Recognizing the Supernatural in our Time
and its Significance for Modern Life
GA 55
28 March 1907, Berlin
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Recognizing the Supernatural in our Time, tr. SOL
12. Richard Wagner und die Mystik
12. Richard Wagner and Mysticism
[ 1 ] Gegen eineBetrachtung, wie die heutige eine ist, die Richard Wagner und die Mystik in einen Zusammenhang bringen wird, erheben sich wohl leicht von vorneherein gewisse Vorurteile, welche aus Mißverständnissen gewonnen sein können, die einer solchen Betrachtung eines Künstlers von einem gewissen geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus überhaupt entgegengebracht werden können. Und eine zweite Art von Vorurteilen sind diejenigen, die der Mystik als solcher entgegengebracht werden.
[ 1 ] Certain prejudices are likely to arise from the outset against an approach such as the one taken here, which seeks to establish a connection between Richard Wagner and mysticism; these prejudices may stem from misunderstandings that can generally be directed against such an examination of an artist from a certain humanities perspective. And a second type of prejudice consists of those directed against mysticism as such.
[ 2 ] Alles dasjenige, was heute zu sagen sein wird über Richard Wagners Stellung in der Kunst auf der einen Seite und in der Mystik auf der anderen Seite, kann den Widerspruch hervorrufen: Ja, da wird eine ganze Menge in Richard Wagner hineingetragen, wovon er selbst nie etwas ausgesprochen hat, worüber er selbst nichts irgendwie hat verlauten lassen. — Gegen ein solches Vorurteil muß gesagt werden, daß derjenige, der eine solche Betrachtung anstellt, wie die heutige sein wird, sich selbstverständlich einen solchen Einwand von vornherein machen würde. Aber es ist gar nicht die Absicht, wenn wir eine geistige Erscheinung in der Welt betrachten, nur dasjenige zu sagen, was die entsprechende Persönlichkeit selbst gesagt hat. Das würde, wenn es nur konsequent durchgedacht wird, überhaupt unmöglich machen, wahrhaft höhere Betrachtungen gegenüber den Erscheinungen der Welt anzustellen.
[ 2 ] Everything that will be said today about Richard Wagner’s position in art on the one hand and in mysticism on the other may give rise to the objection: “Yes, a great deal is being attributed to Richard Wagner that he himself never said, about which he never made any statement whatsoever.” — In response to such a prejudice, it must be said that anyone undertaking an examination such as the one we are conducting today would, of course, raise such an objection from the outset. But when we examine a spiritual phenomenon in the world, it is by no means our intention to state only what the person in question has actually said. If this were thought through consistently, it would make it impossible to engage in any truly higher reflections on the phenomena of the world.
[ 3 ] Denken Sie einmal, wenn der Botaniker — wir könnten auch sagen der Lyriker — über eine Pflanze, über eine Naturerscheinung dasjenige ausspricht, was er, also der Botaniker, über diese Naturerscheinung zu denken vermag, oder wenn der Lyriker ausspricht, was er zu fühlen vermag gegenüber einer Pflanze- oder einer Naturerscheinung, würde da irgend jemand verlangen, daß die Pflanze oder die Naturerscheinung selbst das zu sagen vermöchte, was dem Botaniker oder dem Lyriker aus der Seele herausströmt? Nicht darum kann es sich handeln, daß dasjenige, was wir über eine geistige oder eine andere Erscheinung der Welt zu sagen haben, von dieser Erscheinung selbst gesagt wird. Da müßten Sie auch verlangen, daß die Pflanze selbst dem Botaniker die Gesetze ihres Wachstums auszudrücken vermag, da müßten Sie es als ein Unrecht ansehen, daß der Lyriker einer Naturerscheinung gegenüber von Gefühlen spricht,die diese Naturerscheinung nicht selbst auszudrücken vermag. Vielmehr müssen wir sagen, daß gerade in der menschlichen Seele sich dasjenige ankündigen muß, was die Außenwelt nicht über sich selbst zu sagen vermag.
[ 3 ] Just imagine: if a botanist—or, we might say, a poet—were to express, regarding a plant or a natural phenomenon, what he, that is, the botanist, is capable of thinking about this natural phenomenon, or when the poet expresses what he is capable of feeling toward a plant or a natural phenomenon—would anyone then demand that the plant or the natural phenomenon itself be capable of saying what flows from the very depths of the botanist’s or the poet’s soul? It cannot be a matter of what we have to say about a spiritual or any other phenomenon of the world being said by that phenomenon itself. You would then also have to demand that the plant itself be able to express to the botanist the laws of its growth; you would then have to regard it as wrong for the poet to speak of feelings toward a natural phenomenon that this natural phenomenon itself is unable to express. Rather, we must say that it is precisely in the human soul that what the external world cannot say about itself must be revealed.
[ 4 ] In solcher Art, bitte, nehmen Sie alles dasjenige, was Ihnen heute über eine solche geistige Erscheinung wie Richard Wagner gesagt werden soll. So wahr es ist, daß die Pflanze die Gesetze ihres Wachstums nicht selbst weiß, aber danach wächst, sich danach gestaltet, so wahr ist es, daß ein Künstler nicht selber zu sagen braucht, was ein geisteswissenschaftlicher Betrachter als die Gesetze seines Werdens und die Gesetze seiner ganzen Wesenheit aussagen muß. Aber ebenso wahr ist es, daß der Künstler diese Gesetze darlebt, danach schafft, wie die Pflanze nach den Gesetzen schafft, die man hinterher findet, wie sie die Gesetze, die ihr eingeprägt sind, darlebt. Daher darf es kein Einwand sein, daß Richard Wagner diese Dinge nicht selbst gesagt hat, die heute vorgebracht werden. Das andere bezieht sich auf das, was man als die Mystik kennt. Gelehrte und Ungelehrte sprechen von der Mystik so, als wäre sie eine dunkle, nebulose Betrachtung der Welt, gegenüber dem, was man die eigentliche wissenschaftliche, begriffliche Betrachtung der Welt nennt. Die Gnostiker, die großen Mystiker der ersten christlichen Jahrhunderte, haben anders über die Mystik gedacht. Und diejenigen, welche überhaupt etwas von der Mystik verstehen, denken zu allen Zeiten anders über die Mystik. Die Gnostiker haben die Mystik «mathesis» genannt, Mathematik, nicht weil die Mystik Mathematik wäre, sondern aus dem Grunde, weil der wahre Mystiker in bezug auf seine Ideen und VorstelJlungen von den höheren geistigen Welten dieselbe kristallklare, durchsichtige Helligkeit anstrebt, welche auf gewissen anderen Gebieten die mathematischen Vorstellungen und Begriffe haben. Die Mystik ist, wenn sie in Wahrheit erfaßt wird, nicht ein dunkles, gefühlsmäßiges Erfassen der Welt, sondern das Klarste, Kristallklarste, was es überhaupt geben kann. Von diesen zwei Gesichtspunkten, die durch die Zurückweisung zweier Vorurteile hier dargelegt worden sind, wollen wir ausgehen.
[ 4 ] Please take everything that is to be said to you today about a spiritual phenomenon such as Richard Wagner in this spirit. Just as it is true that a plant does not itself know the laws of its growth, yet grows and shapes itself according to them, so it is true that an artist need not himself articulate what a spiritual scientist must describe as the laws of his becoming and the laws of his entire being. But it is equally true that the artist lives out these laws and creates in accordance with them, just as the plant creates according to the laws that are discovered afterward—just as it lives out the laws that are imprinted upon it. Therefore, it should not be an objection that Richard Wagner did not say these things himself that are being presented today. The other point relates to what is known as mysticism. Scholars and laypeople speak of mysticism as if it were a dark, nebulous contemplation of the world, in contrast to what is called the actual scientific, conceptual contemplation of the world. The Gnostics, the great mystics of the early Christian centuries, thought differently about mysticism. And those who understand anything at all about mysticism have always thought differently about it. The Gnostics called mysticism “mathesis,” mathematics—not because mysticism is mathematics, but because the true mystic, with regard to his ideas and conceptions of the higher spiritual worlds, strives for the same crystal-clear, transparent clarity that mathematical concepts and ideas possess in certain other fields. Mysticism, when truly grasped, is not a dark, emotional perception of the world, but the clearest, most crystal-clear understanding that can possibly exist. Let us proceed from these two perspectives, which have been set forth here through the refutation of two prejudices.
[ 5 ] Man kann Richard Wagner wirklich vom höchsten geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus betrachten. Denn wenn es bei irgendeinem der Geistsucher im letzten Jahrhundert der Fall war, daß er sich sein ganzes Leben hindurch in der ehrlichsten, redlichsten Weise bemüht hat, die Quellen und Grundlagen der Weltenrätsel zu finden, bei ihm war es der Fall. Er nennt sein Haus in Bayreuth «Wahnfried», indem er damit selbst angibt den Grund dafür, daß dort «sein Wähnen Ruhe fand». Mit diesem Wort, daß da sein Wähnen Ruhe fand, ist viel, recht viel gesagt.
[ 5 ] One can truly view Richard Wagner from the highest perspective of the humanities. For if there was any seeker of truth in the last century who, throughout his entire life, strove in the most honest and sincere manner to discover the sources and foundations of the world’s mysteries, it was he. He calls his home in Bayreuth “Wahnfried,” thereby himself indicating the reason that “his reverie found peace” there. With these words—that his reverie found peace there—much, indeed a great deal, is said.
[ 6 ] Derjenige, der ehrlich und redlich den Pfad der Erkenntnis zu gehen versucht, und der, gleichgültig ob in dieser oder jener Form, in künstlerischer oder in anderer Form die Gebiete des geistigen Lebens, die er auf dem Erkenntnispfade gefunden zu haben glaubt, ausprägt, derjenige, der so redlich den Erkenntnispfad geht, der weiß, was das Wort Wähnen heißt, wieviel Wahngebilde auf dem Erkenntnispfad sich ihm in den Weg stellen, und er weiß, daß das Erkennen nicht etwas ist, was sich in einer nüchternen, trockenen Weise abspielt. Er weiß, daß das Erkennen in Wahrheit etwas ist, was sich unter Katastrophen des inneren seelischen Lebens, unter Aufsteigen und Abfallen in bezug auf das menschliche Innere abspielt, er weiß, daß es da furchtbare Gefahren auf der einen Seite und Seligkeiten, wunderbare Seligkeiten auf der anderen Seite gibt. Und er weiß, daß eines demjenigen in Aussicht steht, der diesen Erkenntnispfad geht: die Ruhe, die göttliche Ruhe, die aus einem intimen Sich-Einleben in die göttlichen Weltengeheimnisse hervorgeht. Etwas von solcher Gesinnung, etwas von solcher Stimmung drückt sich bei Richard Wagner in dem Wort aus: «Weil hier mein Wähnen Ruhe fand, Wahnfried sei dieses Haus genannt.»
[ 6 ] The one who honestly and sincerely strives to walk the path of knowledge, and who, whether in this or that form, artistically or otherwise, gives expression to the realms of spiritual life that he believes he has found on the path of knowledge—the one who walks the path of knowledge so earnestly knows what the word “delusion” means, how many delusions stand in his way on the path of knowledge, and he knows that knowledge is not something that takes place in a sober, dry manner. He knows that, in truth, knowledge is something that unfolds amid the upheavals of inner spiritual life, amid the rises and falls of the human inner being; he knows that there are terrible dangers on the one hand and bliss—wonderful bliss—on the other. And he knows that one thing awaits those who walk this path of knowledge: peace—divine peace—that arises from an intimate immersion in the divine mysteries of the world. Something of this mindset, something of this mood, is expressed by Richard Wagner in the words: “Because my delusion found peace here, let this house be called Wahnfried.”
[ 7 ] Er war nicht ein Künstler wie so viele andere, die aus einer wesenlosen Phantasie heraus schaffen wollen. Er war ein Künstler, der von allem Anfang an seinen Beruf als große weltgeschichtliche Mission auffaßte, dem im künstlerischen Schaffen Schönheit zu gleicher Zeit Wahrheit, AusJeben der Erkenntnis sein sollte. Religiöses Fühlen und Empfinden war ihm zugleich die Seele des künstlerischen Schaffens, und die Kunst war ihm etwas Heiliges. Für ihn hatte der Künstler eine Art priesterlichen Beruf, und das, was Richard Wagner als Künstler der Menschheit schenkte, sollte in seinem Sinne eine religiöse Weihe haben, eine religiöse Aufgabe und Mission im Entwicklungsgang der Menschheit erfüllen. So empfand er sich selbst als einen derjenigen, die ihrem Zeitalter aus der Tiefe und Fülle der Wahrheit heraus etwas geben wollen.
[ 7 ] He was not an artist like so many others who seek to create out of a vacuous imagination. He was an artist who, from the very beginning, viewed his vocation as a great mission in world history, for whom beauty in artistic creation was to be, at the same time, truth and the expression of insight. Religious feeling and sensibility were, for him, the very soul of artistic creation, and art was something sacred to him. For him, the artist had a kind of priestly calling, and what Richard Wagner gave to humanity as an artist was, in his view, meant to have a religious consecration—to fulfill a religious task and mission in the course of human development. Thus, he saw himself as one of those who, drawing from the depth and fullness of truth, sought to give something to their age.
[ 8 ] Wenn die Geisteswissenschaft nicht eine abgezogene graue Theorie, nicht ein Schweben in einem weltfremden Wolkenkuckucksheim sein soll, dann muß sie den Weg finden, um eine so bedeutsame geistige Erscheinung wie Richard Wagner von ihrem Gesichtspunkte aus zu verstehen und zu würdigen. Das kann sie, wenn sie in der richtigen Art verstanden wird.
[ 8 ] If the humanities are not to be a detached, abstract theory, nor a drifting in an unworldly fantasy world, then they must find a way to understand and appreciate a spiritual phenomenon as significant as Richard Wagner from their own perspective. It can do so if it is understood in the right way.
[ 9 ] Richard Wagner hat in sich das Gefühl, die Empfindung gehabt, die ihn hinleiteten zu denselben Wahrheiten von den Ursprüngen der Menschheitsentwicklung, zu denen uns auch die Geisteswissenschaft weist. Etwas verbindet Richard Wagner tief mit dem geisteswissenschaftlichen Fühlen und Empfinden, mit aller wahren Mystik: das, was er bei sich den Zusammenklang der verschiedenen Künste, die Einheit der Künste, das liebevolle, harmonische Zusammenklingen der Künste nennt. Das, was er als einen Mangel unseres künstlerischen Wirkens der Gegenwart empfand, war dasjenige, was er die Selbstsucht, den Egoismus der einzelnen Künste nannte. Er empfand ein Ideal über ihm schwebend, welches sich ihm so darstellte, daß nicht die eine Kunst den einen Weg und die andere ihren anderen Weg geht, sondern daß eine Harmonie der Künste sich herausgestaltet, zu der alle zusammenwirken können in selbstloser Weise und liebevoller Hingabe. Er sagt, eine solche Kunst oder ein solches künstlerisches Ideal hat es im Laufe der Weltenentwicklung einmal gegeben. Namentlich suchte er ein solches Ideal im alten Griechentum, das vorangegangen war der künstlerischen Epoche des Sophokles, Euripides und anderen. Er sagt, bevor die Künste sich gespalten haben, bevor das dramatische Kunstwerk für sich, der Tanz für sich war, haben sie zusammengewirkt, sind in selbstlosem Streben vereinigt gewesen in dem Gesamtkunstwerk. Dieses Gesamtkunstwerk ahnt er in einer Art hellsichtiger Schau. Die Historie erwähnt nichts davon, aber sie muß ihm recht geben, denn sie geht zu dem Urstand der verschiedenen Völker zurück, wo nicht nur die Künste zusammengewirkt haben zu einer einheitlichen großen Harmonie, sondern wo zusammengewirkt haben die verschiedenen Geistes- und Kulturströmungen überhaupt.
[ 9 ] Richard Wagner had within himself the feeling, the intuition, that led him to the same truths about the origins of human development to which spiritual science also points us. Something deeply connects Richard Wagner to the sensibility and perception of spiritual science, to all true mysticism: what he calls the harmony of the various arts, the unity of the arts, the loving, harmonious interplay of the arts. What he perceived as a shortcoming of our contemporary artistic endeavors was what he called the self-centeredness, the egoism, of the individual arts. He sensed an ideal hovering above him, which presented itself to him in such a way that one art does not go its own way and another goes another’s, but rather that a harmony of the arts takes shape, toward which all can contribute in a selfless manner and with loving devotion. He says that such an art or such an artistic ideal once existed in the course of world history. In particular, he sought such an ideal in ancient Greece, which had preceded the artistic era of Sophocles, Euripides, and others. He says that before the arts had split apart—before dramatic art stood on its own and dance on its own—they worked together, united in selfless striving within the total work of art. He senses this “total work of art” in a kind of clairvoyant vision. History makes no mention of it, but it must agree with him, for it goes back to the primordial state of the various peoples, where not only did the arts work together to form a unified, great harmony, but where the various intellectual and cultural currents worked together as well.
[ 10 ] Das, was wir heute Kunst und Wissenschaft nennen, sieht die Geisteswissenschaft als verschiedene Zweige an, die aus einer einzigen Wurzel herausgewachsen sind. Ob wir in die alte Griechenzeit zurückgehen, ob in die alte ägyptische Zeit, ob zu den indischen und persischen Völkern, ob wir in unsere germanische Heimat selbst zurückgehen: überall treffen wir auf eine Urkultur, die unsere materialistische Forschung nicht, aber die hellseherische Schau erreichen kann. Wir treffen auf eine Kultur, wo es eine gesonderte Wissenschaft und Kunst nicht gab, wo alles vereinigt war, wo alles so war, daß man geneigt war, es Mysterium zu nennen. Bevor es Kunststätten, bevor es wissenschaftliche Stätten gab, gab es Mysterienstätten. Was waren sie? Sie waren eine Vereinigung von Weisheit, Schönheit und religiöser Frömmigkeit.
[ 10 ] What we today call art and science, the science of the spirit regards as different branches that have grown from a single root. Whether we go back to ancient Greece, to ancient Egypt, to the Indian and Persian peoples, or even to our own Germanic homeland: everywhere we encounter a primordial culture that our materialistic research cannot reach, but which clairvoyant insight can. We encounter a culture in which there were no separate sciences and arts, where everything was united, where everything was such that one was inclined to call it a mystery. Before there were places of art, before there were places of science, there were places of mystery. What were they? They were a union of wisdom, beauty, and religious devotion.
[ 11 ] Wir können uns eine Vorstellung machen, was in jenen Tempelstätten, die zu gleicher Zeit Schulen und zu gleicher Zeit die wahren künstlerischen Stätten waren, vorging, wenn wir uns vor die Seele malen das große Weltendrama, von dem, wie gesagt, die materialistische Geschichte nichts zu melden hat, das sich aber abgespielt hat vor den zu den alten Weihestätten, den Mysterien Zugelassenen. Der, welcher da zugelassen wurde, sah in dramatischer Darstellung alles, was man aufbringen konnte an dramatischer Repräsentation, an musikalischer Leistung, durchtränkt von dem, was man glaubte, an Weisheit ergriffen zu haben, und durchtränkt von dem, zu dem die Seele in wahrhaft religiöser Frömmigkeit aufschaute. In wenigen Worten können wir vor die Seele hinmalen, wie es ausgeschaut hat in jener Zeit, aus der uns keine Urkunden als die der Geisteswissenschaft etwas melden. Da wurden die, welche zugelassen wurden, vereinigt, um eine Art Weltschöpfungsdrama anzuschauen. Solche Weltschöpfungsdramen hat es überall gegeben. Da wurde gezeigt, wie göttliche Urwesenheiten aus geistigen Höhen sich herunterbewegten, wie sie ihr Wesen einströmen ließen in den Weltenstoff und wie sich der Weltenstoff formte zu den verschiedenen Naturwesen, zu den verschiedenen Naturreichen, das mineralische Reich, das Pflanzenreich, das tierische Reich und das Menschenreich, wie also das Göttliche hineinströmte in dasjenige, was draußen in den verschiedenen Naturwesen uns entgegenleuchtet und entgegenblickt, wie dann dieses Göttliche eine Art von Auferstehung in den menschlichen Seelen feiert.
[ 11 ] We can imagine what took place in those temple sites—which were at once schools and true centers of artistic expression—if we conjure up in our minds the great drama of the world, about which, as I said, materialist history has nothing to report, but which unfolded before those admitted to the ancient sacred sites and the mysteries. Those who were admitted there witnessed, in dramatic presentation, everything that could be brought to bear in terms of dramatic performance and musical artistry—imbued with what was believed to be wisdom and with that which the soul looked up to in true religious devotion. In a few words, we can paint a picture for the soul of what it looked like in that time, about which no records other than those of spiritual science tell us anything. There, those who were admitted gathered to witness a kind of drama of the creation of the world. Such dramas of the creation of the world have existed everywhere. There it was shown how divine primordial beings descended from spiritual heights, how they allowed their essence to flow into the substance of the world, and how that substance took shape as the various natural beings and the various kingdoms of nature—the mineral kingdom, the plant kingdom, the animal kingdom, and the human kingdom—how, in other words, the Divine flowed into that which shines out toward us and gazes back at us from the various beings of nature, and how this Divine then celebrates a kind of resurrection within human souls.
[ 12 ] Dasjenige, was tiefere Persönlichkeiten immer empfunden haben, daß die Welt von einem Göttlichen ausgeströmt ist, daß dieses Göttliche in den Menschenseelen zu einem Bewußtsein kommt, gleichsam aus den menschlichen Augen und Sinnen herausschaut und sich selbst in seinem Schaffen betrachtet, dieser Abstieg und diese Auferstehung des Göttlichen wurde in Ägypten in dem Osiris-Drama und in den verschiedensten Weihestätten Griechenlands begangen. Derjenige, der da zuschauen durfte und sah, wie alles, was an Kunst und Weisheit da war, dazu diente, um dieses Weltenschöpfungsdrama darzustellen, der empfand gegenüber diesem Drama, das man Urdrama nennen könnte, zunächst eine religiöse Stimmung. Verehrungs- und ehrfurchtsvoll sah er den Gott, der herunterstieg in die Materie, in allen Wesen schlummern und in der Menschenseele auferstehen. Ehrfurchtsvoll genoß er jene Stimmung, die Goethe einmal schön und bedeutungsvoll ausgedrückt hat in den Worten: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Wesens und Werdens bewundern.» Und eine wunderbare religiöse Stimmung ergoß sich in die Herzen der Zuschauer dieses Weltendramas.
[ 12 ] What profound personalities have always sensed—that the world has emanated from the Divine, that this Divine comes to consciousness within human souls, as it were, looking out through human eyes and senses and contemplating itself in its own creation—this descent and resurrection of the Divine was celebrated in Egypt in the Osiris drama and in the various sacred sites of Greece. Anyone who was permitted to witness this and saw how all the art and wisdom present served to portray this drama of the creation of the world initially felt a religious mood in the face of this drama, which one might call the primordial drama. With reverence and awe, he beheld the God who descended into matter, slumbered within all beings, and rose again in the human soul. In awe, he savored that mood which Goethe once expressed so beautifully and meaningfully in the words: “When the healthy nature of man functions as a whole, when he feels himself to be in the world as in a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when harmonious contentment grants him a pure, free delight, then the universe, if it could perceive itself, would, having reached its goal, exult and admire the pinnacle of its own being and becoming.” And a wonderful religious mood poured into the hearts of the spectators of this cosmic drama.
[ 13 ] Aber nicht bloß religiöse Stimmung war es, die vorhanden. war, auch Weisheit war es, dasjenige, was später der Mensch in Form von wissenschaftlichen Begriffen, in Form von Ideen und Vorstellungen sich klarmachte über die Weltentstehung und ihre Wesenheiten. Das sah man hier vor Augen: Weisheit, die geschaut wurde im äußeren Bilde, und Wissenschaft, die zugleich Religion war. Da man alles das, was man an Schönheit aufbringen konnte, äußerlich in Bildern ausdrücken konnte, und da die Weisheit zur Frömmigkeit stimmte, so war dieses Weltendrama Wissenschaft und Kunst zu gleicher Zeit.
[ 13 ] But it was not merely a religious atmosphere that prevailed; there was also wisdom—that which people later came to understand, in the form of scientific concepts, ideas, and notions, about the origin of the world and its entities. One could see this right before one’s eyes: wisdom, perceived in the external image, and science, which was at the same time religion. Since everything one could muster in terms of beauty could be expressed externally in images, and since wisdom harmonized with piety, this cosmic drama was both science and art at the same time.
[ 14 ] Daß es so eine ursprüngliche Harmonie gegeben hat, lebte als dunkle Ahnung in der Seele Richard Wagners. Er sah freilich zunächst auf jene Urkultur im alten Griechenland, die noch religiösen Charakter hatte, und er sagte sich, da wirkte noch nicht Musik, noch nicht Drama, noch nicht Tanz und Architektur für sich, sondern im grauesten Altertum wirkten alle zusammen: Religion, Kunst und Weisheit überhaupt. Und dann, so sagte sich Richard Wagner, sind die Künste herausgetreten aus ihrer Selbstlosigkeit, da wurden sie selbstsüchtig und egoistisch. Nun hatte Richard Wagner eine große ahnungsvolle Intuition. Er schaute zurück in die Zeiten urferner Vergangenheit, wo die Menschen noch nicht so individuell waren wie heute, noch nicht so persönlich wie später, als sich die einzelnen Menschen noch als Glieder ihres Stammes, ihres ganzen Volkes fühlten, wo man noch dasjenige als Realität ansah, was man Volksgeist, Stammesgeist nannte. In jene alten Zeiten einer natürlichen Selbstlosigkeit sah Richard Wagner zurück, und ihm ging die Idee auf: Um ein Selbst zu sein, mußten die Menschen jene alten Stammesgemeinschaften verlassen, das persönliche Element mußte hervortreten. Nur auf Grund des persönlichen Elementes konnten die Menschen ihre Freiheit gewinnen. Diese ist aber nicht zu gewinnen ohne eine Art von Egoismus, So sah Richard Wagner zurück in alles das, was die Menschen zusammengehalten hat. Die Menschen mußten diese Selbstlosigkeit verlassen, bewußter und bewußter mußten sie werden. So stellte sich ihm die urferne Vergangenheit dar. Und dann sagte er sich: Nachdem sie die Freiheit errungen haben, müssen sie den Weg wieder zurückfinden zu Bruderbünden, zu liebevollen Verbänden, und aus der Bewußtheit heraus muß der selbstsüchtige Mensch wieder selbstlos werden. Die Liebe muß wieder alle durchdringen.
[ 14 ] The idea that such a primordial harmony had once existed lived on as a vague premonition in Richard Wagner’s soul. At first, of course, he looked to that primordial culture of ancient Greece, which still had a religious character, and he told himself that back then, music, drama, dance, and architecture did not yet function independently, but in the earliest antiquity, they all worked together: religion, art, and wisdom in general. And then, Richard Wagner told himself, the arts stepped out of their selflessness; that is when they became self-serving and egotistical. Now Richard Wagner possessed a profound, prescient intuition. He looked back to the times of the distant past, when people were not yet as individual as they are today, not yet as personal as they would later become—when individuals still felt themselves to be members of their tribe, of their entire people, and when what was called the “spirit of the people” or the “spirit of the tribe” was still regarded as reality. Richard Wagner looked back to those ancient times of natural selflessness, and the idea dawned on him: In order to become individuals, people had to leave those old tribal communities; the personal element had to come to the fore. Only on the basis of the personal element could people gain their freedom. But this freedom cannot be gained without a certain kind of egoism. Thus Richard Wagner looked back on everything that had held people together. People had to leave this selflessness behind; they had to become more and more conscious. This is how the distant past appeared to him. And then he said to himself: After they have attained freedom, they must find their way back to brotherhoods, to loving communities, and out of this consciousness, the selfish person must once again become selfless. Love must permeate everyone once more.
[ 15 ] Das erscheint ihm als Ideal einer fernen Kunst, und so verbindet sich bei ihm die Gegenwart mit der Zukunft, und die Kunst ist es, der er eine wichtige Stellung in bezug auf die Entwicklung anweist. Die Kunst scheint ihm parallelgehend mit der Menschheitsentwicklung zu sein. Wie die Menschheit, so haben sich die Künste entwickelt. Aus einer Gesamtheit der Künste hervorgehend, wurden die Künste egoistisch. Das Drama, die Architektur und der Tanz wurden etwas für sich. So ist es geworden in der Gegenwart. Parallel der egoistisch gewordenen Welt haben wir die egoistisch gewordene Kunst. Er blickt hin auf eine Zeit, wo auch die Kunst wieder eine Kunstgemeinschaft haben wird. Daher nennt man Richard Wagner den «Kommunisten» der Künstler, weil er einen «Kommunismus» der Künstler so vor Augen hatte. So sieht er im Zusammenklang der Künste, zu dem er sein Scherflein beitragen will, einen mächtigen Hebel, um aus der Selbstlosigkeit der Kunst heraus etwas in die Seelen der Menschen zu gießen von jener Selbstlosigkeit, die einen zukünftigen menschlichen Bruderbund begründen muß. So war er künstlerisch ein Missionar menschlicher sozialer Selbstlosigkeit, indem er in jede Menschenseele jenen Impuls gießen wollte, der die Seele hinleitet zur inneren Selbstlosigkeit, die die Menschen in Harmonie verbindet. Wahrhaftig, ein großer Missionsgedanke, der vor Richard Wagners Seele auftauchte, ein Missionsgedanke, den nur eine Persönlichkeit haben konnte, ganz durchdringen konnte, die in sich selber etwas von dem wirklichen geistigen Impuls, die einen tiefen Glauben an die Wahrheit des geistigen Lebens hatte. Diesen tiefen Glauben aber hatte Richard Wagner.
[ 15 ] This strikes him as the ideal of a distant art, and so, for him, the present merges with the future, and it is art to which he assigns an important role in terms of development. Art seems to him to run parallel to the development of humanity. Just as humanity has evolved, so too have the arts. Emerging from a unity of the arts, the arts became self-centered. Drama, architecture, and dance became separate entities. This is how things have turned out in the present. Parallel to a world that has become self-centered, we have art that has also become self-centered. He looks forward to a time when art, too, will once again form an artistic community. That is why Richard Wagner is called the “communist” among artists, because he envisioned such a “communism” of the arts. Thus, he sees in the harmony of the arts—to which he wishes to contribute his small part—a powerful lever for pouring, out of the selflessness of art, something into the souls of people: that very selflessness which must lay the foundation for a future brotherhood of humankind. Thus, artistically speaking, he was a missionary of human social selflessness, seeking to instill in every human soul the impulse that leads the soul toward the inner selflessness which unites people in harmony. Truly, a great missionary ideal arose in Richard Wagner’s soul—an ideal that could be fully grasped and internalized only by a personality who possessed within himself something of the true spiritual impulse and a deep faith in the truth of spiritual life. And Richard Wagner did possess this deep faith.
[ 16 ] Wir können uns an einem seiner Werke, zunächst vorbereitend, diesen Glauben Richard Wagners an die geistige Welt hinter der sinnlichen vor die Seele halten, an seinem «Fliegenden Holländer». Schon da tritt uns Richard Wagners richtiger und wahrhaft redlicher Glaube an die geistige Welt hinter der sinnlichen entgegen. Halten Sie sich vor Augen, daß ich nicht im entferntesten behaupte, daß die Gedanken, die hier ausgesprochen werden, bewußt vor der Seele Richard Wagners standen, ebensowenig wie die Gedanken der Botaniker oder Lyriker bewußt in der Pflanze leben. Aber wie der Botaniker oder Lyriker an ihr empfindet, so lebte Richard Wagner im Sinne dieser Vorstellung und im Sinne dieser geistigen Gesetze.
[ 16 ] We can, as a preliminary step, contemplate Richard Wagner’s belief in the spiritual world beyond the sensory one through one of his works: The Flying Dutchman. Even there, Richard Wagner’s genuine and truly sincere belief in the spiritual world beyond the sensory one becomes evident to us. Bear in mind that I am not in the least claiming that the thoughts expressed here were consciously present in Richard Wagner’s mind, any more than the thoughts of botanists or poets consciously live within a plant. But just as the botanist or poet feels in relation to it, so Richard Wagner lived in accordance with this conception and in accordance with these spiritual laws.
[ 17 ] Der materialistische Mensch sieht die Menschen um sich herum an und er sieht sie in sinnlicher Abgeschlossenheit im materiellen Dasein nebeneinanderstehen. Die Seele ist eingeschlossen in sinnliche Leiber, und so glaubt der Materialist, daß es keine andere Art von Gemeinschaft gäbe zwischen Mensch und Mensch als diejenige, die äußerlich, sinnlich vermittelt wird. Was der einzelne Mensch dem anderen sagen kann, was der einzelne dem anderen tun kann, ist rein äußerlich, materiell wirklich; daran glaubt der materialistische Denker. Daß es eine verborgene Gemeinschaft der Menschen gibt, daß es etwas gibt, was von Seele zu Seele wirkt, auch wenn kein äußerliches Wirken durch sprachliche oder materielle Mittel da ist, davon ist derjenige überzeugt, der etwas weiß von der geistigen Welt hinter der sinnlichen Welt. Geheime geistige Wirkungen gehen und strömen von Seele zu Seele. Dasjenige, was einer denkt und fühlt, auch wenn es innerhalb der Seele beschlossen bleibt, ist nicht bedeutungs- und wertlos für den anderen Menschen, auf den sich die Gedanken und Gefühle beziehen. Der materialistische Denker weiß bloß davon, daß der andere Mensch mit der Hand berührt werden kann, daß man ihm mit materiellen Mitteln beistehen kann. Er glaubt nicht, daß das Gefühl, das in ihm lebt, eine reale Bedeutung für die anderen Menschen hat, daß Seele und Seele durch Bande verknüpft ist, die man nicht mit sinnlichen Augen sehen kann. Der Mystiker weiß, daß ein solches Band von Seele zu Seele sich schlingt. Richard Wagner war tief durchdrungen davon, daß das der Fall ist.
[ 17 ] The materialist looks at the people around him and sees them standing side by side in material existence, isolated from one another in a purely sensory sense. The soul is enclosed within sensory bodies, and so the materialist believes that there is no other kind of communion between human beings than that which is mediated externally and sensually. What one individual can say to another, what one individual can do for another, is purely external and materially real; this is what the materialist believes. That there is a hidden communion among human beings, that there is something that works from soul to soul even when there is no external interaction through linguistic or material means—of this is convinced the one who knows something of the spiritual world behind the sensory world. Secret spiritual influences flow and radiate from soul to soul. What one person thinks and feels—even if it remains confined within the soul—is not meaningless or worthless to the other person to whom those thoughts and feelings relate. The materialist is aware only that another person can be touched by the hand, that one can assist them through material means. He does not believe that the feeling that lives within him has any real significance for other people, or that soul and soul are linked by bonds that cannot be seen with the physical eyes. The mystic knows that such a bond winds its way from soul to soul. Richard Wagner was deeply imbued with the conviction that this is the case.
[ 18 ] Wenn wir uns klarmachen wollen, was damit angedeutet ist, dann blicken wir zurück auf eine schöne mittelalterliche Sage, die der heutige Mensch nur als Sage empfindet, die aber für denjenigen, der sie geschrieben hat, und für den, der sie mystisch zu verstehen weiß, etwas anderes ist als eine Sage, nämlich der Ausdruck einer geistigen Wirklichkeit. Da erinnert uns eine Sage, die uns ein mittelalterliches Epos überliefert hat, an den armen Heinrich, der eine furchtbare Krankheit hatte. Da hören wir, daß nur eines den armen Heinrich von seiner furchtbaren Krankheit heilen kann, nämlich wenn sich ein reines weibliches Wesen für ihn opfert. Die Liebe der reinen weiblichen Seele ist imstande, etwas zu bedeuten, etwas Reales zu sein für das andere Menschenleben. Daß Seele für Seele im rein geistigen Reiche etwas füreinander sein können, wovon sich das materialistische Denken keine Vorstellung macht, das liegt hinter einer solchen Sage. Die Opferung des reinen weiblichen Wesens für den armen Heinrich, ist sie denn schließlich etwas anderes als ein sinnlicher Ausdruck für dasjenige, was ein großer Teil der Menschheit überhaupt als die mystische Wirkung des Opfers ansieht? Ist denn das Opfer dieser Jungfrau für den armen Heinrich nicht dasjenige, was der Erlöser am Kreuze für die Menschheit dargebracht hat, ist es nicht jene mystische geistige Wirkung von Seele zu Seele? Daß hinter dem Außeren etwas leben kann, das sehen wir da, da glaubt das Bewußtsein ahnungsvoll, daß es eine solche Geistigkeit gibt. Deshalb kam Wagner zu der Sage vom Fliegenden Holländer, jenem Mann, der sich mit dem Materiellen verbunden hatte und keine Erlösung finden kann von dem Stoff, mit dem er verstrickt ist. Nicht mit Unrecht hat man den Fliegenden Holländer den Ahasver des Meeres, den Ewigen Juden des Meeres genannt. Wie in der Idee des Ewigen Juden etwas Tiefes liegt, so in der Idee vom Ewigen Juden des Meeres, vom Fliegenden Holländer.
[ 18 ] If we want to understand what is implied here, let us look back at a beautiful medieval legend—one that people today perceive merely as a legend, but which, for the one who wrote it and for those who know how to understand it mystically, is more than just a legend; it is the expression of a spiritual reality. A legend handed down to us through a medieval epic reminds us of Poor Henry, who suffered from a terrible illness. We hear that only one thing can cure Poor Henry of his terrible illness: namely, if a pure female being sacrifices herself for him. The love of the pure female soul is capable of meaning something, of being something real for another human life. The idea that, in the purely spiritual realm, soul and soul can mean something to one another—something of which materialistic thinking has no conception—lies behind such a legend. Is the sacrifice of the pure female being for Poor Henry, after all, anything other than a sensory expression of what a large part of humanity regards as the mystical effect of sacrifice? Is not the sacrifice of this maiden for poor Heinrich the very thing that the Savior offered on the cross for humanity; is it not that mystical spiritual effect from soul to soul? We see here that something can live behind the outward appearance; our consciousness intuitively believes that such spirituality exists. That is why Wagner turned to the legend of the Flying Dutchman, that man who had bound himself to the material world and cannot find redemption from the matter in which he is entangled. It is not without reason that the Flying Dutchman has been called the Ahasver of the sea, the Eternal Jew of the sea. Just as there is something profound in the idea of the Eternal Jew, so too is there something profound in the idea of the Eternal Jew of the Sea, the Flying Dutchman.
[ 19 ] Betrachten wir uns den Ahasver von diesem Gesichtspunkte aus. Er ist der Mensch, der nicht glauben kann an den Erlöser, an eine Persönlichkeit, die die Menschheit vorwärtsführt zu größeren Höhen, zu immer vollkommeneren und vollkommeneren Stufen der Entwicklung. Der Ahasver ist verstrickt in das bleibende Dasein; während der Mensch in Wahrheit, wenn er weiterkommen will, aufwärtssteigen muß von Stufe zu Stufe, kann sich der, welcher nicht streben will, mit der Materie verbinden. Er kann demjenigen Hohn sprechen, der Führer der Menschheit zu höheren und höheren Stufen ist. Dann muß er in die Materie verstrickt werden. Was heißt es: In die Materie verstrickt werden? Wer in die Materie verstrickt wird, für den wiederholt sich das äußere Leben im ewigen Einerlei. Denn dadurch unterscheidet sich das materielle vom geistigen Auffassen, daß das Materielle sich immer wiederholt, während der Geist aufsteigt. In dem Augenblicke, wo der Geist der Materie verfällt, verfällt er der Wiederholung des immer Gleichen. Und so ist es mit dem Fliegenden Holländer. In jenen alten Zeiten hatten die verschiedenen Völker das Bekanntwerden mit fremden Ländern benützen können, um die Ideen immer höher und höher zu heben. Wer dieses erreichen konnte, der betrachtete das Fahren über das Meer, das Hinausstürmen zu fremden Küsten als ein bloßes Mittel der Vervollkommnung der Menschheit. Derjenige, der die Vollkommenheitsidee, das Fließen der Geistesströmung nicht spürte, verstrickte sich in das Einerlei des bloß zur Materie, zum Stofflichen Gehörigen. Der Fliegende Holländer, der seinen Hang nur zum Stofflichen hat, wird verlassen von den Kräften der Entwicklung, von der Liebe, die das Mittel ist zur Vervollkommnung, das Mittel zum Aufstieg, zur Entwicklung, so daß er sich in die Materie, in die Stoffe hineinspinnt und sich für ihn dasselbe dann in ewiger Wiederholung wiederholen muß. Solche Wesen, die nicht ergriffen, nicht erfaßt werden können zu einem höheren Aufstieg, müssen berührt werden von jungfräulichem Wesen. Jungfräulich und von reiner Liebe erfüllt muß das Wesen sein, das den Fliegenden Holländer erlösen kann.
[ 19 ] Let us consider Ahasver from this perspective. He is the person who cannot believe in the Savior, in a figure who leads humanity forward to greater heights, to ever more perfect stages of development. Ahasver is entangled in permanent existence; while the human being, in truth, must ascend from stage to stage if he wishes to progress, the one who does not wish to strive can become bound to matter. He can mock the one who is the guide of humanity to higher and higher stages. Then he must become entangled in matter. What does it mean to be entangled in matter? For those who are entangled in matter, external life repeats itself in eternal monotony. For this is how the material differs from the spiritual: the material always repeats itself, while the spirit ascends. The moment the spirit succumbs to matter, it succumbs to the repetition of the same thing over and over. And so it is with the Flying Dutchman. In those ancient times, the various peoples could have used their exposure to foreign lands to elevate their ideas higher and higher. Those who were able to achieve this regarded sailing across the sea and venturing out to foreign shores as merely a means of perfecting humanity. Those who did not sense the idea of perfection—the flow of the spiritual current—became entangled in the monotony of what belongs solely to matter, to the material world. The Flying Dutchman, who is drawn only to the material, is abandoned by the forces of evolution, by love—which is the means to perfection, the means to ascent and development—so that he becomes entangled in matter and the physical world, and for him, the same cycle must then repeat itself in eternal recurrence. Such beings, who cannot be grasped or drawn toward a higher ascent, must be touched by a virginal being. The being capable of redeeming the Flying Dutchman must be virginal and filled with pure love.
[ 20 ] Die Seele, die noch nicht in den Stoff verstrickt ist, hat eine Beziehung zu der Seele, die in den Stoff verstrickt ist. Das ahnt Richard Wagner und das drückt er in seinem Drama in so bedeutungsvoller Weise aus. Das war ein mystisches Empfinden der Wahrheit, das war die Empfindung der Gemeinschaft der Geister, die hinter der Gemeinschaft des Stoffes ist. Wahrhaftig, ein solcher, der so fühlte, durfte sich eine so hohe geistige Mission zuschreiben, wie Richard Wagner sie sich zuschrieb, der durfte seine Gedankenflüge hinlenken in Gebiete, wo er über Musik und Drama ganz anders dachte, als man vor ihm gedacht hat. Er sah in seiner Art zurück in jene griechische Urzeit, wo es einheitliche Kunstwerke gab, wo die Musik nur zum Ausdruck brachte, was das übrige Dramatische nicht in seiner Vollständigkeit zum Ausdruck bringen konnte, wo die ewigen Weltgesetze in dem Rhythmus des Tanzes zum Ausdruck kamen. Er sah etwas in dem alten Kunstwerk, wo noch zusammenwirkten Tanz, Rhythmus und Harmonie im dramatisch-musikalischen Kunstwerk des urfernen Altertums. Es erstand vor ihm eine eigentümliche Anschauung über das Wesen des Musikalischen. Das eigentliche Wesen des Musikalischen sah Richard Wagner in der Harmonie der Töne. Aber er sagte sich, nur dann, wenn die Schwesterkünste dasjenige, was sie hineinzugeben haben, hergeben für die Harmonie, dann strömt von solchen Schwesterkünsten in die Harmonie der Musik etwas ein. Die eine der Künste ist der Tanz. Nicht der Tanz, der später die Menschheit ergriff, sondern der, welcher in den Formen des Tanzes Bewegungen in der Natur und Bewegungen der Sterne ausdrückt. So war der alte Tanz. Der alte Tanz war herausgeboren aus einem Erfühlen der Naturgesetze, durch eigene Bewegung ein Nachbild dessen, was in der Natur sich bewegte. Dieses Wesen des Tanzrhythmus strahlte hinein in die musikalische Harmonie und gab der Harmonie der Musik den Rhythmus. Dann trat die andere Schwesterkunst hinzu, die Dichtung. Sie konnte nur einiges in Worten ausdrücken. Aber dasjenige, was Worte nicht ausdrücken konnten, das mußten die Schwesterkünste zum Ausdruck bringen. So wirkten Tanz, Musik, Dichtung in Harmonie und es entstand das Musikalische als Dreiklang von Harmonie, Rhythmus und Melodie. Es entstand, weil die Schwesterkünste zusammenwirkten.
[ 20 ] The soul that is not yet entangled in matter has a connection to the soul that is entangled in matter. Richard Wagner senses this, and he expresses it in such a meaningful way in his drama. This was a mystical sense of truth; it was the sense of the communion of spirits that lies behind the communion of the material world. Truly, one who felt this way was entitled to claim for himself such a lofty spiritual mission as Richard Wagner claimed for himself; he was entitled to direct his flights of thought into realms where he conceived of music and drama in a way entirely different from how they had been conceived before him. In his own way, he looked back to that primordial Greek era, when there were unified works of art, when music merely expressed what the rest of the drama could not fully convey, and when the eternal laws of the universe were expressed in the rhythm of dance. He saw something in the ancient artwork—where dance, rhythm, and harmony still interacted within the dramatic-musical art form of time immemorial. A unique conception of the essence of music arose before him. Richard Wagner saw the very essence of music in the harmony of tones. But he told himself that only when the sister arts contribute what they have to offer to harmony does something from these sister arts flow into the harmony of music. One of these arts is dance. Not the dance that later captivated humanity, but the one that, in the forms of dance, expresses movements in nature and the movements of the stars. Such was the ancient dance. Ancient dance was born out of a sense of the laws of nature; through its own movement, it was a reflection of what moved in nature. This essence of the dance rhythm radiated into musical harmony and gave rhythm to the harmony of music. Then the other sister art joined in: poetry. It could express only a few things in words. But what words could not express, the sister arts had to convey. Thus, dance, music, and poetry worked in harmony, and music emerged as a triad of harmony, rhythm, and melody. It emerged because the sister arts worked together.
[ 21 ] Das stand vor dem Mystiker als der Geist des alten Kunstwerks, wo noch nicht Melodie, Rhythmus und Harmonie in der späteren Vollkommenheit da waren. Das weiß Richard Wagner und das weiß auch der Mystiker. Nun sagte er sich: in späterer Zeit trennten sich die Künste, die hier schwesterlich zusammenwirkten. Der Tanz wurde etwas für sich, die Dichtung wurde etwas für sich. Dadurch wurde das rhythmische Erleben als etwas für sich hingestellt und ebenso auch die Musik, die nichts mehr wissen wollte von der Schwester, ebenso wie die Dichtung sich trennte von dem Musikalischen und nichts mehr hineinströmen konnte in das Musikalische.
[ 21 ] This stood before the mystic as the spirit of the ancient work of art, in which melody, rhythm, and harmony had not yet attained their later perfection. Richard Wagner knows this, and so does the mystic. Now he said to himself: in later times, the arts—which here worked together in sisterly harmony—went their separate ways. Dance became a thing unto itself, and poetry became a thing unto itself. As a result, the rhythmic experience was set apart as something in its own right, and so was music, which no longer wanted anything to do with its sister; just as poetry separated itself from the musical and could no longer flow into the musical.
[ 22 ] Richard Wagner sah, wie mit der Zunahme der Egoismen der Menschen die Künste egoistischer wurden, und er verfolgte so die Künste bis in die neueste Zeit hinein. Wir können ihm jetzt nicht folgen, wie er seine Künste verfolgt, wie sie selbständiger und egoistischer werden. Sehen wir, wie er selbst versuchen will, aus den Einseitigkeiten, die ihm vorliegen, etwas Harmonisches zu schaffen. Da wollen wir ihm folgen, da zeigt sich seine ganze Größe, die hinter das Wesen der Dinge auf diesem Gebiete zu kommen sucht.
[ 22 ] Richard Wagner observed how, as people’s selfishness increased, the arts became more selfish, and he traced this development in the arts right up to the present day. We cannot follow him now as he observes the arts becoming more independent and self-centered. Let us see how he himself seeks to create something harmonious out of the one-sidednesses he encounters. Let us follow him in this; it is here that his true greatness is revealed, as he seeks to penetrate to the essence of things in this realm.
[ 23 ] Zwei Geister standen vor Richard Wagners Seele, die die Einseitigkeit der Künste pflegten, die er zusammenbringen wollte. Die Einseitigkeit des Musikalischen und die Einseitigkeit des Dramatischen zeigten Beethoven und Shakespeare. Shakespeare war für Richard Wagner der einseitige Dramatiker, weil es für Richard Wagner klar war, daß, wenn er sein tiefes Inneres betrachtete, die ganze StufenJeiter der Empfindungen und Gefühle, die man von außen nicht sehen kann, die nicht in Gesten, nicht einmal in Worte übergehen kann, wenn es sich um Wesenhaftes handelt, daß diese Stufenleiter der Empfindungen nicht im Wortdrama zum Ausdruck kommen kann. Das Wortdrama stellt die Handlung dar, wenn sie schon hinausgetreten ist aus den inneren Impulsen in Raum und Zeit. Wenn das Drama sich abspielt, so müssen wir schließen, daß die Person die Impulse schon erlebt hat. Wir sehen das schon alles übergehen in das, was das Auge sehen und das Ohr hören kann und nicht mehr als das, was sich abspielt als Dramatik im Innern der Person selbst. So muß der Dramatiker sich ausschweigen über dasjenige, was als die tieferen Gefühle und Empfindungen die Untergründe für dasjenige darstellen, was sich äußerlich auf der Bühne zeigt. Auf der anderen Seite sind ihm die einseitigen Künstler die Symphoniker, die reinen Instrumental-Musiker, diejenigen, die wirklich in ihrem wunderbaren Tongefüge dasjenige darzustellen vermögen, was im Inneren der Seele vorgeht, die innere Dramatik, die aber gestenlos bleibt, die nicht nach außen in Raum und Zeit überströmt. So hat er auf der einen Seite die musikalische Kunst, den Ausdruck des menschlichen Innern, die, wenn sie nach außen will, ihr Unvermögen fühlt, und auf der anderen Seite hat er die dramatische Kunst, die mit der musikalischen Kunst sich nicht verschwistert, die erst darzustellen vermag, wenn die Impulse in Raum und Zeit hinausgeflossen sind. Shakespeare — Mozart, Haydn, Beethoven stellen ihm zwei Seiten dar, künstlerisch ausgeprägt. In Beethovens Neunter Symphonie sieht er etwas, was die eine einseitige Kunstform aus sich heraus durchbrechen will. Er sieht, wie in der Neunten Symphonie gleichsam die Hüllen zerspringen, wie sie gleichsam sich auslebt im Wort, weil sie in Liebe die ganze Menschheit umfassen will, weil sie hinausdrängt in die ganze Welt. Da sieht er etwas, was hinaus will in Raum und Zeit; und es noch weiter hinauszuführen in Raum und Zeit, das betrachtet er als seine Mission. Nicht nur so, wie es in der Neunten Symphonie ist, den Ausdruck der Empfindungen, die innere Dramatik der Seele ausströmen zu lassen, nicht nur so, wie es da ist, wünscht er es, sondern er wünscht es einfließen zu lassen in Wort und Handlung, so daß man beide vor sich auf der Bühne hat, die innere Skala der Empfindungen in der Musik und in der Dramatik das — weil sie herausgeht in Raum und Zeit —, was die innere Skala der Empfindungen zu äußeren Handlungen bildet. Shakespeare und Beethoven in einer höheren Einheit — das will er sein. Den ganzen Menschen will er darstellen.
[ 23 ] Two spirits stood before Richard Wagner’s soul, each embodying the one-sidedness of the arts he sought to unite. Beethoven and Shakespeare exemplified the one-sidedness of music and the one-sidedness of drama, respectively. For Richard Wagner, Shakespeare was the one-sided dramatist, because it was clear to Richard Wagner that when he looked into his own depths—the entire spectrum of sensations and feelings that cannot be seen from the outside, that cannot be expressed in gestures or even in words when it comes to the essential nature of things—this spectrum of sensations could not be expressed in verbal drama. Verbal drama depicts the action once it has already emerged from inner impulses into space and time. When the drama unfolds, we must conclude that the character has already experienced those impulses. We see all of this already transformed into what the eye can see and the ear can hear, and no longer as the drama unfolding within the character themselves. Thus, the playwright must remain silent about those deeper feelings and sensations that form the foundation for what is outwardly displayed on stage. On the other hand, the one-sided artists—the symphonists, the pure instrumental musicians—are those who, through their marvelous musical textures, are truly capable of portraying what is taking place within the soul: the inner drama that remains gestural-less, that does not spill out into space and time. Thus, on the one hand, he has musical art—the expression of the human inner world—which, when it seeks to express itself outwardly, feels its own inadequacy; and on the other hand, he has dramatic art, which does not align with musical art and is capable of representation only once the impulses have flowed out into space and time. Shakespeare—Mozart, Haydn, and Beethoven—represent two sides of this for him, each distinctly artistic. In Beethoven’s Ninth Symphony, he sees something that seeks to break through the confines of a one-sided art form. He sees how, in the Ninth Symphony, the shells burst open, as it were, how it, so to speak, finds its full expression in the word, because it seeks to embrace all of humanity in love, because it pushes outward into the whole world. There he sees something that wants to reach out into space and time; and to carry it even further out into space and time—that is what he regards as his mission. Not merely as it is in the Ninth Symphony—letting the expression of feelings, the inner drama of the soul, flow forth—not merely as it is there does he desire it, but he wishes to let it flow into word and action, so that one has both before one on the stage: the inner spectrum of feelings in the music, and in the drama—because it extends into space and time—that which transforms the inner spectrum of feelings into outward actions. Shakespeare and Beethoven in a higher unity—that is what he wants to be. He wants to portray the whole human being.
[ 24 ] Sehen wir eine Handlung auf der Bühne, dann sollen wir nicht bloß sehen, was sich vor Augen und Ohren abspielt, sondern wir wollen auch hören, was die innersten Impulse des menschlichen Wesens sind. Deshalb genügt Richard Wagner auch die alte Oper nicht. Denn da waren Dichter und Musiker jeder für sich. Der Dichter drückte aus, was er auszudrücken hatte, der Musiker kam hinzu, um die Dichtung auszudrücken. Die Musik aber soll dazu da sein, um auszudrücken, was die Dichtung nicht ausdrücken kann. Das menschliche Wesen besteht aus dem Inneren, das im Außeren nicht zum Ausdruck kommen kann, und aus dem Außeren, das zwar im Wortdrama zum Ausdruck kommen kann, aber sich ausschweigen muß über die inneren Impulse. Deshalb muß das Musikalische nicht so sein, daß es die Dichtung illustriert, sondern so, daß es die Dichtung vervollständigt. Die Musik muß ausdrücken, was die Dichtung nicht ausdrücken kann.
[ 24 ] When we watch a play on stage, we should not merely see what is happening before our eyes and ears; we also want to hear what the innermost impulses of the human being are. That is why Richard Wagner was not satisfied with traditional opera. For in that form, the poet and the musician worked separately. The poet expressed what he had to express; the musician came along to express the poetry. But music is meant to express what poetry cannot. Human nature consists of the inner self, which cannot be expressed outwardly, and the outer self, which, while it can be expressed in spoken drama, must remain silent regarding the inner impulses. Therefore, music must not merely illustrate the poetry, but rather complete it. Music must express what poetry cannot express.
[ 25 ] Das ist der große Gedanke Richard Wagners. So will er schaffen, so schreibt er sich seine Mission zu für ein selbstloses Zusammenwirken von Musik und Dichtung in einem Gesamtkunstwerk. Und so sehen wir im Grunde genommen diesen seinen Grundgedanken auf eine mystische GrundJage zurückgehen, auf jene Grundlage, die den ganzen Menschen erfassen will, nicht den äußeren Menschen bloß, sondern den ganzen Menschen, der durchdrungen ist von dem inneren. Der Mensch ist mehr als das, was sich äußerlich auslebt. Richard Wagner weiß, daß in des Menschen Inneren ein höheres Selbst ruht, ein höheres Selbst vorhanden ist. Aber nur teilweise kommt in dem, was in Raum und Zeit erscheint, das höhere Selbst zum Ausdruck. Aber das innere Höhere, was über das Gewöhnliche hinausgeht, will Richard Wagner erfassen. Daher genügt ihm das eine Mittel nicht, sondern er sucht, was den Menschen in verschiedener Weise erfassen kann. Er muß daher auch seine Zuflucht nehmen zu dem, was hinausgeht über die unmittelbare Persönlichkeit, was sich erhebt zum Übermenschlichen. Das geschieht im Mythos. In der mythischen Individualität tritt uns nicht der einzelne Mensch entgegen, sondern gleichsam ein Übermenschliches. Was der Übermensch im Menschen bedeutet, das drückt uns der Mythos aus. Was nicht in einem, sondern in vielen Menschen lebt, das drücken uns mythologische Figuren wie Siegfried und Lohengrin aus. Weil Wagner in das Tiefste der Menschen gehen wollte, brauchte er die übermenschlichen Persönlichkeiten der Mythen.
[ 25 ] This is Richard Wagner’s central idea. This is how he intends to create; this is how he defines his mission: a selfless interplay of music and poetry in a total work of art. And so, fundamentally, we see that this core idea of his traces back to a mystical foundation—to that foundation that seeks to encompass the whole human being, not merely the outer self, but the whole human being, who is permeated by the inner self. Human beings are more than what is expressed outwardly. Richard Wagner knows that a higher self dwells within the human being, that a higher self exists. But the higher self is expressed only partially in what appears in space and time. Yet Richard Wagner seeks to grasp this inner higher reality that transcends the ordinary. Therefore, a single means is not enough for him; rather, he seeks what can encompass the human being in various ways. He must therefore also take refuge in that which goes beyond the immediate personality, that which rises to the superhuman. This occurs in myth. In mythical individuality, it is not the individual human being who confronts us, but, as it were, something superhuman. Myth expresses to us what the superhuman means within the human being. Mythological figures such as Siegfried and Lohengrin express to us that which lives not in one but in many people. Because Wagner wanted to penetrate to the very depths of human beings, he needed the superhuman personalities of the myths.
[ 26 ] Wie tief er hineingreift in den ganzen Werde- und Entwicklungsprozeß, können wir verstehen, wenn wir ihm nur ein bißchen folgen. Zu den höchsten menschlichen Rätselfragen, wie sie sich aussprechen in so großartiger Weise in dem Nibelungendrama und im Parsifaldrama, erhebt er sich und sucht sie herauszugestalten aus der Anschauung, der Empfindung und dem Gefühl für die ganze Menschheit.
[ 26 ] We can understand just how deeply he delves into the entire process of becoming and development if we follow him even a little. He rises to address the highest of human mysteries—as expressed so magnificently in the Nibelungen and Parsifal dramas—and seeks to shape them out of his vision, his sensibility, and his feeling for all of humanity.
[ 27 ] Wir können nun einzelne Streiflichter auf dasjenige werfen, in dem Richard Wagners künstlerische Seele lebt. Wir werden sehen, wenn wir auch nur weniges herausgreifen, wie tief er verbunden ist mit dem, was man die mythischen Zusammenhänge der Menschheit nennt. Warum greift Wagner gerade zum Siegfrieddrama? Was wollte er damit darstellen? Wir gelangen am leichtesten dazu, wenn wir anknüpfen an Richard Wagners Idee von der ganzen Menschheitsentwicklung. Er sah zurück in die Urzeiten, wo der Mensch durch enge Stammesbande der Menschheit in einer ursprünglichen, selbstlosen Liebe verknüpft war. Er sah zurück in jene Zeiten, wo die Menschen sich so fühlten, daß der einzelne seine Selbständigkeit in seinem dumpfen Bewußtsein noch nicht empfand, sondern sich als ein Glied in einem Stamme fühlte, zu dem er gehörte, daß er gleichsam in der Stammesseele etwas Wirkliches, etwas Reales fühlte. Vor allen Dingen spürte Richard Wagner, wie dasjenige, was in Europa lebte, zurückführt in uralte Zeiten, wo eine ursprüngliche Liebe die Menschen noch zu brüderlichen Gruppen und Verbänden vereinigte. Er blickte auch zurück in jene Zeiten, von denen die geisteswissenschaftliche Weltanschauung spricht, die sagt, daß alles in Entwicklung ist. Die geisteswissenschaftliche Anschauung sagt uns, daß auch das Bewußtsein sich nach und nach entwickelt hat. Das heutige klare Bewußtsein hat sich aus Zuständen entwickelt, von denen spärliche Nachklänge noch vorhanden sind. Im Traumbewußtsein, im Bildertraum sah Richard Wagner Nachklänge eines Bilderbewußtseins, das früher der ganzen Menschheit eigen war. Das heutige Tagesbewußtsein, das vom Morgen bis zum Abend, bis zum Einschlafen dauert, hat ein viel dumpferes Bewußtsein verdrängt. In diesem alten, dumpfen Bewußtseinszustand hingen die Menschen viel tiefer zusammen. Da kam die menschliche Individualität noch nicht so heraus wie später und damit auch nicht der menschliche Egoismus, der eine notwendige Stufe in der menschlichen Entwicklung bedeutet. Richard Wagner sah, daß es eine natürliche Liebe gab, die schon im Blute lag und die einzelnen Blutsverwandten zusammenknüpfte.
[ 27 ] We can now shed some light on the realm in which Richard Wagner’s artistic soul lives. Even if we focus on just a few aspects, we will see how deeply he is connected to what is called the mythical context of humanity. Why did Wagner choose the Siegfried drama in particular? What did he want to portray with it? The easiest way to understand this is to build on Richard Wagner’s idea of the entire development of humanity. He looked back to primeval times, when human beings were bound together by close tribal ties in a primal, selfless love. He looked back to those times when people felt that the individual had not yet perceived his independence in his dim consciousness, but rather felt himself to be a member of a tribe to which he belonged—that he felt, as it were, something genuine, something real, in the soul of the tribe. Above all, Richard Wagner sensed how what lived in Europe led back to ancient times, when a primal love still united people into brotherly groups and communities. He also looked back to those times referred to by the spiritual-scientific worldview, which states that everything is in a state of development. The spiritual-scientific worldview tells us that consciousness, too, has developed gradually. Today’s clear consciousness has evolved from states of which faint echoes still remain. In dream consciousness, in the world of imagery, Richard Wagner saw echoes of a pictorial consciousness that was once characteristic of all humanity. Today’s waking consciousness—which lasts from morning until evening, until one falls asleep—has supplanted a much more dulled form of consciousness. In this ancient, dulled state of consciousness, people were connected to one another on a much deeper level. Human individuality had not yet emerged as it would later, and thus neither had human egoism, which represents a necessary stage in human development. Richard Wagner saw that there was a natural love that was already in the blood and that bound individual blood relatives together.
[ 28 ] Nun will ich aus der rationalen Mystik heraus eine Anschauung darlegen, die für diejenigen, welche die anderen Vorträge nicht gehört haben, etwas Groteskes haben, aber für die anderen etwas Mathematisch-Sicheres bekommen wird. Dasjenige, was heute in Europa Jlebt als heutiges klares Tagesbewußtsein, hat sich aus einer uralten Menschheit entwickelt, der atlantischen Menschheit, die der unsrigen vorangegangen ist und da gelebt hat, wo heute die Fluten des atlantischen Ozeans sind. Diejenigen, welche achtgeben auf das, was in der Welt vorgeht, werden wissen, daß selbst die Naturwissenschaft schon von einem atlantischen Kontinent spricht. Auch in der naturwissenschaftlichen Zeitschrift «Kosmos» erschien ein Artikel darüber. Da lebten die Vorfahren der Menschen, die heute Europa bewohnen, unter anderen physikalischen Bedingungen. Sie lebten noch in Luft und Wasser. Der Boden war weithin bedeckt mit großen, mächtigen Nebelmassen. Damals sah man nicht die Sonne, wie man sie heute sieht. Sie war umgeben von mächtigen Farbenhöfen, weil alles bedeckt war mit mächtigen Nebelmassen. Die germanische Sagenwelt hat das Gedächtnis an jene alten Lande in dem Ausdruck Niflheim, Nibelungenheim bewahrt. Das sind die Erinnerungen an jenes alte Nebelland, und es ist eine feine, intime Wendung in dem, was sich aus jener Urzeit als Sage erhalten hat, daß, als die Flut allmählich die atlantischen Lande überspülte, dieselbe Flut auch die Flüsse der deutschen Tiefebene gebildet hat, so daß das Wesen des Rheins angesehen wird wie ein Überbleibsel jenes Wesens, das als das atlantische Nebelwesen einstmals weithin die Lande bedeckt hat. Es ist so, wie wenn das Rheinwasser abgeflossen wäre aus den Nebelmassen der alten Atlantis, des Nebelheims, des Nibelungenheims. So stellt die Sage das in dumpfem, ahnungsvollem Bewußtsein dar. Und indem die Völker ostwärts zogen, weil die physischen Verhältnisse so wurden, daß sie die Gegenden verlassen mußten, verließ sie das dumpfe Bewußtsein. Dieses wurde heller und heller, der Egoismus wurde aber auch größer.
[ 28 ] Now, drawing on rational mysticism, I would like to present a perspective that may seem somewhat grotesque to those who have not heard the other lectures, but which will strike the others as mathematically certain. What lives today in Europe as our clear, everyday consciousness has developed from an ancient humanity—the Atlantean humanity—which preceded our own and lived where the waters of the Atlantic Ocean are today. Those who pay attention to what is happening in the world will know that even the natural sciences already speak of an Atlantean continent. An article on this subject also appeared in the scientific journal Kosmos. There, the ancestors of the people who inhabit Europe today lived under different physical conditions. They still lived in air and water. The ground was largely covered by vast, dense masses of fog. Back then, people did not see the sun as we see it today. It was surrounded by magnificent halos of color, because everything was shrouded in thick fog. Germanic mythology has preserved the memory of those ancient lands in the terms Niflheim and Nibelungenheim. These are memories of that ancient land of mist, and there is a subtle, intimate nuance in what has been preserved from that primeval time as legend: that as the flood gradually engulfed the Atlantic lands, that same flood also formed the rivers of the German Lowlands, so that the essence of the Rhine is regarded as a remnant of that entity which, as the Atlantic mist-being, once covered the lands far and wide. It is as if the waters of the Rhine had flowed out of the mists of ancient Atlantis, of Nebelheim, of Nibelungenheim. This is how the legend portrays it in a dim, intuitive consciousness. And as the peoples migrated eastward—because physical conditions had become such that they had to leave those regions—that dim consciousness faded. It grew brighter and brighter, but egoism also grew stronger.
[ 29 ] Das alte dumpfe Bewußtsein hatte eine gewisse SelbstJosigkeit zur Folge. Mit dem Reinigen der Luft zog der Egoismus herauf. Der Nebeldunst der alten Atlantis bildete rings um den Menschen eine Atmosphäre von Weisheit, die erfüllt war von Selbstlosigkeit, von Liebe. Das strömte in die Wasser des Rheins und ruhte da unten als Weisheit, als Gold. Wenn das aber vom Egoismus erfaßt wird, dann gibt es zu gleicher Zeit die egoistische Macht. So sahen die Repräsentanten der alten Bewohner von Nibelungenheim, als sie ostwärts zogen, den Rhein den Hort in sich schließen, der aus dem Gold der Weisheit bestand, die einstmals in selbstloser Art gewirkt hat. Das alles ruhte — nicht so ausgesprochen — in der Sagenwelt, deren sich Richard Wagners Seele bemächtigte. Und diese Seele war dem großen geistigen Wesen, das darinnen wirkte und das Gedächtnis der alten Tatsachen bewahrte, so kongenial, daß sie aus dieser Sagenwelt dasjenige herausholte, was der Extrakt seiner ganzen Weltanschauung war. So hören wir nachklingen in der Musik Richard Wagners und sehen im Drama über die Bühne schreiten das Werden und Weben des menschlichen Egoismus. Das Zusammenschließen des Rings, wir sehen es in dem, daß Alberich dem Rhein, den Wellenmädchen das Gold abnimmt. In Alberich sehen wir den egoistisch gewordenen Repräsentanten der Nibelungen. Wir sehen den Menschen, welcher der Liebe, die den Menschen in ein Ganzes hineingestellt hat, abschwört. Die Macht des Besitzes verknüpft Richard Wagner mit der Idee, die in jener Sagenwelt webt. So sieht er jene alte Welt. Es tritt ihr entgegen diejenige Welt, die Walhalla begründert hat, es tritt entgegen die Welt des Wotan der Welt der alten Götter. Sie haben dasjenige, was alle Menschen gemeinsam hatten. Sie stellen eine Art von Gruppenseele dar, so auch Wotan. Aber da, wo die Einzelpersönlichkeit ergriffen wird von dem Ring, der sich um das Ich des Menschen spannt, wird auch er erfaßt von der Gier nach Gold. So sehen wir das, was als Volksseele in Wotan lebte, dasjenige, was der Mensch in egoistischer Art an dem Rheingold in sich erlebt, in einer feinen Art in Richard Wagners ganzer Kunst, in seinem ganzen Schaffen. Wir hören es aus den Klängen seiner Musik heraus. Wer sollte es nicht spüren können? Niemand sollte sagen, daß da in sein Werk etwas hineingelegt wird. Dagegen habe ich mich verwahrt. Aber wer sollte nicht spüren in der Es-Dur-Stelle des «Rheingold» das Einschlagen des Ich? Wie sollte das menschliche Ohr nicht spüren können das Auftreten des Ich in diesem langen Ton der Es-Dur-Stelle des «Rheingold»?
[ 29 ] The old, dull consciousness gave rise to a certain self-centeredness. As the air cleared, egoism began to rise. The misty vapor of ancient Atlantis formed an atmosphere of wisdom around human beings, an atmosphere filled with selflessness and love. This flowed into the waters of the Rhine and rested there below as wisdom, as gold. But when this is seized by selfishness, selfish power arises at the same time. Thus, as the representatives of the ancient inhabitants of Nibelungenheim journeyed eastward, they saw the Rhine enclose within itself the treasure consisting of the gold of wisdom that had once worked in a selfless manner. All of this lay—albeit not so explicitly—in the world of legend, which Richard Wagner’s soul took hold of. And this soul was so congenial to the great spiritual being that worked within it and preserved the memory of ancient events that it drew from this world of legend that which was the essence of his entire worldview. Thus, in Richard Wagner’s music, we hear the echoes, and in the drama, we see the emergence and weaving of human egoism unfolding across the stage. The closing of the Ring—we see it in the way Alberich takes the gold from the Rhine and the wave maidens. In Alberich, we see the representative of the Nibelungs who has become egoistic. We see the human being who renounces the love that once placed humanity within a greater whole. Richard Wagner links the power of possession to the idea that weaves through that world of legend. This is how he sees that ancient world. Opposing it is the world that founded Valhalla; the world of Wotan stands in opposition to the world of the old gods. They possessed what all human beings once shared. They represent a kind of group soul—and so does Wotan. But when the individual personality is seized by the Ring, which encircles the human ego, he too is gripped by the greed for gold. Thus we see what lived in Wotan as the national soul—that which the human being experiences within himself in a selfish way through the Rhine Gold—expressed in a subtle way throughout Richard Wagner’s entire art, in his entire body of work. We hear it in the sounds of his music. Who could fail to sense it? No one should say that something is being imposed on his work. I have always objected to that. But who could fail to sense, in the E-flat major passage of Rheingold, the emergence of the “I”? How could the human ear fail to perceive the emergence of the “I” in that long note of the E-flat major passage in Rheingold?
[ 30 ] So könnten wir bis in die musikalische Kunst hinein Richard Wagners mystisches Fühlen verfolgen.
[ 30 ] In this way, we could trace Richard Wagner’s mystical sensibility all the way into the realm of musical art.
[ 31 ] Wir sehen dann, wie sich Wotan auseinanderzusetzen hat nicht mit dem Bewußtsein, das sich von Seele zu Seele gesponnen hat, sondern mit dem, was sich noch nicht herausgesponnen hat da, wo das Volksbewußtsein noch lebendig gespürt worden ist. Dieses Bewußtsein tritt da auf, wo Wotan den Riesen den Ring entreißen will. Da tritt das alte Bewußtsein vor ihm auf in der Gestalt der Erda. Bedeutsam ist die Art, wie da gesprochen wird. Oder ist die Gestalt nicht so geschildert, daß sie die Repräsentantin des alten Bewußtseins ist, die nicht bloß weiß, was der Verstand verbindet, sondern auch weiß aus hellseherischem Bewußtsein heraus, was in der Umwelt vorgeht?
[ 31 ] We then see how Wotan must grapple not with the consciousness that has woven itself from soul to soul, but with that which has not yet been woven—where the collective consciousness was still felt to be alive. This consciousness appears where Wotan attempts to snatch the ring from the giants. There, the old consciousness appears before him in the form of Erda. The manner in which she speaks is significant. Or is the character not depicted in such a way that she is the representative of the old consciousness—one who not only knows what the intellect comprehends, but also knows, through clairvoyant consciousness, what is happening in the world around her?
Bekannt ist dir,
Was die Tiefe birgt,
Was Berg und Tal,
Luft und Wasser durchwebt.
Wo Wesen sind,
Wehet dein Atem;
Wo Hirne sinnen,
Haftet dein Sinn:
Alles, sagt man,
Sei dir bekannt.
You know,
What the depths hold,
What mountains and valleys,
Air and water are interwoven with.
Where beings are,
Your breath blows;
Where minds ponder,
Your mind dwells:
Everything, they say,
Is known to you.
[ 32 ] Man kann nicht klarer das Bewußtsein darstellen, das in Nebelheim war, man kann das alte Bewußtsein nicht klarer kennzeichnen, als es in den Worten ausgeprägt ist:
[ 32 ] One cannot describe the consciousness that existed in Nebelheim any more clearly, nor can one characterize the old consciousness any more clearly than is expressed in these words:
Mein Schlaf ist Träumen,
Mein Träumen Sinnen,
Mein Sinnen Walten des Wissens.
My sleep is dreaming,
My dreaming is contemplation,
My contemplation is the flow of knowledge.
[ 33 ] So war es: wie ein Träumen, aber ein Träumen, das wußte von der ganzen Umwelt, das wirkte von Mensch zu Mensch, das wirkte in die tiefste Tiefe der Natur hinein. Das war sein Sinnen, das war sein Wollen, sein Handeln, denn der Mensch handelte aus diesem Bewußtsein heraus. Dieses Bewußtsein trat vor Wotan in der Erda hin. Es entstand dadurch ein neues Bewußtsein.
[ 33 ] That is how it was: like a dream, but a dream that was aware of the entire world around it, that had an effect from person to person, that reached into the deepest depths of nature. That was his thinking, that was his will, his action, for human beings acted out of this consciousness. This consciousness stepped forward before Wotan in the Earth. A new consciousness arose as a result.
[ 34 ] In allem Mystischen wird das Höhere durch eine weibliche Persönlichkeit dargestellt. Das ist es auch, was sich in Goethes schönen Worten im Chorus mysticus verbirgt: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.» Die verschiedenen Völker haben dieses Streben der Seele zu einem höheren Bewußtsein dargestellt als eine Vereinigung mit irgendeinem Weiblichen, in dem das Höhere in der menschlichen Seele dargestellt wird. Die Seele ist dasjenige, was von den Weltgesetzen durchstrahlt wird, und diese Weltgesetze sind es, mit denen sie sich wie in einer Ehe vereinigt. So sehen Sie, wie im alten Ägypten die Isis und wie überall sonst ein höherer Bewußtseinszustand der Seele als Weibliches hingestellt wird, und zwar in der Weise, wie es dem Charakter eines Volkes entspricht. Was das Volk als sein eigentliches Wesen empfindet, das wird ihm dargestellt in der Verbindung des Menschen mit der betreffenden weiblichen Persönlichkeit entweder im Tod oder schon während des Lebens.
[ 34 ] In all mystical traditions, the Higher is represented by a feminine figure. This is also what lies hidden in Goethe’s beautiful words in the Chorus mysticus: “The Eternal Feminine draws us upward.” Various peoples have depicted this striving of the soul toward a higher consciousness as a union with some feminine figure, in whom the Higher within the human soul is represented. The soul is that which is permeated by the laws of the world, and it is with these laws of the world that it unites, as in a marriage. Thus you can see how, in ancient Egypt with Isis and everywhere else, a higher state of consciousness of the soul is portrayed as feminine—in a manner that corresponds to the character of a people. What the people perceive as their very essence is represented to them in the connection between the human being and the respective feminine figure, either in death or already during life.
[ 35 ] Auf zwei Arten — das haben uns die Vorträge bisher gezeigt - kann der Mensch über die Sinnlichkeit hinauswachsen. Einmal kann er das Sinnliche abstreifen und sich verbinden mit dem Geiste im Tode oder schon hier im Leben, wenn sein geistiges Auge geöffnet wird. Dementsprechend sehen wir, wie dieses Höhere, das der Mensch erleben kann, auch in der deutschen Mythe als eine weibliche Persönlichkeit dargestellt wird. Für die Vorfahren der Mitteleuropäer ist es der Kriegsmann, der tapfer kämpft und auf dem Schlachtfelde fällt, der nach dem Tode in die geistige Welt geht, um mit dem Höheren vereinigt zu werden, daher kommt dem Kriegsmann die Walküre entgegen, die ihn hinaufträgt in die Welt des Geistigen. Die weibliche Figur der Walküre stellt die Verbindung mit dem höheren Bewußtsein dar. Wotan zeugt mit Erda die Brünnhilde, mit der sich Siegfried vereinigen soll, wenn er hingeführt werden soll zu dem geistigen Leben. Die Töchter der Erda stellen das höhere Bewußtsein des Eingeweihten dar. In Siegfried wächst der neue Mensch heran, der durch eine besondere Ausprägung und Vollkommenheit des Inneren schon während des Lebens die Vereinigung mit der Walküre vollziehen kann.
[ 35 ] As the lectures have shown us so far, there are two ways in which a person can transcend the sensory realm. First, a person can shed the sensory realm and unite with the spirit in death, or even here in life, when their spiritual eye is opened. Accordingly, we see how this higher realm, which a person can experience, is also depicted as a female figure in German mythology. For the ancestors of Central Europeans, it is the warrior who fights bravely and falls on the battlefield who, after death, enters the spiritual world to be united with the Higher; hence the Valkyrie comes to meet the warrior, carrying him up into the world of the spiritual. The female figure of the Valkyrie represents the connection with the higher consciousness. Wotan sires Brünnhilde with Erda; Siegfried is destined to unite with her when he is led into the spiritual life. Erda’s daughters represent the higher consciousness of the initiate. Within Siegfried, the new human being is growing, one who, through a special development and perfection of the inner self, can already achieve union with the Valkyrie during his lifetime.
[ 36 ] Was die deutsche Sagenwelt birgt, was in ihr lebt, hat Richard Wagner zum Ausdruck gebracht. Auch das hat er zum Ausdruck gebracht, daß die alte Gruppenseele absterben muß in einer Götterdämmerung, ebenso wie das individuelle Bewußtsein des Menschen in Siegfried sich ausleben muß. Das alles wirkte und lebte und webte in seiner Seele. Die höchsten Menschheitsprobleme lebten und wirkten in ihm, und er hat sie, insofern sie des Menschen Inneres darstellen, im Musikalischen, und insofern sie menschliche Taten darstellen, im Dramatischen dargestellt,
[ 36 ] Richard Wagner gave expression to what German mythology holds and what lives within it. He also expressed the idea that the ancient group soul must die in Götterdämmerung, just as the individual consciousness of the human being must find its fulfillment in Siegfried. All of this was at work, alive, and interwoven within his soul. The highest problems of humanity lived and worked within him, and he portrayed them—insofar as they represent the inner life of the human being—through music, and insofar as they represent human deeds—through drama,
[ 37 ] So sehen wir, wie Richard Wagner als Künstler den höheren Werdegang des Menschen aus dem Mystischen heraus schöpft. Das hat ihn auch dazu geführt, eine tief bedeutsame Gestalt zum Mittelpunkt einer solchen Dramenschöpfung zu machen, die Gestalt des Lohengrin. Was ist der Lohengrin? Diesen Lohengrin verstehen wir nur, wenn wir sehen, wie sich die Sage im Volk einlebt während einer Zeit, wo in ganz Europa bedeutsame soziale Umwälzungen vor sich gingen. Wir verstehen, was in der Seele desjenigen lebte, der das Bild des Lohengrin in seiner Vereinigung mit dem Weibe, die bei Richard Wagner Elsa von Brabant ist, darstellt. Wir sehen, wie durch ganz Europa hindurch ein neues Zeitalter sich bildet, das Zeitalter, in dem das Ringen der menschlichen Individualität zum Ausdruck kommt. Mit etwas scheinbar ganz Prosaischem, hinter dem aber etwas ganz Tiefes steckt, können wir es ausdrücken. In Frankreich, Schottland, England, hinten in Rußland, überall sehen wir ein neues soziales Gebilde entstehen: die freie Stadt. Während draußen auf dem Lande die Menschen in den Nachklängen alter Stammesgemeinschaften lebten, strömten diejenigen Menschen, welche sich der Stammeszusammengehörigkeit entreißen wollten, aus derselben heraus in die Stadt. Da, in der Stadt, entstand das individuelle Freiheitsbewußtsein. Da lebten die Menschen, die sich den Zusammengehörigkeitsbanden entreißen wollten, die ihr Leben da einzig und allein leben wollten. Es war ein mächtiger Umschwung, der sich damals vollzog. Bisher war es der Name, der angab, wozu der Mensch gehörte und was er wert war. In der Stadt war der Name nichts wert. Was bekümmerte man sich da darum, aus welcher Familie der Mensch herausgewachsen war? Da war er so viel wert als er Können hatte. Da entwickelte sich der individuelle Mensch. Die Entwicklung von der Selbstlosigkeit zur Individualität wurde zur Entwicklung von der Individualität zum Bruderbund. Das stellte in der Mitte des Mittelalters die Sage dar, indem das Alte ersetzt wurde durch das, was der Mensch aus seinem Inneren heraus sich selbst zu geben in der Lage war.
[ 37 ] Thus we see how Richard Wagner, as an artist, draws upon the mystical to depict humanity’s higher destiny. This also led him to make a profoundly significant figure—the figure of Lohengrin—the centerpiece of such a dramatic creation. Who is Lohengrin? We can only understand this Lohengrin if we see how the legend took root among the people during a time when significant social upheavals were taking place throughout Europe. We understand what lived in the soul of the one who portrays the image of Lohengrin in his union with the woman who, in Richard Wagner’s work, is Elsa of Brabant. We see how, throughout Europe, a new era is taking shape—the era in which the struggle of human individuality finds expression. We can express this through something seemingly quite prosaic, yet behind which lies something very profound. In France, Scotland, England, and as far away as Russia, everywhere we see a new social structure emerging: the free city. While out in the countryside people lived in the lingering echoes of old tribal communities, those who wanted to break free from tribal ties streamed out of them and into the city. There, in the city, a sense of individual freedom arose. There lived the people who wanted to break free from the bonds of belonging, who wanted to live their lives there and there alone. It was a powerful upheaval that took place at that time. Until then, it was one’s name that determined where a person belonged and what they were worth. In the city, a name was worth nothing. Who cared which family a person came from? There, a person was worth as much as their abilities. There, the individual human being developed. The development from selflessness to individuality became the development from individuality to a brotherhood. This is what the legend depicted in the middle of the Middle Ages, as the old was replaced by what a person was able to give of themselves from within.
[ 38 ] Sehen wir zurück auf die alten führenden Priestergeschlechter, auf diejenigen, die früher Führer waren, auf diejenigen, die die Adelsgeschlechter, die Weisen abgegeben haben: sie stammten aus Familienverbänden. Daß sie einem solchen Verbande angehörten, daß sie das richtige Blut hatten, darauf kam es an. In der Zukunft wird es darauf nicht mehr ankommen. Der, welcher ein Führer der Menschheit sein wird, der kann unbekannt sein durch das, was ihn mit der Menschheit verbindet, da profaniert man ihn, wenn man ihm einen Namen gibt. Daher das Ideal der großen Individualitäten, das Ideal des namenlosen Weisen, das sich immer mehr herausbildet. Der namenlose Weise ist nicht durch das Herkommen etwas, sondern durch das, was er ist. Er ist die freie Individualität, die von den anderen anerkannt wird, weil sie alles aus sich selbst ist, weil sie nichts anderes sein will, als was sie für die anderen ist. So steht Lohengrin als Repräsentant, als Führer der Menschheit zur Freiheit da. Das mittelalterliche Städtebewußtsein sehen wir repräsentiert in dem Weibe, das sich mit Lohengrin verbindet. Mit einer der großen Individualitäten der Menschheit verbunden wurde derjenige, der zwischen der Menschheit und den großen Wesen steht, der den Verkehr zwischen den großen Führern der Menschheit und den Menschen vermittelt. Ein solcher hat immer einen bestimmten Namen gehabt. Den nennt man in aller Geheim- und Geisteswissenschaft mit dem technischen Namen des «Schwan». Der Schwan ist eine ganz bestimmte Stufe der höheren Geistesentwicklung. Der Schwan vereinigt den gewöhnlichen Menschen mit dem höheren Führer der Menschheit. Einen Abglanz von diesem sehen wir in der Lohengrinsage.
[ 38 ] Let us look back at the ancient ruling priestly lineages, at those who were once leaders, at those who produced the noble families and the sages: they came from family clans. What mattered was that they belonged to such a clan, that they had the right blood. In the future, this will no longer matter. The one who will be a leader of humanity may be unknown because of what connects him to humanity; to give him a name would be to profane him. Hence the ideal of great individualities, the ideal of the nameless sage, which is taking shape more and more. The nameless sage is defined not by his lineage, but by what he is. He is the free individual recognized by others because he is entirely self-contained, because he desires to be nothing other than what he is to others. Thus Lohengrin stands as a representative, as a guide leading humanity toward freedom. We see the medieval sense of community represented in the woman who unites with Lohengrin. The one who stands between humanity and the great beings—who mediates the connection between the great leaders of humanity and the people—was united with one of humanity’s great individualities. Such a being has always had a specific name. In all esoteric and spiritual sciences, this being is referred to by the technical term “swan.” The Swan represents a very specific stage of higher spiritual development. The Swan unites the ordinary human being with the higher guide of humanity. We see a reflection of this in the legend of Lohengrin.
[ 39 ] Wir brauchen solche Dinge nicht in Begriffe zu fassen, die einer pedantischen Lebensauffassung entnommen sind. Ja, wir tun Unrecht, wenn wir es tun. Wir kommen nur zur Klarheit, wenn unsere Begriffe weitherzig werden, so daß uns die Dinge, die uns Richard Wagner verständlich macht, nicht pedantische Worthülsen sind, sondern Vorstellungen entzünden, die weit, weit sich ausspinnen. Gestatten Sie mir, daß ich nicht Begriffe mit pedantischen Konturen vor Sie hinstelle, sondern solche, die weite Perspektiven eröffnen. Daher muß man eine Gestalt wie Lohengrin in ihrer welthistorischen Bedeutung hinstellen und zeigen, wie in Richard Wagners Seele sich ein Verständnis dafür angesponnen hat und wie dieses Verständnis künstlerische Gestalt gewonnen hat.
[ 39 ] We do not need to frame such things in terms drawn from a pedantic view of life. Yes, we are wrong to do so. We can only achieve clarity when our concepts become more open-minded, so that the things Richard Wagner makes understandable to us are not pedantic empty phrases, but rather spark ideas that unfold far, far beyond. Allow me not to present you with concepts that have pedantic contours, but rather ones that open up broad perspectives. That is why one must present a figure like Lohengrin in his world-historical significance and show how an understanding of this took shape in Richard Wagner’s soul and how this understanding took on artistic form.
[ 40 ] So ist es Richard Wagner auch gegangen mit der Idee vom heiligen Gral. Im letzten Vortrage: «Wer sind die Rosenkreuzer?» trat diese Idee vom heiligen Gral vor unsere Seele. Es ist höchst merkwürdig, daß in Richard Wagners Seele in einem bestimmten Zeitpunkte etwas aufleuchtet, was wie ein Ahnen von jener großen Lehre des Mittelalters, vom heiligen Gral war. Diese Lehre leuchtete ihm erst auf, als eine andere vorangegangen war. Im Jahre 1856 war es, als in Richard Wagners Seele die Idee auftauchte, die in dem Drama «Die Sieger» dargestellt werden sollte. Das Drama ist nicht ausgeführt worden. Das, was er aber hineingeheimnissen wollte, kam im «Parsifal» zum Ausdruck. Aber wohin die Idee ging, das stellt uns die Konzeption des Dramas «Die Sieger» dar:
[ 40 ] This is exactly what happened to Richard Wagner with the idea of the Holy Grail. In the last lecture, “Who Are the Rosicrucians?,” this idea of the Holy Grail arose in our souls. It is most remarkable that, at a certain point in time, something dawned upon Richard Wagner’s soul that was like a premonition of that great medieval teaching about the Holy Grail. This teaching only dawned on him after another had preceded it. It was in 1856 that the idea emerged in Richard Wagner’s soul that was to be portrayed in the drama Die Sieger (The Victors). The drama was never staged. However, what he wished to encapsulate in it found expression in Parsifal. But the concept of the drama Die Sieger reveals where that idea was headed:
[ 41 ] Ananda wird geliebt von einem Tschandalamädchen. Ananda aber ist durch das Kastenvorurteil weit getrennt von der Liebe des Tschandalamädchens. Er darf der Liebe des Tschandalamädchens nicht nachgehen. Er wird Sieger über die eigene Natur dadurch, daß er ein Zögling des Buddha wird. In der Anhängerschaft des Buddha findet er den Sieg, da findet er sich zurück, da überwindet er die menschliche Neigung, und dem Tschandalamädchen wird eröffnet, daß es in einem früheren Leben ein Brahmanenmädchen war und die Liebe eines Tschandalajünglings ausgeschlagen hat. Sie wird dann auch Siegerin und ist vereinigt im Geiste mit dem Ananda, dem Brahmanenjüngling.
[ 41 ] Ananda is loved by a Chandala girl. But Ananda is kept far removed from the Chandala girl’s love by caste prejudice. He is not allowed to pursue the Chandala girl’s love. He triumphs over his own nature by becoming a disciple of the Buddha. In the Buddha’s community, he finds victory; there he finds himself again; there he overcomes his human inclinations; and it is revealed to the Chandala girl that in a previous life she was a Brahmin girl who had rejected the love of a Chandala youth. She, too, then becomes victorious and is united in spirit with Ananda, the Brahmin youth.
[ 42 ] In schöner Weise drückt Richard Wagner die Idee aus, sie geht bis zu den anthroposophisch-christlichen Grundlagen von Reinkarnation und Karma. Wir werden geführt bis zu dem Punkt, wo das Mädchen in ihrem früheren Leben sich selbst das zugefügt hat, was es jetzt erlebt. Im Jahre 1856 hat er das schon ausgearbeitet.
[ 42 ] Richard Wagner expresses this idea beautifully; it goes all the way back to the anthroposophical-Christian foundations of reincarnation and karma. We are led to the point where, in her previous life, the girl brought upon herself what she is now experiencing. He had already worked this out in 1856.
[ 43 ] Im Jahre 1857, am Karfreitag war es, wo er in der Einsiedlerhütte, dem «Asyl auf dem grünen Hügel», saß und hinausschaute auf das Feld und sah, wie die Pflanzenwelt aus dem Erdboden herauskam. Da hatte er eine Ahnung von jenen Triebkräften, die durch die Strahlen der Sonne herauskamen aus der Erde und die durch die ganze Welt gehen, eine Ahnung von jener Triebkraft, die in jedem Wesen lebt, aber nicht so einfach bleiben kann. Wenn sie zu höheren und höheren Stufen hinaufsteigen will, muß sie durch den Tod hindurchgehen. So empfand er gerade an der sprießenden und sprossenden Pflanzenwelt, die er erblickte, indem er hinauswendete den Blick über den Züricher See und die Villa Wesendonck, die polarische Idee, die andere Idee, die Idee des Todes, das, was Goethe so schön ausgedrückt hat in dem Satze, der das Gedicht «Selige Sehnsucht» beschließt:
[ 43 ] It was in 1857, on Good Friday, that he sat in the hermit’s hut, the “Asylum on the Green Hill,” looking out over the field and watching as the plants emerged from the ground. There he had a glimpse of those driving forces that emerge from the earth through the sun’s rays and permeate the entire world—a glimpse of that driving force that lives within every being but cannot remain in its present form. If it is to ascend to higher and higher levels, it must pass through death. Thus, it was precisely in the sprouting and budding plant life that he beheld—as he turned his gaze out over Lake Zurich and the Villa Wesendonck—that he sensed the polar idea, the other idea, the idea of death: that which Goethe so beautifully expressed in the line that concludes the poem “Selige Sehnsucht”:
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde,
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunkeln Erde.
And as long as you don’t have that,
This: Die and Be Reborn,
You are but a gloomy guest
On this dark earth.
[ 44 ] Und was er in dem Hymnus an die Natur so umschrieb: Die Natur hat den Tod erfunden, weil sie mehr Leben haben wollte, weil sie ein höheres, geistiges Leben nur aus dem Tode heraus schaffen kann.
[ 44 ] And what he described in his Hymn to Nature: Nature invented death because she wanted more life, because she can create a higher, spiritual life only through death.
[ 45 ] So empfand Richard Wagner am Karfreitag, wo das Symbolum des Todes vor die Menschheit und das Menschheitsgedächtnis hintritt. Da empfand er den Zusammenhang zwischen Tod, Leben und Unsterblichkeit. Er lenkt sein Gefühl von dem Leben, das aus der Erde heraussprießt, zu dem Tod am Kreuze, zu dem Tode, der aber zu gleicher Zeit der Urquell ist für den Glauben der Christenheit, daß das Leben den Sieg erringen wird über den Tod, daß es das ewige Leben erringen wird. Das Leben der Ewigkeit sprießt aus diesem Tod. Die tiefe Verwandtschaft der Karfreitagsidee, der Erlösungsidee, mit der sprießenden, sprossenden Natur, das lebte in Richard Wagner, und diese Idee ist identisch mit dem, was wir als die Gralsidee schildern konnten, wo die keusche Pflanze mit ihrer Blüte der Sonne entgegenstrebt im Gegensatz zum begierdevollen Menschen. Er sah den Menschen, wie er von der Begierde durchzogen ist, und betrachtete das Ideal der Zukunft, wo der Mensch durch die Überwindung der Begierde das höhere Bewußtsein, jene höhere befruchtende Kraft erlangt haben wird, die der Geist erzeugen wird. Und er schaute hin auf das Kreuz, wie das Blut des Erlösers geflossen ist, das aufgefangen wurde in der Gralsschale, und die das Symbolum gebildet hat für diese Idee von der Erlösung, und sie verband sich ihm mit dem Werden der Natur. Diese Idee zog im Jahre 1857 durch Richard Wagners Seele, und er schrieb damals mit einigen Strichen auf, was er dann in seinem Karfreitagszauber zum Ausdruck brachte. Er schrieb hin: Aus dem Tod die werdende Pflanzenwelt und im Tod dem Christen das unsterbliche Leben. Da empfand er den Geist hinter allen Dingen und den Geist als Sieger über den Tod.
[ 45 ] This is how Richard Wagner felt on Good Friday, when the symbol of death stands before humanity and the collective memory of humankind. There he sensed the connection between death, life, and immortality. He directs his feelings from the life that springs forth from the earth to death on the cross—a death that is, at the same time, the primal source of the Christian faith that life will triumph over death, that it will attain eternal life. The life of eternity springs from this death. The profound kinship between the idea of Good Friday—the idea of redemption—and the sprouting, budding nature lived within Richard Wagner, and this idea is identical to what we have described as the Grail idea, in which the chaste plant, with its blossom, strives toward the sun in contrast to the lustful human being. He saw how human beings are permeated by desire, and contemplated the ideal of the future, in which humanity, by overcoming desire, will have attained the higher consciousness—that higher, life-giving force—which the Spirit will bring forth. And he gazed upon the cross, where the blood of the Redeemer flowed and was caught in the Grail cup, which formed the symbol for this idea of redemption, and to him it became linked with the unfolding of nature. This idea stirred within Richard Wagner’s soul in 1857, and at that time he jotted down in a few strokes what he later expressed in his Good Friday Magic. He wrote: “From death, the emerging plant world; and in death, immortal life for the Christian.” There he sensed the Spirit behind all things and the Spirit as the victor over death.
[ 46 ] Es mußte zwar zunächst hinter den anderen künstlerischen Ideen seiner Seele diese Idee des Parsifal zurücktreten, aber sie kam doch noch heraus am Ende seines Lebens, wo sie ihm immer klarer wurde als Bild des Erkenntnispfades des Menschen. Das hat ihn veranlaßt, den Weg zum heiligen Gral darzustellen, um zu zeigen, wie bewirkt werden kann, daß des Menschen Begierdennatur geläutert wird. Dieses Ideal ist dargestellt in der heiligen reinen Schale, die darstellt den Pflanzenkelch, der vom Sonnenstrahl, der heiligen Liebeslanze, zu reinem und keuschem neuen Schaffen befruchtet wird. Es sticht der Sonnenstrahl hinein in das Stoffliche wie die Lanze des Amfortas in das sündige Blut. Da aber bewirkt sie Leid und den Tod. Reinigt sich dieses sündige Blut, so daß es so rein ist wie der Pflanzenblütenkelch auf einer höheren Stufe, ohne Begierde, keusch wie der Pflanzenkelch dem Sonnenstrahl gegenüber, so erscheint das wie der Weg zum heiligen Gral. Der Weg dahin kann nur gefunden werden von dem, der mit reinem Herzen, ohne berührt zu sein von dem, was die Welt gibt, ohne weltliches Wissen, als reiner Tor dahin geht und in dem die Frage nach dem Weltgeheimnis lebt.
[ 46 ] Although this idea of Parsifal initially had to take a back seat to the other artistic ideas in his soul, it nevertheless emerged toward the end of his life, when it became increasingly clear to him as a symbol of humanity’s path to knowledge. This led him to depict the path to the Holy Grail in order to show how humanity’s nature of desire can be purified. This ideal is represented by the holy, pure chalice, which symbolizes the calyx of a plant fertilized by the sunbeam—the holy lance of love—into pure and chaste new creation. The sunbeam pierces into the material world just as Amfortas’s lance pierces the sinful blood. But there it causes suffering and death. If this sinful blood is purified so that it is as pure as the calyx of a plant flower on a higher plane—free from desire, chaste as the plant’s calyx in the presence of the sunbeam—then this appears as the path to the Holy Grail. The path to it can be found only by one who, with a pure heart—untouched by what the world offers, devoid of worldly knowledge—proceeds as a pure fool, and within whom the quest for the mystery of the world lives.
[ 47 ] So sehen wir, wie in Richard Wagner aus mystischer Grundlage heraus die Parsifalidee aus der heiligen Gralsidee geboren wird. Er hat sie einmal darstellen wollen, indem er die ganze mittelalterliche Geschichte in einer Art geschichtlichen Betrachtung in seinem Werk «Die Wibelungen » darzustellen beabsichtigte. Es sollte sich die mittelalterliche Kaiseridee vergeistigen dadurch, daß er Barbarossa nach dem Orient ziehen lassen wollte, und mit dem äußeren Reich wollte er dann alles Indische, wo der Held das ursprünglich Geistige des Christentums aufsuchen wollte, hineinströmen lassen. So ergießt sich dann für ihn die Idee der mittelalterlichen Kaisergeschichten in der Parsifalsage, und so konnte er dann in der Parsifalidee die Karfreitagstradition der Christenheit in solch wunderbarer Weise künstlerisch zum Ausdruck bringen, daß ich sagen darf, Richard Wagner hat vollbracht, was ihm als Ideal vorschwebte: die Kunst religiös zu machen. In dieser künstlerischen Neugestaltung der Karfreitagstradition hat Richard Wagner jene schöne geniale Idee zum Ausdruck gebracht von dem Zusammenwirken des Glaubens- und Gralsmotives, jene Idee, daß die Menschheit erlöst werden wird, daß sie, sich vervollkommnend, hinstreben wird zur Erlösung, daß in dem, was die Menschheit als Geist durchströmt, von dem jede Seele einen Tropfen hat als höheres Selbst, daß das in dem Christus Jesus als Erlösung der Menschheit voranleuchtet.
[ 47 ] Thus we see how, in Richard Wagner, the idea of Parsifal is born from the idea of the Holy Grail on a mystical foundation. He once sought to portray this by intending to present the entire medieval history in a kind of historical reflection in his work Die Wibelungen. The medieval imperial ideal was to be spiritualized by having Barbarossa set out for the East, and he intended to let everything Indian—where the hero sought the original spiritual essence of Christianity—flow into the outer empire. Thus, for him, the idea of the medieval imperial sagas finds its expression in the Parsifal saga, and thus he was able to artistically express the Good Friday tradition of Christianity in the Parsifal concept in such a marvelous way that I may say: Richard Wagner accomplished what he had envisioned as his ideal—to make art religious. In this artistic reimagining of the Good Friday tradition, Richard Wagner gave expression to that beautiful, ingenious idea of the interplay between the motifs of faith and the Grail—the idea that humanity will be redeemed, that, as it perfects itself, will strive toward redemption, and that what flows through humanity as spirit—of which every soul possesses a drop as its higher self—shines forth in Christ Jesus as the redemption of humanity.
[ 48 ] Das stand an jenem Karfreitag 1857 schon vor der Seele Richard Wagners und hat ihm eingegeben die Verbindung der Parsifalidee mit der Erlösung durch den Christus Jesus, der die geistige Atmosphäre, in der die Menschheit lebt, durchströmt, und den wir fühlen können, wenn wir verständnisvoll erfühlen die Erzählung vom heiligen Gral. Das kann wieder zu einem konkreten geistig-seelischen Leben erwachen, wenn man in der Karfreitagsidee wieder herausfühlt den Übergang von der Mitternacht von Gründonnerstag, von der weichenden Gründonnerstagwelt, zum Karfreitag, dem Symbolum des Sieges der auferstehenden Natur.
[ 48 ] This was already present in Richard Wagner’s soul on that Good Friday in 1857 and inspired him to connect the idea of Parsifal with redemption through Christ Jesus, who permeates the spiritual atmosphere in which humanity lives, and whom we can sense when we empathetically experience the story of the Holy Grail. This can be reawakened to a concrete spiritual and soul life when, within the idea of Good Friday, one senses once more the transition from the midnight of Maundy Thursday—from the receding world of Maundy Thursday—to Good Friday, the symbol of the victory of resurgent nature.
[ 49 ] Daß die Feste wieder lebendig werden, das war auch etwas, was in Richard Wagner lebte, als er aus einer unmittelbaren Festesidee sein Kunstwerk herausgeboren hat. Die Feste sind herausgeboren aus einem lebendigen Verständnis der Natur. Das Osterfest ist festgesetzt worden in einer Zeit, in der man wußte, daß die Konstellationen von Sonne und Mond hereinwirken aus der Natur in den Menschensinn. In dem Osterfest kommt es konkret zum Ausdruck. Die heutigen Menschen wollen es abstrakt festsetzen, so daß man es nicht mehr so erlebt, wie wenn man familiär vertraut ist mit der Natur. Wenn man geistig empfindet, so empfindet man alles, was um uns ist, geistig. Wenn wir noch spüren, was die Tradition uns überliefert hat an Festen, dann werden wir da auch spüren etwas, wie es uns der Karfreitag geben soll. Das spürte Richard Wagner und er fühlte auch, was das Erlöserwort «Ich bin bei euch bis ans Ende der Welt» bedeuten soll: Folgt den Spuren, die euch führen können zu dem hohen Ideal des heiligen Grals. Dann werden die Menschen, die in der Wahrheit leben, selbst Erlöser. Ein Erlöser hat die Menschheit erlöst. Richard Wagner fügt aber noch das andere Wort hinzu: Wann ist der Erlöser erlöst? Er ist erlöst, wenn er in jedem Menschenherzen wohnt. So wie er in jedes Menschenherz heruntergestiegen ist, so muß jedes Menschenherz hinaufsteigen. Und auch davon fühlte Richard Wagner etwas, als er aus dem Glaubensmotiv heraus das mystische Fühlen der Menschheit in das schöne Wort im Parsifal ausklingen ließ:
[ 49 ] The revival of festivals was also something that lived within Richard Wagner when he gave birth to his work of art from a direct festive idea. Festivals are born out of a living understanding of nature. Easter was established at a time when people knew that the constellations of the sun and moon exert an influence from nature upon the human mind. This is concretely expressed in the Easter festival. People today want to define it abstractly, so that it is no longer experienced in the same way as when one is intimately familiar with nature. When one perceives spiritually, one perceives everything around us spiritually. If we still sense what tradition has handed down to us in terms of festivals, then we will also sense there something of what Good Friday is meant to give us. Richard Wagner sensed this, and he also felt what the Savior’s words, “I am with you until the end of the world,” are meant to signify: Follow the paths that can lead you to the lofty ideal of the Holy Grail. Then those who live in the truth will themselves become saviors. A Savior has redeemed humanity. But Richard Wagner adds another thought: When is the Savior redeemed? He is redeemed when he dwells in every human heart. Just as he has descended into every human heart, so must every human heart ascend. And Richard Wagner also sensed something of this when, drawing on a motif of faith, he allowed humanity’s mystical feeling to find its culmination in the beautiful words of Parsifal:
«Höchsten Heiles Wunder:
Erlösung dem Erlöser!»,
“The greatest miracle of salvation:
Salvation to the Savior!”,
[ 50 ] dieses Wort, das ihn so recht verschwistert und vermählt zeigt mit dem höchsten Ideale, das sich der Mensch setzen kann: sich zu nähern derjenigen Macht, die in der Welt lebt und zu uns herunter will. Wenn wir ihrer würdig werden wollen, dann bringen wir, was aus Richard Wagners Parsifal am Schlusse heraustönt: Erlösung dem Erlöser.
[ 50 ] this word, which so truly reveals his kinship and union with the highest ideal a human being can set for himself: to draw near to that power that lives in the world and seeks to descend to us. If we wish to become worthy of it, then let us echo what resounds at the end of Richard Wagner’s Parsifal: “Salvation to the Savior.”
