Spiritual Science as an Essential in Life
GA 63
12 February 1914, Berlin
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Spiritual Science as an Essential in Life, tr. SOL
8. Die sittliche Grundlage des Menschenlebens
8. The Moral Foundation of Human Life
[ 1 ] Obwohl naturgemäß in diesem Zyklus von Vorträgen öfter die Rede sein mußte von dem sittlichen Leben des Menschen, von der sittlichen Weltordnung, so sei es mir doch gestattet, heute noch einmal im besonderen dasjenige zusammenzufassen, was vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus über die Grundlagen der sittlichen Weltordnung im Menschenleben zu sagen ist.
[ 1 ] Although, by its very nature, this series of lectures has frequently had to address the moral life of human beings and the moral world order, allow me today to summarize once again, in particular, what can be said from the standpoint of spiritual science regarding the foundations of the moral world order in human life.
[ 2 ] Schiller hat in einer grandios einfachen Weise zum Ausdruck gebracht, man möchte sagen, aus einem allgemeinen Weltgefühl heraus den Grundcharakter des sittlichen Menschenlebens. In den einfachen Worten drückt er das aus:
[ 2 ] Schiller expressed—in a magnificently simple way, one might say, drawing on a general sense of the world—the fundamental character of a moral human life. He expresses this in simple words:
[ 3 ] Suchst du das Höchste, das Größte?
[ 3 ] Are you looking for the highest, the greatest?
[ 4 ] Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend — das ist’s.
[ 4 ] The plant can teach you. What it does without will, do you with will—that’s all there is to it.
[ 5 ] Es werden gerade die heutigen Auseinandersetzungen vielleicht zeigen, daß der Grundcharakter des sittlichen Lebens wirklich mit diesem Ausspruche getroffen ist. Daß aber in der zweiten Hälfte dieses Ausspruches ein Rätsel, ein bedeutsames Rätsel verborgen ist: «Was die Pflanze willenlos ist, sei du es wollend — das ist’s!» darauf kommt es eben an: wie, wodurch und woher der Mensch wollend sein könnte, was die Pflanze willenlos ist. Und in dem Rätsel, das in dieser zweiten Hälfte des Schillerschen Ausspruches liegt, hat man im Grunde genommen auch den Grundnerv aller philosophischen und moralwissenschaftlichen Forschungen zu suchen, wie sie durch die geistige Entwickelungsgeschichte der Menschheit gehen.
[ 5 ] Perhaps today’s debates will show that this saying truly captures the fundamental nature of moral life. But the fact that a riddle—a significant riddle—is hidden in the second half of this statement: “What the plant lacks in will, you must possess in will—that is it!”—this is precisely the crux of the matter: how, by what means, and from where a human being could possess the will that the plant lacks. And in the riddle contained in this second half of Schiller’s saying, one must, in essence, also seek the fundamental thread of all philosophical and moral scientific research as it runs through the history of humanity’s intellectual development.
[ 6 ] In unserer Zeit ist es einer großen Anzahl von Denkern, von Persönlichkeiten, die sich mit den moralischen Fragen . der Menschheit beschäftigen, kaum möglich, wirklich bis zu dem vorzudringen, aus dem heraus die doch unleugbare Tatsache einer ethischen Verpflichtung des Menschen zu holen ist. Wir werden sehen, wie die ethischen Verpflichtungen, die sittlichen Impulse für eine große Anzahl von Denkerpersönlichkeiten wie hereinleuchten in das Leben, ohne daß aus den Voraussetzungen der für die Gegenwart charakteristischen Weltanschauungen leicht etwas angegeben werden könnte über den Ort, woher dieses Licht der sittlichen Impulse eigentlich in die Menschenseele hereinströmt.
[ 6 ] In our time, it is hardly possible for a large number of thinkers—of individuals who grapple with the moral questions of humanity—to truly penetrate to the source from which the undeniable fact of humanity’s ethical obligation must be derived. We shall see how ethical obligations and moral impulses seem to shine into the lives of a large number of thinkers and prominent figures, even though the premises of the worldviews characteristic of the present day offer little guidance as to the source from which this light of moral impulses actually flows into the human soul.
[ 7 ] Gerade dann, wenn wir an den Schillerschen Ausspruch anknüpfen — es sei eben nur an ihn angeknüpft —, können wir eine eigentümliche, zunächst wie das sittliche Leben beleuchtende Tatsache bemerken, die einem insbesondere dann klar vor Augen tritt, wenn man in das niederste der Naturreiche, in das Mineralreich hinabsteigt. Nehmen wir an, wir würden den Blick auf irgendein Ding aus dem Mineralreich richten, zum Beispiel auf einen Bergkristall. Das Wesentliche, aber nicht immer genug Bemerkbare ist das, daß man nach der ganzen Sachlage des Kosmos die Voraussetzung machen muß: wenn dieser Bergkristall, wenn dieses Naturgebilde dasjenige zur Ausgestaltung bringt, was man als seine ihm — gebrauchen wir das Wort — eingeborenen Gesetze anerkennen muß, so stellt es dasjenige dar, was seine Wesenheit ist. Wäre man imstande — und gewiß wird die fortlaufende Naturwissenschaft zu solchen Errungenschaften kommen; als hypothetische Ausgestaltungen sind sie schon von einzelnen versucht worden —, aus der besonderen Substanz des Bergkristalls anzugeben, wie seine besondere Kristallgestalt, das bekannte sechsseitige Prisma, von beiden Seiten abgeschlossen durch sechsseitige Pyramiden, sich herausergeben müsse, dann kann man auch wissen, wenn es eine solche Kristallgestalt erreicht, wie dieses sozusagen seiner Substanz nach zu erkennende Gesetz in der Außenwelt sich ausdrückt. Dann stellt es für das, was es im äußeren Raume ist, sein Wesen dar. — In einem gewissen Sinne können wir ein gleiches von den Wesen des Pflanzenreiches sagen, vielleicht weniger schon von den Wesen des Tierreiches; aber im wesentlichen gilt, wenn auch etwas modifiziert, da ja in der Natur alles in gewissen Abstufungen nur vorhanden ist, dasselbe Gesetz im Grunde genommen auch im Tierreich. Man müßte zwar viel sagen, wenn man die Eigentümlichkeit des mit diesem Gesetz Angedeuteten auseinandersetzen wollte. Das soll hier nur angedeutet werden. Je tiefer man eben in diese Tatsache sich hineinversenkt, desto mehr erkennt man, daß hier für unsere Weltordnung ein Punkt liegt, durch den sich der Mensch — gerade wenn man vorurteilslos in die Weltordnung hineinblickt, bemerkt man das — doch radikal von den übrigen Naturwesen unterscheidet.
[ 7 ] It is precisely when we take up Schiller’s saying—and let us limit ourselves to that saying alone—that we can observe a peculiar fact that, at first glance, sheds light on moral life; a fact that becomes particularly clear when one descends into the lowest of the natural kingdoms, the mineral kingdom. Let us suppose we were to turn our gaze to some object from the mineral kingdom, for example, a rock crystal. The essential point—though not always sufficiently apparent—is that, given the overall state of the cosmos, one must assume the following: if this rock crystal, if this natural formation, brings to fruition what one must recognize as its—let us use the term—“innate laws,” then it represents what its very essence is. If one were able—and certainly the ongoing development of natural science will lead to such achievements; they have already been attempted by some as hypothetical models—to demonstrate, based on the specific substance of rock crystal, how its particular crystalline form, the familiar six-sided prism, bounded on both sides by six-sided pyramids, must arise, then one can also know, when it attains such a crystalline form, how this law—recognizable, so to speak, from its substance—is expressed in the external world. Then it represents its essence in terms of what it is in external space. — In a certain sense, we can say the same of the beings of the plant kingdom, though perhaps less so of those of the animal kingdom; but essentially, the same law applies—albeit somewhat modified, since in nature everything exists only in certain gradations—in the animal kingdom as well. Much would have to be said, of course, if one were to elaborate on the peculiarity of what this law implies. This is merely to be hinted at here. The deeper one delves into this fact, the more one recognizes that here lies a point in our world order through which human beings—precisely when one looks at the world order without prejudice, one notices this—are nevertheless radically distinguished from the rest of nature’s beings.
[ 8 ] Man nehme einmal an, man könnte wirklich alle diejenigen Bildungs- und sonstigen Gesetze erkennen, die einer menschlichen Form eingeboren sind, wie etwa die Kristallgestalt einem Bergkristall eingeboren ist, und es würde der Mensch diese ihm eingeborene Summe von Bildekräften zum Ausdruck bringen. Dann wäre er nicht in demselben Sinne äußerlich im Raume sein Wesen darstellend, wie die übrigen Naturwesen, Denn tief im Innern des Menschen ruht das, was wir moralische Impulse nennen, und deren zunächst Charakteristisches doch das ist, daß es eine innere Entwickelungstendenz anfacht, dahingehend, daß der Mensch nicht wie die übrigen Naturwesen, wenn er seine natürlichen Bildekräfte zum Ausdruck bringt, dieses sein Wesen abgeschlossen darstellt. Es muß zugegeben werden, daß damit zunächst kaum etwas anderes ausgedrückt ist als, man möchte sagen, eine sogar recht triviale Tatsache, aber eine Tatsache, von der doch ausgegangen werden muß. Sie wird gerade von mehr naturalistisch oder materialistisch gefärbten Weltanschauungen nicht einmal anerkannt; aber von einem vorurteilsfreien Hinblicken auf das Dasein muß sie anerkannt werden. Es muß anerkannt werden, daß der Mensch zunächst, sagen wir, von irgendwoher etwas vernimmt, was sich in sein Wesen einleben will, und was ihm den Impuls gibt, sein Wesen nicht für ein abgeschlossenes halten zu können, wenn es in demselben Sinne in das Dasein tritt, wie die anderen Naturgeschöpfe ins Dasein treten. Ja, man könnte sagen: So vollkommen, so vollendet der Mensch auch seine Bildekräfte im Sinne der Bildekräfte der anderen Naturgeschöpfe ins Dasein versetzen könnte, sein Wesen würde er gegenüber den moralischen Impulsen niemals als abgeschlossen erklären können. Das führte ja dahin, jetzt von älteren Zeiten gar nicht zu sprechen, daß Kant, der große Philosoph, sich genötigt sah, sein Weltbild geradezu in zwei völlig voneinander geschiedene Teile zu scheiden: in den einen Teil, der alles darstellt, was von der Außenwelt zu erkennen ist, so zu erkennen ist, daß sich in dieses Weltbild auch der Mensch mit allen seinen organischen Bildekräften hineinstellt, und in den anderen Teil, der zunächst ins menschliche Dasein hereinragt nur wie den Grundton erhaltend durch den «kategorischen Imperativ»: Handle so, daß die Maxime deines Handelns Gebot des Handelns für alleMenschen werden könnte.So etwa könnte der kategorische Imperativ ausgesprochen werden. Dieser andere Teil des kantischen Weltbildes stellt sich ins Menschenleben so hinein, daß er den Grundton für den Menschen angibt. Aber wie faßt ihn Kant auf? So, daß er seiner Natur nach aus einer ganz anderen Welt herausspricht als aus jener, die mit dem Wissens- und Erkenntnisweltbilde umfaßt wird. Und so sehr spricht er aus einer ganz anderen Welt heraus, daß Kant an diesen Teil, aus welchem der kategorische Imperativ herausspricht, alles anlehnt, was er an Lehren über ein göttliches Wesen, über menschliche Freiheit, über die Unsterblichkeit der Seele in diesen Teil seines Weltbildes hereinzubekommen versucht. Und ausdrücklich meint Kant, daß man hinhorchen muß auf eine ganz andere Welt, als diejenige des gewöhnlichen menschlichen Wissens es ist, wenn man das vernehmen will, was den Menschen verpflichtet. Gleichsam das Eingangstor in eine über die Sinneswelt erhabene Welt ist der kategorische Imperativ, ist dieses unbedingt verpflichtende Pflichtgebot.
[ 8 ] Let us suppose for a moment that one could truly recognize all those laws of formation and other laws that are inherent in the human form, just as the crystalline structure is inherent in a rock crystal, and that human beings would express this innate sum of formative forces. Then he would not be representing his being outwardly in space in the same sense as the rest of nature’s beings; for deep within the human being lies what we call moral impulses, and their primary characteristic is that they kindle an inner tendency toward development, such that when a human being expresses his natural formative powers, he does not, like the rest of nature’s beings, present his being in a self-contained manner. It must be admitted that this initially expresses little more than—one might say—a rather trivial fact, but a fact that must nevertheless be taken as a starting point. It is not even acknowledged by worldviews with a more naturalistic or materialistic slant; but it must be acknowledged by an unbiased view of existence. It must be acknowledged that human beings initially, let us say, perceive something from somewhere that seeks to take root in their being, and that gives them the impulse not to regard their being as complete if it enters into existence in the same sense as other creatures of nature enter into existence. Indeed, one could say: No matter how perfectly, how completely a human being might bring his formative powers into existence in the same sense as the formative powers of other creatures of nature, he could never declare his being to be self-contained in the face of moral impulses. This led—not to speak at all of earlier times—to the point where Kant, the great philosopher, felt compelled to divide his worldview into two completely separate parts: one part, which represents everything that can be known about the external world—known in such a way that human beings, with all their organic formative powers, are also included in this worldview—and the other part, which initially extends into human existence only as a sustaining foundation through the “categorical imperative”: Act in such a way that the maxim of your action could become a rule of conduct for all human beings. This is roughly how the categorical imperative might be expressed. This other part of Kant’s worldview enters human life in such a way that it sets the fundamental tone for human beings. But how does Kant conceive of it? In such a way that, by its very nature, it speaks from a world entirely different from the one encompassed by the worldview of knowledge and cognition. And it speaks from a world so entirely different that Kant bases everything he attempts to incorporate into this part of his worldview—all his teachings on a divine being, on human freedom, and on the immortality of the soul—on this very part from which the categorical imperative speaks. And Kant explicitly maintains that one must listen to a world entirely different from that of ordinary human knowledge if one wishes to perceive what imposes obligations on human beings. The categorical imperative—this unconditionally binding imperative—is, as it were, the gateway to a world transcending the sensory realm.
[ 9 ] So sieht man, daß es wohl empfunden wird, daß des Menschen Wesenheit nicht abgeschlossen ist mit demjenigen, was seine Bildungskräfte sind, entsprechend den Bildungskräften der anderen Geschöpfe, mit denen er zusammen den physischen Kosmos ausmacht. In unserer Zeit zeigt sich ein Merkwürdiges. Man möchte sagen: unsere Zeit der mehr materialistisch-mechanistischen, naturalistisch geordneten Denkweise kann, wenn sie sich ihren innersten Impulsen konsequent überläßt, doch eigentlich nicht von einer solchen Welt sprechen, von welcher selbst Kant noch in dem eben angedeuteten Sinne gesprochen hat. Gewiß, es sind die wenigsten Menschen in unserer Gegenwart in bezug auf ihre Weltanschauung konsequent. Sie dehnen nicht alle Grundgefühle, welche aus den Voraussetzungen ihrer Weltanschauung folgen, auf das gesamte Weltbild aus. Diejenigen namentlich, die heute einem naturalistisch-materialistisch gefärbten Weltbilde huldigen — und die sich heute lieber Monisten nennen, müßten völlig auch nur die Möglichkeit ablehnen, in eine Welt aufzuschauen, in welche Kant wie durch eine Eingangspforte durch seinen kategorischen Imperativ hineinschaut. Das tun sie auch. Und nicht nur solche, die mehr oder weniger auf einem naturwissenschaftlichen Boden stehen und bei denen es begreiflich ist, sondern auch viele, die sich «Psychologen» nennen, machen es so. Zahlreiche psychologische Denker der jüngsten Vergangenheit kommen nicht mehr zurecht, wenn sie fragen: Woher kommen denn eigentlich die sittlichen Grundlagen des Menschenlebens? Woher kommt das, was als moralische Impulse ins Menschenleben hereinspricht, und was den Menschen dennoch unterscheidet von allen übrigen Naturwesen? Da kommen denn die Leute dahin zu sagen: Sittlichkeit, Ethik müßte darauf begründet werden, daß der einzelne nicht bloß jenen Impulsen folgt, die unmittelbar auf sein eigenes Wesen, auf sein eigenes Dasein sich richten, sondern daß er denjenigen Impulsen folgt, welche sich auf die Gesamtheit richten. Und «Sozialethik» ist ja ein Wort geworden, welches in unserer Gegenwart sehr beliebt ist. Weil man mit den Kräften, von denen man einmal glaubt, daß sie dem Erkenntnisvermögen zu Gebote stehen, zu keiner höheren Welt aufschauen kann, so sucht man in gewissen Grenzbereichen, aber, wie wir gleich sehen werden, dennoch ohne einen wirklichen Grund und Boden, Anhalt zu gewinnen bei dem, was man noch als «real» gelten lassen kann: die Gesamtheit der Menschen oder irgend eine Gruppe der Menschheit. Und man nennt das moralisch, was im Sinne dieser Gesamtheit ist, im Gegensatz zu dem, was der einzelne Mensch nur für sich tut.
[ 9 ] Thus we see that it is widely recognized that human nature is not limited to what constitutes its formative powers—corresponding to the formative powers of the other creatures with which it together constitutes the physical cosmos. A curious phenomenon is evident in our time. One might say: our era, with its more materialistic, mechanistic, and naturalistic way of thinking, cannot—if it consistently follows its innermost impulses—actually speak of the kind of world that even Kant spoke of in the sense just indicated. Certainly, very few people in our time are consistent in their worldview. Not all of them extend the fundamental sentiments that follow from the premises of their worldview to their entire worldview. In particular, those who today adhere to a worldview tinged with naturalism and materialism—and who today prefer to call themselves monists—should completely reject even the possibility of looking up into a world into which Kant gazes, as through a gateway, via his categorical imperative. And that is precisely what they do. And it is not only those who stand more or less on a scientific foundation—for whom this is understandable—but also many who call themselves “psychologists” who act in this way. Numerous psychological thinkers of the recent past are at a loss when they ask: Where, in fact, do the moral foundations of human life come from? Where does that which speaks into human life as moral impulses come from, and what nevertheless distinguishes human beings from all other natural beings? People then go so far as to say: Morality and ethics must be based on the individual not merely following those impulses that are directly directed toward his own being, toward his own existence, but rather on his following those impulses that are directed toward the whole. And “social ethics” has indeed become a term that is very popular in our time. Because one cannot look up to a higher world using the faculties that one once believed were at the disposal of the cognitive powers, one seeks, in certain borderline areas—though, as we shall soon see, still without any real foundation or basis—to find a foothold in what one can still regard as “real”: the totality of human beings or some group of humanity. And one calls “moral” that which is in the interest of this totality, in contrast to what the individual does solely for himself.
[ 10 ] Man kann ungemein spintisierende Gedanken in der Gegenwart finden, welche Ethik und Sittlichkeit aufrecht erhalten wollen unter diesem Gesichtspunkte einer bloßen Sozialethik. Aber wer diesen Dingen tiefer auf den Grund sieht — gleichgültig, ob er nach den sittlichen Impulsen für das einzelne Menschenleben forscht, oder ob er nach dem forscht, was der einzelne als Glied der Gesamtheit zu tun hat —, er muß doch eben fragen nach dem wirklichen Inhalt dessen, was zu tun ist, oder, sagen wir besser, nach dem, woher ein solcher Inhalt kommen kann, nach dem «Orte», figürlich gesprochen, von dem die sittlichen Impulse ausgehen können. In diesem Sinne hat Schopenhauer wirklich ein glänzendes Wort gesprochen, das hier schon öfter von mir zitiert worden ist: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer». Er meint damit: die Kräfte und Impulse in der Menschenseele aufzusuchen, welche den Menschen wirklich real zu einem sittlichen Wesen machen, das ist schwierig, während aus dem historischen Verlauf der Menschheit oder auch aus den religiösen oder sonstigen Systemen gewisse Grundsätze leicht aufzulesen sind, mit denen man dann Moral predigen kann. Nicht darauf kommt es Schopenhauer an, ob man diese oder jene Moralgrundsätze aussprechen kann, sondern was das ist, was den moralischen Impulsen als Kräfte zugrunde liegt, analog wie die Kräfte der äußeren Natur den Naturerscheinungen zugrunde liegen.
[ 10 ] One can find immensely thought-provoking ideas today that seek to uphold ethics and morality from the perspective of a purely social ethics. But anyone who looks more deeply into these matters—whether they are investigating the moral impulses governing the life of the individual, or what the individual, as a member of the whole, is called upon to do— must inevitably ask about the true substance of what is to be done, or, to put it better, about where such substance can come from—about the “place,” figuratively speaking, from which moral impulses can arise. In this sense, Schopenhauer truly spoke a brilliant phrase, one I have already quoted here on several occasions: “It is easy to preach morality, but difficult to justify it.” By this he means: it is difficult to identify the forces and impulses within the human soul that truly and actually make a person a moral being, whereas certain principles can easily be gleaned from the historical course of humanity or from religious or other systems, principles with which one can then preach morality. What matters to Schopenhauer is not whether one can articulate this or that moral principle, but rather what lies at the root of moral impulses as forces—just as the forces of external nature underlie natural phenomena.
[ 11 ] Nun sucht Schopenhauer allerdings in seiner einseitigen Weise diese Impulse der menschlichen Natur in dem Mitleid und Mitgefühl. Man hat mit Recht gesagt: Woher sollte jemand, der sich moralisch mit einer Sache verbunden fühlt, die nur ihn selbst und keinen anderen angeht, einen Meineid zu vermeiden suchen, der nur durch das Mitgefühl veranlaßt ist? Oder wodurch sollte jemand sittlich verhindert werden, sagen wir, sich selbst zu verstümmeln aus einem gewissen Mitgefühl heraus? Kurz, und es könnten viele solche Dinge angeführt werden: mit dem Impuls, den Schopenhauer findet, trifft man zwar etwas ungeheuer Umfassendes, trifft man etwas, was den weitaus meisten sittlichen Handlungen zugrunde liegen muß, aber als solches durchaus nicht erschöpfend sein kann.
[ 11 ] Now, however, Schopenhauer, in his one-sided way, seeks these impulses of human nature in pity and compassion. It has rightly been said: Why should someone who feels morally bound to a matter that concerns only himself and no one else seek to avoid perjury that is motivated solely by compassion? Or what moral force would prevent someone, say, from mutilating himself out of a certain sense of compassion? In short—and many such examples could be cited—the impulse that Schopenhauer identifies does indeed capture something immensely comprehensive, something that must underlie the vast majority of moral actions, but as such it can by no means be exhaustive.
[ 12 ] Lehrreich ist es unter allen Umständen, daß die Theorien, die Anschauungen und Meinungen über den Ursprung des Sittlichen um so mehr ins Leere greifen, je mehr sich irgendeine Weltanschauung bloß dem zuneigt, was mit den äußeren Sinnen und dem Verstande gewonnen werden kann, der auf diese äußere Sinneswelt gerichtet ist. Es würde natürlich zuviel Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich ausführlich zeigen wollte, aber es könnte gezeigt werden, daß eine solche Weltanschauung, wenn sie auch in die Lage kommt, zum Beispiel die Weltanschauung irgend eines Naturbildes zu begründen, in der Tat unmöglich imstande ist, die Ursprungsstätte des Sittlichen anzugeben. Es bleibt das sittliche, das ethische Leben im Grunde genommen doch bei einer jeden solchen Weltanschauung in der Luft hängen, die nur auf die äußere Sinneswelt und auf den Verstand gerichtet sein will, der die Tatsachen der Sinneswelt kombiniert oder zu Gesetzen formt.
[ 12 ] It is instructive in all circumstances that the theories, views, and opinions regarding the origin of morality become all the more futile the more any worldview focuses solely on what can be grasped by the external senses and by the intellect directed toward this external sensory world. It would, of course, take too much time to demonstrate this in detail, but it could be shown that such a worldview—even if it is able, for example, to provide a foundation for a particular conception of nature—is in fact incapable of identifying the source of morality. Fundamentally, the moral, the ethical life remains suspended in the air within any such worldview that seeks to be directed solely toward the external sensory world and toward the intellect, which combines the facts of the sensory world or forms them into laws.
[ 13 ] Was eben, nur einleitungsweise, gesagt worden ist, das sollte dazu hinüberleiten, auseinanderzusetzen, was im Grunde genommen nach den vorhergehenden Vorträgen ganz natürlich erscheinen muß: Wenn man voraussetzt, wie das im Sinne aller Vorträge liegt, die ich hier gehalten habe, daß unsere Sinneswelt und der Welt des Verstandes eine Welt der geistigen Wesenheiten und der geistigen Tatsachen zugrunde liegt, dann ist es eben nur naturgemäß, da man im Umkreise der Sinneswelt die Impulse des Ethischen, des Sittlichen nicht finden kann, diese Impulse in der geistigen
[ 13 ] What has just been said—merely by way of introduction—is intended to lead us to examine what, in light of the preceding lectures, must ultimately seem quite natural: If one assumes—as is the underlying premise of all the lectures I have given here—that our sensory world and the world of the intellect are founded upon a world of spiritual entities and spiritual realities, then it is only natural—since one cannot find the impulses of ethics and morality within the realm of the sensory world—to seek these impulses in the spiritual
[ 14 ] Welt aufzusuchen. Denn vielleicht sind doch die Voraussetzungen, die Anschauungen und Meinungen derjenigen richtig, welche da glauben, daß gerade im Sittlichen etwas in die Menschennatur hereinspricht, was aus einer übersinnlichen Welt unmittelbar kommt. So wollen wir denn mit den Voraussetzungen, die hier in diesen Vorträgen gemacht worden sind, einmal an die Betrachtung des sittlichen Lebens herangehen. Ich werde dazu allerdings für diejenigen Zuhörer, die nur wenige dieser Vorträge gehört haben, einiges ganz kurz darüber zusammenfassen, wie der Geistesforscher in die geistige Welt hinaufkommt, wo wir nun den Ursprung der sittlichen Grundlage des Menschenlebens suchen wollen.
[ 14 ] to explore the world. For perhaps the premises, views, and opinions of those who believe that, precisely in the moral realm, something speaks to human nature that comes directly from a supersensible world are correct after all. Let us, then, approach the consideration of moral life based on the premises set forth in these lectures. For the benefit of those listeners who have heard only a few of these lectures, I will briefly summarize how the spiritual researcher ascends into the spiritual world, where we now wish to seek the origin of the moral foundation of human life.
[ 15 ] Öfter ist hier gesagt worden: Wenn der Mensch über das Gebiet der Sinneserfahrung und über jenes Gebiet, das die gewöhnliche Wissenschaft finden kann, hinauskommen will, so handelt es sich darum, nicht bei den Erkenntniskräften stehen zu bleiben, die der Mensch einmal hat, wenn er in die Welt hereingestellt ist. Alle Wissenschaft, alle Betrachtung hat recht, welche in dem oft hier auseinandergesetzten Sinne von Grenzen des Erkennens spricht und von der Voraussetzung ausgeht, der Mensch könne nicht andere Erkenntniskräfte entwickeln als die, welche von selbst in ihm sind, welche dadurch in ihm sind, daß er, insofern er ohne sein Zutun in die Welt hineingestellt ist, sich in dieser befindet mit seinen Qualitäten. Aber in der Geistesforschung kommt es darauf an, daß alles, was im Menschen schon ist, weiterentwickelt wird, daß die Voraussetzung praktisch anerkannt wird: im Menschen liegen schlummernde Kräfte, welche erweckt werden können. Und hier ist öfter von den Methoden gesprochen worden, welche diese schllummernden Kräfte entwickeln können. Es ist gesprochen worden von jener «geistigen Chemie», die mit genau derselben Logik und Denkungsweise strenge vorgeht, wie die Naturwissenschaft, aber die eben auf das geistige Gebiet sich erstreckt und deshalb gezwungen ist, die natürlichen Methoden und die natürliche Vorstellungsweise in einer ganz anderen Art auszubilden, als die Naturwissenschaft selber. In diesem Sinne haben wir oft auseinandergesetzt, wo die Geisteswissenschaft im echten Sinne in unserer Zeit eine Fortsetzung der Naturwissenschaft sein muß. Ich darf auf das, was nur gleichsam erwähnt werden soll, vielleicht noch einmal zur Verdeutlichung hinweisen.
[ 15 ] It has often been said here: If human beings wish to go beyond the realm of sensory experience and beyond the realm that conventional science can reach, the task at hand is not to remain confined to the cognitive faculties that human beings possess from the moment they are born into the world. All science and all inquiry are correct insofar as they speak, in the sense often discussed here, of the limits of knowledge and proceed from the premise that human beings cannot develop powers of cognition other than those that are inherent in them—powers that are present in them simply because, having been placed into the world without their own intervention, they find themselves in it with their inherent qualities. But in spiritual research, what matters is that everything that is already within the human being be further developed, that the premise be practically acknowledged: there are dormant powers within the human being that can be awakened. And here, the methods capable of developing these dormant powers have often been discussed. There has been talk of that “spiritual chemistry” which proceeds with exactly the same logic and mode of thinking as natural science, but which extends precisely into the spiritual realm and is therefore compelled to develop natural methods and the natural mode of conception in a completely different way than natural science itself. In this sense, we have often discussed how spiritual science, in the true sense, must be a continuation of natural science in our time. I would like to point out once more, merely by way of mention, what I have just touched upon, perhaps for the sake of clarification.
[ 16 ] Dem Wasser, sagte ich einmal, kann man nicht ansehen, wenn man es nur als Wasser vor sich hat, daß in ihm der Wasserstoff enthalten ist, den der Chemiker durch die äußere Chemie heraussondert. Das Wasser löscht das Feuer, ist selbst nicht brennbar; Wasserstoff, ein Gas, ist brennbar und kann auch flüssig gemacht werden. Ebensowenig wie man dem Wasser ansehen kann, welches die Natur des Wasserstoffes ist, der mit dem Sauerstoff zum Wasser verbunden ist, ebensowenig kann man dem äußeren Menschen ansehen, was als Geistig-Seelisches an das äußerlich Leibliche gebunden ist; und so wenig als man sich davor zu fürchten hat, ein rückschrittlicher Dualist genannt zu werden, wenn man anerkennt, daß das Wasser, ein Monon, aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, ebensowenig braucht man zu fürchten kein richtiger «Monist» zu sein, wenn man sagt, daß in dem, was uns im Menschen entgegentritt, ein Geistig-Seelisches ist, wie der Wasserstoff im Wasser, und daß dieses Geistig-Seelische von dem, was man im alltäglichen Menschen beobachten kann, so unterschieden ist, wie der Wasserstoff vom Wasser unterschieden ist. Und geistigeChemie besteht allerdings nicht in tumultuarischen Verrichtungen, in etwas, was äußerlich vollzogen werden kann, wie die äußere Chemie, sondern in folgendem, was aber nur ganz kurz dargestellt werden soll. Das Genauere kann aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» oder aus dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ersehen werden.
[ 16 ] “You cannot tell by looking at water,” I once said, “when you have it simply as water before you, that it contains the hydrogen which the chemist isolates through external chemical processes.” Water extinguishes fire; it is not flammable itself. Hydrogen, a gas, is flammable and can also be liquefied. Just as one cannot tell from looking at water what the nature of the hydrogen is—which is combined with oxygen to form water—so, too, one cannot tell from looking at the outer human being what is bound to the outer physical body as spirit and soul; and just as one need not fear being called a regressive dualist when one acknowledges that water, a monon, consists of hydrogen and oxygen, so too does one need not fear not being a true “monist” when one says that in what we encounter in human beings there is a spiritual-soul aspect, just as hydrogen is present in water, and that this spiritual-soul aspect is as distinct from what can be observed in the everyday human being as hydrogen is distinct from water. And spiritual chemistry certainly does not consist of tumultuous processes, of something that can be carried out externally, like external chemistry, but rather in the following, which, however, will be outlined only very briefly. More detailed information can be found in my Outline of Esoteric Science or in the book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?
[ 17 ] Der Mensch ist das einzige Werkzeug, durch welches in die geistige Welt eingedrungen werden kann. Aber er muß durch besondere Übungen, die er mit seiner Seele vornehmen muß, sich selbst bis zu dem Punkt bringen, daß er einen Sinn verbinden kann mit den Worten: Ich erlebe mich in meinem Geistig-Seelischen außerhalb des Physisch-Leiblichen — wie der Wasserstoff sagen müßte, wenn er sich erleben könnte: ich erlebe mich außerhalb des Sauerstoffes. Damit dieses Geistig-Seelische sich praktisch lostrennt von dem Physisch-Leiblichen, und daß der Mensch dazu kommt, einen Sinn zu verbinden mit den Worten: Ich erlebe mich im Geistig-Seelischen, aber mein Physisch-Leibliches ist außer mir, wie der Tisch außer mir ist, dazu sind ausdauernde Seelenübungen nötig, die kürzer oder länger dauern und im wesentlichen in einer Steigerung der Aufmerksamkeit bestehen, was schon im gewöhnlichen Leben wichtig ist — aber nicht Aufmerksamkeit auf einen durch Äußerliches herbeigeführten Seeleninhalt, sondern durch einen willkürlich in den Mittelpunkt des Seelenlebens gestellten Seeleninhalt. Wenn der Mensch dann in die Lage kommt, alle seine Seelenkräfte so anzuspannen und sie dann auf einen überschaubaren Seeleninhalt konzentriert, von dem er ganz genau weiß, welchen Seeleninhalt er selbst hineingelegt hat, dann wird allmählich durch dieses stärkere Konzentrieren der Seelenkräfte alles dasjenige zusammengedrängt, was dem Menschen die Fähigkeit gibt, sein Geistig-Seelisches herauszuheben aus dem Physisch-Leiblichen. Nur muß unabhängig von dem Üben der sogenannten Konzentration noch die Übung der Meditation hinzutreten. Das ist etwas, was der Mensch schon im gewöhnlichen Leben kennt, aber in der Geisteswissenschaft ins Unbegrenzte gesteigert werden muß: Hingabe, Hingabe an den allgemeinen Weltprozeß. So hingegeben sein dem allgemeinen Weltensein, wie es der einzelne Mensch im Schlafe durch seine Gliederruhe ist, aber bewußt und nicht bewußtlos, das ist das zweite Erfordernis in der Geisteswissenschaft. Daß viele Menschen nicht den rechten Erfolg dieser Übungen erleben, liegt daran, daß die Menschen in dem systematischen und ausdauernden Durchführen dieser Übungen erlahmen. Indem man durch solche Übungen den Seelenkräften eine andere Richtung gibt, als sie im alltäglichen Leben haben und sie in anderer Weise anspannt, als sie im Alltagsdasein angespannt sind, gelangt man wirklich dahin, daß man den merk würdigen Augenblick erreicht, der zu erreichen möglich ist, wo man weiß: Jetzt erlebst du geistig-seelisch; aber während du dich vorher deines Gehirns und deiner Sinne bedient hast, weißt du dich jetzt herausgestiegen aus dem Leibe und außerhalb desselben, wie sonst die äußeren Gegenstände außerhalb deiner waren.
[ 17 ] Human beings are the only means by which one can enter the spiritual world. But through special exercises that he must perform with his soul, he must bring himself to the point where he can attach meaning to the words: “I experience myself in my spiritual-soul aspect outside of the physical-bodily realm”—just as hydrogen would have to say, if it could experience itself: “I experience myself outside of oxygen.” In order for this spiritual-soul aspect to separate itself practically from the physical-bodily aspect, and for the human being to come to attach meaning to the words: “I experience myself in the spiritual-soul aspect, but my physical-bodily aspect is outside of me, just as the table is outside of me,” this requires persistent exercises of the soul, which may take a shorter or longer time and essentially consist of an intensification of attention—something that is already important in ordinary life—but not attention directed toward a mental content evoked by external stimuli, rather toward a mental content deliberately placed at the center of the soul’s life. When a person then reaches the point where to mobilize all his soul forces and then concentrate them on a clearly defined mental content—one of which he knows exactly what he himself has placed there—then, through this stronger concentration of the soul forces, everything that gives a person the ability to lift his spiritual-soul aspect out of the physical-bodily realm is gradually brought together. However, in addition to the practice of so-called concentration, the practice of meditation must also be added. This is something a person already knows in ordinary life, but which must be heightened to infinite proportions in spiritual science: devotion—devotion to the universal process of the world. To be as surrendered to the universal existence of the world as the individual human being is during sleep through the rest of the limbs—but consciously and not unconsciously—that is the second requirement in spiritual science. The reason many people do not experience the proper success of these exercises is that they lose momentum in the systematic and persistent performance of these exercises. By giving the soul’s powers a different direction through such exercises than they have in everyday life, and by engaging them in a different way than they are engaged in everyday existence, one truly arrives at that remarkable moment—which is possible to attain—when one knows: “Now you are experiencing things spiritually and soulfully; but whereas before you made use of your brain and your senses, you now know that you have stepped out of your body and are outside of it, just as external objects were previously outside of you.”
[ 18 ] Die Anerkennung, daß so etwas möglich ist, steht heute noch am Beginne der Zeitkultur. Sie wird sich durchringen, wie sich die Wahrheiten — die Wahrheit eines Kopernikus, eines Kepler, eines Galilei — immer durchgerungen haben. Diesen standen genau dieselben, nur nuancierten rückständigen Erkenntniskräfte gegenüber, welche der Anerkennung der geistigen Welten heute gegenüberstehen. Wenn die Gegner damals Leute waren, die auf alter religiöser Überlieferung standen, so sind es heute sogenannte «Freigeister», die sich der Anerkennung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse entgegenstellen. Aber der Schritt zu dieser Anerkennung wird gemacht werden, wird in demselben Sinne gemacht werden müssen, wie zur Zeit des Kopernikus, des Galilei und des Giordano Bruno der Schritt für die äußere Naturwissenschaft gemacht worden ist. — Ich habe niemals die Gepflogenheit gehabt, in Abstraktionen und Spekulationen zu Ihnen zu sprechen, sondern ich habe immer versucht, die konkreten geistigen Tatsachen anzuführen, zu denen der Mensch kommt, wenn er die angedeuteten Stufen einer geistigen Erkenntnis erreicht. Tatsächlich kann es erlebt werden, daß der Mensch in seinem Geistig-Seelischen aus dem Physisch-Leiblichen sich heraushebt und sich so erlebt, daß er deutlich das Bewußtsein hat, welches sich durch das Erleben selbst von jeder Illusion und Halluzination unterscheidet: Du erlebst dich außerhalb deines Kopfes, und wenn du wieder untertauchst, so ist es, wie wenn du wieder anfängst, dein Gehirn als äußeres Instrument zu benutzen. Dieses Erlebnis ist, wenn es zuerst, in seinen ersten Phasen, auftritt, erschütternd. Aber es ist zu erreichen, und angegeben ist es in der Schrift: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Und dann tritt man in eine Welt konkreter geistiger Erlebnisse ein, wo man sich ebenso innerhalb geistiger Tatsachen befindet, wie man mit den Sinnen und dem Verstande in einer Welt konkreter Sinneswesen und Sinnestatsachen steht.
[ 18 ] The recognition that such a thing is possible is still in its infancy in today’s cultural climate. It will prevail, just as truths—the truths of Copernicus, Kepler, and Galileo—have always prevailed. These scientists were confronted by precisely the same, albeit slightly more nuanced, backward forces of perception that stand in the way of the recognition of the spiritual worlds today. Whereas the opponents back then were people who clung to old religious traditions, today it is so-called “free thinkers” who oppose the recognition of spiritual scientific insights. But the step toward this recognition will be taken—and must be taken—in the same way that the step toward external natural science was taken in the time of Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno. — I have never been in the habit of speaking to you in terms of abstractions and speculations, but I have always tried to cite the concrete spiritual facts that a person encounters when they reach the stages of spiritual knowledge I have indicated. In fact, it can be experienced that a person, in their spiritual-soul aspect, rises above the physical-bodily realm and experiences themselves in such a way that they have a clear consciousness which, through the experience itself, distinguishes itself from every illusion and hallucination: You experience yourself outside your head, and when you submerge again, it is as if you were beginning once more to use your brain as an external instrument. This experience, when it first occurs in its initial phases, is shattering. But it is attainable, and it is described in the text: “How does one attain knowledge of the higher worlds?” And then one enters a world of concrete spiritual experiences, where one finds oneself just as much within spiritual realities as one stands, with the senses and the intellect, in a world of concrete sensory beings and sensory realities.
[ 19 ] Dieser Welt, der man so gegenübersteht, tritt man entgegen in drei Stufen. Die erste Stufe, durch die man sich hindurchzuarbeiten hat, ist die, welche ich mir zu nennen erlaubt habe, die Stufe der imaginativen Welt. Diese imaginative Welt ist nicht eine eingebildete Welt, sondern eine solche, in der man die Tatsachen der geistigen Welt erlebt in einer Summe von Bildern, die wirklich so, wie dieSinneswahrnehmungen die Tatsachen des Raumes ausdrücken, als Bilder die Vorgänge der geistigen Welt ausdrücken. Durch diese imaginative Welt muß man sich hindurcharbeiten, muß sich vor allen Dingen so durch sie hindurcharbeiten, daß man alle Quellen von Irrtümern, die sehr zahlreich sind, nach und nach kennenlernt, so daß man nach und nach unterscheiden lernt, was einen täuscht und trügt, und was einem wirklichen geistigen Dasein von Wesen oder Vorgängen entspricht. — Man steigt dann auf zu einer zweiten Stufe der Erkenntnis, die ich mir gestatte die Inspiration zu nennen. Die Inspiration unterscheidet sich bei dem geistigen Wahrnehmen nur dadurch von der Imagination, daß man bei der letzteren gleichsam nur die äußere Oberfläche von geistigen Vorgängen und Wesenheiten in Bildern entgegenscheinend hat, während man jetzt das ausbilden muß, was die geistige Wahrnehmung radikal von der äußeren Wahrnehmung unterscheidet: daß man untertaucht in das geistige Wahrnehmen. In der Tat ist es so, daß man nicht in der Weise dem geistigen Dasein gegenübersteht, wie es im sinnlichen Dasein ist: daß es dort ist — und ich hier; sondern beim geistigen Erkennen findet in der Tat etwas statt wie ein Ausweiten über das, was wahrgenommen wird, ein Untertauchen in das, was wahrgenommen wird. Es klingt merkwürdig, ist aber wörtlich wahr: man dehnt sich räumlich aus mit seinem eigenen Wesen in alle die Dinge hinein, die man in der geistigen Welt wahrnimmt. Während man sonst an einem Punkt des Raumes steht, in seine Haut eingeschlossen, und alles andere draußen ist, wird bei der geistigen Welt alles innere Welt, was man sonst gewohnt ist äußere Welt zu nennen. In dem lebt und webt man und geht darin auf, soweit man einzudringen in der Lage ist. Und dann gibt es noch eine höhere Stufe des Erkennens, von der heute hier nicht gesprochen zu werden braucht; das ist die Intuition, im rechten Sinne verstanden, nicht was im gewöhnlichen Sinne oft so genannt wird. Durch die Imagination, Inspiration und Intuition arbeitet man sich hinein in die geistige Welt.
[ 19 ] One approaches this world, which one encounters in this way, in three stages. The first stage, through which one must work one’s way, is the one I have taken the liberty of calling the stage of the imaginative world. This imaginative world is not an imaginary world, but one in which one experiences the facts of the spiritual world through a series of images that—just as sensory perceptions express the facts of space—truly express the processes of the spiritual world as images. One must work one’s way through this imaginative world; above all, one must work through it in such a way that one gradually becomes acquainted with all the sources of error—which are very numerous—so that one gradually learns to distinguish between what deceives and misleads one and what corresponds to the actual spiritual existence of beings or processes. — One then ascends to a second stage of knowledge, which I take the liberty of calling inspiration. In spiritual perception, inspiration differs from imagination only in that, in the latter, one sees, as it were, only the outer surface of spiritual processes and entities reflected in images, whereas now one must develop what radically distinguishes spiritual perception from external perception: that one immerses oneself in spiritual perception. In fact, one does not face spiritual existence in the same way as one does sensory existence—where it is there, and I am here—but in spiritual cognition, something does indeed take place akin to an expansion beyond what is perceived, an immersion into what is perceived. It sounds strange, but it is literally true: one expands spatially with one’s own being into all the things one perceives in the spiritual world. Whereas one otherwise stands at a point in space, enclosed within one’s own skin, with everything else outside, in the spiritual world everything that one is otherwise accustomed to calling the external world becomes the inner world. One lives and weaves within it and merges with it to the extent that one is able to penetrate it. And then there is a higher level of cognition, which need not be discussed here today; this is intuition, understood in the proper sense, not what is often called by that name in the ordinary sense. Through imagination, inspiration, and intuition, one works one’s way into the spiritual world.
[ 20 ] Die Frage soll uns jetzt beschäftigen: Wenn man also aus dem Leib und aus den gewöhnlichen Erlebnissen des Daseins heraustritt, welcher Unterschied stellt sich dann heraus in bezug auf alles, was man Erkenntnis nennt, die von außen kommt, die man gewohnt ist von außen entgegenzunehmen — und in bezug auf das, was man als seine sittlichen Impulse, als die sittlichen Ideen und Vorstellungen anspricht? Sind wir in der Lage, dann auf einen Quell des sittlichen Lebens hinzuweisen, wenn wir vielleicht diesen Quell aufzeigen können in der Welt, die man erst erreicht, wenn man sich aus der gewöhnlichen Sinneswelt herausbegibt und mit dem eigenen geistigen Erkennen in eine geistige Welt eindringt?
[ 20 ] Let us now consider the following question: So when one steps out of the body and out of the ordinary experiences of existence, what difference becomes apparent with regard to everything one calls knowledge—that which comes from outside, which one is accustomed to receiving from outside—and with regard to what one refers to as one’s moral impulses, moral ideas, and concepts? Are we then in a position to point to a source of moral life, if we can perhaps identify this source in the world that one reaches only by stepping out of the ordinary sensory world and entering a spiritual world through one’s own spiritual cognition?
[ 21 ] Betrachten wir zunächst die Welt, die eine geistige Bilderwelt um uns aufrichtet. Ich führe einfach so die Tatsachen an, wie sie sich für die geistige Beobachtung ergeben. Da findet man in bezug auf alles, was man sich durch die Sinnesvorstellung erwirbt, die auf die Sinneswahrnehmung begründet ist, überhaupt was man sich erwirbt in bezug auf das, worin man im äußeren Leben drinnensteht, daß indem Augenblick, wo man diese Welt verläßt, sich über diese Welt selber eine Art von Dunkel breitet, und es taucht auf eine neue Welt von geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen, in welcher man im Schlafe sonst auch drinnen ist; aber als Geistesforscher taucht man im bewußten Zustande in diese Welt geistiger Vorgänge und Wesenheiten unter. Indem man so in sie untertaucht, merkt man: Was du anschaust als Farben, was du hörst als Töne in der Sinneswelt, das verschwindet; was du mit hereinnehmen kannst in die geistige Welt, ist nur eine Erinnerung daran; etwas, was man höchstens vorstellen kann. Wenn das verschwindet, taucht man so unter, daß gleichsam die Denktätigkeit, die Vorstellungstätigkeit, auch die Fühlens- und Empfindenstätigkeit wie ergriffen wird von anderen Wesen, in die man untertaucht: Denn das ist das Wesentliche, daß man in der geistigen Welt in eine Welt von Wesenheiten untertaucht. Und dann gelangt man zu dem, was öfter auseinandergesetzt worden ist: Sobald man in die geistige Welt eintaucht, findet man konkrete Tatsachen und Wesenheiten; und was man in der Sinneswelt beobachtet, das nimmt sich wirklich so aus, daß man in Wahrheit drinnen lebt in der übersinnlichen, unsichtbaren, geistigen Welt, aber, wenn wir im Leibe eingeschlossen sind, durch die Tätigkeit des Leibes diese übersinnliche Welt uns ihr Spiegelbild entgegenwirft. In der Tat wird es zu einer konkreten Tatsache, daß die ganze äußere Welt, die man ringsherum um sich sieht, ein Spiegelbild der geistigen Welt ist, jener geistigen Welt, von der ich auseinandergesetzt habe, daß sie zuerst die Gehirnprozesse hervorruft, welche den Spiegelapparat herstellen, durch den die äußeren Vorgänge wahrgenommen werden, und der selbst nicht wahrzunehmen ist. Wie der Mensch sich nicht selbst wahrnimmt, wenn er einem Spiegel entgegengeht, sondern das Spiegelbild wahrnimmt, so sieht er, wenn er in die physische Welt untertaucht, das Spiegelbild der geistigen Welt, indem sich durch die Vorgänge des Leibes die geistige Welt an dem Spiegelapparat spiegelt. Und nun merkt man, daß es sich mit der physischen Wahrnehmungswelt gegenüber der geistigen Welt so verhält, wie mit dem Spiegelbilde zu dem Beschauer. Es ist in der Tat so: wie das Spiegelbild nur eine Bedeutung für den Beschauer hat, wenn er in den Spiegel hineinblickt und das Bild in seine Seele aufnimmt, so hat das Spiegelbild der geistigen Welt, die ganze physische Wahrnehmungswelt, die wir um uns herum haben, eine Bedeutung als «Bild» — abgesehen von dem physikalischen Vorgange, der dahintersteht. Das wird man gewahr, wenn man in die geistige Welt eintritt.
[ 21 ] Let us first consider the world that creates a mental world of images around us. I will simply present the facts as they appear to mental observation. With regard to everything one acquires through sensory imagination—which is based on sensory perception—and indeed everything one acquires in relation to one’s experience of external life, one finds that the moment one leaves this world, a kind of darkness spreads over this world itself, and a new world of spiritual beings and spiritual realities emerges—the same world one is otherwise immersed in during sleep; but as a spiritual researcher, one plunges into this world of spiritual processes and beings in a conscious state. As one immerses oneself in it in this way, one notices: What you perceive as colors, what you hear as sounds in the sensory world, disappears; what you can bring with you into the spiritual world is only a memory of it—something that one can, at most, imagine. When that disappears, one plunges in such a way that, as it were, one’s thinking, one’s imagination, and even one’s feelings and sensations are taken over by other beings into whom one is plunging: for this is the essential point—that in the spiritual world one plunges into a world of beings. And then one arrives at what has often been explained: As soon as one enters the spiritual world, one encounters concrete facts and beings; and what one observes in the sensory world truly appears as though one were actually living within the supersensory, invisible, spiritual world—but, while we are confined within the body, this supersensory world reflects its image back to us through the activity of the body. In fact, it becomes a concrete reality that the entire external world one sees all around oneself is a reflection of the spiritual world—that spiritual world of which I have explained that it first brings about the brain processes which create the mirror mechanism through which external events are perceived, and which itself cannot be perceived. Just as a person does not perceive himself when he looks into a mirror, but rather perceives the reflection, so too, when he immerses himself in the physical world, he sees the reflection of the spiritual world, in that the spiritual world is reflected in the mirror mechanism through the processes of the body. And now one realizes that the relationship between the physical world of perception and the spiritual world is the same as that between the mirror image and the observer. It is indeed the case that just as the mirror image has meaning for the observer only when he looks into the mirror and takes the image into his soul, so too does the mirror image of the spiritual world—the entire physical world of perception that surrounds us—have meaning as an “image”—apart from the physical process underlying it. One becomes aware of this when one enters the spiritual world.
[ 22 ] Es soll hier nicht teleologische Naturanschauung getrieben werden. Ich meine nicht, daß die Welt durch einen unendlichen Verstand so eingerichtet ist, daß der Mensch die Möglichkeit finden kann, sein Selbst auszubilden, sondern ich will einfach auf die Tatsache hinweisen, die als Tatsache gegeben ist: daß der Mensch das, was er in sein Selbst hereinnimmt, wenn er es in der Außenwelt geschaut hat, nun weiter tragen kann, wenn er es in seiner Seele empfangen hat. — Für das, was wir Erkenntnisurteile nennen, liegt das vor, daß diese ganze Erkenntniswelt aufgebaut wird durch einen Spiegelungsvorgang, und was im Grunde genommen als Spiegelungsvorgang verschwindet, wenn man in die geistige Welt untertaucht, wo man sofort in eine Welt geistiger Vorgänge und geistiger Wesen untertaucht, von der man weiß: sie gehört zu einem, und von ihr ist das hergenommen, was in der physischen Welt nur ein Spiegelbild ist.
[ 22 ] The intention here is not to promote a teleological view of nature. I do not mean to suggest that the world has been arranged by an infinite intellect in such a way that human beings can find the possibility of developing their own selves; rather, I simply wish to point out the fact that is given as a fact: that human beings can carry forward into their own selves what they have perceived in the external world once they have received it into their souls. — As for what we call cognitive judgments, the fact is that this entire world of knowledge is constructed through a process of reflection, and what essentially disappears as a process of reflection when one plunges into the spiritual world—where one immediately immerses oneself in a world of spiritual processes and spiritual beings, of which one knows: it belongs to one, and from it is derived what is in the physical world merely a reflection.
[ 23 ] Das ist das Wesentliche, daß man in dem Augenblicke, wo man gleichsam Abschied nimmt von der Sinneswelt und in eine geistige Welt aufsteigt, erkennen lernt: Zu dem, was du selbst bist, was ohne dich nicht da wäre, und zu dem du selbst gehörst, ist nur hinzugekommen die Spiegelung, die nur dadurch zustande gekommen ist, daß du ein menschlicher Organismus bist; und diese Spiegelung hat eine Bedeutung für dein Selbst, für dein Ich, für das, was du als Geistig-Seelisches durch die Zeitenwende trägst. Daher ist man, sobald man in der geistigen Welt sich befindet, in einer Welt, welche ohne einen da ist, von der man erkennen lernt: sie muß sich spiegeln, damit wir sie wahrnehmen können. Aber zu dem Spiegeln kommt das Wesen selbst nicht dazu.
[ 23 ] This is the essential point: that at the very moment when one, as it were, bids farewell to the sensory world and ascends into a spiritual world, one comes to realize: To what you yourself are—which would not exist without you, and to which you yourself belong—has been added only the reflection that has come about solely because you are a human organism; and this reflection has significance for your self, for your “I,” for what you carry as spirit and soul through the turn of the ages. Therefore, as soon as one finds oneself in the spiritual world, one is in a world that exists without one, of which one comes to realize: it must be reflected so that we can perceive it. But the essence itself does not engage in this reflection.
[ 24 ] Jetzt schauen wir auf den Augenblick, wo wir in die imaginative Welt eintreten. Was ist es mit den sittlichen Vorstellungen, wenn man in die geistigeWelt hinaufkommt?
[ 24 ] Now let us consider the moment when we enter the world of the imagination. What happens to our moral concepts when we ascend into the spiritual world?
[ 25 ] Was man als sittliche Impulse empfindet, das stellt sich in dem Augenblick, wo man in die imaginative Welt hineinschreitet, so dar, daß man es nicht anders ansprechen kann, als daß man sagt: Da hast du doch etwas erzeugt, da hast du etwas in die geistige Welt hineingestellt! Was man erkennt, hat man nicht in eine Welt hineingestellt; das hat man nur in sich selbst hineingestellt und trägt es durch die Zeitenwende weiter. Was einem sittlichen Impuls, einer sittlichen Handlung, oder was sogar nur einem sittlichen Wollen entspricht, das ist schöpferisch; so daß man sagen muß, wenn man es in der geistigen Welt ansieht: Durch das, was wir mit dem Begriff des Ethischen in uns erleben, schaffen wir Wesen in der geistigen Welt. Wir sind die Urheber zunächst von Vorgängen, weiter sogar von Wesen der geistigen Welt.
[ 25 ] What one perceives as moral impulses presents itself, the moment one steps into the world of imagination, in such a way that one cannot speak of it except by saying: “You have indeed created something here; you have placed something into the spiritual world!” What one recognizes, one has not placed into a world; one has merely placed it within oneself and carries it forward through the turning of the ages. What corresponds to a moral impulse, a moral action, or even merely a moral will is creative; so that when one views it in the spiritual world, one must say: Through what we experience within ourselves as the concept of the ethical, we create beings in the spiritual world. We are, first of all, the originators of processes, and furthermore, even of beings in the spiritual world.
[ 26 ] Diejenigen der verehrten Zuhörer, die öfter diese Vorträge gehört haben, wissen, daß in der Geisteswissenschaft von den wiederholten Erdenleben gesprochen wird. Dieses Erdenleben, welches wir jetzt erleben, baut sich auf eine Folge von früheren Erdenleben auf, und immer entspricht einem Erdenleben ein darauf folgendes Leben in einem geistigen. Dasein; und von unserem jetzigen Erdenleben schauen wir wieder auf die kommenden Erdenleben hinüber. — Das nun, was wir in unserm sittlichen Erleben in uns selber darstellen, objektiviert sich buchstäblich, zunächst zu geistigen Vorgängen. Wie ich sittlich denke und handle, das merkt man in der geistigen Welt als Vorgänge. Das sind dort Vorgänge, die nun aus dem bloßen Selbst des Menschen herausgehen. Während man die Erkenntniserlebnisse nur mit dem bloßen Selbst weiterträgt und mit dem Selbst in die folgenden Erdenleben hinüberträgt, ist das, was zum sittlichen oder zum unsittlichen Leben gehört, hineingestellt als Vorgänge in die Welt und wirkt als solche weiter, so daß wir durch das Karma im nächsten Erdenleben wieder mit ihnen zu tun haben. Und wer in die geistigen Welten hinaufsteigt, der merkt, wie die sittlichen Impulse ein gewisses Verhältnis zu dem begründen, was er als Selbst erzeugt.
[ 26 ] Those among the esteemed audience who have heard these lectures on several occasions know that spiritual science speaks of repeated earthly lives. This earthly life that we are now experiencing builds upon a series of previous earthly lives, and each earthly life is always followed by a life in a spiritual existence; and from our present earthly life, we look forward once more to the earthly lives to come. — Now, what we manifest within ourselves through our moral experiences literally objectifies itself, initially as spiritual processes. How I think and act morally is perceived in the spiritual world as processes. These are processes there that emanate from the very self of the human being. While we carry our experiences of knowledge forward only with our mere self and carry them over into subsequent earthly lives with the self, that which belongs to moral or immoral life is placed into the world as processes and continues to exert its influence as such, so that through karma we have to deal with them again in the next earthly life. And whoever ascends into the spiritual worlds perceives how moral impulses establish a certain relationship to what one creates as the Self.
[ 27 ] Nehmen wir zum Beispiel einen der hauptsächlichsten Impulse — es würde zu weit führen, wenn ich ausführen wollte, warum ich ihn einen der hauptsächlichsten sittlichen Impulse nenne —: denjenigen, welchen der bedeutsame Psychologe Franz Brentano als den einzigen Impuls der sittlichen Weltordnung genannt hat, den Impuls der Liebe. Wer wollte denn leugnen, daß Unzähliges im sittlichen Leben aus den verschiedenen Stufen der Liebe — von den untersten Stufen der Liebe an bis zu den höchsten Stufen, bis zur spinozistischen Liebe, der amor Dei intellectualis hin — vorgeht? Alles was unter dem Impuls der Liebe geschieht, was wir zum Gebiet des Sittlichen rechnen, wie finden wir es in der imaginativen Welt? So finden wir es, daß wir alles, was unter diesem Impulse entsteht, uns vertraut finden, so daß wir sagen können: wir können mit dem, was unter dem Impulse der Liebe entsteht, in der geistigen Welt leben. Man fühlt sich mit einem solchen, das aus Liebesfähigkeit entspringt, heimisch in der geistigen Welt. Das ist das Wesentliche, was einem erscheint, sobald man in die imaginative Welt eintritt.
[ 27 ] Let us take, for example, one of the most fundamental impulses—it would take us too far afield if I were to explain why I call it one of the most fundamental moral impulses—namely, the one that the eminent psychologist Franz Brentano called the sole impulse of the moral order: the impulse of love. Who would deny that countless aspects of moral life arise from the various stages of love—from the lowest stages of love up to the highest, all the way to Spinozist love, the amor Dei intellectualis? Everything that happens under the impulse of love, everything we count as belonging to the realm of morality—how do we find it in the imaginative world? We find that everything that arises under this impulse feels familiar to us, so that we can say: we can live in the spiritual world with what arises under the impulse of love. One feels at home in the spiritual world with that which springs from the capacity for love. This is the essential point that becomes apparent as soon as one enters the imaginative world.
[ 28 ] Nehmen wir aber das, was aus dem Haß entspringt, was sich als eine Handlung oder nur als eine Absicht darstellt, die vom Haß eingegeben ist. Da zeigt sich die sehr auffällige Tatsache, daß alles, was aus dem Gebiete des Hasses fließt, sich in der imaginativen Welt so zeigt, daß es Furcht einflößt, daß es zurückstößt. Ja, es gehört zu den tragischen Seiten des Erlebens des Geistesforschers, daß er sehen muß, wie er sich selbst in die geistige Welt hineinstellt mit den Kräften von Sympathie und Antipathie. Wahrhaftig, wie auch die Dinge liegen mögen: sobald man in die geistige Welt eintritt, kann der Fall kommen, daß man sich selbst sympathisch oder antipathisch vorkommt. In der physischen Welt kommt das nicht vor, daß sich die Menschen antipathisch vorkommen; sympathisch, mag sein. Aber in der geistigen Welt ist man, wie hier den Naturgesetzen, so dort den geistigen Gesetzen unterworfen. Alles was aus der Liebefähigkeit, aus der Opferfähigkeit, was aus dem hervorgegangen ist, was man aus einem sittlichen Impuls vollbringt oder als eine sittliche Gesinnung empfindet, das alles begründet in der geistigen Welt Vorgänge, die man im imaginativen Erkennen erschaut, so erschaut, daß man sich sympathisch sein darf ob des liebefähigen Denkens, Handelns oder Empfindens. Alles was zum Beispiel unter dem Haß oder ähnlichen Impulsen, aus Bosheit, Eitelkeit, unternommen wird, nimmt sich in der imaginativen Welt so aus, daß man weiß: Du bist der Schöpfer dieser Vorgänge, die einfach die Objektivierung deiner haßerfüllten Impulse oder deiner boshaften Impulse sind; du nimmst dich innerhalb derselben so aus, daß die Vorgänge zwingen, daß du dir selber antipathisch bist. Da kann man nicht anders, als sich antipathisch sein.
[ 28 ] But let us consider what arises from hatred—whether it manifests as an action or merely as an intention inspired by hatred. Here we see the very striking fact that everything flowing from the realm of hatred manifests in the imaginative world in such a way that it instills fear and repels. Indeed, it is one of the tragic aspects of the spiritual researcher’s experience that he must witness how he projects himself into the spiritual world through the forces of sympathy and antipathy. Truly, whatever the circumstances may be: as soon as one enters the spiritual world, one may find oneself appearing sympathetic or unsympathetic. In the physical world, it does not happen that people find one another unsympathetic; sympathetic, perhaps. But in the spiritual world, just as one is subject to the laws of nature here, so one is subject to the spiritual laws there. Everything that arises from the capacity for love, from the capacity for sacrifice—everything that stems from these, everything one accomplishes out of a moral impulse or perceives as a moral disposition—all of this gives rise in the spiritual world to processes that one beholds through imaginative cognition, beholds in such a way that one may find oneself likable because of one’s loving thoughts, actions, or feelings. Everything that is undertaken, for example, out of hatred or similar impulses—out of malice or vanity—appears in the imaginative world in such a way that one knows: You are the creator of these processes, which are simply the objectification of your hate-filled or malicious impulses; you appear within them in such a way that the events compel you to feel antipathy toward yourself. In such cases, one cannot help but feel antipathy toward oneself.
[ 29 ] Für einen Geistesforscher ist es notwendig, in gewissen Fällen in einer gründlichen Selbsterkenntnis solche Lagen ertragen zu lernen, und in Geduld ertragen zu lernen, wie sie sich in dem weiteren Karma ausnehmen. Nicht unbedingt soll gesagt sein, daß ein Geistesforscher solche Antipathie nicht haben soll, sondern daß er durchaus nicht den Willen haben soll, sich als Heiliger oder als höheren Menschen hinzustellen. Sondern was erstrebt werden soll, das ist, daß er versuchen wird, sein sittliches Leben, was sich auf das Zusammenleben mit anderen Menschen bezieht, soweit zu veredeln, daß das Tragische des Sich-antipathisch-Fühlens in einem verminderten Maße eintritt. Denn es bedeutet einen Zustand der furchtbarsten Spannung, daß man sich wie entfliehen möchte; und dieses Sich-entfliehen-Mögen zeigt sich erst beim Aufsteigen in die geistige Welt. Da sieht man, woher die Impulse kommen, wodurch wir das Liebenswerte tun — und das, was wir hassen, vermeiden lernen. Denn was man in der gewöhnlichen Welt aus solchen Impulsen heraus tut, das wirkt in der geistigen Welt als Kraft. Ja, man kann sagen: Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, so wirken die Kräfte weiter, die hier eben charakterisiert worden sind als ein Vertrautsein mit der geistigen Welt oder als ein Sichfürchten in derselben, als ein sympathisches Verbundensein mit dem, was aus den eigenen Handlungen hervorgeht, oder als ein Sich-antipathisch-Sein und Sichentfliehen-Mögen. Das wirkt stark auf den Schlaf ein und bedingt die Gesundheit des Schlafes, zum Teil wenigstens. Was sich wie ein Resultierendes aus dem Tagesleben ergibt, und was, wenn es zusammenklingend tätig ist, den Menschen nicht einschlafen läßt, das ist es zugleich, was der Geistesforscher schauen muß.
[ 29 ] For a spiritual researcher, it is necessary in certain cases to learn, through thorough self-knowledge, to endure such situations and to learn to bear with patience how they play out in one’s future karma. This is not to say that a spiritual researcher should not experience such antipathy, but rather that he should by no means have the desire to present himself as a saint or a superior human being. Rather, what should be strived for is that he will attempt to refine his moral life—as it relates to living together with other people—to such an extent that the tragedy of feeling antipathy toward oneself occurs to a lesser degree. For it represents a state of the most terrible tension, one from which one feels the urge to escape; and this urge to escape only becomes apparent upon ascending into the spiritual world. There one sees where the impulses come from that lead us to do what is lovable—and to learn to avoid what we hate. For what one does in the ordinary world out of such impulses acts as a force in the spiritual world. Indeed, one can say: When a person falls asleep, the forces described above—characterized here as a sense of familiarity with the spiritual world or a sense of fear within it, as a sympathetic connection to what arises from one’s own actions, or as a sense of antipathy and a desire to flee—continue to operate. This has a strong effect on sleep and determines the quality of sleep, at least in part. What emerges as a result of daily life—and what, when it is actively at work in harmony, prevents a person from falling asleep—is precisely what the spiritual researcher must observe.
[ 30 ] Jetzt fragen wir uns: Woher stammen jene sittlichen Impulse, die in der Menschenseele sprechen?
[ 30 ] Now we ask ourselves: Where do those moral impulses that speak within the human soul come from?
[ 31 ] Im gewöhnlichen Leben weiß man nicht, woher sie sprechen. Aber sie sind da und sprechen so, daß der, welcher nur den Verstand benutzt, der die Tatsachen der Sinneswelt kombiniert und zu Gesetzen bildet, sie nicht finden kann. Woher also stammt das, was in den Menschen hereinspricht wie aus einer anderen Welt?
[ 31 ] In everyday life, we do not know where these voices come from. But they are there, and they speak in such a way that those who rely solely on reason—who combine the facts of the sensory world and formulate them into laws—cannot find them. So where does this come from, this voice that speaks within people as if from another world?
[ 32 ] Nun, es ist eben als Erkenntnis erst da, wenn es in der imaginativen Welt erschaut wird. Aber es wirkt als dunkle Kräfte, deren Ursprung dunkel bleibt für das Erkennen, die aber als Impulse in die Seele hereinsprechen. Die Wirkungen dessen, was der Geistesforscher erschaut, werden erlebt in der Sinneswelt als sittliche Impulse; die Ursachen liegen in der geistigen Welt. Daher nimmt sich der Mensch aus als ein Wesen, welches sich immer sagen muß: Und wäre deine Liebekraft noch so vollkommen ausgebildet, du gehörst zu einer geistigen Welt und findest dort den anderen Teil deines Wesens, wo du das erwirbst, was sich hier als sittliches Leben ausspricht — was sich zum Beispiel in dem ausspricht, was wir das Gewissen nennen, das ein sehr großes Rätsel ist, wenn man konsequent sein will.
[ 32 ] Well, it only exists as knowledge once it is perceived in the world of the imagination. But it acts as dark forces whose origin remains obscure to the mind, yet which speak into the soul as impulses. The effects of what the spiritual researcher perceives are experienced in the sensory world as moral impulses; the causes lie in the spiritual world. Therefore, the human being perceives himself as a being who must always say to himself: “And no matter how perfectly developed your power of love may be, you belong to a spiritual world and find there the other part of your being, where you acquire what expresses itself here as moral life—what expresses itself, for example, in what we call conscience, which is a very great mystery if one wants to be consistent.”
[ 33 ] Wir haben nun gefunden, wo die Kräfte wurzeln, die sich als Gewissen und dergleichen ausleben. Nehmen wir an, wir stünden einem Menschen gegenüber, und die besondere Konfiguration unseres Vorstellungslebens könnte uns veranlassen, ihn zu hassen. Was uns veranlassen könnte, ihn zu hassen, und was wir in der geistigen Welt als Vorgänge fürchten würden, diese Stimme spricht in unsere Seele herein als: Du sollst nicht hassen! Was in der Liebesfähigkeit wirkt, und wodurch wir uns in der geistigen Welt sympathisch sein dürfen, das spricht herein in das Erdenleben als: Du sollst lieben! Und so ist es mit den übrigen Erscheinungen des sittlichen Lebens, die sich zuletzt geistig zusammenkristallisieren als das Gewissen.
[ 33 ] We have now identified the source of the forces that manifest themselves as conscience and the like. Let us suppose we are facing another person, and the particular configuration of our imaginative life might lead us to hate him. What might lead us to hate him—and what we would fear as processes in the spiritual world—this voice speaks into our soul as: “You shall not hate!” That which is at work in our capacity for love—and through which we may be in harmony with one another in the spiritual world—resounds into our earthly life as: “You shall love!” And so it is with the other manifestations of moral life, which ultimately crystallize spiritually as the conscience.
[ 34 ] Und dieses Gewissen selber, wie stellt es sich als Tatsache dar in der geistigen Welt? |
[ 34 ] And this conscience itself—how does it manifest as a reality in the spiritual world? |
[ 35 ] Man findet es noch nicht als Tatsache in der imaginativen Welt. Um es als Tatsache zu finden, muß man untertauchen in die inspirative Welt — muß so untertauchen, daß man sich ausgegossen fühlt über das gesamte Wahrnehmungsfeld im Geistigen und diese inneren Wahrnehmungen als sein Wahrnehmungsfeld wie in sich selber erlebt. Nun spricht von dort herunter der Ursprung des Gewissens. Er bedient sich nur, drückt sich aus gleichsam in dem, was in der imaginativen Welt erlebt werden kann, liegt aber seinem Zentrum nach in der inspirierenden Welt. Und wenn man sich in sie erhebt und einmal probeweise versuchen würde sich zu fragen: Was tritt ein, wenn du von alledem abstrahierst, was dir die Stimme deines Gewissens sagt? Nimm einmal probeweise an, du könntest ebenso etwas Liebes tun, wie du etwas aus Haß tust, und nimm an, dein Gewissen spreche nicht, — so würde man merken, daß etwas eintritt, was ich zunächst durch einen Vergleich klar machen will. Ich möchte sagen, man erlebt in sich selber etwas wie einen Wassertropfen, der irgendwohin versetzt ist, wo es so heiß ist, daß er sofort verdampfen würde. So etwas geschieht, wenn sich probeweise in der imaginativen Welt das Gewissen ausschaltet. Da erlebt man es: das Bewußtsein will sich gleichsam auslöschen, verliert den Schwerpunkt; man hört auf, in der geistigen Welt sich orientierend drinnen zu sein. Es gehört zu den furchtbarsten Erlebnissen, die man dann hat: in der geistigen Welt drinnen sein und das Bewußtsein schwinden fühlen, nachdem man sich zuerst dazu geschult hat, ein Bewußtsein heraufzutragen. Es ist ein furchtbarer Zustand, wenn Menschen, die in der Tat gewissenlos sind, oben Erlebnisse haben, wenn sie in die geistige Welt hinaufkommen. Denn nehmen wir an, ein Mensch, der sonst nicht sehr gewissenhaft ist, käme in die geistige Welt. Die Übungen, die in der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sich finden, kann jeder ausführen, wenn er sie mit der nötigen Energie durchführt, so daß er dann in der geistigen Welt wahrnimmt. Man sollte nicht hinaufkommen, solange es nicht heilsam ist. Daher werden auch solche Übungen anempfohlen, bei denen man das Bewußtsein nicht verliert; so daß in dem genannten Buche solche Übungen angegeben sind, welche einen Menschen moralisch machen, damit das Bewußtsein in der geistigen Welt nicht ausgeschaltet wird. Aber nehmen wir an, ein gewissenloser Mensch würde in die geistige Welt hinaufkommen. Dann würde das eintreten, daß er sofort der Auflösung, der Verdunstung seines Bewußtseins verfallen würde. Solche gewissenlosen Geistesforscher gibt es durchaus. Solche, die sich mit einer gewissen Summe von Gewissenlosigkeit zur geistigen Welt erheben, haben sofort das Bedürfnis, da wir dort in eineSphäre von Wesenheiten eintreten, sich anderen geistigen Wesenheiten zu übergeben. Menschen, die gewissenlos bis dort hinaufgelangen, wo einem das Gewissen in seiner Realität einen festen Schwerpunkt gibt, solche Menschen, die gleichsam dort ihr Bewußtsein «verdunsten» fühlen, ergeben sich einem anderen Wesen, machen sich von einem anderen Wesen besessen, um einen Halt zu haben. Das ist eine Erfahrung, die wirklich gemacht werden kann. Daher kommt es, daß in der Tat ein solcher Mensch, wenn er wieder in das Tagesbewußtsein zurückkehrt, nicht mehr selber das verkündet, was er in der geistigen Welt erfahren hat, sondern das, was ein Wesen, von dem er sich besessen gemacht hat, durch ihn dann spricht. Die Integrität unseres Wesens bleibt aufrechterhalten, indem wir wirklich diejenige Stimme als Kraft in uns in die inspirierende Welt hinauftragen, die hier als Gewissen vorhanden ist. Man fühlt sich dann in sich selbst, aber so in sich selbst, daß das, was man hervorbringt, was sich schon in der imaginativen Welt zeigt, so vorhanden ist, daß man den Schwerpunkt nicht verliert und daß es etwas ist, was einen hält und trägt. Und dieses, was da den Menschen in seinem wahren geistigen Wesen in der geistigen Welt tragen und halten kann, das spricht durch zwei Welten herunter, durch die imaginative Welt hindurch, in die Sinneswelt herunter, und das ist die Stimme des Gewissens.
[ 35 ] It cannot yet be found as a fact in the imaginative world. To find it as a fact, one must immerse oneself in the inspirational world—must immerse oneself to such an extent that one feels oneself poured out over the entire field of perception in the spiritual realm and experiences these inner perceptions as one’s own field of perception, as if within oneself. Now, from there, the source of conscience speaks down to us. It merely makes use of, and expresses itself, as it were, in what can be experienced in the imaginative world, but its center lies in the world of inspiration. And if one were to rise into it and tentatively ask oneself: What happens when you abstract from all that the voice of your conscience tells you? Suppose, just for the sake of argument, that you could do something out of love just as you do something out of hatred, and suppose your conscience were silent—then you would notice that something happens, which I will first clarify by means of a comparison. I would say that one experiences within oneself something like a drop of water that has been placed somewhere where it is so hot that it would evaporate immediately. Something like this happens when, as an experiment, one switches off one’s conscience in the imaginative world. Then one experiences it: consciousness wants, as it were, to extinguish itself, loses its center of gravity; one ceases to be oriented within the spiritual world. It is one of the most terrifying experiences one can have: to be in the spiritual world and feel one’s consciousness fading, after having first trained oneself to bring that consciousness up there. It is a terrible state when people who are, in fact, unscrupulous have experiences up there when they ascend into the spiritual world. For suppose a person who is otherwise not very conscientious were to enter the spiritual world. The exercises found in the book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? can be performed by anyone who carries them out with the necessary energy, so that they can then perceive the spiritual world. One should not ascend as long as it is not beneficial. That is why exercises are also recommended in which one does not lose consciousness; thus, the book mentioned describes exercises that make a person moral, so that consciousness is not shut off in the spiritual world. But let us suppose that an unscrupulous person were to ascend into the spiritual world. Then what would happen is that he would immediately fall prey to the dissolution, the evaporation of his consciousness. Such unscrupulous spiritual researchers certainly exist. Those who ascend to the spiritual world with a certain degree of unscrupulousness immediately feel the need—since we enter a sphere of beings there—to surrender themselves to other spiritual beings. People who ascend unscrupulously to the point where conscience, in its reality, provides a firm center of gravity—such people, who, as it were, feel their consciousness “evaporate” there—surrender themselves to another being, allowing themselves to be possessed by another being in order to find a foothold. This is an experience that can truly be had. This is why, in fact, when such a person returns to everyday consciousness, they no longer proclaim for themselves what they have experienced in the spiritual world, but rather what a being—by whom they have allowed themselves to be possessed—then speaks through them. The integrity of our being is maintained by truly carrying that voice—which exists here as conscience—up into the world of inspiration as a force within us. One then feels oneself within oneself, but in such a way that what one brings forth—what is already manifesting in the world of imagination—is present in such a way that one does not lose one’s center of gravity, and that it is something that holds and sustains one. And this—which can carry and sustain the human being in his true spiritual essence within the spiritual world—speaks down through two worlds, through the imaginative world and down into the sensory world, and that is the voice of conscience.
[ 36 ] So ist das Gewissen, von dem viele Denkerpersönlichkeiten eigentlich den Ursprung nicht entdecken können, von dem sie so sprechen, als wenn es nur durch die soziale Ordnung des Zusammenlebens der Menschen herausgebildet wäre —, so ist das Gewissen etwas, was heruntergetragen wird aus der geistigen Welt, was in seiner Wirkung da ist in dem sinnlich erlebenden Menschen und in seinem Ursprunge gefunden wird, wenn man in die geistige Welt hinaufkommt. Kann man die Geheimnisse der gesamten Welt im Grunde genommen nur finden, wenn man wirklich jene Erkenntniskräfte ausbildet, von denen hier oft gesprochen worden ist, dann muß man insbesondere von der Welt des Sittlichen sagen, daß sie aus den Geistesreichen herunter ihre Impulse sendet, und daß der Mensch, wenn er sich der sittlichen Impulse bewußt wird, in jenem Falle ist, daß er die Wirkung dessen erlebt, was seinen Ursprung in der geistigen Welt hat. Und ein richtiges Durchschauen der sittlichen Weltordnung zeigt uns auf der einen Seite, daß Geisteswelten durch die Seele sprechen, auf der anderen Seite aber auch, daß man mit dem, was die sittlichen Impulse sind, Realitäten schafft, die weiterwirken, die man wiederfindet, Realitäten, die wir in die geistige Welt hinaussenden, und die in dieser Welt, welche der sinnlichen zugrunde liegt, Ursachen sind. |
[ 36 ] Thus, conscience—whose origin many thinkers are actually unable to discern, and of which they speak as if it were formed solely through the social order of human coexistence— so conscience is something that is brought down from the spiritual world, something that is present in its effect within the human being who experiences the world through the senses, and whose origin is found when one ascends into the spiritual world. If, in essence, the mysteries of the entire world can only be discovered by truly developing those powers of knowledge that have often been discussed here, then one must say, in particular, of the moral world that it sends its impulses down from the spiritual realms, and that when a human being becomes aware of these moral impulses, they are experiencing the effect of that which has its origin in the spiritual world. And a true insight into the moral order of the world shows us, on the one hand, that spiritual worlds speak through the soul, but on the other hand also that through moral impulses we create realities that continue to have an effect, that we encounter again—realities that we send out into the spiritual world and that are causes in this world, which underlies the physical world. |
[ 37 ] Nur andeuten konnte ich, indem ich ein weites Feld von Zwischenstufen ganz unerwähnt gelassen habe, was der Geistesforscher zu durchmessen hat, wenn er von der Sinneswelt aufsteigt zu den geistigen Welten. Aber noch kurz erzählend möchte ich hinzufügen: Was wir so entstehen sehen, indem wir sittlich oder unsittlich handeln, was sich ausspricht in seinen Wirkungen in unseren sittlichen Impulsen, was wir in der imaginativen Welt wahrnehmen als aufbauende Kräfte, mit denen wir vertraut leben können, oder als zerstörende Kräfte, mit denen wir uns selbst antipathisch machen, das zeigt sich uns als die ersten Ursachen des Weltendaseins überhaupt. Denn wir richten den Blick hinaus in die weite Sternenwelt, wo Sicherheit, Ordnung und Harmonie herrschen, und wir blicken zurück in Urzeiten, in welchen Wesenheiten in einer ähnlichen Weise sich sittlich betätigt haben, wie wir es heute können, wo Wesenheiten ihre sittlichen Impulse hinaussandten, die sich so unbedeutend ausnehmen, daß sie wie Nichts erscheinen neben dem Ganzen des Weltendaseins. Aber diese sittlichen Impulse wachsen weiter in der Zeit! Diese sittlichen Impulse, die in Urzeiten von jenen Wesen ausgegangen sind, wuchsen weiter und weiter — und in ihrem Wachsen wurden sie selber zu den Naturkräften. Man lernt erkennen — Zwischenstufen müssen dabei jetzt übersprungen werden —, wenn man das betrachtet, was man an Himmelsgesetzen findet, was einen, der die neuere Naturwissenschaft begründete, Kepler, mit einer solchen Frömmigkeit erfüllte: daß im Kosmos alte und reif gewordene ursprüngliche sittliche Impulse wirken. — Diejenigen, welche in alten Zeiten Geistesführer im Sinne jener Epochen geworden sind — wir wissen aus früheren Vorträgen, daß man auf demselben Wege, wie man früher in den Mysterien zu den geistigen Welten aufgestiegen ist, heute nicht mehr in diese Welten aufsteigen kann; auf eine andere Weise hat das heute zu geschehen — sie haben gewisse Stufen, Grade überschreiten müssen. Unter diesen Graden war einer der höchsten der, welcher der Seele die Möglichkeit gegeben hat, in hohe Gebiete des geistigen Daseins hineinzuschauen. Es war ein solcher Grad der, den man den Grad des Sonnenhelden oder des Sonnenmenschen nannte. Warum des Sonnenmenschen? Aus dem Grunde nannte man ihn so, weil eine solche Seele, welche in der eben charakterisierten Weise zu erschauende Zusammenhänge in der Welt sieht, in der Tat das innere Leben soweit gebracht haben muß, daß es nicht, wenn es sich in die höchsten Gebiete des Erkennens erhebt, der inneren Willkür ausgesetzt ist, der das gewöhnliche Seelenleben ausgesetzt ist, sondern solchen Impulsen, die mit innerlich erkannter und erlebter Notwendigkeit wirken, so daß man sich sagte: Weichst du von ihnen ab, so richtest du eine solche Unordnung an, wie die Sonne im Weltall anrichten würde, wenn sie auch nur eine Weile von ihrer Bahn abweichen würde. Weil man auf einer solchen Stufe des Erkennens zu einer derartigen Festigkeit des inneren Lebens gelangt sein mußte, nannte man in den alten Mysterien solche Erkenner Sonnenmenschen. Es lag darin der Zusammenhang, welcher besteht zwischen dem, was wir in die Welt hinaussenden, und dem, was daraus herauswächst —, so wie das, was wir als die «Gesetze des Kosmos» erleben, herausgewachsen ist aus sittlichen Impulsen von Wesen ferner, ferner Zeiten.
[ 37 ] By leaving out an entire range of intermediate stages, I could only hint at what the spiritual researcher must traverse when ascending from the sensory world to the spiritual worlds. But I would like to add briefly: What we see coming into being through our moral or immoral actions—what manifests in the effects of our moral impulses, what we perceive in the world of the imagination as uplifting forces with which we can live in harmony, or as destructive forces that make us repulsive to ourselves—this reveals itself to us as the very first causes of existence in the world. For we cast our gaze out into the vast world of the stars, where security, order, and harmony reign, and we look back to primeval times, in which beings acted morally in a manner similar to how we can today, when beings sent forth their moral impulses, which seem so insignificant that they appear like nothing beside the totality of worldly existence. But these moral impulses continue to grow over time! These moral impulses, which emanated from those beings in primeval times, grew on and on—and as they grew, they themselves became the forces of nature. One comes to recognize—though intermediate stages must now be skipped—when one considers what is found in the laws of the heavens, which filled Kepler, the founder of modern natural science, with such reverence: that ancient and matured primordial moral impulses are at work in the cosmos. — Those who in ancient times became spiritual guides in the sense of those epochs—we know from earlier lectures that one can no longer ascend to the spiritual worlds today by the same path as was once taken in the mysteries; today this must happen in a different way—they had to pass through certain stages and levels. Among these degrees, one of the highest was the one that gave the soul the ability to look into the higher realms of spiritual existence. One such stage was what was called the stage of the Solar Hero or the Solar Man. Why the Solar Man? It was called this because such a soul, which perceives the interrelationships in the world in the manner just described, must indeed have developed its inner life to such an extent that, when it rises into the highest realms of knowledge, is subject to the inner arbitrariness to which ordinary soul life is subject, but rather to impulses that act with an inner necessity that has been recognized and experienced, so that one might say: If you deviate from them, you will cause such disorder as the sun would cause in the universe if it were to deviate from its orbit even for a moment. Because one had to have attained such firmness of inner life at this stage of knowledge, such knowers were called “Sun-men” in the ancient mysteries. Therein lay the connection that exists between what we send out into the world and what grows out of it—just as what we experience as the “laws of the cosmos” has grown out of moral impulses of beings from times long, long past.
[ 38 ] Wenn man das berücksichtigt, dann fängt man an, einen Ausspruch Kants noch anders zu erleben. Als ihm die moralische Pflicht, das sittliche Bewußtsein überhaupt vor das geistige Auge trat, da sprach er die bedeutsamen Worte aus: «Zwei Dinge sind es, die mich immer mit scheuer Ehrfurcht erfüllen: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir!» Solche Zusammenhänge, die erlebt worden sind, die man überschaut, wo man das moralische Gesetz gleichsam im Wirken der Zeit schaut, sie füllten ihn aus, als er von dem «Sternenhimmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir» sprach. Wer geisteswissenschaftlich die Urimpulse des sittlichen Lebens erkennt, der erkennt zugleich,wie mit dem wahren Wurzelquell des menschlichen Wesens dieses sittliche Leben zusammenhängt. Daher kann Geisteswissenschaft nur im höchsten Sinne dazu führen, diesem sittlichen Leben eine feste Basis zu geben, daß man geradezu sagen kann: Ja, alle Erkenntnis ist dazu da, daß wir uns in unserem Innern selbst finden und das, was wir so finden, durch die Welt und die Zeiten tragen; alles aber, was wir an sittlichen Impulsen in uns erleben, macht uns selber zu Schöpfern, zu Mitgestaltern der Welt. Begreifen können wir, wie wir uns verachten müssen als unsittliche Menschen, die Verderben bringen, Zerstörung in die Welt setzen, wenn wir erkennen: Durch die sittliche Weltordnung sind wir in einem viel realeren Sinne mit der Welt verbunden, als durch die anderen Erkenntnisse, die wir nun in unseren Verstand aufnehmen. Und dann erfühlt man, was so stark tiefe Geister wie Johann Gottlieb Fichte fühlten, dessen hundertsten Todestag wir vor kurzem feierten, der da sagt: Was die Sinneswelt ist, das hat kein selbständiges, auf sich selbst begründetes Dasein; das ist nur das versinnlichte Material für die Pflicht, für die sittliche Weltordnung. Was die Geisteswissenschaft heute zutage zu fördern hat, das ahnte in bezug auf die sittliche Weltanschauung ein so stark-tiefer Geist wie Fichte, der im Grunde genommen so in die Welt schaute, daß er sich sagte: Die sittliche Weltordnung ist das Allerrealste, und das andere ist nur dazu da, daß wir ein Material haben, in dem wir zum Ausdruck bringen können, was die sittlichen Impulse sind. — Selbstverständlich wird auch die Geisteswissenschaft sich nicht auf den Boden der Fichteschen Weltanschauung stellen können; denn diese stellt eine Einseitigkeit dar. Sie stammt aus einer Zeit, in welcher es Geisteswissenschaft noch nicht gab. Aber man wird mit Bewunderung darauf hinblicken können, wie ein Mensch wie Fichte die sittliche Weltordnung in sich erlebte. Denn gerade das zeigt die Geisteswissenschaft: Alle anderen Erkenntnisse stellen sich uns dar wie ein Welttableau; sittlich aber ist das, was wir sein müssen, wenn wir unser ganzes Wesen entwickeln wollen. Das ist das, was uns nicht bloß in uns selbst befestigt, sondern was uns mit echtem Gleichgewicht in die ganze Weltenordnung hineinstellt.
[ 38 ] When one takes this into account, one begins to perceive a statement by Kant in a different light. When the moral duty—and moral consciousness itself—first came to his mind’s eye, he uttered these significant words: “There are two things that always fill me with a timid awe: the starry heavens above me and the moral law within me!” Such connections—those that have been experienced, those that one surveys, where one sees the moral law, as it were, at work in the course of time—filled him as he spoke of the “starry heavens above me and the moral law within me.” Whoever recognizes, through spiritual science, the primordial impulses of moral life also recognizes how this moral life is connected to the true root source of the human being. Therefore, spiritual science can, in the highest sense, lead to giving this moral life a firm foundation, so that one can truly say: Yes, all knowledge exists so that we may find ourselves within our own inner being and carry what we thus find through the world and through the ages; but everything we experience within ourselves as moral impulses makes us creators ourselves, co-shapers of the world. We can understand how we must despise ourselves as immoral human beings who bring ruin and sow destruction in the world when we realize: Through the moral order of the world, we are connected to the world in a far more real sense than through the other forms of knowledge we now take into our intellect. And then one senses what profound minds such as Johann Gottlieb Fichte—whose hundredth anniversary of his death we recently commemorated—felt so deeply, when he said: “The sensory world has no independent existence grounded in itself; it is merely the sensed material for duty, for the moral world order.” What spiritual science must bring to light today was foreshadowed, with regard to the moral worldview, by a mind as profound as Fichte’s, who, in essence, viewed the world in such a way that he said to himself: The moral world order is the most real of all, and the rest exists only to provide us with material in which we can express what the moral impulses are. — Of course, spiritual science, too, will not be able to stand on the ground of Fichte’s worldview; for this represents a one-sidedness. It stems from a time when spiritual science did not yet exist. But one will be able to look back with admiration on how a person like Fichte experienced the moral world order within himself. For this is precisely what spiritual science reveals: All other forms of knowledge present themselves to us as a tableau of the world; but in the moral sense, it is what we must be if we wish to develop our entire being. This is what not only anchors us within ourselves but also places us within the entire world order with true balance.
[ 39 ] Wenn man so sieht, wie gerade die Geisteswissenschaft die lebendige Stütze der sittlichen Weltordnung zu finden in der Lage ist, dann tritt einem so recht vor Augen, was in diesen Vorträgen schon öfter ausgesprochen worden ist. Man steht allerdings mit der modernen Geisteswissenschaft heute noch so da, wie etwa einst Giordano Bruno vor seinen Zeitgenossen gestanden hat, als er das Weltbild über das blaue Himmelsgewölbe hinaus in unendliche Raumesweiten hinein erweitern wollte. Er hatte den Menschen seiner Zeit zu zeigen: Was ihr als das blaue Himmelsgewölbe wahrnehmt, das sind nur die Grenzen eures engen Anschauens. Eine solche geistige Phantasmagorie ist das, was der Mensch in sein Dasein hingesetzt hat durch Geburt oder Empfängnis und Tod. Aber ebenso, wie das blaue Himmelsgewölbe nur die enge Grenze der eigenen Anschauung im Raume ist, so sind Geburt und Tod für die menschliche Anschauung nur die Grenzen in der Zeit. Und so wie das, was der Mensch selbst sich als eine Maja hingesetzt hat als die Grenze des Raumes, als solche erkannt wurde, so eröffnen sich für die Menschenseele die Grenzen über Geburt und Tod hinaus, und anerkannt werden die unendlichen Welten, die über Geburt und Tod hinausliegen. Wir stehen heute in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Angaben in unserer Zeit so da, wie in bezug auf die naturwissenschaftlichen Anschauungen die moderne Naturwissenschaft in der Morgenröte der neueren Zeit gestanden hat. Aber man steht in einer gewissen Weise noch allein. Man steht so, daß man, wenn man ihn kennt, den unbesieglichen Glauben an die Wahrheit, die sich durch die engsten Ritzen und Felsspalten den Weg sucht, wenn auch die entgegengesetzten Mächte gegen sie ankämpfen möchten —, daß man doch noch anders mit der Geisteswissenschaft sich vereinsamt fühlt: Man fühlt, wie sich die heutige Zeit hindrängen muß nach der Geisteswissenschaft, wie die Seelen sie verlangen müssen, — und man fühlt sich im Einklang mit dem, was die bedeutendsten Geister aller Zeiten geahnt und gemeint haben, was sie oftmals in einer einfacheren Weise ausgesprochen haben, als man es heute aussprechen muß, was sie aber dennoch nicht minder aus der die Wahrheit erfühlenden Seele heraus richtig ausgesprochen haben. So fühlt man sich denn, indem man aus der Geisteswissenschaft hinzuweisen hat auf die wahren Quellen des sittlichen Lebens und einer moralischen Weltordnung aus den göttlich-geistigen Welten heraus, im Einklange mit vielen anderen Geistern — und auch mit Goethe, von dem hier ein Ausspruch gebracht werden soll, der das zusammenfassen soll, was im Verlaufe dieses Vortrages zu Ihnen gesprochen worden ist. Goethe sagte ein bedeutsames Wort in bezug auf den Quell des sittlichen Lebens, einfach, kann man sagen, für den, der das sittliche Leben wirklich fühlen kann: Ganz leise spricht ein Gott in unserer Brust, ganz leise, doch auch deutlich; er führt dazu zu erkennen, was zu ergreifen und was zu fliehen ist. Indem Goethe sagt: ganz leise, doch auch deutlich spricht ein Gott in unserer Brust, deutet er — und er zeigt das mit allen großen Persönlichkeiten und gerade mit fühlenden Persönlichkeiten, welche die Wahrheit auf diesem Gebiete ahnen konnten — gleichsam ahnend auf das hin, was durch die Geisteswissenschaft als die Impulse des sittlichen Lebens in der geistigen Welt aufgefunden werden kann. Wir schauen hinauf in die geistige Welt, und wir sagen uns: Gerade das sittliche Leben zeugt dafür, daß der Mensch seinen Ursprung in den geistigen Welten hat; denn von dort her spricht der Gott, der leise und doch ganz deutlich ankündet, was zu ergreifen, und was zu fliehen ist; er verhüllt zwar das, was der Geistesforscher als die Gründe des Ergreifens und des Fliehens schaut, aber was der Mensch an sittlichen Impulsen zum Ausdruck bringt, das hat seine wahren Urgründe in der geistigen Welt, was aus dieser sich herabsenkt in unser Gemüt, was hineinspricht in die Menschenseele als ein wirklicher Gott, als Gottesstimme aus der geistigen Welt, ankündigend des Menschen Wesen, durch das er hinausgreift über das, was die Geschöpfe seiner Mitwelt im Kosmos sind.
[ 39 ] When one sees how the spiritual sciences, in particular, are capable of providing the living foundation for the moral order of the world, it becomes truly clear what has already been stated many times in these lectures. However, modern spiritual science still stands today in much the same way that Giordano Bruno once stood before his contemporaries when he sought to expand the worldview beyond the blue vault of the heavens into the infinite expanses of space. He had to show the people of his time: What you perceive as the blue vault of the heavens is merely the limit of your narrow perception. Such a spiritual phantasmagoria is what human beings have placed within their existence through birth, conception, and death. But just as the blue vault of the sky is merely the narrow boundary of one’s own perception in space, so too are birth and death, for human perception, merely the boundaries in time. And just as what human beings themselves have established as a Maya—as the boundary of space—has been recognized as such, so too do the boundaries beyond birth and death open up for the human soul, and the infinite worlds that lie beyond birth and death are acknowledged. Today, with regard to the insights of spiritual science in our time, we stand in the same position as modern natural science did at the dawn of the modern era with regard to scientific views. But in a certain sense, we still stand alone. We stand in such a way that, even though we know of the invincible faith in the truth that finds its way through the narrowest crevices and rock fissures—even if opposing forces seek to fight against it—we still feel isolated in our pursuit of spiritual science: One feels how the present age must reach out toward spiritual science, how souls must yearn for it—and one feels in harmony with what the greatest minds of all times have intuited and meant, what they have often expressed in a simpler way than one must express it today, yet what they have nonetheless correctly articulated from a soul attuned to the truth. Thus, in pointing out—from the perspective of spiritual science—the true sources of moral life and a moral world order emerging from the divine-spiritual worlds, one feels in harmony with many other minds—and also with Goethe, from whom a saying will be quoted here to summarize what has been spoken to you in the course of this lecture. Goethe spoke a significant word regarding the source of moral life—a simple one, one might say, for those who can truly feel moral life: “Very softly a God speaks in our breast, very softly, yet clearly; He leads us to recognize what is to be embraced and what is to be avoided.” When Goethe says, “Very softly, yet clearly, a God speaks within our breast,” he is pointing—as do all great personalities, and especially those sensitive souls who could intuit the truth in this realm—as it were, intuitively toward what spiritual science can discover in the spiritual world as the impulses of moral life. We look up into the spiritual world, and we say to ourselves: It is precisely moral life that testifies to the fact that human beings have their origin in the spiritual worlds; for it is from there that the God speaks, who softly yet quite clearly proclaims what is to be embraced and what is to be avoided; though He veils what the spiritual researcher perceives as the reasons for embracing and avoiding, but what human beings express in moral impulses has its true roots in the spiritual world; what descends from there into our hearts, what speaks into the human soul as a true God, as the voice of God from the spiritual world, proclaiming the essence of the human being through which he reaches beyond what the creatures of his surrounding world in the cosmos are.
