From a Fateful Time
GA 64
27 November 1914, Berlin
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From a Fateful Time, tr. SOL
4. Die Seelen der Völker
4. The Souls of Nations
[ 1 ] Auch das Thema des heutigen Abends ist aus den Impulsen entsprungen, die unsere Zeit geben kann. In unserer Gegenwart, da so viele Völker miteinander im Kampf liegen, scheint wohl der Seelenblick des Menschen aufgefordert zu sein, auf das hinzuschauen, was an Kräften, an Wesenhaftigkeiten in den einzelnen Völkern lebt; und insofern von diesen Kräften, von diesen Wesenhaftigkeiten in den Völkern als von den Volksseelen gesprochen werden kann, soll heute davon gesprochen werden.
[ 1 ] Tonight’s topic, too, has sprung from the impulses that our times can provide. In our present time, when so many nations are at war with one another, it seems that the inner gaze of the human being is called upon to look at the forces and essential qualities that live within the individual nations; and insofar as we can speak of these forces and essential qualities within the nations as “national souls,” that is what we shall discuss today.
[ 2 ] Nun ist es in unserer Zeit ja schon schwierig im geisteswissenschaftlichen Sinne, wie es hier geschehen soll, von der Einzelseele des Menschen zu sprechen, weil der vielfach verbreiteten materialistischen Zeitströmung gegenüber die wirkliche, innere, wahrhaftige Wesenheit der Einzelseele nicht ganz leicht auftechtzuerhalten ist, weil diese Wesenhaftigkeit bezweifelt, geleugnet wird. Noch ferner als das Leben der Einzelseele aber liegt dem naturalistischen, dem materialistischen Denken — demjenigen Denken, das heute vielfach meint, das Seelisch-Geistige in seiner wahren Bedeutung ablehnen zu müssen, weil es auf dem festen Boden der Naturwissenschaft stehen will — noch ferner liegt ihm das, was mit dem Ausdruck Volksseele bezeichnet werden kann. Soll denn Volksseele etwas anderes sein — sagt die naturalistische Denkweise — als der Zusammenfluß alles dessen, was sich aus den Einzelseelen heraus kundgibt, was eine gewisse Gemeinschaft von Menschen zusammenhält, was aber nur einen wirklichen Bestand in den einzelnen menschlichen Individuen hat? Schon im ersten Vortrage, den ich mir in diesem Winter zu halten erlaubte, bemerkte ich, daß die großen Ereignisse unserer Zeit, die Hinopferung so vieler Seelen, den Blick doch auf die Volksseelen als auf etwas Reales lenkt. Ob es ihm mehr oder weniger bewußt ist: der welcher sich hinopfert, gefordert von dem Schicksal der Zeit, er versteht doch unter seinem Opfer, das er der Volksseele bringt, etwas Reales, etwas Wirkliches, etwas was lebt, was innerliche Wesenhaftigkeit hat. Philosophen selbst unserer, der eigentlichen geistigen Betrachtung so abgeneigten Zeit, wenn sie tiefer in die Verhältnisse der Geschichte, in die Verhältnisse des menschlichen Zusammenlebens einzugehen versuchen, können doch nicht vorbeikommen an der Idee einer Gemeinschaftseele, an der Idee der Volksseele mit anderen Worten. So hat
[ 2 ] Nowadays, it is already difficult—in the sense of the humanities, as is intended here—to speak of the individual human soul, because, in the face of the widespread materialistic trend of our time, the real, inner, true essence of the individual soul is not easily upheld, since this essence is doubted and denied. Even further removed from the life of the individual soul, however, lies—in the eyes of naturalistic and materialistic thinking—that which is often regarded today as something that must be rejected in its true meaning because it seeks to stand on the firm ground of natural science—even further removed is what can be described by the term “national soul.” Is the “national soul,” the naturalistic way of thinking asks, anything other than the convergence of everything that manifests itself from the individual souls—that which holds a certain community of people together, but which has a real existence only within the individual human beings? Already in the first lecture I took the liberty of delivering this winter, I observed that the great events of our time—the self-sacrifice of so many souls—do indeed direct our gaze toward the national soul as something real. Whether he is more or less aware of it: he who sacrifices himself, called upon by the fate of the times, nevertheless understands his sacrifice—which he offers to the collective soul—as something real, something genuine, something that lives, something that possesses an inner essence. Even philosophers of our time—a time so averse to genuine spiritual contemplation—when they attempt to delve more deeply into the circumstances of history and the conditions of human coexistence, cannot help but encounter the idea of a collective soul; in other words, the idea of the national soul. Thus,
[ 3 ] denn Wundt, der Leipziger Philosoph, der jetzt so groß angesehen wird und dem man wahrhaftig nicht nachsagen kann, daß er zu einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung Neigung habe, doch nicht anders können, als in dem Gemeinschaftgeist etwas Reales zu sehen, dem er einen Organismus, ja sogar eine Persönlichkeit beilegt. Solche Dinge machen aufmerksam, daß der, welcher sich mit philosophischen Dingen beschäftigt, sich doch wenigstens nähern muß dem, was die Geisteswissenschaft gibt, und daß es im Grunde genommen nichts anderes ist als die Unbekanntschaft mit der Geisteswissenschaft, wenn man meint, daß das geistige Leben und die geistige Wirklichkeit nur ein Anhängsel der äußeren Wirklichkeit sei. Einen gewissen Organismus sieht auch Wundt in dem, was durch Sprache, Sitte, religiöse Anschauung innerhalb eines Volkes zusammenlebt, und sogar das sagt er, daß sich darin eine gewisse Persönlichkeit auslebt. Aber zu einer eigentlichen geisteswissenschaftlichen Betrachtung hat es die äußere Philosophie bis heute doch nicht gebracht. Dazu ist notwendig, daß man von Grundlagen ausgeht wie die, auf welche im gestrigen Vortrage aufmerksam gemacht worden ist.
[ 3 ] For Wundt, the Leipzig philosopher, who is now held in such high esteem and whom one truly cannot accuse of having any inclination toward a spiritual-scientific perspective, cannot help but see something real in the spirit of community, to which he attributes an organism, indeed even a personality. Such things draw attention to the fact that anyone who engages in philosophical matters must at least approach what the humanities have to offer, and that, fundamentally speaking, the belief that spiritual life and spiritual reality are merely an appendage to external reality stems from nothing other than a lack of familiarity with the humanities. Wundt, too, sees a certain organism in what coexists within a people through language, customs, and religious views, and he even says that a certain personality comes to life within it. But external philosophy has not yet managed to arrive at a genuine spiritual-scientific perspective. For this, it is necessary to proceed from foundations such as those to which attention was drawn in yesterday’s lecture.
[ 4 ] Darauf ist hingewiesen worden, daß es eine Entwickelung der menschlichen Seele durch Anspornung innerer Kräfte, durch Überwindung innerer Kämpfe gibt, durch die sich die menschliche Seele vorbereitet, um das Geistige, die geistige Welt zu schauen, und wodurch sich die Seele hinauflebt zu der Erfahrung, die dann so ausgedrückt werden muß, daß man sagt: Man erlebt sich innerhalb der geistigen Welt wie einen Gedanken höherer geistiger Wesenheiten; so wie unsere Gedanken in uns leben, so erlebt man sich durch seelische Entwickelung wie einen Gedanken höherer geistiger Wesenheiten. Und darauf ist aufmerksam gemacht worden, wie das, was das eigentliche Geistig-Seelische im Menschen umfaßt, was im gewöhnlichen Schlafe vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb des menschlichen Leibes lebt, durch diese seelische Entwickelung durchklärt, durchleuchtet wird; so daß der Mensch sich wirklich in demjenigen drinnen weiß, worin er sonst unbewußt vom Einschlafen bis zum Aufwachen lebt, daß er damit in seinem eigentlichen geistigen Sein und damit in seinem eigentlichen höheren Sein sich lebend weiß, wie er sich sonst mit seinem physischen Dasein in der äußeren Natur weiß. Aber es ist auch aufmerksam gemacht worden, warum der Mensch im dumpfen Schlafesleben seine Seele nicht mit dem Bewußtsein des geistigen Seins durchleuchten kann. Wir haben gesagt, daß ihn vom Einschlafen bis zum Aufwachen die Begierde erfüllt, wieder unterzutauchen in seinen physischen Leib; und diese Begierde wirkt wie durchnebelnd, wie durchtrübend dasjenige, was sonst da wäre, wenn die Seele im Schlafe leibfrei geworden ist, um im Schoße der geistigen Welt zu ruhen. Denn man kann sagen: die Geisteswissenschaft begreift, wie die Seele ein Selbständiges, sich leibfrei Wissendes sein muß, und sie weiß auch, wie die Seele in dem Zustande, in welchen sie jeden Tag mit dem Einschlafen eintreten kann, von diesem Zustande nichts wissen kann, da ihr Bewußtsein herabgetrübt ist. Aber indem so der Geistesforscher die Eigenart, die Wesenheit der leibfreien menschlichen Seele kennenlernt, lernt er noch in anderer Weise kennen, was es bedeutet: beim Aufwachen wieder unterzutauchen in den menschlichen Leib. Und hier muß eine bedeutsame Erkenntnis der Geisteswissenschaft, ein bedeutsames Resultat der Geistesforschung ausgesprochen werden.
[ 4 ] It has been pointed out that the human soul develops through the stimulation of inner forces and the overcoming of inner struggles; through this process, the human soul prepares itself to perceive the spiritual, the spiritual world, and thereby elevates itself to an experience that must then be expressed as follows: One experiences oneself within the spiritual world as a thought of higher spiritual beings; just as our thoughts live within us, so, through soul development, one experiences oneself as a thought of higher spiritual beings. And attention has been drawn to how that which constitutes the actual spiritual-soul aspect in human beings—which, during ordinary sleep, from falling asleep to waking up, lives outside the human body—is purified and illuminated through this soul development; so that the human being truly knows himself to be within that in which he otherwise lives unconsciously from falling asleep to waking up, so that he thereby knows himself to be alive in his true spiritual being and thus in his true higher being, just as he otherwise knows himself through his physical existence in the outer world. But attention has also been drawn to why, in the dull life of sleep, a person cannot illuminate their soul with the awareness of spiritual being. We have said that from the moment of falling asleep until waking, the soul is filled with the desire to submerge itself once more into its physical body; and this desire acts as a mist, as a cloud that obscures what would otherwise be present when the soul, freed from the body during sleep, rests in the bosom of the spiritual world. For one can say: spiritual science understands how the soul must be an independent, body-free, self-aware being, and it also knows how, in the state into which the soul enters every day upon falling asleep, the soul can know nothing of this state, since its consciousness is clouded. But as the spiritual researcher thus comes to know the nature and essence of the disembodied human soul, he also comes to understand in another way what it means to re-enter the human body upon waking. And here a significant insight of spiritual science, a significant result of spiritual research, must be articulated.
[ 5 ] Der Geistesforscher erlebt bewußt dieses Untertauchen in den physischen Leib. Wie er es dahin bringt, dasjenige in sich bewußt zu erleben, was im Schlafe unbewußt ist, so erlebt er auch die Art, wie die Seele, wenn sie wieder in den Leib untergetaucht ist, in diesem Leib lebt. Und er weiß: wie die Seele im Schlafe in ihrem Bewußtsein getrübt ist, so ist sie, wenn sie untergetaucht ist in den Leib und in diesem lebt, man könnte sagen, wacher, als sie durch ihre eigenen Kräfte sein kann. Wie sie im Schlafe in ihrem Bewußtsein dumpfer ist, als sie durch ihre eigenen Kräfte sein könnte, wegen der in ihr vorhandenen Begierde, so ist sie während des Tageslebens wacher, heller, durchleuchteter, als sie es durch eigene Kraft sein könnte. Durch ihr Untertauchen in den Leib kann sie teilnehmen an dem, was sie im Leibe erleben kann; aber es gibt dieses Untertauchen ein wacheres Erleben als durch die Kraft, welche sich die Seele selbst mitbringt.
[ 5 ] The spiritual researcher consciously experiences this immersion into the physical body. Just as he manages to consciously experience within himself that which is unconscious during sleep, so too does he experience the way in which the soul lives within the body once it has immersed itself in it again. And he knows: just as the soul’s consciousness is clouded during sleep, so too, when it has immersed itself in the body and lives within it, is it—one might say—more alert than it can be through its own powers. Just as its consciousness is duller in sleep than it could be through its own powers, due to the desire present within it, so too is it, during waking life, more alert, brighter, and more illuminated than it could be through its own power. Through its immersion in the body, it can participate in what it experiences within the body; but this immersion provides a more alert experience than that achieved through the power the soul brings with it.
[ 6 ] Da zeigt sich dann dem Geistesforscher die Wahrheit des Satzes, daß alles, was uns in der äußeren Welt als bloß physisch entgegentritt, vom Geistigen durchdrungen ist, daß in allem Physischen im Grunde genommen Geistiges lebt. Und wie der Mensch in sein inneres Seelenlicht eindringt, so taucht er unter in seinen Leib und weiß, daß er nicht bloß Leib ist, sondern daß er durchgeistigt und durchseelt ist; und in dem Seelenhaften, das er wahrnimmt, indem er in seinen Leib untertaucht, ist das, was ein wirkliches — nicht nur persönliches, sondern was ein überpersönliches Geistesleben führt, was wir nicht antreffen, wenn wir in demjenigen aufleben, was wir zwischen Einschlafen und Aufwachen durchleben, in welchem wir aber aufleben, wenn wir in den Leib untertauchen. Wir treffen in unserem Leib unter vielem andern Geistigen dasjenige an, was Volksseele genannt werden kann. Diese Volksseele durchgeistigt, durchseelt unsern Leib. Mit unserm Leib ist uns nicht nur körperliche Materialität gegeben; sondern mit unserm Leib, den wir zwischen Geburt und Tod als unser Werkzeug benutzen, ist uns auch das gegeben, was unsern Leib durchseelt, und was nicht einerlei ist mit unserer eigenen persönlichen Seele. Was sich mit unserer eigenen persönlichen Seele vereinigt, indem wir in den Leib untertauchen, das ist das, was Volksgeist, Volksseele ist. Wir verlassen gewissermaßen jedesmal mit dem Einschlafen auch die Wohnstätte der Volksseele, der wir angehören. — Der Geistesforscher — ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht fürchtet sich nicht vor dem Vorwurf des Dualismus, welcher dem «Monismus» widersprechen würde, wenn er darauf aufmerksam macht, daß der Mensch eine Zweiheit ist, daß er sich jedesmal beim Einschlafen aus einer Einheit in eine Zweiheit spaltet; gerade so wenig fürchtet er sich davor, wie der Chemiker sich vor dem Vorwurfe des Dualismus fürchten würde, wenn er von dem Wasser sagt: es besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff. In den Menschen, insofern wir sie als äußere physische Gestalten betrachten, lebt nicht nur die einzelne Seele, die von Leben zu Leben geht, die in wiederholten Erdenleben sich immer wieder verkörpert; sondern in dem, was als physische Gestalten herumgeht, lebt noch anderes Seelisches, leben die wirklichen, von Bewußtsein durchdrungenen Volksseelen. Nur sind die Volksseelen in anderer Art von Bewußtsein durchdrungen als die einzelnen Menschenseelen; und damit wir uns eine Vorstellung machen können, wie andersartig diese Volksseele ist, sei in folgender Weise darauf aufmerksam gemacht.
[ 6 ] This is when the truth of the statement becomes clear to the spiritual researcher: that everything in the external world that appears to us as merely physical is permeated by the spiritual, and that, fundamentally, the spiritual lives within all physical things. And just as a person penetrates into the inner light of his soul, so he delves into his body and knows that he is not merely a body, but that he is permeated by spirit and soul; and in the soul-like quality that they perceive as they delve into their body lies that which leads a true—not merely personal, but transpersonal—spiritual life, which we do not encounter when we are alive in what we experience between falling asleep and waking up, but which we do encounter when we delve into the body. Among many other spiritual elements in our body, we encounter what can be called the national soul. This national soul imbues our body with spirit and soul. With our body, we are not given merely physical materiality; rather, with our body—which we use as our instrument between birth and death—we are also given that which animates our body, and which is not the same as our own personal soul. What unites with our own personal soul as we enter the body is precisely what constitutes the national spirit, the national soul. In a sense, every time we fall asleep, we also leave the dwelling place of the national soul to which we belong. — The spiritual researcher—as I have often pointed out—does not fear the accusation of dualism, which would contradict “monism,” when he points out that the human being is a duality, that every time we fall asleep, we split from a unity into a duality; he fears this just as little as a chemist would fear the accusation of dualism when he says of water: it consists of hydrogen and oxygen. In human beings, insofar as we regard them as external physical forms, there lives not only the individual soul that passes from life to life, incarnating again and again in repeated earthly lives; but within what moves about as physical forms, there lives something else of a spiritual nature—the true national souls, imbued with consciousness. However, the national souls are imbued with a different kind of consciousness than the individual human souls; and so that we may form a conception of how different this national soul is, let us draw attention to it in the following way.
[ 7 ] Der Mensch steht, indem er sich der äußeren Wirklichkeit gegenübersieht, ihr so gegenüber, daß er je nach seiner ganzen Charakteranlage, je nach der ganzen Nuancierung seines Seelenlebens sich entweder in der Beobachtung der Dinge gleichsam hingegeben har an das Gegenständliche der Außenwelt, oder er lebt so, daß er wenig Neigung hat, den Blick über den Horizont der Außenwelt zu lenken, daß er mehr mit dem, was in der eigenen Seele lebt, was dort auf- und abwogt, zusammenleben will. Dieser Gegensatz tritt uns ja entgegen, wenn wir unsern Blick auf Goethe und Schiller richten. Goethes Denken, das man ein «gegenständliches» mit Recht genannt hat, ruht auf den Dingen, verbreitet sich über die Dinge; das lebt so, daß Goethe mit den Dingen lebt und gleichsam ihre Geistigkeit einatmet, wie eine geistige Atemluft. Schillers Blick war so, daß er weniger auf den Umkreis der Dinge gerichtet, sondern mehr der Seele selbst zugekehrt war, dem, was da innerlich pulst, auf- und abwogt. Das, was durch die Geschichte hinlebt als Volksseele, das ist so geartet, daß für diese Volksseele nicht die Außenwelt da ist, die für die einzelne Menschenseele da ist. Wie für uns die Dinge in der Natur ringsherum da sind, so sind wir selber für die Volksseele da. Unsere Seelen, die immer beim Aufwachen in die Leiber einziehen, sind gleichsam die Beobachtungsobjekte der in uns einziehenden Volksseele, wie die Gegenstände der Natur unsere Beobachtungsobjekte sind. Indem wir in den Leib untertauchen, werden wir — man kann nicht sagen — erblickt, aber willensmäßig durchpulst von der Kraft und Tätigkeit der Volksseele. Die Volksseele richtet sich auf uns.
[ 7 ] When faced with external reality, a person confronts it in such a way that, depending on his or her overall disposition, and the full range of nuances in his inner life, either devotes himself, as it were, to the observable objects of the external world, or lives in such a way that he has little inclination to direct his gaze beyond the horizon of the external world, preferring instead to live in harmony with what lives within his own soul—what surges and ebbs there. This contrast becomes evident when we turn our gaze to Goethe and Schiller. Goethe’s thinking, which has rightly been called “concrete,” rests upon things and extends across them; it is such that Goethe lives with things and, as it were, breathes in their spirituality, like spiritual air. Schiller’s gaze was directed less toward the world of things and more toward the soul itself—toward what pulses and ebbs and flows within it. That which lives on through history as the national soul is of such a nature that the external world, which exists for the individual human soul, does not exist for this national soul. Just as things in nature are present all around us, so are we ourselves present for the national soul. Our souls, which always enter our bodies upon waking, are, as it were, the objects of observation for the national soul entering within us, just as the objects of nature are the objects of our observation. As we sink into the body, we are—one cannot quite say—beheld, but rather pulsed through by the will of the national soul’s power and activity. The national soul directs itself toward us.
[ 8 ] Aber nun kann der Unterschied eintreten, daß sich die Volksseele mehr auf das richtet, was in den Leib einzieht als in die individuelle Menschenseele. Es kann gleichsam — wie ich es an dem Beispiel der individuellen Menschenseele bei Goethe klargemacht habe in bezug auf die Natur — der Willensimpuls der Volksseele in uns mehr die Einzelseele ergreifen, kann mehr sich hingeben der Einzelseele; oder es kann die Volksseele mehr in sich leben, wie ich es an Schiller erläutert habe, kann mehr dem leben, was sie als ihr eigenes Gut mit Hilfe der menschlichen Leiblichkeit erleben kann. So sehen wir ein Persönlichkeitsbewußtsein in der Volksseele, für das gleichsam unsere Seelen das sind, was die Natur für uns ist. — Noch manches andere könnte in Anlehnung an gewisse Eigentümlichkeiten der menschlichen Seele über die Volksseelen und ihre Eigenartigkeiten gesagt werden. Aber man wird begreifen: so wie die einzelnen menschlichen Seelen mannigfaltig verschieden sind, sich mannigfaltig verschieden zur Welt verhalten, je nachdem mehr oder weniger der Blick nach innen oder nach außen der Seele eingeprägt ist, so werden sich auch die Volksseelen in verschiedener Weise zu den Menschenseelen, die sie in den Völkern umfassen, verhalten können. Und die Art und Weise, wie sich die Volksseelen zu den einzelnen Menschenseelen verhalten, das gibt den Verlauf der Geschichte, gibt den Verlauf dessen, was eigentlich geschieht. So nuancieren sich die Volksseelen, so leben sie unsichtbar in dem, was wir menschliche Geschichte nennen. Und ich möchte nun — wenigstens für einige wirklich reale Volksseelen — darzustellen versuchen, was die Geistesforschung über das Wesen der Volksseelen zu sagen hat. Diejenigen der Zuhörer, welche die für engere Kreise berechneten Vorträge gehört haben, werden wissen, daß eine solche Darstellung nicht erst durch den großen Moment der Zeit herausgefordert ist, sondern daß ich diese Dinge immer in der gleichen Weise als Ergebnis der Geistesforschung über die Volksseelen vorgebracht habe — viele Jahre hindurch, bevor die Impulse der gegenwärtigen Zeit die Seelen neuerdings hinlenken, das, was in den Völkern lebt, genauer ins Auge zu fassen.
[ 8 ] But now a difference may arise in that the national soul is directed more toward what enters the body than toward the individual human soul. It can, as it were—as I made clear using the example of the individual human soul in Goethe with regard to nature—be that the impulse of the national soul within us seizes the individual soul more fully, devotes itself more fully to the individual soul; or the national soul may live more within itself, as I explained using Schiller as an example, and may be more attuned to what it can experience as its own good through human physicality. Thus we see a sense of personality in the national soul, for which our souls are, as it were, what nature is to us. — Much more could be said about the national souls and their peculiarities, drawing on certain characteristics of the human soul. But one will understand: just as individual human souls are manifoldly diverse and relate to the world in manifoldly different ways—depending on whether the soul’s gaze is more or less directed inward or outward—so, too, the national souls will be able to relate in various ways to the human souls they encompass within the nations. And the way in which the national souls relate to the individual human souls determines the course of history, determines the course of what actually happens. Thus the national souls take on their nuances; thus they live invisibly within what we call human history. And I would now like to attempt—at least for a few truly real national souls—to describe what spiritual science has to say about the nature of national souls. Those in the audience who have heard the lectures intended for smaller circles will know that such a presentation is not prompted solely by the great moment of our time, but that I have always presented these things in the same way—as the result of spiritual research into national souls— — for many years before the impulses of the present time have recently directed people’s attention toward taking a closer look at what lives within nations.
[ 9 ] Wenn wir die Volksseelen betrachten, wie sie sich in der Geschichte ausleben, so könnten wir weit in der Menschheitsentwickelung zurückgehen, so wie diese Menschheitsentwickelung durch die Geistesforschung enthüllt wird. Wir wollen nur bis zu dem Punkte in der Weltentwickelung der Menschheit zurückgehen, der gewissermaßen das, was uns heute am meisten interessieren wird, für die Gegenwart noch aufzuhellen geeignet ist. Eine besondere Art der Volksseele können wir verfolgen, wenn wir bis in das alte ägyptische Leben zurückgehen, das verwandt war mit dem alten chaldäisch-babylonischassyrischen Leben, zu jenem Leben, welches dem griechischen, dem römischen Leben in der Menschheitsentwickelung vorangegangen ist. Der Geistesforscher spricht nun von wirklichen Volksseelen, die sich in dem, was ägyptisch-chaldäisch-assyrischbabylonisches Leben war, so auslebten, wie sich im menschlichen Körper die individuelle Seele auslebt. Nicht nur symbolisch spricht man davon, daß diese Volksseelen Organismus und Persönlichkeit haben; sondern so wahr im einzelnen menschlichen Leibe eine persönliche, selbstbewußte Seele sich auslebt, so wahr lebt sich in dem, was sich geschichtlich in den Ereignissen innerhalb der Völker vollzieht, eine im Übersinnlichen erfaßbare, wirklich selbstbewußte Volksseele aus in der Art, wie es angegeben ist; so daß man bewußt in diese Volksseelen untertaucht, wenn man die Seele für die Bewußtheit vorbereitet, so wie es gestern angegeben worden ist.
[ 9 ] If we consider the souls of nations as they manifest themselves throughout history, we could go far back in the development of humanity, as this development is revealed through spiritual research. Let us go back only as far as that point in the world’s development of humanity which, in a sense, is still capable of shedding light on what will interest us most today. We can trace a particular type of national soul by going back to ancient Egyptian life, which was related to ancient Chaldean-Babylonian-Assyrian life—that life which preceded Greek and Roman life in human evolution. The spiritual researcher now speaks of actual national souls that expressed themselves in what constituted Egyptian-Chaldean-Assyrian-Babylonian life, just as the individual soul expresses itself within the human body. It is not merely a symbolic notion that these national souls possess an organism and a personality; just as a personal, self-conscious soul lives out its life within the individual human body, so too does a national soul—one that can be grasped in the supersensible realm and is truly self-conscious—live out its life in the historical events unfolding within nations, in the manner described; so that one consciously immerses oneself in these national souls when one prepares the soul for consciousness, just as was indicated yesterday.
[ 10 ] Das Eigenartige nun der Volksseelen, die dem ägyptischen, dem babylonisch-assyrisch-chaldäischen Leben zugrunde lagen, ist, daß diese Seelen in hohem Maße — wie es höchstens nur noch annähernd im asiatischen, afrikanischen Volksleben vorhanden ist — ein eigenes Leben führten, so daß man sagen kann, daß sich die Volksseelen wenig den individuellen Einzelseelen der Menschen hingaben. Die individuelle Einzelseele der Menschen, indem sie ihr Leibesleben führte, identifizierte sich in einer gewissen Auslöschung der Individualität mit dem, was die Volksseele war. Die Volksseele lebte sich viel mehr aus in dem, was die Menschen vollbrachten, als sich die einzelnen Menschen ausleben konnten. Und das bedingt das Eigenartige der ägyptischen und der chaldäisch-babylonisch-assyrischen Kultur.
[ 10 ] The distinctive feature of the national souls that underlay Egyptian, Babylonian-Assyrian-Chaldean life is that these souls, to a high degree—as is now present, at most, only to a limited extent in Asian and African national life — so that one can say that the national souls devoted themselves little to the individual souls of human beings. The individual soul of each person, in leading its physical life, identified itself—through a certain obliteration of individuality—with what the national soul was. The folk soul expressed itself far more fully in what the people accomplished than individual human beings were able to express themselves. And this accounts for the distinctive character of Egyptian and Chaldean-Babylonian-Assyrian culture.
[ 11 ] Von den Volksseelen zeigt die Geisteswissenschaft, daß sie, weil sie im Unsichtbaren leben, verwandt sind mit aller Geistigkeit, die alle Materialität durchzieht. Indem sich der Mensch in der neueren Zeit mehr in seine Seele zurückgezogen hat, ist ihm die Natur erst der andere Pol dazu geworden, das, was wie «entseelt» dasteht, was sich ihm nicht überall als von Geist und Seele durchzogen zeigt. Wenn der alte Ägypter, wenn der alte Chaldäer die Welt ansah, dann sah er noch in einem viel höheren Maße, als das später der Fall sein konnte, in dem Gang der Gestirne, in der Bewegung der Himmelskörper, auch in den Bewegungen, die sich in Wolken und Wasser abspielen, in dem Entstehen des Landes aus dem wäßrigen Elemente heraus — überall sah er den Ausdruck für das Geistige im Materiellen. So wie der Mensch, wenn er einem andern ins Gesicht blickt, in den Bewegungen und Veränderungen des Gesichtes den Ausdruck der Seele sieht, so sah der in der geschilderten Weise mit seiner Volksseele vereinigte Ägypter und Chaldäer in dem, was man heute «astrologisches» Ansehen der Welt nennt, ein Ergebnis davon, wie aus allem Äußeren, aus allem Materiellen die Physiognomie des Innern, des Geistigen spricht. So wurde der Himmel, so wurde die ganze Welt durchseelt; oder vielmehr, indem die Volksseele noch in dem Menschen sprach, sah dieser durch alle Gesten der Natur, durch alle äußere Physiognomie der Natur hindurch ein Geistiges. Darin gerade bestand nun der innere Fortschritt der Menschheit, daß im Laufe der Zeit an Stelle des Wirkens der ägyptischen und der chaldäischen Volksseele die griechische und die römische Volksseele traten. Die griechische, die römische Volksseele unterscheiden sich von der ägyptischen und chaldäischen dadurch, daß sie weniger mit sich selbst beschäftigt sind, daß sie sich liebevoll hingeben der menschlichen Individualität. So dämmert zum ersten Male in dem Griechentum das auf, was man charakterisieren kann als eine Bewahrung der menschlichen Individualität, auch wenn diese in den Schoß der Volksseele untertaucht; und ein Ergebnis dieser besonderen Beziehung der Einzelseele zur Volksseele ist alles das, was an Größe in der Kunst, in der Dichtung, in der Philosophie die griechische Volksseele hervorgebracht hat.
[ 11 ] Spiritual science shows that the souls of peoples, because they live in the invisible realm, are related to all spirituality that permeates all materiality. As human beings have withdrawn more into their souls in recent times, nature has become for them the opposite pole—that which appears “disembodied,” that which does not reveal itself everywhere as permeated by spirit and soul. When the ancient Egyptians and the ancient Chaldeans looked at the world, they still saw, to a much greater degree than was later possible, in the course of the stars, in the movement of the celestial bodies, and also in the movements taking place in clouds and water, in the emergence of the land from the watery element—everywhere they saw the expression of the spiritual in the material. Just as a person, when looking into another’s face, sees in the movements and changes of the face the expression of the soul, so too did the Egyptians and Chaldeans—united in the manner described with the soul of their people—see in what is today called the “astrological” view of the world, a result of how the physiognomy of the inner, of the spiritual, speaks through all that is external, through all that is material. Thus the heavens, thus the entire world, were imbued with spirit; or rather, because the national soul still spoke within the human being, he saw the spiritual through all of nature’s gestures, through all of nature’s external physiognomy. This was precisely the inner progress of humanity: that, over the course of time, the Greek and Roman national souls replaced the influence of the Egyptian and Chaldean national souls. The Greek and Roman national souls differ from the Egyptian and Chaldean ones in that they are less preoccupied with themselves and devote themselves lovingly to human individuality. Thus, in Greek civilization, what can be characterized as the preservation of human individuality dawns for the first time, even when this individuality is immersed in the bosom of the national soul; and a result of this special relationship between the individual soul and the national soul is all the greatness in art, poetry, and philosophy that the Greek national soul has produced.
[ 12 ] Ich muß nun, damit diese Betrachtung völlig verständlich sein kann, kurz einen Blick einschalten auf die einzelne menschliche Seele. Die Geisteswissenschaft ist schon einmal nicht in der Lage, sich diese menschliche Seele so primitiv, so einfach vorzustellen, wie dies die äußere Wissenschaft tut. Für den Geistesforscher ist die menschliche Seele zwar eine lebendige Einheit, die sich im Ich-Leben auslebt. Aber so wahr wie das Licht durch das Prisma sich gleichsam in verschiedene Farben gliedert — vom Rot, Gelb durch das Grün zum Blau, Violett hin —, so gliedert sich im Menschen durch das Zusammenleben mit der äußeren Wirklichkeit, die gleichsam das «Prisma» der Menschenseele ist, das einheitliche Seelenleben der Menschen in drei — man möchte sagen — hauptsächlichste Äußerungen. Diese bezeichnet man in der Geisteswissenschaft als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und als Bewußtseinsseele. Es ist leicht, kinderleicht, über solche Gliederung der Menschenseele zu spotten, vom System jener Wissenschaft her zu spotten, die da glaubt, auf dem wahren Boden echter Wissenschaftlichkeit zu stehen. Aber ebenso wahr wie man zur Erkenntnis des Lichtes nicht kommen kann, ohne das Licht im Verhältnis zur Materie des Prismas zu betrachten und es sich spalten zu sehen in die ganze Skala der Regenbogenfarben, ebensowenig kommt man zur Erkenntnis der einzelnen Seele, wenn man nicht das Seelenlicht sich spalten sieht im Verkehr mit der Außenwelt in die einzelnen Strahlen des Seelenlichtes: in den Strahl der Empfindungsseele, in denjenigen der Verstandes- oder Gemütsseele und in den der Bewußtseinsseele. Schauen wir auf die Empfindungsseele, so müssen wir sagen: die Seele entwickelt sich als Empfindungsseele, wenn sie mehr in ihrem Innern lebt, wenn gleichsam ihre eigenen Seelenkräfte, auch wenn sie im Leibe leben, sich von der Außenwelt loszulösen versuchen. Wie bei dem durch das Prisma zerlegten Licht das stärkere Licht im Gelb-Roten lebt, so lebt die Seele in der Empfindungsseele ein stärkeres Seelenleben aus. Die Bewußtseinsseele dagegen lebt sich so aus, wie sich das Licht auslebt da, wo es am meisten geschwächt wird, wo es der Finsternis ähnlich wird: im Blau-Violett. So lebt sich die Bewußtseinsseele in den Erlebnissen aus, welche mehr sich loslösen von dem seelischen Innenleben, welche mehr dasjenige erleben, was ihnen der Körper durch seine Kräfte und Eigentümlichkeiten geben kann. Und zwischen beiden, zwischen der Bewußtseinsseele und der Empfindungsseele, die eigentlich das seelische Leben mit seinen Trieben, Instinkten, Leidenschaften und Impulsen in sich hat, unberührt von der Bewußtseinsseele, die ganz und gar waltet in ihrer Gebundenheit an den Leib -, zwischen beiden lebt die Verstandes- oder Gemütsseele, lebt ein Leben, welches sich zum gesamten Seelenleben etwa so verhält, wie sich das zwischen dem Rot und Violett stehende Grün verhält auf der einen Seite zu dem Rot-Gelben und zu dem Blau-Violetten auf der andern Seite. Wie der Physiker nicht hinter die Natur des Lichtes kommen kann, ohne das Licht in seine Farben auseinanderzulegen, so kann der geisteswissenschaftliche Forscher nicht zur Erkenntnis des menschlichen Seelenlebens kommen, wenn er es nicht in die einzelnen prismatischen Strahlen der Empfindungsseele, der Verstandesoder Gemütsseele und der Bewußtseinsseele auseinanderlegt.
[ 12 ] In order for this discussion to be fully understandable, I must now briefly turn my attention to the individual human soul. Spiritual science is, for one thing, unable to conceive of the human soul in such a primitive, simplistic way as external science does. For the spiritual researcher, the human soul is indeed a living unity that expresses itself through the life of the “I.” But just as light is, as it were, split into different colors by the prism—from red and yellow through green to blue and violet—so, in human beings, through their interaction with external reality—which is, as it were, the “prism” of the human soul—the unified life of the human soul is divided into three—one might say—primary manifestations. In spiritual science, these are designated as the soul of sensation, the soul of understanding or emotion, and the soul of consciousness. It is easy—child’s play, in fact—to mock such a division of the human soul, to mock it from the perspective of that science which believes it stands on the true ground of genuine scientific rigor. But just as one cannot come to an understanding of light without observing it in relation to the material of the prism and seeing it split into the entire spectrum of rainbow colors, so too can one not come to an understanding of the individual soul unless one sees the light of the soul split, in its interaction with the external world, into the individual rays of the soul’s light: into the ray of the sensory soul, into that of the intellectual or emotional soul, and into that of the conscious soul. If we look at the sensory soul, we must say: the soul develops as a sensory soul when it lives more within itself, when, as it were, its own soul forces—even while they dwell in the body—attempt to detach themselves from the external world. Just as the stronger light in the yellow-red spectrum of light split by a prism is most intense, so too does the soul live out a more intense soul life in the sensitive soul. The conscious soul, on the other hand, expresses itself just as light expresses itself where it is most weakened, where it becomes akin to darkness: in the blue-violet spectrum. Thus, the conscious soul expresses itself in experiences that are more detached from inner soul life, experiences that focus more on what the body can offer through its powers and characteristics. And between the two—between the conscious soul and the feeling soul, which actually contains within itself the life of the soul with its drives, instincts, passions, and impulses— unaffected by the conscious soul, which reigns entirely in its bond to the body—between the two lives the intellectual or emotional soul, living a life that relates to the totality of soul life much as green, situated between red and violet, relates on the one hand to red-yellow and on the other to blue-violet. Just as the physicist cannot fathom the nature of light without breaking it down into its constituent colors, so too can the researcher in spiritual science not attain an understanding of human soul life unless he breaks it down into the individual prismatic rays of the sensory soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul.
[ 13 ] Dieses Auseinanderlegen des Seelenlebens in die einzelnen Strahlen lebt sich aber nicht überall, an allen Orten, in der gleichen Weise aus. Und hier muß wieder darauf aufmerksam gemacht werden, daß der Mensch nicht überall über die Erde hin in gleicher Weise von Leben zu Leben geht. Es ist schon öfter hier gesagt worden, daß die Seelen, welche heute erschienen sind, auch in ihren früheren Leben durchgemacht haben zum Beispiel die ägyptisch-chaldäisch-babylonische Zeit und die griechisch-römische Zeit, und so Gelegenheit gehabt haben, die verschiedenen früheren Kulturen zu durchleben. Aber innerhalb des geschichtlichen Werdens lebt sich die Menschenseele nicht überall in der gleichen Weise aus. Sondern man muß sagen: das Ausleben der Seele hängt davon ab, wie die Seele, wenn sie in den Leib untertaucht, zu den Ansprüchen stehen kann, wie sie zum Beispiel die Volksseele macht. Eine solche Volksseele, wie sie zum Beispiel im alten Ägyptertum, im alten Chaldäertum vorhanden war, die ist besonders günstig der Entwickelung der menschlichen Empfindungsseele; so daß wir eigentlich das kraftvollste Ausleben der Empfindungsseele bei den menschlichen Individualitäten innerhalb der alten ägyptischen, der alten chaldäisch-babylonischen Zeit haben. Die besondere Art, wie diese Volksseelen in sich beharrten und den Leib zubereiteten, war so, daß sie den Leib durchdrangen mit ihrer Wesenheit, so daß bei jenen Völkern durch die Rassenkonstitution des Leibes die Seele nach der Nuance der Empfindungsseele sich ausleben konnte. So sehen wir, wie das kräftigste, das intensivste Ausleben der menschlichen Individualität in der Empfindungsseele unter dem Einfluß der ägyptischen, der chaldäischen Volksseele geschieht.
[ 13 ] However, this unfolding of the soul’s life into the individual rays does not manifest in the same way everywhere, in all places. And here it must once again be pointed out that human beings do not pass from life to life in the same way all over the Earth. It has already been said here on several occasions that the souls who have appeared today have also, in their earlier lives, experienced, for example, the Egyptian-Chaldean-Babylonian period and the Greco-Roman period, and have thus had the opportunity to live through the various earlier cultures. But within the course of historical development, the human soul does not express itself in the same way everywhere. Rather, one must say: the soul’s expression depends on how the soul, when it enters the body, is able to relate to the demands placed upon it—such as those made by the national soul. A national soul such as existed, for example, in ancient Egypt or in ancient Chaldea is particularly conducive to the development of the human feeling soul; so that we actually find the most powerful expression of the feeling soul in human individuals during the ancient Egyptian and ancient Chaldean-Babylonian periods. The particular way in which these national souls persisted in themselves and prepared the body was such that they permeated the body with their essence, so that among those peoples, through the racial constitution of the body, the soul could express itself in accordance with the nuances of the feeling soul. Thus we see how the most powerful, the most intense expression of human individuality takes place in the sensuous soul under the influence of the Egyptian and Chaldean national souls.
[ 14 ] Wenn wir in der geschichtlichen Entwickelung nun heraufsteigen zur griechischen und dann zur römischen Kulturentwickelung, die einander in gewisser Beziehung ähnlich sind, obwohl sie in anderer Weise Gegensätze sind, so finden wir, daß sie der einzelnen Menschenseele gestatten, insbesondere das zur Ausbildung zu bringen, was man die Verstandes- oder Gemütsseele nennt. Das Leben der Verstandes- oder Gemütsseele lebt sich dar in der griechischen Kunst und Dichtung, lebt sich dar im römischen Rechtsleben als in dem, was nicht von der einzelnen Individualität abhängig ist, sondern von dem Hereinleben der Volksseele in die griechischen und römischen Leiber zustande gekommen ist. So haben wir im Grunde genommen in historischer Zeit drei, durch die Volksseelen scharf voneinander getrennte Entwickelungsgebiete der Geschichte: wir haben die Arbeit der ägyptischen, der chaldäischen Volksseele so, daß die Menschenseelen, welche damals von neuem in Leibern erschienen, besondere Gelegenheit hatten, ihre Empfindungsseelen auszubilden; im griechischen und römischen Leben sind die Volksseelen so geartet, daß die einzelnen menschlichen Individualitäten ihre Verstandes- oder Gemütsseele zum Ausleben bringen konnten; und jetzt leben wir in einer Zeit — aus der Geistesforschung ergibt sich als der Beginn dieser Zeit das fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert -, in welcher die Menschheitsentwickelung Gelegenheit hat, besonders die Bewußtseinsseele auszuleben. Das Ausleben dieser Bewußtseinsseele wird durch die Volksseelen der Gegenwart besonders begünstigt. Aber diese Zeit, welche die unstige ist, muß uns besonders interessieren. Denn im allgemeinen hat unser Zeitalter die Aufgabe, die Bewußtseinsseele auszubilden. Das heißt, die Volksseelen stellen sich die Aufgabe, die Leiber so zu durchdringen, daß die Seele, indem sie in dem Leib lebt, durch diesen die Möglichkeit hat, sich an den Leib zu binden, daß sie den Leib möglichst als ein der Seele dienendes Werkzeug benutzt. Daher ist unsere Zeit diejenige, welche die äußere Wissenschaft, die äußere Beobachtung ausbilden konnte. Weil in dem Zeitalter der Ausbildung der Bewußtseinsseele in viel höherem Maße, als es früher der Fall war, die Seele an den Leib gebunden ist, entstand in unserem Zeitalter der Drang und die Neigung, die äußere Sinneswirklichkeit zu beobachten, mit welcher der Leib durch die Sinne zusammenhängt; es entstand der Drang, Wissenschaften, Kulturströmungen zu begründen, die vorzugsweise auf das Zusammenleben der Seele mit dem Leibe abzielen. Man durchschaut als Geistesforscher als ein Berechtigtes der neueren Zeit die Entwickelung der Bewußtseinsseele, das Heraufkommen des Materialismus, das Hinausschauen durch den Leib in die Welt der Sinnesdinge und der Sinnestatsachen. Wiederum aber ist das, was so, ich möchte sagen, als die Hauptfarbe ausgegossen ist über das Leben der modernen Völker, nuanciert. Und die Nuancen werden dargestellt durch das Leben der einzelnen Volksseelen dieser neueren Zeit. Hier ist es nun interessant, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus wenigstens einige dieser Volksseelen einmal vor den Seelenblick hinzustellen.
[ 14 ] If we now trace the course of historical development up to Greek and then Roman cultural development—which are similar to one another in certain respects, even though they are opposites in other ways—we find that they allow the individual human soul to develop, in particular, what is called the intellectual or emotional soul. The life of the intellectual or emotional soul finds expression in Greek art and poetry, and in Roman legal life—as that which does not depend on individual personality, but rather has come into being through the infusion of the national soul into the Greek and Roman bodies. Thus, in historical times, we essentially have three areas of historical development, sharply distinguished from one another by the national souls: we have the work of the Egyptian and Chaldean national souls, such that the human souls who appeared anew in bodies at that time had a special opportunity to develop their feeling souls; in Greek and Roman life, the national souls were such that individual human personalities could fully develop their intellectual or emotional souls; and now we live in an era—spiritual research indicates that this era began in the fifteenth and sixteenth centuries—in which human development has the opportunity to fully develop the consciousness soul in particular. The full expression of this consciousness soul is particularly fostered by the national souls of the present. But this age, which is a turbulent one, must be of special interest to us. For in general, our age has the task of developing the consciousness soul. That is to say, the national souls set themselves the task of permeating the bodies in such a way that the soul, by living within the body, has the opportunity through it to bind itself to the body, so that it uses the body as much as possible as an instrument serving the soul. Therefore, our age is the one that has been able to develop external science and external observation. Because in the age of the development of the soul of consciousness the soul is bound to the body to a much greater extent than was previously the case, the urge and inclination arose in our age to observe the external sensory reality with which the body is connected through the senses; an urge arose to establish sciences and cultural movements that are primarily aimed at the coexistence of the soul and the body. As researchers of the spirit, we recognize as a legitimate feature of the modern era the development of the conscious soul, the rise of materialism, and the looking out through the body into the world of sensory objects and sensory facts. Yet what has, so to speak, been poured out as the dominant hue over the lives of modern peoples is itself nuanced. And these nuances are represented by the lives of the individual national souls of this modern era. Here it is interesting, from the perspective of spiritual science, to present at least some of these national souls before the soul’s gaze.
[ 15 ] Da haben wir, wenn wir ein Beispiel wählen wollen, die Volksseelen der südlichen Völker: die italienische, die spanische Volksseele. Indem der Geistesforscher sich in das zu versenken versucht, was das Wesen der italienischen, der spanischen Volksseele ist, dieser wirklichen, lebendigen Wesenheiten, ist er gezwungen, Rücksicht zu nehmen auf ein Gesetz der Weltentwickelung, das in der äußeren Wissenschaft wenig bekannt ist und wenig geschätzt wird. Gestern aber ist auf dieses Gesetz von einem andern Gesichtspunkte aus schon hingewiesen worden. Es ist gesagt worden: wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, also im Grunde genommen in die übersinnliche Welt eingetreten ist, und in den höheren Wesenheiten auflebt, dann steht er in bezug auf das, was er im Leibe erlebt hat, zu diesen übermächtigen Wesenheiten so, wie er hier zu seinen Erinnerungen gestanden ist. Er blickt zurück zu seiner leiblichen Verkörperung, und das gibt ihm «Selbstbewußtsein», wie ihm im Leibesleben morgens beim Aufwachen das Untertauchen in den physischen Leib Selbstbewußtsein gibt. So sehen wir, wenn wir in die geistige Welt aufsteigen, wie für den Zeitenlauf ein ähnliches Verhältnis eintritt, wie es zwischen Seele und Leib für die Raumeswelt vorhanden ist. Mit unserm Leib sind wir räumlich verbunden: für unsere Seele stellt sich ein Verhältnis heraus, das zeitlich ist. Wir leben, wenn wir geistig geworden sind, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, mit unseren Erinnerungen zusammen. Dieses Zusammenleben mit den Erinnerungen im Geistigen ist dasselbe wie das Zusammenleben des Leiblichen mit dem Seelischen im Physischen. Das führt uns zu dem Gesetz der Periodizität im Geistigen. Was wir selbst durchmachen, indem wir uns zum Geistigen erheben, ist Gesetz für die geistigen Welten. Die geistigen Wesenheiten erleben nicht nur jene Aufeinanderfolge im rhythmischen Verlauf, die wir erleben zwischen Schlafen und: Wachen, sondern sie erleben verschiedene Bewußtseinszustände innerer Erlebnisse in der Periodizität der Zeiten. Dann nur versteht man das Walten der Volksseelen, wenn man auf. dieses Gesetz wirklich in entsprechender Weise reflektieren kann. Studiert der Geistesforscher zum Beispiel die italienische Volksseele — bei der spanischen ist es ähnlich —, dann erscheint ihm da etwas, was mit seinem Bewußtsein zurückblickt in die alte ägyptisch-chaldäische Zeit. Wie der Mensch sein Bewußtsein, sein Selbstbewußtsein im physischen Dasein angefacht erhält durch das Untertauchen in den Leib, wie er sein Selbstbewußtsein nach dem Tode durch den Rückblick auf seine Erdenerlebnisse erhält, so besteht ein Wechselverhältnis zwischen dem, was als Volksseelentum im italienischen Volke auftaucht, mit dem ägyptisch-chaldäischen Volksgeist. Der italienische Volksgeist blickt zurück auf seine Erlebnisse als ägyptischchaldäischer Volksgeist; er taucht mit seiner Seelenwesenheit unter in den ägyptisch-chaldäischen Volksgeist, wie wir beim Aufwachen in den Leib untertauchen, wenn wir unser Selbstbewußtsein erhalten. Das Gesetz der Periodizität herrscht, rhythmisch abgestuft, in der Folge zwischen dem, was im alten ägyptisch-chaldäischen Leben der Volksgeist bewirkte, und was der Volksgeist im Italienertum auslebt, bis in unsere Gegenwart herein. Was die Geisteswissenschaft, rein aus der Geistesforschung heraus, auf diese Weise ableitet, das bewahrheitet sich — man möchte sagen — bis in alle Einzelheiten, wenn man den Blick auf die Art richtet, wie sich der Volksgeist auslebt, in den jede einzelne Menschenseele eingebettet ist.
[ 15 ] If we wish to choose an example, we have the national souls of the southern peoples: the Italian and Spanish national souls. As the spiritual researcher attempts to immerse himself in the essence of the Italian and Spanish national souls—these real, living entities—he is compelled to take into account a law of world evolution that is little known and little valued in conventional science. Yesterday, however, this law was already alluded to from a different perspective. It was said: when a human being has passed through the gate of death—that is, has essentially entered the supersensible world—and lives on in the higher beings, then, in relation to what he experienced in the physical body, his relationship to these overpowering beings is the same as his relationship here to his memories. They look back upon their physical embodiment, and this gives them “self-consciousness,” just as, in physical life, the immersion into the physical body upon waking in the morning gives them self-consciousness. Thus, when we ascend into the spiritual world, we see how a relationship similar to that between soul and body in the spatial world comes into being with regard to the passage of time. We are spatially connected to our physical body; for our soul, a relationship emerges that is temporal. Once we have become spiritual after passing through the gate of death, we live together with our memories. This coexistence with memories in the spiritual realm is the same as the coexistence of the physical with the soul in the physical realm. This leads us to the law of periodicity in the spiritual realm. What we ourselves experience as we ascend to the spiritual realm is a law for the spiritual worlds. Spiritual beings not only experience that rhythmic succession we undergo between sleep and wakefulness, but they also experience various states of consciousness involving inner experiences in the periodicity of time. Only then can one understand the workings of national souls if one is truly able to reflect on this law in an appropriate manner. If the spiritual researcher studies, for example, the Italian national soul—and the Spanish one is similar—then something appears to him that, through his consciousness, looks back to the ancient Egyptian-Chaldean era. Just as a human being sustains his consciousness and self-consciousness in physical existence by immersing himself in the body, and just as he maintains his self-consciousness after death by looking back on his earthly experiences, so there is an interrelationship between what emerges as the national soul in the Italian people and the Egyptian-Chaldean national spirit. The Italian national spirit looks back on its experiences as the Egyptian-Chaldean national spirit; it immerses its soul-being into the Egyptian-Chaldean national spirit, just as we immerse ourselves into the body upon waking, when we regain our self-consciousness. The law of periodicity prevails, rhythmically graded, in the sequence between what the national spirit brought about in ancient Egyptian-Chaldean life and what the national spirit is living out in Italian culture, right up to the present day. What spiritual science deduces in this way—purely on the basis of spiritual research—is confirmed—one might say—down to the smallest detail when one observes the way in which the national spirit, in which every single human soul is embedded, expresses itself.
[ 16 ] Aber die Zeit ist fortgeschritten. Der Volksgeist hat nicht die Eigentümlichkeiten behalten, wie er sie im alten ägyptischchaldäischen Leben hatte. Im Laufe der Entwickelung — darauf ist schon aufmerksam gemacht worden — hat sich die Seele verinnerlicht; daher tritt ihr die Natur jetzt als etwas entgegen, was ihr nicht mehr in derselben Weise durchgeistigt erscheint wie in der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Was die Seele im alten Ägyptertum, im alten Chaldäertum unter dem Einfluß der Volksseele erleben konnte, das erlebt wie in einem Wiederaufleben desselben Volksgeistes die italienische Volksseele — aber verinnerlicht. Und wie könnte uns das klarer zutage treten, als wenn wir hinblicken auf eine der größten Schöpfungen des italienischen Geisteslebens? Müssen wir nicht vermuten, daß eine solche Schöpfung, wie sie sich im Ägyptertume herausstellt als die Anschauung der Himmelskörper drauBen in der Welt, uns im italienischen Leben wieder entgegentritt, nur mehr verinnerlicht, mehr seelisch, mehr hereingenommen in die menschliche Individualität? Das müssen wir vermuten in der Geisteswissenschaft; die Wirklichkeit bietet es uns dar in Dantes «Göttlicher Komödie». Was der Ägypter als Durchgeistigung der ganzen Welt geschaut hat, Dante schafft es wieder, aber jetzt verinnerlicht. Das alte Volksseelentum lebt wieder auf, erlebt eine Erinnerung an frühere Zeiten. In dem Zusammenwirken seelischer Wesenheiten im ägyptischchaldäischen Volksgeist und im italienischen Volksgeist sehen wir, wie sich abspielt das innerliche Überpersönlichkeitsbewußtsein der Volksseele. Ein \Wiederaufleben, eine Art rhythmischer Wiederholung des alten ägyptischen Volksgeistes ist die italienische Volksseele. Und dieses Aufleben ist nun wieder, wenn auch in verinnerlichter Weise, besonders günstig der Empfindungsseele der einzelnen menschlichen Individualität, die im Schoße dieser Volksseele lebt. Wie während der ägyptisch-chaldäischen Zeit die Empfindungsseele sich besonders unter der Gunst der Volksseele entwickeln konnte, so erlebt sich erneut als Empfindungsseele, aber jetzt verinnerlicht mit einer neuen Farbennuance, die Seele in der italienischen Volksseele. Und so sehen wir die Volksseele darlebend, daß sie bei denjenigen Menschenindividualitäten, auf die sie gerichtet ist, wie die Menschenseele auf die Natur gerichtet ist, hervorruft alle Kräfte der Empfindungsseele. Man wird alles, was Italien an großartigen Schöpfungen hervorgebracht hat, die in der menschlichen Empfindungsseele wurzeln, begreifen, wenn man weiß, wie die Volksseele in dem italienischen Leibe wirkt. Man wird bis in die Einzelheiten hinab das Wirken Raffaels, das Wirken Michelangelos begreifen, insofern ihr Wirken aus dem Wirken der Volksseele heraus ist, wenn man weiß, welche Nuance die einzelne menschliche Seele einnehmen muß unter dem Einfluß der Volksseele. Empfindungsseelenkultur ist die italienische Kultur unter dem Einfluß der Volksseele.
[ 16 ] But time has moved on. The national spirit has not retained the characteristics it possessed in ancient Egyptian-Chaldean life. In the course of development—as has already been pointed out—the soul has become internalized; therefore, nature now appears to it as something that is no longer imbued with spirit in the same way as it was in the Egyptian-Chaldean era. What the soul was able to experience in ancient Egyptian and ancient Chaldean culture under the influence of the national soul is now experienced by the Italian national soul—as if in a revival of that same national spirit—but in an internalized form. And how could this become clearer to us than when we look upon one of the greatest creations of Italian spiritual life? Must we not surmise that such a creation—which in Egyptian culture manifests as the contemplation of the heavenly bodies out there in the world—meets us once more in Italian life, only now more internalized, more spiritual, and more deeply incorporated into human individuality? We must assume this in spiritual science; reality presents it to us in Dante’s *Divine Comedy*. What the Egyptians beheld as the spiritualization of the entire world, Dante recreates—but now in an internalized form. The ancient national soul revives, experiencing a remembrance of earlier times. In the interplay of soul entities within the Egyptian-Chaldean national spirit and the Italian national spirit, we see how the inner, supra-personal consciousness of the national soul unfolds. The Italian national soul is a revival, a kind of rhythmic repetition of the ancient Egyptian national spirit. And this revival is now once again—albeit in an internalized form—particularly conducive to the feeling soul of the individual human being, who lives within the bosom of this national soul. Just as during the Egyptian-Chaldean period the feeling soul was able to develop particularly under the auspices of the national soul, so too does the soul experience itself anew as a feeling soul—but now internalized with a new nuance of color—within the Italian national soul. And so we see the national soul at work, evoking all the powers of the feeling soul in those human individualities toward which it is directed, just as the human soul is directed toward nature. One will understand all the magnificent creations that Italy has produced, which are rooted in the human soul of feeling, if one knows how the national soul works within the Italian body. One will understand, down to the finest details, the work of Raphael and the work of Michelangelo—insofar as their work springs from the activity of the national soul—if one knows what nuance the individual human soul must assume under the influence of the national soul. Italian culture, under the influence of the national soul, is a culture of the feeling soul.
[ 17 ] So hat jede Volksseelenkultur ihre besondere Mission; so wird ihr auferlegt, gleichsam mit besonderer Intensität, mit besonderer Durchkräftigung eine besondere Nuance des Seelenlebens zum Ausleben zu bringen. Das hat nichts zu tun mit der Entwickelung der einzelnen individuellen Seele. Aber die Volksqualität, in die sich die einzelne Seele zu einer gewissen Zeit einlebt, stellt sich so dar, daß sie mit besonderer Intensität eine besondere Farbe des Seelenlebens zur Entwickelung bringt. |
[ 17 ] Thus, every national soul culture has its own special mission; thus, it is charged with bringing to life, as it were, with special intensity and special vigor, a particular nuance of soul life. This has nothing to do with the development of the individual soul. But the national character into which the individual soul immerses itself at a certain time manifests itself in such a way that it fosters the development of a particular aspect of soul life with special intensity. |
[ 18 ] Ebenso wie — ich bitte das, was ich auseinanderzusetzen habe, ganz ohne die Gefühle von Sympathie und Antipathie, tein als wissenschaftliche Darstellungen anzusehen -—, ebenso wie in der italienischen Volksseele die alte ägyptisch-chaldäische Volksseele auflebt und ausprägt, was sie früher schon ausgeprägt hat, nämlich den Empfindungsseelencharakter, so lebt sich in der französischen Volksseele das alte Griechentum aus, nuanciert durch das Römertum. Nur lebt sich das Griechentum in einer solchen Form aus, daß die Seele, welche im Schoße des französischen Volkes als individuelle Seele lebt, weniger das Leibliche durchdringt, sich freier von dem Leiblichen macht, als es während der griechischen Zeit der Fall war. Und wie die griechische Volksseele besonders günstig war dem Ausleben der Verstandes- oder Gemütsseele, so wird beim Wiederaufleben des Griechentums in der französischen Volksseele wieder besonders die Verstandes- oder Gemütsseele gepflegt. Nun aber ist es so, daß der innere Bewußtseinszustand dieser Volksseele darauf beruht, daß eine Art Erinnerung im Bewußtsein der französischen Volksseele sich abspielt, die zurückblickt auf das, was in der griechischen, in der römischen Volksseele durchgemacht worden ist. Es ist schwierig, aber wirklich für den wahren Verlauf der Geschichte von unendlicher Wichtigkeit, in dieser Weise auf die innere Struktur und die Eigentümlichkeit dessen hinzublicken, was sich im Volksseelengemüt, im Volksseelenbewußtsein abspielt. Verstandes- oder Gemütsseele — das ist dasjenige, was insbesondere der französischen Volksseele eigen ist. Im Griechentum hat sie in der Losgerissenheit vom Leibe diesen noch als äußere Schönheit geformt, als Seelisches, was uns noch im Körperlichen erscheint. Bei der Verinnerlichung im Franzosentum erscheint diese Volksseele uns in anderer Form. Nicht mehr geht dasjenige, was Volkstum ist, unmittelbar über in Leibesform, in Raumesform, wie beim Griechen in seiner Plastik, sondern es lebt sich aus in einem ätherisierten Leibe, der ein Gedankenleib nur bleibt, der nur innerlich vorgestellt wird. Darauf beruht im Grunde genommen der ganze Grundcharakter der französischen Volksseele. Sie nimmt die menschlichen individuellen Seelen so in ihren Schoß auf, daß sich diese gezwungen fühlen, ihre inneren Kräfte so zu entwickeln, daß sich diese in der Außenwelt kräftig vorstellen. Wie stellt man sich in der Außenwelt kräftig vor? Wenn der Volksgeist nicht, wie es im Griechentum der Fall war, plastisch ausleben kann, was vom Geist in den Leib übergeht, dann kommt es zum bloßen Bilde dessen, was der Mensch in seiner Phantasie ausgestaltet von dem, was als Geist im Leibe ist. Daher kann die französische Volksseele sich nur ein innerliches Bild vom Menschen machen, ist geeignet, auf dasjenige am meisten zu geben, was man von sich ausmalt in der Welt, als was man sich vorstellt, was man sein will in der Welt: das, was man immer genannt hat seine Gloire, was man von sich selber in seiner Phantasie trägt. Das ist der Grundcharakter des Franzosentums aus seiner Volksseele heraus. Daher kommt es diesem Franzosentum darauf an, diese Vorstellung der Welt aufzudrängen, was die Volksseele in der Phantasie des einzelnen Geistes geschaffen hat. So arbeitet die Verstandes- oder Gemütsseele in Bildern, die sie sich in der einzelnen Individualität macht. Wir dürfen daher vermuten, daß die besondere Größe dessen, was die Einzelseele unter dem Einfluß der Volksseele sein kann, sich in demjenigen zeigt, wo die Volksseele ganz besonders in der Verstandes- oder Gemütsseele zur Entwickelung kommen kann. Sie lebt sich ganz besonders aus in den Schöpfungen der einzelnen menschlichen Seelen, die für sie die Werkzeuge sind, wo das von dem Verstande belebte Gemüt sich in die Erscheinungen der Welt vertieft. Das vom Verstande belebte Gemüt hat die Tendenz, die Eigentümlichkeit, sich frei zu machen und frei zu schalten. Das wird sich besonders zeigen auf dem Gebiete, wo man frei schaltet mit dem Verstande, mit dem Gemüt. Daher erscheint die französische Kultur auf ihrer Höhe, wo dies besonders der Fall sein kann: auf der einen Seite in Moliere, auf der anderen Seite in Voltaire — in Voltaire der von dem Gemüt durchsetzte trockene Verstand, in Moliere das von dem Verstand getragene Gemüt. Da erscheint uns eine Volksseele in ihrer besonderen Charakteristik, wo wir hinblicken auf Äußerungen dieser Volksseele, die ihr unmittelbar so entsprechen, daß sie das geben, was die einzelne individuelle Seele als ihre Farbe herausentwickeln kann. Und wie bei alledem die ganze französische Kultur etwas ist wie eine Rückerinnerung an das Griechentum, das kann derjenige hinlänglich studieren, der sich ein wenig einläßt auf den inneren Verlauf der französischen Kultur.
[ 18 ] Just as—I ask that what I have to discuss be regarded purely as scientific descriptions, entirely free from feelings of sympathy or antipathy— just as the ancient Egyptian-Chaldean national soul revives and expresses in the Italian national soul what it had already expressed in the past—namely, the character of the feeling soul—so, too, ancient Greek culture finds its expression in the French national soul, nuanced by Roman culture. However, Greek culture manifests itself in such a way that the soul, which lives within the French people as an individual soul, penetrates the physical realm to a lesser extent and frees itself from the physical realm more fully than was the case during the Greek era. And just as the Greek national soul was particularly conducive to the expression of the intellectual or emotional soul, so too, with the revival of Greek culture in the French national soul, the intellectual or emotional soul is once again particularly nurtured. Now, however, the inner state of consciousness of this national soul is based on the fact that a kind of recollection takes place within the consciousness of the French national soul, looking back upon what was experienced in the Greek and Roman national souls. It is difficult, but truly of infinite importance for the true course of history, to look in this way at the inner structure and the distinctive character of what takes place in the soul’s mind and in the soul’s consciousness. The intellectual or emotional soul—that is what is particularly characteristic of the French national soul. In Greek culture, while detached from the body, it still shaped the body as external beauty—as a spiritual element that still appears to us in physical form. With its internalization in French culture, this national soul appears to us in a different form. What constitutes national character no longer translates directly into bodily form or spatial form, as in Greek sculpture, but rather finds its expression in an etherealized body that remains merely a body of thought, one that is conceived only inwardly. This, in essence, is the foundation of the entire fundamental character of the French national soul. It embraces individual human souls in such a way that they feel compelled to develop their inner powers so that these may manifest themselves powerfully in the external world. How does one project oneself powerfully into the external world? If the national spirit cannot, as was the case in Greek culture, give plastic expression to what passes from the spirit into the body, then what results is merely an image of what the human being has shaped in his imagination from what exists as spirit within the body. Consequently, the French national soul can form only an inner image of the human being; it is inclined to place the greatest value on what one imagines of oneself in the world—that is, what one conceives of as what one wishes to be in the world: what has always been called one’s “gloire,” what one carries within oneself in one’s imagination. This is the fundamental character of Frenchness, arising from its national soul. Consequently, it is essential for this French spirit to impose upon the world the image that the national soul has created in the imagination of the individual mind. Thus, the intellectual or emotional soul works through images that it forms within the individual’s own personality. We may therefore surmise that the particular greatness of what the individual soul can be under the influence of the national soul is revealed where the national soul can develop most fully within the intellectual or emotional soul. It expresses itself most fully in the creations of individual human souls, which serve as its instruments, where the soul animated by the intellect immerses itself in the phenomena of the world. The soul animated by the intellect has a tendency—a distinctive characteristic—to liberate itself and act freely. This becomes particularly evident in the realm where one acts freely with the intellect and the soul. Hence, French culture appears at its zenith where this is especially the case: on the one hand in Molière, on the other in Voltaire—in Voltaire, the dry intellect permeated by the soul; in Molière, the soul carried by the intellect. Here the national soul appears to us in its distinctive character, as we observe expressions of this national soul that correspond so directly to it that they reveal what the individual soul can develop as its own unique quality. And just as, in all this, the entire French culture is something like a reminiscence of Greek civilization—this can be sufficiently studied by anyone who delves a little into the inner development of French culture.
[ 19 ] Sehen wir uns in dieser Beziehung die französischen Dichter an als die Nuancierung der französischen Volksseele, so finden wir überall, daß die Volksseele — nicht der einzelne Franzose — zurückblickt auf das Griechentum. In dem, was der einzelne Franzose tut und dichter und denkt, kommt dieses Zurücksehen auf das Griechentum zum Ausdruck. So sehen sie zurück, daß immer gefragt wird: Was haben die Griechen getan, um ein richtiges Drama zustande zu bringen? Was hat Aristoteles darüber gesagt, wie ein richtiges Drama beschaffen sein muß? Da entstehen die Diskussionen über die Einheitlichkeit des Dramas in Ort und Zeit. Das wirkt sogar noch auf Lessing zurück. Das Drama will man so machen, daß es dem Ideale des griechischen Dramas entspricht. — Und man möchte sagen: was die Geistesforschung wirklich erfühlt, das zeigt sich bis in die einzelnsten Nuancen hinein. Der Grieche sprach von dem Griechen — wenn er also von sich sprach — eigentlich so, daß er vollbewußt sich selber eigentlich als den Repräsentanten der Menschheit hinstellte. Alle andern waren für den Griechen «Barbaren». Das hatte für den Griechen eine besondere Berechtigung, weil er im idealen Sinne die Durchdringungen des Geistes in der äußeren Form hatte. Aber das lebt nun auf in der Rückerinnerung in der französischen Volksseele. Da taucht es wieder auf; aber weil es eine «Erinnerung» ist, und nicht jede Erinnerung ihre Berechtigung hat — denn es taucht auch manche Erinnerung auf, die nicht mehr ihre volle Berechtigung hat -, so wirkt es jetzt deplaciert. Bis zu dem Scheltworte «Barbaren», das jetzt in aller Welt Munde ist, sehen wir so das Wiederaufleben des Griechentums in der französischen Volksseele.
[ 19 ] If we consider the French poets in this regard as a reflection of the French national character, we find everywhere that the national character—not the individual Frenchman—looks back to Greek civilization. This looking back to Greek culture is expressed in what the individual French person does, writes, and thinks. Thus, they look back, always asking: What did the Greeks do to create a true drama? What did Aristotle say about how a true drama must be structured? This gives rise to discussions about the unity of drama in place and time. This even had an influence on Lessing. The aim is to create drama in such a way that it corresponds to the ideal of Greek drama. — And one might say: what spiritual research truly perceives is revealed down to the finest nuances. The Greek spoke of the Greek—that is, when he spoke of himself—in such a way that he quite consciously presented himself as the representative of humanity. All others were “barbarians” to the Greeks. This had a special justification for the Greeks, because they possessed, in the ideal sense, the permeation of the spirit in the outer form. But this now revives in the collective memory of the French national soul. There it resurfaces; but because it is a “memory,” and not every memory is justified—for many memories resurface that no longer have their full justification—it now seems out of place. Even in the derogatory term “barbarians,” which is now on everyone’s lips around the world, we see the resurgence of Hellenism in the French national soul.
[ 20 ] Wie nun die französische Volksseele besonders die Pflege der Verstandes- oder Gemütsseelenkultur begünstigt, so ist es die britische Volksseele, der in der neueren Zeit die besondere Aufgabe übertragen ist, die Bewußtseinsseele als solche zu pflegen. Die Ausbildung der Bewußtseinsseele tritt in der Menschheitsentwickelung als etwas ein, was keine Wiederholung ist. Der italienische Volksgeist wiederholt, in anderer Art, die Erlebnisse des ägyptisch-chaldäischen Volksgeistes; der französische Volksgeist wiederholt ebenso den griechisch-römischen. Der britische Volksgeist dagegen tritt als etwas Junges, als etwas Neues in die neuzeitliche Entwickelung ein, und er ist im schärfsten Maße der Ausdruck der neueren Zeit, insofern dieselbe zeigt, wie die Seele auch einmal jenes Stadium durchmachen muß, wo sie sich innig durchdringt mit dem Leibesleben. Der britische Volksgeist ist so geartet, daß er das Zusammensein mit dem Leibe am allermeisten begünstigt; daher begünstigt er auch das, was durch den Leib vermittelt wird und was insbesondere durch den Leib in die Seele hereinkommen kann. Und mit dieser Mission der Pflege der Bewußtseinsseele hängt zusammen die Mission des Materialismus, die einmal in die Menschheitsentwickelung hereintreten mußte. Man kann sagen, daß dem britischen Volksgeist übertragen ist, den Materialismus besonders zum Ausdruck zu bringen. Die einzelne Menschenseele ist davon mehr oder weniger unabhängig, aber Volksseelencharakter ist es. Wir werden gleich noch auf die Eigentümlichkeit der britischen Volksseele zurückkommen; wir müssen aber, um zu beleuchten, was zu den Aufgaben der Volksseelen gehört, einen Blick werfen auf diejenige Volksseele, die in Mitteleuropa waltet, die man die deutsche Volksseele nennt. — Es ist vielleicht nützlich, hervorzuheben: was ich jetzt sage, das sage ich nicht erst jetzt, wo es vielleicht unter dem Einfluß der kriegerischen Ereignisse entstanden sein kann, sondern was ich jetzt sagen will, das habe ich schon immer gesagt.
[ 20 ] Just as the French national soul particularly favors the cultivation of the intellectual or emotional soul, so it is the British national soul that has been entrusted in recent times with the special task of cultivating the conscious soul as such. The development of the conscious soul enters human evolution as something that is not a repetition. The Italian national spirit repeats, in a different way, the experiences of the Egyptian-Chaldean national spirit; the French national spirit likewise repeats the Greco-Roman one. The British national spirit, on the other hand, enters modern development as something young, as something new, and it is the most acute expression of the modern era, insofar as this era reveals how the soul must also pass through that stage where it becomes intimately interwoven with bodily life. The British national spirit is such that it most strongly favors union with the body; therefore, it also favors that which is mediated through the body and that which, in particular, can enter the soul through the body. And connected to this mission of nurturing the conscious soul is the mission of materialism, which was bound to enter human development at some point. One might say that the British national spirit has been entrusted with the task of giving particular expression to materialism. The individual human soul is more or less independent of this, but it is a characteristic of the national soul. We will return to the peculiarity of the British national soul in a moment; but in order to shed light on what belongs to the tasks of national souls, we must take a look at the national soul that prevails in Central Europe, which is called the German national soul. — It may be useful to emphasize: what I am saying now is not something I am saying only now, when it might have arisen under the influence of the war, but rather, what I am about to say is something I have always said.
[ 21 ] Die deutsche Volksseele, der deutsche Volksgeist ist besonders geeignet, nun weder die Empfindungsseele noch die Verstandes- oder Gemütsseele noch die Bewußtseinsseele in der einzelnen Nuancierung herauszuheben; sondern die deutsche Volksseele ist besonders geeignet, dasjenige zum Ausdruck zu bringen, was man nennen könnte die Einheit der Seele, die in allen drei Seelengliedern lebt. Ich sage das wahrhaftig nicht, um irgendeinem Volke ein Lob zu erteilen; sondern ich sage es ohne Sympathie und Antipathie, in aller Objektivität, weil es die geisteswissenschaftliche Forschung so ergibt — wie es das Experiment mit dem Prisma ergibt, wenn sich das Licht im Roten oder Grünen offenbart. Es ist eine objektive Tatsache: wie die italienische Volksseele die Empfindungsseele, die französische Volksseele die Verstandes- oder Gemütsseele, die britische Volksseele die Bewußtseinsseele begünstigt, so begünstigt die deutsche Volksseele das Ich des Menschen, das heißt dasjenige, was sich als der individuelle Seelenkern des Menschen in seinem Erdenleben auslebt, was sich vereinigt und liebevoll untertaucht in den Leib beim Aufwachen, und was sich wieder losmacht von dem Leibesleben mit dem Einschlafen; was sein will Freund und Pfleger dessen, was uns in der äußeren Welt entgegentritt, was aber auch sein will Freund und Pfleger dessen, was sich zum Geiste erhebt. Daher konnte ich im ersten Vortrage sagen: Die deutsche Volksseele ist das, was dem einzelnen Individuum, der einzelnen Seele am meisten die Möglichkeit gibt, unterzutauchen in alle Tiefen des Ich, wo man suchen kann, was Menschenherzen bewegt, was Menschenherzen schmerzt oder in Seligkeiten führt. Damit hängt zusammen, wie diese deutsche Volksseele leicht mißverstanden werden kann; damit hängt das zusammen, was eigentlich begreiflich sein kann: daß man in der Gegenwart überall ein solches Mißverständnis demjenigen entgegenbringt, was diese deutsche Volksseele eigentlich ist, die nicht — wie die britische Volksseele — sich auslebt in dem äußeren Leibe, die nicht unmittelbar sich der Mission des Materialismus hingibt, weil das gar nicht ihrer Natur entsprechen kann; sondern die auf der einen Seite ebenso in die Betrachtung der äußeren materiellen Welt hineingeht, der sie sich nicht entzieht, wie sie sich auf der anderen Seite der Betrachtung des Geistes hingibt, um aus jenen Tiefen heraus zu schöpfen, aus denen der Meister Eckhart, Jakob Böhme, Goethe, Fichte geschöpft haben — was aus der geistigen Welt heraus geschöpft werden kann wie im Zwiegespräch mit derselben, wenn man abgewandt ist von der äußeren Welt und mit sich allein ist. Daher kann gesagt werden: Wenn auch die individuellen Seelen, die in die anderen Volksseelen eingebettet sind, wenn sie von dem Volksseelentum abgewandt sind, in dasjenige eintauchen können, was der Geist ist, so ist schon durch sein Volksseelentum der deutsche Geist immerzu fähig, in die geistigen Regionen erhoben zu werden. Herauswachsen müssen erst die Seelen der anderen Völker aus dem Volksseelentum, wenn sie sich zur Zwiesprache mit der geistigen Welt erheben wollen; das Volksseelentum selber aber enthält die Töne des Geistes, kündet vom Geiste, indem es spricht mit der individuellen Einzelseele der mitteleuropäischen Bevölkerung. Und weil sich Volksseelen in charakteristischen Erscheinungen äußern, weil sie uns entgegentreten da, wo sie Menschen durchdringen, Menschen sich zu Werkzeugen ausersehen, um etwas Charakteristisches hervorzubringen, so können wir daran das Wesen des Volksseelentums besonders studieren. Gleichsam wie Bestätigungen erscheint uns, wenn wir den Fortgang des Volksseelentums verfolgen, dasjenige, worin sich als in charakteristischen Symptomen die Kräfte der Volksseelen äußern. Und man kann gewiß das Charakteristische der Volksseelen dann studieren, wenn man die einzelnen Volksseelen auf ihrer Höhe betrachtet.
[ 21 ] The German national soul, the German national spirit, is particularly suited not to emphasize the sentient soul, the intellectual or emotional soul, or the conscious soul in their individual nuances; rather, the German national soul is particularly suited to express what one might call the unity of the soul, which lives within all three members of the soul. I truly do not say this to praise any particular people; rather, I say it without sympathy or antipathy, with complete objectivity, because this is what spiritual scientific research reveals—just as the experiment with the prism reveals when light manifests itself as red or green. It is an objective fact: just as the Italian national soul favors the feeling soul, the French national soul favors the intellectual or emotional soul, and the British national soul favors the consciousness soul, so does the German national soul favor the human “I,” that is, that which lives out its existence as the individual soul core of the human being in his earthly life, which unites with and lovingly immerses itself in the body upon waking, and which detaches itself again from bodily life upon falling asleep; which seeks to be a friend and nurturer of that which confronts us in the outer world, but which also seeks to be a friend and nurturer of that which rises to the spirit. That is why I was able to say in the first lecture: The German national soul is that which most fully enables the individual, the individual soul, to immerse itself in all the depths of the “I,” where one can seek what moves human hearts, what causes them pain, or what leads them to bliss. Connected to this is how easily this German national soul can be misunderstood; this is connected to what is actually understandable: that in the present day, everywhere, such a misunderstanding is directed toward what this German national soul actually is—a soul that does not, like the British national soul, express itself fully in the outer body, nor does it immediately devote itself to the mission of materialism, because that cannot possibly correspond to its nature; but which, on the one hand, engages just as fully in the contemplation of the external material world—from which it does not withdraw—as it, on the other hand, devotes itself to the contemplation of the spirit in order to draw from those depths from which Meister Eckhart, Jacob Böhme, Goethe, and Fichte drew—what can be drawn from the spiritual world as if in dialogue with it, when one turns away from the external world and is alone with oneself. Therefore, it can be said: Even though the individual souls embedded in the national souls of other peoples, when they turn away from that national soul, can immerse themselves in what the Spirit is, the German Spirit, by virtue of its national soul alone, is always capable of being raised into the spiritual realms. The souls of other peoples must first grow out of their national soul if they wish to rise to a dialogue with the spiritual world; the national soul itself, however, contains the tones of the Spirit and speaks of the Spirit as it addresses the individual souls of the Central European population. And because national souls express themselves in characteristic manifestations—because they confront us where they permeate human beings, choosing people as instruments to bring forth something characteristic—we can study the essence of the national soul in particular through these manifestations. As we follow the development of the national soul, what appears to us as confirmations are those characteristic symptoms through which the forces of the national souls manifest themselves. And one can certainly study the characteristic features of the national souls when one considers the individual national souls at their highest level.
[ 22 ] Nun besteht wohl kaum ein Zweifel, daß uns für die britische Volksseele als eine charakteristische Äußerung, als eine ihrer größten Erscheinungen das eigenartige Werk Shakespeares, der «Hamlet», vorliegt; und daß uns für die deutsche Volksseele als das Ergebnis der intimsten Zwiesprache eines Deutschen mit dem deutschen Volksgeist Goethes «Faust» vorliegt. Welch ein charakteristischer Unterschied zwischen Shakespeares «Hamlet» und Goethes «Faust»! Gewiß, über die Größe von Shakespeare und Shakespeares Hamlet brauche ich nicht zu reden; die wird von vornherein zugegeben, und keiner würde wohl Shakespeares Hamlet höher stellen als ich selbst. Aber über das Hervorgehen des Hamlet aus dem britischen Volksgeiste möchte ich das folgende sagen.
[ 22 ] There can hardly be any doubt that, for the British national spirit, Shakespeare’s unique work, *Hamlet*, stands as a characteristic expression, as one of its greatest manifestations; and that, for the German national spirit, Goethe’s *Faust* stands as the result of a German’s most intimate dialogue with the German national spirit. What a characteristic difference between Shakespeare’s *Hamlet* and Goethe’s *Faust*! Certainly, I need not speak of the greatness of Shakespeare and Shakespeare’s *Hamlet*; that is acknowledged from the outset, and no one would likely hold Shakespeare’s *Hamlet* in higher esteem than I myself. But regarding the emergence of *Hamlet* from the British national spirit, I would like to say the following.
[ 23 ] Wie tritt uns der Hamlet entgegen?
[ 23 ] How does Hamlet appear to us?
[ 24 ] Wir haben gesagt, es sei die Mission des britischen Volksgeistes, die Bewußtseinsseele, die gebunden ist an die äußere Leiblichkeit, in die äußere geschichtliche Entwickelung einzuführen. In der letzten Zeit sind von mir erschienen «Die Rätsel der Philosophie» als zweite Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert». Vor vierzehn, fünfzehn Jahren sind diese letzteren schon erschienen; jetzt sind sie wesentlich erweitert über die ganze abendländische Philosophie hin. Damals, beim ersten Erscheinen, versuchte ich, als ich die englische Philosophie darstellte, einen charakteristischen Ausdruck zu finden, ein Wort, welches die englische Philosophie ganz besonders charakterisiert; und es ergab sich mir damals als ein charakteristischer Ausdruck für die englische Philosophie der, daß sie eine Zuschauerphilosophie ist. Zuschauer wird man — besonders bei John Stmart Mill ist das auseinandergesetzt — dadurch, daß man mit seiner Seele sich in den Leib hineinsenkt, und von dem Leibe aus die Welt sich abspielen läßt. Man vergleiche damit die Fichtesche Philosophie: sie ist keine Zuschauerphilosophie; sie ist eine «Lebensphilosophie», etwas was nicht dem Leben zuschaut, sondern sich Eins macht mit dem Leben. Das ist der kolossale Unterschied der deutschen von der englischen Philosophie; und das ganze Wirken der britischen Volksseele ist so, daß sie den Menschen zum Zuschauer macht, weil sie ihn insbesondere in der Ausbildung der Bewußtseinsseele, zum Zuschauen, begünstigt. Der Mensch ist da, indem er die Bewußtseinsseele besonders ausgebildet hat, außerhalb der Erscheinungen; er schaut sie an, wie man durch den Leib die Erscheinungen anschauen kann. — Darin ist nun Shakespeare besonders groß, daß er — fern, wie der objektive Beobachter dem Leben gegenübersteht — so den Erscheinungen des Lebens gegenübersteht und das Leben so schildert, daß wir sehen: er schildert es als Zuschauer und beschreibt das, was er mit dem objektiven Blick von außen erlebt. «Zuschauerweltanschauung», aus der Volksseele heraus! Wahr ist es: wenn der individuelle menschliche Geist — dieser Bewußtseinsseelen-Geist — mit dieser besonderen Eigentümlichkeit, die er aus der Volksseele erhält, an das menschliche Innere herangeht, dann sieht er das Äußere, wie es sich abspielt. An das Innere kommt er nicht heran! Besonders charakteristisch muß es sein, daß er nicht herankommt an. das Innere. Er ist groß in der Darstellung dessen, wo sich das äußere Leben abspielt, und gigantisch groß ist darin Shakespeare. Aber wo es darauf ankommt, durch die äußere Physiognomie auf das Innere zu schauen, da kommt das heraus, was der Zuschauerstandpunkt gibt. Da sehen wir denn, wie — aus dem britischen Volksgeiste heraus in künstlerischer Größe dargestellt — dieser Zuschauerstandpunkt gegenüber dem Inneren so dasteht, wie der Zweifler an dem Geist, der Skeptiker dasteht. Daher ist es keine Herabwürdigung Shakespeares, wenn man sagt, daß der Geist dasteht wie etwas Gespensterhaftes. Da sehen wir, wie das Geistige erscheint im Äußeren: gespensterhaft. Man beachte, wie der Geist von Hamlets Vater erscheint: er erscheint eigentlich nicht wie ein Geist, sondern wie ein Gespenst. Der Gespenstergläubige ist ja im Grunde genommen ein spiritueller Materialist; er möchte den Geist so sehen wie der Matetialist, welcher von dem Geist verlangt, er müsse vor ihm irgendwie in dünner Materie auftreten. So sehen wir im Hamlet den Geist von Hamlets Vater in solcher Gespensterhaftigkeit auftreten. Das kommt in der Verwirrung über das Auftreten des Geistes zum Ausdruck. Aber wie der materialistische Geist nur bis zum Gespenst sich erheben kann, so kommt ihm überhaupt die ganze Geisterlehre in Verwirrung. Daher sehen wir, daß, während vorher alle den Geist gesehen haben, zum Beispiel im Gespräch mit der Mutter, Hamlet allein den Geist sieht. Einmal ist der Geist eine objektive Erscheinung, dann wieder ist er ein bloß subjektives Gespenst. Und nun blickt dieser Zuschauermensch hin auf das, was innerlich sein soll, — Hamlet soll ja ein Charakter sein, der auf das hinblickt, was in der äußeren Welt vorgeht, — und wir empfangen nun von Hamlet jenen großen klassischen Monolog, in welchem an die Geisteswelt die Frage gestellt wird: Sein oder Nichtsein? was folgt da nach dem Tode? Erst Wachen, dann Schlafen, Bilder, Träume; dann wieder der Zweifel: es ist noch kein Wanderer zurückgekehrt aus diesem Lande, in das wir mit dem Tode gehen - alles ganz in der Art, wie der materialistische Geist vorgeht, wenn er sich vertiefen will in die Geisterwelt — und es nicht kann. Deshalb ist es, daß alle die, welche, idealistisch oder sonstwie geartet, nicht recht heranwollen an den Geist, eine innere Verwandtschaft mit der Hamletnatur fühlen. Herman Grimm sagt daher einmal — für viele ganz mit Recht —, daß die Menschen, wenn sie sich zu tief in die Fragen über ihren eigenen geistigen Zustand versenken, sich wie am Rande eines Abgrundes fühlen und verspüren, daß sie, wie Hamlet, sich in den Abgrund hinunterstürzen müßten. — So antwortet der, welcher wie Shakespeare von der Volksseele inspiriert ist, aber mit seiner Seele so aus ihr herauswächst, daß er die Vergeistigtheit der Volksseele darstellen will; so antwortet er aus der Volksseele heraus, daß er den Charakter des Hamlet so vor uns hinstellt, daß die Brücke zur geistigen Welt doch abgebrochen ist und daß der Abgrund zwischen Hamlet und der geistigen Welt erfüllt ist durch Ungewißheit über Ungewißheit. Selbst da, wo in einer hohen künstlerischen Vollendung, die in ihrer Art von ihr selbst sonst nie erreicht ist, die britische Volksseele zu uns spricht, zeigt sie ihre Mission, das Äußere zu beobachten und stehenzubleiben vor dem Abgrund des Übersinnlichen.
[ 24 ] We have said that it is the mission of the British national spirit to introduce the consciousness soul—which is bound to the outer physical body—into the outer historical development. Recently, I published *The Riddles of Philosophy* as the second edition of my *Worldviews and Life-Views in the Nineteenth Century*. The latter was first published fourteen or fifteen years ago; it has now been substantially expanded to cover the entire spectrum of Western philosophy. At that time, when the book was first published, as I was presenting English philosophy, I tried to find a characteristic expression—a word that would particularly characterize English philosophy—and it occurred to me then that a characteristic expression for English philosophy is that it is a “spectator philosophy.” One becomes a spectator—as is elaborated particularly in John Stuart Mill—by sinking one’s soul into the body and allowing the world to unfold from within the body. Compare this with Fichte’s philosophy: it is not a spectator philosophy; it is a “philosophy of life,” something that does not merely observe life but becomes one with it. This is the colossal difference between German and English philosophy; and the entire influence of the British national soul is such that it turns people into spectators, because it favors, particularly in the development of the conscious soul, the act of observing. By having particularly developed the conscious soul, the individual stands outside of phenomena; he observes them, just as one can observe phenomena through the body. — Shakespeare is particularly great in this respect, in that he—standing as far removed from life as the objective observer does—faces the phenomena of life in this way and depicts life in such a way that we see: he depicts it as a spectator and describes what he experiences with an objective gaze from the outside. A “spectator’s worldview,” arising from the national soul! It is true: when the individual human spirit—this spirit of the soul of consciousness—approaches the human inner life with this particular characteristic, which it derives from the national soul, then it sees the outer world as it unfolds. It cannot penetrate the inner life! It must be particularly characteristic that he cannot reach the inner world. He excels in depicting where external life unfolds, and Shakespeare is truly magnificent in this regard. But when it comes to looking into the inner world through external physiognomy, what emerges is the perspective of the observer. There we see how—portrayed with artistic grandeur, springing from the British national spirit—this spectator’s perspective stands in relation to the inner world just as the doubter stands before the spirit, just as the skeptic stands. Therefore, it is no disparagement of Shakespeare to say that the spirit appears as something ghostly. There we see how the spiritual appears in the external world: ghostlike. Note how the spirit of Hamlet’s father appears: he does not actually appear as a spirit, but as a ghost. The believer in ghosts is, after all, essentially a spiritual materialist; he wants to see the spirit just as the materialist does, who demands that the spirit must somehow appear before him in a form of ethereal matter. Thus, in *Hamlet*, we see the spirit of Hamlet’s father appear in such a ghostly manner. This is expressed in the confusion surrounding the spirit’s appearance. But just as the materialistic mind can rise only as far as the ghost, so the entire doctrine of spirits becomes a source of confusion for it. Hence we see that, whereas previously everyone had seen the spirit—for example, in conversation with his mother—Hamlet alone sees the spirit. At one moment the spirit is an objective phenomenon; at another, it is merely a subjective ghost. And now this observer looks upon what is supposed to be inner, — Hamlet is, after all, meant to be a character who looks toward what is happening in the outer world — and we now hear from Hamlet that great classical monologue in which the question is posed to the spirit world: To be or not to be? What follows after death? First waking, then sleeping, images, dreams; then doubt again: no traveler has yet returned from that realm into which we enter upon death—all very much in the manner in which the materialistic mind proceeds when it seeks to delve into the spiritual world—yet cannot. That is why all those who, whether idealistic or of any other disposition, are reluctant to truly engage with the spirit, feel an inner kinship with the nature of Hamlet. Herman Grimm therefore once said—quite rightly, in the eyes of many—that when people delve too deeply into questions about their own spiritual condition, they feel as if they are standing on the edge of an abyss and sense that, like Hamlet, they would have to plunge into it. — Thus speaks the one who, like Shakespeare, is inspired by the soul of the people, yet whose own soul has grown so far beyond it that he seeks to portray the spiritual nature of that soul; he responds from within the national soul by presenting the character of Hamlet to us in such a way that the bridge to the spiritual world is, after all, severed, and that the abyss between Hamlet and the spiritual world is filled with uncertainty upon uncertainty. Even where the British national soul speaks to us with a high degree of artistic perfection—unmatched in its own kind—it reveals its mission: to observe the external world and to stop short before the abyss of the supernatural.
[ 25 ] Und wir schreiten herüber, um an einer einzelnen Erscheinung das Hervorstechende der Vertiefung der deutschen Volksseele zu charakterisieren, die insbesondere dem Leben des Ich, der Einheit der Seele günstig ist — wir schreiten herüber zu Goethes Faust. Fühlt sich da die Seele auch am Rande des Abgrundes, in den sie hineinstürzen müßte? Nein! Da tritt uns entgegen Faust, für den gar kein Zweifel ist an der geistigen Welt, sondern der, sich heraussehnend aus aller sinnlichen und geschichtlichen Wirklichkeit, die er durchgemacht hat, geistig — Auge in Auge — dem Geiste gegenübersteht, dem der Geist erscheint, und für den gar kein Zweifel ist, daß der Mensch, der sich in die Rätselfragen des Daseins versenkt, nicht zugrunde gehen kann, sondern über den Abgrund hinüber die Vereinigung mit dem Geist finden muß. Und nun vergleiche man das ganze Schwanken, das Stehen Hamlets am Abgrunde, wie es sich ausdrückt in dem großen Monolog «Sein oder Nichtsein» mit der Frage an die Geisterwelt «schlafen, träumen?» — man vergleiche es mit dem, wozu Faust im ersten Teile der Dichtung kommt, wo er dem Geiste gegenübersteht:
[ 25 ] And we turn to a single example to illustrate the distinctive depth of the German national soul, which is particularly conducive to the life of the “I,” the unity of the soul—we turn to Goethe’s *Faust*. Does the soul there feel as though it were on the brink of the abyss into which it must plunge? No! For there Faust steps toward us, for whom there is no doubt whatsoever about the spiritual world, but who, looking out from all the sensory and historical reality he has experienced, stands spiritually — eye to eye — faces the Spirit, to whom the Spirit appears, and for whom there is absolutely no doubt that the human being who immerses himself in the enigmatic questions of existence cannot perish, but must find union with the Spirit across the abyss. And now let us compare all of Hamlet’s wavering, his standing on the precipice—as expressed in the great “To Be or Not to Be” soliloquy—with the question posed to the spirit world, “Sleep, dream?”—let us compare it with what Faust arrives at in the first part of the poem, where he stands face to face with the Spirit:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
[ 26 ] und dann:
[ 26 ] and then:
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime, tiefe Wunder öffnen sich.
Then you lead me to the safe cave, show
me to myself, and within my own breast
secret, profound wonders unfold.
[ 27 ] Das ist Vereinigung mit dem Geist! In solcher Vereinigung, in solcher Anschauung des Geistes hat die Frage: ob Schlafen oder Träumen? keinen Platz, sondern allein, was im zweiten Teile der Dichtung heraustritt, das völlige geisterfüllte Hineindringen des Faust in die geistige Welt, und die Sicherheit, die zu gewinnen ist, daß der menschliche Geist, wenn er durch die Todespforte schreitet, sich mit der geistigen Welt vereinigt. Da besteht nicht die ungewisse Frage über Sein oder Nichtsein; da ist die Sicherheit, daß die Seele in dieser Welt hier schon Bürger der geistigen Welt ist, und daß sie, wenn sie durch die Pforte des Todes geht, Seelenauge in Seelenauge gegenübersteht dem erhabenen Geist, der uns, wenn wir uns im Leben genügend in ihn vertiefen, alles gibt, worum wir ihn bitten. Da ist aber auch keine gespensterhafte Anschauung der Geisterwelt, denn an der Szene in der Hexenküche sehen wir, wie das Gespensterwesen mit Humor, mit der nötigen Ironie behandelt wird. Da ist der Geist, der dem Faust gegenübertritt, Mephistopheles, nicht gespensterhaft, sondern so gedacht, daß man ihn nicht anders darstellen kann, als indem man ihm menschliche Gestalt gibt. Wie unsinnig wäre es, wenn der Geist, wie bei Hamlets Vater, nur für den Einen sichtbar wäre oder einmal zu sehen wäre und dann wieder nicht! Das rührt davon her, daß wir im Faust auf sicherem Boden stehen.
[ 27 ] That is union with the Spirit! In such union, in such contemplation of the Spirit, the question—whether sleeping or dreaming?—has no place; rather, what emerges in the second part of the poem is Faust’s complete, spirit-filled penetration into the spiritual world, and the certainty to be gained that the human spirit, when it passes through the gate of death, unites with the spiritual world. There is no uncertain question of “to be or not to be”; there is the certainty that the soul, even in this world here, is already a citizen of the spiritual world, and that when it passes through the gate of death, it stands soul-to-soul before the sublime Spirit, who—if we immerse ourselves sufficiently in Him during our lives—gives us everything we ask of Him. Nor, however, is there any ghostly conception of the spirit world, for in the scene in the witches’ kitchen we see how the phenomenon of ghosts is treated with humor and the necessary irony. The spirit who confronts Faust—Mephistopheles—is not ghostly, but conceived in such a way that he cannot be portrayed otherwise than by giving him a human form. How absurd it would be if the spirit, like Hamlet’s father, were visible only to one person, or could be seen only once and then not again! This stems from the fact that in *Faust* we stand on solid ground.
[ 28 ] Solche Gestalten wie diejenige des Faust, sie leben sich aus dem Volksgeist, aus der Volksseele heraus. Der Mensch hat ja im Goetheschen Faust nur ein Abbild von dem, was eigentlich geschehen ist. Aber indem Goethe seinen Faust geschaffen hat, war die ganze Volksseele tätig; sie schuf sich in dem Buche, schuf nicht nur etwas, was in Goethe lebte, sondern was lebendig ist im Geistigen. Und Goethes Faust ist nur ein Abbild von einem Geschöpfe der deutschen Volksseele, die im Geistigen schwebt, und die nur erst im Anfange ihres Wirkens ist, wovon Goethe sehr wohl wußte. Es ist uns Faust das, wovon wir wissen, daß es ein Abbild ist einer unversieglichen Kraft und Wesenheit, die der Zukunft entgegenlebt. Und so wahr Goethe den Faust als einen Keim geschaffen hat, so wahr ruht in der deutschen Volksseele Kraft, Keimeskraft, die immer weiter wirkt und werden muß, wie auch Faust uns erscheint als einer, der immer streben muß, bei dem alles Streben erst ein Anfang ist.
[ 28 ] Characters such as Faust draw their life from the spirit of the people, from the soul of the people. In Goethe’s *Faust*, humanity sees only a reflection of what actually happened. But in Goethe’s creation of Faust, the entire national soul was at work; it created itself in the book, creating not only something that lived within Goethe, but something that is alive in the spiritual realm. And Goethe’s Faust is merely a reflection of a creature of the German national soul that soars in the spiritual realm and is only just beginning its work—a fact of which Goethe was well aware. For us, Faust is that which we know to be a reflection of an inexhaustible force and essence that lives on toward the future. And just as Goethe created Faust as a seed, so too does the German national soul harbor a force—a seed-force—that continues to work and must continue to do so, just as Faust appears to us as one who must always strive, for whom all striving is only a beginning.
[ 29 ] Um auf das Charakteristische des deutschen Volksgeistes hinzuweisen, sei noch eine Eigentümlichkeit desselben erwähnt. Ich sagte: wenn wir den französischen Volksgeist betrachten, so sehen wir, wie er eine Rückerinnerung an das alte Griechentum ist. Diese Rückerinnerung ist etwas, was man gleichsam wie auf jeder Seite der französischen Kultur sehen könnte, aber was unter der Schwelle des Bewußtseins tätig ist, was nicht ins Bewußtsein hereindringt. Der französische Volksgeist formt die einzelne Seele so, wie sie sein muß unter dem Einfluß dieser Rückerinnerung; aber das kommt nicht ins Bewußtsein herein. Wirkt er auf die einzelne Menschenseele so, daß das Ich den Ich-Charakter trägt, dann muß — da man nur mit dem Ich Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele zusammenfassen kann — dasjenige, was sich als Zusammenklang der einzelnen Seelenglieder auslebt, ins Bewußtsein hereintreten, während das Wesen der Erinnerung ein solches ist, daß es den Volksgeist mit früheren Kulturzeiten zusammenbindet. Wir sehen, wie in einer ganz anderen Weise als beim Franzosentum, in einer sehr merkwürdigen Weise das Griechentum in den deutschen Volksgeist hereintritt. Will die Griechenheit da, wo eine besonders charakteristische Stelle ist, in den deutschen Volksgeist hineintreten, und soll durch das Hereintreten das einzelne Individuum beeinflußt werden, dann muß sich das bewußt abspielen, was sich im Franzosentum nur unterbewußt vollziehen kann und dort nur als eine künstlerische Diskussion zutage tritt; beim deutschen Geist, der ein Spiegel dessen ist, was eigentlich das tief Historische ist, muß es ins Bewußtsein des Menschen hereintreten, der sich insbesondere von der Volksseele inspirieren läßt. Und nun sehe man, wie im zweiten Teile des Faust, in der Verbindung des Faust mit Helena, auf dem physischen Plane — im Bewußtsein — die Vereinigung mit dem Griechentum auftritt! Das ist nicht ein bloßes Hereintreten in die Verstandes- oder Gemütsseele; das ist ein Hereintreten in das Ich. Faust wird mit seinem ganzen Menschentum dem Griechentum gegenübergestellt. Bewußt feiert er den Zusammenklang mit einer früheren Zeit. — Ich kann selbstverständlich nur einzelne Hindeutungen geben. Aber die ganze Geschichte empfängt Licht, wenn wir in dieser Weise das Walten der Volksseelen betrachten, die so die Menschengeschichte in ihrem Austauschen durchfluten und durchwellen.
[ 29 ] To highlight the distinctive characteristics of the German national spirit, let me mention one more peculiarity of it. I said: when we consider the French national spirit, we see how it is a reminiscence of ancient Greece. This reminiscence is something that could be seen, as it were, on every aspect of French culture, but which operates below the threshold of consciousness—it does not penetrate into consciousness. The French national spirit shapes the individual soul as it must under the influence of this echo; but this does not enter into consciousness. If it acts upon the individual human soul in such a way that the “I” bears the character of the “I,” then—since one can only summarize the sentient soul, the intellectual or emotional soul, and the soul of consciousness—what unfolds as the harmony of the individual soul elements must enter into consciousness, whereas the nature of memory is such that it binds the national spirit to earlier cultural epochs. We see how, in a manner quite different from that of French culture, and in a very remarkable way, Greek culture enters into the German national spirit. If Hellenism is to enter the German national spirit at a particularly characteristic point, and if this entry is to influence the individual, then what can take place only subconsciously in French culture—and manifests there only as an artistic discourse—must occur consciously; in the German spirit—which is a mirror of what is truly profoundly historical—it must enter the consciousness of the person who is inspired, in particular, by the national soul. And now observe how, in the second part of *Faust*, in the union of Faust and Helena, the union with Greek culture occurs on the physical plane—in consciousness! This is not merely an entry into the intellectual or emotional soul; it is an entry into the “I.” Faust, with his entire humanity, is set in contrast to Greek culture. He consciously celebrates the harmony with an earlier age. — Of course, I can only offer a few hints. But the entire story is illuminated when we consider in this way the workings of the national souls, which thus permeate and ripple through human history in their interplay.
[ 30 ] Wenn wir noch einmal die deutsche und die britische Volksseele zusammenstellen, so könnten wir mancherlei Erscheinungen anführen, welche den Ich-Charakter der deutschen Volksseele auf der einen Seite und den Bewußtseinsseelen-Charakter der britischen Volksseele auf der anderen Seite zeigen würden. Das hat sogar vieles bewirkt von den Eigentümlichkeiten der neueren Kulturentwickelung. Es hat zu meinen eigenen Aufgaben gehört, zu zeigen, wie bei Goethe aus den Tiefen der Menschenseele heraus eine Evolutionslehre geboren wird, wie er versuchte, die ganze Reihenfolge der Organismen in ihrem Hervorgehen von den einfachsten bis zu den vollkommensten darzustellen aus den Tiefen des Ich heraus. Wie Goethe das hinstellt, wie eine wirkliche Naturwissenschaft aus Goethes Seele hervorgeht, das entspringt ebenso dem — man darf sagen — «Gespräch Goethes mit der deutschen Volksseele», wie ein anderes einem Wechselgespräch mit der britischen Volksseele entspringt. Weil Goethe so tief in das Wesen der Dinge hinuntersteigt, um eine Entwickelungslehre aus der menschlichen Seele heraufzuholen, deshalb bleibt die aus der Ich-Kultur herausgeborene Goethesche Form der Entwickelungslehre für viele so unverständlich; sie konnte sich nicht so rasch verbreiten. Da erfaßt im neunzehnten Jahrhundert der britische Volksgeist die Entwickelungslehre, und er gab das, was Goethe aus der Tiefe des Ich hervorgeholt hatte, nun hervorgehend aus der Bewußtseinsseele als den äußerlichen «Kampf ums Dasein» im Darwinismus. Was Goethe hinstellte, innerlich sich entwickelnd, das stellt der Darwinismus äußerlich dar; und weil wir schon einmal im Zeitalter des Materialismus leben, so hat die gesamte Kulturmenschheit weniger gern die aus der Tiefe der Ich-Kultur heraufgeholte Entwickelungslehre Goethes angenommen, sondern lieber diejenige Form, welche Darwin aus der britischen Volksseele herausgebracht hat. — In einem gewissen Punkte stehen wir heute noch mitten drinnen in dieser Ablehnung der Ich-Kultur, nämlich in bezug auf das, worüber heute noch alle schimpfen, die Fachmänner auf diesem Gebiete zu sein glauben. Denn Goethe hat auch eine «Farbenlehre» geschaffen, die nur der versteht, welcher sie aus dem menschlichen Ich-Charakter heraus einsehen kann. Die Menschheit aber hat diese aus der Tiefe der Ich-Kultur stammende Farbenlehre Goethes zurückgewiesen und hat die vom britischen Volksgeist aus der Bewußtseinsseele heraus inspirierte, mehr materialistische Farbenlehre Newtons angenommen. Doch die Zeiten werden kommen, wo die Menschen erkennen lernen werden, daß in Goethe vieles liegt, was die Menschen noch werden annehmen müssen. Und nur in Parenthese erlauben Sie mir zu sagen: Es mag ja Einzelnen gelungen sein, Orden und Ehrenzeichen zurückzuschikken; aber dann erst wird die richtige Würde getroffen sein, wenn nicht nur Orden und Ehrenzeichen, sondern wenn auch die materialistische Form der Entwickelungslehre und die materialistische Form der Farbenlehre der britischen Volksseele zurückgeschickt sein wird.
[ 30 ] If we were to compare the German and British national souls once more, we could cite various phenomena that would illustrate the “I”-character of the German national soul on the one hand and the “consciousness-soul” character of the British national soul on the other. This has even had a significant impact on many of the peculiarities of recent cultural development. It has been one of my own tasks to show how, in Goethe, a theory of evolution is born from the depths of the human soul, and how he attempted to depict the entire sequence of organisms—from the simplest to the most perfect—as they emerge from the depths of the “I.” The way Goethe presents this—how a true natural science emerges from Goethe’s soul—springs just as much from what one might call “Goethe’s dialogue with the German national soul” as another theory springs from a dialogue with the British national soul. Because Goethe descends so deeply into the essence of things to bring forth a theory of evolution from the human soul, Goethe’s form of the theory of evolution—born out of the culture of the “I”—remains so incomprehensible to many; it could not spread so quickly. Then, in the nineteenth century, the British national spirit grasped the theory of evolution, and it presented what Goethe had drawn from the depths of the “I”—now emerging from the soul of consciousness—as the external “struggle for existence” in Darwinism. What Goethe presented as an inner process of development, Darwinism presents as an external one; and because we now live in the age of materialism, the entire civilized world has been less inclined to accept Goethe’s theory of evolution—drawn from the depths of “I-culture”—and has instead preferred the form that Darwin brought forth from the British national spirit. — In one particular respect, we still find ourselves today in the midst of this rejection of the “I-culture,” namely with regard to that which is still railed against today by all who consider themselves experts in this field. For Goethe also created a “theory of colors” that can be understood only by those who can grasp it from the perspective of the human “I.” Humanity, however, has rejected Goethe’s theory of colors—which springs from the depths of “I-culture”—and has adopted Newton’s more materialistic theory of colors, inspired by the British national spirit and rooted in the conscious soul. Yet the time will come when people will come to recognize that there is much in Goethe that humanity will still have to accept. And just as an aside, allow me to say: Individual people may indeed have succeeded in returning orders and decorations; but true dignity will be restored only when not only orders and decorations, but also the materialistic form of the theory of evolution and the materialistic form of the theory of colors—both rooted in the British national soul—are sent back.
[ 31 ] Derjenige, dessen Volksseele so inspiriert, daß seine Inspiration wie ein Zwiegespräch der Volksseele mit dem menschlichen Ich selber ist, er lebt so, daß er sich in den wichtigsten Momenten seines Lebens bewußt ist, für einen Inhalt zu wirken, im äußeren Leben einen Inhalt zu bekräftigen. So hat Goethe einen Inhalt bekräftigt, der ihm in seiner Intuition in der Seele aufging, indem er seine Entwickelungsiehre begründete. Wer aber nicht von den Tiefen des Ich aus, sondern von der Bewußtseinsseele aus — äußerlich — auf die Welt hinblickt, der sieht in dem äußeren Verlauf nur den Kampf ums Dasein. Ein jeder sieht eben seine innere Natur in das Äußere hinein. Es kann sich jetzt jeder ausmalen, was die gegenwärtigen Ereignisse sein können für diejenigen, die vom deutschen Volksgeist inspiriert sein können, und für die, welche vom britischen Volksgeist inspiriert sind. Dieser letztere Volksgeist redet vom Kampf ums Dasein. Und während der deutsche Volksgeist so inspiriert, daß man im Gegner den «Feind» sieht, dem man als gleich und gleich, wie im Duell, gegenübersteht, so sieht man vom Standpunkte jenes Volksgeistes, der den Kampf ums Dasein auch wissenschaftlich inspiriert, auch den Kampf auf dem äußeren Felde in dieser Weise an: alles wird zum «Konkurrenzkampf>.
[ 31 ] The person whose national soul is so inspired that his inspiration is like a dialogue between the national soul and the human “I” itself lives in such a way that, at the most important moments of his life, he is conscious of working toward a purpose and of affirming that purpose in his outer life. Thus Goethe affirmed a content that dawned upon him intuitively in his soul by establishing his theory of development. But whoever looks out upon the world not from the depths of the “I,” but from the “soul of consciousness”—externally—sees in the external course of events only the struggle for existence. Each person projects their inner nature onto the external world. Everyone can now imagine what current events might mean for those who may be inspired by the German national spirit, and for those inspired by the British national spirit. The latter national spirit speaks of the struggle for existence. And while the German national spirit inspires one to see the opponent as the “enemy,” whom one faces as an equal, as in a duel, from the standpoint of that national spirit—which also draws its inspiration for the struggle for existence from science—one views the struggle in the external realm in this way as well: everything becomes a “competitive struggle.”
[ 32 ] Nun habe ich schon in dem ersten Vortrage wenigstens mit einigen Worten auf das hinzuweisen versucht, was uns etwa in der russischen Volksseele entgegentreten kann. Es ist heute nicht mehr die Zeit dazu, um gerade auf diese Volksseele weiter einzugehen; das sehr Merkwürdige dieser Volksseele soll aber doch hervorgehoben werden. Bei ihr ist das Eigentümliche, was sogleich in die Augen fällt, daß sie im Grunde genommen am allerwenigsten zu dem geeignet ist, was sie jetzt tut: zu dem äußeren Kampf, zu dem äußeren Krieg. Es gibt ein charakteristisches Buch, «Der Anmarsch des Pöbels», von dem hier schon erwähnten Mereschkowski. Am. Schlusse dieses Buches ist die Rede von dem Eindruck, den er von der Hagia Sophia, der gewaltigen Konstantinopeler Kirche, bekommen hat. In der Schilderung dieses Eindruckes allerdings ist die Stimmung enthalten, welche die russische Volksseele haben muß, wenn sie sich selbst versteht; und Mereschkowski schließt damit, daß er, als er sich ganz dem Eindruck dieser Sophien-Moschee überließ, die Stimmung zum Gebet bekam, daß er versucht wurde, für sein Volk zu beten:,/p>
[ 32 ] Now, in my first lecture, I already attempted—at least in a few words—to point out what we might encounter in the Russian national soul. There is no time today to go into this national character in greater detail; nevertheless, its most remarkable feature should be emphasized. What is peculiar about it—and what immediately catches the eye—is that, fundamentally speaking, it is the least suited to what it is now doing: to external struggle, to external war. There is a characteristic book, *The Advance of the Mob*, by Merezhkovsky, whom I have already mentioned here. At the end of this book, he speaks of the impression he gained from Hagia Sophia, the magnificent church in Constantinople. In the description of this impression, however, lies the mood that the Russian national soul must possess when it understands itself; and Mereschkowski concludes by saying that, when he surrendered himself completely to the impression of this Hagia Sophia mosque, he was moved to pray, that he was tempted to pray for his people:,/p>
[ 33 ] «Die Hagia Sophia — hell, traurig und durchflutet vom bernsteinklaren Lichte des letzten Geheimnisses — hob meine gefallene, erschreckte Seele. Ich blickte auf zum Gewölbe, das dem Himmelsdome gleicht, und dachte: da steht sie, von Menschenhand erschaffen, sie — die Annäherung der Menschen an den dreieinigen Gott auf Erden. Diese Annäherung hat bestanden, und. mehr noch, wird dereinst kommen. Wie sollten, die an den Sohn glauben, nicht zum Vater kommen, der die Welt bedeutet? Wie sollten die nicht zum Sohne kommen, die die Welt lieben, welche auch der Vater also liebte, daß er seinen Sohn für sie hingab? Denn sie geben ihre Seele hin für ihn und ihre Freunde; sie haben den Sohn, weil sie die Liebe haben, nur den Namen kennen sie nicht.
[ 33 ] “Hagia Sophia—bright, sorrowful, and bathed in the amber-clear light of the ultimate mystery—lifted my fallen, terrified soul. I looked up at the vault, which resembles the dome of heaven, and thought: there it stands, created by human hands—it, humanity’s approach to the Triune God on earth. This approach has existed, and—more than that—will one day come to pass. How could those who believe in the Son not come to the Father, who is the world? How could those who love the world—which the Father also loved so much that He gave His Son for it—not come to the Son? For they lay down their lives for Him and for their friends; they have the Son because they have love, though they do not know His name.
[ 34 ] Und es trieb mich, für sie alle zu beten, in diesem zur Stunde heidnischen, aber einzigen Tempel der Zukunft zu beten um die Verleihung jener wahren, sieghaften Kraft an mein Volk: um den bewußten Glauben an den dreieinigen Gott.»
[ 34 ] And I felt compelled to pray for them all, to pray in this—at present—pagan, yet unique temple of the future, that my people might be granted that true, victorious strength: the conscious faith in the Triune God.»
[ 35 ] So wie wir auf den deutschen Volksgeist, vermittelt in seinem Repräsentanten, dem Faust, hinblicken als auf einen, der mitten im Werden ist, so erblicken wir die russische Volksseele als etwas, was noch hinwartet auf das, was kommen soll. Die ganze Stimmung kann da nur die des Aufblickens in die Zukunft sein, des Noch-nicht-gefunden-Habens in der Gegenwart. Dann aber, wenn sich diese russische Volksseele bewußt ist, was in ihr lebt, und was noch in den Tiefen ihrer Natur ruht und noch heraufgeholt werden kann, dann wird sie wissen, daß sie mit der Innenentwickelung ihre Mission erfüllt, daß sie im Grunde genommen ihre Mission am besten dann erfüllt, wenn sie ihre stärkste Eroberung im Innern macht, indem sie herausholt, was in ihren Tiefen ist, und was allerdings einmal großen Wert haben wird für die Menschheitskultur. Nicht ohne weiteres barbarisch kann man sie nennen, aber eine Volksseele, die erst später werden wird, was sie werden muß, und die jetzt erst in einem kindlichen Alter ist. Ich weiß, wie unvollkommen diese Charakteristik der russischen Volksseele ist, weil ich sie wegen der Kürze der Zeit nur mit ein paar Worten schildern konnte. Aber man muß sagen: gerade wenn die russische Volksseele dasjenige äußerlich zum Ausdruck bringt, was sie jetzt ist, wenn sie nicht die erwartungsvolle Stimmung — was Mereschkowski darstellt als die Gebet-Stimmung, die in den Tiefen der Volksseele ruht — zum Ausdruck bringt, dann ist sie so, daß sie nur zu einem Störer der Entwickelung der Geisteskultur und der Menschheitskultur überhaupt wird. Wenn sie sich nach außen wendet, dann erscheint sie so, als ob sie das Entgegengesetzte von dem täte, was ihr eigentlich zukommt.
[ 35 ] Just as we view the German national spirit, as embodied in its representative, Faust, as one that is in the midst of becoming, so we perceive the Russian national soul as something that is still awaiting what is to come. The entire mood there can only be one of looking toward the future, of not yet having found it in the present. But then, when this Russian national soul becomes aware of what lives within it, and of what still lies dormant in the depths of its nature and can yet be brought to the surface, then it will know that it fulfills its mission through inner development; that, fundamentally speaking, it fulfills its mission best when it achieves its greatest conquest within, by bringing forth what lies in its depths, and which will indeed one day be of great value to human culture. One cannot simply call it barbaric, but rather a national soul that will only later become what it must become, and which is now still in a childlike stage. I know how imperfect this characterization of the Russian national soul is, because, due to time constraints, I could describe it only in a few words. But it must be said: precisely when the Russian national soul expresses outwardly what it is now—when it does not express that mood of expectation—which Merezhkovsky describes as the mood of prayer that rests in the depths of the national soul—then it becomes nothing more than a hindrance to the development of spiritual culture and human culture in general. When it turns outward, it appears as though it were doing the opposite of what actually befits it.
[ 36 ] Daher die Empfindung, die wir haben können, wenn wir nach Westen blicken: so furchtbar auch die gegenwärtigen Ereignisse sind — sie gingen mit Notwendigkeit aus den Impulsen dieser westlichen Volksseelen hervor. Gegenüber der russischen Volksseele haben wir dagegen die Empfindung, daß es diesem Volke, dieser Volksseele, ganz und gar am wenigsten ansteht, sich gegen die westlichen Volksseelen. zu wenden, die eigentlich ihre Lehrmeister sein müssen, wenn sie sich richtig versteht. Nur weil man in den letzten Jahren wenig verstanden hat, um was es sich hierbei handelt, hat man manches überschätzt, was von dieser Seite gekommen ist.
[ 36 ] Hence the feeling we may have when we look toward the West: as terrible as the current events may be—they necessarily arose from the impulses of these Western national souls. In contrast, when it comes to the Russian national soul, we have the feeling that it is entirely inappropriate for this people—this national soul—to turn against the Western national souls, which must actually be their teachers if they are to understand themselves correctly. It is only because so little has been understood in recent years about what is at stake here that certain things coming from that side have been overestimated.
[ 37 ] Man könnte in der Charakteristik der Volksseelen noch viel weiter gehen. So könnte man sagen: die menschliche Seele, die sich im Ich erfaßt, steht in einem innigen Verbande zu den drei Seelengliedern Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele; bald lehnt sie sich auf, die individuelle Seele, gegen die Einflüsse der drei Seelenglieder, bald lehnen sich die drei Seelenglieder gegen sie auf. Wie uns die einzelne individuelle Seele darstellt die Beziehungen zwischen den drei Seelengliedern und dem menschlichen Ich, so stellen sich uns dar die Ausdrücke, die Beziehungen der einzelnen europäischen Seelen zur gesamten europäischen Seele. Die äußeren Ereignisse sind nur die Projektionen dessen, was sich auch in der Menschenseele an Kämpfen der Seelenglieder gegen das Ich finden kann. Aber dieses Ich, es versenkt sich in die einzelnen Seelenglieder, es stellt sich in ein Verhältnis zu denselben, und auch da könnten wir durch die äußeren Tatsachen eine Bestätigung dessen finden, was uns die Geisteswissenschaft durch innere Erforschung darstellt.
[ 37 ] One could go much further in characterizing the national souls. For example, one could say: the human soul, which perceives itself in the “I,” is intimately connected to the three soul components—the soul of feeling, the soul of understanding or intellect, and the soul of consciousness; at times the individual soul rebels against the influences of the three soul components, and at other times the three soul components rebel against it. Just as the individual soul reveals to us the relationships between the three soul components and the human “I,” so too do the expressions and relationships of the individual European souls to the collective European soul reveal themselves to us. External events are merely projections of what can also be found within the human soul in the form of struggles between the soul’s parts and the “I.” But this “I” immerses itself in the individual soul parts, enters into a relationship with them, and here, too, we could find confirmation through external facts of what spiritual science reveals to us through inner exploration.
[ 38 ] Zur Empfindungsseele neigt das Ich so hin, daß es sich sehnt nach Befruchtung, nach Durchsaftung mit den Erlebnissen der Empfindungsseele. So sehen wir aus Europens Mitte die deutsche Volksseele untertauchen in die italienische Empfindungsseele Das können wir verfolgen durch die ganze Geschichte hindurch; gehen wir bis zu Dürer und zu anderen Künstlern zurück, so sehen wir, wie sie sich in die italienische Volksseele versenken. Weiter können wir beobachten, wie Goethe nicht eher glücklich ist, als bis sich seine Sehnsucht nach Italien erfüllt hat. Das ist einerseits der Austausch des Ich mit der Empfindungsseele, andererseits der Austausch der deutschen Volksseele mit dem italienischen Volksgeist. Verfolgen wir die Geschichte weiter, so finden wir, wie sich das einzelne Ich auch mit der Verstandes- oder Gemütsseele auseinandersetzen muß. Sehen wir doch, wie bis weit in die neuere Zeit herein die Auseinandersetzungen der deutschen Volksseele mit der französischen Volksseele stattfinden; sehen wir doch, wie Leibniz, der deutscheste Philosoph, seine Werke noch in französischer Sprache schreibt und wie der Begründer von Preußens Größe, Friedrich der Große, fast ausschließlich in französischer Kultur lebte. Das kann uns zeigen, wie der deutsche Geist wirklich geneigt ist, international zu sein, sich in allen einzelnen Nationalitäten auszuleben. Und wie dies sein Grundcharakter ist: sich in allem auszuleben, so sehen wir ihn auch sich mit der britischen Volksseele auseinandersetzen, indem er bis heute die Goethesche Entwickelungslehre nicht angenommen hat, sondern die Darwinsche, und ebenso nicht die Goethesche Farbenlehre, sondern die Newtonsche. Daran kann man sehen, wie tief der deutsche Volksgeist mit dem britischen verbunden ist. Wenn dagegen heute die britischen Stimmen auf das deutsche Wesen besonders erbost sind, so kann dem im Grunde genommen aus der Tiefe der deutschen Volksseele heraus nicht mit dem gleichen Hasse erwidert werden, den er, der britische Volksgeist, der deutschen Volksseele entgegenbringt; er haßt aus dem bloßen Materialismus heraus. Auf diesem Standpunkte wird die deutsche Volksseele nicht stehenbleiben können; sie wird sich mit dem Materialismus auseinandersetzen müssen. In der Gegenwart wird sie sich mit ihm auseinandersetzen durch äußere Waffengewalt in den Kämpfen, die ihr aufgedrängt worden sind, und sie wird sich in der Zukunft mit ihm auseinandersetzen durch die Befreiung des Spirituellen, des Geistigen, innerhalb der Epoche des Materialismus. So blicken wir von den äußeren Zeitereignissen aus auf das hin, was sich von Europens Mitte heraus offenbart.
[ 38 ] The “I” is drawn toward the sensuous soul in such a way that it longs for enrichment, for being imbued with the experiences of the sensuous soul. Thus, from the heart of Europe, we see the German national soul immersing itself in the Italian sensuous soul. We can trace this throughout history; if we go back to Dürer and other artists, we see how they immersed themselves in the Italian national soul. Furthermore, we can observe how Goethe is not truly happy until his longing for Italy has been fulfilled. On the one hand, this is the interaction of the “I” with the soul of feeling; on the other hand, it is the interaction of the German national soul with the Italian national spirit. If we continue to trace history, we find that the individual “I” must also grapple with the soul of understanding or the soul of emotion. Indeed, we see how, well into modern times, the German national soul engages in a dialogue with the French national soul; let us see how Leibniz, the most German of philosophers, still wrote his works in French, and how the founder of Prussia’s greatness, Frederick the Great, lived almost exclusively within French culture. This can show us how the German spirit is truly inclined to be international, to express itself fully in every individual nationality. And since this is its fundamental character—to express itself in everything—we also see it engaging with the British national spirit by having, to this day, not adopted Goethe’s theory of development but Darwin’s, and likewise not Goethe’s theory of colors but Newton’s. From this, one can see how deeply the German national spirit is connected to the British. If, on the other hand, British voices today are particularly enraged by the German character, this cannot—in essence, from the depths of the German national soul—be reciprocated with the same hatred that the British national spirit directs toward the German national soul; it hates out of sheer materialism. The German national soul will not be able to remain at this level; it will have to grapple with materialism. At present, it will grapple with materialism through external military force in the struggles that have been imposed upon it, and in the future it will grapple with it through the liberation of the spiritual and the intellectual within the epoch of materialism. Thus, looking from the perspective of external historical events, we gaze upon what is revealing itself from the heart of Europe.
[ 39 ] Ich glaube nicht, daß es unnötig ist, sich so in die Grundnatur der Volksseelen zu vertiefen. Denn mir scheint, daß aus dieser Beleuchtung der Volksseelen heraus auch das Licht strömen kann, welches Klarheit über das bringt, was uns heute in den großen Schicksalsereignissen entgegentritt. Man kann auf Schritt und Tritt die gegenwärtigen Ereignisse als eine Notwendigkeit aus den gegenseitigen Verhältnissen der Volksseelen heraus empfinden, wenn man sich in diese Volksseelen vertieft; und das Verständnis der Ereignisse ist doch die rechte Auseinandersetzung. Und wenn es wahr ist — und gewiß ist es wahr! —, daß die Ereignisse, die wir draußen im Westen und Osten erleben, solche sind, daß wir von ihnen sagen müssen: sie müssen, weil sie so gewaltig sind, eine neue Zeitepoche einleiten — was sich aus den gegenwärtigen Ereignissen herausentwickeln wird, das wird eine neue Phase des Menschengeistes sein, denn nur eine neue Phase des Menschengeistes wird mit so gewaltigen Opfern erkämpft werden können —; so wahr das ist, so wahr müssen wir auch daran glauben, daß mancherlei von dem, was bisher mit geringen Opfern erreicht worden ist, in der Zukunft mit größeren Opfern erreicht werden muß. Denn die Opfer der Geisteswissenschaft, auf welche ich gestern hindeutere mit Bezug auf die Entwikkelung der menschlichen Seele, sind wirklich größer als alle Opfer, die auf äußere Experimente und äußere Beobachtungen verwendet werden. Man wird daran denken müssen, daß auch das Erleben einer anderen Wissenschaft, die durch große Opfer erkämpft wird, sich anschließen muß an das, was so glorreich, aber auch so schmerzlich heute eingeleitet wird. Und wenn ich im gestrigen Vortrage darauf aufmerksam machen durfte, wie aus den unverbrauchten Leibern, die jetzt hingeopfert werden, die Kräfte sich vereinigen mit den Wesenheiten der geistigen Welt und ihre Kräfte herunterschicken werden in die Welt, die sich hier geschichtlich abspielt, so darf heute dieses Bild, das aber einer Wirklichkeit entspricht, vielleicht dadurch ergänzt werden, daß gesagt wird: Ja, wir leben in eine Zeit hinein, in der viele den ersten Anfang einer neuen Weltenwesenheit des Menschengeistes und seiner Entwickelung herbeiführen müssen aus Blut und Tod heraus, aus Gefahren und Leiden heraus; aber die, welche also zu tun berufen sind, sie werden in entsprechender Weise ihre Opfer nur dann im rechten Sinne gebracht wissen in der Zukunft, wenn sie auf eine Menschheit herunterschauen können, welche die Zeit, die angebrochen ist, in würdiger Weise zu durchleben versteht. Ist es der Volksgeist, der Blut und Tod von unserer Gegenwart fordert, so wird es der Volksgeist sein, der in der neuen Zeit, die dadurch eingeleitet wird, eine neue Form des Lebens fordern wird. Diejenigen von uns wird sie fordern — das wird zu spüren sein für die zukünftige Menschheit —, welche ihre jungen Seelenkräfte von ihren Leibern lösen müssen zur Anspornung der neuen Menschheit. Diejenigen aber, welche sich Leben und Gesundheit bewahren werden, sie werden erfühlen müssen, daß das Kind des menschlichen Geisteslebens, das aus Wunden und Blut und Tod geboren ist, Pfleger braucht, die in richtiger Weise die Inspiration der Volksseele zu empfangen wissen. Und keiner wird die deutsche Volksseele verstehen, der nicht ihre Sprache verstehen wird. Diese Sprache wird nicht die Sprache des äußeren materiellen Lebens sein; diese Sprache wird sein die Sprache des Geistes. So möge denn das Zeitenwesen, das sich gebiert aus Blut und Wunden und Tod, eine Menschheit antreffen, die sich durch starke, durch kräftige Entfaltung menschlicher Geisteskraft würdig erweist, rechte Pflegerin zu sein des neuen, so schwer erkämpften, so schwer errungenen Zeitenlebens!
[ 39 ] I do not believe it is unnecessary to delve so deeply into the fundamental nature of the national souls. For it seems to me that from this illumination of the national souls, light can also shine forth that brings clarity to what we are facing today in the great events of destiny. At every turn, one can perceive the current events as a necessity arising from the interrelationships of the national souls, if one delves deeply into these national souls; and understanding these events is, after all, the proper way to engage with them. And if it is true—and it certainly is true! —that the events we are experiencing out there in the West and the East are such that we must say of them: because they are so immense, they must usher in a new epoch—whatever emerges from the current events will be a new phase of the human spirit, for only a new phase of the human spirit can be won through such immense sacrifices—; as true as that is, so too must we believe that much of what has been achieved thus far with small sacrifices will have to be achieved in the future with greater sacrifices. For the sacrifices of spiritual science, to which I alluded yesterday in connection with the development of the human soul, are truly greater than all the sacrifices devoted to external experiments and external observations. We must bear in mind that the experience of another science, won through great sacrifices, must follow what is being so gloriously—yet also so painfully—initiated today. And if, in yesterday’s lecture, I was permitted to draw attention to how the forces from the unspent bodies that are now being sacrificed will unite with the beings of the spiritual world and send their powers down into the world where history is unfolding here, then today this image—which, however, corresponds to reality—may perhaps be supplemented by saying: Yes, we are living in a time in which many must bring about the very beginning of a new worldly existence of the human spirit and its development out of blood and death, out of dangers and suffering; but those who are thus called upon to act will know in the future that their sacrifices have been offered in the true sense only when they can look down upon a humanity that knows how to live through the era that has dawned in a worthy manner. If it is the national spirit that demands blood and death from our present, then it will be the national spirit that, in the new era thus ushered in, will demand a new form of life. It will demand this of those among us—and this will be felt by future humanity—who must detach their young soul forces from their bodies to inspire the new humanity. But those who preserve their lives and health will have to realize that the child of human spiritual life, born of wounds, blood, and death, needs nurturers who know how to receive the inspiration of the national soul in the right way. And no one will understand the German national soul who does not understand its language. This language will not be the language of outer material life; this language will be the language of the spirit. May the spirit of the age, born of blood, wounds, and death, therefore find a humanity that, through the strong and vigorous unfolding of human spiritual power, proves itself worthy to be the true nurturer of this new life of the age—so hard-won, so hard-fought!
