Geisteswissenschaft als Lebensgut
GA 63
26 März 1914, Berlin
11. Homunkulus
[ 1 ] Wie die Geisteswissenschaft in dem hier gemeinten Sinne sich hineinstellen will in das Geistes- und in das ganze Kulturleben der Gegenwart, das ist des öfteren hier angedeutet worden. Auch von dem, was sie den Menschen sein und bringen kann, ist öfters gesprochen worden, und das wird ausführlich im letzten Vortrage dargestellt werden. Es ist auch im Verlaufe dieser Wintervorträge immer wieder darauf hingewiesen worden, wie es begreiflich ist, daß auf der einen Seite zahlreiche Seelen der Gegenwart, vielleicht mehr als sie es schon wissen, aus ihrem tiefsten Empfinden heraus, man möchte sagen, aus ihren unterbewußten Seelenkräften heraus nach dieser Geisteswissenschaft wie instinktiv streben; und auf der andern Seite ist es ebenso begreiflich, daß aus der allgemeinen Geistesbildung unserer Zeit heraus sich Gegnerschaft über Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft ergibt. Es sind dem Geistesforscher auch die gegen sie gemachten Einwände, obgleich sie auf Vorurteilen beruhen, begreiflich, ja sogar selbstverständlich. Auch das ist öfter betont worden. Aber nicht zum geringsten Teil hängt die ganze Stellung unserer Zeitkultur zu einer möglichen Geisteswissenschaft davon ab, daß man nicht einsehen will, wie diese Geisteswissenschaft, wenigstens so wie sie in diesen Vorträgen gemeint ist, im Grunde genommen alle andern Weltanschauungen verstehen, begreifen und die Gründe, die von dieser oder jener Seite gegen sie vorgebracht werden, in ihrem Gehalt, in ihrer Bedeutung voll würdigen kann. Es ist aufmerksam gemacht worden, wie die Geisteswissenschaft der große Kreis sein will, der die menschliche Erkenntnis erweitert über alle in unser Leben hereinleuchtenden Gebiete, und wie alle andern Weltanschauungen kleine Kreise innerhalb dieses großen Kreises sind, die daher selbstverständlich von ihren Standpunkten aus glauben Recht zu haben. Die Geisteswissenschaft ist meistens in der Lage, in bezug auf das, was diese Weltanschauungen Positives vorbringen, Ja zu sagen. Das kann man aber von andern Weltanschauungen aus, die in der Gegenwart geltend gemacht werden, allerdings nicht im gleichen Sinne sagen. Denn gerade auf den Standpunkt wird man sich nicht stellen: dieses oder jenes — sei es für den Materialismus, sei es für den Spiritualismus, für den Realismus vorzubringen, sei als ein in einer gewissen Beziehung Einseitiges zu betrachten, und erst in dem Hinausgehen über diese Einseitigkeit bestehe die Möglichkeit, eine den Menschen befriedigende Erkenntnis zu gewinnen. Auf ihrem Gebiete ist oftmals diejenige Weltanschauung, die als die einseitige erscheinen muß, voll berechtigt, so berechtigt, daß sie an ihrem Platze Wahrheiten hervorzubringen, aufzudecken, zu entdecken vermag. Die Geisteswissenschaft kann nur nicht dabei stehen bleiben, diese Wahrheiten als etwas Allumfassendes anzuerkennen, sondern sie muß dazu übergehen, sie an ihren richtigen Ort zu stellen. So haben wir es insbesondere auf geisteswissenschaftlichem Gebiete mit der Gegnerschaft derjenigen Weltanschauung zu tun, die sich, nach ihrer Anschauung, eben fest auf dem Boden der modernen Wissenschaft glaubt, und die von ihrem Gesichtspunkte aus in der Geisteswissenschaft vielfach nichts anderes sehen muß, ich sage ausdrücklich: sehen muß, als Phantastereien und Träumereien. Um von anderem abzusehen, sei eine Form von Weltanschauung herausgegriffen, die sich sicher glaubt, indem sie vorgibt — und dies in begreiflicher Weise von ihrem Gesichtspunkte aus auch tun muß —, auf dem festen Boden strenger wissenschaftlicher Methodik zu stehen. Ich will diese Weltanschauung, ich möchte sagen, für unsere Zeit, ein wenig radikal charakterisieren, die Weltanschauung, welche da sagt: Wenn wir den Menschen ins Auge fassen wollen, müssen wir, wenn wir auf dem Boden der Wissenschaft bleiben, reflektieren auf die physischen, chemischen und mineralischen Kräfte und Stoffe, die ihn zusammensetzen; und wir müssen uns klar sein, daß, wie irgendein anderes Wesen nach den Gesetzen der Natur zusammengesetzt ist, auch der Mensch, als die Krone der Schöpfung, auferbaut ist.
[ 2 ] Und so meint diese Weltanschauung: wenn es ihr einmal gelungen sein wird, alle die natürlichen Gesetze und Stoffe kennenzulernen, die im menschlichen Nervensystem bis in die feinsten Vorgänge des Gehirnes herauf walten, dann wird es auch, soweit es wissenschaftlich möglich ist, klar sein, wie aus den in Naturgesetze eingespannten Vorgängen hervorgehen menschliches Denken, menschliches Fühlen, menschliches Wollen. Den Menschen rein naturwissenschaftlich zu begreifen, ist ein Ideal, will man es einseitig festhalten: ein berechtigtes Ideal dieser Weltanschauung.
[ 3 ] Ich weiß, daß ich, indem ich eben etwas radikal dieses Ideal geschildert habe, zwar den Widerspruch hervorrufen muß von manchem etwas ernster und mit mehr wissenschaftlicher Würde vorgehenden Forscher, als man noch vor kurzem bemerken konnte, von Forschern, welche gewiß heute schon sagen: Von jener mehr materialistischen Weltanschauungsgesinnung sei man abgekommen, die da glaubt, wenn der Mensch rein nach den äußeren Naturvorgängen begriffen ist, dann sei er in seiner Ganzheit begriffen. Allein nicht darauf kommt es an, daß da oder dort schon zugegeben wird, daß man den Menschen nicht begriffen hat, wenn man die rein natürlichen Vorgänge kennt, die in seinem Nervensystem bis ins Gehirn herauf vorgehen; sondern darauf kommt es an, daß trotz dieses Bewußtseins selbst in den wissenschaftlichen Methoden auch der philosophisch denkenden Zeitgenossen nichts anderes waltet als die Anschauung, die sich auf diese natürlichen Vorgänge stellt. Denn man wird eben heute noch in den weitesten Kreisen, die glauben auf wissenschaftlicher Grundlage aufzubauen, eine Anschauung abweisen, wie sie hier als Geisteswissenschaft gemeint ist.
[ 4 ] Diese Anschauung der Geisteswissenschaft wird aus ihren Forschungsresultaten heraus streng zugeben müssen, daß mit all dem Denken, mit all dem Forschen, das durch seine natürliche Beschaffenheit geeignet ist, Vorgänge der Sinneswelt zu überschauen und dieselben bis hinein in die Vorgänge des Nervensystemes zu beschreiben und mit diesen zu überschauen, doch nichts anderes gefunden werden könnte als der rein natürliche Mensch; daß aber in diesem rein natürlichen Menschen wie in einer Hülle dasjenige waltet, was wir kennengelernt haben als übergehend von Erdenleben zu Erdenleben, was nach jedem Erdenleben ein Dasein in einer rein geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, wie ich es das letzte Mal hier darzustellen wagte. Die Geisteswissenschaft muß, sagte ich, sich klar sein, daß dies, was so ewig in der menschlichen Natur waltet, für alle Philosophie, die sich nur an die für die natürliche Anschauung geeigneten Kräfte wenden will, verborgen bleiben muß; daß dieses Ewige in der menschlichen Natur nur erforscht werden kann mit Kräften, von denen hier öfter gesprochen worden ist, mit den Kräften, die in einer innerlichen Entwickelung errungen werden, wie es genauer beschrieben ist in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber selbst Philosophen, die heute die Notwendigkeit des geistigen Lebens betonen, ja, selbst der Philosoph, der auf so sonderbare Weise berühmt geworden ist, Rudolf Eucken, der in einer feuilletonistisch gehaltenen Philosophie immer wieder und wieder vom «Geiste» spricht, er wird sich da, wo er vom Geiste spricht, auch nur auf das beschränken, was der natürliche Mensch ist; und nirgends verrät er, daß er eine Empfindung dafür hat, daß Geist und Geisteswelt nur mit den Geisteskräften erforscht werden können, die aus der Seele erst durch bestimmte geisteswissenschaftliche Methoden hervorgeholt werden müssen.
[ 5 ] Nun ist die Geisteswissenschaft nicht der Gegner solcher naturwissenschaftlicher Anschauungen, auch nicht der Gegner solcher philosophischer Weltanschauungen, sondern sie muß diese nur in ihre Grenzen weisen, muß zeigen, was sie vermögen und was sie darstellen können. In bezug auf diese Stellung der Geisteswissenschaft zu den andern Weltanschauungen ist auch hier immer wieder und wieder betont worden, daß sich die Geisteswissenschaft im Einklange fühlt mit denjenigen Geistern der Menschheitsentwickelung, die zwar noch nicht Geisteswissenschaft hatten, denn Geisteswissenschaft kann nur ein Produkt unserer Zeit sein, die aber trotzdem, weil sie aus ihrem tiefsten seelischen Empfinden und Fühlen heraus eine gründliche Ahnung von der Wahrheit hatten, in einer klaren, verständlichen Art sprachen, wo sie diese Ahnung zum Ausdruck brachten, so daß sich die Geisteswissenschaft mit ihnen im Einklange fühlen kann.
[ 6 ] Wie das mit Bezug auf zwei Geister des neunzehnten Jahrhunderts der Fall ist, davon möchte ich heute zu Ihnen sprechen, damit gleichsam diesen Vortrag in die Reihe der diesjährigen Vorträge einfügend, möchte es zeigen an Goethe und an Robert Hamerling, an Goethe, dem Allbekannten, und an Hamerling, dem trotz seiner weiten Verbreitung vor kurzem noch wenig Bekannten. Und zwar möchte ich sprechen über ein Problem, das sich wie aus einem tiefen geisteswissenschaftlichen Fühlen heraus, aber dabei echt dichterisch, die beiden Poeten gestellt haben, und ich möchte zuerst die geisteswissenschaftliche Färbung dieses Problems betonen.
[ 7 ] Ich möchte sagen: Könnte nicht einmal in einem Kopfe der Gedanke aufkeimen: was wird denn dann eigentlich, wenn man sich eine Form, eine Gestalt des Menschen ausbildet, welche so recht im Sinne einer rein natürlichen Denkweise gehalten ist, wenn man sich den Menschen als eine Wesenheit in der Weise ausdenkt, daß man zu diesem Gedanken nichts von dem zu Hilfe nimmt, was man erkennen kann, wenn man auf die tiefer in der Menschenseele liegenden, auf die ewigen Kräfte in der Menschenseele reflektiert? Welches Bild entsteht, wenn man gleichsam nur ausdenkt: Wir haben die Kräfte und Stoffe, die wir kennen — wir kennen sie vielleicht noch nicht alle, aber das Ideal der Naturwissenschaft geht dahin, sie alle kennenzulernen und in ihrer Wirkungsweise zu beobachten —, wir haben die Naturgesetze und versuchen uns den Menschen so zu denken, wie er sich im Bilde ergeben könnte, wenn man nichts zu Hilfe nähme als die natürlichen Kräfte und Stoffe und die Naturgesetze?
[ 8 ] Der Geisteswissenschafter kann ein solches Bild nur beurteilen von dem Standpunkte aus, der hier oft betont worden ist. Wenn man die in der Seele schllummernden Kräfte entwickelt zu geistigen Schauen, so gelangt man dazu, sich in der Seele zu erleben, so daß man in einer Art sich erlebt und in einer Art erkennt, wie diese zu entwickelnden Fähigkeiten der Seele nicht gebunden sind an die Sinne und auch nicht an die Kräfte des Gehirns. Man erlebt auf diese Weise, daß man wirklich mit der Seele außerhalb seiner Sinneswerkzeuge, außerhalb des Gehirns, des Leibes ist, ja, alles was an den Leib gebunden ist, wie ein äußeres Objekt vor sich hat. Das, worin man sonst immer wohnt, was man sonst als zu seinem Ich gehörig ansieht, seinen Leib: man hat ihn in der geistigen Forschung so vor sich, wie ich jetzt den Tisch vor mir habe. Aber auch das eigene Geschick, insofern es sich in der äußeren Welt abspielt, hat man vor sich. Man ist ein neuer Mensch geworden, dem gegenüber dasjenige, was man vorher war, objektiv geworden ist und außerhalb seiner ist. — Wenn man so nun außerhalb seines Menschenleibes stehend den Menschen betrachtet, erlangt man die Möglichkeit zu beurteilen: wieviel hat das Geltung, was man als Menschenbild sich ausdenken kann mit bloß natürlichen Substanzen, natürlichen Gesetzen und Fähigkeiten? Und man gelangt zu der Einsicht: Oh, dieses Bild ist keineswegs irreal, sondern es stellt etwas sehr Reales dar; aber für den Menschen ist es in der Sinneswelt gar nicht einmal wirklich, sondern es ist ein Glied, ein Teil der menschlichen Wesenheit, es durchdringt und durchkraftet den Menschen.
[ 9 ] Diejenigen der verehrten Zuhörer, die sich an den gewagten Versuch von vor acht Tagen erinnern, werden gehört haben, wie die Menschenseele, nachdem sie das rein geistige Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchgemacht hat, mit den in diesem Leben entwickelten Kräften wieder hereintritt in das Erdenleben, wie sie hingezogen wird zu einem Elternpaar, wie sie sich hineinfügt in das, was man die vererbten Kräfte, die von Vater und Mutter, kurz, die aus der Vererbungsströmung herkommenden Kräfte nennen kann. Aber der Geistesforscher wird aufmerksam dabei, daß das, was sich da als Menschenseele gleichsam niedersenkt zu einer neuen Erdenverkörperung, sich umhüllen muß, sich einkleiden muß während des Eindringens in die physische Verkörperung in Kräfte, die gleichsam ein Extrakt der ganzen physischen Natur sind. Bevor das Menschenwesen, das ewige Menschenwesen, zu seiner Verkörperung eilt, muß es gleichsam aus der geistigen Substanz Kräfte heranziehen, Geistessubstanzen heranziehen, durch die es das Bild verfestigt, welches es sich rein geistig wie ein Urbild für die nächste Verkörperung ausgebildet hat und das sich dann physisch verkörpern will innerhalb der Vererbungslinie. Wir können sagen: Es stellt sich bei der menschlichen Wiederverkörperung ein Zwischenglied hinein zwischen das rein Geistige, das da waltet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dasjenige, was dann in der physischen Welt als Mensch vor uns steht. In diesem, was da in der physischen Welt als Mensch vor uns steht, haben wir eben das, was von Vater und Mutter abstammt, und dasjenige, was aus den früheren Erdenverkörperungen herkommt, das Geistig-Seelische. Aber dazwischen ist, man möchte sagen, ein rein ätherischer Mensch, ein geistiger Mensch noch, der übersinnlich, unsichtbar ist, der aber in sich die Kräfte enthält, die wie ein Extrakt des ganzen physischen Weltgeschehens sind. Merkwürdig ist es: wenn der Mensch sich auf dem festen Boden der Naturwissenschaft glaubt und ein Menschenbild sich ausformt nach natürlichen Substanzen, nach natürlichen Kräften und Gesetzen, dann gelangt er zu einem Bilde, das in diesem physischen Menschen, der ja auch die ewige Seele enthält, gar nicht wirklich ist, das ein Abstraktum ist, eine bloße Abstraktion, das aber waltet und webt in diesem physischen Menschen, das aber auch das ist, in welches sich der
[ 10 ] Mensch einkleidet, bevor er zur physischen Verkörperung herunterkommt. Was der Mensch dem ewigen geistigen Leben entreißt und hineinzwängt in das zwischen Geburt und Tod verlaufende Erdenleben, das in uns, was uns zwingt, nach und nach vom Sterben unseres irdischen Lebens zu reden, was in uns waltet zwischen Geburt und Tod, herausgerissen aus den geistigen Welten, was selber geistig ist, aber uns aus dem Physischen heraushebt und dem Geiste übergibt: das ist ein reales Wesen für den Geistesforscher, nur ist es nicht sichtbar, es ist nur für höheres Schauen zu ergründen.
[ 11 ] So entsteht die merkwürdige Tatsache, daß diejenigen nicht ganz Unrecht haben, welche glauben materialistisch oder monistisch richtig zu denken, indem sie sich rein nach natürlichen Gesetzen ein phantastisches Bild des Menschen formen, das rein nach natürlichen Kräften aufgebaut ist, das für den Menschen Bedeutung hat zwischen Geburt und Tod, und das während des Erdenlebens bewirkt, daß die Seele gleichsam ihr ganzes geistiges Leben vergißt. So aber, aus bloß natürlichen Stoffen gedacht und mit nur natürlichen Gesetzen durchsetzt, ist es nicht als Naturgebilde vorhanden, sondern es durchwirkt nur die menschliche Natur, es ist ein Zwischenglied zwischen dem äußeren und dem ewigen Menschen, der durch die physische Welt geht. Und als solches, man möchte sagen, «Übersinnlich-Sinnliches» hat Goethe dieses Gebilde angesehen, und er hat es als solches charakterisiert im zweiten Teile seiner Lebensdichtung, in seinem «Faust», als den Homunkulus. Und genau dasjenige, was Goethe mit seinem Homunkulus gemeint hat, baut phantastisch auf die materialistische oder, wie sie sich heute nennt, die monistische Weltanschauung als das Bild des Menschen. Dieses Bild des Menschen ist aber nicht in Wahrheit vorhanden. Es durchtränkt den Menschen; es ist das, was den Menschen seiner ewigen Bedeutung zwischen Geburt und Tod entkleidet und hereinkraftet in die physisch-sinnliche Natur. Diese letztere ist ein Drittes, was zu den beiden andern hinzukommt. Indem der materialistische Denker glaubt, mit seinem Bilde vom Menschen das Allerwirklichste vor uns hinzustellen, stellt er eine Abstraktion, stellt er ein Übersinnliches hin. Dieses Ideal des modernen Monismus, diesen Homunkulus, dieses, was der moderne Monismus als «Mensch» schildern möchte, das verwendet Goethe im zweiten Teil seines Faust zu einer ganz besonderen Mission. — Ich kann, damit der Vortrag nicht gar zu sehr in die Länge geht, diese Dinge nur kurz andeuten.
[ 12 ] Faust ist unter der Führung — oder durch die Verführung — des Mephistopheles durch das hindurchgegangen, was aus dem ersten Teile der Dichtung bekannt ist. Er hat alle Phasen des Erkenntnistriebes durchgemacht, hat alle Qualen des Erkenntnisstrebens kennengelernt, ist durchgegangen durch menschliche schwere Schuld, und im zweiten Teile der Dichtung stellt Goethe nun den Faust dar, wie er entrissen ist dem gewöhnlichen Vorstellen. Faust soll nicht die Möglichkeit gewinnen, in die Welt dadurch weiter einzudringen, daß er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, mit den alltäglichen Kräften seiner Seele sich wieder emporringt aus alledem, was seine Seele durchgemacht hat; sondern es wird uns eine Nacht, das heißt ein Entrücktsein von Fausts Bewußtsein im Beginn des zweiten Teiles der Dichtung vorgeführt, und aus den geistigen Welten heraus wird im Schlafbewußtsein in ihn hineinversenkt an Kräften, was ihm zwar nicht gleich klar zum Bewußtsein kommt, wovon aber Goethe andeutet, daß es in Fausts Seele wirksam sein wird, wo die ewigen Kräfte walten, damit Faust weiterkommen soll. Daher sprechen Geister in seinen Schlaf hinein, Ariel, und andere. Deshalb spürt er des «Lebens Pulse» wieder «frisch lebendig» schlagen, ist dem Leben zurückgegeben und kann wieder den Lebenskampf neu beginnen. — Ich will von allem übrigen absehen und nur anführen, daß von ihm verlangt wird, daß er das Bild von Paris und Helena heraufbeschwören soll, das Bild von Helena, der schönsten Frau. Faust bekommt selbst den Drang, Helena zu schauen; und man begreift es nach Goethes Schilderung, daß er selbst diesen Drang bekommt.
[ 13 ] Mephistopheles, was ist er für eine Gestalt? Er stellt sich neben Faust hin als das Geistwesen, das den Menschen halten will an der rein äußerlich-sinnlichen Welt, an dem natürlichen Dasein. Mephistopheles ist durchaus ein Geisteswesen, aber er ist dasjenige Wesen, das für den Menschen und vor dem Menschen die geistige Welt verneint. Von Mephistopheles muß Faust verlangen, er solle es ihm möglich machen, in diejenigen Gebiete des Daseins vorzudringen, wo das Ewig-Seelische der Helena waltet. Mephistopheles kann dem Faust nur den Schlüssel zu dieser Welt geben; denn es ist die Welt der Mütter, der urewigen Kräfte des geistigen Daseins, jener Welt, worin die ewigen seelisch-geistigen Mächte walten. Und jetzt entspinnt sich im zweiten Teil des «Faust» ein Gespräch, bei dem sich gegenüberstehen die wirklich geisteswissenschaftliche Gesinnung des Faust, und die Ablehnung dieser Gesinnung in Mephistopheles, der jene Welt, in die Faust eindringen will, als ein Nichts hinstellt. — Aber Faust entgegnet ihm: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden!» Es ist auch für Mephistopheles die Welt, in die Faust dringen will, ein Nichts. — Faust trifft in dem Reiche der Mütter die Urgestalt, das heißt das Ewige der Helena. Er bringt es herauf. Unreif ist er, sich dem gegenüberzustellen. Ich will nicht alles berühren, was sich noch abspielt, sondern nur dies eine: Faust ist nicht so geläutert, wie in solchem Streben die Kräfte geläutert sein müssen bei einem, der dem Geistigen wirklich gegenüberstehen will. Wie einer sinnlichen Erscheinung nähert er sich der Helena, und die Folge ist, daß er paralysiert wird durch Helena. Sein Bewußtsein wird ihm entrissen durch sein übersprudelndes Leidenschaftsleben. In der Paralyse entspringt sein Traum, der ihn hinführt in das Reich, wo Helena gelebt hat.
[ 14 ] Nun entstand für Goethe die große Frage: Wie kann das Leben des Faust dichterisch weitergeführt werden? Goethe war kein symbolischer Dichter; sondern er war ein realistischer Dichter, wenn auch ein geistig realistischer. Und es entstand in ihm die Frage: Faust muß der Helena gegenüberstehen können als Mensch, das heißt wie sie als Mensch lebte; sie muß also heruntersteigen in das Reich der Menschen, sie muß sich verkörpern, und Faust muß der Helena als Mensch gegenübertreten können: wie ist das zu machen, im geistig-realistischen Sinne zu machen?
[ 15 ] Da gedachte er jenes Studiums, das er früher gepflogen hatte; denn in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts schrieb er diese Szene. Aber das, was er in seiner Jugend an geistiger Wissenschaft studiert hatte, wirkte sich immer mehr und mehr aus. Daher ist der zweite Teil dieser Dichtung um so viel reifer, was ja allerdings bewirkt hat, daß manche Geister diesen zweiten Teil als ein jämmerliches Produkt des altgewordenen Goethe hingestellt haben, weil sie damit nichts anfangen konnten. Es war also für Goethe die Frage: Wie kann ich meine geisteswissenschaftlichen Studien verwerten, um Faust dahin zu bringen, wo das Geistige der Helena zu suchen ist? Da erinnerte er sich an das, was er bei Paracelsus gelesen hatte in dessem Werke «De generatione rerum»: an den «Homunkulus». Paracelsus gibt darin an, wie ein Bild eines rein natürlichen Menschen in dem vorgeschilderten Zustande hergestellt werden kann, so daß ihn der Mensch wirklich sehen kann. — Es würde zu weit führen, auf das einzugehen, was Paracelsus darstellt, schon deshalb, weil uns die Ausführungen des Paracelsus heute ganz und gar nicht genügen. Ich will also mehr im Stile der heutigen Geisteswissenschaft auf die Sache eingehen, und nicht auf das, was Paracelsus dargestellt hat. — Er redet davon, daß man verschiedene Stoffe zusammenmischen und sie behandeln kann nach der Methode der damaligen Zeit. Wenn man darauf eingeht, wie die Menschen zu Paracelsus’ Zeit in dieser Beziehung dachten, so kam es nicht so sehr darauf an, wie die Stoffe sich mischten, wie sie sich zersetzten und neue Verbindungen eingingen, sondern darauf kam es an, daß der Mensch davor stand und die Sache auf seine Seele wirken ließ. Und die Wirkung dieser Vorgänge rief etwas hervor in der menschlichen Seele; das bewirkte nun ein heute durch andere Mittel herzustellendes Hellsehen. Da wurde dann jene Gestalt geschaut, die Paracelsus schildert, die wirklich ein Paradigma des Menschen ist, ein Menschlein, aber nur leuchtend, ohne Körper, nicht verkörperlicht. Das Wesentliche im Sinne der heutigen Geisteswissenschaft ist es, daß durch jene Mischungen und Beräucherungen jener Bewußtseinszustand hergestellt wurde, indem der Homunkulus sichtbar wurde, der die Bedeutung hatte, von der ich gesprochen habe.
[ 16 ] So sagte sich Goethe, an das anknüpfend, was er bei Paracelsus gelesen hatte: Dieser Homunkulus ist ja ein Wesen, das zwischen Übersinnlichem und Sinnlichem drinnen steht, und zwar in der Weise, daß es den Menschen aus dem Urewigen heruntertragen kann in die physisch-sinnliche Welt, das in dem Menschen wirkt als Kraft, aber nicht selber verkörpert ist. Und Goethe formte den Homunkulus zu einer dichterischen Gestalt. Und zwar stellte er nun zunächst einen Geist hin von solcher Art, von der man im Sinne des Faust sagen kann: sie suchen gierig nach Schätzen und sind froh, wenn sie Regenwürmer finden. Einen solchen Geist stellt Goethe in dem Wagner hin, eine Gestalt, die wirklich ein Ideal der heutigen Weltanschauungsmenschen ist, die nach Schätzen suchen und froh sind, wenn sie die Gesetze der Regenwürmer finden.
[ 17 ] Nach zwei Seiten hin ergab sich für Goethe das Bild des Wagner. Denn erstens gibt es neben einem «Faust»-Buch auch ein «Wagner»-Buch; und dann gab es wirklich einen merkwürdigen Mann zur Zeit Goethes: Johann Jakob Wagner hieß er. Der sagte, daß man wirklich, wenn man nach bestimmten Methoden Stoffe und so weiter in der Retorte zusammenmische, ein Menschlein bekomme. Aus diesen zwei Wagner-Gestalten, aus der des Wagner-Buches und aus dem Johann Jakob Wagner, schmolz Goethe eine Figur, den Wagner der Dichtung zusammen. Und so entstand die Gestalt jenes Wagner, der vor seiner Retorte steht und die Stoffe zusammenmischt und nun wartet, bis das «artige Menschlein», der Homunkulus, entsteht. Er würde nicht entstehen, so ohne weiteres. Weder in der Retorte des Johann Jakob Wagner noch in der des Goetheschen Wagner würde das entstehen, was ein Mensch ist, oder was mancher modern sich glaubende Wissenschafter als den Menschen denkt, wenn sich nicht in die Vorgänge Mephistopheles einschleichen würde, wenn nicht die geistige Kraft des Mephistopheles im Hintergrunde wirkte. Und so entsteht in der Retorte des Wagner ein rein geistiges Wesen, leuchtend, das aber nun wünscht verkörpert zu werden, dem es nicht an geistigen Eigenschaften fehlt, wohl aber an greifbar Tüchtigem — ein Wesen, das die materialistische Weltanschauung als den Menschen ansieht:
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht.
[ 18 ] Homunkulus möchte sich auch verkörperlichen, aber er ist ein bloß im Geistigen lebendes Wesen. Denn die, welche das «Wirkliche» suchen, stellen ein arges Abstraktum hin. Aber Wagner kann ja nichts anderes glauben, als daß er im Wirklichen die Überzeugung bewirkt habe. Und so steht er vor der Retorte und glaubt:
[ 19 ] Es wird! die Masse regt sich klarer!
Die Überzeugung wahrer, wahrer!
[ 20 ] Diese Stelle versteht man allerdings heute noch in der Faust-Literatur so wenig, daß die Menschen glauben, es handele sich um eine «Überzeugung», wie um ein Bekenntnis. Goethe meint es aber, wie es auch im Sinne von Nietzsches «Übermensch» gemeint ist, als Überzeugung.
[ 21 ] Dieser Homunkulus erweist sich nun wirklich als ein Wesen, welches der geistigen Welt angehört. Denn gleich macht er sich in einer sonderbaren Weise über den Faust selber her. Faust lebt in Träumen an das alte Griechenland. Homunkulus ist ein Hellseher; er sieht alles, was Faust träumt. Warum? Weil er, wie Goethe ihn darstellt, vorgestellt ist in der geistigen Welt, nicht herausgeboren aus der physischen Welt. Der Mensch hat ihn als Kräfte in sich. Da verliert der Homunkulus seine Abstraktion. Man wird sogar den Monisten zugeben, daß dieses Abstraktum, wenn sie es wirklich sehen würden in der geistigen Welt, wo es Realität hat, dort sogar hellseherisch wäre. Denn der Homunkulus, der Mensch, wie ihn zum Beispiel Ludwig Büchrer und andere ausgedacht haben, existiert als geistiges Wesen und ist in der geistigen Welt ein hellsehendes Wesen. Das würde ja allerdings ein Mensch wie Ludwig Büchner nicht vermuten. Daher kann tatsächlich Homunkulus der Führer werden in die Gebiete, wo sich Helena wiederverkörpern soll in einem neuen Erdengebiete, wo sie vor Faust auftreten soll. Aber dazu muß sich Homunkulus erst die Kräfte aneignen, die in der physischen Natur liegen, von allem übrigen abgesehen.
[ 22 ] Homunkulus wird als ein hellseherisches Wesen für Faust der Führer in der «klassischen Walpurgisnacht». Und dort läßt er sich Rat geben von den alten Philosophen, von Thales und Anaxagoras, und auch von Proteus, wie er, der gar so gern verkörperlicht wäre, dem es «nicht an geistigen Eigenschaften» fehlt, dafür aber um so mehr am «greiflich Tüchtighaften», zu einem natürlichen Dasein kommen könnte. Wenn doch einmal die Materialisten oder Monisten sich klar machen wollten: wie kann das, was wir uns ausphantasieren, zu einem natürlichen Dasein kommen?! Proteus gibt dem Homunkulus den Rat, sich durch alle Reiche der Natur durchzuentwickeln. Wunderbar ist bei Goethe der Hinweis darauf, wo es sich um das Durchgehen durch das Pflanzenreich handelt; da sagt Homunkulus:
[ 23 ] Es grunelt so, und mir behagt der Duft! «Gruneln», was vom «Grünen» hergeleitet ist, um das wirksame frische Leben der im Wirkenden empfundenen Pflanzenwelt darzustellen. Aber eines wird dem Homunkulus gesagt: daß er auf diesem Wege nur bis zu dem Zeitpunkt kommen kann, wo es bis zu dem Mensch-Werden geht. Er ist der Vermittler zwischen dem Körperlichen und dem Ewigen. Wo es zur Geburt geht, da muß er sich in die natürlichen Kräfte hineinstürzen, muß in den bloß kosmischen Elementen aufgehen. Daher wird dem Homunkulus gesagt: Mache das alles durch, und «bis zum Menschen hast du Zeit». Und dann wird ihm bedeutet:
Nur strebe nicht nach höhern Orten:
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir.
[ 24 ] Wie wunderbar stimmt das mit dem, was Homunkulus als Mission beim Menschwerden hat; denn wenn er erst Mensch geworden ist, geht er völlig auf in die Menschennatur. Daher wird ihm gesagt: Bleibe hier, strebe nicht nach höhern Orten. — «Orten» muß es hier heißen. Der Abschreiber hat nämlich da einen Fehler gemacht. Dieser Teil des «Faust» ist nur in der Abschrift vorhanden, und da Goethe mit frankfurterischem Anklang gesprochen hat, so hat der Schreiber statt «Orten» — «Orden» verstanden, und die modernen Faust-Kommentatoren haben geglaubt, daß sogar schon der alte Proteus von «Orden» gesprochen hat, eine der unglücklichsten Ideen, die sich in die Faust-Literatur eingeschlichen hat.
[ 25 ] Großartig wird gerade das Aufgehen des Homunkulus in die Elemente geschildert, wo die Helena entstehen soll, wo sie dadurch vor Faust hintreten soll, daß sich ihr Ewiges vereinigt mit den Kräften, die von den Elementen kommen, so daß sie dadurch in das Erdendasein eintreten kann. Die Sirenen sagen:
[ 26 ] Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet’s und schwanket und heller hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
[ 27 ] Das heißt: wenn der Mensch aus dem ewig Geistigen durch das, was auf Erden die Liebe, Eros, genannt wird, in das irdische Dasein tritt, so zeigt sich für das hellseherische Anschauen dieses Aufgehen in Wellen, in Wogen. «Wogen» sind geistig gemeint. Daher heißt es also:
Heil dem Meere! Heil den Wogen!
Von dem heiligen Feuer umzogen;
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltenen Abenteuer!
Heil den mildgewognen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier
Element’ ihr alle vier!
[ 28 ] Das heißt, der Homunkulus geht wirklich jetzt als solcher in die Elemente auf, und Helena tritt nun im dritten Akt auf. Die wiederverkörperte Helena, an der Faust nicht zerschellen wird, tritt auf.
[ 29 ] So hat Goethe in echt dichterischer Weise die Gestalt des Homunkulus zu verwenden gewußt. So ist auch in Goethes Augen Homunkulus dasjenige im Menschen, was ein rein mechanisches Dasein führt, worinnen rein mechanische Kräfte walten. Aber der Mensch ist dadurch das höchste Glied der Erdenschöpfung, daß diese Kräfte in dem Augenblick, wo sie in ihn eintreten, sich auflösen. Aber was der Mensch nicht in Wirklichkeit ist, das kann er in seiner Einbildung sein. Das ist ja des Menschen Freiheit, daß er sich ein Bild machen kann von seinem Ideal, und daß er, ob er zwar in sich ein ewiges Geistig-Seelisches hat, das von Leben zu Leben geht und eine geistige Welt zwischen Tod und neuer Geburt durchläuft, doch dieses ewige GeistigSeelische ableugnen kann, es nicht zu berücksichtigen braucht, und daß er sich vorstellen kann: ich bin nur ein Wesen, das aus rein natürlichen Stoffen und Kräften besteht. Dann kann er auch in einer entsprechenden Weise leben.
[ 30 ] In einer Zeit, die theoretisch den Materialismus hervorbringt, die theoretisch in der gekennzeichneten Weise denkt, ist es nicht unbedenklich, daß sie in ihrem ganzen Lebensgebaren, in ihrer ganzen Lebenshaltung etwas hat, was das Ewig-Geistige ableugnet und gerade das zum natürlichen Menschen macht, was wir jetzt als Homunkulus kennengelernt haben. Es muß ein gewisser Drang, ein Trieb da sein, die Homunkulus-Kräfte besonders zu entwickeln; dann wird man Geschmack haben an einer Weltanschauung, die den Homunkulus als den Menschen hinstellt.
[ 31 ] Es war zu Anfang der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts; da kam ein sonderbarer Schlagruf durch die Seelenkunde. Von der Seelenkunde hat man immer geglaubt, daß die Menschen in bezug auf die Seele in das Homunkeltum nicht so weit hineinkommen würden, daß sie von der Seele nichts wissen wollten und nur das rein Körperliche anerkennen wollten. Doch da entstand der Schlagruf «Seelenkunde ohne Seele» — bis zu Wundt hin. Das heißt also: man will die bloßen Erscheinungen des Seelenlebens, Wohlwollen, Freude, Trauer und so weiter, bis in die Einzelheiten studieren. Das sind eben «Vorkommnisse», sagt man sich; aber an die Seele selbst wendet man sich nicht. — Es liegt selbstverständlich in der Natur des Homunkulismus, die Seele abzuleugnen; denn sieht man in dem Homunkulus den wahren Menschen, so muß man die Seele ableugnen, denn der Homunkulismus läßt sich mit der Seele nicht vereinbaren. Eine Zeit, in welcher für die Psychologie der Schlagruf «Psychologie ohne Seele» hat entstehen können, muß selbstverständlich als einen geheimen Trieb des Menschenlebens das Homunkeltum darstellen. Eine Zeit, in welcher es heißt: der Mensch ist nur das, was mit den gewöhnlichen, an das Nervensystem gebundenen Kräften zu erkennen ist, eine solche Zeit wird in der Mehrzahl ihrer Menschen auch homunkelhafte Züge zeigen.
[ 32 ] Da kann dann in einem Dichter der Gedanke entstehen: Wie wäre es denn, wenn ich der Zeit den Spiegel vorhalte und ihr zeige: du stellst dir vor, was aus dir herauskommen würde, wenn du glaubtest, wirklich nur ausrein natürlichen Kräften und Gesetzen zu entstehen. Nehmen wir einmal einen Dichter, der den Schlagruf «Psychologie ohne Seele» ernst nimmt und sich sagt: Nicht nur haben die Menschen dies gesagt, sondern sie leben auch darnach. Ich will einmal einen Menschen hinstellen, der richtig nach dem Bilde gedacht ist, wie sie sich ihn denken. Sie wissen nur nicht, daß er so ist, wie er wirkt. Aber ich will einmal konsequent ausdenken, was aus dem Bilde des modernen Materialisten oder Monisten werden würde.
[ 33 ] Solche Gedanken wirkten in Robert Hamerling, und auf seinem Krankenlager hat er diese Gedanken ausgeführt und das Bild des «Homunkulus» in die Welt hinausgeschickt. Mir kommt vor, diese Dichtung ist heute wenig bekannt, obwohl sie in den ersten fünf Monaten nach ihrem Erscheinen in fünftausend Exemplaren abgesetzt worden ist. Dies ist aber auch etwas, was im Sinne des Homunkulismus — will sagen: im Sinne unserer heutigen Zeit gelegen ist. — Hamerling hat den «Homunkulus» so geschaffen, wie ich versuchen will, ihn jetzt in ganz wenigen Worten darzustellen. Ich darf ihn so darstellen. Wie ich bei Goethe nun nach mehr als dreißigjährigem GoetheStudium dazu gekommen bin, das, was ich über Goethe sage, für richtig halten zu müssen, so darf ich das auch in Hinsicht auf Hamerling. Denn kurz nachdem der «Homunkulus» von Hamerling erschienen war, schrieb ich eine Abhandlung über den «Homunkulus», und Hamerling schrieb mir noch, daß ich seine Idee voll getroffen habe.
[ 34 ] Robert Hamerling hatte die Idee gefaßt, einmal vor den modernen Menschen hinzustellen, was in den Anschauungen liegt, wenn der Mensch nur aus rein natürlichen Kräften und Stoffen und nach den natürlichen Gesetzen zusammengesetzt gedacht wird. Daher läßt er den modernen Professor Ernst machen, einen Menschen aufzubauen gemäß den natürlichen Kräften und Gesetzen. Gewiß, der Naturgelehrte, welcher glaubt eine Weltanschauung aus den Naturgesetzen aufzubauen, wird ja sagen: man kann es heute noch nicht, einen Menschen in dieser Weise zusammensetzen. Der Dichter aber darf sagen: Nehmen wir an, es wäre dieser Zeitpunkt schon eingetreten, was eigentlich nach der Theorie derjenigen durchaus begründet sein kann, welche da glauben auf dem festen Boden der modernen Wissenschaft zu stehen. So also sehen wir den gelehrten Monisten bei Robert Hamerling vor der Retorte stehen, sehen ihn die Stoffe entsprechend behandeln — und auftreten das artige Menschlein Homunkulus:
«Bravo, Doktorchen!» so rief er
Noch ein zweites Mal, indem er
Fröstelnd in ein Wämschen schlüpfte,
Welches schon für ihn bereit lag;
Und mit gnäd’ger Miene klopft’ er
Auf die Achsel dem Erzeuger.«So im Ganzen und vom reinen
Chemisch-physiolog’schen Standpunkt
Aus betrachtet, ist, mein Lieber,
Was du schufst, ein respektables,
Lobenswürdiges Stück Arbeit.
Im Detail, da wäre freilich
Mancherlei davon zu sagen.»
Also fortfuhr der Homunkel,
Ließ dann einige gelehrte,
Schätzenswerte Winke fallen,
Sprach von Albumin sehr vieles,
Von Fibrin, von Globulin auch,
Keratin, Mucin und and’rem,
Und von regelrechter Mischung,
Und belehrte seinen Schöpfer
Und Erzeuger gründlich, wie er’s
Hätte besser machen können.
[ 35 ] So ist er denn da in der Wirklichkeit — das heißt in der Wirklichkeit des Dichters, wie er ausgedacht ist in den Köpfen so mancher materialistisch gesinnter Leute, die nach Hamerlings Anschauung aus der Gesinnung der heutigen Zeit heraus denken. Und aus dieser materialistischen Gesinnung, die dem «artigen Menschlein» mitgegeben wird, entsteht ja auch das, was dieses Menschlein als erste Neigung zeigt. Wenn man heute die Welt anschaut mit den Neigungen der «jüngsten» Leute, so begreift man schon, wie der Homunkulus zu dergleichen kommen kann:
Allgemach begann zu kritteln
Und zu nörgeln an dem Buche,
elches er in Händen hatte,
Der Homunkel. Int’ressant war
Dies dem Doktor, er notierte
Die Bemerkung ins Notizbuch:
«Erste litterar’sche Regung
Eines Menschleins — Rezensieren.»
[ 36 ] Nun aber will es gar nicht gehen. Denn selbstverständlich: der Homunkulus wächst aus den Gedanken seines Erzeugers, sagen wir: seines Überzeugers heraus und bringt so manches mit, was in dessen Gedanken lebte aus der ganzen Verfassung unserer Zeit heraus. Er ist nervös; die Nervosität bringt er mit. Da kann sein gelehrter Erzeuger doch nichts beginnen, und er wirft ihn deshalb noch einmal in die Retorte zurück, macht ihn noch einmal zum Menschenkeim, und läßt ihn wenigstens von mütterlicher Seite aus richtig empfangen, ausgetragen werden; so daß wir doch nicht einen ganz richtigen Homunkulus vor uns haben, sondern einen, der bloß ohne natürlichen Vater ist.
[ 37 ] Dann macht er seine Lehrjahre durch. Selbstverständlich wird er auch zum Dichter. Er erlebt, was so manche Dichter erleben in unserer Zeit: er sucht sich seine Verleger. Es entspinnt sich ein artiges Verhältnis nicht nur zu seinem Verleger, sondern auch zu dessen Tochter, die ihm zugesprochen wird, wenn seine Gedichte die nötige Verbreitung finden. «Verbindungen» hat man selbstverständlich in der Zeit des Homunkulismus. Das Buch wird glänzend gelobt; wie kann Homunkulus es anders glauben! Aber siehe da: als das Jahr zu Ende ist, hat der Verleger nur dreizehn Exemplare verkauft. Er entzieht ihm also die Tochter, und Homunkulus muß weiter seinen Lebensweg suchen. — Alle möglichen Wege schlägt er ein. So kommt er auch an einen Badeort, und dort lernt er die Sitten und Gebräuche des Homunkulismus, will sagen: die Sitten und Gebräuche des modernen Badelebens kennen. Darnach faßt er den Plan, eine Zeitung zu gründen, ein «Blatt für Alles- und für Alle» Und dazu drängen sich, weil es wenig kostet und keiner Partei angehört, «Hof- und Staats- und andere Räte, oder auch die Führer mächt’ger zahlungsfähiger Parteien», die Leiter großer Bank- und Handelsfirmen, und schreiben ihre Leitartikel und Berichte. — Ich bitte aber zu berücksichtigen: da der «Homunkulus» Robert Hamerlings im Jahre 1887 erschienen ist, so kann damit keine Satire gemeint sein auf etwas, was erst der heutige Tag aufgebracht hätte, auf Dinge also, die erst viel später erschienen sind. — Aber selbstverständlich ist Homunkulus damit nicht zufrieden; er strebt etwas Höheres noch an. Er verhandelt sein Blatt an ein Aktienunternehmen — das ist wieder keine Satire! und widmet sich dann seinen weiteren Unternehmungen. Da wird er dann zum «Billionär», und lebt als solcher in einer sehr eigenartigen Weise. Ich möchte das eine betonen, daß er sich so recht hineinlebt in die Zeit des Homunkulismus. Was der Nicht-Homunkulismus erreichen läßt durch leblose Kräfte, wenn zum Beispiel etwas gestützt werden soll, wenn Säulen aufgestellt werden, von denen etwas getragen wird: das alles gehört noch den vergangenen Zeiten an. Große Schlangen, die gezähmt werden, stehen bei Homunkulus in seinem Gartenpavillon und halten dessen Kuppeldach. Eichhörnchen hatte man früher abgerichtet und in Käfigen eingesperrt. Das hat Homunkulus nicht getan; er läßt sie als Automaten funktionieren. Das ist der richtige Homunkulismus. So etwas würde schon herauskommen, wenn manche heute schon existierende Gedanken weiterentwickelt werden.
[ 38 ] Aber man kommt ja auch, selbst wenn man Billionär ist, nicht zu einem wirklich befriedigenden Leben. Ein «Seelenleben» kannte ja Homunkulus nicht, denn er hatte doch keine Seele. So ist er also äußerst unbefriedigt von seinem Dasein, und deshalb stürzt er sich in den Rhein. Da rettet ihn ein Wesen, das auch keine Seele hat: die Nixe Lurley. Und Homunkulus und Lurley werden nun ein Paar. Und weil ihnen alle alten Welten nicht genügen, so wandern sie nach einem ganz neuen Gebiete aus. — Es würde noch zu schildern sein die interessante «literarische Walpurgisnacht», die beim Hochzeitsfest der beiden, des Homunkels und der Lurley, gefeiert wird. Es wird da manches aus unserer Zeit getroffen. Man müßte sich nur zurückreduzieren auf die Zeit Hamerlings, aber man würde auch hier dasselbe sagen müssen, daß es keine Satire sein soll auf heutige Verhältnisse:
Ganz verfallen herbem Weltschmerz,
Bittrem Lebensüberdrusse,
Finsterer Melancholei,
Prometheisch-geierbissig
Lebersiechem Pessimismus,
War der Schwarm der Wasserdichter;
Fanden alles miserabel,
Nur nicht ihre eig’nen Verse.
Wohler in der Haut um vieles
War den Wein- und Bierpoeten.
Diesen war die Welt soeben
Recht, und nur an einem Übel
Krankten sie: der Wasserscheu.Die Absinthpoeten schließlich,
Mit den Wein- und Bierpoeten
Teilten sie die Wasserscheu,
nd den Geierbiß des finster’n,
Melancholisch-überdrüss’gen,
Lebersiechen Pessimismus
Mit dem Schwarm der Wasserdichter:
Und sie waren doppelt elend.
[ 39 ] So wird das, was als «Kunst und Literatur» waltet, recht interessant durchgenommen.
[ 40 ] Sie wandern also aus in eine Gegend, die noch nicht angekränkelt ist von dem Glauben an die Seele. Der seelenlose Mann und die seelenlose Nixe wandern aus in ein Eldorado. Es ist das ein Eldorado auch manches Parteiwesens; und manches, was an Parteiwesen heute waltet, ist in einer großartigen Weise geschildert. Ich will nur andeuten, daß Homunkulus auch hier mit der Begründung seines Musterstaates, des Eldorado, doch nicht zurecht kommt; sogar seine Lurley wird ihm abgenommen von einem Parteimann, der herumgeht mit der Devise: «Wir lassen uns nicht majorisieren!» Aber: «er ist ein Charakter», sagt sich Lurley, und Homunkulus muß weiterziehen. Doch er ist ein erfinderischer Kopf und will nun wirklich die Dinge in ihren letzten Konsequenzen denken. Er sagt sich: Mit den Menschen ist nichts anzufangen, wenn man den Homunkulismus in die Realität umsetzen will; sie sind doch nicht dazu zu haben. Aber warum sollte man nicht die letzten Konsequenzen ziehen? Könnte man nicht die Affen
[ 41 ] zu Menschen heranbilden? Lehrt doch schon die moderne Wissenschaft, daß sich die Menschen aus den Affen herausgebildet haben. Man sammle also die besten Exemplare von ihnen zusammen und mache sie recht schnell zu Menschen! — So faßt er also seinen Plan: er gründet ein Uhnternehmen, in welchem er die Affen zu Menschen machen will, ein ganz neues Reich. Und nun wird uns über die Affenschule erzählt:
Über Unruh’ nur beklagten
Sich der Affenschule Meister,
Denn es rissen diese edlen
Sprößlinge von den gewissen
Angewöhnungen der Rasse
Schwer sich los: von der, zum Beispiel,
Überall emporzuklettern.
Auch vergaßen sie zuweilen
Sich so weit, in langen Stunden
Ernsten Unterrichts einander
Abzufangen Ungeziefer,
Machten auch wohl gar in tollem
Schwarm sich über den Erzieher
Her, um ihm den Kopf zu lausen. —Als gebildet nun die Affen,
Machten Konkurrenz den Menschen
Sie auf jeglichem Gebiete.
Zu den schönen Künsten waren
Trefflich sie durch angebor’nes
Nachahmungstalent befähigt.
Ohnegleichen — selbstverständlich
Waren sie als Bühnenkünstler,
Unternahmen Gastspielreisen
Mit dem glänzendsten Erfolge.
Posse, Lustspiel, Operette,
Parodie — war ihr Gebiet.
Kabinetts- und Meisterstücke
Drastischer und feinster Komik,
Wie man nie sie schaute, waren
Die Gesichter, die sie schnitten.
Weitberühmte Liedertafeln
Hatten sie — Brüllaffen waren
Die Solisten, und sie schlugen
Hie und da bei Preiswettsingen
Menschliche Gesangvereine.
Paviane, faunisch grinsend,
Bildeten sich aus zu Stutzern,
Eleganten Pflastertretern,
Gaben auch auf Bällen flotte
Tänzer ab, und das galante
Wesen, das sie kecklich zeigten
Bei den Frauen, war zum Teile
Sehr nach dem Geschmack der letzter’n.
Was die Affenfrauen anlangt,
Taten sie den Menschenfrauen
Bald es gleich und bald zuvor auch
In der Kunst des Kokettierens.
Immer modisch sich zu kleiden,
Wer verstünde solches besser
Als ein Affe? Sie verstanden
Sich mit Zierat zu behängen
Und mit Quasten, Bändern, Schleifen...
[ 42 ] und so weiter. Aber trotzdem es so weit ging, ließ sich doch nicht aus «Affentum plus Bildung», meint Hamerling, ein Mensch machen. Die Affen beriefen sich zwar auf so manchen «Affenahnherrn», aber sie brachten es doch nur in einer menschlichen «Tugend» zu einer Menschenähnlichkeit: in der Tugend der Überzeugung. Sie erklärten bald, daß es eigentlich sehr minderwertig sei, Mensch zu sein; denn nicht einmal «Affen» seien sie geworden, diese Menschen. Das führte bald dazu, daß der, wie es heißt, zum Affen-Rektor gewählte Affe «Doktor Krallfratz» Homunkulus’ Stelle einnahm. So war denn dieser durch den Doktor Krallfratz verdrängt. Aber damit war doch für die Affen wenig Glück zu machen. Die Menschen wurden zwar nicht fertig mit diesen zu Menschen gewordenen Affen; aber in wilden Gegenden wurden die dort noch im Utrzustande lebenden Menschen mit ihnen fertig: da erschlug man einfach die zu Menschen gewordenen Affen.
[ 43 ] Nun kommt ein Kapitel, welches Hamerling sehr übel genommen worden ist — Hamerling wollte nicht unter die Antisemiten gehen; er hat sich streng dagegen verwahrt wo er im achten Gesang Homunkulus auch zum Führer der nach Palästina auswandernden Juden machte, die es hier unter den heutigen Zeitverhältnissen nicht mehr aushalten. Man sollte glauben, daß dies in einer Zeit, welche die Bestrebungen des Zionismus kennt, nicht als etwas besonders Auffälliges gelten sollte. Wichtig ist aber, was sich nun für Homunkulus daraus ergibt: er wird von den Juden gekreuzigt, weil sie es nicht ertragen, mit ihm zusammen zu sein. Und besucht wird er, als er, allein, ans Kreuz gebunden da hängt, nur von Ahasver, dem ewigen Juden. Durch ihn wird er dann von seinen Banden erlöst, und so müssen sie nun zusammen weiterwandern, Homunkulus und Ahasver.
[ 44 ] Homunkulus hat zwar das, was er glaubt aus der modernen Wissenschaft gewonnen zu haben, bis zu den letzten Konsequenzen gedacht. Aber, und auch das sollvorkommen bei Leuten, die sich mit Weltanschauungsfragen beschäftigen, er hat sich nicht eigentlich so recht mit der wirklichen Wissenschaft befaßt. Jetzt beginnt er, sich mit wissenschaftlichen Problemen zu beschäftigen. Da gelingt es ihm in der Tat einen Versuch zu machen: einen großen Teil der Menschheit für eine Idee zu gewinnen, die zuerst aufgetreten ist beim Philosophen des Unbewußten aus dem Pessimismus heraus, der in gewissem Sinne auch ein Homunkulismus ist: aus Eduard von Hartmanns pessimistischer Philosophie heraus. Es wissen ja heute nicht mehr sehr viele, was der Pessimismus den Menschen zu verkünden hat: Oh, die Welt ist schlecht, so schlecht wie möglich, und am besten ist es, aus dieser schlechten Welt wieder herauszukommen. Dazu ist notwendig, daß man sich klar ist: durch den Willen ist die Welt entstanden, und wenn alle Menschen den Willensentschluß fassen, das Dasein aufzuheben, so wird durch die Einheit aller Willensentschlüsse wieder die Welt und das Leben aufgehoben. Eduard von Hartmann beschreibt es ausführlich, wie es möglich wäre, die Menschheit aus der Welt zu schaffen durch einen einigen Willen. — Homunkulus gründet unter diesem Gesichtspunkte eine Gesellschaft, nicht nur von Menschen, auch von Tieren. Es werden Kongresse abgehalten, Reden gehalten und so weiter. Zum Schlusse kommt es wirklich dahin, daß der Zeitpunkt festgesetzt wird, an welchem bei allen Menschen zugleich der Entschluß gefaßt werden soll: « Jetzt willst du nicht mehr sein!» Und selbst die Erde soll dabei zugrunde gehen. Alle sind sich einig; der Tag, die Stunde kommt heran, aber, nur die Sonne hält es auf. Was war geschehen? Homunkulus und Lurley hatten sich ein Kind gewünscht, konnten es aber in Eldorado nicht bekommen. Daher nahmen sie von den dort lebenden Urmenschen zwei Kinder an: Eldo und Dora wurden sie genannt. Aber diese beiden konnten sich nicht hineinfinden in das Homunkeltum. Und jetzt, als an dem festgesetzten Tag alle Menschen zur Ausführung des Entschlusses zusammenkommen, und Eldo und Dora nach langer Trennung sich wiedersehen, da verlieben sie sich, aber, sie kommen dadurch zu spät. Sie fehlten an der ganzen Menschheit bei der Willensvereinigung, und alle Anstrengungen waren umsonst. Und Homunkulus selbst hat die herangezogen, die seinen Entschluß zunichte machen! Oh, der Homunkulismus wird schon auf die mannigfaltigste Weise aus sich selbst heraus die «Eldo und Dora» erzeugen, die zu spät kommen werden, wenn der Homunkulismus die letzten Konsequenzen ziehen will! Dann wird die Sonne des Geisteslebens, der geistigen Wissenschaft aufgehen!
[ 45 ] Aber etwas muß aus seiner Wissenschaft heraus Homunkulus zuletzt erreichen. Er baut, nachdem er alle Naturkräfte durchforscht hat, ein Riesenfernrohr, durch das er in die weitesten Gebiete der Welt sehen kann, das alles ins Riesenhafte vergrößert, wodurch die moderne Weltanschauung groß geworden. Und neben diesem Riesenfernrohr konstruiert er ein Riesenhörrohr und ein Riesenriechrohr; und er baut außerdem, ja, was alles noch, was aus den mechanischen Kräften heraus gewonnen werden kann! Aus diesen mechanischen Kräften im allermodernsten Stile etwas zu bauen, unternimmt er: er baut ein Riesenluftschiff. Ich bemerke noch einmal: im Jahre 1887 ist die Geschichte des lenkbaren Luftschiffes durch Robert Hamerling in seinem Homunkulus geschrieben! Und auf diesem lenkbaren Luftschiff begibt sich Homunkulus aus der Erdensphäre heraus. Und er kann auf seinem Luftschiff schneller dahinsausen, als das Licht geht. Aber zufrieden ist er nicht mit dem, was er alles kann: er kann auf seinem Luftschiff im Weltenraum herumfahren, kann hinaussehen mit seinem Riesenfernrohr in die Welt der Sterne, kann hinaushören mit seinem Riesenhörrohr auf die Erde, und er spricht durch ein Riesensprachrohr herunter zu den Menschen, und saust so herum. Da kommt er auf seiner Fahrt in eine Gewitterwolke, es schlägt der Blitz in sein Luftschiff ein, die Ruder, die Motore kann er nicht vernichten, aber die Steuerkraft vernichtet er! So ist Homunkulus jetzt mit seinem Luftfahrzeug den Elementarkräften übergeben. Nur eines kann er noch mitnehmen: Als er einmal noch an die Erde herankommt, entdeckt er den Leichnam der Lurley und führte sie auch auf seinem lenkbaren Riesenluftschiff mit. — So kann Hamerling sein Epos mit den Worten schließen:
Wem nicht die Natur, die heil’ge,
Die geheimnisvolle Mutter,
Gab das Leben durch die Liebe,
Gab das Leben in der Liebe,
Dem verweigert auch den Tod sie,
Und den schönsten Tod vor allem,
Das Ersterben in der Liebe
Und kein Grab der sel’gen Ruhe,
Keine Stätte ew’gen Friedens
Hat für ihn das weite Weltall.Wer vermag zu sagen, wo
Und wie lang’ mit dem Homunkel
Und der Nixe, die gesellt ihm,
Das verkohlte Riesenluftschiff
In der ehernen Gesetze,
In des Stoffs, der Kräfte Wirbel
Auf den schrankenlosen Bahnen
Jagt das waltende Verhängnis?
Sonntagskinder noch erblicken
Manchesmal in Sternennächten
Jenes Wrack als dunklen Irrstern
Hoch in unermess’ner Ferne,
Und das Schicksal ahnen schaudernd
Sie des ewig Ruhelosen.
[ 46 ] So hat Hamerling auf seine Art gezeigt, daß das, was der Homunkulismus ausdenkt, nicht der Welt angehören kann, in der die menschliche Seele, die von Leben zu Leben waltet, lebt, sondern nur den rein mechanischen Kräften. Und fortgerissen von den mechanischen Naturkräften wird der Hamerlingsche Homunkulus. Für den Dichter durfte sich diese Idee in der Tat hinstellen, die Idee: daß der moderne Mensch, der sich sein rein natürliches Menschheitsideal ausbildet, eigentlich nur das in sich anschaut, was in Wirklichkeit eine Abstraktion, ein Unwirkliches ist und den rein natürlichen Elementen angehört. Das meint auch Hamerling, wie es Goethe gesagt hat, wo sich der Homunkulus in die Elemente auflöst:
Heil den mildgewognen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element’ ihr alle vier!
[ 47 ] Während aber der Goethesche Homunkulus seine Kräfte beisteuert zur Menschwerdung der Helena, muß der Homunkulus Hamerlings als ein seelenloses Wesen, als der Repräsentant desjenigen Menschheitsideales, das die Seele leugnet, aufgehen in die Elemente des Kosmos.
[ 48 ] Man darf schon sagen: Hamerling hatte die Absicht — ob er es erreicht hat oder nicht, das zu beurteilen überlasse ich andern — jener modernen Gesinnung, die vom Geiste nichts wissen will und sich ein vom Geiste entblößtes Menschheitsideal hinzaubert, das Spiegelbild vorzuhalten. Ob das Spiegelbild auch erkannt wird, ist eine andere Frage. Aber es ist ja etwas, was in der physischen Natur nicht wirklich ist, was also mit Recht diejenigen leugnen können, die es gerade aufstellen. Merkwürdiges Verhängnis! Goethe löst ein wenig das Rätsel. Er erinnert an das andere Wort: «Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.» Der Wagner, der in seiner Retorte den Homunkulus erzeugt, merkt auch nicht den, der ihn eigentlich erzeugt: den Teufel. Denn Mephistopheles ist es, der die geistigen Kräfte hineinbringt. Von dem «Vater aller Hindernisse» ist es eingegeben, was ein Produkt der modernen Wissenschaft ist, was der Materialismus als den modernen Menschen hinstellen will.
[ 49 ] Ein drittes Mal noch habe ich vom Homunkulus gelesen. Ich sage es mit verschämtem Zagen, will aber doch vor einer Bemerkung nicht zurückschrecken, die sich mir schon einmal aufgedrängt hat. Ich las ein Buch des gelehrten Nationalökonomen Werner Sombart, das den modernen Wirtschaftsmenschen schildert. Lesen Sie das Schlußkapitel über den Bourgeois; es ist sehr interessant geschrieben; und zuletzt tritt heraus der moderne Wirtschaftsmensch, der erfaßt wird von den Kräften, die im modernen Wirtschaftsleben walten, der wie mit Fangarmen von ihnen erfaßt wird, der von Unternehmen zu Unternehmen getrieben wird. Das Letzte, sagt Sombart, hat er noch verloren: die Religion. «Religion ist zum Geschäft geworden.» Da steckt der moderne Mensch, man merkt ihn förmlich, in der Sombartschen Menschheit drinnen. Wer etwas davon weiß, wird sagen müssen: Ist er denn nicht da, schildern ihn nicht die Nationalökonomen?
[ 50 ] So geht aus allem hervor, wie durch die lebendige Erfassung des geistigen Lebens der Homunkulismus überwunden werden soll. Wie der Homunkulismus vieles nicht sehen kann, so sieht er auch nicht, wozu ihn seine eigenen Kräfte führen. Die Dichter versuchten es darzustellen, und die Geisteswissenschaft fühlt sich durchaus im Einklange mit solchen Poeten, die aus ihrer Ahnung heraus das erfühlten, was die Geisteswissenschaft neu begründen muß. Was die Geisteswissenschaft dem Menschen als Lebensgut sein kann, wie sie ihn ergreifen kann, wie sie seine Seele erfassen kann, wie sie der einzig wahre, der einzig echte Überwinder alles Homunkulismus ist, das soll im nächsten Vortrage dargestellt werden. Heute wollte ich eben zur Anschauung bringen, wie das, was in den Verhältnissen der Gegenwart als Homunkulismus in mancherlei Strömungen unserer Zeit waltet, durchaus auch von Geistern, die mit offenen Augen und offenen Sinnen geschaut haben, erkannt worden ist.
[ 51 ] Ich glaube, man wird Hamerling verstehen auf dem Boden der Geisteswissenschaft; man wird gerade die letzten Worte, die ich mir schon anzuführen erlaubte, verstehen:
Wer vermag zu sagen, wo
Und wie lang’ mit dem Homunkel
Und der Nize, die gesellt ihm,
Das verkohlte Riesenluftschiff
In der ehernen Gesetze,
In des Stofts, der Kräfte Wirbel
Auf den schrankenlosen Bahnen
Jagt das waltende Verhängnis?
Sonntagskinder noch erblicken
Manchesmal in Sternennächten
Jenes Wrack als dunklen Irrstern
Hoch in unermess’ner Ferne,
Und das Schicksal ahnen schaudernd
Sie des ewig Ruhelosen.
[ 52 ] Aber vielleicht darf man auch diesem Ausspruch gegenüber ein recht weit bekanntes Wort zur Geltung bringen: Warum mit dem Auge des Sonntagskindes in die Weiten des Weltalls blicken, um das Wrack des Riesenluftschiffes aufzusuchen? Der «Munkel» liegt so nahe, es kann ihn Sombart sogar schildern! Er liegt dem modernen Menschen ganz nahe, und zu hoffen ist nur, daß recht viele ahnende und sehende Seelen in dieser Beziehung durch die Geisteswissenschaft ein wenig Sonntagskinder werden, daß sie den ganz nahen, man möchte sagen, in unsere Zeitbildung eingebetteten Homunkulismus, das Wrack einer nur mit natürlichen Kräften genährten Weltanschauung, sehen. Und immer mehr und mehr solcher Sonntagskinder, durch die Geisteswissenschaft zu Sonntagskindern gewordene Menschen, wird es geben. Und was auch, der Ausdruck sei mir verziehen, der Homunkulismus gegen die Geisteswissenschaft wird vorbringen können: die Geisteswissenschaft wird der Menschheit das geben, was sie, wenn sie sich immer besser und besser verstehen lernen wird, doch nicht entbehren kann, wonach sie lechzen und worauf sie hoffen muß: die Seele, und mit der Seele das geistige Leben, wonach heute schon viele verlangen. Daher braucht man um die Zukunft der Geisteswissenschaft nicht besorgt sein.
[ 53 ] Von dieser Unbesorgtheit und von der Hoffnung der Geisteswissenschaft für die Zukunft soll im letzten dieser Wintervorträge gesprochen werden.
