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Geisteswissenschaft als Lebensgut
GA 63

23 April 1914, Berlin

12. Geisteswissenschaft als Lebensgut

[ 1 ] Mit einer Betrachtung über die Bedeutung der Geisteswissenschaft für das menschliche Leben möchte ich die Vortragsreihe dieses Winters am heutigen Abend beschließen.

[ 2 ] Es war ja während dieser Vortragsreihe des öfteren darauf hingewiesen worden, daß die Geisteswissenschaft nicht bloß eine Theorie über die Welt sein will, die man annimmt oder ablehnt wie andere Theorien, sondern daß die Geisteswissenschaft hoff, ein wirkliches neues Lebenselement sein zu können, etwas, das eindringen kann in den ganzen Menschen, in die Verfassung des ganzen Menschen, in die, man möchte sagen, «Weltenstimmung» des ganzen Menschen, und daß der Mensch durch solches Durchdringen mit Geisteswissenschaft an ihr ein wirkliches Lebensgut hat. Was in dieser Beziehung schon an den entsprechenden Stellen der einzelnen Vorträge angedeutet worden ist, es soll heute nicht nur zusammengefaßt, sondern etwas ausführlicher beleuchtet werden.

[ 3 ] Im Verlaufe der Vorträge dieses Winters ist ja gerade darauf immer wieder und wieder hingewiesen worden, wie Geistesforschung auf etwas ganz anderem beruht als jegliche andere Forschung, besonders jegliche andere Forschung in unserer Zeit. Erwähnt wurde, daß bei jeder andern Forschung, ja überhaupt bei jeder Betätigung der menschlichen Seele im Leben es vor allem darauf ankommt, daß der Mensch seine Urteilskräfte, seine Willenskräfte, so wie er sie einmal hat, entfaltet, und daß er sie unmittelbar anwendet. Stehen wir dem Leben gegenüber, so sind wir gezwungen, an unser Urteil unmittelbar zu appellieren, um in diesem oder jenem Sinne eine Entscheidung zu treffen; und andererseits, stehen wir dem Leben so gegenüber, daß unser Wille in Anspruch genommen werden soll, so können wir nur jene Willensstärke zur Anwendung bringen, die wir entfaltet haben durch unsere normale Erziehung. Kurz, wir sind in jedem Augenblicke des gewöhnlichen Lebens, aber auch der gewöhnlichen Wissenschaft, dazu gezwungen, uns selber so hinzunehmen, wie wir nun einmal sind.

[ 4 ] Demgegenüber steht die Geisteswissenschaft eigentlich ganz anders da. Und gerade die Tatsache, daß sie in dieser Beziehung ganz anders ist, schafft ihr jaGegner und Widersacher in unserer Zeit in Hülle und Fülle. Der Geistesforscher kann sich nicht so nehmen, wie er ist. Bei der Schilderung des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt habe ich das besonders hervorgehoben. Was wir sonst im Leben unmittelbar auf die äußere Welt anwenden, was wir von unserer Urteilskraft, von unserm Willen und den sonstigen Seelenimpulsen entfalten, unmittelbar im Augenblick sozusagen entfalten und anwenden müssen auf die äußere Welt, um über diese Entscheidungen zu treffen oder auf sie zu wirken, das verwendet der Geistesforscher zunächst wie zu einer Vorbereitung für den Erkenntnisstandpunkt, den er erst nach dieser Vorbereitung gewinnen soll. Die Reife des Urteils, die Stärke des Willens werden zunächst nicht nach außen hin angewendet, nicht so, daß wir unmittelbar Entscheidungen treffen oder Willensakte in Szene setzen, sondern sie werden in einem geistigen Prozeß so angewendet, daß der Geistesforscher die innere Technik, die innere Handhabung der Urteilskräfte darauf verwendet, seine Seele vorwärts zu bringen, sie immer reifer und reifer zu machen. Und der Wille wird so geübt, daß eine Entwickelung der Seele zu einem andern Gesichtspunkt möglich ist, als der ist, auf dem man schon steht. Man könnte daher sagen: Was sonst unmittelbar auf die Welt angewendet wird — in der Geistesforschung wird es zur Vorbereitung angewendet für das, was nach dieser Vorbereitung erst gewonnen werden soll. Daß die Seele sich umschaffe zu einem andern Erkenntnis- und Willensinstrument, als sie zunächst ist, darauf kommt es an. Daher auch jene Stimmung, in welcher der Geistesforscher der Erkenntnis gegenüber ist, und von der ich schon in diesen Vorträgen gesprochen habe, jene Stimmung, die sich darin ausdrückt, daß er eigentlich immer das Gefühl hat: Was du sonst unmittelbar angewendet hast, um die Dinge zu beurteilen — jetzt mußt du es abziehen von der äußeren Welt, um dich selbst vorwärts zu bringen; jetzt mußt du warten, bis deine Seele reif geworden ist, um die Erkenntnis der Wahrheit an dich herankommen zu lassen.

[ 5 ] So wird das, was sonst gleichsam von unserer Seele nach außen strömt, zunächst auf die Arbeit an dieser Seele selbst verwendet. Dadurch aber wird über den Menschen eine Stimmung der Aktivität gebracht, eine Stimmung des inneren Tätigseins, nicht jene Stimmung des einfachen Hinnehmens der Welt, des Sich-Überlassens der Welt; und damit werden in der Seele aufgerufen die Kräfte, die man nennen könnte die neuen Tätigkeitskräfte der Seele.

[ 6 ] Und dann haben wir anderes gesehen, wovon man sagen kann, daß es das eben Gesagte sogar noch weiter bekräftigt und erhärtert: daß alles, was zunächst an äußeren Sinneswahrnehmungen oder an Denken und Vorstellen, die an das Gehirn gebunden sind, dem Menschen zur Verfügung stehen, der Geistesforschung keine Erkenntniskräfte liefern kann, sondern daß die Geisteswissenschaft zunächst appellieren muß an die Belebung von Kräften, welche sonst in der Seele schlummernd bleiben. Aufmerksam habe ich gemacht, daß die wirklich im echten wahren Sinne hellseherisch zu nennende Erkenntnis darauf beruht, daß in jedem Augenblick der geisteswissenschaftliche Forscher in die Vorgänge und Dinge, die er erkennen will, selber untertauchen muß, und daß dies, was er wahrnehmen und erkennen will, sofort erlischt, wenn er nicht mit seiner ganzen tätigen Seele untertaucht. Einer äußeren Farbe oder einem äußeren Ton gibt man sich passiv hin; sie wirken auf uns. Was wir in der geistigen Welt erkennen wollen, kann nur in Tätigkeit erkannt werden. In dem Augenblick, wo wir uns in der geistigen Welt mit passiver Seele den Dingen und Wesenheiten gegenüberstellen, würde das Erkannte erlöschen oder sich in Halluzinationen oder Illusionen verwandeln, wenn es noch da ist. Keinen Augenblick darf die Seele auf dem geistigen Felde ruhen.

[ 7 ] Wenn wir dies bedenken, daß die Seele zu den Stufen der geistigen Erkenntnis, die ich dargestellt habe in meiner «Geheimwissenschaft» und in «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» als die Stufen des imaginativen, des inspirierten und des intuitiven Erkennens, nur aufsteigen kann, indem sie fortdauernd innere Tätigkeit entfaltet, dann werden wir einsehen, daß die geisteswissenschaftliche Forschung den Menschen nur Erkenntnisse überliefern kann, die auch eine besondere Art des Verständnisses notwendig machen. Ich habe schon wiederholt darauf hingewiesen, daß man, um zu verstehen, was der Geistesforscher in den geistigen Welten erkundet, nicht selber Geistesforscher zu sein braucht, obwohl die genannten Bücher zeigen, daß in unserer Zeit bis zu einem gewissen Grade jeder ein Geistesforscher werden kann. Denn es gibt in jeder Seele eine unmittelbare, geheime Sprache, durch die sie verstehen kann, was der Geistesforscher sagt, auch wenn sie nicht selbst geistesforscherisch tätig sein kann, wie man ein Bild verstehen kann, auch wenn man nicht Maler ist. Aber auch zu diesem Verständnis muß sich die Seele des Menschen der Gegenwart erst hindurchringen; denn nichts ist dem Menschen der Gegenwart näherliegend als zu sagen: Die Wahrheit muß an mich herankommen; ich muß mich passiv zu ihr verhalten, sie muß mir gegeben werden! Man fühlt sich förmlich unsicher, wenn man erst etwas tun soll, wenn man die Seele erst heranbilden soll, um die Wahrheit zu erkennen. Daher kann dem Geistesforscher sehr leicht entgegengehalten werden: Du stellst Wahrheitsbegriffe auf, die nicht so sind, wie die Wahrheitsbegriffe des äußeren Lebens oder der äußeren Wissenschaft; und diese Wahrheitsbegriffe sagen: ich glaube, was mir durch die Tatsachen bekräftigt ist, was ich mir sozusagen offenbaren lasse durch die Tatsachen.

[ 8 ] Vor vielen Jahren gestattete ich mir, diese Art, der Erkenntnis und dem Leben gegenüberzustehen, auf der einen Seite Tatsachenfanatismus zu nennen. Auf der andern Seite steht eine gewisse Dogmatik, der man sich hingibt, eine Dogmatik der Tatsachen, die für die Seele ganz dasselbe bedeutet, wenn sie auch auf einem andern Felde liegt, als irgendeine andere Dogmatik. Man fühlt sozusagen, daß man keine innere Kraft, ich möchte sagen, keine Schwung- und Tragkraft hat, um die Wahrheit zu erfassen, um die Wahrheit in der Seele gegenwärtig sein zu lassen, wenn man sich nicht mehr am Gängelbande der äußeren Tatsachen oder der diese Tatsachen beschreibenden äußeren Wissenschaft geführt weiß. Geisteswissenschaft macht allerdings notwendig, weil sie über Dinge und Vorgänge zu sprechen hat, die nicht dem Felde des gewöhnlichen Lebens angehören, daß man sich durchringt zu einem Verständnis, das nicht an einem Gängelbande der äußeren Tatsachen hängt und das sich auch nicht einer Dogmatik der Tatsachen unterwirft, sondern das in einem inneren, seelischen Erleben das Licht der Wahrheit leuchtend erfühlt. Inneres Erfassen der lebendigen Wahrheit ist das, woran sich die moderne Seele erst gewöhnen muß. Man kann geradezu sagen: die moderne Seele ist nicht fähig, sich aufzuraffen, jene starken inneren Kräfte zu entwickeln, die notwendig sind, um sich die Wahrheit nicht diktieren zu lassen, sondern sie unmittelbar zu erleben. Dieses Gefühl aber ist notwendig, wenn die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse geprüft und verstanden werden sollen von den Seelen. Wenn man sich aber zu einem solchen inneren Erleben der Wahrheit durchringt, dann ist für jede Seele Geisteswissenschaft unmittelbar verständlich. Denn nicht das spricht gegen die Geisteswissenschaft, was manche gegen sie vorbringen, daß da oder dort, irgendwo auf dem Felde der Naturwissenschaft oder der Geschichtswissenschaft etwas wäre, wovon man sagen könnte: das kann doch davon überzeugen, daß die sogenannten geisteswissenschaftlichen Wahrheiten Irrtümer oder Phantastereien wären. Nichts ist im ganzen Umfange der naturwissenschaftlichen oder der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnis da, was nicht im vollen Einklange stände mit den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft. Das wurde in diesen Vorträgen oft betont. Aber die, welche sich zunächst in das naturwissenschaftliche Denken eingewöhnen, auch in das geschichtswissenschaftliche Denken, die gewöhnen sich gewisse Denkgewohnheiten an, saugen gleichsam Vorurteile damit ein, und diese Vorurteile sind es, die man erst überwinden muß. Nicht aus den Urteilen der Wissenschaft heraus, sondern aus der Vorurteilshaftigkeit heraus erwächst die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft. Und wenn man bedenkt, was in den hier gehaltenen Vorträgen gesagt worden ist: daß durch die Geisteswissenschaft Erkenntniskräfte geschaffen werden, die nicht wie ein passives Hinschauen mit den Augen oder wie ein passives Hinhören mit den Ohren sind, sondern wie eine innere Geste, wie ein inneres Hinhören mit der Seelenphysiognomie, was also etwas Aktives werden muß, wenn die Seele in die geistige Welt eindringen will, so wird man begreifen, daß der Geisteswissenschaft Verständnis auch nur entgegengebracht werden kann, wenn sich die Menschenseelen allmählich daran gewöhnen, aus ihren Tiefen die tätigen Seelenkräfte heraufzuholen, jene Kräfte, die als freie innere Betätigungen in der Seele belebt werden müssen.

[ 9 ] Ich habe es aus dieser Gesinnung heraus bisher geradezu vermieden, obwohl das in der Zukunft einmal bei schwierigen Problemen nicht wird vermieden werden können, irgendwie durch Illustrationen oder Lichtbilder diesen Vorträgen zu Hilfe zu kommen. Die moderne Seele ist nur zu sehr geneigt, irgend etwas passiv anzuschauen. Aber was die Geisteswissenschaft zutage fördert, muß innerlich ergriffen werden, muß mitgedacht, mitgefühlt, ja oftmals mitgewollt und mitempfunden werden. Indem die Geisteswissenschaft an das appelliert, was zwar in jeder Seele vorhanden ist, aber in den Seelen oft nur schlummert, ruft sie in der Seele für das geistige Leben selbst Kräfte auf, die, wenn sie für dieses betätigt werden, ein hohes Lebensgut darstellen, ein Lebensgut, welches immer mehr und mehr von den Menschenseelen gebraucht werden wird. Nur wer kurzsichtig ist, könnte leugnen, daß dieses Menschenleben immer komplizierter und komplizierter wird, daß unsere Entwickelung im Erdendasein so verläuft, daß immer mehr und mehr innere Orientierungskräfte notwendig sein werden, um nach jeder Richtung hin mit dem Leben zurecht zu kommen. Außer den mancherlei anderen Gründen, die für das Eintreten der Geisteswissenschaft in die Gegenwartskultur sprechen, ist vor allen Dingen auch der geltend, daß die Menschenseelen, rein um sich äußerlich im Leben zu orientieren, diese stärkeren Kräfte werden beanspruchen müssen, je mehr wir uns in die Zukunft hineinleben. Das Leben selbst wird diese stärkeren Kräfte von den Menschenseelen verlangen.

[ 10 ] Wir können selbstverständlich in einer kurzen Vortragsbetrachtung nicht alles vorbringen, was die Geisteswissenschaft — ich sage jetzt nicht Geistesforschung — an Lebensgütern durch das lebendige Verständnis und Begreifen dessen, was die Geistesforschung zutage fördert, dem Leben zu bieten hat; wir können nur die einzelnen Kategorien im ganzen charakterisieren. Da möchte ich zunächst von dem ausgehen, was unmittelbar mit dem einzelnen Menschen zusammenhängt.

[ 11 ] Ich habe öfter in anderen Zusammenhängen hingewiesen auf das Wesen jenes rhythmischen Wechsels, der im menschlichen Leben im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden eintritt: auf Wachen und Schlafen. Was darüber vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus zu sagen ist, das ist in den verschiedenen Vorträgen ja zum Teil erwähnt. Heute soll nur das gleichsam angedeutet werden, daß der Mensch in dem gewöhnlich normalen Schlafe neben dem, was er für seine unmittelbare Seelenstimmung von diesem Schlafe hat und unmittelbar subjektiv verspüren kann, daß er außer diesem in dem Schlafe ein Gesundungsmittel ganz besonderer Art hat. Sie brauchen heute nur die äußere ärztliche Wissenschaft zu hören, so wird sie, soweit sie verständig ist, durchaus der Anschauung sein, daß wir im Schlafe, in einem richtigen gesunden Schlafe, ein Heilmittel haben. Denn der Schlaf ist dasjenige, was im ganzen Menschenwesen solche Kräfte entfaltet, die einen gewissen täglich stattfindenden Kräfteverbrauch ausgleichen. Während das Wachleben in einer gewissen Weise, man möchte sagen, aus Erschöpfungs- und Ermüdungszuständen, aus Abarbeitungszuständen heraus den Körper schwächt, während das gewöhnliche Wachleben aus den Quellen des Erkrankens schöpft — selbstverständlich nicht immer, aber schöpfen kann, haben wir es im Schlafe vorzugsweise mit der Entfaltung der Gesundungskräfte zu tun. Man braucht nicht so weit zu gehen, dem Menschen einen so reichlichen Schlaf zu empfehlen, wie es ein ganz bekannter Arzt vor kurzem in Berlin getan hat; aber das bleibt bestehen: daß im Schlafe auf den Menschen gesunde Kräfte wirken, und daß jeder, der das Leben von diesem Gesichtspunkte aus durchschauen kann, sagen wird: Zu den besten Heilmitteln für manches Kranksein gehört die Herbeiführung von gesundem Schlaf. Ich kann natürlich in diesem Vortrage nicht von dieser Herbeiführung eines gesunden Schlafes sprechen. Ob die Geisteswissenschaft etwas ganz besonderes darüber zu sagen hat, das bei anderer Gelegenheit. |

[ 12 ] Nun kann das Menschenwesen durch das, was sich im. Schlafe entfaltet, im Grunde genommen nur wiederherstellen, was wir verbraucht haben. Im Schlafe ist die Seele, wie die Geisteswissenschaft zeigt und wie hier öfter ausgeführt worden ist, aus dem physischen Leibe des Menschen heraus entfernt; das Geistig-Seelische ist in seiner eigenen Welt, in der geistigen Welt. Und dieses andersartige Verhältnis der Seele zum Leibe, als es im Wachsein der Fall ist, hängt zusammen mit der Aufrufung von gesundenden Kräften. Die Geistesforschung ruft nun, wie wir gesehen haben, das Geistig-Seelische des Menschen auf, frei vom Leiblichen, vom Physischen zu werden — denn anders kann man nicht Geistig-Seelisches erforschen. Alles, was der Geistesforscher erforscht, wird außerhalb vom physischen Leibe erforscht. Wenn er das so Erforschte in Begriffe und Worte bringt, und wenn die Menschenseele sich wirklich ein Verständnis für das erwirbt, was er zu sagen hat, dann wird sich auf diese Seele, die nicht selbst geistesforschend ist, sondern nur verständnisvoll den gemachten Mitteilungen entgegenkommt, ein ganz besonderer Einfluß geltend machen. Diese Seele wird sich innerlich bemühen, jene Kräfte aufzurufen, die man nennen kann Verständniskräfte für die Ergebnisse der Geistesforschung. Das sind Kräfte, die mehr oder weniger unabhängig von dem physischen Leibe sind. Indem wir das, was die Sinne uns bieten, was der Verstand uns bietet, der sich an das Gehirn bindet, uns zum Verständnis bringen, bleiben wir auch mit diesem Verständnis abhängig von unserer Leiblichkeit, strengen den Leib an, nutzen ihn ab, lassen unsere Tätigkeit verlaufen in der ganzen Sphäre, aus welcher auch das Erkranken kommt. Versetzen wir uns dagegen mit unserm Verständnis — aber mit unserm lebendigen Verständnis — in das, was die Geisteswissenschaft darbietet, so leben und weben wir in der Sphäre der gesunden Kräfte.

[ 13 ] Wenn dies leicht geleugnet werden kann, selbstverständlich: «leicht», und wenn gesagt werden kann: nun, man kennt ja viele Leute, die sich mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft befassen und durchaus nicht einen solchen Eindruck machen, als ob sie im Felde der Gesundungskräfte leben, so kann dergleichen ganz berechtigt sein. Es soll durchaus nicht als unberechtigt hingestellt werden. Aber es muß dagegen gesagt werden: Nicht dadurch, daß man in derselben Weise, wie man sich mit anderen Wissenschaften oder mit dem gewöhnlichen Leben beschäftigt, sich auch mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft befaßt, dringt man in diese ein. Was ich im letzten Vortrage das «Homunkeltum» genannt habe, kann man ebensogut wie in andern Wissenschaften auch in der Geisteswissenschaft entfalten. Wenn man Geisteswissenschaft ebenso begreifen will, wie man sonst die Ergebnisse der gewöhnlichen Wissenschaften verstehen will, dann hat man zu ihr nicht das rechte Verhältnis. Geisteswissenschaft kommt heraus aus der Geistesforschung, aus dem geistigen Leben des Geistesforschers, aus einem fortwährenden Tätigsein; und das Verständnis, das ihr entgegengebracht wird, appelliert nur zum geringsten Teile an das Ermüden des physischen Leibes, das heißt an das, woran die gebräuchlichen Erkenntniskräfte des gewöhnlichen Lebens appellieren. Dadurch muß aber die Wahrheit selber, sowohl für den Geistesforscher wie auch für den Bekenner und Versteher der Geisteswissenschaft, etwas werden wie ein lebendiges Wesen. Das wird es auch. Während man sonst die Wahrheit empfängt wie eine Summe von Urteilen, wie etwas, das man eben bloß denkt, empfängt man Geisteswissenschaft wie etwas, was die Seele wie ein geistiges Blut durchzieht, was sie innerlich belebt. Man empfängt die Wahrheit wie eine Summe von geistigen lebendigen Wesen; man fühlt sich wie von lebendigem Dasein durch die Geisteswissenschaft durchdrungen, wenn man ihr wirklich Verständnis entgegenbringt. Dann aber wirkt sie tatsächlich gesund, wirkt gesundend bis in den physischen Leib hinein. Und wie der Schlaf, währenddessen die Seele ja auch außerhalb des physischen Leibes ist, im wahren Sinne des Wortes ein Heilmittel gegen manches Kranksein genannt werden kann, so kann auch die Geisteswissenschaft als ein solches Heilmittel genannt werden. Sie kann ein Heilmittel genannt werden allerdings nur von denen, die folgendes wohl verstehen wollen, das wichtig ist.

[ 14 ] Es ist begreiflich: man wird ebenso, wie man an die äußere ärztliche Wissenschaft oder Kunst herankommt, auch an die Geisteswissenschaft herankommen, weil man dieselben Denkgewohnheiten beibehält. Oft auch, wenn man in sie eindringen will, wird man sagen: Was für ein Heilmittel hast du für diese Krankheit, welches für jene? Und oft wird von der Geisteswissenschaft die Angabe von Heilmitteln gefordert. Gewiß, die Geisteswissenschaft wird auch zutage fördern, was wirkliche konkrete Heilmittel sind; aber man muß verstehen, daß sie nicht nur dieses oder jenes Heilmittel angeben will, sondern daß sie vor allem sich gibt. Nur wird sie nicht immer mit Verständnis hingenommen. Was die Geisteswissenschaft sagen kann, wenn man nach einer Heilmethode fragt, ist die Antwort: Nimm mich selber, dann wirst du meine heilenden Kräfte verspüren! Aber das ist unbequem für manchen, der oft etwas ganz anderes sucht. — Natürlich wäre es eine Trivialität, wenn man einwenden würde, daß manchem, der sich mit Geisteswissenschaft beschäftigte, und der früh gestorben oder von dieser oder jener Krankheit befallen worden ist, diese Geisteswissenschaft nichts helfen konnte. Denn man müßte erst die Gegenprobe bringen: ob jemand, der sich mit Hilfe der Geisteswissenschaft bis zum 45. Jahre erhalten hat, nicht vielleicht ohne sie nur 35 oder 40 Jahre alt geworden wäre. Die Methoden der Widerlegung sind oft nicht so leicht.

[ 15 ] Vor allem muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß der Schlaf nur das ausgleichen kann, was im physischen Leibe verdorben oder verbraucht ist, also im Grunde genommen Kräfte aus den geistigen Welten nur so weit schöpfen kann, als die Grenzen der geistigen Anlagen gehen, die der Mensch durch die Geburt ins Dasein bringt. Es holt die Geisteswissenschaft ihre Kräfte aus derjenigen Welt heraus, mit welcher der Mensch geistig zusammenhängt. Man kann deshalb sagen: der Schlaf ist ein Heilmittel insofern, als er verbrauchte, abgearbeitete Kräfte ausgleichen kann. Die Geisteswissenschaft führt entweder durch das, was sie selber ist, oder was sie zu geben vermag, dem Menschen Kräfte zu, die er nicht schon in sich hat, die nicht schon in seinen Anlagen sind; sie eröffnet dem Menschen einen höheren Quell der Gesundung, als ihm das gewöhnliche, normale Leben auch mit dem besten Schlafe verschaffen kann. Und was so von der Seele aus gleichsam gesundend ausstrahlen kann durch das lebendige Sich-hinein-Finden in die Geisteswissenschaft, das möchte man vergleichen mit dem, was gewöhnliche ärztliche Kunst vermag, indem man sagt: Auch die gewöhnliche ärztliche Kunst vermag im Grunde genommen nur diejenigen Heilkräfte zur Gesundung des Menschen aufzurufen, die schon im Menschen sind, die nur unterdrückt sind durch entgegengesetzte Kräfte. Die Geisteswissenschaft dagegen bringt neue Kräfte im Menschen zur Wirksamkeit, Kräfte, die sich erst entwickeln, die noch nicht veranlagt sind; sie appelliert nicht nur an den Menschen als Mikrokosmos, sondern an den Zusammenhang des Menschen als Mikrokosmos mit der großen geistigen Welt.

[ 16 ] Um dies noch anschaulicher zu machen, möchte ich auf etwas hinweisen, was schon an der Grenze von Physischem und Geistigem steht. Obzwar es durchaus richtig ist, daß die Geisteswissenschaft dem Menschen ein Lebensgut gibt, durch das er in einer gewissen Beziehung Erkrankungen vorbeugen kann, die ihn sonst befallen würden, so tritt uns, wenn man sich nur ein wenig mit Geisteswissenschaft beschäftigt, ein noch viel bedeutenderes Lebensgut für das Leben der Seele selber sehr springend in die Augen. Ich meine das Gedächtnis. Wer hätte nicht über ein Nachlassen des Gedächtnisses zu klagen, wenn er in die Jahre kommt! Wer nur ein wenig mit Menschen in Berührung kommt, der weiß, wie sehr Gedächtnis- und andere Kräfte, wenn man in die Jahre kommt, nachlassen, und wieviel über dieses Nachlassen geklagt wird. Die Kräfte, mit denen wir für unser Gedächtnis ausgerüstet sind aus dem Fonds des Menschenlebens heraus, wie wir durch die Geburt ins Dasein treten, diese Kräfte erschöpfen sich. Und man könnte äußerlich noch so gesund leben, sie erschöpften sich doch; und obzwar durch manche äußere Mittel manches gebessert werden könnte, was ungebessert ist, es erschöpften sich doch die Kräfte, die uns angeboren sind.

[ 17 ] Das wird man aber finden: wenn man innerlich tätig ergreift, was die Geisteswissenschaft dem Menschen zu geben hat, und wenn man sich ganz andere Denkgewohnheiten und Vorstellungsarten als die gewöhnlichen aneignet, so wird man bemerken, daß die Kräfte, die früher die Gedächtniskräfte waren, wenn man in die Jahre kommt, zwar abnehmen, daß sie aber durch etwas ersetzt werden, was ein viel besseres Gedächtnis ist. Es tritt allmählich aus den geistigen Untergründen der Seele das auf, was man nennen kann ein Zurückschauen auf die Ereignisse. Wie wir sonst auf die Dinge im Raume hinschauen, so lernen wir allmählich hinschauen auf die Dinge in der Zeit. Die Kräfte, die das Gedächtnis sonst nicht entwickelt, weil es für gewöhnlich einen Reservefonds im unmittelbaren Leiblichen hat, die verborgen bleiben, bis wir in die Jahre kommen, diese verborgen schlummernden Gedächtniskräfte werden hervorgeholt aus der Seele: Anschauungskräfte des Vergangenen. Und bei richtigem Einleben in die Geisteswissenschaft anerziehen wir uns im Laufe des Lebens etwas, was unser gewöhnliches, anerzogenes Gedächtnis fortsetzt, wodurch ein Mensch, der wirklich Geisteswissenschaft lebendig ergreift, viel länger ausgestattet bleibt mit der Möglichkeit, Vergangenes zu überschauen, wie auch die Möglichkeit bekommt, sich aus dem Vergangenen Richtkräfte für die Zukunft zu holen, als einer, der sich nicht auf Geisteswissenschaft einlassen will. Wer auf solche Dinge in ihren feineren Unterscheidungen eingeht, wird schon bemerken, wie das Gedächtnis zu etwas anderem wird, aber nicht etwas Treuloseres wird, sondern etwas, was getreuer wirkt als das Gedächtnis, das uns durch die leiblichen Kräfte angeboren ist.

[ 18 ] Das ist es, was uns zeigt, nicht von Tag zu Tag, aber für eine sorgfältige Beobachtung des Lebens, wie erfrischend und kräftigend die Lebensgüter sind, die von der Geisteswissenschaft der menschlichen Seele gegeben werden können, und noch anderes. Selbstverständlich wird die Geisteswissenschaft nicht dasjenige, was physisch im Körper da oder dort zerstört ist, geistig heilen können. Geisteswissenschaft wird niemals in einen Fanatismus verfallen, der als eine fanatische Gegnerschaft gegen die äußere wissenschaftliche Medizin gerichtet sein könnte, wie es in ähnlichen Richtungen auf diesem Gebiete manchmal zutage tritt; sie wird darauf aufmerksam machen, daß das, was physisch zu heilen ist, auch physisch geheilt werden muß. Aber das, wohinein die Kräfte eines verstärkten geistigen Lebens, wie es durch die Geisteswissenschaft erzeugt werden kann, sich ergießen können, das gibt ein grenzenloses Lebensgut.

[ 19 ] Wie ist doch bei dem materialistischen Sinn der Menschen gerade das, was ihnen gut ist in gesundheitlicher oder in lebensförderlicher Beziehung, allmählich zu einem bloßen trockenen Wissen geworden! Nicht um etwas zu beweisen, sondern nur um etwas zu erläutern, möchte ich darauf hinweisen, wie wir die Heilinstinkte — die Empfindung für das, was dem Organismus gut tut — bei den Tieren beobachten können. Beim Menschen aber können wir, hervorgerufen durch die Tätigkeitskräfte, die an Gehirn und Nervensystem gebunden sind, die Tendenz finden, sich von dem gesunden Leben immer mehr zu entfernen, und dadurch würde er in bezug auf das, was ihm gut tut, zuletzt alles in äußeres, trockenes Wissen verwandeln wollen. Man sieht heute schon Menschen, die nicht mehr ganz ihren Instinkt entwickeln können, der ihnen beim Essen sagt: jetzt hast du genug, sondern die neben ihrem Teller eine Waage stehen haben und nun wiegen, wieviel das Stück Fleisch wiegt, das sie essen dürfen. Das ist nur etwas radikal ausgedrückt; aber wer die Dinge verfolgt, wird sehen, wie sich die Lebensempfindungen allmählich immer mehr in ein abgesondertes abstraktes Wissen verwandeln. Das drückt sich auch darin aus, daß die Menschen in bezug auf ihr Gesundsein und Kranksein gar nicht mehr aus sich selbst, aus ihrem Gefühl heraus handeln können, sondern die Sorge dafür einem andern übergeben möchten.

[ 20 ] In dieser Beziehung wird die Geisteswissenschaft den Menschen ein außerordentlich bedeutsames Lebensgut sein können, indem sie nach Durchdringung einer Welt strebt, von welcher der Mensch zwar nur abzustammen scheint, in der er aber noch drinnen steht. Denn in Wahrheit ist der Mensch seinem seelischen und physischen Wesen nach aus dem Geiste entsprungen. Und während man sich mit dem Teile seines Wesens, das an das Gehirn und Nervensystem gebunden ist, von den Lebensinstinkten entfernt, nähert man sich durch ein verständnisvolles Einleben in die Geisteswissenschaft wieder dem lebendigen, tätigen Leben, so daß der, welcher das lebendige Verständnis für die Geisteswissenschaft in sich entwickelt, zwar nicht den tierischen Trieben überlassen wird; er wird sie vom Geiste aus so durchdringen, daß er sich allerdings nicht von einem abgesonderten, abstrakten Wissen vorschreiben läßt: das sollst du essen, soviel sollst du trinken, soviel spazieren gehn, turnen und so weiter; sondern dazu wird es kommen, daß er die Triebe unmittelbar vergeistigt, daß er das geistige Gut, welches er durch die Geisteswissenschaft empfängt, einfließen läßt in seine Triebe und dadurch weiß: dies sollst du so und so machen im Leben! Man könnte geradezu sagen: Der Mensch hat sich durch die Erkenntnis, die an das Gehirn und Nervensystem gebunden ist, vom Leben entfernt; durch die Geisteswissenschaft aber durchdringt er wieder das Leben mit einem neuen Inhalt, und dadurch wird er wieder unmittelbar wissen: das ist gut für dich, das ist vorteilhaft für dich, jenes ist nicht gut für dich! Er wird mit Sicherheit durch das Leben gehen; er wird fest und orientiert im Leben drinnen stehen, weil er eine Brücke schaffen wird zwischen den tiefsten Gründen des Lebens und seinem Dasein um sich herum. Und das wird sich erstrecken nicht nur auf Gesundsein und Kranksein, sondern auf alles Leben.

[ 21 ] Bedenken wir: notwendig haben wir, wenn wir gesund sein wollen, an geistige Kräfte zu appellieren, die tätige sind, die in lebendiger Richtung aufsteigen. Wenn wir sonst im Leben urteilen, so geschieht es in der Weise, daß wir unser Urteil abhängig machen von dem, was wir gesehen haben; wir bleiben mit unserer eigenen Seele dabei ganz passiv. Und gerade da ist die gewöhnliche Wissenschaft, wenn sie Urteile fällen soll, stolz darauf, die Richtkräfte, die Schlag- und Schwungkräfte des Urteilens nicht aus der eigenen Seele heraus zu nehmen. Dieses Zum-Leben-Bringen der Wahrheitskräfte, der Beurteilungskräfte der Seele ist das eine, was die Geisteswissenschaft dem Menschen als Lebensgut bringen kann. Immer mehr muß sich die Seele, die in die Geisteswissenschaft eindringen will, daran gewöhnen, sich nicht Urteile geben zu lassen, sondern tätig zu urteilen, sich einen inneren Quell des Urteilens zu eröffnen. Dadurch erlangt sie, was man nennen möchte Geschicklichkeit des Urteilens, innerliche Freiheit, die Urteilskräfte zu handhaben, Geistesgegenwart, die unmittelbar aus der Seele entspringt, wenn sie nötig hat, sich in der Welt zu orientieren oder sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Voraussehen könnte man ein Lebensgut der Geisteswissenschaft, das in der folgenden Weise charakterisiert werden kann.

[ 22 ] Nehmen wir an, daß wir zu erziehen haben, und die Entwickelung des jungen Menschen wird in das Licht der Geisteswissenschaft gebracht, wird von der Geisteswissenschaft beleuchtet werden. Dadurch wird der Mensch in einer anderen Weise heranwachsen, wird so heranwachsen, daß er immer mehr geneigt ist, wo er steht und geht im Leben, an den inneren Quell, an die Schwung- und Schlagkraft des inneren Urteils zu appellieren, Geistesgegenwart zu entwickeln, die Wahrheit innerlich zu erleben. So wird er durch das Leben schreiten. Und so werden Menschen, deren Erziehung geleitet worden ist im Sinne der Geisteswissenschaft, sich ganz anders ins Leben hineinstellen, als die, deren Erziehung wahrhaftig nicht im Lichte der Geisteswissenschaft gestanden hat, sich ins Leben hineinfinden müssen. Sie werden in sich instinktiv fühlen, weil das Denken nicht ein abstraktes sein wird, sondern in die Gefühle hineingehen wird: Dieses oder jenes ist für mich gut, zu beginnen! Wie steht heute mancher innerhalb unserer materialistischen Kultur mit seinem Leben, mit seinem Denken und Urteilen da und weiß nicht: Wozu tauge ich? Was soll ich tun? Das wird immer weniger und weniger vorkommen, wenn die mit Geisteswissenschaft bekannten Seelen in Lagen kommen, wo sie sich entscheiden müssen. Sie werden so fühlen, daß ihre vergeistigten Instinkte ihnen Freude machen. Diese Freude wird sie nicht täuschen; sie wird die richtige sein, und sie werden sich ins Leben richtig hineinfinden.

[ 23 ] Wer die Geisteswissenschaft heute vertritt, steht zu ihr, wenn sie wirklich wie aus seiner eigenen Gesinnung heraus erfließen soll, in einer andern Weise, als man zu einer andern Geistesströmung steht. Aber nicht dadurch hat man die rechte Gesinnung zu ihr, daß man von den Ergebnissen dieser Geisteswissenschaft subjektiv begeistert ist, und daß man den Drang hat, diese Ergebnisse vor seine Mitmenschen hinzutragen. Da würde vielleicht heute noch, wo es nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, Geisteswissenschaft zu vertreten, mancher mit diesem oder jenem zurückhalten, wenn man nur so zu den Zielen der Geisteswissenschaft käme, wie man zu den Zielen der anderen Wissenschaften kommt. Aber man kommt zu dem, was einem den Mund öffnet über die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, wenn man erkennt, wie eine Kultur, die immer mehr und mehr, auch wo man nicht materialistisch sein will, materialistische Färbung angenommen hat, in die Seelen und Gemüter eindringt und diese immer passiver und passiver macht, und wenn man weiter mit Bezug auf das, wo der Mensch immer mehr und mehr sich im Leben orientieren und sich ins Leben hineinstellen lernt, erkennt, wie die Geisteswissenschaft eine Notwendigkeit des fortgehenden Lebens ist. Und wenn man erkennt, wie jene Kräfte ersterben müssen, die den Menschen auf natürliche Weise sicher ins Leben hineinstellen, dann wird einem das, was geisteswissenschaftliche Erkenntnis ist, auf die Lippen gedrängt, wird einem abgefordert; und dann möchte man mehr haben, als die ja in mancher Beziehung widerspenstige menschliche Sprache bietet, um der Menschheit zu zeigen, wie notwendig im weiteren Menschheitsfortschritt das Lebensgut ist, das in unserer Zeit allein die Geisteswissenschaft geben kann.

[ 24 ] Und wenn innerhalb unserer modernen Kultur weniger bemerkt wird, was es eigentlich heißt: ganz unterworfen sein einer Dogmatik der Tatsachen, ganz abhängig sein von dem durch diesen Tatsachenfanatismus herbeigeführten Spezialistentum in der Wissenschaft, dann begreift man vielleicht, was es heißt, daß die Geisteswissenschaft den Menschen dazu führt, innere Elastizität, innere Beweglichkeit, innere Biegsamkeit, Lebendigkeit der Urteilsfähigkeit zu bekommen und dadurch erst das zu werden, was man einen innerlich freien Menschen nennen kann, der sich so ins Leben hineinstellen kann, daß er den Grundquell des Lebens selber erfaßt, indem das Wesen seiner Seele mit den Urkräften des Daseins einen Zusammenhang hat. Immer mehr wird es für die Menschheit notwendig sein, innere Elastizität, gleichsam inneres Turnen — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf: inneres «Tanzen» der Urteilskräfte in feiner innerer Tätigkeit zu entwickeln. Das wird als ein Lebensgut die Geisteswissenschaft der Menschheit zu bringen haben. Ein Denken, welches die Kraft der Wahrheit in sich selber trägt, das der Mensch brauchen wird der komplizierter werdenden Zukunft gegenüber, das ist ein Lebensgut, das die Geisteswissenschaft der Menschheit geben kann. Und zwar aus dem Grunde wird man sich gewöhnen müssen, Verständnis für das zu entwickeln, was nur innerlich erfaßt werden kann, weil man sich damit durch die Geisteswissenschaft verbündet mit der innerlich lebendigen Wahrheit, die sich zum Urteilen nicht von außen drängen läßt, sondern die belebt ist von der lebendigen Kraft der Wahrheit; wie der Organismus innerlich von der lebendigen Kraft des Blutes belebt ist. Und wie der Organismus von der lebendigen Kraft des Blutes belebt wird und durch dieselbe im rechten Verhältnis atmend zur Außenwelt steht, so wird die Geisteswissenschaft dem Menschen die Fähigkeit geben, von der innerlich lebendigen Wahrheit wie von einem geistig-seelischen Herzen durchlebt zu sein, das in der Welt der Umgebung da atmet, wo Geistiges eingeatmet werden muß, um die Seele so gesund, so leistungsfähig und stark zu machen, daß sie der inneren Atemluft das entgegenstellen kann, was sie zu einer freien inneren organischen Kraft macht, zu der Kraft, die im Blute pulsiert.

[ 25 ] Man möchte sagen: in der Gegenwart ist man nicht imstande, an dies geistige Atmen zu glauben. In der Zukunft wird man an das innere Herz für das geistige Atmen zu glauben vermögen und dadurch menschliche Freiheit für die Seele entwickeln. Wie das, was der Mensch als Lebewesen ist, nur dadurch entwickelt werden kann, daß er nicht nur die Atemluft in sich lebendig einzusaugen vermag, sondern sie lebendig umwandelt und in feiner Weise einen abgesonderten lebendigen Organismus entwickelt, leiblich, so wird er geistig immer mehr und mehr inneres seelisches Blut entwickeln, das ihn belebt, und das, indem er sich betätigt und das äußere Wissen und die äußere Erkenntnis umwandelt, den Menschen erst zum wahren freien Wesen macht.

[ 26 ] Und wenn wir von der Erkenntnisseite auf die Willensseite sehen, dann müssen wir bedenken, daß die Geisteswissenschaft an den Menschen heranbringt Vorstellungen, Begriffe, Ideen, Ergebnisse der Geistesforschung, die gewissermaßen frei in der Seele leben, so frei in ihr leben, daß sie unabhängig sind von dem Seelischen, von dem äußerlich Leiblichen, auch von Trieben und äußeren Eindrücken. Wie handelt denn der Mensch unter gewöhnlichen Umständen? Er handelt auf äußere Eindrücke oder auf äußere Triebveranlassung hin. Mit dem, was mit dem äußeren Organismus zusammenhängt, hat die Geisteswissenschaft nichts zu tun. Sie erfüllt den Menschen mit dem, was im Organismus nur wohnt, was aus der geistigen Welt, und nicht unmittelbar aus dem Organismus stammt. Es fällt für den Menschen immer mehr und mehr die Möglichkeit weg, auf äußere Antriebe und äußere Sensationen hin zu handeln; aber was ihm aus der Geisteswissenschaft zukommt, das liefert ihm innere Kräfte, so daß er von innen heraus zum Handeln kommt. Das gibt einen bedeutsamen Einschlag für das Menschenleben.

[ 27 ] Welche Kraft allein ist es denn, die zum Handeln kommen kann, wenn nicht das, was uns von der äußeren Welt abgefordert wird, die Impulse zum Handeln liefert? Welche Impulse können dann wirken?

[ 28 ] Man wird durch eine leichte Erwägung sehen, daß es ein umfassender Impuls sein muß, der dadurch in die Seele dringt, daß diese von einer umfassend wirkenden Kraft erfüllt wird: das ist der Impuls der Liebe, der aus der Seele unmittelbar herausströmt, aber nur dann unmittelbar aus ihr herausströmt, wenn sie von innerlichen Impulsen getrieben wird. Es wird die Geisteswissenschaft, Verständnis für die Geisteswissenschaft, dem Menschen ein Lebensgut liefern, das von unbegrenztem Wert ist: ein immer freieres und freieres Hinneigen zu seinem Handeln, was allein die Kraft des Handelns beleben kann, wenn die Impulse geistige sind, und damit zur Kraft der Liebe.

[ 29 ] Ich habe es in diesen Vorträgen öfters ausgesprochen: Geisteswissenschaft ist für das Leben die große Schule der Liebe. Nicht daß die Geisteswissenschaft bei jeder Gelegenheit von Liebe reden will. Dieses Reden von Liebe und wieder Liebe erinnert einen erst an das Wort Schopenhauers: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer», aber noch an etwas anderes. Wenn man immer nur so reden hört von Liebe! Liebe! Liebe! — wenn man hört, daß sich Vereine begründen, welche die Liebe predigen wollen — die Geisteswissenschaft darf vielleicht doch manchmal die Dinge radikal bezeichnen; es wird aber schon herausgefunden werden können, was jeweilig gemeint ist —, dann kommt es einem so vor wie bei den braven Schildbürgern, die das Licht in Säcke fassen und in die Häuser entleeren wollten. Aber so leert sich die Liebe nicht in die Seele. Es ist mit der Menschenseele ähnlich wie mit einem Ofen, dem man nicht zureden braucht, das Zimmer warm zu machen, da dies seine Ofenaufgabe wäre; er tut es von selbst, wenn wir Holz in ihn hineinbringen und es anzünden. Vielleicht könnte jemand dazu sagen: dem Holz sieht man es ja gar nicht an, daß es Wärme gibt. Und doch gibt es Wärme! Indem wir das ganz anders aussehende Holz in den Ofen hineinbringen und es anzünden, bringen wir Wärme in unser Haus. Indem wir uns an die geisteswissenschaftlichen Begriffe gewöhnen, gewöhnen wir uns an eine freie Urteilsfähigkeit, an eine freie Orientierungsfähigkeit in der Welt. Indem wir uns dadurch das Gedächtnis befruchten, bringen wir in unsere Seele herein die Impulse der menschlichen Liebefähigkeit und gewöhnen uns an sie. Und so sicher es ist, daß Wärme in einem Hause entsteht, wenn das Holz richtig verwendet wird, so sicher ist es, daß Liebe, werktätige Menschenliebe, die wirklich helfen kann, entzündet wird durch jene Impulse, die mit der Geisteswissenschaft in die Seelen einziehen. Geisteswissenschaftliche Begriffe sind das Heizmaterial der Seele für die Liebe.

[ 30 ] Gewiß kann man auch da wieder viel einwenden. Vor allem könnte eingewendet werden, daß manche, nach ihrer Ansicht, an denjenigen, die sich mit Geisteswissenschaft beschäftigen, nicht genug Liebe finden. Aber da muß sich schon der Mensch dazu aufschwingen, daß etwas, was da oder dort das Aussehen der Lieblosigkeit an sich tragen könnte, vielleicht doch recht liebevoll sein kann. Wenn zum Beispiel jemand aus einem verkehrten Instinkt oder aus reinem Egoismus heraus dieses oder jenes weniger Erfreuliche anrichtet, und er wird aus einem gesunden Instinkt heraus angeschnauzt, so kann dies eine bessere Betätigung der Liebe sein als manches Wort, das in solchem Augenblicke wohl «liebevoll» sein könnte, aber zu gar nichts helfen würde als zu einem Verschlimmern des Zustandes, aus dem heraus der Betreffende diesen oder jenen Irrtum begangen hat. — Das aber wird die rechte, wahre Erfahrung liefern: daß niemand, der sich mit der Geisteswissenschaft durchdringt, ohne ihren Einfluß bleibt in bezug auf die Liebe-Entfaltung.

[ 31 ] Geisteswissenschaft wird als ein merkwürdiges Lebensgut wirken gerade auf sittlichem Gebiete, auf dem Gebiete von Menschenhilfe und Menschenwirksamkeit. Sie wird nicht wirken wie äußere Mittel, die abschrecken sollen vor diesem oder jenem. Sie wird anders wirken, wird still in der Seele wirken, aber in der Seele jedes Einzelnen, so daß er die rechten Wege der Liebe-Betätigung findet. Geisteswissenschaft wird wirken wie das Gewissen, so, wie die innere Stimme des Gewissens nicht äußerlich vielleicht straft, die aber um so sicherer der Seele ein Führer ist. Wer sich in die geisteswissenschaftlichen Begriffe einlebt, wird es erfahren, daß da, wo er im wahren Sinne des Wortes Unrecht tut, die Geisteswissenschaft eine Kraft in ihn gesetzt hat, die wie eine Verstärkung des Gewissens wirkt, wie korrigierend, dem Leben Richtung weisend. Und so wird die Geisteswissenschaft nicht durch Programme, nicht durch äußere Vereine, nicht durch Wirksamkeiten wie sie sonst üblich sind, wenn man dieses oder jenes verbreiten will, zum besten auf sittlichem Gebiete wirken; sondern sie wird wirken, sagen wir, indem sie sich der Kultur einverleibt, wie das durch die Menschheit schreitende moralische Gewissen. In der Erhöhung der moralischen Gewissenhaftigkeit, die sich jeder Seele einfügen wird, welche sich mit Geisteswissenschaft durchdringt, wird der ganzen modernen Kultur ein Lebensgut gegeben werden, wenn die Geisteswissenschaft Verständnis findet.

[ 32 ] Wenn man sie so betrachtet, wird man sich einen Begriff von dem verschaffen können, was sie sein kann für die gesunde, physisch und moralisch gesunde Belebung der Menschenseele für das Freiwerden und freie Gestalten dieser Menschenseele. Man wird nicht mehr leugnen, daß sie in physischer und moralischer Beziehung ein unbegrenztes Lebensgut sein kann, ein Lebensgut, das man gar sehr brauchen wird, wie ich schon öfters erwähnt habe, in das man sich in der Zukunft immer mehr und mehr hineinzuleben genötigt sehen wird, ein Lebensgut, welches vor allen Dingen dadurch leuchtend und belebend für den Menschen wird sein können, weil es darauf ausgeht, innerlich durchschaut zu werden, weil es gleichsam nicht von außen an den Menschen herantritt, sondern sich innerlich mit seiner Seele verbindet, ihm nicht ein äußeres Wissen überliefert, sondern die Seele zu etwas macht, was dieser Seele wahrhaftig würdig ist. Wenn man dies einsehen wird — und man wird es nach und nach schon einsehen —, dann wird die Geisteswissenschaft weniger feindlich angesehen werden von denen, die sie heute noch sehr, sehr feindlich ansehen. Heute ist es noch durchaus begreiflich, wenn Leute mit ihrem materialistisch gefärbten Wissen kommen und sagen: Erkenntnis, die den Menschen belebt und trägt, gewinnt man ja auch, wenn man den Blick auf die Außenwelt richtet; da gewinnt man richtige Erkenntnis. Das ist gewiß richtig. Aber schauen wir einmal hin, jetzt nicht bloß theoretisch, sondern lebensvoll, und sehen wir: die Geisteswissenschaft gibt eben überall das lebensvolle Wissen; und halten wir dagegen, was eine materialistisch gefärbte Weltanschauung dem Menschen geben kann.

[ 33 ] Jene Menschen, die selbst noch ein solches materialistisch-atomistisches Weltgebäude aufbauen, die sozusagen an seinem Ursprunge stehen, betätigen dabei noch ihre Seele. Haeckel selber, Ostwald, seine nächsten Schüler und andere, die sind noch aktiv dabei; die können noch innere Kräfte ausbauen, und man könnte noch das, was sie mit ihrer Wissenschaft sich selbst innerlich erarbeiten, mit dem vergleichen, was durch die Geisteswissenschaft gewonnen wird, indem diese an die inneren Seelenkräfte des Menschen appelliert. Bei denen aber, die bei dem Zustandekommen solcher materialistischer Weltansichten nicht mehr in erster Reihe stehen, oder wo eine solche Weltauffassung passiv übernommen wird, da entspricht das, was als materialistische Weltanschauung auf die Seele wirkt, einem Nahrungsmittel, das nicht verdaut wird, das die Kräfte nicht entwickeln kann, die entwickelt werden müssen, wonach die Seele wirklich hungert. Man kann ja auch den Hunger sich vertreiben, ohne daß man wirklich ißt. Es geht. Aber was der Hunger andeutet, das kann nicht vertrieben werden für den äußeren Organismus ohne Essen. So kann man auch den Hunger der Seele nach geistigem Lebensgut ersticken, indem man durch materialistische Weltanschauung den Appetit für das geistige Leben verdirbt. Aber auf die Dauer geht das für die Menschenseele nicht.

[ 34 ] Es soll hier nicht über Wahrheit und Irrtum im Spiritismus gesprochen werden. Er enthält gewiß manches Körnchen Wahrheit, nicht nur Irrtum oder Schwindel und dergleichen. Darauf möchte ich nur hinweisen, daß die, welche auf dem Boden einer materialistischen Weltanschauung stehen, diesen Spiritismus scheinbar nicht billigen. Wenn man so über ihn denkt mit einem Denken, das sich nicht innerlich belebt, dann wird man nur sagen können, daß die materialistische Weltanschauung gleich ferne steht dem Spiritismus wie der Geisteswissenschaft. Wenn man aber wirklich hineinschaut in das Werden der Welt, dann weiß man etwas ganz anderes. Dann weiß man, daß der Hunger der Seele nach geistigem Lebensgut nicht erstickt werden kann, und daß die Materialisten es sind, welche den Spiritismus hervorbringen! Man bekämpft von materialistischer Seite die Geisteswissenschaft. Aber man wird sehen, daß überall da, wo es gelingt die Geisteswissenschaft nicht hochkommen zu lassen, die spiritistischen Vereine und Zirkel sich bilden! Die Väter des Spiritismus sind die Philosophen und materialistischen Weltanschauungsleute. Mit einem Denken, das nur abstrakt denkt, durchschaut man diesen Zusammenhang nicht. Da macht man denselben Denkfehler wie der, welcher sagt: Ich habe vor, einen recht guten Sohn aus dem Kinde zu bilden, das jetzt geboren worden ist; ich mache mir alles dazu zurecht. Aber der Sohn wird durchaus nicht immer so, wie der Vater es sich gedacht hat; er kann unter Umständen ein recht schlimmer Balg werden. Was sich die Materialisten für Vorstellungen machen über die Weltenzusammenhänge, das hat mit dem lebendigen Leben nichts zu tun. Und so kann es kommen, daß sie den «Sohn» erzeugen, den Balg, den sie selber als solchen Sohn nicht kennen. Denn der Spiritismus ist der Sohn des Materialismus. Warum ist das so? Weil der Appetit der Seele nach geistigem Leben den Hunger nicht stillen kann, und es schließlich dahin kommt, wie es der Physiker oder Chemiker macht, wo die äußeren Ereignisse des Lebens vorgeführt werden, wo ohne inneres Mittun der «Geist» vorgeführt werden soll. Das ist bequemer, als in jedem Momente, wo man zum Geist aufsteigen soll, sich innerlich anstrengen zu müssen. Aber das ist auch nichts anderes als ein Suchen nach demselben Weltbild, das der Materialismus hervorbringt. — Ich will das nur als ein Beispiel dafür anführen, wie sich ein abstraktes Denken hereinstellt in das Leben. Ein solches Denken wird selbstverständlich glauben, daß der Materialismus nicht den Spiritismus erzeugen kann. Wie sollte er auch! Ein Denken dagegen, das innere Schlag- und Tragkraft hat in der Sphäre der Wahrheit, wird in ganz anderem Sinne die Welt durchschauen, und durch solches Denken wird sich der Mensch ganz anders in die Welt hineinstellen können als durch ein abstraktes, totes Denken, das auch nur ein «Homunkulismus» ist, wie es das letzte Mal ausgeführt wurde.

[ 35 ] So sehen wir, daß Geisteswissenschaft wirklich als eine Summe von Lebensgütern bezeichnet werden kann. Zwar wird der, welcher das Leben erschöpft glaubt in den bloß äußeren Gütern, das Gesagte nicht für so unendlich wertvoll halten. Aber wer da weiß, wie selbst die äußeren Güter abhängig sind von dem inneren Orientierungsvermögen der Seele in der Welt und von den Gesundungskräften der Seele in sich selber, der wird auch mit Bezug auf alle sozialen Verhältnisse und was heute als Anlaß zu so vielen «Kuren» dient, die aber doch nichts sind als äußerliche Kuren und die zu nichts anderem als äußerlichen Maßnahmen führen können, den Gedanken nicht gewagt finden, daß solche Verhältnisse erst richtig gesehen werden können und wie dafür erst die richtigen Heilmittel gefunden werden können, wenn sich die Menschen zur Geisteswissenschaft aufschwingen werden. Und man muß wirklich sagen: in alledem ist etwas enthalten, was einem die Worte auf die Lippen drängt, wenn man über Geisteswissenschaft spricht.

[ 36 ] Viel Gegnerschaft, viel Feindschaft findet diese Geisteswissenschaft heute noch. Ich habe im Laufe dieses Winters wiederholt darauf hingewiesen, daß sich solche Gegner finden müssen. Und ihre Gründe sind ja so schlagend, scheinbar schlagend, weil sie so leicht gefunden werden können, und weil sie im Grunde so ungemein einleuchtend sind. Man kann so gut jeden Gegner der Geisteswissenschaft wirklich verstehen, und dabei braucht dieser gar nicht einmal Unrichtiges zu sagen; er kann sogar etwas ganz Richtiges sagen. Lassen Sie mich zum Schlusse noch erwähnen, wie er Richtiges sagen kann.

[ 37 ] Nehmen wir an, jemand, der ein ganz gescheiter Mensch sein kann, sagt: Da kommt ein Geistesforscher und redet so allerlei verkehrtes Zeug, was Kant längst widerlegt hat — die, welche auf Kant fußen, sagen so —, denn Kant hat schon längst erwiesen, daß das Vermögen des Menschen nicht ausreicht, um in die geistige Welt einzudringen; und wenn dieser Geistesforscher Kant studieren würde, dann würde er darüber bald schweigen.

[ 38 ] Es ist nicht ganz unrichtig, was der gescheite Mann — gescheit sind sie alle! — sagt. Es kann ganz richtig sein. Wenn jemand zur Zeit, da es noch kein Mikroskop gegeben hat, sagte, daß man keine anderen Dinge finden könne als die makroskopischen sind, weil das menschliche Auge in anderes nicht hineinsehen kann, so kann dies ganz scharfsinnig sein. Aber was nützt es für den weiteren Fortschritt des menschlichen Denkens und Lebens? Trotzdem es richtig ist, daß das menschliche Auge nicht bis zu den Zellen der Organismen sehen kann, weil das Sehvermögen begrenzt ist, haben sich die Menschen doch das Mikroskop konstruiert, und ebenso das Teleskop, und sehen nun dorthin, wohin das Sehvermögen des menschlichen Auges nicht reicht. Wie es sehr scharfsinnig sein kann, daß jemand beweist, daß das menschliche Auge keine Zellen und dergleichen zu sehen imstande ist, so kann es sehr richtig sein, was jene Menschen vorbringen, die von der Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens sprechen. Aber kommt es darauf an, ob es richtig ist oder nicht? Wie es richtig ist, daß das menschliche Auge keine Zellen sehen kann, aber wie die Kultur zu einer Verschärfung des Auges geführt hat, so gibt es geistige Methoden, die trotz der Richtigkeit des Kantianismus in bezug auf die Begrenztheit des Erkenntnisvermögens eine Erstarkung, eine Erkräftigung des Seelenlebens herbeiführen, so daß der Mensch in die geistige Welt hineinsehen kann. Solches und auch anderes noch, was jemand als Gegner der Geisteswissenschaft anführt, muß begriffen und verstanden werden.

[ 39 ] Wirklich nicht, um zu renommieren oder um etwas zu rühmen, sondern um etwas mitzuteilen, was nun doch einmal gesagt werden darf, sei dieses erwähnt: daß sich doch nun immer mehr und mehr Menschen finden, die den lebendigen, fruchtbaren Impuls, der durch die Geisteswissenschaft geht, auch in der Gegenwart erspüren. Zeugnis dafür ist, daß wir immerhin in der Lage sind, eine Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach bei Basel, Kanton Solothurn, zu erbauen. Es ist damit nicht die Absicht vorhanden, die Geisteswissenschaft auf einen Ort zu konzentrieren; das muß durchaus zur Geltung gebracht werden. Sondern es soll damit der Beweis erbracht werden, daß wir in der Lage sind zu zeigen, wie die Geisteswissenschaft durch Schaffung von architektonischen, plastischen und malerischen Formen und in dem Zusammenstimmen dieser einzelnen Wirkungen in einem solchen Baue sich betätigen kann, schöpferisch sein kann. Es sollte mit diesem Bau nur ein Modell dafür gegeben sein, daß die Geisteswissenschaft das Leben unmittelbar anzufassen in der Lage ist. Und daß sich zu den verhältnismäßig großen Mitteln, die notwendig waren, um diesen Hochschulbau zu schaffen, Freunde der Geisteswissenschaft gefunden haben, ist schon ein Beweis dafür, daß diese Geisteswissenschaft in den Seelen der Gegenwart zum Teil doch wurzelt.

[ 40 ] Nur nebenbei soll erwähnt werden, daß über diesen Hochschulbau für Geisteswissenschaft in Dornach alle möglichen Märchen in die Welt gesetzt werden, so zum Beispiel das jüngste Märchen, das mir auf den Tisch gelegt worden ist: daß diese Hochschule, die in der Tat einmal in München gebaut werden sollte, deshalb nicht gebaut werden konnte, weil wir dort abgewiesen worden wären. Und allerlei anderes märchenhaftes Zeug wird im Zusammenhang damit vorgebracht. In Wahrheit aber verhalten sich die Dinge so, daß wir nicht abgewiesen worden sind, sondern daß gewisse Kreise in München, die immerhin, wenn etwas verwirklicht werden soll, erst gefragt werden müssen, mit ihrem Sachverständigenurteil nicht fertig werden konnten. Die Verhältnisse lagen also so, daß diese Kreise mit ihrem Sachverständigenurteil wohl zehn Jahre auf sich warten lassen konnten; wir konnten aber mit dem Bau nicht zehn Jahre warten! — Ein anderes Märchen erzählt, daß wegen des Baues unter verschiedenen Städten eine Art Wettstreit entstanden wäre, und daß andere Städte bei diesem allgemeinen Wettbewerb der Städte gegen München den Sieg davongetragen hätten. Es soll damit nichts gesagt sein gegen die ja kunstreiche Stadt München; aber das darf doch gesagt werden: wenn es jetzt den Münchenern leid geworden sein soll um die nun wo anders gebaute Hochschule für Geisteswissenschaft, so haben sich doch nicht so viele Städte darum gerissen! So gerissen hat man sich noch nicht um uns. Im übrigen ist die betreffende Zeitung nicht besonders gut unterrichtet, wenn sie schreibt: es «scheine» Basel als günstigste Stadt aus diesem Wettbewerb hervorzugehen.

[ 41 ] Ich will das nur erwähnen, weil durch den Bau dieser Hochschule für Geisteswissenschaft auch jetzt da oder dort mehr Gegner gegen die Geisteswissenschaft auftauchen, und weil es ein äußeres Zeichen dafür sein kann, wie die Geisteswissenschaft doch schon Verständnis findet, daß an den Bau dieser Hochschule geschritten werden konnte, auf daß ein solches künstlerisches Wahrzeichen für das, was die Geisteswissenschaft will, in der Welt da sein kann. Diejenigen allerdings, die durchaus Gegner der Geisteswissenschaft sein wollen, bringen immer das vor, daß sie sagen: Wer sind sie denn, diese Anhänger der Geisteswissenschaft? Urteilslose Menschen! Menschen, die auf Glauben oder Autorität leicht hinhören! Aber gewöhnlich sind diese Leute, die so reden, Menschen, die recht gern haben möchten, daß man auf ihre Autorität oder auf das, was sie als Autorität ansehen, hinhören! Und weil die Bekenner der Geisteswissenschaft das nicht tun, sondern es bis zu einer gewissen Vorurteilslosigkeit, auf die allein in der Geisteswissenschaft gerechnet wird, gebracht haben, deshalb sind jene Leute Gegner. Vorurteilslosigkeit, frei sein von den Vorurteilen einer materialistisch gefärbten oder sonstwie dogmatischen Weltanschauung wird aber notwendig sein, wenn man der Geisteswissenschaft Verständnis entgegenbringen will. Und mit diesem Verständnis wird man hereinrufen in die Seele die Lebensgüter auf moralischem, auf dem Erkenntnis- und auf dem Willensgebiete, wie es heute angedeutet wurde, bei denen, die sich wirklich intimer auf diese Geisteswissenschaft einlassen. Wer aber ihr lebendiges Leben verspürt und erfaßt, dem wird immer mehr eines klar werden: Diese Geisteswissenschaft ist verbunden mit dem, was der Zukunft der Menschheit notwendiges neues Lebensblut, geistiges Lebensblut geben muß. Mag auch das, was mit dieser Geisteswissenschaft zusammenhängt, manche Kinderkrankheiten hervorrufen — so wie sie hier gemeint ist, steht ja diese Geisteswissenschaft durchaus im Anfange ihres Wirkens —; es soll in keiner Weise alles gerechtfertigt werden, was sich zeigt, wo man glaubt, sie walte richtig. Eines darf vielleicht gerade heute, wo mit diesem Vortrage diese Winterserie abgeschlossen wird, am Schlusse ausgesprochen werden. Irgend etwas, was von außen her dazu verlockt, was uns in der gleichen Weise innerlich zum Vertreten der Geisteswissenschaft führen könnte, so wie man zu anderen Geistesströmungen geführt wird — das ist es eigentlich nicht, was dem Geistesforscher die Worte auf die Lippen drängt, was ihn den Versuch machen läßt, diese Geisteswissenschaft an die Mitmenschen heranzubringen; sondern einzig und allein die Erkenntnis: daß mit dieser Geisteswissenschaft die echten, die wahren und fruchtbaren Lebensgüter, nach denen jede Seele, die sich selbst verstehen will, hungern muß, in diese Menschenseele einziehen könnten, und daß diese menschliche Seele, auch wenn sie es heute noch nicht weiß, darnach lechzt, daß sie diese Lebensgüter haben muß, wenn sie nicht veröden soll. Dies ist die Empfindung, die sich dem Vertreter der Geisteswissenschaft aufdrängt, die in ihm lebt, indem er sie vertritt. Und mit diesem Bekenntnis möchte ich diese Wintervorträge also schließen:

[ 42 ] Wie wenn das wahrhaft Echte einer fruchtbaren Zukunftskultur, welcher der Mensch entgegenleben soll, den Vertreter der Geisteswissenschaft anblicken und von ihm fordern würde, daß er diese Geisteswissenschaft vertrete, so steht sie vor ihm, diese Wissenschaft selber. Was ihn erfüllt an Hoffnung, an Zuversicht für das Leben und für das Heilsame der Geisteswissenschaft in bezug auf die Menschheit der Zukunft, das drängt sich zusammen in eine Empfindung von etwas Echtem; und er kann nicht anders, als an dieser Empfindung des Echten der Menschennatur den Glauben entwickeln, der aus einem wahren Wissen stammt, der in einer gewissen Beziehung deshalb auch weiß: Diese Geisteswissenschaft muß, auch wenn ihr noch so viele Gegner erwachsen, wirken; sie muß dauern, sie muß siegen. Und so wie sie dem echt gesinnten Bekenner erscheint, ist sie das Echte der Zukunftsentwickelung der Menschheit. Nicht das Unwahre, Unechte, sondern nur das Echte kann wirken, kann dauern, kann siegen!

[ 43 ] Mit dem Ausdrucke der Zuversicht für die Geisteswissenschaft schließe ich diese Wintervorträge.