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The Rudolf Steiner Archive

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Where and how can one find the Spirit?
GA 57

22 October 1908, Berlin

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2. Goethes geheime Offenbarung Exoterisch

2. Goethe's Secret Revelation: Exoteric

[ 1 ] Wer die geistige Entwickelungsgeschichte der Menschheit nicht nur nach den gewöhnlich üblichen Dokumenten und Traditionen verfolgt, sondern ein wenig tiefer geht, indem er sich auf manches einläßt, was vielleicht zunächst nur symptomatisch erscheinen könnte für die Menschheitsentwickelung, was aber doch intensiv hineinweist in die inneren und daher wahren Entwickelungskräfte, der wird eine denkwürdige Szene in der neueren Geistesgeschichte immer wieder und wieder bedeutungsvoll finden, eine Szene, die sich in den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts in Jena zugetragen hat.

[ 1 ] Anyone who traces the history of humanity’s spiritual development not only through the usual documents and traditions, but goes a little deeper, by engaging with certain aspects that might at first seem merely symptomatic of human development, but which nevertheless point deeply into the inner—and therefore true—forces of development, will find a memorable scene in recent intellectual history to be significant time and time again—a scene that took place in Jena in the 1790s.

[ 2 ] Dazumal wurde in der Naturforschenden Gesellschaft in Jena von einem damals sehr bedeutenden Botaniker, namens Batsch, ein Vortrag gehalten, der durchaus auf der Höhe der damaligen Wissenschaftlichkeit stand. Zwei Männer, ein jüngerer und ein um zehn Jahre älterer, hörten sich diesen Vortrag an, und es trug sich zu, daß sie gleichzeitig aus dem Vortrag hinweggingen und miteinander ins Gespräch kamen. Der jüngere der beiden Männer sagte dabei zu dem älteren: Wenn man einen solchen Vortrag auf sich wirken läßt, so zeigt es sich doch immer wieder, wie die wissenschaftliche Betrachtungsweise die Dinge zerpflückt, wie sie das eine neben das andere hinstellt und das einheitliche geistige Band, das in all den verschiedenen Einzelheiten lebt, so wenig berücksichtigt. — Es widerstrebte sozusagen dem jüngeren Mann, daß da Pflanze an Pflanze hingestellt wurde, ohne Hinweis auf das, was als ein Höheres, die verschiedenen Pflanzen Verbindendes, doch auch in der Welt leben muß. Der ältere der beiden Männer sagte darauf, es könne sich vielleicht doch auch eine Betrachtungsweise der Natur finden, die nicht so zu Werke geht, und die, trotzdem sie eine Erkenntnis ist, eine Betrachtung, die zur Erkenntnis führen muß, sehr wohl auf das Einheitliche geht, auf das, was getrennt ist in den für die verschiedenen Sinne äußerlichen Betrachtungen. — Der Mann nahm einen Bleistift und ein Stück Papier aus seiner Tasche und zeichnete sogleich ein merkwürdiges Gebilde, ein Gebilde, welches einer Pflanze ähnlich sah, aber keiner der lebenden Pflanzen, die man mit den äußeren physischen Sinnen sehen oder wahrnehmen kann, ein Gebilde, das sozusagen nirgends einzeln verwirklicht ist, und von dem er sagte, daß es zwar in keiner einzelnen Pflanze lebe, aber die Pflanzenheit, die Urpflanze in allen Pflanzen sei und das Verbindende ausmache. — Der jüngere Mann sah sich das an und sagte darauf: «Ja, was Sie da aufzeichnen, ist aber keine Erfahrung, das ist keine Beobachtung, das ist eine Idee» — und er hatte dabei im Sinne, daß solche Ideen nur der menschliche Geist ausbilden könne, und daß eine solche Idee keine Bedeutung habe für das, was draußen in der sogenannten objektiven Natur lebt. Der ältere der beiden Männer konnte diesen Einwand gar nicht recht verstehen, denn er erwiderte: Wenn das eine Idee ist, dann sehe ich meine Ideen mit Augen! Er meinte, daß in genau demselben Sinne, wie die einzelne Pflanze für den äußeren Sinn des Auges sichtbar ist, eine Erfahrung ist, so sei seine Urpflanze, obgleich sie nicht durch einen äußeren Sinn gesehen werden kann, ein Objektives, ein in der äußeren Welt Bestehendes, eben das, was in allen Pflanzen lebt, die Urpflanze in allen einzelnen Pflanzen. — Sie wissen, daß der jüngere der beiden Männer Schiller, der ältere Goethe war.

[ 2 ] At that time, a lecture was given at the Natural History Society in Jena by a botanist named Batsch, who was highly regarded at the time, and the lecture was certainly in line with the scientific standards of the day. Two men—one younger and the other ten years older—listened to this lecture, and it so happened that they left the lecture at the same time and struck up a conversation. The younger of the two men said to the older one: “When one allows such a lecture to sink in, it becomes clear time and again how the scientific approach dissects things, how it sets one thing next to another, and how little it takes into account the unified spiritual bond that lives within all these various details.” — The younger man, so to speak, was put off by the fact that one plant was set next to another without any reference to what, as something higher that unites the various plants, must surely also exist in the world. The older of the two men replied that perhaps there might be a way of viewing nature that does not proceed in this manner—and that, even though it is a form of knowledge, a form of observation that must lead to knowledge, it very well focuses on the unified whole, on that which is separated in the external observations made by the various senses. — The man took a pencil and a piece of paper from his pocket and immediately drew a strange figure, a figure that resembled a plant, but none of the living plants that can be seen or perceived with the external physical senses—a form that, so to speak, is not realized individually anywhere, and of which he said that, although it does not live in any single plant, it is the plant-ness, the primordial plant in all plants, and constitutes the unifying element. — The younger man looked at it and then said: “Yes, but what you’re describing there is not an experience; it’s not an observation; it’s an idea”—and by this he meant that such ideas could only be formed by the human mind, and that such an idea had no significance for what lives out there in so-called objective nature. The older of the two men could not quite understand this objection, for he replied: “If that’s an idea, then I see my ideas with my eyes!” He meant that just as the individual plant, visible to the external sense of sight, is an experience, so too was his “primordial plant”—even though it cannot be seen by an external sense—an objective entity, something existing in the external world, precisely that which lives in all plants: the primordial plant within all individual plants. — You know that the younger of the two men was Schiller, and the older was Goethe.

[ 3 ] Dieses Gespräch ist eine symptomatische, bedeutungsvolle Kundgebung der neueren Geisteswissenschaft. Was sprach dazumal eigentlich in Goethe bei seiner Erwiderung gegenüber Schiller? In Goethe sprach das Bewußtsein, daß man nicht nur mit jener Vorstellung, die der äußere Sinn gibt, und die der beschränkte Verstand aus den äußeren Sinneswahrnehmungen gewahrt, ein äußeres Objektives, ein äußeres Wahres erfaßt, sondern daß der Mensch dann, wenn er höhere Geisteskräfte in Bewegung setzt, welche sich nicht an einzelne Sinnesbeobachtungen wenden, ebenso zu einem Wahren, zu einem Wirklichen gelangt, wie man zu einem Wahren, Wirklichen durch die äußere Sinneswahrnehmung kommt.

[ 3 ] This conversation is a symptomatic, significant expression of modern spiritual science. What was it, actually, that spoke through Goethe at that time in his reply to Schiller? What spoke through Goethe was the awareness that one does not merely perceive, through the ideas provided by the external senses, and which the limited intellect perceives from external sensory perceptions, one grasps an external objectivity, an external truth, but that when a person sets higher spiritual powers in motion—powers that do not rely on individual sensory observations—one arrives at a truth and a reality just as one arrives at a truth and a reality through external sensory perception.

[ 4 ] Man darf wohl sagen, daß Schiller, der in jenem Augenblicke noch nicht einsehen konnte, was dahinter war, und der glaubte, es seien Subjektivitäten, die ihm Goethe vorgezeichnet hatte, das schönste Dokument gelieferthat dafür, wie sich der Mensch bis zu der Höhe hinaufranken kann, die ihm von Goethe gezeigt wurde. Von jenem Zeitpunkte an sehen wir Schiller den Goetheschen Ideen immer mehr Verständnis entgegenbringen. Ein psychologisches Dokument allerersten Ranges ist ein Brief Schillers, der da sagt: «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuerter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schweresten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu den mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, daß Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit zusammenhält!»

[ 4 ] It is fair to say that Schiller—who at that moment could not yet grasp what lay behind it all, and who believed these to be mere subjective notions that Goethe had laid out for him—provided the most beautiful testament to how a person can rise to the heights that Goethe had shown him. From that point on, we see Schiller showing an ever-increasing understanding of Goethe’s ideas. A psychological document of the very highest order is a letter from Schiller in which he writes: “For a long time now, though from a considerable distance, I have been observing the course of your mind and noting the path you have charted for yourself with ever-renewed admiration. You seek the essence of nature, but you seek it by the most arduous path, one that any weaker force would surely avoid. You take all of nature as a whole in order to gain insight into the individual; in the totality of its manifestations, you seek the basis for explaining the individual. From simple organisms, you ascend, step by step, to the more complex ones, in order to finally construct the most complex of all—human beings—genetically from the building blocks of the entire natural world. By recreating them, as it were, in the image of nature, you seek to penetrate their hidden mechanisms. A grand and truly heroic idea, which amply demonstrates how deeply your mind holds the rich whole of its concepts together in a beautiful unity!”

[ 5 ] So dürfen wir, als ein Dokument für die Objektivität der Ideenwelt Goethes, das ansehen, was in Goethes Bewußtsein zu solcher Antwort führte, und was Schiller später durch diesen Brief bestätigte.

[ 5 ] Thus, we may regard as evidence of the objectivity of Goethe’s world of ideas what led Goethe to give such a response, and what Schiller later confirmed in this letter.

[ 6 ] Sehr merkwürdig: Ein Psychologe, der in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts lebte und heute vergessen ist, Heinroth, hat in seiner «Anthropologie», die eigentlich eine Psychologie ist, ein sehr bedeutsames Wort über Goethe gesprochen, ein Wort, das zu jenen gehört, die durch ihre Wendung gerade methodisch bedeutsam sind und tief hineinleuchten in das, was sie beleuchten sollen. Er gebrauchte für Goethes ganze Anschauungsweise das Wort «Gegenständliches Denken», und er erläuterte dieses Wort, indem er sagte: Goethes Denken ist ein ganz eigenartiges Denken, das sich eigentlich nicht von dem Objektiven der Gegenstände trennt, das ruhig in den Gegenständen lebt, in denen es sich bis zu den Ideen erhebt.

[ 6 ] Very curious: A psychologist who lived in the 1820s and is now forgotten, Heinroth, wrote in his *Anthropology*—which is actually a work of psychology—a very significant remark about Goethe, a remark that belongs to those that are methodologically significant precisely because of their phrasing and shed deep light on what they are meant to illuminate. He used the term “concrete thinking” to describe Goethe’s entire way of thinking, and he explained this term by saying: Goethe’s thinking is a very peculiar kind of thinking that does not actually separate itself from the objectivity of things, but lives quietly within the things themselves, from which it rises up to the level of ideas.

[ 7 ] Wer nun tiefer in Goethes ganze Geistesorganisation hineinzublicken vermag, wie wir es heute und übermorgen tun werden, wo wir versuchen wollen, noch tiefer in dieses Thema hineinzudringen, wo wir mehr innerlich betrachten werden, was heute äußerlich vor uns hingestellt werden soll, der wird sehen, daß er in diesem Denken in einer gewissen Weise, ohne auf der Oberfläche der Dinge und an der Sinneserfahrung haften zu bleiben, doch bei den Tatsachen bleibt, und innerhalb derselben das Geistige, die Ideenwelt findet. Wir sehen, daß Goethes Denken gerade in dieser Art für einen großen Teil unserer modernen Menschheitsentwickelung so bedeutsam geworden ist. Wir dürfen sagen, es ist etwas höchst Eigenartiges mit dieser Wirkung des Goetheschen Geistes auf die verschiedensten Menschen, auf die verschiedensten Anschauungen, ja, auf die verschiedenen aufeinander folgenden Epochen.

[ 7 ] Anyone who is now able to look more deeply into Goethe’s entire spiritual constitution—as we will do today and the day after tomorrow, when we will attempt to delve even deeper into this topic and contemplate more inwardly what is to be presented to us externally today—will see that in this way of thinking, without remaining stuck on the surface of things or in sensory experience, yet remains grounded in the facts, and within them finds the spiritual, the world of ideas. We see that Goethe’s thinking, precisely in this way, has become so significant for a large part of our modern human development. We may say that there is something highly distinctive about this effect of Goethe’s spirit on the most diverse people, on the most diverse views, indeed, on the various successive epochs.

[ 8 ] Betrachten wir einmal, um was es sich hier eigentlich handelt, und wir werden sehen, wie eigenartig Goethes Geistesart tatsächlich gewirkt hat. Wenn wir zum Beispiel die drei Philosophen des deutschen Geisteslebens vor unsere Seele treten lassen, die im Grunde genommen, ihrer ganzen Anschauungsweise nach, sehr verschieden sind: Fichte, Hegel, Schopenhauer, so ergibt sich uns aus der Betrachtung ihres gegenseitigen Verhältnisses, aus der Betrachtung des Zusammenhanges in ihren Verhältnissen zu Goethe etwas ganz Eigenartiges über die welthistorische Wirkung der Goetheschen Geistesart.

[ 8 ] Let us consider what this is actually about, and we will see just how unique Goethe’s mindset truly was. If, for example, we bring to mind the three philosophers of German intellectual life—Fichte, Hegel, and Schopenhauer—who are, in essence and in their entire worldview, very different from one another, then a very peculiar insight into the world-historical impact of Goethe’s mindset emerges from an examination of their mutual relationships and of the connections between their relationships to Goethe.

[ 9 ] Fichte erweist sich als ein in abgezogenen Höhen schwebender Denker, und ganz besonders war er in abgezogenen Höhen schwebend, als er im Jahre 1794 seine Grundzüge der Wissenschaftslehre in Jena beendet hatte. Es ist schwer, sich zum Verständnis der Fichteschen Eigenart zu erheben, es ist schwer, ihn zu durchdringen, obwohl niemand, der in ihn eindringt, sich nicht sagen müßte, daß er ungeheure Früchte für seine Geistesdisziplin aus ihm schöpfte. Aber es ist nicht jedermanns Sache, in solche Sphären des reinsten Begriffes hinaufzuwandern. Dieser Fichte, der in solch abstrakten Höhen wandelte, besonders damals, schickte seine «Wissenschaftslehre» mit folgenden bedeutungsvollen Worten an Goethe: «Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsentanten der reinsten Geistigkeit des Gefühls auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie. Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.» So Fichte zu Goethe.

[ 9 ] Fichte proves to be a thinker soaring in lofty realms, and he was soaring in these lofty realms all the more so when he completed his *Grundzüge der Wissenschaftslehre* in Jena in 1794. It is difficult to rise to the level required to understand Fichte’s unique character; it is difficult to penetrate his thought, although no one who delves into it can help but acknowledge that they have drawn immense benefits for their intellectual discipline from him. But it is not for everyone to ascend to such spheres of the purest concept. This Fichte, who walked in such abstract heights—especially at that time—sent his *Science of Knowledge* to Goethe with the following significant words: “I regard you, and have always regarded you, as the representative of the purest spirituality of feeling at the stage of humanity currently attained. Philosophy rightly turns to you. Your feeling is its touchstone.” Thus spoke Fichte to Goethe.

[ 10 ] Sehen wir jetzt auf einen anderen Philosophen, auf Schopenhauer, und sehen wir zuerst, wie Schopenhauer zu Fichte stand. Wahrhaft feindliche Brüder waren sie, wenigstens war Schopenhauer ein recht feindlicher Bruder zu Fichte. Schopenhauer wird nicht müde, in geradezu Schimpfworten sich über Fichte zu ergehen. Ein Windbeutel ist er ihm, der in leeren Begriffen gesonnen und geschrieben hat. Immer wieder kommt er darauf zurück, die Wesenlosigkeit, Bedeutungslosigkeit und Unrealität der Fichteschen Philosophie zu betonen. Wahrlich, es kann keine größeren Gegensätze geben, als Schopenhauer und Fichte. Und Schopenhauer ging wahrhaftig zu Goethe in die Lehre. Eine Zeitlang hindurch hat er zusammen mit Goethe experimentiert, um sich die physikalischen Grundbegriffe klarzumachen, und manches, was in Schopenhauers erstem Werke und auch in seinem Hauptwerke steht, ist hervorgegangen aus dem Eindrucke, den Goethe auf ihn gemacht hat. Wer Schopenhauer kennt, weiß aber auch, wie hingebungsvoll er von Goethe sprach. Schopenhauer und Fichte, zwei große Gegensätze, in Goethe vereinigen sie sich und er erscheint wie die vereinigende Kraft der beiden.

[ 10 ] Let us now turn to another philosopher, Schopenhauer, and first examine Schopenhauer’s stance toward Fichte. They were truly hostile brothers; at the very least, Schopenhauer was a quite hostile brother to Fichte. Schopenhauer never tires of lashing out at Fichte with what amount to outright insults. To him, Fichte is a windbag who thought and wrote in empty concepts. Time and again, he returns to emphasizing the insubstantiality, meaninglessness, and unreality of Fichte’s philosophy. Truly, there can be no greater opposites than Schopenhauer and Fichte. And Schopenhauer did indeed study under Goethe. For a time, he experimented alongside Goethe to clarify the basic concepts of physics for himself, and much of what appears in Schopenhauer’s first work and also in his magnum opus stemmed from the impression Goethe made on him. But anyone familiar with Schopenhauer also knows how devotedly he spoke of Goethe. Schopenhauer and Fichte, two great opposites—in Goethe they are united, and he appears as the unifying force between the two.

[ 11 ] Nehmen wir endlich Hegel und Schopenhauer! Auch Hegel ist schwierig mit dem Verständnis zu erreichen. Er, der versucht, sich eine Tatsachenwelt der Begriffe in einer umfassenden, systematischen Organik zu verschaffen, verlangt, daß der Mensch sich auf eine Stufe erhebt, wo er den Begriff als Tatsache erfaßt, wo er fähig wird, ihn erleben zu können. Schopenhauer findet auch in dieser Begriffstechnik etwas völlig Wertloses; alles sei ein Spiel mit abstrakten Worten. Und wenn wir uns nun wieder das Verhältnis von Hegel zu Goethe vergegenwärtigen wollen, so brauchen wir nur eines zu nennen und wir werden sehen, wie Hegel zu Goethe steht. Einen schönen Brief gibt es, worin Hegel schreibt: Goethe sucht nach den tatsächlichen, geistigen Phänomenen, die hinter den sinnlichen stehen, die Goethe die Urphänomene nennt, wie er die Urpflanze das Urphänomen der Pflanzenwelt nennt. — Während Hegel als Philosoph aus der Höhe der geistigen Welt spricht und uns zeigt, was wir denken und begreifen können, arbeitet er sich auf der anderen Seite hinauf bis zu dem Punkte, wo er mit den aus dem Geiste geschöpften Begriffen in Berührung kommt. So vereinigt sich Goethes Urphänomen mit dem, was die reine, denkende Philosophie von oben erfaßt. Auch hier sehen wir eine Harmonie zwischen Hegel und Goethe wie zwischen Goethe und Schopenhauer. In Goethe finden sie sich zusammen. Und wenn wir von diesen älteren Zeiten in unsere Zeiten heraufgehen, was finden wir da?

[ 11 ] Let us finally turn to Hegel and Schopenhauer! Hegel, too, is difficult to grasp. He, who attempts to create a factual world of concepts within a comprehensive, systematic framework, demands that human beings rise to a level where they grasp the concept as a fact, where they become capable of experiencing it. Schopenhauer, too, finds this technique of conceptualization to be utterly worthless; everything, he argues, is merely a play on abstract words. And if we now wish to recall the relationship between Hegel and Goethe, we need only mention one thing, and we will see where Hegel stands in relation to Goethe. There is a beautiful letter in which Hegel writes: Goethe seeks the actual, spiritual phenomena that lie behind the sensory ones—what Goethe calls the “primordial phenomena,” just as he calls the “primordial plant” the primordial phenomenon of the plant world. — While Hegel, as a philosopher, speaks from the heights of the spiritual world and shows us what we can think and comprehend, he simultaneously works his way upward to the point where he comes into contact with the concepts drawn from the spirit. Thus, Goethe’s “primordial phenomenon” unites with what pure, thinking philosophy grasps from above. Here, too, we see a harmony between Hegel and Goethe, just as between Goethe and Schopenhauer. They come together in Goethe. And when we ascend from these earlier times to our own, what do we find there?

[ 12 ] In jener Zeit, in der Goethe selber gelebt hat, hat sozusagen das naturwissenschaftliche Forschen noch eine ganz andere Physiognomie gehabt. Noch mehr, als es zu Goethes Zeiten der Fall war, betrachtet man heute als die einzig richtige Methode der strengen Wissenschaft die Forschung, die sich auf die äußere Sinnesbeobachtung stützt, und das reinliche Herausarbeiten dessen, was der Verstand, der sich auf die Beobachtung beschränkt, aus den so gewonnenen Resultaten machen kann. Aber auch ein Haeckel will, wie er in jedem Buche wieder betont, auf dem festen Boden gerade Goethescher Weltanschauung stehen, und so sehen wir eine mehr materialistisch gefärbte Weltanschauung geradezu Wert darauf legen, an Goethe sich anzulehnen. Sie können aber auch heute noch Schriften finden, die auf einem Boden stehen, für den der Geist eine absolute Realität im eminentesten Sinne des Wortes ist, und auch bei ihnen können Sie die Berufung auf Goethe bemerken. Feindlich können sich spiritualistische und materialistische Forscher gegenüberstehen, beide glauben sie aber in gleicher Art zu Goethe aufschauen zu können. So bietet er auch da etwas, was Gegensätze überbrückt.

[ 12 ] In the era in which Goethe himself lived, scientific research, so to speak, still had a very different character. Even more so than was the case in Goethe’s time, research based on external sensory observation—and the meticulous elaboration of what the intellect, limited to observation, can derive from the results thus obtained—is regarded today as the only correct method of rigorous science. But even Haeckel, as he emphasizes again and again in every book, wants to stand on the firm ground of Goethe’s worldview, and so we see a more materialistically tinged worldview placing great value on drawing on Goethe. Yet even today you can still find writings grounded in a perspective for which the spirit is an absolute reality in the most eminent sense of the word, and in these as well you can observe references to Goethe. Spiritualist and materialist researchers may stand in opposition to one another, but both believe they can look up to Goethe in the same way. Thus, even here, he offers something that bridges opposites.

[ 13 ] Diese Tatsachen bezeugen die Kraft der Goetheschen Weltanschauung, die Kraft, die so auf die andern wirkt, daß das, was sich gegenseitig nicht versteht, bei Goethe etwas findet, was es selbst besitzt. Vielleicht wissen einige von Ihnen, in welchem Gegensatze Virchow und Haeckel sich befanden. Aber auch Virchow, der in so wenig Dingen mit Haeckel übereinstimmt, hat sich in einem bedeutungsvollen Vortrag über Goethe ebenfalls an Goethe angelehnt. Wir haben also in Goethe eine Kraft, die gegenüber den Gegensätzen, dem Kampfe der Weltanschauungen, das in ihnen Gemeinsame bei sich anklingen zu lassen vermag, eine Kraft, die in der Lage ist, zu zeigen, daß es im Grunde genommen bei den Weltanschauungen nicht so ist, wie diese Vertreter der Wissenschaft behaupten und so beharrlich verfechten.

[ 13 ] These facts attest to the power of Goethe’s worldview—a power that affects others in such a way that even those who do not understand one another find in Goethe something they themselves possess. Perhaps some of you are aware of the contrast between Virchow and Haeckel. But even Virchow, who agrees with Haeckel on so few things, likewise drew upon Goethe in a significant lecture on Goethe. In Goethe, then, we find a power that, in the face of contradictions and the clash of worldviews, is capable of bringing out what they have in common—a power that is able to show that, at the core, worldviews are not as these representatives of science claim and so persistently defend.

[ 14 ] Gerade wenn man das Verhältnis dieser bedeutenden Menschen zu Goethe betrachtet, wird man zu der Erkenntnis kommen, daß mit dem, was die Menschen Erkenntnis nennen, es sich verhält wie mit den verschiedenen Malern, die um einen Berg herumsitzen, ihn anblicken und von den verschiedensten Standpunkten aus ihn malen. Die Bilder, die sie da bekommen, müssen natürlich sehr verschieden sein, und doch war es derselbe Berg, den sie malten. Eine umfassende Vorstellung von dem Berge wird man nur bekommen können, wenn man die verschiedenen Darstellungen miteinander vergleicht und sie zu einem Ganzen zusammenfügt. Wenn man sich so zu den Erkenntnissen stellt, dann wird man sehen, daß Goethe sich nicht einen einzelnen Gesichtspunkt wählt, sondern den Berg hinansteigt und zeigt, daß es eine Möglichkeit gibt, den Standpunkt auf dem Bergesgipfel einzunehmen und dort ein umfassendes Panorama zu finden, wo alle Anschauungen in ihrer tieferen Verträglichkeit sich zeigen.

[ 14 ] Precisely when one considers the relationship of these significant figures to Goethe, one comes to realize that what people call “knowledge” is like the various painters who sit around a mountain, gaze at it, and paint it from a wide variety of vantage points. The images they produce must, of course, be very different, and yet it was the same mountain they were painting. One can only gain a comprehensive understanding of the mountain by comparing the various depictions and piecing them together into a whole. If one approaches knowledge in this way, one will see that Goethe does not choose a single vantage point, but rather climbs the mountain and shows that it is possible to take up a vantage point at the mountain’s summit and find there a comprehensive panorama where all perspectives reveal their deeper compatibility.

[ 15 ] Das ist es aber auch, was Goethe zu einem so eminent "modernen Geiste macht, und wenn wir bei einem rückhaltlosen Eingehen auf Goethe das Gefühl erhalten, daß er uns als ein moderner Geist erscheint, dann wird es von selbst schon eine Rechtfertigung sein, wenn wir in den hier oft angestellten Betrachtungen über die Geisteswissenschaft und “ eine vom Geistigen ausgehende Weltanschauung das, was er machte und wollte, als eine Art von Anleitung betrachten, tiefer in sein Wesen einzudringen. Wenn er in so vielen Beziehungen ein anregender Geist ist, warum sollte er da nicht auch ein anregender Geist sein für diejenige Geistesströmung, die als eines ihrer höchsten und schönsten Ziele das tolerante Eindringen in die verschiedenen Standpunkte der Weltanschauungen hat, und die sich zum Prinzip macht, nicht auf einem einmal fixierten Standpunkte stehen zu bleiben, sondern, um Wahrheit zu finden, immer höher und höher zu steigen durch Methoden, die man auf seine innere Entwickelung, auf die Heranbildung innerer Wahrnehmungsorgane anzuwenden hat, weil man dadurch, daß man sich seine inneren Organe heranzüchtet, erst dazu kommt, die tieferen geistigen Grundlagen zu sehen.

[ 15 ] But that is precisely what makes Goethe such an eminent “modern spirit,” and if, in engaging unreservedly with Goethe, we get the feeling that he appears to us as a modern spirit, then that in itself will serve as justification for us to regard what he did and intended—in the reflections on spiritual science and “a worldview rooted in the spiritual” that are often presented here—as a kind of guide for delving deeper into his essence. If he is a stimulating spirit in so many respects, why should he not also be a stimulating spirit for that intellectual movement which has as one of its highest and most beautiful goals the tolerant engagement with the various viewpoints of worldviews, and which makes it a principle not to remain fixed on a single standpoint, but—in order to find truth—to ascend ever higher and higher through methods that must be applied to one’s inner development and to the cultivation of inner organs of perception, because it is only by cultivating these inner organs that one is able to perceive the deeper spiritual foundations.

[ 16 ] Inwiefern Goethe auf einem eng begrenzten Gebiete die tiefsten Gefühle auch der heutigen Menschheit trifft, wollen wir jetzt noch betrachten. Beispielsweise sei ein Gefühl gewählt, das viele von Ihnen kennen, ein Gefühl, das man mit den Worten charakterisieren könnte, daß es in unserer Zeit Menschen gibt, die danach streben, manche alte Tradition über Bord zu werfen und sich Gefühle, Gedanken und Vorstellungen zu schaffen, die in die unmittelbare Gegenwart hineinführen. Sie werden sogleich sehen, was ich meine, wenn ich Sie an ein Bild erinnere, das vielen in unserer Zeit wert geworden ist. Man mag zu dem Bilde stehen, wie man will, aber es ist ein Ausdruck der modernen Zeit. Ich meine das Bild: «Komm, Herr Jesus, sei unser Gast.» Das Bild lebt nicht nur bei dem, der es geschaffen hat, sondern auch in denen, die es genießen wollen; es lebt in ihnen die Sehnsucht, die Gestalt des Jesus in der unmittelbaren Gegenwart zu sehen, wie sie sich hinstellt an den Tisch. Man könnte sagen, daß das Bild nicht nur Wert für diese Zeit hat, sondern für alle Zeiten, daß es ein ewiges, unvergängliches Dasein hat, und daß jede Zeit das Recht hat, diese Gestalt in ihre eigene Epoche hineinzustellen. Nur mit diesen wenigen Worten sei das Gefühl angedeutet, das viele gegenüber diesem Bilde haben.

[ 16 ] Let us now consider to what extent Goethe, within a narrowly defined sphere, touches upon the deepest feelings of humanity even today. Let us take, for example, a feeling that many of you are familiar with—a feeling that could be described as follows: in our time, there are people who strive to cast aside certain old traditions and to create feelings, thoughts, and ideas that lead directly into the present. You will immediately see what I mean when I remind you of an image that has become dear to many in our time. Whatever one’s opinion of the image may be, it is an expression of the modern age. I am referring to the image: “Come, Lord Jesus, be our guest.” The image lives not only in the mind of its creator but also in those who wish to appreciate it; within them lives the longing to see the figure of Jesus in the immediate present, as he takes his place at the table. One could say that the painting is valuable not only for our time but for all times, that it has an eternal, imperishable existence, and that every era has the right to place this figure within its own historical context. Let these few words suffice to convey the sentiment that many feel toward this painting.

[ 17 ] Nun könnte man glauben, Goethe gehöre in dieser Beziehung noch zu den Alten. Man leitet das ja her aus seiner Vorliebe zu der alten Kunst, die an den alten, guten, künstlerischen Traditionen festhalten wollte, aus seiner Vorliebe zu den Griechen. Man könnte glauben, Goethe hätte vielleicht kein tieferes Verständnis für eine Empfindung, wie sie in dem Bilde charakterisiert ist: «Komm, Herr Jesus, sei unser Gast.» Um da einmal einen Blick in Goethes Seele zu tun, wollen wir uns an ein Buch anlehnen, an Bossis Buch über Leonardo da Vincis Abendmahl. Goethe schrieb eine Rezension über dieses Buch. Darin stehen bedeutungsvolle Worte. Von diesem Bilde, das sich im Speisesaale des Klosters Santa Maria delle Grazie in Mailand befindet, und das trotz der in letzter Zeit vorgenommenen Restauration den Eindruck macht, als wenn es dem Verfall entgegenginge, von diesem Bilde erzählt Goethe, wie er selbst einmal demselben gegenübergestanden habe zu einer Zeit, als es noch in einer gewissen Frische erhalten war. Und er schildert den Eindruck, den er einst von diesem Bilde in seiner Jugend bekommen habe: «Dem Eingang an der schmalen Seite gegenüber, im Grunde des Saals, stand die Tafel des Priors, zu beiden Seiten die Mönchstische, sämtlich auf einer Stufe vom Boden erhöht; und nun, wenn der Hereintretende sich umkehrte, sah er an der vierten Wand über den nicht allzuhohen Türen den vierten Tisch gemalt, an demselben Christus und seine Jünger, eben als wenn sie zur Gesellschaft gehörten» — Ihn, der von den Dominikanern in ihrem Sinne, ihrer Stellung mit der Empfindung aufgerufen worden ist: «Komm, Herr Jesus, sei unser Gast». Es schließe sich, sagt Goethe, das Ganze zu einem einheitlichen Bilde zusammen. Und um gar keinen Zweifel daran zu lassen, was er eigentlich meinte, sagte er noch: «Es muß zur Speisestunde ein bedeutender Anblick gewesen sein, wenn die Tische des Priors und Christi, als zwei Gegenbilder, aufeinanderblickten und die Mönche an ihren Tafeln sich dazwischen eingeschlossen fanden. Und eben deshalb mußte die Weisheit des Malers die vorhandenen Mönchstische zum Vorbilde nehmen. Auch ist gewiß das Tischtuch mit seinen gequetschten Falten, gemusterten Streifen und aufgeknüpften Zipfeln aus der Waschkammer des Klosters genommen, Schüsseln, Teller, Becher und sonstiges Geräte gleichfalls denjenigen nachgeahmt, der sich die Mönche bedienten. Hier war also keineswegs die Rede von Annäherung an ein unsicheres, veraltetes Kostüm. Höchst ungeschickt wäre es gewesen, an diesem Orte die heilige Gesellschaft auf Polster auszustrecken. Nein, sie sollte der Gegenwart angenähert werden, Christus sollte sein Abendmahl bei den Dominikanern zu Mailand einnehmen.»

[ 17 ] One might think, then, that Goethe still belongs to the “old school” in this regard. This conclusion is drawn from his fondness for ancient art—which sought to preserve the good, time-honored artistic traditions—and from his admiration for the Greeks. One might think that Goethe perhaps lacked a deeper understanding of a sentiment such as that characterized in the painting: “Come, Lord Jesus, be our guest.” To gain a glimpse into Goethe’s soul, let us turn to a book—Bossi’s book on Leonardo da Vinci’s Last Supper. Goethe wrote a review of this book. It contains some significant words. Goethe speaks of this painting—which is located in the refectory of the monastery of Santa Maria delle Grazie in Milan and which, despite the recent restoration, gives the impression of being in a state of decay—recalling how he himself once stood before it at a time when it was still preserved with a certain freshness. And he describes the impression this painting once made on him in his youth: “Opposite the entrance on the narrow side, at the far end of the hall, stood the prior’s table, with the monks’ tables on either side, all raised one step above the floor; and now, when the person entering turned around, he saw painted on the fourth wall above the not-too-high doors the fourth table, at which Christ and his disciples were depicted, just as if they were part of the company”—He who had been summoned by the Dominicans in their spirit and from their position with the sentiment: “Come, Lord Jesus, be our guest.” The whole, says Goethe, comes together to form a unified image. And to leave no doubt whatsoever as to what he actually meant, he added: “It must have been a remarkable sight at mealtime when the tables of the prior and of Christ, as two contrasting images, faced one another, and the monks found themselves enclosed between them at their own tables. And that is precisely why the painter’s wisdom had to take the existing monks’ tables as a model. Likewise, the tablecloth—with its crushed folds, patterned stripes, and untied corners—was certainly taken from the monastery’s laundry room, and the bowls, plates, cups, and other utensils were likewise modeled after those used by the monks. There was therefore no question here of an approximation to an uncertain, outdated costume. It would have been highly clumsy to have the holy company reclining on cushions in this setting. No, they were to be brought closer to the present; Christ was to take his Last Supper among the Dominicans in Milan.”

[ 18 ] Und nun fragen wir: Hatte Goethe gerade dieses Verständnis, das man ein modernes Verständnis nennen muß? Er hatte es in jenem umfassenden Stile, der uns wieder ein Beweis dafür sein kann, wie universell seine Kraft ist gegenüber den manchmal einseitigen Kräften, die sich gegenseitig ausschließen und bekämpfen. So müssen wir uns hineinversetzen in Goethes Seele und wir werden dann begreifen, warum Goethe uns ein so Nahstehender sein kann, und warum wir zu ihm hinaufschauen dürfen, wenn es sich um die vorläufige Orientierung über tiefere Geistesfragen handelt. Das war Goethes tiefes Bewußtsein, daß es möglich ist für den Menschen, in sich geistige Organe zu erwecken, um hinaufzusteigen zu höheren Anschauungen und dadurch etwas zu gewinnen, was nicht bloß im Geiste des Menschen lebt, sondern was zu gleicher Zeit tiefer liegt.

[ 18 ] And now we ask: Did Goethe possess precisely this understanding, which we must call a modern understanding? He possessed it in that all-encompassing style of his, which can once again serve as proof of how universal his power is in contrast to the sometimes one-sided forces that exclude and combat one another. Thus, we must put ourselves in Goethe’s place, and we will then understand why Goethe can be so close to us, and why we may look up to him when it comes to gaining a preliminary orientation regarding deeper spiritual questions. This was Goethe’s deep conviction: that it is possible for human beings to awaken spiritual faculties within themselves in order to ascend to higher perspectives and thereby gain something that lives not merely in the human spirit, but at the same time lies deeper within.

[ 19 ] Wenn hier die Möglichkeit wäre, auf Goethes naturwissenschaftliche Studien einzugehen, wie Sie dieselben in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» ausführlich besprochen finden, so könnten wir zeigen, wie diese ganze Goethesche Methode wirkt. Aber wir wollen uns heute Goethe von einer anderen Richtung her nähern. Goethe hatte mancherlei zum Ausdrucke gebracht, was uns auf die tiefe Grundlage seiner Weltanschauung hinweisen kann. Wir werden darüber in den zwei Vorträgen dieses Winterzyklus über Goethes «Faust» zu sprechen haben. Über ihn sagte er einmal zu Eckermann, daß er ihn so gestaltet habe, daß der Leser, wenn er sich nur an äußere Belehrungen halten will, schon in den bunten Bildern etwas hat; daß er aber auch hinter den Worten die Geheimnisse finden kann, die sich darin befinden. Da weist Goethe in dem zweiten Teil darauf hin, daß zu unterscheiden ist das, was das Äußere, und das, was das Innere, das Wesen ist, das, was er hineingeheimnißt hat. Nach alter Weise bezeichnet man das Äußere als das Exoterische, das Innere als das Esoterische.

[ 19 ] If we had the opportunity here to discuss Goethe’s studies in the natural sciences—as you will find them discussed in detail in my book *Goethe’s Worldview*—we could show how this entire Goethean method works. But today we want to approach Goethe from a different angle. Goethe expressed many things that can point us to the deep foundations of his worldview. We will discuss this in the two lectures of this winter series on Goethe’s *Faust*. Goethe once said to Eckermann that he had conceived *Faust* in such a way that the reader, if he wishes to rely solely on external teachings, can already find something in the vivid imagery; but that he can also discover, behind the words, the mysteries contained within. In the second part, Goethe points out that a distinction must be made between what is external and what is internal—the essence, that which he has imbued with mystery. In the traditional sense, the external is referred to as the exoteric, and the internal as the esoteric.

[ 20 ] Nun wollen wir uns Goethe dadurch nähern, daß wir das Werk, in dem er sein ganzes methodisches Denken und Wollen zum Ausdruck gebracht hat, heute in einer äußerlichen, exoterischen Weise, und übermorgen dann in einer innerlichen, esoterischen Weise betrachten. Ein verhältnismäßig unbekanntes Werkchen von Goethe ist es, an das man sich halten muß, wenn man Goethes tiefste Erkenntnisgeheimnisse — so darf das, um was es sich hier handelt, wohl genannt werden — durchschauen will. Es ist das Werkchen, das am Ende der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» unter der Überschrift: «Märchen» steht, und bei dessen Lektüre der, welcher danach strebt, in Goethes Weltanschauung tiefer einzudringen, von Anfang an die Empfindung haben wird, daß Goethe damit mehr sagen will, als was die Bilder zunächst darbieten. Rätsel über Rätsel wird dem sinnenden Betrachter dieses «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie vorlegen.

[ 20 ] Let us now approach Goethe by examining the work in which he expressed his entire methodological thinking and intent—today in an external, exoteric manner, and the day after tomorrow in an internal, esoteric manner. It is a relatively little-known work by Goethe that one must turn to if one wishes to fathom Goethe’s deepest secrets of knowledge—for that is surely what we are dealing with here. It is the short work that appears at the end of *Conversations of German Emigrants* under the heading: “Fairy Tale,” and upon reading which, anyone striving to penetrate more deeply into Goethe’s worldview will have the sense from the very beginning that Goethe intends to say more than what the images initially present. Riddle upon riddle will present itself to the contemplative reader of this “Fairy Tale” of the green serpent and the beautiful lily.

[ 21 ] Und nun gestatten Sie mir, daß ich die hauptsächlichsten Züge dieses Märchens zunächst hier auseinandersetze, denn es ist nicht möglich, über das Märchen zu sprechen, ohne daß wir uns wenigstens diejenigen Züge vor die Seele führen, welche von Wichtigkeit sind, wenn wir einen tieferen Blick in Goethes Weltanschauung werfen wollen. Es wird also notwendig sein, daß wir einige Zeit dem Inhalte dieses Werkchens widmen; aber dafür werden wir uns auch dann in bezug auf das, was wir zu sagen haben, um so besser verstehen. Es ist mir immer wieder passiert, wenn ich einen Vortrag über dieses Märchen gehalten habe, daß man mir sagte: «Ich weiß nichts davon, daß in Goethes Werken ein Märchen steht.» Ich wiederhole deshalb: es ist in jeder Goetheausgabe enthalten und bildet den Schluß der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Nun zu den Bildern! An einem Flusse wohnt ein Fährmann. Zu diesem Fährmann kommen merkwürdige Gestalten: Irrlichter. Sie wollen von dem Fährmann in dem Kahne an das andere Ufer des Flusses hinübergesetzt werden. Der Fährmann geht darauf ein und setzt sie über den Fluß hinüber. Sie betragen sich dabei sonderbar, sind unruhig und zappelig, so daß er Angst bekommt, sie könnten ihm den Kahn umwerfen. Er führt sie aber glücklich hinüber, und als sie angelangt sind, wollen sie ihn in eigenartiger Art bezahlen. Sie schütteln sich und es fallen Goldstücke von ihnen ab; das soll der Lohn sein für die Mühe des Übersetzens. Der Fährmann ist wenig erbaut von den Goldstücken und sagt: Es ist gut, daß nichts in den Fluß gefallen ist, denn er würde wild aufwallen. Ich kann diese Bezahlung aber nicht annehmen, ich kann nur mit Früchten der Natur bezahlt werden. — Und er verlangt drei Zwiebeln, drei Artischocken, drei Kohlköpfe. Mit Früchten sollten sie also bezahlen. Wir werden gleich sehen, welche tiefe Bedeutung jeder Zug und jede einzelne Tatsache hat.

[ 21 ] And now, please allow me to first outline the main features of this fairy tale here, for it is not possible to discuss the fairy tale without at least bringing to mind those features that are important if we wish to take a deeper look into Goethe’s worldview. It will therefore be necessary for us to devote some time to the content of this little work; but in return, we will understand one another all the better with regard to what we have to say. It has happened to me time and again, whenever I have given a lecture on this fairy tale, that people have said to me: “I didn’t know there was a fairy tale in Goethe’s works.” I therefore repeat: it is included in every edition of Goethe’s works and forms the conclusion of *Conversations of German Emigrants*. Now to the imagery! A ferryman lives by a river. Strange figures—will-o’-the-wisps—come to this ferryman. They want the ferryman to take them across the river in his boat to the other bank. The ferryman agrees and takes them across the river. They behave strangely, are restless and fidgety, so that he becomes afraid they might capsize his boat. But he manages to take them across safely, and when they arrive, they want to pay him in a peculiar way. They shake themselves, and gold pieces fall from them; this is to be the reward for the trouble of ferrying them across. The ferryman is not particularly impressed by the gold pieces and says, “It’s a good thing nothing fell into the river, because it would have churned wildly.” “But I cannot accept this payment; I can only be paid with the fruits of nature.” — And he asks for three onions, three artichokes, and three heads of cabbage. So they were to pay with produce. We will soon see what profound meaning every gesture and every single detail holds.

[ 22 ] Nun sagt der Fährmann weiter: So macht ihr mir noch die Mühe, daß ich das, was ihr als Goldstücke herumgeworfen habt, den Fluß hinunterführen und begraben muß. — Darauf führt er die Goldstücke tatsächlich ein Stück den Fluß hinunter und vergräbt sie in den Klüften der Erde. Als sie da hinein vergraben worden sind, kommt ein merkwürdiges anderes Wesen an diese Goldstücke heran: die grüne Schlange, die in und auf der Erde herum und durch die Klüfte der Erde hindurchkriecht. Plötzlich sieht sie durch die Spalten der Erde die Goldstücke hereinfallen. Zunächst glaubt sie, daß sie vom Himmel hereinfallen. Sie verzehrt sie aber dann und wird durch die Aufnahme dieser Goldstücke in den eigenen Leib immer leuchtender. Als sie aber an die Oberfläche geht, merkt sie, daß sie in wunderbarer Weise ein eigenartiges Licht ausstrahlt, leuchtend wie Smaragd und Edelstein.

[ 22 ] Now the ferryman continues: “So you’re giving me the trouble of having to carry down the river and bury what you’ve been throwing around as gold pieces.” — Then he actually carries the gold pieces a short distance down the river and buries them in the crevices of the earth. Once they have been buried there, a strange other creature approaches these gold pieces: the green snake, which crawls around in and on the earth and through the crevices of the earth. Suddenly, it sees the gold pieces falling through the cracks in the earth. At first, it believes they are falling from the sky. But then it devours them and, by taking these gold pieces into its own body, becomes ever more luminous. When it emerges to the surface, however, it notices that it radiates a wondrous, peculiar light, shining like an emerald and a gemstone.

[ 23 ] Nun treffen die Schlange und die Irrlichter zusammen, die Irrlichter immer noch sich schüttelnd und wegwerfend, was sie in sich haben. Die Schlange, die jetzt Geschmack an dem Golde bekommen hat, nimmt in ihren eigenen Leib auf und verarbeitet, was die Irrlichter um sich werfen. Bedeutsames sagen sich die Schlange und die Irrlichter über ihr gegenseitiges Verhältnis. Die Schlange nennt sich Verwandte der Irrlichter von der horizontalen Linie und die Irrlichter sich Verwandte der Schlange von der vertikalen Linie. Die Irrlichter fragen noch die Schlange, ob diese nicht Auskunft geben könne, wie sie zur schönen Lilie kommen könnten. Da sagt die Schlange: Die schöne Lilie ist jenseits des Flusses. — Nun, dann haben wir uns etwas Schönes eingebrockt! antworten die Irrlichter. Wir haben uns herüberfahren lassen, weil wir zur schönen Lilie kommen wollten. Könnten wir nur einen Fährmann erreichen, der uns wieder zurückführt! Und nun kommen bedeutungsvolle Worte: Ihr werdet den Fährmann nicht wiederfinden, und wenn ihr ihn fändet, seid euch klar darüber, daß er euch wohl herüber, aber nicht mehr zurückführen darf. Wenn ihr wieder auf die andere Seite des Flusses zurück wollt, so könnt ihr es nur auf zweierlei Weise. Entweder ihr versucht am Mittag, wo die Sonne am höchsten steht, eine Brücke zu finden über meinen eigenen Leib, um hinüber zu kommen. — Die Irrlichter sagen: Die Mittagsstunde ist eine Zeit, in der wir nicht gerne reisen. — Oder ihr benützt den zweiten Weg. Es gibt nämlich noch eine andere Möglichkeit. In der Dämmerstunde findet ihr an einer bestimmten Stelle den großen Riesen. Er hat gar keine Kraft in sich, aber wenn er seine Hand ausstreckt und der Schatten dieser Hand über den Fluß hinüberfällt, so kann man über den Schatten hinweg den Fluß überschreiten. Der Schatten hat die Tragkraft, daß man hinübergehen kann. Wenn ihr also nicht über mich selber gehen wollt zur Mittagsstunde, so suchet den Riesen auf. — Die Irrlichter lassen sich das gesagt sein. Die Schlange aber ist wieder in die Klüfte der Erde zurückgegangen und freut sich des innerlichen Leuchtend-Werdens durch Aufnahme des Goldes.

[ 23 ] Now the snake and the will-o'-the-wisps meet, the will-o'-the-wisps still shaking and casting off whatever they contain. The snake, which has now acquired a taste for the gold, takes into its own body and processes what the will-o’-the-wisps are throwing around. The snake and the will-o’-the-wisps exchange meaningful remarks about their mutual relationship. The snake calls itself a relative of the will-o’-the-wisps from the horizontal line, and the will-o’-the-wisps call themselves relatives of the snake from the vertical line. The will-o’-the-wisps ask the snake if it might be able to tell them how to reach the beautiful lily. Then the snake says: “The beautiful lily is on the other side of the river.” “Well, then we’ve really gotten ourselves into a fine mess!” reply the will-o’-the-wisps. “We had ourselves ferried across because we wanted to reach the beautiful lily. If only we could find a ferryman to take us back!” And now come the fateful words: “You will not find the ferryman again, and even if you did, be aware that he may well take you across, but he is not allowed to take you back.” If you want to return to the other side of the river, there are only two ways to do so. Either you try at noon, when the sun is at its highest, to find a bridge across my own body to get across.—The will-o’-the-wisps say: “Noon is a time when we do not like to travel.”—Or you can take the second route. For there is, in fact, another possibility. At twilight, you will find the great giant at a certain spot. He has no strength at all, but when he stretches out his hand and the shadow of that hand falls across the river, you can cross the river by stepping over the shadow. The shadow is strong enough to support you as you cross. So if you do not wish to walk across me at noon, seek out the giant. — The will-o’-the-wisps take this advice to heart. The snake, however, has returned to the crevices of the earth and rejoices in the inner radiance it has gained by absorbing the gold.

[ 24 ] Nun bemerkt die Schlange etwas höchst Merkwürdiges. Als sie die Klüfte wieder absucht, bemerkt sie, daß sie da, wo sie früher unregelmäßige Naturprodukte gefunden hatte, jetzt an einer Stelle merkwürdige Gebilde sieht. Früher hat sie sie nur durch den Tastsinn wahrgenommen, jetzt, wo sie leuchtend ist, merkt sie, daß sie die Dinge auch sehen kann. Sie konnte Säulen und auch menschenähnliche Gebilde abtasten, aber es war ihr bis dahin nie klargeworden, was da in den unterirdischen Klüften eigentlich ist. Jetzt bewegt sie sich wieder hinein und das von ihr ausstrahlende Licht dient ihr zur Beleuchtung der Dinge.

[ 24 ] Now the snake notices something most peculiar. As she searches the crevices again, she realizes that where she had previously found irregular natural formations, she now sees strange structures in one spot. Previously, it had perceived them only through touch; now that it is glowing, it realizes that it can also see these things. It had been able to feel columns and even human-like figures, but until then it had never fully understood what actually lay within the underground crevices. Now she moves back inside, and the light she radiates serves to illuminate the objects.

[ 25 ] Als sie hineindringt in diese große Höhle unter der Erde, kann sie sogleich wahrnehmen, wie in den vier Ecken vier königliche Gestalten stehen: ein goldener König, ein silberner König, ein eherner König und in der vierten Ecke ein gemischter König, eine Gestalt, welche aus den anderen Metallen in der buntesten Weise zusammengefügt ist, so daß in ihm alle möglichen Metalle chaotisch ineinandergefügt sind.

[ 25 ] As she enters this vast underground cave, she immediately notices four royal figures standing in the four corners: a golden king, a silver king, a bronze king, and in the fourth corner, a mixed king—a figure composed of the other metals in the most colorful manner, so that all possible metals are chaotically intertwined within him.

[ 26 ] In dem Augenblicke, wo die Schlange in die Höhle hineinkommt und ihr die Beleuchtung der Gestalten gelingt, stellt der goldene König die sehr bedeutungsvolle Frage:

[ 26 ] The moment the snake enters the cave and manages to illuminate the figures, the Golden King asks the very significant question:

[ 27 ] «Wo kommst du her?»

[ 27 ] “Where are you from?”

[ 28 ] «Aus den Klüften», versetzte die Schlange, «in denen das Gold wohnt.» «Was ist herrlicher als Gold?» fragte der König.

[ 28 ] “From the crevices,” replied the snake, “where the gold dwells.” “What is more magnificent than gold?” asked the king.

[ 29 ] Die Schlange antwortet: «Das Licht!»

[ 29 ] The snake replies, “The light!”

[ 30 ] Und der König fragt weiter: «Was ist erquicklicher als Licht?»

[ 30 ] And the king continues to ask: “What is more refreshing than light?”

[ 31 ] «Das Gespräch.»

[ 31 ] “The Conversation.”

[ 32 ] Niemand wird bezweifeln, daß in diesen Worten nicht bloß Bilder gegeben werden sollen, sondern daß sie auch einen bedeutungsvollen Inhalt haben.

[ 32 ] No one will doubt that these words are not merely meant to convey imagery, but that they also have meaningful content.

[ 33 ] Als die Schlange hineinkommt in die Höhle, öffnet sich ein Spalt an dem Tempel, in dem die vier Könige wohnen. Es kommt der Alte mit der Lampe in den Raum, und er wird gefragt, warum er gerade jetzt komme? Da sagt er das merkwürdige Wort: Wißt Ihr nicht, daß mein Licht nur erleuchten darf, was schon erleuchtet ist? daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf? — Nachdem die Schlange die Dinge im Raume erleuchtet hat, darf nun auch er mit seiner wunderwirkenden Lampe kommen.

[ 33 ] When the snake enters the cave, a crack opens in the temple where the four kings dwell. The old man enters the room with the lamp, and he is asked why he has come at this very moment. Then he utters these strange words: “Do you not know that my light may only illuminate what is already illuminated? That I may not illuminate the darkness?” — After the snake has illuminated the objects in the room, he, too, is now permitted to enter with his miracle-working lamp.

[ 34 ] Jetzt entspinnt sich aufs neue ein Gespräch zwischen den Königen und dem Alten mit der Lampe. Der Alte wird gefragt:

[ 34 ] Now a conversation begins anew between the kings and the old man with the lamp. The old man is asked:

[ 35 ] «Wie viele Geheimnisse weißt Du?»

[ 35 ] “How many secrets do you know?”

[ 36 ] «Drei», antwortet er.

[ 36 ] “Three,” he replies.

[ 37 ] «Welches ist das wichtigste?» fragt der silberne König.

[ 37 ] “Which is the most important?” asks the Silver King.

[ 38 ] «Das offenbare», versetzt der Alte.

[ 38 ] “The obvious,” the old man interjects.

[ 39 ] «Willst du es auch uns eröffnen?» fragt der eherne König.

[ 39 ] “Will you reveal it to us as well?” asks the bronze king.

[ 40 ] «Sobald ich das vierte weiß.»

[ 40 ] “As soon as I know the fourth.”

[ 41 ] Und nun kommen die allerbedeutsamsten Worte des Märchens: «Ich weiß das vierte», sagt die Schlange und zischelt ihm etwas in das Ohr, worauf der Alte mit gewaltiger Stimme ruft: «Es ist an der Zeit!»

[ 41 ] And now come the most significant words of the fairy tale: “I know the fourth,” says the snake, and hisses something into his ear, whereupon the old man cries out in a mighty voice, “The time has come!”

[ 42 ] Es gibt eine große Anzahl von Versuchen, die Rätsel dieses Märchens zu lösen. Viele haben auch versucht, das, was man schon zu Schillers und Goethes Zeiten als Rätsel empfand, so oder so zu deuten. Es ist eigenartig, daß Goethe und Schiller sich darüber einig waren und es ausdrücklich mit den Worten aussprachen: Es liegt das Wort der Lösung für das Märchen im Märchen selber. Also darf man nach des Märchens Lösung nur im Märchen selber suchen, und es wird sich im weiteren Verlauf des Vortrages auch finden, daß das Wort des Rätsels, wenn auch in eigenartiger Weise, in dem Märchen drinnen ist. Die Schlange zischelt dem Alten etwas ins Ohr, und das, was sie ihm ins Ohr zischelt, was aber nicht gesagt wird, das ist die Lösung des Rätsels. Dann sagt der Alte: «Es ist an der Zeit!» Was also ergründet werden muß, das ist, was die Schlange im unterirdischen Tempel dem Alten ins Ohr geraunt hat.

[ 42 ] There have been numerous attempts to solve the riddles of this fairy tale. Many have also tried to interpret, in one way or another, what was already perceived as a riddle in Schiller’s and Goethe’s time. It is curious that Goethe and Schiller agreed on this and explicitly stated it in these words: “The key to the fairy tale lies within the fairy tale itself.” Thus, one must seek the solution to the fairy tale only within the fairy tale itself, and as the lecture progresses, it will become clear that the key to the riddle—albeit in a peculiar way—is indeed contained within the fairy tale. The serpent hisses something into the old man’s ear, and what it hisses into his ear—though it is not spoken aloud—is the solution to the riddle. Then the old man says, “The time has come!” What must therefore be fathomed is what the serpent whispered into the old man’s ear in the underground temple.

[ 43 ] Der Alte geht nun mit seiner Lampe dahin, wo seine Gattin wohnt. Durch die Kraft des Lichtes der Lampe werden die verschiedensten Materien verwandelt: Steine in Gold, Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine, Metalle aber werden vernichtet. Er trifft seine Gattin in geradezu fassungslosem Zustande. Als er fragt, was passiert sei, sagt sie: Es waren ganz merkwürdige Persönlichkeiten da. Man hätte sie für Irrlichter halten können. Die sind sehr wenig in den Grenzen des Anstandes geblieben. — Nun, meint der Alte, bei deinem Alter wird es wohl bei der allgemeinen Höflichkeit geblieben sein. — Und nun erzählt sie, wie die Irrlichter sich an das Gold herangemacht und es abgeleckt haben, damit sie es wieder abschütteln könnten. Wenn es nur noch das wäre, aber sieh dir mal den Mops an. Der hat von den Goldstücken gefressen, wurde in Edelstein verwandelt und starb. Jetzt ist er tot. — Und die Alte sagt weiter: Wenn ich das vorher gewußt hätte, so würde ich ihnen nicht versprochen haben, daß ich ihre Schuld bei dem Fährmann abzahlen werde. Das sind: drei Kohlhäupter, drei Zwiebeln und drei Artischocken.

[ 43 ] The old man now goes with his lamp to where his wife lives. By the power of the lamp’s light, all manner of materials are transformed: stones into gold, wood into silver, dead animals into gemstones—but metals are destroyed. He finds his wife in a state of utter bewilderment. When he asks what happened, she says: “There were some very strange figures here. One might have taken them for will-o’-the-wisps.” “They didn’t exactly stay within the bounds of propriety.”—“Well,” says the old man, “at your age, they probably stuck to general politeness.”—And now she tells how the will-o’-the-wisps went after the gold and licked it so they could shake it off again. “If only that were all, but just look at the pug.” He ate some of the gold pieces, was turned into a gemstone, and died. Now he’s dead.” — And the old woman continues: “If I’d known that beforehand, I wouldn’t have promised them that I’d pay off their debt to the ferryman. That is: three cabbages, three onions, and three artichokes.”

[ 44 ] Nun, sagte der Alte, nimm doch den Mops mit, trage ihn zur schönen Lilie hin, die hat die Eigenschaft, daß sie alles, was Edelstein ist, durch ihre Berührung in Lebendiges verwandeln kann. — Sie nimmt also die drei mal drei Früchte, um die übernommene Schuld bei dem Fährmann abzutragen, und legt den Mops dazu.

[ 44 ] “Well,” said the old man, “take the pug with you and carry it over to the beautiful lily; it has the power to transform any gemstone into a living thing simply by touching it.” — So she takes the three-by-three fruits to pay off the debt she inherited from the ferryman, and places the pug alongside them.

[ 45 ] Nun kommt ein sehr bedeutungsvoller Zug des Märchens: Als sie den Korb trägt, erscheint er ihr außerordentlich schwer, obgleich das Tote für sie gar kein Gewicht hat, der Korb mit dem toten Mops allein würde so leicht sein, als wenn er leer wäre; nur durch das Lebendige, durch die Kohlköpfe, Zwiebeln und Artischocken wird der Korb schwer. Auf dem Wege zu dem Fährmann passiert ihr aber noch etwas Eigentümliches. Der Riese legt seinen Arm gerade so, daß der Schatten über den Fluß hinüberfällt, greift ihr ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel aus dem Korbe heraus und verzehrt sie, so daß sie jetzt nur noch zwei von jeder Gattung hat. Sie will daher dem Fährmann nur einen Teil der Schuld abtragen, Er aber sagt, daß es unbedingt notwendig sei, das Ganze gleich mitzubringen.

[ 45 ] Now comes a very significant moment in the fairy tale: As she carries the basket, it seems extraordinarily heavy to her, even though the dead have no weight for her at all; the basket containing only the dead pug would be as light as if it were empty. It is only the living things—the cabbages, onions, and artichokes—that make the basket heavy. On her way to the ferryman, however, something peculiar happens to her. The giant positions his arm so that his shadow falls across the river, reaches into her basket, and takes a head of cabbage, an artichoke, and an onion, eating them so that she now has only two of each. She therefore wants to pay the ferryman only part of the fare, but he says that it is absolutely necessary to bring the whole load right away.

[ 46 ] Nach vielem Hin- und Herreden sagte der Fährmann: es gäbe noch einen Ausweg, der wäre, wenn sie Bürgschaft für die Beibringung der drei fehlenden Früchte leiste. Sie muß daher die Hand in den Fluß stecken, als Sicherheit dafür, daß sie ihr Versprechen halten werde. Das tut sie, bemerkt aber dann, daß, soweit die Hand in den Fluß hineingesteckt war, sie schwarz und kleiner geworden ist. « Jetzt scheint es nur so», sagte der Alte. «Wenn ihr aber nicht Wort haltet, kann es wahr werden. Die Hand wird nach und nach schwinden und endlich ganz verschwinden, ohne daß ihr den Gebrauch derselben entbehrt. Ihr werdet alles damit verrichten können, nur daß sie niemand sehen wird.» Sie will aber lieber, daß man sie sehe, auch wenn sie nichts mit der Hand tun könne. Wenn sie zu entsprechender Zeit den Tribut bringt, sagt der Fährmann, wird alles wieder gut werden.

[ 46 ] After much back-and-forth, the ferryman said there was one more way out: she would have to pledge to bring the three missing fruits. She must therefore put her hand into the river as a guarantee that she would keep her promise. She did so, but then noticed that, as far as her hand was submerged in the river, it had turned black and shrunk. “It only seems that way now,” said the old man. “But if you don’t keep your word, it may come true. “Your hand will gradually wither away and eventually disappear completely, without you losing the use of it. You’ll be able to do everything with it, except that no one will be able to see it.” But she would rather be seen, even if she couldn’t do anything with her hand. If she brings the tribute at the appointed time, the ferryman says, everything will be all right again.

[ 47 ] Auf dem Wege zur schönen Lilie trifft sie nun einen herrlich-schönen Jüngling, dem aber, wie er sagt, alle seine einstige Kraft und Stärke geschwunden ist; und aus dem Gespräche, das sie miteinander führen, erfahren wir, wie das gekommen ist. Der Jüngling hatte die lebhafte Begierde gefaßt, zur schönen Lilie zu gelangen. Sie war sein Ideal geworden. Aber ihre schönen Augen wirkten so unselig, daß sie ihm alle seine Kraft genommen hatten und dennoch zieht es ihn immer wieder zu ihr hin.

[ 47 ] On her way to the beautiful lily, she now encounters a strikingly handsome young man who, however, says that all his former strength and vigor have faded; and from the conversation they have, we learn how this came to be. The young man had been seized by a fervent desire to reach the beautiful lily. She had become his ideal. But her beautiful eyes seemed so forlorn that they had robbed him of all his strength, and yet he is drawn to her again and again.

[ 48 ] Endlich kommen die beiden zur schönen Lilie hin. Es ist nun zwar alles, was die schöne Lilie umgibt, im höchsten Grade bezeichnend; aber wir können hier nur einzelne Züge herausnehmen. Die schöne Lilie ist das Bild vollkommenster Schönheit; aber sie hat die Eigenschaft, daß sie alles Lebendige durch ihre Berührung zunächst tötet, und alles, was durch das Leben hindurchgegangen und dem Tode verfallen ist, wieder lebendig macht.

[ 48 ] Finally, the two of them come to the beautiful lily. Although everything surrounding the beautiful lily is highly symbolic, we can only highlight a few characteristics here. The beautiful lily is the image of perfect beauty; yet it has the property of initially killing all living things upon contact, and of bringing back to life everything that has passed through life and succumbed to death.

[ 49 ] Die Alte bringt nun ihr Anliegen vor. Der Jüngling ist gekommen, seine Sehnsucht nach der schönen Lilie zu befriedigen; wir sehen aber auch, daß die schöne Lilie ebenfalls Sehnsucht fühlt. Sie fühlt sich fern von allem fruchtbar Lebendigen; in ihrem Garten gedeihen Pflanzen, aber nur bis zur Blüte, nicht bis zur Frucht; schön ist sie, aber fern von allem Lebendigen. Die Alte sagt dann ein bedeutungsvolles Wort. Sie wiederholt, was der Mann im unterirdischen Tempel gesagt hat, und das gibt der Lilie neue Hoftnung. Das war aber auch der letzte Augenblick, in dem sie Hoffnung fassen konnte; denn das letzte Lebendige, das eine Art Verbindungsband zwischen ihr und dem Lebendigen gebildet hatte, war ihr auch noch verlorengegangen. Sie hatte einen Kanarienvogel in ihrer Umgebung, und hatte sich sehr gehütet, ihn zu berühren, weil ihn das getötet haben würde. Nun aber war ein Habicht in die Nähe gekommen, der Kanarienvogel floh vor ihm, flog auf die Lilie zu und wurde getötet. Und damit war die schöne Lilie nun in völliger geistiger Einsamkeit und Abgesondertheit von dem, was die Menschen haben.

[ 49 ] The old woman now presents her case. The young man has come to satisfy his longing for the beautiful lily; but we also see that the beautiful lily feels a longing of her own. She feels distant from all that is fertile and alive; plants thrive in her garden, but only until they bloom, not until they bear fruit; she is beautiful, but distant from all that is alive. The old woman then utters a meaningful word. She repeats what the man in the underground temple had said, and this gives the lily new hope. But that was also the last moment in which she could cling to hope; for the last living thing that had formed a kind of connecting bond between her and the living world had also been lost to her. She had a canary in her vicinity and had been very careful not to touch it, because that would have killed it. But now a hawk had come near; the canary fled from it, flew toward the lily, and was killed. And with that, the beautiful lily was now in complete spiritual solitude and isolation from what humans possess.

[ 50 ] Nun gibt die Alte der Lilie den Mops. Die Lilie berührt ihn und macht ihn dadurch wieder lebendig. Der Jüngling sucht seine Sehnsucht dadurch zu stillen, daß er die Lilie umfaßt. Dadurch wird er vollends getötet. Das Leben in ihm wird ganz vernichtet.

[ 50 ] Now the old woman gives the pug to the lily. The lily touches him, thereby bringing him back to life. The young man seeks to satisfy his longing by embracing the lily. This kills him completely. The life within him is utterly destroyed.

[ 51 ] Die Schlange bildet nun einen magischen Kreis. In diesen Kreis werden der Jüngling und der Kanarienvogel hineingelegt. Dadurch soll sich — und die Schlange deutet bedeutungsvoll darauf hin — das, was trostlos ist, in allernächster Zeit ändern. Und es ändert sich in der Tat. Wir erfahren, daß nun auch der Alte mit seiner Lampe herankommt, und daß durch ihn tatsächlich eine Lösung der ganzen Situation in Angriff genommen werden kann. Denn es ist gerade Zeit, als der Alte herankommt: die Körper von dem Kanarienvogel und dem Jüngling sind noch nicht in Verwesung übergegangen.

[ 51 ] The snake now forms a magic circle. The young man and the canary are placed inside this circle. This is meant to bring about—and the snake points to this meaningfully—a change in what is bleak, very soon. And indeed, it does change. We learn that the old man is now approaching with his lamp, and that through him a solution to the entire situation can indeed be set in motion. For it is precisely the right moment when the old man arrives: the bodies of the canary and the young man have not yet begun to decompose.

[ 52 ] Der Alte führt sie nach dem unterirdischen Tempel hin, den die Schlange ja schon ausgekundschaftet hatte. Er sagt zu den Irrlichtern: Ihr seid auch dazu geeignet, uns zu dienen. Wenn wir an die Pforte des Tempels gelangen, werdet Ihr es sein müssen, die uns die Pforte aufschließen. — Nun bildet die Schlange eine Brücke über den Fluß. Der ganze Zug geht über die Schlangenbrücke. Da sehen wir, als sie drüben angekommen sind, daß durch die Berührung mit der Schlange, die jetzt sich zu opfern beschließt, der Jüngling zwar noch nicht durchgeistigt, aber doch lebendig wird. Er geht dadurch, daß die Schlange bereit ist, sich hinzuopfern, in einen merkwürdigen Zustand über. Er kann wohl sehen, aber das Gesehene noch nicht fassen.

[ 52 ] The Old Man leads them to the underground temple, which the snake had already scouted out. He says to the will-o'-the-wisps: “You, too, are suited to serve us. When we reach the temple gate, it will be up to you to unlock it for us.” — Now the serpent forms a bridge across the river. The entire procession crosses the serpent’s bridge. There, once they have reached the other side, we see that through contact with the serpent—which has now resolved to sacrifice itself—the young man, though not yet spiritualized, nevertheless comes to life. Because the serpent is willing to sacrifice itself, he enters a strange state. He can see, but cannot yet comprehend what he sees.

[ 53 ] Die Schlange teilt sich in lauter wunderbare Edelsteine, die der Alte in den Fluß senkt und wodurch eine Brücke über den Fluß entsteht. Der Zug bewegt sich unter der Anführung des Alten in den unterirdischen Tempel. Als sie da hineinkommen, sehen wir, daß zwischen den Ankömmlingen und den Königen bedeutungsvolle Fragen gestellt werden, die darauf hindeuten, daß da ein großes Rätsel verborgen ist. Zum Beispiel: «Woher kommt ihr?» «Aus der Welt.» «Wohin geht ihr?» «In die Welt.» «Was wollt ihr bei uns?» «Euch begleiten!», nämlich die Könige.

[ 53 ] The serpent splits into a multitude of marvelous gemstones, which the old man drops into the river, thereby creating a bridge across it. Led by the old man, the procession moves into the underground temple. As they enter, we see that meaningful questions are being asked between the new arrivals and the kings, suggesting that a great mystery is hidden there. For example: “Where do you come from?” “From the world.” “Where are you going?” “To the world.” “What do you want from us?” “To accompany you!”—namely, the kings.

[ 54 ] Nun bewegt sich die Gruppe mit dem Tempel. Sie gehen unter den Fluß und erheben sich dann wieder mit dem ganzen Tempel. Als sie sich über den Fluß erhoben haben, fällt von oben etwas wie Bretterwerk in den Tempel hinein: es ist die Hütte des Fährmanns. Sie verwandelt sich und wird ein kleines Tempelchen im großen Tempel. Und jetzt spielt sich eine Szene ab, die von Wichtigkeit ist für den Jüngling, der ja bis jetzt belebt, aber noch nicht durchgeistigt war.

[ 54 ] Now the group moves along with the temple. They go beneath the river and then rise again along with the entire temple. Once they have risen above the river, something resembling wooden planks falls from above into the temple: it is the ferryman’s hut. It transforms and becomes a small shrine within the great temple. And now a scene unfolds that is of great importance to the young man, who, though alive until now, had not yet been spiritualized.

[ 55 ] Wir haben gesehen: der erste, der goldene König, stellt die Weisheit dar; der zweite, der silberne, den Schein oder die Schönheit; der dritte, der eherne, die Stärke oder den Willen. Wir sehen nun einen symbolischen Akt sich vollziehen. Der Jüngling wird durch die drei Könige mit drei verschiedenen Gaben begabt. Durch den ehernen König mit dem Schwert, und indem ihm das Schwert überreicht wird, werden die bedeutungsvollen Worte gesprochen: «Das Schwert an der Linken, die Rechte frei.» — Kraft des Willens. — Durch den silbernen König bekommt er das Zepter mit den Worten: «Weide die Schafe.» Wir werden sehen, daß der Jüngling durch die Gefühlskraft der Seele erfüllt wird, die sich in der Schönheit ausdrückt. Der goldene König setzt ihm die Krone auf das Haupt, mit den Worten: «Erkenne das Höchste.» Und die Kraft der Vorstellung erfaßt den Jüngling. In diesem Moment ist er durchgeistigt und darf sich mit der schönen Lilie vereinigen. Wir werden sodann noch darauf aufmerksam gemacht, daß sich alles verJüngt.

[ 55 ] We have seen that the first, the golden king, represents wisdom; the second, the silver king, represents splendor or beauty; and the third, the bronze king, represents strength or will. We now witness a symbolic act taking place. The young man is bestowed with three different gifts by the three kings. The bronze king gives him the sword, and as the sword is presented to him, the meaningful words are spoken: “The sword in the left hand, the right hand free.” — The power of the will. — From the silver king, he receives the scepter with the words: “Tend the sheep.” We shall see that the young man is filled with the emotional power of the soul, which expresses itself in beauty. The golden king places the crown upon his head, saying: “Know the Highest.” And the power of imagination takes hold of the young man. At that moment, he is spiritualized and is allowed to unite with the beautiful lily. We are then made aware that everything is rejuvenated.

[ 56 ] Besonders bedeutsam ist noch die eigentümliche Rolle, die der Riese spielt, der keine Kraft in sich selber, wohl aber in seinem Schatten hat. Er stolpert höchst ungeschickt über die Brücke, und der König ist ungehalten darüber. Es stellt sich aber heraus, daß das Kommen des Riesen seinen guten Sinn hat. Wie der Uhrzeiger einer großen Sonnenuhr dasteht, so wird er in der Mitte des Tempelhofes festgehalten. Wir sehen, welche Kraft wir in der Sonnenuhr, in dem die Zeit anzeigenden und harmonisierenden Riesen finden, und wir sehen, wie aus dem Leib der Schlange die Brücke, welche über den Fluß zu dem Tempel hinüberführt, gebildet wird. Wir sehen dann, daß nicht mehr bloß Fußgänger, sondern jetzt Wagen, Reiter, Herden hinüber- und herübergehen können. Es wird uns dargestellt, wie in der Vereinigung mit der schönen Lilie der Jüngling die frühere Kraft, die er durch die Berührung mit ihr verloren, wiedergewinnt, wie er sich jetzt der Lilie nähern, sie umfassen darf, und wie sie beglückt und beseligt beide sind.

[ 56 ] Of particular significance is the peculiar role played by the giant, who has no strength of his own but does possess power in his shadow. He stumbles very clumsily across the bridge, and the king is annoyed by this. It turns out, however, that the giant’s arrival serves a good purpose. Just as the hand of a large sundial stands still, so he is held fast in the center of the temple courtyard. We see the power we find in the sundial—in the giant who marks time and brings harmony—and we see how the bridge leading across the river to the temple is formed from the body of the serpent. We then see that it is no longer just pedestrians, but now also carts, horsemen, and herds that can cross back and forth. We are shown how, through his union with the beautiful lily, the young man regains the strength he had lost through contact with her, how he is now allowed to approach the lily and embrace her, and how both are filled with joy and bliss.

[ 57 ] Wer möchte nicht, wenn er die Bilder des Märchens auf sich wirken läßt, sagen: Rätsel sind es! Zunächst können wir nur wenig spüren von dem, was in diesem Märchen lebt. Wenn wir aber historisch vorgehen, wenn wir betrachten, wie es in der Mitte des Jahres 1795 entsteht, im Beginn der Freundschaft mit Schiller, aus dem, was sich zwischen Goethe und Schiller zugetragen hat, dann werden wir begreifen, was Goethe sich in dem Märchen für eine Aufgabe gestellt hat. In diese Zeit fällt die Abfassung eines Werkes, eine Frucht des Studiums Goethescher Weltanschauung, das tief bedeutsam wurde für die Erziehung und Kultivierung des deutschen Geisteslebens: die Briefe Schillers über die ästhetische Erziehung des Menschen. Nur skizzenhaft können wir darauf hinweisen, was Schiller mit diesen Briefen wollte.

[ 57 ] Who, when letting the images of the fairy tale sink in, would not want to say: They are mysteries! At first, we can sense very little of what lives within this fairy tale. But if we take a historical approach—if we consider how it came into being in mid-1795, at the beginning of his friendship with Schiller, and in light of what transpired between Goethe and Schiller—then we will understand what task Goethe set for himself in this fairy tale. It was during this period that a work was written—a fruit of the study of Goethe’s worldview—that became profoundly significant for the education and cultivation of German intellectual life: Schiller’s Letters on the Aesthetic Education of Man. We can only sketch out what Schiller intended with these letters.

[ 58 ] Er fragt sich, wie gelangt der Mensch dahin, seine Kräfte immer höher und höher zu entwickeln, damit er in einer freien und vollkommenen menschlichen Art in die Geheimnisse der Welt eindringen kann. Dieses Werk ist in Briefform an den Herzog von Augustenburg geschrieben, und Schiller schrieb darin den bedeutungsvollen Satz: «Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist.» Und nun sucht Schiller auseinanderzusetzen, wie sich der Mensch zu den höheren Stufen des Menschendaseins hinaufzuentwickeln hat.

[ 58 ] He wonders how human beings can come to develop their powers ever higher and higher, so that they may penetrate the mysteries of the world in a free and fully human way. This work is written in the form of a letter to the Duke of Augustenburg, and in it Schiller wrote the significant sentence: “Every individual human being, one might say, bears within himself—by nature and destiny—a pure, ideal human being, and the great task of his existence is to harmonize with the unchanging unity of that being amid all his vicissitudes.” And now Schiller seeks to explain how human beings must develop themselves upward toward the higher stages of human existence.

[ 59 ] Zweaerlei ist es, was den Menschen unfrei macht, ihm keinen freien Blick in die Geheimnisse des Daseins gibt. Auf der einen Seite ist es das Beherrschtsein von der Sinnlichkeit, auf der anderen Seite die ungenügende Entwickelung der Vernunft. Und nun setzt Schiller diese Dinge so auseinander: Nehmen wir einen Menschen, der in sich nicht das Zwingende, Logische der Begriffe, auch nicht den Pflichtbegriff verspürt, sondern seinen Neigungen und Instinkten folgt — er kann dieKräfte seiner Natur nicht frei entwickeln, er steckt in der Sklaverei der Triebe, Begierden und Instinkte, er ist unfrei. Aber auch derjenige ist nicht frei, der seine Begierden, Triebe und Instinkte zunächst bekämpft und einzig nur einer rein begrifflichen und logischen Vernunftnotwendigkeit folgt. Ein solcher Mensch wird entweder ein Sklave der Naturnotwendigkeit oder ein Sklave der Vernunftnotwendigkeit.

[ 59 ] There are two things that render human beings unfree, preventing them from gaining a clear insight into the mysteries of existence. On the one hand, it is being dominated by sensuality; on the other, the insufficient development of reason. And now Schiller distinguishes between these things as follows: Let us take a person who does not feel within himself the compelling, logical nature of concepts, nor the concept of duty, but instead follows his inclinations and instincts—he cannot freely develop the powers of his nature; he is enslaved by his drives, desires, and instincts; he is unfree. But neither is free the person who initially fights against his desires, drives, and instincts and follows solely a purely conceptual and logical necessity of reason. Such a person becomes either a slave to natural necessity or a slave to rational necessity.

[ 60 ] Wodurch kann der Mensch seine inneren Kräfte entwickeln?Schiller antwortet: Er muß seine inneren göttlichen Zustände entwickeln, sich bemühen, daß sie gereinigt und geläutert werden und zusammentreffen mit dem, was wir Logik nennen. Wenn seine Triebe und Instinkte dann geläutert sind, so daß er gern tut, was er als Pflicht empfindet, wenn die Vernunftnotwendigkeit nicht als zwingend empfunden wird, dann wird der Mensch gern tun schon aus dem gewöhnlichen Trieb heraus, was vernünftig ist, dann hat Vernunft den Menschen hinunter zur Sinnlichkeit geführt, und Sinnlichkeit führt ihn wieder hinauf zur Vernunft.

[ 60 ] How can a person develop their inner powers? Schiller answers: They must develop their inner divine states, strive to have them purified and refined, and bring them into harmony with what we call logic. When their drives and instincts are purified to the point that they willingly do what they perceive as their duty—even when the necessity of reason is not felt as coercive—then people will willingly do what is reasonable simply out of their ordinary drives; then reason has led people down into sensuality, and sensuality leads them back up to reason.

[ 61 ] Sehen wir einen Menschen an, der einem Kunstwerke gegenübersteht. Er sieht sich etwas Sinnliches an. Aber durch jedes Glied des Sinnlichen offenbart sich ihm etwas Geistiges, denn in dem Sinnlichen kommt dasjenige zum Ausdruck, was der Künstler als Geistiges in das Kunstwerk hineingelegt hat. Geist und Sinnlichkeit in der Anschauung der Schönheit, das wird zum Mittlerzustand. So wird die Kunst, das Leben in Schönheit, für Schiller ein großes Erziehungsmittel, ein Mittel zur ästhetischen Erziehung, eine Befreiung der Natur, so daß sie ihre eigenen Kräfte entfalten kann. Wie entwickelt sich also der Mensch im Sinne Schillers. Er muß seine Natur hinunterführen, daß sie sich bewährt in sinnlicher Natur, und die Sinne hinaufentwikkeln, daß sie sich bewähren in der vernünftigen Natur.

[ 61 ] Let us consider a person standing before a work of art. He is looking at something sensory. But through every aspect of the sensory, something spiritual is revealed to him, for the sensory expresses what the artist has imbued the work of art with as spiritual. Spirit and sensibility in the contemplation of beauty—this becomes a mediating state. Thus, art—life in beauty—becomes for Schiller a great educational tool, a means of aesthetic education, a liberation of nature so that it can unfold its own powers. How, then, does the human being develop in Schiller’s view? He must bring his nature down so that it proves itself in the sensory realm, and develop his senses upward so that they prove themselves in the realm of reason.

[ 62 ] Ein wunderbar schönes Wort spricht Goethe über diese Briefe aus: Sie wirken auf mich so, daß sie mir darstellen, was ich lebte oder zu leben wünschte immerdar. — Man kann nachweisen, daß Goethe angeregt worden ist, sein Märchen zu schreiben, durch das, wasSchiller ausgesprochen hat in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen. Goethe spricht darin dasselbe in seiner Art aus. Goethe wollte nicht in abstrakten Begriffen die Rätsel der Seele aussprechen. Für Goethe waren die einzelnen Seelenrätsel zu reich und zu gewaltig, als daß er sie in Naturnotwendigkeit und Logik hätte fassen können. So bildete sich in Goethe das Bedürfnis, des Menschen einzelne Seelenkräfte in den Gestalten seines Märchens zu personifizieren. Goethe antwortete auf die Schillersche Frage in seinem Märchen, und wir werden sehen, wie dieGoethesche Psychologie in wunderbarer Weise in dem Märchen charakterisiert wird. Wir sehen, wie die Seele immer aufnimmt und von sich gibt in der Darstellung der Irrlichter, wie gewisse Kräfte personifiziert sind in derSchlange, die nur auf der Erde arbeitet gleich der menschlichen Forschung, dem menschlichen Verstand, der Erfahrung, die in der horizontalen Linie bleiben, während der Idealist in die Höhe steigt. Die Kraft des religiösen Gemütes ist charakterisiert in dem Alten mit der Lampe, und wir sehen endlich, wie durch die Vorgänge, die uns erzählt werden, Goethe darstellt, in welcher Weise eine jede Seelenkraft wirken muß.

[ 62 ] Goethe has a wonderfully beautiful thing to say about these letters: “They have such an effect on me that they depict to me what I have lived or have always wished to live.” — It can be shown that Goethe was inspired to write his fairy tale by what Schiller had expressed in his letters on the aesthetic education of man. In his work, Goethe expresses the same idea in his own way. Goethe did not wish to articulate the mysteries of the soul in abstract terms. For Goethe, the individual mysteries of the soul were too rich and too immense for him to have been able to capture them in natural necessity and logic. Thus, Goethe felt the need to personify the individual powers of the human soul in the characters of his fairy tale. Goethe answered Schiller’s question in his fairy tale, and we shall see how Goethe’s psychology is wonderfully characterized in the story. We see how the soul is constantly receiving and giving in the depiction of the will-o’-the-wisps, how certain powers are personified in the snake, which works only on the earth—like human research, human reason, and experience—all of which remain on the horizontal plane, while the idealist ascends to the heights. The power of the religious spirit is embodied in the old man with the lamp, and we finally see how, through the events recounted to us, Goethe illustrates the manner in which every power of the soul must act.

[ 63 ] Wir werden übermorgen sehen, wie Goethe in der Darstellung zeigt, wie jede Seelenkraft maßvoll wirken muß zusammen mit den anderen Seelenkräften, um die Seele zu einem Gesamtbilde zu gestalten, auf daß sie sich hinaufentwickeln könne zu menschlicher Vollkommenheit, zu einem Umfassen der Dinge. Wenn der Mensch unreif die Erkenntnisse erfassen will, so wird er getötet, wie der Jüngling. Es gibt ein Heranreifen der Erkenntnis. In dem Märchen stellt uns Goethe die Evolution der Seele in richtiger und bildhafter Weise dar, indem er darin das Parallelwerk zu Schillers «Briefen über die ästhetische Erziehung» schuf. Goethe wußte, daß es ein Ziel der menschlichen Seelenentwickelung gibt, das man in alten Zeiten die Einweihung in höhere Geheimnisse genannt hat. Er wußte, daß es eine solche Möglichkeit gibt, und er wußte auch, daß es Gesellschaften gibt, die an verborgenen Orten, in den Tempeln der Einweihung, die Kräfte der Seele entwickeln. Er zeigt auch, wie die neuere Zeit immer mehr dahin kommen muß, daß es der Menschheit möglich wird, im größeren Umfange diese Einweihung zu erlangen, die Seele zu entwickeln. Er zeigt in den Vorgängen, die sich zwischen den einzelnen Menschen abspielen, den Vorgang derEinweihung bis zu den höchsten Stufen, bis dahin, wo die Seele fähig wird, die höchsten Geheimnisse zu erfassen. Das ist exoterisch, rein historisch angesehen.

[ 63 ] The day after tomorrow we will see how Goethe demonstrates in his account that each soul force must act in moderation together with the other soul forces in order to shape the soul into a unified whole, so that it may develop upward toward human perfection, toward a comprehensive understanding of things. If a person attempts to grasp these insights before they are ready, they will be killed, just like the young man. There is a maturing process of knowledge. In this fairy tale, Goethe presents the evolution of the soul in a precise and vivid manner, creating a parallel work to Schiller’s *Letters on Aesthetic Education*. Goethe knew that there is a goal of human soul development that in ancient times was called initiation into higher mysteries. He knew that such a possibility exists, and he also knew that there are societies that develop the powers of the soul in hidden places, in the temples of initiation. He also shows how modern times must increasingly lead to a situation in which it becomes possible for humanity to attain this initiation on a larger scale and to develop the soul. Through the processes that take place between individual human beings, he illustrates the process of initiation up to the highest levels—to the point where the soul becomes capable of grasping the highest mysteries. This is viewed exoterically, from a purely historical perspective.

[ 64 ] Durch das Zusammenleben Goethes mit Schiller erlebte Schiller dasjenige, was Goethe erlebt hat, in einer der wichtigsten Perioden seines Lebens. Und wenn es Schiller auch schwer wurde, Goethe zu verstehen, so müssen wir doch sagen: Das, was Schiller in abstrakter Weise in den ästhetischen Briefen sagt, und was Goethe in viel umfassenderer Weise zu sagen hatte, in einer Weise, die nur erreicht wird, wenn man sich ausdrückt in Bildern und Persönlichkeiten, das ist ein und dasselbe. Das Märchen ist Goethe-Psychologie im tiefsten Sinne. Wir sehen, daß Goethe durch die Art seines Strebens so fruchtbar geworden ist, daß wir uns heute . noch gern bei ihm orientieren. Goethe erscheint uns noch heute als einGegenwärtiger. Wir lesen ihn wie einen Schriftsteller unserer Zeit. Er ist so fruchtbar, weil er so viel von Ewigkeitsgehalt in seinem Schaffen und seiner ganzen Art und Weise hat. So wirkt er im Sinne jener Wahrheit, die er selbst als die richtige angesehen hat, und ein bedeutungsvolles Wort hat er einst gesprochen: «Was fruchtbar ist, allein ist wahr.»

[ 64 ] Through his close association with Goethe, Schiller experienced what Goethe himself had experienced during one of the most important periods of his life. And even if Schiller found it difficult to understand Goethe, we must still say: What Schiller expresses in an abstract way in his Aesthetic Letters, and what Goethe had to say in a much more comprehensive way—in a manner that can only be achieved by expressing oneself through images and characters—is one and the same. The fairy tale is Goethean psychology in the deepest sense. We see that Goethe, through the nature of his striving, became so fruitful that we still gladly take our cue from him today. Goethe still appears to us today as a contemporary. We read him as if he were a writer of our own time. He is so fruitful because there is so much of the eternal in his work and in his entire way of being. Thus he works in the spirit of that truth which he himself regarded as the true one, and he once spoke a meaningful word: “What is fruitful alone is true.”

[ 65 ] Das heißt, daß der Mensch sich in den Besitz von Wahrheiten setzen muß, die so wirken, daß, wenn er ins Leben hineintritt, sie ihre Bestätigung finden dadurch, daß sie sich fruchtbar erweisen. Das war für ihn das Kriterium der Wahrheit: Was fruchtbar ist, allein ist wahr!

[ 65 ] This means that a person must take possession of truths that, when he enters life, are confirmed by proving themselves fruitful. For him, this was the criterion of truth: Only what is fruitful is true!

[ 66 ] Gerade diese Vorträge, die Ihnen Goethe veranschaulichen wollen, sollen uns zeigen, daß Goethe diesen Ausspruch selber erprobt hat. Das werden alle diejenigen fühlen, die sich tiefer in ihn hineinleben. Sie werden fühlen, daß in Goethe etwas von echter Wahrheit lebt, denn Goethe ist fruchtbar, und was fruchtbar ist, ist wahr.

[ 66 ] It is precisely these lectures, which aim to illustrate Goethe to you, that are meant to show us that Goethe himself put this saying into practice. All those who delve deeper into his work will sense this. They will sense that something of genuine truth lives within Goethe, for Goethe is fruitful, and what is fruitful is true.