Human History in the Light
of Spiritual Investigation
GA 61
7 December 1911, Berlin
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Human History in the Light of Spiritual Investigation, tr. SOL
6. Das Glück, Sein Wesen und Sein Schein
6. Happiness, Its Essence, and Its Appearance
[ 1 ] Zu denjenigen Erkenntnissen der Geisteswissenschaft, welche weiteren Kreisen unserer Zeitgenossen am wenigsten einleuchten können, gehört zweifellos die von den wiederholten Erdenleben und ferner jene von dem Hinüberklingen der Ursachen, die in einem Erdenleben durch den Menschen gelegt werden, in andere Erdenleben, kurz das, was wir als das Gesetz der geistigen Verursachung oder das Gesetz vom Karma bezeichnen. Daß die gegenwärtige Menschheit sich absprechend und zweifelhaft gegenüber diesen Erkenntnissen verhalten muß, ist aus all den Denkgewohnheiten des gegenwärtigen Lebens heraus zu begreifen. Und es wird wohl so lange dauern, ehe diese Denkgewohnheiten sich geändert haben, bis es zu einer allgemeineren Anerkennung des Einleuchtenden gerade dieser Grundwahrheiten der Geisteswissenschaft kommt. Aber eine unbefangene Betrachtung desLebens, eine vorurteilsfreie Anschauung desjenigen, was im Alltage geradezu rätselhaft vor unsere Augen tritt, und was nur erklärlich ist, wenn wir diese erwähnten Wahrheiten zugrunde legen, wird immer mehr und mehr zu einer Anderung der Denkgewohnheiten und dann auch zu einer Anerkennung des Einleuchtenden dieser großen Wahrheiten führen.
[ 1 ] Among the insights of spiritual science that are least comprehensible to the broader circles of our contemporaries are undoubtedly those concerning repeated earthly lives and, furthermore, the carryover of causes established by a person during one earthly life into other earthly lives—in short, what we call the law of spiritual causation or the law of karma. The fact that present-day humanity must react to these insights with skepticism and doubt can be understood in light of all the habits of thought characteristic of contemporary life. And it will likely take time for these habits of thought to change before there is a more widespread recognition of the plausibility of precisely these fundamental truths of spiritual science. But an unbiased observation of life, a prejudice-free view of what appears before our eyes in everyday life as nothing short of a mystery—and which can only be explained if we take these aforementioned truths as our foundation—will increasingly lead to a change in habits of thought and, ultimately, to a recognition of the self-evident nature of these great truths.
[ 2 ] Zu den Erscheinungen, die wir insbesondere in dieses Gebiet zählen dürfen, gehören ohne Zweifel diejenigen, die gewöhnlich in so vieldeutige Namen zusammengefaßt wer den, wie dasGlück oder das Unglück des Menschen. Es brauchen nur diese zwei Worte ausgesprochen zu werden, und es wird sogleich im Herzen des Menschen das Empfindungsurteil widerklingen, daß damit etwas gesagt ist, was den Menschen recht sehr auf die Grenzen aufmerksam machen könne, welche zwischen seinem Erkennen und demjenigen, was sich draußen in der Welt abspielt, gezogen sind. Dieses, ebensosehr wie ein anderes, erklingt als Empfindungsurteil in der Seele: ein Urteil, das zu einer unauslöschlichen Sehnsucht führt, irgend etwas über jene unerklärlichen Zusammenhänge zu wissen, die man aus einer gewissen Aufklärung heraus immer wieder ableugnen mag, die aber doch ein ganz unbefangener Trieb des menschlichen Erkennens anerkennen muß. Wir brauchen uns nur vor die Seele zu rufen, was Glück oder Unglück, insbesondere das letztere, für dasMenschenleben Rätselhaftes haben können, um das Gesagte einzusehen, ein Rätselhaftes, das wahrhaftig nicht durch irgendeine theoretische Antwort erledigt werden kann, sondern das deutlich zeigt, daß zu seiner Beantwortung mehr notwendig ist als eine Theorie, als irgend etwas, was im äußeren Sinne abstrakte Wissenschaft genannt werden kann. Der Mensch hat ja —- wer wollte das bezweifeln — unmittelbar in seiner Seele den Drang, in einer gewissen Übereinstimmung mit seiner Umgebung, mit der Welt zu sein. Und welche Summe von Nichtübereinstimmung kann sich darin ausdrücken, daß zuweilen irgendein Mensch von sich nicht anders sagen kann, oder daß seine Mitmenschen nicht anders können, als von ihm zu sagen, er werde sein ganzes Leben lang vom Unglück verfolgt. An eine solche Anerkennung knüpft sich ein «Warum?» von einschneidender, tiefer Bedeutung für alles, was wir zu sagen haben über den Wert des Menschenlebens, über den Wert auch derjenigen Kräfte, welche diesem Menschenleben zugrunde liegen.
[ 2 ] Among the phenomena that we may particularly include in this category are, without a doubt, those that are usually summarized under such ambiguous terms as human happiness or human misfortune. One need only utter these two words, and immediately the emotional judgment will resonate in the human heart that they express something capable of making people acutely aware of the boundaries drawn between their cognition and what takes place out there in the world. This, just as much as any other, resounds in the soul as an intuitive judgment: a judgment that leads to an indelible longing to know something about those inexplicable connections which, from a certain enlightened perspective, one may repeatedly deny, but which a completely unbiased impulse of human cognition must nevertheless acknowledge. We need only bring to mind what happiness or unhappiness—especially the latter—can hold of mystery for human life in order to understand what has been said, a mystery that truly cannot be resolved by any theoretical answer, but which clearly shows that answering it requires more than a theory, more than anything that, in the external sense, can be called abstract science. For human beings—and who would doubt this?—have within their very souls the urge to be in a certain harmony with their surroundings, with the world. And what sum of disharmony can be expressed in the fact that sometimes a person cannot say anything else about himself, or that his fellow human beings cannot help but say of him that he has been pursued by misfortune his entire life? Linked to such a recognition is a “Why?” of profound and far-reaching significance for everything we have to say about the value of human life, and also about the value of the forces that underlie that human life.
[ 3 ] Robert Hamerling, der bedeutsame, aber leider viel zu wenig gewürdigte Dichter des neunzehnten Jahrhunderts, hat in seinen Prosa-Aufsätzen eine kleine Abhandlung «Über das Glück» geschrieben, und er beginnt das, was er zu sagen hat, mit einer Erinnerung, die sich ihm, wie er sagt, immer wieder und wieder aufdrängte, wenn er über die Frage nach dem Glück nachdachte. Er hat diese — sei es eine Legende oder sonst etwas, darauf kommt es nicht an — in Venedig erzählen hören: «Es wurde einem Ehepaare ein Mädchen geboren. Die Frau starb an den Folgen der Geburt. Der Vater hörte an dem Tage, als dieses Kind geboren worden ist, daß sein ganzer Besitz bei einem Schiffsunglück zugrunde gegangen sei, und es traf ihn darüber der Schlag, so daß er an dem Tage der Geburt des Kindes starb. So war das Kind von dem Unglück betroffen, Waise zu sein von dem ersten Tage an, da es in das irdische Dasein eintrat. Es wurde zunächst von einer reichen Verwandten angenommen. Diese vermachte dem Kinde in dem Testament, das sie aufstellte, ein großes Vermögen. Sie starb aber, da das Kind noch ganz jung war. Und siehe da, als man das Testament eröffnete, zeigte sich ein Formfehler; es wurde angefochten, und das Kind hatte das ganze Vermögen, das ihm in Aussicht gestellt war, verloren. Es wuchs nun heran in Not und Elend und mußte sich dann später als Magd verdingen. Da verliebte sich in das Kind ein ganz lieber, netter Bursche, den das Mädchen sehr gern hatte. Doch nachdem das Verhältnis eine Zeitlang gedauert hatte, und das Mädchen, das sich unter Unglück und unter den schwierigsten Verhältnissen im Leben hatte fortbringen müssen, nun hätte hoffen können, daß es jetzt zu irgendeinem Glück käme, da stellte sich heraus, daß der Geliebte mosaischen Glaubens sei, und daß daher aus der Ehe nichts werden könnte. Sie machte ihm darüber die bittersten Vorwürfe, daß er sie betrogen hätte, aber sie konnte von ihm nicht lassen. Immer verläuft dies Leben in einem merkwürdigen Wechselspiel. Auch der Bursche konnte von dem Mädchen nicht lassen, und er versprach ihr, wenn sein Vater einmal sterben würde, was nicht mehr lange dauern könnte, so würde er sich taufen lassen, und die Ehe könnte vollzogen werden. Er wurde auch tatsächlich bald an das Krankenbett seines Vaters gerufen. Unter all den Schmerzen, die unsere Unglückliche zu ertragen hatte, ist nun noch das, daß sie krank wurde, schwer krank. Unterdessen war der Vater ihres Bräutigams in der Ferne gestorben. Ihr Bräutigam ließ sich taufen. Doch als er kam, war dasMädchen bereits an den moralischenLeiden, die sie auszustehen hatte in Verbindung mit ihrem physischen Leiden, gestorben. Er fand nur noch seine tote Braut. Jetzt traf ihn der bitterste Schmerz. Es ergriff ihn der unwiderstehliche Wunsch, und er konnte nicht anders — er mußte das Mädchen, trotzdem es begraben war, noch einmal sehen. Er konnte auch schließlich bewirken, daß es ausgegraben wurde. Und siehe da, es lag in einer solchen Stellung, daß man deutlich sehen konnte: es war lebendig begraben worden und hatte sich im Grabe, als es aufgewacht war, gewendet!»
[ 3 ] Robert Hamerling, the significant but unfortunately far too underappreciated nineteenth-century poet, wrote a short essay titled “On Happiness” in his collection of prose essays, and he begins his remarks with a memory that, as he says, kept coming back to him again and again whenever he reflected on the question of happiness. He heard this story—whether it was a legend or something else, that doesn’t matter—told in Venice: “A couple had a baby girl. The woman died in childbirth. On the very day the child was born, the father learned that his entire fortune had been lost in a shipwreck, and he was so overcome by the news that he died on the day of the child’s birth. Thus, the child was struck by the misfortune of being an orphan from the very first day she entered this world. She was initially taken in by a wealthy relative. In the will she drew up, this relative bequeathed a large fortune to the child. However, she died while the child was still very young. And lo and behold, when the will was opened, a technical error was discovered; it was contested, and the child lost the entire fortune that had been promised to her. She then grew up in poverty and misery and later had to take a job as a maid. There, a very kind, nice young man fell in love with her, and the girl was very fond of him. But after the relationship had lasted for some time, and the girl—who had had to make her way through life amid misfortune and the most difficult circumstances— and could now have hoped for some measure of happiness, it turned out that her beloved was of the Mosaic faith, and that therefore the marriage could not take place. She reproached him bitterly for having deceived her, but she could not bring herself to leave him. Life always unfolds in a strange interplay of events. The young man, too, could not let go of the girl, and he promised her that once his father died—which could not be long in coming—he would be baptized, and the marriage could take place. He was, in fact, soon summoned to his father’s deathbed. Added to all the pain our unfortunate heroine had to endure was the fact that she fell ill—seriously ill. Meanwhile, her fiancé’s father had died far away. Her fiancé was baptized. But when he arrived, the girl had already died from the emotional anguish she had to endure, compounded by her physical suffering. He found only his dead bride. Now the most bitter grief struck him. He was seized by an irresistible desire, and he could not help himself—he had to see the girl one more time, even though she had been buried. He was eventually able to arrange for her to be exhumed. And lo and behold, she was lying in such a position that one could clearly see: she had been buried alive and, upon waking in the grave, had turned over!”
[ 4 ] Diese Erzählung, sagt Hamerling, fiel ihm immer wieder ein, wenn die Rede darauf kam, oder wenn er denken mußte, was menschliches Unglück sein kann, und wie es tatsächlich manchmal so aussehen könnte, wie wenn ein Mensch von seiner Geburt bis zum Grabe nicht nur, sondern über das Grab hinaus, wie in diesem Falle, von Unglück verfolgt werden würde. Gewiß, die Erzählung mag eine Legende sein, aber darauf kommt es nicht an, denn ein jeglicher von uns wird sich sagen: In diesem Augenblick — die Begebenheit mag wahr oder nicht wahr sein — könnte die Begebenheit möglich sein und sich so zugetragen haben, auch wenn sie sich in Wahrheit nicht zugetragen hat. Aber sie illustriert uns in aller Deutlichkeit die große, bange Frage: Wie können wir das «Warum?» nach dem Werte eines Lebens beantworten, das so von Unglück verfolgt wird? — Das macht uns allerdings darauf aufmerksam, daß es vielleicht ganz unmöglich sein könnte, über Glück oder Unglück zu sprechen, wenn man das einzelne Menschenleben überhaupt nur in Frage zieht. Und wenigstens über dieses einzelne Menschenleben hinauszublicken, könnte als Anforderung in bezug auf die Denkgewohnheiten sich herausstellen, wenn man ein Leben vor sich hat, welches uns so in die Welt eingesponnen scheint, daß keine Vorstellung über den Wert des Menschenlebens sich mit dem verträgt, was dieses Leben zwischen Geburt und Tod durchzumachen hat. Da scheinen wir so recht über die Grenzen von Geburt und Tod hinausgewiesen zu werden.
[ 4 ] This story, says Hamerling, kept coming to mind whenever the subject came up, or whenever he had to think about what human misfortune can be, and how it might indeed sometimes look as if a person were pursued by misfortune not only from birth to the grave, but even beyond the grave, as in this case. Certainly, the story may be a legend, but that is not the point, for each of us will say to ourselves: At this moment—whether the event is true or not—the event could be possible and could have happened just as described, even if it did not actually happen. But it illustrates for us with the utmost clarity the great, anxious question: How can we answer the “Why?” regarding the value of a life so plagued by misfortune? — This does, however, draw our attention to the fact that it might be entirely impossible to speak of happiness or misfortune if one even considers the individual human life at all. And looking beyond this individual human life, at the very least, might prove to be a necessary shift in our habits of thought when we are faced with a life that seems so entangled in the world that no conception of the value of human life is compatible with what this life must endure between birth and death. Here, we seem to be pointed quite clearly beyond the boundaries of birth and death.
[ 5 ] Wenn wir aber nun die Worte Glück oder Unglück genauer ins Auge fassen, werden wir sogleich sehen, daß sie im Grunde genommen nur in einer gewissen Sphäre anzuwenden sind, daß uns zwar vieles draußen in der Welt, außerhalb des Menschen, an die eigentümliche Zusammenstimmung oder Nichtzusammenstimmung des Menschen mit der Welt erinnern kann, daß wir aber doch kaum in die Lage kommen können, bei ähnlichen, analogen Vorkommnissen außerhalb des Menschen von Glück oder Unglück zu sprechen. Nehmen wir einmal an, daß schon der Kristall, der sich nach gewissen Gesetzen in regelmäßigen Formen bilden soll, durch die Nachbarschaft anderer Kristalle oder durch sonstige Naturkräfte, die in seiner Nachbarschaft wirken, gezwungen werden kann, sich nicht allseitig auszubilden, indem er verhindert wird, jene Ecken und Kanten zu bilden, die er bilden sollte, so daß es gut ausgebildete, ihren inneren Gesetzen entsprechende Kristalle eigentlich sehr wenig in der Natur gibt. Oder wenn wir die Pflanze betrachten, so müssen wir sagen, daß auch ihr ein inneres Bildungsgesetz wie eingeboren ist. Aber bei wie vielen Pflanzen müssen wir sagen, daß sie keineswegs dazu kommen, die ganzeKraft ihrer inneren Bildungstriebe wirklich gegenüber Wind und Wetter und anderem, was sich in der Umgebung befindet, zur Entfaltung zu bringen. Und ein Gleiches können wir von den Tieren sagen. Ja, wir können noch weiter gehen und brauchen uns nur die nicht hinwegzuleugnende Tatsache vor Augen zu halten, wie viele Keime von Lebewesen im Entstehen vergehen und nicht zu einer wirklichen Ausbildung kommen, weil sie gegenüber den äußeren Verhältnissen keine Möglichkeit haben, wirklich das zu werden, wozu sie veranlagt sind. Denken wir, wie groß allein die Anzahl der Keime im Meere ist, die zu den Meeresbewohnern werden könnten, welche da oder dort dieseMeere bevölkern, und wie wenig davon wirklich zur Ausbildung kommen. Da könnten wir allerdings in einer gewissen Weise sagen: Wir sehen klar und deutlich, daß die Wesen, die uns in den verschiedenen Naturreichen entgegentreten, innere Bildungskräfte und Gesetze haben, daß aber diese inneren Bildungskräfte und Gesetze ihre Hemmnisse, ihre Grenzen an ihrer Umgebung finden und an der Unmöglichkeit, sich selbst mit der Umwelt in Einklang zu bringen. — Und wie könnten wir übersehen, daß in der Tat etwas Ähnliches vorliegt, wenn wir vom menschlichen Glück oder Unglück sprechen. Da sehen wir, wie der Mensch die Möglichkeit sich auszuleben, dadurch nicht in Wirklichkeit verwandeln kann, daß sich ihm Hemmnis über Hemmnis entgegensetzt. Oder wir können sehen, daß der Mensch gleich einem Kristall — es ist das nur methaphorisch gesagt -, der so glücklich ist, daß er nach allen Seiten seine Ecken und Kanten frei ausbilden kann, sagen könnte: Mich hindert nichts, mir kommen die äußeren Umstände, mir kommt der Gang der Welt entgegen, sie helfen mir, das aus mir auszubilden, was in meinem inneren Wesenskern veranlagt ist! — Und nur im letzteren Falle spricht der Mensch gewöhnlich davon, daß er Glück habe. Ein anderes Verhältnis läßt ihn entweder gleichgültig, oder zwingt ihn direkt von Unglück zu sprechen. Aber wir können, wenn wir nicht bloß bildlich sprechen wollen, ohne ins Phantastische zu verfallen, immerhin nicht von dem Unglück der Kristalle, der Pflanzen oder gar der unzähligen Keime sprechen, die im Meere verkommen, bevor sie überhaupt entstehen können. Wir müssen schon, das fühlen wir, ins Menschenleben aufsteigen, um eine Berechtigung zu haben, von Unglück oder Glück zu sprechen. Und wir bemerken innerhalb des Menschenlebens bald, daß es eine Grenze gibt, an welcher wir nicht mehr von Glück oder Unglück sprechen können, trotzdem das Äußere, was den Menschen treibt, zunächst für sein unmittelbares Leben zerstörend, hemmend, hindernd sein kann. Oder sprechen wir etwa — wir können fühlen, daß wir es nicht tun —, wenn wir den großen Märtyrer, der irgendeine bedeutsame Sache der Welt zu überbringen hat, durch die seiner Aufgabe feindlichen Gewalten dem Tode verfallen sehen, — sprechen wir mit einem gewissen Recht zum Beispiel einem Giordano Bruno gegenüber, weil er dem Feuertode überliefert worden ist, von Unglück? Wir fühlen es, daß hier im Menschen selber etwas liegt, wo die Möglichkeit aufhört, von einem bloßen Unglück oder, wenn die Sache gelingt, von einem Glück zu sprechen. So sehen wir Glück oder Unglück geradezu auf die menschliche Sphäre und innerhalb derselben gewissermaßen auch wieder auf ein engeres Gebiet verwiesen.
[ 5 ] But if we now take a closer look at the words “happiness” or “unhappiness,” we will immediately see that, strictly speaking, they are applicable only within a certain sphere; that while many things out there in the world, outside of human beings may remind us of the peculiar harmony or disharmony between human beings and the world, we can hardly find ourselves in a position to speak of “happiness” or “misfortune” in connection with similar, analogous occurrences outside of human beings. Let us suppose, for example, that even a crystal—which is supposed to form regular shapes according to certain laws—can be compelled, by the proximity of other crystals or by other natural forces acting in its vicinity, not to develop in all directions, in that it is prevented from forming the corners and edges it should form, so that there are actually very few well-formed crystals in nature that conform to their inner laws. Or if we consider the plant, we must say that it, too, possesses an innate law of formation. But in the case of how many plants must we say that they by no means manage to truly unleash the full power of their inner growth impulses against wind and weather and other factors in their environment? And we can say the same of animals. Indeed, we can go even further; we need only keep in mind the undeniable fact of how many embryos of living beings perish in the process of development and do not reach true maturity, because, in the face of external conditions, they have no opportunity to truly become what they are predisposed to be. Let us consider how vast is the number of embryos in the sea alone that could become the marine creatures that populate these seas here and there, and how few of them actually reach full development. In a certain sense, we could indeed say: We see clearly that the beings we encounter in the various kingdoms of nature possess inner formative forces and laws, but that these inner formative forces and laws encounter their obstacles and limitations in their environment and in the impossibility of harmonizing themselves with it. — And how could we fail to see that something similar is indeed at work when we speak of human happiness or unhappiness? There we see how human beings, faced with obstacle after obstacle, are unable to transform the possibility of living out their full potential into reality. Or we can see that a human being, like a crystal—and this is only a metaphor—who is so fortunate as to be able to freely develop his or her edges and corners in every direction, could say: Nothing hinders me; external circumstances and the course of the world work in my favor; they help me to develop what is inherent in the core of my being! — And it is only in the latter case that a person usually speaks of being lucky. Any other situation either leaves them indifferent or compels them to speak directly of misfortune. But if we do not wish to speak merely in figurative terms—without lapsing into the fantastical—we certainly cannot speak of the misfortune of crystals, plants, or even the countless germs that perish in the sea before they can even come into being. We must, as we sense, ascend to human life in order to have any justification for speaking of misfortune or good fortune. And within human life we soon notice that there is a limit beyond which we can no longer speak of good fortune or misfortune, even though external circumstances—which drive human beings—may at first appear to be destructive, inhibiting, or hindering to their immediate existence. Or do we—though we can sense that we do not—speak of misfortune, for example, when we see the great martyr, who has some significant message to convey to the world, fall to his death at the hands of forces hostile to his mission—do we, with some justification, speak of misfortune in the case of, say, Giordano Bruno, because he was condemned to death by burning? We sense that there is something inherent in human beings themselves where the possibility of speaking of mere misfortune—or, if the endeavor succeeds, of good fortune—comes to an end. Thus, we see that good fortune and misfortune are confined to the human sphere and, within that sphere, are in a sense further restricted to a narrower domain.
[ 6 ] Wenn wir nun an den Menschen selber herantreten da, wo er sein Leben innerhalb von Glück und Unglück empfindet, so stellt sich heraus, daß sich im Grunde genommen dieses Glück oder Unglück recht wenig irgendwo fassen läßt, wenn wir es begrifflich fassen wollen. Denn betrachten wir einmal Diogenes — mag auch wieder eine Legende zugrunde liegen, möglich ist aber, daß es so geschehen ist — wie ihn Alexander auffordert, daß er sich eine Gunst, also sagen wir ein Glück, von ihm ausbitte. Und siehe da, Diogenes fordert, wie nicht sehr viele Menschen in diesem Falle, daß Alexander ihm aus der Sonne gehe. Das also war es, was ihm in diesem Augenblicke zu seinem Glück fehlte. Wie würde mancher andere in diesem Augenblicke das, was zu seinem Glück fehlte, für sich selber interpretiert haben? Aber gehen wir weiter. Kann jemand im entferntesten glauben, daß das Glück des genußsüchtigen Menschen, der sein Leben nur dann als ein glückliches betrachtet, wenn alle seine Begierden, die aus seinen Leidenschaften und Trieben heraus entstehen, ihm befriedigt werden können, manchmal durch die alltäglichsten Genüsse, daß das, was ein solcher Glück nennt, auch Glück sein könnte für den Asketen, der die Vervollkommnung seines Wesens davon erwartet und nur dadurch das Leben für lebenswert hält, daß er sich selber in jeder Weise alles mögliche entzieht, daß er sich auch selber sogar gewissen Schmerzen und Leiden aussetzt, die nicht sonst vom gewöhnlichen Glück oder Unglück über ihn verhängt wären? Wie verschieden sind die Vorstellungen von Glück und Unglück bei einem Asketen und bei einem Genüßling! Aber wir können noch weiter gehen, um zu zeigen, wie uns ein jeglicher Begriff von Glück, der allgemein sein will, aus den Händen gleitet. Wir brauchen lediglich daran zu denken, wie unglücklich ein Mensch sein kann, der ohne Grund, ohne daß irgendeine wahre Realität zugrunde liegt, recht eifersüchtig wird. Nehmen wir einen Menschen, der gar keinen Grund zur Eifersucht hat, der aber in dem Glauben ist, daß er alle möglichen Gründe dafür habe. Er ist im tiefsten Sinne des Wortes unglücklich — und es gibt gar keinen äußeren Anlaß dazu. Aber das Maß, die Intensität des Unglückes hängt durchaus nicht von irgendeiner äußeren Realität ab, sondern lediglich von der Art, wie sich der betreffende Mensch, und zwar in diesem Falle ganz aus einer Illusion heraus, zu der äußeren Realität in seinem Leben stellt.
[ 6 ] If we now approach human beings themselves at the point where they experience their lives in terms of happiness and unhappiness, it turns out that, fundamentally speaking, this happiness or unhappiness can hardly be grasped anywhere if we try to define it conceptually. For let us consider Diogenes—even if this is based on a legend, it is possible that it happened this way—when Alexander asked him to request a favor, that is, let us say, a form of happiness, from him. And lo and behold, Diogenes demanded—as very few people would in this situation—that Alexander step out of the sun. So that was what he lacked at that moment for his happiness. How might many others have interpreted for themselves, at that moment, what was missing for their own happiness? But let us continue. Can anyone even remotely believe that the happiness of the pleasure-seeking person—who considers his life happy only when all his desires, arising from his passions and instincts, can be satisfied— sometimes through the most mundane pleasures—that what such a person calls happiness could also be happiness for the ascetic, who expects the perfection of his being to come from this and considers life worth living only by depriving himself of everything possible in every way, even to the point of subjecting himself to certain pains and sufferings that would not otherwise be imposed upon him by ordinary happiness or unhappiness? How different are the conceptions of happiness and unhappiness in an ascetic and in a hedonist! But we can go even further to show how any concept of happiness that claims to be universal slips through our fingers. We need only consider how unhappy a person can be who becomes quite jealous for no reason, without any true reality underlying it. Let us take a person who has absolutely no reason to be jealous, but who believes that he has every possible reason for it. He is unhappy in the deepest sense of the word—and there is no external cause for it at all. But the degree, the intensity of this unhappiness, does not depend at all on any external reality, but solely on the way in which the person in question—in this case, entirely based on an illusion—relates to the external reality in his life.
[ 7 ] Daß nicht nur das Unglück, sondern auch das Glück höchst subjektiv sein kann, daß es uns sozusagen bei jedem Schritt und Tritt von der Außenwelt in die Innenwelt verweist, das zeigt eine sehr schöne Erzählung, die uns Jean Paul in seinen «Flegeljahren» im Beginne des ersten Bändchens gegeben hat, in der ein Mensch, der sonst in Mitteldeutschland lebt, sich das Glück ausmalt, das es für ihn wäre, wenn er in Schweden Pfarrer sein könnte. Es ist eine ganz reizende Stelle, wie er sich ausmalt, wenn er in seinem Pfarrhof sitzen und den Tag erleben würde, da es schon nachmittags um zwei Uhr finster wird. Wie die Menschen in die Kirche gehen würden, jeder mit seinem eigenen Licht, wo dann die Bilder aufsteigen, die er einmal als Kind hatte, wo jedes seiner Geschwister auch mit einem eigenen Licht kam, wie er schwelgt beim Phantasiebild des Kirchganges der Leute durch die Finsternis, jeder mit seinem eigenen Licht. Oder wenn er sich hineinträumt in andere Situationen, die einfach dadurch hervorgerufen werden, daß sie an gewisse Naturzusammenhänge erinnern, zum Beispiel er wäre in Italien, er brauchte sich bloß vorzustellen, daß man die Orangenbäume sieht und so weiter. Das alles versetzt ihn in eine Stimmung wunderbarsten Glückes, aber es ist gar nichts davon irgendeine Realität, sondern alles ist nur Traum.
[ 7 ] The fact that not only misfortune but also happiness can be highly subjective—that it, so to speak, at every turn directs us from the external world to the inner world—is illustrated by a very beautiful story that Jean Paul presented to us at the at the beginning of the first volume, in which a man who otherwise lives in Central Germany imagines the happiness he would find if he could be a pastor in Sweden. It is a truly charming passage, the way he imagines sitting in his parsonage and experiencing the day as it grows dark as early as two o’clock in the afternoon. How people would walk into the church, each carrying their own light—and then the images from his childhood would resurface, when each of his siblings also came with their own light—how he revels in the fantasy of people walking to church through the darkness, each with their own light. Or when he daydreams his way into other situations, which are evoked simply by the fact that they remind him of certain natural phenomena—for example, if he were in Italy, he would only need to imagine seeing the orange trees and so on. All of this puts him in a mood of the most wonderful happiness, but none of it is reality at all; rather, it is all just a dream.
[ 8 ] Zweifellos weist Jean Paul mit diesem Traum eines Pfarrers in Schweden auf tiefe Zusammenhänge der Glücks- oder Unglücksfragen hin, indem er zeigen will, wie im Grunde genommen die Frage nach Glück oder Unglück von der Außenwelt doch abgelenkt werden kann auf das menschliche Innere. Sonderbar, wir haben hier deshalb, weil Glück und Unglück ganz abhängen können von dem menschlichen Inneren, den Begriff des Glückes als einen allgemeinen zerfließen sehen. Und doch wieder, wenn wir auf das blicken, was der Mensch gewöhnlich sein Glück oder Unglück nennt, dann bezieht er das, was er so bezeichnet, in unzähligen Fällen ganz gewiß nicht auf sein Inneres, sondern auf irgend etwas Äußeres. Ja, wir könnten sogar sagen: Das Eigenartige des Bedürfnisses nach Glück beim Menschen ist tief darin begründet, daß der Mensch unablässig den Drang hat, nicht einsam und allein mit seinem Denken, mit seinem Fühlen und seinem ganzen innerlichen Werden zu sein, sondern im Einklange mit dem, was in seiner Umgebung wirkt und webt. — Von Glück spricht der Mensch im Grunde genommen dann, wenn er nicht will, daß das, was er an Erfolg, an Wirkung hat, nur von ihm abhänge, sondern wenn er gerade Wert darauf legt, daß es nicht von ihm, sondern von etwas anderem abhängt. Wir brauchen uns nur — zweifellos gehört hier das Kleinste und das Größte zusammen — das Glück des Spielers vor Augen malen. Wir können ganz gut das Glück des Spielers in einen Zusammenhang bringen, man möchte sagen, so paradox es erscheint, mit der Befriedigung, die jemand an einer gewonnenen Erkenntnis hat. Denn was wir erkannt haben, ruft in uns das Gefühl hervor, daß wir in unserem Denken, in unserem Seelenleben in Einklang stehen mit der Welt, daß wir dasjenige, was draußen ist, in der Auffassung auch in unserem Inneren haben, daß wir nicht einsam hier stehen und die Welt uns anstarrt wie ein Rätsel, sondern daß das Innere auf das Äußere antwortet. Daß ein lebendiger inniger Kontakt mit dem Äußeren da ist, daß das Äußere im Inneren wieder aufleuchtet und sich spiegelt, daß das Äußere etwas zu tun habe mit dem Inneren, wofür ein Zusammenstimmen der Beweis ist, das ist doch im Grunde genommen die Befriedigung, die wir an der Erkenntnis haben. Beim Spieler, der gewinnt, können wir nicht anders, wenn wir uns seine Befriedigung analysieren wollen, als uns sagen — selbst wenn ihm der Gedanke, worauf seine Befriedigung beruht, nicht aufsteigt, sie könnte nicht da sein, wenn er selbst das tun könnte, was eintritt. Und die Befriedigung beruht darauf, daß etwas ohne sein Zutun außer ihm herbeigeführt wird, daß die Welt gleichsam auf ihn Rücksicht nimmt —, daß sie etwas heranträgt, was ihm zugute kommt, daß die Welt im einzelnen Falle zeigt, daß er nicht außer ihr steht, sondern daß er einen bestimmten Kontakt, einen bestimmten Zusammenhang mit ihr hat. Und das Unglück, das der Spieler empfindet, wenn er verliert, beruht im Grunde genommen darauf, daß es für ihn eine solche Empfindung nicht gibt, sondern das Unglück löst in ihm eine Empfindung aus, als wenn er von der Welt ausgeschlossen wäre, als ob sie keine Rücksicht auf ihn nähme, als wenn der Kontakt mit ihr durchbrochen wäre.
[ 8 ] Undoubtedly, with this dream of a pastor in Sweden, Jean Paul points to profound connections regarding the questions of happiness and unhappiness, seeking to show how, at its core, the question of happiness or unhappiness can be redirected from the external world to the human inner self. Strangely enough, precisely because happiness and unhappiness can depend entirely on the human inner world, we see the concept of happiness dissolve into a general abstraction. And yet, when we look at what people usually call their happiness or unhappiness, in countless cases they certainly do not relate what they call that to their inner world, but rather to something external. Indeed, we could even say: The peculiar nature of the human need for happiness is deeply rooted in the fact that human beings have an incessant urge not to be lonely and alone with their thoughts, their feelings, and their entire inner life, but to be in harmony with what is at work and unfolding in their surroundings. — Fundamentally, people speak of happiness when they do not want their success or impact to depend solely on themselves, but rather when they place value precisely on the fact that it depends not on them, but on something else. We need only—and here, undoubtedly, the smallest and the greatest belong together—picture in our minds the happiness of the gambler. We can quite easily relate the gambler’s happiness—paradoxical as it may seem—to the satisfaction one derives from a newly gained insight. For what we have come to know evokes within us the feeling that we are in harmony with the world in our thinking and in our inner life, that what exists outside is also present within us in our understanding, that we do not stand here alone with the world staring at us like a riddle, but that the inner world responds to the outer world. That there is a living, intimate contact with the external world; that the external world is reflected and shines anew within us; that the external world has a connection with the inner world—as evidenced by this harmony—this, after all, is the satisfaction we derive from insight. In the case of the gambler who wins, if we wish to analyze his satisfaction, we cannot help but tell ourselves—even if the thought of what his satisfaction is based on does not occur to him—that it could not exist if he himself were able to bring about what actually happens. And that satisfaction rests on the fact that something is brought about outside of him without his intervention, that the world, as it were, takes him into account—that it brings him something that benefits him, that the world shows, in this particular instance, that he is not outside of it, but that he has a certain contact, a certain connection with it. And the unhappiness the gambler feels when he loses is based, fundamentally, on the fact that such a feeling does not exist for him; rather, the unhappiness triggers in him a feeling as if he were excluded from the world, as if it took no account of him, as if contact with it had been severed.
[ 9 ] Kurz, wir sehen, wie es gar nicht richtig ist, daß der Mensch mit Glück oder Unglück nur etwas meint, was in seinem Innern abgeschlossen sein kann, sondern gerade das im tiefsten Sinne meint, wenn er von Glück oder Unglück spricht, was einen Zusammenhang herstellen kann zwischen ihm und der Welt. Deshalb wird der Mensch unserer aufgeklärten Zeit kaum irgendeiner Sache gegenüber so leicht abergläubisch, so grotesk abergläubisch, als gerade dem gegenüber, was manGlück, was man seineErwartung von irgendwelchen Kräften oder Elementen nennt, die außerhalb seiner liegen und ihm zu Hilfe kommen sollen. Wenn beim Menschen so etwas vorliegt, kann er recht abergläubisch werden. Ich kannte einmal einen sehr aufgeklärten deutschen Dichter. Der schrieb in der Zeit, von der hier die Rede ist, ein Drama. Dieses Drama wurde bis zum Ende eines bestimmten Monats, das konnte er sich schon vorher sagen, nicht fertig. Aber er hatte den Aberglauben, daß er mit diesem Drama nur einen Erfolg haben könne, wenn es vor dem Ersten des nächsten Monats an die betreffende Theaterdirektion eingeschickt würde. Würde es später werden, so hatte er den Aberglauben, dann könnte es keinen Erfolg haben. Zufällig ging ich nun, als die letzten Tage des Monats heranrückten, auf der Straße, ich wußte aus dem Verkehr mit dem Betreffenden, daß er mit seiner Arbeit lange nicht fertig war, da sah ich ihn in rasender Eile auf dem Zweirade zur Post fahren. Ich wartete, und als er wieder herauskam, sagte er mir: «Ich habe nun mein Drama an das Theater eingeschickt.» Ich fragte ihn darauf: «Sind Sie denn fertig geworden?» Da meinte er: «Ich habe noch an den letzten Akten zu arbeiten. Aber ich habe es jetzt so eingeschickt, weil ich glaube, daß es nur einen Erfolg haben kann, wenn es noch vor Ablauf dieses Monats ankommt. Ich habe aber auch gleich dazu geschrieben, daß man es mir, wenn es einläuft, wieder zurückschicken möchte. Dann werde ich es fertig machen. Aber es muß zu dieser Zeit eingeschickt werden!» Da sehen wir, wie sozusagen ein Mensch nicht vertraut auf das, was er kann, sondern daß er die Hilfe von außen erwartet, wie er erwartet, daß das, was werden soll, nicht bloß durch ihn gemacht werde, durch seine Tüchtigkeit oder seine Kraft, sondern daß ihm die Welt außerhalb seiner zu Hilfe kommt, daß sie etwas weiß von ihm, so daß er nicht so einsam dasteht mit dem, was er als einzelne Seele ist.
[ 9 ] In short, we see that it is not at all correct for a person to regard happiness or unhappiness merely as something that can be confined to his inner self; rather, when he speaks of happiness or unhappiness, he means—in the deepest sense—precisely that which can establish a connection between himself and the world. That is why people in our enlightened age are hardly as easily superstitious—or as grotesquely superstitious—about any other matter as they are about what is called “luck,” that is, their expectations of certain forces or elements that lie outside themselves and are supposed to come to their aid. When such a thing is present in a person, they can become quite superstitious. I once knew a very enlightened German poet. During the period in question, he was writing a play. He knew in advance that this play would not be finished by the end of a certain month. But he held the superstition that he could only achieve success with this play if it were sent to the relevant theater management before the first of the following month. He was superstitious that if it were sent later, it would not be a success. As it happened, as the last days of the month were drawing near, I was walking down the street—I knew from my interactions with him that he was far from finished with his work—when I saw him riding his bicycle at breakneck speed to the post office. I waited, and when he came back out, he told me, “I’ve now sent my play to the theater.” I asked him, “Have you actually finished it?” He replied, “I still have to work on the last few acts. But I’ve sent it in now because I believe it can only be a success if it arrives before the end of this month. But I also wrote right along with it that they should send it back to me once it arrives. Then I’ll finish it. But it has to be sent in by that time!” Here we see, so to speak, a person who does not trust in his own abilities, but rather expects help from outside—just as he expects that what is to come about will not be achieved solely through him, through his competence or his strength, but that the world outside of him will come to his aid, that it knows something about him, so that he does not stand there so alone with what he is as an individual soul.
[ 10 ] Alles das beweist uns nur, daß im Grunde genommen wirklich der Begriff des Glückes in seiner Allgemeinheit uns entschlüpft, wenn wir ihn fassen wollen. Und er entschlüpft einem auch, wenn man sich in der Literatur bei denjenigen umschaut, die über das Glück irgend etwas geschrieben haben, denn es schreiben ja über die Dinge gewöhnlich Menschen, die sich sozusagen mit dem Schreiben in irgendeiner Weise beschäftigen. Nun weiß ein jeder von vornherein, daß man in einer richtigen Weise eigentlich nur von demjenigen sprechen kann, mit dem man in einer lebensvollen, nicht bloß in einer theoretischen Beziehung steht. Diejenigen nun, die als Philosophen oder als Psychologen über das Glück schreiben, stehen ja im Grunde genommen in einer lebensvollen Beziehung nur mit demjenigen an Glück oder Unglück, was sie selbst erlebt haben. Nun ist schon ein Faktor, der außerordentlich stark in die Waagschale fällt, der, daß Erkennen an sich, wie es uns in der äußeren Menschenwelt entgegentritt, daß Wissen, wenn es in einem gewissen höheren Sinne genommen wird, von vornherein eine Art Glück bedeutet. Das wird jeder zugeben, der jene innere Beseligung je gefühlt hat, welche Erkenntnis geben kann, und das wird im Grunde genommen dadurch beglaubigt, daß die hervorragendsten Philosophen, angefangen bei Aristoteles bis in unsere Zeit, immerdar den Besitz der Weisheit, des Wissens als ein besonderes Glück bezeichnet haben. Aber wir müssen uns auf der anderen Seite doch wieder fragen: Was hat eine solche Antwort auf die Frage nach dem Glück gegenüber demjenigen zu bedeuten, der wochenlang, mit wenig Ausnahmen, unten in einem finsteren Bergwerke arbeitet, oder dem gegenüber, der im Bergwerke verschüttet wird und vielleicht tagelang noch in grauenvollstem Zustande lebt? Was hat eine solche philosophische Ausdeutung des Glückes mit dem zu tun, was in der Seele eines Menschen lebt, der niedrige, vielleicht ekelhafte Arbeit im Leben zu verrichten hat? — Das Leben gibt merkwürdige Antwort auf die Frage nach dem Glück. Und wir können in Hülle und Fülle die Erfahrung machen, daß die Antworten der Philosophen wirklich in einer merkwürdig grotesken Art sich oftmals gerade in dieser Beziehung von dem entfernen, was uns alltäglich im Leben entgegentreten kann, wenn wir dieses Leben nur in seiner wahren Gestalt betrachten wollen. Aber auch anderes lehrt uns wieder das Leben über das Glück. Und da erscheint uns selbst von den eben geltend gemachten Standpunkten aus als ein merkwürdiger Widerspruch in der Glückauffassung das Leben selber. Es sei ein Fall für viele erzählt.
[ 10 ] All of this merely proves to us that, when we try to grasp it, the concept of happiness in its generality truly eludes us. And it also eludes us when we look to literature at those who have written anything at all about happiness, for it is usually people who, so to speak, are engaged in writing in some way who write about such things. Now everyone knows from the outset that one can really speak properly only of that with which one has a vital, not merely a theoretical, relationship. Now, those who write about happiness as philosophers or psychologists are, in essence, in a vital relationship only with that aspect of happiness or unhappiness which they themselves have experienced. Now, one factor that weighs extremely heavily in the balance is that cognition itself—as it presents itself to us in the external human world—that knowledge, when taken in a certain higher sense, constitutes a kind of happiness from the very outset. Anyone who has ever felt that inner bliss which knowledge can bestow will admit this, and it is essentially corroborated by the fact that the most outstanding philosophers—from Aristotle down to our own time—have always described the possession of wisdom and knowledge as a special form of happiness. But on the other hand, we must ask ourselves once again: What significance does such an answer to the question of happiness hold for someone who, with few exceptions, works for weeks on end down in a dark mine, or for someone who is buried in a mine and perhaps survives for days in the most horrific conditions? What does such a philosophical interpretation of happiness have to do with what lives in the soul of a person who must perform menial, perhaps repulsive, work in life? — Life provides strange answers to the question of happiness. And we can experience in abundance that the philosophers’ answers, in a truly strange and grotesque way, often diverge in this very regard from what we encounter in everyday life—if we are willing to view this life in its true form. But life also teaches us other things about happiness. And even from the perspectives just outlined, life itself appears to us as a strange contradiction in the conception of happiness. Let us recount a case that applies to many.
[ 11 ] Nehmen wir einmal an, ein Mensch mit, sagen wir, höheren Ideen, selbst mit der Fähigkeit einer ausgezeichneten Phantasie, müsse eine niedere Arbeit verrichten. Er müsse als gemeiner Soldat fast sein ganzes Leben zubringen. Ich spreche von einem Falle aus dem Leben, der wahrhaftig keine Legende ist, sondern von dem Falle eines höchst merkwürdigen Menschen, Josef Emanuel Hilscher mit Namen, der 1806 in Österreich geboren, 1837 gestorben ist, der die längste Zeit seines Lebens als gemeiner Soldat zu dienen hatte, es zu nichts gebracht hatte als zum Fourier, und der trotz glänzender Begabungen nicht über diesen Grad hinauskommen konnte. Dieser Mann hat eine größere Anzahl nicht nur formvollendeter, sondern tief vom Seelenleben durchdrungener Gedichte hinterlassen, auch ausgezeichnete Übersetzungen des englischen Dichters Byron. Dieser Mann hat ein reiches Innenleben gehabt. Man male sich den ganzen Kontrast aus, der da bei diesem Leben bestand zwischen dem, was ihm äußerlich der Tag an Glück brachte, und dem, was er innerlich durchlebt hat. Die Gedichte sind keineswegs von Pessimismus durchdrungen, sie sind durchdrungen von Kraft und Fülle. Sie zeigen uns, wie dieses Leben, trotz mancher Enttäuschungen, welche es für ein solches Leben gibt, bis zu einem gewissen Grade sich zu einer Unendlichkeit erweiterte und zu einer inneren Beseligung kam. Es ist schade, daß die Menschheit gerade solche Erscheinungen so leicht vergißt. Denn wenn wir uns wieder eine solche Erscheinung vor Augen stellen, so kann sich uns, weil die Dinge nur gradweise voneinander verschieden sind, zeigen, daß es vielleicht eine Möglichkeit selbst da noch gibt, wo das äußere Leben des Menschen ganz und gar von dem Glück verlassen zu sein scheint, von dem innersten Wesen des Menschen heraus eine Glückslage zu schaffen.
[ 11 ] Let us suppose that a person with, say, lofty ideals—even one endowed with an excellent imagination—is forced to perform menial labor. He must spend almost his entire life as a common soldier. I am speaking of a real-life case—one that is truly no legend—but rather the case of a most remarkable man, named Josef Emanuel Hilscher, who was born in Austria in 1806 and died in 1837, who had to serve as a common soldier for most of his life, rose to no higher rank than quartermaster, and who, despite brilliant talents, could not advance beyond that rank. This man left behind a large number of poems that are not only formally perfect but also deeply imbued with the life of the soul, as well as excellent translations of the English poet Byron. This man had a rich inner life. One can imagine the stark contrast that existed in this life between what each day brought him in terms of external happiness and what he experienced internally. The poems are by no means imbued with pessimism; they are imbued with strength and abundance. They show us how this life, despite the many disappointments that such a life entails, expanded to a certain degree into infinity and attained inner bliss. It is a pity that humanity forgets such phenomena so easily. For when we bring such a phenomenon back to mind, we may realize—since things differ from one another only gradually—that perhaps there is still a possibility, even where a person’s external life seems to be utterly devoid of happiness, to create a state of happiness from the very core of one’s being.
[ 12 ] Nun kann man insbesondere von dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, wenn man nämlich durchaus bei mißverständlichen oder primitiven Auffassungen bleiben will, sogar fanatisch gegen das Glück wettern, oder auch fanatisch einseitig aus der Idee der wiederholten Erdenleben und des Karma das Leben erklären wollen. Das Eine, fanatisch gegen das Glück zu wettern, wäre, wenn jemand aus mißverstandenen Unterlagen an die Geisteswissenschaft herantritt und sagen wollte, daß alles Streben nach Glück und Zufriedenheit doch nur Egoismus sei, und Geisteswissenschaft doch gerade den Menschen über den Egoismus hinauszuführen versuche. Schon Aristoteles fand es im Grunde genommen sogar lächerlich, wenn man behaupten wollte, daß der tugendhafte Mensch mitten in unerklärlichen Schmerzen irgendwie zufrieden sein könnte. Denn das Glück braucht nicht bloß als eine Befriedigung des Egoismus aufgefaßt zu werden, sondern selbst wenn das Glück zunächst nur eine Befriedigung des Egoismus bedeutet, so brauchte es doch zum Gesamtheile der Menschheit nicht wertlos sein. Denn das Glück kann auch so aufgefafßt werden, daß es unsere Seelenkräfte in eine gewisse harmonische Stimmung bringt und sie daher sich allseitig entfalten läßt, während Unglück disharmonische Stimmungen in unserem Seelenleben schafft und uns hindert, unsere Tüchtigkeiten und unsere Kräfte auszuleben. — So können wir das Glück, wenn es auch zunächst nur als eine Befriedigung des Egoismus gesucht wird, als den Pfleger von innerer harmonischer Seelenkraft ansehen, und wir können auf der einen Seite hoffen, daß der, welcher solche innere harmonische Seelenkraft durch das Glück zubereitet erhält, über seinen Egoismus allmählich hinauskommt, während der Mensch es wahrscheinlich schwer hat, aus dem Egoismus herauszukommen, wenn er nur von Unglück verfolgt wird. Und auf der anderen Seite kann man wieder sagen: Wenn der Mensch Glück anstrebt und als Befriedigung des Egoismus erhält, so kann er dadurch, daß seine Kräfte in Harmonie versetzt werden, für sich und andere in heilsamer Weise Gutes wirken. — So darf nicht einseitig bloß gewettert werden gegen das, was Glück genannt werden kann. Aber auf der anderen Seite begeht mancher, der da glaubt an die Geisteswissenschaft schon herangekommen zu sein, wenn er nur von ferne das eine oder das andere wahrgenommen hat, wieder einen Fehler, indem er sagt: Da habe ich einen unglücklichen Menschen und dort einen glücklichen vor mir. Wenn ich an Karma, an die Verursachung des einen Lebens aus dem anderen denke, so kann ich mir leicht erklären, wie der, welcher unglücklich ist, sich dieses Unglück in einem vorhergehenden Leben selbst zubereitet hat, und wie der Glückliche in einem früheren Leben sein Glück selbst verursacht hat. — Eine solche Aussage hat etwas Verfängliches aus dem Grunde, weil sie in einer gewissen Beziehung richtig ist. Aber Karma, das heißt das Gesetz von der Verursachung des einen Erdenlebens aus dem anderen, darf nicht im Sinne eines bloß erklärenden Gesetzes genommen werden, sondern man muß es als etwas ansehen, das in unseren Willen eindringt und uns dazu bringt, im Sinne dieses Gesetzes zu leben. Nur dann aber ist dieses Gesetz vor dem Leben berechtigt und gerechtfertigt, wenn es das Leben erhöht, bereichert. Dem Glück gegenüber hat sich uns gezeigt, daß der Mensch zunächst die Sucht nach dem Glück aus der Begierde heraus erzeugt, nicht einsam dazustehen, sondern etwas von den äußeren Verhältnissen der Welt zu haben, so daß diese auf ihn Rücksicht nehmen. Auf der anderen Seite hat sich uns gezeigt, daß aber Glück etwas sein kann, was im vollen Widerspruche mit den äußeren Tatsachen nur durch die Anschauungen des Menschen, durch das, was er an den äußeren Tatsachen erlebt, herbeigeführt werden kann.
[ 12 ] Now, particularly from the perspective of spiritual science—that is, if one insists on clinging to misleading or primitive notions—one might even rail fanatically against happiness, or seek to explain life in a fanatically one-sided manner based on the idea of repeated earthly lives and karma. One way to rail fanatically against happiness would be for someone, approaching spiritual science on the basis of misunderstood sources, to claim that all striving for happiness and contentment is nothing but egoism, and that spiritual science, in fact, seeks precisely to lead people beyond egoism. Even Aristotle, in essence, found it ridiculous to claim that a virtuous person could somehow be content in the midst of inexplicable suffering. For happiness need not be understood merely as a gratification of egoism; even if happiness initially means nothing more than a gratification of egoism, it need not be without value for the overall good of humanity. For happiness can also be understood as bringing our mental faculties into a certain harmonious state and thereby allowing them to unfold in every respect, whereas unhappiness creates disharmonious states in our inner life and prevents us from fully realizing our abilities and strengths. — Thus, even if happiness is initially sought merely as a satisfaction of egoism, we can regard it as the nurturer of inner, harmonious spiritual strength, and on the one hand, we can hope that the person who gains such inner, harmonious spiritual strength through happiness will gradually transcend his or her egoism, whereas a person is likely to find it difficult to move beyond egoism if he or she is pursued only by misfortune. And on the other hand, one might also say: When a person strives for happiness and receives it as a fulfillment of egoism, the harmonization of their powers enables them to work for the good of themselves and others in a wholesome way. — Thus, one must not simply rail one-sidedly against what can be called happiness. But on the other hand, many who believe they have already arrived at spiritual science—merely because they have perceived one thing or another from a distance—commit another error by saying: Here I have an unhappy person before me, and there a happy one. When I think of karma—the causality of one life arising from another—I can easily explain to myself how the one who is unhappy has brought this unhappiness upon himself in a previous life, and how the happy person has brought about his own happiness in an earlier life. — Such a statement is somewhat treacherous because, in a certain sense, it is correct. But karma—that is, the law of one earthly life arising from another—must not be taken in the sense of a merely explanatory law; rather, it must be regarded as something that penetrates our will and leads us to live in accordance with this law. Yet this law is valid and justified in the face of life only if it elevates and enriches life. With regard to happiness, it has become clear to us that human beings initially generate a craving for happiness out of the desire not to stand alone, but to have a share in the external circumstances of the world, so that these circumstances take them into account. On the other hand, it has become clear to us that happiness can be something that—in complete contradiction to external facts—can be brought about solely through human perceptions, through what a person experiences in those external facts.
[ 13 ] Wo gibt es einen nicht durch Abstraktionen und Theorien, sondern durch die Wirklichkeit selbst herbeigeführten Ausgleich dieses scheinbaren Widerspruches? Wir können einen Ausgleich dieses scheinbaren Widerspruches finden, wenn wir unseren geistigen Blick auf das wenden, was wir den inneren Wesenskern des Menschen nennen können, auf dasjenige, wovon wir in den bereits gehaltenen Vorträgen ge- . sagt haben, daß es an dem äußeren Menschen arbeitet, selbst das Leibliche gestaltet, aber auch den Menschen hinstellt an seinen Ort, an seinen Platz in der Welt. Wenn wir uns an diesen inneren Wesenskern des Menschen halten und uns fragen: Wie kann sich dieser innere Wesenskern zum Glück oder Unglück des Menschen verhalten? — so bekommen wir am leichtesten eine Antwort, wenn wir darauf Rücksicht nehmen, daß an einen solchen Wesenskern des Menschen diese oder jene Glücksverhältnisse herantreten können, so daß der Mensch sich sagen muß: Ich habe dieses oder jenes beabsichtigt, habe dieses oder jenes gewollt, ich habe auch meine Klugheit, meine Weisheit in diejenige Richtung gelenkt, daß dieses oder jenes kommen konnte, aber nun sehe ich an dem, was eingetreten ist, daß der Erfolg weit über das hinausgeht, was ich durch meine Klugheit veranlagt, was ich vorherbestimmt habe oder vorher habe sehen können. — Welcher Mensch, gerade in verantwortungsvollen Stellungen in der Welt, würde sich nicht in unzähligen Fällen so etwas sagen, daß er zwar Kräfte aufgewendet hat, daß ihm aber ein Erfolg zugefallen ist, der in gar keinem Verhältnisse steht zu den aufgewandten Kräften. Was kann ein Mensch, wenn wir des Menschen Wesenskern nicht als etwas auffassen, was nur einmal da ist, sondern als etwas, was in voller Entwickelung begriffen ist, ihn auffassen im Sinne der Geisteswissenschaft, wenn wir ihn als das auffassen, was nicht bloß das eine Leben, sondern viele Leben gestaltet, was also das eine Leben in unserer unmittelbaren Gegenwart gerade so gestalten will, wie es ist, und uns sagen, daß, wenn dieser innere Wesenskern durch die Pforte des Todes geht, er dann durch eine übersinnliche Welt durchgeht, um sich, wenn die Zeit gekommen ist, in einem neuen Dasein in einem physischen Leben zu betätigen, — was kann ein Mensch, der seinen zentralen Wesenskern so auffaßt, der innerhalb einer solchen Weltauffassung sich selber erfaßt, für eine Stellung einnehmen gegenüber einem Erfolg, der ihm in der geschilderten Weise zugeflossen ist? Er wird sich nimmermehr sagen: Also hat es das Glück gegeben, also bin ich befriedigt, ich bin froh, daß ich zwar mit den Kräften, die ich in Bewegung gebracht habe, ein Geringes nur gewollt habe, aber das Größere ist mir vom Glück zugeflossen! — Das wird ein solcher Mensch, der an Karma und an die wiederholten Erdenleben im Ernste glaubt und sein Leben im Sinne von Karma einrichten will, sich niemals sagen, sondern er wird sich sagen: Dieser Erfolg ist da. Ich selber aber habe mich gegenüber diesem Erfolg als schwach erwiesen. Ich werde nicht zufrieden sein mit dem Erfolg, sondern ich werde an ihm lernen meine Kräfte zu erhöhen, ich werde Keime in meinen inneren Wesenskern lenken, die ihn zu immer höheren und höheren Vollkommenheiten führen werden. Mein unverdienter Erfolg, mein Glückszufall zeigt mir, was mir fehlt. Ich muß von ihm lernen. — Eine andere Antwort kann sich der, welcher dem Glück im Erfolge gegenübersteht und im rechten Sinne auf das Karma sieht, an Karma glaubt, nicht geben. Was tut er damit? Ein solcher Glückszufall Zufall ist hier nicht in dem gewöhnlichen Sinne gemeint, sondern so, daß einem etwas zufällt — macht ihn nicht zu etwas, was er als ein Letztes hinnimmt, sondern was ihm zu einem Anfang, zu einem Ersten wird, von dem er lernt, und was sein Licht hineinwirft in die folgenden Entwickelungszustände seines Daseins.
[ 13 ] Where can we find a resolution to this apparent contradiction—one brought about not by abstractions and theories, but by reality itself? We can find a resolution to this apparent contradiction if we turn our spiritual gaze toward what we might call the inner essence of the human being—that which, as we have said in previous lectures, works upon the outer human being, shapes even the physical body, but also places the human being in his rightful place in the world. If we focus on this inner core of the human being and ask ourselves: How can this inner core relate to a person’s happiness or unhappiness? — we will most easily find an answer if we take into account that various circumstances of happiness can approach such an inner core, so that the person must say to themselves: I intended this or that, I willed this or that; I also directed my prudence and wisdom in such a way that this or that could come to pass; but now I see, from what has occurred, that the outcome far exceeds what I had arranged through my prudence, what I had predetermined, or what I had been able to foresee. — What person, especially those in positions of responsibility in the world, would not say something like this to themselves in countless instances: that while they have indeed expended energy, a success has befallen them that bears no relation whatsoever to the energy expended. What can a person do—if we do not conceive of the core of the human being as something that exists only once, but rather as something in the process of full development; if we understand it in the sense of spiritual science, as that which shapes not merely one life but many lives, and which therefore seeks to shape this one life in our immediate present exactly as it is— and tell us that when this inner core of being passes through the gate of death, it then traverses a supersensible world in order to act, when the time has come, in a new existence within a physical life, — what attitude can a person who conceives of their central essence in this way, who understands themselves within such a worldview, adopt toward a success that has come to them in the manner described? They will never say to themselves: “So fortune has smiled upon me; therefore, I am satisfied,” I am glad that, although I intended only a small thing with the forces I set in motion, something greater has come to me through good fortune!” — Such a person, who sincerely believes in karma and in repeated earthly lives and wishes to organize his life in accordance with karma, will never say this to himself; rather, he will say: “This success is here. I myself, however, have proven weak in the face of this success. I will not be content with the success, but I will use it to learn how to increase my powers; I will direct seeds into the core of my inner being that will lead it to ever higher and higher levels of perfection. My undeserved success, my stroke of luck, shows me what I lack. I must learn from it. — One who faces the good fortune of success and views karma in the proper sense—who believes in karma—cannot give himself any other answer. What does he do with it? Such a stroke of luck—where “luck” is not meant here in the ordinary sense, but rather in the sense that something befalls one—does not make it something he accepts as an end in itself, but rather something that becomes a beginning, a starting point from which he learns, and which sheds light on the subsequent stages of development in his existence.
[ 14 ] Was ist aber der Gegensatz von dem, was wir jetzt eben angeführt haben? Stellen wir es uns einmal richtig vor Augen. Gerade dadurch wird der an die wiederholten Erdenleben und an das Karma oder an die geistigen Verursachungen glaubende Mensch zur Anspornung seiner Kräfte Keime erhalten, daß er den Glückserfolg überhaupt als einen Anfang, als eine Ursache für seine weitere Entwickelung betrachtet. Der Gegensatz davon wäre der, wenn wir im umgekehrten Falle ein Unglück, einen Mißerfolg, der an uns herantritt, auch nicht in der Weise einfach hinnehmen, daß wir sagen, es habe uns eben getroffen. Sondern es nimmt der, welcher das Leben des Menschen über das einzelne Erleben hinaus erschaut, als ein Ende, als ein Letztes hin, als etwas, dessen Ursachen man ebenso in der Vergangenheit zu suchen hat, wie der Erfolg, der als ein Glückserfolg eintritt, seine Wirkungen in der Zukunft zu suchen hat, der Zukunft unserer eigenen Entwickelung. Das Unglück schauen wir als eine Wirkung unserer eigenen Entwickelung an. Wie das?
[ 14 ] But what is the opposite of what we have just mentioned? Let us really bring this to mind. It is precisely through this that a person who believes in repeated earthly lives, in karma, or in spiritual causes will receive the seeds to spur on their strength, so that they regard success and good fortune as a beginning, as a cause for their further development. The opposite of this would be if, in the reverse case, we did not simply accept a misfortune or failure that befalls us by saying, “It just happened to us.” Rather, those who perceive human life as extending beyond individual experiences regard it as an end in itself, as something ultimate—something whose causes must be sought in the past, just as success, when it occurs as a stroke of good fortune, has its effects to be found in the future—the future of our own development. We view misfortune as an effect of our own development. How so?
[ 15 ] Das können wir uns eben durch einen Vergleich klar machen, der uns zeigt, daß wir nicht in jeder Lage des Lebens richtige Beurteiler der Verursachung des Lebens sind. Nehmen wir an, ein Mensch habe bis zu seinem achtzehnten Jahre lässig und träge aus der Tasche seines Vaters gelebt, aber er hat nach seiner Auffassung in einem richtigen Glück gelebt. Als er achtzehn Jahre alt ist, verliert der Vater sein Vermögen. Dadurch ist der Sohn nun gezwungen, nicht träge und faul weiter dahinzuleben, sondern etwas Ordentliches zu lernen. Das bringt ihm zunächst allerlei Leiden und Schmerzen. «O, ein großes Unglück», sagt jetzt der Sohn, «hat mich getroffen!» Es ist nur die Frage, ob er in dieser Lage der richtige Beurteiler seines Schicksals ist. Wenn er jetzt etwas Ordentliches lernt, so kann er vielleicht mit fünfzig Jahren sagen: Ja, damals mußte ich es als ein großes Unglück ansehen, daß mein Vater sein Vermögen verloren hat. Jetzt kann ich es nur noch als ein Unglück für meinen Vater, nicht für mich, ansehen; denn ich wäre vielleicht mein ganzes Leben lang ein Taugenichts geblieben, wenn mich dieses Unglück nicht getroffen hätte. Dadurch aber, daß es so gekommen ist, bin ich ein ordentlicher Mensch geworden, und das geworden, was ich jetzt bin.
[ 15 ] We can illustrate this with a comparison that shows us that we are not always capable of correctly assessing the causes of life in every situation. Let’s suppose a person has lived carelessly and idly off his father’s money until the age of eighteen, but, in his own view, he has lived a truly happy life. When he turns eighteen, his father loses his fortune. As a result, the son is now forced to stop living idly and lazily and instead learn a proper trade. At first, this brings him all sorts of suffering and pain. “Oh, a great misfortune,” the son now says, “has befallen me!” The only question is whether, in this situation, he is the right judge of his own fate. If he now learns a proper trade, he may perhaps say at the age of fifty: Yes, at the time I had to regard it as a great misfortune that my father lost his fortune. Now I can only see it as a misfortune for my father, not for me; for I might have remained a good-for-nothing my whole life if this misfortune hadn’t befallen me. But because it turned out this way, I have become a decent person and have become what I am today.
[ 16 ] Fragen wir uns also: Wann ist der Mensch ein richtiger Beurteiler seines Schicksals? Im achtzehnten Jahre, da ihn das Unglück getroffen hat, oder mit fünfzig, da er auf sein damaliges Unglück zurückblickt? — Und nehmen wir an, er denke noch weiter und frage sich nach der Ursache seines damaligen Unglückes. Da könnte er sich fragen: Ja, mich hätte das Unglück damals überhaupt nicht zu treffen brauchen. Äußerlich scheint es zunächst, als ob das Unglück mich getroffen hat aus dem Grunde, weil mein Vater sein Vermögen verloren hat. Aber nehmen wir an, ich wäre von frühester Kindheit an so gewesen, daß ich ungeheuren Lerneifer gehabt hätte, daß ich ungeheuer viel ohne äußeren Zwang getan hätte, so daß es mich nicht geniert haben würde, wenn mein Vater sein Vermögen verloren hätte, dann wäre der Übergang ein ganz anderer gewesen, dann hätte mich kein Unglück getroffen. Scheinbar liegt der Grund meines Unglückes außer mir. In Wahrheit, kann ich sagen, liegt der tiefere Grund in mir. Denn wie ich gewesen bin, das hat herbeigezogen, daß das Leben für mich damals zum Unglück, zum Schmerz und zum Leid geworden ist. Ich habe das Unglück herbeigezogen.
[ 16 ] So let us ask ourselves: When is a person truly capable of judging his own fate? At the age of eighteen, when misfortune struck him, or at fifty, when he looks back on that misfortune? — And let’s suppose he thinks even further and asks himself about the cause of his misfortune back then. He might ask himself: Yes, that misfortune didn’t have to befall me at all back then. Outwardly, it seems at first as though the misfortune befell me because my father lost his fortune. But let’s suppose that from my earliest childhood I had been the sort of person who possessed an immense eagerness to learn, who had accomplished an immense amount without external compulsion, so that it would not have bothered me if my father had lost his fortune; then the transition would have been entirely different, and no misfortune would have befallen me. On the surface, the reason for my misfortune lies outside of me. In truth, I can say that the deeper cause lies within me. For the way I was is what brought about the fact that life became a misfortune, pain, and suffering for me at that time. I brought that misfortune upon myself.
[ 17 ] Wenn ein solcher Mensch sich das sagt, so hat er schon in gewisser Weise ein wenig begriffen, wie in der Tat alles, was äußerlich an uns herantritt, durch ein Inneres herbeigeführt wird, und wie wir das, was an uns herantritt, auch auffassen können als verursacht durch unsere eigene Entwickelung. Jegliches Unglück kann sich uns so darstellen, daß wir uns sagen, wir sind in dasselbe hineinversetzt wegen eines unvollkommenen Zustandes in uns, es weist uns das Unglück darauf, daß irgend etwas an uns noch nicht so vollkommen ist, wie es sein sollte. Da haben wir den umgekehrten Fall von dem Erfolg: das Unglück als eine Wirkung, als ein Ende dessen aufgefaßt, was in früheren Zeiten unserer Entwickelung von uns selber verursacht ist. Und wenn wir das Unglück jetzt wieder nicht bloß so vor unsere Seele hinstellen, daß wir darüber jammern und nur der äußeren Welt die Schuld dafür geben, sondern wenn wir auf unseren inneren Wesenskern sehen und ernsthaft an die Verursachung durch die verschiedenen Erdenleben, also an Karma, glauben, dann haben wir das Unglück wieder als eine Aufforderung, uns immer vollkommener und vollkommener zu machen, im Leben zu lernen, das Leben als eine Schule zu betrachten. Dann aber, wenn wir die Sache so betrachten, wird Karma und das, was wir das Gesetz der wiederholten Erdenleben nennen, uns zu einer Kraft für das Leben, zu demjenigen, was das Leben reicher, inhaltvoller machen kann.
[ 17 ] When a person says this to themselves, they have already, in a certain sense, grasped a little of how, in fact, everything that comes to us from the outside is brought about by something within us, and how we can also view what comes to us as being caused by our own development. Any misfortune can present itself to us in such a way that we tell ourselves we have been placed in that situation because of an imperfect state within us; the misfortune points out to us that something about us is not yet as perfect as it should be. Here we have the opposite case of success: misfortune is understood as an effect, as the outcome of what we ourselves brought about in earlier stages of our development. And if we do not merely present this misfortune before our soul in such a way that we lament over it and blame only the external world for it, but if we look to the core of our inner being and seriously consider the causes stemming from our various earthly lives—that is, karma— then we see misfortune once again as a call to make ourselves ever more perfect, to learn in life, and to regard life as a school. But when we view the matter in this way, karma—and what we call the law of repeated earthly lives—becomes a force for life, that which can make life richer and more meaningful.
[ 18 ] Nun kann allerdings die Frage entstehen: Kann denn schon das bloße Wissen von dem Karmagesetz in einer gewissen Weise das Leben erhöhen, das Leben reicher und inhaltvoller machen, kann es vielleicht in einer gewissen Weise also schon aus Unglück sozusagen Glück formen? — So sonderbar es heute vielen erscheinen mag, so möchte ich doch eine Bemerkung machen, welche für die Gesamtauffassung von Glück oder Unglück aus der Geisteswissenschaft heraus bedeutsam sein kann. Erinnern wir uns noch einmal an die von Hamerling erzählte Legende von jenem Mädchen, das vom Unglück verfolgt ist bis zum Tode und noch über das Grab hinaus, indem es lebendig begraben worden ist. Gewiß, wer nicht tiefer in die Kräfte eingedrungen ist, welche Erkenntnisse geben können, der wird es paradox finden. Aber nehmen wir einmal gleichsam hypothetisch an, jenes Mädchen wäre mit seinem Unglück in eine Umgebung versetzt, welche eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung bis zu dem Grade hergeben würde, daß sich der einzelne Mensch sagt: In mir lebt ein zentraler geistiger Wesenskern, der hinausragt über Geburt und Tod, der in dem, was er in diesem Leben ist und in der Außenwelt vermag, die Wirkungen der verflossenen Erdenleben zeigt und weiter sich Kräfte zulegt für die folgenden Erdenleben. — Nehmen wir an, eine solche Erkenntnis wäre eine Kraft der Seele in jenem Mädchen gewesen — denkbar wäre es durchaus, daß diese Vorstellungen dagewesen wären -, dann erhöht eine solche Vorstellung den Glauben an die innere Kraft unseres zentralen Wesenskernes. Und es darf vielleicht gesagt werden: Indem jene Kraft, die von dem Seelisch-Geistigen ausgeht, hineinwirkt in das Leibliche von dem Wesenskern aus, wie es von anderen Gesichtspunkten in den folgenden Vorträgen darzustellen ist, indem die Kraft, derer sich da der Mensch bewußt werden kann, bei diesem Mädchen in seinen Gesundheitszustand hätte hineinwirken können, hätte es vielleicht durch die Kraft eines solchen Glaubens sich halten können, bis der Mann nach dem Tode seines Vaters wieder zurückgekehrt wäre. Paradox mag es manchem erscheinen, der nicht weiß, welche Kraft eine Erkenntnis hat, die der rechten Realität entstammt und deshalb nicht eine abstrakte und bloß theoretische ist, sondern die als Keimkraft in der Seele wirkt.
[ 18 ] Now, however, the question may arise: Can the mere knowledge of the law of karma, in a certain way, elevate life, make it richer and more meaningful—can it, perhaps, in a certain way, transform misfortune into happiness, so to speak? — As strange as it may seem to many today, I would nevertheless like to make a remark that may be significant for the overall understanding of happiness or misfortune from the perspective of spiritual science. Let us recall once more the legend told by Hamerling about that girl who was pursued by misfortune until her death and even beyond the grave, having been buried alive. Certainly, anyone who has not delved more deeply into the forces that can provide insight will find this paradoxical. But let us assume, hypothetically speaking, that this girl, with her misfortune, were placed in an environment that a spiritual-scientific worldview would provide to such an extent that the individual would say to themselves: Within me lives a central spiritual core that transcends birth and death, which, in what it is in this life and what it is capable of in the outer world, reveals the effects of past earthly lives and continues to acquire powers for the earthly lives to come. — Let us assume that such an insight had been a power of the soul within that girl—it is entirely conceivable that these ideas might have existed—then such an insight would strengthen the belief in the inner power of our central spiritual core. And it may perhaps be said: Since that power, which emanates from the soul-spiritual realm, works into the physical body from the core of the being—as will be described from other perspectives in the following lectures—and since the power of which a person can become aware could have worked into this girl’s state of health, she might perhaps have been able to hold on through the power of such faith until the man had returned after his father’s death. This may seem paradoxical to some who do not know what power is inherent in a realization that stems from true reality and is therefore not abstract or merely theoretical, but acts as a germinal force within the soul.
[ 19 ] Da aber sehen wir, daß es vielleicht gegenüber den Glücksfragen keinen Trost zu geben braucht für diejenigen Menschen, die nun wahrhaftig ihr ganzes Leben hindurch in eine Arbeit hineingestellt sind, welche sie nimmermehr befriedigen kann, deren Lebensansprüche zurückgewiesen werden durch ihr ganzes Leben hindurch. Wir merken aber, daß es bei einem solchen starken Glauben an den menschlichen zentralen Wesenskern, der da weiß, daß dieses einzelne Menschenleben eines unter vielen ist, allerdings etwas geben kann wie ein Erwachen der Kraft. Es wird mir im Innern meiner Seele durch meinen Zusammenhang mit der Gesamtwelt, in die ich mich hineingestellt finde, indem ich mich geistig ergreife, dasjenige erklärlich, was zunächst in der äußeren Welt mir scheinbar als mein Glück oder mein Unglück, als das gute oder böse Schicksal meines Lebens entgegentritt. — Nicht gewöhnlicher Trost kann uns über das Unglück hinweghelfen, wenn es uns wirklich nach unserer eigenen Auffassung trifft. Hinweghelfen muß uns darüber, was die Möglichkeit gibt, dasjenige, was uns unmittelbar trifft, so anzuschauen, daß wir es hineingestellt sehen als Glied in die Kette des Daseins. Dann sagen wir uns: Das Einzelne zu betrachten, heißt nur den Schein und nicht die Wirklichkeit betrachten, wie es den Schein betrachten heißt, wenn jemand, der bis zu seinem achtzehnten Jahre gefaulenzt hat, dann jenes charakterisierte Unglück erfahren hat und arbeiten muß, es als ein wahres Unglück betrachtet und nicht als die Ursache seines späteren Glückes. So werden wir, wenn wir diese Dinge tiefer erfassen, in der Tat dazu hingeführt, daß wir uns sagen: Gerade an den Glücksfällen zeigt sich uns klar, wie eine Betrachtung des Lebens von einem bestimmten Gesichtskreise aus uns durchaus nur etwas Scheinbares geben kann, und wie das, was uns als Glück oder Unglück trifft, sich nur seinem Scheine nach zeigt, wenn wir es eingeschränkt betrachten, daß es sich uns aber seinem Sinn und seinem Wesen nach erst zeigt, wenn wir es hineingestellt betrachten in das Gesamtleben des Menschen. Wenn wir aber auch dieses Gesamtleben des Menschen erschöpft sehen würden innerhalb der Grenzen zwischen der Geburt und dem Tode, so würde uns niemals ein Menschenleben, das gegenüber den gewöhnlichen Menschenverhältnissen und der sonstigen Arbeit nie Befriedigung finden kann, erklärlich erscheinen. Erklärlich werden, erklärlich in der Realität, die oft durch jenen Satz ausgesprochen worden ist, den aber für das reale menschliche Schicksal nur die Geisteswissenschaft bekräftigen kann, das kann es erst, wenn wir wissen: Wenn uns etwas verständlich ist, hat es keine Macht mehr über uns. - Und dem, für dessen zentralen Wesenskern der Glückserfolg nur ein Antrieb zur Entwickelung nach oben wird, für den wird auch der Unglücksfall zu einer Aufforderung zur weiteren Entwickelung. Da löst sich uns der scheinbare Widerspruch, indem wir uns in der Betrachtung des Lebens von der Auffassung, daß wir etwas als Glück oder Unglück nur von außen an uns herantreten sehen, abgelenkt sehen auf die Art und Weise, wie wir die Erlebnisse in unserem Inneren umgestalten und was wir daraus machen.
[ 19 ] But here we see that, when it comes to questions of happiness, there may be no need for consolation for those people who are truly devoted their entire lives to work that can never satisfy them, whose aspirations in life are rejected throughout their entire lives. We do, however, observe that with such a strong belief in the central core of human nature—which knows that this individual human life is one among many—there can indeed be something akin to an awakening of strength. Through my connection with the whole world—into which I find myself placed as I engage with it spiritually—it becomes clear to me, deep within my soul, what initially appears to me in the external world as my happiness or my misfortune, as the good or bad fate of my life. — Ordinary consolation cannot help us overcome misfortune when it truly strikes us according to our own understanding. What must help us overcome it is the ability to view what directly befalls us in such a way that we see it as a link in the chain of existence. Then we tell ourselves: To consider the individual event is merely to consider the appearance and not the reality—just as it is to consider the appearance when someone who has lazed about until the age of eighteen then experiences that particular misfortune and must work, viewing it as a true misfortune and not as the cause of his later happiness. Thus, when we grasp these things more deeply, we are in fact led to say to ourselves: It is precisely in instances of good fortune that it becomes clear to us how viewing life from a particular perspective can give us nothing but an illusion, and how what befalls us as good fortune or misfortune reveals itself only in its appearance when we view it in a limited way; yet it reveals itself to us in its meaning and essence only when we view it as part of the whole of human life. But if we were to view this totality of human life as confined within the boundaries between birth and death, then a human life that can never find fulfillment in relation to ordinary human circumstances and other forms of work would never seem comprehensible to us. It becomes understandable—understandable in reality—as has often been expressed in that statement, which, however, only spiritual science can confirm for real human destiny; it can do so only when we know: When something is understandable to us, it no longer has power over us. - And for those whose very essence is such that success in happiness becomes merely a driving force for upward development, even misfortune becomes a call for further development. Thus, the apparent contradiction is resolved when, in our contemplation of life, we shift our focus away from the notion that we merely perceive something as good fortune or misfortune approaching us from the outside, and instead turn our attention to the way in which we transform these experiences within ourselves and what we make of them.
[ 20 ] Haben wir aus dem Karmagesetz gelernt, aus dem Erfolg nicht bloß eine Befriedigung zu schöpfen, sondern ihn eben als eine Aufforderung zu nehmen, um uns weiter zu entwickeln, so kommen wir auch dazu, Mißerfolg und Unglück in gleicher Weise zu betrachten. Alles verwandelt sich in der Menschenseele, und was ein Schein von Glück oder Unglück ist, das wird in des Menschen Seele zu einer Realität. Das besagt aber außerordentlich vieles und Bedeutsames. Denn nehmen wir einmal an, ein Mensch stünde ganz und gar ablehnend gegenüber der Anschauung von den wiederholten Erdenleben, und er sähe, wie ein Mensch durch bloße Phantasiegebilde, die er sich macht, zum Beispiel aus unberechtigter Eifersucht leidet, oder wie sich ein anderer einem erträumten Glücke hingibt, oder er sähe auf der anderen Seite, wie ein anderer bloß aus seiner Phantasie heraus, also aus dem bloßen Schein, nicht aus der realen Tatsachenwelt, eine innere Wirklichkeit entwickelt, etwas, was für das Innere wahrhaftig recht sehr wirklich ist, dann könnte ein solcher Mensch sich sagen: Wäre das nicht die unglaublichste Unangemessenheit in bezug auf das Innere des Menschen gegenüber der äußeren Welt, wenn es mit dieser Tatsache in diesem einen Leben des Menschen erschöpft wäre? - Zweifellos ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dasjenige ausgelöscht, was er hier mit dem Begriffe der Realität verbindet, was als Eifersucht oder als Glücksillusion in ihm lebt. Aber was sich als Lust und Leid mit seiner Seele vereinigt hat, was als Wirkung in der Gemütsbewegung aufgetreten ist, das ist eine Kraft geworden in seiner Seele, das lebt ein Leben in der Seele, das mit seiner weiteren Entwickelung in der Welt zusammenhängt. Und so sehen wir durch die charakterisierte Umwandlung, wie der Mensch in der Tat berufen ist, aus dem Schein seine Wirklichkeit heraus zu entwickeln.
[ 20 ] If we have learned from the law of karma not merely to derive satisfaction from success, but rather to view it as a call to continue developing ourselves, then we will also come to regard failure and misfortune in the same way. Everything is transformed within the human soul, and what appears to be happiness or misfortune becomes a reality within the human soul. But this conveys an extraordinary amount of meaning and significance. For let us suppose that a person were completely opposed to the idea of repeated earthly lives, and he were to see how one person suffers from mere figments of the imagination that he creates—for example, from unwarranted jealousy—or how another indulges in a dream of happiness; or, on the other hand, he were to see how yet another person, purely out of his imagination, that is, from mere appearances rather than the real world of facts, develops an inner reality—something that is truly very real to their inner being—then such a person might say to themselves: Wouldn’t it be the most incredible incongruity between a person’s inner world and the outer world if this reality were exhausted by the facts of this one human life? - There is no doubt that when a person passes through the gate of death, that which he associates here with the concept of reality—what lives within him as jealousy or as an illusion of happiness—is extinguished. But what has become united with his soul as pleasure and suffering—what has manifested as an effect in the movement of his emotions—has become a force within his soul; it lives a life within the soul that is connected to his further development in the world. And so, through this characteristic transformation, we see how human beings are in fact called upon to develop their reality out of appearance.
[ 21 ] Damit aber haben wir auch eine Erklärung desjenigen erreicht, was wir im Eingange gesagt haben, warum der Mensch in der Tat seinem Glücke so gegenübersteht, daß er unmöglich dieses Glück mit seinem Ich, mit seiner Individualität verbinden kann. Denn wenn er es nicht in unmittelbarer Weise mit seinem Ich verbinden kann als äußere Ereignisse, die an ihn herankommen und sein Dasein erhöhen, dann kann er es in seinem Innern umgestalten, so daß, was zunächst äußerer Schein ist, zu einer inneren Realität wird. Dadurch wird der Mensch der Umwandler des äußeren Scheines in das Sein, in die Realität. Aber wenn wir nun auf unsere Umwelt blicken und uns sagen: Da haben wir gesehen, wie die Kristalle, wie die Pflanzen und Tiere ihre inneren Bildungsgesetze auch nicht ausleben können, wie sie äußerlich gehemmt werden! Wir haben gesehen, wie unzählige Keime, ehe sie in Wahrheit entstehen können, vergehen müssen. — Was ist da nicht der Fall, was läßt uns da nicht in der Weise von Glück oder Unglück sprechen, wie wir es angeführt haben? Das ist nicht der Fall, daß hier ein Außeres zum Inneren wird, so daß sich in der Tat ein Äußeres im Inneren spiegelt, und daß ein Schein umgewandelt werden kann in ein wirkliches Sein. Nur dadurch, daß der Mensch einen zentralen Wesenskern in sich hat, löst er sich los von der unmittelbaren äußeren Wirklichkeit und erlebt eine neue Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit, die er in sich erlebt, hebt sich für das gewöhnliche Leben dadurch von dem äußeren Leben ab, daß er sich sagen kann: Ich lebe auf der einen Seite in der Vererbungslinie, indem ich das in mir trage, was ich von den Eltern, Großeltern und so weiter ererbt erhalten habe. Ich lebe aber auch in dem, was nur eine geistige Verursachungslinie hat und mir noch etwas anderes geben kann neben dem, was mir durch die äußere Welt an Glück zugeführt werden kann. — Nur dadurch zeigt sich, daß der Mensch in der Tat zwei Welten angehört, einer äußeren und einer inneren Welt. Wenn man das Dualismus nennen will, so mag man es immerhin tun, aber gerade die Art, wie der Mensch Schein in Sein, in Realität umwandelt, zeigt uns, wie auch dieser Dualismus selbst nur Schein ist, indem fortwährend im Menschen äußerer Schein in innere Realität umgewandelt wird. Und weiter zeigt uns das Leben, wie das, was wir in der Phantasie erleben, indem wir die Tatsachen «falsch» deuten, in unserem Inneren zur Realität wird.
[ 21 ] But with this, we have also arrived at an explanation of what we said at the beginning: why human beings, in fact, relate to their happiness in such a way that they cannot possibly connect this happiness with their self, with their individuality. For if he cannot connect it directly to his self—as external events that come to him and enhance his existence—then he can transform it within himself, so that what is initially an external appearance becomes an inner reality. In this way, human beings become the transformers of external appearance into being, into reality. But when we now look at our surroundings and say to ourselves: There we have seen how crystals, plants, and animals, too, cannot live out their inner laws of formation, how they are hindered externally! We have seen how countless seeds must perish before they can truly come into being. — What is not the case here, what does not allow us to speak of luck or misfortune in the way we have described? It is not the case here that the external becomes the internal, so that the external is indeed reflected in the internal, and that an appearance can be transformed into true being. It is only because human beings possess a central core of being within themselves that they detach themselves from immediate external reality and experience a new reality. This reality, which they experience within themselves, stands apart from external life in ordinary existence in that they can say to themselves: On the one hand, I live within the line of inheritance, carrying within me what I have inherited from my parents, grandparents, and so on. But I also live within what has only a spiritual line of causation and can give me something else besides the happiness that can be brought to me through the external world. — Only in this way does it become apparent that human beings indeed belong to two worlds: an outer world and an inner world. If one wishes to call this dualism, one may do so, but it is precisely the way in which human beings transform appearance into being—into reality—that shows us how even this dualism itself is merely an appearance, since outer appearance is continually being transformed into inner reality within the human being. Furthermore, life shows us how what we experience in our imagination—by “misinterpreting” the facts—becomes reality within us.
[ 22 ] So sehen wir, wie das, was als Glück und Unglück zu bezeichnen ist, eng gebunden ist an das menschliche Innere. Wir sehen aber auch, wie es eng gebunden ist an jenes menschliche Innere, welches im Sinne der Weltanschauung angedeutet wird, daß der Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung in einer Reihe von wiederholten Erdenleben steht. Wenn wir die Sache so ansehen, können wir sagen: Begründen wir uns dann nicht auf allen äußeren Glücksschein ein inneres Glück und rechnen mit diesem Glück als einem Unvergänglichen in unserer Entwickelung? — Alles äußere Glück, was uns zufällt, ist so wunderbar charakterisiert durch die Legende des Krösus, wo Solon zu Krösus gesagt hat, daß niemand vor seinem Ende sein eigenes Leben als glücklich preisen solle, denn alles, was uns an äußerem Glück zufällt, kann sich ändern. Es kann sich Glück in Unglück verwandeln. Was kann uns vom Glück niemals genommen werden? Das, was wir aus den äußeren Glücksfällen machen, sei es aus den Erfolgsfällen, sei es aus den Mißerfolgen. Und im Grunde genommen kann also der Mensch das schöne und echte Volkssprichwort auf sein ganzes Verhältnis zum Glück anwenden, daß ein jeglicher seines Glückes Schmied dennoch sei. Das Volk hat manches schöne und außerordentlich zutreffende Wort über das Glück geprägt, und man kann an diesen Worten sehen, welche tiefe Philosophie in der Anschauung der einfachsten Menschen vorhanden ist. In dieser Beziehung könnten die, welche sich die Gebildetsten nennen, unendlich viel davon lernen. Manchmal allerdings treten uns diese Wahrheiten in einer recht derben Form vor Augen. Es gibt ja auch ein Sprichwort, welches sagt, daß gegen eine bestimmte menschliche Eigenschaft selbst Götter vergeblich kämpfen. Dann aber gibt es ein merkwürdiges Sprichwort, das gerade diese menschliche Eigenschaft, gegen welche selbst die Götter vergeblich kämpfen sollen, in Zusammenhang bringt mit dem Glück, indem man sagt, der Dumme habe das meiste Glück. Man braucht daraus nicht die Konsequenzen zu ziehen, daß die Götter wegen jener Erfolglosigkeit gerade diese Menschen mit Glück zu bestechen suchen. Aber wir können doch sagen: Es zeigt sich uns, wie in diesem Sprichwort ein deutliches Bewußtsein vorhanden ist von der Innerlichkeit und der Notwendigkeit der Verinnerlichung dessen, was wir den Zusammenhang des Menschen mit dem Glück in der Welt nennen müssen. — Denn unsere Weisheit, solange sie sich nur auf die äußeren Dinge und ihre Zusammenhänge bezieht, wird uns im Grunde genommen wenig helfen. Helfen wird uns die Weisheit, die sich schon in eine innere wieder verwandelt hat, also wieder die Eigenschaft erlangt, die noch der ursprüngliche primitive Mensch hat, wenn sie auf das starke Zentrum seiner Innerlichkeit baut, das über Geburt und Tod hinausragt und nur erklärlich ist, wenn wir es im Lichte der wiederholten Erdenleben betrachten. So trennt sich uns alles das, was der Mensch aus der bloß äußeren Welt an Glück erleben kann, im Grunde doch als der Schein des Glückes von dem, was wir als das wahre Wesen des Glückes bezeichnen, welches erst in dem Augenblicke entsteht, da der Mensch aus den äußeren Tatsachen des Lebens etwas machen kann, sie verwandeln kann, und sie einverleiben kann seinem sich entwickelnden Wesenskern, der von Leben zu Leben geht. Und wir begreifen dann, wenn ein Mensch im tiefsten äußeren Krankheitsschmerz — Herder — einmal zu seinem Sohne sagte: «Gib mir einen großen schönen Gedanken, und ich will mich daran erquicken!». Wir sehen daran förmlich, wie von Herder das Hereinleuchten eines großen, schönen Gedankens in ein gequältes Leben als eine Erquickung, also als ein Glücksfall erwartet wird. Da ist es leicht davon zu sprechen, daß der Mensch mit seinem Inneren seines Glückes Schmied sein muß. Aber wenn wir die Weltanschauung der Geisteswissenschaft in den Teilen, die wir gerade heute berühren konnten, in ihrer kraftvollen Wirksamkeit ins Auge fassen, wo sie nicht bloß theoretische Erkenntnis ist, sondern unseren geistig-seelischen Wesenskern ergreift, indem er voll erfüllt wird von dem, was über Glück oder Unglück hinausgeht, wenn wir die Weltanschauung in dieser Weise fassen, dann kann sie jene großen Gedanken hergeben wie kaum eine andere, die es noch möglich machen, daß der Mensch, selbst dann wenn er im Unglück umkommen muß, im Augenblick sich mit dem Gedanken erfüllt: Das ist doch nur ein Teil des gesamten Lebens!
[ 22 ] Thus we see how what we call happiness and unhappiness is closely linked to the human inner being. But we also see how it is closely linked to that inner human essence which, in the sense of our worldview, implies that—from a spiritual-scientific perspective—human beings exist within a series of repeated earthly lives. If we view the matter in this way, we can ask: Do we not then base our sense of inner happiness on all outward appearances of happiness, and count on this happiness as something enduring in our development? — All external good fortune that befalls us is so wonderfully characterized by the legend of Croesus, in which Solon told Croesus that no one should praise their own life as happy before its end, for everything that comes to us in the form of external good fortune is subject to change. Good fortune can turn into misfortune. What can never be taken from us when it comes to happiness? It is what we make of external events—whether they be successes or failures. And so, fundamentally, a person can apply that beautiful and genuine folk proverb to their entire relationship with happiness: that each person is, after all, the architect of their own fortune. The people have coined many beautiful and extraordinarily apt sayings about happiness, and one can see from these sayings what profound philosophy lies in the outlook of even the simplest of people. In this regard, those who call themselves the most educated could learn an infinite amount from them. Sometimes, however, these truths present themselves to us in a rather crude form. There is, after all, a proverb that says even the gods struggle in vain against a certain human trait. But then there is a curious proverb that links precisely this human trait—against which even the gods are said to struggle in vain—to happiness, stating that the fool is the luckiest of all. We need not draw the conclusion from this that the gods, precisely because of that futility, seek to bribe these very people with good fortune. But we can certainly say: it becomes clear to us how, in this proverb, there is a distinct awareness of the inner nature and the necessity of internalizing what we must call the connection between human beings and good fortune in the world. — For our wisdom, as long as it relates only to external things and their interconnections, will ultimately be of little help to us. What will help us is the wisdom that has already been transformed back into an inner wisdom—that is, wisdom that has regained the quality still possessed by the original, primitive human being—when it is built upon the strong center of his inner life, which transcends birth and death and can only be understood when we view it in the light of repeated earthly lives. Thus, everything that a person can experience as happiness from the merely external world is, in essence, merely the appearance of happiness—distinct from what we call the true essence of happiness, which arises only at the moment when a person can make something of the external facts of life, transform them, and incorporate them into the evolving core of their being that passes from life to life. And we then understand why a person in the deepest physical pain of illness—Herder—once said to his son: “Give me a great, beautiful thought, and I will find refreshment in it!” We can clearly see here how Herder anticipated the shining in of a great, beautiful thought into a tormented life as a source of refreshment—that is, as a stroke of good fortune. It is easy to speak of how a person must be the architect of their own happiness through their inner being. But when we contemplate the worldview of spiritual science—in the aspects we have been able to touch upon today—in all its powerful effectiveness, where it is not merely theoretical knowledge but seizes our spiritual and soul, by being fully filled with that which transcends happiness or unhappiness—when we grasp this worldview in this way—then it can yield those great thoughts like hardly any other, thoughts that still make it possible for a person, even when he must perish in misfortune, to be filled in that very moment with the thought: “This is, after all, only a part of life as a whole!”
[ 23 ] Deshalb wurde diese Frage über das Glück heute aufgeworfen, um an ihr zu zeigen, wie das alltägliche äußere Leben befeuert und befruchtet wird durch die realen Gedanken über das Gesamtleben, die uns die Geisteswissenschaft geben kann, und wie diese nicht bloß als eine Theorie in das Leben eingreifen, sondern die Kräfte des Lebens selber bringen. Und das ist das Wesentliche. Wir müssen nicht nur äußere Trostgründe haben gegenüber dem, der bei einem äußeren Unglück durch die Erweckung der inneren Kräfte das Unglück ertragen lernen soll, sondern wir müssen die realen inneren Kräfte ihm geben können, die über dieSphäre des Unglückes hinausführen zu einer Sphäre, zu der er gehört, trotzdem das Leben dem zu widersprechen scheint. Das kann aber nur eine Wissenschaft geben, die zeigt, wie das Menschenleben hinausreicht über Geburt und Tod, wie es doch zusammenhängt mit alle dem, was die beseligenden Gründe unserer Weltordnung bildet. Wenn wir von einer Weltanschauung solches erwarten können, dann können wir sagen, daß sie die Ahnungen der allerbesten Menschen mit einem Inhalt erfüllt. Mit einer solchen Weltanschauung kann der Mensch dasLeben so ansehen, daß er in diesem Leben wie derjenige steht, der auf einem Schiffe von den im Sturme auf und abwogenden Wellen geschaukelt wird, aber doch in seinem Innern den Mut findet, auf nichts in der äußeren Welt im gleichen Sinne zu bauen wie auf die Kraft und Wesenheit seines eigenen Innern. Vielleicht können dann solche Betrachtungen wie die heutigen geeignet sein, vor den Menschen ein Ideal hinzustellen, das uns Goethe in einer gewissen Weise vorzeichnet, das wir aber auffassen können auch über die Ahnung hinaus, von der Goethe erfüllt ist als einem Menschenideal, das für alle gilt: allerdings nicht als etwas, was unmittelbar in dem einzelnen Leben erfüllt ist, sondern als ein Ideal für das gesamte Menschenleben, wenn sich der Mensch im glück- und unglückbewegten Leben wie auf einem Schiffe fühlt, das auf den sturmbewegten Wellen hin- und herschaukelt, und vertrauen kann auf sein Inneres. Das muß zu einer Anschauung führen, die wir mit einer kleinen Abänderung der Goetheschen Worte folgendermaßen charakterisieren können:
[ 23 ] That is why this question about happiness was raised today—to illustrate how everyday external life is inspired and enriched by the real insights into the whole of life that spiritual science can offer us, and how these insights do not merely intervene in life as a theory, but bring forth the very forces of life itself. And that is the essential point. We must not only offer external sources of comfort to those who, in the face of external misfortune, are to learn to endure it by awakening their inner forces; rather, we must be able to give them the real inner forces that lead beyond the sphere of misfortune to a sphere to which they belong, even though life itself seems to contradict this. But this can only be provided by a science that shows how human life extends beyond birth and death, and how it is, after all, connected to everything that constitutes the sources of bliss in our world order. If we can expect this from a worldview, then we can say that it fills the intuitions of the very best people with meaning. With such a worldview, a person can view life in such a way that, in this life, he stands like one who is rocked on a ship by the waves surging up and down in a storm, yet finds within himself the courage to rely on nothing in the external world in the same sense as he relies on the strength and essence of his own inner self. Perhaps then reflections such as those of today may be suitable for presenting to people an ideal that Goethe, in a certain sense, sets before us—an ideal that we can, however, grasp beyond the intuition that fills Goethe, as a human ideal that applies to all: admittedly not as something that is immediately fulfilled in the life of the individual, but as an ideal for human life as a whole, when a person, in a life marked by both happiness and misfortune, feels as if on a ship rocked back and forth by storm-tossed waves, and can trust in their inner self. This must lead to a perspective that we can characterize—with a slight modification of Goethe’s words—as follows:
Der Mensch steht männlich an dem Steuer,
Das Schiff bewegen Wind und Wellen —
Wind und Wellen nicht sein Inneres.
Beherrschend sie — blickt er in die grimme Tiefe
Und vertraut, ob scheiternd oder landend,
Den Kräften seines Innern!
The man stands at the helm,
The ship is moved by wind and waves—
But not by the wind and waves within him.
Mastering them—he gazes into the grim depths
And trusts, whether he fails or reaches shore,
In the strength of his inner self!
