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Where and how can one find the Spirit?
GA 57

10 December 1908, Berlin

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Where and how can one find the Spirit?, tr. SOL
  1. Wo und wie findet man den Geist?

6. Der Aberglaube vom Standpunkte der Geisteswissenschaft

6. Superstition from the Perspective of the Science of the Spirit

[ 1 ] Vor einiger Zeit, als ich in einem kleinen Orte Deutschlands weilte, machte ich die Bekanntschaft eines Dichters, eines Dramatikers, und in der Zeit unserer Bekanntschaft war er eben damit beschäftigt, ein Drama fertigzuschreiben. An einem Nachmittag arbeitete er, wie ich bei einem Besuch, den ich zu machen hatte, bemerken konnte, geradezu wie mit Dampfkraft an der Fertigstellung seines Dramas. Man konnte gar nicht mit ihm sprechen, denn es handelte sich für ihn nur darum, dieSache so rasch wie möglich vorwärtszubringen. Am Abend kurz vor acht Uhr machte ich einen Gang. Ich begegnete meinem guten Dramatiker, als er mit einer Riesengeschwindigkeit auf dem Zweirad dahinsauste; er sauste zur Post und war nicht aufzuhalten. Aber es interessierte mich doch — Sie werden gleich sehen warum —, warum der Betreffende gerade an jenem Tage so außerordentlich rasch zur Post sauste. Es war kurz vor acht Uhr, wo die Post geschlossen wurde. Als er zurückkam, sagte er mir auf meine Frage, warum er in solcher Eile gerade heute noch zur Post müsse, das hätte eine besondere Bewandtnis.

[ 1 ] Some time ago, while I was staying in a small town in Germany, I met a poet and playwright, and at the time we met, he was in the midst of finishing a play. One afternoon, as I noticed during a visit I had to pay him, he was working on finishing his play with what seemed like steam-engine-like energy. It was impossible to talk to him, because his sole concern was to push the work forward as quickly as possible. In the evening, shortly before eight o’clock, I went for a walk. I ran into my good playwright as he was whizzing by on his bicycle at breakneck speed; he was racing to the post office and couldn’t be stopped. But I was curious—you’ll see why in a moment—as to why he was rushing to the post office so extraordinarily quickly on that particular day. It was shortly before eight o’clock, when the post office was closing. When he returned, I asked him why he had to rush to the post office today of all days, and he told me there was a special reason.

[ 2 ] Nun werden Sie diese Bewandtnis am besten dann verstehen, wenn ich vorausschicke, daß nach einer damals gerade beginnenden, dann aber rasch herrschend werdenden Mode der betreffende Dramatiker zu den freiesten Geistern der Gegenwart zählte und dasjenige, was er als seine Weltanschauung bezeichnete, in den freiesten Phrasen zur Darstellung brachte. Ein ganz Fortgeschrittener war er. Durch folgenden Zusatz möchte ich zeigen, daß ich keine Indiskretion begehe. Wenn er hier wäre, so wäre er ganz zufrieden, zu hören, daß ich diese Sache hier erzähle. Jetzt werden wir uns ein Urteil über das bilden können, was er sagte, als er aus der Post herauskam: Ich bin deshalb so rasch zur Post gegangen, weil ich mein Drama heute zur Post bringen wollte. Heute ist der letzte Glückstag. Hätte ich bis morgen gewartet, so hätte ich mich der Gefahr ausgesetzt, daß die Theaterdirektion das Drama ablehnt. — Sind Sie eigentlich fertig geworden?, fragte ich, denn es schien mir unmöglich. Nein, sagte er, ich habe aber einen Brief geschrieben, damit man mir das Drama wieder zurückschickt, um die letzten Szenen wieder umzuarbeiten. So — das war der freie Geist!

[ 2 ] You will best understand this situation if I preface it by saying that, in accordance with a trend that was just beginning at the time but soon became dominant, the playwright in question was considered one of the freest spirits of his day and expressed what he called his worldview in the most liberated language. He was quite a progressive thinker. I’d like to show, by adding the following, that I’m not being indiscreet. If he were here, he’d be quite pleased to hear that I’m recounting this story. Now we’ll be able to form an opinion about what he said when he came out of the post office: “I went to the post office so quickly because I wanted to mail my play today.” Today is the last day of good fortune. If I had waited until tomorrow, I would have run the risk of the theater management rejecting the play. “Did you actually finish it?” I asked, because it seemed impossible to me. “No,” he said, “but I wrote a letter asking them to send the play back to me so I can rework the final scenes.” There—that was the free spirit!

[ 3 ] Ich mußte mich erinnern an eine Dame, die vor vielen Jahren an einem Kleide gearbeitet hatte und es am Donnerstag fertig haben und anziehen wollte. Hätte sie es am Freitag zum ersten Male angezogen, so wäre es sicher zu ihrem Unglück ausgeschlagen. Man berücksichtigt gewöhnlich nicht in dem Maße, wie es nötig wäre, was es für unser Fühlen und Denken in der Gegenwart heißt, wenn ein freier Geist eine Sendung macht, wie der zur Post sausende Dichter, um das Drama unfertig abzuschicken und dann wieder zurücksenden zu lassen, damit er es fertig machen könne. Sie sehen, daß das, was man als Aberglaube bezeichnet, im Grunde genommen etwas recht Merk würdiges sein kann. Es kann etwas aus der Weltanschauung eines Menschen, soweit er diese ausspricht, durchaus Verbanntes sein, und es kann sein, daß er sich in einer bramarbasierenden Weise stark dagegen verwahren wird, mit einem solchen Aberglauben etwas zu tun zu haben. Wenn es aber darauf ankommt, so gibt esHintertüren, durch die sich dieser Aberglaube recht sehr einschleichen kann.

[ 3 ] I was reminded of a lady who, many years ago, had been working on a dress and wanted to finish it and wear it on Thursday. If she had worn it for the first time on Friday, it would surely have backfired on her. People usually don’t give it the consideration it deserves—what it means for our feelings and thoughts in the present when a free spirit undertakes a mission, like the poet dashing to the post office to send off the drama unfinished and then have it sent back so he can finish it. You see that what is called superstition can, at its core, be something quite remarkable. It may be something completely at odds with a person’s worldview—insofar as they articulate it—and it may be that they will vehemently protest, in a bombastic manner, that they have nothing to do with such superstition. But when it comes down to it, there are back doors through which this superstition can creep in quite effectively.

[ 4 ] Wir leben in einer Zeit, in welcher im wegwerfendsten Sinne von allen möglichen Formen des Aberglaubens gesprochen wird. Zu gleicher Zeit geschieht es aber in dieser Gegenwart, daß diejenigen, die über den Aberglauben sprechen, zuweilen gar keine Ahnung davon haben, durch welches Hintertürchen sich der Aberglaube gerade bei ihnen einschleicht. Denn es braucht ja nicht eine alte Form des Aberglaubens zu sein, wie bei diesem auf dem Zweirad dahinsausenden Dramatiker. Es können auch allerlei neue Formen des Aberglaubens auftreten. Und da wird vielleicht gerade derjenige, der in achselzuckendem Ton von den alten Formen des Aberglaubens spricht, am ärgsten mancher neuen Form des Aberglaubens ausgesetzt sein. Es ist vielleicht schwer, gerade über diese Begriffe des Aberglaubens in unserer heutigen Zeit irgendwie ins klare zu kommen, denn es herrscht ja in unserer Zeit so sehr die Sucht, alles das, was man selber glaubt, für das einzig Vernünftige zu halten und abzustreiten alles dasjenige, was man selber nicht glaubt. So wird gerade diese Art und Weise des Fühlens in unserer Zeit den mancherlei neuen Formen des Aberglaubens Tür und Tor öffnen. Daher wird es wohl mit dem landläufigen Reden über den Aberglauben nicht weitergehen können, wenn wir uns gründlich auf dasjenige einlassen wollen, was vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus Aberglaube genannt werden darf.

[ 4 ] We live in an age in which people speak of all manner of superstitions in the most dismissive sense. At the same time, however, it is the case in the present day that those who speak of superstition sometimes have absolutely no idea through which back door superstition is creeping in on them. After all, it doesn’t have to be an old form of superstition, as in the case of this playwright zooming along on his bicycle. All sorts of new forms of superstition can also arise. And it may well be that the very person who speaks of the old forms of superstition with a shrug of the shoulders is the one most exposed to some new form of superstition. It may be difficult to gain any clarity on these very concepts of superstition in our present age, for there is such a prevailing tendency today to regard everything one believes as the only reasonable thing and to deny everything one does not believe. Thus, it is precisely this way of thinking that will open the floodgates to various new forms of superstition in our time. Therefore, we cannot simply continue with the common talk about superstition if we wish to thoroughly engage with what, from the perspective of spiritual science, may be called superstition.

[ 5 ] Es sind mancherlei alte Traditionen in unsere Zeit hineingekommen, mancherlei, was unsere Vorfahren geglaubt haben, mancherlei, was bei unseren Vorfahren und bei den Gelehrten der Vorzeit als streng wissenschaftlich galt und was heute in die Region des Aberglaubens verwiesen ist. Wir fragen uns: Sollte denn denjenigen, die achselzukkend den alten Traditionen gegenüberstehen, die heute als wissenschaftlich fortgeschritten scheinen, gar nicht ein wenig der Gedanke aufleuchten können, daß unter Umständen das, was heute geglaubt wird, irrig ist? Könnte es nicht sein, daß dieses einige Jahrhunderte später von unseren Nachkommen als der tollste Aberglaube angesehen werden kann? Gewiß, derjenige, der glaubt, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, wird zum Beispiel leicht geneigt sein, alles dasjenige, was von einem Standpunkte ausgesprochen wird, der eine geistige Welt neben der physisch wahrnehmbaren annimmt, überhaupt in das Gebiet des Aberglaubens zu werfen. Auf der anderen Seite wird man leicht begreifen können, daß vielleicht ebenso unbegründet — das soll nicht geleugnet werden — von theosophischer oder geisteswissenschaftlicher Seite der Aberglaube der Naturwissenschaft angefochten und charakterisiert wird. Daß die eine oder andere Partei dieses oder jenes als Aberglaube bezeichnet oder empfindet, das kann niemals ein Charakteristikum werden für das eigentliche Wesen des Aberglaubens. Mancherlei, was heute hereinragt aus alten . Zeiten, zeigt uns ja gerade, wenn es wirklich ein handgreiflicher Aberglaube ist, wie es bei solchen Dingen viel weniger auf die menschliche Logik, auf die menschliche Vernunft ankommt, als vielmehr auf die menschlichen Denkgewohnheiten, auf dasjenige, was die Menschen zu denken gewohnt worden sind.

[ 5 ] Various old traditions have carried over into our time—various beliefs held by our ancestors, various ideas that were considered strictly scientific by our ancestors and the scholars of antiquity, but which today are dismissed as superstition. We ask ourselves: Shouldn’t it occur even briefly to those who shrug off the old traditions—which today seem scientifically advanced—that, under certain circumstances, what is believed today might be erroneous? Could it not be that, a few centuries from now, our descendants might regard this as the most absurd superstition? Certainly, those who believe they stand on the firm ground of natural science will, for example, be easily inclined to dismiss as superstition anything expressed from a standpoint that posits a spiritual world alongside the physically perceptible one. On the other hand, it is easy to understand that—perhaps just as unfounded, as cannot be denied—theosophical or spiritual-scientific perspectives may challenge and characterize the superstition of natural science. The fact that one party or another labels or perceives this or that as superstition can never serve as a defining characteristic of the true nature of superstition. Many things that have come down to us from ancient times show us, precisely when they are truly tangible superstitions, that such matters depend far less on human logic or human reason than on human habits of thought—on what people have become accustomed to thinking.

[ 6 ] Wie vieles geht heute durch unsere populäre Literatur, durch unsere Tagespresse, was scheinbar dem aufgeklärten Denken stracks zuwiderläuft! So gibt es zum Beispiel eine Stadt in Deutschland — sie ist nicht weit weg von Berlin —, wo Sie vergeblich nach einer Droschke Nummer 13 suchen würden. Der, welcher sie früher gehabt hat, bekam keinen Fahrgast mehr. Sie wurde weggelassen, die Nummer 13. Auch in Hotels können Sie oft die Erfahrung machen, daß die Nummer 13 fehlt in den Zimmernummern. Sie können auch finden in Badeanstalten, wo lauter aufgeklärte Ärzte sind, daß bei den Badekabinen die Nummer 13 weggelassen ist, weil niemand hinein will. Und das mittendrin und neben der Denkweise der heutigen Literatur und Tagespresse. Wer aber ein klein wenig Seelenkenner ist, der wird schon finden, daß der Aberglaube doch etwas ist, was sich ganz leise in das Denken und Fühlen des Menschen einschleicht.

[ 6 ] How much is published today in our popular literature and daily newspapers that seems to run completely counter to enlightened thinking! For example, there is a city in Germany—not far from Berlin—where you would search in vain for a No. 13 horse-drawn carriage. The person who used to have it stopped getting any passengers. Number 13 was omitted. In hotels, too, you’ll often find that number 13 is missing from the room numbers. You’ll also find in bathhouses—where there are all sorts of enlightened doctors—that number 13 is omitted from the changing rooms because no one wants to go in there. And this is right in the midst of—and alongside—the mindset of today’s literature and daily press. But anyone who has even a little insight into the human soul will find that superstition is, after all, something that creeps quite quietly into people’s thoughts and feelings.

[ 7 ] So gibt es ein populäres Büchelchen über den Aberglauben, in dem manches Vernünftige und manches Absurde steht. Aber dann, nachdem der Verfasser abschlachtet, was Astrologie und Astronomie und andere Formen des Aberglaubens sind, führt er an, daß es in früherer Zeit Astrologen gegeben haben soll, weiche den Leuten Horoskope stellten und aus dem Momente der Geburt ihr Schicksal bestimmt haben. Solche Astrologen gäbe es zwar seines Wissens nicht mehr; das verrichteten die Hebammen. In Berlin zwar nicht, aber im übrigen Deutschland käme es vor. — Das ist ein Satz, der tatsächlich in diesem Büchlein über Aberglaube steht. Ich glaube nicht, daß jemand es anders bezeichnen kann als einen anderen Aberglauben, denn sonst würde er sagen müssen, daß es heute sehr viele Astrologen gibt, die Horoskope stellen. Was der Mann sagt, entspricht durchaus nicht den Tatsachen; es ist also der purste Aberglaube. Jede Untersuchung könnte ihm das Gegenteil seiner Behauptung zeigen. Ähnliche Sachen schleichen sich jeden Tag in das Bewußtsein der Menschen ein, wenn es auch weniger handgreifliche Dinge sind und man es als Paradoxon ansehen würde, wenn ich von Aberglaube spräche.

[ 7 ] For example, there is a popular little book on superstition that contains some sensible ideas and some absurd ones. But then, after the author has thoroughly debunked astrology, astronomy, and other forms of superstition, he goes on to claim that in earlier times there were supposedly astrologers who drew up horoscopes for people and determined their fate based on the moment of their birth. To his knowledge, such astrologers no longer exist; that task is now performed by midwives. Not in Berlin, mind you, but it happens elsewhere in Germany. — That is a sentence that actually appears in this little book on superstition. I don’t believe anyone can describe it as anything other than yet another form of superstition, because otherwise they would have to say that there are a great many astrologers today who draw up horoscopes. What the man says does not correspond to the facts at all; it is therefore the purest superstition. Any investigation could show him the opposite of his claim. Similar ideas creep into people’s consciousness every day, even if they are less tangible, and it would be considered a paradox if I were to call them superstition.

[ 8 ] Es ist seit einiger Zeit in gewissen Kreisen naturwissenschaftlicher Betrachtung die Meinung aufgekommen, daß man für alles dasjenige, was auf seelisch-geistigem Gebiete im Menschen als Erinnerung auftritt, physische Ursachen und womöglich physische Ursachen eines ganz bestimmten Gebietes, des sexuellen Gebietes, zu suchen hat. Und nicht nur dieses, sondern zahlreich sind die Schriften und Broschüren, welche sich damit beschäftigen, die großen Geister auf ihren Geisteszustand zu prüfen. Ein Leipziger Gelehrter hat sich bis vor kurzer Zeit die besondere Mühe gegeben, eine ganze Reihe großer Geister, unter anderen Goethe, Schopenhauer, Scheffel, Conrad Ferdinand Meyer, daraufhin zu prüfen, inwiefern sie eigentlich von dieser oder jener Geisteskrankheit befallen wären und ihr Genie zusammenhinge mit dieser oder jener Geisteserkrankung. Auf der anderen Seite wird die Neigung zu physischer Erkrankung des Menschen mit Vererbung zusammengebracht, und es entgeht kaum ein Tagesereignis in unserer Zeit einer solchen Deutung. Hier haben wir es mit einem Aberglauben zu tun, der eben jetzt aufgeht, der aber als eine Landplage unsere Bildung durchsetzt. Künftige Zeiten werden nicht begreifen, wie es möglich war, daß die Wissenschaft eine Zeitlang einem solchen Aberglauben huldigen konnte. Und wenn uns unsere Nachfahren in gleichem Sinne das vergelten würden, in gleichem Sinne das beurteilen würden, was die Wissenschaft heute glaubt und lehrt, wie man heute beurteilt, was in früheren Zeiten von unseren Vorfahren geglaubt worden ist, dann werden die, welche auf diesem Gebiete heute tätig sind, in der schlimmsten Weise wegkommen. So sehen wir schon, indem wir unbefangen die Tatsachen überblicken, daß die alten Formen des Aberglaubens mit Recht zum Fenster hinausgeworfen werden und auf der anderen Seite neue Formen sich einschleichen, die nur eben einfach nicht als solche erkannt werden.

[ 8 ] For some time now, the view has emerged in certain circles of scientific inquiry that physical causes—and possibly physical causes specific to a particular realm, namely the sexual realm—must be sought for everything that manifests as memory in the psychological and spiritual realm of the human being. And not only that, but there are numerous writings and pamphlets that seek to examine the mental states of great minds. Until recently, a scholar from Leipzig went to the trouble of examining a whole series of great minds—including Goethe, Schopenhauer, Scheffel, and Conrad Ferdinand Meyer—to determine to what extent they might actually have been afflicted by this or that mental illness and whether their genius was connected to this or that mental disorder. On the other hand, a person’s predisposition to physical illness is linked to heredity, and scarcely a single daily event in our time escapes such an interpretation. Here we are dealing with a superstition that is just now emerging, but which pervades our education like a plague. Future generations will not understand how it was possible for science to have indulged in such superstition for a time. And if our descendants were to treat us in the same way—judging what science believes and teaches today in the same way that we judge what our ancestors believed in earlier times—then those who are active in this field today will fare very badly indeed. Thus, simply by taking an unbiased look at the facts, we can already see that the old forms of superstition are rightly being thrown out the window, while, on the other hand, new forms are creeping in that are simply not yet recognized as such.

[ 9 ] Wer sich ein wenig in der Wissenschaft umtut, der weiß, wieviel Dämonen des Aberglaubens sich da und dort einschleichen, die zum Glück nur ein kurzes Dasein haben, aber deshalb nicht weniger schädlich sein können. Moderichtungen sind manchmal nicht weit von dem entfernt, was man Aberglaube nennen kann. Ich möchte dafür ein Beispiel anführen. Während meiner Erziehertätigkeit konnte ich manche Beobachtung machen, die nur dadurch möglich war, daß ich ein großes Feld in bezug auf die Menschenentwickelung beackern konnte. Es ist jetzt weit über zwanzig Jahre her, da war es üblich, kleinen Kindern — etwa im zweiten, dritten, vierten Jahre — Rotwein, überhaupt Wein zu trinken zu geben. Man konnte sehen, wie durch eine gewisse Moderichtung der Medizin gerade Kinder in diesem Alter jedesmal zu Tische ihr Glas Rotwein bekamen. Wer so etwas beobachtet, beobachtet vielleicht zu kurze Zeiträume in bezug auf die Wirkung dieser Dinge. Wenn man diejenigen Menschen, die heute zwanzigjährig sind, nachdem sie damals Kinder von zwei bis fünf Jahren waren, mit anderen vergleicht, die damals keinen Wein zur Stärkung bekommen haben, so zeigt sich an der gegenwärtigen Nervenverfassung — wie man sich etwa heute in materialistischer Weise ausdrückt — ganz genau der Unterschied zwischen denjenigen, welche Wein bekommen haben, und denen, die ihn nicht bekommen haben.

[ 9 ] Anyone who takes a brief look around the world of science knows how many demons of superstition creep in here and there—demons that, fortunately, have only a short lifespan, but can be no less harmful for that. Trends in medicine are sometimes not far removed from what one might call superstition. I would like to give an example of this. During my time as a teacher, I was able to make many observations that were only possible because I had the opportunity to explore a broad field of human development. It has now been well over twenty years since it was customary to give small children—around the ages of two, three, or four—red wine, or wine in general. One could see how, due to a certain trend in medicine, children of this age in particular were given a glass of red wine at every meal. Anyone observing such a thing may be looking at too short a time frame to assess the effects of these practices. If one compares people who are twenty years old today—having been children between the ages of two and five back then—with others who did not receive wine for fortification at that time, the difference between those who received wine and those who did not is evident in their current nervous disposition—as one might express it in materialistic terms today.

[ 10 ] Da gab es dazumal den Aberglauben, daß der Wein eine Stärke in sich enthalte. Das war ein Mode-Aberglaube. Man hat diese Meinung herumgeboten wie irgendeine andere abergläubischeMeinung auch herumgeboten wird. Nun können wir von alledem absehen und auf manche andere Gebiete übergehen, wo man gar nicht mehr von Aberglauben spricht, obwohl der seelische Tatbestand im Menschen ganz der gleiche ist. Wenn wir sprechen wollten davon, was die Leute im sozialen Leben, im politischen Leben für sonderbare Götzen, für Fetische, für Schlagworte haben, denen sie nachlaufen, wie andere auf anderem Gebiete bestimmten Götzen nachlaufen, und welches Quantum von Aberglauben darin enthalten ist, dann würden Sie sehen: Wenn sich das Quantum Aberglaube auf dem einen Gebiete nicht auslebt, dann geht es über auf ein anderes Gebiet. Erhebt sich der Mensch also auf der einen Seite über den Aberglauben, flugs kommt er auf einem anderen Gebiete zum Ausdruck, auf dem man es nur nicht so sehr merkt.

[ 10 ] Back then, there was a superstition that wine contained a certain strength. That was a fashionable superstition. This belief was propagated just as any other superstitious belief is propagated. Now we can set all that aside and move on to other areas where one no longer speaks of superstition at all, even though the psychological reality within human beings is exactly the same. If we were to speak of the strange idols, fetishes, and catchphrases that people pursue in social and political life—just as others pursue certain idols in other spheres—and of the degree of superstition contained therein, then you would see: If that degree of superstition does not find its outlet in one sphere, it simply shifts to another. So if a person rises above superstition in one area, it quickly manifests itself in another area where it is simply not as noticeable.

[ 11 ] Nachdem wir so ein wenig die Situation charakterisiert haben, dürfen wir vielleicht einmal versuchen, auf den eigentlichen Quell des Aberglaubens, auf die eigentümliche Geistesverfassung zu kommen, in der ein Mensch ist, den wir als einen abergläubischen Menschen bezeichnen dürfen. Vor allen Dingen darf man sagen, daß bei der Entstehung dieser Geistesverfassung die Befangenheit eines Menschen in dieser oder jener Denkrichtung die denkbar größte Rolle spielt. Dieselbe Tatsache wird einer — je nachdem seine Denkrichtung so oder so ist — in der einen oder anderen Weise auffassen. Versuchen wir, uns einmal einen konkreten Fall vor das Auge zu rücken. Der jetzt viel genannte französische Physiologe Richet hatte folgendes Erlebnis: Er ging einmal auf der Straße, und auf der anderen Seite der Straße ging auch eine Person. In diesem Augenblicke hatte er den Gedanken: Es ist doch merkwürdig, daß Professor Lacassagne heute in Paris ist. Aber es ist doch nicht so merkwürdig. Vor vierzehn Tagen hat mir Professor Lacassagne einen Artikel geschickt und geschrieben, daß er in vierzehn Tagen hier sein würde. Schon wollte Richet auf die andere Seite gehen und ihn begrüßen, als er sich sagte, daß er ja in die Redaktion gehen wolle, und da würde der andere wohl auch hinkommen. In demselben Augenblicke geht ihm der Gedanke auf, wie ähnlich der Professor einem ihm bekannten Augenarzt sieht. Richet geht auf die Redaktion, und nach einer Stunde erscheint dort Professor Lacassagne. Richet sagt zu ihm: Ich habe Sie vor einer Stunde auf der Straße gesehen. — Der Professor antwortet: Das ist nicht möglich. Ich war vor einer Stunde nicht dort, sondern ganz woanders. — Es ist kein Zweifel; daß Richet ihn nicht gesehen haben konnte. Es ist eigentümlich, wie sich zwei Menschen oft zueinander verhalten, wenn sie zwei verschiedene Denkrichtungen haben. Richet sah einen Menschen und hatte den bestimmten Eindruck, den Professor L. zu sehen. Als er aber den Professor L. vor sich sah, kam es ihm ganz töricht vor, einen anderen, der groß und blond war, für den Professor L. gehalten zu haben, während dieser mittelhoch ist und einen dunkeln Schnurrbart trägt. Richet ist nun aber ein Mensch, der an okkulte Wirkungen, an Gedankenübertragung glaubt. Er sagte sich, der Professor L. ist in Paris und hat gedacht, er wolle in die Redaktion gehen — und in diesem Momente sah ich diesen Gedanken durch Gedankenübertragung!

[ 11 ] Now that we have outlined the situation to some extent, perhaps we may try to identify the actual source of superstition—that is, the peculiar state of mind in which a person finds themselves, a person whom we may describe as superstitious. Above all, it must be said that a person’s bias toward one school of thought or another plays the greatest possible role in the development of this state of mind. The same fact will be interpreted in one way or another, depending on a person’s school of thought. Let us try to visualize a concrete case. The French physiologist Richet, who is often mentioned these days, had the following experience: He was walking down the street one day, and a person was also walking on the other side of the street. At that moment, he had the thought: It is strange, after all, that Professor Lacassagne is in Paris today. But it is not really that strange. Fourteen days ago, Professor Lacassagne sent me an article and wrote that he would be here in fourteen days. Richet was just about to cross to the other side to greet him when he reminded himself that he was on his way to the editorial office, and the other man would probably be coming there as well. At that very moment, it occurred to him how much the professor resembled an ophthalmologist he knew. Richet goes to the editorial office, and an hour later Professor Lacassagne arrives there. Richet says to him, “I saw you on the street an hour ago.” — The professor replies, “That’s not possible. I wasn’t there an hour ago; I was somewhere else entirely.” — There’s no doubt that Richet couldn’t have seen him. It is curious how two people often relate to one another when they have different ways of thinking. Richet saw a man and had the distinct impression that he was seeing Professor L. But when he saw Professor L. standing before him, it seemed quite foolish to him to have mistaken another man—who was tall and blond—for Professor L., whereas the latter is of medium height and wears a dark mustache. Richet, however, is a man who believes in occult phenomena and the transmission of thoughts. He told himself, “Professor L. is in Paris and thought he’d go to the editorial office”—and at that very moment, I saw that thought through the transmission of thoughts!

[ 12 ] Ein dänischer Forscher, der ein Buch über «Aberglaube und Zauberei» geschrieben hat, Lehmann, denkt anders darüber. Er sagt: «Richet glaubt an Gedankenübertragung; deshalb sieht er in diesem ganz gewöhnlichen Erlebnis etwas Mystisches, das die Richtigkeit seines Glaubens beweisen soll, übersieht aber dabei ganz die Nebenumstände, welche die Sache durchaus auf natürliche Weise erklären. Ich habe selbst verschiedene derartige Fälle erlebt, und da ich nicht an Gedankenübertragung glaube, habe ich stets eine naheliegende Ursache für das Phänomen gesucht und gefunden.»

[ 12 ] Lehmann, a Danish researcher who has written a book on “Superstition and Sorcery,” takes a different view. He says: “Richet believes in telepathy; that is why he sees something mystical in this very ordinary experience—something that is supposed to prove the validity of his belief—but in doing so, he completely overlooks the surrounding circumstances that explain the matter in a perfectly natural way. I myself have experienced several such cases, and since I do not believe in telepathy, I have always sought and found an obvious cause for the phenomenon.”

[ 13 ] Da haben Sie zwei Menschen, die das gleiche Ereignis je nach der Denkrichtung in ganz verschiedener Weise beurteilen. Ich selbst möchte dem dänischen Forscher Lehmann recht geben, denn die, welche an okkulte Dinge mit unzulänglichen Mitteln herangehen, schießen am allerleichtesten über das Ziel hinaus und können sich, wie in diesem Falle, alles mögliche in der Welt damit erklären. Sie sehen aber daraus, wie die Befangenheit, in der sich ein Mensch in bezug auf seine Ideenrichtung befindet, bewirkt, daß er einen anderen Menschen, den er vor sich sieht, in einer solchen Weise färbt.

[ 13 ] Here you have two people who, depending on their way of thinking, assess the same event in completely different ways. I myself would agree with the Danish researcher Lehmann, for those who approach occult matters with inadequate means are most likely to overshoot the mark and, as in this case, can use them to explain all sorts of things in the world. But you can see from this how the bias a person holds regarding his or her line of thought causes him or her to view another person standing before him or her in such a colored light.

[ 14 ] Nun denken Sie, wie sich die Dinge, wenn sie nicht genau durchschaut werden, in der menschlichen Seele spiegeln. Da kommen wir zu dem, was in geisteswissenschaftlichemSinne über das eigentliche Wesen des Aberglaubens gesagt werden muß. Sie können heute unzählige Schriften und Auseinandersetzungen lesen über den Aberglauben an die Alchemie, die unselige Kunst, Gold zu machen, der sich so viele hingegeben haben. Die, welche darüber schrieben, waren meist — der heutigen Auffassung nach — in anderer Beziehung außerordentlich tüchtige, positive Forscher. Sie nehmen mit ihren Schriften, in denen auf diese oder jene Weise da oder dort die Kunst, Gold zu machen, mitgeteilt wird, einen hervorragenden Platz ein. Aber was Sie da lesen, erscheint Ihnen zumeist als der hellste Wahnsinn, als absolutester Unsinn. Und außerdem erscheint es ja in zahlreichen Fällen als ein so offenliegender Schwindel, daß sehr leicht zu sehen ist, wie eben damals, als die Menschen so etwas geglaubt haben, auf diesem Gebiete Irrtum über Irrtum verbreitet wurde. Trotzdem sich die Chemie aus der Alchemie heraus entwickelt hat, müssen wir unendlich froh sein, daß wir endlich die wahre chemische Wissenschaft haben, im Gegensatz zu jenen Fabeleien und Irrtümern, denen sich unsere Vorfahren auf alchemistischem Gebiete hingegeben haben. Nun können wir vielleicht am leichtesten gerade das, was hier als eine Täuschung vorliegt, begreifen, wenn wir, um zu zeigen, wie sich das Entsprechende abgespielt hat, einige einfache Fälle ins Auge fassen. Wir wollen jetzt absehen von der Zahl Dreizehn, aber Sie wissen, daß für manche Leute die Zahl Sieben etwas Gräßliches hervorruft, daß sie von manchen als Glückszahl angesehen wird, manchmal aber auch als Unglückszahl, womit zauberhafte Wirkungen zusammenhängen sollen. Ich brauche nur etwas zu erwähnen, das Sie hinführen kann zu dem, was mit der Zahl Sieben zusammenhängt. Ich will nicht nur erwähnen, daß sich die Zahl Sieben auch in der rein physischen Natur “findet — sieben Farben, sieben Töne und so weiter —, was hier schon oft erwähnt worden ist und woraus man schließen kann, daß mit der Zahl Sieben doch dieses oder jenes verbunden ist. Davon wollen wir aber heute absehen. Auf etwas anderes wollen wir aufmerksam machen.

[ 14 ] Now consider how things, if they are not thoroughly understood, are reflected in the human soul. This brings us to what must be said, from the perspective of the spiritual sciences, about the true nature of superstition. Today you can read countless writings and debates about the superstition surrounding alchemy—that ill-fated art of making gold—to which so many have devoted themselves. Those who wrote about it were, for the most part—by today’s standards—exceptionally capable, objective researchers in other fields. With their writings, in which the art of making gold is described in one way or another here and there, they occupy a prominent place. But what you read there mostly strikes you as the purest madness, as the most utter nonsense. Moreover, in numerous cases it appears to be such an obvious hoax that it is very easy to see how, back when people believed such things, one error after another was spread in this field. Even though chemistry developed out of alchemy, we must be infinitely glad that we finally have true chemical science, in contrast to those fables and errors to which our ancestors succumbed in the field of alchemy. Perhaps the easiest way for us to understand precisely what constitutes a delusion here is to consider a few simple cases to illustrate how such things played out. Let us now set aside the number thirteen, but you know that for some people the number seven evokes something dreadful; that it is regarded by some as a lucky number, but sometimes also as an unlucky number, with which magical effects are said to be associated. I need only mention something that can lead you to what is connected with the number seven. I do not merely wish to mention that the number seven is also “found” in purely physical nature—seven colors, seven tones, and so on—which has already been mentioned here many times and from which one can conclude that this or that is indeed connected with the number seven. But let us set that aside for today. Let us draw attention to something else.

[ 15 ] Es gibt eineKrankheit, dieLungenentzündung, die sieben Tage wächst und dann abnimmt. Erst am siebenten Tage tritt dieKrisis ein, so daß derjenige, der einen solchen Kranken zu behandeln hat, besonders auf diesen physischen Rhythmus achtzugeben hat. Da haben wir also an die Zahl Sieben einen ganz bestimmten Vorgang geknüpft, etwas, was in jedem einzelnen Falle beobachtet werden kann. Nun läßt sich die heutige materialistische Wissenschaft durchaus nicht ein auf irgendeine Erklärung dieses Vorgangs. Würden wir die Medizin in die alten Zeiten zurück verfolgen, in der Sie durchaus nicht bloß eine Summe von Irrtümern zu sehen haben, wie Sie es heute in der Geschichte der Medizin dargestellt finden, so würde man sich klarwerden, daß die alten Ärzte und Naturkenner wußten, wie alles Leben in einem gewissen Rhythmus abläuft, daß ein Zusammenhang im Rhythmus besteht zwischen dem, was im Menschen geschieht, und manchem, was draußen in der großen Natur, im Makrokosmos, abläuft. Weil der Mensch eigentlich aus dem Makrokosmos herausgeboren ist und dessen Leben in gewissen äußeren Vorgängen verläuft, so verläuft auch des Menschen Leben in einem bestimmten Rhythmus. Wer den Rhythmus des menschlichen Lebens kennt, der weiß ganz gut, daß es in einem Organ wie der Lunge einen durch achtundzwanzig Tage, daß heißt durch vier mal sieben Tage hindurch gehenden auf- und abwogenden Rhythmus gibt, in dem gewisse funktionelleStärken undSchwächen auftreten. Da ist es, sobald man diese Grundlage erkennt, nicht weiter verwunderlich, daß die Erkrankung der Lunge gerade da besonders gefährlich wird, wo sie sozusagen zusammenstößt mit dem Rhythmus, um den es sich überhaupt bei den Lebenserscheinungen handelt. Kurz, wir würden sehen, wenn wir im Sinne der Geistesforschung hineinleuchten würden, wie in tieferer Erkenntnis des Wesens des Menschen und nicht in irgendeiner abergläubischen Weise, sondern in einer Weise, die als streng gesetzmäßig zu bezeichnen ist, wir uns verständlich machen können, warum nach sieben Tagen eine besondere Krisis für die Lungenentzündung reif ist. Aber man will ja in unserem materialistischen Zeitalter auf solche Dinge, die sich nur mit den Mitteln der Geisteswissenschaft verfolgen lassen, nicht eingehen.

[ 15 ] There is a disease—pneumonia—that progresses for seven days and then subsides. It is not until the seventh day that the crisis sets in, so that anyone treating such a patient must pay particular attention to this physical rhythm. We have thus linked a very specific process to the number seven—something that can be observed in every single case. Yet today’s materialistic science refuses to offer any explanation for this process whatsoever. If we were to trace medicine back to ancient times—which you must not view merely as a collection of errors, as it is portrayed today in the history of medicine—it would become clear that the ancient physicians and naturalists knew how all life unfolds according to a certain rhythm, that there is a rhythmic connection between what happens within the human being and certain processes taking place out there in the great natural world, in the macrocosm. Because human beings are, in fact, born from the macrocosm and their lives unfold in accordance with certain external processes, human life, too, unfolds according to a specific rhythm. Anyone familiar with the rhythm of human life knows full well that in an organ such as the lung there is a rising and falling rhythm that spans twenty-eight days—that is, four times seven days—during which certain functional strengths and weaknesses occur. Once one recognizes this fundamental principle, it is not surprising that lung disease becomes particularly dangerous precisely where it, so to speak, clashes with the very rhythm that underlies all life phenomena. In short, if we were to shed light on this in the spirit of spiritual science—that is, through a deeper understanding of the nature of the human being, not in some superstitious way, but in a manner that can be described as strictly law-governed—we would see how we can explain why, after seven days, a particular crisis in pneumonia is ripe to occur. But in our materialistic age, people do not want to address such matters, which can only be explored through the methods of spiritual science.

[ 16 ] Es gab eine Zeit, in der die Ärzte nicht nur wußten, daß dieLungenentzündung am siebenten Tage dieseKrisis durchmacht, sondern in der sie auch wußten, warum das so ist. Sie wußten, wie das auch mit dem gesunden Rhythmus zusammenhängt. Aber diese geisteswissenschaftliche Erkenntnis ist für das äußere Leben vergessen. Die eigentliche Gesetzmäßigkeit kennt man nicht mehr, sieging der Menschheit verloren. Es blieb die trockene Zahl Sieben. Man wußte schließlich gar nicht mehr, warum es der Lungenentzündung einfällt, nach sieben Tagen etwas ganz Besonderes zu zeigen. Und dann nimmt man natürlich solch eine Sache heraus, ohne sie weiter verstehen zu können oder zu wollen. Man wendet sie an, weil man in der Zahl selbst als solcher etwas Besonderes sieht. Man sagt sich, mit der Sieben hängt etwas Besonderes zusammen. Irgendwie kann man sie da oder dort anwenden. Solange man sich an Äußerlichkeiten hält, nicht hineinsieht in die Sache, solange hat man keinen Grund, die Sache da oder dort anzuwenden. Also wendet man sie da an, wo scheinbar eine Veranlassung da ist. Und vor allen Dingen spielt da ein menschliches Gesetz hinein, das nur zu verständlich ist: In allen Fällen, wo man eine solche Sache aus der Abstraktion heraus eingerichtet hat, wo man sie anwendet und sieht, daß es paßt, da geht die Geschichte; paßt es aber nicht, so übersieht man das.

[ 16 ] There was a time when doctors not only knew that pneumonia goes through this crisis on the seventh day, but also knew why that is the case. They knew how this is connected to the healthy rhythm as well. But this insight from the spiritual sciences has been forgotten in everyday life. The actual law is no longer known; it has been lost to humanity. All that remained was the dry number seven. Eventually, people no longer knew why pneumonia happens to exhibit something quite special after seven days. And then, of course, one takes such a thing out of context without being able or willing to understand it further. People apply it because they see something special in the number itself. They tell themselves that something special is connected to the number seven. Somehow, they can apply it here or there. As long as one sticks to outward appearances and does not look into the matter itself, there is no reason to apply it here or there. So one applies it where there appears to be a reason to do so. And above all, a human law comes into play here that is all too understandable: In all cases where one has established such a concept from abstraction, where one applies it and sees that it fits, things work out; but if it doesn’t fit, one overlooks it.

[ 17 ] So geht es auch mit manchen Bauernregeln. Wer auf dem Lande aufgewachsen ist, der wird ganz genau wissen, wie aus dem ersten Gewitter, das im Frühling auftritt, das oder jenes prophezeit wird. Trifft das Prophezeite ein, so wird es als Gesetz hingenommen, trifft es nicht ein, so wird es vergessen. Aber trotzdem stecken in manchen Bauernregeln tiefe Weisheiten, und man müßte manche Bauernregel auf ihre tiefe Weisheit hin erforschen. Dann ist es auch wieder so, daß man nicht das rein Äußerliche des Aberglaubens anwendet, sondern darauf ausgeht, wirklich in dieSache selbst einzudringen. Gewiß, mir hat es auch recht gut gefallen, wenn neben anderen Bauernregeln wieder einmal diese ausgesprochen wird: Kräht der Hahn auf dem Mist, so ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist. — Da zeigt sich ein gesunder Zug, der nicht generalisiert, sondern individualisiert werden muß. Und das ist das Wesentliche, auf das es in unserer Geistes- und Seelenentwickelung ankommen soll.

[ 17 ] The same is true of some folk sayings. Anyone who grew up in the countryside will know exactly how the first thunderstorm of spring is used to predict this or that. If the prediction comes true, it is accepted as fact; if it does not, it is forgotten. Nevertheless, some folk sayings contain profound wisdom, and one should explore them to uncover that wisdom. Then, once again, it is a matter not of applying the purely superficial aspects of superstition, but of seeking to truly delve into the matter itself. Certainly, I, too, have quite enjoyed it when, alongside other folk sayings, this one is once again voiced: “If the rooster crows on the manure heap, the weather will change—or it will stay as it is.” — Here a healthy trait is revealed that must not be generalized but rather individualized. And that is the essential point upon which our intellectual and spiritual development should hinge.

[ 18 ] In ähnlicher Weise, nur nicht so durchschaubar, ist es mit vielen Dingen in bezug auf die Alchemie gegangen. Manche von Ihnen, die schon in vorhergehenden Jahren diese Vorträge angehört haben, werden wissen, als damals gesprochen worden ist über die Rosenkreuzer-Einweihung und der Stein der Weisen erörtert worden ist, daß da gezeigt worden ist, wie unter dem Stein der Weisen in der wirklichen Geisteswissenschaft aller Zeiten etwas verstanden wird, was vor unserem gegenwärtigen modernsten Denken, wenn man da hineindringt, durchaus bestehen kann. Unter den mancherlei Methoden, welche den Menschen zu den höheren Erkenntnissen heraufführen, namentlich zur Rosenkreuzer-Einweihung, da findet sich auch die eine, die man geradezu die «Bereitung des Steines der Weisen» nennt. Unter dieser Bereitung des Steines der Weisen wird etwas verstanden, das zusammenhängt mit einer Regelung des Atmungsprozesses. Zu den verschiedenen Methoden, durch die der Mensch sich hinaufarbeitet in die höheren Welten, gehört ein gewisses Bewußtwerden und ein nach geistigen Gesetzen geregeltes Atmen in bestimmten Zeiten. Nach ganz bestimmten Anweisungen atmet derjenige, der ein Jünger der Geisteswissenschaft im positiven Sinne wird.

[ 18 ] Many aspects of alchemy have unfolded in a similar way, though not quite as transparent. Some of you who have already attended these lectures in previous years will recall that when the Rosicrucian initiation and the Philosopher’s Stone were discussed at that time, it was shown how, in genuine spiritual science throughout the ages, the Philosopher’s Stone is understood as something that, when one delves into it, can certainly hold its own even against our most modern thinking today. Among the various methods that lead human beings to higher knowledge—namely, to Rosicrucian initiation—there is also one that is specifically called the “preparation of the Philosopher’s Stone.” This preparation of the Philosopher’s Stone refers to something connected with the regulation of the breathing process. Among the various methods through which a person works their way up into the higher worlds is a certain awareness and a form of breathing regulated by spiritual laws at specific times. According to very specific instructions, one who becomes a disciple of spiritual science in the positive sense breathes in this manner.

[ 19 ] Dieses Atmen hat für den ganzen Organismus eine ganz bestimmte Folge, welche die äußere Wissenschaft nicht mehr suchen kann, weil sie nichts weiß von der Sache. Der Mensch entwickelt durch das Instrument seines eigenen Leibes in sich etwas ganz Bestimmtes, etwas, das wirklich in seinem Leben bis in den Leib hinein auftritt, das dann da ist und ihn befähigt zu einer ganz anderen Anschauung der Welt, weil durch die Atmung eine Wirkung geschieht, die sich selbst in der mineralischen Zusammensetzung des physischen Leibes ausdrückt. So haben wir durch die Regelung des Atmungsrhythmus in dem Menschen selber durch sein eigenes Instrument etwas erzeugt, das genannt wurde der Stein der Weisen oder der weise Stein. Es ist das, was notwendig ist zu erzeugen in dem menschlichen Organismus, wenn der Mensch in die höheren Welten hineinwachsen soll. Der Prozeß ist genau angebbar, aber man kann ihn nicht ohne weiteres jedem beliebigen Menschen mitteilen. Denn es kann der Natur der Sache nach nur derjenige diesen Prozeß anwenden, der das in ganz selbstloser, durch gar keine persönliche Rücksicht gebundenen Weise tut.

[ 19 ] This breathing has a very specific effect on the entire organism, one that conventional science can no longer investigate because it knows nothing about the matter. Through the instrument of his own body, the human being develops within himself something very specific—something that truly manifests in his life right down into his body, which is then present and enables him to view the world in an entirely different way, because breathing produces an effect that expresses itself even in the mineral composition of the physical body. Thus, by regulating the rhythm of breathing within the human being himself through his own instrument, we have produced something that has been called the Philosopher’s Stone or the wise stone. It is what must be produced within the human organism if the human being is to grow into the higher worlds. The process can be described precisely, but it cannot simply be communicated to just anyone. For, by the very nature of the matter, only those who do so in a completely selfless manner, unbound by any personal considerations, can apply this process.

[ 20 ] Als ich einmal in einem kleinen Kreise sprach, wie man es heute schon könne, wie ich es auch rückhaltlos in einem der Vorträge andeuten würde — nur das Letzte dürfe nicht angegeben werden, weil man da auf die geisteswissenschaftliche Schulung selbst hindeuten müsse —, da sagte einer hinterher: Das wäre aber doch ganz gut, wenn man diese Methode, ein besonderes Mineral im Menschen zu erzeugen, öffentlich bekanntmachte. Denn dieses Mineral sei etwas sehr Nützliches, wenn man es in großen Massen herstellen könnte. — Ich mußte antworten: Daß Sie diese Frage stellen, das gibt den Grund an, warum es nicht bekanntgemacht werden darf. Solange solche Fragen gestellt werden, ist es eben unmöglich, daß das bekanntgemacht werden darf. Sie können es in der Literatur finden, aber es ist dort verschleiert. Es ist nur verständlich für den, der durch die Vorschule die Art der Ausdrucksweise kennenlernt. «Quecksilber», «Stein der Weisen», «Silber», bedeutet nämlich etwas ganz anderes. Und wenn man spricht von der Verbindung des Quecksilbers und seiner Hinzufügung zu irgendeinem anderen Produkte, so bedeutet hier «Quecksilber» und «Stein der Weisen» eben etwas ganz anderes als das Hinstellen äußerer Dinge.

[ 20 ] Once, when I was speaking to a small group about how this is already possible today—as I would also hint at unreservedly in one of my lectures—though the very last point should not be mentioned, because that would require referring to the training in spiritual science itself—one person said afterward: “But it would be quite good if this method—of producing a specific mineral within the human being—were made public. For this mineral would be very useful if it could be produced on a large scale.” — I had to reply: “The very fact that you are asking this question is the reason why it must not be made public. As long as such questions are asked, it is simply impossible for this to be made public. You can find it in the literature, but it is veiled there. It is understandable only to those who, through the preparatory course, have become familiar with this mode of expression.” “Mercury,” “Philosopher’s Stone,” and “silver” actually mean something entirely different. And when one speaks of the combination of mercury and its addition to any other product, “mercury” and “Philosopher’s Stone” here mean something entirely different from the arrangement of external objects.

[ 21 ] Nun existieren diese Dinge aber in der Literatur. Diejenigen, welche keine Ahnung davon haben, was in diesem Fall die Ausdrücke bedeuten und namentlich die Zeichen, die damit verbunden sind, die nehmen die Sache einfach wörtlich. Wörtlich genommen ist es aber der barste Unsinn. So zum Beispiel ist es einem dänischen Forscher über Aberglauben passiert, daß er etwas las über merkwürdige Persönlichkeiten des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts, über Raimundus Lullus und andere. Es steht jedem frei, diesen für einen Schwindler, für einen Scharlatan oder für den größten Weisen seiner Zeit zu halten, je nachdem er ihn verstehen kann. Nun wird aber erzählt, daß es Raimundus Lullus gelungen sei, nach einem dreißigjährigen Studium — für die meisten Leute eine unbequeme Sache — den Stein der Weisen zu finden, und daß er dadurch in die Lage gekommen sei, Gold zu machen, indem er durch einen Teil des Steines eine bestimmte Menge Quecksilber in ein Pulver verwandelt habe, welches noch alle Eigenschaften des Steines hatte. Wenn man davon eine kleine Menge nehme, so bekomme diese wiederum die Eigenschaft, das Quecksilber zu verwandeln. Von diesem werde dann wieder eine kleine Menge genommen, und so weiter, bis zuletzt das Gold entstehe.

[ 21 ] But these things do exist in literature. Those who have no idea what the terms mean in this context—and especially the symbols associated with them—simply take the matter literally. Taken literally, however, it is utter nonsense. For example, a Danish researcher on superstition once read about remarkable figures of the thirteenth and fourteenth centuries, such as Raimundus Lullus and others. Everyone is free to regard him as a fraud, a charlatan, or the greatest sage of his time, depending on how they understand him. Now, however, it is said that Raimundus Lullus succeeded, after thirty years of study—an arduous undertaking for most people—in finding the philosopher’s stone, and that this enabled him to make gold by using a portion of the stone to transform a certain amount of mercury into a powder that still possessed all the properties of the stone. If one takes a small amount of this powder, it in turn acquires the ability to transform the mercury. A small amount is then taken from this, and so on, until gold is ultimately produced.

[ 22 ] Wenn nun einer hingeht und das probiert, wenn er das nimmt, was er im Buche findet, gewisse Stoffe nimmt, sie mischt und sie dem Quecksilber hinzufügt, so ist das der absoluteste Unsinn, der gemacht werden kann. Es hat jeder das größte Recht, sich darüber lustig zu machen. Das tut auch der dänische Forscher. Er macht sich darüber lustig. Wer aber versteht, die Ausdrücke zu deuten, der wird finden, daß in der Literatur der «Stein der Weisen» ebensogenau vorhanden ist wie in dem, was in Raimundus Lullus’ Schriften enthalten ist, und wodurch er zum Ziele gekommen ist. Das ist das Wunderbare an der Sache, daß der Satz seit Jahrhunderten bekannt ist und heute noch richtig ist. Das zeigt dem, der etwas davon weiß, wie grandios richtig es ist. Für den ist es dann klar, daß in Raimundus Lullus wirklich die Seele eines der Weisesten seines Zeitalters steckte. Wer dagegen nur an der äußeren Ausdrucksweise haften bleibt, der macht wirklich Unsinn.

[ 22 ] Now, if someone goes and tries this—if they take what they find in the book, take certain substances, mix them, and add them to mercury—that is the most utter nonsense one could possibly do. Everyone has every right to make fun of it. The Danish researcher does so as well. He makes fun of it. But anyone who understands how to interpret the terms will find that the “Philosopher’s Stone” is just as precisely described in the literature as it is in the writings of Raimundus Lullus—and that this is how he achieved his goal. That is the marvelous thing about it: the statement has been known for centuries and is still correct today. This shows those who know anything about it just how magnificently true it is. To them, it is then clear that Raimundus Lullus truly possessed the soul of one of the wisest men of his age. Those, on the other hand, who focus only on the outward phrasing are really talking nonsense.

[ 23 ] Diesen Unsinn machten auch sehr viele, die geglaubt haben, daß der weise Alchimist äußeres Gold nachgemacht habe, und sie haben auch den Verstand verloren, obgleich ich glaube, daß ein wenig davon schon verloren war, als sie die Geschichte angefangen haben. Psychiater aber behaupten, daß sie dadurch um den Verstand gekommen seien. Um ihr Vermögen können sie gekommen sein, denn Gold haben sie zuletzt nicht gefunden. Daher darf man dem Schreiber, welcher die Alchimie als Unsinn bezeichnet, gar nicht so unrecht geben, denn — was er davon verstehen konnte, ist eben nur Unsinn. Tatsächlich ist aber kein Unsinn groß genug, um nicht von diesem oder jenem Menschen geglaubt zu werden.

[ 23 ] Many others who believed that the wise alchemist had created artificial gold also engaged in this nonsense, and they, too, lost their minds—although I believe they had already lost a little of it by the time they began this story. Psychiatrists, however, claim that this is what caused them to lose their minds. They may well have lost their fortunes, for in the end they found no gold. Therefore, one cannot entirely blame the writer who calls alchemy nonsense, for—as far as he could understand it—it is indeed nothing but nonsense. In fact, however, no nonsense is so great that it cannot be believed by one person or another.

[ 24 ] Das hängt mit einer Sucht zusammen, die Sie auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft Tag für Tag erleben können. Sie erleben leicht folgendes: Wenn Sie diesem oder jenem gegenübertreten mit einer Naturerscheinung, die einer Aufklärung bedarf, und versuchen, eine solche Erscheinung im Zusammenhang mit ihren geistigen Untergründen zu erklären und darauf Anspruch machen, eine alltägliche Erscheinung auf ihre geistige Unterlage zurückzuführen, dann werden Sie bei den meisten Menschen unserer Gegenwart kein besonderes Interesse erregen. Viele Menschen unserer Gegenwart suchen nicht das Erklärliche, sondern das Unerklärliche. Sie sind froh, wenn sie etwas finden können, was ihnen unerklärlich bleibt. Erzählen Sie einem, daß sich da oder dort etwas zugetragen hat, wofür kein Mensch eine Erklärung weiß, dann sind sie zufrieden. Die Menschen wollen also geradezu hingewiesen werden auf das Unerklärliche. Sie wollen nicht das, was sich ihnen bietet, durchdringen, sondern das Wunderbare vermehren. Versuchen Sie, einem Menschen etwas über die Entwickelung der Pflanzen zu erklären, indem er sie aus den Untergründen der Entwickelung erfassen und tief in die Natur hineinschauen kann, dann von dem Sinnlichen, wo man den Geist an einem Ende anfaßt, tief hineingeführt wird in das Geistige — dann kann er nicht an eine geistige Welt glauben! Erzählen Sie aber einem solchen Menschen, daß eine Hand von einer Statue abhanden gekommen ist, in einer anderen Stadt gefunden wurde und wieder eingesetzt worden ist, da sagen sie: Das kann kein Mensch erklären, folglich glaube ich an eine geistige Welt. — Das ist so, daß die Menschen dem Geiste gegenüber verständnislos bleiben wollen, weil sie glauben, daß man das nicht ergründen darf. Damit eröffnen sie dem Aberglauben aber Tür und Tor an allen Ecken und Enden.

[ 24 ] This is connected to a tendency that you can experience day after day in the field of spiritual science. You will easily observe the following: When you confront this or that natural phenomenon that requires explanation, and attempt to explain such a phenomenon in connection with its spiritual underpinnings—and claim to trace an everyday phenomenon back to its spiritual basis—you will not arouse any particular interest among most people today. Many people today do not seek the explainable, but rather the inexplicable. They are happy when they can find something that remains inexplicable to them. Tell someone that something has happened here or there for which no one has an explanation, and they are satisfied. People, in other words, want to be pointed directly toward the inexplicable. They do not want to penetrate what is presented to them, but rather to multiply the wondrous. Try to explain something to a person about the development of plants—so that they can grasp it from the very foundations of development and look deeply into nature, and then, starting from the sensory realm, where one grasps the spirit at one end, be led deep into the spiritual—then they cannot believe in a spiritual world! But tell such a person that a hand was lost from a statue, found in another city, and put back in place, and they will say: “No human can explain that; therefore, I believe in a spiritual world.” — The fact is that people want to remain ignorant of the spiritual realm because they believe it must not be fathomed. In doing so, however, they open the floodgates to superstition in every nook and cranny.

[ 25 ] Wenn der Mensch nicht nach Unbefangenheit strebt mit dem, was ihm in seiner Vernunft und in seinem logischen Denken zur Verfügung steht, so ist er in dem Augenblicke, wo er sich auf dieses nicht verlassen will, sobald etwas auftritt, was anders ist als gewohnt, schon allen möglichen Formen des Aberglaubens ausgeliefert. So könnte man zum Beispiel sehen — verzeihen Sie, wenn ich dies sage, obwohl ich voll auf dem Boden der Geisteswissenschaft und Theosophie stehe —, wie oft gerade diejenigen, welche auf dem Boden der Theosophie stehen, ablehnen, was im geisteswissenschaftlichen Sinne zu einer Aufklärung hinführen könnte. Als die theosophische Bewegung in der Welt begonnen hatte, da waren es zwei bedeutsame Menschheitsindividualitäten, von denen diese Weisheit der Menschheit zunächst geoffenbart worden ist. Diejenigen, welche diese Weisheit bekommen haben, haben sich in der Regel nicht so verhalten, wie es... [Lücke.]. Dies ist ja hier unzählige Male charakterisiert worden. Denn wie hätte man sich verhalten können gegenüber einer Wahrheit, die von einer unbekannten Seite her erhalten worden ist? Es haben die ersten Vermittler der theosophischen Weltanschauung gesagt: Von Persönlichkeiten, die sich im Hintergrunde halten, haben wir die Weisheit, die wir diesem oder jenem Buche anvertrauten. — Da hätte man folgendes sagen können: Nun ja, es sind ja ehrenwerte Leute, die diese Weisheit bringen, aber wir wollen diese Weisheit selber prüfen. — Immer wird betont, daß in den höheren Welten forschen kann nur derjenige, der sich besondere Fähigkeiten erworben hat. Wenn sie aber mitgeteilt ist, die Weisheit, so daß sie prüfbar ist, wie ist es dann? Die Prüfung der Weisheit ist in vielen Fällen nicht eingetreten. Die einen haben auf Treu und Glauben die Sache hingenommen, weil ihnen gesagt worden ist, daß sie von höheren Individualitäten gekommen sei. Die anderen aber sagten: Ob sie begründet ist oder nicht, das ist nicht von Bedeutung; ob die höheren Individualitäten überhaupt vorhanden sind, darauf kommt es an; und wenn man nicht sicher weiß, ob es diese höheren Individualitäten gibt oder nicht gibt, dann lehnen wir die ganze Theosophie ab.

[ 25 ] If a person does not strive for impartiality using the faculties available to them through reason and logical thinking, then the moment they choose not to rely on these faculties—as soon as something occurs that is different from what they are accustomed to—they are already at the mercy of all manner of superstition. For example—forgive me for saying this, even though I stand firmly on the ground of spiritual science and theosophy—one could observe how often it is precisely those who stand on the ground of theosophy who reject what, in the sense of spiritual science, could lead to enlightenment. When the theosophical movement began in the world, there were two significant human individualities through whom this wisdom was first revealed to humanity. Those who received this wisdom generally did not behave as one might expect... [gap]. This has, after all, been described here countless times. For how could one have behaved in the face of a truth received from an unknown source? The first mediators of the Theosophical worldview said: “We received the wisdom we entrusted to this or that book from personalities who remain in the background.” — One could have responded as follows: “Well, these are, after all, honorable people who bring this wisdom, but we want to examine this wisdom for ourselves.” — It is always emphasized that in the higher worlds, only those who have acquired special abilities can conduct research. But if the wisdom has been communicated in such a way that it is verifiable, what then? In many cases, the wisdom has not been subjected to scrutiny. Some have accepted the matter in good faith because they were told that it came from higher individualities. Others, however, said: Whether it is well-founded or not is irrelevant; what matters is whether the higher individualities exist at all; and if we do not know for certain whether these higher individualities exist or not, then we reject the whole of Theosophy.

[ 26 ] Hätte es denn aber niemals einen geben können, der sich sagte: Mag zunächst diese Weisheit wo auch immer hergekommen sein —, ich prüfe sie, ob und wie sie zu den Erscheinungen des Lebens paßt, ob sie sich bewahrheitet im Leben; ich prüfe sie vor allem daraufhin, wie sie sich verhält zu dem, was uns die landläufige Weltanschauung, die auf der positiven Wissenschaft aufgebaut ist, gibt. — Da könnte man vielleicht zu der Auffassung kommen: Wie armselig ist das, was uns die auf positive Wissenschaft aufgebaute Weltanschauung gibt gegenüber dem, was von theosophischer Seite gekommen ist. Man muß es nicht hinnehmen auf Treu und Glauben, aber prüfen und einsehen kann man es, und beim Prüfen wird hervorgehen, ob diejenigen, von denen diese Weisheit gekommen ist, größer sind, als diejenigen, welche auf dem Boden der sogenannten wissenschaftlichen Tatsachen stehen. Wir haben keinen Grund anzunehmen, daß H. P. Blavatsky ihre Weltanschauung aus einem Wolkenregen erhalten hat. Eine Weisheit, die man als vernünftig befunden hat, muß irgendwo herstammen. Und ob man sie groß nennen kann, das hängt davon ab, was sich ergibt, wenn man diese Weltanschauung mit derjenigen vergleicht, die man schon als groß anerkennt. —

[ 26 ] But could there never have been anyone who said to himself: “Regardless of where this wisdom may have come from—I will examine it to see if and how it fits with the phenomena of life, whether it holds true in life; above all, I will examine how it relates to what the conventional worldview—based on positive science—offers us.”—One might then perhaps come to the conclusion: How meager is what the worldview based on positive science offers us compared to what has come from the theosophical side. One need not accept it on faith, but one can examine and understand it, and upon examination it will become clear whether those from whom this wisdom has come are greater than those who stand on the ground of so-called scientific facts. We have no reason to assume that H. P. Blavatsky received her worldview from thin air. Wisdom that has been found to be reasonable must come from somewhere. And whether it can be called great depends on what emerges when one compares this worldview with the one already recognized as great. —

[ 27 ] Eine solche Prüfung wäre vernünftig gewesen. Das ist aber das einzige, was tatsächlich dem menschlichen Geist Ehre macht, nicht das Hinnehmen auf Treu und Glauben, aber auch nicht das Ablehnen auf Treu und Glauben, sondern das vorurteilslose Prüfen. Gewiß, forschen kann nicht ein jeder. Zum Forschen sind diejenigen da, die ihre Geisteskraft in besonderer Weise entwickeln können. Aber unbefangen prüfen kann ein jeder. Wenn er nur nicht so das Unerklärliche statt des Erklärlichen suchte und im Geiste zufrieden wäre, wenn er das Unerklärliche gefunden hat. Solange man zu ihm spricht, er soll sich anstrengen, um den Geist zu ergründen, da will er nicht mit. Wenn man ihm aber etwas mitteilt, das gar nicht zu begreifen ist, da ist er dabei, weil es so bequemer ist. Das ist besonders charakteristisch für das, was als Seelenzustand für die Menschen existiert.

[ 27 ] Such an examination would have been reasonable. But that is the only thing that truly does credit to the human mind—not accepting something on good faith, nor rejecting it on good faith, but examining it without prejudice. Certainly, not everyone is capable of research. Research is the domain of those who can develop their mental faculties in a special way. But anyone can examine things impartially—provided they do not seek the inexplicable instead of the explainable, and are not satisfied in their minds once they have found the inexplicable. As long as one tells them to make an effort to fathom the spirit, they refuse to go along with it. But if one tells them something that is completely incomprehensible, they’ll go along with it because it’s so much easier. This is particularly characteristic of the state of mind that exists among human beings.

[ 28 ] Da ist ein anderer Fall, der sich abgespielt hat. Ich rede wiederum nicht so, als ob Wahres dahintersteckt, sondern ich rede von der menschlichen Seelenverfassung, die dabei zutage getreten ist. Da wurde erzählt, daß es in gewissen Gegenden Asiens Menschen gebe, welche das Folgende machen können: Sie breiten ein Tuch aus, nehmen ein Seil, werfen das Seil in die Luft, lassen ein kleines Kind daran hinaufklettern, bis es oben unsichtbar wird; sie klettern dann selber nach, und nach einiger Zeit fallen die Glieder des Kindes zerstückelt herunter. Dann kommt der Fakir auch nach, nimmt einen Sack, packt die Glieder hinein, schüttelt das Ganze, schüttelt dann den Sack aus und — das Kind ist wieder vollständig hergestellt. Ich will nicht entscheiden, was dahintersteckt, sondern nur über die Art und Weise des Aberglaubens der Menschen sprechen. Der Vorgang erscheint den Menschen zunächst als etwas, was schwer zu glauben ist. Ein gewisser $. Ellmore hat darüber in der «Chicago Tribune» geschrieben, und ein Maler zeichnete dazu merkwürdige Abbildungen, die ganz richtig die verschiedenen Stadien darstellten: das hinaufgeworfene Seil, das emporkletternde Kind und so weiter. S. Ellmore selbst gab auch Photographien dazu, die besonders schlau angelegt waren, denn man sah immer nur den Fakir und die Zuschauer, die bald nach oben, bald nach unten blickten. Aber das übrige sah man nicht. $. Ellmore hat eine Erklärung für die ganze Sache gegeben, so daß sie sich leicht aufklären ließ. Er meinte nämlich, der Betreffende, der die Sache ausführte, müsse ein ganz bedeutender Hypnotiseur sein, der auf Suggestion so eingestellt war, daß er einer ganzen Gesellschaft den betreffenden Vorgang suggerieren konnte. Da sagten sich die Menschen, daß der Vorgang kein Aberglaube, sondern Suggestion war, und es schien erklärlich, daß alle Leute hypnotisiert waren. Einer Person aber kam dieser suggestive Vorgang noch unwahrscheinlicher vor als der ursprüngliche Vorgang. Sie dachte nämlich, es könnte doch in der Welt auch Dinge geben, die mit unseren Gesetzen nicht erklärt werden können, und sagte sich: In bezug auf die Suggestion weiß man schon mehreres, aber in bezug auf die Seelenkräfte muß man doch noch manches erforschen. — Da wandte diese Person sich an S. Ellmore, um den Ort zu erfahren, wo dieser einer solchen Vorstellung beigewohnt habe. Nun kam die Wahrheit an den Tag. S. Ellmore erklärte, daß die ganze Geschichte erdichtet sei, worauf schon sein Pseudonym hinweise: S. Ellmore = sell more (betrüge mehr). Er hätte die Sache in diese Form gekleidet, da er den ursprünglichen Vorgang nicht glauben konnte, die Form einer Suggestion jedoch für das moderne Bewußtsein annehmbar fand.

[ 28 ] Here is another incident that took place. Again, I am not speaking as if there were any truth to it, but rather I am referring to the state of the human soul that was revealed in the process. It has been said that in certain regions of Asia there are people who can do the following: They spread out a cloth, take a rope, throw the rope into the air, and let a small child climb up it until the child disappears from view at the top; they then climb up after the child, and after some time, the child’s limbs fall down, dismembered. Then the fakir follows, takes a sack, puts the limbs inside, shakes the whole thing, then empties the sack—and the child is fully restored. I do not wish to determine what lies behind this, but only to speak about the nature of people’s superstitions. At first glance, the process appears to people as something that is hard to believe. A certain Mr. Ellmore wrote about it in the *Chicago Tribune*, and an artist drew some remarkable illustrations that quite accurately depicted the various stages: the rope being thrown up, the child climbing up, and so on. S. Ellmore himself also provided photographs of the event, which were particularly cleverly composed, for one could see only the fakir and the spectators, who were looking up at times and down at others. But the rest was not visible. $. Ellmore offered an explanation for the whole affair, making it easy to understand. He believed, in fact, that the person performing the feat must have been a highly skilled hypnotist, so attuned to suggestion that he could implant the relevant process into the minds of an entire audience. People then told themselves that the event was not superstition but suggestion, and it seemed plausible that everyone had been hypnotized. To one person, however, this suggestive event seemed even more improbable than the original event. She thought, in fact, that there might indeed be things in the world that cannot be explained by our laws, and she said to herself: “We already know quite a bit about suggestion, but when it comes to the powers of the soul, there is still much to be explored.” — So this person turned to S. Ellmore to find out where he had witnessed such a performance. Now the truth came to light. S. Ellmore explained that the entire story was fabricated, as his pseudonym already indicated: S. Ellmore = “sell more” (to deceive more). He had framed the story in this way because he could not believe the original event, but found the form of suggestion acceptable to the modern mind.

[ 29 ] Sie sehen also, daß es tatsächlich auf die geistige Verfassung ankommt, daß es ankommt auf das, was in unserer Seele selber vorgeht, wenn man sich über den Begriff und über das Wesen des Aberglaubens einigermaßen aufklären will. Ob eine Sache richtig oder nicht richtig ist, darüber müssen schließlich ganz andere Faktoren entscheiden. Aber was uns alle behüten kann vor irgendwelchen Verirrungen, die zum Aberglauben werden, das kann einzig und allein das Streben nach einer wirklichen Erkenntnis sein, nach einem Durchschauen der Dinge. Derjenige wird immer auf irgendeinem Felde dem Aberglauben verfallen, der nicht wirklich in die Tiefe der Dinge eindringen will. Es ist nun einmal so, daß dieses Verlangen nach einem gewissen Quantum Aberglauben durchaus herrscht. Und damit spreche ich das Grundgesetz für den Aberglauben aus, wie ich es vorhin schon angedeutet habe, nämlich: Solange der Mensch nur in der Beobachtung der physischen Umwelt bleibt, solange er nicht vordringen will zur Geisteswissenschaft, zur wirklichen Erkenntnis der geistigen Urgründe der Dinge, solange lebt in ihm ein gewisser Bedarf an Aberglaube.

[ 29 ] So you see that it really comes down to one’s mental state—to what is going on within our own souls—if we want to gain some understanding of the concept and nature of superstition. Whether something is right or wrong must ultimately be determined by entirely different factors. But the only thing that can protect us all from any kind of misguided thinking that turns into superstition is the pursuit of true knowledge—of seeing through things to their core. Anyone who does not truly seek to penetrate to the depths of things will inevitably fall prey to superstition in some area. The fact is that this desire for a certain degree of superstition is quite prevalent. And with this, I am stating the fundamental law of superstition, as I hinted at earlier, namely: As long as a person remains confined to the observation of the physical environment, as long as they do not seek to advance toward spiritual science—toward a true understanding of the spiritual foundations of things—a certain need for superstition will live within them.

[ 30 ] Nehmen Sie meinetwillen einen heutigen Mediziner: Wenn er in seinem Denken noch so sehr abweist alle Formen des Aberglaubens — derjenige, der unbefangen ist, kann leicht nachweisen, wie er seinen Bedarf an Aberglauben in anderer Form reichlich deckt. Das ist das Gesetz der Kompensation in den menschlichen Seelen. Daran sehen Sie, wie charakteristisch das Gesetz ist.

[ 30 ] Take, for my sake, a modern physician: No matter how strongly he rejects all forms of superstition in his thinking—anyone with an open mind can easily demonstrate how he amply satisfies his need for superstition in other forms. That is the law of compensation in the human soul. From this you can see how characteristic this law is.

[ 31 ] Sie haben einen Menschen, der ganz gewiß in jeder Beziehung hinaussein will über den uralten Aberglauben, aber wieviel Aberglaube verzeichnet Haeckel in seinen «Lebenswundern» und «Welträtseln»! Diejenigen, die mich kennen, wissen, daß ich Haeckel in allem anerkenne, weil er der große Forscher ist. Wer mich kennt, der weiß auch, daß ich immer auf das Positive hinweise, das Haeckel geleistet hat. Weil er aber den alten Aberglauben hinausgeworfen hat und nicht zurückgehen will auf die geistigen Hintergründe der Dinge, da wendet er ihn auf ein anderes Gebiet. Da wird er der abergläubischste Mensch auf dem anderen Gebiet. Auf dem Gebiete von Kraft und Stoff, wie er es sich vorstellt, da tanzen und wirbeln die Atome. Das nennt er seinen Gott. Dem Tanzen und Wirbeln der Atome schreibt er zu, daß sie Zustände schaffen können, die einfache Lebewesen darstellen, und daß diese wieder sich zusammensetzen zu komplizierteren Gebilden, die sich schließlich zusammenfügen zur menschlichen Gehirnform. Alles, was der Mensch dann fühlen und wollen kann, alles Ideale und Sittliche, ja alle Religionen selber sind für denjenigen, der die Sache unbefangen beurteilen kann, dann nur Tanz der Atome. Für ihn besteht kein Unterschied zwischen dem Atomtanz und den großen Fetischen der afrikanischen Wilden. Ob der afrikanische Wilde seinen Holzklotz anbetet und ihn als Gott ansieht, oder ob Haeckel seine kleinen Atome tanzen läßt und sie als kleine Götter ansieht — in bezug auf den Aberglauben ist zwischen beiden kein Unterschied. Auf demselben Standpunkte steht der eine wie der andere Aberglaube. Es gab eine Zeit — sie liegt in gewisser Weise schon hinter uns —, da konnte man sehen, wie dieser Aberglaube nach und nach heraufkam. Es wurden im Laufe der Zeit neue Entdeckungen der Naturwissenschaft gemacht, namentlich in der Chemie. Es wurden neue Verbindungen dadurch erklärbar, daß man Gewichtsunterschiede kleinster Teile im Raume festhielt. Es wurde durch das Gesetz der Atomgewichte manches erklärt. Da erschien es als fruchtbare Anschauung, eine solche Atom-Theorie zu konstruieren. Später vergaß man, daß man diese Atom-Theorie im Geiste konstruiert hat. Die Atome wurden zu wirklichen Götzen, die man anbetete.

[ 31 ] Here is a man who most certainly wants to transcend age-old superstition in every respect, but how much superstition does Haeckel document in his *Wonders of Life* and *Mysteries of the World*! Those who know me know that I acknowledge Haeckel in every respect, because he is the great researcher. Anyone who knows me also knows that I always point out the positive contributions Haeckel has made. But because he has cast aside the old superstitions and does not want to go back to the spiritual foundations of things, he applies them to another field. There he becomes the most superstitious person in that other field. In the realm of force and matter, as he conceives it, the atoms dance and whirl. He calls this his God. He attributes to the dancing and whirling of the atoms the ability to create states that constitute simple living beings, and that these, in turn, combine to form more complex structures, which ultimately come together to form the human brain. Everything that a human being can then feel and desire—all ideals and moral values, indeed all religions themselves—are, for anyone who can judge the matter impartially, merely the dance of atoms. For him, there is no difference between the dance of atoms and the great fetishes of the African savages. Whether the African savage worships his block of wood and regards it as a god, or whether Haeckel lets his tiny atoms dance and regards them as little gods—in terms of superstition, there is no difference between the two. Both forms of superstition stand on the same ground. There was a time—which, in a certain sense, is already behind us—when one could see how this superstition gradually emerged. Over time, new discoveries were made in the natural sciences, particularly in chemistry. New compounds became explainable by noting differences in the weights of the tiniest particles in space. Much was explained by the law of atomic weights. It thus seemed a fruitful approach to construct such an atomic theory. Later, people forgot that this atomic theory had been constructed in the mind. The atoms became real idols that were worshipped.

[ 32 ] Als Schüler schon wurde ich von einem Schuldirektor für den Atom-Aberglauben klar sehend gemacht. Ein Schuldirektor hat dazumal — es ist lange her —, als die neuen Atom-Theorien heraufgekommen sind, alle Erscheinungen der Physik und der Chemie als Bewegungen berechnet. Er hat allerdings das Denken noch nicht berechnet. Aber bis in die chemischen Erscheinungen hinein hat er Berechnungen angestellt. Das Büchelchen, das diese Dinge enthielt, heißt: «Die allgemeine Bewegung der Materie als Grundursache aller Naturerscheinungen.» Das war etwas, was denjenigen faszinieren konnte, der auf diese Sache eingeht. Ich würde gerade dieses Büchelchen einem jeden gern in die Hand geben. Es ist aber seit langer Zeit nicht mehr im Buchhandel zu haben. In Bibliotheken dürfte es vielleicht noch zu finden sein. Da sehen wir den Aberglauben in der Allmacht des Atomwirbels auftauchen.

[ 32 ] Even as a schoolboy, a school principal opened my eyes to the superstition surrounding the atom. Back then—a long time ago—when the new atomic theories were emerging, a school principal calculated all phenomena in physics and chemistry as movements. He had not, however, yet calculated thought itself. But he did carry out calculations extending even into chemical phenomena. The little book that contained these ideas is titled: “The General Motion of Matter as the Fundamental Cause of All Natural Phenomena.” That was something that could fascinate anyone who delves into the subject. I would love to put this very little book into everyone’s hands. But it has not been available in bookstores for a long time. It might still be found in libraries. There we see the superstition in the omnipotence of the atomic vortex emerging.

[ 33 ] Nun haben wir der Reihe nach alle möglichen Formen des Aberglaubens in der Naturwissenschaft auftreten sehen. Denken Sie einmal, daß wir tatsächlich eine gewisse Richtung haben in der Naturwissenschaft, die von der Allmacht der Naturzüchtung spricht. Überall können Sie sehen, daß alles zusammengetragen wird, was für die eine oder andere Theorie spricht, wenn einmal der betreffende Forscher fasziniert ist von einem Schlagwort, das wie ein Götze auf ihn wirkt. Wir sehen gerade in unserer Zeit, wenn wir nur ein Auge dafür haben wollten, ähnliche Fälle. Schon am Eingang des Vortrages erwähnte ich, wie sich heranschleichen die Dinge, die sich in nicht allzuferner Zeit als furchtbarer Zeit-Aberglaube enthüllen werden.

[ 33 ] We have now seen, one by one, all the possible forms of superstition that arise in the natural sciences. Just consider that we actually have a certain trend in the natural sciences that speaks of the omnipotence of natural selection. Everywhere you look, you can see that everything supporting one theory or another is gathered together once the researcher in question becomes fascinated by a buzzword that acts like an idol upon him. We see similar cases right now in our own time, if only we were willing to keep an eye out for them. Already at the beginning of this lecture, I mentioned how things are creeping up on us that will, in the not-too-distant future, reveal themselves as a terrible superstition of our time.

[ 34 ] Wo ist nun die Ursache des Aberglaubens selber? Immer tritt die Möglichkeit ein, daß der Aberglaube an die Stelle dessen tritt, was allein als fruchtbarer Gedanke, als fruchtbare Meinung herrschen kann. Wenn der ursprüngliche Gedanke, die ursprünglicheMeinung vergessen wird und dafür nur die sich bietende Außerlichkeit genommen wird, dann vergessen wir, wie bei der nach sieben Tagen auftretenden Krisis bei der Lungenentzündung, das Wesentliche. Wenn die Siebenzahl herausgerissen und festgehalten wird, so besteht die Möglichkeit, daß dies in Aberglauben umschlägt. Da haben Sie den Grund dafür, daß alte Weise große Naturerscheinungen zeigen konnten.

[ 34 ] Where, then, does the root of superstition itself lie? There is always the possibility that superstition will take the place of what alone can prevail as a fruitful thought or a fruitful opinion. When the original thought, the original opinion, is forgotten and only the superficial appearance that presents itself is taken instead, then we forget what is essential—just as in the crisis that occurs seven days after the onset of pneumonia. If the number seven is singled out and clung to, there is a possibility that this will turn into superstition. Therein lies the reason why the sages of old were able to point to great natural phenomena.

[ 35 ] Das ist es, was die Geisteswissenschaft dem Menschen bringen wird: daß er nicht das Unerklärliche suchen wird, sondern daß er die Erklärung wird suchen wollen. Sonst, wenn er stehenbleibt im Gebiete der Umwelt und sich nicht erheben will auf den höheren Standpunkt, von dem aus er sehen kann, was auf dem einen oder anderen Gebiete berechtigt oder unberechtigt ist, dann wird er sich nur in einer Umlagerung des Aberglaubens befinden. Wer in der physischen Welt stehenbleibt, der verläßt den einen Aberglauben und geht in den anderen ein. Erst wenn er sich erhebt über sich selbst und über den Aberglauben, sieht er das Rechte sowohl in dem einen wie in dem anderen. Jean Jacques Rousseau hat schon festgestellt, daß es keinen Unterschied macht, ob man mehr oder weniger klug ist. Er sagte: Die Gescheiten und die Klugen haben ihre Vorurteile ebenso wie die Dummen, wenn auch die Klugen und Gescheiten manches mehr wissen und mehr Vorurteile haben als die Dummen. Die Dummen halten dafür an dem wenigen um so zäher fest. — Das ist durchaus ein Gesetz, das derjenige, der das Menschenleben beobachtet, in zahlreichen Fällen bestätigt finden kann. So sehen wir, daß es im Grunde genommen eine Heilung gegenüber dem Aberglauben gar nicht anders geben kann als durch das Erheben zu dem höheren Standpunkt, von dem aus die Welt in ihren geistigen Untergründen überschaubar wird.

[ 35 ] This is what spiritual science will bring to humanity: that people will not seek the inexplicable, but will instead seek to find an explanation. Otherwise, if they remain confined to the realm of their immediate surroundings and refuse to rise to a higher vantage point from which they can discern what is justified or unjustified in one realm or another, they will find themselves merely caught up in a cycle of superstition. Those who remain in the physical world abandon one form of superstition only to fall into another. Only when he rises above himself and above superstition does he see what is right in both. Jean-Jacques Rousseau had already observed that it makes no difference whether one is more or less intelligent. He said: The clever and the intelligent have their prejudices just as much as the foolish, even if the clever and the intelligent know more and have more prejudices than the foolish. The foolish, on the other hand, cling all the more tenaciously to what little they have. — This is certainly a law that anyone who observes human life can find confirmed in numerous cases. Thus, we see that, fundamentally, there can be no cure for superstition other than by rising to a higher vantage point, from which the world becomes comprehensible in its spiritual foundations.

[ 36 ] Es wird noch mancherlei Aberglaube heraufziehen, und manches schleicht sich heute in unsere Anschauung ein. Wir sind ja auf einer Bahn der Entwickelung, wo die Menschen eigentlich gar keinen rechten Sinn dafür haben, aus dem öffentlichen Leben den Aberglauben, wenn er nicht gerade aus alten Zeiten sich übertragen hat, herauszubringen. Oh, es gilt durchaus für unsere Zeit auf mancherlei Gebieten dasjenige, was uns eine alte Erzählung sagt. Nennen Sie es eine Anekdote, aber sie gilt, und sie stellt die Wahrheit besser dar als manches andere. In einer gewissen Gegend Spaniens, an der Grenze zwischen zwei Provinzen, war einmal eine Epidemie ausgebrochen. Es war in der Nähe von zwei Universitäten. Die eine Universität hatte eine medizinische Fakultät, in der man besonders schwärmte für das Aderlassen. In der anderen Universität schwärmte man gegen das Aderlassen. Und nun waren in der unglücklichen Gegend, wo die Epidemie ausbrach, zwei Ärzte. Der eine war in der einen, der andere in der anderen Universität ausgebildet. Der eine verordnete Mittel, und der andere ließ zur Ader. Es stellte sich heraus, daß der eine Arzt alle Patienten am Leben erhielt, während die Patienten des anderen Arztes alle starben. Wenn dem einen auch alle Patienten leben blieben und dem anderen alle starben, so verfuhren sie doch beide richtig nach ihrer Theorie; der eine zwar falsch in der Praxis, aber richtig nach der Theorie.

[ 36 ] All sorts of superstitions will continue to arise, and many are already creeping into our worldview today. We are, after all, on a path of development where people actually have no real sense of how to eliminate superstition from public life—unless it has been passed down from ancient times. Oh, what an old story tells us certainly applies to our time in many areas. Call it an anecdote, but it holds true, and it illustrates the truth better than many other things. In a certain region of Spain, on the border between two provinces, an epidemic once broke out. It was near two universities. One university had a medical school where there was a particular enthusiasm for bloodletting. At the other university, there was a strong opposition to bloodletting. And now, in the unfortunate region where the epidemic broke out, there were two doctors. One had been trained at one university, the other at the other. One prescribed medication, and the other performed bloodletting. It turned out that one doctor kept all his patients alive, while the patients of the other doctor all died. Even though all the patients of one doctor survived and all those of the other died, both were acting correctly according to their respective theories; one was wrong in practice, but correct in theory.

[ 37 ] Wenn man eine solche Sache erzählt, so kann sie einem albern erscheinen. Wenn man die Dinge aber Tag für Tag sieht, dann findet man, daß die Anekdote nichts Falsches sagt, und man findet sie sogar notwendig. Deshalb kann es sich, wenn über den Aberglauben gesprochen wird, nur darum handeln, daß die Geisteswissenschaft wahrhaftig am allerwenigsten einen Grund hat, diesen oder jenen Aberglauben zu propagieren. Sie steht auf dem Boden, daß das Geistige erforschbar ist und daß es Mittel und Wege gibt, um hineinzudringen in die geistige Welt, durch die man von einem höheren Gesichtspunkte aus die Welt zu überschauen vermag. Dadurch wird der Mensch hinausgeführt über das, was Aberglaube ist, und auch hinausgeführt über das, was Aberglaube im menschlichen Leben als Schaden anrichten kann. Man kann dasjenige, was hier gilt, mit einem Goetheschen Wort ausdrücken, das in umfassender Weise, wenn auch einfach, die Wahrheit enthüllt: «Die Weisheit ist ewig, und sie wird siegen, und sie wird in uns allen in den mannigfaltigsten Tumulten den Menschen zur Menschheit erhöhen.»

[ 37 ] When you tell a story like this, it may seem silly. But when one sees these things day after day, one finds that the anecdote says nothing false, and one even finds it necessary. Therefore, when speaking of superstition, the point can only be that spiritual science truly has the least reason of all to propagate this or that superstition. It is based on the principle that the spiritual realm is open to investigation and that there are ways and means to penetrate the spiritual world, through which one can view the world from a higher perspective. In this way, human beings are led beyond what superstition is, and also beyond the harm that superstition can cause in human life. What applies here can be expressed in the words of Goethe, which reveal the truth in a comprehensive, if simple, way: “Wisdom is eternal, and it will triumph, and it will elevate humanity within all of us, even amid the most diverse turmoil.”