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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Recognizing the Supernatural in our Time
and its Significance for Modern Life
GA 55

14 March 1907, Berlin

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11. Wer Sind die Rosenkreuzer?

11. Who are the Rosicrucians?

[ 1 ] Mit den Rosenkreuzern, die uns heute beschäftigen sollen, können in unserer Zeit die wenigsten Menschen einen Begriff verbinden, welcher der Sache auch nur einigermaßen entspricht. Es ist allerdings nicht so leicht, mit dem Namen Rosenkreuzer irgendeinen besonderen Begriff zu verbinden. Etwas Unbestimmtes scheint für viele Menschen hinter diesem Namen zu liegen. Wenn dann der eine oder der andere in kulturhistorischen oder sonstigen Büchern nachsieht, in denen man gewohnt ist, sich über solche Sachen Rat zu holen, so findet er allerdings einige Dinge darüber gesagt, zum Beispiel, daß die Rosenkreuzer eine Sekte oder dergleichen in den früheren Jahrhunderten deutscher Geistesentwicklung waren. Er findet auf der einen Seite von einigen hervorgehoben, daß man nicht richtig dahinterkommen könne, ob hinter dem vielen Schwindel und der Charlatanerie, welche sich einmal unter dem Namen des Rosenkreuzertums breitgemacht haben, auch irgend einmal etwas Vernünftiges und Klares gesteckt haben mag. Und auf der anderen Seite findet er dann auch allerlei Mitteilungen in gelehrten Büchern.

[ 1 ] Today's subject, the Rosicrucians, is one which few people are able to connect even remotely adequate ideas. And indeed, it is not easy to arrive at anything conclusive about what the name implies. For most people it remains extremely vague. If books are consulted, one is informed that the Rosicrucians are thought to be some kind of sect that flourished in the early centuries of German culture. Some say that it is impossible to verify whether anything serious or rational ever existed behind the fraud and charlatanry associated with the name. On the other hand, some learned books do proffer a variety of information.

[ 2 ] Man muß in der Tat sagen, wenn das stimmen würde, was in der einschlägigen Literatur über die Rosenkreuzer geschrieben ist, dann könnte man so ziemlich damit einverstanden sein, daß das, was sich hinter diesem Namen verbirgt, für eitle Windbeutelei, reinen Schwindel und vielleicht noch viel Schlimmeres zu halten ist. Und auch jene, die noch versuchen, das Rosenkreuzertum zu verteidigen, entweder von oben herab oder vielleicht auch, indem sie bemerklich machen, daß sie über ein besonderes Wissen verfügen oder Aufschlüsse zu geben in der Lage sind, erwecken bei unseren Zeitgenossen und unseren Anschauungen kein besonderes Vertrauen. Allzuviel kommt auch bei der Verteidigung der Rosenkreuzer nicht heraus;insbesondere dann nicht, wenn gesagt wird: Gewiß, das Rosenkreuzertum wird in Zusammenhang gebracht mit Alchemie, mit der Bereitung des Steines der Weisen und allerlei sonstigen alchemistischen Kunststücken. Aber diese Kunststücke bedeuten dem echten, wahren Rosenkreuzer nichts als ein Sinnbild für die innere, moralische Läuterung der Seele, die Heranbildung der besonderen menschlichen Tugenden. Und wenn man sagt, es werde in der Rosenkreuzerei davon gesprochen, daß man unedle Metalle in Gold verwandeln könne, so sei damit nichts anderes gemeint, als daß man die unedlen Metalle der verschiedenen Menschenuntugenden in das Gold der menschlichen Tugenden verwandeln könne, und daß dieser Verwandlungsprozeß nur eine symbolische Darstellung dessen sei, wie man sich innerlich moralisch entwickeln solle.

[ 2 ] If what is written about Rosicrucianism is true, one could only come to the conclusion that it has consisted of nothing but idle boasting, pure fraud or worse. Even those who have attempted to justify it, do so with an air of patronage, though they may have found that Rosicrucianism is able to throw light on certain subjects. But what they have to say about it, for example, that it is involved with alchemy, with producing the philosopher's stone, the stone of the wise, and other alchemical feats, does not inspire much confidence. However, these feats were for the genuine Rosicrucian nothing but symbols for the inner moral purification of the human soul. The transformations represented symbolically how inner human virtues should be developed. When the Rosicrucians spoke of transforming base metals into gold, they meant that it was possible to transform base vices into the gold of human virtue.

[ 3 ] Wenn es so wäre, so würde die ganze Geschichte nichts weiter als eine Trivialität oder noch etwas viel Nichtigeres sein, denn es ist schlechterdings kaum einzusehen, warum man allerlei alchemistische Dinge wie Metallverwandlung und so weiter erfinden sollte,um ein so auf derHand liegendes Ding zu demonstrieren, daß der Mensch sich läutern und seine Untugenden verwandeln solle. Dieser Einwand kann immer gegen diejenigen gemacht werden, die das große Werk des Rosenkreuzertums wie etwas bloß Symbolisches auffassen. Aber in der Tat steckt etwas viel Tieferes dahinter.

[ 3 ] Those who uphold that the great work of the Rosicrucians is to be understood as being symbolic are met with the objection that in that case Rosicrucianism is simply trivial. It is difficult to see the need of all these alchemical inventions, such as the transformation of metals, simply to demonstrate the obvious fact that a human being should be moral and change his vices into virtues.

[ 4 ] Nicht länger möchte ich mich bei dem Geschichtlichen aufhalten. Das Geschichtliche soll uns heute, wo ich eine sachliche Auseinandersetzung über das Rosenkreuzertum zu geben beabsichtige, wenig angehen. Das Geschichtliche braucht uns nicht weiter zu berühren, als nur insofern wir dadurch erfahren, daß das Rosenkreuzertum eine Gründung, eine Stiftung ist, die seit dem vierzehnten Jahrhundert tatsächlich im Abendlande besteht, daß sie zurückgeht auf eine Persönlichkeit, welche fast sagenumwoben ist, wie man bemerken könnte, von der aber die Geschichte nicht viel zu melden weiß: Christian Rosenkreutz.

[ 4 ] However, Rosicrucianism contains things of far greater import. Rather than further historical description, I shall give a factual account of Rosicrucianism. The historical aspect need concern us only insofar as we learn from it that Rosicrucianism has existed in the Occident since the fourteenth century, and that it goes back to a legendary figure, Christian Rosenkreuz,1Christian Rosenkreuz (15th century) was the founder of Rosicrucianism, a group of secret brotherhoods claiming esoteric wisdom in the late Middle Ages. about whom much is rumored, but history has little to say.

[ 5 ] Was nun aus den verschiedenen Mitteilungen als ein gewisser Grundklang hervorgeht, ist dahin zusammenzufassen, daß Christian Rosenkreutz — so ist zwar nicht sein wahrer, wohl aber derjenige Name, unter dem er bekannt geworden ist — am Ende des fünfzehnten und im Beginne des sechzehnten Jahrhunderts auch Reisen gemacht habe, und daß er auf seinen Reisen durch das Morgenland das sogenannte Buch M. . . kennengelernt habe, jenes Buch, von dem uns sehr geheimnisvoll gesagt wird, daß Paracelsus, der große mittelalterliche Arzt und Mystiker, sein Wissen daraus geschöpft habe. Dies ist wirklich eine wahre Tatsache, doch nur die Eingeweihten wissen: erstens, was das Buch M... ist, und zweitens, was das Studium im Buche M. . . bedeutet.

[ 5 ] One incident that appears as a basic feature of various accounts can be summed up by saying that Christian Rosenkreuz—that is not his real name, but the one by which he is known—made journeys at the end of the fifteenth and the beginning of the sixteenth centuries. On journeys through the East he became acquainted with the book M————, a book from which, so we are mysteriously told, Paracelsus, the great medieval physician and mystic, gained his knowledge. This account is true, but what the book M————actually is, and what study of it signifies, is known only to initiates.

[ 6 ] Die äußere Welt ist immer wieder hingewiesen worden auf das Rosenkreuzertum durch die beiden Schriften, die vom Anfange des siebzehnten Jahrhunderts stammen. Im Jahre 1614 erschien die sogenannte «Fama Fraternitatis» und ein Jahr später die sogenannte «Confessio» — zwei Bücher, über die von gelehrter Seite viel gestritten worden ist. Und zwar nicht nur darüber, worüber bei so vielen Büchern sonst gestritten wird, ob jener Valentin Andreae, der in seinen späteren Lebensjahren ein ganz normaler Superintendent war, auch wirklich das Buch verfaßt hat —, sondern bei diesen Büchern ist auch darüber gestritten worden, ob sie von den Verfassern ernst genommen worden sind, oder ob sie nur ein Spott darüber sein sollten, daß es eine gewisse geheimnisvolle Brüderschaft desRosenkreuzes gäbe, welche diese und jene Tendenzen und Ziele habe. Dann gibt es im Gefolge dieser Schriften eine ganze Reihe anderer, die allerlei aus dem Bereiche des Rosenkreuzertums mitteilen. Wenn Sie die Schriften von Valentin Andreae und auch andere rosenkreuzerische Schriften in die Hand nehmen, dann werden Sie, wenn Sie die eigentliche Grundlage des Rosenkreuzertums nicht kennen, in diesen Schriften nichts besonderes finden. Denn es ist überhaupt bis in unsere Zeit hinein nicht möglich gewesen, auch nur das Elementarste aus dem Bereiche dieser Geistesströmung, die seit dem vierzehnten Jahrhundert wirklich existiert hat und auch heute noch existiert, kennenzulernen. Alles, was in die Literatur übergegangen ist, was geschrieben und gedruckt worden ist, sind einzelne Bruchstücke, einzelne verlorene, durch Verrat an die Offentlichkeit gekommene Dinge, die ungenau und in vielfacher Weise durch Charlatanerie, Schwindel, Unverstand und Dummheit verkehrt worden sind. Die wahre, echte Rosenkreuzerei ist, seitdem sie besteht, stets nur Gegenstand mündlicher Mitteilung an solche gewesen, welche sich eidlich zur Geheimhaltung verpflichten mußten. Daher ist auch nichts Erhebliches in die öffentliche Literatur übergegangen. Erst dann, wenn man dasjenige kennt, was heute — aus gewissen Gründen, die zu erläutern jetzt zu weit führen würde — in der elementaren Rosenkreuzerei öffentlich mitgeteilt werden kann und wovon wir heute werden sprechen können, kann man in den oftmals grotesken, oft bloß komischen, oft aber auch schwindelhaften und selten stimmenden Mitteilungen der Literatur einigen Sinn finden. Die Rosenkreuzerei ist eine der Methoden, wie man die sogenannte Einweihung erreichen kann. Was Einweihung heißt, davon ist des öfteren an dieser Stelle schon die Rede gewesen. Einweihen heißt, die in jeder Menschenseele schlummernden Fähigkeiten erwecken, durch die man hineinsehen kann in die geistigen Welten, die hinter unserer sinnlichen Welt liegen, und von denen unsere sinnliche Welt nur ein äußerer Ausdruck, eine Wirkung ist. Ein Eingeweihter ist derjenige, welcher die genau bestimmten, wissenschaftlich durchgearbeiteten Methoden der Einweihung angewendet hat, Methoden, die ebenso wissenschaftlich durchgearbeitet sind wie diejenigen der Chemie, der Physik oder anderer wissenschaftlicher Gebiete. Dasjenige, was in solchen Methoden durchgemacht wird, ist allerdings nicht etwas, was der Mensch auf etwas Außeres anzuwenden hat, sondern was sich zunächst nur auf ihn selbst bezieht, auf das Instrument, das Werkzeug, durch das man in die geistige Welt hineinsieht. Der wirkliche Geisteskenner weiß, wie tief und wahr Goethes Ausspruch ist:

[ 6 ] External information about Rosicrucianism stems from two writings that appeared at the beginning of the seventeenth century, the so-called Fama Fraternitatis in 1614, and a year later the Confessio, two books much disputed among scholars. The disputes were by no means confined to the usual controversy about books, that is, whether Valentin Andreae,2Valentin Andreae (1586–1654) theologian, wrote about Rosicrucianism. who in his later years was an ordinary normal clergyman, was really the author. In this case it was also disputed whether the author meant the books to be taken seriously or whether they were meant as satire, mocking a certain secret brotherhood known as the Rosicrucians. These two publications were followed by many others proffering all kinds of information about Rosicrucianism. Someone without knowledge of the true background of Rosicrucianism, who picks up the writings of Valentin Andreae, or indeed any other Rosicrucian document, will find nothing exceptional in them. In fact, right up to our own time, it has been impossible to gain even elementary knowledge of this spiritual stream that still exists, and has done so since the fourteenth century. Everything published, written or printed is nothing but fragments, lost through betrayal into public hands. Not only are these fragments inaccurate; they have undergone all kinds of distortions through charlatanry, fraud, incomprehension and sheer stupidity. As long as it has existed, genuine Rosicrucianism has been passed an by word of mouth to members sworn to secrecy. That is also why nothing of great importance has found its way into public literature. We shall speak today about certain elementary aspects of Rosicrucianism that can now be spoken of in public, for reasons which at the moment would take us too far to explain. Only when they are known can one make any sense of what is found in the often grotesque, often merely comic, but also often fraudulent, and seldom accurate information. Rosicrucianism is one of the methods whereby what is called "initiation" can be attained. What initiation is has often been a subject of discussion in our circles To be initiated means that faculties slumbering in every human soul are awakened. These faculties enable a person to look into the spiritual world that exists behind our physical world. The physical world is an expression of the spiritual world of which it is a product. An initiate is someone who has applied the method of initiation, a method as exact and as scientifically worked out as those applied in chemistry, physics or any other science. The difference is that the method of initiation is not applied to begin with to anything external, but only to the human being; he is the instrument, the tool through which knowledge of the spiritual world is attained. An individual who genuinely strives to attain knowledge of the spirit recognizes the deep truth contained in Goethe's words:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Mysterious by Day's broad light,
Nature retains her veil, despite our clamors,
and what she won't reveal to human mind or sight
Cannot be wrenched from her with levers, screws or hammers.

( Faust, Part I, Night. trans. Bayard Taylor. )

[ 7 ] Tief, tief sind die Geheimnisse der Natur, aber nicht unergründlich tief, wie manche sagen möchten, die im höheren Sinne nur zu bequem sind, in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Nicht unergründlich tief sind sie, sondern zu ergründen durch den Menschengeist, zwar nicht durch den Alltagsgeist, aber denMenschengeist, der verborgene Kräfte der Seele durch gewisse, streng umschriebene Methoden aus sich herausholt. Wenn der Mensch sich nach und nach vorbereitet, dann gelangt er allmählich dazu, dasjenige geoffenbart zu erhalten, was als ein Wissen nur denen zukommt, die wirklich eingeweiht sind: jenes große Geheimnis, von dem, was, um mit Goethes Ausspruch zu sprechen, «die Welt im Innersten zusammenhält». Die Enthüllung dieses Geheimnisses ist eigentlich die Frucht der wirklichen Einweihung.

[ 7 ] Deep indeed are the secrets nature holds, but not as impenetrably deep as those maintain who are too comfortable to make the effort. The human spirit is certainly capable of penetrating nature's secrets: not, however, through the soul's ordinary faculties, but through higher ones, attained when its hidden forces have been developed through certain strictly circumscribed methods. A person who gradually prepares will eventually reach a point where knowledge attainable only through initiation is revealed to him; to speak in Goethe's sense: The great secret is revealed of what “ultimately holds the world together”—a revelation that is truly a fruit of initiation.

[ 8 ] Es ist hier des öfteren auseinandergesetzt worden, daß die ersten Stufen der Einweihung durchaus gefahrlos für jeden zu durchwandern sind, daß aber die höheren Stufen die größtmöglichste menschliche Hingabe an die unbedingteste Wahrheitserforschung verlangen. Wenn der Mensch sich jenen Pforten nähert, durch die er einen Einblick gewinnen kann in ganz andere Welten, dann weiß er allerdings, daß etwas von Wirklichkeit steckt hinter der oftmals gebrauchten Redensart, daß es gefährlich ist, großen Menschenmengen die heiligen Geheimnisse des Daseins mitzuteilen. Soweit es heute möglich ist und soweit es geschehen kann, die Menschen dazu vorzubereiten, allmählich den Weg finden zu können, zu den höchsten Geheimnissen der Natur und der geistigen Welt, soweit ist es auch möglich, die höheren Geheimnisse zu enthüllen. Was man die geisteswissenschaftliche Bewegung nennt, ist ein Pfad, der erschlossen ist, die Menschen dahin zu führen, daß sie den Weg zu den höheren Geheimnissen finden können. Solcher Wege zu den höheren Geheimnissen gibt es eine ganze Anzahl. Nicht als ob die letzte Weisheit, die der Mensch erringen kann, viele Gestalten annehmen könnte; das ist nicht der Fall. Die höchste Weisheit ist eine einheitliche. Wo und wann auch immer Menschen leben oder gelebt haben, wenn sie einmal zur höchsten Weisheit gekommen sind, dann ist diese höchste Weisheit für alle Menschen eine einheitliche, wie der Ausblick vom Gipfel eines Berges, wenn man ganz oben sich befindet, ein einheitlicher ist. Aber es gibt verschiedene Wege, um zum Gipfel des Berges hinaufzugelangen, und man wird denjenigen Weg wählen, welcher von dem Ausgangspunkte aus, an dem man sich befindet, der geeignetste ist. Wenn man an einem gewissen Punkte des Berges steht und einen Weg vom eigenenStandpunkte haben kann, so wird man nicht erst um den Berg herumgehen. So ist es auch mit dem Weg, der zu der höchsten Erkenntnis hinaufführt. Hier handelt es sich darum, daß die Ausgangspunkte, die man zu wählen hat, von der Menschennatur aus zu nehmen sind. Das, was hier in Betracht kommt, beachten die Menschen heutzutage viel zu wenig: Es ist die große Verschiedenheit der menschlichen Natur zu berücksichtigen. Anders organisiert als heute waren, wenn auch vielleicht nicht für die grobe Anatomie und Physiologie, aber für die feinere Geistesforschung, jene höheren Glieder des alten indischen Volkes, so daß es möglich war, bis heute eine wunderbare Geheim- oder Geisteswissenschaft zu bewahren und auch die dazugehörige Methode der Einweihung: die sogenannte Yoga-Schulung. Diese orientalische Yoga-SchuJlung ist der Weg, welcher zu dem Gipfel der Erkenntnis hinaufführt bei einer so organisierten Natur, wie die Angehörigen des alten indischen Volkes sie hatten. Für den heutigen Europäer würde derselbe Weg so unsinnig sein, wie wenn jemand, der an einem bestimmten Fußpunkte eines Berges steht, erst um den Berg herumgehen wollte, um einen Weg zu suchen und zu benützen. Die Natur des heutigen Europäers ist ganz anders als die orientalische Natur. Anders als heute war auch die menschliche Natur organisiert um die Zeit der Entstehung des Christentums herum, einige Jahrhunderte vorher und einige nachher.

[ 8 ] It has often been explained that the early stages of initiation can be embarked upon by anyone without any danger whatever. A prerequisite for the higher stages is the very highest conscientiousness and devotion to Truth in spiritual research. When an individual approaches the portals through which he looks into quite different worlds, he realizes the truth of what is often emphasized: that it is dangerous to impart the holy secrets of existence to great masses of people. However, to the extent that modern humanity is able, through inner preparation, gradually to find their way to the highest secrets of nature and the spiritual world, to that extent can they also be revealed. The spiritual scientific movement is a path that guides human beings to the higher secrets. A number of such paths exist. That is not to say that the ultimate truth attainable takes different forms. The highest truth is one. No matter where or when human beings ever lived or live, once they reach the highest Truth, it is the same for all. It is comparable to the view from the mountaintop, which is the same for all who reach it, no matter what different paths they choose to get there. When one stands at a certain spot an the mountainside, when a path is available, one does not walk round the mountain for another path. The same applies to the path of higher knowledge, which must be in accordance with a person's nature. What comes into consideration here is too often overlooked, that is, the immense differences in human nature. The people of ancient India were inwardly organized differently from modern people. This difference in the higher members is apparent to spiritual research, though not to the external science of physiology or anatomy. It is thanks to this fact that we have preserved up to our own time a wonderful spiritual knowledge, and also the method whereby initiation was achieved—the path of yoga. This path leads those who are constituted like the people of ancient India to the summit of knowledge. For today's European it is as senseless to seek that path as it would be to first walk to the opposite side of the mountain and use the path there rather than the path available where one stands. The nature of today's European is completely different from that of the Oriental. A few centuries before the Christian era began, human nature was different from what it was to become a few centuries later. And today it is different again.

[ 9 ] Wenn wir daran festhalten, was eben gesagt worden ist, daß Einweihung soviel bedeutet wie innere Kräfte herauszuholen, innere Kräfte zu erwecken durch bestimmte Methoden, so daß der Mensch das Instrument wird, durch das er in die geistige Welt hineinschauen und sie erforschen kann, dann müssen wir zugeben, daß auf diese Menschennatur Rücksicht genommen werden muß. So wie die alten heiligen Rishis, jene großen Lehrer des alten indischen Volkes, die wunderbare Methode ausgearbeitet haben, die heute noch immer für die Angehörigen des indischen Volkstums ihre Gültigkeit hat, so wie im Anfange des Christentums die christlich-gnostische Methode hinaufführen mußte in die geistigen Gebiete, so muß für den modernen Menschen, für den Menschen, der in unserer heutigen Umwelt lebt, wenn er ganz und gar dieser heutigen Welt angehört und aus dieser die Bedingungen seines Daseins schöpft, eine andere Methode die taugliche sei. Deshalb erneuern die großen Meister der Weisheit, welche die Menschengeschicke leiten, im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder und wieder die Methoden, durch die der Gipfel der Weisheit erreicht werden kann. Für die heutige Menschheit, für den Menschen, der aus den modernen Bedingungen des Daseins herausgewachsen ist, sind gerade von der rosenkreuzerischen Strömung die rosenkreuzerischen Methoden begründet worden. Sie sind also Einweihungsmethoden, die geradeso zum Gipfel der Weisheit hinaufführen wie andere Methoden, nur daß sie auf besondere, augenblicklich vorhandene Bedingungen des modernen Menschen eingehen.

[ 9 ] As we have seen, initiation is based upon awakening in human beings certain forces. Bearing this in mind, we must acknowledge that a person's nature must be taken into account when methods are developed whereby he becomes the instrument able to perceive and to investigate the spiritual world. The wonderful method developed by the Rishis, the great spiritual teachers in ancient India, is still valid for those belonging to the Indian race. At the beginning of the Christian era the right method was the so-called Christian-Gnostic path. The human being who stands fully within today's civilization needs a different method. That is why in the course of centuries and millennia the great masters of wisdom who guide mankind's evolution change the methods that lead to the summit of wisdom.

[ 10 ] Nicht sind etwa die rosenkreuzerischen Methoden unchristlich oder antichristlich. Davon kann keine Rede sein. Dasjenige, was dasChristentum demMenschen an Schulung bieten kann, das wird auch in der rosenkreuzerischen Methode geboten. Aber zu gleicher Zeit erwirbt sich derjenige, der eine Rosenkreuzerschulung durchmacht, die Fähigkeit, die geheim- und geisteswissenschaftlichen Errungenschaften in vollem Einklang zu sehen mit der ganzen modernen Bildung, mit alledem, was modernes Fühlen und moderne Anschauung von der Natur des Geistes notwendig macht. Für lange Jahrhunderte in die Zukunft hinein werden die rosenkreuzerischen Methoden die richtigen Methoden der Einweihung in das geistige Leben sein. Als sie begründet worden sind, galten für ihre Anhänger gewisse Regeln. Diese Regeln gelten im Grunde genommen auch heute noch. Weil diese Regeln streng eingehalten werden von allen denen, die wirklich Rosenkreuzer sind, deshalb ist es für Außenstehende unmöglich, den Rosenkreuzer zu erkennen. Nie erkenne einer den anderen, das ist die erste Regel, die nur in Jletzter Zeit eine kleine Änderung erfahren hat. Ihr sollt die Weisheit im engsten Kreise pflegen, Ihr sollt aber die Resultate, die Früchte der Weisheit allen Menschen zugängJich machen. Deshalb trug der Rosenkreuzer bis vor kurzem dasjenige, wodurch er in die Tiefe der Natur hineinschaut, niemals vor das Publikum. Keine Theorie, kein Begriff, keine Idee, nichts von irgendwelchen Vorstellungen und Erkenntnissen wurde da gegeben, sondern Arbeiten wurden geleistet, welche die Kultur vorwärtsbringen und wodurch die Weisheit dem Volke in einer Weise eingeimpft wurde, daß die Außenstehenden nicht viel davon merken konnten.

[ 10 ] The Rosicrucian method of initiation is especially for modern people; it meets the needs of modern conditions. Not only is it a Christian path, but it enables the striving human being to recognize that spiritual research and its achievements are in complete harmony with modern culture, and with modern humanity's whole outlook. It will for long centuries to come be the right method of initiation into spiritual life. When it was first inaugurated, certain rules were laid down for its adherents—rules that are basically still valid, and because they are strictly observed, Rosicrucians are not recognized by outsiders. Never to let it be known that one is a Rosicrucian is the first rule that only recently has been slightly modified. While the wisdom is fostered in narrow circles, its fruits should be available to all humanity. That is why until recently no Rosicrucian divulged what enabled him to investigate nature's secrets. Nothing of the knowledge was revealed; no hint was given theoretically or otherwise, but work was done that furthered civilization and implanted wisdom in ways hardly noticeable to others.

[ 11 ] Das ist der erste Grundsatz, den weiter auszuführen zu weit führen würde, und in bezug auf dessen Kern ich nur bemerken wollte, daß er heutzutage zum Teil durchbrochen wird, daß aber die höhere rosenkreuzerische Weisheit nicht verkündet werden darf. Der zweite Grundsatz bezieht sich auf die Art des Auftretens und heißt: Gehe auf in derjenigen Volksmasse und derjenigen Kulturströmung, in die du hineingestellt worden bist. Sei ein Mitglied des Volkes und Standes der Bildungs- und der Kulturstufe, in die du hineingestellt worden bist. Trage kein besonderes Kleid, wie es gewöhnlich ausgedrückt wird, trage das allgemeineKleid, welches die anderen tragen. — Daher werden Sie als eine Art und Weise finden, daß der Rosenkreuzer da, wo er wirkt, möglichst wenig aus der Ehrsucht und aus der Selbstsucht heraus zu wirken sucht. Er wird versuchen, da und dort an Kulturströmungen anzuknüpfen, bestrebt sein, sie zu vertiefen und das Vorhandene zu gebrauchen, aber er wird immer im Auge haben etwas, was noch viel tiefer ist, was ihn verbindet mit der Zentralweisheit des Rosenkreuzertums selbst. Die anderen Grundsätze brauchen uns jetzt nicht zu beschäftigen, denn wir wollen uns jetzt mit der Rosenkreuzerschulung befassen, wie sie seit Jahrhunderten bestanden hat und noch besteht. Die Dinge, die mitgeteilt werden können, sind in gewisser Beziehung elementar, sind nur der Anfang des ganzen Systems der Rosenkreuzerschulung. Es muß aber gesagt werden, daß von dieser Schulung dasselbe gilt, was von jeder geisteswissenschaftlichen Schulung gesagt werden kann: daß die Menschen nicht literarisch suchen sollen, sondern nur dann sich praktisch mit der Sache beschäftigen möchten, wenn sie die persönliche Anleitung eines Wissenden haben. Alles, was man in dieser Beziehung sagen kann, finden Sie in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» von Nr. 13 an unter dem Titel: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»

[ 11 ] That is the first basic rule; to elaborate it further would lead too far. Suffice it to say that today this rule has been partly relaxed, but the higher Rosicrucian knowledge is not revealed. The second rule concerns conduct, and may be expressed as follows: Be truly part of the civilization and people to which you belong; be a member of the class in which you find yourself. Wear the clothes that are worn generally, nothing different or conspicuous. Thus, you will find that neither ambition nor selfishness motivates the Rosicrucian; he rather strives wherever possible to improve aspects of the prevailing culture, while never losing sight of the much loftier aims that link him with the central Rosicrucian wisdom. The other basic rules need not concern us at the moment. We want to look at the actual Rosicrucian training as it still exists and has existed for centuries. What it is possible to say about it deals only with the elementary stages of the whole system of Rosicrucian schooling. Something ought to be said about this training that applies to spiritual scientific training, namely, that it should not be embarked upon without knowledgeable guidance. What is to be said about this subject you will find in my book Knowledge of Higher Worlds and its Attainment.

[ 12 ] Was bei der Rosenkreuzerschulung zwecks Eintretens in die geistige Welt der Schüler zu absolvieren hat, sind folgende sieben Stufen. Diese brauchen nicht etwa in der Reihenfolge, wie ich sie aufzählen werde, von dem Schüler durchgemacht zu werden. Der Lehrer wird, je nach der Individualität des Schülers, aus dem einen oder dem anderen Punkte dasjenige herausheben, was gerade für den Schüler notwendig ist, und wird so eine Art von Lehrgang, eine Art von innerem Entwicklungsgang dem betreffenden Schüler persönlich zu geben haben. Hier muß man aber die Stufen der Rosenkreuzerschulung aufzählen. Es sind sieben:

[ 12 ] The preliminary Rosicrucian training consists of seven stages that need not be absolved in the sequence here enumerated. The teacher will lay more emphasis on one point or another, according to the pupil's individuality and special needs. Thus, it is a path of learning and inner development, adapted to the particular pupil. These are the seven steps:

[ 13 ] 1. Was man im rosenkreuzerischen Sinne «Studium» nennt.

[ 13 ] 1. Study, in the Rosicrucian sense of the word

[ 14 ] 2. Was man als Aneignung der sogenannten imaginativen Erkenntnis bezeichnet.

[ 14 ] 2. Acquisition of imaginative knowledge

[ 15 ] 3. Was man die Aneignung der okkulten Schrift nennt.

[ 15 ] 3. Acquisition of the occult script

[ 16 ] 4. Was man entweder mit dem anspruchslosen Wort bezeichnet: Rhythmisierung des Lebens, oder auch, und zwar im wahrhaftigen Sinne: die Bereitung des Steins der Weisen. Das ist etwas, was es gibt, was nur nicht jenes törichte Ding ist, von dem Sie in Büchern lesen können.

[ 16 ] 4. Bringing rhythm into life, this is also described as preparing the philosopher's stone. This has nothing in common with the nonsense written about it.

[ 17 ] 5. Was man die Erkenntnis des Mikrokosmos, das heißt der eigenen menschlichen Natur nennt.

[ 17 ] 5. Knowledge of the microcosm, that is, of man's essential nature

[ 18 ] 6. Was man nennt: das Aufgehen in den Makrokosmos oder in die große Welt draußen.

[ 18 ] 6. Becoming one with the macrocosm or great world

[ 19 ] 7. Was man nennt: die Erreichung der Gottseligkeit.

[ 19 ] 7. Attaining godliness.

[ 20 ] In welcher Aufeinanderfolge der Schüler diese Stufen durchmacht, das hängt ganz von seiner Individualität ab. Durchmachen aber muß er sie in der elementaren Rosenkreuzerschulung. Betrachten Sie das, was ich Ihnen bezüglich der Rosenkreuzerschulung gesagt habe und was ich jetzt noch charakterisieren werde, als eine Art Ideal. Glauben Sie nicht, daß man es von heute auf morgen ausführen kann, aber man muß das, was einem heute noch fernsteht, seinem tieferen Inhalte nach, wenigstens dem Wortlaute nach kennenlernen. Beginnen kann der Mensch zu jeder Zeit, wenn er sich bewußt ist, daß er Geduld, Energie und Ausdauer haben muß.

[ 20 ] The sequence in which the student passes through these preliminary stages of Rosicrucian training depends on the students personality, but they must be absolved. What I have said about it so far, and also what I am going to say, must be looked upon as describing the ideal. Do not think that these things can be attained from one day to the next. However, one can at least learn the description of what today may seem a far distant goal. A start can always be made provided it is realized that patience, energy and perseverance are required.

[ 21 ] Der erste Punkt, das Studium, schließt ein Wort ein, das für viele pendantisch klingt. Es wird aber keine Gelehrsamkeit darunter verstanden. Um Eingeweihter zu sein, braucht man nicht gelehrt zu sein. Gelehrsamkeit hat mit geistiger Erkenntnis nicht allzuviel zu tun. Unter dem Studium, um das es sich hier handelt, ist etwas anderes zu verstehen. Dieses Studium ist aber unerläßlich, und niemand darf durch einen wirklich kundigen Lehrer der Rosenkreuzerei in höhere Stufen eingeführt werden, wenn er nicht Neigung hat, die Stufe des Studiums wirklich durchzumachen. Durch das Studium soll sich der Schüler ein völlig vernünftiges, ganz und gar logisches Denken aneignen, ein Denken, welches ihn davor bewahrt, beim Durchgang durch die folgenden Stufen — wie das leicht sein könnte — den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es muß durchaus festgehalten werden, daß derjenige, der eintreten soll in die geistige Welt, sie vorher kennenlernen soll, da sie in manche Irrpfade hineinführen kann, welcher Gefahr er nur dann entgeht, wenn er alles Phantastische, alles Unlogische, alles, was irgendwie unvernünftig sein könnte, vor allen Dingen abgelegt hat. Ein Phantast, der sich Vorstellungen über allerlei Unwirkliches macht, ist nicht zu gebrauchen für die geistige Welt.

[ 21 ] The first stage or study, suggests to many something dry and pedantic. But in this case what is meant has nothing to do with erudition in the usual sense. One need not be a scholar to be an initiate. Spiritual knowledge and scholarship have no close connection. What is here meant by study is something rather different, but absolutely essential; and no genuine teacher of Rosicrucianism will guide the pupil to the higher stages if the student has no aptitude for what this first stage demands. It requires the student to develop a thinking that is thoroughly sensible and logical. This is necessary if the pupil is not to lose the ground under his feet at the higher stages. From the start it must be made clear that, unless all inclination towards fantasy and illusion is overcome, it is all too easy to fall into error when striving to enter spiritual realms. A person who is inclined to see things in a fanciful or unreal light is of no use to the spiritual world.

[ 22 ] Das ist der eine Grund. Der andere Grund ist der, daß man, wenn man in die höheren Welten kommt, das Mannigfaltigste an Wahrnehmungen erfährt, was durch und durch verschieden ist von dem, was uns hier in der Sinnenwelt umgibt. Derjenige, welcher hineinschauen kann — wenn ihm die inneren Sinne der Seele geöffnet werden — in die uns am nächsten befindlichen geistigen Welten, die wir gewohnt sind, die astrale und geistige Welt zu nennen, in die Welten, aus denen der Mensch ebenso herausgeboren ist wie aus der physischen Welt, lernt Dinge kennen, die grundverschieden sind von den Wahrnehmungen in unserer Sinnenwelt. Wer die astrale oder geistige Welt betritt, weiß, wie grundverschieden diese Welten sind von dem, was er hier mit Augen zu sehen, mit Ohren zu hören gewohnt ist. Aber eines ist gleich durch alle drei Welten, durch die physische, astrale, geistige oder devachanische Welt, und das ist das logische Denken. Weil das logische Denken in allen drei Welten dasselbe ist, deshalb kann es hier in dieser physischen Welt schon gelernt werden, so daß wir durch dasselbe eine feste Stütze in den anderen Welten haben werden. Lernt man aber so denken, daß der Gedanke irrlichteliert, so daß man nicht unterscheiden kann Phantasiegebilde von Wirklichkeit, so daß man zum Beispiel, wie unsere Physiker heute es tun, Atome, die niemand in unserer physischen Welt gesehen hat, wie etwas Wirkliches behandelt, gibt man sich solchen Phantasien schon in der physischen Welt hin, dann ist man nicht fähig, sich hinaufzuheben in die höheren Welten. Denken Sie sich einmal, was ein Mensch, der nicht an strenge und unerbittliche Logik gewohnt ist, von den höheren Welten für Zeug erzählen könnte.

[ 22 ] That is one reason; another is that though a person is born from the astral world, that is from the spiritual world next to the physical, as much as he is born from the physical world, what he experiences there is completely different from anything seen with physical sight or heard with physical ears. One thing, however, is the same in all three worlds—in the physical, the astral or spiritual, and the devachanic world—and that is logical thinking. It is precisely because it is the same in all three worlds that it can be learned already in the physical world, and thus provide a firm support when we enter the other worlds. If one's thoughts are like will-o-the-wisps so that no distinction is made between what is merely depicted and reality, then one is not qualified to rise into higher worlds. This happens for example in modern physics when the atom, which no one has even seen, is spoken of as if it were a material reality.

[ 23 ] Nun handelt es sich allerdings nicht um das, was man im gewöhnlichen Sinne Denken nennt. Das gewöhnliche Denken ist nur ein Kombinieren sinnlicher Wirklichkeiten. Hier handelt es sich aber um ein Denken, das sinnlichkeitsfrei geworden ist. Gelehrte und Philosophen leugnen heutzutage ein solches Denken überhaupt. Sie können bei vielen Philosophen, die heute einen großen Namen haben, nachlesen, daß der Mensch nicht in bloßen Gedanken denken könne, sondern immer nur in solchen Gedanken denken müsse, die einen Rest von sinnlichen Bildern enthalten. Wenn ein Philosoph das sagt, dann beweist das nichts weiter, als daß er nicht in reinen Gedanken denken kann, und es ist eine unbeschreibliche Unbescheidenheit, wenn man das, was man selber nicht kann, als eine allgemeine Unfähigkeit hinstellt. Der Mensch muß imstande sein, sich Gedanken zu bilden, die nicht mehr von Wahrnehmungen der Augen und Ohren abhängig sind, so daß er in einer reinen Gedankenwelt leben kann, in der Welt, die er in sich selber findet, wenn er die Aufmerksamkeit von den äußeren, sinnlichen Wirklichkeiten ablenkt. Dieses Denken nennt man in der Geisteswissenschaft und auch im Rosenkreuzertum das sich selbst erzeugende Denken. Derjenige, der nichts anderes tun will, um ein solches Studium zu absolvieren, mag die Lehrbücher der heutigen Geisteswissenschaft vornehmen. Das, was Sie da finden, sind nicht bloß sinnnliche Kombinationen, sondern Gedanken, die aus höheren Welten stammen, Gedanken, die ein geschlossenes Denken darstellen, das jeder verstehen kann, so daß er nicht bei der gewöhnlichen, trivialen Art des Denkens stehenzubleiben braucht.

[ 23 ] However, what we are discussing now is not what is generally meant by thinking. Ordinary thinking consists of combining physical facts. Here we are concerned with thinking that has become sense-free. Today there are learned people, including philosophers, who deny the existence of such thinking. Modern philosophers of great renown tell us that human beings cannot think in pure thoughts, only in thoughts that reflect something physical. Such a statement simply shows that the person concerned is not capable of thinking in pure thoughts. However, it is the height of arrogance to maintain that something is impossible just because one cannot accomplish it oneself. Human beings must be able to formulate thoughts that are not dependent on what is seen or heard physically. A person must be able to find himself in a world of pure thought when his attention is completely withdrawn from external reality. In spiritual science, and also in Rosicrucianism, this is known as self-created thinking. Someone who resolves to train his thinking in this direction may turn to books on spiritual science. There he will not find a thinking that combines physical facts, but thoughts derived from higher worlds, which present a self-sustaining continuous thinking. And as anyone can follow it, the reader is able to rise above the ordinary trivial way of thinking.

[ 24 ] Um die erste Stufe der Rosenkreuzerschulung möglich zu machen, ist es nötig, daß das, was seit Jahrhunderten im engsten Kreise behütet worden ist, durch Literatur und Vorträge der Menschheit zugänglich gemacht wird. Was zugänglich gemacht wird, ist aber nichts anderes als das Einmaleins, der Anfang des großen und unermeßlichen Weltenwissens. Mit der Zeit wird immer mehr davon in die Menschheit einfließen. Seit einigen Dezennien ist der elementare Teil desselben der Menschheit enthüllt worden. Daran können Sie Ihr Denken schulen. Für diejenigen, die das gründlicher machen wollen, die also in eine solche strenge SchuJlung desDenkens eintreten wollen, sind meine beiden Bücher «Wahrheit und Wissenschaft» und «Die Philosophie der Freiheit» bestimmt. Diese Bücher sind nicht so geschrieben wie andere Bücher, daß sie einen Satz einer bestimmten Stelle auch an eine andere Stelle des betreffenden Buches setzen könnten. Diese Bücher sind keine Gedanken-Aggregate, sondern Gedanken-Organismen. Ein Gedanke wächst wie ein Organismus, er wächst organisch aus dem anderen heraus. Diese Bücher sind also nicht so geschrieben, daß einfach ein Gedanke zum anderen hinzugefügt wird, sondern so, daß die späteren Gedanken aus den vorhergehenden herausgewachsen sind wie bei einem Organismus. So müssen in dem Leser auch die Gedanken herauswachsen, er muß spüren, wie er hingetrieben wird zu dem Denken; und dann macht er sich jene eigentümliche Art des Denkens, das sich selbst erzeugende Denken, zu eigen, ohne welches man die höheren Stufen der rosenkreuzerischen Schulung nicht erlangen kann, obgleich diese gründlichere Art nicht absolut notwendig ist und man sehr gut bei der geisteswissenschaftlichen, elementaren Literatur bleiben kann, da diese den Stoff für das Studium auch abzugeben vermag.

[ 24 ] In order to make accessible the elementary stages of Rosicrucianism, it was necessary to make available in print and through lectures, material that had for centuries been guarded in closed circles. However, what has been released in recent decades is only the rudiments of an immeasurable, far-reaching world knowledge. In the course of time more and more will flow into mankind. Study of this material schools the pupil's thinking. For those who seek a still stricter schooling, my books Truth and Knowledge and The Philosophy of Freedom are particularly suitable. Those two books are not written like other books; no sentence can be placed anywhere but where it stands. Each of the books represents, not a collection of thoughts, but a thought-organism. Thought is not added to thought, each grows organically from the preceding one, like growth occurs in an organism. The thoughts must necessarily develop in like manner in the reader. In this way a person makes his own thinking with the characteristic that is self-generating. Without this kind of thinking the higher stages of Rosicrucianism cannot be attained. However, a study of the basic spiritual scientific literature will also school thinking; the more thorough schooling is not absolutely necessary in order to absolve the first stage of Rosicrucian training.

[ 25 ] Das zweite ist die Aneignung des imaginativen Denkens. Dasjenige, was ich imaginatives Denken nenne, sollte man sich erst aneignen, wenn man auf diese Weise strenge innere Gedankennotwendigkeit in sich aufgenommen hat, so daß man einen strengen Wissenskern besitzt. Man kann sonst leicht den Boden unter den Füßen verlieren. Was ist nun imaginatives Denken? Goethe, der in seinem rosenkreuzerischen Gedicht «Die Geheimnisse» gezeigt hat, wie tief er in die rosenkreuzerischen Geheimnisse eingeweiht war, gibt einen Hinweis in einem schönen Spruch des Chorus Mysticus im zweiten Teil des Faust, wo er das Geleitwort gegeben hat: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Dies wurde überall, wo eine innere rosenkreuzerische Schulung vorhanden war, in systematischer Weise entwickelt. Der Rosenkreuzer mußte fähig werden, durch die ganze Welt zu gehen und neben der logischen Erkenntnis sich die imaginative Erkenntnis derselben anzueignen, diejenige Erkenntnis, die in allem, was um uns herum ist, ein Geistiges, ein Unvergängliches sieht. Wenn Sie einem Menschen gegenübertreten und Sie sehen auf seinem Antlitz ein heiteres Lächeln, dann werden Sie nicht dabei stehenbleiben, nur jene eigentümlichen Windungen im Gesicht, die Physiognomie, die sich Ihrem Auge darbietet, zu beschreiben. Es wird vielmehr Ihre Seele sich klar sein darüber, daß in jenem eigentümlichen Ausdruck der Heiterkeit sich das innere Leben der Seele verrät, ebensowenig wie Sie bei perlenden Tränen dabei stehenbleiben werden, sie zu untersuchen. Sie werden sich klar darüber sein, daß die Tränen der Ausdruck inneren Schmerzes, inneren Leides sind. Das Außere ist Ausdruck des Inneren. Sie sehen in der Physiognomie bis auf den Grund der Seele. Der ganzen übrigen Natur gegenüber muß das der Rosenkreuzerschüler lernen. So wie das menschliche Antlitz und die Bewegung der Hände Ausdrucksmittel sind für das menschliche Seelenleben, so ist alles, was in der Natur vorgeht, Ausdruck eines seelisch-geistigen Lebens. Wie die Geste Ausdruck für unsere Seele ist, so wird für den Rosenkreuzer alles — nicht bloß als poetisches Bild, sondern als tiefe Wirklichkeit —, die ganze Erde um uns herum der Ausdruck seelisch-geistigen Lebens: die Steine, Pflanzen und Tiere, die Sterne, jeder Luftzug. Alles, was um uns herum ist, wird so der Ausdruck von Seelisch-Geistigem, nicht etwa in poetischer Beziehung, sondern in Wirklichkeit, wie das leuchtende Auge, die sich runzelnde Stirne, die perlende Träne physiognomische Ausdrücke innerer Seelenzustände sind. Dann erst wissen Sie, was imaginative Erkenntnis heißt, wenn Ihnen das, was Goethe in seinem Faust vom Erdgeiste sagt, nicht mehr ein poetisches Bild, sondern Wirklichkeit ist, wenn Sie bei dem heutigen materialistischen Sinn unserer Bevölkerung nicht stehenbleiben, sondern bei dem Worte des Erdgeistes Wirklichkeit zu erkennen vermögen, während man heute froh ist, wenn man ein poetisches Bild darin genießen kann:

[ 25 ] The second stage is the acquisition of imaginative thinking. This should only be attempted when the stage of study has been absolved, so that one possesses an inner foundation of knowledge and has made one's own thoughts that follow one another out of inner necessity. Without such a foundation it is all too easy to lose the ground under one's feet. But what is meant by imaginative thinking? Goethe, who in his poem, The Mysteries, showed his profound knowledge of Rosicrucianism, gave a hint at what imaginative thinking was, in the words uttered by the Chorus Mysticus, in the second part of Faust: “All things transitory but as symbols are sent.” The knowledge that everything transitory was mere symbol was systematically cultivated wherever a Rosicrucian training was pursued. A Rosicrucian had to acquire an insight that recognizes in everything, something spiritual and eternal. In addition to ordinary knowledge of what he encountered an his journeys through life, a Rosicrucian had to acquire imaginative knowledge as well. When someone meets you with a smiling face, you do not stop short at the characteristic contortion of his features, you see beyond the physiognomic expression and recognize that the smile reveals the person's inner life. Likewise you recognize tears to be an expression of inner pain and sorrow. In other words, the outer expresses the inner; through the physiognomy you perceive the depths of soul. A Rosicrucian has to learn this in regard to the whole of nature. As the human face, or the gesture of a hand, is the expression of a person's soul life, so, for the Rosicrucian, everything that takes place in nature is an expression of soul and spirit. Every stone, plant and animal, every current of air, the stars, all express soul and spirit just as do shining eyes, a wrinkled brow or tears. If you do not stop short at today's materialistic interpretation that regards what the Earth-Spirit says in Goethe's Faust as poetic fantasy, but recognize that it depicts reality, then you know what is meant by imaginative knowledge.

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

In the tides of life, in action's storm,
A fluctuant wave,
A shuttle free,
Birth and the Grave,
An eternal sea.
A weaving, flowing
Life, all-glowing,
Thus at time's humming loom 'tis my hand prepares
The garment of Life which the Deity wears!

[ 26 ] Wenn Ihnen diese Worte des Erdgeistes Wirklichkeit geworden sind und Sie es ruhig aushalten können, daß Sie von Materialisten für einen Narren gehalten werden, da Sie wissen, daß Sie eine tiefere Logik haben, da Sie wissen, daß jene phantastischer sind und nur zu wissen glauben, daß Sie aber wissen, daß Sie einer freien Wirklichkeit des Geistes gegenüberstehen, und ebenso wahr und wirklich, wie eine menschliche Seele in den Physiognomien lebt, auch in der Erdphysiognomie ein Erdgeist lebt. Wenn Sie in einer Pflanze die Heiterkeit des Erdgeistes erblicken, wenn die Erde Ihnen der Ausdruck des leiderfüllten Erdgeistes wird, wenn Ihnen die Natur so erscheint, als wenn sie zu Ihnen spräche, wie wenn sie Ihnen ihr Geheimnis wirklich mitteilte, wenn Sie das erleben, dann fangen Sie an, ihre Geheimnisse zu buchstabieren und zu verstehen, was es heißt: imaginative Erkenntnis zu erwerben. Dann kommen Sie dahin, zu verstehen, wie dies im Rosenkreuzertum und auch bei den Vorfahren des Rosenkreuzertums in dem großen okkulten Ideal des heiligen Grals hingestellt worden ist als dem reinsten und schönsten Ausdruck für das Streben nach imaginativer Erkenntnis.

[ 26 ] If for you these words of the Earth-Spirit depict spiritual reality, then you will know that you possess a deeper logic, and can calmly accept being called a fool by materialists who only think they understand. As the human physiognomy expresses the life of the human soul, so does the physiognomy of the earth express the life of the Earth-Spirit. When you begin to read in nature, when nature reveals its mysteries, and different plants convey to you the Earth-Spirit's cheerfulness or sorrow, then you begin to understand imaginative knowledge. Then you will also recognize that it is this that is presented as the purest and most beautiful expression of the striving for imaginative knowledge in Rosicrucianism, and also in what preceded Rosicrucian¬ism, the ideal of the Holy Grail.

[ 27 ] Lassen Sie uns einmal einen Blick werfen auf die wahre Natur dieses Ideals vom heiligen Gral. Es tritt Ihnen in jeder Rosenkreuzerschule in der Weise vor Augen, wie ich es jetzt charakterisieren will. Ich benutze hierzu die Form eines Dialogs, der aber niemals in wirklichen Rosenkreuzerschulen gehalten worden ist. Da wurde durch lange Entwicklungsmethoden im Leben das erreicht, was ich jetzt im Dialog zusammenfassen will. Er gibt das, was das Ideal des heiligen Grals wirklich enthält.

[ 27 ] Let us look for a moment at the true nature of the Holy Grail. This ideal is always found in every Rosicrucian school. The form it takes I shall describe as a conversation which, however, never took place in reality because what I shall summarize could only be attained in the course of long training and development. However, what I shall say does convey what is looked up to as the Quest of the Holy Grail:

[ 28 ] Sieh Dir an die Pflanze, wie sie herauswächst aus der Erde, Ihre Wurzel ist in den Boden hineingesenkt, sie ist nach dem Mittelpunkt der Erde hin gerichtet, der Stengel strebt nach oben, die Blüte nach oben öffnend, darinnen die befruchtenden Organe, die den Samen zeugen werden, wodurch die Pflanze über sich selbst hinauslebt. Nicht erst Darwin, der große Naturforscher, hat davon gesprochen, daß, wenn man die Pflanze mit dem Menschen vergleicht, nicht die Blüte, sondern die Wurzel mit dem Kopfe verglichen werden müsse. Die Wurzel der Pflanze entspricht dem Kopfe des Menschen — so sagte schon der Rosenkreuzer-Okkultismus —, und dasjenige, was von der Pflanze als Blütenkelch der Sonne keusch entgegenstrebt, das ist das, was der Mensch als Befruchtungsorgane nach unten wendet. Der Mensch ist eine umgekehrte Pflanze. Er wendet die Organe, welche die Pflanze keusch nach oben dem Lichte zuwendet, schamvoll nach unten und verhüllt sie. Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze: das ist ein Grundsatz des Rosenkreuzer-Okkultismus und des Okkultismus aller Zeiten. Die Pflanze ist mit den Befruchtungsorganen keusch der Sonne zugewendet. Der Mensch hat die Befruchtungsorgane nach dem Mittelpunkte der Erde gerichtet, den Kopf frei nach dem Sonnenraum hinaus. Zwischen beiden, mitten drinnen, steht das Tier, Die drei Richtungen, die sich durch die Pflanze, das Tier und den Menschen ergeben, bezeichnet man als das Kreuz. Die Pflanze ist der Balken, der nach unten geht, das Tier ist der Querbalken, der Mensch ist der Balken nach oben. Wenn Plato, der große eingeweihte Philosoph des Altertums, sagt, daß die Weltseele an dem Kreuze des Weltenleibes gekreuzigt ist, so bedeutet das nichts anderes, als daß der Mensch die höchste Ausgestaltung der Weltenseele darstellt, und daß die Weltenseele hindurchgegangen ist durch die drei Reiche: Pflanzenreich, Tierreich und Menschenreich. Die Weltenseele ist an dem Kreuze: Pflanzenreich, Tierreich und Menschenreich, den drei Naturreichen, gekreuzigt. — Ein wunderbar tiefes Bild von Plato, ganz aus der Geisteswissenschaft herausgesprochen.

[ 28 ] Look how the plant grows out of the earth. Its stem strives upward; its roots are sunk into the ground, pointing towards the centre of the earth. The opening blossom contains its reproductive organs, which bear the seeds through which the plant continues beyond itself. Charles Robert Darwin,3Charles Robert Darwin (1809–1882) the English naturalist who first formulated the theory of evolution. the famous natural scientist, is not the first to point out that, if a person is compared to the plant, it is the root, not the blossom, that corresponds to his head. This was said already by esoteric Rosicrucianism. The calyx, which chastely strives towards the sun, corresponds to the reproductive organs that in human beings are situated downwards. Human beings are inverted plants. A person turns downwards and covers up in shame the organs that the plant chastely turns upward to the light. To recognize that the human being is the plant inverted is basic to Rosicrucianism, as indeed to all esoteric knowledge. Human beings turn their reproductive organs towards the centre of the earth; in the plant they turn towards the sun. The plant root points towards the centre of the earth; human beings Lift their heads unfettered towards sunlit spaces. The animal occupies a position between the two. The three directions indicated by plant, animal and human are known as the cross. The animal represents the beam across, the plant the downward, the human being the upward pointing section of the vertical beam. Plato, the great philosopher of antiquity, stated that the World¬Soul is crucified on the World-Body. He meant that human beings represent the highest development of the World-Soul, which passes through the three kingdoms of plant, animal and human. The World-Soul is crucified on the cross of plants, animal and human kingdoms. These words of Plato are spoken completely in the sense of spiritual science and present a wonderful and deeply significant picture.

[ 29 ] Unzählige Male wurde dieses Bild in den Rosenkreuzerschulen wiederholt: Schaut Euch die Pflanze an mit dem Kopf nach unten, mit den Befruchtungsorganen nach oben, die sich dem Sonnenstrahl entgegenstrecken. — Diesen Sonnenstrahl nannte man die heilige Liebeslanze, welche die Pflanze zu durchdringen hat, damit der Same zum Wachsen und Reifen kommen kann. Nun sagte man dem Schüler: Richte den Blick hinauf bis zum Menschen, sieh dir die Pflanze und dann den Menschen an, vergleiche desMenschen Materie und Stoff mit denen der Pflanze. Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze, er ist es geworden, weil er seinen Stoff, sein Fleisch durchdrungen hat mit physischer Begierde, mit Leidenschaft und Sinnlichkeit. Keusch und rein darf die Pflanze die Befruchtungsorgane der Befruchtungslanze, der hehren Liebeslanze, entgegenstrecken. Der Mensch kommt auf einen ähnlichen Standpunkt in der Zeit, wo er die Begierde vollkommen geläutert haben wird, so daß er in eine Zukunft hineinblickt, die ihm die Erfüllung des Ideals bringen wird: Du bist so keusch und rein wie der Blütenkelch der Pflanze. Dann wirst du auf der Höhe der irdischen Entwicklung angelangt sein, dann wird nicht mehr unreine Begierde deine niederen Organe durchziehen, dann wirst du die geistige Liebeslanze, deine produktive Kraft, die dann ganz geistig sein wird, entgegenstrecken dem Blütenkelch, wie der Pflanzenkelch sich öffnet der heiligen Liebeslanze im Sonnenstrahl. So geht der Mensch durch die Reiche der Natur hindurch und läutert sich hinauf bis zur Entwicklung derjenigen Organe, die heute erst in der Anlage begriffen sind. Wenn der Mensch in dem, was heilig und edel ist, etwas hervorbringt, so ist er am Anfang einer zukünftigen, produktiven Kraft, die er haben wird, wenn seine niedere Natur ihre vollständige Läuterung durchgemacht hat. Dann wird er ein neues Organ haben. Der Blütenkelch der Pflanze wird auf höherer Stufe neuerdings erstehen und wird der Lanze des Amfortas entgegengestreckt werden, wie der Blütenkelch der geistigen Liebeslanze der Sonne.

[ 29 ] The pupil in the Rosicrucian school had repeatedly to bring the picture before his mind of the plant with its head downward and the reproductive organs stretching towards the beam of the sun. The sunbeam was called the “holy lance of love” that must penetrate the plant to enable the seeds to mature and grow. The pupil was told: Contemplate man in relation to the plant; compare the substance of which man is composed with that of the plant. Man, the plant turned upside down, has permeated his substance, his flesh, with physical cravings, passion and sensuality. The plant stretches in purity and chastity the reproductive organs towards the fertilizing sacred lance of love. This stage will be reached by an individual when he has completely purified all cravings. In the future, when earth evolution has reached its height, a person will attain this ideal. When no impure desires permeate the lower organs, a person will become as chaste and pure as the plant is now. That individual will stretch a lance of spiritual love, the completely spiritualized productive force, towards a calyx that opens as does that of the plant to the holy lance of love of the sunbeam. Thus, the human being's development takes him through the kingdoms of nature. He purifies his being until he develops organs of which there are as yet only indications. The beginning of a future productive power can be seen when human beings create something that is sacred and noble—a force they will fully possess once their lower nature is purified. A new organ will then have developed; the calyx will arise on a higher level and open to the lance of Amfortas, as the plant calyx opens to the sun's spiritual lance of love.

[ 30 ] So stelle dir auf niederer Stufe dasjenige dar, was, als hohes Ideal gegeben, in Zukunft des Menschen Geschlecht sein wird, wenn alles Niedere geläutert sein wird und alles keusch und rein sich entgegenhalten wird der vergeistigten Sonne der Zukunft, wenn dieser Pflanzenkelch hindurchgegangen sein wird durch die Menschennatur, die in gewisser Beziehung höher, in gewisser Beziehung niederer stehen wird als die Pflanze, wenn er hinaufgeläutert sein wird bis zur höchsten Geistigkeit, und vorgehalten wird der vergeistigten Sonne als der heilige Kelch, der erhöhte Pflanzenkelch, der durch die Menschheit hindurchgegangen ist.

[ 30 ] Thus, what the Rosicrucian pupil depicted to himself represents on a lower level the great future ideal of mankind, attainable when the lower nature has been purified and chastely offers itself to the spiritualized sun of the future. Then human nature, which in one sense is higher, in another lower than that of the plant, will have developed within itself the innocence and purity of the plant calyx.

[ 31 ] Dies wurde geistig erfaßt von dem Rosenkreuzerschüler, es ist das Geheimnis des heiligen Gral, das höchste Ideal, das vor den Menschen hingestellt werden kann. So erscheint die ganze Natur mit einem geistigen Sinn durchglüht und durchströmt. Wenn man so alles erfaßt, alles als ein Gleichnis des Geistigen sieht, dann ist man auf dem Wege, die imaginative Erkenntnis zu erwerben. Dann dringen aus den Dingen die Farben und werden selbständig, es dringen aus ihnen die Töne und werden selbständig, der Raum erfüllt sich mit einer selbständigen Farben- und Tonwelt, und in diesen kündigen sich geistige Wesenheiten an. Wir steigen von der imaginativen Erkenntnis zu der wirklichen Erkenntnis des geistigen Raumes auf. Das ist der Weg, den der Rosenkreuzer auf der zweiten Stufe seiner Schulung nimmt.

[ 31 ] The Rosicrucian pupil grasped all of this in its spiritual meaning. He understood it as the mystery of the Holy Grail4Holy Grail, a cup or chalice, associated in medieval legend with unusual powers, especially the regeneration of life and water, and later with Christian purity. Became identified with the cup used at the Last Supper and given to Joseph of Arimathea.—mankind's highest ideal. He saw the whole of nature permeating and glowing with spiritual meaning. When everything is thus seen as symbol of the spirit, one is on the way to attain imaginative knowledge; color and sound separate from objects and become independent. Space becomes a world of color and sound in which spiritual beings announce their presence. The pupil rises from imaginative knowledge to direct knowledge of the spiritual realm. That is the path of the Rosicrucian pupil at the second stage of training.

[ 32 ] Das dritte ist die Kenntnis der okkulten Schrift. Die okkulte Schrift ist keine gewöhnliche Schrift, sondern eine solche, die mit den Naturgeheimnissen zusammenhängt. Ich möchte Ihnen gleich klarmachen, was Sie sich unter der okkulten Schrift vorzustellen haben. Ein verbreitetes Zeichen dieser Schrift ist der sogenannte Wirbel. Sie können sich denselben so vorstellen, daß Sie sich zwei Sechser ineinander verschlungen denken. Dieses Zeichen gebraucht man, um gewisse Erscheinungen, die in der ganzen natürlichen und geistigen Welt vorhanden sind, zu kennzeichnen und ihre innere: Natur zu charakterisieren. Wenn Sie eine Pflanze nehmen und betrachten, so werden Sie finden, daß sie sich bis zum Samenkorn entwickelt. Wenn Sie dieses Samenkorn in die Erde legen, so entwickelt sich eine ähnliche Pflanze, die der alten gleich ist. Daß da etwas Stoffliches von der alten Pflanze in die neue übergeht, ist ein materielles Vorurteil, das durch nichts gerechtfertigt ist und von der Zukunft widerlegt werden wird. In die neue Pflanze geht lediglich die bildsame Kraft über. Die alte Pflanze erstirbt stofflich ganz und gar, und die neue Pflanze ist stofflich etwas ganz Neues. Nicht das allergeringste Stoffliche geht aus der alten Pflanze in die neue über. Diesen neuen Ansatz einer Entstehung und eines Vergehens einer Pflanze bezeichnet man dadurch, daß man zwei sich ineinander schlingende Spiralen, also einen Wirbel zeichnet, und zwar ohne eine Verbindung der beiden Linien zu bewirken.

[ 32 ] The third stage is knowledge of the occult script. This is no ordinary writing, but one that is connected with nature's secrets. Let me at once make clear how to depict it. A widely used sign is the so-called vortex, which can be thought of as two intertwined figure 6's. This sign is used for indicating and also characterizing a certain type of event that can occur both physically and spiritually. For example, a developing plant will finally produce seeds from which new plants similar to the old one can develop. To think that anything material passes from the old plant to the new is materialistic prejudice without foundation and will eventually be refuted. What passes over to the new plant is formative forces. As far as matter is concerned, the old plant dies completely; materially its offspring is a completely new creation. This dying and new coming-into-being of the plant is indicated by drawing two intertwining spirals, that is, a vortex, but drawing it so that the two spirals do not touch.

spiralspiral

[ 33 ] Nun finden sich solche Wirbel sowohl in der äußeren als auch in der geistigen Natur. So sagt uns zum Beispiel die Geistesforschung, daß in der Entwicklung der Menschheit einst ein solcher Wirbel vorhanden war, als die alte atlantische Kultur in die neue nachatlantische Kultur überging. Die Geisteswissenschaft zeigt Ihnen hier etwas, was die heutige Naturwissenschaft nur in der ersten elementarsten Stufe kennt. Sie zeigt Ihnen, daß das, was heute Meer ist zwischen Europa und Amerika, ausgefüllt war mit einem Kontinente, daß sich eine uralte Kultur da entwickelt hatte, daß durch die «Sündflut» jener Kontinent überflutet wurde und verschwand. Dies zeigt uns, daß das, was uns Plato von dem Untergang der Insel Poseidonis mitteilt, auf Richtigkeit beruht, und daß sie ein Rest des uralten, atlantischen Kontinentes war. Jene Kultur verschwand in bezug auf ihre geistige Eigenschaft, und eine neue Kultur trat auf, so daß man diesen Vorgang kennzeichnen kann mit den zwei ineinander sich schlingenden Spiralen, dem Wirbel. Das Alte wird bezeichnet durch die sich hineinschlingende Spirale, das Neue durch die sich herausschlingende.

[ 33 ] Many events take place, both physical and spiritual, that correspond to such a vortex. For example, we know from spiritual research that the transition from the ancient Atlantean culture to the first post-Atlantean culture was such a vortex. Natural science only knows the most elementary aspects of this event. Spiritual science tells us that the space between Europe and America, which is now the Atlantic Ocean, was filled with a continent on which an ancient civilization developed, a continent that was submerged by the Flood. This proves that what Plato referred to as the disappearance of the Island of Poseidon is based on facts; the island was part of the ancient Atlantean continent. The spiritual aspect of that ancient culture vanished, and a new culture arose. The vortex is a sign for this event; the inward-turning spiral signifies the old civilization and the outward-turning the new.

[ 34 ] Als der Übergang von der atlantischen Kultur in die nachatlantische vor sich ging, da erschien im Frühlinge die Sonne im Sternbilde des Krebses. Sie wissen, daß die Sonne im Laufe des Jahres vorwärtsrückt. In jener alten Zeit ging sie, wie gesagt, bei Frühlingsanfang im Sternbilde des Krebses auf, dann eine Zeitlang im Sternbilde der Zwillinge, dann im Sternbilde des Stieres und dann des Widders. Die Völker haben immer dasjenige als etwas besonders Wohlträtiges empfunden, was ihnen vom Himmelsgewölbe die ersten Sonnenstrahlen zusendet. Daher sehen Sie, daß man, als die Sonne anfing im Sternbilde des Widders aufzugehen, angefangen hat, den Widder zu verehren. Daher rühren die ganzen Lammsagen, die Sage vom goldenen Vließ und so weiter. Früher, bevor die Sonne im Sternbilde des Widders aufgegangen war, ging sie im Sternbilde des Stieres auf. Daher haben die Kulturen, welche den WidderKulturen vorangegangen sind, den Stier als heiliges Tier verehrt. Sie finden daher in jener Zeit zum Beispiel die Verehrung des ägyptischen Stieres Apis. In der Zeit des Überganges von der atlantischen in die nachatlantische Zeit haben Sie die Herrschaft des Sternbildes des Krebses gehabt. Und daher haben Sie die zwei ineinandergeschlungenen Wirbel als Zeichen des Krebses im Kalender.

[ 34 ] As the transition took place from the old culture to the new, the sun rose in spring in the constellation of Cancer—as you know the sun moves forward in the course of the year. Later it rose in early spring in the constellation of Gemini, then in that of Taurus and later still in that of Aries. People have always felt that what reached them from the vault of heaven in the beams of the early spring sun was especially beneficial. This is why people venerated the ram when the spring sun rose in the constellation of Aries; it is also the reason for legends such as “The Golden Fleece” and others. Earlier than that the sun rose in spring in the constellation of Taurus, and we find in ancient Egypt the cult of the bull Apis. But the transition from Atlantis to post-Atlantis took place under the constellation of Cancer, whose sign is the intertwining spirals—a sign you find depicted in calendars.

[ 35 ] Es gibt hunderte, tausende dieser Zeichen, die man nach und nach lernt. Das sind nicht willkürliche Zeichen. Wenn man sie kennt, zeigen sie einem die Wege, um hineinzukriechen in die Dinge und in den Dingen zu leben. Wie das Studium den Verstand, die imaginative Erkenntnis das Gemüt ergreift, so ergreift die Erkenntnis der okkulten Schrift den Willen. Sie zeigt uns die Wege beim Schaffen und Produzieren. Wenn daher das Studium uns Erkenntnis, die Imagination Anschauung bringt, so bringt uns die Erkenntnis der okkulten Schrift Magie, die Erkenntnis der in den Dingen schlummernden Naturgesetze, die Erkenntnis, die uns tiefer in das Wesen der Dinge hineinführt. Sie können bei vielen — meinetwegen auch bei Eliphas Levi — viele okkulte Zeichen finden. Derjenige aber, der nichts weiß von diesen Dingen, wird wenig dabei lernen können. Sie können indessen eine Andeutung darin finden, wie sie aussehen. In den Werken, die Sie darüber gedruckt finden, steht gewöhnlich Unzutreffendes. Heilig gehalten wurden von allen Völkern, von den Eingeweihten wenigstens, diese okkulten Schriftzeichen. Und wenn wir weiter zurückgehen, finden wir strenge Bestimmungen über deren Geheimhaltung, damit diejenigen, welche solche Zeichen gebrauchen dürfen, sie nie unwürdig gebrauchen mögen. Die strengsten Strafen sind auf die Übertretung dieser Bestimmungen gesetzt.

[ 35 ] There exist hundreds and thousands of such signs that the pupil gradually learns. The signs are not arbitrary; they enable those who understand them to immerse themselves in things and directly experience their essence. While study schools the faculty of reason, and imaginative knowledge the life of feelings, knowledge of the occult script takes hold of the will. It is the path into the realm of creativity. If study brings knowledge, and imagination spiritual vision, knowledge of the occult script brings magic. It brings direct insight into the laws of nature that slumber in things, direct knowledge of their very essence. You can find many who make use of occult signs, even people like Eliphas Levi. This can provide an idea of what the signs look like, but not much can be learned, unless one is knowledgeable about them already. What is found in books an the subject is usually erroneous. The signs used to be regarded as sacred, at least by the initiates. If we go back far enough, we find that strict rules concerning their secrecy were imposed, incurring severe punishment if broken, to ensure they were not used for unworthy purposes.

[ 36 ] Das vierte ist das, was man die Bereitung des Steines der Weisen nennt. Was Sie darüber in der Literatur finden, ist ziemlich unzutreffend, ja sogar meistens törichtes Zeug. Wäre der Stein der Weisen das, was da geschildert wird, so hätte jeder ein Recht, darüber zu spotten. Sie werden ein Stück davon erkennen, wenn Sie meiner Betrachtung folgen: sie wird Ihnen einen großen Einblick geben. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts stand in einer ernstzunehmenden mitteldeutschen Zeitschrift eine Notiz über den Stein der Weisen. Wer diese Notiz liest und etwas von der Sache versteht, der findet, daß der Schreiber irgendwo einmal etwas darüber vernommen hat. Seine Worte sind ganz richtig, aber man sieht auch, daß er seine Worte selbst nicht richtig versteht. Der Verfasser der Notiz schreibt da: Der Stein der Weisen ist etwas, was alle Menschen kennen, etwas, was die meisten Menschen oft und oft in der Hand haben, was man an vielen Orten der Erde findet und von dem nur der Mensch nicht weiß, daß es der Stein der Weisen ist. — Eine sonderbare Beschreibung ist das, wie der Stein der Weisen sein soll, und dennoch wörtlich wahr. Man muß die Sache nur richtig verstehen.

[ 36 ] The fourth stage is known as the preparation of the philosopher's stone (the stone of the wise). What is written about it is completely misleading; often it is such grotesque nonsense that if true anyone would be entitled to be scornful. What I am going to say will give you a great deal of insight into the truth of the matter. At the end of the eighteenth century there appeared in an earnest periodical a notice concerning the philosopher's stone. It was clear from the wording of the notice that its author had some knowledge of the matter, yet gave the impression that he did not fully understand. The notice read: The philosopher's stone is something that all are acquainted with, something they often handle, and is found all over the world. It is just that people do not know that it is the philosopher's stone. A peculiar description of what the philosopher's stone was supposed to be, yet word for word quite correct.

[ 37 ] Betrachten Sie einmal den menschlichen Atmungsprozeß, denn mit einer Regulierung des Atmens hängt das zusammen, was man die Auffindung oder Bereitung des Steines der Weisen nennt. Der Mensch atmet heute Sauerstoff ein und Kohlensäure aus, also die Verbindung des Sauerstoffs mit Kohlenstoff wird ausgeatmet. Der Mensch atmet Sauerstoff, die Lebensluft, ein und Kohlensäure, ein wirkliches Gift, aus. Mit dieser Kohlensäure kann der Mensch und das Tier nicht leben. Würden die Tiere, die geradeso atmen wie der Mensch, allein auf der Erde sein und hätten sie immer so geatmet wie heute, so würden sie die Luft um sich herum verpestet haben, und weder Tier noch Mensch könnte heute noch atmen. Woher kommt es nun, daß sie aber noch atmen können? Daher, daß die Pflanze die Kohlensäure aufnimmt, den Kohlenstoff in sich behält und den Sauerstoff wieder zurückgibt, so daß Menschen und Tiere den Sauerstoff wieder zur Atmung benützen können. Es ist also ein schöner Wechselprozeß zwischen der Atmung der Tier- und Menschenwelt und der Atmung oder dem Assimilationsprozeß der Pflanzenwelt — Assimilationsprozeß, damit kein pedantischer Gelehrter etwas dagegen einwenden kann. Derjenige, der jeden Tag fünf Mark einnimmt und jeden Tag zwei Mark ausgibt, schafft einen Überschuß, bei ihm steht die Sache anders als bei demjenigen, der fünf Mark ausgibt und nur zwei Mark einnimmt. Ähnlich kann es auch bei der Atmung sein. Das Wesentliche aber hierbei ist, daß dieser Tauschprozeß zwischen Mensch und Pflanzenwelt besteht.

[ 37 ] Consider for a moment the process of human breathing. The regulation of the breath is connected with the discovery, or preparation of, the philosopher's stone. At present human beings inhale oxygen and exhale carbon dioxide, that is, what is exhaled is a compound of oxygen and carbon. A person inhales oxygen, life-giving air, and exhales carbon dioxide, which is poisonous to both human and animal. If animals, who breathe like human beings, had alone populated the earth, they would have poisoned the air, and neither they nor humans would be able to breathe today. So how does it come about that they are still able to breathe? It is because plants absorb the carbon dioxide, retain the carbon and give back the oxygen for human and animal to use again. Thus, a beautiful reciprocal process takes place between the breath of humans and animal, and the breath, or rather assimilation, of the plant world. Think of someone who every day earns five shillings and spends two. He creates a surplus, and is in a different position than someone who earns two shillings but spends five. Something similar applies to breathing. However, the significant point is that this exchange takes place between human beings and the vegetable kingdom.

[ 38 ] Dieser Tauschprozeß ist höchst merkwürdig. Betrachten wir ihn deshalb noch einmal etwas näher. In den MenschenJeib geht Sauerstoff ein, aus dem Menschenleib kommt KohJensäure heraus. Kohlensäure besteht aus Sauerstoff und Kohlenstoff. Die Pflanze behält den Kohlenstoff und gibt den Sauerstoff dem Menschen wieder zurück. Sie können in der Steinkohle, die Sie Jahrmillionen nach Entstehung der betreffenden Pflanze aus der Erde herausgraben, den Kohlenstoff, welchen die Pflanze eingeatmet hat, wieder erblicken. Der gewöhnliche Atmungsprozeß, der so verläuft, wie er eben geschildert wurde, zeigt an, wie notwendig der Mensch zu seinem Leben heute die Pflanze hat, und wie in ihm beim Atmungsprozeß etwas vorgeht, was nur ein halber Prozeß ist. Er braucht die Pflanze als etwas, was nicht in ihm ist, damit sie ihm den Kohlenstoff in Sauerstoff umwandelt.

[ 38 ] The process of breathing is indeed quite amazing, and we must look at it in a little more detail. Oxygen enters the human body; carbon dioxide is expelled from it. Carbon dioxide consists of oxygen and carbon; the plant retains the carbon and gives a person back the oxygen. Plants that grew millions of years ago are today dug out of the earth as coal. Looking at this coal we see carbon that was once inhaled by the plants. Thus, the ordinary breath, just described, shows how necessary the plant is to a person's life. It also shows that when humans breathe they accomplish only half the process; to complete it they need the plant that possesses something they lack to transform carbon into oxygen.

[ 39 ] Nun gibt es eine Rhythmisierung des Atmungsprozesses in rosenkreuzerischem Sinn, über die indessen Näheres nur von Mensch zu Mensch mitgeteilt werden kann. Es kann zwar hier darauf hingedeutet werden, aber nur so, daß von einem Eingehen in Einzelheiten Abstand genommen wird. Aber der Rosenkreuzerschüler bekam und bekommt seine bestimmte Anweisung, er mußte in einer bestimmten Weise atmen, in einem bestimmten Rhythmus und mit ganz bestimmten Gedankenformen. Dadurch wird sein Atmungsprozeß umgewandelt. Diese Umwandlung können Sie sich nur vorstellen, wenn Sie den Ausspruch berücksichtigen: Steter Tropfen höhlt den Stein. Auch bei den höchststehenden Menschen wird nicht von heute auf morgen der ganze innere Lebensprozeß umgestaltet, wenn in rosenkreuzerischer Form geatmet wird. Aber dasjenige, was bei solcher Atmung im Leibe des Menschen umgestaltet wird, geht nach einer bestimmten Richtung hin, nämlich dahin, daß der Mensch in Zukunft imstande ist, in sich selbst die Kohlensäure wieder in brauchbaren Sauerstoff umzuwandeln, so daß das, was heute draußen in der Pflanze vor sich geht: die Umwandlung der Kohlensäure in den Kohlenstoff, das, was heute die Pflanze dem Menschen abnimmt, von dem Menschen, wenn der Atmungsprozeß immer weiter und weiter wirken wird in dem Einzuweihenden, in einem eigenen Organ bewirkt werden wird, von dem Physiologie und Anatomie noch nichts wissen, das aber gleichwohl in der Entwicklung begriffen ist. Der Mensch wird also dann selbst die Umwandlung bewirken. Statt den Kohlenstoff [mit der Kohlensäure] hinauszuatmen und an die Pflanze abzugeben, wird er ihn in sich selbst verwenden und seinen eigenen Leib mit Hilfe des Kohlenstoffes, den er vorher an die Pflanze abgeben mußte, auferbauen (siehe Hinweise).

[ 39 ] The Rosicrucians introduce a certain rhythm into the breath, detail of which can only be imparted directly by word of mouth. However, certain aspects can be mentioned without going into details. The pupil receives definite instruction concerning rhythmic breathing accompanied by thoughts of a special nature. The effect must be thought of as comparable to the persistent drip of water that wears away the stone. Certainly even the most highly developed person will not attain, by breathing in the Rosicrucian manner, a complete transformation of the inner life processes from one day to the next. However, the gradual change wrought in the human body leads eventually to a specific goal. At some time in the future a person will be able to transform within his own being carbonic acid into oxygen. Thus, what today the plant does for human beings—transforming the carbonic acid in the carbon¬will be done by man himself when the effect of the changed breath has become great enough. This will take place in an organ he will then possess, of which physiology and anatomy as yet know nothing, but which is nevertheless developing. An individual will accomplish the transformation himself. Instead of exhaling carbon a person will use it in his own being; with what he formerly had to give over to the plant he will build up his own body.

[ 40 ] Halten Sie das, was ich eben gesagt habe, zusammen mit dem, was ich von dem Ideal des heiligen Grals mitgeteilt habe: nämlich daß die reine keusche Pflanzennatur durchgegangen sein wird durch die Menschennatur, und daß diese Menschennatur in ihrer höchsten Geistigkeit wieder bei der Pflanze von heute angekommen sein wird. Den Pflanzenprozeß in sich selbst durchzumachen, wird der Mensch einst imstande sein. Seine jetzigen Stoffe, die er in sich hat, wird er immer mehr zu jenem Ideal hinbilden, daß der Körper ein Pflanzenleib und der Träger eines viel höheren und geistigeren Bewußtseins sein wird. So lernt der Schüler die Alchemie, durch die er in den Stand gesetzt wird, die Säfte und Stoffe des Menschen in Kohlenstoff umzuwandeln. Was heute die Pflanze tut, indem sie ihren Leib aus Kohlenstoff auferbaut, das wird der Mensch einst selbst tun. Er wird sich aus Kohlenstoff eine Struktur des Leibes bilden, die die Struktur des künftigen Menschenleibes sein wird,.

[ 40 ] All this must be thought of in conjunction with what was said about the Holy Grail: that the purity and chastity of the plant nature would pan over into human nature. When a person's lower nature has reached the highest level of spirituality, it will in that respect be once more at the level of the plant as it is today. The process that takes place in the plant, a person will one day be able to carry out in his own being. He will more and more transform the substance of his present body into the ideal of a plant body, which will be the bearer of a much higher and more spiritual consciousness. Thus, the Rosicrucian pupil learns the alchemy that eventually will enable a person to transform the fluids and substances of the human body into carbon. Thus, what the plant does today—it builds its body from carbon—human beings will one day accomplish. He will build a structure from carbon that will be a person's future body. A great mystery lies hidden in the rhythm of the breath.

[ 41 ] Ein großes Geheimnis verbirgt sich hinter dem, was man die Rhythmisierung des Atmungsprozesses nennt. Jetzt verstehen Sie wohl jene Andeutung über den Stein der Weisen, die in der vorhin zitierten Notiz enthalten ist. Was lernt der Mensch also bezüglich des Aufbaues seiner späteren Leibesform? Er lernt die gewöhnliche Kohle erzeugen, die auch die Substanz des Diamanten ist, um damit seinen Leib aufzubauen. Diesen Kohlenstoff wird der Mensch bei einem erhöhten und erweiterten Bewußtsein aus sich selbst entnehmen und in sich selbst verwenden können. Er wird seine eigene Substanz, die auf der Kohlenstoffstruktur aufgebaute Pflanzensubstanz bilden können. Das ist die Alchemie, welche zur Bildung des Steines der Weisen hinführt. Der Menschenleib selbst ist jene Retorte, die in dem Sinne verwandelt wird, wie es eben hier angedeutet worden ist.

[ 41 ] You will now understand the notice about the philosopher's stone alluded to earlier. But what is it that human beings will learn in regard to building up the human body in the future? They will learn to create ordinary coal—which is also what diamonds consist of—and from it build their body. Human beings will then possess a higher and more comprehensive consciousness. They will be able to take the carbon out of themselves and use it in their own being. They will form their own substance, that is, plant substance made of carbon. That is the alchemy that builds the philosopher's stone. The human body itself is the retort, transformed in the way indicated.

[ 42 ] So verbirgt sich hinter der Regulierung des Atmungsprozesses, hinter dem, was man oft bezüglich desSteines der Weisen, aber meist in ganz unsinniger Weise, angedeutet findet, das, was man die Auffindung oder Bereitung des Steines der Weisen nennt. Das sind die Andeutungen, wie sie erst seit kurzem aus den Rosenkreuzerschulen in die Offentlichkeit gedrungen sind. Vergeblich werden Sie sie in Büchern suchen. Das ist ein kleiner Teil der vierten Stufe: die Aufsuchung des Steines der Weisen.

[ 42 ] Thus, behind the rhythm of the breath lies hidden what is alluded to as the search for the philosopher's stone; though what is usually said about it is pure nonsense. The indications given here have only recently reached the public from the School of the Rosicrucians; you will not find them in any books. They represent a small part of the fourth stage: The quest of the philosopher's stone.

[ 43 ] Das fünfte besteht in dem, was man die Erkenntnis des Mikrokosmos, der kleinen Welt, nennt. Das führt uns auf das zurück, was Paracelsus gesagt hat und worauf ich schon oft hingewiesen habe: Alle Dinge, die um uns herum sind, würden, wenn wir aus ihnen einen Auszug nehmen könnten, als Extrakt den Menschen ergeben. Der Mensch hat in sich diejenigen Stoffe und Kräfte, welche als kurze Rekapitulation der ganzen übrigen Natur erscheinen, so daß, wenn wir die Natur um uns sehen, wir sagen können, was draußen in der Natur ist, ist im großen das Urbild von dem, was in uns allen als Nachbild erscheint. Nehmen wir zum Beispiel das Licht. Was hat nun dieses Licht im Menschen bewirkt? Wenn es kein menschliches Auge gäbe, so könnte es nicht das Licht gewahr werden. Die Welt wäre finster und dunkel für uns. Aber ebenso wie Tiere, wenn sie in finstere Höhlen einwandern, wie zum Beispiel in die Höhlen von Kentucky, das Sehvermögen verlieren, so wird auf der anderen Seite das Auge vom Lichte selbst geschaffen. Wir hätten kein Auge, wenn es kein Licht gäbe. Das Licht hat erst unsere Sehorgane aus der Haut, aus dem Organismus herausgelockt. Das Auge, hat Goethe gesagt, ist vom Licht und für das Licht, das Ohr vom Ton und für den Ton geschaffen. Alle Dinge sind aus der großen Welt, dem Makrokosmos, herausgeboren. Darin beruht das Geheimnis, daß man unter gewissen Anleitungen und Anweisungen, durch eine Vertiefung in den Körper hinein, nicht bloß die leibliche, sondern auch die geistige Welt ergründen und die uns umgebende Natur erkennen lernen kann. Wer unter gewissen Bedingungen lernt, mit gewissen Gedankenformen sich meditativ ganz in das Innere des Auges zu versenken, der lernt die innere, wesentliche Natur des Lichtes erkennen. Zwischen den Augenbrauen, an der Nasenwurzel, ist ein Punkt, der in dieser Beziehung auch von hoher Bedeutung ist. Wenn man sich in ihn vertieft, dann lernt man bedeutsame, wichtige Vorgänge in der geistigen Welt kennen, die sich abgespielt haben, als diese Partie des Kopfes sich aus der umliegenden Welt herausgebildet hat. So lernt man die geistige Zusammenfügung des Menschen kennen. Aus geistigen Wesenheiten und Kräften heraus ist der Mensch ganz und gar gebildet. Wenn er sich daher in seine Form vertieft, lernt er die Wesenheiten und geistigen Kräfte erkennen, die seinen Organismus, die seine Form aufgebaut haben.

[ 43 ] The fifth stage, or knowledge of the microcosm, the small world, points to something said by Paracelsus to which I have often referred, namely, that if we could draw an extract out of everything around us, it would prove to be like an extract taken from mankind. The substances and forces within us are like a miniature recapitulation of what exists in the rest of nature. When we look at the world around us we can say: What is within us is like a copy of the great archetype that exists outside. For example, take what light has brought about in human beings: ft created the eyes. Without eyes we would not see the light; the world would remain dark for us, and likewise for the animals. Those animals that wandered into dark caves to live, in Kentucky, lost the ability to see. If light did not exist we would not have eyes. The light enticed the organs of sight out of the organism. As Goethe said: “The eye is created by the light for the light, the ear by the sound for the sound.” Everything is born from the microcosm. Hence, the secret that under certain instruction and guidance it is possible to enter deeply into the body, and investigate not only what pertains to the body, but to the spiritual realm, and also to the world of nature around us. A person who learns under certain conditions to immerse himself with certain thoughts meditatively in the inner eye will learn the true nature of light. Another area of great significance is between the eyebrows at the root of the nose. By meditatively sinking into this point one learns of important spiritual events that took place as this part of the head was formed from the surrounding world. Thus, one learns the spiritual construction of the human being. He is completely formed and built up by spiritual beings and forces. That is why he can, by delving into his own form, learn about the beings and forces that built up his organism.

[ 44 ] Eine Bemerkung muß hier noch gemacht werden. Dieses Versenken ins Innere des Menschen, ebenso wie die anderen Übungen, die hinunterarbeiten in das Leibliche, durch die vom Ich aus in den physischen Leib hineingearbeitet wird — Atman kommt von Atmen —, sollten nicht ohne Vorbereitung vorgenommen werden. Wenn man damit zu arbeiten anfängt, muß man eigentlich geistig schon vorgearbeitet haben. Deshalb wird in der Rosenkreuzerschulung auch streng auf Gedankenschulung gehalten. Es ist auch bei dieser Schulung für den Schüler die große Moral, ein fester innerer Wesenskern nötig. Wenn er diese nicht hat, so kann er straucheln. In jedes Glied kann er sich meditativ versenken, und Welten gehen ihm in seinem Inneren auf. Niemand kann die wahre Natur des Alten Testamentes kennenlernen ohne eine solche Versenkung in das eigentlich menschliche Innere, allerdings nach bestimmten Vorschriften, die ihm in der geisteswissenschaftlichen Schulung gegeben werden können. Alle diese Dinge sind aus der Geisteswissenschaft, aus Einblicken in die geistige Welt heraus geschrieben. Daher kann man sie auch nur verstehen, wenn man imstande ist, sie wieder in sich aufzusuchen. Der Mensch ist aus dem Makrokosmos herausgeboren, und er muß als Mikrokosmos die darin wirkenden Kräfte und Gesetze wieder in sich finden. Nicht als Anatom kann man den Menschen in sich kennenlernen. Nur dann kann man das, wenn man lernt, in sein eigenes Inneres zu blicken, das dann in einzelnen Gebieten leuchtend und tönend wird. Jedes Organ hat seine bestimmte Farbe und seinen bestimmten Ton, wenn das Ganze bloßgelegt wird vor der nach innen schauenden Seele. Wenn der Mensch durch die Rosenkreuzerschulung in seinem Innern kennengelernt hat, was aus dem Makrokosmos heraus geschaffen worden ist, dann kann er in sich die Dinge kennenlernen, die im Makrokosmos sind. Hat der Mensch, durch Versenkung in sein Auge oder in den Punkt über der Nasenwurzel, sein Inneres erkannt, dann kann er herausgehen und die großen Gesetze im großen Kosmos geistig erkennen. Und er lernt dann aus eigener Anschauung geistig dasjenige erkennen, was ein inspirierter Genius im Alten Testament beschrieben hat, er sieht es in der Akasha-Chronik und kann die Menschheitsentwicklung durch Jahrmillionen hindurch verfolgen.

[ 44 ] A word must be said about delving into one's inner being. This penetrating down from the “I” into the bodily nature, and also the other exercises, ought only to be undertaken after due preparation. Before a start is made the powers of intellect and reason must be strengthened. That is why in Rosicrucian schools the training of thinking is obligatory. Furthermore, the pupil must be inwardly morally strong; this is essential as he may otherwise easily stumble. As a student learns to sink meditatively into every part of his body, other worlds dawn in him. The deeper aspects of the Old Testament cannot be understood without this sinking into one's inner being. However, it must be done according to certain directions provided by a spiritual scientific training. Everything that is said here in this respect is derived from the spiritual world and can only be fully understood when one is able to discover it again within oneself. Man is born out of the macrocosm; within himself as microcosm he must rediscover its forces and laws. Not through anatomy does man learn about his own being, but through looking into his being and inwardly perceiving that the various areas emit light and sound. The inward-looking soul discovers that each organ has its own color and tone. Human beings will have direct knowledge of the macrocosm when they learn to recognize, through a Rosicrucian training, what it is in their own being that is created from the universe. Once they know their inner being through meditatively sinking into the eye, or into the point above the root of the nose, human beings can spiritually recognize the laws of the macrocosm. Then, through their own insight, they will understand what it is that an inspired genius describes in the Old Testament. An individual looks into the Akasha Chronicle and is able to follow mankind's evolution through millions of years.

[ 45 ] Das kann man alles durch eine solche Schulung wirklich erkennen. Das ist aber eine andere Schulung als die gewöhnliche. Man darf nicht glauben, daß Selbsterkenntnis durch planloses Hineinbrüten in sich errungen wird oder daß, wenn man hineinschaut in sich, der Gott im Inneren zu sprechen anfängt, wie das heute häufig gelehrt wird. Nein, man muß in seine Organe sich vertiefen, um dann das große Selbst der Welt erkennen zu können. Wahr ist es: durch alle Zeiten geht der Spruch «Erkenne dich selbst», aber ebenso wahr ist es, daß das höhere Selbst nicht durch das eigene Innere zu erkennen ist, sondern, wie schon Goethe, der große Seher, sagt, indem man seinen Geist zum Universum erweitert. Das geschieht auf der sechsten Stufe der rosenkreuzerischen Schulung, wenn man auf diese Weise geduldig seinen Weg geht. Nicht bequem ist der Weg. Man muß in sein Wesen untertauchen. Man kann nicht zufrieden sein mit Phrasen und Allgemeinheiten. Man muß in jedes Wesen eintauchen, es liebevoll in sich aufnehmen. Jede Bequemlichkeit muß einem fremd werden. Untertauchen muß man in die Wesen, im Konkreten, im Besonderen die Wesen kennenlernen, nicht herumreden über, was man so nennt: Harmonie mit der Welt, Einswerden mit der Weltenseele, Zusammenschmelzen mit der Welt. Solche Phrasen sind nichts wert gegenüber der Rosenkreuzerschulung, die nicht von Harmonie mit dem Unendlichen schwätzt oder sich in ähnlichen Phrasen ergeht, sondern die Kräfte in der Menschenseele lebendig werden läßt.

[ 45 ] This is insight that can be attained through a Rosicrucian training. However, the training is very different from what is customary. Genuine self¬knowledge is neither reached by aimless brooding within oneself nor in believing, as is often taught nowadays, that by looking into oneself the inner god will speak. The power to recognize the great World-Self is attained by immersing oneself in the organs. It is true that down the ages the call has resounded: “Know thyself,” but it is equally true that within one's own being the higher self cannot be found. Rather, as Goethe pointed out, one's spirit must widen until it encompasses the world. That can be attained by those who patiently follow the Rosicrucian path and reach the sixth stage, or becoming one with the macrocosm. Immersing oneself in one's inner being is not a path of comfort. Here phrases and generalities do not suffice. It is in concrete reality that one must plunge into every being and phenomenon and lovingly accept it as part of oneself. It is a concrete and intimate knowledge, far removed from merely indulging in phrases like: “Being in harmony with the world”; “being one with the World-Soul,” or “melt together with the world.” Such phrases are simply valueless compared with a Rosicrucian training. Here the aim is to strengthen and invigorate human soul-forces, rather than chatter about being in tune with the infinite and the like.

[ 46 ] Wenn der Mensch sein Selbst so zu erweitern versucht hat, dann wird die siebente Stufe der Seele nicht mehr fern liegen. Dann verwandelt sich Erkenntnis in Gefühl, dann geht das, was in seiner Seele lebendig ist, in Empfindung über, und er hört auf, sich nur in sich selbst zu fühlen. Er fängt an, sich in jedem Wesen zu fühlen. Wenn er untergetaucht ist in jeden Stein, in jede Pflanze, in jedes Tier, dann fühlt er mit Pflanze, Stein und Tier, und es sagt, es offenbart ihm jedes einzelne Ding seine Wesenheit, nicht in Worten, nicht in Begriffen, sondern im innersten Gefühl. Dann beginnt jene Zeit, wo ihn ein allgemeines Netz von Sympathie mit den Wesen verbindet, wo er sich in alle Wesen hineinlebt. Dies Hineinleben in alle Wesen nennt man die siebente Stufe, die Gottseligkeit, das selige Ruhen in allen Wesen. Wenn der Mensch sein Selbst verbunden fühlt mit allen übrigen Wesenheiten, nicht mehr in seiner Haut lebt, sondern eingegangen ist in alle Wesen, mitfühlt mit allen Wesen, wenn er ausgebreitet ist in dem ganzen Weltenraum, so daß er zu allem sagen kann: «Das bist du», wenn er ganz Gefühl, ganz Seligkeit geworden ist, dann darf das gesagt werden, was Goethe aus der Rosenkreuzerschulung heraus in seinem Gedichte «Die Geheimnisse» ausspricht:

[ 46 ] When a human being has attained this widening of the self, then, the seventh stage is within reach. Knowledge now becomes feeling; what lives in the soul is transformed into spiritual perception. A person no longer feels that he lives only within himself. He begins to experience himself in all beings: in the stone, plant and animal, in everything into which he is immersed. They reveal to him their essential nature, not in words or concepts, but to his innermost feelings. A time begins when universal sympathy unites him with all beings; he feels with them and participates in their existence. This living within all beings is the seventh stage, or attaining godliness (Gottseligkeit), the blessed repose within all things. When the human being no longer feels confined within his skin, when he feels himself united with all other beings, participating in their existence, and when his being encompasses the whole universe so that he can say to it all: “Thou are that,” then the words which Goethe, out of Rosicrucian knowledge, expresses in his poem The Mysteries will have meaning:

«Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?»

“Who added to the cross the wreath of roses?”

[ 47 ] Das darf aber nicht nur gesagt werden von dem höchsten Standpunkte, sondern von den ersten Schritten an, wo man dasjenige zu seinem Losungswort macht, was sich ausdrückt in dem von Rosen umschlungenen Kreuz. Das Kreuz ist der Ausdruck dafür, daß der Mensch jenes Selbst, in das man hineinbrütet und das nur das niedere Selbst ist, welches niemals das höhere Selbst gewahren kann, überwindet, daß er herausgeht aus dem niederen Selbst, aufgeht in dem Höheren, das ihn selig hineinführt in das Leben und Weben von allen Wesenheiten, wenn er einsieht, was da steht in einem Gedichte des «West-Ostlichen Divan» von Goethe:

[ 47 ] However, these words can be spoken not only from the highest point of view, but from the moment that “the cross wreathed in roses”—what this expresses—has become one's ideal, one's watchword. It stands as the symbol for a human being's overcoming the lower self in which he merely broods, and his rising from it into the higher self that leads a person to the blissful experience of the life and being of all things. He will then understand Goethe's words in the poem: West-East Divan

«Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde,
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.»

And until thou truly hast
This dying and becoming,
Thou art but a troubled guest
O'er the dark earth roaming.

[ 48 ] Ja, wer es nicht verstehen kann, dieses Überwinden des eng begrenzten Selbst und dieses Aufgehen im höheren Selbst, wer es nicht begreifen kann, jenes Symbolum des Sterbens und des Werdens, das Verdorren des niederen Selbst und das Aufblühen der Rosen des höheren Selbst, der kann nicht jene Devise begreifen, die Goethe ausgesprochen hat und mit der wir das Sachliche des Rosenkreuzertums beschließen wollen, das Losungswort, das Zeichen der sieben Glieder, das über dem mit Rosen umwundenen Kreuz stehen muß:

[ 48 ] Unless one can grasp what is meant by the overcoming of the lower, narrow self and the rising into the higher self, it is not possible to understand the cross as symbol of dying and becoming—the wood representing the withering of the lower self, and the blossoming roses the becoming of the higher self. Nor can the words be understood with which we shall close the subject of Rosicrucianism—words also expressed by Goethe, which as watchword belong above the cross wreathed in roses symbolizing sevenfold man:

«Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.»

The power that holds constrained all humankind,
The victor o'er himself no more can bind.