Where and how can one find the Spirit?
GA 57
20 March 1909, Berlin
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Where and how can one find the Spirit?, tr. SOL
15. Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft
15. Nietzsche in the Light of the Human Sciences
[ 1 ] Zu den Erlebnissen, die man nicht wieder vergißt, gehört für mich das einzige Zusammentreffen mit Friedrich Nietzsche, Er war damals schon wahnsinnig. Der Anblick war sehr, sehr bedeutsam. Man stelle sich vor einen Menschen, einen Mann, der den ganzen Vormittag mit der Frage sich beschäftigt hat, die ihm naheliegt, und der den Wunsch hat, nach Tisch sich etwas auszuruhen und die Gedanken in sich nachklingen zu lassen: so lager da. Man hatte den Eindruck eines völlig Gesunden, und dabei war er schon vollständig wahnsinnig; er erkannte niemanden. Seine Stirn war gemodelt wie eine zwischen Künstler- und Denkerstirne liegende, und war doch die Stirn eines Wahnsinnigen. Es war ein Rätsel, was man vor sich zu haben schien. Menschen von seiner Art des Wahnsinns hätten ganz anders aussehen müssen. Nur mittels Geisteswissenschaft ist dies Ungewöhnliche zu erklären.
[ 1 ] One of the experiences I will never forget is my only encounter with Friedrich Nietzsche. He was already insane at the time. The sight was very, very significant. Imagine a person, a man, who had spent the entire morning grappling with the question closest to his heart, and who wished to rest a bit after lunch and let his thoughts settle within him: that is how he lay there. He gave the impression of being completely sane, and yet he was already utterly insane; he recognized no one. His forehead was shaped like a cross between that of an artist and a thinker, and yet it was the forehead of a madman. It was a mystery what one seemed to be looking at. People with his kind of madness should have looked entirely different. Only through spiritual science can this unusual phenomenon be explained.
[ 2 ] Der Ätherleib, der Träger des Gedächtnisses, ist zeitlebens verbunden mit dem physischen Leib, aber er ist in verschiedener Art verbunden bei den verschiedenen Menschen. Bei einigen ist die Verbindung nicht sehr fest, bei anderen dagegen eine sehr dichte. Nietzsches Ätherleib war nun von vorneherein sehr beweglich. Die mit einem beweglichen Ätherleib begabten Menschen können zwei Eigenschaften haben: Die eine ist eine geniale, leicht bewegliche Denkkraft und Phantasie, die Fähigkeit, weit auseinanderliegendeBegriffe zu verbinden und weit auseinandergehende Perspektiven zusammenzuschauen. Solche Menschen werden nicht so leicht wie andere durch die Schwere des physischen Körpers in den einmal durch das Leben gegebenen Verhältnissen zurückgehalten.
[ 2 ] The etheric body, the bearer of memory, remains connected to the physical body throughout one’s life, but this connection varies from person to person. For some, the connection is not very strong; for others, however, it is very close. Nietzsche’s etheric body, however, was very mobile from the very beginning. People endowed with a flexible etheric body can possess two characteristics: One is a brilliant, agile power of thought and imagination—the ability to connect widely disparate concepts and to synthesize vastly divergent perspectives. Such people are not as easily held back by the heaviness of the physical body within the circumstances life has set for them as others are.
[ 3 ] Noch ehe Friedrich Nietzsche seinen Doktor gemacht hatte, wurde er zum Professor für Alt-Philologie in Basel berufen. Bei seinem Lehrer Professor Ritschl wurden Erkundigungen eingezogen. Dieser antwortete: Nietzsche kann alles, was er will. So kam es denn, daß einer seinen Doktor machte, als er schon eine Professur innehatte. Geistig leichtbeweglich war also Nietzsche. Ein solcher Mensch lebt nicht in Ideen, die handgreiflich sind. Sozusagen wie durch eine Wand getrennt von dem Alltäglichen lebt er.
[ 3 ] Even before Friedrich Nietzsche had earned his doctorate, he was appointed professor of classical philology in Basel. His teacher, Professor Ritschl, was consulted. He replied: “Nietzsche can do whatever he wants.” And so it came to pass that he earned his doctorate while he was already holding a professorship. Nietzsche was, therefore, intellectually agile. Such a person does not live in ideas that are tangible. He lives, so to speak, separated from everyday life as if by a wall.
[ 4 ] Aber es ist noch etwas anderes verknüpft mit einer solchen Geistesanlage, etwas von dem man sagen möchte: es ist ein Mensch, der Träger einer solchen Anlage ist, zu einer gewissen Lebenstragik verurteilt. Ein solcher Mensch findet schwer den Weg zu den unmittelbaren Dingen des Daseins, er lebt leicht in dem, was nicht durch die Augen gesehen, mit den Händen gegriffen werden kann, was nicht von der Alltäglichkeit beobachtet werden kann, sondern in dem, was an geistigen Gütern die Menschheit sich erobert hat. Er lebt in gewisser Weise wie durch Wände getrennt von den Leiden und Freuden des Lebens. Sein Blick schweift in die Weite, mehr in das, was die Menschheit sich errungen und geschaffen hat, als in das, was alltäglich ist. Daher konnte es kommen, daß Nietzsche in einer besonderen Lage war zu der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts.
[ 4 ] But there is something else associated with such a disposition of mind, something that makes one want to say: a person who possesses such a disposition is condemned to a certain tragedy in life. Such a person finds it difficult to connect with the immediate realities of existence; he tends to live in what cannot be seen with the eyes or grasped with the hands, what cannot be observed in everyday life, but rather in the spiritual treasures that humanity has acquired. In a certain sense, he lives as if separated by walls from the sufferings and joys of life. His gaze wanders into the distance, focusing more on what humanity has achieved and created than on the everyday. This is why Nietzsche found himself in a unique position with regard to nineteenth-century culture.
[ 5 ] Wer die Kultur der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts überblickt, der sieht, wie da ein gewaltiger Ruck vorwärts gemacht wird in der Eroberung der physischen Welt. Nehmen wir das Jahr 1858/59. Es war das Jahr, welches derMenschheit brachte das Werk Darwins von der Entstehung der Arten, wodurch der Blick der Menschen in bezug auf die Entwickelungsidee ganz in das Physische gebannt worden ist. Weiter war es das Jahr, welches brachte das Werk, wodurch im Grunde genommen die Materien unserer Fixsterne und des fernsten Himmelsraumes erobert worden sind: Die Spektral-Analyse von Kirchhoff und Bunsen. Erst seit jener Zeit war es möglich zu sagen: Die Stoffe, die auf der Erde sich finden, finden sich auch auf den anderen Planeten. Dann erschien das Buch über Ästhetik von Fr. Th. Vischer, das die Wissenschaft des Schönen von unten herauf begründen wollte, während man früher das Schöne von oben herunter, von der Idee aus, erklärt hatte. Um dasBild zu vervollständigen: Es erschien in jenem Jahre das Werk, welches das soziale Leben hineinzwingen möchte in die bloß sinnliche Welt, Karl Marx’ Werk «Kritik der politischen Ökonomie». Kurz, es war die Zeit, in der Nietzsche aufwuchs, die Zeit in der der Menschenblick ganz hinausgelenkt wurde in die physische Welt.
[ 5 ] Anyone who surveys the culture of the second half of the nineteenth century can see how a tremendous leap forward was made in the conquest of the physical world. Let us take the year 1858–59. It was the year that brought humanity Darwin’s work *On the Origin of Species*, which completely focused people’s attention on the physical realm with regard to the idea of evolution. Furthermore, it was the year that brought the work through which, in essence, the matter of our fixed stars and the farthest reaches of space was conquered: the spectral analysis by Kirchhoff and Bunsen. It was only from that time on that it became possible to say: The substances found on Earth are also found on other planets. Then Fr. Th. Vischer’s book on aesthetics was published, which sought to ground the science of beauty from the bottom up, whereas previously beauty had been explained from the top down, starting from the idea. To complete the picture: That same year saw the publication of the work that sought to force social life into the purely sensory world—Karl Marx’s *Critique of Political Economy*. In short, it was the era in which Nietzsche grew up, the era in which human attention was entirely directed toward the physical world.
[ 6 ] Und nun denken Sie sich, welche Formen das alles im Laufe der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts angenommen hat: Denken Sie an Haeckel und andere Forscher, welche nur ins Auge faßten dasjenige, was sich ihren sinnlichen Augen darstellte; denken Sie an alles, was die Naturwissenschaft und die Technik im neunzehnten Jahrhundert geleistet haben. Es erscheint uns gegenüber diesen Strömungen wie eine Flucht der Menschheit in die Spiritualität, wenn in der damaligen Zeit weite Kreise ergiffen werden von der Philosophie Schopenhauers. Das bloße Interesse für die Philosophie Schopenhauers damals zeigt, daß die Menschenseelen flüchteten zu irgend etwas, was geistige Befriedigung gewähren sollte. Wir sehen weiter, wie einer der großen Geister des neunzehnten Jahrhunderts, Richard Wagner, in anderer Art versucht, Spirituelles wieder in die Kultur hineinfließen zu lassen.
[ 6 ] And now imagine the forms all of this took during the second half of the nineteenth century: Think of Haeckel and other researchers who considered only what presented itself to their physical eyes; think of all that natural science and technology accomplished in the nineteenth century. Set against these trends, it seems to us like humanity’s flight into spirituality when, at that time, broad circles were captivated by Schopenhauer’s philosophy. The mere interest in Schopenhauer’s philosophy at that time shows that people’s souls were fleeing to something that would provide spiritual satisfaction. We also see how one of the great minds of the nineteenth century, Richard Wagner, attempted in a different way to allow the spiritual to flow back into culture.
[ 7 ] In diese Kulturströmung nun stellte sich Nietzsche hinein. Wie tat er das? Die eben Genannten stellten sich ja schöpferisch in sie hinein, und es ist etwas Beseligendes, das Schöpferische. Das Arbeiten macht den Menschen jung und frisch. Das zeigt sich an Haeckel. Wer so am Mikroskop und anderen Instrumenten arbeitet und forscht, wird sich an dieser Arbeit beseligen und verjüngen können, er wird jung und frisch sein, er wird auch gehobenen Herzens das alles machen können, und er wird vergessen das Bedürfnis nach einer spirituellen Welt; in ihm lebt etwas, was den Menschen beleben kann, die Schaffensfreude, die etwas Göttlich-Geistiges hat.
[ 7 ] Nietzsche now placed himself within this cultural movement. How did he do that? The figures just mentioned engaged with it creatively, and there is something blissful about creativity. Work keeps a person young and fresh. This is evident in Haeckel. Anyone who works and conducts research in this way with a microscope and other instruments will find joy and rejuvenation in this work; he will be young and fresh; he will be able to do all this with a lifted heart; and he will forget the need for a spiritual world; within him lives something that can enliven people—the joy of creation, which has something divine and spiritual about it.
[ 8 ] Nietzsches Schicksal war diese Kulturströmung. Ihm war es Schicksal, aus dieser Kulturströmung selbst Lust und Leid herauszuschöpfen, weil er nicht unmittelbar mit dem Leben des Alltags zusammenhing. In ihm bohrte das Gefühl: Wie läßt es sich leben mit dem, was die heutige Kultur bietet? Nietzsches Herz war bei allem dabei, entweder freudvoll oder leidempfindend. Er durchlebte mit seiner Seele alles, was im neunzehnten Jahrhundert geschehen war.
[ 8 ] This cultural movement was Nietzsche’s destiny. It was his destiny to draw both pleasure and suffering from this cultural movement itself, because he was not directly connected to everyday life. A feeling gnawed at him: How can one live with what today’s culture has to offer? Nietzsche’s heart was fully engaged in everything, whether experiencing joy or suffering. With his soul, he lived through everything that had happened in the nineteenth century.
[ 9 ] Wir sehen, wie früh in Nietzsches Leben zwei Geister eingreifen: Schopenhauer, den er nicht persönlich kennen lernte, der aber tief durch seine Schriften auf ihn wirkte, und Richard Wagner, mit dem er durch die innigsten freundschaftlichen Bande verknüpft war. Durch diese beiden Geister wurde Nietzsche darauf hingewiesen, sich zu vertiefen in das im Aufgange unserer Kultur sich zeigende Rätsel des alten Griechentums. Er hatte tiefe Blicke in die Griechenwelt getan, von der ältesten Zeit bis dahin, wo die Geschichte schon lichter hineinleuchtet. Der Grieche in der ältesten Zeit scheint ihm der Gottheit viel näher zu stehen als später, da er versucht, Bilder der Götter in seinen Kunstwerken darzustellen: er macht sie menschenähnlich, erhebt die Form des Menschen zum Idealbild. So war der Grieche nicht in der Urzeit. Der Urgrieche fühlte alles lebendig in sich strömen, was draußen war, was in dem Sturme weht und mit dem Donner rollt, dem Blitze zuckt, was als harmonisierende Weisheit die Welt draußen weise eingerichtet hat. In seiner ursprünglichen Musik brachte damals der Grieche diese Harmonie zum Ausdruck und gestaltete sie in seinen Tempeltänzen. Den dionysischen Menschen nannte Nietzsche den Urgriechen. Der spätere Grieche, der apollinische Mensch, schaffte nach, was der Urgrieche war. Betrachtend stand er da und brachte es in seinen Kunstwerken zum Ausdruck. In diesen Werdegang blickte Nietzsche wie in ein Rätsel, denn er hatte keine Kenntnis von dem, was als Urkultur zugrunde lag der griechischen und jenen noch früheren Kulturen, aus denen sie ihre Kraft geschöpft hatte.
[ 9 ] We see how early in Nietzsche’s life two influences came to bear: Schopenhauer, whom he never met in person but whose writings had a profound effect on him, and Richard Wagner, with whom he was bound by the closest ties of friendship. Through these two figures, Nietzsche was led to delve deeply into the mystery of ancient Greek civilization that was emerging at the dawn of our culture. He had cast deep glances into the Greek world, from the earliest times to the point where history begins to shed light on it more clearly. To him, the Greeks of the earliest times seem to have been much closer to the divine than they were later, when they attempted to depict images of the gods in their works of art: they made the gods human-like, elevating the human form to an ideal. This was not the case with the Greeks in primeval times. The primordial Greek felt everything outside him flowing vividly within himself—what blows in the storm and rolls with the thunder, what flashes as lightning, and what, as harmonizing wisdom, has wisely ordered the world outside. In his original music, the Greek of that time expressed this harmony and gave it form in his temple dances. Nietzsche called the primordial Greek the Dionysian man. The later Greek, the Apollonian man, sought to recreate what the ancient Greek had been. He stood there contemplating and expressed it in his works of art. Nietzsche regarded this development as a mystery, for he had no knowledge of the primordial culture that lay at the foundation of Greek culture and those even earlier cultures from which it had drawn its strength.
[ 10 ] Ein Ausdruck jener Urkultur war auch das, was in den orphischen und eleusinischen Mysterien in Mythengestaltung und Kunst an Weisheit zum Ausdruck kam. Das wußte Nietzsche nicht. Er dachte, beim Urgriechen sei alles Instinkt, Urtrieb gewesen. Er hat nichts gewußt von den Weistümern, die ursprünglich in den Mysterien von Eingeweihten gepflegt worden sind, die dann hinausflossen in die Welt, abgebildet in Kunstwerken und Mysterien-Aufführungen. In diese Mysterien konnte Nietzsche nicht hineinschauen, aber er ahnte sie. Er fühlte sich daher beunruhigt, denn er konnte die richtige Antwort auf seineFragen nicht finden. In jener Urweisheit des Menschen, an die die Geisteswissenschaft anknüpft, hätte er suchen müssen die Antwort auf seinen Dionysos-Menschen und seinen ApolloMenschen. Aus den eleusinischen und orphischen Mysterien hätte er holen müssen die Lösung für das, was für ihn Rätsel war. Er hätte dann sehen können, wie die Kunst das Schauen pflegt, und wie Wissenschaft und Religion suchen nach dem, was das Menschenherz durchziehen kann mit Frömmigkeit.
[ 10 ] The wisdom expressed in the mythological forms and art of the Orphic and Eleusinian Mysteries was also an expression of that primordial culture. Nietzsche did not know this. He thought that for the ancient Greeks, everything was instinct and primal impulse. He knew nothing of the wisdom that was originally cultivated in the mysteries by the initiated, which then flowed out into the world, reflected in works of art and mystery performances. Nietzsche could not gain insight into these mysteries, but he sensed them. He therefore felt unsettled, for he could not find the right answer to his questions. He should have sought the answer to his “Dionysian man” and his “Apollonian man” in that primordial wisdom of humanity to which spiritual science is linked. He should have drawn from the Eleusinian and Orphic mysteries the solution to what was a riddle to him. He would then have been able to see how art cultivates insight, and how science and religion seek what can fill the human heart with piety.
[ 11 ] Religion, Kunst und Wissenschaft waren in den alten Mysterien noch nicht voneinander getrennt. Aus einer Wurzel sind sie entsprungen. Die uralten Mysterien sind diese Wurzel. Bei den führenden Völkern des Altertums wurden sie in Geheimstätten wirksam gepflegt und zu Kultushandlungen ausgebaut. Im Bilde wurde in den alten Mysterien für Neophyten das Heruntersteigen der uralten Weisheit dargestellt. Das blieb Nietzsche verborgen, deshalb konnte er den Zusammenhang, den er suchte, nicht finden. Nur auf tragische Art konnte sich ihm die in seinem Sinne abwärtsführende Entwickelung des griechischen Geisteslebens darstellen. Er sieht, wie noch Äschylos, der nahestand den Mysterien, von innerer Weisheit durchzogen sein Drama aufbaut. Aber er sieht auch, wie bei Sophokles und namentlich bei Euripides schon eine Gestaltung gepflegt wird, für die das, was dargestellt wird, nur noch äußerlich ist. Und er sieht, wie bei den Sokratikern Begriffe gefunden werden, die fern sind den Weltenquellen, die sich wie betrachtend hinstellen außerhalb des Weltengehaltes im Kosmos. Es kam ihm so vor, daß in Sokrates nicht mehr die Welt selbst, der Weltinhalt pulsiere, sondern nur noch die Begriffe davon, es kam ihm so vor, daß in Sokrates das im Wesen des Griechen pulsierende Leben in trockene, nüchterne Abstraktion hineinführt. Schmerzlich berührt war Nietzsche dadurch, daß Sokrates den Satz aufstellte, die Tugend sei lehrbar. Er sah es so, daß der alte Grieche fühlte, was er tun sollte; der fragte nicht, ob es richtig oder unrichtig sei. Erst eine gottentfremdete Zeit konnte fragen: Kann man lernen, was gut ist? Daher war Sokrates für Nietzsche der NiedergangsMensch des Griechentums.
[ 11 ] In the ancient mysteries, religion, art, and science were not yet separated from one another. They sprang from a single root. The ancient mysteries are this root. Among the leading peoples of antiquity, they were actively cultivated in secret places and developed into ritual practices. In the ancient mysteries, the descent of ancient wisdom was symbolically depicted for neophytes. This remained hidden from Nietzsche; therefore, he could not find the connection he was seeking. Only in a tragic manner could the downward development of Greek spiritual life—as he understood it—be revealed to him. He sees how Aeschylus, who was close to the Mysteries, constructs his drama imbued with inner wisdom. But he also sees how, in Sophocles and especially in Euripides, a form of expression is already being cultivated in which what is depicted is merely external. And he sees how, among the Socratics, concepts are formulated that are distant from the sources of the world, standing as if in contemplation outside the substance of the world within the cosmos. It seemed to him that in Socrates it was no longer the world itself, the substance of the world, that pulsed, but only the concepts of it; it seemed to him that in Socrates the life pulsing in the essence of the Greek led into dry, sober abstraction. Nietzsche was deeply troubled by Socrates’ assertion that virtue could be taught. He saw it this way: the ancient Greek felt what he ought to do; he did not ask whether it was right or wrong. Only an age estranged from the gods could ask: Can one learn what is good? Therefore, for Nietzsche, Socrates was the man of the decline of Greek civilization.
[ 12 ] In Schopenhauer erschien Nietzsche wiederum ein Mensch, der eine Ahnung hatte von dem, was hinführte zu den Quellen des Daseins. Er schlug wieder die Brücke hinüber von der abstrakt gewordenen Welt menschlicher Vorstellungen zu den im Willen pulsierenden tieferen Quellen des Seins. Dies befriedigte das Wahrheitsstreben Nietzsches. Und Richard Wagner erschien ihm wie ein aus dem Urgriechentum auferstandener Mensch. Es war beseligend für Nietzsche, sich an einem solchen Ausnahmemenschen heranzubilden, der neben ihm herging in Fleisch und Blut. Ein Ersatz für das, was den andern Menschen die äußere Welt ist, war ihm diese Freundschaft mit Richard Wagner.
[ 12 ] In Schopenhauer, Nietzsche once again saw a man who had a sense of what led to the sources of existence. He once again built a bridge from the world of human ideas—which had become abstract—to the deeper sources of being that pulsate within the will. This satisfied Nietzsche’s quest for truth. And Richard Wagner appeared to him as a man risen from ancient Greece. It was a source of joy for Nietzsche to be shaped by such an exceptional individual, who walked beside him in the flesh. This friendship with Richard Wagner served as a substitute for what the external world is to other people.
[ 13 ] Als Niederschlag seiner Gedankenwelt in dieser Zeit haben wir die Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», 1872 erschienen, in der schon der ganze Nietzsche enthalten ist. Da findet sich schon das Apollinische und das Dionysische. Ferner «Schopenhauer als Erzieher». Wie man über seinen Vater sprechen würde, schreibt Nietzsche hier empfindungsgemäß über Schopenhauer. Dann folgt «Richard Wagner in Bayreuth», von allen als die beste Schrift über Richard Wagner angesehen.
[ 13 ] The work *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*, published in 1872, reflects his intellectual world during this period and already encapsulates the entirety of Nietzsche. The Apollonian and the Dionysian are already present there. Furthermore, there is *Schopenhauer as Educator*. Just as one might speak of one’s father, Nietzsche writes here about Schopenhauer from the heart. This is followed by *Richard Wagner in Bayreuth*, regarded by all as the finest work on Richard Wagner.
[ 14 ] Keine Zeit ist so eng mit dem Philistertum verbunden wie die Zeit des Materialismus. In keinem Buche kommt diese Verbundenheit so stark zum Ausdruck wie in dem Buche von David Friedrich Strauß: «Das Leben Jesu.» Dieses Philistertum wird in großartiger Weise an den Pranger gestellt in Nietzsches Schrift über David Friedrich Strauß. Nietzsche, der die Wiederaufrichtung des dionysischen Menschen ersehnt, konnte sich empören über das Philistertum des David Friedrich Strauß. «David Friedrich Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller» ist ein erlösendes Buch.
[ 14 ] No era is as closely linked to philistinism as the age of materialism. In no book is this connection expressed as strongly as in David Friedrich Strauss’s *The Life of Jesus*. This philistinism is magnificently pilloried in Nietzsche’s essay on David Friedrich Strauss. Nietzsche, who yearned for the restoration of the Dionysian man, was outraged by the philistinism of David Friedrich Strauss. “David Friedrich Strauss, the Confessor and the Writer” is a liberating book.
[ 15 ] Dann tat er etwas als Akademiker. Er hatte die feuer- und enthusiasmuslose Zeit des Akademikertums erlebt. Wenn jemand sagte, es könne neue Ideen geben, man könne dies oder jenes tun, dann kamen andere, die sagten: Die Geschichte zeigt uns aber, daß nichts sprunghaft sich entwickeln kann, alles geht ganz ruhig weiter. — Man fürchtete sich vor dem, was man einen Sprung in der Geschichte nannte. Nietzsche schrieb ein Buch, worin er sagte: Ermanne dich, sei ein Mensch, mache Geschichte, suche nicht bloß die Historie, habe den Mut, selbständig zu sein und selbständig zu handeln! —
[ 15 ] Then he did something as an academic. He had experienced the passionless and unenthusiastic era of academia. Whenever someone said that there could be new ideas, that one could do this or that, others would come along and say: “But history shows us that nothing can develop in leaps and bounds; everything continues quite calmly.” — People feared what they called a “leap in history.” Nietzsche wrote a book in which he said: “Take courage, be a human being, make history, do not merely seek history; have the courage to be independent and to act independently!” —
[ 16 ] Wiederum ein befreiendes Buch, von einem umfassenden Radikalismus in seiner Forderung nach Befreiung von der Geschichte. Es brachte zum Ausdruck, daß historische Stimmung ein Hindernis sei für alles Ursprüngliche in den Impulsen der Menschen.
[ 16 ] Yet another liberating book, characterized by a comprehensive radicalism in its call for liberation from history. It expressed the view that historical sentiment is an obstacle to everything original in human impulses.
[ 17 ] So ungefähr war Nietzsche bis zum Jahre 1876. SeineEntwickelung war so, daß er fern stand dem, was in der Welt vorging. Die leichte Beweglichkeit seines Ätherleibes bewirkte das. Und 1876, als Wagner auf dem Gipfel seines Schaffens war und in der Außenwelt verwirklicht hatte, was in seiner Seele lebte, da stand es um Nietzsche so, daß er gewahr wurde: Was dir entgegentritt, das entspricht nicht dem Bilde, das in dir gelebt hat. — Einfach aus dem Grunde konnte es nicht entsprechen dem Bilde, das in ihm lebte, weil er etwas wie eine Mauer hatte gegenüber den Anforderungen der äußeren Realitäten. Er konnte im Äußeren nicht wiedererkennen das, was er sich im Innern an Vorstellungen gebildet hatte. Da wurde Nietzsche irre. An was wurde er irre? An Wagner? Eigentlich nicht. An Richard Wagner ist er nie irre geworden, denn er hat ja den objektiven Richard Wagner gar nicht gekannt. Er ist irre geworden an seinem eigenen Bild, das er sich von Wagner gemacht hatte. Nietzsche wurde nun gleich irre an der ganzen Perspektive, die ihn zu Wagner hingeführt hatte. Er wurde irre an allem Idealismus. Es gingen ihm mit dem idealistischen Wagner verloren alle Ideale, die die Menschheit überhaupt ausspinnen kann. So entstand in ihm das Gefühl: der Idealismus und alles Nachsinnen über das Geistige ist Lüge, Unwahrheit, Illusion. Die Menschen haben sich getäuscht über dasjenige, was real und wirklich ist, indem sie sich Bilder gemacht haben über das Wirkliche. Nietzsche fing an zu leiden an sich selber.
[ 17 ] That was more or less how Nietzsche was until 1876. His development had led him to stand apart from what was happening in the world. The light agility of his etheric body brought this about. And in 1876, when Wagner was at the height of his creative powers and had realized in the outer world what lived within his soul, Nietzsche found himself in a situation where he became aware: What confronts you does not correspond to the image that has lived within you. — Simply for that reason, it could not correspond to the image that lived within him, because he had something like a wall between himself and the demands of external realities. He could not recognize in the external world what he had formed as ideas within himself. That is when Nietzsche went astray. What led him astray? Wagner? Not really. He never went astray because of Richard Wagner, for he did not actually know the objective Richard Wagner at all. He went astray because of the image he had formed of Wagner in his own mind. Nietzsche then went astray regarding the entire perspective that had led him to Wagner. He went astray regarding all idealism. With the idealistic Wagner, he lost all the ideals that humanity is capable of conceiving. Thus the feeling arose within him: idealism and all contemplation of the spiritual is a lie, untruth, illusion. People have deceived themselves about what is real and true by forming images of reality. Nietzsche began to suffer from himself.
[ 18 ] Und nun versenkt er sich in entgegengesetzte Strömungen des Geisteslebens, in die positiven Naturwissenschaften und die Zweige, die auf dieser aufgebaut sind. Er wird bekannt mit einem interessanten Geist, mit Paul R£e, der ein Buch geschrieben hat über moralische Empfindungen und die Entstehung des Gewissens. Das ist eine für das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts charakteristische Schrift, in der nach dem Muster der Naturwissenschaften gesucht und gearbeitet wird, und die die Entstehung moralischer Empfindungen und des Gewissens ganz aus den Trieben und Instinkten des Menschen herausholt. Geistreich geschieht das von Paul Re&e. Nietzsche ist entzückt von dieser Weltanschauung, von der er sich sagt: Da ist alle Illusion überwunden, nur aus dem, was handgreiflich ist, kann man das Menschenleben begreifen. Jetzt werden alle Ideale empfunden wie Masken für das, was Triebe und Instinkte sind. In «Menschliches, Allzumenschliches», ein Buch, das in aphoristischer Form jetzt erscheint, versucht er darzustellen, wie im Grunde genommen alle Ideale nicht etwas sind, was über den Menschen hinausführt, sondern etwas, was im Allzumenschlichen, im Gefühl und im Alltäglichen wurzelt. Nietzsche hat früher niemals finden können den Weg ins Alltägliche hinein in unmittelbarer Weise. Er kannte das Allgemein-Menschliche nicht aus der Praxis. Aus der Theorie heraus wollte er es jetzt mit allen Freuden und Leiden erleben. Auch die Praxis des Lebens wurde ihm zur Theorie. Wunderbar ist das in seinem Schaffen zum Ausdruck gekommen in der «Morgenröte». Alles erscheint ihm da nicht nur widerlegt, sondern kalt geworden, wie auf Eis gelegt.
[ 18 ] And now he immerses himself in opposing currents of intellectual life: the positive natural sciences and the branches built upon them. He becomes acquainted with an interesting mind, Paul Rée, who has written a book on moral sentiments and the origin of conscience. This is a work characteristic of the last third of the nineteenth century, in which research and scholarship follow the model of the natural sciences, and which derives the origin of moral feelings and conscience entirely from human drives and instincts. Paul Rée’s work is done with great wit. Nietzsche is enthralled by this worldview, of which he says to himself: Here, all illusion has been overcome; human life can be understood only from what is tangible. Now all ideals are perceived as masks for what drives and instincts really are. In *Human, All Too Human*, a book now being published in aphoristic form, he attempts to show how, fundamentally, all ideals are not something that leads beyond humanity, but rather something rooted in the all-too-human, in emotion, and in the everyday. Nietzsche had never before been able to find his way into the everyday in a direct manner. He did not know the universal human condition from practical experience. Starting from theory, he now wanted to experience it with all its joys and sorrows. Even the practice of life became theory for him. This is wonderfully expressed in his work *Dawn*. There, everything appears to him not only refuted, but also to have grown cold, as if placed on ice.
[ 19 ] Mit besonderer Befriedigung studiert Nietzsche nun Eugen Dührings Wirklichkeitsphilosophie. An ihr entzückt er sich, ist aber nicht ein Nachbeter von ihr. Er schreibt dazu viele, zum Teil höchst abfällige Bemerkungen in sein Handexemplar. Aber er versucht das, was da an positiver Wissenschaft vorgebracht wird, seelisch, gefühlsmäßig zu durchleben. Die französischen Moral-Schriftsteller, die darauf ausgehen, die Moral des Lebens nicht nach Normen, sondern nach Geschehnissen zu beurteilen, werden anregende Lektüre für ihn. Das wird für ihn zur Tragik oder auch zur Seligkeit. Das ist das Wesentliche, daß er alles das durchlebt. Anders wirkt es bei ihm, als bei denen, die diese Werke geschaffen hatten. Er muß sich immer fragen: Wie lebt es sich mit diesen Dingen?
[ 19 ] Nietzsche now studies Eugen Dühring’s philosophy of reality with particular satisfaction. He is enthralled by it, but he does not merely parrot it. He writes many comments—some of them highly disparaging—in his personal copy. But he tries to experience, emotionally and intuitively, the positive scientific insights presented there. The French moralists, who seek to judge the morality of life not by norms but by events, provide stimulating reading for him. This becomes for him a source of tragedy or even bliss. The essential point is that he lives through all of this. It has a different effect on him than it did on those who created these works. He must always ask himself: What is it like to live with these things?
[ 20 ] Nun sehen wir allerdings, wie ihm aus solchen Voraussetzungen heraus bedeutsame Ideen ersprossen sind, Ideen, von denen wir sagen müssen, daß Nietzsche pochte an dem Tor der Geisteswissenschaft, ebenso wie er einst pochend davorgestanden hatte bei seinem dionysischen Menschen, erahnend die Mysterien. Aufgetan, aufgemacht sind ihm diese Pforten nicht worden. Bei einer dieser Ideen kann man geradezu nachweisen, wie sie entstanden ist. In Dührings Buch «Kursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung» finden Sie eine merkwürdige Stelle. Da versucht Dühring die Frage zu stellen, ob es möglich sei, daß dieselbe Kombination von Atomen und Molekülen, die einmal da gewesen ist, jemals in derselben Art wiederkehrt. Während der .drei Wochen, in denen ich Nietzsches Bibliothek geordnet habe, habe ich selbst gesehen, daß er diese Stelle in seinem Buche angestrichen und seine Bemerkungen dazu gemacht hatte. Von da an, zunächst im Unterbewußtsein, arbeitete in ihm die Idee von der sogenannten ewigen Wiederkunft. Diese Idee, die er dann mehr und mehr ausgestaltete, hat sich in die Seele Nietzsches so hineingemalt, daß sie ihm Glaubensbekenntnis wurde; er hat sich so in sie hineingefunden, daß sie seine Tragik wurde. Sie drückt nichts anderes aus, als daß alles, was einmal da war, in derselben Kombination und mit allen Einzelheiten immer wieder und wieder, wenn auch nach langen Zeiträumen, wiederkehren muß. So wie wir hier jetzt zusammensitzen, so würden wir unzählige Male wiederkommen. Das war ein Gefühl, das zu der Tragik seiner Seele gehörte, das Gefühl: Mit all dem Leid, das du jetzt erlebst, wirst du immer wiederkehren. — So sehen wir, wie Nietzsche durch die Idee Dührings von der Wiederkehr — die Dühring selbst aber abweist — zum materialistischen Denker geworden ist. Für ihn gab es nur diese Wiederkehr des Gleichen als Konsequenz einer materialistischen Idee.
[ 20 ] Now, however, we see how significant ideas sprang from such premises—ideas about which we must say that Nietzsche knocked at the gate of the science of the spirit, just as he had once stood there knocking in the case of his Dionysian man, sensing the mysteries. These gates were not opened or unsealed for him. In the case of one of these ideas, one can actually trace how it came about. In Dühring’s book *Course in Philosophy as a Strictly Scientific Worldview and Way of Life*, you will find a curious passage. There, Dühring attempts to ask whether it is possible that the same combination of atoms and molecules that once existed could ever recur in exactly the same way. During the three weeks I spent organizing Nietzsche’s library, I saw for myself that he had underlined this passage in his copy of the book and jotted down his comments on it. From that point on, initially in his subconscious, the idea of the so-called eternal recurrence took root within him. This idea, which he then developed more and more, became so deeply ingrained in Nietzsche’s soul that it became his creed; he identified with it so completely that it became his tragedy. It expresses nothing other than that everything that once existed must return again and again—albeit after long periods of time—in the same combination and with all its details. Just as we are sitting here together now, so would we return countless times. That was a feeling that was part of the tragedy of his soul—the feeling that, with all the suffering you are now experiencing, you will return again and again. — Thus we see how Nietzsche, through Dühring’s idea of recurrence—which Dühring himself, however, rejects—became a materialist thinker. For him, there was only this recurrence of the same as the consequence of a materialist idea.
[ 21 ] Wir sehen wiederum Nietzsches Ideen sich herauskristallisteren aus der Kulturströmung des neunzehnten Jahrhunderts. Der Darwinismus zeigt, wie die Entwickelung vom Unvollkommenen zum Vollkommenen sich vollzieht, wie heraufgeschritten ist dieEntwickelung vom einfachen Lebewesen zum entwickelten Menschen. Für Nietzsche ist das nicht Spekulation; für ihn wird dies zu einem Quell der Seligkeit. Es ist für ihn eine Befriedigung, die Welt zu sehen in ihrer Entwickelung. Doch er kann dabei nicht stehen bleiben. Er sagt sich: Der Mensch ist geworden; soll er nicht weiter werden? Soll die Entwickelung abgeschlossen sein mit dem Menschen, wenn wir sehen, daß sich unvollkommene Wesen bis zum Menschen entwickelt haben? Da müssen wir den Menschen als einen Übergang zu einem ÜberMenschen ansehen. — So wurde ihm der Mensch eine Brücke zwischen Wurm und Über-Mensch.
[ 21 ] Once again, we see Nietzsche’s ideas crystallizing out of the cultural currents of the nineteenth century. Darwinism shows how evolution proceeds from the imperfect to the perfect, how far the evolution has advanced from simple living beings to the developed human being. For Nietzsche, this is not speculation; for him, it becomes a source of bliss. It is a source of satisfaction for him to see the world in its process of development. Yet he cannot stop there. He asks himself: Man has come into being; should he not continue to evolve? Should evolution be complete with man, when we see that imperfect beings have evolved into man? We must therefore regard man as a transition to a superman. — Thus, man became for him a bridge between the worm and the superman.
[ 22 ] Wie Nietzsche mit seiner Idee der ewigen Wiederkunft mit seinem ganzen Fühlen und Denken vor dem Tore der geisteswissenschaftlichen Wahrheit von der Reinkarnation stand, so stand er auch mit der Idee des Über-Menschen vor dem Tore der Geisteswissenschaft, die uns zeigt, daß in jedem Menschen etwas lebt, was wir als göttlichen Wesenskern des Menschen aufzufassen haben, der wirklich eine Art Über-Mensch ist — wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen —, der Mensch, der durch viele Verkörperungen gegangen und immer vollkommener und vollkommener geworden ist, und der hinaufsteigen wird zu noch höheren Graden des Daseins.
[ 22 ] Just as Nietzsche, with his idea of eternal recurrence and with all his feelings and thoughts, stood at the threshold of the spiritual-scientific truth of reincarnation, so too did he stand, with his idea of the Übermensch, at the threshold of spiritual science, which shows us that within every human being there lives something that we must understand as the divine core of the human being—who is truly a kind of Übermensch — if we may use the term —, the human being who has passed through many incarnations and has become ever more perfect, and who will ascend to even higher levels of existence.
[ 23 ] Von allen diesen konkreten Geheimnissen der Geisteswissenschaft, von alle dem, was wir wissen, wenn wir hinter das Sinnliche, Handgreifliche schauen, wußte Nietzsche nichts. So wurde er von dem, was in seiner Seele lebte, nicht ichhaft, sondern bloß gefühlsmäßig erfaßt. Statt der Schilderungen der geistigen Tatsachen, die uns mit Seligkeit jederzeit aufs Neue erfüllen können, wenn sie geschildert werden, statt der Schilderung jener Tatsachenwelt, die uns zeigt, wie innerhalb der planetarischen Entwickelung der Mensch von Stufe zu Stufe steigt, lebte das alles bei Nietzsche im Gefühl, und lyrisch lebte es sich aus in seinem « Also sprach Zarathustra». Es ist eine feurige Schilderung des Erahnten, das er nicht schauen konnte. Wie eine Frage scheint uns seine Hymne auf den Übermenschen.
[ 23 ] Nietzsche knew nothing of all these concrete mysteries of spiritual science, of all that we know when we look beyond the sensory and the tangible. Thus, what lived within his soul was not grasped by him intellectually, but merely emotionally. Instead of descriptions of spiritual realities—which can fill us with bliss anew at any moment when they are described—and instead of a depiction of that world of reality that shows us how, within planetary evolution, humanity ascends from stage to stage, all of this lived within Nietzsche as emotion and found its lyrical expression in his *Thus Spoke Zarathustra*. It is a fiery depiction of what he sensed but could not see. His hymn to the Übermensch strikes us as a question.
[ 24 ] Wie hätte diese durstende Seele befriedigt werden können? Nur dann, wenn ihr bekanntgeworden wäre, was die Geisteswissenschaft als Inhalt hat. Verbluten mußte Nietzsche seelisch an seiner Sehnsucht danach. Nur die Geisteswissenschaft hätte ihm das bringen können, nach dem er rang, ohne es fassen zu können. An dem letzten Buche, das er hat nennen wollen «Wille zur Macht», zeigt sich besonders deutlich, wie er zu keiner Erfüllung seiner Seele mit dem ersehnten Geistinhalt hat kommen können. Vergleichen Sie alles dasjenige, was in der Geisteswissenschaft über den höheren Menschen und seine Zugehörigkeit zu geistigen Welten gesagt wird und setzen Sie dagegen den abstrakten Willen zur Macht, die eigentlich keinen Inhalt hat. Macht ist etwas ganz Abstraktes, wenn nicht gesagt wird, was Macht haben soll.
[ 24 ] How could this thirsting soul have been satisfied? Only if it had come to know the substance of spiritual science. Nietzsche had to bleed to death spiritually from his longing for it. Only spiritual science could have given him what he was striving for without being able to grasp it. His last book, which he intended to title *The Will to Power*, shows particularly clearly how he was unable to find fulfillment for his soul through the spiritual content he so longed for. Compare everything that is said in spiritual science about the higher human being and his connection to spiritual worlds, and contrast it with the abstract “Will to Power,” which actually has no content. Power is something entirely abstract unless it is specified what that power is supposed to be.
[ 25 ] Gerade dieses nachgelassene Werk «Wille zur Macht» zeigt so recht Nietzsches vergebliches und verhängnisvolles, in seiner Ahnung so großartiges, sich überstürzendes Streben. Wiederum ist die Tragik zu beobachten, wie sich hinwächst dieses Streben nach einem unbekannten Land in den Wahnsinn. Und gerade an dem Beispiel von Nietzsche ist es so recht zu sehen, wohin die Kultur des neunzehnten Jahrhunderts die tiefer fühlenden Persönlichkeiten führen mußte. Viele, welche etwas erahnten über das Materielle, Handgreifliche hinaus, und es nicht finden konnten, weil sie bei dieser Kultur stehenblieben, haben deshalb an ihr verbluten müssen. Deshalb zeigt auch Nietzsches Tragik ein großes Stück der Tragik des neunzehnten Jahrhunderts. Es zeigt sich uns diese Tragik insbesondere, wenn wir sehen, wie Nietzsche mit einer Kühnheit, die nur ein Menschenwesen hat, das mit seinem Ätherleib nicht fest verbunden ist mit den Hemmungen des physischen Leibes, wie Nietzsche in seinem « Antichrist» das Christentum kritisiert. Für dasjenige, was als Christentum sich auslebt, ist das, was er sagt, eine herbe, aber begreifliche und höchst eindringliche Kritik. Vieles von dem, was dieser «Antichrist» enthält, ist außerordentlich lesenswert. Und doch zeigt uns die ganze Stellung Nietzsches zum Christentum, wie sich ein Geist verhalten muß, dem als Nihilismus erscheint alle Philosophie, der aus der Wirklichkeit den Geist suchen will und auch in der modernen Form des Christentums diesen Geist nicht finden kann.
[ 25 ] It is precisely this posthumous work, *The Will to Power*, that so clearly reveals Nietzsche’s futile and fateful striving—a striving that was, in its intuition, so magnificent yet so reckless. Once again, we witness the tragedy of how this striving toward an unknown land gradually descends into madness. And it is precisely in the example of Nietzsche that we can truly see where nineteenth-century culture was bound to lead those with deeper sensibilities. Many who sensed something beyond the material and tangible, yet could not find it because they remained within the confines of that culture, were thus doomed to bleed to death within it. That is why Nietzsche’s tragedy also embodies a large part of the tragedy of the nineteenth century. This tragedy becomes particularly evident to us when we see how Nietzsche, with a boldness possessed only by a human being whose etheric body is not firmly bound to the inhibitions of the physical body, criticizes Christianity in his *Antichrist*. For that which manifests itself as Christianity, what he says is a harsh but understandable and highly compelling critique. Much of what this *Antichrist* contains is well worth reading. And yet Nietzsche’s entire stance toward Christianity shows us how a mind must behave—a mind to which all philosophy appears as nihilism, a mind that seeks the spirit within reality and cannot find this spirit even in the modern form of Christianity.
[ 26 ] Es wird sich immer mehr herausstellen, daß die Menschheit die großen Impulse und die ganze Tiefe des Christentums erst durch die Geisteswissenschaft erkennen wird, so daß man sagen kann: Das Christentum ist bisher nur zu einem kleinsten Teil erkannt worden. Dieses Bewußtsein hat Nietzsche nicht gehabt, er hat das Christentum nicht richtig erkannt. Warum konnte er es nicht erkennen? Weil er den Gang der Entwickelung — im Sinne der Geisteswissenschaft — nicht hat ahnen können. Ich will es Ihnen an einem Beispiel zeigen.
[ 26 ] It will become increasingly clear that humanity will only come to recognize the great impulses and the full depth of Christianity through spiritual science, so that one can say: Christianity has so far been understood only to a very small extent. Nietzsche did not have this awareness; he did not truly understand Christianity. Why was he unable to recognize it? Because he could not foresee the course of development—in the sense of spiritual science. I will illustrate this with an example.
[ 27 ] Etwa sechshundert Jahre vor Christus trat Buddha auf, für den es keinen genügend großen Ausdruck der verehrenden Bewunderung gibt, wenn man ihn wirklich erkennt. Als Königssohn wächst er heran, von allen Freuden des Lebens umgeben. Jedes Leid wird von ihm ferngehalten. Es wird dafür gesorgt, daß er die Gärten seines Palastes nie verläßt. Da tritt er einmal doch aus dem geheiligten Bezirk der Paläste und Tempel heraus. Er begegnet einem Alten, einem Kranken, einem Toten. Er sieht: Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden. Er erkennt, daß in jeder Wiedergeburt die Leiden wiederkommen müssen. Die großen Wahrheiten des geistigen Lebens offenbaren sich dem Buddha. Deshalb lehrt er, daß man seine Sehnsucht nach Wiederverkörperung aufgeben solle, um aufzugehen in dem Frieden der geistigen Welt.
[ 27 ] About six hundred years before Christ, the Buddha appeared—for whom no words can adequately express the reverent admiration one feels upon truly recognizing him. He grew up as a prince, surrounded by all the joys of life. All suffering was kept from him. Care was taken to ensure that he never left the gardens of his palace. Then, one day, he did step outside the sacred precincts of the palaces and temples. He encountered an old man, a sick man, and a dead man. He saw: old age is suffering, sickness is suffering, death is suffering. He realized that with every rebirth, these sufferings must return. The great truths of spiritual life are revealed to the Buddha. Therefore, he teaches that one should renounce the longing for rebirth in order to merge into the peace of the spiritual world.
[ 28 ] Blicken wir nun hin auf Christus. Aus den Stoffen der Erde wird uns das gegeben, worin wir uns wiederverkörpern können. Unsere Aufgabe ist es, diesen Stoff allmählich zu läutern, zu verinnerlichen und zu durchgeistigen. Die Früchte der Erdenpilgerschaft tragen wir dadurch hinauf zum Geiste, verbinden sie dadurch mit dem Geistesdasein. Kann die Erde dann nur ein Jammertal sein, das man verlassen soll? Nein, geheiligt worden ist die Erde dadurch, daß der Christus über sie dahingewandelt ist, daß der von ihm getragene Leib aus den Stoffen der Erde auferbaut war und sich für die Erde hingeopfert hat, sie mit seinen Kräften durchströmend. — So sprachen die ersten Christen. Der Mensch nimmt in jedem Leben etwas vom Christus-Prinzip in sich auf, läutert sich dadurch allmählich hinauf. Wiedergeburt ist nicht Leiden, denn nur dadurch werden wir fähig, die Krankheit, das Alter, die Übel als Prüfungen zu erkennen, als Mittel der Erziehung unserer Seele zum Gutsein und Starkwerden. Die Seele, die sich hinaufschwingt zu dieser Erkenntnis ist eine gesunde und ihre Umgebung fördernde.
[ 28 ] Let us now turn our gaze to Christ. From the elements of the earth, we are given that in which we can reincarnate. Our task is to gradually purify this substance, to internalize it, and to imbue it with spirit. In this way, we carry the fruits of our earthly pilgrimage up to the Spirit, thereby connecting them with spiritual existence. Can the earth then be nothing more than a vale of tears that one should leave behind? No, the earth has been sanctified by the fact that Christ walked upon it, that the body He bore was built from the substances of the earth, and that He sacrificed Himself for the earth, permeating it with His powers. — So spoke the first Christians. In every life, a person absorbs something of the Christ principle, thereby gradually purifying and elevating themselves. Rebirth is not suffering, for only through it do we become capable of recognizing illness, old age, and evils as trials—as means of educating our soul to become good and strong. The soul that rises to this realization is a healthy one that nurtures its surroundings.
[ 29 ] Heute durchpulst die Menschheit die Furcht vor der erblichen Belastung. Wenn die Menschen erst wieder den Christus-Impuls in sich wirken ließen, dann würden die Krankheiten überwunden werden. Auf Golgatha wurde das Symbolum des 'Todes zum Symbol der Erlösung. Getrennt zu sein von dem, was man lieb hat, ist Leiden. Doch man kann, wenn einen das Christus-Prinzip durchglüht, vereint sein immerdar mit denen, die man liebt. Man lernt allmählich diese Vereinigung als Wirklichkeit erleben.
[ 29 ] Today, humanity is gripped by the fear of hereditary predisposition. If people would once again allow the Christ impulse to work within them, then these illnesses would be overcome. On Golgotha, the symbol of “death” became the symbol of redemption. Being separated from those one loves is suffering. Yet, when the Christ principle burns within one, one can be united forever with those one loves. One gradually learns to experience this union as reality.
[ 30 ] So wandeln sich um durch das Christus-Prinzip die von Buddha geschilderten Leiden. Überwindung der Leiden kann erreicht werden nicht nur durch Abkehr vom Leben, sondern durch Umwandlung der Seele. Im Tragen des Kreuzes, im Anblick des Leichnams des Gekreuzigten, geht uns auf das Rätsel des durch den Tod gehenden ewigen Lebens.
[ 30 ] Thus, the sufferings described by Buddha are transformed through the principle of Christ. Overcoming suffering can be achieved not only by renouncing life, but by transforming the soul. In carrying the cross, in beholding the body of the Crucified One, we come to understand the mystery of eternal life passing through death.
[ 31 ] Nietzsche sieht im Christentum gerade das Gegenteil von dem, was in dessen verborgenen Tiefen liegt und was durch die Geisteswissenschaft hervorgeholt werden soll. Er verblutet daran, daß er das nicht hat erkennen können. Nietzsches Leid ist die tiefste, schmerzlichste Sehnsucht nach den Quellen des Lebens. Durch die nicht genügend feste Verknüpfung seines Geistes mit dem physischen Leibe kommt er nicht zur richtigen Lösung der ihn quälenden Welträtsel. So konnte es geschehen, daß er die richtige Antwort auf seine Frage an das Leben, welche ihm von der Geisteswissenschaft hätte gegeben werden können, nicht fand, daß er an ihr vorbeiging. Und als ihm das Werkzeug des physischen Leibes nicht mehr dienen konnte, wirft er es sozusagen von sich ab, er entäußert sich dieses für den Denker unbrauchbar gewordenen physischen Leibes, schwebt gleichsam darüber. So erscheint er dem auf ihn blickenden Betrachter wie gesund, wie einer, der nur ausruhen will von intensiver Gedankenarbeit. So lag er da, wie ein Bild der von ihm in ihrer Totalität durchlebten Tragik der heutigen materialistischen Wissenschaft, die das Geistige zu erkennen nicht in der Lage ist.
[ 31 ] Nietzsche sees in Christianity precisely the opposite of what lies in its hidden depths and what is to be brought to light through spiritual science. He bleeds to death because he was unable to recognize this. Nietzsche’s suffering is the deepest, most painful longing for the sources of life. Because the connection between his mind and his physical body was not sufficiently strong, he was unable to arrive at the correct solution to the world’s riddles that tormented him. Thus it came to pass that he did not find the correct answer to his question about life—one that spiritual science could have provided—and that he passed right by it. And when the instrument of the physical body could no longer serve him, he cast it aside, so to speak; he divested himself of this physical body, which had become useless to the thinker, and hovered, as it were, above it. Thus, to the observer looking upon him, he appears healthy, like someone who simply wants to rest from intense mental labor. There he lay, like an image of the tragedy of today’s materialistic science—which he had lived through in its entirety—a science incapable of recognizing the spiritual.
