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Spiritual Science as an Essential in Life
GA 63

15 January 1914, Berlin

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7. Das Böse im Lichte der Erkenntnis vom Geiste

7. Evil in the Light of Knowledge of the Spirit

[ 1 ] Was uns heute hier beschäftigen soll, ist im Grunde genommen eine uralte Frage der Menschheit: die Frage nach dem Ursprunge des Übels und des Bösen in der Welt. Und obwohl in unserer Gegenwart zahlreiche Menschen der Ansicht sein werden, daß diese Frage im Grunde genommen gar keine solche mehr darstellen kann, so wird doch die menschliche Seele immer wieder und wieder sich gedrängt fühlen sie aufzuwerfen. Denn es ist ja diese Frage keine solche, die nur von theoretisch-wissenschaftlichen Gesichtspunkten aus an unsere Seele herantritt; es ist vielmehr eine Frage, welcher die Menschenseele auf Schritt und Tritt im Leben begegnet, weil ihr Leben ebenso wie in das Gute, in das Wohltätige, so auch in das Übel und in das Böse hineingestellt ist. Man kann auf der einen Seite, man möchte sagen, die ganze Geschichte des menschlichen Denkens und Sinnens aufrollen, um sich davon völlig zu überzeugen, daß unsere Frage immer eine Frage der tieferen Geister der menschlichen Entwickelung war, und man kann auf der anderen Seite noch bedeutende, hervorragende Denker des neunzehnten Jahrhunderts und unserer Zeit studieren, und man wird finden, daß selbst bei diesen hervorragendsten Denkern Halt gemacht wird mit aller Philosophie, mit allem Erkenntnisstreben gerade vor dieser Frage. So wollen wir denn heute das, was sich in dem Vortrags-Zyklus dieses Winters aus der Geisteswissenschaft heraus ergeben hat, als eine Grundlage zu betrachten versuchen, von der ausgehend man sich vielleicht einer Antwort auf das Rätsel des Übels und des Bösen nähern kann. Ich sage ausdrücklich «sich nähern kann»; denn was ich oftmals betonte — dieser bedeutungsvollen Frage gegenüber muß es ganz besonders gelten: Geisteswissenschaft eröffnet nicht nur die Blicke in Gebiete des Daseins, welche der äußeren Wissenschaft nicht erreichbar sind, sondern sie macht in einer gewissen Weise auch bescheiden. Und gerade an einer solchen Frage werden wir vielleicht erfühlen können, daß es ein Leichtes ist, die höchsten Fragen aufzuwerfen, wie sie ja gewöhnlich aufgeworfen werden, wenn man gewissermaßen am Beginne des Erkenntnisstrebens ist, daß aber wirkliches Erkenntnisstreben dazu führt, vielfach nur die ersten Schritte zu zeigen zu den Wegen, auf denen man sich der Lösung der großen Lebensrätsel allmählich nähern kann.

[ 1 ] What we are to consider here today is, in essence, an age-old question of humanity: the question of the origin of evil and wickedness in the world. And although many people today may believe that this question can no longer be considered such a question at all, the human soul will nevertheless feel compelled to raise it again and again. For this question is not one that approaches our soul solely from theoretical or scientific perspectives; rather, it is a question that the human soul encounters at every turn in life, because life is immersed not only in the good and the benevolent, but also in evil and wickedness. On the one hand, one might say, trace the entire history of human thought and reflection to become fully convinced that our question has always been a question of the deeper spirits of human development; and on the other hand, one can study even the most significant, outstanding thinkers of the nineteenth century and our own time, and one will find that even with these most outstanding thinkers, all philosophy and all striving for knowledge come to a halt precisely before this question. So let us try today to regard what has emerged from spiritual science in this winter’s lecture series as a foundation from which we might perhaps approach an answer to the mystery of evil and wickedness. I say expressly “may come closer to”; for what I have often emphasized—and this applies all the more to this momentous question—is that spiritual science not only opens our eyes to realms of existence that are inaccessible to external science, but it also, in a certain sense, makes us humble. And it is precisely with such a question that we may be able to sense that it is easy to raise the highest questions—as they are usually raised when one is, so to speak, at the beginning of the quest for knowledge—but that a genuine quest for knowledge often leads only to pointing out the first steps along the paths by which one can gradually approach the solution to life’s great mysteries.

[ 2 ] Zuerst gestatten Sie mir, daß ich einiges vorausschicke, was klar machen soll, wie tief einschneidend diese Frage die Herzen und Seelen bedeutender Denker durch lange Zeiten hindurch beschäftigt hat. Wir könnten weit zurückgehen in der Menschheitsentwickelung; wir wollen aber zunächst nur hinweisen auf Denker in den letzten Jahrhunderten vor der Begründung des Christentums in Griechenland: auf die Stoiker, jene merkwürdige Denkergruppe, welche, auf den Anschauungen des Sokrates und des Plato fußend, die Frage zu beantworten versuchte: Wie muß sich der Mensch verhalten, der sich so in das Leben hineinstellen will, daß dies dem Innersten seines Wesens entspricht, gewissermaßen seiner ihm vorgezeichneten und für ihn erkennbaren Bestimmung? Dies können wir als dieGrundfrage der Stoiker bezeichnen. Und als ein Ideal für den Menschen, der sich seiner Bestimmung gemäß in das Weltenall hineinzustellen bestrebt war, tauchte vor den Seelenaugen der Stoiker das Ideal des Weisen auf. — Es würde zu weit führen, wenn man in ausführlicher Art das Ideal des stoischen Weisen schildern wollte, und wie es zusammenhängt mit der ganzen stoischen Weltanschauung. Aber das eine sei wenigstens hervorgehoben, daß im Stoizismus uns ein Bewußtsein davon entgegentritt, daß die menschliche Entwickelung dahin gehe, immer klarer und klarer des Menschen selbstbewußtes Wesen, des Menschen Ich-Bewußtsein herauszuarbeiten. Es sagte sich der stoische Weise: Dieses Ich, durch welches der Mensch in völliger Klarheit sich in die Welt hineinzustellen vermag, dieses Ich kann getrübt werden, kann gleichsam sich selber betäuben; und es betäubt sich, wenn der Mensch in das Wellen- und Wogenspiel seines Vorstellens und Empfindens sein Affektleben zu stark hereinkommen läßt. Wie eine Art geistiger Ohnmacht erschien es dem Stoiker, wenn der Mensch die Klarheit seines Ich überfluten läßt, benebeln läßt von seinem Leidenschaftsund Affektwesen. Daher: niederhalten in der menschlichen Seele Leidenschafts- und Affektwesen, Erstreben der Ruhe und des Gleichmaßes, das führt im Sinne der Stoiker zur Befreiung von den geistigen Ohnmachten der Seele.

[ 2 ] First, allow me to make a few preliminary remarks intended to clarify just how profoundly this question has preoccupied the hearts and minds of significant thinkers throughout the ages. We could go back a long way in human development; but for now, let us focus only on thinkers from the centuries leading up to the founding of Christianity in Greece: the Stoics, that remarkable group of thinkers who, building on the ideas of Socrates and Plato, sought to answer the question: How should a person conduct themselves if they wish to position themselves in life in a way that corresponds to the innermost essence of their being—in a sense, to the destiny that has been mapped out for them and is recognizable to them? We can describe this as the fundamental question of the Stoics. And as an ideal for the person who strove to position himself within the universe in accordance with his destiny, the ideal of the sage emerged before the inner eyes of the Stoics. — It would take us too far afield to describe in detail the ideal of the Stoic sage and how it relates to the entire Stoic worldview. But let us at least emphasize this one point: Stoicism presents us with an awareness that human development is directed toward bringing out, ever more clearly, the self-aware nature of the human being—the human sense of self. The Stoic sage said to himself: This “I,” through which a person is able to place themselves in the world with complete clarity, can be clouded; it can, as it were, numb itself; and it does so when a person allows their emotional life to intrude too strongly into the ebb and flow of their imagination and feelings. To the Stoic, it appeared as a kind of spiritual impotence when a person allows the clarity of their “I” to be overwhelmed and clouded by their passions and emotions. Therefore: suppressing passions and emotions in the human soul and striving for calm and equanimity—this, in the Stoics’ view, leads to liberation from the spiritual impotence of the soul.

[ 3 ] Man sieht: was hier öfter hervorgehoben werden mußte als die ersten Schritte auf dem Wege zu einer Erkenntnis der geistigen Welt, die ja auch darin bestehen, daß das wilde Gewoge des Affekt- und Leidenschaftswesens, das gleichsam eine geistige Ohnmacht erzeugt, niedergehalten wird und die Klarheit des seelischen Schauens herausgezogen wird aus dem ganzen seelischen Erleben —, was so dargestellt wurde als die ersten Schritte auf dem Wege, der dann in das geistige Schauen hineinführt, das schwebte den Stoikern vor. Gerade diese Seite des stoischen Wesens, das in der Geschichte der Philosophie noch wenig herausgearbeitet worden ist, versuchte ich in der Neuauflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» mit Bezug auf den Stoizismus herauszuarbeiten. So schwebt in der charakterisierten Art der Leidenschaftsbezwinger, der Affektbezwinger als der Weise wie ein Ideal dem Stoizismus vor. Und derjenige, der so als Weiser sich in die Weltenentwickelung hineinstellt, erkennt im Sinne des Stoizismus, daß diese Weltenentwickelung fähig ist, ihn aufzunehmen, daß diese Weltenentwickelung wirklich auch von Weisheit durchdrungen ist, so daß er seine Weisheit gleichsam in die Fluten der Weltenweisheit untertauchen muß.

[ 3 ] It is clear that what has had to be emphasized here more often than the first steps on the path to an understanding of the spiritual world—steps that consist, after all, in subduing the wild turmoil of the emotional and passionate nature, which, as it were, creates a spiritual powerlessness, is held in check, and the clarity of spiritual vision is drawn out of the entire experience of the soul—what was presented in this way as the first steps on the path that then leads into spiritual vision—this was what the Stoics had in mind. It is precisely this aspect of the Stoic nature—which has as yet been little explored in the history of philosophy—that I sought to elucidate in the new edition of my Worldviews and Lifestyles in the Nineteenth Century with reference to Stoicism. Thus, the characterization of the conqueror of passion, the conqueror of emotion, as the sage, stands before Stoicism as an ideal. And the one who, as a sage, places himself within the course of world development recognizes, in the spirit of Stoicism, that this course of world development is capable of embracing him, that this course of world development is truly imbued with wisdom as well, so that he must, as it were, immerse his wisdom in the currents of worldly wisdom.

[ 4 ] Immer, wenn also die Frage auftaucht: Wie stellt sich das menschliche Selbst in das ganze Gefüge der Weltordnung hinein? — entsteht daher die andere Frage: Wie läßt sich mit der Weisheit der Weltenordnung, die der Mensch voraussetzen muß, wenn er sich in sie hineinstellen will, dasjenige vereinigen, was als Übel in der Breiteder Weltenerfahrung herrscht, und was als Böses sich dem Weisheitsstreben des Menschen entgegenstellen kann?

[ 4 ] Whenever, then, the question arises: How does the human self fit into the overall structure of the world order? — another question arises: How can one reconcile, with the wisdom of the world order—which humans must presuppose if they wish to place themselves within it—that which prevails as evil in the vastness of worldly experience, and that which, as evil, can stand in opposition to humanity’s quest for wisdom?

[ 5 ] Nun stand vor dem Seelenauge der Stoiker das, was man später genannt hat die göttliche Vorsehung. Wie findet sich nun der Stoiker mit dem Übel und dem Bösen gegenüber diesen seinen Voraussetzungen ab?

[ 5 ] Now, before the Stoic’s inner eye stood what would later be called divine providence. How, then, does the Stoic come to terms with evil and wickedness in light of these premises?

[ 6 ] Da taucht bei dem Stoiker schon etwas auf, was man auch heute noch, wenn man nicht in die Geisteswissenschaft selber eindringen will, sondern gleichsam nur bis zu den Pforten derselben geht, wie eine Art Rechtfertigung des Übels und des Bösen vorbringen kann; es tauchte vor dem Stoiker auf die Notwendigkeit der menschlichen Freiheit. Und nun sagte er sich: Wenn der Mensch das Ideal des Weisen aus seiner Freiheit heraus erstreben soll, muß ihm die Möglichkeit geboten sein, es auch nicht zu erstreben. Freiheit muß liegen in seinem Streben nach dem Ideal des Weisen. Damit aber muß gegeben sein, daß er auch bleiben könne bei demjenigen, aus dem er herausstreben soll; damit muß gegeben sein, daß er gleichsam untertauchen könne in das Affekt- und Leidenschaftswesen. Dann taucht er eben unter, meinte der Stoiker, in ein Reich, das zunächst nicht sein Reich ist, das eigentlich ein Reich unter seinem Wesen ist. Und der weisen Weltenordnung vorwerfen zu wollen, daß der Mensch so untertauchen könne in ein Reich, das unter ihm ist, das wäre ebenso gescheit, als wenn man der weisen Weltenordnung vorwerfen wollte, daß es unter dem Menschen ein Reich der Tiere, Pflanzen und Mineralien gibt. Daß es ein Reich gibt, in das der Mensch untertauchen kann, das seiner Weisheit entrückt ist, wußten die Stoiker; daß er selber aber aus ihm emportauchen kann, muß seine eigene freie Wahl, seine Weisheit sein.

[ 6 ] Here, already in the Stoic, something emerges that even today—if one does not wish to delve into the humanities themselves but, as it were, only approaches their threshold—can be presented as a kind of justification for evil and wickedness; it was the necessity of human freedom that emerged before the Stoic. And so he reasoned: If a person is to strive for the ideal of the wise out of his own freedom, he must be given the option not to strive for it. Freedom must lie in his striving for the ideal of the wise. But for this to be the case, it must be possible for him to remain within that from which he is to strive; it must be possible for him, as it were, to immerse himself in the realm of emotions and passions. Then he simply submerges, the Stoic reasoned, into a realm that is not initially his own, that is actually a realm beneath his nature. And to reproach the wise order of the universe for allowing man to submerge in this way into a realm that is beneath him would be just as sensible as reproaching the wise order of the universe for the existence of a realm of animals, plants, and minerals beneath man. The Stoics knew that there is a realm into which man can submerge himself, a realm beyond his wisdom; but that he himself can emerge from it must be his own free choice, his own wisdom.

[ 7 ] Man sieht: der Begriff vieler vor dem Tore der Geisteswissenschaft gelegenen Antworten nach der Bedeutung des Bösen liegt schon in der alten stoischen Weisheit; und man kann nicht sagen, daß in bezug auf die Erfassung des Bösen als solchem die späteren Jahrhunderte einen wirklichen Fortschritt zeigen. Das kann sich uns gleich herausstellen, wenn wir zu einem Geist gehen, der sonst ein außerordentlich bedeutender Geist ist, der in der Zeit nach der Begründung des Christentumes lebte und auf die Gestaltung des abendländischen Christentums einen großen Einfluß genommen hat: zu Augustinus. Auch Augustinus muß über die Bedeutung des Bösen in der Welt nachdenken, forschen; und er kommt zu einem eigentümlichen Ausdruck: daß das Übel ebenso wie das eigentliche Böse gar nicht eigentlich da seien, sondern daß sie etwas bloß Negatives seien, daß sie die Negation des Guten seien. Es sagte sich also Augustinus: Das Gute ist etwas Positives; aber da ein endliches Wesen in seiner Schwachheit das Gute nicht immer ausführen könne, so begrenze sich das Gute; und dieses begrenzte Gute brauche man ebensowenig als etwas Positives erklären, wie man den Schatten, der durch das Licht hervorgerufen würde, als etwas Positives erklären würde. Wenn man den Kirchenvater Augustinus also über das Böse reden hört, so wird man eine solche Antwort gegenüber dem, was man heute bei einem schon durch einige Jahrhunderte vorgeschrittenem Denken sich vorstellen könnte, vielleicht naiv finden. Aber wie es eigentlich mit der Frage nach der Bedeutung des Bösen steht, kann uns daraus hervorgehen, daß noch in unseren Tagen ein Gelehrter genau dieselbe Antwort gegeben hat: Campbell, der die sogenannte «Neue Theologie» geschrieben hat, und dessen Werke in gewissen Kreisen großes Aufsehen gemacht haben. Auch er glaubt, daß man nach dem Übel und dem Bösen nicht fragen könne, weil sie nichts Positives darstellten, sondern etwas bloß Negatives seien. Auf haarspalterische, philosophische Deduktionen zur Widerlegung der Augustinisch-Campbellschen Anschauung wollen wir uns nicht einlassen. Denn für jeden, der unbefangen und vorurteilslos denken kann, steht ja diese Antwort von der bloßen Negativität des Übels auf demselben Boden, wie die Antwort, die jemand geben würde, der da sagte: Was ist denn die Kälte? Kälte ist nur etwas Negatives, nämlich die Abwesenheit der Wärme. Deshalb kann man von ihr nicht als von etwas Positivem sprechen. Zieht man sich aber, wenn es kalt ist, keinen Pelz oder Winterrock an, so wird man dann schon dieses Negative als etwas sehr Positives verspüren! Durch dieses Bild mag völlig klar werden, wie wenig man mit der wahrhaftig nicht tiefgehenden Antwort zurecht kommt, die ja auch große Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts gegeben haben: daß man es gegenüber dem Übel und dem Bösen mit nichts Positivem zu tun habe. Mag sein, daß man es dabei mit nichts Positivem zu tun hat; aber dieses «Nicht-Positive» ist gerade ebenso negativ, wie etwa die Kälte gegenüber der Wärme.

[ 7 ] It is clear that the basis for many of the answers to the question of the meaning of evil—answers that lie at the threshold of spiritual science—is already found in ancient Stoic wisdom; and one cannot say that, with regard to the understanding of evil as such, later centuries showed any real progress. This becomes immediately apparent when we turn to a thinker—who is otherwise an extraordinarily significant figure—who lived in the period following the founding of Christianity and exerted a major influence on the shaping of Western Christianity: Augustine. Augustine, too, had to reflect on and investigate the meaning of evil in the world; and he arrived at a peculiar formulation: that evil, just like “evil” proper, does not actually exist at all, but that it is merely something negative—that it is the negation of the good. Augustine thus reasoned: Good is something positive; but since a finite being, in its weakness, cannot always bring about the good, the good is limited; and this limited good need not be explained as something positive any more than one would explain the shadow cast by light as something positive. So when one hears the Church Father Augustine speak about evil, one might find such an answer naive compared to what one might imagine today, given the progress of thought over the past few centuries. But the true nature of the question regarding the meaning of evil can be seen from the fact that even in our own day a scholar has given exactly the same answer: Campbell, who wrote the so-called “New Theology,” and whose works have caused quite a stir in certain circles. He, too, believes that one cannot ask about evil and wickedness because they represent nothing positive, but are merely negative. We do not wish to engage in hair-splitting, philosophical deductions to refute the Augustinian-Campbellian view. For anyone capable of thinking impartially and without prejudice, this answer—that evil is merely negative—stands on the same ground as the answer someone might give who were to say: “What, then, is cold? Cold is only something negative, namely the absence of warmth. Therefore, one cannot speak of it as something positive.” But if, when it is cold, one does not put on a fur coat or a winter coat, then one will already perceive this negative as something very positive! This image may make it perfectly clear how little one can make do with the truly superficial answer—one that even great philosophers of the nineteenth century gave—namely, that when it comes to evil and wickedness, one has nothing positive to do with them. It may be that one has nothing positive to do with it; but this “non-positive” is just as negative as, say, cold is in relation to warmth.

[ 8 ] Nun könnte man auch eine ganze Gruppe anderer Denker anführen, die durch die Vorbereitungen ihres Seelenlebens schon, man möchte sagen, demjenigen nahekommen, was nun die Geisteswissenschaft zu sagen hat. Man könnte unter diesen zum Beispiel Plotin anführen, den Neuplatoniker, der in der nachchristlichen Zeit lebte und noch auf den Prinzipien des Plato fußte; und mit ihm führt man zugleich eine große Zahl anderer Denker an, die über das Böse und das Übel in der Welt nachgedacht haben. Sie versuchten sich klar zu machen: Der Mensch sei zusammengefügt aus einem Geistigen und einem Materiell-Leiblichen. Durch das Untertauchen in das Leibliche nehme der Mensch teil an den Eigenschaften der Materie, die von vornherein Hindernisse und Hemmnisse der Betätigung des Geistes entgegenstellt. In diesem Untertauchen des Geistes in die Materie liegt eben der Ursprung des Bösen im menschlichen Leben; aber es liegt darin auch der Ursprung des Übels in der äußeren Welt.

[ 8 ] One could also cite a whole group of other thinkers who, through the development of their inner lives, have—one might say—already come close to what spiritual science now has to say. Among these one could cite, for example, Plotinus, the Neoplatonist who lived in the post-Christian era and was still grounded in the principles of Plato; and along with him, one might also cite a large number of other thinkers who reflected on evil and suffering in the world. They sought to clarify that human beings are composed of a spiritual aspect and a material-physical aspect. By immersing themselves in the physical, human beings partake in the properties of matter, which from the outset presents obstacles and hindrances to the activity of the spirit. It is precisely in this immersion of the spirit in matter that the origin of evil in human life lies; but it is also the origin of evil in the external world.

[ 9 ] Daß eine solche Anschauung nicht etwa bloß in einzelnen Denkerköpfen wie etwas Befriedigendes auf die große Frage nach der Bedeutung des Übels und des Bösen in der Welt gefühlt wurde, sondern weit verbreitet ist, das mag eine Bemerkung erläutern, die ich nicht unterdrücken will, weil sie vielleicht gerade unsere Situation klar legt. Ich will auf einen Denker aus einer ganz anderen Region verweisen: auf den bedeutenden japanischen Denker, den Schüler des chinesischen Denkers Wang-Yang-Ming, Nakae Toju. Für ihn besteht alles, was sich uns an Welterfahrungen darbietet, aus zwei Dingen, aus zwei, man möchte sagen, Wesenheiten. Die eine Wesenheit ist für ihn so, daß er zu ihr aufschaut wie zu dem Geistigen, und er läßt die menschliche Seele an dem Geistigen teilnehmen; diese Wesenheiten nennt er Ri. Dann siehter hin zu dem, was sich am Menschen leiblich darstellt, und läßt dieLeiblichkeit an allem teilnehmen, woraus sie auferbaut ist aus der Materie heraus; diese Wesenheit nennt er Ki. Und aus der besonderen Zusammensetzung von Ri und Ki entstehen ihm alle Wesen. Die Menschheit ist für diesen Denker des Ostens, der in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts gelebt hat, teilhaftig sowohl an dem Ri als an dem Ki. Dadurch aber, daß die Menschenseele in ihrem Erleben mit ihrem Ri untertauchen muß in das Ki, strömt ihr aus dem Ki das Wollen entgegen — und mit dem Wollen das Begehren. Damit ist die Menschenseele in ihrem Leben verstrickt im Wollen und Begehren, und damit steht sie vor der Möglichkeit des Bösen. — Nicht weit ist dieser Denker des Ostens, der erst verhältnismäßig kurze Zeit vor uns, wie gesagt, in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts gelebt hat, nicht weit ist er von dem entfernt, was man im Abendlande, in den Zeiten des Neuplatonismus, des Plotin zum Beispiel, als den Ursprung des Bösen darzustellen versucht hat: die Verstrickung des Menschen in die Materie. Wir werden nachher sehen, daß es wichtig ist, einmal auf diese Art hinzuweisen, sich die Frage nach dem Ursprung des Bösen zu beantworten mit der Verstrickung des Menschen in die Materie. In den weitesten Kreisen des menschlichen Denkens tritt uns gerade dieses entgegen.

[ 9 ] The fact that such a view was not merely felt by individual thinkers as something satisfying in response to the great question of the meaning of evil and wickedness in the world, but is in fact widespread, may be illustrated by a remark that I do not wish to suppress, because it may precisely clarify our situation. I would like to refer to a thinker from a completely different region: the eminent Japanese thinker Nakae Toju, a disciple of the Chinese thinker Wang Yangming. For him, everything that presents itself to us as worldly experience consists of two things—two, one might say, entities. One of these essences is such that he looks up to it as to the spiritual, and he allows the human soul to participate in the spiritual; he calls this essence Ri. Then he turns his gaze to what manifests itself physically in human beings, and allows physicality to participate in everything of which it is composed, emerging from matter; he calls this essence Ki. And from the particular combination of Ri and Ki, all beings arise for him. For this Eastern thinker, who lived in the first half of the seventeenth century, humanity participates in both Ri and Ki. But because the human soul, in its experience, must immerse itself with its Ri into the Ki, the will flows toward it from the Ki—and with the will, desire. Thus, the human soul is entangled in will and desire throughout its life, and thus it faces the possibility of evil. — This Eastern thinker, who lived relatively recently—as mentioned, in the first half of the seventeenth century—is not far removed from what the West, in the era of Neoplatonism—Plotinus, for example—attempted to portray as the origin of evil: humanity’s entanglement in matter. We shall see later that it is important to point out this approach—to answer the question of the origin of evil by referring to humanity’s entanglement with matter. It is precisely this that confronts us in the broadest circles of human thought.

[ 10 ] Ein Denker des neunzehnten Jahrhunderts, der wahrhaftig zu den bedeutendsten gehört, versuchte sich mit dem Übel und dem Bösen auseinanderzusetzen, und die Hauptgedanken seines Denkens möchte ich kurz darstellen. Er sah in der Welt um sich herum Teile des Übels, Teile des menschlichen Bösen, und er stand als ein Philosoph, bei dem insbesondere die Gemütseigenschaften tief ausgebildet waren, vor dem Übel und dem Bösen: Hermann Lotze, einer der bedeutendsten Denker des neunzehnten Jahrhunderts, der den sehr bedeutenden «Mikrokosmos» zum Beispiel und andere für das neunzehnte Jahrhundert bedeutsame philosophische Werke geschrieben hat. Versuchen wir uns vor die Seele zu rufen, wie Hermann Lotze, also einer unserer bedeutendsten Zeitgenossen, vor dem Problem des Bösen steht.

[ 10 ] A nineteenth-century thinker, who truly ranks among the most significant, attempted to grapple with evil and wickedness, and I would like to briefly outline the main ideas of his thought. He saw elements of evil and human wickedness in the world around him, and as a philosopher whose emotional qualities were particularly well-developed, he confronted evil and wickedness: Hermann Lotze, one of the most significant thinkers of the nineteenth century, who wrote, for example, the highly influential Mikrokosmos and other philosophical works of great importance for the nineteenth century. Let us try to bring to mind how Hermann Lotze—one of our most significant contemporaries—confronts the problem of evil.

[ 11 ] Er sagt sich: Wegleugnen läßt sich das Böse nicht. Wie hat man sich die Frage nach dem Bösen zu beantworten versucht? Man hat zum Beispiel gesagt, daß das Übel und das Böse im Leben da sein müsse; denn nur dadurch, daß sich die Menschenseele aus dem Bösen herausarbeite, könne man sie erziehen. Da nun Lotze nicht zu den Atheisten gehört, sondern einen die Welt durchlebenden und durchwebenden Gott annimmt, so sagt er: Wie muß man sich also im Sinne der Erziehungsidee zu dem Bösen und dem Übel stellen? Man müsse annehmen, daß Gott dasBöse und das Übel gebraucht hätte, um die Menschen herauszuarbeiten und zum freien Gebrauch ihrer Seele zu erheben. Das konnte nur geschehen, indem sie selbst diese innere Arbeit verrichteten, indem sie selbst diesen inneren Zustand erlebten, der in dem Herausarbeiten aus dem Bösen besteht, und dadurch erst, selbstbewußt ihr wahres Wesen und ihren wahren Wert erkennen lernten. — Lotze wendet zugleich dagegen ein: Wer eine solche Antwort gibt, berücksichtige vor allem nicht die Tierwelt, in welcher uns wahrhaftig nicht nur das Übel, sondern auch das Böse im umfassenden Sinne entgegentreten. Wie tritt uns in der Tierwelt Grausamkeit, wie tritt uns alles, was, in das Menschenleben heraufgenommen, zu den furchtbarsten Lastern werden kann, überall in der Tierwelt entgegen! Wer aber vermöchte der Tierwelt gegenüber die Erziehung ins Feld zu führen, die ja bei der Tierwelt nicht angeführt werden kann? So weist Lotze die Idee der Er'ziehung ab. Insbesondere macht er darauf aufmerksam, daß der Allmacht seines Gottes diese Erziehungsidee widersprechen würde; denn nur dann habe man nötig, meint Lotze, das Bessere in einem Wesen aus dem Schlechten herauszuarbeiten, wenn man erst das Schlechte gegeben hat. Aber das würde der Allmacht des Gottes widersprechen: erst das Schlechte herausarbeiten zu müssen, gleichsam zur Vorbereitung, um dann das Gute darauf auferbauen zu können.

[ 11 ] He tells himself: Evil cannot be denied. How have people tried to answer the question of evil? It has been said, for example, that evil and misfortune must exist in life; for it is only by the human soul working its way out of evil that it can be educated. Since Lotze does not belong to the atheists but rather posits a God who lives through and permeates the world, he says: How, then, must one approach evil and misfortune in the spirit of the idea of education? One must assume that God needed evil and misfortune in order to refine human beings and elevate them to the free use of their souls. This could only happen by their performing this inner work themselves, by their experiencing for themselves this inner state—which consists in working their way out of evil—and only through this did they learn to recognize their true nature and their true value with self-awareness. — At the same time, Lotze objects: Anyone who gives such an answer fails, above all, to take into account the animal world, in which we truly encounter not only evil but also wickedness in the broadest sense. How often do we encounter cruelty in the animal world, and how often do we encounter everything that, if introduced into human life, could become the most terrible vices—all of it is present everywhere in the animal world! But who could possibly invoke education in the face of the animal world, when education cannot be applied to the animal world at all? Thus, Lotze rejects the idea of education. In particular, he points out that this idea of education would contradict the omnipotence of his God; for, according to Lotze, one would only need to cultivate the good in a being out of the bad if one had first bestowed the bad. But that would contradict the omnipotence of God: first having to bring out the bad, as it were, by way of preparation, in order to then be able to build the good upon it.

[ 12 ] So wendet sich denn Lotze dahin zu sagen: Vielleicht müsse man diejenigen mehr berücksichtigen, welche da sagen: Dasjenige, was böse, was schlecht ist, was ein Übel ist, das ist dies nicht durch die Allmacht Gottes, nicht durch den Willen irgend eines bewußten Wesens; sondern es ist mit dem, was in der Welt existiert, das Übel so verbunden, wie zum Beispiel die Tatsache, daß die drei Winkel eines Dreieckes zusammen 180° betragen, mit einem Dreieck verbunden ist. Wenn Gott also überhaupt eine Welt schaffen wollte, mußte er sich richten nach dem, was ohne ihn wahr ist, daß mit irgendeiner Welt, die er schaffen wollte, das Böse und das Übel verbunden ist. Er mußte also, wenn er überhaupt eine Welt schaffen wollte, das Böse und das Übel mitschaffen. — Dagegen wendet Lotze ein: Dann aber beschränken wir erst recht das, was man als das Wirken und Weben eines göttlichen Wesens durch die Welt annehmen könne. Denn wenn man die Welt betrachtet, dann muß man sagen: Nach den allgemeinsten Gesetzen, nach dem, wie man sich die Welterscheinungen durchdenken kann, wäre sehr wohl eine Welt denkbar ohne das Übel und das Böse. Wenn man die Welt betrachte, müsse man gerade sagen, gegen eine eigentliche Freiheit verstoße das Böse; es müsse also gerade durch die Willkür, durch die Freiheit des göttlichen Wesens hervorgerufen werden.

[ 12 ] Lotze then goes on to say: Perhaps one should give greater consideration to those who say: That which is evil, that which is bad, that which is a misfortune—this is not due to the omnipotence of God, nor to the will of any conscious being; rather, evil is so intrinsically linked to what exists in the world as, for example, the fact that the three angles of a triangle add up to 180° is intrinsically linked to a triangle. So if God wanted to create a world at all, he had to conform to what is true independent of him—namely, that evil and misfortune are inherent in any world he might create. Therefore, if he wanted to create a world at all, he had to create evil and misfortune along with it. — Lotze objects to this: But then we would be limiting even further what one could assume to be the workings and weaving of a divine being through the world. For when one considers the world, one must say: According to the most general laws, according to how one can think through the phenomena of the world, a world without evil and wickedness would very well be conceivable. When one considers the world, one must say precisely that evil violates true freedom; it must therefore be brought about precisely by the arbitrariness, by the freedom, of the divine being.

[ 13 ] Wir könnten noch anderes anführen, was Lotze und andere Denker — Lotze ist hier nur als Typus angeführt — gegenüber dem Problem und dem Rätsel des Bösen gesagt haben. Ich will nur auf das aufmerksam machen, wohin Lotze zuletzt kommt, weil das nachher für uns wichtig sein wird..So wendet sich Lotze gegen den deutschen Philosophen Leibniz, der ja eine «’Theodizee», das heißt die Rechtfertigung Gottes gegenüber dem Übel, geschrieben hat und die Anschauung vertreten hat, daß diese Welt, wenn sie auch viel Übel enthalte, doch die bestmöglichste der Welten sei. Denn wäre sie nicht die bestmöglichste, meint Leibniz, so müsse entweder Gott die bestmöglichste Welt nicht gekannt haben — das verstößt gegen seine Allwissenheit; oder aber er müßte sie nicht haben schaffen wollen, das verstößt gegen seine Allgüte; oder er müßte sie nicht haben schaffen können — das verstößt gegen seine Allmacht. Nun sagt Leibniz, da man im Denken gegen diese drei Prinzipien Gottes nicht verstoßen könne, so müsse man annehmen, daß die Welt die bestmöglichste sei. — Dagegen wendet nun Lotze ein: jedenfalls könne man nicht von einer Allmacht Gottes sprechen, wenn man in der Welt, wo doch Übel sind und Böses waltet, diese für einen Ausfluß Gottes halte. Daher müsse man sagen, so meint Lotze, Leibniz habe die Allmacht Gottes beschränkt und dadurch sich die Lehre von der bestmöglichsten der Welten erkauft.

[ 13 ] We could cite other things that Lotze and other thinkers—Lotze is mentioned here merely as a representative example—have said regarding the problem and the mystery of evil. I simply want to draw attention to the conclusion Lotze ultimately reaches, because that will be important for us later on. Thus, Lotze turns against the German philosopher Leibniz, who, after all, wrote a “theodicy”—that is, a justification of God in the face of evil—and held the view that this world, even though it contains much evil, is nevertheless the best of all possible worlds. For if it were not the best of all possible worlds, Leibniz argues, then either God must not have known the best of all possible worlds—which contradicts his omniscience; or he must not have wanted to create it, which contradicts his omnibenevolence; or he must not have been able to create it—which contradicts his omnipotence. Now Leibniz says that since one cannot, in thought, violate these three principles of God, one must assume that the world is the best of all possible worlds. — Lotze, however, objects: in any case, one cannot speak of God’s omnipotence if, in a world where evil exists and reigns, one regards it as an emanation of God. Therefore, Lotze argues, one must say that Leibniz limited God’s omnipotence and thereby secured the doctrine of the best of all possible worlds.

[ 14 ] Nun meint Lotze, gebe es noch einen Ausweg. Man müsse sagen: Im großen ganzen zeige sich überall, wenn man den Kosmos betrachtet, Ordnung und Harmonie; nur im einzelnen sehe man Übel und Böses. Da sagt Lotze: Was aber kann man auf eine Anschauung geben, die eigentlich bloß von der Anschauung der Menschen abhängt? Denn von einer Welt, wo im großen und ganzen Ordnung und Harmonie herrschen, die man bewundern könne, und wo im einzelnen Übel und Böses wie schwarze Flecken sich zeigen, könne man den Ausdruck gebrauchen: Was sagt es, wenn im großen und ganzen Ordnung und Harmonie in einer Welt herrschen, und im einzelnen überall Übel und Böses zu finden ist? Da meint dann Lotze — und das ist die Spitze seiner Ausführungen, zu der wir hintendieren wollen —, man sollte sich doch lieber das eine sagen: Das Übel und das Böse sind doch in der Welt; es muß weise sein, daß das Übel wie das Vortreffliche, das Böse wie das Gute da seien; wir können nur diese Weisheit nicht einsehen. Also sind wir gezwungen, dem Übel und dem Bösen gegenüber eine Grenze unseres Erkennens anzunehmen. Es müsse doch Weisheit geben, welche nicht die menschliche Weisheit ist, meint Lotze, Weisheit, zu der wir nur nicht kommen können, und die die Übel rechtfertigt. Also in eine unbekannte Welt der Weisheit versetzt Lotze das weisheitsvolle Begreifen des Übels und des Bösen.

[ 14 ] Now Lotze believes there is still a way out. One must say: On the whole, when one considers the cosmos, order and harmony are evident everywhere; it is only in the particular that one sees evil and wickedness. To this, Lotze asks: But what value can be placed on a perception that actually depends solely on human perception? For in a world where, on the whole, order and harmony prevail—which one can admire—and where, in the particular, evil and wickedness appear like black spots, one could use the expression: What does it mean if, on the whole, order and harmony prevail in a world, and in the particular, evil and wickedness are found everywhere? Here, Lotze argues—and this is the crux of his argument, to which we wish to return—that one should rather say this: Evil and wickedness do indeed exist in the world; it must be wise that evil, like excellence, and wickedness, like goodness, should be present; we simply cannot comprehend this wisdom. Thus, we are compelled to acknowledge a limit to our understanding when it comes to evil and wickedness. There must be a wisdom that is not human wisdom, Lotze argues—a wisdom we simply cannot attain, and which justifies these evils. Thus, Lotze places the wise understanding of evil and wickedness within an unknown world of wisdom.

[ 15 ] Ich habe ausdrücklich wenigstens diese, für viele mehr oder weniger pedantischen Auseinandersetzungen gemacht, weil sie uns zeigen, mit welchen Waffen man sich dem Begreifen des Übels und des Bösen im philosophischen Denken der Menschheit zu nähern versucht hat, und wie man dort immer wieder und wieder zu dem Geständnis gekommen ist: diese Waffen erweisen sich gegenüber einem Rätsel, das uns auf Schritt und Tritt im Leben begegnet, doch recht stumpf, ja, wie Lotze sagt, als völlig ungeeignet.

[ 15 ] I have specifically addressed at least these debates—which many might consider more or less pedantic—because they show us the tools that have been used to attempt to understand evil and wickedness in the philosophical thought of humanity, and how, time and again, this has led to the admission that: these tools prove to be quite blunt—indeed, as Lotze says, completely unsuitable—when faced with a mystery that confronts us at every turn in life.

[ 16 ] Nun gibt es ja auch andere Denker, die noch weiter als etwa Plotin hineinzuschürfen versuchten in das, was schon Untergründe des Daseins sind, die nur zu erreichen sind durch eine gewisse Entwickelung der Seele zu höherem Erkenntnisvermögen hinauf. Ein solcher Denker ist Jakob Böhme. Und nähert man sich Jakob Böhme, so nähert man sich allerdings einem Geiste des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts, in den nicht viele mehr in unserer Zeit eindringen wollen, obwohl man ihn heute wieder als eine Art Kuriosität betrachtet. Jakob Böhme versuchte einzudringen in die Tiefen der Welt und ihre Erscheinungen bis dahin, wo er in sich selber etwas aufgehend fühlte wie eine Art Theosophie, von einer Art Gottesanschauung im eigenen Innern; und nun versuchte er sich klar zu machen, wie das Böse und das Übel hinein zu verfolgen sind bis in die tiefsten Untergründe der Welt, wie Übel und Böses nicht bloß etwas Negatives sind, sondern gewissermaßen in den Untergründen des Welt- und Menschendaseins wurzeln. Das göttliche Wesen sieht Jakob Böhme so an, daß in ihm, wie er sagt — man muß sich an seine Ausdrucksweise erst gewöhnen — eine «Schiedlichkeit» auftreten muß. Ein Wesen, welches gleichsam seine Tätigkeit nur hinausfluten läßt in die Welt, könnte nie zum Erfassen seiner selbst kommen. Es mußte sich diese Tätigkeit an irgend etwas, man möchte sagen, stoßen. Im kleinen nehmen wir im Grunde genommen jeden Morgen beim Aufwachen das wahr, was Jakob Böhme in diese seine Vorstellung einbezieht. Wenn wir aufwachen, sind wir gewissermaßen in der Lage, aus unserm Geistig-Seelischen in unbegrenzte Weiten hinaus unsere geistig-seelische Tätigkeit zu entfalten. Da stoßen wir mit unserer geistig-seelischen Tätigkeit an unsere Umgebung. Dadurch, daß wir an unsere Umgebung stoßen, werden wir unser selbst gewahr. Der Mensch wird überhaupt nur in der physischen Welt seiner selbst gewahr, indem er sich sozusagen an den Dingen stößt. Das göttliche Wesen kann kein solches sein, das sich an anderen stößt. Es muß seinen Widerpart, oder wie Jakob Böhme in vielen Wendungen sich ausdrückt, sein «Nein» seinem «Ja» gegenüber sich selbst setzen. Es muß seine ins Unendliche hinausflutende Tätigkeit in sich begrenzen. Es muß in sich «schiedlich», das heißt unterschieden werden, muß sich gleichsam an einem bestimmten Punkte des Umkreises seiner Tätigkeit den eigenen Gegensatz erschaffen; so daß sich für Jakob Böhme notwendig das göttliche Wesen, damit es seiner selbst gewahr werden kann, selbst seinen Widerpart erschafft. Durch die Teilnahme nun eines kreatürlichen Wesens, meint Jakob Böhme, nicht nur an dem, was von dem göttlichen Wesen herausströmt, sondern was sich das göttliche Wesen notwendigerweise als seinen Widerpart schaffen muß, entsteht das Böse, entstehen überhaupt alle Übel in der Welt. Das göttliche Wesen setzt sich seinen Widerpart, um seiner selbst 'gewahr zu werden. Da kann noch nicht vom Übel und vom Bösen gesprochen werden, sondern nur von den notwendigen Bedingungen des Gewahrwerdens des Göttlichen seiner selbst. Aber indem Kreatürliches entsteht, und indem dieses Kreatürliche sich nicht bloß hineinbettet in das hinausflutende Leben, sondern teilnimmt am Widerpart, entsteht das Böse und das Übel.

[ 16 ] There are, of course, other thinkers who sought to delve even deeper than Plotinus, for example, into what lies at the very foundations of existence—foundations that can only be reached through a certain development of the soul toward a higher capacity for knowledge. One such thinker is Jakob Böhme. And when one approaches Jakob Böhme, one is indeed approaching a spirit of the sixteenth and seventeenth centuries—a world into which few in our time are willing to venture, even though he is regarded today as a sort of curiosity. Jakob Böhme sought to penetrate the depths of the world and its phenomena to the point where he felt something welling up within himself—a kind of theosophy, a vision of God within his own inner being; and now he sought to clarify for himself how evil and wickedness must be traced back to the deepest foundations of the world, how evil and wickedness are not merely something negative, but are, in a sense, rooted in the foundations of the existence of the world and of humanity. Jakob Böhme views the divine being in such a way that, as he says—one must first get used to his way of expressing himself—a “balance” must arise within it. A being that, as it were, merely allows its activity to flow out into the world could never come to grasp itself. This activity would have to “bump up against” something, so to speak. On a small scale, we essentially perceive every morning upon waking what Jakob Böhme includes in this conception of his. When we wake up, we are, so to speak, in a position to unfold our spiritual-soul activity from within our spiritual-soul being out into boundless expanses. There, our spiritual-psychic activity comes into contact with our surroundings. It is through this contact with our surroundings that we become aware of ourselves. Human beings, in fact, become aware of themselves in the physical world only by coming into contact with things, so to speak. A divine being cannot be one that comes into contact with others. It must set its opposite—or, as Jakob Böhme expresses it in many ways, its “No” in opposition to its “Yes”—against itself. It must limit within itself the activity that flows out into infinity. It must be “separated” within itself—that is, distinguished—and must, as it were, create its own opposite at a specific point within the circumference of its activity; so that, for Jakob Böhme, the divine being necessarily creates its own opposite in order to become aware of itself. Through the participation of a created being, Jakob Böhme maintains, not only in what flows forth from the divine being but also in what the divine being must necessarily create as its opposite, evil arises—indeed, all evils in the world arise. The divine being posits its own opposite in order to “become aware” of itself. At this stage, one cannot yet speak of evil or wickedness, but only of the necessary conditions for the divine to become aware of itself. But as the created comes into being, and as this created realm not only immerses itself in the outflowing life but also participates in the opposite, evil and wickedness arise.

[ 17 ] Befriedigend wird gewiß für den, der geisteswissenschaftlich versucht in die Geheimnisse des Daseins einzudringen, eine solche Antwort nicht sein. Sie ist auch hier nur angeführt, um zu zeigen, bis zu welchen Tiefen ein sinniger Denker geht, wenn er nach dem Ursprunge des Bösen in der Welt forscht. Und so könnte ich vieles anführen, das uns mehr zeigen könnte, wie man sich den Rätseln, die im Übel und Bösen liegen, zu nähern versucht, als daß man etwa aus der Welt sich Antwort entgegenleuchten gefunden hätte.

[ 17 ] Such an answer will certainly not be satisfactory to anyone who seeks to penetrate the mysteries of existence through the humanities. It is cited here only to show the depths to which a thoughtful thinker will go when investigating the origin of evil in the world. And so I could cite many examples that would better illustrate how one might attempt to approach the mysteries inherent in evil and wickedness, rather than assuming that one has found an answer shining forth from the world itself.

[ 18 ] Wenn wir nun an das anknüpfen, was uns gleichsam wie ein Bekenntnis eines hervorragenden Denkers des neunzehnten Jahrhunderts entgegengetreten ist, das Bekenntnis Lotzes, so können wir etwa das Folgende sagen: Lotze ist der Ansicht, es muß irgendwo eine Weisheit geben, welche das Übel und das Böse rechtfertigt. Aber der Mensch ist in seinem Erkenntnisvermögen beschränkt; er kann nicht in diese Weisheit eindringen. — Stehen wir da nicht vor dem, was wir oft erwähnen mußten: daß es sozusagen ein beliebtes Vorurteil in unserer Zeit ist, das menschliche Erkenntnisvermögen so hinzunehmen, wie es einmal ist, und gar nicht darauf zu reflektieren, daß es etwa aus dem Zustande, in welchem es in der Alltäglichkeit ist,herauskommen könne, sich über sich selbst erheben könne, daß es sich entwickeln könne, um in andere Welten hinein zu schauen, als in die Welt des bloß Sinnlichen und des an die Sinne geknüpften Verstandes? Vielleicht stellt sich uns gerade heraus, daß so bedeutsame Fragen wie die nach dem Ursprunge des Bösen ihre Antworten deshalb nicht finden konnten, weil man gegenüber der Erkenntnis, die sich an die Sinne wendet und an den Verstand, der an die Sinneswelt gebunden ist, sich sträubte, über diese Erkenntnis hinauszuschreiten zu einer anderen Erkenntnis, die auf den Wegen gefunden werden muß, von denen hier jetzt öfter gesprochen worden ist, auf den Wegen, durch welche die Menschenseele hinübergelangt über das, was sozusagen ihre alltägliche und gewöhnliche wissenschaftliche Anschauung ist. Wir haben oft von der Möglichkeit gesprochen, daß die Menschenseele sich losringt von ihrer Leiblichkeit, daß sie wirklich jene geistige Chemie vollziehen könne, die eben das Geistig-Seelische im Menschen loslöst von dem Leiblichen, wie die äußere Chemie den Wasserstoff aus dem Wasser. Wir haben davon gesprochen: Wenn der Mensch so sein Geistig-Seelisches loslöst von dem Körperlich-Leiblichen, so daß er sich erhebt im Geistigen und seiner Leiblichkeit mit seinem Geistig-Seelischen gegenübersteht, wenn er also mit dem Seelisch-Geistigen außerhalb des Leibes ist und in einer geistigen Welt wahrzunehmen vermag, dann allerdingskann er durch die unmittelbare Erfahrung, nicht inner —, sondern außerhalb seines Leibes, in die Tiefen der Welt hineinschauen, soweit sie ihm gegenüber dieser Erkenntnis zugänglich sind. Da dürfen wir uns vielleicht fragen: Was tritt uns denn entgegen, wenn wir diesen Weg der Geistesforschung wirklich zu gehen versuchen, den Weg, der öfter hier geschildert worden ist, und den Sie ausführlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt finden? Zu welchen Erfahrungen gelangt man, wenn man diesen Weg wirklich geht, um außersinnlicher Welten teilhaftig zu werden?

[ 18 ] If we now take up what has come before us, as it were, as a confession by an outstanding thinker of the nineteenth century—Lotze’s confession—we might say something like the following: Lotze is of the opinion that there must be some wisdom somewhere that justifies evil and wickedness. But human beings are limited in their cognitive capacity; they cannot penetrate this wisdom. — Are we not faced here with what we have often had to mention: that it is, so to speak, a common prejudice in our time to accept human cognitive capacity as it is, and not to reflect at all on the fact that it might, as it were, emerge from the state in which it finds itself in everyday life, that it might rise above itself, that it might develop in order to look into worlds other than the world of the merely sensory and of the intellect bound to the senses? Perhaps it is precisely becoming clear to us that such significant questions as those concerning the origin of evil have been unable to find their answers because people have resisted, in the face of the knowledge that turns to the senses and to the intellect bound to the sensory world, the idea of going beyond this knowledge to another kind of knowledge—one that must be found along the paths that have been spoken of here more often, the paths through which the human soul transcends what is, so to speak, its everyday and ordinary scientific outlook. We have often spoken of the possibility that the human soul might free itself from its physicality, that it might truly carry out that spiritual alchemy which detaches the spiritual-soul aspect in the human being from the physical, just as external alchemy extracts hydrogen from water. We have spoken of this: When a human being detaches his spiritual-soul aspect from the physical-bodily, so that he rises into the spiritual and stands opposite his physicality with his spiritual-soul aspect—that is, when he is outside the body with his spiritual-soul aspect and is able to perceive within a spiritual world—then indeed he can, through direct experience, not from within— but outside of their body—into the depths of the world, to the extent that they are accessible to them in light of this insight. We might perhaps ask ourselves: What do we encounter when we truly attempt to walk this path of spiritual research—the path that has often been described here, and which you will find described in detail in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?? What experiences does one arrive at when one truly walks this path in order to become a participant in the supersensible worlds?

[ 19 ] Nun wird uns insbesondere interessieren, wie sich zu diesem Wege dasjenige stellt, was man im gewöhnlichen Leben das Böse nennt. Wir brauchen ja nur auf das gewöhnliche Böse, was man im Alltage das Böse nennt, etwas hinzuschauen. Da stellt sich heraus, wenn der Geistesforscher sich auf seinen Weg begibt, um in höhere Welten hinaufzusteigen, um wirklich mit seinem Geistig-Seelischen herauszukommen aus dem Leiblichen und leibfrei wahrzunehmen, daß dann alles dasjenige, auf was er zurückblicken muß als auf ein Böses, ja, nur auf ein Unvollkommenes im Leben, ihm die schwersten Hindernisse auf seinen Weg gibt. Die schwersten Hemmnisse kommen von dem, worauf man zurückblicken muß als auf etwas Unvollkommenes. Damit will ich nicht sagen, daß etwa die hochmütige Lehre daraus folgte, daß jeder, der dazu gelangt, als Geistesforscher in die geistige Welt hineinzuschauen, sich einen vollkommenen Menschen nennen dürfe. Das soll damit nicht gesagt sein. Aber es soll wiederholt sein, was schon einmal sehr eindringlich hervorgehoben worden ist: daß der Weg zur Geistesforschung in gewissem Sinne ein Martyrium ist, und dies auch gerade aus dem Grunde, weil man in dem Augenblick, in dem man mit dem Geistig-Seelischen aus dem Leiblichen herauskommt und der geistigen Welt teilhaftig wird, zurückblickt auf sein Leben mit seinen Unvollkommenheiten und nun weiß: Diese Unvollkommenheiten trägst du mit dir wie der Komet seinen Kometenschweif; die trägst du in dir mit hinüber in andere Leben und mußt sie auszugleichen suchen in späteren Leben. Das, worüber du bis jetzt geschritten bist, ohne ein Bewußtsein davon zu haben, das schaust du jetzt. Du weißt, was dir bevorsteht. — Dieses tragische Hinschauen auf das, was man im gewöhnlichen Leben ist, hängt einem an, wenn man den Weg in die geistige Welt hinauf sucht. Hängt es einem nicht an, so ist es nicht der wahre Weg in die geistige Welt. In der Tat muß man sagen: ein gewisser Ernst des Lebens beginnt, wenn man in die geistige Welt hineinsteigt. Und wenn man auch nichts anderes gewinnt, das eine gewinnt man: daß man das eigene Böse und die eigenen Unvollkommenheiten mit einer unendlichen Klarheit erblickt. So möchte man sagen: man gewinnt eine Erfahrungserkenntnis von Unvollkommenheit und Bösem schon bei den allerersten Schritten, die man in die geistige Welt hinauf macht.

[ 19 ] Now we will be particularly interested in how what is commonly called “evil” in everyday life relates to this path. We need only take a closer look at ordinary evil—what is commonly referred to as “evil” in everyday life. It turns out that when the spiritual researcher sets out on his path to ascend into higher worlds—to truly emerge from the physical realm with his spiritual and soul aspects and perceive without the body—then everything he must look back upon as evil, or rather, merely as imperfect in life, presents him with the most serious obstacles on his path. The greatest obstacles come from what one must look back upon as something imperfect. By this I do not mean to say that the arrogant conclusion follows that anyone who succeeds in looking into the spiritual world as a spiritual researcher may call himself a perfect human being. That is not what is meant. But it should be reiterated what has already been emphasized very strongly: that the path to spiritual research is, in a certain sense, a martyrdom—and this precisely because, at the very moment one emerges from the physical body with one’s spiritual-soul aspect and becomes a participant in the spiritual world, one looks back on one’s life with its imperfections and now knows: You carry these imperfections with you just as a comet carries its tail; you carry them within you into other lives and must seek to compensate for them in later lives. What you have walked through until now without being aware of it, you now see. You know what lies ahead. — This tragic examination of what one is in ordinary life weighs heavily on one when seeking the path upward into the spiritual world. If it does not weigh heavily on one, then it is not the true path into the spiritual world. Indeed, one must say: a certain seriousness of life begins when one enters the spiritual world. And even if one gains nothing else, one gains this: that one beholds one’s own evil and one’s own imperfections with infinite clarity. One might say, then, that one gains an experiential understanding of imperfection and evil already with the very first steps one takes upward into the spiritual world.

[ 20 ] Woher kommt das? Wenn man näher zusieht, woher dies kommt, so findet man dabei den Grundzug sozusagen alles menschlichen Bösen. In meiner letzten Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt» versuchte ich gerade auf diesen Grundzug des Bösen hinzudeuten, insofern es aus dem Menschen hervorgeht. Der gemeinsame Grundzug alles Bösen ist doch nichts anderes als Egoismus. — Wenn ich dieses im einzelnen nachweisen wollte, was ich jetzt ausführen will, so müßte ich allerdings viele Stunden sprechen; aber ich will es nur hinstellen, und jeder mag die angeschlagenen Gedankengänge selbst weiterverfolgen. Sie werden ja auch weiter verfolgt werden im nächsten Vortrage, wo über die «Sittliche Grundlage des Menschenlebens» gesprochen werden soll. Im Grunde genommen geht alles menschliche Böse aus dem hervor, was wir den Egoismus nennen. Wir mögen von den geringsten Kleinigkeiten, die wir als menschliche Versehen ansehen, bis zu den stärksten Verbrechen hin alles verfolgen, was menschliche Unvollkommenheiten und menschliches Böses sind, ob es sich uns darstellt scheinbar mehr von der Seele herkommend oder scheinbar mehr von der Leiblichkeit kommend, der gemeinsame Grundzug, von dem Egoismus herrührend, ist überall da. Wir finden die eigentliche Bedeutung des Bösen, wenn wir es verknüpft denken mit dem menschlichen Egoismus; und wir finden alles Hinausstreben über Unvollkommenheiten und Böses, wenn wir dieses Hinausstreben in der Bekämpfung dessen sehen, was wir den Egoismus nennen. Viel ist nachgedacht worden über diese oder jene ethischen Prinzipien, über diese oder jene Moralgrundlagen; gerade das zeigt sich aber, je tiefer man in ethische Prinzipien und in Moralgrundlagen untertaucht, daß der Egoismus die gemeinsame Grundlage alles menschlichen Bösen ist. Und so darf man sagen: der Mensch arbeitet sich aus dem Bösen hier in der physischen Welt um so mehr heraus, je mehr er den Egoismus überwindet.

[ 20 ] Where does this come from? If one looks more closely at its origin, one finds there, so to speak, the fundamental trait of all human evil. In my latest book, The Threshold of the Spiritual World, I attempted to point precisely to this fundamental trait of evil, insofar as it arises from within human beings. The common root of all evil is, after all, nothing other than selfishness. — If I were to demonstrate this in detail—which is what I intend to do now—I would certainly have to speak for many hours; but I will merely present it here, and everyone may follow the lines of thought I have outlined on their own. They will, in fact, be explored further in the next lecture, which will address “The Moral Foundation of Human Life.” Fundamentally, all human evil stems from what we call selfishness. Whether we examine the slightest trifles—which we regard as human lapses—or the most heinous crimes, and trace everything that constitutes human imperfection and human evil—whether it appears to stem more from the soul or more from the physical nature—the common underlying trait, stemming from egoism, is present everywhere. We find the true meaning of evil when we consider it in connection with human selfishness; and we find every striving to transcend imperfections and evil when we see this striving in the struggle against what we call selfishness. Much has been reflected upon regarding this or that ethical principle, regarding this or that moral foundation; yet the deeper one delves into ethical principles and moral foundations, the more evident it becomes that egoism is the common foundation of all human evil. And so one may say: the more a person overcomes egoism, the more they free themselves from evil here in the physical world.

[ 21 ] Dieses Resultat stellt sich nun neben ein anderes hin; und es stellt sich, man möchte sagen, in der Geistesforschung wie bedrückend hin, wirklich wie bedrückend. Was muß man denn ausbilden, wenn man den Weg in die geistigen Welten hinauf finden will, in jene Welten, die man anschauen muß mit dem Geistig-Seelischen außer dem Leibe?

[ 21 ] This result now stands alongside another; and it appears, one might say, in spiritual research as truly oppressive—truly oppressive. What, then, must one cultivate if one wishes to find the path upward into the spiritual worlds—those worlds that one must behold with the spiritual-soul aspect outside the body?

[ 22 ] Wenn Sie alles zusammennehmen, was ich im Laufe dieser Vorträge angeführt habe als seelische Übungen, die angewendet werden müssen, um in die geistige Welt hineinzukommen, so werden Sie finden, daß sie darauf hinauslaufen, gewisse Seeleneigenschaften zu erstarken, welche die Seele in der Sinneswelt hat, die Seele stärker und kräftiger zu machen, sie immer mehr und mehr auf sich selbst zu stellen. Was nun in der physisch-sinnlichen Welt als Egoismus hervortritt, das muß erkraftet werden, muß intensiver gemacht werden, wenn der Mensch in die geistige Welt hinaufsteigt. Denn nur die in sich erstarkte Seele, welche die Kräfte in sich erstarkt, die die ihrigen sind, die in ihrem Ego, in ihrem Ich wurzeln, nur diese Seele kommt in die geistigen Welten hinauf. Gerade das muß auf dem Wege in die geistigen Welten hinauf verstärkt werden, was der Mensch ablegen muß, der sich moralische Prinzipien für die physische Welt aneignen will. Ein bedeutender Mystiker hat den Ausspruch getan:

[ 22 ] If you take everything I have mentioned in the course of these lectures as spiritual exercises that must be practiced in order to enter the spiritual world, you will find that they boil down to strengthening certain qualities of the soul that it possesses in the sensory world—to making the soul stronger and more vigorous, and to enabling it to rely more and more on itself. What manifests as selfishness in the physical-sensory world must be strengthened and intensified as a person ascends into the spiritual world. For only the soul that has strengthened itself from within—that has strengthened the powers that are its own, which are rooted in its ego, in its “I”—only such a soul ascends into the spiritual worlds. Precisely what must be strengthened on the path to the spiritual worlds is that which a person must cast off in order to adopt moral principles for the physical world. A prominent mystic once said:

Wenn die Rose selbst sich schmückt,
schmückt sie auch den Garten.

When the rose adorns itself,
it also adorns the garden.

[ 23 ] Es ist dies gewiß innerhalb gewisser Grenzen richtig. Aber im Menschenleben würde dennoch der Egoismus auch hervortreten, wenn die Menschenseele sich nur als «Rose» betrachtete, die selbst sich schmückt. Für die geistige Welt aber gilt das vollkommen. In der geistigen Welt ist in einem höheren Maße das vorhanden, was in dem Ausspruche liegt: «Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten». Wenn die Seele in die geistige Welt hinaufkommt, ist sie dort ein dienendes Glied um so mehr, je mehr sie in sich erstarkt ist und das herausgearbeitet hat, was in ihrer inneren Fülle liegt. Wie man ein Instrument nicht gebrauchen kann, das nicht vollkommen ist, so kann sich die Seele selbst nicht brauchen, die nicht alles aus ihrem Ich, aus ihrem Ego herausgetrieben hat, was in ihr liegt.

[ 23 ] This is certainly true within certain limits. But in human life, selfishness would still come to the fore if the human soul regarded itself merely as a “rose” that adorns itself. In the spiritual world, however, this applies perfectly. In the spiritual world, what is expressed in the saying, “When the rose adorns itself, it also adorns the garden,” is present to a greater degree. When the soul ascends into the spiritual world, it becomes a serving member there all the more so the more it has strengthened itself and brought forth what lies in its inner abundance. Just as one cannot use an instrument that is not perfect, so too the soul cannot make use of itself unless it has driven out of its “I,” out of its ego, everything that lies within it.

[ 24 ] Aus dieser Gegenüberstellung, die uns von aller Phrase hinwegführt und hineinführt in den Tatsachenbestand, der nicht verhehlt werden soll, sehen wir zunächst, daß diese Welt des Geistigen der Welt des Physisch-Sinnlichen so gegenübersteht, daß die letztere gegenüber der ersteren ihre volle Aufgabe haben muß. Könnte der Mensch nur in der geistigen Welt leben, so würde er, weil das Gesetz gelten muß: «Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten», nur die inneren Fähigkeiten entwickeln können; er könnte nicht jene Fähigkeiten entwickeln, die ihn als Altruisten mit den Menschen, mit der weiten Welt zusammenbringen. Die Stätte müssen wir gerade in der physischen Welt finden, die uns den Egoismus überwinden läßt. Wir sind nicht umsonst in der Welt zum Altruismus verpflichtet, sondern deshalb, daß wir uns den Egoismus gründlich aberziehen, wenn ich dieses triviale Wort gebrauchen darf.

[ 24 ] From this comparison, which leads us away from all rhetoric and into the facts that must not be concealed, we see first of all that the spiritual world stands in such a relationship to the physical-sensory world that the latter must fulfill its full role in relation to the former. If human beings could live only in the spiritual world, they would—because the law “When the rose adorns itself, it also adorns the garden” must apply—be able to develop only their inner capacities; they could not develop those capacities that bring them together with other people and with the wider world as altruists. It is precisely in the physical world that we must find the place that enables us to overcome egoism. We are not obligated to altruism in this world for no reason, but rather so that we may thoroughly wean ourselves from selfishness, if I may use this trivial word.

[ 25 ] Dasselbe nun, was der Geistesforscher als das Maßgebende findet, nämlich die Erstarkung seiner Seele zum Hinaufgehen in die geistige Welt, das ist auch das Maßgebende, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes auf naturgemäße Weise in diejenige Welt eintritt, welche zwischen dem Tode und einer neuen Geburt liegt. Da versetzen wir uns in jene Welt, die eben der Geistesforscher durch seine Seelenentwickelung erreicht. Da hinein müssen wir daher diejenigen Eigenschaften bringen, welche die Seele innerlich stark erscheinen lassen, welche innerhalb der Seele den Satz bewahrheiten: «Wenn dieRose selbst sich schmückt,schmückt sie auch den Garten». In dem Augenblick, wo wir durch die Pforte des Todes gehen, treten wir in eine Welt ein, in welcher es auf höchste Erhöhung und Erkraftung unseres Ich ankommt. Was wir in dieser Welt zu tun haben, werden wir in dem Vortrage «Zwischen Tod und Wiedergeburt des Menschen» hören. Jetzt soll nur darauf hingedeutet werden, daß es in dieser geistigen Welt im wesentlichen darauf ankommt, daß sich die Seele dazu anschickt, um nach Maßgabe dessen, was sie in früheren Erdenleben erlebt hat, sich die folgenden zu zimmern. Sie muß, wie es ihrem Schicksale entspricht, vorzugsweise zwischen dem Tode und der neuen Geburt in der geistigen Welt mit sich selbst beschäftigt sein. Wenn wir so die menschliche Seele betrachten, dann erscheint sie uns von diesen zwei Gesichtspunkten aus folgendermaßen. Sie erscheint uns in ihrer Bedeutung für die physisch-sinnliche Welt so, daß diese für sie die große Lehrstätte ist, wo sie aus sich herausgehen muß, wo Egoismus sich in Altruismus verwandeln kann, so daß sie etwas wird für den weiten Umkreis des Daseins. Und die Welt zwischen dem Tode und der nächsten Geburt erscheint uns als diejenige, in welcher die Seele in sich erkraftet leben muß, und für welche die Seele gerade wertlos sein würde, wenn sie in diese Welt schwach und nicht erkraftet eintreten würde.

[ 25 ] The very thing that the spiritual researcher finds to be decisive—namely, the strengthening of his soul to ascend into the spiritual world—is also what is decisive when a person enters, in a natural way through the gate of death, into the world that lies between death and a new birth. There we enter that world which the spiritual researcher has just attained through the development of his soul. We must therefore bring into that world those qualities that make the soul appear inwardly strong, qualities that embody within the soul the truth of the saying: “When the rose adorns itself, it also adorns the garden.” At the moment we pass through the gate of death, we enter a world in which the highest elevation and strengthening of our “I” is of the utmost importance. We will hear what we have to do in this world in the lecture “Between Death and Rebirth of the Human Being.” For now, let us merely point out that in this spiritual world, what essentially matters is that the soul prepares itself to shape its future lives in accordance with what it has experienced in previous earthly lives. In accordance with its destiny, it must, above all, be engaged with itself in the spiritual world between death and the new birth. When we view the human soul in this way, it appears to us as follows from these two perspectives. In terms of its significance for the physical-sensory world, it appears to us as the great school where the soul must step outside of itself, where selfishness can be transformed into selflessness, so that it becomes something for the wider sphere of existence. And the world between death and the next birth appears to us as the one in which the soul must live, drawing strength from within itself, and for which the soul would be utterly worthless if it were to enter this world weak and without having drawn strength.

[ 26 ] Was folgt daraus, daß die Seele diese zwei Wesenszüge hat?

[ 26 ] What follows from the fact that the soul has these two characteristics?

[ 27 ] Es folgt daraus, daß sich der Mensch in der Tat wohl hüten muß, dasjenige, was auf dem einen Felde, in der einen Welt ein Vorzügliches ist, nämlich die Erhöhung des Seeleninnern,in der anderen Welt zu etwas anderem anzuwenden als höchstens auch zur Erreichung der geistigen Welt; daß es aber vom Übel sein muß und in das Schlimmere umschlägt, wenn der Mensch das, was hier in der physisch-sinnlichen Welt sich als sein Wesen ausleben muß, von dem durchdringen läßt, was ihm gerade im Reich des Geistes zur würdigen Bereitung dient. Gerade deshalb müssen wir stark sein im Geistigen zwischen Tod und neuer Geburt, in der Erstarkung und Erkraftung unseres Ich, daß wir uns ein solches physisch-sinnliches Dasein vorbereiten, das im äußeren Dasein, in den Taten und Gedanken der physischen Welt möglichst unegoistisch ist. Wir müssen unseren Egoismus vor unserer Geburt in der geistigen Welt dazu verwenden, um uns so selbst zu bearbeiten, müssen so auf uns selbst hinschauen, daß wir in der physischen Welt selbstlos, das heißt moralisch werden.

[ 27 ] It follows from this that human beings must indeed be careful not to apply that which is excellent in one realm, in one world—namely, the elevation of the inner soul—in the other world to anything other than, at most, the attainment of the spiritual world; but that it must be evil and turn into something worse if a person allows what must be lived out here in the physical-sensory world as their very being to be permeated by that which serves as a worthy preparation for them precisely in the realm of the spirit. Precisely for this reason, we must be strong in the spiritual realm between death and new birth, in the strengthening and fortification of our “I,” so that we may prepare ourselves for a physical-sensory existence that is as unselfish as possible in our outward life, in the deeds and thoughts of the physical world. We must use our egoism in the spiritual world before our birth to work on ourselves in this way; we must look within ourselves so that we may become selfless—that is, moral—in the physical world.

[ 28 ] Hier an diesem Punkte liegt alles, was man nennen kann das Wertvollste für den, der in die geistige Welt vordringen will. In der Tat muß man sich klar sein, daß man sein Böses und Unvollkommenes nicht umsonst wie sein Schattenbild sieht, wenn man in der geistigen Welt ist. Das ist es, was uns zeigt, wie wir mit der Sinneswelt verbunden bleiben müssen, wie unser Karma, unser Schicksal uns an die Sinneswelt binden muß, bis wir es in der geistigen Welt so weit gebracht haben, daß wir nicht nur mit uns allein, sondern mit der ganzen Welt leben können. Es zeigt sich, wie es vom Übel ist, dasjenige, was im geistigen Fortschritt das Wesentliche ist, nämlich Selbstvervollkommnung, unmittelbar auf die Dinge des äußeren Lebens anzuwenden. Geistigen Fortschritt zu suchen ist nicht etwas, wovon wir uns abhalten lassen können. Das ist vielmehr unsere Pflicht. Und Pflicht ist für den Menschen die Entwickelung, die für alle übrigen Lebewesen Gesetz ist. Aber vom Übel ist es, das, was für die geistige Entwickelung ziemt, unmittelbar auf das äußere Leben anzuwenden. Diese beiden, äußeres physisches Leben mit seiner Moralität, müssen sich notwendigerweise wie eine zweite Welt hinstellen neben das, was die Seele innerlich anstrebt, wenn sie sich der geistigen Welt nähern will.

[ 28 ] Herein lies everything that can be called the most valuable thing for those who wish to enter the spiritual world. Indeed, one must be aware that it is not for nothing that one sees one’s own evil and imperfection as a shadow image when one is in the spiritual world. This is what shows us how we must remain connected to the sensory world, how our karma, our destiny, must bind us to the sensory world until we have progressed so far in the spiritual world that we can live not only with ourselves but with the whole world. It becomes clear how wrong it is to apply that which is essential to spiritual progress—namely, self-perfection—directly to the affairs of external life. Seeking spiritual progress is not something from which we can allow ourselves to be deterred. Rather, it is our duty. And for human beings, duty is the development that is the law for all other living beings. But it is wrong to apply what is appropriate for spiritual development directly to external life. These two—external physical life with its morality—must necessarily stand as a second world alongside what the soul strives for internally when it wishes to draw closer to the spiritual world.

[ 29 ] Nun liegt aber etwas vor, was wiederum wie ein Widerspruch erscheinen könnte. Aber man möchte sagen: von solchen lebendigen Widersprüchen lebt die Welt. Es mußte betont werden: man muß sich in der Seele erkraften; gerade das Ego, das Ich müsse stärker werden, um in die geistige Welt einzudringen. Aber wenn man nun bei seinem geistigen Aufstieg nur den Egoismus entwickeln wollte, so würde man nicht weit kommen. Was heißt das aber? Es heißt: man muß schon ohne den Egoismus in die geistige Welt eintreten; respektive man kann nicht ohne den Egoismus eintreten — was wehmütig jeder bekennen muß, der in die geistige Welt hineinkommt —, so muß man alles Egoistische so objektiv vor sich haben, daß man es als sein Egoistisches, mit dem man verbunden ist in der äußeren Welt, schaut. Man muß also ein unegoistischer Mensch zu werden trachten mit den Mitteln des physischen Lebens, weil man in der geistigen Welt nicht mehr Gelegenheit hat, unegoistisch zu werden, weil es dort auf die Erkraftung des seelischen Lebens ankommt. Das ist der nur scheinbare Widerspruch. Wir müssen in der geistigen Welt, auch wenn wir durch die Pforte des Todes in die geistige Welt schreiten, dort mit dem leben, was in unserem Inneren an Stärke vorhanden ist. Aber wir können diese nicht erlangen, wenn wir sie nicht erlangen durch das altruistische Leben in der physischen Welt. Altruismus in der physischen Welt spiegelt sich als der richtige, den Wert erhöhende Egoismus der geistigen Welt.

[ 29 ] Now, however, there is something that might again appear to be a contradiction. But one might say: the world thrives on such living contradictions. It had to be emphasized: one must gather strength within the soul; the ego, the “I,” must become stronger in order to penetrate the spiritual world. But if, in one’s spiritual ascent, one were to seek only to develop egoism, one would not get very far. But what does that mean? It means: one must already enter the spiritual world without egoism; or rather, one cannot enter without egoism—a fact that everyone who enters the spiritual world must wistfully acknowledge—so one must view everything egoistic so objectively that one sees it as one’s own egoism, to which one is connected in the outer world. One must therefore strive to become a selfless person through the means of physical life, because in the spiritual world one no longer has the opportunity to become selfless, since what matters there is the strengthening of the soul life. This is only an apparent contradiction. In the spiritual world—even when we pass through the gate of death into it—we must live there with whatever strength is present within us. But we cannot attain this strength unless we acquire it through an altruistic life in the physical world. Altruism in the physical world is reflected in the spiritual world as the true, value-enhancing egoism.

[ 30 ] Wir sehen, wie schwierig die Begriffe werden, wenn man sich der geistigen Welt nähert. Aber jetztsiehtman zugleich, um was es sich im menschlichen Leben handeln kann. Denn nehmen wir nun an, der Mensch trete durch die Geburt ins physische Dasein. In diesem Falle, das heißt, wenn er das Wesen, das er in der geistigen Welt vor der Geburt oder der Empfängnis, zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt, war, umkleidet mit dem physischen Leib, so ist die Möglichkeit vorhanden, daß er mit dem, was gleichsam Lebenskraft der geistigen Welt sein muß, ungerechtfertigterweise sein Physisch-Leibliches durchzieht; daß sich der Geist verirrt im Leiblichen, indem er das, was gut ist in der geistigen Welt, herunterträgt in die physische Welt. Dann wird, was gut ist in der geistigen Welt, zum Übel, zum Bösen in der physischen Welt! Das ist ein bedeutsames Geheimnis des Daseins, daß der Mensch das, was er notwendig braucht, um ein geistiges Wesen zu sein, was gewissermaßen sein Höchstes darstellt für sein geistiges Wesen, heruntertragen kann in die physische Welt, und daß sein höchstes, sein bestes Geistiges sogar die tiefste Verirrung werden kann im Physisch-Sinnlichen.

[ 30 ] We see how complex these concepts become as we approach the spiritual world. But at the same time, we can see what human life is really about. For let us suppose that a human being enters physical existence through birth. In this case—that is, when the being that he was in the spiritual world before birth or conception, between his last death and his present birth, is clothed in the physical body—there is a possibility that he may, as it were, unjustifiably permeate his physical body with what must be the life force of the spiritual world; that the spirit becomes lost in the physical, by carrying down into the physical world that which is good in the spiritual world. Then what is good in the spiritual world becomes evil in the physical world! This is a significant mystery of existence: that human beings can bring down into the physical world what they necessarily need to be spiritual beings—what, in a sense, represents the highest aspect of their spiritual nature—and that their highest, their best spiritual qualities can even become the deepest aberration in the physical-sensory realm.

[ 31 ] Wodurch tritt das Böse im Leben ein? Wodurch ist das sogenannte Verbrechen in der Welt?

[ 31 ] How does evil enter our lives? What causes so-called crime in the world?

[ 32 ] Das ist dadurch vorhanden, daß der Mensch seine bessere Natur, nicht die schlechtere, untertauchen läßt im PhysischLeiblichen, das als solches nicht böse sein kann, und dort diejenigen Eigenschaften entwickelt, die nicht in das Physisch-Leibliche hineingehören, sondern die gerade in das Geistige gehören. Warum können wir Menschen böse sein? Weil wir geistige Wesen sein dürfen! Weil wir in die Lage kommen müssen, sobald wir uns in die geistige Welt hineinleben, diejenigen Eigenschaften zu entwickeln, die zum Schlechten werden, wenn wir sie im physisch-sinnlichen Leben anwenden. Lassen Sie diejenigen Eigenschaften, die sich in Grausamkeit, meinetwillen in Heimtücke und in anderem in der physischen Welt ausleben, herausgenommen sein aus der physisch-sinnlichen Welt, lassen Sie die Seele sich von ihnen durchdringen und sie ausleben statt in der physisch-sinnlichen Welt in der geistigen Welt, dann sind sie dort die uns weiterbringenden, die uns vervollkommnenden Eigenschaften. Daß der Mensch das Geistige verkehrt im Sinnlichen anwendet, das führt zu seinem Bösen. Und könnte er nicht böse werden, so könnte er ein geistiges Wesen nicht sein. Denn die Eigenschaften, die ihn böse machen können, er muß sie haben; sonst könnte er nie in die geistige Welt hinaufkommen.

[ 32 ] This occurs because human beings allow their better nature—not their worse nature—to become submerged in the physical-bodily realm, which cannot be evil in and of itself, and there develop those qualities that do not belong in the physical-bodily realm but rather belong specifically to the spiritual realm. Why can we humans be evil? Because we are allowed to be spiritual beings! Because, as soon as we begin to live in the spiritual world, we must be in a position to develop those qualities that turn to evil when we apply them in physical-sensory life. Let those qualities—which manifest in cruelty, malice, and other such forms in the physical world—be removed from the physical-sensory world; let the soul be permeated by them and live them out in the spiritual world instead of in the physical-sensory world—then there they are the qualities that advance us and perfect us. The fact that human beings apply the spiritual in a perverted way within the physical realm leads to their evil. And if they could not become evil, they could not be spiritual beings. For they must possess the qualities that can make them evil; otherwise, they could never ascend into the spiritual world.

[ 33 ] Die Vollkommenheitbesteht darin, daß der Mensch lernt, sich innerlich mit der Einsicht zu durchdringen: Du darfst die Eigenschaften, die dich im physischen Leben zum bösen Menschen machen, nicht in diesem physischen Leben anwenden; denn so viel du von ihnen dort anwendest, so viel entziehst du dir von den erkraftenden Eigenschaften der Seele für das Geistige, so viel schwächst du dich für die geistige Welt. Dort sind diese Eigenschaften am rechten Platze.

[ 33 ] Perfection consists in a person learning to internalize the following insight: You must not apply the qualities that make you an evil person in physical life during this physical life; for to the extent that you apply them there, you deprive yourself of the soul’s qualities that give you strength for the spiritual realm, and to that extent you weaken yourself for the spiritual world. There, these qualities are in their rightful place.

[ 34 ] So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft zeigt, daß das Übel und das Böse durch ihre eigene Natur darauf hinweisen, daß wir neben der physischen Welt eine geistig-seelische Welt annehmen müssen. Denn warum bleibt denn das menschliche Erkenntnisvermögen etwa eines Lotze oder anderer Denker stehen, wenn sie die sinnliche Welt betrachten und sagen: man dringe nicht hinein in den Ursprung des Übels und des Bösen? Weil da das vorliegt — da das Erkenntnisvermögen nicht vordringen will zur geistigen Welt —, daß es das Böse nicht aufklären kann aus der physischen Welt heraus, weil es Mißbrauch ist von Kräften, die in die geistige Welt hineingehören! Was Wunder also, daß kein Philosoph, der von der geistigen Welt absieht, in der physisch-sinnlichen Welt jemals das Wesen des Bösen finden kann! Und wenn man von vornherein abgeneigt ist zu einer weiteren Welt vorzudringen, um in ihr den Ursprung des Bösen zu finden, dann kommt man auch nicht zu einer Erkenntnis des äußeren Übels, desjenigen, was uns als das Schlechte und Unvollkommene in der äußeren Welt, zum Beispiel in der tierischen Welt, begegnet. Wir müssen uns eben klar sein, daß das Übel im menschlichen Handeln dadurch entsteht, daß der Mensch das, was für eine andere Welt ein Großes, ein Vollkommenes ist, gleichsam in eine andere Welt versetzt, wo es in sein Gegenteil verkehrt wird. Wenn man aber das von den Menschen unabhängige Übel in der Welt betrachtet, das Übel, das etwa durch die Tierwelt flutet, dann muß man sagen: Ja, dann müssen wir uns eben darüber klar sein, daß nicht nur Wesen da sind wie die Menschen, welche durch ihr Leben das, was in die geistige Welt hineingehört und dort groß ist, in eine andere Welt hineintragen, wo es deplaciert ist; sondern es muß auch andere Wesen geben — und der Blick auf die Tierwelt zeigt uns eben, daß es außer den Menschen geistige Wesen geben muß, welche auf das Gebiet, wo der Mensch sein Böses nicht hineintragen kann, nun ihr Böses hintragen und so dort das Übel erzeugen. Das heißt, wir werden mit der Erkenntnis, wo der Ursprung des Bösen sitzt, zugleich dazu geführt anzuerkennen, daß nicht nur der Mensch ein Unvollkommenes in die Welt hineinstellen kann, sondern daß auch andere Wesen da sind, welche Unvollkommenheiten in die Welt hineinbringen können. Und so sagen wir uns, daß es nicht mehr unverständlich ist, wenn der Geistesforscher sagt: Die Tierwelt ist im Grunde genommen eine Ausgestaltung einer unsichtbaren Geisteswelt; aber in dieser Geisteswelt waren Wesen da, welche vor dem Menschen dasselbe gemacht haben, was der Mensch jetzt macht, indem er das Geistige unberechtigterweise in die physische Welt hineingezogen hat. Dadurch ist alles Übel in der Tierwelt entstanden.

[ 34 ] Thus we see how spiritual science demonstrates that evil and wickedness, by their very nature, point to the fact that we must acknowledge the existence of a spiritual-soul world alongside the physical world. For why does the human capacity for knowledge—as exemplified by Lotze or other thinkers—come to a standstill when they contemplate the sensory world and say: one cannot penetrate to the origin of evil and wickedness? It is because—since the faculty of cognition refuses to penetrate into the spiritual world—it cannot elucidate evil from within the physical world alone, for it is a misuse of forces that belong to the spiritual world! Is it any wonder, then, that no philosopher who disregards the spiritual world can ever find the essence of evil in the physical-sensory world! And if one is averse from the outset to venturing into another world to find the origin of evil there, then one will also fail to gain insight into external evil—that which we encounter as the bad and the imperfect in the external world, for example, in the animal world. We must simply be clear that evil in human action arises because human beings, as it were, transfer what is great and perfect in one world into another world, where it is transformed into its opposite. But when one considers the evil in the world that is independent of human beings—the evil that, for example, pervades the animal world—then one must say: Yes, we must be clear that there are not only beings like human beings who, through their lives, carry what belongs to the spiritual world and is great there into another world where it is out of place; but there must also be other beings—and a look at the animal kingdom shows us precisely that, apart from human beings, there must be spiritual beings who carry their own evil into the realm where human beings cannot carry their evil, and thus generate evil there. This means that as we come to understand where the origin of evil lies, we are simultaneously led to recognize that it is not only human beings who can introduce imperfection into the world, but that there are also other beings capable of bringing imperfections into the world. And so we tell ourselves that it is no longer incomprehensible when the spiritual researcher says: The animal world is, in essence, a manifestation of an invisible spiritual world; but in this spiritual world there were beings who, before human beings, did the very same thing that human beings are now doing—namely, unjustifiably drawing the spiritual into the physical world. This is how all evil in the animal world came into being.

[ 35 ] Das sollte heute ausgeführt werden, daß diejenigen Unrecht haben, welche glauben, aus dem materiellen Dasein heraus, weil die Seele in ein materielles Dasein verstrickt ist, könne man durch dieses Verstricktsein gleichsam der Materie den Impuls des Bösen zuschreiben. Nein, das Böse entsteht gerade durch die geistigen Eigenschaften und durch die geistigen Betätigungsmöglichkeiten des Menschen. Und wir mußten uns sagen: Wo bliebe die Weisheit in der Weltenordnung, die den Menschen darauf beschränken wollte, bloß in der Sinneswelt das Gute zu entfalten — und nicht das Böse, wenn sie ihm dadurch, wie wir gesehen haben, notwendigerweise die Kraft nehmen müßte, um in der geistigen Welt vorwärts zu kommen? Dadurch daß wir ein Wesen sind, das der physischen Welt und der geistigen Welt zugleich angehört, und daß in unsnicht die Unvollkommenheit, sondern die Vollkommenheit das geistige Gesetz ist, sind wir in die Lage versetzt, wie ein Pendel, das nach der einen Seite ausschlagen kann; und wir sind in die Lage versetzt nach der anderen Seite ausschlagen zu können, weil wir Geistwesen sind, welche Geistiges in die physische Welt hereintragen können, um es dort als Böses zu verwirklichen, wie andere, vielleicht gegenüber dem Menschen höher stehende Wesen das Böse dadurch verwirklichen konnten, daß sie in die Sinneswelt hereingetragen haben, was nur der Geisteswelt angehören soll.

[ 35 ] It should be made clear today that those are mistaken who believe that, because the soul is entangled in material existence, one can—as it were—attribute the impulse of evil to matter itself simply because of this entanglement. No, evil arises precisely through human beings’ spiritual qualities and their capacity for spiritual activity. And we had to ask ourselves: Where would the wisdom lie in the order of the worlds that would restrict human beings to unfolding only the good in the sensory world—and not the evil—if, as we have seen, this would necessarily deprive them of the power to make progress in the spiritual world? Because we are beings who belong to both the physical world and the spiritual world, and because within us it is not imperfection but perfection that is the spiritual law, we are enabled, like a pendulum, to swing to one side; and we are enabled to swing to the other side because we are spiritual beings who can carry spiritual elements into the physical world to manifest them there as evil, just as other beings—perhaps higher than human beings—were able to manifest evil by bringing into the sensory world that which belongs solely to the spiritual world.

[ 36 ] Ich weiß sehr wohl, daß mit einer solchen Darstellung des Ursprungs des Bösen und des Übels heute etwas gesagt wird, was vielleicht nur einer geringen Anzahl von Menschen einleuchtend sein kann, was sich aber immer mehr und mehr in das menschliche Seelenleben einleben wird. Denn man wird finden, daß das Fertigwerden mit den Problemen der Welt überhaupt nur möglich ist, wenn man dieser unserer Welt eine geistige zugrundeliegend denkt. Mit den Vollkommenheiten der sinnlichen Weltmag der Mensch — er gibt sich dabei allerdings auch einer Illusion hin — noch fertig werden; mit den Unvollkommenheiten aber, mit dem Bösen und dem Übel, wird er nicht fertig werden, wenn er nicht aufzusuchen vermag, inwiefern dieses Böse und das Übel in der Welt sein müssen. Und er sieht ein, daß sie in der Welt sein müssen, wenn er sich sagt: es ist das Böse in der physischen Welt nur deplaciert. Würden die Eigenschaften, die der Mensch ungerechtfertigt in der physischen Welt verwendet, und die dort Böses stiften, in der geistigen Welt angewendet werden, so würde er dort vorwärts schreiten.

[ 36 ] I am well aware that such a description of the origin of evil and wickedness conveys a message today that may be comprehensible to only a small number of people, but one that will become increasingly ingrained in the life of the human soul. For people will come to realize that coming to terms with the problems of the world is only possible at all if one conceives of a spiritual world as the foundation of our own. Human beings may still be able to cope with the perfections of the sensory world—though in doing so they are, of course, succumbing to an illusion—but they will not be able to cope with the imperfections, with evil and wickedness, unless they are able to explore the extent to which this evil and wickedness must exist in the world. And he realizes that they must exist in the world when he tells himself: evil in the physical world is merely out of place. If the qualities that human beings unjustifiably employ in the physical world—and which cause evil there—were applied in the spiritual world, they would make progress there.

[ 37 ] Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß es völliger Unsinn wäre, wenn jemand aus dem eben Gesagten den Schluß ziehen wollte: also stellst du dar, daß nur der Bösewicht in der geistigen Welt vorwärts kommt. Das wäre eine vollständige Verkennung des Gesagten. Denn nur dadurch sind die Eigenschaften böse, daß sie in der Sinneswelt angewendet werden, während sie sofort eine Metamorphose durchmachen, wenn sie in der geistigen Welt angewendet werden. Wer solchen Einwand machen wollte, der gliche dem, der da sagte: du behauptest also, es ist ganz gut, wenn der Mensch die Kraft hat, eine Uhr zu zerschlagen? Gewiß ist es gut, wenn er diese Kraft hat; er braucht aber die Kraft nicht anwenden, um die Uhr zu zerschlagen. Wenn er sie zum Heile der Menschheit anwendet, dann ist sie eine gute Kraft. Und in diesem Sinne muß man sagen: Die Kräfte, welche der Mensch ins Böse hineinfließen läßt, sind nur an diesem Orte böse; am richtigen Orte richtig angewendet, sind es gute Kräfte. |

[ 37 ] I hardly need to say that it would be utter nonsense for anyone to conclude from what has just been said: “So you’re claiming that only the villain makes progress in the spiritual world.” That would be a complete misinterpretation of what was said. For qualities are evil only insofar as they are applied in the physical world, whereas they immediately undergo a metamorphosis when applied in the spiritual world. Anyone who were to raise such an objection would be like someone who said: “So you’re claiming that it’s perfectly fine for a person to have the power to smash a watch?” Certainly it is good for a person to have this power; but he does not need to use it to smash the watch. If he uses it for the benefit of humanity, then it is a good power. And in this sense, one must say: The powers that a person allows to flow into evil are evil only in that context; when used correctly in the right context, they are good powers. |

[ 38 ] Es muß tief hineinführen in die Geheimnisse des Menschendaseins, wenn man sich sagen kann: Wodurch wird der Mensch böse? Dadurch, daß er die Kräfte, die ihm zu seiner Vollkommenheit verliehen sind, am unrechten Orte anwendet! Wodurch ist das Böse, ist das Übel in der Welt? Dadurch, daß der Mensch die Kräfte, die ihm verliehen sind, nicht in einer für diese Kräfte geeigneten Welt anwendet.

[ 38 ] One must delve deeply into the mysteries of human existence to be able to say: What causes a person to become evil? It is because they apply the powers bestowed upon them for their perfection in the wrong place! What is the source of evil in the world? It is because human beings do not apply the powers bestowed upon them in a world suited to those powers.

[ 39 ] In unserer Gegenwart könnte man geradezu sagen: Es ist für die Seelenuntergründe schon handgreiflich die Tendenz, die Hinneigung zu den geistigen Welten vorhanden. Das könnte einem ein genauerer intimerer Blick auf das neunzehnte Jahrhundert lehren, auf die Zeit bis in unsere Gegenwart herein. Da treten einem im neunzehnten Jahrhundert unter den Philosophen auch Vertreter dessen entgegen, was man den Pessimismus genannt hat, jene Weltanschauung, die geradezu hinblickt auf die in der Welt vorhandenen Übel und auf das Böse, und die daraus den Schluß zieht- einzelne haben ihn ja gezogen —, daß diese Welt überhaupt nicht als eine solche angesehen werden kann, die etwas anderes von dem Menschen will, als eben dem Ende zugeführt zu werden. Ich will nur auf Schopenhauer oder auf Eduard von Hartmann hinweisen, welche gleichsam die Erlösung für den Menschen darin gesehen haben, daß sie sagten: nur in dem Aufgehen im Weltprozesse kann der einzelne sein Heil finden, nicht aber in einem, persönliche Befriedigung gewährenden Ziel. Aber ich möchte auf etwas anderes hinweisen: daß die Seele im Zeitalter der Materie von dem Materialismus gefangen ist, und daß in diesem Zeitalter die stärkste Trostlosigkeit eintreten muß gegenüber den Übeln der Welt, gegenüber dem Bösen; denn der Materialismus lehnt eine geistige Welt ab, aus der uns erst das Licht heraus leuchtet, was dem Übel und dem Bösen seine Bedeutung gibt. Wird diese Welt abgelehnt, so ist es ganz notwendig, daß uns diese Welt der Übel und des Bösen in ihrer Zwecklosigkeit trostlos entgegenstarrt. — Ich will heute nicht auf Nietzsche hinweisen, sondern auf einen anderen Geist des neunzehnten Jahrhunderts. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus möchte ich auf einen tragischen Denker des neunzehnten Jahrhunderts hinweisen: von dem Gesichtspunkte aus, daß der Mensch, indem er in seine Zeit hineingestellt ist, notwendigerweise mit seiner Zeit leben muß. Das ist das Eigentümliche unseres Wesens, daß sich unser Wesen zusammenfindet mit dem Wesen der Zeit. So war es nur natürlich in der letzten Zeit, daß tief veranlagte Geister, ja, gerade die, welche ein offenes Herz hatten für das, was sich in ihrer Umgebung abspielte, tief ergriffen wurden von jener Welterklärung, die nur in den äußeren Erscheinungen das Um und Auf des Weltendaseins sehen will. Aber solche Geister konnten sich oft nicht der Illusion hingeben, daß man dann ungetröstet durch die Welt gehen kann, wenn man hinschauen muß auf dieses Weltendasein, die Übel betrachten muß — und nicht aufblicken kann zu einer geistigen Welt, in welcher sich die Übel rechtfertigen, wie wir gesehen haben.

[ 39 ] In our present day, one might even say: The tendency, the inclination toward the spiritual worlds, is already palpable in the depths of the soul. A closer, more intimate look at the nineteenth century—and the period leading up to the present—could teach us this. In the nineteenth century, among the philosophers, one also encounters representatives of what has been called pessimism—that worldview which focuses directly on the evils and the wickedness present in the world, and which draws the conclusion—as some indeed have—that this world cannot be regarded at all as one that demands anything of humanity other than to be led to its end. I need only point to Schopenhauer or Eduard von Hartmann, who, as it were, saw salvation for humanity in the idea that the individual can find salvation only by merging into the world process, and not in a goal that grants personal satisfaction. But I would like to point out something else: that in the age of matter, the soul is captive to materialism, and that in this age the deepest desolation must set in in the face of the world’s evils and the presence of evil; for materialism rejects a spiritual world from which shines the light that gives meaning to evil and the presence of evil. If this world is rejected, it is entirely inevitable that this world of evil and wickedness will stare back at us desolately in its purposelessness. — Today I do not wish to refer to Nietzsche, but to another thinker of the nineteenth century. From a certain point of view, I would like to point to a tragic thinker of the nineteenth century: from the point of view that human beings, being placed within their time, must necessarily live with their time. This is the distinctive feature of our nature: that our nature converges with the nature of time. So it was only natural in recent times that deeply sensitive minds—indeed, precisely those who had an open heart for what was unfolding around them—were deeply moved by that interpretation of the world which sees the very essence of human existence solely in external appearances. But such minds could often not succumb to the illusion that one can then go through the world without consolation if one must look at this earthly existence, must contemplate the evils—and cannot look up to a spiritual world in which the evils are justified, as we have seen.

[ 40 ] Ein Geist, der ganz, ich möchte sagen, die Tragik des Materialismus durchmachte, trotzdem er nicht selber Materialist geworden ist, war Philipp Mainländer, der 1841 geboren ist. Man kann ihn, wenn man die Dinge äußerlich betrachtet, einen Nachfolger Schopenhauers nennen. Zu einer eigenartigen Weltanschauung kam Mainländer. Er war im gewissen Sinne ein tiefer Geist, aber ein Kind seiner Zeit, das also nur hinschauen konnte auf das, was die Welt materiell darbietet. Nun wirkte ja, darüber soll man sich nicht täuschen, dieser Materialismus gerade auf die besten Seelen ungeheuer gefangennehmend. Ja, die Menschen, die sich nicht um das kümmern, was die Zeit und ihr Geist bieten, die egoistisch dahinleben in einem religiösen Bekenntnis, das ihnen einmal lieb geworden ist, die «religiösesten» Leute sind manchmal in diesem Punkte die alleregoistischsten; jedes Hinausgehen über die Dinge, in die sie sich eingelebt haben, lehnen sie ab, kümmern sich nicht um anderes, als ihnen bekannt ist. Man kann immer wieder, wenn man auf die Tragik unzähliger Menschen hinweist, die Antwort bekommen: Ja, kann denn nicht das alte Christentum die Seelen viel besser befriedigen als eure Geisteswissenschaft? Solche Fragen stellen Geister, die nicht mitgehen mit der Zeit und sich intolerant auflehnen gegen alles, was zum Heil der Menschheit in die Kulturentwickelung eindringen soll.

[ 40 ] Philipp Mainländer, born in 1841, was a thinker who, I might say, fully experienced the tragedy of materialism, even though he himself did not become a materialist. If one looks at things superficially, one might call him a successor to Schopenhauer. Mainländer arrived at a peculiar worldview. He was, in a certain sense, a profound thinker, but a child of his time, and thus could only look at what the world offers in material terms. Now, let us not be under any illusion: this materialism had an immensely captivating effect, especially on the finest souls. Indeed, those who pay no heed to what the times and their spirit have to offer—who live selfishly within a religious creed they once came to cherish—the “most religious” people are sometimes the most selfish of all in this regard; they reject any transcendence beyond the things they have grown accustomed to and care for nothing other than what is familiar to them. Time and again, when one points out the tragedy of countless people, one receives the reply: “Yes, but can’t old-fashioned Christianity satisfy souls much better than your spiritual science?” Such questions are asked by minds that do not keep pace with the times and who react with intolerance against everything that is meant to enter cultural development for the salvation of humanity.

[ 41 ] Philipp Mainländer schaute hin auf das, was ihm die äußere Wissenschaft, was ihm unsere Zeit von ihrem materialistischen Gesichtspunkte aus zu sagen wußte, und da konnte er eben nur finden die übelvolle Weltund den Menschen, mit dem Bösen veranlagt. Er konnte es nicht ableugnen, daß der Druck dieser neueren Weltanschauung so stark ist, daß er die Seele verhindert, zu einer geistigen Welt hinaufzuschauen. Denn wollen wir es uns hier nur nicht verhehlen: warum kommen denn heute so wenig Menschen zur Geisteswissenschaft? Das ist deshalb, weil der Druck der Vorurteile des Materialismus oder, wie man es heute nobler nennt, des Monismus so stark ist, daß er die Seelen verfinstert, um in die geistigen Welten einzudringen. Wenn man die Seelen unabhängig sich selber überließe und nicht durch die materialistischen Vorurteile betäubte, so würden sie sicher zur Geisteswissenschaft kommen. Aber der Druck ist groß, und erst von unserer Zeit an kann man sagen: Es ist die Epoche herangerückt, in welcher man miteiniger Aussicht Geisteswissenschaft vor den Menschen vertreten kann, weil die Sehnsucht der Seelen so stark geworden ist, daß die Geisteswissenschaft ein Echo in den Seelen finden muß. In dem zweiten und dritten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts konnte dieses Echo nicht vorhanden sein. Da war der Druck des Materialismus so stark, daß selbst eine so sehr zum Geiste hinstrebende Seele wie diejenige Philipp Mainländers niedergehalten wurde. Und da kam er denn zu einer eigenartigen Anschauung, zu der Anschauung: in der gegenwärtigen Welt finde man allerdings kein Geistiges. Wir haben inMainländer im neunzehnten Jahrhundert einen Geist vor uns, der nur deshalb keinen großen Eindruck auf die Zeitgenossen gemacht hat, weil der Geist des neunzehnten Jahrhunderts, trotz der großen Fortschritte auf materiellem Gebiete, ein oberflächlicher Geist war. Aber was die Seele im neunzehnten Jahrhundert fühlen mußte, das hat Mainländer, selbst wenn er allein stand, gefühlt, weil er gewissermaßen der Weise war gegenüber denjenigen, die sich wie in einer geistigen Ohnmacht über das hinwegsetzten, was die Seelen in einer materialistischen oder monistischen Weltanschauung unbefriedigt lassen muß. Man braucht nicht die etwas dicken Bände der «Philosophie der Erlösung» Mainländers sich vorzunehmen, sondern nur das verhältnismäßig recht gute Büchlein von Max Seiling, um sich von dem zu unterrichten, was ich jetzt sage.

[ 41 ] Philipp Mainländer looked at what external science—what our age, from its materialistic standpoint, had to say to him—and there he could find only a world full of evil and human beings predisposed to evil. He could not deny that the pressure of this modern worldview is so strong that it prevents the soul from looking up toward a spiritual world. For let us not hide this fact from ourselves: why do so few people turn to spiritual science today? It is because the pressure of the prejudices of materialism—or, as it is more elegantly called today, monism—is so strong that it darkens the souls, preventing them from penetrating into the spiritual worlds. If souls were left to themselves and not numbed by materialistic prejudices, they would surely turn to spiritual science. But the pressure is great, and it is only from our time onward that one can say: The era has arrived in which spiritual science can be presented to people with some prospect of success, because the longing of souls has become so strong that spiritual science is bound to find an echo within them. In the second and third thirds of the nineteenth century, this resonance could not have existed. At that time, the pressure of materialism was so strong that even a soul as deeply spiritual as Philipp Mainländer’s was held back. And so he arrived at a peculiar view—the view that nothing spiritual could be found in the present world. In Mainländer, we have before us a spirit of the nineteenth century who made no great impression on his contemporaries simply because the spirit of the nineteenth century—despite great progress in the material realm—was a superficial spirit. But what the soul had to feel in the nineteenth century, Mainländer felt—even if he stood alone—because he was, in a sense, the sage in contrast to those who, as if in a state of spiritual helplessness, ignored what must leave souls unsatisfied in a materialistic or monistic worldview. One need not tackle the somewhat thick volumes of Mainländer’s Philosophy of Redemption, but only the relatively good little book by Max Seiling to learn what I am now saying.

[ 42 ] Philipp Mainländer sah also in die Welt hinaus, und er konnte sie unter dem Druck des Materialismus nur so sehen, wie sie sich den Sinnen und dem Verstande darstellt. Aber er mußte eine geistige Welt voraussetzen. Sie ist aber nicht da, sagte er sich; die Sinneswelt muß aus sich selbst erklärt werden. Und nun kommt er zu der Anschauung, daß die geistige Welt der unsrigen vorangegangen ist, daß es einst ein geistig-göttliches Dasein gegeben hat, daß unsere Seele in einem geistig-göttlichen Dasein drinnen war, daß das göttliche Dasein aus einem früheren Sein in uns übergegangen ist, und daß unsere Welt nur da sein kann, weil Gott gestorben ist, bevor diese geistige Welt vor uns hingestorben ist. So sieht Mainländer eine geistige Welt, aber nicht in unserer Welt; sondern in unserer Welt sieht er nur den mit dem Übel und dem Bösen beladenen Leichnam, der nur da sein kann, damit er seiner Vernichtung übergeben wird, damit das, was dazu geführt hat, Gott und seine Geisteswelt zum Absterben zu bringen, zuletzt auch noch im Zugrundegehen des Leichnams in das Nichtsein treten könne. — Mögen Monisten oder andere Denker darüber mehr oder weniger lächeln; wer sich aber auf die menschliche Seele besser versteht und weiß, wie Weltanschauung inneres Schicksal der Seele werden kann, wie die ganze Seele die Nuance der Weltanschauung annehmen kann, der weiß, was ein Mensch erleben mußte, der, wie Mainländer, die geistige Welt in eine Vorzeit versetzen mußte und in der gegenwärtigen Welt nur den materiell zurückgebliebenen Leichnam derselben sehen konnte. Um mit den Übeln dieser Welt fertig zu werden, hat Mainländer zu einer solchen Weltanschauung gegriffen. Daß er mehr drinnen war in dieser seiner Weltanschauung als Schopenhauer oder Nietzsche, als Bahnsen oder Eduard von Hartmann, das sehen wir daran, daß ihm in dem Augenblicke seines fünfunddreißigsten Jahres, als er seine «Philosophie der Erlösung» beendet hatte, der Gedanke kam: Deine Kraft wird jetzt leiblos gebraucht, damit du das, was dir zur Erlösung der Menschheit erscheint, schneller förderst, als wenn du nach der Mitte des Lebens den Leib noch benutzest. Daß Mainländer es mit seiner Weltanschauung im tiefsten Ernste meinte, zeigt sich daraus, daß er, als er zu diesem Gedanken kam: Du nutzest jetzt mehr, wenn du deine Kraft ausgießest in die Welt und nicht auf deinen Leib konzentrierst, wirklich die Konsequenz gezogen hat, die Schopenhauer und die anderen nicht gezogen haben, und durch Selbstmord, und zwar Selbstmord aus Überzeugung, starb.

[ 42 ] Philipp Mainländer thus looked out at the world, and under the pressure of materialism, he could only see it as it presents itself to the senses and the intellect. But he had to assume the existence of a spiritual world. “Yet it is not there,” he told himself; “the sensory world must be explained from within itself.” And now he comes to the view that the spiritual world preceded our own, that there was once a spiritual-divine existence, that our soul was part of a spiritual-divine existence, that the divine existence has passed into us from an earlier state of being, and that our world can only exist because God died before this spiritual world perished before us. This is how Mainländer conceives of a spiritual world—but not within our world; rather, within our world he sees only the corpse burdened with evil and wickedness, which can exist only so that it may be consigned to destruction, so that what led to the demise of God and his spiritual world may ultimately also pass into nothingness through the corpse’s own ruin. — Monists or other thinkers may smile at this to a greater or lesser extent; but whoever has a better understanding of the human soul and knows how a worldview can become the soul’s inner destiny, how the entire soul can take on the nuance of that worldview, knows what a person must have experienced who, like Mainländer, had to relegate the spiritual world to a bygone era and could see in the present world only its materially backward-remaining corpse. To cope with the evils of this world, Mainländer turned to such a worldview. That he was more deeply immersed in this worldview of his than Schopenhauer or Nietzsche, than Bahnsen or Eduard von Hartmann, is evident from the fact that at the age of thirty-five, when he had finished his Philosophy of Redemption, the thought occurred to him: Your strength is now needed in a disembodied form so that you may advance what appears to you to be the salvation of humanity more quickly than if you were still using your body after reaching middle age. The fact that Mainländer took his worldview with the utmost seriousness is evident from the fact that, when he arrived at this thought—that he would be of greater use by pouring his energy into the world rather than concentrating it on his body—he actually drew the conclusion that Schopenhauer and the others had not drawn, and died by suicide—specifically, suicide out of conviction.

[ 43 ] Mögen Philosophen und andere über ein solches Menschenschicksal hinwegschauen: für unsere Zeit ist ein solches Menschenschicksal doch unendlich bedeutsam, weil es uns zeigt, wie die Seele leben muß, die wirklich zu ihren Tiefen vordringen kann, zu dem, was als die Sehnsucht in unserer Zeit wieder erstehen kann — wie die Seele leben kann, die dem Problem des Bösen und des Übels in der Welt gegenübersteht, und keinen Ausblick hat in die Welt, wo sich geistiges Licht ausbreitet und den Sinn des Bösen und des Übels erleuchtet. Es war notwendig, daß die menschliche Seele eine Zeitlang die materialistischen Fähigkeiten entwickelte. Man wird in einer gewissen Zukunft das geistige Leben auch, ich möchte sagen, unter «psycho-biologische Gesichtspunkte» stellen, Gesichtspunkte des Seelenlebens, und sich klar werden, daß, nur ins Geistige heraufgehoben, für das Menschenwesen das gilt, was wie in einem physischen Abbilde unten, bei tierischen Wesen zum Beispiel, erscheint. Gewisse tierische Wesen können lange hungern und hungern auch lange.Kaulquappen zum Beispiel kann man durch längeres Hungern dazu bringen, daß sie schnell die Gestalt in Frösche umwandeln. Ähnliche Verhältnisse zeigen sich bei gewissen Fischen bei längerem Hungern, weil dann Rückbildungsprozesse eintreten, die sie fähig machen, das auszuführen, was sie auszuführen haben; sie hungern, weil sie die Kräfte, welche sie sonst in die Nahrungsaufnahme hineinnehmen, zurücknehmen, um eben andere Formen auszubilden. Das ist ein Bild, das sich auf die Menschenseele anwenden läßt: Durch Jahrhunderte hat sie eine Zeit durchlebt, wo man immer von den «Grenzen menschlicher Erkenntnis» gesprochen hat; und selbst viele, die heute glauben spirituell zu denken, sind noch ganz den materialistischen Vorstellungen hingegeben — die man nur, weil man sich ihrer schämt, heute gern monistisch nennt —, und selbst Philosophen sind hingegeben dem Grundsatz: Es kann die menschliche Erkenntnis nicht anders als Halt machen, wo sie gerade vor den größten Rätseln steht. Die Fähigkeiten, die zu dem allen führten, mußten eine Zeitlang ausgebildet werden; das heißt die Menschheit mußte eine Zeit geistiger Aushungerung durchmachen. Dies war die Zeit des Heraufkommens des Materialismus. Die Kräfte aber, die dadurch in den Seelen zurückgehalten wurden, sie werden nun nach einem psycho-biologischen Gesetz die Menschenseele dazu führen, den Weg in die geistigen Welten hinein zu suchen. Ja, finden wird man, daß das menschliche Grübeln die Form annehmen mußte, wie sie uns bei Mainländer entgegentritt, der nicht mehr die geistige Welt in der physischen Welt finden konnte, weil sie ihm der Materialismus genommen hatte, und der daher vor der physischen Welt stehen bleiben mußte, dabei nur den Fehler machte zu übersehen, daß das, was unserer Welt vorliegt, uns doch die Möglichkeit gibt, in unserer Seele etwas aufzufinden, was ebenso in die Zukunft verweist wie die äußere Welt in die Vergangenheit weist. Denn nicht zu leugnen ist es, daß Mainländer in einem gewissen Sinne recht hatte: daß das, was unsere Welt ringsherum darbietet, die Reste einer ursprünglichen Entwickelung sind. Selbst die gegenwärtigen Geologen müssen heute schon zugeben, daß wir, indem wir über die Erde wandeln, über einen Leichnam hinwegschreiten. Aber was Mainländer noch nicht zeigen konnte, das ist, daß wir, indem wir über einen Leichnam schreiten, zugleich in unserem Innern etwas entwickeln, was geradeso Keim ist für die Zukunft, wie das, was um uns herum ist, Hinterlassenschaft der Vergangenheit ist. Und indem wir auf das blicken, was die Geisteswissenschaft der einzelnen Seele ist, kann in uns wiederaufleben, worauf Mainländer noch nicht schauen konnte, und daher verzweifeln mußte.

[ 43 ] Philosophers and others may choose to overlook such a human fate; yet for our time, such a fate is infinitely significant, because it shows us how the soul must live—a soul that can truly penetrate to its depths, to that which can be reborn in our time as longing —how the soul can live when confronted with the problem of evil and wickedness in the world, and has no glimpse of a world where spiritual light spreads and illuminates the meaning of evil and wickedness. It was necessary for the human soul to develop its materialistic capacities for a time. In the future, spiritual life will also be viewed—I would say—from “psycho-biological perspectives,” perspectives of soul life, and it will become clear that, when raised to the spiritual level, what applies to the human being is what appears, as in a physical reflection below, in animal beings, for example. Certain animals can go without food for a long time and do so for a long time. Tadpoles, for example, can be induced by prolonged starvation to rapidly transform into frogs. Similar conditions are observed in certain fish when they fast for a long time, because degenerative processes then set in that enable them to carry out what they must do; they fast because they withdraw the forces they would otherwise devote to taking in food in order to develop other forms. This is an image that can be applied to the human soul: For centuries, it has lived through a time when people always spoke of the “limits of human knowledge”; and even many who today believe they think spiritually are still entirely devoted to materialistic ideas—which, simply because one is ashamed of them, are now often called monistic—and even philosophers are devoted to the principle: Human knowledge cannot help but come to a halt precisely where it faces the greatest mysteries. The faculties that led to all this had to be developed over a period of time; that is to say, humanity had to undergo a period of spiritual starvation. This was the era of the rise of materialism. But the forces that were thereby held back in the souls will now, according to a psycho-biological law, lead the human soul to seek the path into the spiritual worlds. Indeed, we will find that human brooding had to take the form we encounter in Mainländer, who could no longer find the spiritual world within the physical world because materialism had taken it away from him, and who therefore had to stop short of the physical world, making the mistake of overlooking that what lies before our world does, after all, give us the opportunity to discover within our soul something that points just as much toward the future as the outer world points toward the past. For it cannot be denied that Mainländer was right in a certain sense: that what our world presents all around us are the remnants of an original development. Even today’s geologists must already admit that, as we walk across the Earth, we are stepping over a corpse. But what Mainländer was not yet able to show is that, as we step over a corpse, we are at the same time developing something within ourselves that is just as much a seed for the future as what surrounds us is a legacy of the past. And as we look at what spiritual science is for the individual soul, what Mainländer was not yet able to see—and which is why he had to despair—can be revived within us.

[ 44 ] So stehen wir an der Grenzscheide zweier Zeitalter: des Zeitalters des Materialismus und desjenigen der Geisteswissenschaft. Und vielleicht kann uns nichts so sehr in populärer Form beweisen, wie wir, wenn wir unsere Seele recht verstehen, dem spirituellen Zeitalter der Zukunft entgegenleben müssen, als die Betrachtung des Übels und des Bösen, wenn wir den Blick in die lichten Höhen der Geisteswelt hinaufwenden können. Oft habe ich gesagt, daß man sich mit solchen Betrachtungen im Einklange fühlt mit den besten Geistern aller Zeiten, die ersehnt haben, wie in immer klarerer Weise die Menschheit gegen dieZukunfthin leben müsse. Wenn nun ein solcher Geist, mit dem man sich in vollem Einklange fühlt, gegenüber der äußeren Sinneswelt einen Ausspruch getan hat, der wie ein Appell an eine geistige Erkenntnis ist, so dürfen wir auch damit zusammenfassen, was heute an unsere Seele hat herantreten können, und dieses als eine Art Umwandlung eines solchen Ausspruches anführen.

[ 44 ] Thus we stand at the crossroads of two eras: the age of materialism and that of spiritual science. And perhaps nothing can demonstrate to us more clearly, in a way accessible to the general public, how—if we truly understand our souls—we must live in anticipation of the spiritual age of the future, than the contemplation of evil and wickedness when we are able to turn our gaze upward toward the luminous heights of the spiritual world. I have often said that such reflections bring one into harmony with the greatest minds of all time, who have longed to see how humanity must live toward the future in an ever-clearer way. Now, when such a spirit—with whom one feels in complete harmony—has made a statement regarding the external sensory world that is like an appeal to spiritual insight, we may also use it to summarize what has been able to speak to our soul today, and cite this as a kind of transformation of such a statement.

[ 45 ] Goethe hat in seinem «Faust» etwas sagen lassen, was zeigt, wie der Mensch von dem Geiste abkommen kann. Paradigmatisch zusammengefaßt in einen schönen Spruch ist das Fernstehen des Menschen gegenüber der geistigen Welt in den Worten:

[ 45 ] In his Faust, Goethe had a character say something that shows how human beings can stray from the spirit. Summarized in a beautiful, paradigmatic saying, this estrangement of human beings from the spiritual world is expressed in the words:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.

Whoever wishes to recognize and describe something living,
Must first seek to drive out the spirit,
Then he has the parts in his hand,
But, alas! the spiritual bond is missing.

[ 46 ] So ist es gewissermaßen gegenüber aller Erkenntnis der Welt. Das Schicksal der Menschheit war es, durch einige Jahrhunderte hindurch sich den Teilen zu widmen. Immer mehr und mehr wird man es aber nicht bloß als einen theoretischen Mangel, sondern als eine Tragik der Seele empfinden, daß das geistige Band fehlt. Deshalb muß der Geistesforscher in den Seelen heute überall erblicken, was die meisten Seelen noch nicht selber wissen: die Sehnsucht nach der geistigen Welt. Und wenn man so etwas ins Auge faßt, wie es die Beleuchtung der Natur des Übels und des Bösen ist, so kann man vielleicht den Goetheschen Ausspruch erweitern, indem man wie eine Zusammenfassung des Gesagten das Folgende nimmt.

[ 46 ] This is, in a sense, the case with all knowledge of the world. It was humanity’s destiny to devote itself to the parts for several centuries. Yet more and more, people will perceive the absence of the spiritual bond not merely as a theoretical deficiency, but as a tragedy of the soul. That is why the spiritual researcher must perceive in souls everywhere today what most souls do not yet know for themselves: the longing for the spiritual world. And when one considers a subject such as the nature of evil and wickedness, one might perhaps expand upon Goethe’s statement by taking the following as a summary of what has been said.

[ 47 ] Goethe meinte, wer nach einer Weltanschauung streben will, der darf sich nicht nur an die Teile halten, sondern muß vor allem auf das geistige Band sehen. Derjenige aber, der sich so bedeutsamen Lebensfragen nähert, wie es die Rätsel des Übels und des Bösen sind, der darf aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus sagen, seine Überzeugung empfindungsgemäß zusammenfassend:

[ 47 ] Goethe believed that anyone who seeks a worldview must not limit themselves to the individual parts, but must above all look to the spiritual connection. However, anyone who approaches such significant questions of life as the mysteries of evil and wickedness may, drawing on the foundations of spiritual science, summarize his conviction in accordance with his inner experience:

Der löst der Seele Rätsel nicht,
Der verweilt im bloßen Sinneslicht;
Wer das Leben will verstehen,
Muß nach Geisteshöhen streben!

He who does not unravel the soul’s mysteries,
He who remains in the light of the senses alone;
Whoever wishes to understand life,
Must strive for the heights of the spirit!