Spiritual Science as an Essential in Life
GA 63
4 December 1913, Berlin
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Spiritual Science as an Essential in Life, tr. SOL
5. Der Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele
5. The Meaning of the Immortality of the Human Soul
[ 1 ] In Fortsetzung der Betrachtungen des vorigen Vortrages habe ich heute zu Ihnen zu sprechen über den Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele. Es liegt nicht in der Art geisteswissenschaftlicher Betrachtung, über ein solches Thema, wie es der Sinn der menschlichen Unsterblichkeit ist, in begrifflichen Definitionen oder theoretischen Auseinandersetzungen zu sprechen. Es wird sich vielmehr darum handeln, daß ich in diesem heutigen Vortrage aus dem Gebiete geisteswissenschaftlicher Forschung eine Anzahl von Andeutungen gebe, welche Licht auf dasjenige werfen können, was der Sinn der menschlichen Unsterblichkeit genannt werden kann.
[ 1 ] Continuing the reflections from my previous lecture, I would like to speak to you today about the meaning of the immortality of the human soul. It is not the nature of spiritual scientific inquiry to discuss a topic such as the meaning of human immortality in terms of conceptual definitions or theoretical debates. Rather, in today’s lecture I will offer a number of insights from the field of spiritual science research that may shed light on what can be called the meaning of human immortality.
[ 2 ] Aus den hier am letzten Donnerstag gepflogenen Betrachtungen ging ja hervor, daß es sich für die Geistesforschung im wesentlichen darum handelt, gerade zu demjenigen innerhalb der menschlichen Natur vorzudringen, was der unsterbliche Wesenskern im Leben des Menschen genannt werden kann. Um diesen unsterblichen Wesenskern aufzufinden, darum handelt es sich in der Geisteswissenschaft zunächst. Und es ist gesagt worden, daß in die Region menschlicher Erkenntnis, wo dieser unsterbliche Wesenskern des Menschen zu finden ist, diejenige Forschung einzudringen vermag, die sich ergibt aus der Entwickelung der menschlichen Seele selbst, der menschlichen Seele, jenes einzigen Instrumentes, durch das wir in die geistige Welt wirklich eindringen können. Es ist des öfteren angedeutet worden, daß alles in der Geistesforschung davon abhängt, daß einzelne menschliche Persönlichkeiten dazu gelangen durch die auch schon in diesem Winter andeutungsweise charakterisierten Seelenübungen —, diese Seele so weit zu bringen, daß sie eine wirklich innere geistig-seelische Tätigkeit auszuüben vermag, welche gewissermaßen geübt wird losgelöst vom physischen Leibe, losgelöst von dem Werkzeuge, durch welches alle übrige menschliche Seelentätigkeit im Laufe des alltäglichen Lebens ausgeübt wird. Daß dieses Herauslösen der menschlichen Seele aus dem Leibe möglich ist, möglich ist durch intime Entwickelungsvorgänge der Seele, darauf versuchte ich insbesondere beim letzten Vortrage hinzuweisen. Und darauf versuchte ich weiter hinzuweisen, daß für den Geistesforscher, der gelernt hat wirklich einen Sinn zu verbinden mit den Worten «außerhalb des Leibes erleben», diese menschliche Seele sich auch mit ihren Eigenschaften ergibt, mit denjenigen Eigenschaften, die durch sich selbst erweisen, wie das Leben dieser Seele hinausreicht über Geburt und Tod.
[ 2 ] As emerged from the reflections we engaged in here last Thursday, the essential task of spiritual science is to penetrate precisely to that aspect of human nature which can be called the immortal core of the human being. To discover this immortal core of being—that is the primary concern of spiritual science. And it has been said that the region of human knowledge where this immortal core of being can be found is accessible to the kind of research that arises from the development of the human soul itself—the human soul, that unique instrument through which we can truly penetrate the spiritual world. It has often been suggested that everything in spiritual research depends on individual human personalities being able—through the soul exercises already briefly described this winter— to bring the soul to a point where it is capable of exercising a truly inner spiritual-soul activity, which is, so to speak, practiced detached from the physical body, detached from the instrument through which all other human soul activity is carried out in the course of everyday life. That this detachment of the human soul from the body is possible—possible through intimate processes of the soul’s development—is what I sought to point out in particular during my last lecture. And I further sought to point out that for the spiritual researcher who has learned to truly attach meaning to the words “experiencing outside the body,” this human soul reveals itself with its characteristics—those characteristics that demonstrate, in and of themselves, how the life of this soul extends beyond birth and death.
[ 3 ] Nun werden wir ja im Verlaufe der heutigen Betrachtungen sehen, wie eine solche, durch die Initiation zu erlangende Betrachtung der menschlichen Seele dem Worte Unsterblichkeit einen Sinn gibt. Aber einleitungsweise möchte ich vorher betonen, daß wir tatsächlich in einer Zeit leben, in welcher gewissermaßen das tiefere menschliche Denken und die ernstere Betrachtung des menschlichen Lebens dazu führen, allmählich in die Bahn einzulenken, welche die Geisteswissenschaft für das Problem des menschlichen unsterblichen Seelenlebens angibt. Auf vieles könnte in dieser Beziehung hingewiesen werden; auf eines nur soll gerade von dem Gesichtspunkte aus hingewiesen werden: nämlich einen Sinn zu gewinnen für die menschliche Unsterblichkeit. Hingewiesen soll werden auf jenen Geist, der ja als einer der tonangebenden Führer neuzeitlicher Aufklärungsweltanschauung gilt: auf Lessing, wie er dem Unsterblichkeitsgedanken einen Sinn abzugewinnen versuchte.
[ 3 ] Now, in the course of today’s reflections, we will see how such a contemplation of the human soul—to be attained through initiation—gives meaning to the word “immortality.” But by way of introduction, I would first like to emphasize that we are indeed living in a time in which, in a sense, deeper human thought and a more serious contemplation of human life are leading us gradually onto the path that spiritual science points out for the problem of the immortal life of the human soul. Much could be pointed out in this regard; but only one point should be highlighted from this particular perspective: namely, gaining an understanding of human immortality. Attention should be drawn to that thinker who is regarded as one of the leading figures of the modern Enlightenment worldview: Lessing, and how he sought to derive meaning from the idea of immortality.
[ 4 ] In jener Schrift, in welcher Lessing gewissermaßen sein geistiges Testament der Menschheit gegeben hat, kam er, wie es ihm schien, zur Erneuerung der uralten menschlichen Idee von den wiederholten Erdenleben; und er kam dazu deshalb, weil er sich genötigt fand, das ganze geschichtliche Leben auf der Erde innerhalb der Menschenentwickelung als eine Erziehung der Menschheit aufzufassen. Man kann ja leicht dieses Testament Lessings, das er wie einen Abschluß seines Sinnens und Denkens und Trachtens gegeben hat, damit abfertigen — wie es gewiß viele in unserer Zeit tun möchten —, daß man sagt: Auch große Geister werden alt und versteigen sich dann in mancherlei Phantastereien. Wer aber gelernt hat, Respekt zu haben vor geistigem Leben und geistigem Streben, der wird allerdings nicht in der Lage sein, Lessings «Erziehung des Menschengeschlechtes», sein reifstes Werk, in einer solchen Weise abzufertigen. Auf die Einzelheiten seiner Schrift kann ich hier nicht eingehen; ich kann nur darauf hinweisen, wie sich für Lessing die Geschichte so zeigt, daß die Menschheit von primitiveren Arten des menschlichen Lebens und Anschauens zu immer entwickelteren und entwickelteren aufsteigt; und wie eine geheimnisvolle Erziehung, welche dem Menschengeschlechte aus der geistigen Welt heraus zuteil wird, faßt Lessing diese Fortentwickelung des Menschengeschlechtes auf. Einzelne Epochen unterscheidet er in der fortstrebenden Menschheit, und aus diesen Betrachtungen heraus ergibt sich für ihn, der selbstverständlich noch nicht auf dem Boden unserer modernen Geisteswissenschaft stehen konnte, die Frage: Wie läßt sich das einzelne Seelenleben des Menschen hineinstellen in dieses Ganze der menschlichen geschichtlichen Entwickelung? Und er kommt dazu, sich zu sagen: Nur dann läßt sich das einzelne Seelenleben in den Gang der geschichtlichen Entwickelung hineinstellen, wenn man an wiederholte Erdenleben der menschlichen Seele denkt. Wenn man sich denkt, daß die Seele, welche heute lebt, wiederholt gelebt hat, wenn man sie lebend sich vorstellt in vorangegangenen Epochen der geschichtlichen Entwickelung, in welchen sie das aufgenommen hat, was vorangegangene Epochen in die Seelen hineingießen konnten wenn man also die Seele sich so vorstellt, daß sie aus den vorangegangenen Epochen mitnimmt die Früchte, welche sie aus diesen Epochen sich mitnehmen konnte, nachdem sie durch ein rein geistiges Dasein zwischen dem Tode und der nächsten Geburt durchgegangen ist. So löst sich für Lessing in einer befriedigenden Weise die Frage: Was ist es denn mit den Seelen, die in alten Zeitepochen gelebt haben und nicht das mitgemacht haben, was im Fortschritt der Menschheit an höheren Entwickelungskräften für die Seelen geboten werden konnte? Die Antwort ergibt sich für Lessing, daß es dieselben Seelen waren, die früher gelebt haben, die die Früchte vergangener Epochen in ihr gegenwärtiges Dasein hinübergetragen haben, die sich jetzt zu dem, was sie sich damals eingegliedert haben, dasjenige hinzuerobern, was die Gegenwart geben kann — und die nun mit dem, was sie aus dem gegenwärtigen Dasein als Früchte ziehen, nach dem Tode durch ein rein geistiges Leben gehen und diese Früchte wiederum hinübertragen in künftige Epochen der Menschheit, um in diesen teilzunehmen an dem, was ihnen der Fortschritt der Menschheit dann geben kann. So erhellt sich für Lessing mit dem Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele zugleich der ganze Sinn der geschichtlichen Erdenentwickelung. So ergibt sich für ihn dieser Sinn, und so ergibt sich für ihn sogleich die Möglichkeit daran zu denken, daß das Leben des einzelnen Menschen, in dem, was es innerlich enthält, größer und umfassender ist als das, was zwischen Geburt und Tod in einem Leben zum Ausdruck gebracht werden kann. Und wie man das einzelne Leben so betrachtet, daß diese einzelne Menschenseele von der Geburt bis zum Tode lebt, sich eingliedert und einorganisiert, was dieses Leben geben kann, dann durch die Pforte des Todes schreitet, den physischen Leib ablegt, in eine geistige Welt eindringt, um ihre Weiterentwickelung zu suchen, so kann auch im Sinne Lessings die ganze geschichtliche Entwickelung der Menschheit vorgestellt werden, ja, sogar die ganze Entwickelung der Erde selber, indem das, was die Menschheit auf der Erde auslebt, die «Seele» der Erde ist, und alles das, was die Geologie, die Biologie und die anderen Wissenschaften erforschen, der «physische Leib» der Erde ist, der einmal, wie man heute schon im Sinne der modernen Physik beweisen kann, von dem Zusammenfluß aller Menschenseelen so abfällt, wie der einzelne Menschenleib mit dem Tode von der einzelnen Menschenseele abfällt. Dann aber schreitet die Erde, nachdem der Leib von ihr abgefallen sein wird, zu einer künftigen Verkörperung im Kosmos weiter, um zu künftigen geistigen und materiellen Höhen aufzusteigen.
[ 4 ] In that work, in which Lessing, so to speak, bequeathed his intellectual testament to humanity, he arrived, as it seemed to him, at a renewal of the ancient human idea of repeated earthly lives; and he arrived at this conclusion because he felt compelled to view the entire course of human history on Earth, within the context of human evolution, as an education for humanity. One could easily dismiss this testament of Lessing’s—which he presented as the culmination of his reflections, thoughts, and aspirations—by saying—as many in our time would certainly like to do—that: Even great minds grow old and then indulge in all sorts of fanciful notions. But anyone who has learned to respect intellectual life and intellectual striving will certainly not be able to dismiss Lessing’s The Education of the Human Race, his most mature work, in such a manner. I cannot go into the details of his work here; I can only point out how, for Lessing, history reveals itself in such a way that humanity ascends from more primitive forms of human life and perception to ever more developed ones; and Lessing interprets this ongoing development of the human race as a mysterious education bestowed upon it from the spiritual world. He distinguishes individual epochs in the progress of humanity, and from these observations arises for him—who, of course, could not yet stand on the ground of our modern spiritual science—the question: How can the individual soul life of a human being be placed within this whole of human historical development? And he comes to conclude: The individual life of the soul can be placed within the course of historical development only if one conceives of repeated earthly lives of the human soul. If one conceives that the soul living today has lived repeatedly, if one imagines it alive in previous epochs of historical development, in which it absorbed what previous epochs were able to instill into the souls—if, then, one conceives of the soul as taking with it from those previous epochs the fruits it was able to gather from them, after having passed through a purely spiritual existence between death and the next birth. Thus, for Lessing, the question is satisfactorily resolved: What of the souls who lived in ancient epochs and did not experience what the progress of humanity could offer in terms of higher developmental forces for the souls? The answer, for Lessing, is that it was these very same souls who lived in earlier times—who carried the fruits of past epochs over into their present existence—who are now, in addition to what they assimilated back then, striving to attain what the present can offer—and who, with the fruits they reap from their present existence, after death, lead a purely spiritual life and in turn carry these fruits forward into future epochs of humanity, in order to participate in what the progress of humanity can then offer them. Thus, for Lessing, the meaning of the immortality of the human soul simultaneously illuminates the entire meaning of Earth’s historical development. This is how this meaning emerges for him, and this is how the possibility immediately arises for him to consider that the life of the individual human being, in what it contains inwardly, is greater and more comprehensive than what can be expressed in a single lifetime between birth and death. And just as one can view the individual life in such a way that this individual human soul lives from birth to death, assimilates and integrates whatever this life can offer, then passes through the gate of death, sheds the physical body, and enters a spiritual world to seek its further development—so, too, in Lessing’s view, the entire historical development of humanity can be conceived, indeed, even the entire development of the Earth itself, in that what humanity lives out on Earth is the “soul” of the Earth, and everything that geology, biology, and the other sciences investigate is the “physical body” of the Earth, which—as can already be proven today in accordance with modern physics—will one day be shed by the confluence of all human souls, just as the individual human body is shed by the individual human soul at death. But then, after the body has fallen away from it, the Earth will proceed toward a future embodiment in the cosmos, in order to ascend to future spiritual and material heights.
[ 5 ] Man sieht, wie der Sinn des ganzen menschlichen Daseins nicht nur, sondern wie der Sinn der Erdentwickelung selber aus diesem Gedanken Lessings hervorgeht. Lessing ließ sich von diesen seinen Gedanken nicht dadurch abhalten, daß ja der Einwand gemacht werden kann: das war ein Gedanke, den die Menschheit in primitivsten Zuständen der Seelenentwickelung gehabt hat; dann aber ist er aus der Kulturentwickelung verschwunden. Im Gegenteil: Lessing sagt am Schlusse seiner Abhandlung über die «Erziehung des Menschengeschlechtes»: Sollte dieser Gedanke darum weniger wert sein, als er der Seele zuerst aufleuchtete — als jetzt, da durch die Sophistereien der Schule dieser Gedanke gelähmt und geschwächt ward? Und Lessing denkt ohne Zweifel daran, daß eine Zukunft menschlicher Geistesentwickelung den Seelen wieder bringen werde, was in der Zwischenzeit für die Seelen verlorengegangen ist.
[ 5 ] One can see how not only the meaning of all human existence, but also the meaning of the Earth’s development itself, emerges from this thought of Lessing’s. Lessing did not allow himself to be deterred from these thoughts by the objection that this was an idea humanity had in the most primitive stages of spiritual development, but which subsequently disappeared with cultural progress. On the contrary: at the end of his treatise on the “Education of the Human Race,” Lessing states: “Should this idea therefore be worth less than when it first dawned on the soul—than it is now, when, through the sophistry of the school, this idea has been paralyzed and weakened?” And Lessing undoubtedly believes that a future of human intellectual development will restore to souls what has been lost to them in the meantime.
[ 6 ] So erlangt man reale, wirkliche Mächte, welche die Ergebnisse alter Zeiten hinübertragen in die Gegenwart und in die neuere Zeit. So gelangt man hinaus über jenen unmöglichen Standpunkt, auf dem man, trotzdem man scheinbar realistisch sein will, davon spricht, daß «Ideen» es sind, die in der Geschichte der Menschheit wirken sollen, als ob «Ideen» jemals Realitäten sein könnten! Aber Ideen können nicht in der Geschichte wirksam sein, denn bloße Ideen sind Abstraktheiten, sind nichts Wirkliches. Lessing aber stellt sich vor, daß das reale Erden-Menschheitsleben dadurch abläuft, daß es die Realitäten der menschlichen Seelen sind, die von einer Epoche zur anderen hinübertragen, was in der einen Epoche erarbeitet wird. Da stehen wir auf dem Boden geistiger Realitäten, welche die geschichtlichen Epochen der Menschheit zusammenhalten.
[ 6 ] This is how one acquires real, genuine powers that carry the achievements of bygone eras into the present and into more recent times. This is how one moves beyond that untenable position in which, despite an apparent desire to be realistic, one speaks of “ideas” as the forces that are supposed to act in human history—as if “ideas” could ever be realities! But ideas cannot be effective in history, for mere ideas are abstractions; they are not real. Lessing, however, conceives of real earthly human life as unfolding in such a way that it is the realities of human souls that carry forward from one epoch to the next what has been achieved in a given epoch. Here we stand on the ground of spiritual realities that hold together the historical epochs of humanity.
[ 7 ] Nun handelt es sich darum: Was hat die Geistesforschung im engeren Sinne, wie sie hier gemeint ist, zu diesem von Lessing durch gewisse geschichtliche Notwendigkeiten gewonnenen Gedanken zu sagen?
[ 7 ] The question now is: What does spiritual research in the narrower sense—as it is understood here—have to say about this idea, which Lessing arrived at through certain historical necessities?
[ 8 ] DieGeistesforschunggelangt dazu, dasjenige anzuschauen, dasjenige wirklich vor dem geistigen Auge oder vor den anderen geistigen Wahrnehmungsorganen zu haben, was angesprochen werden darf als hinübergehend über Geburt und Tod des Menschen. Um das zu belegen, muß noch einmal mit ein paar Worten darauf hingewiesen werden, was sich dem Geistesforscher im wirklichen seelischen Erleben darbietet. Wenn er die im vorigen Vortrage angedeuteten Übungen auf seine Seele wirklich wirken läßt und so dahin gelangt, seelisch zu erleben, nachdem die Seele selbst sich herausgezogen hat aus dem Physisch-Körperlichen und zu einem Erleben im Geistigen gekommen ist, dann hat diese Seele, die der Geistesforscher von dem Physisch-Leiblichen unabhängig gemacht hat, diese physischeLeiblichkeit neben sich oder vor sich, erlebt diese Leiblichkeit so, daß sie dem Tode unterworfen ist als ein Äußeres; während das alltägliche Leben sonst so verfließt, daß der Mensch nur ein Bewußtsein entwickelt, wenn er sozusagen innerhalb seiner physischen Leiblichkeit steckt und diese als Werkzeug verwendet, um das, was dann um ihn herum ist, zum Gegenstande seines Bewußtseins zu machen, nämlich die physisch-sinnliche Welt.
[ 8 ] Spiritual research has come to observe that which truly appears before the inner eye or before the other spiritual organs of perception—that which may be described as transcending human birth and death. To substantiate this, it is necessary to briefly reiterate what presents itself to the spiritual researcher in genuine soul experience. When he truly allows the exercises outlined in the previous lecture to take effect on his soul and thus comes to experience, in a soulful way, after the soul itself has withdrawn from the physical-bodily realm and arrived at an experience in the spiritual realm, then this soul—which the spiritual researcher has made independent of the physical-bodily realm—has this physical-bodily aspect beside or before it, and experiences this physical-bodily aspect in such a way that it is subject to death as an external reality; whereas everyday life otherwise flows in such a way that a person develops consciousness only when, so to speak, they are immersed within their physical body and use it as a tool to make what is around them the object of their consciousness—namely, the physical-sensory world.
[ 9 ] Stellen wir uns einmal lebendig vor, was wirkliches Erleben des Geistesforschers ist: daß er mit dem, was die Seele wirklich ist, sich heraushebt aus seinem Leibe, daß er die inneren Kräfte der Seele so verstärkt, so intensiv macht, daß er nicht darauf angewiesen ist, nur mit Hilfe der körperlichen Werkzeuge wahrzunehmen, sondern sie in sich dirigieren kann ohne die körperlichen Kräfte. Der Geistesforscher kommt dann zu einer ganz bestimmten Erkenntnis: woher es eigentlich kommt, daß man im alltäglichen Sinnesleben ein Bewußtsein hat. Dann, wenn der Geistesforscher sein seelisches Erleben wirklich frei gemacht hat von dem Physisch-Leiblichen, und dieses Leibliche neben oder vor ihm ist, dann lernt er erkennen, wie eigentlich dieses ganze alltägliche Seelenleben zustande kommt. Ich möchte mich eines Vergleiches bedienen, um so recht anschaulich zu machen, wie das alltägliche Seelenleben zustande kommt. Der Geistesforscher macht ja das Seelenleben zu nichts anderem, als es schon ist. Was er erreicht, ist nur, daß er geistig anschauen, sehen kann, was sonst im alltäglichen Leben geschieht. Da stellt sich für den Geistesforscher heraus, daß die Tätigkeit des Geistig-Seelischen — jetzt rein geistig-seelisch erfaßt — so am Leibe arbeitet, daß zunächst, nennen wir es so, die Nervenorgane des Menschen bearbeitet werden, so bearbeitet werden, daß man dieses Bearbeiten vergleichen kann mit dem Hinschreiben von Buchstaben auf ein Papier. Ich bitte wohl zu beachten; was also der Geistesforscher zunächst als geistig-seelische Tätigkeit erkennt, ist nicht das Denken, nicht das Fühlen, nicht das Wollen, auch nicht das, was man im alltäglichen Leben als Seelentätigkeit erkennt; sondern es ist das, was zunächst in seinen leiblichen Organen wirkt und diese, ich möchte sagen, so plastisch bearbeitet, daß sie erst in jene Bewegungen kommen, von denen die materialistische Weltauffassung so spricht. Diese Bewegungen im Gehirn, im Nervensystem und so weiter sind wirklich da, und in diesem Sinne muß der materialistischen Weltauffassung voll‚ständig recht gegeben werden. Diese Bewegungen, diese Schwingungen im Gehirn sind ebenso vorhanden, wie ich die Buchstaben hinschreibe, die ich auf das Papier aufschreibe, wenn ich eben schreibe. Aber wie meine Tätigkeit die des Schreibens ist, so ist die erste Tätigkeit des Menschen, die er entwickelt, die, daß er sich in sein Nervensystem das als die «Buchstaben» einschreibt, was dann in seinen Bewegungen, in seinen Vibrationen, in seiner ganzen Tätigkeit, die es ausübt, wieder von der Seele so betrachtet wird, daß es vergleichbar ist mit der Anschauung meiner eigenen Buchstaben, die ich geschrieben habe. Der Unterschied ist nur der, daß ich, wenn ich schreibe, bewußt die Buchstaben auf das Papier schreibe und sie auch wieder bewußt lesen kann; während ich, wenn ich dagegen mit der Außenwelt in Beziehung stehe, mit dem Geistig-Seelischen die physischen Tätigkeiten, die im Nervensystem auszuüben sind, unbewußt einschreibe. Wenn ich sie eingeschrieben habe, laufen sie ab, und ich betrachte sie, und dieses Betrachten ist das bewußte Seelenleben.
[ 9 ] Let us vividly imagine what the spiritual researcher’s true experience is: that he, through what the soul truly is, lifts himself out of his body; that he strengthens the soul’s inner powers and makes them so intense that he is no longer dependent on perceiving solely through the aid of physical instruments, but can direct them within himself without the aid of physical forces. The spiritual researcher then arrives at a very specific insight: the actual origin of consciousness in everyday sensory life. Then, when the spiritual researcher has truly freed his soul experience from the physical-bodily realm, and this bodily realm is beside or before him, he learns to recognize how this entire everyday soul life actually comes about. I would like to use a comparison to illustrate quite vividly how everyday soul life comes about. The spiritual researcher does not transform soul life into anything other than what it already is. What he achieves is simply the ability to spiritually observe and perceive what otherwise takes place in everyday life. It then becomes clear to the spiritual researcher that the activity of the spiritual-soul—now perceived purely in spiritual-soul terms—works on the body in such a way that, to put it this way, the human nervous system is first acted upon—acted upon in such a way that this process can be compared to writing letters on a piece of paper. Please note carefully: what the spiritual researcher initially recognizes as spiritual-soul activity is not thinking, not feeling, not willing, nor even what is recognized in everyday life as soul activity; rather, it is that which initially acts upon the physical organs and, I might say, works on them so vividly that they only then begin to exhibit those movements of which the materialistic worldview speaks. These movements in the brain, in the nervous system, and so on, are indeed present, and in this sense, the materialistic worldview must be fully acknowledged as correct. These movements, these vibrations in the brain, are just as real as the letters I write down on paper when I am writing. But just as my activity is that of writing, so the first activity a human being develops is to inscribe into his nervous system what he perceives as “letters”—which are then, in his movements, in his vibrations, and in all the activity he performs, regarded by the soul in such a way that it is comparable to my perception of the letters I have written. The only difference is that when I write, I consciously write the letters on the paper and can also consciously read them again; whereas, when I am in relation to the external world, I unconsciously inscribe the physical activities to be carried out in the nervous system through the spiritual-soul aspect. Once I have inscribed them, they unfold, and I observe them; and this observation is the conscious life of the soul.
[ 10 ] So sehen wir, daß das, was im wahren Sinne des Wortes geistig-seelisch zu nennen ist, hinter jenem Geistig-Seelischen steht, das sich im alltäglichen Leben entwickelt, und daß zwischen dem wahren Geistig-Seelischen, jenem, in dem der Geistesforscher lebt, wenn er leibfrei zu erleben gelernt hat, und zwischen dem Geistig-Seelischen im alltäglichen Seelenleben das ganze körperliche Erleben liegt. Zwischen unserem wahren Geistigen, zwischen unserem wahren Seelischen und dem alltäglichen Bewußtseinsleben liegt unser Leib. Aber was dieser Leib darlebt, wie dieser Leib sich in fortwährende organische Tätigkeit versetzt, damit Bewußtsein uns wie ein Spiegel oder wie das Bild aus einem Spiegel entgegengeworfen werden kann, was dieser Leib ausführt, das ist das Ergebnis des Geistig-Seelischen. Hinter unserem Leibe stehen wir mit unserem Geistig-Seelischen, und in diesem, hinter dem Leibe stehenden Geistig-Seelischen liegt der unsterbliche Wesenskern des Menschen.
[ 10 ] Thus we see that what, in the true sense of the word, can be called spiritual-soul, lies behind that spiritual-soul aspect that develops in everyday life, and that the entire physical experience lies between the true spiritual-soul aspect—that in which the spiritual researcher lives once he has learned to experience life free from the body—and the spiritual-soul aspect of everyday soul life. Between our true spiritual nature, between our true soul life, and our everyday conscious life lies our body. But what this body experiences, how this body engages in continuous organic activity so that consciousness can be reflected back to us like a mirror or like an image from a mirror—what this body carries out—is the result of the spiritual-soul life. Behind our body stands our spiritual-soul aspect, and within this spiritual-soul aspect—which stands behind the body—lies the immortal core of the human being.
[ 11 ] Wenn man so unterscheidet, wird man nicht mehr den Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele in einem Fortleben derjenigen Seeleninhalte suchen, die man zwischen Geburt und Tod durchlebt; sondern man wird den eigentlichen Grundquell der Unsterblichkeit in demjenigen zu suchen haben, was hinter dem alltäglichen Leben steht. Nun handelt es sich darum, einen Begriff zu bekommen von dem, was hinter diesem alltäglichen Leben steht. Das kann man aber nur dadurch, daß man auf das eigentliche Wesen der geistigen Erforschung der Seele einen Blick wirft.
[ 11 ] If one makes this distinction, one will no longer seek the meaning of the immortality of the human soul in the continued existence of those aspects of the soul that one experiences between birth and death; rather, one will have to seek the true source of immortality in that which lies beyond everyday life. The task now is to gain an understanding of what lies beyond this everyday life. But this can only be achieved by taking a look at the very essence of the spiritual exploration of the soul.
[ 12 ] Aus dem, was ich eben erörtert habe, geht hervor, daß das alltägliche Bewußtsein, jenes Bewußtsein, welches wir im gewöhnlichen Leben entwickeln, darauf angewiesen ist, aus dem Leibe heraus sich zu spiegeln, wie sich vergleichsweise aus einem Spiegel unser eigenes Bild spiegelt. Wer nicht das Geistig-Seelische hinter dem Bilde sucht, sondern glaubt, daß das Geistig-Seelische aus dem Leibe sich als die Funktion, als die Wirkung des Leibes ergibt, wer also in dieser Beziehung materialistisch denkt, der gleicht für den, der die Dinge kennt und sie wirklich durch Geistesforschung erforscht hat, einem Menschen, der etwa sagen würde: Ich sehe einen Spiegel vor mir; merkwürdig, dieser Spiegel läßt aus seiner Substanz heraus mein Bild hervorgehen. Aber er läßt es gar nicht aus seiner Substanz hervorgehen, und es ist einfach ein Unsinn zu glauben, daß der Spiegel das Bild erzeugt; sondern das Bild wird vom Spiegel zurückgeworfen. So wird unsere eigene geistig-seelische Tätigkeit zurückgeworfen vom Leibe. Unser Leib ist ganz richtig mit einem Spiegel zu vergleichen, der unsere geistig-seelische Tätigkeit zurückwirft, nur mit dem Unterschiede, daß wir dem Spiegel ganz passiv gegenüberstehen, dem Leib aber so, daß wir erst mit der geistig-seelischen Tätigkeit diesen Leib bearbeiten, diese Tätigkeit erst in ihn einschreiben, die sich dann für das Bewußtsein ergibt. Der Vergleich, das Spiegelbild, das ich im Spiegel sehe, wäre erst dann richtig, wenn ich von meinem Leibe aus eine Tätigkeit ausüben würde, die im Glase einen Vorgang hervorrufen würde, welcher dann die Spiegelung bewirkte, wenn ich also aktiv vor dem Spiegel stehen und gewisse Strahlungen und so weiter ausgehen lassen würde, welche Kreuzungen und dergleichen entstehen ließen, um dann den Inhalt des alltäglichen Bewußtseins hervorzubringen und so möglich zu machen, daß der Mensch vor sich selber erscheint. Daraus geht aber hervor, daß der Mensch für das Leben zwischen Geburt und Tod eine Widerlage braucht, etwas, worin er seine geistig-seelische Tätigkeit spiegeln kann. In dem Augenblicke, wo man einen solchen Bewußtseinsinhalt, wie er im alltäglichen Leben ist, ohne den Leib entwickeln müßte, würde man das nicht können, solange man zwischen Geburt und Tod steht. Würde der Leib seinen Dienst als Werkzeug versagen, so würde man keine Widerlage haben; man würde nichts haben, wovon die geistig-seelische Tätigkeit zurückgeworfen werden kann.
[ 12 ] It follows from what I have just discussed that everyday consciousness—the consciousness we develop in ordinary life—depends on reflecting itself out of the body, just as our own image is reflected in a mirror. Anyone who does not seek the spiritual-soul aspect behind the image, but believes that the spiritual-soul aspect arises from the body as a function or effect of the body—in other words, anyone who thinks materialistically in this regard—appears, to one who knows these things and has truly investigated them through spiritual research, to be like a person who might say: I see a mirror in front of me; strangely, this mirror causes my image to emerge from its substance. But it does not cause it to emerge from its substance at all, and it is simply nonsense to believe that the mirror produces the image; rather, the image is reflected back by the mirror. In the same way, our own spiritual-psychic activity is reflected back by the body. Our body can quite rightly be compared to a mirror that reflects our mental and soul activity, with the sole difference that we stand before the mirror entirely passively, whereas we approach the body in such a way that we first act upon it through our mental and soul activity, first inscribing this activity into it, which then becomes apparent to our consciousness. The comparison—the reflection I see in the mirror—would only be accurate if I were to exert an activity from my body that would trigger a process in the glass, which would then produce the reflection; that is, if I were to stand actively before the mirror and emit certain rays and so on, which would give rise to intersections and the like, thereby bringing forth the content of everyday consciousness and making it possible for the human being to appear before himself. It follows from this, however, that the human being needs a counterpoint for life between birth and death—something in which he can reflect his spiritual and soul activity. At the very moment one were required to develop such content of consciousness—as it exists in everyday life—without the body, one would be unable to do so as long as one exists between birth and death. If the body were to fail in its service as an instrument, one would have no counterpoint; one would have nothing from which the spiritual and soul activity could be reflected.
[ 13 ] Wenn nun der Geistesforscher durch die angedeuteten Übungen es dahin bringt, daß er sein Geistig-Seelisches aus dem physischen Leibe herausheben kann, so zeigt es sich auch, daß dann der geistig-seelische Blick unmöglich auf die äußere physische Welt hingelenkt werden kann. Diese äußere physisch-sinnliche Welt verschwindet aus dem Horizonte des Bewußtseins in demselben Augenblick, wo der Geistesforscher wirklich das Geistig-Seelische aus dem Leiblichen heraushebt. Das möchte ich nur nebenbei bemerken für diejenigen, welche glauben, daß man durch die Geistesforschung etwa abgezogen werden könnte von dem freudevollen, hingebungsvollen Anblick des Physisch-Sinnlichen, das in so reicher Fülle in der physischen Welt um uns ist. O nein, das ist durchaus nicht der Fall. Gerade der, welcher ein Geistesforscher geworden ist, findet, daß ihm ja in dem Augenblick, wo er in seinem Geistig-Seelischen lebt, der Anblick des Physisch-Sinnlichen entschwindet; doch in seiner Schönheit, in seinem eigentlichen Werte weiß er ihn dann erst recht zu schätzen. Er kehrt immer wieder, solange es ihm vergönnt ist zurückzukehren, gestärkt und gekräftigt durch seinen Aufenthalt in der geistigen Welt; er entwickelt ein um so größeres Interesse für alles Schöne in der physischen Welt — und erobert sich dazu noch eine besondere Stütze, um die Schönheiten und Erhabenheiten und Großartigkeiten in der physischen Welt in ihren Aufgaben zu erkennen, die ihm vorher, ohne die Schulung, die aus der Geistesforschungkommt, entgangen sind. Solche Einwände wie den eben angedeuteten machen nur die, die noch nicht näher an die Geistesforschung herangetreten sind.
[ 13 ] When the spiritual researcher, through the exercises described, succeeds in lifting his spiritual-soul aspect out of the physical body, it also becomes evident that the spiritual-soul gaze cannot possibly be directed toward the external physical world. This external physical-sensory world vanishes from the horizon of consciousness at the very moment when the spiritual researcher truly lifts the spiritual-soul aspect out of the physical body. I would just like to note this in passing for those who believe that spiritual research might somehow distract one from the joyful, captivating sight of the physical-sensory world, which is present in such rich abundance around us. Oh no, that is by no means the case. It is precisely the person who has become a spiritual researcher who finds that, at the very moment when he lives in his spiritual-soul aspect, the sight of the physical-sensory world fades from view; yet it is then that he truly learns to appreciate its beauty and its true value. He returns again and again, as long as he is granted the opportunity to return, strengthened and invigorated by his stay in the spiritual world; he develops an even greater interest in all that is beautiful in the physical world—and gains a special insight that enables him to recognize the beauty, sublimity, and grandeur of the physical world in their true purpose, aspects that had previously eluded him without the training derived from spiritual research. Objections such as the one just mentioned are raised only by those who have not yet engaged more closely with spiritual research.
[ 14 ] Wenn es nun wirklich so ist, daß die physische Welt verschwindet, wenn wir zum Wahrnehmen nicht die Widerlage des Leibes haben — und der Geistesforscher hat diesen Leib neben sich, bedient sich seiner als Werkzeug nicht —, dann entsteht die Frage: Wie kommt dann das eigentliche geistige Bewußtsein zustande? Braucht das geistige Bewußtsein keine Widerlage? Braucht die Seele nicht etwas, woran sie sich spiegeln kann, wenn sie ins geistige Bewußtsein schreiten will?
[ 14 ] If it is indeed the case that the physical world disappears when we no longer have the body as a point of reference for our perception—and the spiritual researcher has this body beside him but does not use it as a tool—then the question arises: How does true spiritual consciousness come about? Does spiritual consciousness not need a physical body? Does the soul not need something in which to reflect itself when it wishes to enter into spiritual consciousness?
[ 15 ] Diese Frage beantwortet die Initiationsforschung in der Weise, daß der Mensch in dem Moment, wo er aus dem physischen Leibe mit seinem Geistig-Seelischen heraussteigt und im Geistig-Seelischen allein lebt, allerdings auch eine Widerlage braucht, etwas, was ihm nun Spiegel ist. Und Spiegel wird ihm nun etwas, was tatsächlich in einer gewissen Beziehung als solcher Spiegel innerhalb des Lebens noch vor dem Tode, wenn es in der Geistesforschung erlebt wird, nur leidvoll zu ertragen ist. Da stehen wir wieder an einem der Punkte, an dem darauf hingewiesen werden muß, daß Geistesforschung nicht etwa bloß in Seligkeiten hineinführt, sondern auch in tragische Gemütsstimmungen, in das, was, man darf sagen, nur mit einem großen inneren Schmerz zu ertragen ist. Aber mit diesem Schmerz muß eben für den eigentlichen Forscher die höhere Erkenntnis erkauft werden. Das, was sich dann als Widerlage bietet, ist das eigene, individuelle Erleben, das wir durchgemacht haben von dem Punkte der Kindheit an, bis zu dem wir uns sonst zurückerinnern können, das wir sonst ja auch im Erinnerungsbilde haben. Aber wir haben es so im Erinnerungsbilde im alltäglichen Leben, daß wir gleichsam drinnenstecken, daß wir mit ihm vereinigt sind. Unsere Gedanken, unsere Erlebnisse, unsere Schmerzen, alles, woran wir uns erinnern, sind wir ja im Grunde genommen selbst; wir stecken darinnen, sind eins mit ihm. Aber beim Geistesforscher tritt das ein, daß das, was man sonst in der Erinnerung hat, wie aus einer Hülle aus ihm herausschlüpft. Das, womit man sonst eins ist, und wovon man sich sagt: du hast es erlebt, und du fühlst dich jetzt in deinen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen mit dem vereinigt, was du erlebt hast — das fühlt man jetzt wie ein äußeres Traumbild, wie eine Fata Morgana vor sich hingestellt. Man fühlt wie vergrößert aus einem heraustretend das, woran sich das Geistig-Seelische spiegelt. Da kommt man darauf, daß man im geistig-seelischen Erleben, in der Initiation — nicht indem man durch die Pforte des Todes geschritten ist —, es ertragen muß, statt der äußeren physischen Eindrücke, statt dem, was uns die Sinne geben, wie eine materielle Grundlage oder wie eine substantielle Grundlage des Erlebens sein eigenes Leben zu haben. Auf diesem hebt sich, wie auf einer Spiegelscheibe, das ab, was man geistig wahrnehmen kann. Da lernt man sich kennen, inwiefern man ein guter oder schlechter Spiegel für die geistige Welt geworden ist. Da lernt man vor allen Dingen kennen, was es heißt: wirklich vor sich zu haben, was man durchlebt hat. Denn das ist jetzt die spiegelnde Fläche, von der sich alles übrige abhebt, was sich in der geistigen Welt darbietet. Statt also seinen Leib als sein Werkzeug zu haben zum Wahrnehmen, hat man jetzt als ein Werkzeug seine eigene Ichheit, seine Erinnerungs-Ichheit, die eigenen Erlebnisse. Die eigenen Erlebnisse müssen verschmelzen, dem Bewußtsein nach, mit dem, was man geistig erlebt; die müssen zurückspiegeln, was man geistig erlebt. Und es stellt sich nun für diese Forschung dar, daß man jetzt gewahr wird, wie in dem Augenblick, wo man sein eigenes Inneres nicht mehr, wie im alltäglichen Leben, innerhalb seines Leibes erlebt, sondern es in der eben geschilderten Weise wie eine Fata Morgana äußerlich vor sich hat —, wie in diesem Augenblick dieses Innere wie eine ätherische Wesenheit sich darstellt, die immer größer und größer wird, weil sie innerlich verwandt ist mit dem gesamten geistigen Kosmos. Man fühlt sich wie aufgesogen werdend von dem geistigen Kosmos. Man fühlt, wenn man also die angedeuteten Erlebnisse durchgemacht hat, wie wenn im Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod etwas vorhanden wäre, wie zusammengerollt in den Kräften des physischen Leibes. In dem Augenblicke, wo man in der Initiation den physischen Leib verlassen hat, wird das von den Kräften des physischen Leibes zusammengehaltene Etwas als der ätherische Leib frei. Das aber, was frei geworden ist, hat dann das Bestreben, sich in die geistige Welt zu verbreiten, wird dadurch immer unwahrnehmbarer und unwahrnehmbarer — und man steht immer vor der Gefahr, wenn man so geistig wahrnimmt, daß das eigene Selbst, das Gedanken-Selbst, sich auflöst im geistigen Kosmos, und daß man dadurch seinen Anblick verliert, weil nach der Auflösung das Spiegelbild nicht mehr da ist.
[ 15 ] Initiation research answers this question by explaining that at the moment when a person steps out of the physical body with their spiritual-soul aspect and lives in the spiritual-soul realm alone, they do indeed need a counterpoint—something that now serves as a mirror for them. And what now becomes a mirror for them is something that, in a certain sense, was already a mirror within life even before death—though, as experienced in spiritual research, it was then only bearable through suffering. Here we find ourselves once again at one of those points where it must be pointed out that spiritual research does not merely lead into bliss, but also into tragic states of mind—into what, one might say, can only be endured with great inner pain. But for the true researcher, this pain is precisely the price that must be paid for higher knowledge. What then presents itself as a counterargument is our own individual experience, which we have gone through from childhood onward, as far back as we can recall, and which we otherwise also have in our memory. But in everyday life, we have this experience in our memory in such a way that we are, as it were, immersed in it, that we are united with it. Our thoughts, our experiences, our pains—everything we remember—are, after all, essentially ourselves; we are immersed in them, we are one with them. But for the spiritual researcher, what usually resides in memory seems to slip out of him as if from a shell. That with which one is otherwise one—and of which one says to oneself: “You have experienced this, and you now feel united in your thoughts, sensations, and feelings with what you have experienced”—one now perceives this as an external dream image, like a mirage set before one. One feels as if what reflects the spiritual-soul aspect were stepping out of oneself, magnified. One then realizes that in spiritual-soul experience, in initiation—not by passing through the gate of death—one must endure having one’s own life as the material or substantial foundation of experience, instead of external physical impressions or what the senses provide. Against this background, as on a mirror surface, what one can perceive spiritually stands out. There one comes to know to what extent one has become a good or bad mirror for the spiritual world. Above all, one comes to know what it means to truly have before oneself what one has lived through. For this is now the reflective surface against which everything else that presents itself in the spiritual world stands out. So instead of having one’s body as an instrument of perception, one now has as an instrument one’s own sense of self—one’s self of memory—and one’s own experiences. One’s own experiences must merge, in terms of consciousness, with what one experiences spiritually; they must reflect back what one experiences spiritually. And it now becomes apparent in this research that one becomes aware of how, at the very moment when one no longer experiences one’s own inner self within one’s body—as in everyday life—but rather has it externally before oneself in the manner just described, like a mirage— how, at that very moment, this inner self presents itself as an ethereal being that grows ever larger and larger, because it is inwardly connected to the entire spiritual cosmos. One feels as if one is being absorbed by the spiritual cosmos. Once one has gone through the experiences described, one feels as if there were something present in human life between birth and death, as if it were coiled up within the forces of the physical body. At the moment when one has left the physical body during initiation, that which was held together by the forces of the physical body is set free as the etheric body. But what has been set free then strives to expand into the spiritual world, thereby becoming increasingly imperceptible—and one is always in danger, when perceiving in this spiritual way, that one’s own self, the thinking self, will dissolve into the spiritual cosmos, and that one will thereby lose sight of it, because after the dissolution the reflection is no longer there.
[ 16 ] Dem wirkt entgegen, solange das Physische eben währt, der physische Leib. Denn in dem Augenblicke, wo man bedroht wäre von der Gefahr, daß das feinere Ätherische eines gewissermaßen geistigeren Leibes sich verlieren würde, macht der physische Leib seine verstärkten Kräfte geltend und man muß wieder zurück in den physischen Leib. Das ist dann gerade so, als wenn man durch die Gewalt des physischen Leibes zurückgezwungen würde in das alltägliche Wahrnehmen, in das gewöhnliche Schauen und in die physische Art. Wie Sie aber aus dieser Darstellung ersehen können, lernt man durch die geistige Forschung den Moment kennen, der in dem Augenblicke eintreten muß, wo die physischen und chemischen Kräfte den äußeren physischen Leib ergreifen und ihn wegnehmen, wenn der Tod eintritt. Man lernt erkennen, wie das Bewußtsein fortleben kann nach dem Tode, aber deshalb fortleben kann, weil nun der physische Leib, der eben seiner Auflösung entgegengeht, nicht mehr den eben geschilderten feineren ätherischen Leib zurückruft —, fortleben kann eben zunächst in dieser Form, daß vor uns steht das eigene Erleben als Erinnerungsbild, nur so lange, bis die Kräfte des geistigen Kosmos ihre ihnen eingeborene Wirkungsweise geltend machen und das, was als feinerer Leib besteht, sich im Kosmos auflöst.
[ 16 ] As long as the physical realm endures, the physical body acts as a counterforce to this. For at the very moment one is threatened by the danger that the finer, etheric aspect of a, so to speak, more spiritual body might be lost, the physical body asserts its heightened powers, and one is compelled to return to the physical body. This is precisely as if one were forced back by the power of the physical body into everyday perception, into ordinary seeing, and into the physical mode of existence. But as you can see from this description, through spiritual research one comes to know the moment that must occur when the physical and chemical forces take hold of the outer physical body and carry it away—that is, when death occurs. One learns to recognize how consciousness can continue to exist after death—but can do so precisely because the physical body, which is now heading toward its dissolution, no longer calls back the finer etheric body just described—and can continue to exist, at first, in such a way that one’s own experience stands before us as a memory image, only until the forces of the spiritual cosmos assert their inherent mode of action and that which exists as a finer body dissolves into the cosmos.
[ 17 ] So sehen wir, wie der Geistesforscher durch seine Erlebnisse jenen Zustand hervorruft, der sich mit dem Menschen abspielen muß, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet. Als erstes lernt man kennen, indem man elementar den Vorgang des Todes erlebt, was sich nach dem Tode unmittelbar vollzieht. Aber man lernt auch erkennen, daß man damit nur die allerersten Zeiten nach dem Tode erfaßt hat. Ich habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» darauf aufmerksam gemacht, wie lange diese allerersten Zeiten nach dem Tode dauern. Sie dauern ja verschieden, je nach dem Charakter eines Menschen, aber doch nur nach Tagen. Nach Tagen dauert die Rückerinnerung an das vergangene Erdenleben, das man zwischen Geburt und Tod durchlaufen hat. Sie dauert solange, wie die Kräfte des inneren feineren Leibes anhalten können, den wir in uns tragen, und der eben durch die Initiationsforschung zutage tritt.
[ 17 ] Thus we see how the spiritual researcher, through his own experiences, evokes the state that must unfold within a person when he passes through the gate of death. The first thing one comes to know, by experiencing the process of death on an elemental level, is what takes place immediately after death. But one also comes to realize that this encompasses only the very earliest moments after death. In my Outline of Esoteric Science, I pointed out how long these very earliest moments after death last. They vary in duration depending on a person’s character, but still last only a few days. The recollection of one’s past earthly life—the life lived between birth and death—lasts for days. It lasts as long as the forces of the inner, finer body that we carry within us can endure, a body that is revealed precisely through initiatory research.
[ 18 ] Wenn man in der geschilderten Weise die Verhältnisse betrachtet, kommt man darauf sich zu sagen: Was ist es denn, was die Länge des Zeitraumes bedingt, in der diese Rückerinnerung sich abspielen kann? — Wenn man diese Rückerinnerung vergleicht mit der Länge der Zeit, welche dieser oder jener Mensch im gewöhnlichen Leben durchleben kann, und in der er sich wach erhalten kann, in der er also nicht einschläft, dann hat man ungefähr den Zeitraum, der ja nur nach Tagen dauert, innerhalb welchem diese Rückerinnerung an das verflossene Erdenleben spielt. Man kann also sagen: Je nachdem der Mensch in seinem Ätherleibe die Möglichkeit hat, das Leben spielen zu lassen, ohne die Kräfte des Schlafes aufrufen zu müssen, ohne den Schlaf als Ausgleich herbeirufen zu müssen, je nachdem dauert es kürzer oder länger, wie nach dem Tode das verflossene Erdenleben von der Geburt bis zum Tode wie ein Erinnerungstableau, wie eine lebendige Fata Morgana sich darstellt.
[ 18 ] If one considers the circumstances in the manner described, one is led to ask: What, then, determines the length of the period during which this recollection can take place? — If one compares this recollection with the length of time that a particular person can experience in ordinary life—during which they remain awake, that is, without falling asleep—then one has approximately the period of time, which lasts only a few days, within which this recollection of the past earthly life takes place. One can therefore say: Depending on the extent to which a person, in their etheric body, has the ability to let life unfold without having to summon the forces of sleep—without having to invoke sleep as a form of compensation—the duration varies; that is, after death, the past earthly life from birth to death unfolds like a tableau of memories, like a living mirage.
[ 19 ] Über eine solche Zeitdauer, über diese und auch die folgenden, von denen ich gleich andeutungsweise sprechen werde, lernt man auf dem Gebiete der Geistesforschung sprechen durch innere Betrachtung, nicht durch äußeres Messen. Was man da durch Rückschau in der Initiation erlebt, legt sich so dar, daß man weiß: es enthält die Kräfte, welche der Mensch sich wach zu halten hat, bevor ihn der Schlaf übermannt. Was man da erlebt, stellt sich also so dar, daß man sagen muß: diesen Rückblick auf das verflossene Erdenleben erlebt man durch Tage hindurch. Was aber weiter kommt, ergibt sich ebenfalls aus dem geistesforscherischen Blick. Es zeigt sich ja nicht nur sozusagen in gleichgültigen Gedanken das, was man in seinem Leben zwischen der Geburt und dem gegenwärtigen Augenblick erlebt hat; sondern es zeigt sich auch das, was man moralisch oder sonst im Gebiete seiner Tüchtigkeit, seiner Lebenstüchtigkeit erlebt hat. Das zeigt sich aber auf ganz besondere Weise, und da stehen wir wiederum an einem Punkte, wo man sagen muß, daß sich einem Geistesforscher ein Leben darstellt, wie man es nicht gern hat nach den Wünschen und Erlebnissen des alltäglichen Lebens. Was sich da zeigt, sei durch ein konkretes Beispiel erörtert.
[ 19 ] Over such a period of time—this one and the ones that follow, which I will briefly touch upon in a moment—one learns, in the field of spiritual research, to speak through inner contemplation, not through external measurement. What one experiences there through retrospect in initiation presents itself in such a way that one knows: it contains the forces that a person must keep awake within themselves before sleep overcomes them. What one experiences there thus presents itself in such a way that one must say: this retrospective view of one’s past earthly life is experienced over the course of several days. But what follows also emerges from the spiritual researcher’s perspective. For it is not only, so to speak, in indifferent thoughts that what one has experienced in one’s life between birth and the present moment becomes apparent; rather, what one has experienced morally or in other areas of one’s competence—one’s ability to cope with life—also becomes apparent. This, however, reveals itself in a very special way, and here we again reach a point where one must say that a life presents itself to a spiritual researcher in a way that does not align with the desires and experiences of everyday life. Let us discuss what is revealed there using a concrete example.
[ 20 ] Wir blicken auf unser Leben zurück, blicken hin auf einen Zeitpunkt, wo wir etwas getan haben, was unrecht ist. Und dieses Unrecht erscheint uns jetzt in der eben angeführten Fata Morgana des verflossenen Erdenlebens. Nur muß gesagt werden, daß der Eindruck für die Geistesforschung so ist, daß einem zuerst wie in einem gleichgültigen Bilde, wie in einem Tableau, gleichsam gedankenmäßig dieses Erdenleben erscheint, und daraus sich allmählich heraushebend — dadurch wird aber der Blick des Geistesforschers in immer tragischere und tragischere Konflikte gehüllt — etwas, von dem man sagen könnte: es ergibt sich einem der ganze persönliche Wert aus dem, was man getan und erlebt hat. Hat man ein Unrecht getan, so tritt aus dem Tableau des verflossenen Erdenlebens dieses Unrecht heraus, aber zuerst nur so, daß man das Bild verfolgt: dieses hast du getan. Dann durchzieht sich dieses Bild mit einem aus dem Geistig-Seelischen selbst heraus aufsteigenden Gefühlselement, mit Gefühlskräften, und man kann dem gegenüber nicht anders als sagen: Du kannst der Mensch nicht sein, der du sein solltest, wenn du immer auf das hinschauen mußt, was du da getan hast; du kannst das erst sein, was du sein solltest, wenn du aus der Wahrnehmung des inneren Schicksals, des Karma, dieses Unrecht ausgelöscht hast. Je länger es einem gelingt, bei dem zu verweilen, was sich wie eine geistige Spiegelscheibe darstellt, und je länger man da hineinschaut, desto intensiver treten die rein gefühlsmäßigen Erlebnisse auf, welche sagen: Du mußt auf das hinschauen, was du als Unrecht getan hast, bis du es ausgelöscht hast!
[ 20 ] We look back on our lives and reflect on a moment when we did something wrong. And this wrongdoing now appears to us in the mirage of our past earthly life that has just been described. It must be said, however, that from the perspective of spiritual research, this earthly life first appears to us—as it were, in thought—like an indifferent image, like a tableau; and gradually emerging from it—though this process shrouds the spiritual researcher’s gaze in ever more tragic and tragic conflicts—is something of which one might say: one’s entire personal worth arises from what one has done and experienced. If one has committed an injustice, this injustice emerges from the tableau of one’s past earthly life, but at first only in such a way that one follows the image: this is what you have done. Then this image becomes imbued with an emotional element rising from the spiritual-soul realm itself, with emotional forces, and one cannot help but say in response: You cannot be the person you are meant to be if you must always look upon what you have done there; you can only become what you ought to be once you have erased this wrongdoing through the perception of your inner destiny, your karma. The longer one succeeds in dwelling on what appears as a spiritual mirror, and the longer one looks into it, the more intensely the purely emotional experiences arise, which say: You must look at what you have done wrong until you have erased it!
[ 21 ] Das ist es in der Tat, wodurch der Geistesforscher durchgehen muß. Er muß, nachdem er die Fata Morgana des verflossenen Lebens vor seinem Blick sich ausbreitend geschaut hat, was ihn gleichgültig lassen kann, dasjenige dann erblicken, was sich davon abhebt und zu einer Summe von unzähligen Selbstvorwürfen wird, was ihm ganz anschaulich seinen Wert zeigt, wie weit er ist, und was er zu tun hat nach dem, was er verrichtet hat, um sich zum wahren Menschen erst zu machen. Selbsterkenntnis — das ist das Eigentümliche, daß sie immer schwieriger und schwieriger, immer tragischer und tragischer wird, je weiter man in ihr fortschreitet, und daß man insbesondere alles, was man hätte nicht tun sollen, als Selbstvorwürfe vor sich hat, so daß man daran gebannt ist, daß man nicht wieder den geistigen Blick davon abwenden kann, bevor es ausgelöscht ist.
[ 21 ] This is indeed what the spiritual researcher must go through. After watching the mirage of his past life unfold before his eyes—a sight that may leave him indifferent—he must then perceive what stands out from it and becomes a sum of countless self-reproaches, which vividly reveals to him his worth, how far he has come, and what he must do, in light of what he has done, to become a true human being. Self-knowledge—its peculiarity lies in the fact that the further one progresses in it, the more difficult and more tragic it becomes, and that, in particular, everything one should not have done stands before one as self-reproach, so that one is spellbound by it and cannot turn one’s spiritual gaze away from it until it is extinguished.
[ 22 ] Bis hierher hat schon der alte griechische Philosoph Aristoteles den Anblick des menschlichen geistigen Lebens vom geistigen Schauen aus erkannt, und er hat auch erkannt, was sich an diese Fata Morgana anschließen muß. Aristoteles hat schon im alten Griechenland gewußt, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, wirklich in seiner Eigenheit, in seinem Selbstwesen, lebt — und so lebt, daß er jetzt, rückschauend, das Erleben seiner eigenen Taten und Untaten hat, auf die sein Blick gebannt ist; nur daß Aristoteles noch nicht so weit Geistesforscher war, daß er in seiner Auffassung über diese Rückschau hinausgekommen wäre. Zu einer Ewigkeit dehnt sich nach ihm diese Rückschau aus. Keine Möglichkeit sieht Aristoteles, daß der Mensch jemals daraus heraus kommen könnte; so daß der Mensch, wenn er die kurze Rückschau gehabt hat, die nur nach Tagen zählt, dann die andere hätte, die sich bildlich vor ihm selber darstellen würde in alle Ewigkeit hinein. Das ist etwas von dem Trostlosen in der aristotelischen Philosophie, wenn man sie wirklich versteht. Aristoteles glaubt, das kurze Erdenleben sei dazu da, um ein Erleben im Geistigen vorzubereiten, in welchem der Mensch, rückschauend, eben gebannt sei an den Anblick des unvollkommenen Daseins zwischen Geburt und Tod; und sein Leben nach dem Tode würde darin bestehen, daß er an diesen Anblick gebannt wäre. Seine Welt würde es sein, sich so zu schauen, wie er war in dem Leben zwischen Geburt und Tod; und wie wir hier eine Welt von Tieren, Pflanzen, Steinen, Bergen, Meeren und so weiter schauen, so wären wir in der. Zeit nach dem Tode eingefaßt in den Anblick des Erlebens unserer eigenen Taten. — Klar darauf hingewiesen hat der ausgezeichnete Aristoteles-Forscher Franz Brentano in seinem schönen Buche « Aristoteles und seine Weltanschauung». Was ich eben angeführt habe — wenn auch die Worte des Aristoteles manchmal so sind, daß man darüber streiten kann, was er gemeint hat —, das ergibt sich aus Aristoteles durchaus. Er hat eben noch nicht gewußt, daß dieses, was uns die heutige Geistesforschung zeigen kann, auch nur ein Durchgang ist, was sich dem Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, als eine solche von inneren Gemütserlebnissen durchzogene Rückschau darstellt.
[ 22 ] As far as this point, the ancient Greek philosopher Aristotle had already recognized the nature of human spiritual life from the perspective of spiritual vision, and he also recognized what must follow this mirage. Aristotle already knew in ancient Greece that when a person has passed through the gate of death, he truly lives in his own individuality, in his own being—and lives in such a way that, looking back, he experiences his own deeds and misdeeds, upon which his gaze is fixed; except that Aristotle had not yet advanced far enough as a researcher of the spirit to have gone beyond this conception of looking back. According to him, this looking back extends into eternity. Aristotle sees no possibility that a human being could ever escape from this; so that once a person has had the brief retrospective—which lasts only a few days—they would then face another that would unfold before them, as it were, for all eternity. This is part of what is so bleak about Aristotelian philosophy, when one truly understands it. Aristotle believes that the brief earthly life serves to prepare one for an experience in the spiritual realm, in which man, looking back, would be captivated by the sight of his imperfect existence between birth and death; and his life after death would consist of being captivated by this sight. His world would consist of seeing himself as he was in the life between birth and death; and just as we here behold a world of animals, plants, stones, mountains, seas, and so on, so would we, in the time after death, be immersed in the sight of our own deeds. — The distinguished Aristotelian scholar Franz Brentano clearly pointed this out in his beautiful book Aristotle and His Worldview. What I have just cited—even if Aristotle’s words are sometimes such that one can debate what he meant—follows quite clearly from Aristotle. He simply did not yet know that what modern spiritual research can show us is merely a passage—one that, once a person has passed through the gate of death, presents itself as a retrospective view interwoven with inner emotional experiences.
[ 23 ] Was stellt sich dem Geistesforscher dar, wenn er bis in die Region eindringt, in welche der Mensch eintritt, wenn er die Todespforte durchschreiter?
[ 23 ] What does the spiritual researcher perceive when he penetrates into the realm that a person enters upon passing through the gates of death?
[ 24 ] Wenn er den geistesforscherischen Blick soweit gebracht hat, daß ihn sein Leib sozusagen nicht zu schnell zurückfordert, dann ergibt sich das, was sich an das nach Tagen zählende Erlebnis nach dem Tode, an die gleichgültige Fata-Morgana-Erinnerung als Rückschau anschließt. Denn der Geistesforscher kann auf seinem Wege so aufsteigen, daß er zunächst wirklich nur wie eine Fata Morgana das Spiegeln seiner Lebensereignisse und einiger geistiger Erlebnisse, die naheliegend sind, erblickt; dann kann sein Leib jenen feinen ätherischen Leib in sein Inneres zurückfordern, und er tritt wie aus einem Initiationstraum wieder in die alltägliche Wirklichkeit ein. Wenn er aber die Übungen, die Steigerung von Aufmerksamkeit und Hingabe immer weiter und weiter fortsetzt, dann gelangt er in der Tat dazu, sogar das zu schauen, was sich aus dieser Fata Morgana heraushebt, aber jetzt so sich heraushebt, daß sich im Anblick das zeigt, was wir noch nicht sind, was wir werden müssen — in dem Sinne noch nicht sind, daß wir ein Unrecht getan haben, auf welches wir hinblicken müssen. Wir sind noch nicht der, welcher dieses Unrecht aus der Welt geschafft hat; aber wir müssen der werden, der das Unrecht aus der Welt schafft.
[ 24 ] Once he has developed his spiritual-research perspective to the point where his physical body, so to speak, does not call him back too quickly, what follows is what comes after the post-death experience—which lasts for days—and the vague, mirage-like recollection that serves as a retrospective. For the spiritual researcher can ascend along his path to the point where, at first, he truly sees only—like a mirage—the reflection of the events of his life and certain spiritual experiences that are close at hand; then his physical body can reclaim that subtle etheric body into his inner being, and he re-enters everyday reality as if emerging from an initiatory dream. But if he continues the exercises—the cultivation of attention and devotion—further and further, then he does indeed come to behold even that which stands out from this mirage, but now stands out in such a way that what is revealed in this vision is what we are not yet, what we must become—in the sense that we are not yet what we ought to be because we have committed an injustice that we must confront. We are not yet the one who has eradicated this wrongdoing from the world; but we must become the one who eradicates it from the world.
[ 25 ] Und das ist wieder das Pressende, das innerlich Bedrückende im geistesforscherischen Blick, daß man durch die zur Selbstschau erweckte Anschauung des inneren Erlebens die erweckten Kräfte wachgerufen fühlt, die alles Unrecht schicksalsmäßig ausgleichen wollen; man schaut hin auf die Unvollkommenheiten, die einem anhaften. Das erblickt man. Aber man erblickt auch immer mehr und mehr, wie man es machen muß, damit das Unvollkommene schwindet, damit das Unrecht getilgt wird. Man erblickt, was man werden muß. Das ist die Selbsterkenntnis, daß man in sich die Keimkräfte fühlt, die schon über den Tod hinüberdrängen, daß man sich sagen muß: Diese Kräfte leben ja nach dem Tode in uns; wir tun, wenn wir vom Leibe befreit sind, was diese fordern. Jetzt muß ich das Unrecht stehen lassen, muß diese Unvollkommenheiten behalten; diese Kräfte aber fühle ich: wie eine Keimkraft in der Pflanze, so fühle ich die Kraft, die das Unrecht austilgen kann. Jetzt weiß man durch den inneren Anblick, daß es jahrelang dauert, bis dasjenige, was sich durch das eigene Erleben darbietet, allmählich die Kräfte sich herausarbeitet, die das Unrecht wirklich ausgleichen können. Aber sie können es jetzt nicht ausgleichen. Sie müssen erst durch eine geistige Welt, durch eine Welt geistiger Erlebnisse gehen. So wahr, als das physische Bewußtsein, wenn es den Untergang der Sonne sieht, sich sagt: du mußt jetzt die Nacht erleben, dann kann dir die im Westen untergegangene Sonne im Osten wieder erscheinen, so wahr weiß der Geistesforscher, wenn er die Kräfte erlebt, die sich als Keimkräfte in der Seele heranbilden: nachdem du nach und nach diese Kräfte entwickelt hast, nachdem du innerlich eingesehen hast nach dem Tode — oder einsehen gelernt hast durch Jahre hindurch, wie die Kräfte sein müssen, die den Ausgleich bewirken können, mußt du untertauchen in eine geistige Welt, um in derselben so wahr die Kräfte zu finden, die nunmehr gleichsam aus dieser geistigen Welt gesammelt werden, man möchte sagen geistig eratmet werden, damit der Mensch, nachdem.er zwischen Tod und neuer Geburt durch diese geistige Welt durchgegangen ist, wieder reif wird, um mit diesen auf die geschilderte Weise innerlich erarbeiteten Kräften in ein neues Erdenleben einzutreten.
[ 25 ] And this, once again, is what is so pressing, so inwardly oppressive in the spiritual researcher’s perspective: that through the contemplation of inner experience—awakened to self-observation—one feels the awakened forces being summoned, forces that seek to fatefully balance out all injustice; one looks upon the imperfections that cling to one. One sees this. But one also sees more and more clearly what one must do so that the imperfection may fade away, so that the injustice may be atoned for. One sees what one must become. This is the self-knowledge that one feels within oneself the germinal forces that are already striving beyond death, that one must say to oneself: These forces do indeed live on within us after death; once we are freed from the body, we will do what they demand. For now, I must let the wrongdoing stand, must retain these imperfections; yet I feel these forces: just as one feels the germinative force in a plant, so I feel the force that can eradicate the wrongdoing. Now, through inner vision, one knows that it takes years for what is revealed through one’s own experience to gradually develop the forces that can truly compensate for the wrongdoing. But they cannot compensate for it now. They must first pass through a spiritual world, through a world of spiritual experiences. Just as surely as physical consciousness, when it sees the sun set, tells itself: “You must now experience the night,” so that the sun that has set in the west may reappear in the east—just as surely does the spiritual researcher know, when he experiences the forces that are developing as germinative forces within the soul: after you have gradually developed these forces, after you have inwardly realized—or have come to understand over the course of years—what the forces must be like that can bring about this balance, you must immerse yourself in a spiritual world in order to find there, just as surely, the forces that are now, as it were, gathered from this spiritual world, one might say, are spiritually breathed forth—so that the human being, after passing through this spiritual world between death and a new birth, may once again become ripe to enter a new earthly life with these forces that have been inwardly cultivated in the manner described.
[ 26 ] Aber auch darüber kann durch die Geistesforschung ein Eindruck gewonnen werden, was die Seele zu durchleben hat, wenn sie zunächst nach dem Tode im Anblick des verflossenen Lebens jene Kräfte sich geistig angeeignet hat, nachdem sie eingesehen hat, welche Kräfte sie haben muß, wenn sie beim Durchgang durch die geistige Welt sich zu einem neuen Erdenleben vorbereitet. Denn es kann der Geistesforscher, wenn er durch die fortgesetzten Übungen seinen geistigen Blick lange genug erhalten kann, solange er im Erdenleben ist, diese Kräfte nicht selber umwandeln. Aber er schaut hinein in die geistige Welt; er sieht das Material zu dieser Umwandlung. Er sieht gleichsam in sich entstehen, wie die Kräfte hinüberverlangen nach einem neuen Leben. Wie man in einem Menschenkeim, der noch nicht an das Licht des Tages getreten ist, eine Lunge sehen kann, der man aber ansehen kann: wenn sie in Atemluft hineinkommt, wird sie atmen —, so sieht man, wenn die Seele leibbefreit ist, in der geistigen Welt die geistigen Organe die geistige Luft einatmen, die sich aber erst geistig ausbilden, wenn sie einem neuen Erdenleben entgegengehen. Dieses Sich-geistig-Ausbilden lernt man im unmittelbaren Anblick kennen, lernt kennen, was es heißt: mit geistigen Organen die geistige Substanz ergreifen. — Will man einen Ausdruck gebrauchen für das, was sich da mit der Seele abspielt, so bietet sich in der gewöhnlichen Sprache kein anderer Ausdruck als der, daß man sagt: Es ist ein in einer gewissen Beziehung seliges Erleben, weil es ein Leben in Tätigkeit ist, ein fortwährendes Aufrufen und Aneignen von geistiger Substanz in dem Dasein zwischen Tod und neuer Geburt, ein Schaffen, ein Herbeiführen der Vorbedingungen zu einem neuen Erdenleben. In diesem Dasein fühlt sich die Seele als Teil einer geistigen Welt, und dadurch fühlt sie es wie eine himmlische Seligkeit — nachdem sie gefühlt hat, was sie an dem verflossenen Leben und in dem Anblick desselben tragisch finden muß, — was als die Keimkräfte auf Grundlage des verflossenen Lebens sich herausentwickeln muß.
[ 26 ] But spiritual research can also provide insight into what the soul must experience once, after death, it has spiritually assimilated those forces while reviewing its past life—after it has realized what forces it must possess as it prepares for a new earthly life during its passage through the spiritual world. For the spiritual researcher, even if he is able to maintain his spiritual vision long enough through continued practice while he is still in earthly life, cannot transform these forces himself. But he looks into the spiritual world; he sees the material for this transformation. He sees, as it were, within himself how the powers yearn for a new life. Just as one can see a lung in a human embryo that has not yet come into the light of day—a lung that, one can see, when it comes into contact with breathing air, it will breathe—so, when the soul is freed from the body, one sees in the spiritual world the spiritual organs inhaling the spiritual air, which, however, only develop spiritually as they move toward a new earthly life. One comes to know this spiritual development through direct observation, comes to know what it means to grasp spiritual substance with spiritual organs. — If one wishes to use an expression for what is taking place there with the soul, ordinary language offers no other expression than to say: It is, in a certain sense, a blissful experience, because it is a life of activity—a continuous drawing upon and assimilating of spiritual substance during the existence between death and a new birth—a creative process, a preparation of the prerequisites for a new earthly life. In this existence, the soul feels itself to be part of a spiritual world, and through this it experiences it as a heavenly bliss—after having felt what it must regard as tragic in its past life and in the view of that life—which must develop as the germinal forces based on that past life.
[ 27 ] So hätten wir beisammen, was wir nennen können den Sinn des Fortlebens, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist: zuerst eine nach Tagen dauernde geistige, fatamorgana-artige Rückschau auf das verflossene Erdenleben, daran sich anschließend ein gefühlsmäßiges Rückerleben; denn dieses letztere gefühlsmäßige Erleben ist nicht nur eine Rückschau, sondern ein Rückerleben des verflossenen Erdenlebens, wobei man alles erlebt, was man an Unvollkommenheiten, an Unrecht begangen hat, was man anders haben sollte, damit man im folgenden Leben das erreicht, was man erreichen sollte, und ein Erarbeiten der Kräfte, die man braucht, damit das nächste Leben anders werden kann. Solange man noch einen Rückblick hat auf das vergangene Leben, ist es nur ein gedankenmäßiges Erarbeiten jener Kräfte, das in der Weise verläuft, daß man einsieht: du mußt im kommenden Erdenleben diese oder jene Kräfte haben. Hat man aber ganz sein Leben rückerlebt, hat man noch einmal nach dem Tode im Geistigen sein Erdenleben durchlaufen, dann kommt man in eine rein geistige Region, und dort eratmet man sich geistig gleichsam alle diejenigen Kräfte, die dann hinuntersteigen, um sich mit dem, was Vater und Mutter in der physischen Substanz geben können, zu vereinigen und ein neues Erdenleben zu bilden.
[ 27 ] Thus, once a person has passed through the gate of death, we would have what we might call the meaning of continued existence: first, a spiritual, mirage-like retrospective of one’s past earthly life lasting several days, followed by an emotional reliving of that life; for this latter emotional experience is not merely a retrospective view, but a reliving of one’s past earthly life, in which one experiences all the imperfections and wrongs one has committed, and what one should have done differently, so that in the next life one may achieve what one ought to achieve, and a development of the strengths needed to ensure that the next life can be different. As long as one still looks back on the past life, it is merely an intellectual development of those powers, which proceeds in such a way that one realizes: “In the coming earthly life, you must possess these or those powers.” But once one has relived one’s entire life—once one has passed through one’s earthly life once more in the spiritual realm after death—one enters a purely spiritual region, and there one spiritually draws in, as it were, all those forces, which then descend to unite with what the father and mother can provide in physical substance and to form a new earthly life.
[ 28 ] Es könnte nun scheinen, als ob das, was ich eben als den Durchgang des Menschen durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt geschildert habe, notwendig machte, daß die aufeinanderfolgenden Erdenleben immer vollkommener und vollkommener wären. Das ist allerdings praktisch nicht der Fall. Es ist aus dem Grunde nicht der Fall — und das zeigt wiederum die eigentliche Geistesforschung, wenn man nur den Anblick von der leibfreigewordenen Seele aus hat — weil es wirklich wahr ist, was schon fast aus einem kranken Gemüt heraus ein wirklich großer Geist der letzten Zeit gesagt hat: daß die Welt tief ist und wirklich tiefer als der Tag gedacht, daß wir nur langsam und allmählich zu dem kommen können, was in uns veranlagt ist, und daß unsere menschlichen Kräfte recht unvollkommen sind in bezug auf das, was sie einst werden müssen, und was als ein Ideal des wahren Menschentums vor uns stehen kann. Da zeigt sich dann, daß wir nicht immer in der Lage sind, nach dem Tode zu überschauen, welche Kräfte wir uns anzueignen haben, um begangenes Unrecht ausgleichen zu können. Und da sprechen viele Kräfte mit, so daß es sein kann, daß wir das, was wir aus Egoismus in dem Leben vor dem Tode begangen haben, durch einen noch größeren Egoismus glauben ausgleichen zu können, und was wir als Törichtes getan haben, durch eine noch größere Torheit ausgleichen wollen. Dadurch kann es geschehen, daß sich die folgende Erdenverkörperung als eine noch unvollkommenere darstellt, als eine noch herbere Schulung, als es die letzte war. Im großen und ganzen ist aber der Durchgang des Menschen durch die wiederholten Erdenleben doch ein Aufstieg. Es ist durchaus möglich, daß der Mensch, wenn er auf das vergangene Erdenleben zurückblickt, im Irrtum sein kann über die Art, wie etwas ausgeglichen werden kann, und daß dadurch scheinbare oder wirkliche Abstiege geschehen. Aber im großen und ganzen folgen auf tiefe «Fälle» des Menschen oft starke Aufstiege, indem nach dem Tode das Furchtbare eintrifft, daß wir auf das zurückschauen, was wir als ein tiefes Unrecht verübt haben, oder was uns als große Unvollkommenheit angehaftet hat, und daß wir dadurch nach dem tiefen Fall einen großen Aufstieg erleben werden.
[ 28 ] It might now seem as though what I have just described—the human being’s passage through life between death and rebirth—necessarily requires that successive earthly lives become ever more perfect. In practice, however, this is not the case. It is not the case for this reason—and this, in turn, is demonstrated by genuine spiritual research, provided one views matters from the perspective of the soul that has been freed from the body—because it is truly true what a truly great spirit of recent times said, albeit almost from a troubled mind: that the world is profound and truly deeper than we imagine, that we can only slowly and gradually arrive at what is inherent within us, and that our human powers are quite imperfect in relation to what they must one day become and to what stands before us as an ideal of true humanity. It then becomes apparent that we are not always able, after death, to see clearly what powers we must acquire in order to make amends for the wrongs we have committed. And many forces come into play here, so that it may be that we believe we can make amends for what we did out of selfishness in the life before death through an even greater selfishness, and that we want to make amends for what we did foolishly through an even greater folly. As a result, the next earthly incarnation may turn out to be even more imperfect—an even harsher trial than the last one was. On the whole, however, humanity’s passage through repeated earthly lives is indeed an ascent. It is entirely possible that when a person looks back on a past earthly life, they may be mistaken about how certain things can be balanced out, and that this may result in apparent or actual descents. But on the whole, profound “falls” in a person’s life are often followed by significant ascents, in that after death the terrible reality sets in: we look back on what we have committed as a grave injustice, or what has clung to us as a great imperfection, and as a result, after the profound fall, we will experience a great ascent.
[ 29 ] Gar manches zeigt sich, wenn der Geistesforscher das Leben mit dem geschärften Blick verfolgt; denn es tritt ja das eine nicht allein ein. Wenn man sein eigenes Leben nach dem Tode als einen Hintergrund hat, dann verschmilzt man mit der geistigen Welt, dann eint man sich mit der geistigen Welt; so daß man, wenn man mit dem geistig-seelischen Erleben auf ein Unrecht stößt, das man im Leben begangen hat, auch zugleich auf die Seele stößt, an der man dieses Unrecht begangen hat, und man erlebt dann das dieser Seele geschehene Unrecht mit. Überhaupt führt uns das Ausdehnen des Blickes auf ein Geistiges nicht nur auf die eigene Seele zunächst, sondern auf die andere Menschenseele selber. Man lernt die andere Menschenseele beobachten, so daß man, wenn es auch für das heutige Zeitbewußtsein schwer glaublich ist, in ein Beobachten der anderen Menschenseele hineinkommt und wirklich dazu gelangt, eine Seele zu verfolgen, die schon entkörpert ist, die schon durchgegangen ist durch die Pforte des Todes. Allerdings muß darauf aufmerksam gemacht werden: Wenn der Geistesforscher sich bemüht, sein eigenes Leben so auszudehnen, daß er in den Raum des Erlebens hineindringt — «Raum» ist hier natürlich symbolisch gemeint —, woirgendeine Seele ist, so kann er die Schicksale dieser Seele nach dem Tode miterleben. Nur muß gesagt werden, daß man zunächst die Schicksale jener Seelen miterlebt, mit denen man im verflossenen Leben verbunden war; aber im weiteren geistigen Erleben stellen sich auch die Schicksale solcher Seelen ein, mit denen man in früheren Erdenleben verbunden war. Da stellt sich für den Geistesforscher heraus, daß er Beziehungen zu fast allen Seelen auf der Erde entwickelt; nur ist das Erkennen dann oft ein außerordentlich schwieriges und kann nur mit gewissen Hilfsmitteln gelingen.
[ 29 ] Many things become apparent when the spiritual researcher observes life with a keen eye; for one thing does not occur in isolation. When one has one’s own life after death as a backdrop, one merges with the spiritual world; one unites with the spiritual world; so that when, through spiritual and soul experience, one encounters a wrong one has committed in life, one simultaneously encounters the soul against whom this wrong was committed, and one then experiences the wrong done to that soul as well. In general, expanding one’s gaze toward the spiritual leads us not only to one’s own soul at first, but to the soul of another human being itself. One learns to observe the soul of another human being, so that—even if it is difficult for today’s sense of time to believe—one enters into an observation of the other human soul and truly comes to follow a soul that has already left the body, that has already passed through the gate of death. However, it must be pointed out: When the spiritual researcher strives to expand his own life in such a way that he penetrates into the realm of experience—where “realm” is, of course, meant symbolically—in which a soul exists, he can witness the destinies of that soul after death. It must be noted, however, that one initially witnesses the destinies of those souls with whom one was connected in one’s past life; but as one’s spiritual experience deepens, the destinies of souls with whom one was connected in earlier earthly lives also come into view. It then becomes clear to the spiritual researcher that he develops relationships with almost all souls on Earth; however, recognizing these relationships is often an extraordinarily difficult task and can only be achieved with certain aids.
[ 30 ] Manche Fragen mögen dem einzelnen aufgehen, wenn in dieser Art über den Sinn der Unsterblichkeit der. Menschenseele gesprochen wird. Wenn man zusammennimmt, was im vorigen Vortrage ausgeführt worden ist, mit dem, was heute dargestellt wurde, so kann man sagen: Man kann verstehen, daß sich das alltägliche Bewußtsein nur entwickeln kann, indem es sich wie ein Schleier über das Ewige der Menschenseele verbreitet, und daß wir deshalb das sinnliche Bewußtsein entwickeln, weil wir zwischen Geburt und Tod das verdunkeln, was sich nach dem Tode entfaltet. Wir müssen — nach dem, was im letzten Vortrage gesagt worden ist — den Tod in uns tragen, damit wir das gegenwärtige Bewußtsein haben können. In dem Maße, als wir die Kräfte entwickeln, welche uns zum natürlichen Tode führen, können wir das alltägliche Bewußtsein entwickeln. Daß wir sterben können, das macht es möglich, daß wir die Sinneswelt um uns herum haben können.
[ 30 ] Some questions may occur to the individual when the meaning of the immortality of the human soul is discussed in this way. If we combine what was explained in the previous lecture with what has been presented today, we can say: It is understandable that everyday consciousness can only develop by spreading like a veil over the eternal aspect of the human soul, and that we develop sensory consciousness precisely because, between birth and death, we obscure what unfolds after death. We must—according to what was said in the last lecture—carry death within us so that we may have our present consciousness. To the extent that we develop the forces that lead us to natural death, we can develop our everyday consciousness. The fact that we can die makes it possible for us to have the sensory world around us.
[ 31 ] So kann man begreifen, daß der Mensch sozusagen sterben muß, wenn er sein Leben durchlebt hat. Aber von dem, der gerade in dieser Art von dem Sinn der Unsterblichkeit sprechen hört, muß die Frage immer wieder aufgeworfen werden: Wie steht es mit denjenigen Leben, die unerfüllt, sei es durch innere Krankheiten oder innere Schwächen oder durch Unglücksfälle, vielleicht in der Blüte des physischen Erdenlebens enden? Was kann der Geistesforscher über solche Todesfälle sagen? Wie reihen diese sich ein in den vollen Gang des Erdenlebens, und was sind sie in dem, was der Mensch durchträgt durch die Todespforte, wenn er in die geistige Welt eintritt?
[ 31 ] Thus one can understand that a person must, so to speak, die once he has lived out his life. But for anyone who hears the concept of immortality discussed in this way, the question must be raised again and again: What about those lives that end unfulfilled—whether due to inner illnesses, inner weaknesses, or misfortunes—perhaps in the prime of their physical earthly existence? What can the spiritual researcher say about such deaths? How do these fit into the full course of earthly life, and what role do they play in what a person carries through the gate of death when entering the spiritual world?
[ 32 ] Ich möchte hier nicht in abstracto sprechen. Viele Jahre schon habe ich hier diese Vorträge gehalten. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß jetzt, nachdem ein derartiger Zyklus so und so oft gehalten worden ist, von manchem geglaubt werden kann, daß solche Schilderungen, wie sie hier gegeben werden, wie bloße Behauptungen hingestellt sind. Das wird man immer wieder und wieder erleben, daß diejenigen, welche solche Dinge zum ersten Male hören und sich nicht mit der Literatur bekanntgemacht haben, mit Einwänden kommen, welche längst aus dem Felde geschlagen sind. Man würde aber in den Betrachtungen nicht fortschreiten können, wenn man immer jedes Jahr dasselbe sagen müßte. Daher muß ich gegenüber dem, was sich an vollberechtigten Einwänden ergeben kann, darauf verweisen, daß gesagt werden muß: Man versuche in die Literatur einzudringen und zu berücksichtigen, daß solche Einwände im Laufe der vielen Vorträge schon aus dem Felde geschlagen sind.
[ 32 ] I do not wish to speak in the abstract here. I have been giving these lectures here for many years now. It is therefore only natural that now, after such a series has been presented so many times, some may believe that the descriptions given here are presented as mere assertions. Time and again, we will find that those who are hearing such things for the first time and are not familiar with the literature will raise objections that have long since been refuted. However, one could not make progress in these reflections if one had to say the same thing every year. Therefore, in response to any legitimate objections that may arise, I must point out that one should try to familiarize oneself with the literature and bear in mind that such objections have already been refuted in the course of the many lectures.
[ 33 ] Nehmen wir den Fall, daß ein blühendes Menschenleben durch einen Unglücksfall hingerafft wird. Da stellt sich dem Geistesforscher das folgende dar. Wenn er diese Seele über den Tod hinaus verfolgt, so zeigt sich, daß sie, indem sie diesen Unglücksfall durchgemacht hat, im Durchschreiten durch den Unglücksfall Kräfte in sich aufgenommen hat, welche geeignet sind, für das nächste Erdenleben höhere intellektuelle Fähigkeiten vorzubereiten, als vorbereitet werden würden, wenn dieser Unglücksfall nicht herbeigeführt worden wäre. Nur würde man allerdings den Geistesforscher schlecht verstehen, wenn man auch nur im allerentferntesten den Gedanken hegen würde: also wäre es sehr leicht, sich für sein nächstes Erdenleben intellektueller zu machen, wenn man sich jetzt von einer Maschine überfahren ließe. So ist es nicht. Sondern es zeigt sich, daß über dasjenige, was im menschlichen Schicksale über den Tod hinaus notwendig ist, nicht entscheiden kann das Bewußtsein, welches wir zwischen Geburt und Tod haben, sondern jenes höhere Bewußtsein, das da eintritt vor der Geburt oder nach dem Tode des Menschen, in der rein geistigen Welt. Mit dem Bewußtsein, welches wir im physischen Leibe entwickeln können, können wir niemals überschauen, ob ein Unglücksfall in dieser oder jener Weise auf uns wirken würde. Aber in zahlreichen Fällen zeigt sich für den Geistesforscher, daß in der Tat während eines Lebens, das als geistiges Erleben unserer jetzigen Geburt vorangegangen ist, unsere Seele in einem rein geistigen Bewußtsein ein solches Schicksal schon herbeigeführt hat, das mit einer gewissen Notwendigkeit zu diesem Unglücksfall hingeführt hat. Das zu entscheiden, steht uns nach der Geburt nicht zu. Vor der Geburt dirigieren wir unser Dasein nach dem Unglück hin, damit unsere Seele sozusagen durchschreitet durch die Möglichkeit der äußeren physischen Tätigkeitsweisen, uns den physischen Leib zu zerschellen, und so gleichsam im Moment des Überganges das Erlebnis hat: wie wirkt unsere Menschheit im Zerschellen, wenn sich dieser Leib nicht in natürlicher Weise fortentwickeln wird? Es hat einen guten Sinn — aber nicht vor dem alltäglichen Bewußtsein, sondern vor unserem Überbewußtsein —, daß Menschenleben auch sozusagen vor dem Erreichen des normalen Alters durch Unglücksfälle zugrunde gehen können. So gewagt es ist, dergleichen in der Gegenwart auszusprechen, so muß doch auch auf so etwas hingewiesen werden. Und bei vielen Seelen, die der Geistesforscher findet, bei denen er diese oder jene Talente in ihrer Grundveranlagung findet, kann er zurückgehen auf frühere Erdenleben und schauen, wie Erfindungskräfte, Einblickskräfte in die große Welt, die sich dazu eignen der Menschheit große Dienste zu leisten, sich durch Unglücksfälle in einem bestimmten Lebensalter entwickelt haben. Man braucht vernünftigerweise nur darauf hinzuschauen, wie für diese oder jene Verrichtungen, die origineller Art sind, ein bestimmtes Menschenalter notwendig ist. Große Erfinder werden in einem bestimmten Lebensalter durch eine Höchstspannung ihrer Fähigkeiten dazu kommen, daß sich gewisse Kräfte dann aus den Tiefen des Lebens heraufheben. Es braucht nicht eine epochemachende Erfindung zu sein, es kann auch etwas sein, was ganz dem gewöhnlichen alltäglichen Leben dient. Das kann darauf beruhen, daß diese Seele in einem früheren Erdenleben den Durchgang halten mußte durch Verhältnisse des physischen Lebens, die den Leib damals zerschellten. In dem Durchgehen durch die das physische Leben zerstörenden Kräfte erringt sich die Seele Erfindungskräfte, welche die physische Welt beherrschen, dirigieren und durchdringen. — Daß solche Dinge erforscht werden können, kann nicht mit der gewöhnlichen äußeren Logik «bewiesen» werden; sondern es kann nur immer das gemacht werden, was so oft in diesen Vorträgen gezeigt worden ist: wie der Geistesforscher durch eine streng geregelte Methodik seines Seelenlebens dazu kommt, wirklich beobachten zu können, was in einem Moment vorgeht, wo eine Seele irgendein Unglück erlebt, das zu dem oder jenem, oder sogar zum Tode führt.
[ 33 ] Let us consider the case in which a flourishing human life is cut short by a tragic accident. The following then becomes apparent to the spiritual researcher. When he follows this soul beyond death, it becomes evident that, by having gone through this misfortune, the soul has absorbed within itself—through the experience of the misfortune—forces that are capable of preparing higher intellectual abilities for the next earthly life than would have been prepared had this misfortune not occurred. However, one would be misinterpreting the spiritual researcher if one were to entertain even the remotest thought that it would therefore be very easy to become more intellectually developed for one’s next earthly life by allowing oneself to be run over by a machine now. That is not the case. Rather, it becomes evident that what is necessary in human destiny beyond death cannot be determined by the consciousness we possess between birth and death, but rather by that higher consciousness which arises before birth or after death, in the purely spiritual world. With the consciousness we can develop in the physical body, we can never fully grasp whether an accident would affect us in this or that way. But in numerous cases, it becomes evident to the spiritual researcher that, in fact, during a life that preceded our present birth as a spiritual experience, our soul—in a purely spiritual consciousness—had already brought about a fate that, with a certain inevitability, led to this misfortune. It is not for us to decide this after birth. Before birth, we direct our existence toward misfortune so that our soul, as it were, passes through the possibility of external physical actions that shatter our physical body, and thus, as it were, experiences at the moment of transition: how does our humanity manifest in this shattering when this body will not continue to develop in a natural way? There is a good reason—not in the realm of everyday consciousness, but in our superconsciousness—why human lives can be cut short by misfortune even before reaching normal old age, so to speak. As daring as it is to speak of such things in the present, it is nevertheless necessary to point them out. And in the case of many souls whom the spiritual researcher encounters—in whom he finds this or that talent in their fundamental disposition—he can trace back to earlier earthly lives and observe how powers of invention and powers of insight into the wider world, which are suited to rendering great service to humanity, have developed through misfortunes at a certain age. One need only reasonably observe how a certain stage of life is necessary for this or that task of an original nature. Great inventors will, at a certain stage of life, through a peak of intensity in their abilities, reach a point where certain powers then rise up from the depths of life. It need not be an epoch-making invention; it can also be something that serves entirely ordinary, everyday life. This may be due to the fact that, in a previous earthly life, this soul had to pass through circumstances of physical life that shattered the body at that time. In passing through the forces that destroy physical life, the soul acquires powers of invention that master, direct, and permeate the physical world. — The fact that such things can be investigated cannot be “proven” by ordinary external logic; but one can only do what has so often been demonstrated in these lectures: how the spiritual researcher, through a strictly regulated methodology of his inner life, comes to be able to truly observe what takes place at the moment when a soul experiences some misfortune that leads to this or that, or even to death.
[ 34 ] Oder nehmen wir einen anderen Fall: Wenn ein junges Menschenleben verhältnismäßig sehr früh durch eine Krankheit hingerafft wird, dann zeigt es sich für den Geistesforscher, daß nicht so sehr das intellektuelle Leben in der nächsten Verkörperung dadurch beeinflußt wird; aber im wesentlichen wird das Willensleben in einem solchen Falle beeinflußt. Wiederum dürfen wir eine solche Stärkung des Willenslebens, die wir uns im gewöhnlichen Bewußtsein wünschen, nicht dadurch herbeiführen, daß wir es selbst zu einer Krankheit kommen lassen. Wenn aber in dem ganzen Zusammenhange des Daseins, das von der geistigen Welt beherrscht ist, durch eine Lungen- oder andere Krankheit ein Menschenleben in der Blüte seines Daseins dahingerafft wird, so findet der Geistesforscher sehr häufig, daß eine solche Seele, die durch eine derartige Krankheit durchgegangen ist, nicht in der Lage war, jene innere Stärke des Willens zu entfalten, die schon in einer gewissen Weise in ihr veranlagt war. Die äußere Leiblichkeit bot Widerstand. Aber indem die Krankheit durchgemacht wurde, und indem das Geistig-Seelische den Widerstand der Leiblichkeit erlebt hatte, fand es, wenn es dann durchging durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, in diesem Widerstande dasjenige, was dann jene Willensstärke gibt. Und gerade durch eine solche Betrachtung zeigt sich, daß das Leben nach allen Seiten hin seinen Sinn bekommt.
[ 34 ] Or let’s consider another case: When a young life is cut short relatively early by illness, it becomes apparent to the spiritual researcher that it is not so much the intellectual life in the next incarnation that is affected by this; rather, it is essentially the life of the will that is affected in such a case. Again, we must not bring about the kind of strengthening of the life of the will—which we desire in our ordinary consciousness—by allowing an illness to develop on our own. But when, within the overall context of existence—which is governed by the spiritual world—a human life is cut short in the prime of life by a lung disease or some other illness, the spiritual researcher very often finds that such a soul, having gone through such an illness, was not able to develop that inner strength of will that was already, in a certain sense, inherent within it. The outer physical body offered resistance. But as the illness was endured, and as the spiritual-soul aspect had experienced the resistance of the physical body, it found—when it then passed through the life between death and new birth—in this resistance the very thing that subsequently gives rise to that strength of will. And it is precisely through such a consideration that it becomes evident that life acquires its meaning in every respect.
[ 35 ] Gewiß, es muß gesagt werden: all das Leid, das wir im physischen Erdenleben empfinden, berechtigterweise empfinden, wenn wir den Unglücksfällen des Lebens gegenüberstehen oder dem eigenen Schicksale gegenüberstehen, dieses Leid wird immer da sein. Das wird sich nicht ganz aufheben, vielleicht aber doch mildern lassen, wenn man einsieht, daß, von einer höheren Lebensbetrachtung aus gesehen, Weisheit dennoch unser Leben durchpulst und durchwebt. Von einem höheren Standpunkte aus erscheint alles Leid, das ins Leben einverwoben ist, als zur Entwickelung gehörig, und davon geht der Geistesforscher aus: Weisheit in der Welt von vornherein vorauszusetzen und zu finden. Er betrachtet das Leben mit all seinen Glücks- und Unglücksfällen; und wie das Resultat einer Rechnung nicht da ist, bevor man die Rechnung nicht ausgeführt hat, so gibt es Weisheit nicht im Menschenleben, bevor er sich nicht in so und so vielen Fällen in Bewunderung davon überzeugt, daß Weisheit dennoch allem Leben zugrunde liegt. Weil wir in einem Erleben drinnenstehen, das durch den Leib geschehen muß, so werden die Unglücksfälle in entsprechender Weise wirken, werden uns mitnehmen als Menschen, und es würde das Leben im Leib, wenn es nicht Schmerz empfinden könnte bei Unglücksfällen, uns als ein unmenschliches erscheinen müssen. Aber ebenso wie uns die sinnliche Wahrnehmung im Leben zudeckt, was das Geistig-Seelische in seiner Ewigkeitsbedeutung ist, so deckt das Erleben im Leib jenen höheren Standpunkt zu, von dem aus alles bewußte Erleben des Menschen von Weisheit durchdrungen erscheint. Der Geistesforscher wird nicht wie eine ausgedörrte Feldfrucht dadurch, daß er Weisheit selbst im Unglück erschauen kann. Nein, gerade dadurch, daß er sich auf einen höheren Gesichtspunkt erheben kann, erscheint ihm von diesem aus die Überschau über das Leben in Weisheit geistdurchdrungen, vernünftig. Dann aber, wenn er wieder in das Erdenleben hereintritt und in seinem Leibe erlebt, ist er selbstverständlich so sehr fühlender Mensch, wie jeder andere. Wie derjenige, welcher einen Gebirgsgipfel besteigt und von diesem oben den schönen Anblick hat, nicht aufhören darf den Blick für das zu haben, was unten im Tale vor sich geht, so kann auch der wahre Geistesforscher nicht alles volle Mitleid und Miterleben für alles menschliche Glück und Leid verlieren, wenn er im Leben zwischen Geburt und Tod Glück und Leid gegenübersteht. Aber gerade dieser Geistesforschung zeigt sich, daß der Ewigkeit gegenüber der Mensch nicht zur Verzweiflung geboren ist, sondern daß jede Aufschau in das Reich des Geistes ihm die Welt weisheitsvoll, sinnvoll zeigt, und daß Erkenntnis der wahren Unsterblichkeit zugleich Erkenntnis des Sinnes der Unsterblichkeit ist.
[ 35 ] Certainly, it must be said: all the suffering we experience in our physical earthly life—and rightly so—when we face life’s misfortunes or our own fate, this suffering will always be there. It will not disappear entirely, but it may be alleviated if one realizes that, viewed from a higher perspective on life, wisdom nonetheless pulses through and weaves itself into our lives. From a higher vantage point, all suffering woven into life appears to be part of our development, and this is the starting point for the spiritual researcher: to presuppose and find wisdom in the world from the very beginning. He contemplates life with all its fortunes and misfortunes; and just as the result of a calculation is not known until the calculation has been performed, so wisdom does not exist in human life until one has, in so many instances, become convinced with admiration that wisdom nevertheless underlies all life. Because we are immersed in an experience that must take place through the body, misfortunes will have a corresponding effect, will affect us as human beings, and life in the body—if it were unable to feel pain in the face of misfortune—would have to appear inhuman to us. But just as sensory perception in life veils from us what the spiritual-soul aspect is in its eternal significance, so does the experience within the body veil that higher vantage point from which all of a human being’s conscious experience appears to be permeated by wisdom. The spiritual researcher does not become like a withered crop simply because he can perceive wisdom even in misfortune. No, precisely because he can rise to a higher vantage point, the overview of life from that perspective appears to him as imbued with wisdom and reasonable. But then, when he re-enters earthly life and experiences it in his body, he is, of course, just as much a feeling human being as anyone else. Just as one who climbs a mountain peak and, from that height, enjoys the beautiful view must not cease to be mindful of what is happening down in the valley, so too can the true spiritual seeker not lose all full compassion and empathy for all human happiness and suffering when, in the life between birth and death, he is confronted with happiness and suffering. But it is precisely this spiritual research that reveals that, in the face of eternity, human beings are not born to despair, but rather that every gaze upward into the realm of the spirit reveals the world to them in a wise and meaningful way, and that the realization of true immortality is at the same time the realization of the meaning of immortality.
[ 36 ] Nur Andeutungen konnte ich über die menschliche Unsterblichkeit und ihre Art machen, und daraus muß sich der Sinn dieser menschlichen Unsterblichkeit selber ergeben. Gerade diejenigen Dinge muß der Geistesforscher in Worten aussprechen, die sozusagen außerhalb des gewöhnlichen Lebens liegen, wenn er auf das hinweisen will, was der Mensch erlebt, nachdem er die Pforte des Todes durchschritten hat. Was im gewöhnlichen Leben erlebt wird, bietet keinen Anhaltspunkt, um das Leben nach dem Tode zu charakterisieren, wenn es in seiner geistigen Substantialität erkannt werden soll. So muß man sich darüber klar sein, daß der Mensch nicht in der Lage sein wird, das Bild eines einzelnen Löwen oder eines einzelnen Berges mit durch die Pforte des Todes zu tragen, wohl aber diejenige innere geistig-seelische Tätigkeit, durch die wir in die Lage kommen, einen Berg als Vorstellung zu haben, im Bewußtsein zu haben, oder einen Löwen vorzustellen. Die tragen wir durch die Pforte des Todes. Gerade das tragen wir am meisten durch die Pforte des Todes, was im Leben eigentlich nicht «wirklich» ist. Wenn wir verschiedene Löwen sehen, so bilden wir uns den Begriff des Löwen. Es ist selbstverständlich kinderleicht zu beweisen, daß der Begriff des Löwen nicht in der sinnlichen Wirklichkeit existiert, sondern nur der einzelne Löwe; ebenso nicht der Begriff des Berges, sondern nur der einzelne Berg. Aber was uns in die Lage versetzt, Berge und Löwen zu erkennen und zu begreifen, Geistig-Seelisches zu begreifen, Gerechtigkeit, Freiheit und so weiter zu erkennen, was uns fähig macht mit einer Menschenseele wie mit unseresgleichen zu leben, was uns eindringen läßt in die Menschenseele durch geheimnisvolle Sympathien, jenes geheimnisvolle Weben von Seele zu Seele - das nehmen wir mit durch die Pforte des Todes. Und wenn die Frage aufgeworfen wird: Werden wir mit den uns Nahestehenden nach dem Tode wieder zusammensein? — so können wir sagen: Wir werden mit ihnen wieder zusammen sein! Es gibt ein Wiedersehen mit denen, die uns im Leben nahegestanden haben. Auch schon zwischen Geburt und Tod sind Bande zwischen den Seelen vorhanden, die dem Außerirdischen angehören — was nur noch nicht geschaut wird, weil der seelische Blick gefesselt ist durch den physischen Anblick.
[ 36 ] I could only offer hints regarding human immortality and its nature, and the meaning of this human immortality must emerge from these hints on its own. It is precisely those things that lie, so to speak, outside ordinary life that the spiritual researcher must put into words if he wishes to point to what a person experiences after passing through the gate of death. What is experienced in ordinary life offers no point of reference for characterizing life after death if it is to be recognized in its spiritual substance. Thus, one must be clear that a person will not be able to carry the image of a single lion or a single mountain through the gate of death, but rather that inner spiritual-soul activity through which we are enabled to have a mountain as a concept, to hold it in our consciousness, or to imagine a lion. These are what we carry through the gate of death. It is precisely what is not “real” in life that we carry most of all through the gate of death. When we see various lions, we form the concept of the lion. It goes without saying that it is child’s play to prove that the concept of the lion does not exist in sensory reality, but only the individual lion; likewise, not the concept of the mountain, but only the individual mountain. But what enables us to to recognize and comprehend mountains and lions, to grasp spiritual and soul-related matters, to recognize justice, freedom, and so on—what enables us to live with a human soul as with our own kind, what allows us to penetrate the human soul through mysterious sympathies, that mysterious interweaving from soul to soul—that is what we take with us through the gate of death. And when the question is raised: Will we be reunited with our loved ones after death? — then we can say: We will be reunited with them! There will be a reunion with those who were close to us in life. Even between birth and death, bonds exist between souls that belong to the spiritual realm—bonds that are simply not yet perceived because the soul’s gaze is bound by physical sight.
[ 37 ] Geistiges zu erforschen bedeutet zu gleicher Zeit unbedingt, wenn man wirklich zu diesem Geistigen kommt, die Ewigkeit dieses Geistigen erkennen. Den Menschen als Geist erkennen, bedeutet die Ewigkeit des Menschengeistes erkennen. Und eigentlich muß man als Geistesforscher, so sonderbar es aussieht, das Folgende sagen: Wer den Geist für sterblich hält, der kann ihn nicht in Wirklichkeit erkennen. Philosophen, welche an die Unsterblichkeit der Menschenseele nicht glauben, sind für die Seelenforschung wie Botaniker, die das Dasein der Pflanzen leugnen. Es ist die bestimmte Art, die Welt des Geistes anzuschauen, wie der geistesforscherische Blick es ergibt, so, daß man sagen kann: Die Seele lernt als etwas Selbstverständliches das Geistige erkennen, wie der Botaniker die Pflanze erkennt als das, was sie ist. Deshalb dürfen wir sagen, daß das Wertvollste für das gesamte Menschenleben in bezug auf das Geistig-Seelische, in bezug auf das Verhalten der Menschenseele nach dem Tode das ist, was durch die äußere Anschauung im physisch-sinnlichen Erleben verdeckt wird, was in diesem Erleben nicht wahrgenommen wird. Wer in das Leben, das nach dem Tode verläuft, Begriffe hineintragen will, wer nach dem Tode nicht unter dem «Begriffshunger» — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf - leiden will, der muß sich Begriffe aneignen, welche schon hier im Erdenleben sich nicht bloß auf das sinnlich Wahrnehmbare erstrecken, sondern über dasselbe hinausgehen. Was wir von der Geisteswissenschaft wissen, davon können wir uns nähren, als von Begriffen, in dem Leben nach dem Tode. — Wenn jemand glauben würde, daß der Begriffshunger nach dem Tode ihn töten würde, so ist darauf allerdings zu sagen, daß eine Seele, weil sie unsterblich ist, zwar unter dem Begriffshunger leiden kann, aber nicht, wie der physische Leib, am Begriffshunger sterben kann.
[ 37 ] To explore the spiritual necessarily means, at the same time—if one truly arrives at this spiritual realm—to recognize the eternity of the spiritual. To recognize the human being as spirit means to recognize the eternity of the human spirit. And in fact, as a spiritual researcher—strange as it may seem—one must say the following: Whoever considers the spirit to be mortal cannot truly recognize it. Philosophers who do not believe in the immortality of the human soul are to soul research what botanists are who deny the existence of plants. It is the specific way of viewing the world of the spirit, as revealed by the spiritual researcher’s perspective, such that one can say: The soul learns to recognize the spiritual as a matter of course, just as the botanist recognizes the plant for what it is. Therefore, we may say that what is most valuable for human life as a whole—in regard to the spiritual-soul aspect, and in regard to the behavior of the human soul after death—is that which is obscured by external perception in physical-sensory experience, that which is not perceived in this experience. Anyone who wishes to bring concepts into the life that follows death, anyone who does not wish to suffer from a “hunger for concepts”—if I may use that expression—after death, must acquire concepts that, even here in earthly life, extend not merely to what is perceptible through the senses but go beyond it. What we know from spiritual science can nourish us, as concepts do, in the life after death. — If someone were to believe that the hunger for concepts after death would kill them, it must certainly be said that a soul, because it is immortal, can indeed suffer from this hunger for concepts, but cannot, like the physical body, die from it.
[ 38 ] So konnte ich Ihnen nur einzelne Andeutungen geben über den Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele. Selbstverständlich weiß derjenige, der solche Andeutungen gibt, am allerbesten, was von dem, der so ganz in dem Zeitbewußtsein von heute drinnen steht, gegen solche Andeutungen eingewendet werden kann, oder oft muß. Wir leben ja in einer Zeit, die auf der einen Seite ganz und gar abgeneigt ist anzuerkennen, daß jene Entwickelung der Seele, von welcher hier gesprochen worden ist, wirklich in ein rein geistiges Erleben hineinführt, wo sich das hier Auseinandergesetzte darstellt; nur leben wir zugleich in einer Zeit, in welcher in den unterbewußten Tiefen der Menschenseele ein Hinausgehen über das Wissen des Verstandes und dessen, was an den Verstand gebunden ist, ersehnt wird. Es kann ja auch Menschen geben, welche sagen: Warum kann der Mensch nicht stehen bleiben bei dem, was ihm die Natur gegeben hat, bei dem Verstande und bei den Sinnen, die ihm von Natur aus gegeben sind? Aber das wäre ebenso, wie wenn jemand sagte, daß das Kind bei dem stehen bleiben sollte, was es als Kind hat, und nicht das lernen sollte, was es als Mann auszuführen hätte. Genau auf demselben Standpunkte stünde derjenige, der da sagte, daß die Seele stehenbleiben sollte bei den Fähigkeiten, welche der Seele schon gegeben sind.
[ 38 ] Thus, I have been able to offer you only a few hints regarding the meaning of the immortality of the human soul. Of course, the one who offers such hints knows best what objections—or, indeed, what objections must often be raised—by someone who is so thoroughly immersed in today’s sense of time. After all, we live in an age that, on the one hand, is utterly averse to acknowledging that the development of the soul discussed here truly leads into a purely spiritual experience, where what has been expounded here manifests itself; yet at the same time we live in an age in which, in the subconscious depths of the human soul, there is a yearning to transcend the knowledge of the intellect and that which is bound to the intellect. There may indeed be people who say: Why can’t human beings remain content with what nature has given them—the intellect and the senses that are naturally bestowed upon them? But that would be just as if someone were to say that a child should remain content with what it has as a child and should not learn what it would have to accomplish as an adult. Anyone who were to say that the soul should remain content with the faculties already given to it would be taking exactly the same position.
[ 39 ] Wir sehen überall, wo man sich nur von den gröbsten Vorurteilen, welche das Jahrhundert gezeitigt hat, loslösen kann, daß man auf die eigentliche Natur desjenigen kommt, was der Wesenskern des Menschen ist. Man kann sehen, wie sich Philosophen der Gegenwart loslösen von dem rein physischen Erleben und der Interpretation über das rein physische Erleben. Interessant bleibt es immerhin, wenn auch noch so sehr am Ziele vorbeigeschossen wird, daß der französische Philosoph Bergson in dem Gedächtnis etwas sieht, was in das Geistige hineinführt. Man sieht aber an einem solchen Beispiele, wie schwer es den Philosophen der Gegenwart wird, sich zur Anerkennung der geistigen Welt aufzuraffen. Und an anderen Punkten wieder sieht man, wie gesundes Seelenleben, wenn es sich gesund entwickelt, bis zur Eingangspforte der Geisteswissenschaft kommt. Höchst interessant ist es, daß das, was man im gewöhnlichen Leben die Aufmerksamkeit nennt, ins Unbegrenzte gesteigert, die Möglichkeit gibt, aus dem Menschen etwas anderes zu machen, und wenn man dann immerhin sieht, wie ein sehr bedeutender Philosoph der Gegenwart, der aber doch in den Begriffen der Gegenwart stecken bleibt, McGilvary, aus dem Gesunden der amerikanischen Natur heraus gerade bis zu dem Punkte kommt, wo er sich sagt: Wenn man das eigentliche Seelenwesen kennenlernen will, wenn man kennenlernen will, was Seele, was Unsterblichkeit ist, so kann man das nur in der Entwickelung der Aufmerksamkeit. Und McGilvary kommt dahin, sich zu sagen, daß der Mensch durch eine Anstrengung, durch eine Steigerung der Kräfte der Aufmerksamkeit wissen kann, daß man durch diese Anstrengung zum Erfassen eines Geistig-Seelischen kommt, das man wie eine innere Tätigkeit hat. Daran sieht man, wie solche Bestrebungen bis zur Pforte der Geisteswissenschaft hinführen.
[ 38 ] Thus, I have been able to offer you only a few hints regarding the meaning of the immortality of the human soul. Of course, the one who offers such hints knows best what objections—or, indeed, what objections must often be raised—by someone who is so thoroughly immersed in today’s sense of time. After all, we live in an age that, on the one hand, is utterly averse to acknowledging that the development of the soul discussed here truly leads into a purely spiritual experience, where what has been expounded here manifests itself; yet at the same time we live in an age in which, in the subconscious depths of the human soul, there is a yearning to transcend the knowledge of the intellect and that which is bound to the intellect. There may indeed be people who say: Why can’t human beings remain content with what nature has given them—the intellect and the senses that are naturally bestowed upon them? But that would be just as if someone were to say that a child should remain content with what it has as a child and should not learn what it would have to accomplish as an adult. Anyone who were to say that the soul should remain content with the faculties already given to it would be taking exactly the same position.
[ 40 ] Oder ein anderes Beispiel: Im höchsten Grade fühlte ich mich befriedigt, als ich eine Abhandlung in die Hände bekam, die ein sehr begabter Gymnasialdirektor — Deinhardt in Bromberg — verfaßt hat. Da sieht man, wie ein hochgebildeter Mann der Gegenwart, der von besonderer Geisteswissenschaft noch nichts wissen konnte, mit den höchsten Fragen des Menschenlebens ringt. Das haben zwar andere auch getan. Aber interessant ist es zu sehen, wie bei dem Vortrage, in dem jener Gymnasialdirektor seine Ideen über die Unsterblichkeit der Menschenseele vorbrachte, der Herausgeber auf einen Brief aufmerksam macht, den er von diesem Gymnasialdirektor bekommen hat, in welchem dieser schreibt: wenn es ihm noch vergönnt wäre, seine Bestrebungen nach dieser Seite fortzusetzen, so wollte er noch zeigen, wie die Seele noch in dem Leben zwischen Geburt und Tod an einem feinen Leibe arbeite, der dann die Pforte des Todes durchschreitet. Es ist herzerquickend, mitten im Zeitalter des aufblühenden Materialismus jemanden ringen zu sehen mit dem Problem, das gerade in diesen zwei letzten Vorträgen behandelt worden ist, in denen versucht wurde zu zeigen, daß man durch die Geistesforschung den unsterblichen Wesenskern des Menschen ergreift, der sich entwickelt und immer weiter entwickelt, der durch die Pforte des Todes schreitet, um sich beim Durchgange durch die geistige Welt zu einem neuen Erdenleben vorzubereiten. Was hier der «geistig-seelische Wesenskern» in seinem Wachstum genannt worden ist, das spricht jener Gymnasialdirektor als einen «feinen Leib» an, den sich die Seele organisiert, um ihn durch den Tod hindurchzutragen, und in dem sich die feineren Kräfte aufsammeln können, welche die Seele dann weiter braucht, um ihre Entwickelung im Gesamtleben fortzusetzen.
[ 38 ] Thus, I have been able to offer you only a few hints regarding the meaning of the immortality of the human soul. Of course, the one who offers such hints knows best what objections—or, indeed, what objections must often be raised—by someone who is so thoroughly immersed in today’s sense of time. After all, we live in an age that, on the one hand, is utterly averse to acknowledging that the development of the soul discussed here truly leads into a purely spiritual experience, where what has been expounded here manifests itself; yet at the same time we live in an age in which, in the subconscious depths of the human soul, there is a yearning to transcend the knowledge of the intellect and that which is bound to the intellect. There may indeed be people who say: Why can’t human beings remain content with what nature has given them—the intellect and the senses that are naturally bestowed upon them? But that would be just as if someone were to say that a child should remain content with what it has as a child and should not learn what it would have to accomplish as an adult. Anyone who were to say that the soul should remain content with the faculties already given to it would be taking exactly the same position.
[ 41 ] Wenn auch heute durch die großen bewunderungswürdigen Errungenschaften der äußeren Wissenschaft der Blick abgezogen wird von dem Geistig-Seelischen, und daher die Unsterblichkeit der menschlichen Seele noch nicht anerkannt und auch noch nicht eingesehen wird, so sieht man doch auf der anderen Seite das Ringen nach Begriffen, die dem Menschen wieder ein Bild dessen geben, was nach dem "Tode vorhanden ist, und was, weil es nicht nur nach dem Tode da ist, sondern mit einem Ausspruche Hegels «auch im Leben da ist», Kraft und Sicherheit erst in das Leben hineinbringt und den Menschen erst zum vollen Menschen macht. Und für den, der ohne diese «metaphysischen Dinge» leben kann, darf gesagt werden, daß das Leben sich gar nicht anders vollziehen kann, als daß es, wenn auch durch ganze Epochen hindurch der seelische Blick verfinstert werden kann, aus seinen Tiefen das heraufholt, was den selbstverständlichen Ausblick in die Gefilde des Ewigen, des Unsterblichen freigibt.
[ 38 ] Thus, I have been able to offer you only a few hints regarding the meaning of the immortality of the human soul. Of course, the one who offers such hints knows best what objections—or, indeed, what objections must often be raised—by someone who is so thoroughly immersed in today’s sense of time. After all, we live in an age that, on the one hand, is utterly averse to acknowledging that the development of the soul discussed here truly leads into a purely spiritual experience, where what has been expounded here manifests itself; yet at the same time we live in an age in which, in the subconscious depths of the human soul, there is a yearning to transcend the knowledge of the intellect and that which is bound to the intellect. There may indeed be people who say: Why can’t human beings remain content with what nature has given them—the intellect and the senses that are naturally bestowed upon them? But that would be just as if someone were to say that a child should remain content with what it has as a child and should not learn what it would have to accomplish as an adult. Anyone who were to say that the soul should remain content with the faculties already given to it would be taking exactly the same position.
[ 42 ] So darf man sagen, daß auch für dasjenige, was heute als paradox erscheint, die Zeit reif werden wird, in welcher es so aufgefaßt werden wird, wie die Errungenschaften der Wissenschaft, welche die Menschheit vorwärts gebracht haben, immer aufgefaßt worden sind. Schon einmal habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß man sich mit der Geisteswissenschaft im Einklange fühlt mit der gegenwärtigen Wissenschaft, mit allen in den Geist und sein Leben eindringenden Persönlichkeiten der Menschheitsentwickelung. Deshalb möchte ich auch heute am Schlusse dieser Betrachtungen, durch die ich den Sinn der Unsterblichkeit der Menschenseele, ich möchte sagen, stammelnd zu interpretieren versucht habe — denn man kann über diese Dinge ja doch nur stammelnd sprechen -, auf etwas hinweisen, was aus dem griechischen Philosophen Heraklit hervorgebrochen ist, der vom Standpunkte seiner Zeit tiefe Blicke in das Erleben des Kosmos getan hat -; was hervorgebrochen ist aus der Seele dieses Philosophen, der seine eigene Seele mitgenommen fühlte von dem «Strom des Werdens», als den er das ganze Weltenall ansprach. Heraklit sah ja in dem Werden, in dem nie rastenden Werden das eigentliche Charakteristikon des Kosmos. «Sein» war für ihn ein Trugbild. Was ist, das ist in Wahrheit nur scheinbar da. Alles ist innerhalb im Strom des Werdens, in feiner Regsamkeit, und die Seele ist hineinverwoben in diese ewig fließende Regsamkeit. Das Feuer war für Heraklit das Symbol für das Werden, und die eigene Seele fühlte er in das Werde-Feuer des Kosmos hineinversetzt. In ihm seelisch lebend, fühlte er wie eine innere Erfahrung, wie eine unmittelbare innere Beobachtung den Unsterblichkeitsimpuls. Und so brachte er ihn zum Ausdruck, daß seine Worte, nur um ein Geringes verändert, den Schluß bilden möchten der Betrachtungen über die menschliche Unsterblichkeit, die ich heute stammelnd zum Ausdruck zu bringen versuchte. Wahr ist es — das zeigt gerade der geschulte Blick des Geistesforschers:
[ 42 ] Thus, one may say that even for what appears paradoxical today, the time will come when it will be understood in the same way that the scientific achievements which have advanced humanity have always been understood. I have already pointed out once before that spiritual science brings one into harmony with contemporary science and with all the personalities in the development of humanity who have penetrated into the spirit and its life. Therefore, today as well, at the conclusion of these reflections—through which I have attempted to interpret, stammeringly, the meaning of the immortality of the human soul, I would say, have attempted to interpret—stammeringly, for one can, after all, speak of these things only stammeringly—I would like to point to something that burst forth from the Greek philosopher Heraclitus, who, from the standpoint of his time, cast deep glances into the experience of the cosmos—; what burst forth from the soul of this philosopher, who felt his own soul carried along by the “stream of becoming,” as he referred to the entire universe. Heraclitus saw in becoming—in the ceaseless flow of becoming—the very essence of the cosmos. “Being” was, for him, an illusion. What is, in truth, is only seemingly there. Everything is within the stream of becoming, in subtle movement, and the soul is woven into this eternally flowing movement. For Heraclitus, fire was the symbol of becoming, and he felt his own soul immersed in the cosmic fire of becoming. Living spiritually within it, he experienced the impulse toward immortality as an inner experience, as an immediate inner observation. And so he expressed it in such a way that his words, altered only slightly, might serve as the conclusion to the reflections on human immortality that I have stammeringly attempted to articulate today. It is true—as the trained eye of the spiritual researcher clearly shows:
[ 43 ] Wenn leibbefreit die Seele sich emporschwingt zum freien Äther, zeigt sie vor sich selber sich als unsterblicher Geist, vom Tode befreit!
[ 43 ] When the soul, freed from the body, soars up into the free ether, it reveals itself to itself as an immortal spirit, freed from death!
