Answers of Spiritual Science
to the Great Questions of Existence
GA 60
24 November 1910, Berlin
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Answers of Spiritual Science to the Great Questions of Existence, tr. SOL
5. Das Wesen des Schlafes
5. The Nature of Sleep
[ 1 ] Es liegt in der Natur der gegenwärtigen wissenschaftlichen Betrachtungen, daß von solchen Erscheinungen, wie diejenige ist, der wir heute diese Stunde widmen wollen, im Grunde genommen recht wenig innerhalb der gebräuchlichen Wissenschaft die Rede ist. Und dennoch sollte jeder Mensch fühlen, wie der Schlaf etwas ist, was sich in unsere Lebenserscheinungen so hineinstellt, wie wenn uns gerade durch ihn die größten Lebensrätsel aufgegeben werden sollen. Man hat wohl dieses Geheimnisvolle und das Bedeutungsvolle des Schlafes immer gefühlt, wenn man gesprochen hat von dem Schlaf als dem «Bruder des Todes». Nun werden wir uns heute auf die Besprechung des Schlafes als solchen zu beschränken haben, denn auf die Betrachtung des Todes werden uns die folgenden Vorträge noch in mancher Beziehung zurückführen.
[ 1 ] It is in the nature of current scientific discourse that phenomena such as the one to which we wish to devote this hour today are, in essence, rarely discussed within mainstream science. And yet every person should sense how sleep is something that enters so deeply into the fabric of our lives, as if it were precisely through sleep that the greatest mysteries of life are to be revealed to us. People have probably always sensed this mysterious and profound aspect of sleep when speaking of it as the “brother of death.” Today, however, we will have to limit ourselves to discussing sleep as such, for the subsequent lectures will return us to the consideration of death in many respects.
[ 2 ] Alles, was der Mensch zu seinem Seelenerleben in unmittelbarem Sinne rechnen muß, alle vom Morgen bis zum Abend auf- und abwogenden Vorstellungen, alle Empfindungen und Gefühle, welche das Seelendrama des Menschen ausmachen, alle Schmerzen und Leiden, auch die Willensimpulse, sie sinken gleichsam in ein unbestimmtes Dunkel hinunter, wenn der Mensch in den Schlaf versinkt. Und es könnten sozusagen manche Philosophen an sich selber irre werden, wenn sie sprechen von dem Wesen des Seelischen, von dem Wesen des Geistigen, das sich offenbart in der Menschennatur, und von dem sie doch zugeben müssen, daß es innerhalb eines jeden Tageslaufes — auch wenn es sich noch so gut in Begriffe und Ideen hat einspannen lassen und noch so gut erforscht zeigt — im Grunde genommen in nichts sich zu verlieren scheint. Wenn wir die Erscheinungen des Seelenlebens so betrachten, wie man sie eigentlich sowohl wissenschaftlich als auch laienhaft zu betrachten gewohnt ist, so müssen wir im Grunde genommen sagen, sie sind während des Schlafzustandes ausgelöscht, sind fort. Für den, der bloß das betrachten will, was sich von dem Seelischen im Leiblichen äußert, ist gewissermaßen der Mensch erst recht ein Rätsel, wenn er tiefer nachdenkt. Denn die eigentlichen leiblichen Funktionen, leiblichen Tätigkeiten, dauern während des Schlafes fort. Nur was wir gewöhnlich als das Seelische bezeichnen, hört auf. Es fragt sich nun nur, ob man in ganz richtigem Sinne über Leibliches und Seelisches spricht, wenn man in das, was wie ausgelöscht erscheint mit dem Einschlafen, wirklich dieses Seelische in seinem ganzen Umfange einschließt. Oder ob schon die gewöhnliche Beobachtung des Lebens, wenn wir jetzt ganz absehen von geisteswissenschaftlichen oder anthroposophischen Betrachtungen, uns doch zeigen kann, daß dieses Seelische auch tätig ist, seine Wirksamkeit auch erweist dann, wenn es vom Schlaf umfangen ist. Will man allerdings über diese Begriffe einige Klarheit gewinnen, man könnte auch sagen, will man die Erscheinungen des Lebens im richtigen Sinne auf diesem Gebiete beobachten, so muß man sich genaue Begriffe vor die Seele stellen.
[ 2 ] Everything that a person must count as part of their soul experience in the immediate sense—all the thoughts that ebb and flow from morning to night, all the sensations and feelings that make up the drama of the human soul, all the pains and sufferings, and even the impulses of the will—all of these sink, as it were, into an indeterminate darkness when a person falls asleep. And some philosophers, so to speak, might be led astray when they speak of the nature of the soul, of the nature of the spiritual that reveals itself in human nature—and yet they must admit that, within the course of a single day—even if it has been so well captured in concepts and ideas and appears to have been so thoroughly explored—it seems, in essence, to vanish into nothingness. If we consider the phenomena of soul life in the way we are accustomed to viewing them—both scientifically and from a layperson’s perspective—we must essentially conclude that they are extinguished during sleep; they are gone. For those who wish to consider only what is expressed of the soul in the physical body, the human being is, in a sense, all the more of a mystery when they reflect more deeply. For the actual physical functions and activities continue during sleep. Only what we usually refer to as the soul ceases. The question now is simply whether we are speaking of the physical and the soul in a truly accurate sense when we include this soul in its entirety within what appears to be extinguished upon falling asleep. Or whether even the ordinary observation of life—if we now set aside spiritual scientific or anthroposophical considerations entirely—can still show us that this mental aspect is also active and demonstrates its effectiveness even when it is enveloped by sleep. However, if one wishes to gain some clarity regarding these concepts—or, one might say, if one wishes to observe the phenomena of life in this realm in the proper sense—one must form precise concepts in one’s mind.
[ 3 ] Einleitungsweise möchte ich von vornherein erwähnen, daß auch in bezug auf dieses Thema die Geisteswissenschaft oder Anthroposophie nicht in der Lage ist, so allgemein zu sprechen, wie man es heute liebt. Wenn wir heute vom Wesen des Schlafes sprechen, werden wir nur vom Schlaf des Menschen sprechen. Denn die Geisteswissenschaft weiß sehr wohl - das ist in dem letzten Vortrage in bezug auf andere Gebiete mannigfach gestreift worden —, daß das, was in dieser oder jener Erscheinung bei verschiedenartigen Wesen äußerlich sich scheinbar gleich ausdrückt, auf ganz verschiedenen Ursachen innerhalb der betreffenden Wesen beruhen kann. Das haben wir angedeutet für den Tod, für das ganze geistige Leben und für die Ausgestaltung des geistigen Lebens bei Tier und Mensch. Es würde heute zu weit führen, über den Schlaf der Tiere noch zu sprechen. Wir wollen deshalb vorausschicken, daß alles, was heute gesagt wird, nur für den Schlaf des Menschen gesagt werden soll. Von seelischen Erscheinungen innerhalb unserer selbst zu sprechen, dazu sind wir Menschen in der Lage — das fühlt ein jeder — durch unser Bewußtsein, dadurch, daß wir ein Bewußtsein haben von dem, was wir vorstellen, was wir wollen, was wir fühlen. Es muß nun die Frage entstehen — und sie ist gerade für unsere heutigen Beobachtungen außerordentlich wichtig —: Dürfen wir den Begriff des Bewußtseins, wie wir ihn für das normale Bewußtsein des Menschen in der Gegenwart kennen, ohne weiteres mit dem Begriff des Seelischen oder des Geistigen im Menschen zusammenwerfen? Um mich über diese Begriffe zunächst klarer auszusprechen, möchte ich zu einem Vergleich greifen. Ein Mensch kann in einem Zimmer herumgehen und kann nirgends an den verschiedenen Orten, wo er sich im Zimmer befindet, etwas sehen von seinem eigenen Antlitz. Nur an einem einzigen Orte, wo er in den Spiegel hineinschauen kann, kann er etwas von seinem eigenen Antlitz sehen. Da tritt ihm die Gestalt seines Antlitzes im Bilde entgegen. Ist es nun nicht für den Menschen doch ein gewaltiger Unterschied, ob er nur im Zimmer herumgeht und in sich lebt, oder ob er das, was er so darlebt, auch im Spiegelbilde sieht? So könnte es vielleicht mit dem menschlichen Bewußtsein in einer etwas erweiterten Art sein. Der Mensch könnte sozusagen sein Seelenleben leben, und dieses Seelenleben selber — wie er es darlebt — müßte ihm erst dadurch, daß es sich in einer Art Spiegel ihm entgegenstellt, zum Wissen, zum Bewußtsein kommen. Das könnte sehr wohl sein. Wir könnten also zum Beispiel sagen: Es ist durchaus denkbar, daß das menschliche Seelenleben fortdauert, gleichgültig ob der Mensch wacht oder schläft, daß aber der Wachzustand darin besteht, daß der Mensch durch eine Spiegelung — sagen wir zunächst durch eine Spiegelung innerhalb seiner Leiblichkeit — sein Seelenleben wahrnimmt, und daß er es im Schlafzustand deshalb nicht wahrnehmen kann, weil es sich nicht in seiner Leiblichkeit spiegelt.
[ 3 ] By way of introduction, I would like to mention right from the start that, even with regard to this topic, spiritual science or anthroposophy is not in a position to speak in such general terms as are favored today. When we speak today of the nature of sleep, we will speak only of human sleep. For spiritual science knows very well—as was touched upon in many ways in the last lecture with regard to other areas—that what outwardly appears to be expressed in the same way in this or that phenomenon among different kinds of beings may be based on entirely different causes within the beings in question. We have hinted at this in relation to death, to the entire spiritual life, and to the structure of spiritual life in animals and humans. It would take us too far afield today to discuss the sleep of animals as well. We therefore wish to state at the outset that everything said today is intended solely for human sleep. We humans are able to speak of mental phenomena within ourselves—as everyone feels—through our consciousness, in that we are conscious of what we imagine, what we will, and what we feel. The question must now arise—and it is of extraordinary importance precisely for our observations today—: May we simply equate the concept of consciousness, as we know it in relation to the normal human consciousness of the present, with the concept of the soul or the spiritual in human beings? To express myself more clearly about these concepts for the time being, I would like to resort to a comparison. A person can walk around a room and, no matter where they are in the room, cannot see their own face anywhere. Only in a single place, where they can look into a mirror, can they see their own face. There, the image of their face meets them in the reflection. Is it not, after all, a tremendous difference for a person whether they simply walk around the room and live within themselves, or whether they also see what they are living out in the mirror image? Perhaps it could be the same with human consciousness, in a somewhat expanded sense. A person could, so to speak, live out their inner life, and this inner life itself—as they experience it—would only become knowledge, become consciousness, through the fact that it confronts them in a kind of mirror. That could very well be the case. We could therefore say, for example: It is entirely conceivable that human inner life continues regardless of whether a person is awake or asleep, but that the waking state consists in a person perceiving their inner life through a reflection—let us say, for the time being, through a reflection within their physical body—and that they cannot perceive it during sleep because it is not reflected within their physical body.
[ 4 ] Damit hätten wir zwar zunächst nichts bewiesen, zum mindesten aber hätten wir zwei Begriffe gewonnen. Wir könnten unterscheiden zwischen dem Seelenleben als solchem und zwischen dem Bewußtwerden des Seelenlebens. Und wir könnten uns denken, daß für unser Bewußtsein, für unser Wissen um das Seelenleben, wie wir im normalen Menschenleben gegenwärtig stehen, alles davon abhängt, daß wir das Seelenleben durch unsere Leiblichkeit gespiegelt erhalten, weil wir, wenn wir es nicht gespiegelt erhalten, nichts von ihm wissen könnten. Wir wären dann ganz in einem Zustande wie im Schlafe. Versuchen wir jetzt, nachdem wir diese Begriffe gewonnen haben, die Erscheinung des Wach- und Schlaflebens uns ein wenig vor die Seele zu führen.
[ 4 ] While this would not have proven anything at first, we would at least have gained two concepts. We could distinguish between the life of the soul as such and the becoming conscious of the life of the soul. And we could imagine that for our consciousness—for our knowledge of the life of the soul as we currently experience it in normal human life—everything depends on our receiving the life of the soul as reflected through our physicality, because if we did not receive it in this way, we could know nothing of it. We would then be in a state quite like sleep. Now that we have arrived at these concepts, let us try to bring the phenomena of waking and sleeping life a little closer to our minds.
[ 5 ] Wer das Leben wirklich zu beobachten vermag, kann sehr deutlich fühlen, man möchte sagen schauen, wie der Moment des Einschlafens wirklich verläuft. Er kann wahrnehmen, wie die Vorstellungen, die Gefühle schwächer werden, in ihrer Helligkeit, in ihrer Intensität abnehmen.
[ 5 ] Anyone who is truly able to observe life can very clearly sense—one might say see—how the moment of falling asleep actually unfolds. They can perceive how thoughts and feelings grow weaker, diminishing in their brightness and intensity.
[ 6 ] Das ist aber nicht das ganz Wesentliche. Während der Mensch wacht, lebt er so, daß er in seinem ganzen Vorstellungsleben von seinem selbstbewußten Ich aus Ordnung schafft, gleichsam alle Vorstellungen zusammenfaßt mit seinem Ich. Denn in dem Augenblick, wo wir im Wachleben unsere Vorstellungen nicht mit unserm Ich zusammenfassen würden, würden wir kein normales Seelenleben führen können. Wir würden eine Gruppe von Vorstellungen haben, die wir auf uns beziehen würden, die wir unsere Vorstellungen nennen würden, und eine andere Gruppe, die wir wie etwas Fremdes anschauen würden, wie eine Außenwelt. Nur Menschen, die eine Spaltung ihres Ich erleben, was für den gegenwärtigen Menschen ein krankhafter Zustand ist, könnten eine solche Auseinanderzerrung ihres Vorstellungslebens in verschiedene Gebiete haben. Beim normalen Menschen ist es das Wesentliche, daß alle Vorstellungen wie auf einen Punkt perspektivisch bezogen sind: auf das selbstbewußte Ich. Im Moment des Einschlafens fühlen wir deutlich, wie sozusagen das Ich zunächst von den Vorstellungen überwältigt wird, trotzdem sie dunkler werden. Die Vorstellungen machen ihre Selbständigkeit geltend, leben ein Eigenleben, gleichsam einzelne Vorstellungswolken bilden sich innerhalb des Horizontes des Bewußtseins, und das Ich verliert sich an die Vorstellungen. Dann fühlt der Mensch, wie die Sinnesempfindungen Sehen, Hören und so weiter immer stumpfer und stumpfer werden, und er fühlt endlich, wie die Willensimpulse gelähmt sind. Nun müssen wir auf etwas hinweisen, was im Grunde genommen von wenigen Menschen schon klar beobachter wird. Weiter fühlt der Mensch, während er im Tagesleben die Dinge mit bestimmten Umrissen sieht, daß sich im Moment des Einschlafens etwas geltend macht wie ein Eingeschlossensein in einen unbestimmten Nebel, der sich zuweilen kühlend, zuweilen mit anderen Gefühlen geltend macht an gewissen Körperstellen: an den Händen, an den Gelenken, an den Schläfen, am Rückgrat und so weiter. Das sind Gefühle, die der Einschlafende recht wohl beobachten kann. Das sind — man möchte sagen — solche trivialen Erfahrungen, wie man sie jeden Abend beim Einschlafen machen kann, wenn man will.
[ 6 ] But that is not the most essential point. While a person is awake, he lives in such a way that he creates order in his entire life of imagination from his self-conscious “I,” as it were, synthesizing all his ideas with his “I.” For if, in waking life, we did not synthesize our mental images with our “I,” we would not be able to lead a normal inner life. We would have one group of mental images that we would relate to ourselves—which we would call our own mental images—and another group that we would regard as something foreign, like an external world. Only people who experience a splitting of their “I”—which is a pathological condition for modern humans—could have such a fragmentation of their imaginative life into different realms. For the normal person, the essential point is that all images are, as it were, perspectively related to a single point: the self-conscious “I.” At the moment of falling asleep, we clearly feel how, so to speak, the “I” is initially overwhelmed by the images, even as they grow dimmer. The images assert their independence, take on a life of their own; as it were, individual clouds of images form within the horizon of consciousness, and the “I” loses itself to the images. Then the person feels how the sensory perceptions of sight, hearing, and so on become increasingly dull, and finally feels how the impulses of the will are paralyzed. Now we must point out something that, in essence, is already clearly observed by only a few people. Furthermore, while in daily life a person sees things with definite outlines, they feel that at the moment of falling asleep something asserts itself like being enveloped in an indefinite mist, which at times feels cooling, at times manifests with other sensations in certain parts of the body: in the hands, the joints, the temples, the spine, and so on. These are sensations that a person falling asleep can observe quite clearly. These are—one might say—trivial experiences of the kind one can have every evening when falling asleep, if one so chooses.
[ 7 ] Bessere Erfahrungen machen schon die Menschen, die durch eine feinere Ausbildung ihres Seelenlebens den Moment des Einschlafens genauer beobachten. Sie können dann trotz des Einschlafens etwas wie ein Aufwachen fühlen. Was ich Ihnen jetzt erzähle, kann ein jeder sagen, der sich einige Methoden angewöhnt hat , um diese Dinge wirklich zu beobachten, denn es ist eine allgemein menschliche Erscheinung. In dem Moment, wo die Menschen beim Hinüberschlummern etwas wie Aufwachen fühlen, ist es so, daß man wirklich sagen kann: Es wacht etwas auf wie ein sich ausbreitendes Gewissen, etwas wie die Moral der Seele wacht auf. Das ist tatsächlich der Fall. Und es zeigt sich insbesondere dadurch, daß solche Menschen an dem Seelischen die mit Bezug auf das im vorhergehenden Tagesleben Erlebte Beobachtung machen, womit sie in ihrem Gewissen selber befriedigt sind. Das fühlen sie in diesem Moment des moralischen Aufwachens ganz besonders. Zugleich ist dieses Fühlen ganz entgegengesetzt dem Fühlen des Tages. Während das Fühlen des Tages sich in der Weise zeigt, daß die Dinge an uns herankommen, fühlt der Einschlafende, wie wenn seine Seele sich ausgießen würde über eine Welt, die jetzt erwacht und die hauptsächlich umschließt ein Sichausspannen, ein Sichausgießen des Gefühls über das, was die Seele durch sich selber wie durch ein sich ausbreitendes Gewissen in bezug auf ihre moralische Innerlichkeit erleben kann. Da ist es dann ein Moment, der aber für den Einschlafenden viel länger erscheint, von einer inneren Seligkeit, wenn es sich um ein Sichausbreiten über die Dinge handelt, mit welchen die Seele einverstanden sein kann, und es ist oft ein Gefühl von tiefem Zerrissensein, wenn sie sich Vorwürfe zu machen hat. Kurz, der moralische Mensch, der während des Tages durch die stärkeren Sinneseindrücke niedergedrückt wird, spannt sich aus und fühlt sich ganz besonders im Moment des Einschlafens. Und jeder, der sich eine gewisse Methode oder vielleicht auch nur eine Empfindung in bezug auf solche Beobachtungen angeeignet hat, weiß, daß eine gewisse Sehnsucht in diesem Moment erwacht, die wir etwa so beschreiben können: Man will, daß dieser Moment eigentlich sich ins Unbestimmte ausdehnen möge, daß er nicht ein Ende finde. Dann aber kommt etwas wie ein Ruck, eine Art innere Bewegung. Das ist nun für die meisten Menschen schon außerordentlich schwer zu beschreiben. Die Geistesforschung kann diese innere Bewegung natürlich ganz genau beschreiben. Es ist gleichsam eine Forderung, die sich die Seele selber macht: Du mußt dich jetzt noch weiter ausspannen, dich noch weiter ergießen! Aber indem sie sich diese Forderung stellt, verliert sich die Seele für das moralische Leben in der Umgebung. Es ist, wie wenn Sie einen kleinen Farbentropfen ins Wasser werfen und zur Auflösung bringen: zunächst sieht man die Farbe noch, wenn sich aber der Tropfen über das ganze Wasser ergießt, verblaßt er immer mehr und mehr, und endlich hört die Farbenerscheinung als solche auf. So ist es, wenn die Seele eben anfängt aufzuquellen, in ihrer moralischen Spiegelung zu leben, da fühlt sie sich noch; aber das Fühlen hört dann auf, wenn der Ruck, die innere Bewegung eintritt, wie sich der Tropfen mit seiner Farbe in dem Wasser verliert. Das ist keine Theorie, das ist zu beobachten und jedem zugänglich, wie eine naturwissenschaftliche Beobachtung exakt jedem zugänglich ist. Wenn wir so das Einschlafen beobachten, können wir allerdings sagen: Der Mensch fängt mit dem Einschlafen gleichsam etwas ab, was gewissermaßen nicht mehr nachher in seinem Bewußtsein sein kann. Der Mensch hat — wenn ich mich jetzt der früher konstruierten beiden Ideen bedienen darf — gleichsam einen Moment des Abschiednehmens von dem Spiegel des Leiblichen, worin ihm die Erscheinungen des Lebens gespiegelt erscheinen. Und weil er noch keine Möglichkeit hat, das, was sich im Leibe spiegeln soll, an etwas anderem sich spiegeln zu lassen, so hört die Möglichkeit auf, wahrzunehmen, was er ist.
[ 7 ] People who, through a more refined development of their inner life, observe the moment of falling asleep more closely have better experiences. They can then feel something like waking up, even as they fall asleep. What I am about to tell you can be confirmed by anyone who has adopted certain methods to truly observe these things, for it is a universal human phenomenon. At the very moment when people feel something like waking up as they drift off to sleep, one can truly say: Something awakens, like a spreading sense of conscience; something like the soul’s morality awakens. This is indeed the case. And this is evident in particular in the fact that such people make observations regarding their inner life in relation to what they experienced in the previous day’s life, observations that satisfy their own conscience. They feel this very strongly in this moment of moral awakening. At the same time, this feeling is completely opposite to the feeling of the day. While the feeling of the day manifests itself in the way that things come to us, the person falling asleep feels as if his soul were pouring out over a world that is now awakening—a world that is primarily characterized by a spreading out, a pouring out of feeling regarding what the soul can experience through itself, as through an expanding conscience, in relation to its moral inner life. There is then a moment—which, however, seems much longer to the person falling asleep—of inner bliss when it involves a spreading out over the things with which the soul can be at peace, and it is often a feeling of deep inner turmoil when the soul has cause to reproach itself. In short, the moral person, who is weighed down during the day by stronger sensory impressions, relaxes and feels particularly alive at the moment of falling asleep. And anyone who has acquired a certain method—or perhaps merely a sense—regarding such observations knows that a certain longing awakens at this moment, which we might describe something like this: One wishes that this moment might actually extend into the indefinite, that it might never come to an end. But then something like a jolt occurs, a kind of inner movement. This is, of course, extraordinarily difficult for most people to describe. Spiritual science, of course, can describe this inner movement very precisely. It is, as it were, a demand that the soul makes of itself: You must now expand even further, pour yourself out even more! But in making this demand of itself, the soul loses itself to the moral life of its surroundings. It is as if you were to drop a small drop of color into water and let it dissolve: at first you can still see the color, but as the drop spreads throughout the water, it fades more and more, and finally the color ceases to appear as such. It is the same when the soul is just beginning to expand, to live in its moral reflection; at that point, it still feels itself; but that feeling ceases when the impulse, the inner movement, sets in—just as the drop loses itself with its color in the water. This is not a theory; it can be observed and is accessible to everyone, just as a scientific observation is precisely accessible to everyone. If we observe the process of falling asleep in this way, we can indeed say: When a person falls asleep, they, as it were, set aside something that, in a certain sense, can no longer be present in their consciousness afterward. Human beings have—if I may now draw on the two ideas I outlined earlier—a moment, as it were, of parting from the mirror of the physical body, in which the phenomena of life are reflected to them. And because they do not yet have the possibility of having what is to be reflected in the body reflected in something else, the possibility of perceiving what they are ceases.
[ 8 ] Nun kann man aber auch wieder — wenn man nicht durchaus eigensinnig und halsstarrig sein will in bezug auf das, was sich auf die Seele bezieht und auf die Wirkung dessen, was da in ein unbestimmtes Dunkel hineingeht — die Erscheinungen des Tages in einem gewissen Sinn wahrnehmen. In anderem Zusammenhang habe ich schon darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch, der genötigt ist dieses oder jenes zu memorieren, also Dinge auswendig zu lernen, dies viel leichter zustandebringt, wenn er es öfter überschläft, und wie der größte Feind des Auswendiglernens das Sichabstehlen des Schlafes ist. Es ist sogar wieder die Möglichkeit und die Fähigkeit da, leichter zu memorieren, wenn wir die Sache überschlafen haben, als wenn wir in einem Zuge etwas auswendig lernen wollen. So ist es aber auch bei anderen Tätigkeiten der Seele.
[ 8 ] However, one can also—unless one wishes to be utterly obstinate and stubborn regarding matters pertaining to the soul and the effects of what enters into an indefinite darkness—perceive the phenomena of the day in a certain sense. In another context, I have already pointed out how a person who is compelled to memorize this or that—that is, to learn things by heart—achieves this much more easily if they sleep on it more often, and how the greatest enemy of memorization is the loss of sleep. In fact, the possibility and ability to memorize more easily are present when we have slept on the matter than when we try to learn something by heart in one go. But this is also true of other activities of the soul.
[ 9 ] Wir würden uns aber ganz leicht überzeugen können, daß es unmöglich wäre, überhaupt etwas zu lernen, uns etwas anzueignen, wo die Seele etwas mitzutun hat, wenn wir nicht immer die Zustände des Schlafes in unsere Lebenszustände einfügen könnten. Der natürliche Schluß, der aus solchen Erscheinungen gezogen werden muß, ist der, daß unsere Seele es nötig hat, sich von Zeit zu Zeit dem Leibe zu entziehen, um sich Kraft aus einem Gebiete zu holen, das nicht innerhalb des Leibes ist, weil innerhalb des Leiblichen die entsprechenden Kräfte gerade abgenutzt werden. Wir müssen uns vorstellen: wenn wir morgens aus dem Schlafe aufwachen, so haben wir uns aus dem Zustande, in dem wir waren, Stärkung mitgebracht, um Fähigkeiten zu entwickeln, die wir nicht entwickeln könnten, wenn wir immer nur an unseren Leib gefesselt wären. So zeigt sich in unserem gewöhnlichen Wesen die Wirkung des Schlafes, wenn man geradlinig denken will und nicht halststarrig sein will.
[ 9 ] However, we could very easily convince ourselves that it would be impossible to learn anything at all—to acquire anything in which the soul plays a part—if we could not always incorporate states of sleep into our waking lives. The natural conclusion that must be drawn from such phenomena is that our soul needs to withdraw from the body from time to time in order to draw strength from a realm that lies outside the body, because within the physical realm the corresponding forces are precisely being depleted. We must imagine: when we wake up from sleep in the morning, we have brought with us strength from the state in which we were, in order to develop abilities that we could not develop if we were always bound to our body. Thus, the effect of sleep manifests itself in our ordinary being when one wishes to think clearly and not be stubborn.
[ 10 ] Was sich so im allgemeinen zeigt und wozu man, wenn man im gewöhnlichen Leben stehenbleibt, schon etwas guten Willen braucht, um die einzelnen Erscheinungen zusammenzuhalten, das zeigt sich ganz klar und deutlich, wenn der Mensch Entwickelungen durchmacht, die ihn zum wirklichen Hineinschauen in das geistige Leben führen können. Ich möchte hier etwas darüber ausführen, was eintritt, wenn der Mensch die in der Seele schlummernden Kräfte entwickelt hat, um jenen Zustand zu erreichen, wo er nicht durch die Sinne wahrnehmen und durch den Verstand begreifen kann. — Genaueres darüber folgt in dem Vortrag «Wie erlangt man Erkenntnis der geistigen Welt?», wo.die Methoden in ziemlich umfassender Weise besprochen werden sollen. — Jetzt aber sollen einige von den Erfahrungen hervorgehoben werden, die ein Mensch machen kann, der wirklich solche Übungen durchmacht, die seine Seele gleichsam mit geistigen Augen, mit geistigen Ohren begaben, wodurch er in die geistige Welt hineinschauen kann, die nicht ein Gegenstand der Spekulation ist, sondern ebenso ein Gegenstand, wie es die Farben und Formen, Wärme und Kälte und Töne sind für den Menschen, der sinnlich wahrnimmt. Es ist ja schon durch die früheren Vorträge zutage getreten, wie man zu wahrer Hellsichtigkeit kommt. Diese geistige Entwickelung, diese Übungen bestehen ja tatsächlich darin, daß der Mensch etwas, was er in sich hat, aus sich herausholt, andere Erkenntnisorgane gewinnt, gleichsam einen Ruck über die Seele, wie sie im normalen Zustande ist, hinaufmacht und dadurch eine Welt wahrnimmt, die immer um ihn ist, die aber im normalen Zustande nicht wahrgenommen werden kann. Wenn der Mensch solche Übungen durchmacht, ändert sich allerdings zunächst sein Schlafleben. Das weiß jeder, der zu wirklichen eigenen geistigen Forschungen gekommen ist. Ich will nun von dem allerersten Zustand der Anderung des Schlaflebens bei dem eigentlich hellsichtigen, geistesforscherischen Menschen sprechen.
[ 10 ] What generally manifests itself—and for which, if one remains in ordinary life, one already needs a certain amount of good will to hold the individual phenomena together—becomes quite clear and distinct when a person undergoes developments that can lead them to truly look into spiritual life. I would like to elaborate here on what occurs when a person has developed the powers slumbering within the soul to reach that state where one can perceive not through the senses and comprehend not through the intellect. — More details on this will follow in the lecture “How Does One Attain Knowledge of the Spiritual World?”, where the methods will be discussed in a fairly comprehensive manner. — But for now, let us highlight some of the experiences that a person can have who truly undergoes such exercises, which endow the soul, as it were, with spiritual eyes and spiritual ears, enabling them to look into the spiritual world—a world that is not merely a subject of speculation, but just as much a reality as colors and forms, warmth and cold, and sounds are for a person who perceives through the senses. It has already become clear from the earlier lectures how one attains true clairvoyance. This spiritual development, these exercises, actually consist in a person drawing out from within themselves something they possess, gaining other organs of perception, so to speak, giving their soul—as it is in its normal state—a jolt upward, and thereby perceiving a world that is always around them but cannot be perceived in the normal state. When a person undergoes such exercises, their sleep life does indeed change at first. Everyone who has embarked on their own genuine spiritual research knows this. I would now like to speak about the very first stage of change in sleep life experienced by the truly clairvoyant, spiritually seeking individual.
[ 11 ] Die ersten Anfänge dieser Möglichkeit des geistigen Forschens lassen den Menschen eigentlich nicht sehr verschieden erscheinen von dem gewöhnlichen, normalen Bewußtseinszustand. Denn wenn der Mensch solche Übungen vornimmt, wie wir sie später besprechen werden, schläft er zunächst ganz so wie ein anderer Mensch und ist geradeso bewußtlos wie irgendein anderer Mensch. Aber der Moment des Aufwachens zeigt doch dem, der geistig-seelische Übungen durchgemacht hat, etwas ganz Besonderes. Und ich will einige ganz konkrete Erscheinungen vor Sie hinmalen, die Tatsachen sind.
[ 11 ] At first, this form of spiritual inquiry does not actually seem very different from the ordinary, normal state of consciousness. For when a person engages in the exercises we will discuss later, he initially sleeps just like anyone else and is just as unconscious as any other person. But the moment of waking reveals something quite special to those who have undergone spiritual and psychological exercises. And I would like to describe to you some very concrete phenomena that are, in fact, real.
[ 12 ] Nehmen Sie an, ein Mensch, der solche Übungen macht, denkt sehr scharf über etwas nach, worüber auch ein anderer Mensch nachdenken könnte, er versucht, weil er vielleicht ein sehr schweres Problem vor sich hat, alle Geisteskräfte anzuspannen, um hinter die Sache zu kommen. Es kann ihm da geradeso gehen, wie es einem Schulbuben geht: es reicht die geistige Kraft nicht aus, um die Aufgabe zu lösen. Das kann durchaus passieren. Wenn er nun durch seine Übungen schon mehr Erfahrungsmöglichkeiten über innere seelische Zustände im Zusammenhang mit leiblichen hat, dann fühlt er allerdings etwas ganz Besonderes, wenn er etwas nicht kann. Er fühlt dann in einer anderen Weise als sonst, wie er einen Widerstand an seinen physischen Organen hat, zum Beispiel am Gehirn. Er fühlt richtig, wie wenn das Gehirn ihm Widerstand entgegensetzen würde, wie wir zum Beispiel den Widerstand fühlen, wenn wir einen Nagel mit einem zu schweren Hammer einschlagen wollten. Da fängt das Gehirn an, eine Realität zu gewinnen. Wie der Mensch gewöhnlich sein Gehirn benutzt, fühlt er es nicht so, wie wenn er ein Instrument benutzte, wie es zum Beispiel bei einem Hammer der Fall ist. Der Geistesforscher fühlt sein Gehirn, er fühlt sich selbständig gegenüber seinem Denken. Das ist eine Erfahrung. Aber wo er eine Aufgabe nicht lösen kann, da fühlt er, daß er für gewisse Tätigkeiten, die er beim Denken ausführen muß, nicht mehr die Möglichkeit hat sie auszuführen. Er verliert die Macht über das Instrument und fühlt das ganz deutlich. Das ist eine ganz genau zu erlebende Tatsache.
[ 12 ] Suppose a person who does such exercises is thinking very intently about something that another person might also be thinking about; perhaps because he is facing a very difficult problem, he tries to muster all his mental powers to get to the bottom of the matter. He may find himself in the same situation as a schoolboy: his mental strength is not sufficient to solve the problem. That can certainly happen. If, however, through his exercises he has already gained greater insight into inner psychological states in connection with physical ones, then he does indeed feel something quite special when he is unable to do something. He then feels, in a different way than usual, a resistance in his physical organs—for example, in the brain. He truly feels as if the brain were offering resistance, just as we feel resistance, for example, when we try to drive a nail with a hammer that is too heavy. That is when the brain begins to take on a sense of reality. The way people usually use their brains, they do not feel it in the same way as when using a tool, such as a hammer. The researcher of the mind feels his brain; he feels independent of his thinking. That is an experience. But when he cannot solve a problem, he feels that he no longer has the ability to perform certain mental activities that he must carry out while thinking. He loses control over the instrument and feels this very clearly. This is a fact that can be experienced with great precision.
[ 13 ] Wenn nun der Geistesforscher das Problem überschläft und aufwacht, dann kann es sehr häufig vorkommen, daß er sich ohne weiteres jetzt der Aufgabe gewachsen fühlt. Aber er empfindet zu gleicher Zeit ganz präzise, daß er vor dem Aufwachen etwas getan hat, daß er etwas gearbeitet hat. Er fühlt, daß er imstande war, während des Schlafes in sich etwas zur Beweglichkeit, zur Tätigkeit zu bringen. Für den Wachzustand war er gezwungen, das Gehirn zu benutzen. Das weiß er. Er kann gar nicht anders, als das Gehirn im Wachzustand zu benutzen. Aber er konnte es nicht mehr recht benutzen, weil es ihm — wie ich beschrieben habe — Widerstand geboten hat. Im Schlafzustand — das fühlt er—ist er nicht angewiesen gewesen auf die Benutzung des Gehirns. Er konnte eine gewisse Beweglichkeit schaffen ohne das sonst zu stark ermüdete oder sonst zu stark in Anspruch genommene Gehirn. Nun fühlt er etwas ganz Eigenartiges: er nimmt wahr seine Tätigkeit, die er im Schlafe ausgeübt hat, aber nicht direkt. Den Seinen gibt es der Herr doch nicht im Schlafe. Erspart wird es ihm nicht, daß er das Problem nun im Wachzustand lösen muß. Es kann ihm zufallen; aber gewöhnlich ist es nicht so, und namentlich nicht bei Dingen, die nun schon durch das Gehirn gelöst werden müssen.
[ 13 ] When the spiritual researcher falls asleep while pondering the problem and then wakes up, it can very often happen that he immediately feels up to the task. But at the same time, he senses quite precisely that he did something before waking up, that he worked on something. He feels that while asleep, he was able to bring about a certain degree of flexibility and activity within himself. In the waking state, he was forced to use his brain. He knows this. He has no choice but to use his brain while awake. But he could no longer use it properly because—as I have described—it offered him resistance. In the sleeping state—he feels this—he was not dependent on using his brain. He was able to create a certain agility without the brain, which is otherwise too fatigued or otherwise overtaxed. Now he feels something quite peculiar: he perceives the activity he carried out in his sleep, but not directly. After all, the Lord does not grant him this while he sleeps. He is not spared the necessity of solving the problem now while awake. It may happen to him; but usually this is not the case, and especially not with matters that must now be solved by the brain.
[ 14 ] Dann also fühlt der Mensch etwas, was er vorher in der Sinnenwelt gar nicht gekannt hat, er fühlt seine eigene Tätigkeit wie in Bildern sich ihm darlebend, in merkwürdigen Bildern, die in Bewegung sind — gleichsam wie wenn die Gedanken, die er nötig hätte, lebendige Wesen wären, die allerlei Beziehungen zueinander eingehen. Er fühlt also seine eigene — nennen Sie es Gedankentätigkeit, die er im Schlafe ausgeübt hat, — wie eine Reihe von Bildern. Dieses Gefühl ist schwierig zu schildern, weil man in ganz eigenartiger Weise darinnensteckt und sich sagen muß: Das bist du selber! Aber dieses Gefühl kann man auf der andern Seite wieder ganz genau von sich unterscheiden, wie man eine äußere Bewegung, die man macht, von sich unterscheiden kann. Also man hat Bilder, Imaginationen von einer Tätigkeit, die vor dem Aufwachen ausgeführt worden ist. Und jetzt kann man merken, wenn man auf sich achtzugeben gelernt hat, daß diese Bilder einer Tätigkeit, die vor dem Aufwachen lag, sich mit unserem Gehirn verbinden und es zu einem beweglicheren, brauchbareren Instrument machen, so daß man imstande ist, etwas zu Ende zu führen, was man vorher nicht konnte, weil ein Widerstand da war, zum Beispiel gewisse Gedanken zu denken. Es sind dies feine Dinge, aber ohne sie kann man nicht recht hinter das Geheimnis des Schlafes kommen. Man fühlt also, daß man nicht eine Tätigkeit ausgeübt hat wie im Wachen, sondern eine Tätigkeit, die zur Wiederherstellung gewisser Dinge im Gehirn, die abgebraucht waren, gedient hat, und daß man das Instrument wieder aufgebaut hat, wie man es vorher nicht aufbauen konnte. Man fühlt sich wie ein Baumeister an seinen eigenen Instrumenten.
[ 14 ] Then, a person feels something he had never before experienced in the sensory world; he feels his own activity unfolding before him as images—strange, moving images—as if the thoughts he needs were living beings entering into all sorts of relationships with one another. So they feel their own—call it mental activity, which they have carried out in sleep—as a series of images. This feeling is difficult to describe, because one is immersed in it in a very peculiar way and must say to oneself: That is you yourself! But on the other hand, one can distinguish this feeling quite precisely from oneself, just as one can distinguish an external movement one makes from oneself. So one has images, imaginings of an activity that took place before waking up. And now, if one has learned to pay attention to oneself, one can notice that these images of an activity that took place before waking up connect with our brain and turn it into a more agile, more useful instrument, so that one is able to carry out something that one could not do before because there was resistance—for example, to think certain thoughts. These are subtle things, but without them one cannot truly fathom the mystery of sleep. One thus feels that one has not engaged in an activity as one does while awake, but rather in an activity that served to restore certain aspects of the brain that had been depleted, and that one has rebuilt the instrument in a way that was previously impossible. One feels like a master builder working on one’s own instruments.
[ 15 ] Es ist ein beträchtlicher Unterschied, was man bei einer solchen Tätigkeit für eine Empfindung hat gegenüber einer Tätigkeit des Tages. Für die Tätigkeit des Tages hat man so ein Gefühl, das man vergleichen kann damit, wie wenn man irgend etwas nach einer Vorlage oder einem Modell abzeichnet. Da bin ich gezwungen, in jedem Strich oder Farbenfleck mich nach dem Bilde zu richten, das vor mir steht. Bei jenen Dingen, die da als Bilder im Moment des Aufwachens auftreten, und die gleichsam eine Tätigkeit während des Schlafes verbildlichen, hat man das Gefühl, wie wenn man die Striche selber erfinden würde und aus sich selber, ohne an ein Modell gebunden zu sein, die Figuren schaffen würde. Mit einer solchen Erscheinung hat man gleichsam abgefangen, was die Seele getan hat, bevor sie aufgewacht ist: man hat die Tätigkeit der Regeneration des Gehirns abgefangen. Denn man kommt nach und nach wirklich dahinter, daß das, was man empfindet wie eine Art von Überziehen der Gehirnorgane mit dem, was man da als Figuren erinnert, nichts anderes ist als ein Wiederaufbauen dessen, was während des Tages daran zerstört worden ist. Man kommt sich wirklich wie ein Baumeister an sich selber vor.
[ 15 ] There is a considerable difference between the sensation one experiences during such an activity and that of a daytime activity. With a daytime activity, one has a feeling that can be compared to tracing something from a template or a model. There, I am compelled to follow the image before me in every stroke or splash of color. With those images that appear at the moment of waking—and which, as it were, depict an activity that took place during sleep—one has the feeling of inventing the strokes oneself and creating the figures from within, without being bound to a model. With such a phenomenon, one has, as it were, captured what the soul was doing before it woke up: one has captured the brain’s regenerative activity. For one gradually comes to realize that what one perceives as a kind of overlaying of the brain’s organs with what one recalls as figures is nothing other than a rebuilding of what was destroyed there during the day. One really feels like a builder working on oneself.
[ 16 ] Nun besteht im Grunde genommen der Unterschied zwischen einem Geistesforscher, der solches wahrnimmt, und einem gewöhnlichen Menschen nur darin, daß der Geistesforscher dies eben wahrnimmt, während der gewöhnliche Mensch darauf nicht achtgeben kann und es nicht wahrnimmt. Denn dieselbe Tätigkeit, die da vom Geistesforscher ausgeführt wird, wird von jedem Menschen ausgeführt, nur fängt der gewöhnliche Mensch den Moment nicht ab, wo aus der Tätigkeit während des Schlafes die Organe neu aufgebaut werden.
[ 16 ] Essentially, the difference between a spiritual researcher who perceives such things and an ordinary person lies solely in the fact that the spiritual researcher does indeed perceive them, whereas the ordinary person is unable to pay attention to them and does not perceive them. For the same activity carried out by the spiritual researcher is carried out by every human being; it is just that the ordinary person does not register the moment when, during sleep, the organs are rebuilt through this activity.
[ 17 ] Nehmen wir einmal eine solche Erfahrung und vergleichen wir sie jetzt mit dem, was wir vorher gesagt haben, mit dem Stumpferwerden und Dumpferwerden, mit dem Abnehmen der Helligkeit des täglichen Vorstellungslebens beim Einschlafen. Diese letztere Erscheinung läßt sich wirklich nur im rechten Lichte betrachten, wenn man sich entweder frei macht von den heute sehr suggestiv wirkenden Vorstellungen jener Weltanschauung, die glauben auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, oder wenn man sich wirklich einläßt auf die vorliegenden Ergebnisseder Naturforschung der Gegenwart. Da werden — zum Beispiel bei der Gehirnforschung — die genauer denkenden Menschen gar nicht mehr anders können, als nach den Ergebnissen der Naturforschung die Unabhängigkeit des Seelischen von dem Leiblichen zuzugeben. Und es ist sehr interessant, daß vor kurzem ein populäres Buch erschienen ist, wo im Grunde genommen alles von dem, was über das Geistesleben und über die Quellen des Geisteslebens handelt, verkehrt, vollständig ohne Einsicht dargestellt ist. Aber es ist in diesem Buche «Das Gehirn und der Mensch» von William Hanna Thomson manches sehr Gescheite gesagt. Vor allem ist auf die Gehirnforschung der Gegenwart eingegangen worden und auf manche Dinge, welche sich sonst darbieten, zum Beispiel — worauf ich schon öfter aufmerksam gemacht habe — auf die Ermüdungserscheinungen, die so lehrreich sind. Aber ich habe schon ausgeführt, daß die Muskeln oder Nerven nicht anders ermüden als durch bewußte Tätigkeit. So lange unsere Muskeln nur der organischen Tätigkeit dienen, können sie nicht ermüden, denn es wäre schlimm, wenn zum Beispiel der Herzmuskel und andere Muskeln sich ausruhen müßten. Wir ermüden nur, wenn wir eine Tätigkeit ausüben, die dem Organismus nicht eingeboren ist, wenn wir also eine Tätigkeit ausüben, die zum bewußten Seelenleben gehört. Deshalb muß man sagen: Wäre das Seelenleben so aus dem Menschen herausgeboren wie die Herztätigkeit, dann wäre dieser gewaltige Unterschied zwischen dem Ermüdetwerden und dem NichtErmüdetwerden gar nicht erklärlich. Daher fühlt sich der Autor jenes Buches gerade genötigt zuzugestehen, daß das Seelische zum Körperlichen sich wie nichts anderes verhält als der Reiter zum Pferde, das heißt also vom Körperlichen ganz unabhängig ist. Das ist von einem naturwissenschaftlich denkenden Menschen ein ganz gewaltiges Zugeständnis. Und man könnte ganz eigentümliche Gefühle erhalten, wenn ein Mensch, genötigt durch die Naturforschung der Gegenwart, dazu kommt sich zu gestehen, daß die Beziehung des seelischen Lebens zum körperlichen ungefähr so gedacht werden muß wie die Beziehung des Reiters zum Pferde, das heißt nach dem Bilde, das man in früheren Zeiten, als man noch mehr in das Geistige hineingesehen hat, sich im Kentauren vorgestellt hat. Es ist durch nichts ersichtlich, daß der Autor dieses Buches sich das gedacht hat, aber dieser Gedanke springt durch die naturwissenschaftliche Vorstellung wieder hervor, und man bekommt da Gefühle von solchen Vorstellungen, die aus Zeiten herrühren, wo ein gewisses Hellsehen für viele Menschen noch vorhanden war. Allerdings, gewisse heutige Vorstellungen über den Kentauren scheinen ja besser dem zu entsprechen, was mir einmal ein Herr sagte. Der Betreffende meinte: Da haben die Griechen die aus dem Norden herkommenden Skythen oder andere Reitervölker gesehen, aber sie haben sie vielleicht aus dem Nebel hervorkommen sehen, da haben sie jene Gestalten dann nicht genau unterscheiden können und haben sich dann gedacht, daß sie aus dem Pferde hervorgewachsen wären. Mit einer solchen Erklärung mag sich vielleicht der Materialist zufrieden geben. Aber gerade die naturwissenschaftlichen Forschungen der Gegenwart drängen dazu, die Unabhängigkeit des Seelischen von dem Körperlichen zugeben zu müssen.
[ 17 ] Let us take such an experience and compare it now with what we said earlier—with the dulling and numbing, with the dimming of the brightness of our daily life of imagination as we fall asleep. This latter phenomenon can truly be viewed in the right light only if one either frees oneself from the ideas—which are very persuasive today—of that worldview that believes it stands on the firm ground of natural science, or if one genuinely engages with the current findings of modern natural science. There—for example, in brain research—people who think more rigorously will have no choice but to acknowledge, based on the findings of natural science, the independence of the spiritual from the physical. And it is very interesting that a popular book was recently published in which, essentially, everything concerning spiritual life and its sources is presented in a distorted manner, completely lacking in insight. But in this book, *The Brain and Man* by William Hanna Thomson, many very intelligent things are said. Above all, it addresses contemporary brain research and certain phenomena that present themselves, for example—as I have often pointed out—the symptoms of fatigue, which are so instructive. But I have already explained that muscles or nerves do not tire except through conscious activity. As long as our muscles serve only organic functions, they cannot tire, for it would be disastrous if, for example, the heart muscle and other muscles were to have to rest. We become fatigued only when we engage in an activity that is not innate to the organism—that is, when we engage in an activity that belongs to conscious mental life. Therefore, one must say: If mental life were as innate to human beings as the activity of the heart, then this enormous difference between becoming fatigued and not becoming fatigued would be entirely inexplicable. Consequently, the author of that book feels compelled to admit that the soul relates to the body just as a rider relates to a horse—that is, it is entirely independent of the body. This is a tremendous concession for someone who thinks in terms of the natural sciences. And one might be overcome by quite peculiar feelings when a person, compelled by contemporary scientific research, comes to admit that the relationship between mental life and physical life must be conceived roughly as the relationship between a rider and a horse—that is, according to the image of the centaur that people imagined in earlier times, when they looked more deeply into the spiritual realm. There is no indication that the author of this book had this in mind, but this idea emerges once again through the scientific conception, and one is struck by feelings evoked by such images, which stem from times when a certain clairvoyance was still present in many people. Admittedly, certain contemporary conceptions of the centaur do seem to correspond better to what a gentleman once told me. The man in question said: “The Greeks saw the Scythians or other horsemen coming from the north, but they may have seen them emerging from the fog; since they could not distinguish those figures clearly, they imagined that they had grown out of the horses.” A materialist might be satisfied with such an explanation. But it is precisely contemporary scientific research that compels us to acknowledge the independence of the spiritual from the physical.
[ 18 ] Es wird uns dabei ganz gewiß eines auffallen können, und wir können solche Dinge am besten verfolgen, wenn wir gewisse Erscheinungen uns vor die Seele rufen, die nicht alltäglich sind, aber solche Erscheinungen sind ja deshalb doch vorhanden und lassen sich nicht ableugnen. Der Geistesforscher kennt es, wie jener einfache Mensch auf dem Lande plötzlich anfing in seiner Todesstunde in lateinischer Sprache zu reden, die er niemals eigentlich gebraucht hat, und von dem man nachweisen konnte, daß er sie nur als kleiner Knabe in der Kirche einmal gehört hatte. Das ist keine Fabel, sondern eine Realität. Er hat natürlich nichts davon verstanden, als er sie gehört oder rezitiert hat. Aber wahr ist es doch. Daraus müßte sich jeder Mensch die Vorstellung bilden, daß das, was von der Umgebung auf uns wirkt, noch ganz anderes in sich enthält als das, was wir in unser gewöhnliches Bewußtsein aufnehmen. Denn was wir in unser gewöhnliches Bewußtsein aufnehmen, hängt vielfach von dem ab, was wir für eine Bildung haben, wofür wir Verständnis haben und dergleichen. Aber nicht allein das, wofür wir Verständnis haben, vereinigt sich mit uns, sondern wir haben in uns die Möglichkeit, unendlich viel mehr aufzunehmen als das, was wir bewußt aufnehmen. Wir können es sogar bei jedem Menschen beobachten, wie zu gewissen Zeiten Vorstellungen bei ihm auftreten, die damals, als er sie da oder dort erfahren hat, gar nicht so stark beachtet wurden, so daß er sich vielleicht an gar nichts mehr erinnern kann. Aber durch gewisse Dinge treten sie wieder auf, stellen sich vielleicht sogar in den Mittelpunkt des Seelenlebens. Wir müssen durchaus zugeben, daß das, was den Umfang unseres Seelenlebens ausmacht, unendlich viel mehr ist als das, was wir in unser Tagesbewußtsein aufnehmen und mit demselben umfassen können. Das ist außerordentlich wichtig. Denn dadurch wird sozusagen unser Blick auf ein Inneres in uns hingelenkt, das ja wahrhaftig auf unsere Leiblichkeit aus dem Grunde nur geringen Eindruck machen kann, weil es kaum beachtet worden ist, und das andererseits dennoch fortlebt in uns. Wir werden dadurch auf Untergründe unseres Seelenlebens hingewiesen, die eigentlich für jeden vernünftigen Menschen da sein müßten. Denn jeder vernünftige Mensch müßte sich sagen: Was für sein Bewußtsein um ihn herum in der Welt ist, während er die Welt bewußt anschaut, das ist im Grunde genommen von der Einrichtung seiner Sinnesorgane abhängig und von dem, was er verstehen kann. Und niemand ist berechtigt, etwa das Wirkliche begrenzen zu wollen durch das, was er wahrnehmen kann. Ganz unlogisch wäre es, dem Geistesforscher abstreiten zu wollen, daß es hinter der physischen Welt eine geistige Welt gibt, aus dem einfachen Grunde, weil doch der Mensch nur sagen darf, was er sieht und hört und worüber er denken kann, und niemals über das urteilen darf, was er nicht wahrnehmen kann. Denn die Welt des Wirklichen ist nicht die Welt des Wahrnehmbaren. Die Welt des Wahrnehmbaren ist begrenzt durch die Sinnesorgane. Deshalb sollte man niemals — wie im kantischen Sinne — von Grenzen der Erkenntnis sprechen, oder davon, was der Mensch wissen oder nicht wissen könnte, sondern nur von dem, was man in Gemäßheit seiner Wahrnehmungsorgane vor sich hat.
[ 18 ] One thing will certainly strike us in this regard, and we can best understand such matters by bringing to mind certain phenomena that are not commonplace; yet such phenomena do exist and cannot be denied. The spiritual researcher is familiar with the case of that simple man in the countryside who, at the hour of his death, suddenly began to speak in Latin—a language he had never actually used—and it was proven that he had heard it only once as a young boy in church. This is no fable, but a reality. Of course, he did not understand any of it when he heard or recited it. But it is true nonetheless. From this, every person should form the idea that what influences us from our surroundings contains something quite different from what we take in through our ordinary consciousness. For what we take in through our ordinary consciousness depends in many ways on our education, our understanding, and the like. But it is not only what we can comprehend that becomes part of us; we also have within us the capacity to take in infinitely more than what we consciously take in. We can even observe in every person how, at certain times, images arise in them that were not paid much attention to at the time they were experienced here or there, so that they may not even be able to remember anything at all. But certain things cause them to resurface, perhaps even placing them at the center of our inner life. We must certainly admit that the scope of our inner life is infinitely greater than what we take into our everyday consciousness and can encompass with it. This is extraordinarily important. For it directs our gaze, so to speak, toward an inner realm within us that, in truth, can make only a slight impression on our physical being—precisely because it has scarcely been noticed—and yet, on the other hand, continues to live on within us. It thus draws our attention to the underlying layers of our inner life, which ought to be present in every rational human being. For every rational person should say to themselves: What exists in the world around them in their consciousness, while they consciously observe the world, is fundamentally dependent on the structure of their sense organs and on what they are capable of understanding. And no one is justified in attempting to limit reality to what they can perceive. It would be completely illogical to deny the spiritual researcher that there is a spiritual world beyond the physical world, for the simple reason that a person may only speak of what he sees and hears and what he can think about, and must never pass judgment on what he cannot perceive. For the world of reality is not the world of the perceptible. The world of the perceptible is limited by the sense organs. Therefore, one should never—as in the Kantian sense—speak of the limits of knowledge, or of what a person might or might not know, but only of what one has before oneself in accordance with one’s sense organs.
[ 19 ] Wenn man das bedenkt, muß man sich sagen: Dann liegt hinter dem Farbenteppich der Sinneswelt, hinter dem, was der Wärmesinn wahrnimmt als Wärme oder Kälte und so weiter, eine unbegrenzte Wirklichkeit. Sollte daher nur das auf uns Einfluß haben, was wir wahrnehmen, oder nur diejenige Wirklichkeit, die wir wahrnehmen? Logisch haltbar ist nur, wenn wir uns denken, daß durch unsere Wahrnehmung uns ein Teil, ein Ausschnitt der ganzen Wirklichkeit gegeben ist, daß hinter dem, was uns durch unsere Wahrnehmung gegeben werden kann, eine unbegrenzte Wirklichkeit liegt, die aber auch für uns wirklich ist, denn wir sind in sie hineingestellt, so daß für uns weiterlebt, was da draußen wogt und lebt und auf uns Einfluß hat. Wie stellt sich dann aber eigentlich unser waches Tagesleben dar? Dann müßten wir uns ja das wache Tagesleben so vorstelJlen — und es gibt gar keine andere Möglichkeit —, daß wir sagen: Wir öffnen unsere Sinne, unser Erkenntnisvermögen einer Unermeßlichkeit und stellen uns dieser Unermeßlichkeit entgegen. Dadurch, daß wir so geartete Augen, so geartete Ohren, einen solchen Wärmesinn und so weiter haben, stellen wir einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit vor uns hin; das andere weisen wir zurück, wehren uns gleichsam dagegen, schließen es von uns aus. Worin besteht also dann unsere bewußte Tätigkeit? Sie besteht in einem Sich-Wehren, in einem Ausschließen von etwas anderem. Und indem wir unsere Sinnesorgane anstrengen, ist es ein Zurückhalten eines Nicht- Wahrgenommenen. Was wir wahrnehmen, ist der Rest, der bleibt von dem, was sich um uns ausbreitet, und das wir zum größten Teil zurückstoßen. So fühlen wir uns aktiv in die Welt hineingestellt, fühlen uns mit ihr verbunden. Wir wehren uns gleichsam durch unsere Sinnestätigkeit gegen die Menge der Eindrücke, indem wir — bildlich gesprochen — die ganze unermeßliche Unendlichkeit nicht ertragen können und nur einen Ausschnitt von ihr aufnehmen. Wenn wir so denken, müssen wir zwischen unserem ganzen Organismus, zwischen unserer ganzen Leiblichkeit und zwischen der Außenwelt noch ganz andere Beziehungen denken als die, welche wir wahrnehmen oder mit dem Verstande begreifen können. Dann liegt es uns nicht mehr so fern, daran zu denken, daß diese Beziehungen, die wir zur Außenwelt haben, in uns leben, daß auch das Unsichtbare, Übersinnliche oder Außersinnliche in uns tätig ist, daß das Außersinnliche, indem es in uns tätig ist, sich der Sinne bedient, um einen Ausschnitt zu fabrizieren aus dem gesamten Unermeßlichen der Wirklichkeit. Dann ist aber unser Verhältnis zur Wirklichkeit ein ganz anderes, als wir es durch unsere Sinne wahrnehmen können. Dann liegt in unserer Seele etwas an Beziehungen zur Außenwelt, was sich gar nicht erschöpft in der Sinneswahrnehmung, was sich dem wachen Tagesbewußtsein entzieht, — dann ist es mit uns so, wie wenn wir mit unserm Wesen vor einen Spiegel hintreten und uns sagen müssen: Du bist im Grunde genommen etwas ganz anderes; der Spiegel zeigt dir nur die Form, vielleicht auch die Farben; aber da denkst du drinnen, da fühlst du drinnen, das alles kann dir der Spiegel nicht zeigen, er zeigt dir nur, was von seinen Gesetzen abhängig ist. Wie du aber als Seele gegenüber deinem Organismus bist, so bist du etwas ganz anderes, als deine Sinne dir zeigen; die beschränken dich darauf, was ihren Gesetzen angemessen ist. Also tatsächlich stehst du, wenn du der Welt entgegentrittst — in ähnlicher Weise wie das auch beim Spiegel der Fall ist —, einer Welt gegenüber, die nur durch die Einrichtung deiner Sinne möglich wird!
[ 19 ] When one considers this, one must conclude: Behind the tapestry of colors in the sensory world—behind what the sense of temperature perceives as heat or cold, and so on—lies an infinite reality. Should, therefore, only what we perceive influence us, or only the reality that we perceive? The only logically tenable view is that, through our perception, we are given a part, a fragment, of the whole of reality; that behind what can be given to us through our perception lies an infinite reality, which is nonetheless real for us as well, for we are situated within it, so that what surges and lives out there—and influences us—continues to exist for us. But how, then, does our waking daily life actually present itself? We would have to conceive of waking daily life—and there is no other possibility—in such a way that we say: We open our senses and our cognitive faculties to an immeasurable vastness and confront this immeasurable vastness. Because we have eyes of this kind, ears of this kind, a sense of warmth of this kind, and so on, we place a specific segment of reality before us; the rest we reject, we resist it, as it were, and exclude it from ourselves. What, then, does our conscious activity consist of? It consists of a resistance, of an exclusion of something else. And by exerting our sense organs, we are holding back what is not perceived. What we perceive is the remnant that remains of what spreads out around us—and which we, for the most part, repel. In this way, we feel actively placed within the world; we feel connected to it. Through our sensory activity, we defend ourselves, as it were, against the multitude of impressions, in that—figuratively speaking—we cannot bear the whole immeasurable infinity and take in only a fragment of it. If we think in this way, we must conceive of relationships between our entire organism, between our entire physicality, and the external world that are quite different from those we can perceive or grasp with our intellect. Then it is no longer so far-fetched for us to consider that these relationships we have with the external world live within us, that the invisible, the supersensible, or the extrasensory is also at work within us, and that the extrasensory, in being active within us, makes use of the senses to fabricate a fragment out of the entire immeasurable vastness of reality. But then our relationship to reality is quite different from what we can perceive through our senses. Then there is something in our soul—a relationship to the external world—that is by no means exhausted by sensory perception, that eludes our waking daytime consciousness;—then it is as if we were to step before a mirror with our very being and have to say to ourselves: You are, in essence, something entirely different; the mirror shows you only the form, perhaps also the colors; but what you think inside, what you feel inside—the mirror cannot show you any of that; it shows you only what is subject to its own laws. But just as you, as a soul, stand in relation to your organism, so you are something entirely different from what your senses show you; they limit you to what is in accordance with their laws. So in fact, when you face the world—in much the same way as is the case with the mirror—you are confronted with a world that is made possible only by the nature of your senses!
[ 20 ] Wenn Sie diese Vorstellung zu Ende denken, werden Sie nicht mehr verwundert sein, daß im Grunde genommen alles Leben unseres wachen Tagesbewußtseins sehr abhängt von der Einrichtung unserer Sinnesorgane und unseres Gehirns, geradeso wie das, was wir von uns im Spiegel sehen, von der Beschaffenheit des Spiegels abhängt. Wer in einen Gartenspiegel hineinsieht und das karikierte Gesicht sieht, das ihm da entgegenscheint, wird gern zugeben, daß das Bild darin nicht von ihm, sondern von dem Spiegel abhängt. So hängt das, was wir wahrnehmen, von der Einrichtung unseres Spiegelungsapparates ab, und unsere seelische Tätigkeit wird begrenzt, gleichsam in sich selber zurück reflektiert, indem sie sich im Leibesleben spiegelt. Dann ist es nicht weiter wunderbar, daß der Ausschnitt — was man auch physiologisch nachweisen kann — abhängt von dem Leiblichen, indem dieses oder jenes im Bewußtsein so oder so sich vollzieht, denn alles, was die Seele tut, hängt von der Einrichtung unseres Leibes ab, wenn es uns zum Bewußtsein, zum Wissen werden soll. Die Beobachtung zeigt uns, daß die Begriffe, die wir anfangs nur konstruiert haben, durchaus den Tatsachen entsprechen. Der Unterschied ist nur der, daß unsere Leiblichkeit ein lebendiger Spiegel ist. Den Spiegel, in den wir hineinschauen, lassen wir so, wie er ist. Allerdings durch eines können wir auch die Spiegelung beeinträchtigen: wenn wir den Spiegel anhauchen, dann spiegelt er auch nicht mehr ordentlich. Aber die Spiegelung in unserer Leiblichkeit, welche die Tätigkeit unserer Seele erlebt, ist verbunden damit, daß, während wir uns in unserer Leiblichkeit spiegeln, die Spiegelung selbst eine Tätigkeit, ein Vorgang ist in unserer Leiblichkeit, und daß wir das, was da als Spiegelung auftritt, als eine Tätigkeit vor uns selber hinstellen.
[ 20 ] If you think this idea through to its conclusion, you will no longer be surprised that, fundamentally, all of our waking, daytime consciousness depends very much on the structure of our sensory organs and our brain, just as what we see of ourselves in a mirror depends on the nature of the mirror. Anyone who looks into a garden mirror and sees the distorted face staring back at them will readily admit that the image in it depends not on them but on the mirror. Thus, what we perceive depends on the structure of our reflective apparatus, and our mental activity is limited—as it were, reflected back upon itself—by being mirrored in our physical life. It is therefore not surprising that the scope of perception—which can also be demonstrated physiologically—depends on the physical, in that this or that takes place in consciousness in one way or another; for everything the soul does depends on the constitution of our body if it is to become consciousness and knowledge for us. Observation shows us that the concepts we initially merely constructed do indeed correspond to the facts. The only difference is that our physicality is a living mirror. We leave the mirror we look into just as it is. However, there is one way in which we can also impair the reflection: if we breathe on the mirror, it no longer reflects properly. But the reflection in our physicality—which the activity of our soul experiences—is connected to the fact that, while we are reflected in our physicality, the reflection itself is an activity, a process within our physicality, and that we present what appears there as a reflection as an activity before ourselves.
[ 21 ] So stellt sich uns das Leibesleben tatsächlich so dar, wie wenn wir in einer gewissen Beziehung das, was wir denken, aufschreiben und dann die Buchstaben vor uns haben. So schreiben wir die Tätigkeit der Seele in unser Leibesleben hinein. Was der Anatom nachweist, das sind nur die Buchstaben, der äußere Apparat, denn unser Seelenleben beobachten wir nicht vollständig, wenn wir es nur im Leibesleben beobachten, wir beobachten es nur dann vollständig, wenn wir es unabhängig von dem Leibesleben beobachten. Das kann aber nur der Geistesforscher, wenn er das Seelenleben beobachtet, wie es sich hineinspiegelnd zeigt beim Aufwachen in das wache Tagesleben. Es zeigt sich, daß das Seelenleben wie ein Architekt ist, der etwas aufbaut während der Nacht, und im Tagesleben der Abbauer ist.
[ 21 ] Thus, physical life actually presents itself to us as if, in a certain sense, we were writing down what we think and then had the letters before us. In this way, we inscribe the activity of the soul into our physical life. What the anatomist demonstrates are merely the letters—the external apparatus—for we do not observe our soul life completely when we observe it only within physical life; we observe it completely only when we observe it independently of physical life. But this is possible only for the spiritual researcher when he observes the soul life as it is reflected upon awakening into waking daily life. It becomes apparent that the life of the soul is like an architect who builds something during the night and is the one who dismantles it during the day.
[ 22 ] Nun haben wir also das Seelenleben im Wach- und im Schlafzustand vor uns, und wir haben es uns im Schlafzustand unabhängig zu denken vom Leibesleben, wie der Reiter unabhängig ist vom Pferde. Aber wie der Reiter das Pferd benützt und seine Kräfte verbraucht, so verbraucht die Seele die Tätigkeit des Leibes, so daß chemische Prozesse sich abspielen als die Buchstaben des Seelenlebens. Damit kommen wir an einen Punkt, wo wir das Leibesleben, wie es in den Sinnen, im Gehirn begrenzt wird, so abgenutzt haben, daß wir es zunächst erschöpft haben. Dann müssen wir die andere Tätigkeit beginnen, den umgekehrten Prozeß einleiten und das Abgebaute wieder aufbauen. Das ist das Schlafesleben, so daß wir von der Seele aus zwei entgegengesetzte Tätigkeiten an unserm Leibe verrichten. Während des Wachens haben wir zwar um uns herum unsere Welt der auf- und abwogenden Vorstellungen, Freud und Leid, Gefühle und so weiter. Während wir aber diese vor uns haben, nutzen wir unser Leibesleben ab, zerstören es im Grunde genommen fortwährend. Während wir schlafen, sind wir die Architekten, wo wir wieder aufbauen, was wir während des wachen Lebens zerstört haben.
[ 22 ] So now we have before us the life of the soul in both the waking and sleeping states, and we must conceive of it in the sleeping state as independent of bodily life, just as a rider is independent of the horse. But just as the rider uses the horse and expends its strength, so the soul expends the body’s activity, so that chemical processes unfold as the letters of the life of the soul. This brings us to a point where we have worn down bodily life—as it is limited to the senses and the brain—to such an extent that we have, for the time being, exhausted it. Then we must begin the other activity, initiate the reverse process, and rebuild what has been broken down. This is the life of sleep, so that, from the soul, we perform two opposing activities on our body. While awake, we do indeed have around us our world of ebbing and flowing ideas, joy and sorrow, feelings, and so on. But while we have these before us, we wear down our physical life—in essence, we are constantly destroying it. While we sleep, we are the architects, rebuilding what we have destroyed during our waking life.
[ 23 ] Was nimmt nun der Geistesforscher wahr? Er nimmt die architektonische Tätigkeit in eigentümlichen Bildern wie sich in sich schlingende Bewegungen wahr, dieses Wiederaufbauen: ein wirklicher Prozeß, der umgekehrt ist dem gewöhnlichen wachen Tagesleben. Das ist wirklich keine Phantasterei, wenn man davon spricht, daß man in diesen sich verschlingenden Bewegungen jene geheimnisvolle Tätigkeit wiedererkennt, welche die Seele im Schlafe ausführt, und die darinnen besteht, daß wir wiederherstellen, was wir im Tagesleben zerstört haben. Daher das Gesundende und das Notwendige des Schlaflebens.
[ 23 ] What, then, does the researcher of the spirit perceive? He perceives the architectural activity in peculiar images—such as movements intertwining within themselves—this process of rebuilding: a real process that is the reverse of ordinary waking daily life. It is truly no fantasy to say that in these intertwining movements one recognizes that mysterious activity which the soul carries out during sleep, and which consists in our restoring what we have destroyed in our waking life. Hence the restorative and necessary nature of sleep.
[ 24 ] Warum ist nun das Schlafleben ein solches, daß es nicht zum Bewußtsein kommt? Ja, woran liegt es, daß das wache Leben uns zum Bewußtsein kommt? Das liegt daran, daß wir bei den Prozessen, die wir im Tagesleben vollziehen, etwas wie Spiegelbilder haben; indem wir aber die andere Tätigkeit ausüben, das Wiederherstellen des Abgenutzten, haben wir nichts, worin sie sich spiegeln kann. Der Spiegel fehlt uns dafür. Was dem zugrunde liegt, das kann wieder nur der Geistesforscher zeigen. Von einem bestimmten Punkte an erlebt der Geistesforscher nicht nur die seelische Tätigkeit, wie ich sie beschrieben habe, wie eine TraumErinnerung aus dem Schlafe, sondern so, wie wenn er gar nicht angewiesen ist auf das Instrument des Leibes, so daß er dann eine Tätigkeit wahrnehmen kann, die sich nur im Geistigen abspielt. Da kann er sich sagen: Jetzt denkst du nicht mit deinem Gehirn, sondern jetzt denkst du in ganz anderen Formen, jetzt denkst du Bilder, unabhängig von - deinem Gehirn. Der Geistesforscher kann aber erst dazu kommen, so etwas zu erleben, wie es beschrieben wurde, wenn er erlebt, daß das Ganze, was sich beim Einschlafen als ein Nebuloses um ihn herumlegt, nicht verschwindet, sondern wenn der Nebel, der an den Schläfen, an den GeJenken, am Rückgrat wahrnehmbar ist, etwas wird, aus dem sich reflektiert, was er tut — geradeso wie sich zurückreflektiert, was wir im groben Leibesleben erleben —, wenn er in sich selber seine Tätigkeit begrenzen und zurücknehmen kann. Der ganze Unterschied der wirklichen Hellsichtigkeit von dem gewöhnlichen wachen Tagesleben besteht darin, daß das wache Tagesleben, um zum Bewußtsein der seelischen Tätigkeit zu kommen, eines andern Spiegels bedarf, indem es sich der Leiblichkeit dazu bedient, während die Tätigkeit des Hellsehers, wenn sie als Seelentätigkeit ausstrahlt, so stark ist, daß der ausfallende Strahl in sich selber zurückgezogen wird. So findet gleichsam eine Spiegelung an dem eigenen inneren Erleben, an einem Geistesorganismus statt. In diesem Geistesorganismus ist im Grunde genommen unsere Seele auch dann, wenn wir keine Geistesforscher sind, in der Nacht. Da hinein ergießt sie sich. Und wir kommen mit dem ganzen Schlafleben nicht zurecht, wenn wir uns nicht klar sind, daß in der Tat unsere Leibesvorgänge — alles, was die Anatomie, die Physiologie, erforschen kann — nichts anderes bewirken als die Spiegelung der Seelenvorgänge, und daß diese Seelenvorgänge immer vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einem geistigen Dasein leben. Wenn wir anders denken, können wir gar nicht zurechtkommen. Wir müssen also gleichsam von einem geheimnisvollen Seelenleben sprechen, das gar nicht in das Bewußtsein, das durch den Leib vermittelt ist, hineinkommen kann. Wenn man also bei einem Menschen VorstelJungen, die er lange nicht beachtet hat, in seinem Bewußtsein auftreten sieht, so muß man doch sagen: Es ist noch etwas anderes im Menschen vorhanden als die Vorstellungen des bewußten Seelenlebens, die in Aufmerksamkeit aufgenommen sind.
[ 24 ] Why is it that life in sleep is such that it does not enter into consciousness? Indeed, why is it that waking life enters into our consciousness? This is because the processes we carry out in daily life have something like mirror images; but when we engage in the other activity—the restoration of what has been worn down—we have nothing in which it can be reflected. We lack the mirror for this. Only the spiritual researcher can reveal what underlies this. From a certain point onward, the spiritual researcher experiences the soul’s activity—as I have described it—not merely as a dream memory from sleep, but as if he were not at all dependent on the instrument of the body, so that he can then perceive an activity that takes place solely in the spiritual realm. There he can say to himself: “Now you are not thinking with your brain, but now you are thinking in entirely different forms; now you are thinking in images, independent of your brain.” However, the spiritual researcher can only come to experience something like what has been described when he experiences that the whole phenomenon that envelops him like a nebula as he falls asleep does not disappear, but rather when the mist that is perceptible at the temples, at the temples, along the spine—becomes something from which his actions are reflected—just as what we experience in our gross physical life is reflected back—when he is able to limit and withdraw his activity within himself. The entire difference between true clairvoyance and ordinary waking life lies in the fact that waking life, in order to attain awareness of soul activity, requires another mirror—namely, the physical body—whereas the clairvoyant’s activity, when it radiates as soul activity, is so strong that the outgoing ray is drawn back into itself. Thus, a reflection takes place, as it were, in one’s own inner experience, in a spiritual organism. In this spiritual organism, our soul is essentially present even at night, even if we are not researchers of the spiritual realm. It pours itself into this state. And we cannot come to terms with the entire life of sleep unless we realize that, in fact, our bodily processes—everything that anatomy and physiology can investigate—bring about nothing other than the reflection of soul processes, and that these soul processes always exist within a spiritual reality, from the moment we fall asleep until we wake up. If we think otherwise, we simply cannot make sense of it. We must therefore speak, as it were, of a mysterious soul life that cannot at all enter into the consciousness mediated through the body. So when one observes ideas in a person’s consciousness that he has long ignored, one must say: There is something else present in the human being besides the ideas of conscious soul life that are taken in through attention.
[ 25 ] Nun habe ich schon einmal angedeutet, daß es kinderleicht ist, die Dinge, welche für den Geistesforscher eine Realität sind, zu widerlegen. Wahr sind sie aber doch. Die Geistesforschung muß davon sprechen, daß wir es beim Menschen einmal mit dem menschlichen physischen Leibe zu tun haben, den wir mit Augen sehen, mit Händen greifen können, und den auch die Anatomie und die Physiologie kennt. Weiter haben wir als ein inneres Glied der menschlichen Wesenheit den Astralleib, den Träger alles dessen, was der Mensch mit Bewußtsein aufnimmt, was er wirklich während des Tageslebens so erlebt, daß er es aus dem Leib gespiegelt erhalten kann. Zwischen dem Astralleib und dem physischen Leib liegt der Träger dessen, was Vorstellungen sind, die unbeachtet bleiben, jahrelang, die dann in den Astralleib heraufgeholt werden und sich dann ausleben. Kurz, wir sprechen davon, daß zwischen dem Astralleib, dem Träger des Bewußtseins, und dem physischen Leib der Ätherleib des Menschen tätig ist. Dieser Ätherleib ist nicht nur der Träger von solchen unbeachtet gebliebenen Vorstellungen, sondern überhaupt der Aufbauer des ganzen physischen Leibes.
[ 25 ] I have already hinted that it is child’s play to refute the things that are a reality for the spiritual researcher. Yet they are true nonetheless. Spiritual research must acknowledge that, when it comes to human beings, we are dealing first and foremost with the human physical body—the one we can see with our eyes, touch with our hands, and which is also known to anatomy and physiology. Furthermore, as an inner component of the human being, we have the astral body—the vehicle for everything that a person consciously takes in, everything they actually experience during their daily life in such a way that it is reflected back to them through the body. Between the astral body and the physical body lies the vehicle for those ideas that remain unnoticed for years, which are then drawn up into the astral body and played out there. In short, we are speaking of the fact that between the astral body—the vehicle of consciousness—and the physical body, the human etheric body is at work. This etheric body is not only the vehicle of such unnoticed ideas, but is, in fact, the very builder of the entire physical body.
[ 26 ] Was tritt nun eigentlich im Schlafe ein? Es tritt ein, daß der Astralleib, der Träger des Bewußtseins, mit dem Ich aus dem physischen Leib und Ätherleib herausgeht, so daß eine Spaltung der menschlichen Natur eintritt. Wenn der Mensch im wachen Tagesleben ist, steckt der Astralleib mit dem Ich im physischen Leib und Ätherleib drinnen, und die Vorgänge des physischen Leibes wirken wieSpiegelungsvorgänge, durch die alles, was im Astralleib vorgeht, zum Bewußtsein kommt. Bewußtsein ist die Spiegelung der ErJebnisse durch den physischen Leib, und wir dürfen daher Bewußtsein nicht verwechseln mit den Erlebnissen selbst. Wenn der Astralleib im Schlafe herausgeht, ist er zunächst beim gewöhnlichen Menschen nicht imstande, in der Welt des Astralischen erwas wahrzunehmen. Der Mensch ist da bewußtlos.
[ 26 ] What actually happens during sleep? What happens is that the astral body—the vehicle of consciousness—leaves the physical body and the etheric body together with the “I,” resulting in a division of the human nature. When a person is awake during the day, the astral body, together with the “I,” is contained within the physical and etheric bodies, and the processes of the physical body act as a kind of mirroring, through which everything that takes place in the astral body comes into consciousness. Consciousness is the reflection of experiences through the physical body, and we must therefore not confuse consciousness with the experiences themselves. When the astral body leaves the body during sleep, the ordinary person is initially unable to perceive anything in the astral world. The person is unconscious there.
[ 27 ] Welche Fähigkeit erlangt nun der Geistesforscher, indem ihm im Schlafe auch Dinge bewußt werden, wenn er sich auch nicht auf sein Gehirn stützt? Da erlangt er die Fähigkeit, in etwas wahrzunehmen und seine Seelentätigkeit spiegeln zu können, was so für ihn zwischen den Dingen webt und lebt, daß es im wachen Tagesbewußtsein ebenso wahrzunehmen ist wie der eigene Ätherleib. Der Ätherleib desMenschen ist aus dem gewoben, wodurch der hellsichtige Mensch wahrnimmt; so daß für den hellsichtigen Menschen die äußere Welt spiegelnd wird, wie für das Seelenleben des normalen Menschen die physische Leiblichkeit spiegelnd wird.
[ 27 ] What ability does the spiritual researcher acquire when, even in sleep, he becomes aware of things without relying on his brain? He acquires the ability to perceive and reflect in his soul activity that which weaves and lives among things in such a way that it can be perceived in waking daytime consciousness just as one’s own etheric body is perceived. The human etheric body is woven from that which the clairvoyant perceives; thus, for the clairvoyant, the outer world becomes a mirror, just as physical corporeality becomes a mirror for the soul life of the normal human being.
[ 28 ] Nun gibt es Zwischenzustände zwischen Wachen und Schlafen. Ein solcher Zwischenzustand ist der Traum. In bezug auf seine Entstehung zeigt die Geistesforschung, daß in der Tat das Träumen auf etwas Ähnlichem beruht wie Hellsehen, nur ist das Letztere etwas Geschultes, während das Träumen immer phantastisch ist. Der Mensch verliert die Möglichkeit, wenn er mit dem Astralleib herausgeht, durch den physischen Leib sein Seelenleben gespiegelt zu erhalten. Aber er kann unter gewissen abnormen Verhältnissen, die für jeden Menschen eintreten, die Fähigkeit erhalten, durch den Ätherleib die seelischen Erlebnisse gespiegelt zu erhalten. Denn in der Tat müssen wir nicht nur den physischen Leib als einen Spiegelungsapparat betrachten, sondern auch den Ätherleib, denn solange die äußere Welt auf uns Eindruck macht, ist es in der Tat der physische Leib, der wie ein Spiegelungsapparat wirkt. Wenn wir aber still in uns selber werden und das, was die äußere Welt an Eindrücken auf uns gemacht hat, verarbeiten, dann arbeiten wir in uns selber, unsere Gedanken aber sind trotzdem real. Wir leben unsere Gedanken, und wir fühlen auch, daß wir von etwas Feinerem abhängig sind, als unser physischer Leib ist, nämlich von dem Ätherleib. Dann ist der Ätherleib dasjenige, was im einsamen Sinnen, dem keine äußeren Eindrücke zunächst zugrunde liegen, in uns sich abspiegelt. Aber wir stecken in unserm Ätherleib im wachen Tagesbewußtsein; wir nehmen das wahr, was sich spiegelt, aber wir nehmen nicht die Tätigkeit des Astralleibes direkt wahr. Indem wir in einem Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen nicht die Fähigkeit haben, äußere Sinneseindrücke zu empfangen, wohl aber noch in gewisser Weise etwas, was mit unserm Ätherleib zusammenhängt, kann uns der Ätherleib das spiegeln, was wir in unserm Seelischen mit unserm Astralleibe erleben. Das sind dann die Träume, die deshalb, weil der Mensch dabei in einer ganz ungewohnten Lage ist, jene Regellosigkeit zeigen.
[ 28 ] There are intermediate states between waking and sleeping. One such intermediate state is dreaming. With regard to its origin, spiritual research shows that dreaming is in fact based on something similar to clairvoyance; however, the latter is a trained ability, whereas dreaming is always fantastical. When a person goes out with the astral body, they lose the ability to have their soul life reflected through the physical body. But under certain abnormal conditions—which occur for every person—they can acquire the ability to have their soul experiences reflected through the etheric body. For in fact, we must regard not only the physical body as a mirroring apparatus, but also the etheric body; for as long as the external world makes an impression on us, it is indeed the physical body that functions as a mirroring apparatus. But when we become still within ourselves and process the impressions the external world has made on us, we are working within ourselves, yet our thoughts are nonetheless real. We live out our thoughts, and we also feel that we are dependent on something more subtle than our physical body—namely, the etheric body. Then the etheric body is what is reflected within us during solitary contemplation, which is not initially based on external impressions. But we are immersed in our etheric body during our waking daytime consciousness; we perceive what is reflected, but we do not directly perceive the activity of the astral body. Since, in an intermediate state between waking and sleeping, we lack the ability to receive external sensory impressions—though we can still, in a certain sense, perceive something connected to our etheric body—the etheric body can reflect to us what we experience in our soul life through our astral body. These are the dreams which, because the person is in a completely unfamiliar state, exhibit that lack of order.
[ 29 ] Wenn wir dies bedenken, wird sich uns manches an der Traumwelt aufklären, was sonst an ihr recht rätselhaft ist. Wir werden daher die Untergründe des Seelenlebens eng mit dem Traumleben verknüpft denken müssen. Während der physische Leib der Spiegler des Seelenlebens ist und unsere Tagesinteressen sich daran auswirken, hängen wir durch den Ätherleib oft in der abgelegensten Art mit Erlebnissen zusammen, die lange hinter uns sind und die uns, weil das Tagesleben stark auf uns wirkt, nur schwach zum Bewußtsein kommen. Daher bleiben sie uns etwas höchst Unbekanntes. Wenn wir aber nun Träume betrachten, die wirklich auf guter Beobachtung beruhen, kann sich uns mancherlei Merkwürdiges zeigen. Zum Beispiel ein guter Komponist erlebt das Bild, daß eine etwas teuflische Gestalt ihm eine Sonate vorspielt. Er wacht auf — und kann die Sonate hinschreiben. Da ist etwas in ihm tätig geworden, was wie ein Fremdes gewirkt hat. Und das ist möglich gewesen, weil etwas in ihm war, wozu die Seele des Komponisten reif war, was aber im wachen Tagesleben sich nicht wirksam erweisen konnte, weil das Leibesleben nur ein Hemmnis und nicht geeignet zu spiegeln war. Da sehen wir, daß das Leibesleben ein Hemmnis ist und darin seine Bedeutung hat. Wir können im Tagesleben nur das erleben, wofür das Leibesleben — bildlich gesprochen — eingeschmiert ist als Maschine. Das Leibesleben ist uns immer ein Hemmnis. Aber wir bringen es bis zu einem gewissen Grade dahin, das Leibesleben zu gebrauchen. Man braucht ja überall «Hemmungen». Wenn eine Lokomotive über die Schienen fährt, sind es auch die Hemmungen, die Reibungen, wodurch sie fahren kann, denn ohne Reibung könnten sich die Räder nicht umdrehen. Unsere Leibesvorgänge sind in Wahrheit das, was unserem Seelenleben hemmend entgegentritt, und diese Hemmungsvorgänge sind zu gleicher Zeit die Spiegelungsvorgänge. Wenn wir in unserer Seele für etwas reif sind und es noch nicht dazu gebracht haben, unsere Maschine gut zu schmieren, so ist das wache Tagesleben ein guter Hemmschuh. Wenn wir aber herausgehen aus unserm physischen Leib, dann kann unser Ätherleib — was uns als etwas ganz Fremdes erscheinen muß, weil es feinerer Natur ist — dasjenige, was im Seelenleben lebt, zum Ausdruck bringen. Wenn es dann stark genug ist, drängt es sich in das Traumleben herein wie in diesem Falle bei dem Komponisten. Das hängt mit den Tagesinteressen weniger zusammen als mit verborgenen Interessen, die weiter abliegen in den feinen Untergründen. So zum Beispiel auch in dem Folgenden. Ich bemerke, ich erzähle nur etwas wirklich Beobachtetes. Eine Frau träumt — trotzdem sie Kinder hat, die sie sehr liebt, und einen Mann hat, der sie außerordentlich liebt —, daß sie sich zum zweiten Male verlobt und alle Ereignisse, die sie dabei durchmacht, mit großer Freude erlebt. Was träumt sie? Sie träumt Erlebnisse, die ihrem jetzigen Leben sehr fern liegen, die sie einmal durchgemacht hat, die sie aber nicht wiedererkennt, weil das gewöhnliche Tagesinteresse nur mit dem physischen Leibe zusammenhängt. Und was in ihr noch fortlebt in ihrem Ätherleibe, das wird durch ein anderes Ereignis, weil vielleicht irgendeine freudige Empfindung den Traum ausgelöst hat, nun vom Ätherleib her gespiegelt.
[ 29 ] If we bear this in mind, many aspects of the world of dreams—which are otherwise quite enigmatic—will become clear to us. We must therefore regard the deeper layers of the soul life as closely linked to the dream life. While the physical body serves as a mirror of the soul life and our daily concerns influence it, through the etheric body we are often connected—in the most remote way—to experiences that lie far behind us and that, because daily life exerts such a strong influence on us, only faintly come to our consciousness. Consequently, they remain something utterly unknown to us. But when we examine dreams that are truly based on careful observation, all sorts of curious things may reveal themselves to us. For example, a great composer experiences the image of a somewhat devilish figure playing a sonata for him. He wakes up—and is able to write down the sonata. Something within him has become active that seemed like a foreign influence. And this was possible because there was something within him for which the composer’s soul was ripe, but which could not manifest itself in waking daily life because physical life was merely an obstacle and unsuited to reflecting it. Here we see that physical life is an obstacle and that this is where its significance lies. In daily life, we can experience only what physical life—figuratively speaking—is “oiled” for, like a machine. Physical life is always an obstacle to us. But we manage, to a certain extent, to make use of physical life. After all, “brakes” are needed everywhere. When a locomotive travels along the tracks, it is the brakes—the friction—that enable it to move, for without friction the wheels could not turn. Our physical processes are, in truth, what acts as a brake against our soul life, and these braking processes are at the same time the processes of reflection. If we are ready for something in our soul but have not yet managed to lubricate our machine properly, then waking life serves as a good brake. But when we step out of our physical body, our etheric body—which must appear to us as something entirely foreign because it is of a finer nature—can give expression to what lives in our soul life. When it is strong enough, it forces its way into the dream life, as in this case with the composer. This has less to do with daytime interests than with hidden interests that lie deeper in the subtle undercurrents. This is also the case, for example, in the following. I should note that I am recounting only what I have actually observed. A woman dreams—even though she has children whom she loves very much and a husband who loves her extraordinarily—that she is getting engaged for the second time, and she experiences all the events that accompany this with great joy. What is she dreaming? She is dreaming of experiences that are very far removed from her present life—experiences she once went through but does not recognize, because her ordinary daily concerns are connected only with the physical body. And what still lives on within her in her etheric body is now reflected from the etheric body through another event—perhaps because some joyful sensation triggered the dream.
[ 30 ] Ein Mann träumt, daß er Kindheitserlebnisse durchmacht. Und diese Kindheitserlebnisse spiegeln sich ganz wunderbar ab. Ein ihm besonders wichtiges, weil ihm sehr zu Herzen gehendes Ereignis bewirkt, daß er aufwacht. Zunächst ist ihm der Traum etwas sehr Liebes, er schläft aber bald wieder ein und träumt weiter. Eine ganze Summe von unangenehmen Erlebnissen gehen jetzt durch seine Seele, und ein besonders schmerzliches Ereignis weckt ihn auf. Alles das liegt höchst fern seinen gegenwärtigen Erlebnissen. Erstehtauf, weil er von dem Traum sehr erschüttertist, geht eine Weile im Zimmer herum, legt sich dann aber wieder hin und erlebt jetzt im Traum Ereignisse, die er nicht erlebt hat. Alle Ereignisse, die er durchgemacht hat, verwirren sich, und er erlebt nun etwas ganz Neues. Das Ganze wird zu einem Gedicht, das er sogar nachher niederschreiben und in Musik setzen kann. Das ist eine durchaus reale Tatsache. Nun wird es nicht schwer sein, mit den Begriffen, die wir schon gewonnen haben, uns vorzustellen, was da geschehen ist. Für den Geistesforscher stellt es sich so dar: Der Mann hat in einem ganz bestimmten Augenblick seines Lebens gewissermaßen in seiner Entwickelung einen Bruch erlitten. Er mußte etwas, was in seiner Seele lag, aufgeben. Aber wenn er es auch hat aufgeben müssen, so ist es darum nicht aus seinem Ätherleib gewichen. Die gewöhnlichen Interessen waren nur so stark, daß sie es zurückdrängten. Und wo es durch innere Elastizität stark genug war, drängte es sich im Traum heraus, weil der Mensch da von den Hemmungen des wachen Tageslebens befreit ist. Das heißt, der betreffende Mensch war tatsächlich nahe daran, einmal zu dem zu kommen, was in dem Gedicht sich ausdrückte; aber dann ist es übertäubt worden.
[ 30 ] A man dreams that he is reliving childhood experiences. And these childhood experiences are reflected in a truly wonderful way. An event that is particularly important to him—because it touches him deeply—causes him to wake up. At first, the dream is something very dear to him, but he soon falls asleep again and continues dreaming. A whole series of unpleasant experiences now passes through his mind, and a particularly painful event wakes him up. All of this is far removed from his present experiences. He gets up, deeply shaken by the dream, walks around the room for a while, but then lies down again and now experiences events in his dream that he has never actually lived through. All the events he has gone through become jumbled, and he now experiences something entirely new. The whole thing turns into a poem, which he is even able to write down afterward and set to music. This is an entirely real fact. Now it will not be difficult, using the concepts we have already acquired, to imagine what happened there. For the researcher of the spiritual realm, it presents itself as follows: At a very specific moment in his life, the man suffered, so to speak, a rupture in his development. He had to give up something that lay within his soul. But even though he had to give it up, it did not thereby vanish from his etheric body. His ordinary interests were simply so strong that they suppressed it. And where it was strong enough through inner resilience, it forced its way out in a dream, because there the person is freed from the inhibitions of waking life. This means that the person in question was indeed close to reaching what was expressed in the poem; but then it was drowned out.
[ 31 ] So sehen wir im Traume anschaulich die Unabhängigkeit des Seelenlebens vom äußeren Leibesleben. Und das muß uns zur Evidenz klar machen, daß der Gedanke der Spiegelung des Seelenlebens im Leibesleben eine große Berechtigung haben muß. Gerade der Umstand, daß die Interessen, in die wir verstrickt sind, nicht geradlinig in unser unmittelbares Erleben sich hineinprägen, zeigt uns, daß neben dem Leben, wie es sich im Alltag darlebt, ein anderes nebenherläuft, das ich für ein bewußtes feineres Beobachten wie eine Art von Aufwachen bezeichnet habe. Darin lebt alles, was für unser geistiges Leben — auch schon begrifflich, ideell — wie zum Beispiel das Gewissen, unabhängig ist vom Leibesleben, das fühlt ein jeder. Aber im Tagesleben erweist sich dieses andere Leben doch als etwas, was sehr begrenzt ist durch unsere Tagesinteressen. Im Schlafe zeigt sich unsere Seele ganz erfüllt auch von dieser ihrer moralischen Qualität. Es ist wirklich ein Hineinleben in das Geistige, was wir als einen Ruck, als eine innere Bewegung bezeichnen können. Was wir geisteswissenschaftliche Forschung nennen, wird sich uns ergeben als etwas, wodurch wir bewußt hineinleben in die Welt, in die der normale Mensch unbewußt jedesmal beim Einschlafen hineinlebt. Die Menschen werden sich schon nach und nach damit bekannt machen müssen, daß die Welt viel weiter ist als das, was wir mit den Sinnen begreifen und mit dem Verstande verfolgen können, und daß das Schlafesleben ein Gebiet ist, das wir brauchen, weil wir im Tagesleben eine Abnutzung gerade der edelsten Organe haben, die zum Vorstellungsleben dienen. Im Schlafe stellen wir sie wieder her, so daß sie sich stark und kräftig der Welt gegenüberstellen können und unser Seelenleben im wachen Tagesleben uns spiegeln können. Alles Charakteristische des Seelenlebens könnte uns dadurch klar werden. Wer wüßte nicht, daß er sich nach einem guten, tiefen Schlaf abgespannt, ermüdet fühlt? Da klagen oft die Menschen darüber; aber das ist gar keine Krankheitserscheinung, sondern durchaus begreiflich. Denn im Grunde genommen tritt die vollständige Erholung durch den Schlaf erst eine oder anderhalb Stunden nachher ein. Warum? Weil wir gut gearbeitet haben an unseren Organen, daß sie nicht bloß für ein paar Stunden wieder aushalten, sondern für den ganzen Tag. Und da sind wir unmittelbar nach dem Aufwachen noch nicht eingeschult, um sie zu gebrauchen, wir müssen sie erst einschleifen, und erst nach einiger Zeit können wir sie gut gebrauchen. Man müßte in einer gewissen Weise bei einer bestimmten Art von Abgespanntheit davon sprechen, daß man sich freuen könnte nach anderhalb Stunden, wie man sich hineinfühlen kann in die wieder gut gemachten Organe. Denn aus dem Schlaf kommt uns, was wir brauchen: die architektonischen Kräfte für die Organe, die abgenutzt und abgebraucht sind während des Tages.
[ 31 ] Thus, in dreams we clearly see the independence of the life of the soul from the external life of the body. And this must make it abundantly clear to us that the idea of the life of the soul being reflected in the life of the body must have great validity. Precisely the fact that the concerns in which we are entangled do not directly imprint themselves on our immediate experience shows us that, alongside the life as it unfolds in everyday existence, another life runs parallel to it—one that I have described, in terms of conscious, more subtle observation, as a kind of awakening. In this realm lives everything that is independent of physical life for our spiritual life—even in a conceptual, ideal sense—such as conscience; everyone feels this. But in daily life, this other life proves to be something that is very limited by our everyday concerns. In sleep, our soul reveals itself as fully imbued with this moral quality of its own. It is truly a living into the spiritual realm, which we can describe as a jolt, as an inner movement. What we call spiritual scientific research will reveal itself to us as something through which we consciously live into the world into which the ordinary person unconsciously lives every time they fall asleep. People will gradually have to come to terms with the fact that the world is far vaster than what we can grasp with our senses and follow with our intellect, and that the life of sleep is a realm we need because, in our waking life, we experience wear and tear precisely on the noblest faculties that serve our imaginative life. In sleep, we restore them so that they can face the world with strength and vigor and reflect our inner life back to us in our waking daily existence. Everything characteristic of our inner life could thus become clear to us. Who doesn’t know that after a good, deep sleep, one feels drained and tired? People often complain about this; but this is by no means a symptom of illness, but rather entirely understandable. For, strictly speaking, complete recovery through sleep does not set in until an hour or an hour and a half later. Why? Because we have worked hard on our organs so that they can function not just for a few hours, but for the entire day. And immediately after waking up, we are not yet accustomed to using them; we must first get them into the swing of things, and only after some time can we use them effectively. In a certain sense, when it comes to a specific kind of exhaustion, one could say that after an hour and a half, one can rejoice in how one can feel the organs restored to good working order. For sleep provides us with what we need: the restorative forces for the organs that have been worn down and exhausted during the day.
[ 32 ] So dürfen wir nun sagen: Unser Seelenleben ist ein Leben in Selbständigkeit, ein Leben, von dem wir im wachen Tagesleben durch unser Bewußtsein etwas haben, was eine Spiegelung ist. Bewußtsein ist Spiegelung des Verkehrs der Seele mit der Umgebung. Da sind wir im wachen TagesJeben verloren an unsere Umgebung, an ein Fremdes, sind hingegeben an etwas, was wir nicht selber sind. Während des Schlafes aber — und das ist das Wesen des Schlafes — ziehen wir uns von aller äußeren Tätigkeit zurück, um an uns selber zu arbeiten. Der Vergleich dafür ist treffend: An dem Schiff, das der Schiffahrt gedient hat, während es auf hoher See war, wird gezimmert und ausgebessert, wenn es in den Hafen einfährt.
[ 32 ] So we may now say: Our inner life is a life of independence, a life of which we experience a reflection through our consciousness in our waking daily life. Consciousness is a reflection of the soul’s interaction with its surroundings. In our waking daily life, we are lost to our surroundings, to something foreign; we are devoted to something that is not ourselves. During sleep, however—and this is the essence of sleep—we withdraw from all external activity in order to work on ourselves. The analogy is apt: a ship that has served its purpose at sea is repaired and refurbished when it enters the harbor.
[ 33 ] Wer da glaubt, daß nichts mit uns geschieht während des Schlafes, der könnte auch glauben, daß nichts mit dem Schiff zu geschehen braucht, wenn es nach einer Fahrt im Hafen ist. Es wird aber wieder ausfahren, und da wird er schon sehen, was geschieht, wenn es nicht ausgebessert wird. So würde es sein, wenn nicht an uns selber von der Seele aus während des Schlafes gearbeitet würde. Wir sind uns selbst zurückgegeben im Schlafe, während wir im Tagesleben an die Außenwelt verloren sind. Der normale Mensch ist nur nicht fähig, was die Seele im Schlafe macht, so wahrzunehmen, wie er die Außenwelt am Tage wahrnimmt.
[ 33 ] Anyone who believes that nothing happens to us while we sleep might just as well believe that nothing needs to happen to a ship once it has returned to port after a voyage. But it will set sail again, and then he will see what happens if it is not repaired. That is how it would be if our souls were not working on us from within while we sleep. In sleep, we are returned to ourselves, whereas in daily life we are lost to the outside world. The average person is simply unable to perceive what the soul does during sleep as clearly as he perceives the outside world during the day.
[ 34 ] In dem Vortrag «Wie erlangt man Erkenntnis der geistigen Welt?» werden wir sehen, daß auch im Geistigen eine Spiegelung als Erkenntnis erreicht werden kann, wodurch dann der Mensch zur Wahrnehmung in den höheren Welten kommen kann. Das alles zeigt uns, daß gerade die Seele, wenn sie ihrer selbst nicht bewußt ist, nichts weiß von ihrer eigenen Tätigkeit, daß sie aber mit sich selbst beschäftigt ist, in sich selber arbeitet und unabhängig von aller Leiblichkeit die Kräfte holt, die gerade dem Aufbau des Leiblichen dienen sollen.
[ 34 ] In the lecture “How Does One Attain Knowledge of the Spiritual World?” we will see that even in the spiritual realm, reflection can be attained as knowledge, through which a person can then come to perceive the higher worlds. All of this shows us that the soul, precisely when it is not conscious of itself, knows nothing of its own activity; yet it is engaged with itself, works within itself, and—independent of all physicality—draws upon the forces that are intended to serve the very building up of the physical body.
[ 35 ] So dürfen wir zusammenfassen, was wir ausgesprochen haben, und das Wesen der Seele mit den Worten bezeichnen, die aus der Erkenntnis des Wesens des Schlafes eine Art Grundlegung bilden für manches in der Geisteswissenschaft:
[ 35 ] We may thus summarize what we have said and describe the nature of the soul using words that, based on an understanding of the nature of sleep, form a kind of foundation for many aspects of spiritual science:
Es gibt sich selbst zurück
Die Seele, die schlafumfangen
In Geistesweiten flieht,
Wenn Sinnesenge sie bedrückt!
It returns to itself
The soul, enveloped in sleep
Flies into the vastness of the spirit,
When the bonds of the senses weigh upon it!
