Empfindung entspringen, sieht Lust und Leid innerhalb des Lebens hervorgehen und den Geist aus der Körperlichkeit heraus sich erheben.
[ 12 ] The spiritual science we are advocating here is based on the premise that all existence around us has its origin in the spirit. A more materialistic view sees the spirit only where it appears as a crown upon sensory creation, like a flower rising from the root of material existence. This latter view perceives material existence all around it; it sees the physical, corporeal world organizing itself within living beings; it sees consciousness and sensation springing forth; it sees pleasure and suffering emerging within life; and it sees the spirit rising out of physicality.
[ 13 ] Wenn wir so das Leben rings um uns betrachten, so ist auch für die wahre Geistesforschung der Geist, wie er uns in der sinnlichen Welt entgegentritt, zunächst ein Ergebnis der physischen Natur, aus welcher er heraussprießt.
[ 13 ] When we look at life around us in this way, even for true spiritual research, the spirit—as it appears to us in the sensory world—is, at first, a product of physical nature, from which it springs.
[ 14 ] In den zwei letzten Vorträgen wurde dargestellt, wie wir uns im Sinne der Geistesforschung den ganzen Menschen, den physischen oder leiblichen, den seelischen und den geistigen Menschen vorzustellen haben. Das, was wir mit Augen sehen, mit den Sinnen äußerlich wahrnehmen können, das, was der Materialismus als das einzige Wesen der Natur betrachtet, ist der Geistesforschung nichts anderes als das erste Glied der menschlichen Wesenheit: der physische Leib. Wir wissen, daß dieser in bezug auf seine Stoffe und Gesetze dem Menschen mit der ganzen übrigen leblosen Welt gemeinsam ist. Wir wissen aber auch, daß dieser physische Körper aufgerufen wird zum Leben durch das, was wir den sogenannten Äther- oder Lebensleib nennen; und wir wissen dies, weil für die geistige Forschung dieser Lebensleib nicht eine Spekulation, sondern eine Wirklichkeit ist, die erschaut werden kann, wenn der Mensch die höheren Sinne, die in ihm schlummern, in sich eröffnet hat. Wir betrachten den zweiten Teil der menschlichen Wesenheit, den Ätherleib, als etwas, was der Mensch gemeinschaftlich hat mit der übrigen Pflanzenwelt. Als das dritte Glied der menschlichen Wesenheit betrachten wir den Astralleib, den Träger von Lust und Unlust, von Begierde und Leidenschaft, den der Mensch mit der Tierheit gemeinsam hat. Und dann sehen wir, daß des Menschen Selbstbewußtsein, die Möglichkeit, zu sich «Ich» zu sagen, die Krone der Menschennatur ist, die er mit keinem anderen Wesen gemeinsam hat; daß dieses Ich als die Blüte der drei Leiber, des physischen, Äther- und Astralleibes hervorgeht. So sehen wir einen Zusammenhang dieser vier Glieder, auf welchen die Geistesforschung immer hingewiesen hat. Die pythagoräische Vierheit ist nichts anderes als diese Vierheit: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Diejenigen, die sich tiefer mit Theosophie beschäftigt haben, wissen, daß dieses Ich aus sich selber herausarbeitet, was wir das Geistselbst oder Manas, den Lebensgeist oder Buddhi und den eigentlichen Geistmenschen oder Atma nennen,
[ 14 ] In the last two lectures, we explored how, from the perspective of spiritual science, we must conceive of the whole human being—the physical, the soul, and the spiritual aspects. What we see with our eyes, what we can perceive externally through the senses—that which materialism regards as the sole essence of nature—is, in spiritual research, nothing other than the first link in the human being: the physical body. We know that, in terms of its materials and laws, this body is shared by human beings with the rest of the inanimate world. But we also know that this physical body is brought to life by what we call the so-called etheric or life body; and we know this because, for spiritual research, this life body is not a speculation but a reality that can be perceived once a person has awakened the higher senses that lie dormant within them. We regard the second part of the human being, the etheric body, as something that human beings share with the rest of the plant world. As the third component of the human being, we regard the astral body—the bearer of pleasure and displeasure, of desire and passion—which human beings share with the animal kingdom. And then we see that human self-consciousness—the ability to say “I” to oneself—is the crown of human nature, which the human being shares with no other being; that this “I” emerges as the flower of the three bodies: the physical, etheric, and astral bodies. Thus we see a connection among these four members, to which spiritual research has always pointed. The Pythagorean tetrad is nothing other than this tetrad: the physical body, the etheric body, the astral body, and the “I.” Those who have studied theosophy in depth know that this “I” develops from within itself what we call the spiritual self or Manas, the life spirit or Buddhi, and the actual spiritual human being or Atma,
[ 15 ] Das sei noch einmal vor Sie hingestellt, damit wir uns in richtiger Weise orientieren können. Dem Geistesforscher erscheint also der Mensch als ein viergliedriges Wesen. Nun kommt der Punkt, wo sich die wahre Geistesforschung, die mit den Augen des Geistes hinter die Wesenheiten sieht, die eindringt in die tiefen Gründe des Daseins, tief unterscheidet von einer rein äußerlichen Betrachtungsweise der Dinge. Zwar sagen wir auch, so wie der Mensch jetzt vor uns steht, müssen chemische und physikalische Gesetze die Grundlage des Leibes, des Lebens, die Grundlage der Empfindung, des Bewußtseins, die Grundlage des Selbstbewußtseins werden. Wenn wir aber geisteswissenschaftlich auf das Wesen eingehen, stellt sich uns die Sache gerade umgekehrt dar. Was sich uns im Sinne der Erscheinung als das Letzte darstellt, das Bewußtsein, das sich heraushebt aus dem physischen Leib, das erscheint uns als das ursprünglich Schöpferische. Auf dem Grunde von allem erblicken wir den bewußten Geist, und deshalb erkennt der Geistesforscher, wie unsinnig die Frage ist: woher kommt der Geist? Das kann nie die Frage sein; es kann lediglich gefragt werden: woher kommt die Materie? Die Materie aber ist für die Geistesforschung aus dem Geiste entsprungen, ist nichts als verdichteter Geist.
[ 15 ] Let this be set before you once more, so that we may orient ourselves correctly. To the spiritual researcher, therefore, the human being appears as a fourfold being. Now we come to the point where true spiritual research—which sees behind the essences with the eyes of the spirit and penetrates to the deepest foundations of existence—differs profoundly from a purely external approach to things. Admittedly, we also say that, as the human being now stands before us, chemical and physical laws must form the basis of the body, of life, the basis of sensation, of consciousness, and the basis of self-consciousness. But when we approach the essence from the perspective of spiritual science, the matter presents itself to us in exactly the opposite way. What appears to us, in the sense of phenomenon, as the ultimate—consciousness, which stands out from the physical body—appears to us as the original creative force. At the very foundation of everything, we perceive the conscious spirit, and that is why the spiritual researcher recognizes how nonsensical the question “Where does the spirit come from?” is. That can never be the question; one can only ask: “Where does matter come from?” But for spiritual research, matter has sprung from the spirit; it is nothing but condensed spirit.
[ 16 ] Ein Gleichnis: Denken Sie sich ein Gefäß mit Wasser. Dieses Wasser denken Sie sich in einem seiner Teile abgekühlt, bis es zu Eis erstarrt. Was ist nun das Eis? Eis ist Wasser, Wasser in anderer Form, in festem Zustande. So sieht der Geistesforscher auch die Materie an. Wie das Wasser sich zum Eis verhält, so verhält sich der Geist zur Materie. Wie das Eis nichts anderes ist als ein Ergebnis des Wassers, so ist die Materie nichts anderes als ein Ergebnis des Geistes, und wie Eis wieder zu Wasser werden kann, so kann der Geist wieder seinen Ursprung nehmen aus der Materie, kann wieder aus der Materie hervorgehen oder umgekehrt, die Materie kann sich wieder in Geist auflösen.
[ 16 ] A parable: Imagine a vessel filled with water. Imagine that part of this water has cooled until it freezes into ice. What, then, is the ice? Ice is water—water in a different form, in a solid state. This is how the spiritual researcher also views matter. Just as water relates to ice, so does spirit relate to matter. Just as ice is nothing other than a result of water, so matter is nothing other than a result of spirit; and just as ice can turn back into water, so spirit can once again take its origin from matter, can emerge from matter once more—or, conversely, matter can dissolve back into spirit.
[ 17 ] So sehen wir einen ewigen Kreislauf des Geistes. Wir sehen den Geist, der das ganze Universum durchflutet, wir sehen aus ihm heraus die materiellen Wesenheiten entstehen, die sich verdichten, und wir sehen wieder auf der anderen Seite Wesenheiten, die das Feste wieder verflüchtigen. In allem, was uns heute als Materielles umgibt, ist etwas, in das der Geist hineingeflossen und darin erstarrt ist. So sehen wir in jeglichem materiellen Wesen erstarrten Geist. So wie wir dem Eise nur die nötige Wärme zuzuführen brauchen, um wieder Wasser entstehen zu lassen, so brauchen wir den Wesen um uns herum nur den nötigen Geist zuzuführen, um in ihnen den Geist erstehen zu lassen. Wir sprechen von einer Wiedergeburt des Geistes, der in die Materie hineingeflossen und darin erstarrt ist. So erscheint uns auch der astralische Leib — der Träger von Lust und Unlust, Begierde und Leidenschaft — nicht als etwas, was aus dem physischen Dasein hervorgehen konnte, sondern als dasselbe Element, das in uns auflebt als bewußter Geist, wie das, was uns erscheint als das die ganze Welt durchflutende Element, welches — durch einen Prozeß des menschlichen Lebens — wieder aus der Materie erlöst wird. Das, was als Letztes erscheint, ist zu gleicher Zeit das Erste. Es hat den physischen Leib und ebenso den Ätherleib hervorgebracht und erscheint, wenn beide in ihrer Entwicklung auf einer gewissen Höhe angelangt sind, aus ihnen heraus aufs neue geboren.
[ 17 ] Thus we see an eternal cycle of the spirit. We see the spirit permeating the entire universe; we see material entities emerging from it and becoming condensed; and we see, on the other hand, entities that cause the solid to dissipate once more. In everything that surrounds us today as matter, there is something into which the spirit has flowed and solidified. Thus, we see solidified spirit in every material being. Just as we need only supply ice with the necessary heat to turn it back into water, so we need only supply the beings around us with the necessary spirit to awaken the spirit within them. We speak of a rebirth of the spirit that has flowed into matter and solidified within it. Thus the astral body also appears to us—the bearer of pleasure and displeasure, desire, and passion—not as something that could have emerged from physical existence, but as the very same element that comes to life within us as conscious spirit, just as that which appears to us as the element permeating the entire world, which—through the process of human life—is once again liberated from matter. That which appears last is at the same time the first. It has brought forth both the physical body and the etheric body, and when both have reached a certain level in their development, it appears, reborn anew from within them.
[ 18 ] So sieht die Geistesforschung die Dinge an. Nun erscheinen uns diese drei Glieder — Worte sollen uns nur zur Klärung dienen — unter drei bestimmten Namen am allerbesten. Die Materie nehmen wir wahr in gewisser Form, sie erscheint uns in der Außenwelt in bestimmter Weise. Wir sprechen von der Form, von der Gestalt der Materie und von dem Leben, das in der Gestalt erscheint, und endlich von dem Bewußtsein, das innerhalb des Lebens erscheint. So sprechen wir, wie von den drei Stufen: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib, auch von den drei Stufen: Form, Leben und Bewußtsein. In dem Bewußtsein entspringt erst das Selbstbewußtsein. Das soll uns indessen heute nicht beschäftigen, mehr das nächste Mal.
[ 18 ] This is how spiritual science views things. Now, these three elements—words are meant only to clarify—appear to us most clearly under three specific names. We perceive matter in a certain form; it appears to us in the external world in a specific way. We speak of form, of the shape of matter, and of the life that appears within that shape, and finally of the consciousness that appears within life. Just as we speak of the three levels—the physical body, the etheric body, and the astral body—we also speak of the three levels: form, life, and consciousness. It is within consciousness that self-consciousness first arises. However, we will not concern ourselves with that today; we will save it for next time.
[ 19 ] Seit jeher und auch besonders in unserer Zeit hat man viel darüber nachgedacht, was das Leben eigentlich bedeutet, was der Ursprung und der Sinn des Lebens sei. Wenige Anhaltspunkte hat die heutige Naturwissenschaft über die Bedeutung des Lebens und über sein Wesen erkunden können. Aber eines hat sich diese neue Naturwissenschaft schon seit längerer Zeit zu eigen gemacht, was auch die Geistesforschung immer wieder als ihre Überzeugung und ihre Erkenntnis ausgesprochen hat, nämlich: Leben innerhalb der physischen Welt unterscheidet sich stofflich von dem sogenannten Nichtleben, dem Leblosen, im Grunde nur durch die Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit der Gestaltung. Nur da kann das Leben wohnen, wo eine viel kompliziertere Gestaltung der Stoffe eintritt, als sie im Gebiete des Leblosen vorhanden ist. Sie wissen vielleicht, daß das Leben zu seiner Grundsubstanz etwas hat, was man als eiweißartige Substanz bezeichnen könnte, für die der Ausdruck «lebendiges Eiweiß» nicht unangebracht wäre. Dieses lebendige Eiweiß unterscheidet sich vom toten leblosen Eiweiß ganz beträchtlich durch eine Eigenschaft. Lebendiges Eiweiß zerfällt nämlich sogleich, wenn es vom Leben verlassen ist. Totes Eiweiß, zum Beispiel das vom toten Hühnerei, können Sie nicht längere Zeit in dem Zustande erhalten, in dem es ist. Das ist überhaupt die Eigenart der lebendigen Substanz, daß in dem Augenblick, wo das Leben von ihr gewichen ist, sie ihre Teile nicht mehr zusammenhalten kann. Wenn wir uns auch heute nicht weiter auf das Wesen des Lebens einlassen können, so kann uns doch schon eine Erscheinung hinweisen auf etwas, was tief mit dem Leben zusammenhängt und es charakterisiert. Und was ist nun dieses Charakteristische? Es ist eben diese Eigenschaft der lebendigen Substanz, daß sie zerfällt, wenn das Leben aus ihr gewichen ist. Denken Sie sich eine Substanz vom Leben entblößt: sie zerfällt; denken Sie sich eine stoffliche Mannigfaltigkeit, die nicht von Leben durchdrungen ist: sie hat die Eigenschaft, zu zerfallen. Was tut nun das Leben? Es stellt sich immer und immer wieder dem Zerfall entgegen; also das Leben erhält. Das ist das Verjüngende des Lebens, daß es sich dem, was in seiner Materie vorgehen würde, immer wieder widersetzt. Leben in der Substanz heißt: Widerstand gegen den Zerfall. Vergleichen Sie den äußeren Vorgang des Todes mit dem Leben, und es wird Ihnen klar sein, daß das Leben alles das nicht zeigt, was den Vorgang des Todes, das In-sich-selbst-Zerfallen, charakterisiert, sondern daß es vielmehr die Substanz immer wieder vor dem Zerfall errettet, sich ihrem Zerfall entgegenstellt. So ist das Leben, indem es die in sich selbst zerfallende Substanz wieder erneuert, die Grundlage des physischen Daseins und des Bewußtseins.
[ 19 ] Throughout history, and especially in our time, people have reflected deeply on what life actually means, and on the origin and purpose of life. Modern science has been able to uncover very few clues regarding the meaning of life and its nature. But there is one thing that modern science has long since embraced—and which spiritual science has repeatedly affirmed as its conviction and insight—namely: Life within the physical world differs materially from so-called non-life, the inanimate, essentially only in the diversity and complexity of its structure. Life can dwell only where a much more complex structure of matter exists than is found in the realm of the inanimate. You may know that life contains in its fundamental substance something that could be described as a protein-like substance, for which the term “living protein” would not be inappropriate. This living protein differs considerably from dead, inanimate protein in one respect. Namely, living protein disintegrates immediately once life has left it. Dead protein—for example, that from a dead chicken egg—cannot be preserved for any length of time in its current state. This is, in fact, the very nature of living substance: the moment life has departed from it, it can no longer hold its parts together. Even if we cannot delve further into the nature of life today, a single phenomenon can already point us to something that is deeply connected to life and characterizes it. And what, then, is this characteristic? It is precisely this property of living substance: that it disintegrates once life has departed from it. Imagine a substance stripped of life: it disintegrates; imagine a material entity that is not permeated by life: it has the property of disintegrating. What, then, does life do? It opposes decay time and time again; thus, life preserves. This is the rejuvenating aspect of life: that it repeatedly resists what would otherwise occur within its matter. Life in substance means: resistance to decay. Compare the external process of death with life, and it will become clear to you that life does not exhibit any of the characteristics that define the process of death—the disintegration into itself—but rather that it repeatedly saves substance from decay by opposing its disintegration. Thus, by renewing the substance that is disintegrating within itself, life is the foundation of physical existence and consciousness.
[ 20 ] Nicht eine bloße Worterklärung haben wir damit gegeben. Eine Worterklärung wäre es, wenn sich das, was sie bedeutet, nicht fortwährend zutragen würde. Sie brauchen aber nur eine lebendige Substanz zu betrachten, so werden Sie finden, daß sie fortwährend von außen Stoff aufnimmt, sich ihn einverleibt, indes Teile von ihr vernichtet werden: ein Prozeß, durch den das Leben fortwährend der Vernichtung entgegenarbeitet. Wir haben es also mit einer Wirklichkeit zu tun.
[ 20 ] We have not merely provided a definition of the word. It would be a definition if what the word signifies did not occur continuously. But if you simply observe a living organism, you will find that it continually takes in matter from the outside, incorporates it, while parts of itself are destroyed: a process through which life continually counteracts destruction. We are therefore dealing with a reality.
[ 21 ] Alte Materie absondern und neue wieder bilden, das ist Leben. Leben ist aber noch nicht Empfindung und noch nicht Bewußtsein. Es ist eine kindliche Vorstellungsart mancher Wissenschaftler, die sie den Begriff der Empfindung so wenig richtig fassen läßt, daß sie der Pflanze, der wir Leben zuschreiben müssen, auch Empfindung beimessen. Wenn man das sagt, weil manche Pflanzen Blätter und Blüten auf einen äußeren Reiz hin schließen, wie wenn sie diesen Reiz empfinden würden, so könnte man auch sagen, das blaue Lackmuspapier, das durch äußeren Reiz gerötet wird, habe Empfindung. Auch chemischen Substanzen könnten wir dann Empfindung zuschreiben, weil sie auf gewisse Einflüsse reagieren. Das genügt aber nicht. Soll Empfindung konstatiert werden, so muß sich der Reiz im Innern spiegeln. Erst dann können wir von dem ersten Element des Bewußtseins, von der Empfindung sprechen. Und was ist dieses erste Element des Bewußtseins? Wenn wir uns in der Welterforschung auf die nächsthöhere Stufe erheben und das Wesen des Bewußtseins zu erfassen suchen, so werden wir es zwar nicht gleich erkennen, aber es doch ein wenig in der Seele leuchten spüren, ebenso wie wir auch das Wesen des Lebens ein wenig erklären konnten. Wo Leben ist, kann allein Bewußtsein entstehen, nur aus dem Leben heraus kann Bewußtsein entspringen. Entspringt das Leben aus der scheinbar leblosen Materie, indem die Zusammensetzung der Materie so kompliziert wird, daß sie sich selbst nicht erhalten kann und vom Leben ergriffen werden muß, um ihren Zerfall fortwährend zu verhindern, so erscheint uns das Bewußtsein innerhalb des Lebens als etwas Höheres. Da, wo das Leben fortwährend als Leben vernichtet wird, wo fortwährend ein Wesen hart an der Grenze zwischen Leben und Tod steht, wo fortwährend das Leben wieder aus der lebendigen Substanz zu verschwinden droht, da entsteht das Bewußtsein. Und wie zuerst die Substanz zerfallen ist, wenn das Leben sie nicht bewohnte, so scheint uns jetzt das Leben zu zerfallen, wenn nicht als neues Prinzip das Bewußtsein hinzuträte. Das Bewußtsein kann nicht anders begriffen werden als indem wir sagen: so wie das Leben dazu da ist, gewisse Vorgänge zu erneuern, deren Fehlen den Zerfall der Materie herbeiführen würde, so ist das Bewußtsein dazu da, das Leben, das sich sonst auflösen würde, immer wieder zu erneuern.
[ 21 ] Shedding old matter and forming new—that is life. But life is not yet sensation, nor is it yet consciousness. It is a childish way of thinking on the part of some scientists that prevents them from grasping the concept of sensation correctly, to the extent that they attribute sensation even to plants, to which we must ascribe life. If one says this because some plants close their leaves and flowers in response to an external stimulus, as if they were sensing that stimulus, then one might just as well say that blue litmus paper, which turns red in response to an external stimulus, possesses sensation. We could then also attribute sensation to chemical substances because they react to certain influences. But that is not enough. If sensation is to be established, the stimulus must be reflected internally. Only then can we speak of the first element of consciousness—sensation. And what is this first element of consciousness? When we ascend to the next higher level in our exploration of the world and seek to grasp the essence of consciousness, we will not recognize it immediately, but we will sense it shining a little within our souls, just as we were also able to explain the essence of life to some extent. Where there is life, consciousness alone can arise; consciousness can spring only from life. If life springs from seemingly lifeless matter—as the composition of matter becomes so complex that it cannot sustain itself and must be seized by life to continually prevent its decay—then consciousness within life appears to us as something higher. Where life is constantly being destroyed as life, where a being constantly stands on the very edge between life and death, where life constantly threatens to vanish once more from living substance—there consciousness arises. And just as substance would have disintegrated in the first place had life not inhabited it, so now life seems to us to be disintegrating unless consciousness were to intervene as a new principle. Consciousness cannot be understood in any other way than by saying: just as life exists to renew certain processes, the absence of which would bring about the decay of matter, so consciousness exists to continually renew life, which would otherwise dissolve.
[ 22 ] Nicht jedes Leben kann sich auf diese Weise innerlich immerfort erneuern. Es muß auf einer höheren Stufe angekommen sein, wenn es sich aus sich selbst erneuern soll. Nur dasjenige Leben kann zum Bewußtsein erwachen, welches in sich selbst so stark ist, daß es for:während den Tod in sich verträgt. Oder gibt es ein solches Leben nicht, das in jedem Augenblick den Tod in sich selbst hat? Sie brauchen nur das Menschenleben anzusehen und sich zu erinnern an das, was im letzten Vortrage unter dem Titel «Blut ist ein ganz besonderer Saft» gesagt worden ist. Aus dem Blute erneuert sich fortwährend das menschliche Leben, und ein geistvoller deutscher Seelenkundiger hat gesagt, im Blute hat der Mensch einen Doppelgänger, aus dem er fortwährend Kraft zieht. Aber auch eine andere Kraft hat das Blut noch: es erzeugt fortwährend aus sich selbst den Tod. Wenn das Blut die lebenerweckenden Stoffe an die Körperorgane abgesetzt hat, dann führt es die lebenzerstörenden Kräfte wieder herauf zum Herzen und in die Lungen. Was in die Lungen zurückfließt, ist für das Leben Gift, ist das, was das Leben fortwährend ersterben macht.
[ 22 ] Not every life can continually renew itself internally in this way. It must have reached a higher level if it is to renew itself from within. Only that life can awaken to consciousness which is so strong within itself that it can continually endure death within itself. Or is there no such life that contains death within itself at every moment? You need only look at human life and recall what was said in the last lecture under the title “Blood Is a Very Special Fluid.” Human life is continually renewed from the blood, and a profound German psychologist has said that in the blood, the human being has a double from whom he continually draws strength. But blood also possesses another power: it continually generates death from within itself. Once the blood has delivered the life-giving substances to the body’s organs, it carries the life-destroying forces back up to the heart and into the lungs. What flows back into the lungs is poison to life; it is what causes life to continually wither away.
[ 23 ] Wenn ein Wesen dem Zerfall entgegenarbeitet, dann ist es ein lebendiges Wesen. Ist es imstande, in sich selbst den Tod erstehen zu lassen und diesen Tod fortwährend zum Leben umzuwandeln, dann entsteht Bewußtsein. Das Bewußtsein ist die stärkste von allen Kräften, die uns entgegentreten. Bewußtsein oder bewußter Geist ist diejenige Kraft, welche ewig aus dem Tode, der inmitten des Lebens erzeugt werden muß, das Leben wieder erstehen läßt. Leben ist ein Prozeß, der es zu tun hat mit einer Außenwelt und einer Innenwelt; Bewußtsein aber ist ein Prozeß, der es nur mit einer Innenwelt zu tun hat. Eine Substanz, die nach außen hin sterben kann, kann nicht bewußt werden. Bewußt kann nur eine solche Substanz sein, die in ihrem eigenen Mittelpunkt den Tod erzeugt und überwindet. So ist der Tod — wie ein deutscher geistvoller Theosoph gesagt hat — nicht nur die Wurzel des Lebens, sondern auch die Wurzel des Bewußtseins.
[ 23 ] If a being works against decay, then it is a living being. If it is capable of giving rise to death within itself and continually transforming that death into life, then consciousness arises. Consciousness is the strongest of all the forces that oppose us. Consciousness, or the conscious mind, is the force that eternally brings life back into being from death, which must be generated in the midst of life. Life is a process that involves both an outer world and an inner world; consciousness, however, is a process that involves only an inner world. A substance that can die outwardly cannot become conscious. Only a substance that generates and overcomes death at its very center can be conscious. Thus, as a wise German theosophist has said, death is not only the root of life, but also the root of consciousness.
[ 24 ] Wenn wir diesen Zusammenhang begriffen haben, dann brauchen wir nur mit offenen Augen die Erscheinungen anzusehen, und der Schmerz wird uns begreiflich erscheinen. Alles das, womit das Bewußtsein beginnt, ist ursprünglich Schmerz. Wenn das Leben sich nach außen öffnet, wenn einer lebendigen Wesenheit Licht, Luft, Hitze, Kälte entgegentreten, dann wirken diese äußeren Elemente zunächst auf das lebendige Wesen. Solange diese Elemente aber nur auf dieses lebendige Wesen wirken, solange sie von diesem lebendigen Wesen aufgenommen werden, wie sie von der Pflanze als Träger von inneren Lebensvorgängen aufgenommen werden, solange entsteht kein Bewußtsein. Bewußtsein entsteht erst dann, wenn diese äußeren Elemente in Widerspruch treten mit dem inneren Leben, wenn eine Zerstörung stattfindet. Aus der Zerstörung des Lebens muß das Bewußtsein erfließen. Ohne teilweisen Tod wird ein Lichtstrahl in ein lebendiges Wesen nicht eindringen können, wird in dem lebendigen Wesen nie der Vorgang angeregt werden können, aus dem das Bewußtsein entspringt. Wenn aber das Licht in die Oberfläche des Lebens eindringt, dann eine teilweise Verwüstung anrichtet, die inneren Stoffe und Kräfte niederreißt, dann entsteht jener geheimnisvolle Vorgang, der sich überall in der Außenwelt in ganz bestimmter Weise abspielt. Stellen Sie sich vor: Die intelligenten Kräfte der Welt wären zu einer Höhe emporgestiegen, daß das äußere Licht und die äußere Luft ihnen fremd geworden wären. Nur eine Zeitlang blieben sie mit ihnen in Einklang, dann vervollkommneten sie sich selbst, wodurch ein Widerspruch entstand. Könnten Sie mit den Augen des Geistes diesen Vorgang verfolgen, so könnten Sie sehen, wie da, wo sich in einfache Wesen ein Lichtstrahl eindrängt, die Haut etwas umgestaltet wird und ein winziges Auge entsteht. Was ist es nun, was da in der Materie zuerst aufdämmert? In was drückt sich diese feine Zerstörung aus, denn eine Zerstörung ist es, was dabei vor sich geht? Es ist der Schmerz, der nichts als ein Ausdruck für diese Zerstörung ist. Überall, wo das Leben der äußeren Natur entgegentritt, findet Zerstörung statt, die, wenn sie größer wird, selbst den Tod hervorbringt. Aus dem Schmerz wird das Bewußtsein geboren. Derselbe Prozeß, der Ihr Auge geschaffen hat, wäre ein Zerstörungsprozeß geworden, wenn er an dem Wesen, das sich in dem menschlichen Wesen heraufentwickelt hat, überhand genommen hätte. So hat er aber nur einen kleinen Teil ergriffen, wodurch er aus der Zerstörung, aus dem partiellen Tod heraus jene Spiegelung der Außenwelt schaffen konnte, die man das Bewußtsein nennt. Das Bewußtsein innerhalb der Materie wird also aus dem Leide, aus dem Schmerz geboren.
[ 24 ] Once we have grasped this connection, we need only observe phenomena with open eyes, and pain will become comprehensible to us. Everything with which consciousness begins is, at its origin, pain. When life opens itself to the outside world, when a living being encounters light, air, heat, and cold, these external elements initially act upon the living being. But as long as these elements act only upon this living being—as long as they are absorbed by it, just as they are absorbed by a plant as the vehicle of inner life processes—consciousness does not arise. Consciousness arises only when these external elements come into conflict with inner life, when destruction takes place. Consciousness must flow from the destruction of life. Without a partial death, a ray of light will not be able to penetrate a living being; the process from which consciousness springs will never be stimulated within the living being. But when the light penetrates the surface of life, causing partial devastation and tearing down the inner substances and forces, then that mysterious process arises which unfolds everywhere in the outer world in a very specific way. Imagine: The intelligent forces of the world had risen to such a height that the outer light and the outer air had become alien to them. They remained in harmony with them only for a time; then they perfected themselves, thereby creating a contradiction. If you could follow this process with the eyes of the spirit, you would see how, where a ray of light penetrates simple beings, the skin is slightly transformed and a tiny eye emerges. What, then, is it that first dawns within matter? In what form does this subtle destruction manifest itself—for it is destruction that is taking place here? It is pain, which is nothing but an expression of this destruction. Wherever life encounters the external natural world, destruction takes place, which, when it intensifies, brings about death itself. Consciousness is born out of pain. The very same process that created your eye would have become a process of destruction had it gained the upper hand in the being that has evolved within the human being. Instead, it affected only a small part, thereby enabling it to create, out of destruction—out of partial death—that reflection of the external world which we call consciousness. Consciousness within matter is thus born of suffering, of pain.
[ 25 ] Wenn wir diesen Zusammenhang zwischen Leid und Schmerz und dem bewußten Geist, der uns umgibt, einsehen, dann verstehen wir wohl auch ein Wort eines christlichen Eingeweihten, der solche Dinge gründlich intuitiv wußte und auf dem Grunde von allem bewußten Leben den Schmerz sah, das Wort: «In aller Natur seufzet jede Kreatur in Schmerzen, erwartungsvoll, die Gotteskindschaft zu erlangen.» Das finden Sie im 8. Kapitel des Paulus, als eine wunderbare Ausprägung dieser Grundlage des Bewußtseins im Schmerz. So kann man es auch verstehen, wie bedeutende, sinnige Menschen dem Schmerze eine so große, umfassende Rolle zugeschrieben haben. Nur ein Beispiel möchte ich hier anführen. Ein großer deutscher Philosoph sagt, wenn man die ganze Natur um sich herum ansieht, so erscheint einem überall auf ihrem Antlitz der Schmerz, das Leid ausgedrückt, ja, wenn man die höheren Tiere ansieht, so zeigen sie dem tiefer Blickenden einen leidensvollen Ausdruck. Und wer wollte nicht zugeben, daß manche Tierphysiognomie aussieht wie der Ausdruck eines tief verhaltenen Schmerzes? Wenn wir die Sache so ansehen, wie wir das eben angedeutet haben, dann sehen wir die Entstehung des Bewußtseins aus dem Schmerze, so daß das Wesen, das aus der Zerstörung heraus Bewußtsein bildet, aus dem Verfall des Lebens heraus ein Höheres erstehen läßt, aus dem Tode heraus fortwährend sich selbst erschafft. Wenn das Lebendige nicht leiden könnte, niemals könnte das Bewußtsein entstehen. Wenn der Tod nicht in der Welt wäre, niemals könnte in der sichtbaren Welt der Geist existieren. Das ist die Stärke des Geistes, daß er die Zerstörung in etwas noch Höheres, als das Leben ist, umschafft und so mitten im Leben ein Höheres, ein Bewußtsein bildet. Immer weiter und weiter sehen wir dann die verschiedenen Schmerzerlebnisse zu den Organen des Bewußtseins sich entwickeln. Man sieht es schon bei den Tieren, die zur Abwehr nach außen nur ein Reflexbewußtsein haben, ähnlich wie der Mensch, wenn Gefahr für das Auge besteht, dasselbe schließt. Wenn die Reflexbewegung nicht mehr genügt, das innere Leben zu schonen, wenn der Reiz zu stark wird, so erhebt sich die innere Widerstandskraft und gebiert die Sinne, die Empfindung, Auge und Ohr. Sie wissen vielleicht aus mancher unliebsamen Erfahrung heraus, vielleicht auch instinktiv, daß die Sache so ist. Ja, Sie wissen aus einer höheren Stufe Ihres Bewußtseins ganz genau, daß das, was jetzt gesagt worden ist, eine Wahrheit ist. Ein Beispiel wird die Sache noch verdeutlichen. Wann fühlen Sie gewisse innere Organe Ihres Organismus? Sie gehen durchs Leben und fühlen weder Ihren Magen, noch Ihre Leber, noch Ihre Lunge, Sie fühlen keines Ihrer Organe, solange sie gesund sind. Sie fühlen sie nur dann, wenn sie Sie schmerzen, und Sie wissen eigentlich erst, daß Sie dieses oder jenes Organ haben, wenn es Sie schmerzt, wenn Sie empfinden, daß da etwas nicht in Ordnung ist, daß ein Zerstörungsprozeß beginnt.
[ 25 ] When we recognize this connection between suffering and pain and the conscious spirit that surrounds us, then we can also understand the words of a Christian initiate who knew such things intuitively and deeply, and who saw pain at the very foundation of all conscious life—the words: “In all of nature, every creature groans in pain, eagerly awaiting the moment when it will attain the status of a child of God.” You will find this in the 8th chapter of Paul’s epistle, as a wonderful expression of this foundation of consciousness in pain. This also explains why significant, insightful people have attributed such a large, all-encompassing role to pain. I would like to cite just one example here. A great German philosopher says that when one looks at all of nature around oneself, pain and suffering appear expressed everywhere on its face; indeed, when one looks at higher animals, they reveal an expression of suffering to the observer with a deeper insight. And who would not admit that the physiognomy of some animals resembles the expression of deeply restrained pain? If we view the matter as we have just suggested, then we see the emergence of consciousness from pain, so that the being that forms consciousness out of destruction brings forth something higher out of the decay of life and continually recreates itself out of death. If the living could not suffer, consciousness could never arise. If death did not exist in the world, the spirit could never exist in the visible world. This is the strength of the spirit: that it transforms destruction into something even higher than life itself, and thus, in the midst of life, forms something higher—a consciousness. We then see the various experiences of pain developing further and further into the organs of consciousness. One can already see this in animals, which possess only a reflexive consciousness for external defense—much like a human who closes their eyes when there is danger to the eye. When the reflexive movement is no longer sufficient to protect inner life, when the stimulus becomes too strong, inner resilience arises and gives birth to the senses, sensation, the eye, and the ear. You may know from some unpleasant experience, or perhaps even instinctively, that this is how it is. Indeed, from a higher level of your consciousness, you know quite precisely that what has just been said is true. An example will clarify the matter further. When do you feel certain internal organs of your body? You go through life feeling neither your stomach, nor your liver, nor your lungs—you feel none of your organs as long as they are healthy. You feel them only when they hurt, and you actually only realize that you have this or that organ when it hurts, when you sense that something is wrong, that a process of destruction is beginning.
[ 26 ] Wenn wir dieses Beispiel, diese Erklärung nehmen, dann sehen wir, daß aus dem Schmerz fortwährend bewußtes Leben geboren wird. Tritt der Schmerz zum Leben, so gebiert er die Empfindung und das Bewußtsein. Dieses Gebären, dieses Hervorbringen eines Höheren, spiegelt sich wiederum im Bewußtsein als die Lust, und es gab nie eine Lust, ohne daß es vorher einen Schmerz gegeben hätte. Unten in dem Leben, das sich eben aus der physischen Materie heraus erhebt, gibt es noch keine Lust. Wenn aber der Schmerz Bewußtsein hat erstehen lassen und als Bewußtsein schöpferisch weiterwirkt, dann ist diese Schöpfung auf einer höheren Stufe und drückt sich im Gefühle der Lust aus. Dem Schaffen liegt die Lust zugrunde. Lust kann nur da sein, wo innerliches oder äußerliches Schaffen möglich ist. Irgendwie liegt einer jeden Lust das Schaffen zugrunde, wie jeder Unlust die Notwendigkeit des Schaffens zugrunde liegt. Nehmen Sie etwas, was auf niederer Stufe das Leid charakterisieren kann, zum Beispiel das Gefühl des Hungers, der das Leben zerstören kann. Dem treten Sie mit der Nahrung entgegen. Die Nahrungsaufnahme wird zum Genuß, weil die Nahrung in der Lage ist, in eine Lebenssteigerung, in eine Lebensproduktion überzugehen. So sehen Sie, daß auf Grundlage des Schmerzes höheres Schaffen, Lust entsteht. Eher als die Lust ist also das Leid. Daher kann auch die Philosophie Schopenhauers und die Eduard von Hartmanns mit Recht sagen, daß das Leid eine allgemeine Lebensempfindung sei. Sie gehen aber nicht tief genug auf den Ursprung des Leides zurück, kommen nicht auf den Punkt, wo sich das Leid zu etwas Höherem entwickeln soll. Der Ursprung des Leides wird da gefunden, wo aus dem Leben Bewußtsein entsteht, wo Geist aus dem Leben herausgeboren wird,
[ 26 ] If we take this example, this explanation, we see that conscious life is continually born out of pain. When pain comes to life, it gives birth to sensation and consciousness. This act of giving birth, this bringing forth of something higher, is in turn reflected in consciousness as pleasure, and there has never been pleasure without pain having preceded it. Down below, in the life that is just emerging from physical matter, there is still no pleasure. But when pain has given rise to consciousness and continues to work creatively as consciousness, then this creation is on a higher level and expresses itself in the feeling of pleasure. Pleasure underlies creation. Pleasure can only exist where inner or outer creation is possible. In a sense, creation underlies every pleasure, just as the necessity of creation underlies every displeasure. Take something that can characterize suffering at a lower level—for example, the feeling of hunger, which can destroy life. You counter this with food. The act of eating becomes a pleasure because food is capable of transforming into an enhancement of life, into the production of life. Thus you see that, on the basis of pain, higher creation—pleasure—arises. Suffering, then, precedes pleasure. Therefore, the philosophies of Schopenhauer and Eduard von Hartmann are also correct in stating that suffering is a universal experience of life. However, they do not trace the origin of suffering deeply enough; they do not reach the point where suffering is meant to develop into something higher. The origin of suffering is found where consciousness arises from life, where spirit is born out of life,
[ 27 ] So können wir jetzt auch begreifen, was dem Menschen in der Seele dämmert von dem Zusammenhang zwischen Leid und Schmerz und Erkenntnis und Bewußtsein, so konnten wir noch nachweisen, wie aus Schmerz und Leid ein Edleres, Vollkommeneres herausgeboren wird.
[ 27 ] Just as we can now grasp what dawns upon the human soul regarding the connection between suffering and pain on the one hand, and insight and consciousness on the other, so too have we been able to demonstrate how something nobler and more perfect is born out of pain and suffering.
[ 28 ] Diejenigen, welche meine Vorträge öfter gehört haben, werden sich auf die Hinweise entsinnen, daß es etwas gibt wie eine Einweihung, wobei ein höheres Bewußtsein vorhanden ist und wobei der Mensch sich von den sinnlichen Dingen zu der Anschauung einer geistigen Welt erhebt, daß Kräfte und Fähigkeiten in der menschlichen Seele schlummern, die aus der Seele herausgeholt werden können wie die Sehkraft aus dem Blindgeborenen durch die Operation, daß dann gleichsam ein neuer Menschersteht, dem die ganze Welt auf höherer Stufe wie verwandelt erscheint. Wie dem Blindgeborenen nach der Operation, so erscheinen dem geistig Geborenen die Dinge in neuem Licht. Aber auch dies kann nur geschehen, indem derselbe Prozeß, der eben genannt worden ist, sich auf einer höheren Stufe wiederholt. Wenn das, was Sie beim Durchschnittsmenschen vereint finden, getrennt wird, wenn eine Art Zerstörungsprozeß in der niederen Menschennatur auftritt, dann kann dieses höhere Bewußtsein, dieses Schauen in der geistigen Welt, eintreten.
[ 28 ] Those who have attended my lectures frequently will recall my remarks that there is such a thing as initiation, in which a higher consciousness is present and through which a person rises from sensory things to a perception of a spiritual world; that powers and abilities lie dormant in the human soul that can be brought forth from the soul, just as sight is restored to one born blind through surgery; and that a new person then emerges, as it were, to whom the whole world appears transformed on a higher plane. Just as things appear in a new light to the person born blind after surgery, so do they appear to the spiritually reborn. But this, too, can only happen when the very process just described is repeated on a higher level. When what you find united in the average person is separated—when a kind of process of destruction takes place within lower human nature—then this higher consciousness, this vision into the spiritual world, can arise.
[ 29 ] Drei Kräfte gibt es in der menschlichen Natur: Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei Kräfte hängen an der physischen Menschenorganisation. Gewisse Willensakte treten auf, nachdem gewisse Denk- und Gefühlsvorgänge stattgefunden haben. Der Organismus des Menschen muß in richtiger Weise funktionieren, wenn diese drei Kräfte zusammenstimmen sollen. Sind gewisse Leitungen unterbrochen, gewisse Teile erkrankt, dann herrscht keine richtige Harmonie zwischen Denken, Fühlen und Wollen. Der Mensch ist dadurch, daß die Organe des Wollens gelähmt sind, nicht imstande, seine Gedanken in Willensimpulse umzusetzen. Er ist schwach als Tatmensch, er kann zwar gut denken, aber sich nicht entschließen, einen Gedanken in Wirklichkeit umzusetzen. Eine andere Art ist die, wo der Mensch nicht imstande ist, seine Gefühle durch die Gedanken richtig lenken zu lassen, die Gefühle in Einklang mit den dahinterstehenden Gedanken zu bringen. Der Tobsüchtige ist im Grunde nichts anderes.
[ 29 ] There are three forces in human nature: thinking, feeling, and willing. These three forces are connected to the human physical organism. Certain acts of the will occur after certain thought and feeling processes have taken place. The human organism must function properly if these three forces are to be in harmony. If certain pathways are interrupted or certain parts are diseased, then there is no proper harmony between thinking, feeling, and willing. Because the organs of the will are paralyzed, the person is unable to translate their thoughts into impulses of the will. They are weak as a person of action; although they can think well, they cannot bring themselves to put a thought into practice. Another type is that in which a person is unable to allow their thoughts to properly guide their feelings, to bring the feelings into harmony with the thoughts behind them. The maniac is, in essence, nothing other than this.
[ 30 ] Im Menschen der Gegenwart besteht eine Harmonie zwischen Denken, Fühlen und Wollen, in der befindet sich heute ein normal gebildeter Mensch, der einem Leidenden gegenüber in den richtigen Gefühls- und Willenszustand kommt. Dies ist alles richtig für gewisse Stufen der Entwicklung. Es ist aber zu beachten, daß sich diese Harmonie im Gegenwartsmenschen unbewußt herstellt. Soll der Mensch aber eingeweiht werden, soll er hineinsehen in die höheren Welten, dann müssen diese drei Glieder: Denken, Fühlen und Wollen, auseinandergerissen werden. Die Willens- und Gefühlsorgane müssen eine Scheidung erleiden. Der physische Organismus eines Eingeweihten ist daher auch anders als der eines Nichteingeweihten, wenn das die Anatomie auch noch nicht hat nachweisen können. Der Kontakt zwischen Denken, Fühlen und Wollen ist unterbrochen. Der Eingeweihte wäre imstande, irgend jemand tief leiden zu sehen, ohne daß sich ein Gefühl in ihm regte, kalt würde er stehenbleiben und es ansehen können. Und warum ist dies so? Es darf sich beim Eingeweihten nichts unbewußt ineinandergliedern, er ist aus Freiheit ein mitleidsvoller Mensch und nicht, weil ihn etwas ÄAußeres dazu zwingt. Das ist der Unterschied zwischen einem Eingeweihten und einem Nichteingeweihten. Ein solches höheres Bewußtsein schafft gleichsam eine höhere Substanz, und der Mensch zerfällt in einen Gefühls-, einen Willens- und einen Denkmenschen. Über diesen dreien thront dann erst der höhere, neugeborene Mensch, und von dieser Stufe eines höheren Bewußtseins aus werden dann jene drei in Einklang gebracht. Hier muß dann auch wieder der Tod, die Zerstörung eingreifen. Träte diese Zerstörung so ein, daß nicht zugleich auch ein neues Bewußtsein entsproßte, dann würde Wahnsinn entstehen. Wahnsinn würde also nichts anderes sein als der Zustand, in dem das menschliche Wesen zerschellt ist, ohne daß die höhere, bewußte Instanz geschaffen worden ist.
[ 30 ] In modern human beings, there is a harmony between thinking, feeling, and willing; this is the state in which a normally educated person finds themselves today when faced with someone who is suffering, enabling them to adopt the appropriate emotional and volitional state. All of this is true for certain stages of development. It should be noted, however, that this harmony arises unconsciously in modern human beings. But if a person is to be initiated, if they are to look into the higher worlds, then these three members—thinking, feeling, and willing—must be torn apart. The organs of the will and of feeling must undergo a separation. The physical organism of an initiate is therefore also different from that of a non-initiate, even if anatomy has not yet been able to prove this. The connection between thinking, feeling, and willing is severed. The initiate would be capable of seeing someone suffering deeply without a single emotion stirring within him; he would be able to stand by coldly and watch it. And why is this so? Nothing may interconnect unconsciously within the initiate; he is a compassionate person out of his own free will, and not because something external compels him to be so. That is the difference between an initiate and a non-initiate. Such a higher consciousness creates, as it were, a higher substance, and the human being is divided into a feeling self, a volitional self, and a thinking self. Only then does the higher, newly born human being reign supreme over these three, and from this level of higher consciousness, those three are brought into harmony. Here, too, death and destruction must intervene once again. If this destruction were to occur without a new consciousness simultaneously emerging, madness would ensue. Madness would thus be nothing other than the state in which the human being is shattered without the higher, conscious entity having been created.
[ 31 ] So tritt auch hier wieder ein Doppeltes ein: eine Art Zerstörungsprozeß des Niederen neben einem Entstehungsprozeß des Höheren. Wie im Blute das Gift in den Venen und wie zwischen dem roten und blauen Blut das Bewußtsein im gewöhnlichen Menschen erzeugt wird, so wird in dem initiierten Menschen wieder in dem Zusammenwirken von Leben und Tod das höhere Bewußtsein im Inneren erzeugt, und die Seligkeit entspringt wiederum einer höheren Lust, dem Schaffen, das aus dem Tode hervorgeht.
[ 31 ] Here, too, a dual process takes place: a kind of process of destruction of the lower alongside a process of emergence of the higher. Just as poison is present in the veins of the blood, and just as consciousness is generated in the ordinary human being between the red and blue blood, so too is the higher consciousness generated within the initiated human being through the interplay of life and death, and bliss arises once again from a higher joy—the creative act that emerges from death.
[ 32 ] Das ist es, was der Mensch ahnt, wenn er den geheimnisvollen Zusammenhang spürt zwischen Schmerz und Leid und dem Höchsten, das der Mensch erreichen kann. Deshalb Jäßt der tragische Dichter aus dem im Leide untergehenden Helden den Sieg des Lebens, das Bewußtsein von dem Siege des Ewigen über das Zeitliche hervorgehen. Deshalb sieht das Christentum mit Recht in dem Untergehen des Christus Jesus — seiner irdischen Natur nach — in Schmerz und Leid, in Qual und Elend den Sieg des ewigen Lebens über die zeitliche Vergänglichkeit. Deshalb auch wird unser Leben reicher, inhaltsvoller, wenn wir es erweitern können über dasjenige, was außerhalb unseres Selbstes liegt, wenn wir in dem Leben, das außerhalb unseres Selbstes ist, aufgehen können.
[ 32 ] This is what a person senses when he perceives the mysterious connection between pain and suffering and the highest state a human being can attain. That is why the tragic poet allows the hero, who perishes in suffering, to give rise to the victory of life—the awareness of the victory of the eternal over the temporal. That is why Christianity rightly sees in the passing of Christ Jesus—in his earthly nature—amid pain and suffering, torment and misery, the victory of eternal life over temporal transience. That is also why our lives become richer and more meaningful when we can expand them beyond what lies outside ourselves, when we can lose ourselves in the life that exists outside of ourselves.
[ 33 ] So wie wir aus dem Schmerz, der durch einen äußeren Lichtstrahl angeregt ist und durch uns als lebendige Wesen überwunden wird, ein höheres Bewußtsein schaffen, so wird, wenn wir die Leiden der anderen in unsere eigene, größere Bewußtseinswelt umwandeln, aus der EmpfängJichkeit für das Leid der anderen ein Schaffen im Mitleid geboren. Und so entsteht endlich aus dem Leide auch die Liebe. Denn was ist die Liebe anderes, als sein Bewußtsein ausdehnen über andere Wesen? Wenn wir selbst soviel entbehren wollen, soviel ausgeben wollen, uns selbst soviel ärmer machen wollen, als wir dem anderen Wesen geben, und wenn wir imstande sind, geradeso wie die Haut, die den Lichtstrahl empfängt und aus ihrem Schmerz ein höheres Wesen, ein Auge zu bilden vermag, wenn wir imstande sind, aus der Verbreitung unseres Lebens über die anderen Leben ein höheres Leben zu saugen, dann wird in uns selbst, aus dem, was wir weggeben an das andere Wesen, die Liebe, das Mitfühlen mit allen Kreaturen geboren.
[ 33 ] Just as we create a higher consciousness out of the pain that is stimulated by an external ray of light and overcome by us as living beings, so too, when we transform the suffering of others into our own, greater world of consciousness, a creative act of compassion is born from our receptivity to the suffering of others. And so, ultimately, love also arises from suffering. For what is love other than extending one’s consciousness to other beings? If we ourselves are willing to forgo as much, to give as much, to make ourselves as much poorer as we give to another being, and if we are capable—just as the skin that receives the ray of light and, out of its pain, is able to form a higher being, an eye—if we are capable of drawing a higher life from the extension of our own life over other lives, then within ourselves, from what we give away to the other being, love—compassion for all creatures—is born.
[ 34 ] Das liegt auch dem Ausspruche des griechischen Dichters zugrunde: Aus Leben ward Lehre, aus Lehre Erkenntnis. Hier berührt sich wiederum, wie im vorigen Vortrage schon gesagt, eine auf neuesten naturwissenschaftlichen Forschungen beruhende Erkenntnis mit den Resultaten der alten Geistesforschung. Immer hat die alte Geistesforschung gesagt, daß höchste Erkenntnis, höchste Lehre nur aus dem Leid hervorgehen kann. Wenn wir ein krankes Glied besitzen und Schmerz daran gelitten haben, so kennen wir dieses Glied am allerbesten; ebenso kennen wir das am besten, was wir in der eigenen Seele abgelagert haben. Es quillt aus dem eigenen Leid als dessen Frucht die Erkenntnis.
[ 34 ] This is also the basis of the Greek poet’s saying: “From life came learning, from learning came knowledge.” Here, as already mentioned in the previous lecture, insights based on the latest scientific research once again converge with the findings of ancient spiritual research. Ancient spiritual research has always maintained that the highest knowledge and the highest teaching can arise only from suffering. If we have a diseased limb and have suffered pain from it, we know that limb best of all; in the same way, we know best what we have stored within our own souls. Knowledge springs forth from our own suffering as its fruit.
[ 35 ] Dasselbe liegt auch dem Kreuzestod des Christus Jesus zugrunde, dem, wie aus der christlichen Anschauung hervorgeht, bald der sich in der Welt ausbreitende Heilige Geist folgte. Wir verstehen also jetzt das Hervorgehen des Heiligen Geistes aus dem Kreuzestod des Christus Jesus als einen Prozeß, auf den durch das Gleichnis vom Weizenkorn hingewiesen wird. Aus der Zerstörung muß die neue Frucht hervorgehen, und so wird auch aus der Zerstörung, aus den Schmerzen, die am Kreuze ertragen worden sind, der Geist, der sich am Pfingstfeste über die Apostel ergießt, geboren. Das wird im Johannes-Evangelium klar ausgesprochen, wenn gesagt ist: der Geist war noch nicht da, denn der Christus war noch nicht verklärt. Wer das Johannes-Evangelium tiefer liest, der wird Bedeutungsvolles für sich daraus hervorgehen sehen.
[ 35 ] The same principle also underlies the crucifixion of Christ Jesus, which, as the Christian view holds, was soon followed by the Holy Spirit spreading throughout the world. We now understand, then, the emergence of the Holy Spirit from the crucifixion of Christ Jesus as a process to which the parable of the grain of wheat points. From destruction, new fruit must emerge, and so, too, from the destruction—from the sufferings endured on the cross—is born the Spirit who pours out upon the apostles at Pentecost. This is clearly stated in the Gospel of John when it says: the Spirit was not yet there, for Christ had not yet been glorified. Anyone who reads the Gospel of John more deeply will find significant insights to take away from it.
[ 36 ] Manchen wird man sagen hören können, daß er die Schmerzen nicht missen möchte, da sie ihm die Erkenntnis gebracht haben. Jeder Gestorbene kann Sie lehren, daß das wahr ist, was ich gesagt habe. Würde der Mensch den Kampf gegen die Zerstörung in sich bis zum wirklichen Tode führen, wenn nicht der Schmerz, wie ein Wächter des Lebens, fortwährend neben ihm stände? Der Schmerz macht uns aufmerksam darauf, daß wir gegen die Zerstörung des Lebens Vorkehrungen zu treffen haben. Aus dem Schmerze heraus schaffen wir neues Leben. In den Aufzeichnungen eines modernen Naturforschers über die Mimik des Denkers lesen wir, daß auf dem Antlitz des Denkers etwas liegt wie ein verhaltener Schmerz.
[ 36 ] You may hear some people say that they would not want to be without their pain, since it has brought them insight. Every person who has died can teach you that what I have said is true. Would human beings wage the battle against the destruction within themselves all the way to actual death if pain, like a guardian of life, did not stand constantly by their side? Pain alerts us to the fact that we must take precautions against the destruction of life. Out of pain, we create new life. In the notes of a modern naturalist on the facial expressions of the thinker, we read that there is something on the thinker’s face like a restrained pain.
[ 37 ] Wenn es sich mit der Erhebung, die aus der durch Schmerz erlangten Erkenntnis fließt, so verhält, wenn es also wahr ist, daß aus Leid Lehre entsteht, dann ist nicht mit Unrecht — wie wir das nächste Mal sehen werden — in der biblischen Schöpfungsurkunde die Erkenntnis des Guten und des Bösen mit den Leiden und Schmerzen in Zusammenhang gebracht. Deshalb ist auch von tiefer Blickenden mit Recht immer wieder betont worden, wie der Ursprung der Läuterung, die Erhöhung der menschlichen Natur, im Schmerz liegt, und wenn die theosophische Weltanschauung in dem großen Schicksalsgesetze, Karma, von den Leiden aus, die ein Mensch im gegenwärtigen Leben erleidet, hindeutet auf das, was er in früheren Leben gesündigt, verbrochen hat, dann verstehen wir einen solchen Zusammenhang auch nur aus der tieferen Menschennatur heraus. Dasjenige, was im früheren Leben von uns in der Außenwelt vollführt wurde, verwandelt sich aus wilden in erhabene Kräfte. Die Sünde ist gleichsam wie ein Gift, das aber, wenn es in Substanz des Lebens verwandelt wird, sich zum Heilmittel gestaltet. So kann die Sünde wieder zur Kräftigung und Erhöhung des Menschen beitragen, und so stellen sich uns auch in der Erzählung von Hiob die Schmerzen und Leiden als eine Erhöhung der Erkenntnis und des Geistes dar.
[ 37 ] If this is indeed the case with the elevation that flows from the knowledge gained through pain—if, that is, it is true that suffering gives rise to learning—then it is not without reason—as we shall see next time—that the biblical account of creation links the knowledge of good and evil with suffering and pain. That is why those with deeper insight have rightly emphasized time and again how the origin of purification—the elevation of human nature—lies in pain; and when the theosophical worldview, in the great law of destiny, karma, points to the sins and transgressions a person has committed in past lives through the sufferings they endure in the present life, then we understand such a connection solely from the perspective of deeper human nature. What we have wrought in the external world in past lives is transformed from wild forces into sublime ones. Sin is, as it were, like a poison; yet when it is transformed into the substance of life, it becomes a remedy. Thus, sin can contribute to the strengthening and elevation of the human being, and so, in the story of Job, pain and suffering are presented to us as an elevation of knowledge and of the spirit.
[ 38 ] Das sollte nur eine Skizze sein, die auf den Zusammenhang von irdischem Dasein und Leiden und Schmerzen hinweisen sollte. Sie sollte zeigen, wie wir den Sinn von Leiden und Schmerzen einsehen können, wenn wir sehen, wie sie erstarren, sich kristallisieren in physischen Dingen und Organismen bis zum Menschen, und wie durch ein Verflüssigen des Erstarrten der Geist bei uns wiedergeboren werden kann, wenn wir sehen, daß im Geist der Ursprung des Schmerzes, des Leides ist. Das, was uns der Geist gibt, ist Schönheit, Kraft und Weisheit, das verwandelte Bild der ursprünglichen Stätte des Schmerzes. Deshalb hat nicht mit Unrecht ein geistvoller Mann, Fabre d’Olivet, den Vergleich gebraucht, um das Höchste, Edelste, Geläutertste in der Menschennatur in seinem Hervorgehen aus dem Schmerz zu zeigen, daß das Hervorgehen von Weisheit und Schönheit aus dem Leid vergleichbar ist einem Vorgang draußen in der Natur, dem Geborenwerden der wertvollen, schönen Perle. Denn aus was wird sie geboren? Aus der Krankheit des Muscheltieres, aus der Zerstörung innerhalb der Perlmuschel. Wie die Schönheit der Perle geboren wird aus Krankheit und damit aus Leiden, so wird Erkenntnis, edle Menschennatur und geläuterter Menschensinn aus dem Leiden, aus dem Schmerz geboren.
[ 38 ] This was meant to be just a sketch, intended to point out the connection between earthly existence and suffering and pain. It was meant to show how we can understand the meaning of suffering and pain when we see how they solidify and crystallize in physical things and organisms, all the way up to human beings, and how, by liquefying what has solidified, the spirit can be reborn within us—when we see that the origin of pain and suffering lies in the spirit. What the spirit gives us is beauty, strength, and wisdom—the transformed image of the original source of pain. That is why a man of great insight, Fabre d’Olivet, was not wrong to use the comparison to show that the highest, noblest, and most purified aspects of human nature arise from pain—that the emergence of wisdom and beauty from suffering is comparable to a process in nature: the birth of the precious, beautiful pearl. For from what is it born? From the illness of the mollusk, from the destruction within the pearl oyster. Just as the beauty of the pearl is born of illness—and thus of suffering—so too are knowledge, noble human nature, and a purified human spirit born of suffering, of pain.
[ 39 ] So dürfen wir wohl im Einklang mit dem alten griechischen Dichter Äschylos sagen: Aus dem Leid entsteht Lehre, aus der Lehre Erkenntnis. Und ebenso wie in bezug auf vieles andere dürfen wir in bezug auf den Schmerz sagen, daß wir ihn erst dann erfaßt haben, wenn wir ihn erkennen nicht nur an sich selbst, sondern an dem, was aus ihm hervorgeht. Wie so manches andere wird auch der Schmerz nur an seinen Früchten erkannt.
[ 39 ] Thus, we may well say, in accordance with the ancient Greek poet Aeschylus: From suffering comes learning, and from learning comes knowledge. And just as with many other things, we may say of pain that we have truly grasped it only when we recognize it not only in itself but also in what arises from it. Like so many other things, pain, too, is recognized only by its fruits.
