Where and how can one find the Spirit?
GA 57
28 January 1909, Berlin
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Where and how can one find the Spirit?, tr. SOL
9. Tolstoj und Carnegie
9. Tolstoy and Carnegie
[ 1 ] Als eine sonderbare Zusammenstellung mag es manchem wohl erscheinen, was heute unserer Betrachtung zugrunde liegen soll: auf der einen Seite 70lstoj, auf der anderen Seite Carnegie, zwei Persönlichkeiten, von denen wohl mancher sagen wird, Verschiedeneres, Entgegengesetzteres könne es kaum geben; auf der einen Seite der aus den Tiefen des geistigen Lebens heraus suchende Rätsellöser der höchsten sozialen und geistigen Probleme — Tolstoj; und auf der anderen Seite der Stahlkönig, der reichgewordene Mann, der Mann, von dem man literarisch kaum viel mehr weiß, als daß er darüber nachgedacht hat, wie der zusammengebrachte Reichtum am besten zu verwerten sei— Carnegie. Und dann wiederum die Zusammenstellung der beiden Persönlichkeiten mit der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie.
[ 1 ] What will form the basis of our discussion today may well seem to some to be a peculiar combination: on the one hand, Tolstoy; on the other, Carnegie—two figures of whom many would say there could hardly be two more different or more opposed; on the one hand, Tolstoy, the puzzle-solver who sought answers to the highest social and spiritual problems from the depths of spiritual life; and on the other hand, Carnegie, the “steel king,” the man who became wealthy, the man about whom we know little more in literary terms than that he pondered how best to utilize the wealth he had amassed. And then, again, the juxtaposition of these two personalities with spiritual science or anthroposophy.
[ 2 ] Allerdings, bei Tolstoj wird es wohl niemand einfallen, zu bezweifeln, daß man gerade mit dem Lichte der Geisteswissenschaft in die Tiefen seiner Seele hineinleuchten kann. Aber bei Carnegie wird wohl mancher sagen: Was hat denn dieser Mann überhaupt, dieser Mann des bloß praktischen, geschäftlichen Wirkens, mit dem zu tun, was man Geisteswissenschaft nennt? — Wäre dieGeisteswissenschaft die graue Theorie, die lebensfremde und lebensfeindlicheWeltanschauung, als die sie so oft angesehen wird, kümmerte sie sich wenig um die Fragen des praktischen Lebens, wie manchmal geglaubt wird, so könnte es sonderbar erscheinen, daß gerade zur Veranschaulichung gewisser Fragen ein solcher Mann des praktischen Lebens herangezogen wird. Hat man aber einigermaßen begriffen, was den Vorträgen, die von hier aus über Geisteswissenschaft gehalten werden, immer zugrunde liegt: daß diese Geisteswissenschaft etwas ist, was in alle einzelnen Gebiete, ja, in die alleralltäglichsten Gebiete des praktischen Lebens einfließen kann, dann wird man es nicht verwunderlich finden, daß auch diese Persönlichkeit einmal herangezogen wird, um dadurch manches zu veranschaulichen, was innerhalb der Geisteswissenschaft eben veranschaulicht werden soll. Und zweitens, um im Sinne Emersons zu sprechen, haben wir damit zwei repräsentative Persönlichkeiten unserer Zeit vor uns. Der eine wie der andere drückt das ganze Streben, das Sinnen auf der einen, das Arbeiten auf der anderen Seite, wie sie in unserer Zeit walten und weben, typisch aus, eben durchaus repräsentativ. Gerade das Entgegengesetzte der ganzen Persönlichkeits- und Seelenentwickelung bei diesen beiden Männern ist auf der einen Seite für die Mannigfaltigkeit des Lebens und Arbeitens in unserer Zeit so charakteristisch, auf der anderen Seite jedoch wiederum kennzeichnend dafür, wo der Grundnerv, die eigentlichen Ziele unserer Gegenwart liegen.
[ 2 ] However, when it comes to Tolstoy, it would probably never occur to anyone to doubt that it is precisely through the light of spiritual science that one can shine into the depths of his soul. But when it comes to Carnegie, some might say: What does this man—a man of purely practical, business-oriented activity—have to do with what is called spiritual science? — If spiritual science were the dry theory, the worldview alien to and hostile to life, as it is so often regarded—if it paid little attention to the questions of practical life, as is sometimes believed—then it might seem strange that such a man of practical life should be called upon precisely to illustrate certain questions. But once one has grasped to some extent what always underlies the lectures on spiritual science given here—namely, that this spiritual science is something that can flow into all individual areas, indeed, into the most everyday realms of practical life, then one will not find it surprising that this figure, too, is occasionally drawn upon to illustrate many of the very things that are meant to be illustrated within spiritual science. And secondly, to speak in the spirit of Emerson, we thus have before us two representative figures of our time. Both of them typify the entire striving—the contemplation on the one hand, the work on the other—as they prevail and interweave in our time; they are, in fact, thoroughly representative. It is precisely the contrast in the development of personality and soul between these two men that, on the one hand, is so characteristic of the diversity of life and work in our time, and on the other hand, is indicative of where the fundamental spirit and the true goals of our present age lie.
[ 3 ] Wir haben auf der einen Seite Tolstoj, der herausgewachsen ist aus vornehmem Stande, aus Reichtum und Überfluß, aus einer Lebenssphäre, in der alles enthalten ist, was das äußere gegenwärtige Leben an Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten nur bieten kann. Wir haben in ihm einen Menschen, den seine Seelenentwickelung dazu gebracht hat, geradezu die Wertlosigkeit alles dessen, in das er hineingeboren ist, nicht nur für sich, sondern für die ganze Menschheit zu proklamieren wie ein Evangelium. Wir haben auf der anderen Seite den amerikanischen Stahlkönig, eine Persönlichkeit, die herausgewachsen ist aus Not und Elend, herausgewachsen aus einer Lebenssphäre, wo gar nichts von dem vorhanden ist, was das äußere Leben an Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten bieten kann. Eine Persönlichkeit, die sich, man möchte sagen, Dollar um Dollar verdienen mußte, und die hinaufstieg zu dem größten Reichtum, den man in der Gegenwart erwerben kann, eine Persönlichkeit, die im Verlaufe ihrer Seelenentwickelung dazu kam, diese Ansammlung des Reichtums als etwas für dieGegenwart durchaus Normales, durchausSelbstverständliches zu halten und nur darüber nachzudenken, wie zum Heil und Glück der Menschheit, zu ihrer entsprechenden Fortentwickelung, dieser angesammelte Reichtum zu verwerten sei. Dasjenige, was Tolstoj nimmermehr begehrte, als er die Höhe seiner Seelenentwickelung erreicht hatte, war ihm in reichem Maße im Beginne seinesLebens gegeben. Dasjenige, was Carnegie sich zuletzt in ausgiebiger Fülle erworben hatte, die äußeren Güter des Lebens, das war ihm im Beginne seines Lebens völlig versagt.
[ 3 ] On the one hand, we have Tolstoy, who grew up in a distinguished family, surrounded by wealth and abundance, in a sphere of life that contained everything that outward, present-day life could possibly offer in terms of comforts and pleasures. In him we have a man whose spiritual development has led him to proclaim—as if it were a gospel—the utter worthlessness of everything into which he was born, not only for himself but for all of humanity. On the other hand, we have the American steel magnate, a figure who rose from hardship and misery, from a sphere of life where none of the comforts and conveniences that external life can offer are present. A figure who, one might say, had to earn his way dollar by dollar, and who rose to the greatest wealth that can be acquired in the present day—a figure who, in the course of his spiritual development, came to regard this accumulation of wealth as something entirely normal and self-evident for the present, and to reflect only on how this accumulated wealth might be utilized for the welfare and happiness of humanity and for its corresponding further development. That which Tolstoy never desired once he had reached the pinnacle of his spiritual development had been given to him in abundance at the beginning of his life. That which Carnegie had ultimately acquired in great abundance—the material goods of life—had been completely denied to him at the beginning of his life.
[ 4 ] Das ist, wenn auch in äußerlicher Weise, doch die Charakteristik der beiden Persönlichkeiten, zugleich in einem gewissen Maße der Ausdruck ihres Wesens. Was in unserer Zeit mit einer Persönlichkeit vorgehen kann, was sich spiegeln kann von diesen äußeren Vorgängen an der Persönlichkeit und um die Persönlichkeit, alles das zeigt uns bei beiden das, was in unserer Gegenwart in den Uhtergründen des sozialen und seelischen Daseins überhaupt waltet. Wir sehen Tolstoj, wie gesagt, herausgeboren aus einer Sphäre des Lebens, in der alles dasjenige vorhanden war, was man bezeichnen könnte als die Bequemlichkeit, den Reichtum und die Vornehmheit des Lebens. Wir können uns natürlich nur ganz skizzenhaft mit seinem Leben befassen, denn es handelt sich heute darum, unsere Zeit an diesen repräsentativen Persönlichkeiten zu charakterisieren und ihre Bedürfnisse in einer gewissen Weise zu erkennen.
[ 4 ] This is, albeit in an external way, the defining characteristic of both personalities, and at the same time, to a certain extent, an expression of their essence. What can happen to a personality in our time, what can be reflected in these external processes within and around the personality—all of this reveals to us, in both of them, what prevails in our present day in the depths of social and spiritual existence. We see Tolstoy, as mentioned, born into a sphere of life in which everything was present that one might describe as the comfort, wealth, and refinement of life. Of course, we can only touch upon his life in a very sketchy manner, for our aim today is to characterize our own time through these representative figures and to recognize their needs in a certain way.
[ 5 ] Im Jahre 1828 ist Leo Tolstoj geboren aus einem russischen Grafengeschlecht, von dem er selbst sagt, daß die Familie ursprünglich aus Deutschland eingewandert ist. Wir sehen Tolstoj dann gewisse höhere Güter des Lebens verlieren. Kaum ist er anderthalb Jahre alt, verliert er die Mutter, im neunten Jahre den Vater. Er wächst dann heran unter der Pflege einer Verwandten, die allerdings sozusagen die verkörperte Liebe ist, und aus deren Seelenverfassung sich die schöne, herrliche Seelenanlage wie von selbst in seine Seele hineingießen mußte. Aber auf der anderen Seite steht er unter dem Einfluß einer anderen Verwandten, welche ganz und gar aus den Verhältnissen unserer Zeit, wie sie sich in gewissen Kreisen bildeten, aus den Anschauungen dieser Kreise heraus erzieherisch wirken will, eine Persönlichkeit, die ganz aufgeht in dem äußerlichen Welttreiben, das dann Tolstoj später so sehr verhaßt geworden ist und das er so schwer bekämpft hat. Wir sehen, wie diese Persönlichkeit von Anfang an darnach strebte, aus Tolstoj das zu machen, was man nennt einen Menschen «comme il faut», einen Menschen, der so, wie es dazumal notwendig war, seine Bauern behandeln konnte, der Titel, Rang, Würden und Orden erhalten und auch in der Gesellschaft eine entsprechende Rolle spielen sollte.
[ 5 ] Leo Tolstoy was born in 1828 into a Russian count’s family, about which he himself says that the family originally immigrated from Germany. We then see Tolstoy lose certain of life’s higher blessings. Barely a year and a half old, he lost his mother; at the age of nine, his father. He then grew up under the care of a relative who was, so to speak, the embodiment of love, and from whose state of mind that beautiful, magnificent disposition of the soul must have flowed into his own soul as if of its own accord. But on the other hand, he is under the influence of another relative who, entirely in keeping with the conditions of our time as they took shape in certain circles and based on the views of those circles, seeks to exert an educational influence—a personality who is completely absorbed in the external hustle and bustle of the world, which Tolstoy later came to hate so much and against which he fought so hard. We see how, from the very beginning, this figure strove to mold Tolstoy into what is called a “comme il faut” person—someone who, as was necessary at the time, could treat his peasants appropriately, who was to receive titles, ranks, honors, and orders, and who was also expected to play a corresponding role in society.
[ 6 ] Wir sehen dann, wie Tolstoj auf die Universität kommt, wie er im Grunde genommen ein schlechter Student ist, wie er durchaus findet, daß alles das, was die Professoren an der Universität Kasan sagen, nichts Wissenswertes ist. Was ihn aus der Sphäre der Wissenschaft heraus noch zu beschäftigen vermag, waren orientalische Sprachen. Alles andere ging nicht. Dagegen fesselte ihn der Vergleich eines gewissen Kapitels des Gesetzbuches der Kaiserin Katharina mit dem «Geist der Gesetze» von Montesquieu. Dann versucht er wiederholt, sein Gut zu bewirtschaften, und wir sehen, wie er geradezu dazu kommt, sich in das üppige Leben eines erwachsenen Menschen aus seinen Kreisen hineinzustürzen, wie er sich so in dieses Leben hineinstürzt, daß er es selber bezeichnen muß als ein Hineinstürzen in alle möglichen Laster und Nichtigkeiten des Lebens. Wir sehen, wie er zum Spieler wird, große Summen verspielt, aber innerhalb dieses Lebens immer wieder zu Stunden kommt, wo sein eigenes Treiben ihn eigentlich anekelt. Wir sehen, wie er mit den Kreisen seiner eigenen Standesgenossen sowie mit den Kreisen der Literaten zusammenkommt und da ein Leben führt, das er in Augenblicken des Nachdenkens als ein wertloses, ja sogar verderbliches bezeichnet. Wir sehen aber auch — und das ist wichtig für ihn, der gern die Entwickelung der Seele da betrachtet, wo sich diese Entwickelung an besonders charakteristischen Merkmalen zeigt —, wie bei ihm in der Entwickelung seiner Seele doch besondere Eigentümlichkeiten auftreten, die schon in frühester Jugend uns verraten können, was eigentlich in dieser Seele steckt.
[ 6 ] We then see how Tolstoy enters the university, how he is, in essence, a poor student, and how he firmly believes that nothing the professors at Kazan University say is worth knowing. The only thing outside the realm of academia that still managed to hold his interest was Oriental languages. Nothing else held his interest. On the other hand, he was captivated by a comparison of a certain chapter of Empress Catherine’s legal code with Montesquieu’s *The Spirit of the Laws*. Then he repeatedly attempts to manage his estate, and we see how he literally ends up plunging into the lavish life of an adult from his social circle, how he throws himself into this life to such an extent that he himself must describe it as a plunge into all manner of vices and futilities of life. We see how he becomes a gambler, squandering large sums of money, yet within this life he repeatedly experiences moments when his own behavior actually repulses him. We see how he mingles with the circles of his own social class as well as with literary circles, leading a life that, in moments of reflection, he describes as worthless, even corrupting. But we also see—and this is important for him, who likes to observe the development of the soul where that development manifests itself in particularly characteristic features—how, in the development of his soul, certain distinctive traits do emerge that, even in his earliest youth, can reveal to us what this soul is truly made of.
[ 7 ] So ist es von ungeheurer Bedeutung, welch tiefen Eindruck auf Tolstoj im Alter von elf Jahren ein gewisses Ereignis macht. In der Schule — das brachte ein befreundeter Knabe einmal mit nach Hause — habe man eine wichtige Entdeckung, eine neue Erfindung gemacht. Man habe gefunden, und ein Lehrer habe insbesondere davon gesprochen, daß es keinen Gott gebe, daß dieser Gott nur eine leere Erfindung vieler Menschen sei, ein leeres Gedankenbild. Und alles, was man wissen kann über den Eindruck, den dieses Knabenerlebnis auf Tolstoj machte, zeigt uns an der Art, wie er es aufnahm, daß in ihm eine zu den höchsten Höhen des menschlichen Daseins hinaufstrebende und sich hinaufarbeitende Seele schon damals rang.
[ 7 ] It is therefore of immense significance what a profound impression a certain event made on Tolstoy at the age of eleven. At school—as a boy friend of his once brought home—they had made an important discovery, a new invention. They had discovered—and a teacher had spoken about it in particular—that there was no God, that this God was merely an empty invention of many people, an empty figment of the imagination. And everything we can know about the impact this childhood experience had on Tolstoy is revealed in the way he received it—it shows that even then, a soul striving and working its way up to the highest heights of human existence was already struggling within him.
[ 8 ] Aber sie war auch sonst sonderbar, diese Seele. Diejenigen Menschen, die so gern nur Äußerlichkeiten anführen und nicht dasjenige in der Seele beachten, was sich aus deren Mittelpunkt, durch alle äußeren Hindernisse hindurch hervorringt als das eigentlich Individuelle der Seele, sie werden an solchen Jugenderlebnissen gern etwas übersehen und nicht beachten, daß etwas ganz anderes wirkt auf die eine und wieder anders auf die andere Seele. Insbesondere muß man achtgeben, wenn eine Seele in frühester Jugend eine Anlage zu dem zeigt, was man aussprechen könnte mit dem schönen Satz Goethes aus dem zweiten Teile des «Faust»: «Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.» Es ist viel mit diesem Satze gesagt. Eine Seele, die sozusagen etwas begehrt, was in ganz offenbarem Sinn für alles philiströse Anschauen selbstverständlich eine Torheit ist, eine solche Seele, namentlich wenn sie sich in ihrer ersten Jugend als solche zeigt, verrät gerade durch solche Absonderlichkeiten Weite des Gesichtskreises, Weite des Strebens. Und so darf man es nicht übersehen, wenn uns Tolstoj etwa solche Dinge erzählt in einer seiner Schriften, die zu den ersten seines literarischen Schaffens gehört, und in denen er Spiegelbilder seiner eigenen Entwickelung gibt. Wir dürfen es nicht unbeachtet lassen, wenn er da Dinge erzählt, die durchaus für ihn als geltend betrachtet werden müssen, so, wenn sich der Knabe einmal darin gefällt, seine Augenbrauen abzurasieren und sich so eine Zeitlang seine äußere, nicht sehr weitgehende Schönheit recht verunstaltet. Das ist etwas, was man für eine große Absonderlichkeit halten kann. Wenn man aber darüber nachdenkt, so wird es zu einer Andeutung. Ein anderes ist, daß der Knabe sich einbildet, der Mensch könne auch fliegen, wenn er recht starr die Arme gegen die Knie presse. Wenn er das tue, so müßte er fliegen können, meint er. Er geht also einmal in den zweiten Stock hinauf und stürzt sich zum Fenster hinaus, die Fersen festhaltend. Er wird wie durch ein Wunder gerettet und trägt nichts davon als eine kleine Gehirnerschütterung, die sich durch einen achtzehnstündigen Schlaf wieder ausgleicht. Er hat für seine Umgebung damit nichts weiter bewiesen, als daß er ein absonderlicher Junge war. Der aber, der die Seele beobachten will und weiß, was es bedeutet, in frühester Jugend in seiner Seele herauszugehen aus dem Geleise, das einem links und rechts vorgezeichnet ist, der wird solche Züge im Leben eines jungen Menschen nicht übersehen. So erscheint dieseSeele von Anfang an groß und weit angelegt. Daher können wir begreifen, daß er, als er müde war der Ausschweifungen des Lebens, die sich schon einmal aus seinem Stande ergeben haben, mit einem gewissen Ekel erfüllt war vor sich selbst, namentlich nach einer Spielaffäre.
[ 8 ] But this soul was strange in other ways, too. Those people who are so fond of citing only outward appearances and do not take into account that which, from the soul’s center, breaks through all external obstacles as the soul’s true individuality—they are prone to overlook certain aspects of such youthful experiences and fail to recognize that something entirely different affects one soul in one way and another soul in yet another way. One must be particularly careful when a soul shows, in its earliest youth, a predisposition toward what could be expressed with Goethe’s beautiful line from the second part of *Faust*: “I love the one who desires the impossible.” This sentence says a great deal. A soul that, so to speak, desires something which, in the most obvious sense, is clearly folly to any philistine perspective—such a soul, especially when it reveals itself as such in its earliest youth—reveals, precisely through such peculiarities, the breadth of its horizons and the breadth of its aspirations. And so we must not overlook it when Tolstoy tells us such things in one of his early works—which belong to the very beginning of his literary career and in which he reflects his own development. We must not ignore it when he recounts things that must certainly be regarded as valid for him—such as when the boy takes pleasure in shaving off his eyebrows and thus, for a time, quite disfigures his outward, not particularly striking beauty. This is something that might be considered a great eccentricity. But when one reflects on it, it becomes a hint. Another example is that the boy imagines a person could fly if he pressed his arms firmly against his knees. If he did that, he believes, he would be able to fly. So one day he goes up to the second floor and throws himself out the window, holding onto his heels. He is miraculously saved and suffers nothing more than a minor concussion, which clears up after an eighteen-hour sleep. To those around him, he has proven nothing more than that he was an eccentric boy. But anyone who seeks to observe the soul and understands what it means, in the earliest years of youth, to stray in one’s soul from the path laid out to the left and right will not overlook such traits in a young person’s life. Thus, from the very beginning, this soul appears to be grand and far-reaching. We can therefore understand that when he grew weary of the excesses of life—which had already arisen from his station—he was filled with a certain revulsion toward himself, particularly after a gambling affair.
[ 9 ] Als er dann in den Kaukasus geht, können wir begreifen, daß da seine Seele vor allen Dingen Liebe und Hinneigung gewinnt zu den einfachen Kosaken, zu denjenigen Leuten, die er da zuerst kennenlernt und von denen ihm aufgeht, daß sie eigentlich ganz andere Seelen haben als alle diejenigen Leute, die er bisher im Grunde genommen kennengelernt hatte. Alles schien ihm so unnatürlich an den Prinzipien und Grundsätzen seiner Standesgenossen. Alles, was er bisher geglaubt hatte, erschien ihm so fremd, so abgetrennt vom Urquell des Daseins. Die Menschen, die er aber nun kennenlernte, waren Leute, deren Seelen mit den Quellen der Natur so verwachsen waren wie der Baum durch die Wurzeln mit den Quellen der Natur, wie die Blume mit den Säften des Bodens. Dieses Verwachsensein mit der Natur, dieses Nicht-fremd-geworden-Sein mit den Quellen des Daseins, das ursprüngliche Hinaussein über das Gut und Böse in diesen Kreisen, das war es, was einen so gewaltigen Eindruck auf ihn machte.
[ 9 ] When he then goes to the Caucasus, we can understand that there, above all else, his soul finds love and affection for the simple Cossacks—the people he first meets there and from whom he realizes that they actually have souls quite different from all the people he had, in essence, come to know up to that point. Everything about the principles and tenets of his peers seemed so unnatural to him. Everything he had believed up to that point seemed so alien to him, so cut off from the primal source of existence. But the people he was now getting to know were people whose souls were so intertwined with the sources of nature as a tree is through its roots with the sources of nature, as a flower is with the sap of the soil. This oneness with nature, this failure to become estranged from the sources of existence, this original transcendence of good and evil in these circles—that was what made such a powerful impression on him.
[ 10 ] Und dann, als er, vom Tatendrangergriffen, Soldat wurde, um am Krimkrieg teilzunehmen, — im Jahre 1854 war es wohl, als er zur Donau-Armee ging—, da sehen wir ihn mit der intensivsten Hingabe das ganze Seelenleben des einfachen Soldaten studieren. Wir sehen allerdings, wie jetzt ein spezialisierteres Empfinden in Tolstojs Seele Platz greift, wie er auf der einen Seite tief ergriffen ist von der Ursprünglichkeit des einfachen Menschen, auf der anderen Seite aber auch von dem Elend, der Armut, der Gequältheit und Gedrücktheit des einfachen Menschen. Wir sehen, wie er erfüllt ist von Liebe und Lust, zu helfen, und wie auch schon schattenhaft in seinem Geiste aufleuchten die höchsten Ideale von Menschenbeglückung, Menschenheil und Menschenfortschritt, wie er auf der anderen Seite aber doch wiederum sich ganz klarmacht — aus dem Verhältnis, wie es sich herausgebildet hat zwischen ihm, mit seinen Anschauungen, und den natürlichen Menschen, mit ihren Anschauungen —, daß er mit der Art von Idealen, Zielen und Gedanken, wie er sie hat, nicht verstanden werden könne. Das ruft einen Zwiespalt in seiner Seele hervor, etwas, das ihn noch. nicht bis zum Grundkern seines Wesens vordringen läßt.
[ 10 ] And then, when, seized by a thirst for action, he became a soldier to take part in the Crimean War—it was probably in 1854 when he joined the Danube Army—we see him studying the entire inner life of the ordinary soldier with the most intense devotion. We do, however, see how a more specialized sensibility now takes root in Tolstoy’s soul—how, on the one hand, he is deeply moved by the authenticity of the common man, but on the other hand also by the misery, poverty, torment, and oppression of the common man. We see how he is filled with love and a desire to help, and how the highest ideals of human happiness, human salvation, and human progress already begin to glimmer, albeit faintly, in his mind; yet, on the other hand, he also makes it perfectly clear to himself—based on the relationship that has developed between him, with his views, and ordinary people, with their views—that he cannot be understood with the kind of ideals, goals, and thoughts that he holds. This gives rise to a conflict in his soul, something that still prevents him from penetrating to the very core of his being.
[ 11 ] So sehen wir, daß er immer wieder zurückgeworfen wird aus dem Leben, das er führt, und daß er gerade bei der Donau-Armee von einem Extrem ins andere hinein geworfen wird. Ein Vorgesetzter von ihm sagt, er sei ein goldener Mensch, den man nie mehr vergessen könne. Er wirke wie eine Seele, die nur Güte ausgießt und habe andererseits die Fähigkeit, in den schwierigsten Lagen die anderen zu erheitern. Alles sei anders, wenn er da sei. Sei er einmal nicht da, ließen alle den Kopf hängen. Habe er sich aber wieder einmal hineingestürzt in das Leben, so komme er mit einer fürchterlichen Reue, mit schrecklichem Bedauern wieder ins Lager zurück. — Zwischen solchen Stimmungen wurde diese, man kann nicht anders sagen als große Seele hin- und hergeworfen. Ausdiesen Stimmungen und Erlebnissen wachsen auch jene Anschauungen und plastischen Erzählungen seiner literarischen Laufbahn, jene Erzeugnisse, die zum Beispiel die anerkennendste Kritik selbst eines Targenjew hervorgerufen haben, und die überall Anerkennung gefunden haben. Wir sehen aber zu gleicher Zeit, wie in einer gewissen Weise das doch nur neben dem eigentlichen Zentrum, dem Mittelpunkt seiner Seele einhergeht, wie in seiner Seele immerderBlick gerichtetistauf diegroßeKraft,auf den Grundquell des Lebens, wie er ringt nach den Begriffen von Wahrheit und Menschheitsfortschritt, und wie er, selbst einer solchen Persönlichkeit wie Turgenjew gegenüber, bei einem Zusammensein nicht anders kann als sagen: Ach, ihr habt doch eigentlich alle nicht das, was man eine Überzeugung nennt. Ihr redet eigentlich nur, um eure Überzeugung zu verbergen.
[ 11 ] Thus we see that he is repeatedly cast out of the life he leads, and that, particularly in the Danube Army, he is thrown from one extreme to the other. One of his superiors says he is a golden soul whom one could never forget. He seems like a soul who radiates nothing but kindness and, at the same time, has the ability to cheer others up even in the most difficult situations. Everything is different when he is there. If he is not there, everyone hangs their heads. But once he has thrown himself back into life, he returns to camp filled with terrible remorse and deep regret. — This soul—one can’t help but call it a great soul—was tossed back and forth between such moods. From these moods and experiences also spring the insights and vivid narratives of his literary career—those works that have elicited, for example, even the most appreciative criticism from a figure like Torgeniev himself, and which have found recognition everywhere. At the same time, however, we see how, in a certain sense, this runs parallel to the actual center—the focal point of his soul—how his gaze is always directed within his soul toward the great power, toward the fundamental source of life, how he struggles with the concepts of truth and human progress, and how, even in the presence of a personality such as Turgenev, he cannot help but say: “Ah, none of you really have what is called a conviction. You’re really just talking to hide your convictions.
[ 12 ] Man darf sagen, das Leben hat diese Seele schwer mitgenommen, indem es sie in schwere, bittere Konflikte gebracht hat. Allerdings, etwas von dem Schwersten sollte erst kommen. Ende der fünfziger Jahre wurde einer seiner Brüder krank und starb. Tolstoj hatte den Tod oftmals im Kriegsleben gesehen, hatte oftmals sterbende Menschen betrachtet, aber das Problem des Lebens war ihm in einer solchen Größe noch nicht aufgegangen, wie beim Anblick des Hinsterbens gerade seines von ihm geliebten und geschätzten Bruders. Tolstoj war in der damaligen Zeit nicht etwa mit einem philosophischen oder religiösen Inhalt so erfüllt, daß dieser Inhalt ihn hätte tragen können. Er war in einer solchen Grundstimmung, die sich dem Tode gegenüber etwa so zum Ausdruck brachte, daß er sagte: Unfähig bin ich, dem Leben ein Ziel zu setzen. Ich sehe das Leben abfluten, ich sehe es in meinen Standesgenossen wertlos dahinbrausen; sie tun Dinge, die nicht wert sind, getan zu werden. Wenn man ein Ereignis an das andere reiht und noch so lange Reihen bildet, es kommt nichts Wertvolles heraus. — Und auch darin, daß die unteren Schichten in Not und Elend sind, konnte er damals keinen Inhalt und kein Lebensziel sehen. Ein solches Leben, dessen Sinn man vergeblich sucht, es wird beendet durch die Sinnlosigkeit des Todes — so sagte er sich damals —, und wenn bei jedermann und jedem Tier das Leben in die Sinnlosigkeit des Todes hineinmünden kann, wer vermag dann überhaupt noch von einem Sinn des Lebens zu sprechen? Manchmal hatte sich Tolstoj schon das Ziel vorgesetzt, nach der Vollkommenbheit der Seele zu streben, einen Inhalt zu suchen für die Seele. Er war nicht so weit gekommen, daß sich ihm aus dem Geiste selbst in der Seele hätte irgendein Lebensinhalt entzünden können. Deshalb hatte der Anblick des Todes das Rätsel des Lebens in so gräßlicher Gestalt vor sein geistiges Auge hingestellt.
[ 12 ] It is fair to say that life had taken a heavy toll on this soul by plunging it into grave, bitter conflicts. However, some of the hardest trials were yet to come. In the late 1950s, one of his brothers fell ill and died. Tolstoy had often witnessed death during the war and had often watched people die, but the problem of life had not yet dawned on him to such a degree as it did when he witnessed the death of his own beloved and cherished brother. At that time, Tolstoy was not so imbued with philosophical or religious ideas that they could have sustained him. He was in such a state of mind that his attitude toward death was expressed, for example, in his statement: “I am incapable of setting a goal for life. I see life ebbing away; I see it rushing worthlessly by among my peers; they do things that are not worth doing. If one strings one event after another and forms such long chains, nothing of value comes of it.” — Nor could he see any meaning or purpose in life at that time in the fact that the lower classes were in need and misery. Such a life, whose meaning one searches for in vain, is ended by the meaninglessness of death—so he told himself at the time—and if for every person and every animal life can flow into the meaninglessness of death, who then can still speak of a meaning to life at all? At times, Tolstoy had already set himself the goal of striving for the perfection of the soul, of seeking meaning for the soul. He had not yet reached the point where some meaning of life could have been kindled within his soul from the spirit itself. That is why the sight of death had presented the mystery of life in such a gruesome form before his mind’s eye.
[ 13 ] Wir sehen ihn gerade in derselben Zeit Europa bereisen. Wir sehen ihn die interessantesten Städte Europas — Frankreichs, Italiens, Deutschlands — aufsuchen. Wir sehen ihn manche wertvolle Persönlichkeit kennenlernen. Er lernt Schopenhauer persönlich kennen, kurz vor dessen Tode lernt er Liszt kennen und noch manche anderen, manche Größen der Wissenschaft und der Kunst. Er lernt manches aus dem sozialen Leben kennen, lernt das weimarische Hofleben kennen. Alles war ihm zugänglich, alles aber sieht er mit Augen an, aus denen die Gesinnung blickt, die eben charakterisiert worden ist. Aus alledem hatte er nur das eine gewonnen: so wie es zu Hause ist, in den Kreisen, aus denen er herausgewachsen ist, so ist es im Grunde genommen auch in Westeuropa.
[ 13 ] We see him traveling through Europe during this very same period. We see him visiting the most interesting cities in Europe—in France, Italy, and Germany. We see him getting to know many distinguished figures. He meets Schopenhauer in person; shortly before Schopenhauer’s death, he meets Liszt, as well as many others—many leading figures in science and the arts. He gains insight into social life and becomes acquainted with court life in Weimar. Everything was open to him, yet he views it all through eyes that reflect the mindset just described. From all of this, he gained only one insight: just as things are at home, in the circles from which he had outgrown, so too, fundamentally, are they in Western Europe.
[ 14 ] Ein Ziel steht jetzt besonders vor ihm, ein pädagogisches Ziel. Eine Art Musterschule hatte er begründen wollen, und er hat sie auch begründet in seinem Heimatort, wo jeder Schüler seiner Fähigkeit nach lernen sollte, wo er nicht Schablone sein sollte. Wir können uns nicht einlassen auf die Beschreibung der Erziehungsgrundsätze, die da gewaltet haben. Aber das muß betont werden, daß ihm ein Erziehungsideal vorschwebte, das der Individualität des Kindes gerecht werden sollte.
[ 14 ] One goal now stands out for him in particular: an educational goal. He had wanted to establish a kind of model school, and he did indeed establish it in his hometown, where every student was to learn according to his or her ability, where no one was to be treated as a cookie-cutter. We cannot go into detail here about the educational principles that prevailed there. But it must be emphasized that he had in mind an educational ideal that was intended to do justice to the individuality of the child.
[ 15 ] Wir sehen, wie nun eine Art Interregnum eintritt, in dem in gewisser Weise für die stürmische Seele, in der sich die Probleme und die Fragen überstürzt haben, in der die Empfindungen und Gefühle in widersprechender Weise von allen Seiten geflossen sind, wie für diese Seele eine Art von Stillstand eintritt. Ein stilleres Leben waltet in ihr. Diese Zeit beginnt mit der Verheiratung in den sechziger Jahren. Es war die Zeit, aus der die großen Romane stammen, in denen er die umfassenden gewaltigen Bilder des gesellschaftlichen Lebens der Gegenwart und der unmittelbar vorangehenden Zeit gegeben hat: «Krieg und Frieden» und «Anna Karenina». Es sind das die Werke, in die so viel eingeflossen ist von dem, was er gelernt hat.
[ 15 ] We see how a kind of interregnum now sets in, in which—in a certain sense—a kind of standstill descends upon the tempestuous soul, a soul in which problems and questions have piled up, and in which sensations and feelings have flowed in contradictory ways from all sides. A quieter life takes hold within it. This period begins with his marriage in the 1860s. It was the era that gave rise to the great novels in which he presented the sweeping, powerful depictions of social life in his own time and the period immediately preceding it: *War and Peace* and *Anna Karenina*. These are the works into which so much of what he had learned found its way.
[ 16 ] So lebte er bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein. Da kommt ein Zeitpunkt seines Lebens, wo er so recht am Scheideweg steht, wo sich erneuern alle Zweifels- und Skrupelfragen und alle Probleme, die früher wie aus dunklen geistigen Tiefen herauf in dieser Seele walteten. Ein Vergleich, ein Bild, das er formt, ist so recht bezeichnend für das, was diese Seele erlebte. Man braucht nur dieses Bild sich vor die Seele zu rücken und zu wissen, daß es etwas ganz anderes bedeutet für eine Seele, wie sie in Tolstoj ist, als für eine andere, viel oberflächlichere Seele. Man braucht sich nur dieses Bild vor die Seele zu rücken, und man kann tief in den Geist Tolstojs hineinschauen. Er vergleicht sein eigenes Leben mit demjenigen einer Fabel des Ostens, die er etwa so erzählt:
[ 16 ] He lived this way well into the 1870s. Then came a point in his life when he found himself at a true crossroads, where all his doubts, scruples, and problems—which had previously reigned in his soul as if rising from dark spiritual depths—resurfaced. A comparison, an image he conjures up, is truly indicative of what this soul experienced. One need only bring this image to mind and realize that it means something entirely different for a soul like Tolstoy’s than for another, far more superficial soul. One need only bring this image to mind to gain a deep insight into Tolstoy’s mind. He compares his own life to that of an Eastern fable, which he recounts something like this:
[ 17 ] Da ist ein Mensch, verfolgt von einem wilden Tier. Er flieht, findet einen ausgetrockneten Brunnen und stürzt sich da hinein, um dem wilden Tiere zu entkommen. Er hält sich fest an Zweigen, die herausgewachsen sind an den Seiten der Brunnenwand. Auf diese Weise glaubt er sich vor dem verfolgenden Ungeheuer geschützt. In der Tiefe sieht er nun aber einen Drachen, und er hat das Gefühl, er müsse von ihm verschlungen werden, wenn er nur ein wenig ermüdet oder wenn der Zweig bricht, an dem er sich hält. Da sieht er auch auf den Blättern des Strauches einige Tropfen Honig, von dem er sich nähren könnte. Aber zu gleicher Zeit sieht er auch Mäuse, welche die Wurzeln des Strauches benagen, an dem er sich hält.
[ 17 ] There is a man being chased by a wild animal. He flees, finds a dry well, and throws himself into it to escape the wild animal. He clings to branches that have grown out from the sides of the well. In this way, he believes he is safe from the pursuing monster. But down below, he now sees a dragon, and he feels that he will be devoured by it if he grows even slightly tired or if the branch he is holding onto breaks. Then he also notices a few drops of honey on the leaves of the shrub, which he could use for sustenance. But at the same time, he also sees mice gnawing at the roots of the shrub he is clinging to.
[ 18 ] Die zwei Dinge, an denen sich Tolstoj hielt, waren Familienliebe und Kunst. Im übrigen sah er das Leben so, daß man verfolgt wird von allen quälenden Sorgen des Lebens. Man entflieht dem einen und wird empfangen von dem anderen Ungeheuer. Und dann findet man, daß das Wenige, das man noch hat, von Mäusen benagt wird. — Man muß das Bild tief genug nehmen, um zu sehen, was in einer solchen Seele vorgeht, was da gezeigt ist und was Tolstoj in allem Denken, Fühlen und Wollen in umfänglichster Art erlebt hat. Die Zweige waren es, die ihn noch erfreuten. Aber er fand nach und nach auch mancherlei, was dieFreude an ihnen benagen mußte. Ja, wenn das ganze Leben so ist, daß man in ihm einen Sinn nicht finden kann, daß man vergeblich nach dem Sinn des Lebens forscht, was heißt es dann aber, eine Familie haben, Nachkommen heranbilden und erziehen, auf die man im Grunde genommen dieselbe Sinnlosigkeit überträgt? Auch das war etwas, was ihm vor der Seele schwebte. Und die Kunst? Ja, wenn das Leben wertlos ist, wie steht es mit dem Spiegel des Lebens, mit der Kunst? Kann die Kunst wertvoll sein, wenn sie nur in der Lage ist, dasjenige abzuspiegeln, in dem man vergeblich nach einem Sinn sucht?
[ 18 ] The two things Tolstoy held dear were family love and art. Otherwise, he viewed life as a series of tormenting worries that never let up. You escape one and are met by another monster. And then you find that the little you still have is being gnawed away by mice. — One must take this image deeply enough to see what is going on in such a soul, what is being shown there, and what Tolstoy experienced in the most comprehensive way in all his thinking, feeling, and willing. It was the twigs that still brought him joy. But little by little he also found all sorts of things that were bound to gnaw away at his joy in them. Indeed, if life as a whole is such that one cannot find meaning in it, that one searches in vain for the meaning of life, what does it then mean to have a family, to raise and educate offspring, upon whom one essentially passes on the same meaninglessness? That, too, was something that lingered in his mind. And art? Yes, if life is worthless, what of the mirror of life—what of art? Can art be valuable if it is only capable of reflecting that very thing in which one searches in vain for meaning?
[ 19 ] Das war es, was jetzt nach einem Interregnum wiederum so recht vor seiner Seele stand, was so recht in dieser Seele aufbrannte. Wo er sich umsah bei all denen, welche in großen Philosophien und in den verschiedensten Weltanschauungen den Sinn des Lebens zu ergründen versuchten, nirgends fand er etwas, was im Grunde genommen sein Forschen befriedigen konnte. Und neuerdings war es so, daß er den Blick hinwendete zu denjenigen Menschen, die mit den Quellen des Lebens nach seiner Meinung ursprünglich zusammenhingen. Es waren das die Menschen, die sich einen natürlichen Sinn, eine natürliche Religiosität bewahrt hatten. Er sagte sich: Der Gelehrte, der so lebt wie ich selber, der seine Vernunft überschätzt, er findet in allem Forschen nichts, was ihm den Sinn des Lebens deuten könnte. Betrachte ich den gewöhnlichen Menschen, der da in Sekten sich zusammenschließt: er weiß, warum er lebt, er kennt den Sinn des Lebens. Wie weiß er das, und wie kennt er den Sinn des Lebens? Weil er in sich die Empfindung durchlebt: Es gibt einen Willen, den ewigen göttlichen Willen, wie ich ihn nenne. Und das, was in mir lebt, ergibt sich dem göttlichen Willen. Und das, was ich tue, was ich vom Morgen bis zum Abend verrichte, das tue ich als ein Teil des göttlichen Willens. Wenn ich die Hände rege, so rege ich sie im Willen des Göttlichen. Ohne durch die Vernunft zu abstrakten Begriffen gebracht zu werden, regen sich die Hände. Das war es, was ihm so eigenartig entgegenkam, was ihn so ergriff: wenn das Menschliche in der Seele ergriffen ist. Er sagte sich: Es gibt Menschen, die können sich eine Antwort geben nach dem Sinn des Lebens, die sie brauchen können. — Es ist sogar grandios, wie er diese einfachen Menschen gegenüberstellt denen, die er in seiner Umgebung kennengelernt hat. Alles ist aus dem Monumentalen der Paradigmen heraus gedacht. Er sagt: Ich habe Menschen kennengelernt, die verstanden nichts davon, dem Leben einen Sinn zu erwecken oder zu erdenken. Sie lebten aus Gewohnheit, trotzdem sie dem Leben keinen Sinn abgewinnen konnten, aber ich habe solche kennengelernt, welche gerade deshalb, weil sie keinen Sinn im Leben finden konnten, zum Selbstmord gekommen sind. — Tolstoj selbst stand nahe davor.
[ 19 ] That was what now, after an interregnum, once again stood so clearly before his soul, what burned so intensely within that soul. As he looked around at all those who were trying to fathom the meaning of life through grand philosophies and the most diverse worldviews, he found nowhere anything that could truly satisfy his quest. And recently, he had begun to turn his gaze toward those people who, in his opinion, were originally connected to the sources of life. These were the people who had preserved a natural sense of meaning, a natural religiosity. He said to himself: The scholar who lives as I do—who overestimates his reason—finds nothing in all his searching that could reveal the meaning of life to him. But when I consider the ordinary person who gathers in sects: he knows why he lives; he knows the meaning of life. How does he know this, and how does he know the meaning of life? Because he experiences within himself the feeling that there is a will—the eternal divine will, as I call it. And that which lives within me submits to the divine will. And what I do—what I carry out from morning till evening—I do as part of the divine will. When I move my hands, I move them in accordance with the divine will. Without being led by reason to abstract concepts, my hands move. That was what struck him so deeply, what moved him so profoundly: when the human aspect of the soul is touched. He said to himself: There are people who can find an answer to the meaning of life—one they can truly use. — It is truly magnificent how he contrasts these simple people with those he has come to know in his own circle. Everything is conceived from the monumental scope of paradigms. He says: “I have met people who understood nothing of giving life meaning or conceiving of it. They lived out of habit, even though they could derive no meaning from life; but I have also met those who, precisely because they could find no meaning in life, ended up committing suicide.” — Tolstoy himself came very close to that point.
[ 20 ] So nahm er sich die Kategorie von Menschen durch, bei denen er sich sagen mußte: Von einem Sinn des Lebens und von einem Leben mit einem Sinn kann nicht die Rede sein. Aber der Mensch, der mit den Quellen der Natur noch zusammenhängt, dessen Seele mit den göttlichen Kräften so zusammenhängt wie die Pflanze mit den Kräften desLebens, der kann sich Antwort auf die Frage geben: Warum lebe ich? — Deshalb kam Tolstoj so weit, eine Gemeinschaft mit jenen einfachen Menschen im religiösen Leben zu suchen. Er wurde in gewisser Weise gläubig, obgleich die äußeren Formen einen abstoßenden Eindruck auf ihn machten. Er ging sogar wieder zum Abendmahl. Es war jetzt etwas in ihm, das man so bezeichnen kann: Er strebte mit allen Fasern seiner Seele darnach, ein Ziel zu finden, ein Ziel zu fühlen. Aber überall standen ihm doch in gewisser Weise wiederum sein Denken und Fühlen im Wege. Er konnte mit den Leuten, die Gläubige waren im naiven Sinn und sich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworteten, wohl zusammen beten. Er konnte beten — und das ist ungeheuer bezeichnend — bis zu dem Punkte einer einheitlichen Empfindungsweise. Aber er konnte nicht mit, wenn sie weiter beteten: Und sollen uns bekennen zum Vater, zum Sohne und zum Heiligen Geiste. — Das hatte für ihn keinen Sinn. Es ist überhaupt bezeichnend, daß er bis zu einem gewissen Punkte mitkonnte, indem vor seiner Seele ein religiöses Leben stand, das bei den Menschen in einer Gemeinschaft ein brüderliches-Hinein- und Herausstellen dessen bewirkte, was in der Seele lebt. Eintracht der Gefühle, Eintracht der Gedanken, das sollte hervorgebracht werden durch dieses Leben in der Gläubigkeit. Aber er konnte sich nicht erheben zu dem positiven Inhalt, der Erkenntnis des Geistes, zu geistiger Anschauung, die Wirklichkeit gibt. Die Dogmatik, die überliefert war, bedeutete für ihn gar nichts. Mit den Worten, die in der Dreifaltigkeit gegeben sind, konnte er keinen Sinn verbinden.
[ 20 ] So he examined the category of people about whom he had to say: There can be no question of a meaning of life or of a life with meaning. But the person who is still connected to the sources of nature, whose soul is linked to the divine forces just as a plant is linked to the forces of life, can answer the question: Why do I live? — That is why Tolstoy went so far as to seek fellowship with those simple people in religious life. In a certain sense, he became a believer, even though the outward forms made a repulsive impression on him. He even began attending Communion again. There was now something within him that might be described as follows: With every fiber of his soul, he strove to find a purpose, to feel a purpose. Yet everywhere, in a certain sense, his own thinking and feeling stood in his way once more. He could certainly pray together with people who were believers in a naive sense and who had answered the question of the meaning of life for themselves. He could pray—and this is tremendously telling—to the point of a unified state of feeling. But he could not go along with them when they continued praying: “And let us confess the Father, the Son, and the Holy Spirit.” — That made no sense to him. It is significant, in general, that he could go along to a certain point, in that a religious life stood before his soul—one that, among people in a community, brought about a brotherly sharing and expression of what lives in the soul. Harmony of feelings, harmony of thoughts—that was what this life of faith was meant to bring about. But he could not rise to the positive content—the knowledge of the Spirit—to spiritual insight that gives reality. The dogmatics that had been handed down meant nothing to him. He could find no meaning in the words associated with the Trinity.
[ 21 ] So kam er, indem alle diese Dinge zusammenströmten, in die Periode, die er als die Reifeperiode seines Lebens bezeichnen muß, in die Periode, in welcher er versuchte, sich ganz und gar zu versenken in das, was er nennen konnte wahres, echtes Christentum. Er strebt so, wie wenn er gewollt hätte, die Lebendigkeit der Christus-Seele mit der eigenen Seele zu umfassen, zu durchdringen. Und mit diesem Geiste der Christus-Seele wollte er sich durchdringen. Da sollte ihm eine Weltanschauung heraus erwachsen, und aus dieser sollte sich ergeben etwas wie eine Umformung alles gegenwärtigen Lebens, das er, so wie es sich für ihn darstellte, der herbsten Kritik unterwarf. Jetzt, da er glaubt, das, was Christus gedacht und gefühlt hat, mit der eigenen Seele zu fühlen, fühlt er sich stark genug, den Fehdehandschuh allen Lebens- und Empfindungsweisen und allen Gedankenformen der Gegenwart hinzuwerfen, eine herbe Kritik an alle dem zu üben, woraus er herausgewachsen ist, und was er in der weiteren Umwelt seiner Gegenwart sehen konnte. Stark genug fühlt er sich, auf der anderen Seite die Forderung aufzustellen, den Christus-Geist walten zu lassen und eine Erneuerung allen Menschenlebens aus dem Christus-Geist herauszuholen. Damit haben wir sozusagen seine reifende Seele charakterisiert und gesehen, wie diese Seele herausgewachsen ist aus dem, was viele unserer Zeitgenossen die Höhen des Lebens nennen. Wir haben gesehen, wie diese Seele dazu gekommen ist, die herbste Kritik an diesen Höhen des Lebens zu üben, und in der Erneuerung des Christus-Geistes, den sie fremd findet alle dem, was gegenwärtig lebt, in der Erneuerung des Christus-Lebens, das sie nirgends in Wirklichkeit findet, sich das nächste Ziel zu setzen. Also in gewissem Sinne einen Verneiner der Gegenwart sehen wir aus Tolstoj werden und einen Bejaher desjenigen, was er den Christus-Geist nennen konnte, den er aber nicht in der Gegenwart finden konnte, sondern nur in den ersten Zeiten des Christentums. Er mußte bis zu den geschichtlichen Quellen zurückgehen, die sich ihm boten. Da haben wir also einen Repräsentanten unserer Gegenwart, der herausgewachsen ist aus der Gegenwart, verneinend diese Gegenwart.
[ 21 ] Thus, as all these things converged, he entered the period he must describe as the mature phase of his life—the period in which he sought to immerse himself completely in what he could call true, authentic Christianity. He strove as if he had wanted to embrace and penetrate the vitality of the Christ-soul with his own soul. And he wanted to be permeated by this spirit of the Christ-soul. From this, a worldview was to emerge for him, and from this was to result something like a transformation of all present-day life, which he subjected to the harshest criticism, just as it appeared to him. Now that he believes he can feel with his own soul what Christ thought and felt, he feels strong enough to throw down the gauntlet to all present-day ways of living and feeling and all forms of thought, to level a harsh critique at everything from which he had emerged and everything he could see in the wider world around him. He feels strong enough, on the other hand, to demand that the Christ Spirit be allowed to prevail and to bring about a renewal of all human life through the Christ Spirit. With this, we have, so to speak, characterized his maturing soul and seen how this soul has outgrown what many of our contemporaries call the heights of life. We have seen how this soul has come to level the harshest criticism at these “heights of life,” and how it has set as its next goal the renewal of the Christ Spirit—which it finds alien to everything that is currently alive—and the renewal of the Christ life, which it finds nowhere in reality. Thus, in a certain sense, we see Tolstoy becoming a negator of the present and an affirmer of what he could call the Spirit of Christ—which he could not find in the present, but only in the early days of Christianity. He had to go back to the historical sources available to him. Here, then, we have a representative of our present who has outgrown the present, denying this very present.
[ 22 ] Und nun sehen wir uns den anderen an, der so, wie Tolstoj zu der intensivsten Verneinung der Gegenwart kommt, ebenso zu der intensivsten Bejahung kommt; der im Grunde genommen zu derselben Formel kommt, nur daß sie in ganz anderer Weise angewendet wird. Da sehen wir Carnegie, den Schotten, herauswachsen aus jener Grenzscheide der Kultur der Neuzeit, die wir charakterisieren können dadurch, daß das Großgewerbe, die Großindustrie, alles dasjenige wie hinwegfegt, was in der gesellschaftlichen Ordnung das Kleingewerbe ist. Wirklich aus jener Grenzscheide des modernen Lebens herauswachsen sehen wir Carnegie, die ein neuerer Dichter so schön charakterisiert mit den Worten:
[ 22 ] And now let us turn to the other figure who, just as Tolstoy arrives at the most intense rejection of the present, likewise arrives at the most intense affirmation of it; who, in essence, arrives at the same formula, only applied in a completely different way. There we see Carnegie, the Scotsman, emerging from that watershed of modern culture, which we can characterize by the fact that large-scale commerce and large-scale industry sweep away everything in the social order that constitutes small-scale commerce. We truly see Carnegie emerging from that watershed of modern life, which a recent poet so beautifully characterized with the words:
Verfallen steht im Waldesgrund
Am Saumweg eine Schmiede,
Draus tönt nicht mehr der Hammerschlag
Zum arbeitsfrohen Liede.
Nicht weit entfernt ragt in die Luft
Ein langgestreckt Gebäude,
Wo walten im Maschinenraum
Berußte Hammerleute.
Mit Nägeln aus der Dampffabrik
Ward zu der Sarg geschlagen,
Der den verarmten Nagelschmied
Zu Grabe hat getragen.
In the depths of the forest stands a ruin
A blacksmith’s shop by the forest path,
From which the hammer’s blow no longer rings out
To the song of joyful labor.
Not far away, soaring into the air
a long, narrow building,
where, in the machine room,
soot-stained hammermen
with nails from the steam factory
forged the coffin
that carried the impoverished nail smith
to his grave.
[ 23 ] Man braucht nur eine solche Stimmung zu erwecken, und man beleuchtet hell jeneGrenzscheide in der Kulturentwicklung der Neuzeit, die so wichtig geworden ist für vieles Leben. Ein Webermeister, der zunächst sein gutes Auskommen hatte, war Carnegies Vater, ein Schotte. Er arbeitete zunächst für eine Fabrik. Das ging alles gut bis zu dem Zeitpunkt, wo die Großindustrie alles überflutete. Nun sehen wir, wie der letzte Tag herankommt, an dem Carnegies Vater das Fabrizierte noch an den Händler abliefern kann, wie er die letzte Bestellung abliefert. Armut und Elend zieht nun ein bei diesem Webermeister. Er sieht keine Möglichkeit mehr, sich in Schottland fortzubringen. Man beschließt, damit die beiden Jungen nicht in Not leben und umkommen, nach Amerika auszuwandern.
[ 23 ] One need only evoke such a mood to shed light on that turning point in modern cultural development that has become so important to so many aspects of life. Carnegie’s father, a Scotsman, was a master weaver who initially made a good living. He initially worked for a factory. Everything went well until the point when large-scale industry swept everything away. Now we see the final day approaching when Carnegie’s father can still deliver his manufactured goods to the merchant—as he delivers the last order. Poverty and misery now set in for this master weaver. He sees no further possibility of making a living in Scotland. To prevent the two boys from living in poverty and perishing, the family decides to emigrate to America.
[ 24 ] Der Vater findet Arbeit in einer Baumwollfabrik, und der Junge, von dem wir zu sprechen haben, wird im zwölften Jahre als Spuljunge angestellt. Er hat harte Arbeit zu leisten. Aber es gibt nach einer Woche harter, schwerer Arbeit einen freudigen Tag für den zwölfjährigen Knaben. Es wird ihm zum ersten Male der erste Lohn ausgezahlt: 1 Dollar 20 Cents. Niemals wieder — so sagt Carnegie hat er irgendeine Einnahme mit solch entzückter Seele aufgenommen wie diesen Dollar und zwanzig Cents. Nichts hat ihm später mehr eine solche Freude gemacht, obgleich viele Millionen durch seine Finger gegangen sind. Wir sehen den Repräsentanten des praktischen Strebens in unserer Gegenwart, der herauswächst aus Not und Elend, der so angelegt ist, sich in die Gegenwart, wie sie ist, hineinzuleben und darin der selbstgemachte Mann zu werden. Er plagt sich ab. Er erringt jede Woche seinen Dollar.
[ 24 ] The father finds work in a cotton mill, and the boy we are talking about is hired as a bobbin boy at the age of twelve. He has to do hard work. But after a week of hard, grueling work, there is a joyful day for the twelve-year-old boy. He is paid his first paycheck: $1.20. Never again—so Carnegie says—did he receive any income with such delight as he did that dollar and twenty cents. Nothing later gave him such joy, even though many millions passed through his hands. We see before us the embodiment of practical ambition—a man who has risen from poverty and misery, who is naturally inclined to immerse himself in the present as it is and to become a self-made man within it. He toils away. Every week, he earns his dollar.
[ 25 ] Da findet sich jemand, der ihn in einer anderen Fabrik mit einem besseren Lohn anstellt. Hier hat er noch mehr zu arbeiten, er muß im Keller stehen und hat eine kleine Dampfmaschine zu heizen und in Gang zu halten bei großer Hitze! Er fühlt das als verantwortungsvollen Posten. Die Angst, den Hahn an der Maschine falsch zu drehen, was für die ganze Fabrik ein Unglück bedeuten konnte, ist für ihn furchtbar. Gar oft ertappt er sich dabei, wie er in der Nacht im Bette saß und die ganze Nacht träumte von dem Hahn, an dem er drehte, um ja recht achtzugeben, daß er es in der richtigen Weise mache.
[ 25 ] Then someone hires him at another factory with a better wage. Here he has to work even harder; he has to stand in the basement and stoke a small steam engine, keeping it running in the intense heat! He feels this is a position of great responsibility. The fear of turning the valve on the machine the wrong way—which could spell disaster for the entire factory—is terrifying to him. Quite often, he catches himself sitting up in bed at night, dreaming all night long about the valve he was turning, making sure to do it just the right way.
[ 26 ] Dann sehen wir, wie er nach einiger Zeit in Pittsburg angestellt wird als Telegraphenbote. Da ist er schon hochbeglückt mit dem geringen Lohn des Telegraphenboten. Er hat zu arbeiten an einem Orte, wo es auch Bücher gibt, die er vorher kaum gesehen hat. Manchmal hat er auch Zeitungen zum Lesen. Er hat jetzt nur eine Sorge: Telegraphenboten sind in der Stadt nicht zu brauchen, wenn sie nicht sämtliche Adressen der Firmen, die Telegramme erhalten, auswendig können. Er bringt es wirklich dahin, die Namen und Adressen der Pittsburger Firmen genau zu kennen. Er entwickelt auch schon eine gewisse Selbständigkeit. Sein Bewußtsein ist außerordentlich mit Klugheit gepaart. Er geht jetzt etwas früher nach dem Telegraphenamt, und da lernt er durch eigenes Üben selber telegraphieren. So kann er das Ideal ins Auge fassen, das in einem noch jungen, aufstrebenden Gemeinwesen jeder Telegraphenbote haben darf: selber einmal 'Telegraphist zu werden. Es gelingt ihm sogar ein besonderes Kunststück. Als eines Morgens der Telegraphist nicht da war, kommt eine Todesnachricht. Er nimmt die Depesche auf und befördert sie an die Zeitung, für die sie bestimmt war. Es gibt ja Zusammenhänge, wo solch ein Vorgehen, selbst wenn es glückt, nicht günstig angesehen wird. Aber Carnegie stieg dadurch zum Telegraphisten auf.
[ 26 ] Then we see how, after some time, he is hired in Pittsburgh as a telegraph messenger. He is already overjoyed with the meager wages of a telegraph messenger. He gets to work in a place where there are also books that he had hardly ever seen before. Sometimes he even has newspapers to read. He now has only one concern: telegraph messengers are of no use in the city unless they know all the addresses of the companies that receive telegrams by heart. He really manages to learn the names and addresses of Pittsburgh’s companies by heart. He is also already developing a certain degree of independence. His intelligence is exceptionally sharp. He now goes to the telegraph office a little earlier, and there he teaches himself to send telegrams through practice. This allows him to set his sights on the ideal that every telegraph messenger in a young, up-and-coming community is allowed to have: to one day become a telegraph operator himself. He even manages to pull off a remarkable feat. One morning, when the telegraph operator was absent, a death notice arrives. He takes the dispatch and delivers it to the newspaper for which it was intended. There are, of course, situations where such an action—even if it succeeds—is not viewed favorably. But Carnegie was promoted to telegraph operator as a result.
[ 27 ] Jetzt bot sich ihm noch etwas anderes. Ein Mann, der viel mit dem Eisenbahnwesen zu tun hatte, erkennt das Talentvolle an dem jungen Mann und macht ihm eines Tages folgenden Vorschlag. Er sagte ihm, er solle für fünfhundert Dollar Eisenbahnaktien übernehmen, die gerade freigeworden seien. Er könne da viel gewinnen, wenn er diese Dinge betreibe. Und nun erzählt Carnegie — es ist entzückend, wie er dies erzählt —, wie er tatsächlich durch die Sorgfalt und Liebe seiner Mutter fünfhundert Dollar aufbrachte, und wie er sich seine Aktien kaufte. Als das erste Erträgnis kam, die erste Anweisung über fünf Dollar, da ging er mit seinen Gefährten hinaus in den Wald. Sie betrachteten die Anweisung und machten sich Gedanken und lernten erkennen, daß es noch etwas anderes gibt als für Arbeit entlohnt zu werden, etwas, das aus Geld Geld macht. Das erweckte große Gesichtspunkte in Carnegies Leben. Er wuchs damit in den Grundzug unserer Zeit hinein.
[ 27 ] Now another opportunity presented itself to him. A man who was heavily involved in the railroad industry recognized the young man’s talent and one day made him the following proposal. He told him to buy, for five hundred dollars, some railroad stocks that had just become available. He could make a lot of money if he pursued this venture. And now Carnegie recounts—it’s delightful how he tells this story—how he actually managed to raise five hundred dollars through his mother’s care and love, and how he bought his shares. When the first dividend arrived—the first check for five dollars—he went out into the woods with his friends. They looked at the check, pondered it, and came to realize that there is something more than just being paid for work—something that turns money into more money. This opened up new perspectives in Carnegie’s life. With this insight, he grew into the spirit of our times.
[ 28 ] So sehen wir, wie er gleich Verständnis hatte, als ein anderer Vorschlag kommt. Es ist bezeichnend, wie er mit völliger Geistesgegenwart erfaßt, was zum ersten Male vor seiner Seele auftritt. Ein erfinderischer Kopf zeigt ihm das Modell des ersten Schlafwagens. Sogleich erkennt er, daß da etwas ungeheuer Fruchtbringendes darinnen ist, so daß er sich daran beteiligt. Nun hebt er wieder hervor, wodurch dieses sein Bewußtsein eigentlich wuchs. Er hatte nicht genug Geld, um in entsprechender Weise sich an dem Unternehmen der ersten Schlafwagengesellschaft der Welt zu beteiligen. Aber sein genialer Kopf bewirkte es, daß er tatsächlich jetzt schon bei einer Bank Geld bekam: er stellte da seinen ersten Wechsel aus. Das ist nichts Besonderes, sagt er, aber das ist etwas Besonderes, daß er einen Bankier findet, der diesen Wechsel für «gut» nimmt. Und das war der Fall.
[ 28 ] Thus we see how he immediately grasped the idea when another proposal was made. It is telling how, with complete presence of mind, he comprehends what is appearing before him for the first time. An inventive mind shows him the model of the first sleeping car. He immediately recognizes that there is something immensely fruitful in it, so he gets involved. Now he emphasizes once again what actually broadened his horizons. He did not have enough money to participate appropriately in the venture of the world’s first sleeping car company. But his ingenious mind made it possible for him to actually obtain money from a bank right then and there: he issued his first promissory note. “That’s nothing special,” he says, “but what is special is that he found a banker who accepted this promissory note as ‘good.’ And that was the case.”
[ 29 ] Jetzt brauchte er das nur auszubauen, um ganz der Mann der Gegenwart zu werden. Daher brauchen wir uns nicht zu wundern, daß er, als ihm der Gedanke kam, die vielen Holzbrücken durch Eisen- und Stahlbrücken zu ersetzen, von diesem Augenblick an der große Stahlmann wurde, der Mann, der bis heute in gewisser Beziehung den Ton angab für die Stahlindustrie- und derungezählteReichtümererworbenhat. So sehen wir in ihm geradezu den Typ des Menschen, der in die Gegenwart hineinwächst, die Gegenwart, die das äußerlichste Leben entfaltet. In das Alleräußerlichste der Äußerlichkeit wächst er hinein. Aber er wächst hinein durch seine eigene Kraft, durch seine Fähigkeiten. Er wird zum unermeßlich reichen Menschen aus der Not und dem Elend heraus, indem er sich wirklich vom ersten Dollar an alles selber erworben hat. Und er ist ein nachdenklicher Mensch, der diesen ganzen Impuls seines eigenen Lebens auch seinerseits mit dem Fortschritt und dem Leben der ganzen Menschheit in Zusammenhang bringt.
[ 29 ] Now all he had to do was build on that to become the man of the present. Therefore, we need not be surprised that, when the idea occurred to him to replace the many wooden bridges with iron and steel bridges, he became, from that moment on, the “Great Steel Man”—the man who, to this day, has in a certain sense set the tone for the steel industry and amassed untold wealth. Thus we see in him the very archetype of the person who grows into the present—the present that unfolds the most outward aspect of life. He grows into the very outermost layer of outwardness. But he grows into it through his own strength, through his own abilities. He becomes an immeasurably wealthy man rising from hardship and misery, having truly earned everything himself from the very first dollar onward. And he is a thoughtful man who, for his part, connects this entire impulse of his own life with the progress and life of all humanity.
[ 30 ] So sehen wir, wie aus einer Denkweise herauswächst ein anderes merkwürdiges Evangelium, ein Evangelium, das sich im Grunde genommen — das ist sehr interessant — auch an Christus anlehnt. Nur sagt Carnegie gleich am Eingange seines Evangeliums, es sei ein Evangelium des Reichtums. So ist das Buch in die Welt gekommen als eine Darstellung, in welcher Weise der Reichtum am besten zum Heile und zum Fortschritt in der Menschheit angewendet wird. Er wendet sich darin gleich gegen Tolstoj, von dem er sagt: Der ist ein Mensch, der den Christus so nimmt, wie er gar nicht für unsere Zeit annehmbar ist, der ihn nimmt als ein fremdes Wesen aus alter Vergangenheit. Man muß den Christus so verstehen, daß man ihn dem Leben der Gegenwart einimpft. — Carnegie ist ein Mensch, der das ganze Leben der Gegenwart voll bejaht. Er sagt: Blicken wir zurück auf die Zeiten, wo die Menschen einander noch mehr gleich waren als heute, wo sie noch weniger geteilt waren in solche, welche Arbeit zu vergeben haben, und solche, die Arbeit zu nehmen haben, und vergleichen wir die Zeiten, so sehen wir, wie primitiv die einzelnen Kulturen dazumal waren. Der König war in jener alten Zeit nicht imstande, seine Bedürfnisse in einer solchen Weise zu befriedigen — weil sie nicht so befriedigt werden konnten — wie heute der ärmste Mensch sie befriedigen kann. Was geschehen ist, mußte geschehen. Es ist also richtig, daß die Güter so verteilt sind.
[ 30 ] Thus we see how, from a certain way of thinking, another peculiar gospel emerges—a gospel that, interestingly enough, is also fundamentally based on Christ. However, Carnegie states right at the beginning of his gospel that it is a gospel of wealth. Thus, the book came into the world as a treatise on how wealth can best be used for the salvation and progress of humanity. In it, he immediately takes issue with Tolstoy, of whom he says: “He is a man who views Christ in a way that is entirely unacceptable for our time, who regards him as an alien being from the distant past.” One must understand Christ in such a way as to integrate him into present-day life. — Carnegie is a man who fully embraces the whole of contemporary life. He says: Let us look back to the times when people were even more alike than they are today, when they were even less divided into those who have work to give and those who have work to take, and if we compare those times, we see how primitive the individual cultures were back then. In those ancient times, the king was unable to satisfy his needs in the same way—because they could not be satisfied that way—that even the poorest person can satisfy them today. What has happened was bound to happen. It is therefore correct that goods are distributed in this way.
[ 31 ] Nun prägt Carnegie eine merkwürdige Lehre von der Verteilung oder Anwendung des Reichtums. Vor allen Dingen werden wir bei ihm finden, daß ihm Gedanken in der Seele aufgehen über die rein persönliche Tüchtigkeit, über das Wesen der Tüchtigkeit des Menschen, der sich heraufgearbeitet hat im Leben zu dem, was er zuletzt wird. Zunächst sieht Carnegie nur äußerliche Güter, dann aber auch, daß der Mensch tüchtig sein muß, äußerlich tüchtig. Und seine Tüchtigkeit muß man dazu anwenden, nicht bloß Reichtum zu erwerben, sondern auch ihn zu verwalten im Dienste der Menschheit.
[ 31 ] Carnegie now sets forth a curious doctrine regarding the distribution or use of wealth. Above all, we find that his thoughts turn to purely personal competence—to the very nature of the competence of a person who has worked his way up in life to become what he ultimately is. At first, Carnegie sees only external goods, but then he also recognizes that a person must be capable—externally capable. And this capability must be used not merely to acquire wealth, but also to manage it in the service of humanity.
[ 32 ] Carnegie macht intensiv darauf aufmerksam, daß ganz neue Grundsätze sozusagen eintreten müßten im sozialen Bau der Menschheit, wenn Heil und Fortschritt ersprießen sollen aus dem neuen Fortschritt und der Verteilung der Güter. Er sagt: Wir haben Einrichtungen aus früherer Zeit, die es möglich machen, daß durch die Vererbung vom Vater auf den Sohn und die Enkel Güter, Rang, Titel und Würden übergehen. Bei dem Leben in der alten Zeit war das möglich. — Er findet es richtig, daß man durch Routine ersetzen kann, was die persönliche Tüchtigkeit nicht gibt: Rang, Titel, Würden. Aber von dem Leben, in das er hineingewachsen ist, da ist er überzeugt, daß es persönliche, individuelle Tüchtigkeit verlangt. Er weist darauf hin, daß bei sieben falliten Häusern festzustellen war, daß fünf davon dadurch fallit geworden sind, daß sie übergegangen sind auf die Söhne. Rang, Titel und Würden waren übergegangen von den Vätern auf die Söhne, niemals aber die Geschäftstüchtigkeit. In denjenigen Teilen des modernen Lebens, wo Geschäftsprinzipien herrschen, sollten sie sich nicht einfach vom Vererber auf die Nachkommen vererben. Viel wichtiger ist es, daß man einen persönlich Tüchtigen heranzieht, als daß man seinen Reichtum durch Vererbung seinen Kindern vermacht. Daraus zieht Carnegie den Schluß, den er mit dem grotesken Satze ausdrückt: Es muß der, welcher Reichtum erworben hat, dafür sorgen, daß er während dieses Lebens auch den Reichtum anwendet, anwendet zu solchen Einrichtungen und Begründungen, durch welche im weitesten Umfange die Menschen gefördert werden. — Und der Satz, mit dem er das formuliert, der grotesk erscheinen kann, der aber doch aus der ganzen Denkweise Carnegies hervorgeht, ist dieser: «Wer reich stirbt, stirbt entehrt.» Man könnte in gewissem Sinne sagen, noch revolutionärer klinge der Satz des Stahlkönigs als mancher Satz Tolstojs. «Wer reich stirbt, stirbt entehrt», das heißt doch: Wer nicht anwendet diejenigen Güter, die er zusammengebracht hat, zu Stiftungen, wodurch dieMenschen etwaslernen können, wodurch siedieMöglichkeit bekommen, sich fortzubilden, wenn ein Mensch also den Reichtum nicht dazu anwendet, daß er möglichst viele Menschen tüchtig macht, sondern ihn übrig läßt, so daß ihn die Nachkommen in ihrer Art und Talentlosigkeit anwenden können und er nur ihrem persönlichen Wohlleben dient, wer nicht so stirbt, daß er zeit seinesLebens seinen Reichtum zum Heile der Menschheit verwaltet, der stirbt entehrt.
[ 32 ] Carnegie strongly emphasizes that entirely new principles must, so to speak, take root in the social structure of humanity if salvation and progress are to spring from new progress and the distribution of goods. He says: We have institutions from earlier times that make it possible for wealth, rank, titles, and honors to be passed down from father to son and to grandchildren. In the way of life of the past, this was possible. — He believes it is right that routine can compensate for what personal ability lacks: rank, titles, and honors. But regarding the life into which he has grown up, he is convinced that it demands personal, individual competence. He points out that, among seven bankrupt firms, it was found that five of them went bankrupt because they had been passed on to the sons. Rank, titles, and honors had been passed down from fathers to sons, but business acumen never had. In those areas of modern life where business principles prevail, they should not simply be passed down from the bequeather to the descendants. It is far more important to bring in a personally capable person than to bequeath one’s wealth to one’s children through inheritance. From this, Carnegie draws the conclusion, which he expresses with the following striking statement: It is up to the one who has acquired wealth to ensure that, during this lifetime, he also uses that wealth—applies it to such institutions and initiatives that will benefit people to the greatest possible extent. — And the statement with which he formulates this—which may seem grotesque but which nevertheless stems from Carnegie’s entire way of thinking—is this: “He who dies rich dies disgraced.” In a certain sense, one could say that the steel magnate’s statement sounds even more revolutionary than many of Tolstoy’s. “He who dies rich dies disgraced”—that means, after all: Whoever does not use the wealth he has amassed to establish foundations through which people can learn, through which they are given the opportunity to further their education—in other words, if a person does not use his wealth to make as many people as possible capable, but instead leaves it behind so that his descendants, with their lack of character and talent, can use it, and it serves only their personal comfort, whoever does not die having administered his wealth throughout his life for the benefit of humanity dies in disgrace.
[ 33 ] So sehen wir bei Carnegie ein sehr merkwürdiges Prinzip auftauchen. Wir sehen, daß er bejaht das gegenwärtige soziale Leben und Treiben, daß er aber aus ihm einen neuen Grundsatz herausprägt: daß der Mensch einzutreten hat nicht nur für die Verwendung des Reichtums, sondern auch für seine Verwaltung, als Verwalter der Güter im Dienste der Menschheit. Kein Glaube ist in diesem Mann daran, daß irgend etwas in der Vererbungslinie von den Voreltern auf die Nachkommen übergehen könne. Wenn er auch nur das äußere Leben kennt, so ist es ihm doch klar, daß im Inneren des Menschen die Kräfte sprossen müssen, die den Menschen tüchtig machen für sein Wirken im Leben.
[ 33 ] Thus, we see a very peculiar principle emerge in Carnegie’s work. We see that he affirms contemporary social life and activity, but that he derives a new principle from it: that man must take responsibility not only for the use of wealth, but also for its administration, as a steward of goods in the service of humanity. This man has no belief that anything can be passed down from ancestors to descendants through heredity. Even though he is familiar only with outward life, it is nevertheless clear to him that the forces that make a person capable of acting in life must spring from within.
[ 34 ] So sehen wir diese zwei Repräsentanten unserer Gegenwart: denjenigen, der eine herbe Kritik übt an allem, das sich nach und nach entwickelt hat, und der aus dem Geiste heraus die Seele zu Höherem führen will, und wir sehen den anderen, der das materielle Leben nimmt, wie das materielle Leben eben ist, und der aus der Betrachtung des materiellen Lebens hingewiesen wird darauf, daß im Inneren des Menschen der Quell des Arbeitens und der Lebensgesundheit ist. So sonderbar es klingt, man könnte gerade in dieser Lehre Carnegies etwas finden, was zu folgendem Ausspruch berechtigt: Wenn man nicht gedankenlos und sinnlos auf dieses Seelenleben hinblickt, sondern so hinblickt, daß man nach und nach auf die aus den Seelen herausströmenden Kräfte hinsieht, hinsieht auf das Individuelle, und sich durchaus klar darüber ist, daß es sich nicht in der Vererbungslinie fortpflanzt, auf was muß man dann schauen? Man muß auf den wirklichen Ursprung schauen, auf dasjenige, was aus anderen Quellen kommt. Und man wird finden, wenn man durch Geisteswissenschaft zu den Quellen der jetzigen Talente und Fähigkeiten kommt, daß diese in früheren Leben liegen. Durch das Gesetz der Wiederverkörperung und der geistigen Verursachung, das Karma, wird man die Möglichkeit finden, gedankenvoll zu verarbeiten ein solches Prinzip, wie es das praktische Leben einem praktischen Menschen aufgedrängt hat.
[ 34 ] This is how we see these two representatives of our present age: one who offers a harsh critique of everything that has gradually developed, and who, through the spirit, seeks to guide the soul toward higher things; and we see the other, who accepts material life just as it is, and who, through contemplation of material life, is led to recognize that within the human being lies the source of work and vitality. As strange as it may sound, one might find in Carnegie’s teachings something that justifies the following statement: If one does not look at this life of the soul thoughtlessly and aimlessly, but rather looks at it in such a way that one gradually observes the forces flowing from the soul, looks at the individual, and is thoroughly aware that these forces are not passed down through heredity—what, then, must one look for? One must look to the true origin, to that which comes from other sources. And one will find, when one reaches the sources of one’s present talents and abilities through spiritual science, that these lie in past lives. Through the law of reincarnation and spiritual causation—karma—one will find the possibility of thoughtfully processing such a principle as practical life has imposed upon a practical person.
[ 35 ] Niemand kann hoffen, daß aus einer bloßen Veräußerlichung des Lebens etwas kommen könnte, was die Seele befriedigen, die Kultur auf die höchsten Höhen bringen könnte. Nimmermehr kann man hoffen, daß auf jenen Bahnen etwas anderes kommen würde als eine im äußeren Sinne heilsame Verteilung des Reichtums. Die Seele würde veröden, sie würde ihre Kräfte verausgaben, aber in sich nichts finden, wenn sie nicht vordringen könnte zu den Quellen des Geistes, die jenseits des äußeren materiellen Lebens liegen. Indem die Seele zurückgewiesen wird von einer materiellen Lebensbetrachtung, muß sie die Quelle finden, die nur aus einer geistigen Lebensanschauung fließen kann. Mit einer solchen Lebenspraxis, wie sie Carnegie hat, wird sich verbinden müssen, damit die Seelen nicht veröden, jene Vertiefung und Vergeistigung des Lebens, die aus der Geisteswissenschaft kommt. Fordert Carnegie von der einzelnen Seele dasjenige, was sie lebenstüchtig macht im äußeren Leben, so will Tolstoj der einzelnen Seele dasjenige geben, was sie aus dem tiefen Bronnen der geistigen Wesenheit heraus finden kann.
[ 35 ] No one can hope that a mere externalization of life could produce anything that would satisfy the soul or elevate culture to its highest heights. One can never hope that such a path would lead to anything other than a distribution of wealth that is beneficial in an external sense. The soul would become desolate; it would exhaust its energies but find nothing within itself if it could not penetrate to the sources of the spirit that lie beyond external, material life. As the soul is repelled by a material view of life, it must find the source that can flow only from a spiritual outlook on life. Such a way of life as Carnegie’s must be combined with that deepening and spiritualization of life that comes from spiritual science, so that souls do not become barren. While Carnegie demands of the individual soul that which makes it capable of living in the outer world, Tolstoy seeks to give the individual soul that which it can find from the deep springs of spiritual being.
[ 36 ] Ebenso, wie Carnegie mit sicherem Blick das Wesen der Gegenwart aus dem materiellen Leben heraus erfaßt, so finden wir auf der anderen Seite Tolstoj mit sicherem Blick in der Lage, die Eigenart der Seele zu erfassen. Bis zu einem gewissen Grenzpunkt sehen wir Tolstoj kommen, der uns in der Tat merkwürdig berührt, wenn wir alles das, was in Tolstojs Weltanschauung lebt, vergleichen mit dem, was uns namentlich in der westeuropäischen Kultur entgegentritt. Man kann durchsehen Werk für Werk aus der ungeheuer langen Reihe von Werken, die Tolstoj geschrieben hat, und man wird vor allen Dingen eines hervorglänzen sehen: Dinge, die hier im Westen mit einem ungeheuren Aufwand von philosophischem Nachdenken, gelehrten Grübeleien, Hin- und Herschieben von Schlüssen und Schlußfolgerungen zusammengebracht werden, sie stellen sich bei Tolstoj so dar, daß sie in fünf bis sechs Zeilen wie Gedankenblitze auftreten und für den, der so etwas auffassen kann, zur Überzeugung werden. Da wird also zum Beispiel von Tolstoj gezeigt, wie wir in der menschlichen Seele etwas finden müssen, was göttlicher Natur ist, das, wenn es in uns aufleuchtet, das Göttliche in der Welt vergegenwärtigen kann. Da sagt Tolstoj: Um mich leben die gelehrten Naturforscher; sie erforschen, was draußen im Materiellen, im sogenannten objektiven Dasein wirklich ist. Sie suchen da die göttlichen Urgründe des Daseins. Solche Leute versuchen dann, den Menschen zusammenzusetzen aus all den Gesetzen, Stoffen, Atomen und so weiter, die sie draußen im Raume verteilt suchen. Sie suchen dann zuletzt zu begreifen, was der Mensch ist, indem sie glauben, alle äußere Wissenschaft zusammenschließen zu müssen, um den Urgrund des Lebens zu finden. Solche Menschen, sagt er, kommen mir vor wie Menschen, die um sich herum haben Bäume und Pflanzen der lebendigen Natur. Sie sagen: Das interessiert mich nicht. Aber da in der Ferne ist ein Wald, den sehe ich kaum; diesen Wald will ich erforschen und beschreiben, dann werde ich auch verstehen die Bäume und die Pflanzen, die neben mir sind, und ich werde sie beschreiben können. — So kommen mir die Leute vor, die mit ihren Instrumenten das Wesen der Tiere erforschen, um das Wesen des Menschen erkennen zu lernen. Sie haben es in sich, brauchen nur zu sehen, was in ihrer allernächsten Nähe ist. Das tun sie aber nicht. Sie suchen die weit entfernten Bäume, und sie suchen das, was sie nicht sehen können, die Atome, zu begreifen. Den Menschen selber aber sehen sie nicht.
[ 36 ] Just as Carnegie, with a keen eye, grasps the essence of the present from the perspective of material life, so, on the other hand, we find Tolstoy, with a keen eye, able to grasp the nature of the soul. Up to a certain point, we see Tolstoy emerge, and he indeed touches us in a remarkable way when we compare everything that lives in Tolstoy’s worldview with what we encounter, particularly in Western European culture. One can examine, work by work, the immense body of work that Tolstoy wrote, and one will see one thing above all else stand out: Things that here in the West are brought together with an immense effort of philosophical reflection, scholarly musings, and the back-and-forth shifting of conclusions and inferences—in Tolstoy’s work, they appear as flashes of insight in five or six lines and become a conviction for those who can grasp such things. For example, Tolstoy shows how we must find within the human soul something of a divine nature—something that, when it shines forth within us, can make the divine present in the world. Tolstoy says: “Around me live the learned natural scientists; they investigate what is real out there in the material world, in so-called objective existence.” There they seek the divine foundations of existence. Such people then attempt to construct the human being from all the laws, substances, atoms, and so on, which they seek scattered throughout outer space. They ultimately seek to understand what a human being is by believing they must synthesize all external science in order to find the foundation of life. Such people, he says, strike me as people who are surrounded by trees and plants of living nature. They say: “That doesn’t interest me. But there is a forest in the distance that I can barely see; I want to explore and describe that forest, and then I will also understand the trees and plants that are right next to me, and I will be able to describe them.” — That’s how people strike me who use their instruments to investigate the nature of animals in order to learn to recognize the nature of human beings. They have the answer within themselves; they need only look at what is right in front of them. But they don’t do that. They seek out the trees far away, and they seek to comprehend what they cannot see—the atoms. But they do not see human beings themselves.
[ 37 ] Diese Art der Denk weise ist so monumental, daß sie wertvoller ist als Dutzende von Erkenntnissen und Theorien, die aus alten Kulturen heraus geschrieben sind. Das ist charakteristisch für das ganze Denken Tolstojs. Zu solchen Dingen . ist er gekommen, und in solche Dinge muß man hineinblicken. Für den Westeuropäer ist das höchst unbefriedigend; erst im Umweg über Kant kommt er dazu. Mit einer Sicherheit des Seelenwirkens wird Tolstoj dazu getrieben, auszusprechen, was nicht bewiesen, aber wahr ist, was durch unmittelbare Anschauung erkannt wird, und von dem man weiß, wenn man es ausgesprochen erhält, daß es wahr ist. Dieses monumentale ursprüngliche Hervorquellen tiefster Wahrheiten wie aus dem Quell des Lebens, das er gesucht hat, zeigt sein Werk «Das Leben». Das ist es, was in seinen letzten Schriften sich uns oft zeigt, und was so ist, daß es wie eine Morgenröte leuchten kann einer aufgehenden Zukunft.
[ 37 ] This way of thinking is so monumental that it is more valuable than dozens of insights and theories written by ancient cultures. This is characteristic of Tolstoy’s entire way of thinking. He has arrived at such things, and one must look deeply into them. For Western Europeans, this is highly unsatisfying; they can only arrive at it indirectly through Kant. Driven by a certainty arising from the workings of the soul, Tolstoy is impelled to articulate what is unproven yet true—what is recognized through direct perception, and which, once articulated, one knows to be true. This monumental, original welling up of the deepest truths, as if from the very source of life that he sought, is evident in his work *Life*. This is what often reveals itself to us in his later writings, and it is such that it can shine like a dawn upon a rising future.
[ 38 ] So müssen wir sagen: Je weniger wir geneigt sind, Tolstoj dogmatisch zu nehmen, je mehr wir geneigt sind, die Goldkörner eines primitiven paradigmatischen Denkens aufzunehmen, desto fruchtbarer wird er sein. Freilich, diejenigen, welche eine Persönlichkeit nur so hinnehmen, daß sie auf ihre Dogmen schwören, sich nicht von ihr befruchten lassen können, die werden von ihm nicht viel haben. Es wird ihnen manches recht schlecht bekommen. Der aber, der sich befruchten lassen kann von ihm, von dem, was aus einer großen Persönlichkeit fließt, der wird viel von Tolstoj empfangen können. Wir sehen, daß in ihm die Wahrheit wirkt, paradigmatisch, und daß diese Wahrheit mit starken Kräften einfließt in sein persönliches Leben. Wie fließt es da ein? Es ist recht interessant, zu sehen, daß verschiedene Anschauungen in seiner Familie leben und sich tolerieren. Wie war er aber imstande, seine Grundsätze in das tägliche Leben hineinzuführen? Durch Arbeiten und Wirken, und nicht bloß mit Grundsätzen. Dadurch wird er ein wahrer Pionier für manches, was in der Zukunft erst aufsprießen muß. Aber wir sehen auf der anderen Seite wiederum, wie Tolstoj doch wieder, trotzdem er ein Pionier der Zukunft ist, ein Kind seiner Zeit ist.
[ 38 ] So we must say: The less inclined we are to take Tolstoy dogmatically, the more inclined we are to absorb the nuggets of a primitive, paradigmatic way of thinking, the more fruitful he will be. Of course, those who can only accept a personality by swearing allegiance to its dogmas—and who cannot allow themselves to be enriched by it—will not gain much from him. Much of it will sit rather poorly with them. But those who can allow themselves to be enriched by him—by what flows from a great personality—will be able to receive much from Tolstoy. We see that truth is at work within him, paradigmatically, and that this truth flows with powerful force into his personal life. How does it flow in? It is quite interesting to see that different views coexist and are tolerated within his family. But how was he able to incorporate his principles into daily life? Through work and action, and not merely through principles. In this way, he becomes a true pioneer for many things that must first sprout in the future. Yet on the other hand, we see once again how Tolstoy, despite being a pioneer of the future, is still a child of his time.
[ 39 ] Vielleicht in nichts so sehr als in jenem merkwürdigen Bilde, das aus dem Jahre 1848, wo er zwanzig Jahre alt war, erhalten ist, kann man eindrucksvoller empfinden, wie er sich in die Gegenwart hineinstellt. Man sehe nur das Gesicht des Zwanzigjährigen an, das Energie und Willensstärke ausdrückt, zu gleicher Zeit auch Verschlossenheit. Das geistvolle Blitzen der Augen verrät dabei aber doch etwas, das den Rätseln des Lebens fragend gegenübersteht. Er ist vulkanisch im Innern, aber nicht fähig, den Vulkan zum Ausbruch zu bringen. Allerdings, geheimnisvolle Tiefen der Seele sehen wir in seiner Physiognomie sich ausdrücken, und wir bekommen so in seiner Physiognomie den Ausdruck dafür, daß etwas Gewaltiges in ihm lebt, das er jedoch in diesem Organismus, den er sich ererbt hat, noch nicht voll zum Ausdruck bringen kann.
[ 39 ] Perhaps nowhere is it more evident than in that remarkable portrait from 1848—when he was twenty years old—how he places himself within the present. One need only look at the face of the twenty-year-old, which expresses energy and strength of will, yet at the same time a certain reserve. The spirited sparkle in his eyes, however, betrays something that confronts the mysteries of life with a questioning gaze. He is volcanic within, yet unable to bring that volcano to eruption. Nevertheless, we see mysterious depths of the soul expressed in his physiognomy, and thus his physiognomy reveals that something powerful lives within him—something he is not yet able to fully express within this organism he has inherited.
[ 40 ] So ist es auch mit der Mannigfaltigkeit der Kräfte, die in Tolstoj leben, und die nicht so recht zum Ausdruck kommen konnten. Es ist so, wie wenn sie karikiert, verzerrt in mancher Beziehung, zum Ausdruck kommen müßten. So muß man auch den Charakter in ihm erkennen, der manchmal ins Groteske verzerrt ist. Daher ist es ganz wunderbar, wenn er in der Lage ist, hinzuweisen auf dasjenige, was man bei den Menschen gewöhnlich ein Vergängliches nennt: Siehe dir an den menschlichen Leib. Wie oft sind seine Stoffe ausgewechselt worden! Nichts ist mehr. da an Materiellem von dem, was da war in dem Zehnjährigen. Und dasjenige, was das gewöhnliche Bewußtsein ist, man nehme es und vergleiche es mit dem Vorstellungsleben des Fünfzigjährigen: es ist etwas ganz anderes geworden, bis in das Seelengefüge hinein. Wir können es nicht ein Dauerndes nennen, aber überall finden wir in ihm den Mittelpunkt, von dem wir sagen müssen, daß er etwa durch folgendes in der Vorstellung erreicht wird. Die Gegenstände der Außenwelt stehen da. Da steht dieses, dort steht jenes, da ein drittes. Zwei Menschen treten vor die Dinge. Dieselben Dinge sieht das Auge, aber sie sind für den einen so, für den anderen anders. Der eine sagt: Ich mag das; der andere sagt: Ich mag es nicht. — Wenn in der Außenwelt alles dasselbe ist, dieselben Eindrücke da sind, und die eine Seele sagt: Ich mag es, — die andere sagt: Ich mag es nicht, — wenn also die Art des Lebens verschieden ist, so ist ein Mittelpunkt da, der verschieden ist von allem Äußeren, der unerschütterlich bleibt, trotz allem Wechsel des Bewußtseins und des Körpers. Etwas ist da, das vor der Geburt da war und nach der Geburt da sein wird, mein besonderes Ich. Dieses mein besonderes Ich hat nicht mit der Geburt begonnen.
[ 40 ] The same is true of the diversity of forces that live within Tolstoy and that could not quite find expression. It is as if they had to be expressed in a caricatured, distorted way in some respects. Thus, one must also recognize the character within him that is sometimes distorted into the grotesque. That is why it is quite marvelous when he is able to point to what people usually call the transitory: Look at the human body. How often have its materials been replaced! Nothing of the material substance that was present in the ten-year-old remains. And as for what constitutes ordinary consciousness—take it and compare it with the imaginative life of a fifty-year-old: it has become something entirely different, right down to the very structure of the soul. We cannot call it something permanent, but everywhere within it we find the center, which we must say is reached in the imagination through the following. The objects of the external world are there. This one is here, that one is there, and a third one over there. Two people stand before these things. The eye sees the same things, but they are one way for one person and another way for the other. One says, “I like that”; the other says, “I don’t like it.”—If everything in the external world is the same, if the same impressions are present, and one soul says: “I like it”—and the other says, “I don’t like it”—if, then, the way of life is different, there is a center that is distinct from everything external, one that remains unshaken despite all changes in consciousness and the body. There is something that was there before birth and will be there after birth: my unique self. This unique self of mine did not begin with birth.
[ 41 ] Nicht darauf kommt es an, wie man sich mit den westeuropäischen Gewohnheiten zu einem solchen Ausspruch stellt, sondern darauf, daß man die Empfindung hat: einen solchen Ausspruch kann man tun. Darin zeigt sich die Größe der Seele. Darin zeigt sich, daß die Seele lebt und wie sie lebt. Darin ist die Unsterblichkeit verbürgt.
[ 41 ] What matters is not how one, according to Western European customs, reacts to such a statement, but rather that one has the feeling: one can make such a statement. This reveals the greatness of the soul. This reveals that the soul is alive and how it lives. This guarantees immortality.
[ 42 ] So sehen wir, wie Tolstoj hart an die Grenze herankommt von dem, was wir, durch die geisteswissenschaftliche Vertiefung verwirklicht, als das innerste Wesen der Seele kennenlernen. Er ist eingezwängt durch die Welt, die er selbst so sehr bekämpft und kann nicht vordringen zu dem wahren Erkennen dessen, was vor der Geburt da ist, und dessen, was nach dem Tode kommt. Er kommt nicht zu der Lehre von Reinkarnation und Karma. Ebensowenig kommt er auf den inneren Impuls der Seele wie Carnegie, der ihn geradezu fordert. So sehen wir, ob nun ein Mensch aus tiefstem Inneren in Widerspruch ist mit alledem, was in der Gegenwart lebt, wirkt und strebt, oder ob er, als ein JaSager, mit allen Lebensformen der Gegenwart übereinstimmt: er wird geführt an die Pforten dessen, was wir die anthroposophische Lebensanschauung nennen. Tolstoj würde den Weg zu Carnegie finden können, Carnegie niemals zu Tolstoj.
[ 42 ] Thus we see how Tolstoy comes very close to the very limits of what we, through deep study of the spiritual sciences, come to know as the innermost essence of the soul. He is constrained by the world he himself so vehemently opposes and cannot advance to the true understanding of what exists before birth and what comes after death. He does not arrive at the doctrine of reincarnation and karma. Nor does he arrive at the inner impulse of the soul, as Carnegie does, who actively calls for it. Thus we see that whether a person is, from the depths of his being, at odds with everything that lives, acts, and strives in the present, or whether, as a yes-man, he is in harmony with all forms of life in the present—he is led to the gates of what we call the anthroposophical view of life. Tolstoy would be able to find his way to Carnegie, but Carnegie would never find his way to Tolstoy.
[ 43 ] Durch diesen Vortrag sollte gezeigt werden, daß eine Welt- und Lebensanschauung gegeben werden kann, die in die unmittelbare Lebenspraxis hineinführt, die hinübertragen kann das Neuerkannte zu dem Bekannten, zu dem Vollführten. Und so werden wir sehen, wenn wir immer tiefer und tiefer uns in diese Geisteswissenschaft hineinfinden, wie sie fürdieMenschen sowohl der einen als dera nderen Schattierung das bringt, was ja schließlich in seiner Art Tolstoj gefunden hat, was Carnegie in seiner Art gefunden hat: ein in sich befriedigendes Leben. Aber darauf kommt es nicht an, daß der unmittelbare Sucher das befriedigende Leben findet, und daß die, welche mit ihm suchen, es auch finden können. Was Tolstoj für sich und was Carnegie für sich als befriedigend gefunden haben, das kann nur auf unpersönlichem, reinem Wege und durch ein auf die Ebene des Geistes gerichtetes Erkennen für alle Menschen, die auf diesem Wege suchen, gefunden werden, wenn wahre Geist-Erkenntnis dessen, was von Leben zu Leben geht, was Bürgschaft für die Ewigkeit in sich trägt, für alle Menschen gefunden sein wird.
[ 43 ] The purpose of this lecture was to show that it is possible to present a worldview and philosophy of life that leads directly into practical living, one that can carry what has been newly recognized over into the familiar, into what has already been accomplished. And so we will see, as we delve deeper and deeper into this spiritual science, how it brings to people of both one and the other disposition what Tolstoy ultimately found in his own way, and what Carnegie found in his own way: a life that is satisfying in itself. But what matters is not merely that the individual seeker finds a fulfilling life, nor that those who seek alongside him may also find it. What Tolstoy found satisfying for himself and what Carnegie found satisfying for himself can only be found—in an impersonal, pure way and through a realization directed toward the spiritual plane—by all people who seek along this path, once true spiritual knowledge of that which passes from life to life, which bears within itself the guarantee of eternity, has been found for all people.
