Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Where and how can one find the Spirit?
GA 57

12 November 1908, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Where and how can one find the Spirit?, tr. SOL
  1. Wo und wie findet man den Geist?

4. Bibel und Weisheit I

4. The Bible and Wisdom I

[ 1 ] Es gibt in unserer Kultur ja zweifellos kein Dokument, das in so tiefer Weise und in so intensiver Art in das ganze Geistesleben eingegriffen hat wie die Bibel. Eine Geschichte, nicht von Jahrhunderten, sondern von Jahrtausenden müßte man schreiben, wenn man die Wirkung der Bibel auf die Menschheit schildern wollte. Und wenn man ganz absehen wollte von dem Einfluß dieses Dokumentes in die Breite, so würde man noch immer in bezug auf den Einfluß und die Wirkung in die Tiefen der Menschenseele in der Bibel ein Unermeßliches finden. Ja, in bezug auf den letzteren Gesichtspunkt wird vielleicht gesagt werden dürfen, daß gerade unsere heutige Zeit des Interessanten außerordentlich vieles darbietet, denn man könnte zeigen, daß heute nicht nur diejenigen, welche in schwächerem oder stärkerem Maße auf dem Boden der Bibel stehen, von diesem Menschheits-Dokumente tief beeinflußt sind, sondern daß auch sogar die, welche sich von der Bibel abgewendet haben, welche heute glauben, frei zu sein von den Einflüssen der Bibel, daß auch sogar diese, tief bedeutsam, noch immer diesen Einflüssen unterliegen. Denn die Bibel ist wahrlich nicht nur ein Dokument, obwohl sie das in hervorragendstem Maße ist, da sie die Seele erfüllt mit einer Summe von Vorstellungen über die Welt und das Leben, das der Seele also eine Weltanschauung gibt, sondern die Bibel war, durch Jahrtausende hindurch, ein gewaltiges Erziehungsmittel der Seelen. Sie hat nicht nur für das Vorstellungs Os» leben etwas bedeutet, und bedeutet dafür heute noch etwas, sondern es ist vielleicht wichtiger und wesentlicher, was wir als eine Wirkung bezeichnen müssen in bezug auf das Empfindungs- und Gefühlsleben, in bezug auf die Art der Denkgewohnheiten. Da müssen wir, wenn wir fein zuschauen, ganz gewiß heute vielfach zugeben, daß die Gefühle, die Empfindungen sogar derjenigen, welche die Bibel bekämpfen, durch die Bibel in ihren Seelen erst herangezogen worden sind.

[ 1 ] There is undoubtedly no document in our culture that has influenced the entire intellectual life in such a profound and intense way as the Bible. One would have to write a history—not of centuries, but of millennia—if one were to describe the Bible’s impact on humanity. And even if one were to set aside entirely the broad influence of this document, one would still find in the Bible something immeasurable in terms of its influence and effect on the depths of the human soul. Indeed, with regard to this latter point, it may perhaps be said that our present age in particular offers an extraordinary wealth of interesting material, for one could demonstrate that today it is not only those who, to a greater or lesser extent, stand on the foundation of the Bible who are deeply influenced by this document of humanity, but that even those who have turned away from the Bible—those who today believe themselves to be free from the Bible’s influences—even they, in a profoundly significant way, are still subject to these influences. For the Bible is truly not merely a document—although it is that to the highest degree, since it fills the soul with a wealth of ideas about the world and life, thus giving the soul a worldview—but the Bible has been, throughout the millennia, a powerful means of educating the soul. It has not only meant something—and still means something today—for the life of the imagination, but what is perhaps more important and essential is what we must describe as its effect on the life of feeling and emotion, and on the nature of one’s habits of thought. If we look closely, we must certainly admit in many cases today that the feelings and emotions—even of those who oppose the Bible—were first cultivated in their souls by the Bible.

[ 2 ] Aber wer nur ein wenig Umschau hält über das Geistesleben der Menschheit, insbesondere über das unserer abendländischen Menschheitund derjenigen, die mit ihr zusammenhängt, der wird bemerken, welch gewaltiger Umschwung eingetreten ist in bezug auf die Stellung der Menschheit, oder wenigstens eines großen Teiles der Menschheit, zur Bibel.

[ 2 ] But anyone who takes even a brief look at the spiritual life of humanity—especially that of Western humanity and those connected to it—will notice what a tremendous shift has taken place with regard to humanity’s attitude, or at least that of a large part of humanity, toward the Bible.

[ 3 ] Diejenigen, die heute vielleicht noch in einer ganz unerschütterlichen Weise auf dem Boden der Bibel stehen, könnten das, worauf damit hingedeutet ist, vielleicht zu gering einschätzen. Sie könnten sagen: Mag es auch mancherlei Leute geben, die heute sich aus diesen oder jenen Gründen von der Bibel abwenden, die behaupten, daß die Bibel nicht mehr dasjenige für die Menschheit sein könne, was sie durch Jahrtausende war, so wird das vermutlich nur eine vorübergehende Zeiterscheinung sein; wir glauben an die Bibel; mögen die Herren, die glauben, auf dem Boden der Wissenschaft zu stehen, dieses oder jenes sagen, möge ihnen dieses oder jenes unwahrscheinlich klingen — uns gilt die Bibel! — Man könnte dieses Urteil, wenn man suchen wollte, unter gewissen Persönlichkeiten sehr verbreitet finden, und es ist nur natürlich, denn wer noch immer das Glück seiner Seele, die Sicherheit und die Kraft der Seele für sich aus der Bibel zu schöpfen vermag, der kann nach seiner subjektiven Beschaffenheit gar nicht genügend vieles in die Waagschale werfen gegen diejenigen Erscheinungen, die um ihn herum als Kritik und Ablehnung der Bibel vorliegen.

[ 3 ] Those who today may still stand firmly grounded in the Bible might underestimate what it points to. They might say: Even if there are all sorts of people today who, for one reason or another, turn away from the Bible—who claim that the Bible can no longer be for humanity what it has been for millennia—this will likely be only a temporary phenomenon; we believe in the Bible; let those gentlemen who believe they stand on the ground of science say this or that, let this or that sound improbable to them—for us, the Bible is what matters! — If one were to look for it, one could find this view quite widespread among certain individuals, and it is only natural, for whoever is still able to draw the happiness of their soul, its security, and its strength from the Bible cannot, given their subjective disposition, weigh enough against the phenomena surrounding them that take the form of criticism and rejection of the Bible.

[ 4 ] Dennoch wäre ein solches Urteil im Grunde genommen recht leichtsinnig. Es wäre sogar in gewisser Weise egoistisch, denn der Mensch, wenn er ein solches Urteil ausspricht, sagt sich: Mir gibt die Bibel dieses oder jenes; ob sie anderen Menschen dasselbe gibt, darum kümmere ich mich nicht. — Ein solcher Mensch gibt nicht acht darauf, daß die Menschheit im Grunde genommen ein Ganzes ist, und daß dasjenige, was zunächst in einzelnen lebt, von einzelnen gedacht und empfunden wird, hinabflutet in die ganze Menschheit und Allgemeingut wird. Wer sagt: Ich will nicht hören, was die Kritik und die Gelehrten von der Bibel heute sagen, ich kümmere mich darum nicht —, der urteilt nur für sich und denkt nicht daran, ob auch seine Nachkommen, ob diejenigen Menschen, die auf ihn folgen werden, das Glück haben können, eine solche Befriedigung aus diesem Dokumente zu gewinnen, wenn die Kritik und die Wissenschaft sich anschicken, dieses Dokument der Menschheit zu nehmen. Die Gewalt der Autoritäten, die an dem Leben dieses Dokumentes beteiligt sind, ist eine große und starke. Es heißt eigentlich doch, sich blind und taub stellen gegenüber dem, was um einen herum vorgeht, wenn man nur von dem eben charakterisierten Gesichtspunkte des naiven Glaubens, des unbeirrten Glaubens ausgehen will. Heute muß man schon hören, was bei unseren Mitmenschen das Ansehen und die Bedeutung dieses Menschheitsdokumentes erschüttern kann. Die Erschütterung, die Umwälzungen, die im Verlaufe der letzten Jahrhunderte mit Bezug auf dieses Dokument vor sich gegangen sind, sind ganz gewaltig.

[ 4 ] Nevertheless, such a judgment would essentially be quite reckless. It would even be selfish in a certain sense, for when a person makes such a judgment, they tell themselves: The Bible gives me this or that; whether it gives the same to other people is of no concern to me. — Such a person fails to realize that humanity is, in essence, a whole, and that what initially lives within individuals—what is thought and felt by them—spills over into all of humanity and becomes common property. Anyone who says, “I do not want to hear what critics and scholars say about the Bible today; I do not care about that”—such a person judges only for himself and does not consider whether his descendants, or those who will come after him, might have the good fortune to derive such satisfaction from this document if criticism and scholarship set out to take this document away from humanity. The power of the authorities involved in the life of this document is great and strong. To insist on proceeding solely from the perspective of naive faith—the unshakable faith just described—is, in fact, to turn a blind eye and a deaf ear to what is happening all around one. Today, one must listen to what might shake the prestige and significance of this document of humanity among our fellow human beings. The upheavals and revolutions that have taken place over the course of the last few centuries with regard to this document are truly immense.

[ 5 ] Noch vor wenigen Jahrhunderten hat die Bibel als etwas gegolten, das unbedingte Autorität genoß; sie galt als ein Schriftwerk höheren göttlichen Ursprungs. Dieser Glaube, diese Annahme ist seit langem erschüttert und wird immer mehr und mehr durch immer neue Gründe erschüttert werden. Zunächst war es nicht etwa unsere heutige Wissenschaft, nicht etwa die gegenwärtige Naturwissenschaft, welche sich gegen die alte Auffassung der Bibel wendete. Es war schon vor weit mehr als hundert Jahren, da wendete sich — wir dürfen den Ausdruck gebrauchen, denn wir haben ihn öfter hier erklärt — die mehr materialistisch sich gestaltende Denkgewohnhett dazu, die Bibel vom rein äußerlichen Standpunkte aus anzusehen. Sprechen wir zunächst von dem Teil der Bibel, den wir als das Alte Testament bezeichnen. Er galt, wie das Neue Testament, durch Jahrhunderte hindurch als eine Eingebung höherer Mächte. Er galt als herausgeschrieben aus einem Bewußtsein, das sich erheben konnte zu einer Wahrheitssphäre, zu der sich das sinnliche Bewußtsein nicht erheben konnte. Das erste, was den Glauben daran erschütterte, daß die Bibel aus einem höheren Menschheitsbewußtsein heraus geschrieben sei, daß ihr eine andere Autorität zukomme als irgendeiner Autorität eines menschlichen Schriftstellers, das war, daß man sich sagte: Wenn man die Bibel liest, dann stellt sich heraus, daß sie kein einheitliches Dokument ist. Nehmen wir an, was im achtzehnten Jahrhundert der französische Arzt Astruc sagte: Man sagt, die Menschen hätten unter dem Einflusse höherer Gewalten die Kapitel der Bibel, die wir als die Schöpfungsgeschichte Mosis bezeichnen, geschrieben; nun lesen wir aber die Schöpfungsgeschichte, da finden wir, daß einzelne Teile nicht zusammenstimmen; wir finden, daß stilistische und sachliche Widersprüche vorhanden sind; wir müssen daher annehmen, daß nicht ein einzelner Schriftsteller, sei es Moses oder irgendein anderer, dieses Dokument verfaßt hat, denn derjenige, der als Einzelpersönlichkeit die Verhältnisse hintereinander schildert, der würde nicht innere Widersprüche in die Sache hineinbringen.

[ 5 ] Just a few centuries ago, the Bible was regarded as possessing unquestionable authority; it was considered a sacred text of divine origin. This belief, this assumption, has long since been shaken and will continue to be shaken more and more by ever-new evidence. At first, it was not our modern science, nor was it contemporary natural science, that turned against the old view of the Bible. It was well over a hundred years ago that—we may use this expression, for we have explained it here on several occasions—the increasingly materialistic way of thinking began to view the Bible from a purely external standpoint. Let us first speak of the part of the Bible that we call the Old Testament. Like the New Testament, it was regarded for centuries as an inspiration from higher powers. It was regarded as having been written from a consciousness that could rise to a sphere of truth to which sensory consciousness could not ascend. The first thing that shook the belief that the Bible was written from a higher human consciousness—that it possessed an authority distinct from that of any human author—was the realization that when one reads the Bible, it turns out not to be a unified document. Let us take what the French physician Astruc said in the eighteenth century: It is said that people, under the influence of higher powers, wrote the chapters of the Bible that we call the Genesis account of creation; but when we read the Genesis account, we find that individual parts do not agree; we find that there are stylistic and factual contradictions; we must therefore assume that no single author—be it Moses or anyone else—wrote this document, for someone acting alone who describes events in sequence would not introduce internal contradictions into the narrative.

[ 6 ] Ich kann alle diese Widersprüche nur ihrem Geiste nach skizzieren: Da müßten alte Urkunden von verschiedenen Seiten her genommen und durch mancherlei Schriftsteller zusammenkombiniert worden sein. Das war sozusagen ein erstes, das sich gegen die Bibel richtete.

[ 6 ] I can only outline all these contradictions in general terms: It seems that ancient documents must have been taken from various sources and pieced together by various writers. This was, so to speak, an early work directed against the Bible.

[ 7 ] Nun wollen wir, abgesehen von dem, wie sich die Dinge abgespielt haben, den Geist dieser Art von Opposition gegen den geistigen Ursprung der Bibel einmal charakterisieren. Man sieht da, wie gleich im Anfange in gewaltigen, überwältigenden Bildern die Schöpfung entrollt wird. In ihr werden das sogenannte Sechs- bis Sieben-Tagewerk erzählt. Es wird da weiter erzählt, wie innerhalb dieser Schöpfung der Mensch entstanden ist, wie er in die Sünde kam, wie er weiter und weiter sich von Generation zu Generation bildete. Da bemerkt man, daß in den ersten Teilen, in den ersten Versen, für die göttlichen Gewalten, für den Gott, eine andere Bezeichnung gewählt ist, als vom vierten Verse des zweiten Kapitels an. Man sieht da, daß tatsächlich diese zwei Bezeichnungen, die Bezeichnung für das Göttliche als die Elohim und die Bezeichnung des Göttlichen als Jahve oder Jehova, abwechseln. Da muß man sich fragen: Soll ein Schriftsteller das Göttliche mit zwei verschiedenen Namen bezeichnet haben? Woher kann das kommen? Man sagt sich, daß derjenige oder diejenigen, welche zuletzt das Dokument zusammenstellten, alte Traditionen oder auch alte Urkunden gefunden haben, die sie zusammengekoppelt und daraus ein Ganzes gemacht haben. Der eine kann von diesem Volksstamme, der andere von einem anderen Volksstamme gekommen sein, und das habe man zusammengekopgpelt. Das ist sozusagen skizzenhaft das eine, das sich geltend macht. Von diesem ausgehend bemerkt man, immer weiter und weiter gehend, daß ähnliche und auch andere Widersprüche auftauchen. So kam man immer mehr dahin, die ursprünglichen Urkunden in verschiedene Stücke zu sondern und zu zerreißen. Und wenn heute jemand zusammenstellen wollte eine Bibel, wie es ja geschehen ist, aus den verschiedenen Stücken und Fragmenten, aus denen man endlich glaubte, daß sie zusammengesetzt sein müsse, wenn jemand mit blauen Buchstaben druckte alles dasjenige, was man zur einen Urkunde rechnet, mit roten Buchstaben, was zur anderen, mit grünen Buchstaben, was zur dritten und so weiter, dann würde ein merkwürdiges Dokument zusammenkommen. Es ist aber schon zustandegekommen — die sogenannte Regenbogen-Bibel!

[ 7 ] Now, setting aside the question of how things actually unfolded, let us characterize the spirit of this kind of opposition to the spiritual origin of the Bible. We see there how, right from the beginning, creation is unfolded in powerful, overwhelming imagery. It recounts the so-called six- to seven-day work of creation. It goes on to describe how humankind came into being within this creation, how humankind fell into sin, and how humankind continued to develop further and further from generation to generation. There one notices that in the first parts, in the first verses, a different term is chosen for the divine powers—for God—than is used from the fourth verse of the second chapter onward. One sees there that, in fact, these two terms—the term for the divine as “Elohim” and the term for the divine as “Yahweh” or “Jehovah”—alternate. This raises the question: Did the writer intend to refer to the divine with two different names? Where could this come from? It is said that the person or persons who ultimately compiled the document found ancient traditions or even ancient texts, which they pieced together to form a whole. One might have come from this tribe, the other from a different tribe, and these were combined. That, so to speak, is a rough outline of one theory that has gained traction. Building on this, one notices—as one goes further and further—that similar and other contradictions arise. Thus, people increasingly came to the point of separating the original documents into different pieces and tearing them apart. And if someone today wanted to compile a Bible—as has indeed happened—from the various pieces and fragments that people finally believed must have made up the original, if someone were to print in blue letters everything considered part of one document, in red letters what belongs to another, in green letters what belongs to a third, and so on, then a curious document would result. But it has already come into being—the so-called Rainbow Bible!

[ 8 ] Das uralte, ehrwürdige Dokument ist da, man möchte sagen, in einzelne Lappen zerlegt, aus denen es bestehen und aus denen es zusammengefügt sein soll. Die Bibel ist natürlich ein Dokument, von dem man aber glaubt, nachweisen zu können, daß es nicht etwa von Moses herrührt, sondern daß Teile davon sogar aus verhältnismäßig später Zeit stammen von diesem oder jenem Priesterkollegium, während andere Teile der Bibel zusammengestellt seien aus Sagen und Mythen, die man von da und dort zusammengetragen habe aus religiösen Anschauungen dieser oder jener Schule. Was auf diese Weise ein Ganzes geworden ist, das kann nicht gelten als etwas, was durch eine Erhebung des Bewußtseins der Menschenseele, welches hineinschauen kann in die geistigen Welten, in die Geschichte hineingebracht worden wäre.

[ 8 ] This ancient, venerable document is, one might say, broken down into the individual fragments of which it consists and from which it is supposed to have been assembled. The Bible is, of course, a document, but it is believed that one can prove that it does not originate from Moses, but that parts of it even date from a relatively later period, from this or that priestly college, while other parts of the Bible are said to have been compiled from legends and myths gathered here and there from the religious views of this or that school. What has thus become a whole cannot be regarded as something that was brought into history through an elevation of the consciousness of the human soul, which is capable of looking into the spiritual worlds.

[ 9 ] Nun darf niemand glauben, daß diese beiden Vorträge, die ich heute und am Sonnabend zu halten habe, bestimmt sein sollen, irgendwie den Fleiß und die Emsigkeit der eben nur flüchtig skizzierten Arbeiten herabzusetzen. Wer die Dinge kennt, die so verwendet worden sind als geistige Hilfsmittel, die Bibel in kleine Stücke zu zerreißen und als kleine Stücke zu erklären, dem zeigen sich der Fleiß und die Emsigkeit und die Forschergeschicklichkeit der ganzen Arbeiten. Sie zeigen sich dem, der es versteht, als das Gewaltigste, was vielleicht in der Wissenschaft geleistet worden ist. Nicht in bezug auf das Formale, nicht in bezug auf das Emsige des Forschens läßt sich etwas Gleiches finden. Wenn man nun das etwas näher betrachtet, was als Folge dieser Forscherarbeit, die von den modernen Theologen geleistet worden ist, also gerade von denjenigen, die vermöge ihres Berufes fest glauben, auf dem Boden des Christentums zu stehen, so müssen wir uns sagen: es muß dazu führen, das Verhältnis zur Bibel ganz anders zu gestalten als es durch Jahrhunderte hindurch war. Wenn diese Forschung ihre Früchte trägt, wird die Bibel nicht mehr sein können — es würde viel dazugehören, dies im einzelnen zu begründen —, es würde die Bibel nicht mehr sein können das Dokument, das den Menschen tröstet und aufrichtet in den traurigsten Angelegenheiten des Lebens.

[ 9 ] Now, let no one think that these two lectures, which I am to deliver today and on Saturday, are intended in any way to diminish the diligence and zeal of the works I have just briefly outlined. Anyone familiar with the tools that have been used—as intellectual aids to tear the Bible into small pieces and explain it as such—will recognize the diligence, the zeal, and the scholarly skill behind the entire body of work. To those who understand it, these qualities reveal themselves as perhaps the most formidable achievement in the history of scholarship. Nothing comparable can be found, neither in terms of form nor in terms of the diligence of the research. If we now take a closer look at the consequences of this scholarly work carried out by modern theologians—that is, precisely by those who, by virtue of their profession, firmly believe they stand on Christian ground—we must conclude that it must lead to a completely different relationship with the Bible than has existed for centuries. If this research bears fruit, the Bible will no longer be able to be—it would take a great deal to justify this in detail—the Bible will no longer be able to be the document that comforts and uplifts people in the saddest circumstances of life.

[ 10 ] Dazu kommt noch etwas anderes, nämlich, daß für zahlreiche Menschen, die sich umgesehen haben im Bereiche der naturwissenschaftlichen Forschung, die sich umgesehen haben in der Geologie, in der Entwickelungsgeschichte des Tier- und Pflanzenlebens, umgesehen haben in der Kulturgeschichte, in der Anthropologie und so weiter, daß für diese Menschen kaum noch eine Möglichkeit vorhanden ist, sich bei dem, was sie in der Bibel lesen, etwas zu denken. Man muß auch in dieser Beziehung gerecht sein und sich nicht einfach auf den Boden des naiven Glaubens stellen und sagen, daß das nichts zu bedeuten hat. Es sind oft diejenigen, die am gewissenhaftesten sind in ihrem Wahrheitsgefühl, in ihrem Erkenntnisdrang, die sich sagen: Wenn ich durch die auf sicherem Boden stehende Forschung sehe, wie sich die Erde entwickelt hat durch geologische Perioden hindurch, wie wir gewisse Hypothesen für die Sache haben, wie die Astronomie zeigt, wie sich die Erde aus einem Nebel von höherer Temperatur heraus zu der heutigen Gestalt entwickelt hat, wie sich das Unlebendige herausentwickelt hat und aus diesem Unlebendigen die lebendige Wesenheit, wie sich nach und nach alles von dem Einfachen bis zum Kompliziertesten, dem Menschen, entwickelt hat, wie die Kulturformen zu den heutigen komplizierten Formen aufgestiegen sind, wenn wir sehen, was die Geologie zeigt, welche gewaltigen Zeiträume nötig waren, um die Erde zu erhalten, als sie noch nicht Amphibien, noch nicht Säugetiere hervorgebracht hatte, wenn wir das alles überblicken und auf uns wirken lassen — so sagen uns zahlreiche Persönlichkeiten —, was sollen wir da machen, wenn uns die Bibel erzählt, daß in sechs bis sieben Tagen die Welt erschaffen worden sein soll? Weder mit der Schöpfung in sechs bis sieben Tagen noch mit irgend etwas anderem können wir etwas anfangen. Was können wir anfangen mit der Sintflut, mit der wunderbaren Rettung des Noah, wenn wir lesen, daß Noah so viele Tiere in die Arche gebracht hat, und so weiter? — So kommt es, daß manche mit Würde und ernstem Wahrheitssinn begabte Menschen jene scharfe und schneidige Opposition gegen die Bibel energisch vertreten, die sich von dem heutigen naturwissenschaftlichen Standpunkte aus ergibt, insofern sie sich zu einer Weltanschauung erweitern will. Das alles ist in unserer Weltanschauung vorhanden. Das alles können wir nicht wegleugnen.

[ 10 ] There is also another factor: namely, that for many people who have explored the field of scientific research—who have studied geology, the evolutionary history of animal and plant life, cultural history, anthropology, and so on—there is hardly any possibility left for them to make sense of what they read in the Bible. We must also be fair in this regard and not simply take the position of naive faith and say that it means nothing. It is often those who are most conscientious in their sense of truth and in their thirst for knowledge who say to themselves: When I see, through research grounded in solid evidence, how the Earth has evolved through geological periods, how we have certain hypotheses regarding this matter, how astronomy shows how the Earth developed from a high-temperature nebula into its present form, how the inanimate world evolved and, from this inanimate world, living beings emerged, how everything has gradually developed from the simplest to the most complex—human beings—how cultural forms have evolved into today’s complex forms; when we see what geology reveals—the immense periods of time required to shape the Earth before it had yet produced amphibians or mammals—when we take all this in and let it sink in — as numerous prominent figures tell us — what are we to make of it when the Bible tells us that the world is said to have been created in six to seven days? We cannot make sense of either the creation in six to seven days or anything else. What are we to make of the Flood, of Noah’s miraculous rescue, when we read that Noah brought so many animals into the ark, and so on? — This is why some people, endowed with dignity and a serious sense of truth, vigorously advocate that sharp and incisive opposition to the Bible that arises from today’s scientific standpoint, insofar as it seeks to expand into a worldview. All of this is present in our worldview. We cannot deny any of it.

[ 11 ] Nun entsteht aber die Frage: Sind wirklich alle die Dinge berücksichtigt, die der Bibel gegenüber zu berücksichtigen sind, wenn entweder der erste, der historische, oder der zweite, der naturgeschichtliche Standpunkt geltend gemacht wird? Da muß gesagt werden, daß es heute schon einen dritten Gesichtspunkt gibt gegenüber der Bibel, einen Gesichtspunkt, der sich aus jener realen Forschungsmethode und menschlichen Anschauungsweise heraus entwickelt, die in diesen Vorträgen als die geisteswissenschaftliche oder anthroposophische charakterisiert wird. Mit diesem Gesichtspunkte gegenüber der Bibel haben wir uns heute und übermorgen zu befassen. Was ist dies für ein Gesichtspunkt? Man sagt heute vielfach, der Mensch dürfe sich nicht auf eine äußere Autorität stützen, er müsse voraussetzungslos an die Welt und an das Leben herangehen und die Wahrheit erforschen, und man glaubt gerade die Bibel zu treffen, wenn man sich auf einen solchen Gesichtspunkt begibt. Trift man in Wahrheit damit die Bibel? Es läßt sich dasjenige, was der geisteswissenschafliche oder anthroposophische Standpunkt der Bibel gegenüber ist, unbedingt vergleichen mit etwas, was sich vor einigen Jahrhunderten in bezug auf etwas anderes, wenn auch minder Bedeutendes, für die Menschheit zugetragen hat. Wir werden uns am leichtesten verständigen können über den geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt der Bibel gegenüber, wenn wir einen Vergleich mit den Umwälzungen in bezug auf die Anschauung von der Erde machen.

[ 11 ] But this raises the question: Are all the factors that must be taken into account in relation to the Bible truly considered when either the first—the historical—or the second—the natural-historical—perspective is applied? It must be said that there is already a third perspective on the Bible today—a perspective that has developed out of that method of research and human outlook which is characterized in these lectures as spiritual science or anthroposophy. We will be addressing this perspective on the Bible today and the day after tomorrow. What kind of perspective is this? It is often said today that human beings should not rely on an external authority, but must approach the world and life without preconceptions and seek the truth; and people believe they are precisely targeting the Bible when they adopt such a perspective. Does this truly target the Bible? The spiritual-scientific or anthroposophical perspective on the Bible can certainly be compared to something that occurred several centuries ago with regard to another matter—albeit one of lesser significance—for humanity. We will be able to understand the spiritual-scientific perspective on the Bible most easily if we draw a comparison with the upheavals that took place regarding the view of the Earth.

[ 12 ] Da sehen wir das ganze Mittelalter herauf, in allen Schulen, niederen und höheren, das, was in bezug auf die äußere Natur gelehrt worden ist, anknüpfen an alte Schriften, allerdings an Schriften einer großen und gewaltigen Persönlichkeit, an die Schriften des alten griechischen Philosophen und Naturforschers Aristoteles. Also wenn Sie mit mir zurückgehen könnten an die Stätten des Geisteslebens der älteren Zeit, so würden Sie finden, daß nicht vorgetragen wurde in alten Schulen und Lehrstätten, was in Laboratorien gefunden worden ist, sondern das, was in den Büchern des Aristoteles gedruckt war. Aristoteles war die Autorität und seine Bücher waren die Bibel der damaligen Naturwissenschaft. Und überall, wo man darüber vortrug, lehrte man nur das, was Aristoteles über die Dinge schon gesagt hatte. Nun kamen die Zeiten, in denen eine neue Morgenröte heranbrach in bezug auf die Anschauung der Natur, die neue Art der Naturanschauung von Kopernikus, Kepler und Galilei und all den anderen bis auf den heutigen Tag. Was war der Grundnerv dieser Morgenröte? Während man vorher den Aristoteles als festen Ausgangspunkt genommen hatte, und so wie er gesprochen hat über die Natur sprach, wendeten nun Kopernikus, Kepler und Galilei ihren eigenen Beobachtungs- und Forschungssinn an. Sie schauten selbst in die Natur hinaus und untersuchten, was das Leben ihnen zeigen konnte, So wollten sie die Natur beschreiben und erklären nach dem, was sie selbst gesehen hatten. Da kamen sie in manchen Widerspruch mit dem, was die streng Aristoteles-Gläubigen lehrten.

[ 12 ] Throughout the Middle Ages, in all schools—both elementary and higher—what was taught regarding the external natural world drew upon ancient writings, specifically those of a great and formidable figure: the ancient Greek philosopher and naturalist Aristotle. So if you could go back with me to the centers of intellectual life in earlier times, you would find that what was taught in the old schools and places of learning was not what had been discovered in laboratories, but rather what was printed in Aristotle’s books. Aristotle was the authority, and his books were the Bible of natural science at that time. And wherever these subjects were taught, one taught only what Aristotle had already said about them. Then came the times when a new dawn broke regarding the view of nature—the new way of viewing nature pioneered by Copernicus, Kepler, and Galileo, and carried forward by all the others up to the present day. What was the driving force behind this dawn? Whereas previously Aristotle had been taken as a fixed point of departure, and people spoke of nature just as he had, Copernicus, Kepler, and Galileo now applied their own sense of observation and inquiry. They looked out into nature themselves and examined what life had to show them. Thus, they sought to describe and explain nature based on what they themselves had seen. In doing so, they came into conflict in some respects with what the strict followers of Aristotle taught.

[ 13 ] Es ist mehr als eine bloße Anekdote, es bezeichnet die tiefe Wahrheit eines Prozesses, der sich damals abgespielt hat, wenn erzählt wird, daß ein Aristoteles-Gläubiger aufgefordert wurde, sich doch einmal am menschlichen Körper, an einer Leiche selber anzusehen, daß es nicht richtig ist, daß die Nerven vom Herzen ausgehen — wie Aristoteles lehrt —, sondern daß sie vom Gehirn ausgehen. Da ließ sich der Aristoteles-Gläubige bewegen, sich das anzuschauen. Dann sagte er aber: Wenn ich das anschaue, dann scheint es, daß die Natur dem Aristoteles widersprechen würde. Aber wenn die Natur dem Aristoteles widerspricht, so glaube ich nicht der Natur, sondern dem Aristoteles. — So stand die Naturwissenschaft gegenüber der Tradition. Die Anschauung des Forschers wurde gegenüber dem, was als Tradition durch Jahrhunderte sich fortgepflanzt hatte und nachgesprochen worden ist, abgelehnt. Wenn wir die Schriften Giordano Brunos lesen, sehen wir die Opposition gegenüber Aristoteles aus dem neuen Geist, der erzählt und erklärt, was der Mensch selber sehen sollte.

[ 13 ] It is more than just an anecdote; it points to the profound truth of a process that took place back then, when it is recounted that a follower of Aristotle was urged to examine the human body—specifically, a corpse—for himself to see that it is not true that the nerves originate in the heart—as Aristotle teaches—but rather that they originate in the brain. The Aristotelian was persuaded to take a look. But then he said: When I look at this, it seems that nature would contradict Aristotle. But if nature contradicts Aristotle, then I do not believe nature, but Aristotle. — This is how natural science stood in opposition to tradition. The researcher’s observation was rejected in favor of what had been passed down and repeated as tradition over the centuries. When we read the writings of Giordano Bruno, we see the opposition to Aristotle emerging from the new spirit that describes and explains what human beings should see for themselves.

[ 14 ] Heute stehen wir der ganzen Sache schon wieder anders gegenüber. Wir stehen anders gegenüber der unmittelbaren naturwissenschaftlichen Beobachtung und auch gegenüber Aristoteles. Wir wissen, daß vieles von dem, was im Mittelalter aus ihm herausgelesen worden ist, nur mißverständliches Auslegen seiner Schriften war. Aristoteles war aus dem Geiste seiner Zeit heraus selbst ein Forscher, der unmittelbar hineinblickte in die Natur und das wiedergab, was er zu sagen verstand. Und wenn wir Aristoteles richtig verstehen, wenn wir eingehen können auf das, was er sagte, dann erscheint er uns nicht mehr in jenem Widerspruch, in dem er zu stehen schien für die damalige Zeit, zur unmittelbaren wissenschaftlichen Beobachtung. Dann können wir wieder seine Bewunderer werden, denn gerade bei der Tatsache des Ausgehens der Nerven vom Herzen statt vom Gehirn zeigt es sich, daß er etwas ganz anderes gemeint hat, nämlich etwas, das selbst für unsere Zeit noch richtig ist.

[ 14 ] Today, our perspective on the whole matter has changed once again. We view direct scientific observation differently, and we also view Aristotle differently. We know that much of what was read into his work during the Middle Ages was merely a misinterpretation of his writings. Aristotle, in the spirit of his time, was himself a researcher who looked directly into nature and conveyed what he understood. And if we understand Aristotle correctly, if we can engage with what he said, then he no longer appears to us to be in that contradiction—as he seemed to be at the time—with direct scientific observation. Then we can once again become his admirers, for precisely in the fact that nerves originate from the heart rather than the brain, it becomes clear that he meant something entirely different—namely, something that remains true even in our own time.

[ 15 ] In einer ganz ähnlichen Art steht die geisteswissenschaftliche Forschung nicht nur zu diesen Dokumenten — den Schriften des Aristoteles —, sondern auch zu dem abendländischen Urdokument, zur Bibel. Was sich im sechzehnten Jahrhundert und seitdem in bezug auf die Beobachtung und Erforschung der äußeren Natur abgespielt hat, das spielt sich heute wieder ab in bezug auf die Erforschung der geistigen Untergründe der Welt. Aus dem Geiste jener Forschung heraus, die in den drei letzten Vorträgen charakterisiert worden ist, sucht die Menschheit wieder einzudringen in diejenigen Welten, die nicht mit den äußeren Sinnen wahrnehmbar sind, die aber wahrnehmbar sind für die höher entwickelten Sinne des Menschen, für die geistigen Sinne des Menschen, durch die wir ebenso in die geistige Welt hinein sehen können, wie wir durch die physischen Sinne in die physische Welt hinein sehen können. Es braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden, weil es ja schon öfter gesagt worden ist, daß der Mensch fähig ist, in sich die Kräfte zu entwickeln, daß er nicht nur die sinnlichen Dinge wahrnehmen kann, sondern daß er zwischen und hinter dem Sinnlichen eine geistige Welt wahrnehmen kann, eine geistige Welt, die viel realer ist als die sinnliche Welt. Es hatte seinen guten Grund, daß die Menschheit eine Weile die Methoden der geistigen Forschung vergaß. Die großen Fortschritte, die großen Eroberungen in der physischen Welt wurden gemacht dadurch, daß die Instrumente so vervollkommnet wurden, wie es in den letzten Jahrhunderten der Fall war. Aber wenn das eine in der menschlichen Natur sich vergrößert, dann treten andere Fähigkeiten in den Hintergrund. So sehen wir, wie in den letzten Jahrhunderten die naturwissenschaftlichen Methoden für die äußere physische Tatsachenwelt aufblühten. Niemals sind in der großartigen Weise mehr Instrumente gefunden worden, um der Natur die Geheimnisse abzulauschen und ihre Gesetze zu erforschen. In ungeheurer Weise sind die Fähigkeiten, die Bezug hierauf haben, vergrößert und vervollkommnet worden, aber zurückgetreten sind die Fähigkeiten, durch welche der Mensch hineinschauen kann in die geistige Welt. Und so ist es nicht zu verwundern, wenn der Mensch zu dem Glauben gekommen ist, daß aus dem materiellen, stofflichen Dasein auch das Geistige erklärt werden kann. |

[ 15 ] In a very similar way, research in the humanities approaches not only these documents—the writings of Aristotle—but also the original Western document, the Bible. What took place in the sixteenth century and since then with regard to the observation and exploration of external nature is taking place again today with regard to the exploration of the spiritual foundations of the world. In the spirit of that research characterized in the last three lectures, humanity is once again seeking to penetrate those worlds that are not perceptible to the external senses, but which are perceptible to the higher-developed senses of the human being—the spiritual senses—through which we can see into the spiritual world just as we can see into the physical world through the physical senses. There is no need to elaborate further here, for it has already been stated on numerous occasions that human beings are capable of developing the powers within themselves not only to perceive sensory things, but also to perceive, between and beyond the sensory realm, a spiritual world—a spiritual world that is far more real than the sensory world. There was a good reason why humanity forgot the methods of spiritual research for a time. The great advances, the great conquests in the physical world, were made possible by the refinement of instruments, as was the case in recent centuries. But when one aspect of human nature expands, other abilities recede into the background. Thus we see how, in recent centuries, the scientific methods for investigating the external physical world have flourished. Never before have instruments been developed on such a magnificent scale to eavesdrop on nature’s secrets and explore its laws. The abilities related to this have been expanded and perfected to an immense degree, but the abilities through which human beings can look into the spiritual world have receded. And so it is not surprising that human beings have come to believe that the spiritual can also be explained from material, physical existence. |

[ 16 ] Aber wir stehen in der heutigen Zeit vor dem Einbruch einer Epoche, wo es der Menschheit wieder zum Bewußtsein kommt, daß es auch noch andere Instrumente und Werkzeuge gibt, als diejenigen im physikalischen und physiologischen Laboratorium, wo sie in so ausgezeichneter Weise benützt werden. Allerdings haben wir es zu tun mit einem Instrument, das sich gründlich unterscheidet von den anderen. Wir haben es mit dem Grund- und Ur-Instrument zu tun, das wir im Menschen selbst zu erblicken haben. Der Mensch ist es, den wir im Laufe des Winters durch die Methoden der Konzentration und der Meditation kennenlernen werden. Das sind andere Methoden, die der Mensch auf seine Seele anwenden kann, und durch die er dazu kommt, daß er die Umwelt in einer ganz anderen Weise sieht als er sie vorher gesehen hat. Er kann dazu kommen, daß er sich sagen kann: Ich bin wie ein operierter Blindgeborener, der vorher ableugnen konnte die Farben und das Licht der Welt. — Eingetreten ist aber für ihn nun der Moment, daß er selber sehen konnte. Er konnte nun sehen, daß hinter dem, was die Sinne und der Verstand wahrnehmen, noch etwas anderes ist. Jetzt sieht er hinein in die geistigen Dinge; jetzt weiß er, nicht hypothetisch, nicht durch spekulative Philosophien, daß das Sinnliche, das Stoffliche nur wie eine Verdichtung ist des Geistigen, daß das, was wir mit den Sinnen sehen, sich so zu einem Geistigen hinter ihm verhält, wie sich Eis zu Wasser verhält. Das Wasser ist dünn, das Eis ist fest, und der, welcher das Wasser nicht sehen könnte, aber das Eis sehen kann, der würde sagen: Es ist nichts um das Eis herum da. — So sagt der, welcher nur mit den Sinnen sehen kann, es gebe nichts in weitem Umkreis als sinnliche Vorgänge, nichts als sinnliches Geschehen.

[ 16 ] But in our time, we are on the threshold of a new era in which humanity is once again becoming aware that there are other instruments and tools besides those found in the physical and physiological laboratory, where they are used so effectively. However, we are dealing with an instrument that is fundamentally different from the others. We are dealing with the fundamental and primordial instrument that we must perceive within the human being itself. It is the human being whom we will come to know over the course of the winter through the methods of concentration and meditation. These are different methods that a person can apply to their soul, and through which they come to see the world in a completely different way than they did before. They may come to say to themselves: I am like a person born blind who has undergone an operation, who previously could not perceive the colors and light of the world. — But the moment has now come for them to see for themselves. He can now see that behind what the senses and the intellect perceive, there is something else. Now he looks into spiritual things; now he knows—not hypothetically, not through speculative philosophies—that the sensory and the material are merely a condensation of the spiritual, that what we see with the senses relates to the spiritual behind it in the same way that ice relates to water. Water is fluid, ice is solid, and someone who could not see the water but could see the ice would say: There is nothing around the ice. — So says the one who can see only with the senses: there is nothing within a wide radius but sensory phenomena, nothing but sensory events.

[ 17 ] Wir müssen aber vordringen in dieses übersinnliche Gebiet, in dieses übersinnliche Geschehen, dann können wir auch das Geistige erkennen und erklären. Wer sich also keine geistigen Ohren und Augen ausgestaltet hat, der sieht in der ganzen Welt nichts als eine Verdichtung, so wie Eis im Wasser, und es erscheint ihm nicht die Urmutter der Substanz, das Geistige, in dem das Sinnliche nur eingebettet ist. Wenn uns der Geologe zeigt, wie etwa ein Mensch sich befindet, der in das Weltall hinaus einen Stuhl setzen könnte und zuschauen könnte, wie sich die Welt entwikkelt hat: Der äußere sinnliche Anblick würde ein solcher sein, wie die Naturwissenschaft es schildert. Gegen das, was die Naturwissenschaft im positiven Sinne zu sagen hat, hat die Geisteswissenschaft nichts einzuwenden. Aber es zeigt sich dem, der da in richtiger Art in der Naturwissenschaft Bescheid weiß, daß vor dem ersten Entstehen des Physischen das Geistige da war. Da zeigt sich, wie der Fortschritt nur möglich wurde dadurch, daß das Geistige dazwischen mitwirkte, und daß am meisten der Geist an der Entwickelung beteiligt ist.

[ 17 ] But we must venture into this supersensible realm, into these supersensible processes; only then can we recognize and explain the spiritual. So anyone who has not developed spiritual ears and eyes sees nothing in the whole world but a condensation, like ice in water, and the primordial mother of substance—the spiritual, in which the sensory is merely embedded—does not appear to them. If a geologist were to show us, for example, the perspective of a person who could place a chair out into space and watch how the world has developed: the external, sensory view would be just as natural science describes it. Spiritual science has no objection to what natural science has to say in a positive sense. But it becomes clear to anyone who is properly versed in natural science that the spiritual existed before the physical first came into being. This reveals how progress was made possible only through the spiritual’s intervening influence, and that the spirit is most deeply involved in this development.

[ 18 ] So weist uns diese geistige Weltanschauungsströmung darauf hin, daß es möglich ist, daß der Mensch sich zum Instrumente macht für dieErforschung der wichtigen Grundlagen der Welt, und so kommt unsere Anschauung endlich dazu, die geistigen Urgründe und Anfänge selbst zu erforschen. So steht die Geisteswissenschaft da, unabhängig von jedem Dokument. Sie sagt: Wir forschen zunächst nicht in einem Dokumente. Wir forschen nicht, wie es einst gemacht wurde, in den Büchern des Aristoteles, wir forschen in der geistigen Welt. Wir stellen uns so ein: Dasjenige, was Sie als gewöhnliche Schulgeometrie lernen, die Euklidsche Geometrie, sie wurde in ihren ersten Anfängen durch Euklid, den großen Mathematiker, niedergeschrieben. Wir können das als Dokument heute nehmen und es historisch auffassen. Aber wer heute in der Schule Geometrie lernt, lernt der noch nach dem Elementarbuche des Euklid? Man arbeitet, lernt und erkennt heute an den Dingen selber. Konstruiert man zum Beispiel ein Dreieck, so zeigen sich dem Geiste die inneren Gesetzmäßigkeiten aus der Sache selber. Mit dem, was Sie so gewonnen haben, können Sie dann an Euklid herantreten und erkennen, was er schon in seinem Lehrbuche verzeichnet hat. So auch forscht der Geisteswissenschafter, unabhängig von Büchern, nur durch seine Organe, wie sich die Welt entwickelt hat. Und er findet so die Entwickelung der Welt, die Entwickelung der Erde in jener Zeit, bevor die Erde in ihrer heutigen Form sich herausktistallisiert hat. Er erforscht die geistigen Vorgänge und findet, wie an einem bestimmten Punkte unser Geist im irdischen Dasein einsetzt;er zeigt, wie derMensch als ein erster auftritt und nicht sich entwickelt hat aus untergeordneten Geschöpfen, sondern als Nachkomme geistiger Wesenheiten, die zuerst da waren.

[ 18 ] Thus, this spiritual worldview movement points out to us that it is possible for human beings to make themselves instruments for exploring the important foundations of the world, and in this way our perspective ultimately comes to explore the spiritual origins and beginnings themselves. This is how spiritual science stands, independent of any document. It says: We do not, at first, conduct our research in a document. We do not, as was once done, conduct our research in the books of Aristotle; we conduct our research in the spiritual world. Let us consider it this way: What you learn as ordinary school geometry—Euclidean geometry—was first written down by Euclid, the great mathematician. We can take that as a document today and view it historically. But does anyone learning geometry in school today still study according to Euclid’s *Elements*? Today, people work, learn, and gain insight from the things themselves. If, for example, one constructs a triangle, the inner laws of the matter reveal themselves to the mind from the thing itself. With what you have gained in this way, you can then approach Euclid and recognize what he had already recorded in his textbook. In the same way, the scholar of the spiritual sciences investigates—independently of books, using only his own faculties—how the world has developed. And in this way, he discovers the development of the world, the development of the Earth in that time before the Earth crystallized into its present form. He investigates the spiritual processes and discovers how, at a certain point, our spirit begins its earthly existence; he shows how human beings appear as the first beings and did not evolve from lower creatures, but are the descendants of spiritual beings who were there first.

[ 19 ] Wir können zurückgehen in frühere Zeiten, wo noch die geistigen Urgründe waren. Wir finden da den Menschen mit diesen geistigen Vorgängen verknüpft, und erst später entwickeln sich zu dem Menschen hinzu die niederen Geschöpfe. So wie in der Entwickelung überhaupt gewisse Dinge zurückbleiben und andere sich herausentwickeln, so ist auch hier das Niedere von dem Höheren abgezweigt, abgegangen. Der Geistesforscher weiß, daß geistige Forschungsorgane entwickelt werden können durch Methoden, die der Geistesforscher zu zeigen vermag.

[ 19 ] We can go back to earlier times, when the spiritual foundations still existed. There we find human beings connected to these spiritual processes, and it was only later that the lower creatures evolved alongside them. Just as in evolution in general certain things are left behind while others develop, so too here the lower has branched off from the higher. The spiritual researcher knows that spiritual organs of perception can be developed through methods that the spiritual researcher is able to demonstrate.

[ 20 ] So lehrt die Geistesforschung Weltentstehung und -werden nach Gesetzmäßigkeiten, die unabhängig sind von jedem Dokumente, nur aus den eigenen Gesetzmäßigkeiten heraus, so wie auch die heutige Erlernung der Mathematik nicht gebunden ist daran, wie sie sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat.

[ 20 ] Thus, spiritual research teaches that the origin and evolution of the world are governed by laws that are independent of any written record, deriving solely from their own inherent laws—just as the study of mathematics today is not bound by the way it has developed throughout history.

[ 21 ] Und so, wie sich der Forscher von dieser Weisheit ein Wissen angeeignet hat, so geht er an die Bibel heran, so schaut er jetzt die Bibel an. Und jetzt zeigt sich uns, warum sowohl vom Gesichtspunkte der historisch-kritischen Bibelforschung wie auch vom Gesichtspunkte der naturwissenschaftlichen Forschung Widersprüche in der Bibel sind. Beide Gesichtspunkte kommen aus einem einzigen großen Irrtum, der dadurch entstanden ist, daß man allgemein glaubte, die Wahrheiten der Bibel von physischsinnlichen Wahrnehmungs- und Beobachtungsstandpunkten aus auffassen zu sollen. Man meinte, es sei möglich, mit solchen Maßstäben an die Bibel heranzutreten. Man hatte noch nicht die Forschungsergebnisse der anthroposophischen Geisteswissenschaft.

[ 21 ] And just as the researcher has acquired knowledge from this wisdom, so he approaches the Bible; this is how he now views the Bible. And now it becomes clear to us why there are contradictions in the Bible, both from the perspective of historical-critical biblical scholarship and from the perspective of scientific research. Both perspectives stem from a single, major error that arose from the general belief that the truths of the Bible should be understood from the standpoint of physical, sensory perception and observation. It was thought that it was possible to approach the Bible with such standards. The findings of anthroposophical spiritual science were not yet available.

[ 22 ] Es soll jetzt an einzelnen Beispielen gezeigt werden, was eben gesagt worden ist. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, daß wir bei der Erforschung der irdischen Schöpfung zunächst mit den Methoden der Geologie und so weiter nur bis zu einem gewissen Punkte kommen, und daß dann die Menschheitsentwickelung weiter zurück ins Unbestimmte zu verlaufen scheint. Und warum? Niemals, soviel sie auch hoffen mag, wird die sinnliche Wissenschaft den Menschen bis zum Ursprunge verfolgen können, aus dem Grunde, weil die sinnliche Wissenschaft nur das Sinnliche finden kann. Aber dem Sinnlichen im Menschen ist das Seelische und Geistige vorangegangen. Der Mensch war zuerst Seele und noch früher Geist, und er ist dann heruntergestiegen in das Erdendasein. Nur insofern beim Heruntersteigen des Menschen in das Erdendasein das physische Leben beteiligt ist, kann uns die Naturwissenschaft diesen Entwikkelungsgang zeigen. Das seelische Leben können wir nicht mit den gewöhnlichen Kräften der sinnlichen Beobachtung erforschen. Auch die Geologie kann uns keinen Leitfaden bieten. Sie bietet uns die Erforschung desjenigen, was zurückgeblieben ist an sinnlich wahrnehmbaren Materien. Sie kann also nur angeben, was man sehen würde, wenn man einen Stuhl in das Weltall hätte hinaus setzen können und von dort alles gesehen hätte, was sich auf der Erde entwickelt hat. Darauf geht die Geisteswissenschaft nicht ein. Aber um den Menschen in urferner Vergangenheit als Geistwesen zu sehen, dazu muß man die geistigen Augen und die geistigen Ohren entwickelt haben. Hat man diese nicht, dann verschwindet das Seelische und Geistige des Menschen dem Blick. Hat man aber die geistigen Augen, dann verschwindet das Sinnliche, und es ersteht das geistige Bild. Das kann man aber nicht in derselben Weise sehen wie das Sinnliche. Man muß sich ganz andere Begriffe über das Erkennen aneignen, wenn man in solche Urzeiten zurückgehen will. Was man da vom Menschen sich entwickeln sieht, als er erst Seele war, das zeigt sich nicht in sinnlichen gegenständlichen Wahrnehmungen wie die äußere Sinneswelt sie bietet. Das zeigt sich uns in Bildern. Unser Bewußtsein wird durch die Entwickelung der inneren Kräfte der Seele das, was wir ein Bilderbewußtsein, ein imaginatives Bewußtsein nennen. Es ist dann das Bewußtsein ausgefüllt mit Bildern. Wir sehen in einem anderen Bewußtseinszustande das, was sich damals abgespielt hat, jetzt in Bildern. Bildhaft ist das, was so im Innern des Sehers vorgeht.

[ 22 ] We will now use specific examples to illustrate what has just been said. Spiritual science shows us that, in our exploration of earthly creation, we can only go so far using the methods of geology and so on, and that human development then seems to extend further back into the unknown. And why? No matter how much it may hope to do so, sensory science will never be able to trace human beings back to their origin, for the simple reason that sensory science can discover only what is sensory. But the soul and the spirit preceded the sensory aspect of the human being. Human beings were first soul and, even earlier, spirit, and they then descended into earthly existence. Only to the extent that physical life is involved in humanity’s descent into earthly existence can natural science show us this course of development. We cannot investigate the life of the soul with the ordinary powers of sensory observation. Geology, too, cannot offer us any guidance. It allows us to investigate what remains of sensibly perceptible matter. It can therefore only indicate what one would see if one could have placed a chair out into outer space and observed from there everything that has developed on Earth. Spiritual science does not address this. But in order to see human beings in the distant past as spiritual beings, one must have developed spiritual eyes and spiritual ears. Without these, the soul and spirit of the human being vanish from view. But with spiritual eyes, the physical vanishes, and the spiritual image emerges. However, this cannot be seen in the same way as the physical. One must acquire entirely different concepts of cognition if one wishes to go back to such primeval times. What one sees developing in human beings there, when they were first merely souls, does not manifest itself in sensory, concrete perceptions such as those offered by the external sensory world. It reveals itself to us in images. Through the development of the soul’s inner powers, our consciousness becomes what we call an image-consciousness, an imaginative consciousness. It is then a consciousness filled with images. We see, in a different state of consciousness, what took place back then—now in images. What takes place within the seer is pictorial.

[ 23 ] Das Rudiment, das von der Sehergabe noch vorhanden ist, das ist der Traum. Der ist aber chaotisch. Das Sehen des ausgebildeten Sehers ist auch in solchen Bildern vorhanden, aber diese Bilder entsprechen der Wirklichkeit. Es ist ähnlich dem, wie der physisch-sinnliche Mensch unterscheiden kann, ob seine Vorstellungen der Wirklichkeit entsprechen oder nur eine Phantasie sind. Wer bei dem Satze stehenbleiben will: «Die Welt ist meine Vorstellung» und «Die äußeren Dinge regen nur die Vorstellung an», dem möchte ich zu erwägen geben, er soll sich ein Stück glühendes Eisen in seine Nähe bringen lassen und fühlen, wie es brennt. Er soll es dann wegnehmen lassen und fühlen, ob die bloße Vorstellung auch noch so brennt. Es gibt eben etwas, was die bloße Vorstellung unterscheidet von der Wahrnehmung, die durch den äußeren Gegenstand angeregt ist. Man darf daher nicht sagen, daß der Seher nur in Phantasmen lebt. Er hat eben auf diesem Felde sich so entwickelt, daß er unterscheiden kann, was bloße Phantastik ist, oder was Bild ist für die Wirklichkeit einer geistigseelischen Welt. So werden die Bilder das Ausdruck mittel für eine geistig-seelische Welt. Blickt der Seher zurück in Zeiten, bevor sich ihm sinnliche Gegenstände darstellen, so stellen sich ihm die wahren geistigen Wesenheiten und Begebenheiten den übersinnlichen Wahrnehmungsorganen dar. Der Geistesforscher spricht nicht von Kräften, die Abstraktionen sind, sondern von wirklichen Wesenheiten. Für ihn werden die geistigen Erscheinungen zu Wahrheiten und zu Wesenheiten, und für ihn bevölkert sich die geistige Welt wieder mit geistigen Wesenheiten.

[ 23 ] The remnant that still remains of the gift of clairvoyance is the dream. But it is chaotic. The vision of the trained seer is also present in such images, but these images correspond to reality. It is similar to how the physically-sensory person can distinguish whether their perceptions correspond to reality or are merely a fantasy. To anyone who wishes to cling to the statements, “The world is my perception” and “External things merely stimulate perception,” I would suggest the following: Let them have a piece of red-hot iron brought close to them and feel how it burns. Let them then have it removed and feel whether the mere perception still burns just as intensely. There is, in fact, something that distinguishes mere imagination from perception stimulated by an external object. One must therefore not say that the seer lives only in phantasms. He has simply developed in this realm to the point where he can distinguish between what is mere fantasy and what is an image of the reality of a spiritual-soul world. Thus, the images become the means of expression for a spiritual-soul world. When the seer looks back to times before sensory objects appeared to him, the true spiritual beings and events present themselves to his supersensory organs of perception. The spiritual researcher does not speak of forces that are abstractions, but of real entities. For him, spiritual phenomena become truths and entities, and for him, the spiritual world is once again populated by spiritual entities.

[ 24 ] Nun stellen Sie sich den Menschen vor in seiner vorzeitlichen Entwickelung, als eine Wesenskraft eingegriffen hat in seine Evolution, in seine ganze Gestalt, daß diese Wesenskraft sich unterscheidet, ganz genau unterscheidet von anderen Wesenheiten, die roch früher eingegriffen haben. Wir können das Geistig-Seelische des Menschen, das ja schon übersinnlich ist, noch weiter zurückverfolgen; wir können es in noch höhere Sphären zurückverfolgen. Dann aber muß der Geistesforscher — wenn er in diese noch höheren Sphären kommt, in denen noch höhere Wesenheiten leben —, wenn er von diesen Wesenheiten spricht, auch als von anderen Wesenheiten sprechen.

[ 24 ] Now imagine human beings in their prehistoric development, when a spiritual force intervened in their evolution, in their entire being—a force that differs, quite distinctly, from other spiritual beings that had intervened earlier. We can trace the human being’s spiritual-soul aspect—which is, after all, already supersensible—even further back; we can trace it back into even higher spheres. But then the spiritual researcher—when he enters these even higher spheres, where even higher beings dwell—must, when speaking of these beings, also speak of them as distinct from other beings.

[ 25 ] Tritt nun der Geistesforscher an den Anfang der Bibel heran, da zeigt sich ihm, daß mit wunderbarer Treue die Bilder gegeben sind, die uns das Seelisch-Geistige in der Entwickelung des Menschen darstellen, bevor er in das physische Leben herausgetreten ist. Der Geistesforscher kann, wenn er seine eigenen Imaginationen, die er in seinem Inneren hat, dann in den äußeren Dokumenten wieder findet, sich sagen, daß er diese als Wahrheit erkennt. Wenn er nun zurückgeht in die Zeiten, wo der Mensch den noch höheren Sphären angeschlossen war, da muß er für diese Grundwesen einen anderen Namen wählen, und er findet, daß die Kapitel, die dem vierten Vers des zweiten Kapitels vorangehen, tatsächlich einen anderen Gottesnamen haben. Genau mit den Ergebnissen der Geistesforschung stimmt es überein, daß vom vierten Vers des zweiten Kapitels an für die Darstellung der Urwelten-Entwikkelung ein neuer Gottesname auftritt. So sehen wir uns mit der Geistesforschung in derselben Lage, in der sich heute ein Kenner der Geometrie befindet. Er kann Geometrie aus sich finden, und dann weiß er das Werk des Euklid zu schätzen, der dasselbe gefunden hat. So sehen wir die Entwickelung in den wunderbaren Bildern des Alten Testamentes, und jetzt zeigt sich uns etwas höchst Merk würdiges. Licht und hell wird es über dem Texte der Bibel, wie es nicht hell und licht werden konnte bei den wissenschaftlichen Kritikern.

[ 25 ] When the spiritual researcher turns to the beginning of the Bible, he sees that the images depicting the soul-spiritual realm in the development of the human being before he entered physical life are presented with marvelous fidelity. When the spiritual researcher finds his own inner imaginings reflected in these external texts, he can say to himself that he recognizes them as truth. When he then goes back to the times when human beings were still connected to the even higher spheres, he must choose a different name for these primordial beings, and he finds that the chapters preceding the fourth verse of the second chapter do indeed bear a different name for God. It is precisely in accordance with the findings of spiritual research that, beginning with the fourth verse of the second chapter, a new name for God appears in the description of the development of the primordial worlds. Thus, through spiritual research, we find ourselves in the same position as a scholar of geometry today. He can discover geometry on his own, and then he comes to appreciate the work of Euclid, who discovered the same thing. Thus we see this development in the wondrous images of the Old Testament, and now something most remarkable reveals itself to us. Light and clarity shine upon the text of the Bible in a way that could never have been achieved by the scientific critics.

[ 26 ] Ein Forscher sagte: Was die Elohim taten, das muß von einer anderen Seite herrühren, als das, was von Jahve kommt. Wenn man das im Ernste anwenden will, dann ist es sonderbar. Wir wollen es einmal versuchen. Stellen wir uns diese Bibelstelle einmal vor: «Die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte, . und sie sprach zu dem Weibe: Hat Gott euch nicht gesagt, «Ihr sollt von keinem Baume des Gartens essen»». Wenn nun statt «Elohim» oder «Jahve» nur «Gott» steht, so ist das nicht richtig übersetzt. Es ist sonderbar. Im Urtext heißt es: «Die Schlange war listig..., die Jahve Gott gemacht hatte.» Und da wo es heißt «Hat Gott euch nicht gesagt: «Ihr dürft von keinem Baume des Gartens essen>», da steht im Urtext nicht « Jahve» sondern da steht «die Elohim». Nun fährt das Weib fort und zwar immer so, daß sie von «Gott» spricht. Und im achten Vers heißt es dann: «Und sie hörten die Stimme Gottes, des Herrn.» Aber es heißt im Urtext: die Stimme des Jahve-Gottes. — Nun hätten wir die Geschichte von der Schlange so zusammengestellt, daß erklärlich wird, daß diejenigen, welche die Namen «Jahve» oder «Elohim» gebraucht haben, damit verschiedene Wesenheiten meinten. Das rührt nach Meinung der Bibelkritiker von verschiedenen Traditionen her. Und von der Elohim-Tradition rührt her die Stelle «Hat Gott euch nicht gesagt: «Ihr sollt von keinem Baume des Gartens essen!». — Sie sehen, es wird wirklich aus Lappen die Bibel so zusammengesetzt, daß selbst mitten in den Sätzen die verschiedenen Traditionen zusammengenommen sind.

[ 26 ] A researcher said: “What the Elohim did must come from a different source than what comes from Yahweh. If you want to apply this seriously, it’s strange. Let’s give it a try. Let’s imagine this Bible passage: “The serpent was more cunning than any of the wild animals that the Lord God had made, . and it said to the woman, ‘Didn’t God tell you, “You must not eat from any tree in the garden”?’” If, instead of “Elohim” or “Yahweh,” it simply says “God,” then that is not a correct translation. It is strange. The original text reads: “The serpent was cunning… which Yahweh God had made.” And where it says, “Didn’t God tell you, ‘You must not eat from any tree in the garden’,” the original text does not say “Yahweh” but rather “the Elohim.” Now the woman continues, always referring to “God.” And in the eighth verse it then says: “And they heard the voice of God, the Lord.” But the original text says: the voice of Yahweh-God. — Now we have reconstructed the story of the serpent in such a way that it becomes clear that those who used the names “Yahweh” or “Elohim” meant different entities by them. According to biblical critics, this stems from different traditions. And the passage “Didn’t God say to you, ‘You must not eat from any tree in the garden!’” comes from the Elohim tradition. — You see, the Bible is truly pieced together from scraps in such a way that even in the middle of sentences, the various traditions are combined.

[ 27 ] Gehen Sie mit geisteswissenschaftlicher Forschung an die Bibel heran, dann zeigt sich Ihnen, daß dies auch so dastehen muß. Es ist die Rede von dem vierten Vers des zweiten Kapitels an, daß die Weltschöpfung von den Elohim an Jahve-Gott übergeht. Er ist also diejenige Macht, die alles dasjenige zur Entwickelung bringt, was dann bis zum Sündenfall geschieht. Die Geisteswissenschaft zeigt Ihnen, daß Jahve derjenige Gott ist, der in das Innere der Menschen hinein spricht dasjenige, was wir als das Ich haben, das Ich-bin. Diese Wesenheit, die Ich-bin-Wesenheit ist es, die alles das bewirkt, was vom zweiten Kapitel, vierter Vers an gesagt wird. Diese Wesenheit, die jetzt eingreift, Jahve, ist eine Wesenheit, die einer früheren Entwickelung angehört, aber abgefallen ist... [Lücke in der Nachschrift]. Daher ist die Rede von Jahve-Gott. Die Schlange aber weiß nichts von Jahve, sie muß sich daher wenden an das, was von ihrem eigenen Stoffe ist, bis zu dem Momente, wo das eintritt, was gerade durch Jahve eintreten muß. Erst im achten Vers des dritten Kapitels tritt wieder der Name Jahve auf.

[ 27 ] If you approach the Bible from the perspective of spiritual science, you will see that this is indeed how it must be. Starting with the fourth verse of the second chapter, it is stated that the creation of the world passes from the Elohim to Yahweh-God. He is thus the power that brings about the development of everything that occurs up to the Fall. Spiritual science shows you that Yahweh is the God who speaks into the innermost being of human beings—that which we call the “I,” the “I Am.” It is this entity—the “I Am” entity—that brings about everything described from the second chapter, verse four onward. This entity that now intervenes, Yahweh, is an entity that belongs to an earlier stage of development but has fallen away... [gap in the postscript]. That is why we speak of Yahweh-God. The serpent, however, knows nothing of Yahweh; it must therefore turn to that which is of its own substance, until the moment when what must occur through Yahweh actually occurs. It is not until the eighth verse of the third chapter that the name Yahweh appears again.

[ 28 ] So erwirbt man sich durch die Geistesforschung das Bewußtsein, daß die Bibel eine Urkunde ist, in der nichts, aber auch gar nichts bloß zufällig steht. Mag sich ein moderner Schriftsteller sagen: Warum sollte nicht einmal dieser Gott einen anderen Namen annehmen? — Es gibt nicht diese stilistischen Formen der modernen Schriftsteller bei den alten Eingeweihten. Wo genau und exakt gesprochen werden soll, kann nicht in beliebiger stilistischer Form geredet werden. Was dasteht und was weggelassen ist, hat seine Bedeutung. Wenn der Name Jahve auftritt, und wenn er weggelassen wird, so bedeutet das etwas höchst Wesentliches. Aber man muß den Grundsatz durchführen, daß die Bibel höchst genau zu lesen ist. Lesen Sie die Bibel, wenn Sie sie haben! Lesen Sie das Sechs-Tage-Werk durch, und Sie werden finden, wenn Sie nach dem ersten Vers des zweiten Kapitels fortlesen bis zum Sabbat, daß dann kommt die Stelle «Zur Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte». Diese Verse rechnet man gewöhnlich als eine Hindeutung auf das Vorhergehende, so wie wenn das Sieben-Tage-Werk erzählt worden wäre und nun noch gesagt würde: So ist es gemacht worden, das Sieben-TageWerk. — «Dies ist die Entstehung des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden», und dann geht es weiter «zur Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte» (1. Mos. 2, 4).

[ 28 ] Through spiritual research, one comes to realize that the Bible is a document in which nothing—absolutely nothing—is included by mere chance. A modern writer might ask: Why shouldn’t even this God take on a different name? — The ancient initiates did not employ the stylistic conventions of modern writers. Where precision and accuracy are required, one cannot speak in arbitrary stylistic forms. What is written and what is omitted has its significance. When the name Yahweh appears, and when it is omitted, this signifies something of the utmost importance. But one must adhere to the principle that the Bible must be read with the utmost precision. Read the Bible, if you have it! Read through the account of the six-day creation, and you will find—if you continue reading from the first verse of the second chapter until the Sabbath—that the passage “In the beginning, when the Lord God created the earth and the heavens” then appears. These verses are usually regarded as a reference to what precedes them, just as if the account of the seven-day work had been told and it were now added: “Thus was the seven-day work accomplished.” — “This is the account of the heavens and the earth when they were created,” and then it continues, “in the beginning, when God the Lord made the earth and the heavens” (Gen. 2:4).

[ 29 ] Wer hier den Urtext studiert, der kommt auf das Folgende: Der vierte Vers des zweiten Kapitels bezieht sich nicht auf das Vorhergehende, sondern auf das Nachfolgende; geradeso wie sich später — im Kapitel nach dem Sündenfall — «Dieses ist das Geschlecht des Adam» (1. Mos. 5, 1) auf das Nachfolgende bezieht, auf das Hinterher, auf die folgende Generation, auf dasjenige, was aus Adam entstanden ist. Das wird in derselben Weise gesagt wie: Was da folgt, «das sind die Geschlechter des Himmels und der Erde» (1. Mos. 2, 4). Im Hebräischen steht auch dasselbe Wort dafür. Wer genau liest, der weiß, daß von den Worten an «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde» bis zum dritten Vers des zweiten Kapitels die geistige Welt geschildert wird, wie sie geschaffen ist. Dann wird vom vierten Verse des zweiten Kapitels an gesagt: Das, was Nachkomme ist von Himmel und Erde, wird im Folgenden geschildert. Es ist der wunderbarste Übergang, wenn man die Sache versteht, von dem Sechs-Tage-Werke zu dem Folgenden. Wer sich auf diese Dinge einläßt, findet, daß es vielleicht kein so gut kombiniertes Buch gibt wie die Bibel, namentlich die ältesten Teile derselben. Der Glaube, daß man ohne geistige Forschung an die Bibel herantreten dürfe, daß man mit äußeren Urkunden an sie herantreten könne, das hat dieses in sich so vollkommene und harmonische Werk aufgelöst, so daß es aus lauter Lappen und Fragmenten zusammengesetzt erscheint.

[ 29 ] Anyone who studies the original text here will come to the following conclusion: The fourth verse of the second chapter does not refer to what precedes it, but to what follows; just as later—in the chapter following the Fall—“This is the genealogy of Adam” (Gen. 5:1) refers to what follows—to what comes afterward, to the next generation, to that which came into being from Adam. This is expressed in the same way as: What follows—“these are the generations of heaven and earth” (Gen. 2:4). In Hebrew, the same word is used for this as well. Anyone who reads carefully knows that from the words “In the beginning God created the heavens and the earth” up to the third verse of the second chapter, the spiritual world is described as it was created. Then, beginning with the fourth verse of the second chapter, it is stated: What is the offspring of heaven and earth is described in what follows. It is the most marvelous transition—once one understands it—from the six-day creation to what follows. Anyone who delves into these matters will find that there is perhaps no book as well-structured as the Bible, especially its oldest parts. The belief that one may approach the Bible without spiritual inquiry, that one can approach it based on external evidence—this has fragmented this work, which is so perfect and harmonious in itself, so that it appears to be composed of nothing but scraps and fragments.

[ 30 ] Man muß auch den Grundsatz, genau zu lesen, und den Grundsatz, die Bibel zu haben, noch weiterverfolgen. Man hat die Bibel nicht, wenn man nur den Wortlaut hat, der das einzelne, worauf es ankommt, nur andeutet. Man muß den Grundsatz haben, auf die Bibel einzugehen. Es wird uns am vierten Tage des Sechs-Tage-Werkes erzählt, wie Sonne und Mond entstehen, wie Sonne und Mond Tag und Nacht bedingen (1.Mos. 1, 14—18). Schon vorher aber wird in der Bibel von Tag und Nacht gesprochen (1. Mos. 1, 5). Man kann daraus die Folgerung ziehen: Tag und Nacht, die von Sonne und Mond abhängen (1. Mos. 1, 14—18), können nicht gemeint sein mit dem Tag und der Nacht, die nicht von der Sonne und dem Monde abhängen (1. Mos. 1, 5). Hier kann man einen handgreiflichen Hinweis darauf sehen, wo die Bibel von dem sinnlichen Sonnentag und der sinnlichen Sonnennacht spricht. Diese entstehen durch das, was wir Umdrehung der Erde um die Sonne nennen. Wir können aber sehen, wo die Bibel von diesem sinnlichen Tag hinausweist in das, was im Übersinnlichen, im Geistigen ist, wo sie es erhöht und erweitert in das Geistige hinein.

[ 30 ] We must also pursue further the principle of reading carefully and the principle of possessing the Bible. One does not truly possess the Bible if one has only the text, which merely alludes to the specific points that matter. One must adopt the principle of engaging with the Bible. On the fourth day of the six-day creation, we are told how the sun and moon came into being, and how the sun and moon determine day and night (Gen. 1:14–18). But even before that, the Bible speaks of day and night (Gen. 1:5). From this, one can draw the conclusion: Day and night, which depend on the sun and moon (Gen. 1:14–18), cannot be the same as the day and night that do not depend on the sun and moon (Gen. 1:5). Here we can see a clear indication of where the Bible speaks of the physical solar day and the physical solar night. These arise from what we call the Earth’s revolution around the sun. But we can also see where the Bible points beyond this physical day toward what is in the supersensible, in the spiritual, where it elevates and expands it into the spiritual realm.

[ 31 ] Diejenigen, welche die Bibel geistig erforschen konnten, waren immer in der Lage, daß sie sich sagten: Wenn einer die Sehergabe, die Gabe des höheren Schauens hat und den Sinn der Bibel in der Wirklichkeit finden kann, dann ist es selbstverständlich, daß dieser Sinn der Bibel auch aus der Sehergabe heraus erflossen ist. Wenn wir dadurch, daß sich die Seele in eine andere Geistesstimmung versetzt, hineinblicken können in das, was uns in den gewaltigen Bildern der Bibel gegeben ist, dann wissen wir, daß der, welcher sie geschrieben hat, auch unter der Inspiration der geistigen Welt gestanden haben muß. Wir dürfen wohl sagen: Es beginnt die Zeit, wo immer mehr begriffen werden sollte, daß es viererlei Stufen gibt, wie man heute die Bibel betrachten kann.

[ 31 ] Those who have been able to explore the Bible spiritually have always been able to say to themselves: If someone possesses the gift of clairvoyance, the gift of higher vision, and can discover the true meaning of the Bible, then it goes without saying that this meaning of the Bible also flowed from the gift of clairvoyance. If, by allowing the soul to enter a different spiritual state of mind, we can look into what is given to us in the powerful images of the Bible, then we know that the one who wrote it must also have been under the inspiration of the spiritual world. We may well say: The time is beginning when it should be increasingly understood that there are four levels on which one can view the Bible today.

[ 32 ] Die erste Stufe ist die des naiven Glaubens. Sie nimmt die Bibel in unbeirrter Sicherheit und ahnt nichts von dem, was heute als Einwendungen gegen die Bibel angeführt worden ist.

[ 32 ] The first stage is that of naive faith. It accepts the Bible with unwavering certainty and is unaware of what are now cited as objections to the Bible.

[ 33 ] Die zweite Stufe: Das sind die gescheiten Leute, die Bibelkritiker, welche entweder durch das Erforschen innerer Widersprüche oder durch den naturwissenschaftlichen Standpunkt finden, daß die Bibel das primitive Sagen- und Legendenwerk einer noch nicht forschenden Menschheit war. Sie sind hinaus über die Bibel, sie brauchen sie nicht mehr, sie greifen sie von den verschiedensten Richtungen an und sagen: Sie ist gut gewesen für die kindliche Menschheit. Jetzt aber wächst die Menschheit über die Bibel hinaus. — Das sind die Gescheiten, die Freidenker.

[ 33 ] The second stage: These are the intelligent people, the biblical critics, who—either by examining internal contradictions or from a scientific standpoint—conclude that the Bible was the primitive collection of myths and legends of a humanity that had not yet embarked on scientific inquiry. They have moved beyond the Bible; they no longer need it. They attack it from a wide variety of angles and say: It was good for humanity in its infancy. But now humanity is growing beyond the Bible. — These are the intelligent people, the free thinkers.

[ 34 ] Dann gibt es eine weitere Stufe: Der Mensch wächst über diese Gescheitheit hinaus. Die Menschen dieser Stufe sind zwar auch Freidenker, aber sie sind über diesen zweiten Standpunkt, den der gescheiten Leute hinausgewachsen; sie sehen in den Erzählungen der Bibel — des Alten und des Neuen Testamentes — wenigstens symbolische und mythische Einkleidungen von inneren Seelenerlebnissen. Sie sehen das, was in abstrakter Weise. die menschliche Seele sich vorstellt, in der Bibel in Sinnbildern dargestellt. Dazu sind manche Freidenker gezwungen worden. Sie haben den Standpunkt des freidenkerischen Menschen in den Standpunkt des mythischen Symbolikers, des mythischen Darstellers verwandeln müssen.

[ 34 ] Then there is another stage: Human beings grow beyond this level of cleverness. People at this stage are indeed free thinkers as well, but they have outgrown this second perspective—that of the clever people; they see in the narratives of the Bible—the Old and New Testaments—at least symbolic and mythical expressions of inner spiritual experiences. They see what the human soul conceives of in an abstract way depicted in the Bible through symbols. Some freethinkers have been compelled to do this. They have had to transform the perspective of the freethinker into that of the mythical symbolist, the mythical portrayer.

[ 35 ] Dann gibt es einen vierten Standpunkt. Das ist der, welcher Ihnen heute als derjenige der Geisteswissenschaft charakterisiert worden ist. Übermorgen werden wir ihn weiterverfolgen, diesen geisteswissenschaftlichen Standpunkt. Er zeigt wieder die geistigen Tatsachen in einfachen Beschreibungen, allerdings so, wie man diese geistigen Tatsachen in den Imaginationen sehen kann. Es sind die Tatsachen, die in der Bibel beschrieben sind. Wer den naiven Standpunkt verlassen mußte und als Forscher zum gescheiten Menschen, vielleicht zum Symboliker geworden ist, der kann dann kommen zu dem Standpunkte, auf dem der Geistesforscher steht, und er kann dann fähig werden, die Bibel wieder wörtlich zu nehmen, in einem neuen Sinne wörtlich zu nehmen, nämlich, die Worte wirklich zu verstehen.

[ 35 ] Then there is a fourth point of view. This is the one that has been described to you today as that of spiritual science. The day after tomorrow we will explore this spiritual-scientific point of view further. It again presents the spiritual facts in simple descriptions, though in the way these spiritual facts can be seen in the imaginations. These are the facts described in the Bible. Anyone who has had to abandon the naive viewpoint and, as a researcher, has become a rational person—perhaps a symbolist—can then arrive at the viewpoint held by the spiritual researcher, and can then become capable of taking the Bible literally again—literally in a new sense—namely, of truly understanding the words.

[ 36 ] Während Jahrhunderten hat man eigentlich nicht die Bibel kritisiert. Die Bibelkritiker haben ihr eigenes Phantasiegeschöpf bekämpft, das, was sie aus der Bibel gemacht haben. So sind heute noch die Kämpfer gegen die Bibel; sie kämpfen gegen ihr eigenes Phantasiegeschöpf, gegen das, was sie davon zu verstehen glauben; die Bibel treffen sie gar nicht. Wörtlich also kann die Bibel wieder genommen werden, nur muß man das Wort richtig verstehen.

[ 36 ] For centuries, the Bible was not really criticized. Bible critics have been fighting their own figment of the imagination—what they have made of the Bible. Even today, those who oppose the Bible are still fighting their own figment of the imagination—what they believe they understand it to be; they do not touch the Bible at all. Thus, the Bible can be taken literally again, but one must understand the word correctly.

[ 37 ] Es ist heute eine gewisse Strömung da, die gegen ein solches Wort den Ausspruch geltend macht: Nicht der Buchstabe, der Geist muß entscheiden. «Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig», und du benennst ihn aus gewissen Beziehungen der Buchstaben.

[ 37 ] There is a certain trend today that counters such a statement with the saying: “It is not the letter, but the spirit that must decide.” “The letter kills, but the spirit gives life,” and you identify it based on certain relationships between the letters.

[ 38 ] Ich wollte, wir könnten so bald als möglich den echten Bibelbuchstaben der Welt wieder bringen. Die Welt würde erstaunen darüber, was der Urtext enthält. Wie etwas ganz Neues wird er der Menschheit vorkommen. Mit dem Ausspruche: Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig —, darf man nicht so hausieren gehen. Es ist gewöhnlich der Herren eigener Geist, in dem die Buchstaben sich bespiegeln. So ist es besonders beim Symboliker. Ist er trivial, so legt er Triviales in die Symbole; ist er geistreich, so legt er Geistreiches in die Symbole hinein. Es ist mit diesem Wort wie mit dem Ausspruche von Goethe:

[ 38 ] I wish we could restore the true biblical text to the world as soon as possible. The world would be astonished at what the original text contains. It would seem like something entirely new to humanity. One must not go around peddling the saying, “The letter kills, but the Spirit gives life.” It is usually the person’s own spirit in which the letters are reflected. This is especially true of the symbolist. If he is trivial, he puts trivial things into the symbols; if he is witty, he puts witty things into the symbols. It is with this saying as it is with Goethe’s maxim:

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

And as long as you don’t have that,
This: Die and Be Reborn!
You are but a gloomy guest
On this dark earth.

[ 39 ] Dieses Wort deutet uns an, wie der Mensch hinauskommen soll über die sinnliche Anschauung, überhaupt über die gewöhnliche Natur. Wer dieses Wort als eine Anweisung dazu nehmen würde, daß er sich sagt, das Physische habe keinen Wert, der hat übersehen, daß der Geist nach und nach sich aus dem Physischen herausentwickelt. So ist es auch mit dem Buchstaben und dem Geist. Erst muß man den Buchstaben haben, dann ihn enträtseln können, und dann wird man finden, welches der Geist ist. Gewiß, der Buchstabe tötet, aber er erschafft in seinem Tode den Geist, und es entspricht dieser Ausspruch dem anderen: Wer das nicht hat, dieses Stirb und Werde, der bleibt nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.

[ 39 ] This word suggests to us how human beings are to transcend sensory perception—and indeed, ordinary nature itself. Anyone who were to take this word as an instruction to tell themselves that the physical has no value has overlooked the fact that the spirit gradually develops out of the physical. So it is with the letter and the spirit. First one must have the letter, then be able to unravel it, and only then will one discover what the spirit is. Certainly, the letter kills, but in its death it creates the spirit, and this saying corresponds to the other: Whoever lacks this—this dying and becoming—remains merely a gloomy guest on the dark earth.

[ 40 ] Nur in den Prinzipien konnte ich Sie heute auf dieKritik der Bibel aufmerksam machen und auf die Gesichtspunkte, welche die Geisteswissenschaft gegenüber der Bibel einnehmen wird. Aus den wenigen Andeutungen, die heute gefallen sind, wird man wenigstens erahnen können, daß durch die Arbeit der Geisteswissenschaft sich wird vollziehen können etwas wie eine Wiedereroberung der Bibel. Weisheit soll die Geisteswissenschaft finden, unabhängig von der Bibel. Aber sie erkennt, was in diese Bibel hineingeflossen ist und was viele heute gegenüber der Bibel erleben. Einiges hat die Menschen erbauen können, aber das meiste hat für sie keinen Sinn mehr. Erst durch die Geisteswissenschaft kommen die Menschen dazu zu verstehen, was mit diesem und jenem in der Bibel gesagt wird. Dann stehen da aber noch andere Stellen, die recht anfechtbar zu sein scheinen, und man kommt zu dem Standpunkte, zu sagen: Es sind in der Bibel Stellen enthalten, die tiefe geistige Wahrheiten enthalten, aber es ist manches hineingeflossen, was als etwas Unorganisches hineingegliedert worden ist. — Geht man nun weiter, macht man wieder eine Entdekkung, und man findet, daß es an einem selbst gelegen hat, nämlich daran, daß man nicht weit genug war, die Sache zu verstehen. Und man gelangt dahin, sich zu sagen: Wo man früher geglaubt hat, der Sinn der Bibel scheine gegenüber der Wissenschaft nicht haltbar zu sein, da sieht man jetzt ein: das eine verstehst du, daß du die Bibel mit Vertrauen und mit Verehrung betrachten mußt; das andere verstehst du eben noch nicht. Aber es wird die Zeit kommen, daß du es verstehen wirst, und du wirst den Standpunkt finden, wo du selbst hineinschauen kannst.

[ 40 ] Today I was able to draw your attention only in general terms to the critique of the Bible and to the perspectives that spiritual science will adopt with regard to the Bible. From the few hints that were offered today, one will at least be able to surmise that through the work of spiritual science, something like a “reconquest” of the Bible will be able to take place. Spiritual science is to find wisdom independently of the Bible. But it recognizes what has found its way into the Bible and what many people experience today in relation to it. Some parts have been able to edify people, but most of it no longer makes sense to them. It is only through spiritual science that people come to understand what is meant by this or that passage in the Bible. Yet there are still other passages that seem quite open to criticism, and one is led to say: The Bible contains passages that hold profound spiritual truths, but much has been incorporated into it that has been woven in as something inorganic. — If one goes further, one makes another discovery and finds that the fault lay with oneself—namely, that one had not progressed far enough to understand the matter. And one comes to say to oneself: Where one previously believed that the meaning of the Bible seemed untenable in the face of science, one now realizes: you understand one thing—that you must regard the Bible with trust and reverence; the other thing you simply do not yet understand. But the time will come when you will understand it, and you will find the vantage point from which you yourself can look into it.

[ 41 ] Die Geisteswissenschaft wird zur richtigen Schätzung der Bibel führen. Vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus ist heute über den Beginn der Bibel, über die Schöpfung gesprochen worden. Die Bibelforschung hat eine Krisis durchzumachen. Die Forschungen der Geisteswissenschaft werden ihr entgegenkommen, und in neuer Gestalt wird in der Zukunft das alte Licht der Bibel der Menschheit wieder leuchten.

[ 41 ] Spiritual science will lead to a proper understanding of the Bible. From the perspective of spiritual science, we have spoken today about the beginning of the Bible and about creation. Biblical scholarship is undergoing a crisis. Research in the humanities will come to its aid, and in the future, the ancient light of the Bible will shine upon humanity once again in a new form.