Spiritual Science as an Essential in Life
GA 63
26 March 1914, Berlin
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Spiritual Science as an Essential in Life, tr. SOL
11. Homunkulus
11. Homunculus
[ 1 ] Wie die Geisteswissenschaft in dem hier gemeinten Sinne sich hineinstellen will in das Geistes- und in das ganze Kulturleben der Gegenwart, das ist des öfteren hier angedeutet worden. Auch von dem, was sie den Menschen sein und bringen kann, ist öfters gesprochen worden, und das wird ausführlich im letzten Vortrage dargestellt werden. Es ist auch im Verlaufe dieser Wintervorträge immer wieder darauf hingewiesen worden, wie es begreiflich ist, daß auf der einen Seite zahlreiche Seelen der Gegenwart, vielleicht mehr als sie es schon wissen, aus ihrem tiefsten Empfinden heraus, man möchte sagen, aus ihren unterbewußten Seelenkräften heraus nach dieser Geisteswissenschaft wie instinktiv streben; und auf der andern Seite ist es ebenso begreiflich, daß aus der allgemeinen Geistesbildung unserer Zeit heraus sich Gegnerschaft über Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft ergibt. Es sind dem Geistesforscher auch die gegen sie gemachten Einwände, obgleich sie auf Vorurteilen beruhen, begreiflich, ja sogar selbstverständlich. Auch das ist öfter betont worden. Aber nicht zum geringsten Teil hängt die ganze Stellung unserer Zeitkultur zu einer möglichen Geisteswissenschaft davon ab, daß man nicht einsehen will, wie diese Geisteswissenschaft, wenigstens so wie sie in diesen Vorträgen gemeint ist, im Grunde genommen alle andern Weltanschauungen verstehen, begreifen und die Gründe, die von dieser oder jener Seite gegen sie vorgebracht werden, in ihrem Gehalt, in ihrer Bedeutung voll würdigen kann. Es ist aufmerksam gemacht worden, wie die Geisteswissenschaft der große Kreis sein will, der die menschliche Erkenntnis erweitert über alle in unser Leben hereinleuchtenden Gebiete, und wie alle andern Weltanschauungen kleine Kreise innerhalb dieses großen Kreises sind, die daher selbstverständlich von ihren Standpunkten aus glauben Recht zu haben. Die Geisteswissenschaft ist meistens in der Lage, in bezug auf das, was diese Weltanschauungen Positives vorbringen, Ja zu sagen. Das kann man aber von andern Weltanschauungen aus, die in der Gegenwart geltend gemacht werden, allerdings nicht im gleichen Sinne sagen. Denn gerade auf den Standpunkt wird man sich nicht stellen: dieses oder jenes — sei es für den Materialismus, sei es für den Spiritualismus, für den Realismus vorzubringen, sei als ein in einer gewissen Beziehung Einseitiges zu betrachten, und erst in dem Hinausgehen über diese Einseitigkeit bestehe die Möglichkeit, eine den Menschen befriedigende Erkenntnis zu gewinnen. Auf ihrem Gebiete ist oftmals diejenige Weltanschauung, die als die einseitige erscheinen muß, voll berechtigt, so berechtigt, daß sie an ihrem Platze Wahrheiten hervorzubringen, aufzudecken, zu entdecken vermag. Die Geisteswissenschaft kann nur nicht dabei stehen bleiben, diese Wahrheiten als etwas Allumfassendes anzuerkennen, sondern sie muß dazu übergehen, sie an ihren richtigen Ort zu stellen. So haben wir es insbesondere auf geisteswissenschaftlichem Gebiete mit der Gegnerschaft derjenigen Weltanschauung zu tun, die sich, nach ihrer Anschauung, eben fest auf dem Boden der modernen Wissenschaft glaubt, und die von ihrem Gesichtspunkte aus in der Geisteswissenschaft vielfach nichts anderes sehen muß, ich sage ausdrücklich: sehen muß, als Phantastereien und Träumereien. Um von anderem abzusehen, sei eine Form von Weltanschauung herausgegriffen, die sich sicher glaubt, indem sie vorgibt — und dies in begreiflicher Weise von ihrem Gesichtspunkte aus auch tun muß —, auf dem festen Boden strenger wissenschaftlicher Methodik zu stehen. Ich will diese Weltanschauung, ich möchte sagen, für unsere Zeit, ein wenig radikal charakterisieren, die Weltanschauung, welche da sagt: Wenn wir den Menschen ins Auge fassen wollen, müssen wir, wenn wir auf dem Boden der Wissenschaft bleiben, reflektieren auf die physischen, chemischen und mineralischen Kräfte und Stoffe, die ihn zusammensetzen; und wir müssen uns klar sein, daß, wie irgendein anderes Wesen nach den Gesetzen der Natur zusammengesetzt ist, auch der Mensch, als die Krone der Schöpfung, auferbaut ist.
[ 1 ] How spiritual science, in the sense intended here, seeks to engage with contemporary intellectual and cultural life as a whole has been alluded to here on several occasions. What it can be for people and what it can offer them has also been discussed frequently, and this will be presented in detail in the final lecture. Throughout these winter lectures, it has also been pointed out time and again how understandable it is that, on the one hand, numerous souls of our time—perhaps more than they themselves realize—strive toward this spiritual science almost instinctively, out of their deepest feelings, one might say, out of their subconscious soul forces; and on the other hand, it is equally understandable that, arising from the general intellectual climate of our time, opposition upon opposition arises against spiritual science. To the spiritual researcher, even the objections raised against it—although they are based on prejudices—are understandable, indeed even self-evident. This, too, has been emphasized frequently. But the entire attitude of our contemporary culture toward a possible spiritual science depends, not in the least, on a refusal to recognize how this spiritual science—at least as it is intended in these lectures—can, in essence, understand and grasp all other worldviews and fully appreciate, in terms of their content and significance, the arguments put forward against it from one side or the other. Attention has been drawn to how spiritual science aims to be the great circle that expands human knowledge across all the realms that illuminate our lives, and how all other worldviews are small circles within this great circle, which therefore naturally believe themselves to be in the right from their own perspectives. Spiritual science is usually in a position to say “yes” to the positive aspects put forward by these worldviews. However, the same cannot be said—in the same sense—of other worldviews that are currently being advocated. For one will not adopt the standpoint that this or that—whether put forward in the name of materialism, spiritualism, or realism—should be regarded as one-sided in a certain respect, and that only by transcending this one-sidedness does the possibility arise to gain knowledge that satisfies human beings. In its own field, the worldview that must appear one-sided is often fully justified—so justified, in fact, that it is capable of bringing forth, uncovering, and discovering truths within its proper sphere. Spiritual science, however, cannot stop at recognizing these truths as something all-encompassing; rather, it must proceed to place them in their proper context. Thus, in the field of spiritual science in particular, we are confronted with opposition from that worldview which, in its own estimation, believes itself to be firmly grounded in modern science, and which, from its own perspective, often cannot help but see—and I say this explicitly: cannot help but see—spiritual science as nothing more than fantasies and daydreams. Leaving other matters aside, let us single out a form of worldview that believes itself to be secure by claiming—and, understandably, from its own perspective, it must do so—that it stands on the firm ground of rigorous scientific methodology. I would like to characterize this worldview—I might say, for our time—in somewhat radical terms: the worldview that asserts: If we wish to consider human beings, we must—if we are to remain on the ground of science—reflect on the physical, chemical, and mineral forces and substances of which they are composed; and we must be clear that, just as any other being is composed according to the laws of nature, so too is the human being, as the crown of creation, constructed.
[ 2 ] Und so meint diese Weltanschauung: wenn es ihr einmal gelungen sein wird, alle die natürlichen Gesetze und Stoffe kennenzulernen, die im menschlichen Nervensystem bis in die feinsten Vorgänge des Gehirnes herauf walten, dann wird es auch, soweit es wissenschaftlich möglich ist, klar sein, wie aus den in Naturgesetze eingespannten Vorgängen hervorgehen menschliches Denken, menschliches Fühlen, menschliches Wollen. Den Menschen rein naturwissenschaftlich zu begreifen, ist ein Ideal, will man es einseitig festhalten: ein berechtigtes Ideal dieser Weltanschauung.
[ 2 ] And so this worldview holds that once it has succeeded in understanding all the natural laws and substances at work in the human nervous system, right down to the finest processes of the brain, then it will also become clear—as far as is scientifically possible—how human thought, human feeling, and human will arise from the processes governed by natural laws. To understand human beings purely from a scientific perspective is an ideal—if one wishes to define it in one-sided terms—a legitimate ideal of this worldview.
[ 3 ] Ich weiß, daß ich, indem ich eben etwas radikal dieses Ideal geschildert habe, zwar den Widerspruch hervorrufen muß von manchem etwas ernster und mit mehr wissenschaftlicher Würde vorgehenden Forscher, als man noch vor kurzem bemerken konnte, von Forschern, welche gewiß heute schon sagen: Von jener mehr materialistischen Weltanschauungsgesinnung sei man abgekommen, die da glaubt, wenn der Mensch rein nach den äußeren Naturvorgängen begriffen ist, dann sei er in seiner Ganzheit begriffen. Allein nicht darauf kommt es an, daß da oder dort schon zugegeben wird, daß man den Menschen nicht begriffen hat, wenn man die rein natürlichen Vorgänge kennt, die in seinem Nervensystem bis ins Gehirn herauf vorgehen; sondern darauf kommt es an, daß trotz dieses Bewußtseins selbst in den wissenschaftlichen Methoden auch der philosophisch denkenden Zeitgenossen nichts anderes waltet als die Anschauung, die sich auf diese natürlichen Vorgänge stellt. Denn man wird eben heute noch in den weitesten Kreisen, die glauben auf wissenschaftlicher Grundlage aufzubauen, eine Anschauung abweisen, wie sie hier als Geisteswissenschaft gemeint ist.
[ 3 ] I know that, having just described this ideal in rather radical terms, I am bound to provoke opposition from some researchers who take a more serious approach and proceed with greater scientific dignity than was evident even a short time ago—researchers who are certainly already saying today: We have moved away from that more materialistic worldview, which holds that if human beings are understood purely in terms of external natural processes, then they are understood in their entirety. However, what matters is not that it is already acknowledged here and there that one has not understood human beings merely by knowing the purely natural processes that take place in their nervous system, extending all the way up to the brain; rather, what matters is that, despite this awareness, even in the scientific methods of philosophically minded contemporaries, nothing else prevails but the view that is based on these natural processes. For even today, in the widest circles that believe they are building on a scientific foundation, a view such as that intended here as spiritual science will be rejected.
[ 4 ] Diese Anschauung der Geisteswissenschaft wird aus ihren Forschungsresultaten heraus streng zugeben müssen, daß mit all dem Denken, mit all dem Forschen, das durch seine natürliche Beschaffenheit geeignet ist, Vorgänge der Sinneswelt zu überschauen und dieselben bis hinein in die Vorgänge des Nervensystemes zu beschreiben und mit diesen zu überschauen, doch nichts anderes gefunden werden könnte als der rein natürliche Mensch; daß aber in diesem rein natürlichen Menschen wie in einer Hülle dasjenige waltet, was wir kennengelernt haben als übergehend von Erdenleben zu Erdenleben, was nach jedem Erdenleben ein Dasein in einer rein geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, wie ich es das letzte Mal hier darzustellen wagte. Die Geisteswissenschaft muß, sagte ich, sich klar sein, daß dies, was so ewig in der menschlichen Natur waltet, für alle Philosophie, die sich nur an die für die natürliche Anschauung geeigneten Kräfte wenden will, verborgen bleiben muß; daß dieses Ewige in der menschlichen Natur nur erforscht werden kann mit Kräften, von denen hier öfter gesprochen worden ist, mit den Kräften, die in einer innerlichen Entwickelung errungen werden, wie es genauer beschrieben ist in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber selbst Philosophen, die heute die Notwendigkeit des geistigen Lebens betonen, ja, selbst der Philosoph, der auf so sonderbare Weise berühmt geworden ist, Rudolf Eucken, der in einer feuilletonistisch gehaltenen Philosophie immer wieder und wieder vom «Geiste» spricht, er wird sich da, wo er vom Geiste spricht, auch nur auf das beschränken, was der natürliche Mensch ist; und nirgends verrät er, daß er eine Empfindung dafür hat, daß Geist und Geisteswelt nur mit den Geisteskräften erforscht werden können, die aus der Seele erst durch bestimmte geisteswissenschaftliche Methoden hervorgeholt werden müssen.
[ 4 ] Based on its research findings, spiritual science will have to strictly admit that, despite all thinking and all research—which, by its very nature, is suited to surveying the processes of the sensory world and describing them down to the processes of the nervous system, and to surveying these as well—nothing other than the purely natural human being can be found; but that within this purely natural human being, as in a shell, there reigns that which we have come to know as passing from one earthly life to the next—that which, after each earthly life, undergoes an existence in a purely spiritual world between death and a new birth, as I dared to describe here last time. Spiritual science, I said, must be clear that this which reigns so eternally in human nature must remain hidden from all philosophy that seeks to rely solely on the faculties suited to natural perception; that this eternal aspect of human nature can be explored only through the powers of which I have spoken here on several occasions—the powers attained through inner development, as described in greater detail in my Outline of Esoteric Science and in the book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. But even philosophers who today emphasize the necessity of spiritual life—indeed, even the philosopher who has become famous in such a peculiar way, Rudolf Eucken, who in a philosophy written in the style of a newspaper column speaks again and again of the “spirit”—will, when he speaks of the spirit, limit himself solely to what the natural human being is; and nowhere does he reveal that he has any sense that the spirit and the spiritual world can be explored only with the spiritual powers that must first be drawn forth from the soul through specific methods of spiritual science.
[ 5 ] Nun ist die Geisteswissenschaft nicht der Gegner solcher naturwissenschaftlicher Anschauungen, auch nicht der Gegner solcher philosophischer Weltanschauungen, sondern sie muß diese nur in ihre Grenzen weisen, muß zeigen, was sie vermögen und was sie darstellen können. In bezug auf diese Stellung der Geisteswissenschaft zu den andern Weltanschauungen ist auch hier immer wieder und wieder betont worden, daß sich die Geisteswissenschaft im Einklange fühlt mit denjenigen Geistern der Menschheitsentwickelung, die zwar noch nicht Geisteswissenschaft hatten, denn Geisteswissenschaft kann nur ein Produkt unserer Zeit sein, die aber trotzdem, weil sie aus ihrem tiefsten seelischen Empfinden und Fühlen heraus eine gründliche Ahnung von der Wahrheit hatten, in einer klaren, verständlichen Art sprachen, wo sie diese Ahnung zum Ausdruck brachten, so daß sich die Geisteswissenschaft mit ihnen im Einklange fühlen kann.
[ 5 ] Now, spiritual science is not opposed to such scientific views, nor is it opposed to such philosophical worldviews; rather, it must simply point out their limitations and show what they are capable of and what they can represent. With regard to this relationship between spiritual science and other worldviews, it has been emphasized time and again that spiritual science feels in harmony with those spirits of human development who, although they did not yet have spiritual science, for spiritual science can only be a product of our time, but who nevertheless—because they had a profound intuition of the truth arising from their deepest spiritual sensibilities and feelings—spoke in a clear, comprehensible manner when expressing this intuition, so that spiritual science can feel in harmony with them.
[ 6 ] Wie das mit Bezug auf zwei Geister des neunzehnten Jahrhunderts der Fall ist, davon möchte ich heute zu Ihnen sprechen, damit gleichsam diesen Vortrag in die Reihe der diesjährigen Vorträge einfügend, möchte es zeigen an Goethe und an Robert Hamerling, an Goethe, dem Allbekannten, und an Hamerling, dem trotz seiner weiten Verbreitung vor kurzem noch wenig Bekannten. Und zwar möchte ich sprechen über ein Problem, das sich wie aus einem tiefen geisteswissenschaftlichen Fühlen heraus, aber dabei echt dichterisch, die beiden Poeten gestellt haben, und ich möchte zuerst die geisteswissenschaftliche Färbung dieses Problems betonen.
[ 6 ] Today I would like to speak to you about how this applies to two spirits of the nineteenth century; by incorporating this lecture, as it were, into this year’s series of lectures, I would like to illustrate this point using the examples of Goethe and Robert Hamerling—Goethe, who is universally known, and Hamerling, who, despite his widespread influence, was until recently still little known. Specifically, I would like to discuss a problem that both poets confronted—a problem that arose, as it were, from a deep spiritual-scientific sensibility, yet was at the same time genuinely poetic—and I would like to begin by emphasizing the spiritual-scientific dimension of this problem.
[ 7 ] Ich möchte sagen: Könnte nicht einmal in einem Kopfe der Gedanke aufkeimen: was wird denn dann eigentlich, wenn man sich eine Form, eine Gestalt des Menschen ausbildet, welche so recht im Sinne einer rein natürlichen Denkweise gehalten ist, wenn man sich den Menschen als eine Wesenheit in der Weise ausdenkt, daß man zu diesem Gedanken nichts von dem zu Hilfe nimmt, was man erkennen kann, wenn man auf die tiefer in der Menschenseele liegenden, auf die ewigen Kräfte in der Menschenseele reflektiert? Welches Bild entsteht, wenn man gleichsam nur ausdenkt: Wir haben die Kräfte und Stoffe, die wir kennen — wir kennen sie vielleicht noch nicht alle, aber das Ideal der Naturwissenschaft geht dahin, sie alle kennenzulernen und in ihrer Wirkungsweise zu beobachten —, wir haben die Naturgesetze und versuchen uns den Menschen so zu denken, wie er sich im Bilde ergeben könnte, wenn man nichts zu Hilfe nähme als die natürlichen Kräfte und Stoffe und die Naturgesetze?
[ 7 ] I would like to say: Couldn’t the thought even occur to someone: What actually happens when one conceives of a form, a figure of the human being, that is held entirely in the spirit of a purely natural way of thinking—when one conceives of the human being as a being in such a way that one draws on nothing that can be perceived to support this thought, but instead reflects on the forces lying deeper within the human soul, on the eternal forces within the human soul? What image emerges when one, as it were, simply conceives: We have the forces and substances we know—we may not yet know them all, but the ideal of natural science is to come to know them all and to observe how they work—we have the laws of nature, and we try to conceive of the human being as he might emerge in this picture if we drew on nothing but the natural forces and substances and the laws of nature?
[ 8 ] Der Geisteswissenschafter kann ein solches Bild nur beurteilen von dem Standpunkte aus, der hier oft betont worden ist. Wenn man die in der Seele schllummernden Kräfte entwickelt zu geistigen Schauen, so gelangt man dazu, sich in der Seele zu erleben, so daß man in einer Art sich erlebt und in einer Art erkennt, wie diese zu entwickelnden Fähigkeiten der Seele nicht gebunden sind an die Sinne und auch nicht an die Kräfte des Gehirns. Man erlebt auf diese Weise, daß man wirklich mit der Seele außerhalb seiner Sinneswerkzeuge, außerhalb des Gehirns, des Leibes ist, ja, alles was an den Leib gebunden ist, wie ein äußeres Objekt vor sich hat. Das, worin man sonst immer wohnt, was man sonst als zu seinem Ich gehörig ansieht, seinen Leib: man hat ihn in der geistigen Forschung so vor sich, wie ich jetzt den Tisch vor mir habe. Aber auch das eigene Geschick, insofern es sich in der äußeren Welt abspielt, hat man vor sich. Man ist ein neuer Mensch geworden, dem gegenüber dasjenige, was man vorher war, objektiv geworden ist und außerhalb seiner ist. — Wenn man so nun außerhalb seines Menschenleibes stehend den Menschen betrachtet, erlangt man die Möglichkeit zu beurteilen: wieviel hat das Geltung, was man als Menschenbild sich ausdenken kann mit bloß natürlichen Substanzen, natürlichen Gesetzen und Fähigkeiten? Und man gelangt zu der Einsicht: Oh, dieses Bild ist keineswegs irreal, sondern es stellt etwas sehr Reales dar; aber für den Menschen ist es in der Sinneswelt gar nicht einmal wirklich, sondern es ist ein Glied, ein Teil der menschlichen Wesenheit, es durchdringt und durchkraftet den Menschen.
[ 8 ] The scholar of the humanities can assess such a picture only from the perspective that has often been emphasized here. When one develops the powers slumbering in the soul into spiritual vision, one comes to experience oneself within the soul, so that, in a sense, one experiences oneself and recognizes how these abilities of the soul—which are to be developed—are not bound to the senses nor to the powers of the brain. In this way, one experiences that one is truly with the soul outside one’s sensory organs, outside the brain, outside the body—indeed, that one has before oneself, like an external object, everything that is bound to the body. That in which one otherwise always dwells, what one otherwise regards as belonging to one’s self—one’s body—is present before one in spiritual research just as the table is now before me. But one also has one’s own destiny before one, insofar as it unfolds in the external world. One has become a new human being, in relation to whom what one was before has become objective and lies outside oneself. — When one now observes the human being while standing outside one’s own human body, one gains the ability to judge: to what extent does the image of humanity that one can conceive—based solely on natural substances, natural laws, and natural abilities—hold true? And one comes to the realization: Oh, this image is by no means unreal, but rather represents something very real; yet for human beings, it is not even truly present in the sensory world—rather, it is a limb, a part of the human being; it permeates and animates the human being.
[ 9 ] Diejenigen der verehrten Zuhörer, die sich an den gewagten Versuch von vor acht Tagen erinnern, werden gehört haben, wie die Menschenseele, nachdem sie das rein geistige Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchgemacht hat, mit den in diesem Leben entwickelten Kräften wieder hereintritt in das Erdenleben, wie sie hingezogen wird zu einem Elternpaar, wie sie sich hineinfügt in das, was man die vererbten Kräfte, die von Vater und Mutter, kurz, die aus der Vererbungsströmung herkommenden Kräfte nennen kann. Aber der Geistesforscher wird aufmerksam dabei, daß das, was sich da als Menschenseele gleichsam niedersenkt zu einer neuen Erdenverkörperung, sich umhüllen muß, sich einkleiden muß während des Eindringens in die physische Verkörperung in Kräfte, die gleichsam ein Extrakt der ganzen physischen Natur sind. Bevor das Menschenwesen, das ewige Menschenwesen, zu seiner Verkörperung eilt, muß es gleichsam aus der geistigen Substanz Kräfte heranziehen, Geistessubstanzen heranziehen, durch die es das Bild verfestigt, welches es sich rein geistig wie ein Urbild für die nächste Verkörperung ausgebildet hat und das sich dann physisch verkörpern will innerhalb der Vererbungslinie. Wir können sagen: Es stellt sich bei der menschlichen Wiederverkörperung ein Zwischenglied hinein zwischen das rein Geistige, das da waltet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dasjenige, was dann in der physischen Welt als Mensch vor uns steht. In diesem, was da in der physischen Welt als Mensch vor uns steht, haben wir eben das, was von Vater und Mutter abstammt, und dasjenige, was aus den früheren Erdenverkörperungen herkommt, das Geistig-Seelische. Aber dazwischen ist, man möchte sagen, ein rein ätherischer Mensch, ein geistiger Mensch noch, der übersinnlich, unsichtbar ist, der aber in sich die Kräfte enthält, die wie ein Extrakt des ganzen physischen Weltgeschehens sind. Merkwürdig ist es: wenn der Mensch sich auf dem festen Boden der Naturwissenschaft glaubt und ein Menschenbild sich ausformt nach natürlichen Substanzen, nach natürlichen Kräften und Gesetzen, dann gelangt er zu einem Bilde, das in diesem physischen Menschen, der ja auch die ewige Seele enthält, gar nicht wirklich ist, das ein Abstraktum ist, eine bloße Abstraktion, das aber waltet und webt in diesem physischen Menschen, das aber auch das ist, in welches sich der
[ 9 ] Those among the esteemed audience who recall the daring experiment of eight days ago will have heard how the human soul, after having undergone the purely spiritual life between death and a new birth, re-enters earthly life with the powers developed in that life, how it is drawn to a pair of parents, and how it integrates itself into what may be called the inherited powers—those from the father and mother, in short, the powers arising from the stream of heredity. But the spiritual researcher observes that what descends, as it were, as the human soul into a new earthly incarnation must, during its entry into the physical body, envelop itself and clothe itself in forces that are, as it were, an extract of the entire physical nature. Before the human being—the eternal human being—hastes toward its incarnation, it must, as it were, draw upon forces from the spiritual substance—spiritual substances—through which it solidifies the image that it has formed purely spiritually as an archetype for the next incarnation, and which then seeks to incarnate physically within the hereditary line. We can say: In human reincarnation, an intermediate link is inserted between the purely spiritual realm—which reigns between death and a new birth—and that which then stands before us in the physical world as a human being. In this being that stands before us in the physical world as a human being, we find precisely what is inherited from the father and mother, and that which comes from earlier earthly incarnations—the spiritual-soul aspect. But in between there is, one might say, a purely etheric human being, still a spiritual human being, who is supersensible and invisible, but who contains within himself the forces that are like an extract of the entire physical world’s events. It is remarkable: when a person believes himself to be standing on the firm ground of natural science and forms a picture of the human being based on natural substances, natural forces, and laws, then they arrive at an image that is not at all real within this physical human being—who, after all, also contains the eternal soul—an abstraction, a mere abstraction; yet it reigns and weaves within this physical human being, and it is also that into which the
[ 10 ] Mensch einkleidet, bevor er zur physischen Verkörperung herunterkommt. Was der Mensch dem ewigen geistigen Leben entreißt und hineinzwängt in das zwischen Geburt und Tod verlaufende Erdenleben, das in uns, was uns zwingt, nach und nach vom Sterben unseres irdischen Lebens zu reden, was in uns waltet zwischen Geburt und Tod, herausgerissen aus den geistigen Welten, was selber geistig ist, aber uns aus dem Physischen heraushebt und dem Geiste übergibt: das ist ein reales Wesen für den Geistesforscher, nur ist es nicht sichtbar, es ist nur für höheres Schauen zu ergründen.
[ 10 ] clothes the human being before it descends into physical embodiment. What the human being snatches from eternal spiritual life and forces into the earthly life that unfolds between birth and death—that which compels us, little by little, to speak of the death of our earthly life; that which reigns within us between birth and death, torn from the spiritual worlds; that which is itself spiritual, yet lifts us out of the physical and surrenders us to the spirit: that is a real being for the spiritual researcher; only it is not visible—it can be fathomed only through higher vision.
[ 11 ] So entsteht die merkwürdige Tatsache, daß diejenigen nicht ganz Unrecht haben, welche glauben materialistisch oder monistisch richtig zu denken, indem sie sich rein nach natürlichen Gesetzen ein phantastisches Bild des Menschen formen, das rein nach natürlichen Kräften aufgebaut ist, das für den Menschen Bedeutung hat zwischen Geburt und Tod, und das während des Erdenlebens bewirkt, daß die Seele gleichsam ihr ganzes geistiges Leben vergißt. So aber, aus bloß natürlichen Stoffen gedacht und mit nur natürlichen Gesetzen durchsetzt, ist es nicht als Naturgebilde vorhanden, sondern es durchwirkt nur die menschliche Natur, es ist ein Zwischenglied zwischen dem äußeren und dem ewigen Menschen, der durch die physische Welt geht. Und als solches, man möchte sagen, «Übersinnlich-Sinnliches» hat Goethe dieses Gebilde angesehen, und er hat es als solches charakterisiert im zweiten Teile seiner Lebensdichtung, in seinem «Faust», als den Homunkulus. Und genau dasjenige, was Goethe mit seinem Homunkulus gemeint hat, baut phantastisch auf die materialistische oder, wie sie sich heute nennt, die monistische Weltanschauung als das Bild des Menschen. Dieses Bild des Menschen ist aber nicht in Wahrheit vorhanden. Es durchtränkt den Menschen; es ist das, was den Menschen seiner ewigen Bedeutung zwischen Geburt und Tod entkleidet und hereinkraftet in die physisch-sinnliche Natur. Diese letztere ist ein Drittes, was zu den beiden andern hinzukommt. Indem der materialistische Denker glaubt, mit seinem Bilde vom Menschen das Allerwirklichste vor uns hinzustellen, stellt er eine Abstraktion, stellt er ein Übersinnliches hin. Dieses Ideal des modernen Monismus, diesen Homunkulus, dieses, was der moderne Monismus als «Mensch» schildern möchte, das verwendet Goethe im zweiten Teil seines Faust zu einer ganz besonderen Mission. — Ich kann, damit der Vortrag nicht gar zu sehr in die Länge geht, diese Dinge nur kurz andeuten.
[ 11 ] This gives rise to the curious fact that those who believe they are thinking correctly from a materialistic or monistic perspective are not entirely wrong when they form, based purely on natural laws, a fantastical image of the human being—one constructed purely from natural forces, which has significance for the human being between birth and death, and which, during earthly life, causes the soul to forget, as it were, its entire spiritual life. Conceived, however, as consisting solely of natural substances and governed solely by natural laws, it does not exist as a natural entity, but rather permeates human nature; it is an intermediate link between the outer and the eternal human being who passes through the physical world. And as such—one might say, as “super-sensible-sensible”—Goethe regarded this entity, and he characterized it as such in the second part of his life’s work, in his Faust, as the homunculus. And precisely what Goethe meant by his homunculus is fantastically based on the materialistic—or, as it is called today, the monistic—worldview as the image of humanity. But this image of humanity does not truly exist. It permeates the human being; it is that which strips the human being of its eternal significance between birth and death and forces its way into the physical-sensual nature. The latter is a third element that is added to the other two. In believing that his image of the human being presents the most real thing before us, the materialist thinker presents an abstraction; he presents a supersensual entity. This ideal of modern monism, this homunculus—that which modern monism seeks to portray as “man”—Goethe employs in the second part of his Faust for a very special mission. — To keep this lecture from becoming too lengthy, I can only briefly touch upon these matters.
[ 12 ] Faust ist unter der Führung — oder durch die Verführung — des Mephistopheles durch das hindurchgegangen, was aus dem ersten Teile der Dichtung bekannt ist. Er hat alle Phasen des Erkenntnistriebes durchgemacht, hat alle Qualen des Erkenntnisstrebens kennengelernt, ist durchgegangen durch menschliche schwere Schuld, und im zweiten Teile der Dichtung stellt Goethe nun den Faust dar, wie er entrissen ist dem gewöhnlichen Vorstellen. Faust soll nicht die Möglichkeit gewinnen, in die Welt dadurch weiter einzudringen, daß er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, mit den alltäglichen Kräften seiner Seele sich wieder emporringt aus alledem, was seine Seele durchgemacht hat; sondern es wird uns eine Nacht, das heißt ein Entrücktsein von Fausts Bewußtsein im Beginn des zweiten Teiles der Dichtung vorgeführt, und aus den geistigen Welten heraus wird im Schlafbewußtsein in ihn hineinversenkt an Kräften, was ihm zwar nicht gleich klar zum Bewußtsein kommt, wovon aber Goethe andeutet, daß es in Fausts Seele wirksam sein wird, wo die ewigen Kräfte walten, damit Faust weiterkommen soll. Daher sprechen Geister in seinen Schlaf hinein, Ariel, und andere. Deshalb spürt er des «Lebens Pulse» wieder «frisch lebendig» schlagen, ist dem Leben zurückgegeben und kann wieder den Lebenskampf neu beginnen. — Ich will von allem übrigen absehen und nur anführen, daß von ihm verlangt wird, daß er das Bild von Paris und Helena heraufbeschwören soll, das Bild von Helena, der schönsten Frau. Faust bekommt selbst den Drang, Helena zu schauen; und man begreift es nach Goethes Schilderung, daß er selbst diesen Drang bekommt.
[ 12 ] Under the guidance—or through the seduction—of Mephistopheles, Faust has gone through what is known from the first part of the poem. He has gone through all the phases of the drive for knowledge, has experienced all the torments of the quest for knowledge, has passed through grave human guilt, and in the second part of the poem, Goethe now portrays Faust as he is torn away from ordinary perception. Faust is not to gain the ability to penetrate further into the world by using his ordinary consciousness and the everyday powers of his soul to struggle his way back up from all that his soul has endured; rather, we are presented with a night— that is, a state of rapture of Faust’s consciousness at the beginning of the second part of the poem, and from the spiritual worlds, forces are poured into him through his sleeping consciousness—forces that do not immediately become clear to his awareness, but which Goethe suggests will be at work in Faust’s soul, where the eternal forces reign, so that Faust may progress. That is why spirits—Ariel and others—speak to him in his sleep. That is why he feels the “pulse of life” beating “fresh and alive” once more; he is restored to life and can begin the struggle of life anew. — I will set aside everything else and merely point out that he is required to conjure up the image of Paris and Helen, the image of Helen, the most beautiful woman. Faust himself feels the urge to behold Helen; and one understands from Goethe’s description that he himself feels this urge.
[ 13 ] Mephistopheles, was ist er für eine Gestalt? Er stellt sich neben Faust hin als das Geistwesen, das den Menschen halten will an der rein äußerlich-sinnlichen Welt, an dem natürlichen Dasein. Mephistopheles ist durchaus ein Geisteswesen, aber er ist dasjenige Wesen, das für den Menschen und vor dem Menschen die geistige Welt verneint. Von Mephistopheles muß Faust verlangen, er solle es ihm möglich machen, in diejenigen Gebiete des Daseins vorzudringen, wo das Ewig-Seelische der Helena waltet. Mephistopheles kann dem Faust nur den Schlüssel zu dieser Welt geben; denn es ist die Welt der Mütter, der urewigen Kräfte des geistigen Daseins, jener Welt, worin die ewigen seelisch-geistigen Mächte walten. Und jetzt entspinnt sich im zweiten Teil des «Faust» ein Gespräch, bei dem sich gegenüberstehen die wirklich geisteswissenschaftliche Gesinnung des Faust, und die Ablehnung dieser Gesinnung in Mephistopheles, der jene Welt, in die Faust eindringen will, als ein Nichts hinstellt. — Aber Faust entgegnet ihm: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden!» Es ist auch für Mephistopheles die Welt, in die Faust dringen will, ein Nichts. — Faust trifft in dem Reiche der Mütter die Urgestalt, das heißt das Ewige der Helena. Er bringt es herauf. Unreif ist er, sich dem gegenüberzustellen. Ich will nicht alles berühren, was sich noch abspielt, sondern nur dies eine: Faust ist nicht so geläutert, wie in solchem Streben die Kräfte geläutert sein müssen bei einem, der dem Geistigen wirklich gegenüberstehen will. Wie einer sinnlichen Erscheinung nähert er sich der Helena, und die Folge ist, daß er paralysiert wird durch Helena. Sein Bewußtsein wird ihm entrissen durch sein übersprudelndes Leidenschaftsleben. In der Paralyse entspringt sein Traum, der ihn hinführt in das Reich, wo Helena gelebt hat.
[ 13 ] Mephistopheles—what kind of figure is he? He stands beside Faust as the spiritual being who seeks to keep humans bound to the purely external, sensory world—to natural existence. Mephistopheles is certainly a spiritual being, but he is the very being who denies the spiritual world to humanity and in the face of humanity. Faust must demand of Mephistopheles that he enable him to penetrate into those realms of existence where the eternal soul of Helena reigns. Mephistopheles can only give Faust the key to this world; for it is the world of mothers, of the primeval forces of spiritual existence—that world in which the eternal soul-spiritual powers reign. And now, in the second part of Faust, a dialogue unfolds in which Faust’s genuinely spiritual-scientific outlook is pitted against Mephistopheles’ rejection of that outlook; Mephistopheles dismisses the world into which Faust seeks to enter as nothingness. — But Faust retorts: “In your nothingness I hope to find the universe!” For Mephistopheles, too, the world into which Faust seeks to penetrate is nothingness. — In the realm of the Mothers, Faust encounters the primordial archetype—that is, the eternal essence of Helena. He brings it forth. He is not yet mature enough to confront it. I do not wish to touch on everything that still unfolds, but only this one point: Faust is not as purified as one’s powers must be in such a quest for someone who truly wishes to confront the spiritual. He approaches Helena as one would a sensual apparition, and the result is that he is paralyzed by her. His consciousness is snatched from him by his overflowing passion. Out of this paralysis springs his dream, which leads him into the realm where Helena lived.
[ 14 ] Nun entstand für Goethe die große Frage: Wie kann das Leben des Faust dichterisch weitergeführt werden? Goethe war kein symbolischer Dichter; sondern er war ein realistischer Dichter, wenn auch ein geistig realistischer. Und es entstand in ihm die Frage: Faust muß der Helena gegenüberstehen können als Mensch, das heißt wie sie als Mensch lebte; sie muß also heruntersteigen in das Reich der Menschen, sie muß sich verkörpern, und Faust muß der Helena als Mensch gegenübertreten können: wie ist das zu machen, im geistig-realistischen Sinne zu machen?
[ 14 ] Now the big question arose for Goethe: How can Faust’s life be continued poetically? Goethe was not a symbolic poet; rather, he was a realistic poet, albeit a spiritual realist. And the question arose within him: Faust must be able to face Helena as a human being—that is, just as she lived as a human being; she must therefore descend into the realm of humans, she must take on a physical form, and Faust must be able to face Helena as a human being: how can this be done in a spiritual-realistic sense?
[ 15 ] Da gedachte er jenes Studiums, das er früher gepflogen hatte; denn in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts schrieb er diese Szene. Aber das, was er in seiner Jugend an geistiger Wissenschaft studiert hatte, wirkte sich immer mehr und mehr aus. Daher ist der zweite Teil dieser Dichtung um so viel reifer, was ja allerdings bewirkt hat, daß manche Geister diesen zweiten Teil als ein jämmerliches Produkt des altgewordenen Goethe hingestellt haben, weil sie damit nichts anfangen konnten. Es war also für Goethe die Frage: Wie kann ich meine geisteswissenschaftlichen Studien verwerten, um Faust dahin zu bringen, wo das Geistige der Helena zu suchen ist? Da erinnerte er sich an das, was er bei Paracelsus gelesen hatte in dessem Werke «De generatione rerum»: an den «Homunkulus». Paracelsus gibt darin an, wie ein Bild eines rein natürlichen Menschen in dem vorgeschilderten Zustande hergestellt werden kann, so daß ihn der Mensch wirklich sehen kann. — Es würde zu weit führen, auf das einzugehen, was Paracelsus darstellt, schon deshalb, weil uns die Ausführungen des Paracelsus heute ganz und gar nicht genügen. Ich will also mehr im Stile der heutigen Geisteswissenschaft auf die Sache eingehen, und nicht auf das, was Paracelsus dargestellt hat. — Er redet davon, daß man verschiedene Stoffe zusammenmischen und sie behandeln kann nach der Methode der damaligen Zeit. Wenn man darauf eingeht, wie die Menschen zu Paracelsus’ Zeit in dieser Beziehung dachten, so kam es nicht so sehr darauf an, wie die Stoffe sich mischten, wie sie sich zersetzten und neue Verbindungen eingingen, sondern darauf kam es an, daß der Mensch davor stand und die Sache auf seine Seele wirken ließ. Und die Wirkung dieser Vorgänge rief etwas hervor in der menschlichen Seele; das bewirkte nun ein heute durch andere Mittel herzustellendes Hellsehen. Da wurde dann jene Gestalt geschaut, die Paracelsus schildert, die wirklich ein Paradigma des Menschen ist, ein Menschlein, aber nur leuchtend, ohne Körper, nicht verkörperlicht. Das Wesentliche im Sinne der heutigen Geisteswissenschaft ist es, daß durch jene Mischungen und Beräucherungen jener Bewußtseinszustand hergestellt wurde, indem der Homunkulus sichtbar wurde, der die Bedeutung hatte, von der ich gesprochen habe.
[ 15 ] He recalled the studies he had pursued earlier; for he wrote this scene in the 1820s. But what he had studied in the field of the humanities during his youth had an ever-increasing influence on him. Consequently, the second part of this poem is all the more mature—which, admittedly, has led some critics to dismiss this second part as a pitiful product of an aging Goethe, simply because they could not make sense of it. The question for Goethe, then, was: How can I apply my studies in spiritual science to lead Faust to the place where Helena’s spiritual essence is to be found? Then he recalled what he had read in Paracelsus’s work De generatione rerum: the “homunculus.” In it, Paracelsus describes how an image of a purely natural human being in the state described above can be created so that a human being can actually see it. — It would take us too far afield to go into detail about what Paracelsus describes, if only because his explanations are entirely insufficient for us today. I therefore wish to approach the matter more in the style of modern spiritual science, rather than relying on what Paracelsus described. — He speaks of mixing various substances together and treating them according to the methods of that time. If we consider how people in Paracelsus’s time thought about this, what mattered was not so much how the substances mixed, how they decomposed, and formed new compounds, but rather that the person stood before them and allowed the process to affect their soul. And the effect of these processes evoked something in the human soul; this in turn brought about a form of clairvoyance that today is achieved through other means. Then that figure described by Paracelsus was beheld—a figure that is truly a paradigm of the human being, a tiny human figure, but only luminous, without a body, not incarnated. The essential point, in the sense of today’s spiritual science, is that through those mixtures and fumigations, a state of consciousness was brought about in which the homunculus became visible, a figure that held the significance of which I have spoken.
[ 16 ] So sagte sich Goethe, an das anknüpfend, was er bei Paracelsus gelesen hatte: Dieser Homunkulus ist ja ein Wesen, das zwischen Übersinnlichem und Sinnlichem drinnen steht, und zwar in der Weise, daß es den Menschen aus dem Urewigen heruntertragen kann in die physisch-sinnliche Welt, das in dem Menschen wirkt als Kraft, aber nicht selber verkörpert ist. Und Goethe formte den Homunkulus zu einer dichterischen Gestalt. Und zwar stellte er nun zunächst einen Geist hin von solcher Art, von der man im Sinne des Faust sagen kann: sie suchen gierig nach Schätzen und sind froh, wenn sie Regenwürmer finden. Einen solchen Geist stellt Goethe in dem Wagner hin, eine Gestalt, die wirklich ein Ideal der heutigen Weltanschauungsmenschen ist, die nach Schätzen suchen und froh sind, wenn sie die Gesetze der Regenwürmer finden.
[ 16 ] Goethe said to himself, building on what he had read in Paracelsus: This homunculus is, after all, a being that stands between the supersensible and the sensible, in such a way that it can carry human beings down from the primordial eternal into the physical-sensible world—that which acts within human beings as a force but is not itself embodied. And Goethe shaped the homunculus into a poetic figure. Specifically, he first depicted a spirit of the kind about which, in the spirit of Faust, one might say: they greedily seek treasures and are happy when they find earthworms. Goethe portrays such a spirit in the character of Wagner—a figure who truly embodies an ideal of today’s ideologues, who seek treasures and are happy when they discover the laws of earthworms.
[ 17 ] Nach zwei Seiten hin ergab sich für Goethe das Bild des Wagner. Denn erstens gibt es neben einem «Faust»-Buch auch ein «Wagner»-Buch; und dann gab es wirklich einen merkwürdigen Mann zur Zeit Goethes: Johann Jakob Wagner hieß er. Der sagte, daß man wirklich, wenn man nach bestimmten Methoden Stoffe und so weiter in der Retorte zusammenmische, ein Menschlein bekomme. Aus diesen zwei Wagner-Gestalten, aus der des Wagner-Buches und aus dem Johann Jakob Wagner, schmolz Goethe eine Figur, den Wagner der Dichtung zusammen. Und so entstand die Gestalt jenes Wagner, der vor seiner Retorte steht und die Stoffe zusammenmischt und nun wartet, bis das «artige Menschlein», der Homunkulus, entsteht. Er würde nicht entstehen, so ohne weiteres. Weder in der Retorte des Johann Jakob Wagner noch in der des Goetheschen Wagner würde das entstehen, was ein Mensch ist, oder was mancher modern sich glaubende Wissenschafter als den Menschen denkt, wenn sich nicht in die Vorgänge Mephistopheles einschleichen würde, wenn nicht die geistige Kraft des Mephistopheles im Hintergrunde wirkte. Und so entsteht in der Retorte des Wagner ein rein geistiges Wesen, leuchtend, das aber nun wünscht verkörpert zu werden, dem es nicht an geistigen Eigenschaften fehlt, wohl aber an greifbar Tüchtigem — ein Wesen, das die materialistische Weltanschauung als den Menschen ansieht:
[ 17 ] From two different perspectives, the image of Wagner emerged for Goethe. For one thing, in addition to a “Faust” book, there is also a “Wagner” book; and second, there really was a remarkable man living during Goethe’s time: his name was Johann Jakob Wagner. He claimed that if one mixed certain substances and so on in a retort according to specific methods, one would indeed produce a tiny human being. From these two Wagner figures—the one from the Wagner book and Johann Jakob Wagner—Goethe forged a single character: the Wagner of fiction. And so the figure of that Wagner came into being—the one who stands before his retort, mixes the substances together, and now waits for the “little human-like creature,” the homunculus, to emerge. It would not emerge just like that. Neither in Johann Jakob Wagner’s retort nor in that of Goethe’s Wagner would what constitutes a human being—or what some scientists who consider themselves modern conceive of as a human being—come into being if Mephistopheles did not sneak into the process, if the spiritual power of Mephistopheles were not at work in the background. And so, in Wagner’s retort, a purely spiritual being emerges—radiant—but one that now desires to take on a physical form; a being that lacks nothing in spiritual qualities, but certainly lacks tangible competence—a being that the materialistic worldview regards as a human being:
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht.
He lacks nothing in intellectual qualities,
But all too much in tangible competence.
So far, only the glass gives him weight,
But he would like to be embodied first.
[ 18 ] Homunkulus möchte sich auch verkörperlichen, aber er ist ein bloß im Geistigen lebendes Wesen. Denn die, welche das «Wirkliche» suchen, stellen ein arges Abstraktum hin. Aber Wagner kann ja nichts anderes glauben, als daß er im Wirklichen die Überzeugung bewirkt habe. Und so steht er vor der Retorte und glaubt:
[ 18 ] Homunkulus would also like to take on a physical form, but he is a being that lives solely in the spiritual realm. For those who seek the “real” present a terrible abstraction. But Wagner can believe nothing else than that he has brought about conviction in the real world. And so he stands before the retort and believes:
[ 19 ] Es wird! die Masse regt sich klarer!
Die Überzeugung wahrer, wahrer!
[ 19 ] It’s happening! The masses are stirring more clearly!
The conviction grows truer, truer!
[ 20 ] Diese Stelle versteht man allerdings heute noch in der Faust-Literatur so wenig, daß die Menschen glauben, es handele sich um eine «Überzeugung», wie um ein Bekenntnis. Goethe meint es aber, wie es auch im Sinne von Nietzsches «Übermensch» gemeint ist, als Überzeugung.
[ 20 ] However, this passage is still so poorly understood in Faust scholarship today that people believe it refers to a “conviction,” as if it were a creed. Goethe, however, means it in the sense of Nietzsche’s “Superman”—as a conviction.
[ 21 ] Dieser Homunkulus erweist sich nun wirklich als ein Wesen, welches der geistigen Welt angehört. Denn gleich macht er sich in einer sonderbaren Weise über den Faust selber her. Faust lebt in Träumen an das alte Griechenland. Homunkulus ist ein Hellseher; er sieht alles, was Faust träumt. Warum? Weil er, wie Goethe ihn darstellt, vorgestellt ist in der geistigen Welt, nicht herausgeboren aus der physischen Welt. Der Mensch hat ihn als Kräfte in sich. Da verliert der Homunkulus seine Abstraktion. Man wird sogar den Monisten zugeben, daß dieses Abstraktum, wenn sie es wirklich sehen würden in der geistigen Welt, wo es Realität hat, dort sogar hellseherisch wäre. Denn der Homunkulus, der Mensch, wie ihn zum Beispiel Ludwig Büchrer und andere ausgedacht haben, existiert als geistiges Wesen und ist in der geistigen Welt ein hellsehendes Wesen. Das würde ja allerdings ein Mensch wie Ludwig Büchner nicht vermuten. Daher kann tatsächlich Homunkulus der Führer werden in die Gebiete, wo sich Helena wiederverkörpern soll in einem neuen Erdengebiete, wo sie vor Faust auftreten soll. Aber dazu muß sich Homunkulus erst die Kräfte aneignen, die in der physischen Natur liegen, von allem übrigen abgesehen.
[ 21 ] This homunculus now truly proves himself to be a being that belongs to the spiritual world. For he immediately sets about Faust himself in a strange way. Faust lives in dreams of ancient Greece. The homunculus is a clairvoyant; he sees everything Faust dreams. Why? Because, as Goethe portrays him, he exists in the spiritual world, not born out of the physical world. Human beings possess him as forces within themselves. Thus the homunculus loses his abstract nature. One would even concede to the monists that this abstract concept, if they were to truly see it in the spiritual world where it has reality, would in fact be clairvoyant there. For the homunculus—the human being, as conceived, for example, by Ludwig Büchner and others—exists as a spiritual being and is a clairvoyant being in the spiritual world. A person like Ludwig Büchner, however, would certainly not suspect this. Therefore, the homunculus can indeed become the guide into the realms where Helena is to reincarnate in a new earthly realm, where she is to appear before Faust. But to do so, the homunculus must first acquire the powers that lie within physical nature, apart from everything else.
[ 22 ] Homunkulus wird als ein hellseherisches Wesen für Faust der Führer in der «klassischen Walpurgisnacht». Und dort läßt er sich Rat geben von den alten Philosophen, von Thales und Anaxagoras, und auch von Proteus, wie er, der gar so gern verkörperlicht wäre, dem es «nicht an geistigen Eigenschaften» fehlt, dafür aber um so mehr am «greiflich Tüchtighaften», zu einem natürlichen Dasein kommen könnte. Wenn doch einmal die Materialisten oder Monisten sich klar machen wollten: wie kann das, was wir uns ausphantasieren, zu einem natürlichen Dasein kommen?! Proteus gibt dem Homunkulus den Rat, sich durch alle Reiche der Natur durchzuentwickeln. Wunderbar ist bei Goethe der Hinweis darauf, wo es sich um das Durchgehen durch das Pflanzenreich handelt; da sagt Homunkulus:
[ 22 ] Homunculus, as a clairvoyant being, serves as Faust’s guide during the “classic Walpurgis Night.” And there he seeks advice from the ancient philosophers—Thales and Anaxagoras, and also Proteus—on how he, who so dearly wishes to take on a physical form and who lacks “nothing in terms of intellectual qualities” but all the more in “tangible competence,” might attain a natural existence. If only the materialists or monists would ever ask themselves: How can what we imagine come into natural existence?! Proteus advises the Homunculus to develop through all the realms of nature. Goethe’s reference to this is marvelous, particularly where the passage through the plant kingdom is concerned; there the Homunculus says:
[ 23 ] Es grunelt so, und mir behagt der Duft! «Gruneln», was vom «Grünen» hergeleitet ist, um das wirksame frische Leben der im Wirkenden empfundenen Pflanzenwelt darzustellen. Aber eines wird dem Homunkulus gesagt: daß er auf diesem Wege nur bis zu dem Zeitpunkt kommen kann, wo es bis zu dem Mensch-Werden geht. Er ist der Vermittler zwischen dem Körperlichen und dem Ewigen. Wo es zur Geburt geht, da muß er sich in die natürlichen Kräfte hineinstürzen, muß in den bloß kosmischen Elementen aufgehen. Daher wird dem Homunkulus gesagt: Mache das alles durch, und «bis zum Menschen hast du Zeit». Und dann wird ihm bedeutet:
[ 23 ] It murmurs, and I delight in the scent! “Murmur,” derived from “green,” is used to depict the vibrant, fresh life of the plant world as perceived in its active state. But one thing is told to the homunculus: that on this path he can only proceed as far as the point where becoming human begins. He is the mediator between the physical and the eternal. Where birth is concerned, he must plunge into the natural forces; he must be absorbed into the purely cosmic elements. Therefore, the homunculus is told: Go through all of this, and “you have time until you become human.” And then it is signaled to him:
Nur strebe nicht nach höhern Orten:
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir.
Just don't strive for higher places:
For once you've become human,
Then it's completely over for you.
[ 24 ] Wie wunderbar stimmt das mit dem, was Homunkulus als Mission beim Menschwerden hat; denn wenn er erst Mensch geworden ist, geht er völlig auf in die Menschennatur. Daher wird ihm gesagt: Bleibe hier, strebe nicht nach höhern Orten. — «Orten» muß es hier heißen. Der Abschreiber hat nämlich da einen Fehler gemacht. Dieser Teil des «Faust» ist nur in der Abschrift vorhanden, und da Goethe mit frankfurterischem Anklang gesprochen hat, so hat der Schreiber statt «Orten» — «Orden» verstanden, und die modernen Faust-Kommentatoren haben geglaubt, daß sogar schon der alte Proteus von «Orden» gesprochen hat, eine der unglücklichsten Ideen, die sich in die Faust-Literatur eingeschlichen hat.
[ 24 ] How wonderfully this aligns with the mission the homunculus has in becoming human; for once he has become human, he is completely absorbed into human nature. That is why he is told: “Stay here; do not strive for higher places.” — It must read “places” here. The copyist made a mistake there. This part of “Faust” appears only in the manuscript, and since Goethe spoke with a Frankfurt accent, the scribe understood “Orten” as “Orden,” and modern Faust commentators have believed that even the old Proteus spoke of “Orden”—one of the most unfortunate ideas to have crept into Faust scholarship.
[ 25 ] Großartig wird gerade das Aufgehen des Homunkulus in die Elemente geschildert, wo die Helena entstehen soll, wo sie dadurch vor Faust hintreten soll, daß sich ihr Ewiges vereinigt mit den Kräften, die von den Elementen kommen, so daß sie dadurch in das Erdendasein eintreten kann. Die Sirenen sagen:
[ 25 ] The scene where the homunculus merges with the elements is described magnificently—the moment when Helena is to come into being, when she is to appear before Faust as her eternal essence unites with the forces emanating from the elements, enabling her to enter earthly existence. The sirens say:
[ 26 ] Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet’s und schwanket und heller hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
[ 26 ] What fiery wonder do the waves reveal to us,
That crash against one another, sparkling?
Thus it glows and sways and rises brighter:
The bodies glow on their nocturnal path,
And all around, everything is encircled by fire;
So let Eros reign, he who began it all!
[ 27 ] Das heißt: wenn der Mensch aus dem ewig Geistigen durch das, was auf Erden die Liebe, Eros, genannt wird, in das irdische Dasein tritt, so zeigt sich für das hellseherische Anschauen dieses Aufgehen in Wellen, in Wogen. «Wogen» sind geistig gemeint. Daher heißt es also:
[ 27 ] This means: when a human being enters earthly existence from the eternal spiritual realm through what is called love, or Eros, on Earth, this descent appears to the clairvoyant eye as waves and surges. “Surges” are meant in a spiritual sense. Therefore, it is said:
Heil dem Meere! Heil den Wogen!
Von dem heiligen Feuer umzogen;
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltenen Abenteuer!
Heil den mildgewognen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier
Element’ ihr alle vier!
Hail to the sea! Hail to the waves!
Surrounded by the sacred fire;
Hail to the water! Hail to the fire!
Hail to the rare adventure!
Hail to the gently billowing winds!
Hail to the mysterious tombs!
Here you are all celebrated
All four of you, elements!
[ 28 ] Das heißt, der Homunkulus geht wirklich jetzt als solcher in die Elemente auf, und Helena tritt nun im dritten Akt auf. Die wiederverkörperte Helena, an der Faust nicht zerschellen wird, tritt auf.
[ 28 ] This means that the homunculus truly dissolves into the elements, and Helena now appears in the third act. The reincarnated Helena, whom Faust will not be able to destroy, makes her entrance.
[ 29 ] So hat Goethe in echt dichterischer Weise die Gestalt des Homunkulus zu verwenden gewußt. So ist auch in Goethes Augen Homunkulus dasjenige im Menschen, was ein rein mechanisches Dasein führt, worinnen rein mechanische Kräfte walten. Aber der Mensch ist dadurch das höchste Glied der Erdenschöpfung, daß diese Kräfte in dem Augenblick, wo sie in ihn eintreten, sich auflösen. Aber was der Mensch nicht in Wirklichkeit ist, das kann er in seiner Einbildung sein. Das ist ja des Menschen Freiheit, daß er sich ein Bild machen kann von seinem Ideal, und daß er, ob er zwar in sich ein ewiges Geistig-Seelisches hat, das von Leben zu Leben geht und eine geistige Welt zwischen Tod und neuer Geburt durchläuft, doch dieses ewige GeistigSeelische ableugnen kann, es nicht zu berücksichtigen braucht, und daß er sich vorstellen kann: ich bin nur ein Wesen, das aus rein natürlichen Stoffen und Kräften besteht. Dann kann er auch in einer entsprechenden Weise leben.
[ 29 ] Goethe thus knew how to employ the figure of the homunculus in a truly poetic way. In Goethe’s view, too, the homunculus is that part of the human being which leads a purely mechanical existence, in which purely mechanical forces prevail. But what makes human beings the highest link in earthly creation is that these forces dissolve the moment they enter them. Yet what a human being is not in reality, he can be in his imagination. This, after all, is human freedom: that a person can form an image of his or her ideal, and that—even though he or she possesses within themselves an eternal spiritual-soul element that passes from life to life and traverses a spiritual world between death and rebirth—he or she can deny this eternal spiritual-soul element, need not take it into account, and can imagine: “I am merely a being consisting of purely natural substances and forces.” Then he can also live accordingly.
[ 30 ] In einer Zeit, die theoretisch den Materialismus hervorbringt, die theoretisch in der gekennzeichneten Weise denkt, ist es nicht unbedenklich, daß sie in ihrem ganzen Lebensgebaren, in ihrer ganzen Lebenshaltung etwas hat, was das Ewig-Geistige ableugnet und gerade das zum natürlichen Menschen macht, was wir jetzt als Homunkulus kennengelernt haben. Es muß ein gewisser Drang, ein Trieb da sein, die Homunkulus-Kräfte besonders zu entwickeln; dann wird man Geschmack haben an einer Weltanschauung, die den Homunkulus als den Menschen hinstellt.
[ 30 ] In an age that theoretically gives rise to materialism, that theoretically thinks in the manner described, it is not without consequence that its entire way of life, its entire attitude toward life, contains something that denies the eternal-spiritual and turns precisely that which we have now come to know as the homunculus into a natural human being. There must be a certain urge, a drive, to develop the homunculus forces in particular; then one will take a liking to a worldview that presents the homunculus as the human being.
[ 31 ] Es war zu Anfang der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts; da kam ein sonderbarer Schlagruf durch die Seelenkunde. Von der Seelenkunde hat man immer geglaubt, daß die Menschen in bezug auf die Seele in das Homunkeltum nicht so weit hineinkommen würden, daß sie von der Seele nichts wissen wollten und nur das rein Körperliche anerkennen wollten. Doch da entstand der Schlagruf «Seelenkunde ohne Seele» — bis zu Wundt hin. Das heißt also: man will die bloßen Erscheinungen des Seelenlebens, Wohlwollen, Freude, Trauer und so weiter, bis in die Einzelheiten studieren. Das sind eben «Vorkommnisse», sagt man sich; aber an die Seele selbst wendet man sich nicht. — Es liegt selbstverständlich in der Natur des Homunkulismus, die Seele abzuleugnen; denn sieht man in dem Homunkulus den wahren Menschen, so muß man die Seele ableugnen, denn der Homunkulismus läßt sich mit der Seele nicht vereinbaren. Eine Zeit, in welcher für die Psychologie der Schlagruf «Psychologie ohne Seele» hat entstehen können, muß selbstverständlich als einen geheimen Trieb des Menschenlebens das Homunkeltum darstellen. Eine Zeit, in welcher es heißt: der Mensch ist nur das, was mit den gewöhnlichen, an das Nervensystem gebundenen Kräften zu erkennen ist, eine solche Zeit wird in der Mehrzahl ihrer Menschen auch homunkelhafte Züge zeigen.
[ 31 ] It was in the early 1860s; a strange cry swept through the field of psychology. It had always been believed in psychology that, when it came to the soul, people would not go so far as to embrace “homunculus theory”—that is, to want to know nothing about the soul and to acknowledge only the purely physical. But then the slogan “psychology without a soul” emerged—all the way up to Wundt. This means, in other words, that one wishes to study the mere phenomena of mental life—goodwill, joy, sorrow, and so on—down to the finest details. These are simply “occurrences,” one tells oneself; but one does not turn to the soul itself. — It is, of course, in the very nature of homunculism to deny the soul; for if one sees the true human being in the homunculus, one must deny the soul, since homunculism is incompatible with the soul. An era in which the slogan “psychology without a soul” could emerge for psychology must, of course, represent homunculism as a secret impulse of human life. An era in which it is said that human beings are only what can be perceived through the ordinary faculties bound to the nervous system—such an era will, for the majority of its people, also exhibit homunculine traits.
[ 32 ] Da kann dann in einem Dichter der Gedanke entstehen: Wie wäre es denn, wenn ich der Zeit den Spiegel vorhalte und ihr zeige: du stellst dir vor, was aus dir herauskommen würde, wenn du glaubtest, wirklich nur ausrein natürlichen Kräften und Gesetzen zu entstehen. Nehmen wir einmal einen Dichter, der den Schlagruf «Psychologie ohne Seele» ernst nimmt und sich sagt: Nicht nur haben die Menschen dies gesagt, sondern sie leben auch darnach. Ich will einmal einen Menschen hinstellen, der richtig nach dem Bilde gedacht ist, wie sie sich ihn denken. Sie wissen nur nicht, daß er so ist, wie er wirkt. Aber ich will einmal konsequent ausdenken, was aus dem Bilde des modernen Materialisten oder Monisten werden würde.
[ 32 ] This can then give rise to the following thought in a poet: What if I were to hold up a mirror to time and show it: Imagine what would come out of you if you believed you were truly the product of purely natural forces and laws. Let’s take, for example, a poet who takes the slogan “psychology without a soul” seriously and says to himself: Not only have people said this, but they also live by it. I want to present a person who is truly conceived in the image of how they imagine him to be. They just don’t know that he is exactly as he appears. But I want to think through, to the logical conclusion, what would become of the image of the modern materialist or monist.
[ 33 ] Solche Gedanken wirkten in Robert Hamerling, und auf seinem Krankenlager hat er diese Gedanken ausgeführt und das Bild des «Homunkulus» in die Welt hinausgeschickt. Mir kommt vor, diese Dichtung ist heute wenig bekannt, obwohl sie in den ersten fünf Monaten nach ihrem Erscheinen in fünftausend Exemplaren abgesetzt worden ist. Dies ist aber auch etwas, was im Sinne des Homunkulismus — will sagen: im Sinne unserer heutigen Zeit gelegen ist. — Hamerling hat den «Homunkulus» so geschaffen, wie ich versuchen will, ihn jetzt in ganz wenigen Worten darzustellen. Ich darf ihn so darstellen. Wie ich bei Goethe nun nach mehr als dreißigjährigem GoetheStudium dazu gekommen bin, das, was ich über Goethe sage, für richtig halten zu müssen, so darf ich das auch in Hinsicht auf Hamerling. Denn kurz nachdem der «Homunkulus» von Hamerling erschienen war, schrieb ich eine Abhandlung über den «Homunkulus», und Hamerling schrieb mir noch, daß ich seine Idee voll getroffen habe.
[ 33 ] Such thoughts took root in Robert Hamerling, and from his sickbed he elaborated on them and sent the image of the “Homunculus” out into the world. It seems to me that this work of poetry is little known today, even though five thousand copies were sold in the first five months after its publication. But this, too, is something that is in keeping with homunculism—that is to say, with the spirit of our times. —Hamerling created the “Homunculus” in the way I will now attempt to describe it in just a few words. I may describe it this way. Just as I have come to regard what I say about Goethe as correct after more than thirty years of studying him, so too may I do the same with regard to Hamerling. For shortly after Hamerling’s Homunkulus was published, I wrote a treatise on the Homunkulus, and Hamerling even wrote to me that I had fully captured his idea.
[ 34 ] Robert Hamerling hatte die Idee gefaßt, einmal vor den modernen Menschen hinzustellen, was in den Anschauungen liegt, wenn der Mensch nur aus rein natürlichen Kräften und Stoffen und nach den natürlichen Gesetzen zusammengesetzt gedacht wird. Daher läßt er den modernen Professor Ernst machen, einen Menschen aufzubauen gemäß den natürlichen Kräften und Gesetzen. Gewiß, der Naturgelehrte, welcher glaubt eine Weltanschauung aus den Naturgesetzen aufzubauen, wird ja sagen: man kann es heute noch nicht, einen Menschen in dieser Weise zusammensetzen. Der Dichter aber darf sagen: Nehmen wir an, es wäre dieser Zeitpunkt schon eingetreten, was eigentlich nach der Theorie derjenigen durchaus begründet sein kann, welche da glauben auf dem festen Boden der modernen Wissenschaft zu stehen. So also sehen wir den gelehrten Monisten bei Robert Hamerling vor der Retorte stehen, sehen ihn die Stoffe entsprechend behandeln — und auftreten das artige Menschlein Homunkulus:
[ 34 ] Robert Hamerling had conceived the idea of presenting to modern people what lies in the concept of a human being when that being is thought of as composed solely of purely natural forces and substances and in accordance with natural laws. For this reason, he has the modern professor Ernst construct a human being in accordance with natural forces and laws. Certainly, the natural scientist who believes he can construct a worldview from the laws of nature will say: it is not yet possible today to construct a human being in this way. The poet, however, may say: Let us assume that this point in time has already arrived—which, according to the theory of those who believe they stand on the firm ground of modern science, may well be justified. And so we see the learned monist in Robert Hamerling standing before the retort, treating the substances accordingly—and there appears the little homunculus:
«Bravo, Doktorchen!» so rief er
Noch ein zweites Mal, indem er
Fröstelnd in ein Wämschen schlüpfte,
Welches schon für ihn bereit lag;
Und mit gnäd’ger Miene klopft’ er
Auf die Achsel dem Erzeuger.«So im Ganzen und vom reinen
Chemisch-physiolog’schen Standpunkt
Aus betrachtet, ist, mein Lieber,
Was du schufst, ein respektables,
Lobenswürdiges Stück Arbeit.
Im Detail, da wäre freilich
Mancherlei davon zu sagen.»
Also fortfuhr der Homunkel,
Ließ dann einige gelehrte,
Schätzenswerte Winke fallen,
Sprach von Albumin sehr vieles,
Von Fibrin, von Globulin auch,
Keratin, Mucin und and’rem,
Und von regelrechter Mischung,
Und belehrte seinen Schöpfer
Und Erzeuger gründlich, wie er’s
Hätte besser machen können.
“Bravo, little doctor!” he exclaimed
A second time, as he
Slipped shivering into a doublet,
Which was already laid out for him;
And with a gracious expression, he patted
His father on the shoulder.“So, on the whole and from a purely
chemical-physiological standpoint
viewed, my dear friend,
what you have created is a respectable,
commendable piece of work.
In detail, however, there would certainly be
much to say about it.”
So the homunculus continued,
Then offered a few scholarly,
Valuable hints,
Spoke at great length about albumin,
About fibrin, and globulin as well,
Keratin, mucin, and other things,
And about proper mixtures,
And thoroughly instructed his creator
And maker on how he
Could have done it better.
[ 35 ] So ist er denn da in der Wirklichkeit — das heißt in der Wirklichkeit des Dichters, wie er ausgedacht ist in den Köpfen so mancher materialistisch gesinnter Leute, die nach Hamerlings Anschauung aus der Gesinnung der heutigen Zeit heraus denken. Und aus dieser materialistischen Gesinnung, die dem «artigen Menschlein» mitgegeben wird, entsteht ja auch das, was dieses Menschlein als erste Neigung zeigt. Wenn man heute die Welt anschaut mit den Neigungen der «jüngsten» Leute, so begreift man schon, wie der Homunkulus zu dergleichen kommen kann:
[ 35 ] So there he is in reality—that is, in the reality of the poet, as he is conceived in the minds of many a materialistically minded person who, according to Hamerling’s view, thinks from the perspective of the present age. And from this materialistic mindset, which is bestowed upon the “little man,” arises what this little man displays as his first inclination. If one looks at the world today through the lens of the “youngest” people’s inclinations, one can already understand how the homunculus might come to such conclusions:
Allgemach begann zu kritteln
Und zu nörgeln an dem Buche,
elches er in Händen hatte,
Der Homunkel. Int’ressant war
Dies dem Doktor, er notierte
Die Bemerkung ins Notizbuch:
«Erste litterar’sche Regung
Eines Menschleins — Rezensieren.»
Gradually, the homunculus began to grumble
And to grumble about the book,
which he held in his hands,
The homunculus. This was
interesting to the doctor; he jotted down
the remark in his notebook:
“First literary impulse
of a little man—reviewing.”
[ 36 ] Nun aber will es gar nicht gehen. Denn selbstverständlich: der Homunkulus wächst aus den Gedanken seines Erzeugers, sagen wir: seines Überzeugers heraus und bringt so manches mit, was in dessen Gedanken lebte aus der ganzen Verfassung unserer Zeit heraus. Er ist nervös; die Nervosität bringt er mit. Da kann sein gelehrter Erzeuger doch nichts beginnen, und er wirft ihn deshalb noch einmal in die Retorte zurück, macht ihn noch einmal zum Menschenkeim, und läßt ihn wenigstens von mütterlicher Seite aus richtig empfangen, ausgetragen werden; so daß wir doch nicht einen ganz richtigen Homunkulus vor uns haben, sondern einen, der bloß ohne natürlichen Vater ist.
[ 36 ] But now it just isn’t working at all. For, of course, the homunculus grows out of the thoughts of its creator—let’s say, its “convincer”—and brings with it many things that lived in the creator’s thoughts, stemming from the entire state of our times. It is nervous; it brings that nervousness with it. His learned creator can do nothing about this, and so he throws him back into the retort, turns him once more into a human embryo, and ensures that he is at least properly conceived and carried to term on the mother’s side; so that we do not, after all, have a completely proper homunculus before us, but one who is merely without a natural father.
[ 37 ] Dann macht er seine Lehrjahre durch. Selbstverständlich wird er auch zum Dichter. Er erlebt, was so manche Dichter erleben in unserer Zeit: er sucht sich seine Verleger. Es entspinnt sich ein artiges Verhältnis nicht nur zu seinem Verleger, sondern auch zu dessen Tochter, die ihm zugesprochen wird, wenn seine Gedichte die nötige Verbreitung finden. «Verbindungen» hat man selbstverständlich in der Zeit des Homunkulismus. Das Buch wird glänzend gelobt; wie kann Homunkulus es anders glauben! Aber siehe da: als das Jahr zu Ende ist, hat der Verleger nur dreizehn Exemplare verkauft. Er entzieht ihm also die Tochter, und Homunkulus muß weiter seinen Lebensweg suchen. — Alle möglichen Wege schlägt er ein. So kommt er auch an einen Badeort, und dort lernt er die Sitten und Gebräuche des Homunkulismus, will sagen: die Sitten und Gebräuche des modernen Badelebens kennen. Darnach faßt er den Plan, eine Zeitung zu gründen, ein «Blatt für Alles- und für Alle» Und dazu drängen sich, weil es wenig kostet und keiner Partei angehört, «Hof- und Staats- und andere Räte, oder auch die Führer mächt’ger zahlungsfähiger Parteien», die Leiter großer Bank- und Handelsfirmen, und schreiben ihre Leitartikel und Berichte. — Ich bitte aber zu berücksichtigen: da der «Homunkulus» Robert Hamerlings im Jahre 1887 erschienen ist, so kann damit keine Satire gemeint sein auf etwas, was erst der heutige Tag aufgebracht hätte, auf Dinge also, die erst viel später erschienen sind. — Aber selbstverständlich ist Homunkulus damit nicht zufrieden; er strebt etwas Höheres noch an. Er verhandelt sein Blatt an ein Aktienunternehmen — das ist wieder keine Satire! und widmet sich dann seinen weiteren Unternehmungen. Da wird er dann zum «Billionär», und lebt als solcher in einer sehr eigenartigen Weise. Ich möchte das eine betonen, daß er sich so recht hineinlebt in die Zeit des Homunkulismus. Was der Nicht-Homunkulismus erreichen läßt durch leblose Kräfte, wenn zum Beispiel etwas gestützt werden soll, wenn Säulen aufgestellt werden, von denen etwas getragen wird: das alles gehört noch den vergangenen Zeiten an. Große Schlangen, die gezähmt werden, stehen bei Homunkulus in seinem Gartenpavillon und halten dessen Kuppeldach. Eichhörnchen hatte man früher abgerichtet und in Käfigen eingesperrt. Das hat Homunkulus nicht getan; er läßt sie als Automaten funktionieren. Das ist der richtige Homunkulismus. So etwas würde schon herauskommen, wenn manche heute schon existierende Gedanken weiterentwickelt werden.
[ 37 ] Then he goes through his formative years. Naturally, he also becomes a poet. He experiences what many a poet experiences in our time: he seeks out publishers. A pleasant relationship develops not only with his publisher but also with the publisher’s daughter, who is promised to him if his poems gain the necessary circulation. “Connections,” of course, are a given in the age of homunculism. The book receives glowing praise; how could Homunkulus believe otherwise! But lo and behold: by the end of the year, the publisher has sold only thirteen copies. He therefore withdraws his daughter from Homunkulus, and Homunkulus must continue to seek his path in life. — He tries every possible path. This is how he ends up at a spa town, where he becomes acquainted with the customs and traditions of Homunkulism—that is to say, the customs and traditions of modern spa life. Afterward, he hatches a plan to found a newspaper, a “paper for everything and for everyone.” And because it costs little and is not affiliated with any political party, “court and state councilors and other advisors, or even the leaders of powerful, financially solvent parties,” as well as the heads of major banking and trading firms, flock to it and write their editorials and reports. — But please bear in mind: since Robert Hamerling’s Homunkulus was published in 1887, it cannot be intended as a satire on anything that would have arisen only in the present day—that is, on things that appeared much later. — But of course, Homunkulus is not satisfied with that; he aspires to something even higher. He sells his newspaper to a joint-stock company—which, again, is not satire!—and then devotes himself to his further ventures. There he becomes a “billionaire” and, as such, lives in a very peculiar way. I would like to emphasize one thing: that he truly immerses himself in the era of Homunkulism. What non-Homunkulism achieves through lifeless forces—for example, when something needs to be supported, when columns are erected to bear a load—all of that belongs to bygone times. Large snakes, which have been tamed, stand in Homunculus’s garden pavilion and support its domed roof. In the past, squirrels were trained and locked up in cages. Homunculus did not do that; he has them function as automatons. That is true homunculism. Something like this would emerge if certain ideas that already exist today were further developed.
[ 38 ] Aber man kommt ja auch, selbst wenn man Billionär ist, nicht zu einem wirklich befriedigenden Leben. Ein «Seelenleben» kannte ja Homunkulus nicht, denn er hatte doch keine Seele. So ist er also äußerst unbefriedigt von seinem Dasein, und deshalb stürzt er sich in den Rhein. Da rettet ihn ein Wesen, das auch keine Seele hat: die Nixe Lurley. Und Homunkulus und Lurley werden nun ein Paar. Und weil ihnen alle alten Welten nicht genügen, so wandern sie nach einem ganz neuen Gebiete aus. — Es würde noch zu schildern sein die interessante «literarische Walpurgisnacht», die beim Hochzeitsfest der beiden, des Homunkels und der Lurley, gefeiert wird. Es wird da manches aus unserer Zeit getroffen. Man müßte sich nur zurückreduzieren auf die Zeit Hamerlings, aber man würde auch hier dasselbe sagen müssen, daß es keine Satire sein soll auf heutige Verhältnisse:
[ 38 ] But even if you’re a billionaire, you still can’t achieve a truly fulfilling life. Homunkulus didn’t know what an “inner life” was, after all—he didn’t have a soul. So he is extremely dissatisfied with his existence, and that is why he throws himself into the Rhine. There, he is saved by a creature who also has no soul: the mermaid Lurley. And Homunkulus and Lurley now become a couple. And because all the old worlds are not enough for them, they set out for an entirely new realm. — One could also describe the interesting “literary Walpurgis Night” celebrated at the wedding feast of the two, the homunculus and Lurley. Many aspects of our own time are reflected there. One would only have to go back to Hamerling’s time, but even here one would have to say the same thing—that it is not meant to be a satire on contemporary conditions:
Ganz verfallen herbem Weltschmerz,
Bittrem Lebensüberdrusse,
Finsterer Melancholei,
Prometheisch-geierbissig
Lebersiechem Pessimismus,
War der Schwarm der Wasserdichter;
Fanden alles miserabel,
Nur nicht ihre eig’nen Verse.
Wohler in der Haut um vieles
War den Wein- und Bierpoeten.
Diesen war die Welt soeben
Recht, und nur an einem Übel
Krankten sie: der Wasserscheu.Die Absinthpoeten schließlich,
Mit den Wein- und Bierpoeten
Teilten sie die Wasserscheu,
nd den Geierbiß des finster’n,
Melancholisch-überdrüss’gen,
Lebersiechen Pessimismus
Mit dem Schwarm der Wasserdichter:
Und sie waren doppelt elend.
Completely consumed by bitter world-weariness,
Bitter weariness of life,
Gloomy melancholy,
Promethean and vulture-like
Liver-wasting pessimism,
Such was the crowd of the “water poets”;
They found everything miserable,
Except for their own verses.
Much more at ease in their own skin
Were the wine and beer poets.
To them, the world was just
Right, and they suffered from only one ailment
: a fear of water.Finally, the absinthe poets,
Along with the wine and beer poets
Shared their aversion to water,
And the vulture-like bite of the dark,
Melancholic, weary,
Liver-sick pessimism
With the swarm of water poets:
And they were doubly wretched.
[ 39 ] So wird das, was als «Kunst und Literatur» waltet, recht interessant durchgenommen.
[ 39 ] This provides a rather interesting analysis of what is commonly referred to as “art and literature.”
[ 40 ] Sie wandern also aus in eine Gegend, die noch nicht angekränkelt ist von dem Glauben an die Seele. Der seelenlose Mann und die seelenlose Nixe wandern aus in ein Eldorado. Es ist das ein Eldorado auch manches Parteiwesens; und manches, was an Parteiwesen heute waltet, ist in einer großartigen Weise geschildert. Ich will nur andeuten, daß Homunkulus auch hier mit der Begründung seines Musterstaates, des Eldorado, doch nicht zurecht kommt; sogar seine Lurley wird ihm abgenommen von einem Parteimann, der herumgeht mit der Devise: «Wir lassen uns nicht majorisieren!» Aber: «er ist ein Charakter», sagt sich Lurley, und Homunkulus muß weiterziehen. Doch er ist ein erfinderischer Kopf und will nun wirklich die Dinge in ihren letzten Konsequenzen denken. Er sagt sich: Mit den Menschen ist nichts anzufangen, wenn man den Homunkulismus in die Realität umsetzen will; sie sind doch nicht dazu zu haben. Aber warum sollte man nicht die letzten Konsequenzen ziehen? Könnte man nicht die Affen
[ 40 ] So they set out for a region that has not yet been tainted by the belief in the soul. The soulless man and the soulless mermaid set out for an Eldorado. It is also an Eldorado of a certain kind of party politics; and much of what prevails in party politics today is depicted in a magnificent way. I merely wish to suggest that even here, Homunkulus cannot quite succeed in establishing his model state, the Eldorado; even his Lurley is taken from him by a party man who goes about with the motto: “We won’t let ourselves be outvoted!” But: “He’s quite a character,” Lurley tells himself, and Homunkulus must move on. Yet he is an inventive mind and now truly wants to think things through to their ultimate consequences. He tells himself: There’s no use trying to work with humans if one wants to turn Homunkulism into reality; they simply aren’t up for it. But why not draw the ultimate conclusions? Couldn’t one use the monkeys
[ 41 ] zu Menschen heranbilden? Lehrt doch schon die moderne Wissenschaft, daß sich die Menschen aus den Affen herausgebildet haben. Man sammle also die besten Exemplare von ihnen zusammen und mache sie recht schnell zu Menschen! — So faßt er also seinen Plan: er gründet ein Uhnternehmen, in welchem er die Affen zu Menschen machen will, ein ganz neues Reich. Und nun wird uns über die Affenschule erzählt:
[ 41 ] to turn them into humans? After all, modern science already teaches us that humans evolved from apes. So let’s gather the best specimens of them and turn them into humans—and quickly! — So this is how he formulates his plan: he founds a company in which he intends to turn apes into humans—an entirely new realm. And now we are told about the ape school:
Über Unruh’ nur beklagten
Sich der Affenschule Meister,
Denn es rissen diese edlen
Sprößlinge von den gewissen
Angewöhnungen der Rasse
Schwer sich los: von der, zum Beispiel,
Überall emporzuklettern.
Auch vergaßen sie zuweilen
Sich so weit, in langen Stunden
Ernsten Unterrichts einander
Abzufangen Ungeziefer,
Machten auch wohl gar in tollem
Schwarm sich über den Erzieher
Her, um ihm den Kopf zu lausen. —Als gebildet nun die Affen,
Machten Konkurrenz den Menschen
Sie auf jeglichem Gebiete.
Zu den schönen Künsten waren
Trefflich sie durch angebor’nes
Nachahmungstalent befähigt.
Ohnegleichen — selbstverständlich
Waren sie als Bühnenkünstler,
Unternahmen Gastspielreisen
Mit dem glänzendsten Erfolge.
Posse, Lustspiel, Operette,
Parodie — war ihr Gebiet.
Kabinetts- und Meisterstücke
Drastischer und feinster Komik,
Wie man nie sie schaute, waren
Die Gesichter, die sie schnitten.
Weitberühmte Liedertafeln
Hatten sie — Brüllaffen waren
Die Solisten, und sie schlugen
Hie und da bei Preiswettsingen
Menschliche Gesangvereine.
Paviane, faunisch grinsend,
Bildeten sich aus zu Stutzern,
Eleganten Pflastertretern,
Gaben auch auf Bällen flotte
Tänzer ab, und das galante
Wesen, das sie kecklich zeigten
Bei den Frauen, war zum Teile
Sehr nach dem Geschmack der letzter’n.
Was die Affenfrauen anlangt,
Taten sie den Menschenfrauen
Bald es gleich und bald zuvor auch
In der Kunst des Kokettierens.
Immer modisch sich zu kleiden,
Wer verstünde solches besser
Als ein Affe? Sie verstanden
Sich mit Zierat zu behängen
Und mit Quasten, Bändern, Schleifen...
The headmaster of the monkey school
Only complained of “restlessness,”
For these noble
Offspring found it difficult
To break away from the established
Habits of their species
—such as, for example,
Climbing up everywhere.
They also sometimes forgot
To the point that, during long hours
Of serious instruction, they would
Catch vermin off one another,
And would even, in a wild
Swarm, rush upon the teacher
To pick lice from his head. —Once the monkeys were educated,
They rivaled humans
In every field.
In the fine arts,
They were exceptionally gifted
Thanks to an innate
Talent for imitation.
Unparalleled—naturally
They were stage performers,
Undertook touring performances
With the most brilliant success.
Farce, comedy, operetta,
Parody—that was their domain.
Cabinet pieces and masterpieces
Of the most dramatic and finest comedy,
The likes of which had never been seen
Were the faces they pulled.
They had widely famous song recitals
— the soloists were howler monkeys
and they beat
human choirs here and there
in singing contests.
Baboons, grinning like fauns,
trained themselves to be stutterers,
elegant street strollers,
and at balls they also proved to be
sprightly dancers; and the gallant
demeanor they boldly displayed
toward the women was, in part,
very much to the latter’s taste.
As for the female monkeys,
they rivaled human women
Sometimes matching them and sometimes even surpassing them
In the art of coquetry.
Always dressing fashionably,
Who would understand this better
Than a monkey? They knew how
To adorn themselves with ornaments
And with tassels, ribbons, bows...
[ 42 ] und so weiter. Aber trotzdem es so weit ging, ließ sich doch nicht aus «Affentum plus Bildung», meint Hamerling, ein Mensch machen. Die Affen beriefen sich zwar auf so manchen «Affenahnherrn», aber sie brachten es doch nur in einer menschlichen «Tugend» zu einer Menschenähnlichkeit: in der Tugend der Überzeugung. Sie erklärten bald, daß es eigentlich sehr minderwertig sei, Mensch zu sein; denn nicht einmal «Affen» seien sie geworden, diese Menschen. Das führte bald dazu, daß der, wie es heißt, zum Affen-Rektor gewählte Affe «Doktor Krallfratz» Homunkulus’ Stelle einnahm. So war denn dieser durch den Doktor Krallfratz verdrängt. Aber damit war doch für die Affen wenig Glück zu machen. Die Menschen wurden zwar nicht fertig mit diesen zu Menschen gewordenen Affen; aber in wilden Gegenden wurden die dort noch im Utrzustande lebenden Menschen mit ihnen fertig: da erschlug man einfach die zu Menschen gewordenen Affen.
[ 42 ] and so on. But even though things went that far, Hamerling argues that “ape-like nature plus education” was not enough to create a human being. Although the monkeys invoked many a “monkey ancestor,” they managed to achieve a resemblance to humans in only one human “virtue”: the virtue of conviction. They soon declared that it was actually very inferior to be human; for these humans had not even become “monkeys.” This soon led to the monkey “Doctor Krallfratz”—who, as they say, had been elected monkey rector—taking Homunkulus’s place. Thus, Homunkulus was displaced by Doctor Krallfratz. But this did little to improve the monkeys’ fortunes. Although humans were unable to deal with these apes that had become human, in wild regions the humans still living in a primitive state were able to deal with them: there, the apes that had become human were simply killed.
[ 43 ] Nun kommt ein Kapitel, welches Hamerling sehr übel genommen worden ist — Hamerling wollte nicht unter die Antisemiten gehen; er hat sich streng dagegen verwahrt wo er im achten Gesang Homunkulus auch zum Führer der nach Palästina auswandernden Juden machte, die es hier unter den heutigen Zeitverhältnissen nicht mehr aushalten. Man sollte glauben, daß dies in einer Zeit, welche die Bestrebungen des Zionismus kennt, nicht als etwas besonders Auffälliges gelten sollte. Wichtig ist aber, was sich nun für Homunkulus daraus ergibt: er wird von den Juden gekreuzigt, weil sie es nicht ertragen, mit ihm zusammen zu sein. Und besucht wird er, als er, allein, ans Kreuz gebunden da hängt, nur von Ahasver, dem ewigen Juden. Durch ihn wird er dann von seinen Banden erlöst, und so müssen sie nun zusammen weiterwandern, Homunkulus und Ahasver.
[ 43 ] Now comes a chapter for which Hamerling was severely criticized—Hamerling did not want to be counted among the anti-Semites; he strongly objected to this when, in the eighth canto of Homunkulus, he made the protagonist the leader of the Jews emigrating to Palestine, who could no longer bear to live here under current circumstances. One might think that, in an era familiar with the aspirations of Zionism, this should not be considered particularly striking. What is important, however, is what this means for Homunkulus: he is crucified by the Jews because they cannot bear to be with him. And when he hangs there alone, bound to the cross, his only visitor is Ahasver, the eternal Jew. Through him, he is then freed from his bonds, and so they must now continue their journey together, Homunkulus and Ahasver.
[ 44 ] Homunkulus hat zwar das, was er glaubt aus der modernen Wissenschaft gewonnen zu haben, bis zu den letzten Konsequenzen gedacht. Aber, und auch das sollvorkommen bei Leuten, die sich mit Weltanschauungsfragen beschäftigen, er hat sich nicht eigentlich so recht mit der wirklichen Wissenschaft befaßt. Jetzt beginnt er, sich mit wissenschaftlichen Problemen zu beschäftigen. Da gelingt es ihm in der Tat einen Versuch zu machen: einen großen Teil der Menschheit für eine Idee zu gewinnen, die zuerst aufgetreten ist beim Philosophen des Unbewußten aus dem Pessimismus heraus, der in gewissem Sinne auch ein Homunkulismus ist: aus Eduard von Hartmanns pessimistischer Philosophie heraus. Es wissen ja heute nicht mehr sehr viele, was der Pessimismus den Menschen zu verkünden hat: Oh, die Welt ist schlecht, so schlecht wie möglich, und am besten ist es, aus dieser schlechten Welt wieder herauszukommen. Dazu ist notwendig, daß man sich klar ist: durch den Willen ist die Welt entstanden, und wenn alle Menschen den Willensentschluß fassen, das Dasein aufzuheben, so wird durch die Einheit aller Willensentschlüsse wieder die Welt und das Leben aufgehoben. Eduard von Hartmann beschreibt es ausführlich, wie es möglich wäre, die Menschheit aus der Welt zu schaffen durch einen einigen Willen. — Homunkulus gründet unter diesem Gesichtspunkte eine Gesellschaft, nicht nur von Menschen, auch von Tieren. Es werden Kongresse abgehalten, Reden gehalten und so weiter. Zum Schlusse kommt es wirklich dahin, daß der Zeitpunkt festgesetzt wird, an welchem bei allen Menschen zugleich der Entschluß gefaßt werden soll: « Jetzt willst du nicht mehr sein!» Und selbst die Erde soll dabei zugrunde gehen. Alle sind sich einig; der Tag, die Stunde kommt heran, aber, nur die Sonne hält es auf. Was war geschehen? Homunkulus und Lurley hatten sich ein Kind gewünscht, konnten es aber in Eldorado nicht bekommen. Daher nahmen sie von den dort lebenden Urmenschen zwei Kinder an: Eldo und Dora wurden sie genannt. Aber diese beiden konnten sich nicht hineinfinden in das Homunkeltum. Und jetzt, als an dem festgesetzten Tag alle Menschen zur Ausführung des Entschlusses zusammenkommen, und Eldo und Dora nach langer Trennung sich wiedersehen, da verlieben sie sich, aber, sie kommen dadurch zu spät. Sie fehlten an der ganzen Menschheit bei der Willensvereinigung, und alle Anstrengungen waren umsonst. Und Homunkulus selbst hat die herangezogen, die seinen Entschluß zunichte machen! Oh, der Homunkulismus wird schon auf die mannigfaltigste Weise aus sich selbst heraus die «Eldo und Dora» erzeugen, die zu spät kommen werden, wenn der Homunkulismus die letzten Konsequenzen ziehen will! Dann wird die Sonne des Geisteslebens, der geistigen Wissenschaft aufgehen!
[ 44 ] Homunkulus has, admittedly, taken what he believes he has gleaned from modern science and thought it through to its ultimate consequences. But—and this, too, is to be expected of people who concern themselves with questions of worldview—he has not really engaged with true science. Now he begins to grapple with scientific problems. In doing so, he actually succeeds in making an attempt: to win over a large portion of humanity to an idea that first emerged from the philosopher of the unconscious out of pessimism—which, in a certain sense, is also a form of homunculism—namely, from Eduard von Hartmann’s pessimistic philosophy. Not many people today know what pessimism has to say to humanity: Oh, the world is bad, as bad as it can be, and the best thing is to escape from this bad world. To do this, one must be clear about the following: the world came into being through the will, and if all people resolve to abolish existence, then through the unity of all these resolutions, the world and life will once again be abolished. Eduard von Hartmann describes in detail how it would be possible to eliminate humanity from the world through a single will. — From this perspective, Homunkulus founds a society, not only of humans but also of animals. Congresses are held, speeches are given, and so on. In the end, it actually comes to the point where a specific moment is set at which all people are to make the decision simultaneously: “Now you no longer wish to exist!” And even the Earth is to perish in the process. Everyone is in agreement; the day, the hour draws near, but the sun alone holds it back. What had happened? Homunkulus and Lurley had wished for a child but were unable to have one in Eldorado. Therefore, they adopted two children from the primitive people living there: they were named Eldo and Dora. But these two could not adapt to the way of the homunculi. And now, as all of humanity gathers on the appointed day to carry out the resolution, and Eldo and Dora see each other again after a long separation, they fall in love—but because of this, they arrive too late. They were absent from the collective will of all humanity, and all efforts were in vain. And Homunkulus himself has drawn near those who will thwart his plan! Oh, Homunkulism will, of its own accord and in the most manifold ways, produce its own “Eldo and Dora,” who will arrive too late when Homunkulism seeks to draw its final conclusions! Then the sun of spiritual life, of spiritual science, will rise!
[ 45 ] Aber etwas muß aus seiner Wissenschaft heraus Homunkulus zuletzt erreichen. Er baut, nachdem er alle Naturkräfte durchforscht hat, ein Riesenfernrohr, durch das er in die weitesten Gebiete der Welt sehen kann, das alles ins Riesenhafte vergrößert, wodurch die moderne Weltanschauung groß geworden. Und neben diesem Riesenfernrohr konstruiert er ein Riesenhörrohr und ein Riesenriechrohr; und er baut außerdem, ja, was alles noch, was aus den mechanischen Kräften heraus gewonnen werden kann! Aus diesen mechanischen Kräften im allermodernsten Stile etwas zu bauen, unternimmt er: er baut ein Riesenluftschiff. Ich bemerke noch einmal: im Jahre 1887 ist die Geschichte des lenkbaren Luftschiffes durch Robert Hamerling in seinem Homunkulus geschrieben! Und auf diesem lenkbaren Luftschiff begibt sich Homunkulus aus der Erdensphäre heraus. Und er kann auf seinem Luftschiff schneller dahinsausen, als das Licht geht. Aber zufrieden ist er nicht mit dem, was er alles kann: er kann auf seinem Luftschiff im Weltenraum herumfahren, kann hinaussehen mit seinem Riesenfernrohr in die Welt der Sterne, kann hinaushören mit seinem Riesenhörrohr auf die Erde, und er spricht durch ein Riesensprachrohr herunter zu den Menschen, und saust so herum. Da kommt er auf seiner Fahrt in eine Gewitterwolke, es schlägt der Blitz in sein Luftschiff ein, die Ruder, die Motore kann er nicht vernichten, aber die Steuerkraft vernichtet er! So ist Homunkulus jetzt mit seinem Luftfahrzeug den Elementarkräften übergeben. Nur eines kann er noch mitnehmen: Als er einmal noch an die Erde herankommt, entdeckt er den Leichnam der Lurley und führte sie auch auf seinem lenkbaren Riesenluftschiff mit. — So kann Hamerling sein Epos mit den Worten schließen:
[ 45 ] But in the end, the homunculus must achieve something through his science. After having explored all the forces of nature, he builds a giant telescope through which he can see into the farthest reaches of the world—a telescope that magnifies everything to gigantic proportions, thereby giving rise to the modern worldview. And alongside this giant telescope, he constructs a giant ear trumpet and a giant nose trumpet; and he also builds—indeed, everything else that can be derived from mechanical forces! He sets out to build something from these mechanical forces in the most modern style: he builds a giant airship. I’ll note once more: in 1887, the story of the steerable airship was written by Robert Hamerling in his Homunkulus! And aboard this steerable airship, Homunkulus sets out beyond the Earth’s sphere. And he can zoom along in his airship faster than the speed of light. But he is not satisfied with all that he can do: he can travel through outer space in his airship, peer out into the world of the stars with his giant telescope, listen in on Earth with his giant listening tube, and speak down to the people through a giant megaphone, whizzing about like this. Then, during his journey, he flies into a thundercloud; lightning strikes his airship. He cannot destroy the rudders or the engines, but he does destroy the steering mechanism! And so Homunkulus is now at the mercy of the elemental forces in his airship. There is only one thing he can still take with him: When he approaches Earth one last time, he discovers Lurley’s corpse and takes her along on his steerable giant airship. — Thus, Hamerling can conclude his epic with the words:
Wem nicht die Natur, die heil’ge,
Die geheimnisvolle Mutter,
Gab das Leben durch die Liebe,
Gab das Leben in der Liebe,
Dem verweigert auch den Tod sie,
Und den schönsten Tod vor allem,
Das Ersterben in der Liebe
Und kein Grab der sel’gen Ruhe,
Keine Stätte ew’gen Friedens
Hat für ihn das weite Weltall.Wer vermag zu sagen, wo
Und wie lang’ mit dem Homunkel
Und der Nixe, die gesellt ihm,
Das verkohlte Riesenluftschiff
In der ehernen Gesetze,
In des Stoffs, der Kräfte Wirbel
Auf den schrankenlosen Bahnen
Jagt das waltende Verhängnis?
Sonntagskinder noch erblicken
Manchesmal in Sternennächten
Jenes Wrack als dunklen Irrstern
Hoch in unermess’ner Ferne,
Und das Schicksal ahnen schaudernd
Sie des ewig Ruhelosen.
To whom Nature, the sacred one,
The mysterious Mother,
Did not give life through love,
Did not give life in love,
To him she also denies death,
And above all, the most beautiful death,
To die in love
And no grave of blissful rest,
No place of eternal peace
Does the vast universe hold for him.Who can say where
And for how long, with the homunculus
And the mermaid who keeps him company,
The charred giant airship
Within the iron laws,
In the whirlwind of matter and forces
On boundless paths
Does the reigning fate chase?
Even children of Sunday
Sometimes on starry nights
Behold that wreck as a dark wandering star
High in immeasurable distance,
And, shuddering, they sense the fate
Of the eternally restless one.
[ 46 ] So hat Hamerling auf seine Art gezeigt, daß das, was der Homunkulismus ausdenkt, nicht der Welt angehören kann, in der die menschliche Seele, die von Leben zu Leben waltet, lebt, sondern nur den rein mechanischen Kräften. Und fortgerissen von den mechanischen Naturkräften wird der Hamerlingsche Homunkulus. Für den Dichter durfte sich diese Idee in der Tat hinstellen, die Idee: daß der moderne Mensch, der sich sein rein natürliches Menschheitsideal ausbildet, eigentlich nur das in sich anschaut, was in Wirklichkeit eine Abstraktion, ein Unwirkliches ist und den rein natürlichen Elementen angehört. Das meint auch Hamerling, wie es Goethe gesagt hat, wo sich der Homunkulus in die Elemente auflöst:
[ 46 ] Thus Hamerling has shown, in his own way, that what homunculism conceives cannot belong to the world in which the human soul—which reigns from life to life—lives, but only to purely mechanical forces. And Hamerling’s homunculus is swept away by these mechanical forces of nature. For the poet, this idea could indeed take shape—the idea that modern man, who forms his purely natural ideal of humanity, is in fact only looking within himself at what is in reality an abstraction, something unreal, and belongs to the purely natural elements. This is also what Hamerling means, as Goethe put it, when the homunculus dissolves into the elements:
Heil den mildgewognen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element’ ihr alle vier!
Hail to the gentle breezes!
Hail to the mysterious tombs!
Here you are all celebrated,
all four elements!
[ 47 ] Während aber der Goethesche Homunkulus seine Kräfte beisteuert zur Menschwerdung der Helena, muß der Homunkulus Hamerlings als ein seelenloses Wesen, als der Repräsentant desjenigen Menschheitsideales, das die Seele leugnet, aufgehen in die Elemente des Kosmos.
[ 47 ] But while Goethe’s homunculus contributes his powers to Helena’s transformation into a human being, Hamerling’s homunculus—as a soulless being, as the representative of that ideal of humanity that denies the soul—must dissolve into the elements of the cosmos.
[ 48 ] Man darf schon sagen: Hamerling hatte die Absicht — ob er es erreicht hat oder nicht, das zu beurteilen überlasse ich andern — jener modernen Gesinnung, die vom Geiste nichts wissen will und sich ein vom Geiste entblößtes Menschheitsideal hinzaubert, das Spiegelbild vorzuhalten. Ob das Spiegelbild auch erkannt wird, ist eine andere Frage. Aber es ist ja etwas, was in der physischen Natur nicht wirklich ist, was also mit Recht diejenigen leugnen können, die es gerade aufstellen. Merkwürdiges Verhängnis! Goethe löst ein wenig das Rätsel. Er erinnert an das andere Wort: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» Der Wagner, der in seiner Retorte den Homunkulus erzeugt, merkt auch nicht den, der ihn eigentlich erzeugt: den Teufel. Denn Mephistopheles ist es, der die geistigen Kräfte hineinbringt. Von dem «Vater aller Hindernisse» ist es eingegeben, was ein Produkt der modernen Wissenschaft ist, was der Materialismus als den modernen Menschen hinstellen will.
[ 48 ] It is fair to say that Hamerling intended—whether he succeeded or not, I leave to others to judge—to hold up a mirror to that modern mindset that wants nothing to do with the spirit and conjures up an ideal of humanity stripped of the spirit. Whether this mirror image is actually recognized is another question. But it is, after all, something that does not truly exist in the physical world—and which, therefore, those who are currently constructing it can rightly deny. What a strange twist of fate! Goethe goes some way toward solving the riddle. He recalls the other saying: “The little people never sense the devil, even if he had them by the collar.” Wagner, who creates the homunculus in his retort, also fails to notice the one who actually creates him: the devil. For it is Mephistopheles who infuses the spiritual forces into him. It is the “Father of All Obstacles” who inspires what is a product of modern science—what materialism seeks to present as modern man.
[ 49 ] Ein drittes Mal noch habe ich vom Homunkulus gelesen. Ich sage es mit verschämtem Zagen, will aber doch vor einer Bemerkung nicht zurückschrecken, die sich mir schon einmal aufgedrängt hat. Ich las ein Buch des gelehrten Nationalökonomen Werner Sombart, das den modernen Wirtschaftsmenschen schildert. Lesen Sie das Schlußkapitel über den Bourgeois; es ist sehr interessant geschrieben; und zuletzt tritt heraus der moderne Wirtschaftsmensch, der erfaßt wird von den Kräften, die im modernen Wirtschaftsleben walten, der wie mit Fangarmen von ihnen erfaßt wird, der von Unternehmen zu Unternehmen getrieben wird. Das Letzte, sagt Sombart, hat er noch verloren: die Religion. «Religion ist zum Geschäft geworden.» Da steckt der moderne Mensch, man merkt ihn förmlich, in der Sombartschen Menschheit drinnen. Wer etwas davon weiß, wird sagen müssen: Ist er denn nicht da, schildern ihn nicht die Nationalökonomen?
[ 49 ] I have read about the homunculus a third time. I say this with bashful hesitation, but I do not wish to shy away from a remark that has already occurred to me once before. I read a book by the learned economist Werner Sombart that describes the modern economic man. Read the final chapter on the bourgeois; it is written in a very interesting way; and in the end, the modern economic man emerges—one who is gripped by the forces that govern modern economic life, who is seized by them as if by tentacles, who is driven from one enterprise to the next. The last thing, says Sombart, that he has lost is religion. “Religion has become a business.” There lies modern man—you can literally sense him—within Sombart’s conception of humanity. Anyone familiar with the subject will have to admit: Isn’t he there, after all? Don’t the economists describe him?
[ 50 ] So geht aus allem hervor, wie durch die lebendige Erfassung des geistigen Lebens der Homunkulismus überwunden werden soll. Wie der Homunkulismus vieles nicht sehen kann, so sieht er auch nicht, wozu ihn seine eigenen Kräfte führen. Die Dichter versuchten es darzustellen, und die Geisteswissenschaft fühlt sich durchaus im Einklange mit solchen Poeten, die aus ihrer Ahnung heraus das erfühlten, was die Geisteswissenschaft neu begründen muß. Was die Geisteswissenschaft dem Menschen als Lebensgut sein kann, wie sie ihn ergreifen kann, wie sie seine Seele erfassen kann, wie sie der einzig wahre, der einzig echte Überwinder alles Homunkulismus ist, das soll im nächsten Vortrage dargestellt werden. Heute wollte ich eben zur Anschauung bringen, wie das, was in den Verhältnissen der Gegenwart als Homunkulismus in mancherlei Strömungen unserer Zeit waltet, durchaus auch von Geistern, die mit offenen Augen und offenen Sinnen geschaut haben, erkannt worden ist.
[ 50 ] Thus, it becomes clear from all this how homunculism is to be overcome through a living grasp of spiritual life. Just as homunculism is blind to many things, so too is it blind to where its own powers are leading it. Poets have attempted to depict this, and spiritual science feels entirely in harmony with those poets who, out of their intuition, sensed what spiritual science must now reestablish. What spiritual science can offer humanity as a source of life, how it can move people, how it can touch their souls, and how it is the only true, the only genuine conqueror of all homunculism—these are the topics to be addressed in the next lecture. Today I simply wanted to illustrate how what prevails in the circumstances of the present as “homunculism” in various currents of our time has certainly also been recognized by spirits who have observed with open eyes and open senses.
[ 51 ] Ich glaube, man wird Hamerling verstehen auf dem Boden der Geisteswissenschaft; man wird gerade die letzten Worte, die ich mir schon anzuführen erlaubte, verstehen:
[ 51 ] I believe that Hamerling can be understood from the perspective of the science of the spirit; in particular, one will understand the very last words that I have already taken the liberty of quoting:
Wer vermag zu sagen, wo
Und wie lang’ mit dem Homunkel
Und der Nize, die gesellt ihm,
Das verkohlte Riesenluftschiff
In der ehernen Gesetze,
In des Stofts, der Kräfte Wirbel
Auf den schrankenlosen Bahnen
Jagt das waltende Verhängnis?
Sonntagskinder noch erblicken
Manchesmal in Sternennächten
Jenes Wrack als dunklen Irrstern
Hoch in unermess’ner Ferne,
Und das Schicksal ahnen schaudernd
Sie des ewig Ruhelosen.
Who can say where
And for how long, with the homunculus
And Nize, who keeps him company,
The charred giant airship
Amid the iron laws,
Amid the whirlwind of matter and forces
On boundless paths
Does the reigning fate chase?
Children of Sunday still catch a glimpse
Sometimes on starry nights
Of that wreck as a dark, wandering star
High in immeasurable distance,
And, shuddering, they sense the fate
Of the eternally restless one.
[ 52 ] Aber vielleicht darf man auch diesem Ausspruch gegenüber ein recht weit bekanntes Wort zur Geltung bringen: Warum mit dem Auge des Sonntagskindes in die Weiten des Weltalls blicken, um das Wrack des Riesenluftschiffes aufzusuchen? Der «Munkel» liegt so nahe, es kann ihn Sombart sogar schildern! Er liegt dem modernen Menschen ganz nahe, und zu hoffen ist nur, daß recht viele ahnende und sehende Seelen in dieser Beziehung durch die Geisteswissenschaft ein wenig Sonntagskinder werden, daß sie den ganz nahen, man möchte sagen, in unsere Zeitbildung eingebetteten Homunkulismus, das Wrack einer nur mit natürlichen Kräften genährten Weltanschauung, sehen. Und immer mehr und mehr solcher Sonntagskinder, durch die Geisteswissenschaft zu Sonntagskindern gewordene Menschen, wird es geben. Und was auch, der Ausdruck sei mir verziehen, der Homunkulismus gegen die Geisteswissenschaft wird vorbringen können: die Geisteswissenschaft wird der Menschheit das geben, was sie, wenn sie sich immer besser und besser verstehen lernen wird, doch nicht entbehren kann, wonach sie lechzen und worauf sie hoffen muß: die Seele, und mit der Seele das geistige Leben, wonach heute schon viele verlangen. Daher braucht man um die Zukunft der Geisteswissenschaft nicht besorgt sein.
[ 52 ] But perhaps one might also apply a rather well-known saying to this statement: Why gaze into the vastness of the universe with the eyes of a Sunday child in search of the wreckage of the giant airship? The “Munkel” is so close at hand that Sombart can even describe it! It lies very close to modern humanity, and one can only hope that quite a few intuitive and perceptive souls will, in this regard, become a little like “Sunday children” through spiritual science—that they will see the homunculism that is so close at hand, one might say embedded in our contemporary worldview—the wreckage of a worldview nourished solely by natural forces. And there will be more and more of such “Sunday children”—people who have become “Sunday children” through spiritual science. And no matter what—forgive me for the expression—homunculism may bring up against spiritual science, spiritual science will give humanity what it, as it learns to understand itself better and better, simply cannot do without, what it yearns for and must hope for: the soul, and with the soul, spiritual life, which many are already longing for today. Therefore, there is no need to worry about the future of the science of the spirit.
[ 53 ] Von dieser Unbesorgtheit und von der Hoffnung der Geisteswissenschaft für die Zukunft soll im letzten dieser Wintervorträge gesprochen werden.
[ 53 ] This final lecture in the winter lecture series will address this sense of confidence and the hope that the humanities hold for the future.
