From a Fateful Time
GA 64
14 January 1915, Berlin
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From a Fateful Time, tr. SOL
5. Die Germanische Seele und der Deutsche Geist
5. The Germanic Soul and the German Spirit
[ 1 ] In den Vorträgen, die ich bisher in diesem Winter hier habe halten dürfen, versuchte ich einige Andeutungen zu geben über Charakterwesenheiten der deutschen Entwickelung und ihrer Beziehung zu der Entwickelung anderer Nationen Europas. Heute möchte ich mir gestatten, in aphoristischer Weise einiges Charakteristische zu geben über die seelische und die geistige Entfaltung des germanisch-deutschen Wesens, dies alles im Hinblick auf unsere schicksaltragende, schwere Zeit. Morgen werde ich dann versuchen zu zeigen, was die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft den Menschen in glücklichen, aber auch in ernsten, schmerzlichen und auch leidvollen Stunden des Lebens sein können, insbesondere auch mit Rücksichtnahme auf unsere Zeit.
[ 1 ] In the lectures I have had the privilege of giving here so far this winter, I have attempted to offer some insights into the character traits of German development and their relationship to the development of other European nations. Today I would like to take the liberty of offering, in aphoristic form, some characteristic insights into the psychological and spiritual unfolding of the Germanic-German essence, all with a view to our fateful and difficult times. Tomorrow I will then attempt to show what the insights of spiritual science can mean for people in the happy, but also in the serious, painful, and even sorrowful moments of life, particularly with regard to our present time.
[ 2 ] Die Betrachtungen, welche hier gegeben werden sollen, werden vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft ausgehen — ein Gesichtspunkt, der hier öfter erwähnt worden ist, der heute noch recht wenig in der Öffentlichkeit anerkannt oder gar gebilligt ist. Diejenigen aber, welche dieser Geisteswissenschaft nahestehen, fühlen aus ihren Erkenntnissen heraus, wie sie nicht nur das Leben bereichern und erhöhen kann, sondern wie sie Aufklärung verschaffen kann über intime, wichtige Zusammenhänge des Lebens — und nicht nur des Lebens des einzelnen Menschen, sondern auch des Lebens der Völker, der Menschenzusammmenhänge, des menschlichen Zusammenlebens.
[ 2 ] The reflections to be presented here will be based on the perspective of spiritual science—a perspective that has been mentioned here frequently, but which is still largely unrecognized or even rejected by the general public. Those who are familiar with this spiritual science, however, sense from their own insights not only how it can enrich and elevate life, but also how it can shed light on intimate, important connections within life—and not only within the life of the individual, but also within the lives of peoples, human relationships, and human coexistence.
[ 3 ] Allerdings: gleich im Ausgangspunkte einer Betrachtung über das Völkerleben muß hingewiesen werden auf Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, die hier in verflossenen Vortragszyklen öfter erwähnt worden sind, die aber herangezogen werden müssen zum Verständnis der heutigen Betrachtung. Hingewiesen muß werden auf Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, die zu den am allerwenigsten anerkannten und gebilligten gehören: auf Erkenntnisse, die uns sagen, daß am Ausgangspunkte einer jeden Volksentwickelung das Seelenleben in ganz besonderen Formen verläuft, daß überhaupt die Ursprünge der Menschen auf Erden ein ganz anderes Seelenleben zeigten als unsere Gegenwart. In unserer Zeit mit ihrer materialistisch gefärbten Weltanschauung kann dies selbstverständlich heute noch nicht anerkannt werden. Man stellt sich ja vor, daß des Menschen Ausgangspunkte auf der Erde in ganz primitiven Seelenzuständen liegen, in Seelenzuständen, die man sich gegenwärtig, man möchte sagen, so tierähnlich als möglich zu denken bemüht. Die Geisteswissenschaft zeigt uns etwas wesentlich anderes. Sie zeigt uns, daß im Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung auf der Erde — und hereinreichend noch in die Ausgangspunkte einer jeden Volksentwickelung — ein hellseherisches Verhalten der Seelen liegt. Das heißt, daß im Beginne dieser Menschheitsentwickelung und auch der Volksentwickelungen die Menschenseelen nicht nur in Zuständen leben, durch die sie mit ihren Sinnen die äußere materielle Wirklichkeit schauen und mit ihrem Verstande sich von derselben Ideen, Begriffe und Vorstellungen bilden, sondern daß die Seelen fähig sind, in anderen Zuständen zu leben, in Bewußtseinszuständen, die nicht die unseres gewöhnlichen Tageslebens sind, die aber auch nicht diejenigen unseres chaotischen Traumlebens und noch weniger die des bewußtlosen Schlafes sind. In Bewußtseinszuständen lebten die Menschen zu Beginn der Volksentwickelungen, in denen die Seelen fähig waren, imaginatives Hellsehen zu entwickeln, das heißt in sich in einen Zusammenhang zu kommen mit der geistigen Wirklichkeit um uns herum, mit derjenigen Wirklichkeit, die kein Auge sehen kann, die kein Ohr hören kann, die nicht zu begreifen ist mit dem an die Sinne und an das Gehirn gebundenen Verstand, und deren Wahrnehmungen nicht von außen wie die Sinneseindrücke in unsere Seele hineindringen, sondern in Bildern in der Seele aufsteigen, aber in Bildern, die nicht Traumbilder sind, sondern die Realitäten der geistigen Welt wiedergeben, jene Realitäten, die ursachend und wirkend hinter der Sinneswelt liegen. So also gibt es beim ursprünglichen Menschen Zustände des: Bewußtseins, in denen er sich im Zusammenhange weiß mit einer geistigen Welt, in denen diese geistige Welt in ihm in Bildern aufsteigt.
[ 3 ] However, right at the outset of any consideration of the life of nations, we must point to insights from spiritual science that have been mentioned frequently in past lecture series, but which must be drawn upon to understand today’s discussion. We must point to insights from spiritual science that are among the least recognized and accepted: insights that tell us that at the very beginning of every people’s development, the life of the soul takes on very special forms, and that the origins of humankind on Earth exhibited a life of the soul entirely different from our present one. In our time, with its materialistically colored worldview, this naturally cannot yet be acknowledged. People imagine, after all, that humanity’s beginnings on Earth lay in very primitive states of the soul—states of the soul that people currently strive to conceive of, one might say, as animal-like as possible. Spiritual science reveals something fundamentally different to us. It shows us that at the very beginning of humanity’s development on Earth—and extending back even to the beginnings of every people’s development—there lies a clairvoyant quality of the souls. This means that at the beginning of human development and also of the development of individual peoples, human souls do not merely exist in states through which they perceive external material reality with their senses and form ideas, concepts, and ideas—but that the souls are capable of living in other states, in states of consciousness that are not those of our ordinary daily life, nor those of our chaotic dream life, and even less those of unconscious sleep. At the beginning of human evolution, people lived in states of consciousness in which souls were capable of developing imaginative clairvoyance—that is, of entering into a connection within themselves with the spiritual reality around us, with that reality which no eye can see, which no ear can hear, which cannot be grasped by the intellect bound to the senses and the brain, and whose perceptions do not penetrate our soul from the outside like sensory impressions, but arise within the soul as images—images that are not dream images, but rather reflect the realities of the spiritual world, those realities that lie behind the sensory world as causes and effects. Thus, in the original human being, there are states of consciousness in which he knows himself to be connected to a spiritual world, in which this spiritual world arises within him in images.
[ 4 ] Allerdings kann in diesen früheren primitiven Menschbheitszuständen diese hellsichtige Einsicht in die geistigen Welten nur dadurch erreicht werden, daß noch wenig dasjenige entwickelt ist, was wir menschliches «Selbstbewußtsein» nennen, das Bewußtsein des Lebens in der Persönlichkeit. Die Zeiten der alten Hellsichtigkeit entsprechen einer Seelenverfassung, in welcher die Seele noch nicht wie jetzt vollverstehend zu sich «Ich» sagen konnte, in der sich die Seele noch nicht als Individualität, als Persönlichkeit fühlte, sondern als einen Teil eines großen geistigen Weltorganismus, wie ein Glied des gesamten Kosmos. So also war das Persönlichkeitsbewußtsein in jenen alten Zeiten getrübt, dämmerhaft. Dafür aber breitete sich in gewissen Zeiten vor der Seele ein Tableau von Bildern aus, welche in die Seele hereingeworfene Abschattierungen der geistigen Welt waren. Und wenn wir auf die Ausgangspunkte der einzelnen Volksentwickelungen hinblicken, so verstehen wir eigentlich diese Volksentwickelungen nur, wenn wir bis zu dem Punkte der Entwickelung eines Volkes zurückzugehen vermögen, in welchem die Menschenseelen, die innerhalb dieses Volkes stehen, noch etwas wenigstens von dieser hellseherischen Erkenntnis haben; wenn wir also in Zeiten zurückgehen, in denen ein imaginatives Wissen von der geistigen Welt vorhanden ist. Wir lernen die einzelnen Völker, wir lernen die Seelen der Völker, die Geister der Völker kennen, wenn wir die verschiedene Art betrachten, wie sich die Völker aus diesen ursprünglichen hellseherischen Zuständen herausentwickeln zu denjenigen, die dann höhere, weitergehende Kulturstufen bedeuten. Denn diese Entwickelung vom Zustande des ursprünglichen Hellsehens zu den höheren Kulturstufen hin, welche bei vollem Persönlichkeitsbewußtsein der Menschen errungen werden, diese Entwickelung ist für die einzelnen Völker verschieden, und die Wesensart der Völker hängt davon ab, wie sich die Völker von dieser angedeuteten primitiven Kulturstufe zu einer höheren hinaufentwickeln.
[ 4 ] However, in these earlier, primitive stages of human development, this clairvoyant insight into the spiritual worlds can only be attained because what we call human “self-consciousness”—the awareness of life within the personality—is still underdeveloped. The times of ancient clairvoyance correspond to a state of the soul in which the soul could not yet say “I” to itself with full understanding, as it can now; in which the soul did not yet feel itself as an individuality, as a personality, but rather as a part of a great spiritual world organism, like a limb of the entire cosmos. Thus, in those ancient times, the consciousness of the personality was clouded and dim. Instead, however, at certain times a tableau of images would unfold before the soul—shadows of the spiritual world cast into the soul. And when we look at the starting points of the individual developments of peoples, we can truly understand these developments only if we are able to go back to that point in a people’s development at which the human souls within that people still possess at least some of this clairvoyant knowledge; that is, if we go back to times when an imaginative knowledge of the spiritual world existed. We come to know the individual peoples, the souls of the peoples, and the spirits of the peoples when we observe the various ways in which peoples develop from these original clairvoyant states toward those that then signify higher, more advanced stages of culture. For this development from the state of original clairvoyance toward the higher stages of culture—which are attained with full personal self-awareness—differs among individual peoples, and the nature of the peoples depends on how they develop from this indicated primitive stage of culture upward to a higher one.
[ 5 ] Da haben wir ein charakteristisches Beispiel an dem alten Griechenvolke, und ihm ähnlich sind die meisten orientalischen Völker, und in gewisser Weise auch die Völker der alten italischen Halbinsel. Ein solches Volk wie die Griechen versteht man erst vollständig, wenn man sich klar ist, daß dieses Volk übergeht von den ursprünglichen bildhaften Eindrücken einer geistigen Welt zur Ausbildung derjenigen Weltanschauung, die uns in seiner Mythologie, in seiner religiösen Vorstellung gegeben ist. Es ist das heute noch wenig anerkannt, allein die Anfänge sind auch schon in der äußeren Wissenschaft gegeben, die zu der Anschauung führen, wie sie hier eben angedeutet worden ist. Ludwig Laistner hat in seinem schönen Buche «Das Rätsel der Sphinx» darzustellen versucht, wie alle alten Mythen, alle alten Göttervorstellungen, besonders auch diejenigen der Griechen, gleichsam schon in die Phantasie übergegangene Umbildungen früherer hellseherischer Vorstellungen sind. Und wenn wir auf die alte griechische Götterwelt hinblicken, so verstehen wir sie nur dann, wenn wir sie als umgebildete Vorstellungen der übersinnlichen Welt auffassen, die noch im Zustande des alten Hellsehens gewonnen worden sind. Aber dieses Volk, also die Griechen, hat die Umbildung der Vorstellungen des alten Hellsehertums in die mythische Weltanschauung und sogar die Umbildung der mythischen Weltanschauung in die philosophische Weltanschauung so erlebt, daß es als Volk gleichsam jugendlich diese Umbildung durchgemacht hat. Auf einer jugendlichen Stufe der Volksentwickelung wurde im alten Griechenland der Umschwung durchgemacht von dem alten hellseherischen durch das mythische zum philosophischen Weltanschauungsverhältnis. Daneben entwickelt sich dann bei den Menschen eines solchen Volkes das, was im Persönlichkeitsbewußtsein enthalten ist, was den Menschen hinstellt als eine Persönlichkeit, als eine Individualität, es entwickelt sich alles dasjenige, was das gemüthafte, das persönliche, das herzhafte Element des Menschen ist. Das entwickelt sich nebenher in dem gewöhnlichen Bewußtseinszustand, und der Mensch ist dann nur in der Lage, das gemüthafte, das herzhafte Element auf die alltäglichen Verhältnisse des Lebens anzuwenden. Dadurch, daß er in dem alltäglichen Verhältnis des Lebens in dem gewöhnlichen Bewußtseinszustand lebt, kann er sich — in einer anderen Gemütsart — den geistigen Verhältnissen zuwenden. Dadurch treten in sein Bewußtsein zwei Welten: eine, in der er mit seinem Gemüthaften in den alltäglichen Verhältnissen lebt, und eine, die ihn mit seinem Geistigen hinaufhebt in die geistige Welt; und er stellt sich dann als eine Individualität mit seinem gemüthaften Empfinden dem gegenüber, was er von demjenigen herstammend hat, was von seinem Hellsehen in die mythischen, in die philosophischen Vorstellungen übergegangen ist. Es erscheint dann das, was die philosophischen Vorstellungen ausmacht, als etwas, was ihm wie eine Offenbarung gegeben ist, zu dem er aufblickt, mit dem er aber nicht so verbunden ist, daß jede Faser des Gemütes, des Willens, auch unmittelbar im Erschaffen der Weltanschauung mit dieser Weltanschauung zusammenhängen würde.
[ 5 ] Here we have a characteristic example of the ancient Greek people, and most Eastern peoples are similar to them, as are, in a certain sense, the peoples of the ancient Italian Peninsula. A people such as the Greeks can only be fully understood when one realizes that this people transitions from the original pictorial impressions of a spiritual world to the development of the worldview that is presented to us in its mythology and religious conceptions. This is still little recognized today, yet the beginnings of this understanding are already present in mainstream scholarship, which leads to the perspective just outlined here. In his beautiful book *The Riddle of the Sphinx*, Ludwig Laistner attempted to show how all ancient myths and all ancient conceptions of the gods—especially those of the Greeks—are, as it were, transformed versions of earlier clairvoyant perceptions that have already passed into the imagination. And when we look at the ancient Greek pantheon, we can understand it only if we regard it as transformed conceptions of the supersensory world that were gained while clairvoyance was still prevalent. But this people—the Greeks—experienced the transformation of the concepts of ancient clairvoyance into the mythical worldview, and even the transformation of the mythical worldview into the philosophical worldview, in such a way that, as a people, they underwent this transformation with a sort of youthful vitality. At a youthful stage of national development, ancient Greece underwent the transition from the old clairvoyant worldview through the mythical to the philosophical. Alongside this, what is contained within the self-consciousness of the people of such a nation—that which presents the human being as a personality, as an individual—begins to develop; everything that constitutes the warm-hearted, personal, and sincere element of the human being comes to the fore. This develops alongside the ordinary state of consciousness, and the individual is then only able to apply this emotional, heartfelt element to the everyday circumstances of life. Because they live in the ordinary state of consciousness within the everyday circumstances of life, they are able—in a different frame of mind—to turn their attention to spiritual matters. As a result, two worlds enter his consciousness: one in which he lives with his emotional nature in everyday circumstances, and one that lifts him up with his spiritual nature into the spiritual world; and he then faces, as an individual with his emotional sensibility, that which he has derived from what has passed from his clairvoyance into mythical and philosophical concepts. What constitutes these philosophical ideas then appears as something given to him like a revelation—something he looks up to, but with which he is not so closely connected that every fiber of his soul and will would be directly involved in the formation of his worldview.
[ 6 ] So ist es bei der Seelenentwickelung eines solchen Volkes, wie es das griechische war, eines Volkes, das gleichsam im jugendlichen Zustande das durchgemacht hat, was man nennen kann den Übergang hellseherischer Erkenntnis in die Weltanschauung, durch welche man die Zugehörigkeit der Seele zu jenen Mächten erkennt, die über Leben und Tod erhaben sind.
[ 6 ] Such is the spiritual development of a people like the Greeks—a people who, as it were, in their youthful state underwent what might be called the transition from clairvoyant insight to a worldview through which one recognizes the soul’s connection to those powers that transcend life and death.
[ 7 ] Ganz anders ging die Entwickelung vor sich bei jenen Völkern, die als die germanischen Völker um den Beginn unserer Zeitrechnung herum von Osten, von Norden her an die Grenzen des griechischen, des römischen Reiches heranstürmten. Auch bei diesen Völkern finden wir selbstverständlich eine hellseherische Erkenntnis im Ausgangspunkte ihrer Entwickelung; auch bei ihnen gab es Zeiten, in denen die Seele durch die Bilder der hellseherischen Imaginationen hingeneigt war zur geistigen Welt. Aber die Seele verlor diese hellseherischen Imaginationen, wie sie diese bei allen Völkern verliert, so auch bei den germanischen Völkern; denn die ganze Menschheit muß durch einen Entwickelungszustand durchgehen, der nur für die physische Welt bestimmt ist, der nur zur Aufnahme von Vorstellungen über die physische Welt bestimmt sein kann. Die einzelnen germanischen Völker verloren in einem gewissen Zeitpunkt — und dieser fällt ziemlich genau zusammen mit dem Heranstürmen an das römische Reich — nicht nur die Fähigkeit, in dem ursprünglichen traumhaften Hellsehen in die geistige Welt hineinzuschauen, sondern sie verloren auch nach und nach während der Völkerwanderung, während ihres Anstürmens gegen das römische Reich, das Verständnis für das, was die Seele haben kann von einem solchen Wissen aus dem alten Hellsehertum heraus. Und man kann sagen: es hängt damit zusammen, daß diese Völker sämtlich während ihrer Jugendlichkeit den Zustand ihrer hellseherischen Erkenntnis durchmachten, daß sie aber in ihr späteres Lebensalter, gleichsam in das kräftige Mannesalter, nicht einen Übergang hineinbringen konnten von dem ursprünglichen hellseherischen Erkennen zu ihren späteren Weltanschauungen. So geht bei diesen Völkern die Entwickelung der Weltanschauung gleich über von den kindlichen Zuständen zu dem — ich möchte sagen — «reiferen» Volkszustande. In dem kindlichen Zustande ist bei herabgedämmertem Bewußtsein das vorhanden, was hellseherische Erkenntnis war; da ist auch herabgedämmert die volle Empfänglichkeit der Völker für die Mythen, die sich aus dem alten Hellsehen herausgebildet haben. Diese Mythen sind höchstens als Traditionen einem äußeren Verstehen erhalten. Dafür hat sich bei diesen Völkern ein Persönlichkeitsbewußtsein entwickelt, ein festes Gebautsein auf die Individualität des Lebens. Es hat sich bei ihnen dasjenige gefestigt, was die Eigenschaften des Gemütes sind, was die unmittelbaren Charaktereigenschaften sind, und durch welche Gemüts- und Charaktereigenschaften der Mensch im alltäglichen Leben steht. Und weil jetzt in dieses gewöhnliche, alltägliche Leben nicht die alten hellseherischen Vorstellungen hereinreichen, so muß das Gemüt, müssen die Willensimpulse, müssen selbst die Charakterimpulse die Sehnsucht entwickeln, aus sich heraus die Kraft zu finden, um den Zusammenhang mit der geistigen Welt zu fühlen, zu erleben, zu erfahren. Aus den gleichsam dumpfen Kräften des Gemütes heraus entwickelt sich daher bei diesen Völkern die Sehnsucht nach den göttlichgeistigen Welten. Und nicht so wie die Griechen können sie jetzt auf etwas hinblicken, was in ihre Seelen hereinleuchtet als Entwickelungsprodukt der alten hellseherischen Vorstellungen; sondern sie entwickeln ein tiefes Gemüt, ein Gemüt, das allerdings für die Erfassung der gewöhnlichen Verhältnisse des Tages tief ist, das aber zugleich die tiefste Sehnsucht nach den geistigen Grundlagen des Lebens empfindet. Im reifen Mannesalter stehen diese Völker der Germanen da in der Zeit, die wir angedeutet haben, stehen so da, daß ihr Gemüt nach religiöser Vertiefung der Weltanschauung strebt, daß aber nicht mehr die alten Vorstellungen des früheren Hellsehens in das Gemüt hereintönen.
[ 7 ] The course of development was quite different among those peoples—the Germanic peoples—who, around the beginning of our era, swept in from the east and the north to the borders of the Greek and Roman empires. Of course, we also find clairvoyant insight at the starting point of these peoples’ development; there were times when their souls, through the images of clairvoyant imagination, were drawn toward the spiritual world. But the soul lost these clairvoyant imaginations, just as it loses them among all peoples, including the Germanic peoples; for all of humanity must pass through a stage of development that is intended solely for the physical world, a stage that can be intended only for the reception of concepts concerning the physical world. At a certain point—and this coincides quite precisely with their advance against the Roman Empire—the individual Germanic peoples lost not only the ability to glimpse into the spiritual world through the original dreamlike clairvoyance, but they also gradually lost, during the Migration Period and their advance against the Roman Empire, their understanding of what the soul can gain from such knowledge derived from ancient clairvoyance. And one can say: this is connected to the fact that all these peoples went through the stage of clairvoyant knowledge during their youth, but that in their later years—as it were, in the vigor of manhood—they were unable to make a transition from that original clairvoyant knowledge to their later worldviews. Thus, among these peoples, the development of their worldview moves directly from childlike states to what I would call a “more mature” national state. In the childlike state, what was once clairvoyant perception remains present amid a dimming of consciousness; there, too, the peoples’ full receptivity to the myths that emerged from ancient clairvoyance has dimmed. These myths have been preserved, at most, as traditions for external understanding. In contrast, a sense of personality has developed among these peoples—a firm grounding in the individuality of life. What has become established among them are the qualities of the mind, the immediate traits of character, and the mental and character traits through which a person functions in everyday life. And because the old clairvoyant conceptions no longer extend into this ordinary, everyday life, the soul, the impulses of the will, and even the impulses of character must develop the longing to find within themselves the strength to feel, experience, and perceive the connection with the spiritual world. Out of the, so to speak, dormant forces of the soul, the longing for the divine-spiritual worlds therefore develops among these peoples. And unlike the Greeks, they cannot now look toward something that shines into their souls as the product of the development of the old clairvoyant conceptions; rather, they develop a deep soul—a soul that is indeed profound in its grasp of the ordinary circumstances of daily life, but which at the same time feels the deepest longing for the spiritual foundations of life. In their mature adulthood, these Germanic peoples stand at the stage in time we have indicated, in such a way that their spirit strives for a religious deepening of their worldview, yet the old concepts of earlier clairvoyance no longer resonate within their spirit.
[ 8 ] So entwickeln sich, während die germanischen Völker an . die Völker des Südens heranstürmen, in den Anfangszeiten der germanischen Welt, unabhängig von den Weltanschauungsvorstellungen, die persönlichen Charaktereigenschaften, die starken, mutvollen Eigenschaften des Willens, des Gemütes. Einen Abglanz dieser Seelenverfassung finden wir vor allen Dingen in jener wunderbaren Dichtung, welche sich würdig neben die größten Dichtungen aller Zeiten stellt, neben die homerischen Epen, neben die Kalewala der Finnen: im «Nibelungenlied». Wie uns dieses Nibelungenlied überkommen ist, so zeigt es uns Menschen, von denen aus wir nicht mehr klar hinschauen können auf das, was sie mit den alten hellseherischen Vorstellungen zusammenhält. Dafür sehen wir bei ihnen tief hinein in die Kämpfe, in die Überwindungen, welche die Seele durchmacht, um sich im Leben zurechtzufinden. Aber wenn wir uns genau die Art der Darstellung des Nibelungenliedes ansehen, dann werden wir gewahr, wie Reste des alten hellseherischen Vorstellens noch in das Leben dieser Menschen hereinragen, aber wie diese Reste so gestaltet sind, daß sie gleichsam zugeschnitten sind, um dem alltäglichen Leben der Menschen und weiter auch dem geschichtlichen Leben der Menschen zu dienen. Das werden wir zum Beispiel gewahr, wenn wir vernehmen, wie die, welche die Gattin des hörnernen Siegfried werden soll, das ganze Unglück, das über den hereinbrechen soll, der einmal ihr Gatte werden soll, ahnend erschaut, indem sie im Traume einen weißen Falken sieht, auf den sich zwei Adler herabstürzen und ihn mit den Klauen töten. Und dann wieder, als Siegfried ihr Gatte geworden ist, und Hagen vor der Ermordung des Siegfried steht, da sieht sie, wie zwei mächtige Berge über ihren Gatten Siegfried zusammenstürzen. — Was aus den alten hellseherischen Vorstellungen geblieben ist, ist nicht mehr hinreichend, um den Menschen über das gewöhnliche Vorstellen hinauszuführen; aber es gliedert sich so in sein Leben ein, daß der Mensch daran das lernt, was ihm im Großen und Kleinen bevorsteht. Auch in anderer Weise ragen diese alten Vorstellungen noch herein, so zum Beispiel wenn wir das nehmen, was an die älteren Überlieferungen über das Nibelungenlied sich anschließt: wenn wir sehen, wie Siegfried den Drachen tötet, sich in dem Blute des Drachen badet und dadurch die Hornhaut erwirbt, so daß er unverletzbar ist — bis auf die Stelle zwischen den Schultern, wo ein Lindenblatt hingefallen ist, und die dann jene Stelle ist, wo ihn Hagen später ermordet. — So haben wir das Hereinragen des alten Zusammenhanges mit der geistigen Welt in das Leben der germanischen Völker; aber dieses Hereinragen dient der Art und Weise, wie sich der Mensch in das Leben der physischen Welt hineinstellt.
[ 8 ] Thus, in the early days of the Germanic world—while the Germanic peoples were advancing toward the peoples of the South—and regardless of their worldviews, personal character traits emerged: the strong, courageous qualities of the will and the spirit. We find a reflection of this state of mind above all in that marvelous work of poetry, which stands worthy alongside the greatest works of all time—alongside the Homeric epics, alongside the Finnish Kalevala: the *Nibelungenlied*. Just as the “Nibelungenlied” has come down to us, it reveals to us people through whom we can no longer clearly perceive what binds them to the ancient clairvoyant conceptions. Instead, we gain a deep insight into the struggles and the trials the soul must endure to find its way in life. But if we look closely at the very nature of the “Song of the Nibelungs”’s narrative, we become aware of how remnants of the ancient clairvoyant imagination still extend into the lives of these people—yet how these remnants are shaped in such a way that they are, as it were, tailored to serve people’s everyday lives and, furthermore, their historical lives. We become aware of this, for example, when we hear how the woman who is to become the wife of Siegfried the Horned foresees, with a premonition, all the misfortune that is to befall the man who will one day become her husband, as she sees in a dream a white falcon upon which two eagles swoop down and kill it with their claws. And then again, after Siegfried has become her husband and Hagen is about to murder Siegfried, she sees two mighty mountains crashing down upon her husband Siegfried. — What remains of the old clairvoyant concepts is no longer sufficient to lead people beyond ordinary imagination; but it is so woven into his life that through it a person learns what lies ahead for him, in both the great and the small. These ancient conceptions also find their way in in other ways; for example, if we consider what follows from the older traditions surrounding the *Nibelungenlied*: when we see how Siegfried slays the dragon, bathes in the dragon’s blood, and thereby acquires a layer of tough skin that makes him invulnerable—except for the spot between his shoulders, where a linden leaf has fallen, and which is then the very spot where Hagen later murders him. — Thus we see the old connection with the spiritual world extending into the lives of the Germanic peoples; but this extension serves the way in which human beings position themselves within the life of the physical world.
[ 9 ] So sehen wir, wie diese germanischen Völker zunächst berufen sind, ich möchte sagen, unter Darangabe ihres selbsterfahrenen Zusammenhanges mit der geistigen Welt die Eigenschaften des Gemütes, des Charakters, auch die Eigenschaften der starken Individualität auszubilden, wie auch jene Eigenschaften zu entfalten, welche Seele an Seele ketten, Seele an Scele im physischen Leben binden und lösen. Die Impulse der Dankbarkeit, der Treue und alles dessen, was vom Gemüte des Menschen ausstrahlt, sehen wir für die Seele des alten Germanen so hervorragend geschildert im Nibelungenliede dadurch, daß bei denen, die zur Abfassung des Nibelungenliedes mitgewirkt haben, ein dunkles Bewußtsein davon vorhanden war, wie der Mensch aus seinen Zusammenhängen mit der geistigen Welt herausgeholt ist und mit all den Eigenschaften seiner Seele fest in die physische Welt hineingestellt worden ist.
[ 9 ] Thus we see how these Germanic peoples are first and foremost called—I would say, by expressing their personally experienced connection to the spiritual world—to develop the qualities of the mind, of character, and also the qualities of strong individuality, as well as to unfold those qualities that link soul to soul, binding and uniting souls in physical life. The impulses of gratitude, loyalty, and everything that radiates from the human soul, are so superbly portrayed for the soul of the ancient Germanic people in the *Nibelungenlied* because those who contributed to its composition possessed a dim awareness of how human beings have been drawn out of their connections with the spiritual world and firmly placed within the physical world with all the qualities of their souls.
[ 10 ] Damit aber haben wir einen Grundcharakterzug des germanischen Seelenlebens mit einigen Strichen hingestellt, jenes Seelenlebens, welches in so eigentümlicher Art persönliche Tiefe, charakterologische Tiefe überall zeigt — und zugleich jene tiefe, tiefe Sehnsucht nach den geistigen Welten, die Befriedigung will, aber diese Befriedigung zunächst wie ein tragisch leidvolles Sehnen und Hoffen empfindet, weil die alten, aus dem Hellsehertum geborenen Vorstellungen die starke Kraft über das menschliche Gemüt verloren haben.
[ 10 ] With this, however, we have sketched out in a few strokes a fundamental characteristic of the Germanic spiritual life—that spiritual life which, in such a distinctive way, reveals personal depth and characterological depth everywhere—and at the same time that deep, deep longing for the spiritual worlds, which seeks fulfillment, but which initially experiences this fulfillment as a tragically painful yearning and hope, because the ancient conceptions born of clairvoyance have lost their powerful hold over the human mind.
[ 11 ] Nun ist es höchst bemerkenswert, in welcher Weise die Völker des Südens — und in welch anderer Weise die germanischen Völker des Nordens zu dem der Welt geschenkten: Christentum vermöge dieser Seelenverfassung sich verhalten mußten. Machen wir uns klar, daß die Völker des Südens mit ihren aus den alten hellseherischen Vorstellungen herausgeborenen Weltanschauungsideen dieses Christentum empfangen mußten. Sie mußten es in dem, was es ihnen offenbarte, vergleichen mit dem, was sie wußten, oder wenigstens wovon sie die bestimmte Überzeugung haben konnten, daß man es einmal durch unmittelbare Erfahrung gewußt habe. Eine Sehnsucht, wie sie heute selbstverständlich ist, und wie sie bei den germanischen Völkern sich entwickelte: eine Sehnsucht nach den geistigen Welten, eine — ich möchte sagen — tragische Sehnsucht, den Schleier zu durchdringen, welcher den Menschen von den geistigen Welten abtrennt, eine solche Sehnsucht konnte es ja bei denjenigen Völkern im Grunde genommen gar nicht geben, welche ein unmittelbares Wissen davon hatten, daß eine geistige Welt vorhanden war, weil sie in besonderen Bewußtseinszuständen mit diesen Welten in Zusammenhang waren. Was daher eine Weltanschauungssehnsucht ermöglicht, wie sie das Gemüt innerlich bewegt, und wie sie den ganzen Menschen stimmen kann, das lernt man insbesondere an den Völkern des Nordens kennen. Daher konnten auch die Völker des Südens das hereinkommende Christentum nur so aufnehmen, daß sie es mit dem Charakter verglichen, den ihre alten, aus dem früheren Hellsehen herausgeborenen Vorstellungen hatten; daß sie es betrachteten wie etwas, was dem Menschen von außen gegeben ist, dem sich das menschliche Gemüt hingibt. Überall sehen wir, wie auch bei diesen Völkern eine zweifache Welt auflebt: eine Welt, an die das Gemüt hingegeben ist für das alltägliche Verhältnis, für das historische Verhältnis — und die Welt der früher gegebenen, aus dem alten Hellsehertum herausgeborenen Vorstellungen, die jetzt durchglänzt und durchleuchtet ist von den Offenbarungen des Christentums.
[ 11 ] It is highly remarkable to observe the different ways in which the peoples of the South—and the Germanic peoples of the North—had to relate to Christianity, the gift to the world, due to this disposition of the soul. Let us realize that the peoples of the South, with their worldview ideas born of ancient clairvoyant conceptions, had to receive this Christianity. They had to compare what it revealed to them with what they knew—or at least with what they could be firmly convinced had once been known through direct experience. A longing such as is taken for granted today, and as it developed among the Germanic peoples: a longing for the spiritual worlds, a — I might say — tragic yearning to pierce the veil that separates human beings from the spiritual worlds; such a yearning could, in fact, not really exist among those peoples who had direct knowledge of the existence of a spiritual world, because they were connected to these worlds in particular states of consciousness. What, therefore, makes possible a longing for a worldview—one that stirs the soul inwardly and can attune the whole human being—is something we come to know particularly through the peoples of the North. For this reason, the peoples of the South could only receive the incoming Christianity by comparing it to the character of their ancient conceptions, which had been born out of earlier clairvoyance; by regarding it as something given to the human being from without, to which the human soul surrenders itself. Everywhere we see how, even among these peoples, a dual world comes to life: a world to which the soul is devoted in its everyday and historical relationships—and the world of the ideas given in earlier times, born of ancient clairvoyance, which is now permeated and illuminated by the revelations of Christianity.
[ 12 ] Anders, ganz anders wirkte aber das Christentum auf die Seelen der germanischen Völker, auf jene Seelen, in deren tiefstem Innern Sehnsucht, tragische Sehnsucht nach den geistigen Welten lebte. Zu diesen Seelen kam jetzt dasjenige, was das Christentum den Seelen zu geben vermag, es kam alles das von unendlicher Wärme, von das Gemüt und das Herz Bewegendem, was in die Seelen aus dem Christentum hereinströmen kann. Und daß es innig verwandt war mit dem, was die tiefsten Impulse in den Seelengrundlagen waren, womit der Mensch im Alltäglichen lebt, das wurde empfunden, wenn man das Leiden des Erlösers anschaute, wenn man das Mysterium von Golgatha anschaute. Und so empfanden diese Seelen, als wenn das, was ihnen da aus der äußeren Welt geoffenbart war, etwas wäre, was sich aus der Seele selbst gebiert, was im Grunde genommen die Seele nur nicht gewußt hat, aber was sie in ihren Tiefen lange, lange vorher erlebt hat. Wie ein innerliches Element nahmen die Germanen das Christentum auf, wie eine intime Angelegenheit der Seele selber, nicht wie eine äußere Offenbarung. Und den großen Unterschied, der sich für ein gefühlsmäßiges, für ein gemütsmäßiges Auffassen der Welt daraus ergab, den kann man insbesondere ermessen, wenn man das Verhältnis des Menschen zur Natur und zur Umwelt betrachtet, indem man einmal auf die südlichen Völker blickt, die das Christentum aufnahmen, und wenn man dann auf die germanischen Völker sieht. Dieses Christentum, es lenkte die Seelen — alle Seelen — hin nach dem Ewigen, nach dem, was aus der Sphäre des Kosmischen herabgekommen ist und was in die menschliche Geschichtsentwickelung eingetreten ist. Es war ein anderes, was sich da offenbarte, als dasjenige, was man in der Natur, im äußeren Leben empfinden und erfahren konnte. Daher entwickelte sich bei den südlichen Völkern eine eigentümliche Naturanschauung, etwas, was oft genannt worden ist, eine gewisse Verachtung der Natur; es entstand eine Anschauung der Natur, als wenn diese von geringerem Wert wäre für das Leben, einen Abfall bedeutete von den göttlich-geistigen Welten. Und es entwickelte sich der Glaube, als wenn man nun Abkehr halten müsse von dem Leben, fremd werden müßte der Natur und dem Leben ringsherum. Radikal ausgedrückt, könnte man sagen: es entwickelte sich eine Art Geringschätzung des natürlichen Daseins und des Menschenlebens in der physischen Welt.
[ 12 ] Christianity, however, had a different—a completely different—effect on the souls of the Germanic peoples, on those souls in whose innermost depths a longing—a tragic longing—for the spiritual worlds lived. To these souls came now what Christianity is able to give to souls; it brought all that infinite warmth, all that stirs the mind and the heart, which can flow into the souls from Christianity. And the fact that it was intimately connected with the deepest impulses in the foundations of the soul—those with which human beings live in their everyday lives—was felt when one contemplated the suffering of the Savior, when one contemplated the Mystery of Golgotha. And so these souls felt as if what had been revealed to them from the outer world were something born from the soul itself—something the soul, in essence, had simply not known, but which it had experienced in its depths long, long before. The Germanic peoples embraced Christianity as an inner element, as an intimate matter of the soul itself, not as an external revelation. And the great difference that resulted from this in terms of an emotional, a spiritual understanding of the world can be gauged particularly well when one considers humanity’s relationship to nature and the environment, by first looking at the southern peoples who embraced Christianity and then at the Germanic peoples. This Christianity directed the souls—all souls—toward the eternal, toward that which had descended from the cosmic sphere and entered into the course of human history. What was revealed here was something different from what one could feel and experience in nature and in external life. Consequently, a peculiar view of nature developed among the southern peoples—something that has often been described as a certain contempt for nature; a view of nature arose as if it were of lesser value for life, as if it signified a fall from the divine-spiritual worlds. And a belief developed as if one now had to turn away from life, to become estranged from nature and the life all around. To put it radically, one could say: a kind of disdain for natural existence and for human life in the physical world developed.
[ 13 ] Wie anders standen die germanischen Völker zur Natur! In ihnen lebte etwas, was aus der charakterisierten Entwickelung ihrer Seelen hat kommen müssen. Als der Zusammenhang mit den alten hellseherischen Vorstellungen herabgedämmert war, da waren sie ja angewiesen auf das Zusammenleben mit der Natur und mit den Menschen. So entwickelten sie die Charaktereigenschaften, die Gemütseigenschaften, die sich an Natur und Menschenleben entzünden konnten, in intensivster Art. Sie sahen hinein in die Natur, sie sahen und empfanden alles, was man fühlen kann an Freude über die Natur, und auch wie man über die Natur trauern kann — über die Natur, wie man sie sich herrlich entwickeln sieht in jedem Frühling, oder wenn man die helle Morgenröte sieht, und wie man sie wieder herabsinken sieht, wenn wir die Sonne versinken sehen in der Abendröte, oder wenn Herbst und Winter hereinbrechen. Aber auch mit dem Menschenleben konnten sie aus ihrer Gemütsverfassung heraus einen besonderen Zusammenhang empfinden. Dieses Menschenleben stellte sich ihnen ja so dar, daß für sie gleichsam nicht mehr lebendig war, was dieses Menschenleben zusammenhielt mit den Kräften, die aus den geistigen Welten heraus durch dieses Menschenleben pulsen und wellen. Eine gewisse tragische — man könnte sagen — «Trauerstimmung» entwickelte sich bei diesen Völkern aus dieser Anschauung des Natur- und Menschenlebens; und wir sehen ausgegossen über die Götteranschauung der alten germanischen Seelen diese Trauerstimmung, diese Klagestimmung. Spricht ja der Dichter des Nibelungenliedes es selber aus, daß er für seine Zuhörer entwickeln will, wie Leid aus Freude folge. Endet doch diese Dichtung des Nibelungenliedes in Leid, in Untergang, in Not und Mord und Tod! Wie Leid von Freude käme, das wollte der Dichter dieses Liedes entwickeln. Und wenn wir den germanischen Götterhimmel überblicken, so sehen wir, wie die Germanen auf ihre Götter hinschauten als auf die, welche einst die «Götterdämmerung» erfahren werden, welche einstmals nicht ihre Herrschaft wie sonst erleben werden, sondern die miteinander im Kampfe liegen werden, so daß einer den anderen tötet. Mit Trauerstimmung, mit tragischer Stimmung sahen die alten Germanen auf die der Natur und dem Menschenleben zugrunde liegende Götterwelt hin. Das ist eine andere Stimmung als die, welche man, radikal ausgedrückt, die Natur herabsetzend und geringschätzend nennen kann. Das ist ein Leben, innig verbunden mit der Natur, ein Zusammenleben mit der Natur, aber ein Leben, welches über das Dasein, das sich über Natur- und Menschenschicksal offenbart, trauert, das Natur- und Menschenschicksal liebt, aber glaubt, durch diese Liebe Leid- und Klageimpulse erleben zu müssen.
[ 13 ] How different was the Germanic peoples’ attitude toward nature! Something lived within them that must have arisen from the distinctive development of their souls. As their connection to the ancient clairvoyant conceptions faded, they were, after all, dependent on living in harmony with nature and with other people. Thus they developed character traits and emotional qualities that could be kindled by nature and human life in the most intense way. They looked deep into nature; they saw and felt everything one can feel in terms of joy at nature, and also how one can mourn nature—nature as one sees it unfold magnificently every spring, or when one sees the bright dawn, and how one sees it fade again when we watch the sun sink into the evening glow, or when autumn and winter set in. But they were also able to feel a special connection to human life out of their own state of mind. Human life presented itself to them in such a way that, for them, as it were, what held human life together—the forces pulsing and surging through it from the spiritual worlds—was no longer alive. A certain tragic—one might say—“mood of mourning” developed among these peoples from this view of nature and human life; and we see this mood of mourning, this mood of lament, pervading the view of the gods held by the ancient Germanic souls. After all, the poet of the *Nibelungenlied* himself states that he wishes to reveal to his listeners how sorrow follows from joy. For this epic, the *Nibelungenlied*, ends in sorrow, in downfall, in distress, murder, and death! How sorrow arises from joy—that is what the poet of this song sought to reveal. And when we survey the Germanic pantheon, we see how the Germanic peoples viewed their gods as those who would one day experience the “twilight of the gods”—who would no longer reign as they once did, but would instead be locked in battle with one another, so that one would slay the other. With a mood of sorrow, with a tragic mood, the ancient Germanic peoples viewed the divine world underlying nature and human life. This is a different mood than what one might, to put it radically, call a demeaning and disparaging view of nature. It is a life intimately connected with nature, a coexistence with nature, but a life that mourns the existence revealed through the fate of nature and humanity, that loves the fate of nature and humanity, yet believes it must experience impulses of suffering and lamentation through this love.
[ 14 ] Das ist der große, gewaltige Unterschied in der Naturauffassung des Südens und des Nordens. Und so können wir uns hineinfühlen in die germanische Seelenverfassung, und können zunächst auf diejenigen hinblicken, die unter den Germanen gleichsam die Vorposten waren der europäischen Mission der germanischen Völker, das heißt auf diejenigen germanischen Stämme, die in größerer oder geringerer Anzahl zuerst mit den Völkern des Südens zusammengestoßen sind: die Westgoten, die Ostgoten, die Vandalen, die Longobarden. Auf sie sehen wir hin; und mögen uns die Äußerlichkeiten dieser Völker noch so barbarisch erscheinen: wir sehen — wenn wir nur sehen wollen — auf dem Grunde des Gemütes, auf dem Grunde der Natur- und Lebensauffassung jene Charaktereigenschaften, die jetzt eben charakterisiert worden sind. Und mit diesen Charaktereigenschaften, mit dieser Natur- und Lebensauffassung zogen sie ein in die Völker des Südens von Europa und in dasjenige, was aus diesen Völkern des Südens und des Westens wurde. Und wir wissen es ja: diese Völker, die eben genannt worden sind, sie gingen auf in die Völker des Südens und des Westens. Die romanische Kultur entstand.
[ 14 ] This is the great, fundamental difference between the Southern and Northern views of nature. And so we can empathize with the Germanic mindset, and can first turn our attention to those among the Germanic peoples who were, as it were, the outposts of the European mission of the Germanic peoples—that is, to those Germanic tribes that, in greater or lesser numbers, were the first to come into contact with the peoples of the South: the Visigoths, the Ostrogoths, the Vandals, and the Lombards. We turn our attention to them; and no matter how barbaric the outward appearances of these peoples may seem to us, we see—if we are only willing to see—at the core of their character, at the core of their view of nature and life, those character traits that have just been described. And with these character traits, with this view of nature and life, they merged with the peoples of southern Europe and with what eventually emerged from these peoples of the South and the West. And as we know, these peoples who have just been named were absorbed into the peoples of the South and the West. Romanic culture arose.
[ 15 ] Aber wenn wir diese romanische Kultur recht betrachten, was finden wir dann in ihr? Wir finden in ihr dasjenige, was noch dämmerhaft fortlebte an alter, aus dem Hellsehertum herausgeborener Weltanschauungsstimmung, und wir finden dies durchzogen und durchwebt und durchpulst von dem, was die einzelnen germanischen Stämme, die in den Weltenvorgängen bis auf den Namen verschwunden sind, haben einfließen lassen; und alles, was sich im Westen und im Süden von Europa als romanische Kultur entwickelte, das hat in sich auf seinem Grunde das germanische Seelenhafte, wenn es auch dann übertönt worden ist von der Fortsetzung der alten römischen Kultur. Und nur dann versteht man das romanische Element, wenn man weiß, daß es von untergegangener germanischer Seelenwelt lebt. Man. versteht die schöpferischen Geister der italienischen Kultur, man versteht die wunderherrliche italienische Musik, selbst Geister wie Augustinus und Johann Scotus Erigena, wie auch die großen Künstler der großen italienischen Renaissance und des Quattrocento, man versteht selbst Dante nur, wenn man sich darüber klar ist, daß die Substantialität des Seelenhaften dieser alten germanischen Völker aufgegangen ist in das, was dann im Außenwerke übertönt worden ist von der fortlaufenden Strömung der alten römischen Kultur. — So haben wir die ersten Vorposten der germanischen Seelenwelt in diesen Völkern, die sich gleichsam hingeopfert haben im Fortschritt der äußeren Geschichte. Und nur aus der Vermischung des alten römischen Seelenhaften mit dem Geschilderten des germanischen Seelenhaften sind die Kulturen des Südens und des Westens im wesentlichen entstanden und haben sich dann weiterentwickeln können. Was in diese Kulturen übergegangen ist, können wir nennen eben das «germanische Seelenhafte», das sich so entwickelt hat, wie es angedeutet worden ist.
[ 15 ] But if we take a close look at this Romance culture, what do we find in it? We find within it that which still lingered dimly of an ancient worldview born of clairvoyance, and we find this permeated, interwoven, and pulsing with what the individual Germanic tribes—which have vanished from the course of world history, down to their very names—have infused into it; and everything that developed as Romanic culture in the west and south of Europe has, at its very core, the Germanic spirit, even if it was subsequently overshadowed by the continuation of ancient Roman culture. And one can understand the Romance element only when one knows that it draws its life from a vanished Germanic spiritual world. One understands the creative spirits of Italian culture; one understands the wondrously beautiful Italian music; even figures such as Augustine and John Scotus Erigena, as well as the great artists of the Italian Renaissance and the Quattrocento, one understands even Dante only when one is clear that the substantiality of the soul-life of these ancient Germanic peoples has been absorbed into what was subsequently overshadowed in its outward manifestations by the continuing current of ancient Roman culture. — Thus we find the first outposts of the Germanic spiritual world in these peoples, who have, as it were, sacrificed themselves for the progress of external history. And it is only through the blending of the ancient Roman soul with the Germanic soul described above that the cultures of the South and the West essentially arose and were then able to develop further. What has been incorporated into these cultures is precisely what we can call the “Germanic soul,” which has developed in the manner indicated.
[ 16 ] Nun stand dieses germanische Seelenhafte insbesondere der christlichen Offenbarung so gegenüber, daß es dieselbe als ein Fertiges empfing, etwas was in feste Formen geprägt worden ist im Vergleiche mit den überkommenen Weltanschauungsvorstellungen des Altertumes. Daraus entwickelte sich ein Nebeneinanderstehen, eine Zweiheit desjenigen, was geistige, religiöse Offenbarungen, was Weltanschauungsvorstellungen sind; und als gleichsam andere, als zweite Innenwelt entwickelte sich das Gemüthafte, das Seelenhafte, was aus dem Germanentum herübergekommen war. Entweder nahm dieses letztere die christlichen Offenbarungen wie ein Äußeres auf, oder es entwickelte sich später innerhalb des romanisch-germanischen Elementes aus dem Seelenhaften — das noch mit Innerlichkeit demjenigen gegenüberstand, was das Christentum zu geben hatte — das Kritische. Das rein Verständige entstand, das dann in Voltaire seinen besonderen Höhepunkt erfahren hat.
[ 16 ] Now, this Germanic spiritual essence stood in such a relationship to Christian revelation that it received it as something complete, something that had been cast into fixed forms, in contrast to the traditional worldviews of antiquity. From this arose a coexistence, a duality between what constitutes spiritual and religious revelations on the one hand, and worldview concepts on the other; and as a sort of separate, second inner world, the emotional and soul-like elements that had come over from Germanic culture developed. Either did the latter embrace the Christian revelations as an external reality, or—later, within the Romance-Germanic element—did a critical spirit develop from the soul-life, which still stood in inner opposition to what Christianity had to offer. Thus arose the purely intellectual, which then reached its particular zenith in Voltaire.
[ 17 ] Man möchte sagen: es war in der Weltgeschichte vorbestimmt, daß ein Teil des germanischen Seelenhaften für den Süden und Westen Europas geopfert werden mußte; der floß in jene Völker ein. Ein anderer Teil aber blieb zurück in Europens Mitte, und dieser hatte die besondere Aufgabe, das Seelenhafte dieser Völker fortschreiten zu lassen durch die weitere Entwickelung der Seele zum Geistigen. Denn wir haben bisher im Grunde genommen nur das germanische Seelenhafte geschildert. Aber während die anderen, die Vortruppen des Germanentums, als Seelensubstantialitäit nach dem Süden und Westen Europas abgehen, sehen wir in der Mitte Europas einen Kern von germanischem Seelenhaftem zurückbleiben. Und wie entwickelt sich dieser Kern? Er steigert das, was als Charaktereigenschaften, als Gemüthaftigkeit bei den Völkern Germaniens aufgetreten ist, und was durch das Christentum durchleuchtet und durchwärmt worden ist, ins Geistige hinauf; denn das Geistige ist die höhere Entwickelung des Seelischen. Und indem sich das Seelische zum Geistigen heraufentwickelt, muß sich das Geistige, weil das Christentum das Herrschende ist, in den Zeiten bis in das dreizehnte, vierzehnte Jahrhundert herauf so entwickeln, daß dadurch noch ein intimeres Verhältnis zu demjenigen geschlossen wird, was die Seele selbst intim erlebt, und was sich im Christentum offenbart.
[ 17 ] One might say: it was predestined in world history that a part of the Germanic soul-life had to be sacrificed for the sake of southern and western Europe; it flowed into those peoples. Another part, however, remained in the center of Europe, and this part had the special task of enabling the spiritual essence of these peoples to progress through the further development of the soul toward the spiritual. For, in essence, we have so far described only the Germanic spiritual essence. But while the others—the vanguard of Germanic culture—depart as soul-substance toward the south and west of Europe, we see a core of the Germanic soul remaining in the center of Europe. And how does this core develop? It elevates to the spiritual level what has emerged as character traits and emotional disposition among the peoples of Germania—and what has been illuminated and warmed by Christianity—for the spiritual is the higher development of the soul. And as the soul develops upward toward the spiritual, the spiritual—because Christianity is the dominant force—must develop in the periods leading up to the thirteenth and fourteenth centuries in such a way that an even more intimate relationship is established with what the soul itself intimately experiences and what is revealed in Christianity.
[ 18 ] Schon im neunten Jahrhundert sehen wir das erste Heraufglänzen des Geistigen aus dem germanischen Seelenhaften in jenem wunderbaren Gedicht, das im Sachsenlande entstanden ist: in dem «Heliand». Wir sehen in dem Heliand das Leben des Christus Jesu geschildert; aber wir sehen es so geschildert, wie wenn der Christus Jesus als einer der germanischen Heerkönige durch die Welt zieht, ganz germanisches Wesen hat er angenommen; und die ihm folgen, seine Jünger, sie nehmen sich in diesem Gedichte aus wie germanische Lehnsleute. Ganz in das germanische Volkselement aufgenommen ist da das Christentum; wiedererstanden, wiedergeboren ist die christliche Legende aus den Seelen der Menschen Mitteleuropas im Heliand. Und wir fühlen es, daß jetzt an einem besonderen Punkte dasjenige auftritt, was sich schon im alten Gotentum gezeigt hat, aber dann wieder vergangen ist: daß die germanische Volksseele darauf angewiesen ist, das Christentum nun nicht von außen zu empfangen wie die romanische Welt, sondern das, was an dem Christentum, an den christlichen Impulsen erlebt werden kann, aus sich selbst heraus zu erzeugen, in sich selbst zu erleben. Daher wird im Heliand die Geschichte, die sich mit dem Leben des Christus Jesus abgespielt hat, so erzählt, als wenn sie sich in Mitteleuropa, im Mittelpunkte des Germanentums abgespielt hat. So erzählt der Verfasser, als wenn er Ereignisse seiner Heimat schildern wollte, und nicht nur in der Form, sondern in der ganzen Art, in die Beschreibung der Örtlichkeiten und so weiter.
[ 18 ] As early as the ninth century, we see the first glimmer of the spiritual emerging from the Germanic soul in that wonderful poem that originated in Saxony: the *Heliand*. In the *Heliand*, we see the life of Jesus Christ depicted; but we see it depicted as if Jesus Christ were traveling through the world as one of the Germanic war kings, having fully assumed a Germanic nature; and those who follow him—his disciples—appear in this poem as Germanic vassals. Christianity is fully absorbed into the Germanic folk element there; the Christian legend has been resurrected and reborn from the souls of the people of Central Europe in the *Heliand*. And we sense that what is now emerging at a particular juncture is precisely what had already manifested itself in ancient Germanic paganism but then faded away: that the Germanic folk soul is compelled not to receive Christianity from the outside, as the Romanic world did, but to generate from within itself—and to experience within itself—that which can be experienced in Christianity and in Christian impulses. That is why, in the *Heliand*, the story of the life of Jesus Christ is told as if it had taken place in Central Europe, at the heart of Germanic culture. Thus, the author narrates as if he were describing events in his homeland—not only in form, but in the entire manner of the narrative, including the description of places and so on.
[ 19 ] Dann sehen wir, wie das Heraufschreiten des Seelenhaften in das Geisterhafte uns weiter entgegentritt in jener wunderbaren Blüte deutschen Geisteslebens, die wir als die mittelalterliche deutsche Mystik ansprechen, die da beginnt mit Meister Eckbart und Johannes Tauler, die eine besondere Ausgestaltung erlangt bei Paracelsus, dann weiterschreitet in Valentin Weigel und Jacob Böhme und schließlich ihren Höhepunkt erreicht in den wunderbaren Sprüchen des Angelus Silesius, der im siebzehnten Jahrhundert in Schlesien lebte, vom Jahre 1624 bis zum Jahre 1677. Hier an dieser deutschen Mystik sehen wir, zunächst bei Meister Eckhart und Johannes Tauler und dann bei den andern, die ihre Schüler geworden sind, wie unmittelbar das Seelenhafte übergeht in die Geisterfassung.
[ 19 ] Then we see how the ascent of the soulful into the spiritual continues to unfold before us in that marvelous flowering of German intellectual life that we refer to as medieval German mysticism, which begins with Meister Eckhart and Johannes Tauler, takes on a distinctive form in Paracelsus, then continues in Valentin Weigel and Jacob Böhme, and finally reaches its climax in the wonderful sayings of Angelus Silesius, who lived in Silesia in the seventeenth century, from 1624 to 1677. Here, in this German mysticism—first in Meister Eckhart and Johannes Tauler, and then in the others who became their disciples—we see how directly the soulful merges into the spiritual realm.
[ 20 ] Wie stehen diese Geister zu dem, was sie ihren «Gott» nennen? So stehen sie zu dem, was sie ihren Gott nennen, daß sie überwinden wollen, von sich abstreifen wollen alles das, was in der einzelnen Persönlichkeit, in der einzelnen Individualität fühlt und will und denkt, daß sie sich nur als ein Instrument fühlen wollen, durch welches der Gott selber spricht und fühlt und denkt und will. Bis ins Wort, bis in ein schönes Wort hinein ist diese Empfindung ausgedrückt: entwerden wollen sie, das heißt abstreifen wollen sie, was man nennen kann: Ich fühle durch meine Persönlichkeit so und so, ich denke durch meine Persönlichkeit dies und das, ich will aus meinen Impulsen heraus. Nein! das möchten diese Geister nicht. Was sie ihren Gott nennen, was sie auch als den Gott empfinden, der durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist, von ihm möchten sie, daß er ihr Gemüt, alle ihre inneren Kräfte ganz erfüllt, ganz durchgeistigt, daß die Seele ganz erfüllt von ihm werde, so daß nichts Eigenes in ihr lebt, sondern daß sie ganz von dem Göttlichen erfüllt ist, und daß das Göttliche in ihr will, und sie nur eine Hülle dieses Göttlichen sei. So wollen sie sich in die geistige Weltordnung hineinstellen, daß sie sagen können: Wenn meine Hand sich bewegt, so weiß ich, daß es der Gott in mir ist, der die Kraft entfaltet zum Bewegen der Hand; wenn ich denke — der Gott ist es, der in mir denkt; wenn ich fühle und will — der Gott ist es, der in mir fühlt und will; ich will ablehnen alles, was Eigenleben in mir ist, und will nur in mir den Gott walten lassen! Und sie erwarteten alles von der Gnade, die sie überstrahlen kann, wenn sie ihre Seele leer machen und sich überstrahlen lassen von der Gnade des Gottes, die in sie einfließen kann. Davon erwarteten sie die Vervollkommnung ihrer Seelen.
[ 20 ] What is the attitude of these spirits toward what they call their “God”? Their attitude toward what they call their God is that they want to overcome, to cast off everything that feels, wills, and thinks within their individual personalities and individualities; they want to feel themselves to be merely an instrument through which God Himself speaks, feels, thinks, and wills. This feeling is expressed right down to the word, right down to a beautiful word: they want to rid themselves—that is, to cast off—what might be called: “I feel this way or that way through my personality,” “I think this or that through my personality,” “I will act out of my impulses.” No! These spirits do not want that. Whatever they call their God—whatever they perceive as the God who passed through the Mystery of Golgotha—they want Him to completely fill their minds and all their inner powers, to completely spiritualize them, so that the soul may be wholly filled with Him, so that nothing of their own lives within it, but rather that they may be wholly filled with the Divine, and that the Divine may will within them, and they may be merely a vessel for this Divine. Thus they wish to place themselves within the spiritual order of the world so that they can say: When my hand moves, I know that it is the God within me who unfolds the power to move the hand; when I think—it is God who thinks within me; when I feel and will—it is God who feels and wills within me; I will reject everything within me that is an independent life, and will allow only God to reign within me! And they expected everything from the grace that can illuminate them, if they empty their souls and allow themselves to be illuminated by the grace of God, which can flow into them. From this they expected the perfection of their souls.
[ 21 ] Was erleben wir an diesen Persönlichkeiten? Das erleben wir: was sich wie eine Natureigenschaft der menschlichen Seelen ausnimmt, das alte germanische Gemütsleben, das alte germanische Gefühlsleben, was erst noch erfüllt war von dem Hoffen und dem Sehnen nach der geistigen Welt, das durchdringt die christlichen Impulse mit derselben Impulsivität, mit der es früher das äußere physische Erleben durchdrungen hat. Was der Mensch in der äußeren physischen Welt ist, das wächst bei diesen Meistern zusammen mit dem inneren Erleben des Gottes und der göttlichen Weltordnung. Bis zu einem solchen Grade wächst es zusammen, daß zum Beispiel der Meister Eckhart in einem wunderschönen Spruche, den ich vorlesen will, diese Stimmung der Seele, wo wir das Seelische ins Geisterfassende übergehen sehen, mit den Worten charakterisieren konnte: «Hast du Gott lieb, dann kannst du tun, was du willst, denn dann willst du nur das Ewige und das Eine, was Gott auch will, und was du tust, das tust du in Gott, und Gott tut es in dir.» Dieses Sicheinswissen mit dem Gott ist es, was uns da entgegentritt, wo aus der germanischen Seele der deutsche Geist geboren wird. Und dieses innerliche Erleben des Geistes, diese tätige Anwesenheit des Geistes in der Seele — o, sie leuchtet uns so wunderbar, in so herrlicher — ich sage — in so wunderherrlicher Weise entgegen aus den schönen poetischen Sprüchen des Angelus Silesius des siebzehnten Jahrhunderts, in seinem «Cherubinischen Wandersmann». Wie an einem Höhepunkte der Seelenentwickelung, die in den Geist hineinsteuert, stehen wir da. — Ich kann nicht umhin, einige dieser Sprüche dieses in Schlesien lebenden deutschen Mystikers, der mitbeteiligt war an der Geburt des deutschen Geistes aus dem germanischen Seelenhaften heraus, Ihnen vorzulesen:
[ 21 ] What do we experience in these personalities? This is what we perceive: what appears to be an innate quality of the human soul—the ancient Germanic emotional life, the ancient Germanic life of feeling, which was still filled with hope and longing for the spiritual world—permeates Christian impulses with the same impulsiveness with which it once permeated external physical experience. What a human being is in the outer physical world merges, in these masters, with the inner experience of God and the divine world order. It merges to such an extent that, for example, Meister Eckhart, in a beautiful saying that I would like to read aloud, was able to characterize this mood of the soul—where we see the soulful transitioning into the spiritual—with the words: “If you love God, then you can do whatever you wish, for then you desire only the Eternal and the One, which is also what God desires; and whatever you do, you do in God, and God does it in you.” This awareness of oneness with God is what confronts us where the German spirit is born from the Germanic soul. And this inner experience of the Spirit, this active presence of the Spirit in the soul—oh, it shines out to us so wonderfully, in such a magnificent—I would say—in such a wondrously magnificent way from the beautiful poetic sayings of the seventeenth-century Angelus Silesius in his *Cherubic Wanderer*. We stand here as if at a high point in the development of the soul as it steers toward the spirit. — I cannot help but read to you some of these verses by this German mystic who lived in Silesia and who played a part in the birth of the German spirit from the Germanic soul:
Daß Gott so selig ist
und lebet ohn’ Verlangen,
Hat er sowohl von mir,
als ich von ihm empfangen.
That God is so blessed
and lives without desire,
He has received this from me,
just as I have received it from Him.
[ 22 ] Wie einig weiß sich eine Seele mit ihrem Gott, die so sprechen kann, daß sie zu sagen versteht: Gott ist so selig und ohne Verlangen aus dem Grunde, weil er in mir die Seligkeit erleben kann, weil er sie ebenso von mir empfängt als ich von ihm. Allerdings, dabei darf nicht mehr an dasjenige Ich gedacht werden, das an den Eigensinn des Lebens gebunden ist, sondern an das Ich, welches sich ganz durchpulst und durchwärmt weiß von dem, was der Gott will — wie ich es eben von dem Meister Eckhart vorgelesen habe. Ein anderer Spruch
[ 22 ] How deeply united with God is a soul that can speak in such a way that it understands how to say: God is so blissful and without desire precisely because He can experience bliss within me, because He receives it from me just as I receive it from Him. However, in this context, one must no longer think of the “I” that is bound to the self-will of life, but rather of the “I” that knows itself to be entirely pulsing and warmed by what God wills—as I have just read from Meister Eckhart. Another saying
heißt: Ich selbst bin Ewigkeit,
wann ich die Zeit verlasse,
Und mich in Gott und Gott
in mich zusammenfasse.
means: I myself am eternity,
when I leave time behind,
and unite myself with God and God
with myself.
[ 23 ] Welch inniges Durchdringen des menschlichen Ich mit der Gottheit erzeugt hier das Gefühl, daß das Ich lebt in dem Gefühl, daß es selbst den Gott erfaßt in der Ewigkeit! Und
[ 23 ] What an intimate fusion of the human self with the Divine creates here the feeling that the self lives in the awareness that it itself grasps God in eternity! And
nun die Frage: Wie ist mein Gott gestalt't?
Geh, schau dich selber an,
Wer sich in Gott beschaut,
schaut Gott wahrhaftig an.
Now the question: What does my God look like?
Go, look at yourself,
Whoever looks at himself in God,
truly looks upon God.
[ 24 ] Einheit des menschlichen Wesens mit dem Göttlichen. Und so ganz — ich möchte sagen — trunken von dem Zusammenhange der Menschenseele mit dem, was im Mysterium von Golgatha lebt, mit dem, was in den Impulsen des Christentums lebt, ist der nächste Spruch:
[ 24 ] The unity of the human being with the Divine. And so completely—I would say—intoxicated by the connection between the human soul and that which lives in the Mystery of Golgotha, and that which lives in the impulses of Christianity, is the following saying:
Das Kreuz zu Golgatha
kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir
wird aufgericht't, erlösen.
The Cross at Golgotha
cannot redeem you from evil,
unless it is also
erected within you.
[ 25 ] Das heißt, der Mensch muß in sich erleben alles, was er erleben kann, wenn er nachfühlt, nacherlebt alles, was in dem Miterleben, in dem Miterfahren der Leiden und der Überwindungen des Erlösers vor sein geistiges Auge treten kann. Und ganz besonders tritt uns dieses Ewigkeitsbewußtsein in zwei Sprüchen des Angelus Silesius entgegen, in Sprüchen, von denen man sagen möchte, es sei einer der größten Glücksfälle des Lebens, daß diese Sprüche jemals in der deutschen Sprache ausgesprochen worden sind. Der eine:
[ 25 ] This means that a person must experience within himself everything he is capable of experiencing when he empathizes with and relives everything that can appear before his mind’s eye as he shares in the sufferings and triumphs of the Savior. And this awareness of eternity is particularly evident to us in two sayings by Angelus Silesius—sayings of which one might say that it is one of life’s greatest strokes of luck that they were ever uttered in the German language. The first:
Ich sterb’ und leb’ auch nicht:
Gott selber stirbt in mir:
Und was ich leben soll,
lebt er auch für und für.
I die, yet I do not live:
God Himself dies within me:
And what I am to live,
He also lives forever and ever.
[ 26 ] Hinblicken auf den Tod, Anschauung des Todes — und wissen: «nicht ich sterbe, sondern der Gott stirbt in mir», das heißt nichts anderes als wissen, daß der Mensch lebendig durch die Todespforte geht. Denn wenn er weiß, daß der Gott in ihm lebt, dann weiß er auch, daß der Tod dann für die Erkenntnis überwunden ist; denn wissen, daß der Gott in mir stirbt, heißt wissen, daß ich nicht sterbe; denn der Gott stirbt nicht. So wußte einmal einer der deutschen Mystiker die größten Rätsel des Lebens in die konzisesten Worte zu fassen. Und ebenso tief ist ein anderer Ausspruch des Angelus Silesius:
[ 26 ] Contemplating death, facing death—and knowing: “It is not I who die, but God who dies within me”—this means nothing other than knowing that man passes through the gate of death while still alive. For if one knows that God lives within one, then one also knows that death is thereby overcome for the sake of knowledge; for to know that God dies within me is to know that I do not die; for God does not die. Thus, one of the German mystics once knew how to express the greatest mysteries of life in the most concise words. And just as profound is another saying by Angelus Silesius:
Die Liebe, welche sich
zu Gott in dir beweist,
Ist Gottes eigne Kraft,
sein Feuer und heil’ger Geist.
The love that proves itself
to God within you,
is God’s own power,
His fire, and His Holy Spirit.
[ 27 ] Nicht ich bin es, der da spricht — so sagt Angelus Silesius —, nicht ich bin es, der da liebt; Gottes Sprache, Gottes Liebe in mir, das ist es, zu dem ich «entwerden» kann. Das heißt, daß sich göttliches Leben in meine Seele senkt und meine Seele ausfüllt, wenn ich versuche, mich selber zu entwerden, Hülle nur zu sein für das, was als göttlich-geistiges Leben in die Seele hereinkommen kann.
[ 27 ] “It is not I who speak here,” says Angelus Silesius, “nor is it I who love; it is God’s voice, God’s love within me—that is what I can ‘become.’” This means that divine life descends into my soul and fills it when I try to divest myself of my own self, to be merely a vessel for that which can enter the soul as divine-spiritual life.
[ 28 ] Und die Kräfte, die also in die deutsche Geistesentwickelung eingezogen waren, sie wirkten fort, und wir sehen sie wieder auftauchen dort, wo der deutsche Geist seinem Volke die bisher tiefsten Impulse eingepflanzt hat. Wir sehen in der Zeit, die wir die deutsche klassische Zeit nennen, die Sehnsucht entstehen nach dem tiefsten Erleben des eigenen menschlichen Geistes, nach dem Hervorsuchen alles dessen, was der Mensch im Geiste erleben kann, und nach dem Ausgestalten dessen, was der Menschengeist erleben kann, zu einer Weltanschauung. Wir sehen es heraufdämmern bei Geistern wie Lessing, wie Herder; wir sehen es zu einer Höhe sich erheben bei Goethe und Schiller und bei den deutschen Philosophen Fichte, Schelling und Hegel. Und was sehen wir da als des deutschen Volkes tiefste Kraft, indem sie hinzublicken sucht auf ein historisch Überkommenes, aber auch auf das, was nur durch die äußere physische Anschauung der Welt gegeben werden kann? Sie sucht nach der Wahrheit, zu der die Menschenseele veranlagt ist, nach der sie in ihren Tiefen sucht; und sie kommt dazu, aus dem Geiste heraus alles, was durch die ganze Weltgeschichte wellt und wallt, in einer neuen Form erkennend wiederzugebären. Und in diesem Sinne gibt Lessing einen Absiß des ganzen menschlichen Strebens und Forschens in der Schrift, die zugleich den Abschluß seines Lebens kennzeichnet: «Die Erziehung des Menschengeschlechts». Darin stellt er dar, wie durch das geschichtliche Werden hindurch göttlich-geistige Kräfte gehen, wie die ganze Geschichte eine erzieherische Arbeit von seiten göttlich-geistiger Mächte ist, und wie sich als der größte Impuls in den Fortschritt der Erdentwickelung der christliche Impuls hineinstellt. Da aber dämmert auch im deutschen Geistesleben etwas auf, was erst nach und nach in der Zukunft seine volle Ausgestaltung finden kann, was in der Gegenwart erst geisteswissenschaftlich wieder begriffen werden muß — die Erkenntnis: wie frühere Geschichtsepochen zusammenwirken mit späteren, wie herübergetragen werden kann, was sich der Mensch in früheren geschichtlichen Epochen erobert hat, in spätere Epochen. Und Lessing, indem er ausdrücklich sagt: er scheue sich nicht anzuerkennen, daß eine größere Wahrheit deshalb nicht für eine mindere gehalten werden braucht, weil sie im Laufe der Entwickelung zuerst aufgetreten ist und in Zeiten, als die Menschheit noch nicht durch die Vorurteile der Schule verdüstert war — Lessing kommt zu der Anerkennung, daß die Seele des Menschen in wiederholten Erdenleben lebt, daß das vollständige Leben der Menschenseele so verläuft, daß sie in immer neuen Erdenleben wiederkehrt, und daß zwischen zwei Erdenleben ein Dasein in einer rein geistigen Welt verfließt, wo die Seele die Kräfte umwandelt, die sie im letzten Erdenleben erlangt hat, um dann wiederzukehren und in spätere Epochen hinüberzutragen, was sie sich in früheren erworben hat. Dadurch wird ein fortlaufendes Wirken der Entwickelung geschaffen, an dem die Menschen selber beteiligt sind.
[ 28 ] And the forces that had thus become part of the development of the German spirit continued to work, and we see them reemerge where the German spirit has instilled in its people the deepest impulses to date. In the period we call the German Classical era, we see the emergence of a longing for the deepest experience of one’s own human spirit, for the search for everything that a human being can experience in the spirit, and for the shaping of what the human spirit can experience into a worldview. We see it dawning in thinkers such as Lessing and Herder; we see it rising to new heights in Goethe and Schiller and in the German philosophers Fichte, Schelling, and Hegel. And what do we see there as the deepest strength of the German people, as they seek to look not only to what has been historically handed down but also to what can be given only through the external, physical perception of the world? It seeks the truth to which the human soul is inclined, the truth it seeks in its depths; and it comes to give birth anew, from the spirit, to everything that surges and swells through the entire course of world history, recognizing it in a new form. And in this sense, Lessing offers a summary of all human striving and inquiry in the work that also marks the conclusion of his life: *The Education of the Human Race*. In it, he describes how divine-spiritual forces permeate the course of historical development, how all of history is an educational endeavor on the part of divine-spiritual powers, and how the Christian impulse emerges as the greatest driving force in the progress of earthly development. Yet something is also dawning in German intellectual life that can only gradually take its full form in the future, something that must first be understood anew in the present through spiritual science—the realization of how earlier historical epochs interact with later ones, and how what humanity has attained in earlier historical epochs can be carried over into later ones. And Lessing, by explicitly stating that he does not shy away from acknowledging that a greater truth need not be regarded as lesser simply because it appeared first in the course of development and in times when humanity was not yet clouded by the prejudices of the school — Lessing comes to the recognition that the human soul lives through repeated earthly lives, that the complete life of the human soul unfolds in such a way that it returns in ever-new earthly lives, and that between two earthly lives, an existence unfolds in a purely spiritual world, where the soul transforms the powers it acquired in its last earthly life, so that it may then return and carry over into later epochs what it has acquired in earlier ones. This creates a continuous process of evolution in which human beings themselves participate.
[ 29 ] Dann sehen wir, wie durch Herder der Geist, der sich in sich selber erfaßt, der zu solcher religiöser Inbrunst in den deutschen Mystikern zu gedeihen versuchte, wie dieser Geist, durchleuchtet und geklärt, das ganze Natur- und Menschenleben durchdringen will. Ein großes, herrliches Werk ist es, welches Herder in seinen «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit» geschaffen hat, wo er schildert, wie in allem Geist lebt, Geist, den er findet, wenn er in die Tiefen seiner Seele hinunterschaut, der aber zugleich des Menschen ewige Gelassenheit, des Menschen ewige «Eingelassenheit» und ewiges Ruhen im ewig-göttlichen Dasein verbürgt.
[ 29 ] Then we see how, through Herder, the spirit that comprehends itself—the spirit that sought to flourish into such religious fervor among the German mystics—how this spirit, illuminated and purified, seeks to permeate all of nature and human life. It is a great and magnificent work that Herder created in his “Ideas for a Philosophy of the History of Mankind,” in which he describes how spirit lives in all things—a spirit he finds when he looks into the depths of his soul, but which at the same time guarantees humanity’s eternal serenity, its eternal “immersion,” and its eternal rest in eternal-divine existence.
[ 30 ] Und wir sehen dann, wie in Goethe — um noch einmal das Werk zu erwähnen, das auch schon in früheren Vorträgen eine Rolle gespielt hat —, wie dieses Werk «Person» wird, indem Goethe den «Faust» geschaffen hat: das Streben, des Menschen Seelenleben durch die eigene Kraft zu verbinden mit dem, was in den geistigen Welten ruht und schafft und wirkt. Und daneben hat Goethe in der Figur des Mephistopheles dem Faust alles gegenübergestellt, was an Hindernissen vorhanden sein kann, um den Menschen von diesem Streben abzuhalten. Zuletzt aber muß sich der Mensch die Freiheit erringen, wo ihm aus der anderen Welt das Wort entgegentönen kann: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.»
[ 30 ] And we then see how, in Goethe—to mention once again the work that has already played a role in earlier lectures—how this work becomes a “person” through Goethe’s creation of *Faust*: the striving to connect the human soul life, through one’s own power, with that which rests, creates, and works in the spiritual worlds. And alongside this, in the figure of Mephistopheles, Goethe has set against Faust everything that might stand as an obstacle to deter human beings from this striving. Ultimately, however, human beings must win their freedom, where the words from the other world may resound to them: “Whoever strives and makes an effort, we can redeem.”
[ 31 ] Weiter sehen wir dann den großartigen Versuch des deutschen Nationalphilosophen Johann Gottlieb Fichte, der in Deutschlands schwersten Zeiten jene herzeindringenden Töne fand, die er in seinen «Reden an die deutsche Nation» zum Ausdruck brachte. Wir sehen Fichte vor uns dastehen mit seinen Ideen, welche aus dem menschlichen Ich heraus, das sich aber von vornherein durchdrungen weiß mit allen Gottes- und Geistesimpulsen, eine ganze geistige Welt erschaffen, eine Welt, für welche die physische Welt nur das Material sein soll, um sich zu verwirklichen. Einen der kühnsten philosophisch-spirituellen Versuche sehen wir in der Philosophie des Fichte. Eine Philosophie ist das, die von vornherein davon überzeugt ist, daß der Mensch nicht nur seine fünf Sinne und dazu seinen gewöhnlichen Verstand hat, sondern daß er noch einen höheren Sinn hat, einen Sinn, durch den eine geistige Welt unmittelbar erlebt wird, wodurch sich der Mensch eins weiß mit dem göttlich-geistigen Leben, und sich in der äußeren Wirklichkeit nur ein Material schafft, um in demselben arbeiten zu können. Man möchte sagen: was uns noch in einem dumpfen seelenhaften Streben bei Meister Eckhart, bei Johannes Tauler, ja selbst noch bei Jacob Böhme und Angelus Silesius entgegentritt, das wird lichte Klarheit in der Philosophie Fichtes, lichte Klarheit deshalb, weil hier zwar das Gemüt das tonangebende Element der Seele ist, aber sich klärt zu lichtvollen Ideen, die eine geistige Welt umspannen und bekennen wollen: Im Ich lebt die gesamte geistige Welt. So wie Angelus Silesius sich in seinem Ich Eins wissen wollte mit seinem Gott, mit dem ganzen göttlichen Wirken und Leben, so war es für Fichte von vornherein klar: Wenn ich wirklich an diejenige Stelle meines Ichs gelange, wo sich dieses Ich in seinem tiefsten Grunde erfaßt, dann bin ich bei Gott, dann schaffe ich nicht nur irgendeine Weltanschauung, sondern eine solche, die der Gott in mir schafft. Und einer der kühnsten, der mutigsten Gedanken ist ein Fichteseher Gedanke. Er ist bei Fichte nicht so ausgesprochen, wie ich ihn jetzt aussprechen will; aber alles, was Fichte gesagt hat, kann in die Worte zusammengefaßt werden: Wenn das menschliche Ich mit seinen Kräften, mit dem was es ist, abhängig sein soll von irgend etwas, sei es die Außenwelt, sei es das Gehirn, sei es der Leib oder was immer, dann ist es an etwas anderes gebunden; dann ist es nicht dasjenige, was das göttlich-geistige Wesen in sich selber erleben kann. Dieses Ich muß nicht in sich anderes Wesen sein, sondern es muß sich immer wieder und wieder schaffen; und sich schaffen muß die wichtigste Tätigkeit des Ich sein. So empfindet Fichte. Des Ich tiefstes Wesen erkennen wollen heißt für Fichte, in jedem Augenblicke wissen, daß man dieses Ich schafft. Würde es sich für einen Augenblick verlieren, so hätte es die Kraft, sich immer wieder und wieder zu schaffen. Als schöpferisch erfaßt Fichte dieses Ich. Dadurch ist es ein unmittelbares Abbild, ein wirkliches Ebenbild der geistigen Gottheit.
[ 31 ] Next, we see the magnificent endeavor of the German national philosopher Johann Gottlieb Fichte, who, during Germany’s darkest hours, found those heartfelt words that he expressed in his “Addresses to the German Nation.” We see Fichte standing before us with his ideas, which—arising from the human “I,” yet one that is from the outset imbued with all the impulses of God and the Spirit—create an entire spiritual world, a world for which the physical world is merely the material through which it is to be realized. We see one of the boldest philosophical-spiritual endeavors in Fichte’s philosophy. It is a philosophy that is convinced from the outset that human beings possess not only their five senses and their ordinary intellect, but also a higher sense—a sense through which a spiritual world is directly experienced, whereby human beings know themselves to be one with divine-spiritual life, and create in external reality only the material necessary to work within it. One might say: what still confronts us in a vague, soulful striving in the works of Meister Eckhart, Johannes Tauler, and even Jacob Böhme and Angelus Silesius, becomes luminous clarity in Fichte’s philosophy—luminous clarity because, although the mind is the dominant element of the soul here, it clarifies itself into luminous ideas that encompass a spiritual world and seek to affirm: The entire spiritual world lives within the “I.” Just as Angelus Silesius sought to be one with his God—with the entire divine workings and life—within his “I,” so it was clear to Fichte from the very beginning: If I truly reach that point within my “I” where this “I” comprehends itself in its deepest essence, then I am with God; then I am not merely creating just any worldview, but one that God creates within me. And one of the boldest, the most courageous thoughts is a Fichtean thought. It is not expressed by Fichte quite as I am about to express it; but everything Fichte said can be summarized in these words: If the human “I,” with its powers, with what it is, is to be dependent on anything—be it the external world, the brain, the body, or whatever—then it is bound to something else; then it is not that which the divine-spiritual being can experience within itself. This “I” need not be a different being in itself, but it must create itself again and again; and creating itself must be the most important activity of the “I.” This is how Fichte sees it. For Fichte, seeking to recognize the deepest essence of the “I” means knowing at every moment that one is creating this “I.” If it were to be lost for a single moment, it would have the power to create itself again and again. Fichte conceives of this “I” as creative. Through this, it is a direct reflection, a true image of the spiritual deity.
[ 32 ] Was Fichte so als innersten Kern der Seelensubstanz im menschlichen Wesen, das mit seinem Gotte vereinigte Ich, finden wollte, das legt Hegel auseinander in — wenn auch abstrakten — Ideen, die wiederum eine Welt umspannen sollten, und die zugleich die innere Schaffenskraft der Welt darstellen sollten. Hegel sagte sich: wenn der menschliche Geist wirklich dazu gelangt, die reinen, lichterfüllten Ideen in sich leben zu lassen, so ist es nicht nur der einzelne menschliche Geist, der an das Gehirn gebunden ist, der dann denkt; sondern dann ist es die in dem Menschen lebende höhere Kraft, die die Welt durchleuchtende Gotteskraft; dann denkt Gott im Menschen. Es kommt für Hegel nur darauf an, sein Denken soweit zu klären und zu kondensieren, daß es hinweggelangt ist über alles, was an eine äußere Welt gebunden ist, und wirklich bei dem reinen Gedanken, den Gott in der Seele denkt, angekommen ist. Dieses Streben ist Hegels philosophisches Streben.
[ 32 ] What Fichte sought to identify as the innermost core of the soul’s substance in the human being—the “I” united with its God—Hegel breaks down into ideas—albeit abstract ones—that were in turn meant to encompass the entire world and, at the same time, to represent the world’s inner creative power. Hegel told himself: if the human spirit truly succeeds in allowing the pure, light-filled ideas to live within it, then it is not merely the individual human spirit—bound to the brain—that thinks; rather, it is the higher power living within the human being, the divine power that illuminates the world; then God thinks within the human being. For Hegel, the only thing that matters is to clarify and condense his thinking to such an extent that it transcends everything bound to an external world and truly arrives at the pure thought that God thinks in the soul. This endeavor is Hegel’s philosophical endeavor.
[ 33 ] Damit hat zunächst die deutsche Geistesentwickelung die Stufe des «Geistes» in der vorläufig höchsten Weise erfaßt. Es ist eigentümlich, daß hier, gleichsam in höchster Spannung der Geistesentwickelung, ein Punkt erreicht worden ist, an dem man nicht festhalten konnte, von dem man später gleichsam wieder heruntergefallen ist; so daß in bezug auf alles, was später gefolgt ist, wirklich das gilt, was Hegel einmal gesagt hat: Nur einer hat mich verstanden, und selbst der hat mich mißverstanden. Es war eine Höhe, zu der sich eben wenige hinaufschwingen konnten und noch wenigere sich halten konnten.
[ 33 ] Thus, German intellectual development has, for the time being, reached the stage of “Spirit” in the highest possible way. It is peculiar that here, as it were at the very peak of intellectual development, a point was reached that could not be held onto—from which one later, as it were, fell back down again; so that, with regard to everything that followed, what Hegel once said truly applies: “Only one person understood me, and even he misunderstood me.” It was a height to which few could ascend and even fewer could hold on.
[ 34 ] Was war mit Hegels Philosophie erreicht — und was noch nicht?
[ 34 ] What had Hegel's philosophy achieved—and what had it not yet achieved?
[ 35 ] Erreicht war, daß das Bewußtsein in der Seele entwickelt war, daß die germanische Seelenentwickelung zum deutschen Geistesleben so weit vorgeschritten war, daß man erkannt hatte: der Mensch vermag in sich die Geisteswelt nur nachzuleben, wenn er Entwickelung sucht, wenn er hinaufzusteigen sucht in geistige Welten, von denen einst die Völker ausgingen, als sie noch altes Hellsehen hatten. Aber Hegel war stehengeblieben bei Begriff und Idee. Denn er konnte sich nicht sagen: Begriffe und Ideen sind noch an den menschlichen Leib gebannt; ich muß vorschreiten zu dem, was außerhalb des menschlichen Leibes als Erleben da ist. — Wie es möglich ist, daß die Menschenseele dazu gelangt, ein solches Erleben außerhalb des Leibes zu erreichen, davon ist hier öfter die Rede gewesen; davon wird morgen weiter die Rede sein, indem zugleich gezeigt werden soll, wie ein solches Erleben und Erkennen dem Menschen in ernsten und glücklichen Stunden des Lebens vorwärts helfen kann. Aber in Hegel ist schon das Bewußtsein erreicht, wie im Menschen im äußeren Dasein der Geist lebt, wenn er es auch nur an den trockenen, nüchternen Ideen zeigen konnte. Und wenn auch Hegel nur ein Weltbild hinmalen konnte, das sich in trockenen, nüchternen Ideen auslebt, weil es sich nicht aus der Inspiration heraus zu dem Erfassen des wirklichen Lebens im Geiste erhebt, so ist aber doch die Linie, die wirkliche Richtung zum Erfassen des Geistes in der Hegelschen Philosophie innerhalb des deutschen Geisteslebens gegeben. Und wenn wir hinblicken auf die Impulse, die so, den Geist erlebend, in der germanischen Seele vorhanden sind, und wenn gefragt wird: «ist es ein Ende, wie sich die Dinge so dargestellt haben?» dann können wir sagen: nein! das ist kein Ende; das ist — man möchte sagen — erst eine Etappe des Anfanges. Mit Hegels Philosophie ist etwas erreicht, von dem man sagen muß: kann man sich in sie vertiefen und die Seele zu einem innerlichen Werkzeug der Ideen machen, dann entwickelt sich die Seele weiter. Es muß also der deutschen Seele die Weltmission übertragen sein, von der abstrakten Idee, von dem Erfassen der Gedanken und Ideen, die Natur und Menschenwesen in der Natur durchwallen, wiederum hinaufzusteigen zu dem unmittelbaren lebendigen Erfassen und Erfahren im Geiste und in der geistigen Welt. In einer Etappe seines Anfanges sehen wir den deutschen Geist, und wir verstehen, warum er an einer solchen Etappe seines Anfanges sein muß: weil er sich so herausentwickelt hat, daß er, ausgehend von dem auf sich selbst gestellten Gemüt, zunächst in seinem Innern dasjenige erfassen mußte, was die Weltenrätsel enträtseln muß. Deshalb wird dieser deutsche Geist so schwer verstanden. — Es ist eigentümlich, wenn man zum Beispiel vernimmt, daß der geistvolle Pole Adam Mickiewicz im Jahre 1843 in Paris einen Vortrag gehalten hat, in welchem er ausführte: Die deutschen Schüler haben von Hegel gar nicht gewußt: glaubt Hegel an einen unsterblichen Menschen? glaubt er an den wahren christlichen Gott? Mickiewicz meinte, daß die Hegelsche Philosophie so wenig sich zu diesen Rätseln des Lebens erhebe, daß man gar nicht erkennen kann, ob sie überhaupt von diesen Dingen sprechen will. Und er tut den Ausspruch: die polnischen und französischen Journalisten haben Hegel viel besser verstanden als die Schüler Hegels; denn — so meint er — diese polnischen und französischen Journalisten hätten eben gewußt, daß Hegel von dem unsterblichen Menschen und von dem wahren christlichen Gott nichts gewußt habe. — Wie unverständig redet der sonst helle Mickiewicz über Hegel! Warum konnten die französischen und polnischen Journalisten so leicht Hegel «verstehen»? Eben deshalb, weil die Journalisten in seichten Gewässern steuern und nicht erkennen, daß man bei Hegel tief, tief hinuntersteigen muß, daß da die Fragen sich spannen, daß sie dann tiefer und tiefer gestellt werden müssen, und daß da der Geist, über den man sonst verfügt, nicht dahin kommt, aus den gegebenen Begriffen bei Hegel die Perspektiven zu ahnen, aus denen die großen Rätsel des unsterblichen Gottes gelöst werden müssen. Nichts anderes hat Mickiewicz mit dem eben Angeführten ausgesprochen, als was zu charakterisieren ist mit einem Ausspruche des alten Satirikers Lichtenberg, den ich anführen will, indem ich ihn mit den Ausführungen Mickiewicz’ zusammenbringen will: «Wenn Bücher und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, so braucht nicht gerade das Buch daran schuld sein.»
[ 35 ] What had been achieved was that consciousness had developed within the soul, that the Germanic development of the soul had progressed so far toward German spiritual life that it had been recognized: human beings can only relive the spiritual world within themselves if they seek development, if they seek to ascend into spiritual worlds from which the peoples once emerged when they still possessed the ancient gift of clairvoyance. But Hegel had remained stuck at the level of concepts and ideas. For he could not say to himself: Concepts and ideas are still bound to the human body; I must proceed to that which exists as experience outside the human body. — How it is possible for the human soul to attain such an experience outside the body has been discussed here on several occasions; this will be discussed further tomorrow, when it will also be shown how such an experience and insight can help a person move forward in both serious and joyful moments of life. But Hegel had already attained an awareness of how the spirit lives within human beings in their external existence, even if he could demonstrate it only through dry, sober ideas. And even if Hegel could only sketch a worldview that plays itself out in dry, sober ideas—because it does not rise, out of inspiration, to a grasp of real life in the spirit—the line, the true direction toward grasping the spirit, is nevertheless present within German spiritual life in Hegel’s philosophy. And when we look at the impulses that are present in the Germanic soul, born of this experience of the spirit, and when the question is asked: “Is this the end, now that things have unfolded in this way?” then we can say: No! This is not the end; it is—one might say—merely a stage of the beginning. With Hegel’s philosophy, something has been achieved about which one must say: if one can immerse oneself in it and make the soul an inner instrument of the ideas, then the soul develops further. The German soul must therefore be entrusted with the world mission of ascending once more from the abstract idea—from the grasping of the thoughts and ideas that surge through nature and human beings within nature—to the direct, living grasping and experiencing in the spirit and in the spiritual world. We see the German spirit at a stage in its early development, and we understand why it must be at such a stage: because it has developed in such a way that, starting from a mind turned in on itself, it first had to grasp within itself that which must unravel the mysteries of the world. That is why this German spirit is so difficult to understand. — It is peculiar, for example, to hear that the brilliant Pole Adam Mickiewicz gave a lecture in Paris in 1843 in which he stated: “The German students knew nothing at all about Hegel: Does Hegel believe in an immortal human being? Does he believe in the true Christian God?” Mickiewicz believed that Hegel’s philosophy rises so little to these mysteries of life that one cannot even tell whether it intends to speak of these things at all. And he made the following statement: Polish and French journalists understood Hegel much better than Hegel’s students; for—he argued—these Polish and French journalists knew precisely that Hegel knew nothing of the immortal human being or of the true Christian God. — How foolishly does the otherwise brilliant Mickiewicz speak of Hegel! Why were the French and Polish journalists able to “understand” Hegel so easily? Precisely because the journalists navigate in shallow waters and fail to recognize that with Hegel one must descend deep, deep down, that the questions stretch out there, that they must then be posed deeper and deeper, and that the mind one normally possesses cannot, from the concepts given by Hegel, intuit the perspectives from which the great mysteries of the immortal God must be solved. Mickiewicz expressed nothing other than what can be characterized by a saying of the old satirist Lichtenberg, which I wish to quote by bringing it together with Mickiewicz’s remarks: “When books and a mind collide, and it sounds hollow, the book is not necessarily to blame.”
[ 36 ] Das ist es, worauf es ankommt: daß das deutsche Geistesleben im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts gelernt hat, einen Anfang zu machen zur wahren Geisteswissenschaft, einen Anfang zur lebendigen geistigen Erkenntnis, einen solchen Anfang, der in sich selber die Kraft des Fortschrittes, die Kraft zur Vollendung trägt. Was folgt uns aus dieser Betrachtung — und aus dieser letztgenannten Konsequenz der Betrachtung für das Wesen des deutschen Geistes? was folgt für uns daraus — so, daß wir es in unsere Empfindungen hereinnehmen können, in die Empfindungen, die wir in diesen schicksaltragenden schweren Tagen hegen können, wo für deutsches Geistesleben, für deutsches Geisteswesen in Ost und West soviel teures Blut und soviel Kraft verbraucht wird? Was folgt daraus?
[ 36 ] This is what matters: that German intellectual life at the beginning of the nineteenth century learned to take the first steps toward true spiritual science, toward living spiritual knowledge—steps that carry within themselves the power of progress and the power of perfection. What do we take away from this reflection—and from this last-mentioned consequence of the reflection regarding the nature of the German spirit? What does this mean for us—so that we can take it into our feelings, into the feelings we can harbor in these fateful, difficult days, when so much precious blood and so much strength are being expended for German intellectual life, for the German spirit in both East and West? What does this mean?
[ 37 ] Wir sehen die kontinuierliche Fortentwickelung der germanischen Seele zum deutschen Geist; wir sehen den deutschen Geist in einer Anfangsetappe, sehen die Keime, die da sind und die Versprechen, daß er noch auf Höhen steigen muß, die schon implizite in ihm liegen, und die nicht getötet werden dürfen, sondern die sich entwickeln müssen, weil sie zu seinem Wesen gehören. Einzelne Menschen können sterben, bevor sie ihr Leben voll ausgelebt haben. Menschen können sterben in den Jugendjahren ihres Daseins, weil sie wiederkehren in anderen Erdenleben, und weil außerdem für das irdische Kulturleben andere an ihre Stelle treten können. Unvollendete Menschenleben können sich im äußeren physischen Dasein abspielen. Unvollendete Völkerleben nicht! Denn wenn ein Volk, bevor es seine Mission erfüllt hat, hingemordet würde oder in seiner Existenz beeinträchtigt würde, dann tritt nicht eine andere Volksindividualität an seine Stelle. Völker müssen sich ausleben! Völker müssen den Kreislauf ihres Daseins — nicht nur das Kindes- und Mannesdasein, sondern ihr Dasein bis in die höchste Vollendung hin erreichen. Der deutsche Geist, das deutsche Geistesleben steht nicht an einem Ende, nicht vor einer Vollendung; sondern es steht an einem Anfange. Ihm ist noch viel zugeteilt. Wenn Feindeswünsche, die nach dem Entgegengesetzten gehen, sich von allen Seiten gegen die Existenzmöglichkeiten des deutschen Volkes, der mitteleuropäischen Welt erheben, dann muß es dieses sein, was der mitteleuropäischen Welt, was dem deutschen Volke die Kraft zum Widerstande gibt, die Kraft gibt, die Keime lebendig zu erhalten, die wir in seine Seele gelegt finden gerade dann, wenn wir diese Seele in ihrer ganzen lebendigen Entwickelung betrachten. Und der Glaube an die Sieghaftigkeit des deutschen Lebens, er braucht nicht ein bloßer blinder Glaube zu sein; er kann hervorgehen aus der lebendigen Erkenntnis des deutschen Wesens, aus jener lebendigen Erkenntnis, welche da zu der Anschauung kommt, daß das deutsche Leben fortleben muß, weil das deutsche Wesen in der Weltenentwickelung seine Mission erfüllen muß, weil nichts da sein würde, was die rein äußere materialistische Weltanschauung erheben würde zu jener ideellsten spirituellen Höhe, deren Intention im deutschen Wesen liegt. Wahrhaftig: in diesem deutschen Geistesleben liegt das, was einstmals die bloße materialistische Weltanschauung herausführen wird zur Anschauung der spirituellen Welt. Und daß die besten Geister es geahnt haben, daß ein Anfang und nicht ein Ende des deutschen Geisteslebens gegeben ist, das sehen wir bei allen großen Geistern, wie sie die Impulse dieses Geisteslebens ausgesprochen haben. Der in diesen Vorträgen öfter erwähnte Herman Grimm sah einstmals — diese Stelle ist in seinen Goethe-Vorlesungen — auf dasjenige hin, was die materialistische Weltanschauung in der Gegenwart aus der Welt gemacht hat. Er sieht hin auf die Kant-Laplacesche Theorie, die einen großen Weltennebel an den Ausgangspunkt unserer Weltentwickelung stellt; dieser Nebel verdichtet sich zu einem großen Gasball, der auf irgendeine Weise anfängt sich zu drehen, und auf diese Art entsteht neben den anderen Planeten auch unsere Erde; auf der Erde entwickelt sich im Laufe der Zeit auf eine Weise, man weiß nicht wie, Geist und Leben, und später wird dann — nach dieser Theorie — wenn die Erde erstorben ist, alles Leben und aller Geist in die Sonne zurückfallen. Unvereinbar mit dem, was aus den Quellen des deutschen Geisteslebens herauskommen kann, ist für Herman Grimm eine solche materialistische Anschauung über die Weltentwickelung. Deshalb drückt er sich in seinen Goethe-Vorlesungen mit drastischen Worten über eine solche Darstellung aus:
[ 37 ] We see the continuous evolution of the Germanic soul into the German spirit; we see the German spirit in its early stages, we see the seeds that are already there and the promise that it must yet rise to heights that are already implicit within it—heights that must not be stifled but must be allowed to develop, because they are part of its very essence. Individuals may die before they have lived their lives to the fullest. People may die in the early years of their existence because they will return in other earthly lives, and because, moreover, others can take their place in earthly cultural life. Unfinished human lives can unfold in outward physical existence. But unfulfilled national lives cannot! For if a nation were to be murdered or its existence compromised before it has fulfilled its mission, then no other national individuality would take its place. Nations must live out their full potential! Nations must complete the cycle of their existence—not merely the stages of childhood and maturity, but their existence all the way to the highest perfection. The German spirit, German spiritual life, is not at an end, not on the verge of completion; rather, it stands at a beginning. Much still lies ahead for it. When the wishes of enemies—who seek the opposite—rise up from all sides against the very possibility of existence for the German people and the Central European world, then it must be this that gives the Central European world and the German people the strength to resist—the strength to keep alive the seeds we find planted in its soul precisely when we contemplate that soul in its full, living development. And faith in the victorious nature of German life need not be a mere blind faith; it can arise from a living understanding of the German essence—from that living understanding which leads to the conviction that German life must endure, because the German essence must fulfill its mission in the development of the world, because there would be nothing else that could elevate the purely external, materialistic worldview to that most ideal, spiritual height whose very purpose lies within the German essence. Truly: it is in this German spiritual life that lies what will one day lead the purely materialistic worldview out into an understanding of the spiritual world. And that the greatest minds have sensed that there is a beginning—and not an end—to German spiritual life, we see in all the great minds as they have expressed the impulses of this spiritual life. Herman Grimm, often mentioned in these lectures, once pointed out—this passage is found in his lectures on Goethe—what the materialistic worldview has made of the world in the present day. He refers to the Kant-Laplace theory, which posits a vast cosmic nebula as the starting point of our world’s development; this nebula condenses into a great ball of gas that, in some way, begins to rotate, and in this way our Earth, along with the other planets, comes into being; on Earth, over the course of time, spirit and life develop in a way that remains unknown, and later—according to this theory—once the Earth has died out, all life and all spirit will fall back into the sun. For Herman Grimm, such a materialistic view of the evolution of the world is incompatible with what can emerge from the sources of German spiritual life. That is why, in his lectures on Goethe, he expresses himself in strong terms regarding such a portrayal:
[ 38 ] «Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden, als die, welche uns in dieser Erwartung, als wissenschaftlich notwendig, heut aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wißbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.»
[ 38 ] “No more fruitless prospect for the future can be imagined than the one that is being imposed on us today as scientifically necessary in this expectation. A scrap of bone that a hungry dog went out of its way to find would be a refreshing and appetizing morsel compared to this excrement of creation, as which our Earth would ultimately fall back to the Sun, and the thirst for knowledge with which our generation accepts such notions and presumes to believe them is a sign of a sick imagination—one that scholars of future epochs will one day devote much ingenuity to explaining as a historical phenomenon of our time.”
[ 39 ] Was für eine Hoffnung kann uns aus einer solchen Betrachtung des deutschen Geistes, wie sie heute angestellt worden ist, erfließen? Wir haben gesehen, wie sich das germanische Seelenhafte herausentwickelt hat aus dem alten Hellsehen; wir haben dieses Seelenhafte sich weiterentwickeln sehen zum deutschen Geist, dessen erstes Aufglänzen sich in der deutschen Mystik zeigt; wir haben diesen deutschen Geist weiter sich entfalten sehen zu dem Anschauen des Faust, zu dem Geist Goethes, Schillers und der anderen, und wir können heute sehen, wie er sich in einem Durchdringen der Welt weiterentwickeln wird bis zu den Quellen des Geistigen hin, an denen die Menschenseele, wenn sie sich nur tief genug erfaßt, wirklich teilnehmen kann. So den deutschen Geist ansehen, gibt eine Zuversicht, daß unbesiegbar die deutsche Kraft sein muß; eine Zuversicht gibt es uns, die nicht auf einem bloßen blinden Glauben beruht, sondern die unser Trost und unsere Hoffnung sein muß in diesen schicksaltragenden schweren Tagen.
[ 39 ] What hope can spring from such a consideration of the German spirit as has been undertaken today? We have seen how the Germanic soul has developed out of ancient clairvoyance; we have seen this soul develop further into the German spirit, whose first glimmer is evident in German mysticism; we have seen this German spirit unfold further into the vision of *Faust*, into the spirit of Goethe, Schiller, and the others, and we can see today how it will continue to develop through a permeation of the world all the way to the sources of the spiritual, in which the human soul—if it only grasps itself deeply enough—can truly participate. Viewing the German spirit in this way gives us confidence that German strength must be invincible; it gives us a confidence that is not based on mere blind faith, but which must be our comfort and our hope in these fateful and difficult days.
[ 40 ] Lassen Sie mich am Schlusse dieser Betrachtung das, was sich wie eine Konsequenz daraus ergibt, in die folgenden Worte zusammenfassen:
[ 40 ] To conclude this reflection, let me summarize what appears to be a consequence of it in the following words:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenwerden schaffen soll,
Er lebt in Zukunftssorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunftstaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborgnes, das noch reifend wirken muß. —
Wie darf in Feindes Macht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben,
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält!
The German spirit has not yet accomplished
What it is meant to create in the unfolding of the world;
It lives with hope amid concerns for the future;
It hopes for future deeds full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that must still ripen and take effect. —
How can the desire for its own end, without understanding,
Come to life under the enemy’s power,
As long as life reveals itself to it,
Which sustains it creatively at the roots of its being!
