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From a Fateful Time
GA 64

25 February 1915, Berlin

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From a Fateful Time, tr. SOL
  1. Aus schicksaltragender Zeit

7. Die tragende Kraft des Deutschen Geistes

7. The Driving Force of the German Spirit

[ 1 ] Auch an diesem Abend möchte ich innerhalb dieses Vortragszyklus auf allgemeinere Verhältnisse der deutschen Wesenheit einen Blick der Darstellung werfen, weil es mir scheint, daß in unserer großen, aber auch schmerzlichen und leidvollen Zeit geisteswissenschaftliche Betrachtungen in einer gewissen Beziehung eine Art ethischer Verpflichtung haben, und weil außerdem das wahrhaftige menschliche Empfinden danach steht, gerade vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus den Horizont der Schicksalsereignisse, innerhalb welcher wir stehen, zu beleuchten. Es wird sich allerdings am heutigen Abend mehr darum handeln, gewissermaßen das durch die Geisteswissenschaft gegebene «Empfindungslicht» auf gewisse Vorgänge im deutschen Geistesleben und auf das Verständnis, das diesem Geistesleben entgegengebracht wird, fallen zu lassen. Morgen werde ich mir dann wieder erlauben auf ein spezielleres geisteswissenschaftliches Thema einzugehen.

[ 1 ] This evening, as part of this lecture series, I would also like to take a look at the broader context of the German spirit, because it seems to me that in our great, yet also painful and sorrowful times, spiritual scientific reflections carry, in a certain sense, a kind of ethical obligation, and because, furthermore, genuine human feeling yearns to shed light—precisely from the spiritual-scientific perspective—on the horizon of the fateful events within which we find ourselves. This evening, however, the focus will be more on, so to speak, shedding the “light of perception” provided by spiritual science on certain processes in German intellectual life and on the understanding with which this intellectual life is met. Tomorrow, I will then take the liberty of addressing a more specific spiritual scientific topic.

[ 2 ] Wenn man auf diejenigen Erscheinungen im deutschen Geistesleben hinblicken will, die insbesondere in der letzten Zeit, wie so recht den ganzen Charakter dieses Geisteslebens ausdrückend, vor uns stehen können, so ist eine derselben diejenige, auf die schon in diesen Vorträgen öfter hingedeutet worden ist: Herman Grimm, der große deutsche Kunsthistoriker, der die Kunst aus den tiefsten Quellen dessen heraus betrachtet hat, was deutsches Geistesleben mit allen seinen Impulsen in seiner Seele gegossen hat. In einem der Vorträge dieses Winters erlaubte ich mir, gewissermaßen Herman Grimm «den Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts» zu nennen. Wie er mit allem, was er hervorbrachte, in dem lebte, was — in Goethe sich konzentrierend — als deutsches Wesen, als Wesen in der deutschen Volksseele enthalten war, was sich dann hineinergossen hat in den Strom deutschen Geisteslebens — so ist Herman Grimm in gewisser Beziehung eine repräsentative Persönlichkeit des deutschen Geisteslebens von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

[ 2 ] If one wishes to consider those phenomena in German intellectual life that, particularly in recent times, stand before us as truly expressing the entire character of this intellectual life, one of them is the one that has already been alluded to frequently in these lectures: Herman Grimm, the great German art historian, who viewed art from the deepest sources of what German intellectual life, with all its impulses, had poured into his soul. In one of this winter’s lectures, I took the liberty of calling Herman Grimm, so to speak, “Goethe’s successor in the second half of the nineteenth century.” Just as Goethe, through everything he produced, lived within what—concentrated in Goethe—was contained as the German essence, as the essence of the German national soul, which then poured into the stream of German intellectual life—so, in a certain sense, Herman Grimm is a representative figure of German intellectual life in the second half of the nineteenth century.

[ 3 ] Nun sind nicht ganz zwei Jahre, bevor Herman Grimm gestorben ist, Aufsätze aus seiner letzten Lebenszeit erschienen, denen er den zusammenfassenden Titel «Fragmente» gegeben hat. In der Vorrede zu diesen Fragmenten sagt er ein außerordentlich charakteristisches Wort. Er weist darauf hin, daß diese einzelnen, manchmal sehr kurzen Aufsätze über diese oder jene Fragen der deutschen oder der auswärtigen Kultur einem Ganzen seiner geistigen Weltauffassung entspringe. Und. Herman Grimm erwähnt, daß er die Absicht gehabt habe, diejenigen Vorlesungen, die er über diesen Gegenstand fünfzig Jahre hindurch an der Berliner Universität gehalten, zu einem Buche zusammenzufassen, welches das Wachstum und das ganze Werden des deutschen Wesens in geistiger Beziehung darstellen sollte. Er macht aber zugleich darauf aufmerksam, wie er jedesmal, wenn er zu der einzelnen Vorlesung schritt, sich genötigt fand, das, was er sich erarbeitet hatte, wieder umzuarbeiten. Und nun sagt er, das müßte ein letztes Mal geschehen, wenn diese Vorlesungen zu einem Buche über das gesamte deutsche Geistesleben zusammengefaßt werden sollten; er wisse nicht, ob er noch dazu kommen würde in seinem Leben, denn dieses Umarbeiten erfordere viele Mühe und viele Zeit. Aber — und nun kommt das Charakteristische — dieses Ganze des deutschen Geisteslebens stehe vor seiner Seele, und die einzelnen Aufsätze, die er veröffentliche, will er so aufgefaßt wissen, wie wenn sie herausgegriffene einzelne Teile desjenigen wären, was als ein Ganzes vor seiner Seele steht.

[ 3 ] Just under two years before Herman Grimm’s death, essays from the final years of his life were published, to which he gave the collective title “Fragments.” In the preface to these Fragments, he makes an exceptionally characteristic remark. He points out that these individual, sometimes very short essays on various aspects of German or foreign culture stem from his overall intellectual worldview. Furthermore, Herman Grimm mentions that he had intended to compile the lectures he had delivered on this subject over the course of fifty years at the University of Berlin into a book that was to depict the growth and the entire development of the German spirit in an intellectual sense. At the same time, however, he points out that every time he set out to prepare an individual lecture, he found himself compelled to revise what he had previously worked out. And now he says that this would have to happen one last time if these lectures were to be compiled into a book on the entirety of German intellectual life; he does not know whether he would get around to it in his lifetime, for this reworking requires a great deal of effort and time. But—and here comes the defining point—this whole of German intellectual life stands before his soul, and he wants the individual essays he publishes to be understood as if they were selected individual parts of that which stands before his soul as a whole.

[ 4 ] Herman Grimm ist nicht mehr dazu gekommen, das angedeutete Buch zu schreiben. Er ist ja nicht ganz zwei Jahre, nachdem er diese «Fragmente» herausgegeben hat, im Jahre 1901 gestorben. Er hatte eigentlich schon in seiner Jugendzeit vor, eine gesamte geistige Entwickelungsgeschichte der europäischen Völker zu schreiben. Und wenn wir nun in Betracht ziehen, wie er wiederum — das hat er öfter betont — aus dieser Gesamtdarstellung des europäischen Geisteslebens heraus die einzelnen Hauptglieder, die er gegeben hat, verstanden wissen wollte — seine große Schrift über Homer, seine Biographien oder Monographien über Michelangelo und Raffael und endlich sein Werk über Goethe —, wenn wir dies berücksichtigen, so tritt uns etwas außerordentlich Charakteristisches entgegen. Wir haben es eigentlich zu tun mit etwas, was in Herman. . Grimms Seele lebte, was niemals in der Gestalt, wie es in seiner Seele lebte, wirklich von ihm dargestellt worden ist, aus dem aber — man kann sagen — jede einzelne Zeile, die er geschrieben hat, jedes einzelne Wort, das er in seinem Leben gesprochen hat, hervorgegangen ist. Und wenn man nun die ganze Art, wie Herman Grimm über Kunst, über das deutsche Kulturleben spricht, ins Auge faßt, dann tritt noch etwas Besonderes zu dem eben Gesagten hinzu. Herman Grimm ist immer bestrebt, für das, was er ausspricht, mit seiner ganzen Seele, mit seiner ganzen ungeteilten Persönlichkeit einzutreten; und wer den Drang hat, alle Dinge klar «bewiesen» zu haben, wer einen Darstellungsgang liebt, welcher von Urteil zu Urteil beweisend vorschreitet, der kommt bei Herman Grimms Darstellung nicht zu seinem Recht. Man möchte sagen: Alles, was er geschrieben hat, quillt unmittelbar aus seiner gesamten Seele hervor, und man hat eigentlich als Beweis für die Wahrheit nichts anderes als das Gefühl, das einen überkommt: der Mann, diese Persönlichkeit hat im weitesten Umfange viel erlebt bei den Dingen, die er darstellt; und sein Erleben gibt er. So quillt das Einzelne, was er darstellt, aus einem Ganzen heraus, das im Grunde gar nicht da ist.

[ 4 ] Herman Grimm never got around to writing the book he had hinted at. After all, he died in 1901, less than two years after publishing these “Fragments.” He had actually planned, as early as his youth, to write a comprehensive history of the intellectual development of the European peoples. And when we now consider how he—as he often emphasized—wanted the individual major works he produced to be understood within the context of this comprehensive portrayal of European intellectual life—his major work on Homer, his biographies or monographs on Michelangelo and Raphael, and finally his work on Goethe—when we take this into account, something extraordinarily characteristic becomes apparent. We are actually dealing with something that lived in Herman . . . Grimm’s soul—something that was never truly portrayed by him in the form in which it lived within him, but from which—one might say—every single line he wrote and every single word he spoke in his life sprang forth. And when one now considers the entire manner in which Herman Grimm speaks about art and German cultural life, something else distinctive is added to what has just been said. Herman Grimm always strives to stand up for what he expresses with his whole soul, with his entire undivided personality; and anyone who feels the urge to have all things clearly “proven,” anyone who loves a mode of exposition that proceeds demonstratively from one judgment to the next, will not find what they are looking for in Herman Grimm’s presentation. One might say: Everything he has written springs directly from his entire soul, and one actually has nothing else as proof of the truth other than the feeling that overwhelms one: this man, this personality, has experienced a great deal—in the broadest sense—in relation to the things he describes; and he conveys his experience. Thus, the individual details he describes spring from a whole that, in essence, is not even there.

[ 5 ] Was ist es nun, was in Herman Grimm lebt? Was ist es, was uns die Überzeugung beibringt: alles Einzelne quillt aus einem Ganzen hervor? Was ahnen wir gleichsam als einen Geistesschatten hinter all den Einzelheiten, die Herman Grimm darstellt, die er der Welt gegeben hat?

[ 5 ] What, then, is it that lives on in Herman Grimm? What is it that instills in us the conviction that every individual thing springs from a whole? What do we sense, as it were, as a shadow of the spirit behind all the details that Herman Grimm portrays, which he has given to the world?

[ 6 ] Was man da ahnt, was einen durchdringt in dem, was von Seite zu Seite seiner Bücher schreitet, ich möchte es bezeichnen: es ist die tragende Kraft des deutschen Geistes, jenes deutschen Geistes, der wirklich für diejenigen, die ihn voll verstehen, nicht nur wie irgendein Abstraktes dasteht, das man mit Begriffen, mit Ideen zusammenfaßt, das man in Vorstellungen ausdrückt, sondern der wie ein lebendiges Wesen durch die ganze deutsche Geschichte wirklich empfunden wird; wie ein Wesen, das man so empfindet, wie wenn man Zwiesprache hielte in seiner Seele mit diesem Wesen und sich von ihm inspirieren ließe für alles einzelne, was man zu sagen hat. So daß man im Grunde genommen, sobald man ein solches Erlebnis hat, nichts anderes braucht als die Gewißheit, daß dieser Geist als Inspirator dahintersteht — und man hat etwas gegeben, was seinen guten «bewiesenen» Grund hat. Dieses Wesen, von dem man sagen kann, es sei der lebendige deutsche Geist, tritt langsam und allmählich an die deutsche Entwickelung heran; aber es tritt in der bestimmtesten Weise in das Bewußtsein der besten Geister ein.

[ 6 ] What one senses there, what permeates one as one moves from page to page through his books—I would like to describe it as: it is the driving force of the German spirit—that German spirit which, for those who fully understand it, is not merely some abstract concept that can be summarized with terms and ideas or expressed in mental images, but which is truly felt, like a living being, throughout German history; like a being one senses as if one were conversing in one’s soul with this being and allowing oneself to be inspired by it for every single thing one has to say. So that, fundamentally, as soon as one has such an experience, one needs nothing more than the certainty that this spirit stands behind it as an inspiration—and one has produced something that has its sound, “proven” foundation. This being, of which one can say it is the living German spirit, approaches German development slowly and gradually; yet it enters the consciousness of the finest minds in the most decisive manner.

[ 7 ] An einer bemerkenswerten Stelle können wir diesen deutschen Geist, diesen tragenden deutschen Geist besonders charakteristisch finden. Das ist da, wo einer der besten, einer der geistvollsten Deutschen, Johann Gottfried Herder, versucht hat das Gesamtleben der Menschheit in seiner Entwickelung darzustellen. Herder, dieser große Vorgänger Goethes, ging im Grunde genommen früh daran, den Blick hinschweifen zu lassen über alle Entwickelung der Völker, um ein Gesamtbild zu bekommen von den Kräften, von den Wesenheiten, die in dieser Entwickelung der Völker leben. Und was er dann hat zustande bringen können als eine Darstellung seiner Ideen über diesen Entwickelungsgang, er hat es ja zusammengefaßt in seinen «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit». In diesen «Ideen» tritt uns ein Tableau, ein Gang durch die Entwickelung der Menschheit in der Weise entgegen, daß wir verspüren, daß in allen einzelnen Erscheinungen und Geschehnissen Wesenheiten, Kräfte leben, die alle voll lebendig auf Herders Seele wirken. Schon in ziemlich früher Jugend wandte sich Herder gegen die geschichtliche Betrachtungsweise Voltaires. Er konnte voll anerkennen, daß Voltaire einer der geistreichsten Männer war; aber was er in dessen Geschichtsbetrachtung fand, war, daß diese ganze Betrachtung zuletzt ausmündete in eine Summe von Ideen, die gleichsam durch die ganze Geschichte hindurch walten."Demgegenüber wandte Herder ein, daß Ideen nur immer wieder Ideen bewirken. Das wollte Herder nicht, daß man nur von den in der Geschichte wirksamen «Ideen» sprechen solle. Er wollte von dem sprechen, was weniger abstrakt, was lebendiger, konkreter ist als die Geschichtsideen. Davon wollte er sprechen, wie unsichtbare lebendige Wesen hinter allem geschichtlichen Geschehen stehen. So sagt er einmal etwa: Was die äußeren geschichtlichen Ereignisse sind, das hat eigentlich im Grunde für den Menschenbetrachter nur einen Wert, wenn man die dahinter wirksamen Geister, geistigen Kräfte in Betracht zieht, aus denen das durch die Sinne Wahrnehmbare erst klar hervorgeht; denn was sich äußerlich abspielt, ist nur wie eine Wolke, die entsteht und vergeht, hinter der aber das ganze Walten des durch die Menschheitsgeschichte gehenden Geistes liegt, das man zu betrachten hat.

[ 7 ] We can find this German spirit—this fundamental German spirit—particularly vividly expressed in one remarkable passage. It is found where one of the finest and most insightful Germans, Johann Gottfried Herder, attempted to depict the entire history of humanity in its development. Herder, this great predecessor of Goethe, essentially set out early on to let his gaze wander over the entire development of peoples in order to gain an overall picture of the forces and essences that live within this development of peoples. And what he was then able to achieve as a presentation of his ideas regarding this course of development, he summarized in his *Ideas for a Philosophy of the History of Mankind*. In these “Ideas,” a tableau unfolds before us—a journey through the development of humanity—in such a way that we sense that within all individual phenomena and events there live essences and forces that all have a fully vivid effect on Herder’s soul. Even in his relatively early youth, Herder turned against Voltaire’s approach to history. He could fully acknowledge that Voltaire was one of the most brilliant men; but what he found in Voltaire’s view of history was that this entire perspective ultimately boiled down to a set of ideas that, as it were, prevailed throughout all of history.” In contrast, Herder objected that ideas only ever give rise to more ideas. Herder did not want people to speak only of the “ideas” at work in history. He wanted to speak of what is less abstract, what is more alive and concrete than historical ideas. He wanted to speak of how invisible, living beings stand behind all historical events. For example, he once said something like this: What the external historical events are actually has, in the end, only value for the human observer if one takes into account the spirits and spiritual forces at work behind them, from which what is perceptible through the senses first emerges clearly; for what unfolds externally is merely like a cloud that arises and passes away, behind which, however, lies the entire workings of the spirit that runs through human history—which is what one must contemplate.

[ 8 ] Langsam und allmählich stieg die deutsche Entwickelung zu einer solchen grandiosen Geschichtsbetrachtung auf. Man kann sagen, daß eine solche Geschichtsbetrachtung schon im alten Griechenland veranlagt war. Wir finden dort schon Anklänge daran, Sehnsuchten, ein solches Gesamtbild der menschlichen Entwickelung zu geben. Solche Bestrebungen treten dann aber wieder zurück; und erst später finden wir dann, wie in Italien im fünfzehnten Jahrhundert neue Ansätze nach dieser Richtung kommen, wie auch im Westen Europas, in Frankreich, in England. Man beginnt Zusammenhänge im geschichtlichen Werden der Menschheit zu suchen. Aber diese Zusammenhänge werden in einem gewissen materialistischen Sinn gefaßt. Man macht das, was im Ablauf der Geschichte geschieht, vom Klima, von geographischen Verhältnissen und allerlei anderem abhängig. Erst als der deutsche Geist sich dieser umfassenden Geschichtsbetrachtung bemächtigte, kam — man möchte sagen — wirklich lebendiger Geist in sie hinein. Und in Herders Seele entstand ein Bild, welches zusammenfaßt das Naturgeschehen und das dieses Naturgeschehen als Höchstes krönende Menschengeschehen. Herder wandte zuerst den Blick darauf hin, wie sich die Naturwesen entwickeln und wie dann der Geist, der auf untergeordneter Stufe in der Natur wirkt, sich im Menschen zu einer charakteristischeren Geltung bringt. Dieser Geist, den Herder — für ihn bewußt — aus dem Wesen der Allgottheit hervorgehen läßt, er wirkt in der Natur, aber er durchwirkt auch die menschliche Seele. Und was der Mensch in der Geschichte vollbringt, ist für ihn nicht bloß eine Summe von aufeinanderfolgenden Geschehnissen, sondern es hat Bedeutung dadurch, daß der Mensch auf der Erde den zusammenhängenden Plan der göttlich geistigen Wesenheiten durch das, was er tut, selber fortsetzt.

[ 8 ] Slowly and gradually, German thought rose to such a grand conception of history. One might say that the seeds of such a conception were already sown in ancient Greece. There we already find echoes of it—a longing to present such a comprehensive picture of human development. Such endeavors, however, then receded; and it was not until later that we find new approaches in this direction emerging, as in Italy in the fifteenth century, as well as in Western Europe, in France, and in England. People began to seek connections in the historical development of humanity. But these connections were understood in a certain materialistic sense. People made the course of history dependent on climate, geographical conditions, and all sorts of other factors. It was only when the German spirit took hold of this comprehensive view of history that—one might say—a truly living spirit entered into it. And in Herder’s soul a vision arose that synthesizes the processes of nature and the human development that crowns these natural processes as the highest achievement. Herder first turned his gaze to how natural beings develop and how the spirit, which operates at a subordinate level in nature, then asserts itself more distinctly in human beings. This spirit, which Herder—consciously, in his view—allows to emerge from the essence of the Universal Divinity, operates in nature, but it also permeates the human soul. And what human beings accomplish in history is, for him, not merely a sum of successive events, but has significance in that human beings themselves continue the coherent plan of the divine spiritual beings on Earth through their actions.

[ 9 ] Es liegt Größe darin, wenn Herder den Menschen in seinem Erdenwirken einen «Gehilfen der Gottheit» nennt. Darin ist wieder etwas von den Ideen und Empfindungen und Gefühlen der deutschen Mystik, die den Gott unmittelbar in der menschlichen Seele selber wirksam sucht. Herder sucht den Gott in der Geschichte, wie er sich darstellt in den Taten, die in der geschichtlichen Entwickelung sich abspielen. Gott selber tut, was die geschichtliche Entwickelung ist; und der Mensch, insofern er von dem Gotte durchdrungen ist, ist der Gehilfe Gottes. Es baut sich für Herder zunächst die ganze Natur auf, dann das Menschenreich und darauf das Reich höherer Geister; und er tut den bedeutsamen Ausspruch: Der Mensch ist ein Mittelgeschöpf zwischen Tier und Engel. Herder stellt also den Menschen in die Gesamtentwickelung so hinein, daß der Mensch als ein unmittelbarer Ausdruck, als eine Offenbarung der göttlichen Geistigkeit erscheint. Und wenn man bei Herder, der kein systematisierender Philosoph war, dem es fern lag, irgendwelche abstrakten Ideen aufzubauen, wenn man bei ihm nachforscht, wie er dazu gekommen ist, mit unsäglichem Fleiß und mit wahrhaft genialischer Umschau ein Gesamtbild der Entwickelung zu entwerfen, durch das sich die Taten der Menschen zusammenfassen lassen mit den Taten in der Natur, so muß man sagen: Es ist eine Gotteskraft, die Herder selbst beseelt. Er ist sich bewußt, daß die göttlichen Gewalten, die in der Geschichte walten, in ihm selber leben. Es ist die tragende Kraft des deutschen Geistes in Herder, die ein Gesamtbild der menschlichen Entwickelung und auch der Naturentwickelung entwirft.

[ 9 ] There is greatness in Herder’s description of human beings as “helpers of the Deity” in their earthly work. Here again we find something of the ideas, sensibilities, and feelings of German mysticism, which seeks God acting directly within the human soul itself. Herder seeks God in history, as God manifests Himself in the events that unfold in historical development. God Himself brings about historical development; and human beings, insofar as they are imbued with God, are God’s helpers. For Herder, the entire natural world is established first, then the human realm, and upon that, the realm of higher spirits; and he makes the significant statement: “Man is an intermediate creature between animal and angel.” Herder thus situates man within the overall development in such a way that man appears as a direct expression, as a revelation of the divine spirit. And when one examines Herder—who was not a systematic philosopher and was far from seeking to construct any abstract ideas—and investigates how he came to devise, with unspeakable diligence and truly ingenious insight, an overarching picture of evolution through which human actions can be synthesized with the workings of nature, one must say: It is a divine power that animates Herder himself. He is aware that the divine forces at work in history live within him. It is the sustaining power of the German spirit within Herder that sketches out a comprehensive picture of human development as well as the development of nature.

[ 10 ] «Entwickelung» ist ja das Zauberwort geworden, das für die Weltanschauung unserer Tage so bedeutungsvoll erscheint. In jenen Tagen, da Herder lebte, da Goethe seine Jugend verbrachte, um sich durch Herder und andere hinaufzuranken zu der vom deutschen Geiste getragenen Weltanschauung, da trat die Idee, die Vorstellung von der Entwickelung in das deutsche Geistesleben ein. Unendlicher, tiefer war diese Idee der Entwickelung, als sie von der materialistischen Weltanschauung genommen wird. Denn in dem, was als «sich entwickelnd» angesehen wird, sah der deutsche Geist eben den Geist wirksam; und in jedem einzelnen Naturprodukt sah er, insofern die Entwickelung in Betracht kommt, Geist als den Architekten, den Träger, den Vollbringer der Entwickelung. Daher konnte er die Idee, die den Geist als sich entwickelnd zeigt im Menschenwerden, vor allen Dingen fruchtbar in die Geistesgeschichte, in die ganze Entwickelungsgeschichte einführen.

[ 10 ] “Development” has, after all, become the magic word that seems so significant to the worldview of our day. In those days when Herder lived, when Goethe spent his youth striving, through Herder and others, to ascend to the worldview sustained by the German spirit—it was then that the idea, the concept of “development,” entered German intellectual life. This idea of “development” was infinitely deeper than the way it is understood by the materialistic worldview. For in what is regarded as “developing,” the German spirit saw the spirit at work; and in every single product of nature, insofar as development is concerned, it saw the spirit as the architect, the bearer, and the agent of development. Consequently, it was able to introduce the idea—which reveals the spirit as evolving in the process of becoming human—fruitfully, above all, into the history of ideas and into the entire history of evolution.

[ 11 ] Und da steht neben Herder als einer der großen Wegweiser im geistigen Leben Winckelmann da, der zuerst die Kunstgeschichte in jene Strömung brachte, welche man nennen kann: die von dem deutschen Geiste getragene entwickelungsgeschichtliche Weltbetrachtung. Goethe sagt über Winckelmann, den ersten deutschen .Kunstbetrachter: Winckelmann, ein zweiter Kolumbus, hat die Entwickelung und das Schicksal der Kunst, als an die allgemeinen Gesetze der EntwickeJung gebunden, in ihrem Sinken und Steigen mit der Kultur und den Schicksalen des Volkes gleichen Schritt haltend, entdeckt.

[ 11 ] And standing alongside Herder as one of the great guides in intellectual life is Winckelmann, who was the first to steer art history into that current which can be called: a historical-developmental worldview carried by the German spirit. Goethe says of Winckelmann, the first German art critic: “Winckelmann, a second Columbus, discovered the development and destiny of art, bound as it is to the general laws of development, keeping pace in its rise and fall with the culture and fortunes of the people.”

[ 12 ] So sehen wir, wie durch diese Geister — schon durch Lessing ist es ja geschehen — Geist in allem Werden geschaut wird als der eigentliche Träger, als die eigentliche Substanz der Entwickelung. Und diese Weltanschauung führt unmittelbar zu einem Sich-getragen-Wissen vom Geiste, zu einem Getragenwerden vom Geiste. Das aber durchdringt die Seele mit Zuversicht, mit innerer Kraft. Man möchte sagen: in alledem lebte schon eine Ahnung davon, daß dieser deutsche Geist mit all seinem Idealismus die Keime enthält zu einer wirklich wissen schaftlichen spirituellen Weltbetrachtung, der die Menschheit entgegengehen muß. Denn wenn man bedenkt, daß die Geisteswissenschaft ein Wissen von der Welt anstrebt, das dadurch erreicht wird, daß die Seele ihre inneren, in ihren Tiefen schlummernden Kräfte entwickelt, so daß sie dazu kommt, mit den Organen des Geistes oder — um die Worte Goethes zu gebrauchen — mit den Geistesaugen und Geistesohren das zu schauen, was als Unsichtbares hinter dem Sichtbaren wirkt und webt, — wenn man das bedenkt und sich dann eines gewissen Ausspruches Herders erinnert, dann kommt die Zuversicht über die Seele: die Menschheit wird einmal der geistigen Weltbetrachtung teilhaftig werden. Denn wie schön erklingt Herders Ausspruch: Das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen. Immerzu war Herders Blick gerichtet auf das in allem Sinnlichen waltende intime Weben und Wesen des Geistigen. Jeden Menschen — nicht bloß die großen geschichtlichen Persönlichkeiten — betrachtet Herder so, daß die Gedanken nicht bloß von unserm Gehirn erfaßte Gedanken sind, sondern etwas Lebendiges, Wesendes und Webendes. Und wenn sie dazu geeignet sind, von dem Zeitengeiste ergriffen zu werden, um dem Strom des Geschehens einverleibt zu werden, dann redet Herder von denjenigen Menschen, die durch solche Gedanken auf ein ganzes Zeitalter gestaltend wirken: Oft leben und wirken diese — die Genies — in der größten Stille; aber einer ihrer Gedanken, den der Geist der Zeiten auffaßt, bringt ein ganzes Chaos der Dinge zur Wohlgestaltung und Ordnung.

[ 12 ] Thus we see how, through these thinkers—as was already the case with Lessing—the Spirit is perceived in all becoming as the true bearer, as the true substance of development. And this worldview leads directly to a sense of being sustained by the spirit, to being carried by the spirit. This, in turn, fills the soul with confidence and inner strength. One might say: in all of this there was already a premonition that this German spirit, with all its idealism, contains the seeds of a truly scientific, spiritual worldview toward which humanity must strive. For when one considers that spiritual science strives for a knowledge of the world achieved by the soul developing its inner powers, which slumber in its depths, so that it comes to see—with the organs of the spirit or, to use Goethe’s words, with the eyes and ears of the spirit—what works and weaves invisibly behind the visible, — when one considers this and then recalls a certain statement by Herder, a sense of confidence fills the soul: humanity will one day share in this spiritual view of the world. For how beautifully Herder’s words ring out: “The human race will not perish until the genius of the Enlightenment has permeated the earth.” Herder’s gaze was constantly directed toward the intimate weaving and essence of the spiritual that reigns within all that is sensory. Herder regards every human being—not merely the great historical figures—in such a way that thoughts are not merely thoughts grasped by our brains, but something living, substantial, and weaving. And when such thoughts are capable of being seized by the spirit of the age and incorporated into the flow of events, Herder speaks of those individuals who, through such thoughts, exert a formative influence on an entire era: Often these—the geniuses—live and work in the utmost silence; but a single thought of theirs, grasped by the spirit of the times, brings a whole chaos of things into harmony and order.

[ 13 ] Man kann niemals, wenn man diese Dinge ins Auge faßt, sagen, sie seien einem bloß abstrakten philosophischen Nachdenken entsprungen; denn sie stehen nicht isoliert da als die Eindrücke einer Persönlichkeit, sondern sie stehen da wie organisch verbunden mit dem fortlaufenden Strom des deutschen Geisteslebens, und zwar immer so, daß man die Persönlichkeiten, die sie aussprechen, die dadurch ihre Gesinnung offenbaren, als inspiriert ansehen muß von der tragenden Kraft des deutschen Geistes. Und diese tragende Kraft des deutschen Geistes wird wohl tief empfunden von denjenigen auch in der neuesten Zeit, die von ihr eine Ahnung haben. Aufgenommen wird das, was so als diese tragende Kraft des deutschen Geistes gefühlt wird, nicht bloß in einer abstrakten Philosophie; aufgenommen wird es in das tiefste Fühlen der Seelen.

[ 13 ] When one considers these things, one can never say that they sprang from merely abstract philosophical reflection; for they do not stand in isolation as the impressions of a single personality, but rather stand there as if organically connected to the continuous flow of German intellectual life—and always in such a way that one must regard the personalities who express them, and who thereby reveal their convictions, as inspired by the sustaining force of the German spirit. And this sustaining force of the German spirit is surely deeply felt, even in the present day, by those who have a sense of it. What is felt as this sustaining force of the German spirit is not merely absorbed into abstract philosophy; it is absorbed into the deepest feelings of the soul.

[ 14 ] So zum Beispiel, wenn der im Jahre 1891 verstorbene Paz! de Lagarde — wieder einer der deutschesten Geister — einmal folgendes gesagt hat — ganz charakteristisch für die ganze Art und Weise, wie er zu dieser tragenden Kraft des deutschen Geistes steht: «Einmal wurde ich von einem Angehörigen eines Freundes, den ich zu Grabe geleitete, aufgefordert, die Grabrede zu halten, und zwar erst auf dem Friedhofe.» Offenbar hat dann Lagarde von dem gesprochen, was die Menschenseele mit dem Ewigen, mit dem Geistigen verbindet, was durch die Pforte des Todes als ein Lebendiges geht, denn nun sagt er weiter: «Nun fühlte ich mich eigentlich beschämt. Was war ich denn eigentlich? Was bin ich denn eigentlich, daß ich mich vermesse, von dem zu sprechen, was mit dem EwigGeistigen zusammenhängt? Ich schämte mich, aber ich fand, daß das, was ich gesagt hatte, einen fruchtbaren Boden fand in den Gemütern, die den Toten zu Grabe geleitet hatten.» Und jetzt sagt Lagarde, gleichsam die Nutzanwendung ziehend: «So ist es dem Deutschen, wenn er von Vaterlandsliebe spricht: er fühlt, daß dieses Sprechen von Vaterlandsliebe im Grunde genommen eine so intime, heilige Sache ist, daß er sich beschämt fühlt, davon zu sprechen; aber er fühlt auch: spricht er davon, so kann es in empfängliche Gemüter fallen.»

[ 14 ] For example, when Paz! de Lagarde—who died in 1891 and was yet another of the most German of minds—once said the following—which is quite characteristic of his entire attitude toward this driving force of the German spirit: “Once, a relative of a friend whom I had accompanied to his grave asked me to deliver the eulogy—and to do so only after we had reached the cemetery.” Apparently, Lagarde then spoke of what connects the human soul to the eternal, to the spiritual—that which passes through the gate of death as a living entity—for he goes on to say: “Now I actually felt ashamed. What was I, really? What am I, really, that I should presume to speak of what pertains to the eternal and the spiritual? I was ashamed, but I found that what I had said fell on fertile ground in the minds of those who had accompanied the deceased to his grave.” And now Lagarde says, drawing the practical conclusion, as it were: “So it is with the German when he speaks of love of country: he feels that this speaking of love of country is, at its core, such an intimate, sacred matter that he feels ashamed to speak of it; but he also feels that if he speaks of it, it may find a receptive audience.”

[ 15 ] Man braucht nur einen solchen Ausspruch, der wirklich das deutsche Charakterwesen im eminentesten Sinne zeichnet, sich vor die Seele zu führen, und man kann daraus entnehmen, wie der Deutsche, wenn er sich innerhalb des deutschen Volkswesens so recht darinnen fühlt, sein Verhältnis denken und empfinden muß zu seinem Volksgeist, in dem sich für ihn die göttliche Geistigkeit der Welt überhaupt ausspricht, wie er ihn empfindet als ein lebendiges Wesen, dem er sich nähert — auch mit der Erkenntnis — nur in Ehrfurcht. Lagarde ist einer, der in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus tiefer Gelehrsamkeit, aber auch aus tiefem, seelenvollem Empfinden heraus über Deutschtum Mannigfaltiges gesprochen hat, über Quellen des Deutschtums, über Aussichten des Deutschtums. Er ist einer derjenigen, die nicht müde werden, immer wieder und wieder darauf hinzuweisen, daß das Wesen der Deutschheit in dem Geistigen ruht, in dem, was als der allem gemeinsame Geist durch die ganze deutsche Entwickelung geht. Mit dem, was eine materialistische Ansicht beim Volkswesen als «Blut», als «Rasse» bezeichnet, ist der nicht zufrieden, der das Wesen der Deutschheit an seiner Wurzel anfassen will. Lagarde war nicht damit zufrieden; denn er fühlte, daß das Wesen der Deutschheit nur durch geistige Ideen, durch geistige Empfindungen ausgedrückt werden kann. So sagt Lagarde: «Das Deutschtum liegt nicht im Geblüte, sondern im Gemüte. Von unsern großen Männern sind Leibniz und Lessing sicher Slawen, Händel als ein Sohn eines Halloren ist ein Kelte, Kants Vater war ein Schotte: und doch, wer wird diese undeutsch schelten?» — Worin Lagarde, einer der deutschesten der Deutschen, das deutsche Wesen sucht, das ist die tragende Kraft des deutschen Geistes, in die sich derjenige versenken kann, der deutsches Wesen in sich zu empfinden und zu verwirklichen versteht. Immer wieder und wieder werden die besten Deutschen nicht müde, zu erklären, wie man das Wesen des Deutschen nur durch Geistiges ausdrücken und offenbaren kann.

[ 15 ] One need only bring to mind a saying such as this, which truly characterizes the German spirit in the most eminent sense, and one can deduce from it how the German, when he truly feels at home within the German national character, must conceive of and feel his relationship to his national spirit—in which, for him, the divine spirituality of the world as a whole finds expression—and how he perceives it as a living being to which he approaches—even with full awareness—only with reverence. Lagarde is one who, in the second half of the nineteenth century, spoke at length about Germanness—drawing on deep scholarship but also on a profound, soulful sensibility—about the sources of Germanness and its prospects. He is one of those who never tire of pointing out, time and again, that the essence of Germanness lies in the spiritual, in that which, as the spirit common to all, runs through the entire course of German development. Anyone who wishes to grasp the essence of Germanness at its root is not satisfied with what a materialistic view of national identity designates as “blood” or “race.” Lagarde was not satisfied with this; for he felt that the essence of Germanness can be expressed only through spiritual ideas and spiritual sentiments. Thus Lagarde says: “German-ness lies not in the blood, but in the spirit. Among our great men, Leibniz and Lessing are certainly Slavs; Handel, as the son of a Halloren, is a Celt; Kant’s father was a Scot—and yet, who would reproach them for being un-German?” — What Lagarde, one of the most German of Germans, seeks as the German essence is the sustaining force of the German spirit, into which anyone who knows how to feel and realize the German essence within themselves can immerse themselves. Time and time again, the finest Germans never tire of explaining how the essence of the German can be expressed and revealed only through the spiritual.

[ 16 ] Wenn man solche Betrachtungen anstellt, wird einem der deutsche Geist zu einem immer konkreteren, immer wirklicheren Wesen. Man fühlt ihn fließen durch den Strom des deutschen Lebens, insbesondere durch den Strom des deutschen Geisteslebens; und man versteht dann, wie der Deutsche im Laufe seiner Entwickelung das Bedürfnis empfand, sein eigenes Wesen in der Gegenwart immer mehr und mehr zu bereichern an dem, was in älteren Zeiten der deutsche Geist schon hat aus seinen Quellen hereinströmen lassen in das deutsche Volkstum.

[ 16 ] When one engages in such reflections, the German spirit becomes an ever more concrete, ever more real entity. One feels it flowing through the current of German life, especially through the current of German intellectual life; and one then understands how, in the course of his development, the German felt the need to enrich his own being in the present more and more with what, in earlier times, the German spirit had already allowed to flow from its sources into German folk culture.

[ 17 ] So finden wir, wie, an Goethe sich anlehnend, die deutschen Romantiker, gleichsam das alte deutsche Wesen erneuernd, sich vertiefend nicht nur ins Volkslied, sondern in das gesamte deutsche Geisteswesen, um es in sich aufzunehmen und in ihrer Seele zu beleben, um so das, was dem Deutschtum als Ganzes eigen ist, in der eigenen Seele wirken zu lassen. Und dann sehen wir wieder, wie sich die deutsche Entwickelung in den Gebrüdern Grimm inspirieren läßt von dem, was deutsches Wesen in alten Zeiten hervorgebracht hat. Wir sehen, wie die Brüder Grimm zum Volke hinabsteigen und sich die alten Märchen erzählen lassen, um sie zu sammeln. Und was liegt in dieser Sammlung deutscher Märchen, die wirklich so hundertfältige Eindrücke überliefern, die unmittelbar aus dem Volksgemüt herausgenommen sind? Nichts anderes liegt in ihnen als die tragende Kraft des deutschen Geistes!

[ 17 ] Thus we find how, drawing on Goethe, the German Romantics—as it were, renewing the ancient German spirit—delved not only into folk songs but into the entire German intellectual tradition, in order to absorb it and bring it to life in their souls, thereby allowing that which is inherent to German culture as a whole to take effect within their own souls. And then we see again how German development, in the Brothers Grimm, draws inspiration from what the German spirit produced in ancient times. We see how the Brothers Grimm went down among the people and had them tell the old fairy tales so they could collect them. And what lies within this collection of German fairy tales, which truly convey such a hundredfold variety of impressions, drawn directly from the folk spirit? Nothing else lies within them but the sustaining power of the German spirit!

[ 18 ] Und wie wirkt sie fort, diese tragende Kraft des deutschen Geistes?

[ 18 ] And how does this sustaining force of the German spirit continue to exert its influence?

[ 19 ] Wir haben es ja insbesondere sehen können an den Leistungen des schon genannten Herman Grimm. Oftmals, wenn man diese feinen, vornehmen, diese umfassenden Kunstcharakteristiken Herman Grimms auf die Seele wirken läßt, wenn man namentlich manche ungemein intime Feinheiten, die in diesen Schriften liegen, ins geistige Auge faßt, muß man sich fragen: Wie kam denn diese Persönlichkeit dazu, die Seele so elastisch, so geschmeidig zu machen, daß sie untertauchen konnte in die tiefsten Geheimnisse künstlerischen Wirkens und künstlerischen Schaffens? Und ich glaube, es kann eine andere Antwort nicht geben, als die, welche aus den Hinweisen folgt, wie Herman Grimm, bevor er an die Betrachtung der Menschheitskunst gegangen ist, sich selber dichterisch, künstlerisch ausgesprochen hat. Denn dieses Aussprechen ist für die tragende Kraft des deutschen Geistes ganz besonders charakteristisch. Ich möchte nur auf ganz weniges hinweisen.

[ 19 ] We have seen this particularly evident in the work of the aforementioned Herman Grimm. Often, when one allows Herman Grimm’s refined, elegant, and comprehensive characterizations of art to take effect on the soul—especially when one visualizes in one’s mind’s eye certain exceptionally intimate subtleties found in these writings—one must ask oneself: How did this individual manage to make his soul so elastic, so supple, that it could plunge into the deepest mysteries of artistic activity and artistic creation? And I believe there can be no other answer than that which follows from the evidence of how Herman Grimm expressed himself poetically and artistically before he turned to the contemplation of the art of humanity. For this mode of expression is particularly characteristic of the driving force of the German spirit. I would like to point out just a few things.

[ 20 ] Da haben wir gleich als erste der in dem Bande «Novellen» _ vereinigten Geschichten und Dichtungen Herman Grimms eine, die da heißt «Die Sängerin»; eine Geschichte, die wie gewöhnlich, wenn man novellistisch darstellt, nur so gebraucht wird, daß diejenigen Vorgänge ins Auge gefaßt werden, die sich vor den Augen der Menschen abspielen, die man unmittelbar auffassen kann mit dem Vorstellungsvermögen, das an den Leib gebunden ist. Herman Grimm stellt zunächst meisterhaft auch das dar, was sich in der äußeren Welt vollzieht: stellt dar eine weibliche Persönlichkeit, von der tief angezogen wird eine männliche Persönlichkeit; aber durch ihre Charakteranlage und ihr ganzes Wesen stößt diese _weibliche Persönlichkeit die männliche zurück. Die Einzelheiten auszuführen, würde jetzt zu weit gehen. Es kommt also dazu, daß die männliche Persönlichkeit Selbstmord begeht. Die weibliche Persönlichkeit bleibt zurück. Und sie fühlt nun nach dem Tode des Mannes, der sie geliebt hat, nicht bloß Schmerz, Leid; nein, es greift etwas ein in ihr Seelenleben, das unmittelbar übersinnlicher Art ist. Bei einem Freunde bringt sie eine Nacht zu, bei jenem Freunde, bei dem der Selbstmord ihres Geliebten vorgegangen war. Sie fühlt sich beunruhigt. Sie ahnt zunächst nicht den Grund dafür. Dann aber sagt sie, daß sie nicht allein im Zimmer schlafen könne; der Freund solle sie überwachen. Und als er sie überwacht, zeigt es sich, daß sie eine Vision hat, von der der Dichter deutlich zeigt, daß er damit mehr ausdrücken will als ein bloßes Spiel der Phantasie. Zur Tür des Schlafzimmers kommt herein die Geistgestalt des Verstorbenen. Und wenn man nachforscht, was Herman Grimm mit dieser Erscheinung eigentlich zum Ausdruck bringen will, so ist es das, daß er sagen will: Mit dem, was sich hier vor der Menschen Erdenaugen abspielt, ist das Geschehen noch nicht erschöpft; sondern geistige Faktoren, geistige Wesenheiten greifen ein ins physische Geschehen; und wenn der Tod eingetreten ist, so ist dort in der geistigen Welt und wirksam für den, der dafür empfänglich ist, dasjenige vorhanden, was durch die Pforte des Todes gegangen ist.

[ 20 ] Right at the beginning of the volume *Novellen*, which brings together the stories and poems of Herman Grimm, we find one titled “The Singer”; a story that, as is customary in the novella form, focuses solely on those events that unfold before people’s eyes—events that can be immediately grasped by the imagination bound to the body. Herman Grimm first masterfully depicts what takes place in the external world: he portrays a female character who is deeply attracted to a male character; but because of her disposition and her entire nature, this female character repels the male one. To go into the details would be going too far here. It thus comes to pass that the male character commits suicide. The female character is left behind. And now, following the death of the man who loved her, she feels not merely pain and sorrow; no, something intervenes in her inner life that is of a directly supersensible nature. She spends the night at a friend’s house—the very friend at whose home her lover’s suicide had taken place. She feels unsettled. At first, she does not suspect the reason for this. But then she says she cannot sleep alone in the room; the friend should watch over her. And as he watches over her, it becomes clear that she is having a vision, which the poet clearly intends to convey as more than a mere flight of fancy. The spectral form of the deceased enters through the bedroom door. And if one investigates what Herman Grimm actually intends to convey with this apparition, it is that he wishes to say: What takes place here before the earthly eyes of human beings does not exhaust the entire event; rather, spiritual factors and spiritual beings intervene in physical events; and when death has occurred, what has passed through the gate of death is present in the spiritual world and active for those who are receptive to it.

[ 21 ] Herman Grimm ist damit ein Novellist, der unmittelbar in seine novellistische, in seine künstlerische Darstellung die geistige Welt hereinscheinen läßt. Oftmals ist es hier in diesen Vorträgen dargestellt worden, was das eigentlich ist, was da dieser zurückgebliebenen Geliebten erscheint. Es ist das, was der Ätherleib des betreffenden’ Verstorbenen genannt werden kann, was sich zeigen kann in der Gestalt des Verstorbenen für den, der dafür empfänglich ist. Doch nicht alle Menschen sind dafür empfänglich.

[ 21 ] Herman Grimm is thus a short-story writer who allows the spiritual world to shine directly into his narrative and artistic portrayal. It has often been explained here in these lectures what it actually is that appears to this bereaved lover. It is what might be called the etheric body of the deceased in question, which can manifest itself in the form of the deceased to those who are receptive to it. However, not all people are receptive to this.

[ 22 ] Herman Grimm hat ferner einen Roman geschrieben, «Unüberwindliche Mächte», der als kulturhistorischer Roman und auch sonst in der Geistesgeschichte der Menschheit große Bedeutung hat, aber leider viel zu wenig beachtet ist. Auch hier stirbt der Geliebten hin der Geliebte. Und als sie Heilung sucht in einem Orte des Südens, siecht sie in dem Gedenken an den Geliebten immer mehr dahin und stirbt zuletzt. Ihren Tod beschreibt nun Herman Grimm in einem Schlußkapitel der «Unüberwindlichen Mächte» in einer ganz einzigen Weise. Er beschreibt, wie sich aus ihrem Leibe heraushebt eine Geistgestalt, die entgegeneilt dem Geliebten. Wiederum schließt Herman Grimm die Darstellung nicht ab mit den auf der Erde sichtbaren Ereignissen, sondern er bringt zusammen, was äußerlich den Sinnen, was dem Verstande sichtbar ist, mit dem Übersinnlichen, das sich über den Tod hinaus fortsetzt.

[ 22 ] Herman Grimm also wrote a novel, *Unüberwindliche Mächte* (*Invincible Forces*), which is of great significance as a cultural-historical novel and in the intellectual history of humanity in general, but which, unfortunately, has received far too little attention. Here, too, the lover dies for the sake of his beloved. And as she seeks healing in a place in the south, she wastes away more and more in the memory of her beloved and ultimately dies. Herman Grimm describes her death in the final chapter of *Unüberwindliche Mächte* in a truly unique way. He describes how a spiritual form rises from her body and hastens toward her beloved. Once again, Herman Grimm does not conclude the narrative with the events visible on earth, but rather brings together what is outwardly visible to the senses and to the intellect with the supernatural, which continues beyond death.

[ 23 ] Ich würde solche Beispiele nicht anführen, wenn sie nicht durchaus dem entsprächen, was die Geisteswissenschaft über diese Dinge zu sagen hat. Selbstverständlich kann man nicht Künstler als Belege für die Geisteswissenschaft anführen. Aber wenn man solche Beispiele als Belege für das anführt, was die Geisteswissenschaft der Menschheit zu bringen hat, so kann es insofern geschehen, als in einem solchen Geiste wie Herman Grimm, der sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts künstlerisch betätigte, die werdende Geisteswissenschaft liegt. Er ist zwar noch nicht in der Lage, die Geisteswissenschaft als solche auszusprechen, aber künstlerisch stellt er die Dinge so dar, daß man wahrnimmt: die Geisteswissenschaft will aus der tragenden Kraft des deutschen Geistes heraus ihren Einzug halten in die geistige Kultur der Menschheit.

[ 23 ] I would not cite such examples if they did not correspond entirely to what spiritual science has to say about these matters. Of course, one cannot cite artists as evidence for spiritual science. But if one cites such examples as evidence of what spiritual science has to offer humanity, it can be done insofar as the emerging spiritual science is embodied in a spirit such as that of Herman Grimm, who was artistically active in the second half of the nineteenth century. Although he is not yet in a position to articulate spiritual science as such, he portrays things artistically in such a way that one perceives: spiritual science seeks to make its entry into the spiritual culture of humanity out of the sustaining power of the German spirit.

[ 24 ] Herman Grimm — das geht aus seiner ganzen schriftstellerischen Tätigkeit hervor — hat sich selber im Grunde genommen nie gestehen wollen, worauf es eigentlich beruht, daß er solche Darstellungen gab. Er hatte eine gewisse Scheu, diese Dinge, die er nur in der intimsten, künstlerisch-geistigsten Weise anfassen wollte, in gewöhnliche Begriffe hineinzubringen. Aber wenn er nicht in der Lage war, diese Dinge so anzufassen, wie die Geisteswissenschaft heute über sie sprechen kann, und diese Dinge doch von ihm sachgemäß — man möchte sagen «fachmännisch» — dargestellt werden, was lebte dann in ihm? Die tragende Kraft des deutschen Geistes — die war sein Inspirator! Und so finden wir als ein recht reales Wesen diesen deutschen Geist mit seiner tragenden Kraft, und wir müssen unsern geistigen Blick auf ihn hinlenken, wenn wir deutsches Wesen überhaupt kennenlernen wollen.

[ 24 ] Herman Grimm—as is evident from his entire literary oeuvre—never really wanted to admit to himself what actually motivated him to produce such depictions. He had a certain reluctance to translate these things—which he wished to approach only in the most intimate, artistic, and spiritual way—into ordinary concepts. But if he was not able to approach these things in the way that spiritual science can speak of them today, and yet he portrayed them appropriately—one might say “expertly”—what was it, then, that lived within him? The sustaining power of the German spirit—that was his source of inspiration! And so we find this German spirit, with its sustaining power, to be a very real entity, and we must direct our spiritual gaze toward it if we wish to come to know the German essence at all.

[ 25 ] Nun hat Goethe einmal ein sehr bedeutsames Wort gesprochen, welches berücksichtigt werden müßte, wenn von dem Verhältnis des deutschen Geistes zu dem einzelnen Deutschen die Rede ist, wenn von dem die Rede ist, wie deutsches Wesen unmittelbar in deutschen Landen — man möchte sagen — lebt, lebt vor den Augen der Menschen, wenn diese ihre Augen hingerichtet sind auf irgendwelche Persönlichkeiten und irgendwelche Menschen innerhalb der deutschen Lande. In einem vertraulichen Gespräche der letzten Jahre hat Goethe zu seinem Sekretär Eckermann gesagt: «Meine Sachen können nicht populär werden; wer daran denkt und dafür strebt, ist in einem Irrtum. Sie sind nicht für die Masse geschrieben, sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen und suchen und die in ähnlichen Richtungen begriffen sind.»

[ 25 ] Goethe once uttered a very significant remark that ought to be taken into account when discussing the relationship between the German spirit and the individual German, when discussing how the German essence lives directly within German lands—one might say—lives before people’s eyes, when their gaze is fixed on certain personalities and certain people within German lands. In a private conversation in recent years, Goethe said to his secretary Eckermann: “My works cannot become popular; anyone who thinks so and strives for that is mistaken. They are not written for the masses, but only for individual people who want and seek something similar and who are thinking along similar lines.”

[ 26 ] Damit ist etwas Bedeutsames ausgesprochen. Man möchte sagen: es ist im Wesen der Deutschheit gelegen — um dieses Wort Fichtes zu gebrauchen —, den deutschen Geist wirklich als ein Lebendiges zu empfinden und die Gesamtheit des deutschen Wesens, die Einheit des deutschen Geistes als ein Besonderes noch zu erleben neben demjenigen, was sich äußerlich als deutsches Leben zeigt. Die Gesamtheit des deutschen Wesens ist deshalb nicht minder real; sie kann wenigstens für einen jeden vorhanden sein. Daher der Drang des Deutschen, die einzelnen Erscheinungen der Welt im Zusammenhange mit der ganzen Welt- und Menschheitsentwickelung zu betrachten. Haben wir doch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts einen innerhalb der deutschen Gaue Österreichs lebenden Dichter, der — man möchte sagen — durch die ganze Welt gegangen ist, um aus den verschiedensten Kulturgeistern heraus den einzelnen Menschen aus dem Gesamtgeiste zu begreifen. Ich meine Robert Hamerling, der in seiner Dichtung «Aspasia» versucht, den griechischen Gesamtgeist durch den einzelnen Menschen sprechen zu lassen; der dann versucht, das unmittelbar persönliche deutsche Wesen in seinem «König von Sion» darzustellen; der weiter versucht, den eigentlichen Geist des französischen Revolutionsherdes in seinem Drama «Danton und Robespierre» zum Ausdruck zu bringen und schließlich den Geist unserer Zeit in seinem «Homunkulus» grandios, umfassend durch eine Dichtung wiedergeben will. Immer ist es das Bedürfnis Hamerlings, den einzelnen Menschen im Zusammenhange mit dem darzustellen, was als geistiges Weben und Werden und als eine Summe geistiger Wesenheiten den Strom des menschlichen Geschehens belebt und durchzieht. Der Blick auf ein Ganzes, auf ein lebendiges Geistiges über den einzelnen Erscheinungen durchwebt die deutsche Geistesarbeit da, wo sie in ihren allerintensivsten Erscheinungen auftritt.

[ 26 ] This is a significant statement. One might say: it lies in the very essence of Germanness—to use Fichte’s term—to truly perceive the German spirit as a living entity and to still experience the totality of the German essence, the unity of the German spirit, as something distinct alongside that which manifests itself externally as German life. The totality of the German essence is therefore no less real; it can, at least, exist for everyone. Hence the German’s urge to view the individual phenomena of the world in the context of the entire development of the world and humanity. After all, in the second half of the nineteenth century, we had a poet living within the German regions of Austria who—one might say—traveled the entire world in order to understand the individual human being within the collective spirit by drawing upon the most diverse cultural spirits. I am referring to Robert Hamerling, who in his poem “Aspasia” attempts to let the collective Greek spirit speak through the individual human being; who then attempts to portray the immediately personal German essence in his *King of Zion*; who further attempts to express the true spirit of the French Revolution in his drama *Danton and Robespierre*; and who, finally, seeks to render the spirit of our time in his *Homunculus* in a grandiose and comprehensive poetic work. Hamerling’s constant need is to portray the individual human being in connection with that which, as spiritual weaving and becoming and as a sum of spiritual entities, animates and permeates the flow of human events. This view of a whole—of a living spiritual reality that transcends individual phenomena—permeates German intellectual work precisely where it manifests in its most intense forms.

[ 27 ] Daher ist es aber für den, der — man möchte sagen — nicht viel weiter als ein paar Meter über seine Nase hinaussieht und irgend etwas betrachtet, was Deutschheit auf einem beschränkten Gebiete ist, für ihn ist es so ungeheuer schwierig, das deutsche Wesen zu begreifen; denn man begreift es nur, wenn man den Zusammenhang der deutschen Seele mit den durch die Welt webenden geistigen Wesenheiten, die sich im deutschen Geiste zur Offenbarung bringen, wirklich betrachtet. Und das ist neben manchem, was schon in diesen Vorträgen erwähnt wurde, der Grund, warum dieser deutsche Geist, warum dieser tragende deutsche Geist so mißverstanden werden kann, warum er jetzt so geschmäht und so beschimpft wird. Man muß sich da fragen: Wie steht dieses deutsche Geistesleben zu dem Geistesleben anderer Völker?

[ 27 ] That is why it is so incredibly difficult for someone who—one might say—can see no further than a few meters beyond the tip of his nose and considers whatever constitutes “Germanness” within a limited sphere; for one can only grasp it by truly contemplating the connection between the German soul and the spiritual beings that weave through the world and reveal themselves in the German spirit. And this, along with much of what has already been mentioned in these lectures, is the reason why this German spirit—why this fundamental German spirit—can be so misunderstood, why it is now so reviled and so vilified. One must ask oneself: How does this German spiritual life relate to the spiritual life of other peoples?

[ 28 ] An einem charakteristischen Beispiele möchte ich heute erörtern, anknüpfend gerade an eine ausgesprochene Gelegenheit, wie schwierig es dem Deutschen ist, der sich verbunden fühlt mit dem deutschen Geist, sich voll verständlich zu machen, wenn die Anwendung dessen, was er aus dem deutschen Geiste fühlt, an einer einzelnen Erscheinung geltend gemacht werden soll. Man hat in der letzteren Zeit vielfach davon gesprochen, daß das altgewordene, das schon etwas dekadent gewordene französische Geistesleben eine Art Verjüngung erfahren hat, daß es unter den jungen Franzosen Menschen gibt, welche nicht mehr mitgehen mit dem offiziellen Franzosentum. Und in vielen Kreisen, denen hoffentlich dieser Krieg die Augen mehr öffnen wird, als sie sie früher offen gehabt haben, hatte man angefangen in diesem jungen Franzosentum etwas zu sehen, was nun den deutschen Geist viel besser verstehen werde als das offizielle Paris und das offizielle Franzosentum. Man hatte hingewiesen auf charakteristische Erscheinungen innerhalb des Jungfranzosentums. Da ist in der Tat gar manches zu finden, was — man möchte sagen — ganz bedeutsam ist. .Es gibt junge französische Geistesrichtungen, die nicht zufrieden sind mit dem eigentlichen offiziellen Frankreich — das aber das Frankreich ist, welches gegenwärtig mit Deutschland im Kriege liegt.

[ 28 ] Today, using a characteristic example—and building specifically on a recent occasion—I would like to discuss how difficult it is for a German who feels connected to the German spirit to make himself fully understood when he seeks to apply what he perceives from that spirit to a single phenomenon. There has been much talk recently that French intellectual life—which had grown old and somewhat decadent—has undergone a sort of rejuvenation, and that there are young French people who no longer go along with official French ideology. And in many circles—which, one hopes, this war will open the eyes of more than they were open before—people had begun to see in this “young French spirit” something that would now understand the German spirit much better than official Paris and official French culture. Attention had been drawn to characteristic phenomena within this “young French spirit.” Indeed, there is much to be found there that—one might say—is quite significant. There are young French intellectual movements that are dissatisfied with France as it is officially defined—which, however, is the France that is currently at war with Germany.

[ 29 ] Was sagen solche jungen Franzosen? — Nur ein kurzes Beispiel möchte ich dafür bringen, indem ich anführe, was Leon Bazalgette geäußert hat:

[ 29 ] What do these young French people say? — I would like to give just a brief example by quoting what Leon Bazalgette said:

[ 30 ] «Eine der Freuden, die uns die nationalistischen Marktschreierbuden spenden, besteht in der schönen Offenheit, die durch die jungen und alten Anhänger, die sich zu ihnen drängen, gesteigert wird. Eine Offenheit, die die unsrige ermutigt und von uns, den Zuschauern, einige angemessene Erwiderungen fordert.

[ 30 ] “One of the joys that nationalist campaign booths bring us lies in the wonderful openness that is heightened by the young and old supporters who crowd around them. An openness that encourages our own and demands some appropriate responses from us, the spectators.

[ 31 ] Man sehe, wie sie sich vor Befriedigung aufblähen, wenn sie die Worte aussprechen: «Französische Renaissance» (drei Jahre des Bestehens — verkünden sie — das Kind ist pausbäckig und spielt schon mit kleinen Soldaten), «Erwachen des nationalen Stolzes»,

[ 31 ] Just look how they swell with satisfaction when they utter the words: “French Renaissance” (three years old—they proclaim—the child is chubby-cheeked and is already playing with little soldiers), “Awakening of National Pride,”

[ 32 ] Das sind die Männer, die die ganzen Tatkräfte eines Volkes ablenken möchten, um sie in die Begeisterung jener noch unbekannten Tugend zu ergießen: in den Haß. In einem Zeitalter, wo die ganze Welt bebt von Tätigkeiten, ehrgeizigen Bestrebungen, Träumen und neuen Wünschen, die die Grenzen überschreiten, da besteht ihr einziges Sinnen und Trachten, auf das sie stolz sind, darin, mit Faustschlägen einen alten Nachbarschaftsstreit zu schlichten. Oh, arme Eingebildete, die ihr außerstande seid, andere Formen des Heldentums heraufzubeschwören als die «Revanche». Arme kleine Leidenschaftsnarren, die ihr keine geeigneteren Wünsche hegt, um euren Tätigkeits-Heißhunger zu stillen...

[ 32 ] These are the men who wish to divert all the creative energies of a people in order to channel them into enthusiasm for that virtue which is still unknown: hatred. In an age when the whole world is abuzz with activity, ambitious endeavors, dreams, and new aspirations that transcend borders, their sole purpose and pursuit—of which they are proud—is to settle an old neighborhood feud with fists. Oh, poor conceited fools, who are incapable of conjuring up any forms of heroism other than “revenge.” Poor little fools of passion, who harbor no more suitable desires to satisfy your ravenous hunger for action...

[ 33 ] ... Im Namen welcher großen Idee — einer dieser Ideen, für welche zu allen Zeiten fast kein Mensch gezögert hat, sein Leben hinzugeben, — würden wir mit Deutschland Krieg führen? Steht etwa unsere Freiheit auf dem Spiel? Leben wir unter dem Joch oder werden von ihm bedroht? Handelt es sich um Länder, die zu zivilisieren sind, indem man sie annektiert, oder um Völker, die man der Sklaverei entreißen muß? Nein, es handelt sich einzig und allein um den Versuch, Gebiete wieder zu erobern, die uns gehörten und die wir in einem Kriege verloren haben, Gebiete, von denen die gute Hälfte nicht französischer als deutsch ist...; und noch weniger handelt es sich um die Wiedereroberung dieser Gebiete an sich als darum, eine alte Rachsucht zu stillen. Das ist die «Idee, in deren Namen dieses Land, das sich nur zu gern den Titel eines «Kämpen für edle Zwecke, (bekannte Melodie) beilegt, Krieg anfangen würde.»

[ 33 ] ... In the name of what great idea—one of those ideas for which, throughout history, almost no one has hesitated to give their life—would we wage war against Germany? Is our freedom at stake, perhaps? Do we live under the yoke, or are we threatened by it? Are we dealing with countries that need to be “civilized” through annexation, or with peoples who must be rescued from slavery? No, it is solely an attempt to reconquer territories that once belonged to us and that we lost in a war—territories, a good half of which are no more French than they are German...; and even less is it about the reconquest of these territories per se than about satisfying an old thirst for revenge. That is the “idea in whose name this country, which is only too happy to claim the title of ‘champion of noble causes’ (familiar tune), would start a war.”

[ 34 ] Man war — man möchte sagen — etwas wohltätig berührt in gewissen Kreisen über manche Stimmen, die von den jungen Franzosen herübertönten, von jenen jungen Franzosen, von denen man sagte, daß sie ein neues Frankreich begründen wollten. Und einer derjenigen, die vorzugsweise auch von gewissen Deutschen vor dem Kriege zu diesen jungen Franzosen gerechnet wurden, die ein neues Frankreich hervorbringen werden, ist Romain Rolland, der einen großen Roman geschrieben hat, «groß» im Sinne der räumlichen Ausdehnung, denn er hat sehr viele Bände. Es ist zunächst interessant, den Blick darauf zu werfen, wie man bei uns in gewissen Kreisen, wenn das auch vielleicht noch kleinere Kreise waren, gerade über diesen Roman des Romain Rolland gedacht hat.

[ 34 ] One was—one might say—somewhat moved in certain circles by some of the voices coming from the young Frenchmen, those young Frenchmen who were said to want to establish a new France. And one of those whom certain Germans before the war particularly counted among these young Frenchmen who would bring forth a new France is Romain Rolland, who wrote a great novel—“great” in the sense of its length, for it consists of many volumes. It is interesting, first of all, to take a look at how, in certain circles here—even if those circles were perhaps still rather small—people viewed this very novel by Romain Rolland.

[ 35 ] Ein Kritiker hat sich nicht entbrechen können, zu sagen, dieser Roman «Jean Christophe» — der deutsche Name ist Johann Christof Kraft — sei die bedeutendste Tat, die seit dem Jahre 1871 zur Aussöhnung von Deutschland und Frankreich geschehen ist. Die Zahl derjenigen war eigentlich gar nicht gering, die da sagten: Man sehe an diesem Roman «Jean Christophe», wie gerade einer jener jungen Franzosen mit Liebe, mit inniger Liebe das Deutsche anschaut, wie er zu denjenigen gehöre, die unmöglich machen werden, daß in Zukunft diese beiden Völker in Unfrieden leben werden.

[ 35 ] One critic could not resist saying that this novel, *Jean Christophe*—whose German name is Johann Christof Kraft—is the most significant contribution to the reconciliation between Germany and France since 1871. In fact, there were quite a few who said: Look at this novel, *Jean Christophe*, and see how one of those young Frenchmen views German culture with love—with deep, heartfelt love—and how he belongs to those who will make it impossible for these two nations to live in discord in the future.

[ 36 ] Es hat sich ja nicht nur dieses als eine trügerische Hoffnung gezeigt, sondern noch etwas anderes: Jener Romain Rolland gehört zu denjenigen, die mit Maeterlinck, Verhaeren und so weiter sogleich, als der Krieg begonnen hat, in einer recht wenig bescheidenen Weise über Deutschland und deutsches Wesen sich ausgesprochen haben. Nun ist es aber doch interessant, ein wenig hinzuschauen, wie eigentlich dieser Mann, Romain Rolland, von dem so viele von uns sagten, daß er deutsches Wesen so gut verstehen könnte, daß er wirklich aus dem innersten Kern der deutschen Volksseele und des deutschen Geistes heraus dasjenige erfaßt habe, was tragende Kraft des deutschen Geistes ist —, wie dieser Mann deutsches Wesen aufgefaßt hat. Ich weiß sehr wohl, daß nicht nur Franzosen etwas «Barbarisches» — das Wort ist ja heute gebräuchlich — in dem finden werden, was ich nun zu sagen habe; aber ich bin mir wohlbewußt, daß ich keine wahren ästhetischen Empfindungen verletze, indem ich das sage, was ich sagen muß, unbeeinflußt von mancherlei Urteilen, die gerade in der angedeuteten Richtung über diesen Roman gefallen sind.

[ 36 ] Not only has this turned out to be a false hope, but there is something else as well: Romain Rolland is among those who, along with Maeterlinck, Verhaeren, and others, spoke out in a rather unmodest manner about Germany and the German character as soon as the war began. Now, however, it is interesting to take a closer look at how this man, Romain Rolland—about whom so many of us said that he could understand the German character so well, that he had truly grasped, from the innermost core of the German national soul and the German spirit, that which is the sustaining force of the German spirit—how this man understood the German character. I am well aware that it is not only the French who will find something “barbaric”—a word that is, after all, in common use today—in what I am about to say; but I am well aware that I am not offending any true aesthetic sensibilities by saying what I must say, uninfluenced by the various judgments that have been passed on this novel precisely in the direction I have indicated.

[ 37 ] Was die Leute ganz besonders begeistert hat, ist, daß der Franzose einen Deutschen darstellt, Johann Christof Kraft, der aus deutschem Wesen — wir werden gleich sehen: wie — herausgewachsen ist und der, nachdem er seine Jugendzeit in Deutschland zugebracht hat, nach Frankreich geht, um dort seine weitere Entwickelung zu finden. Man sieht darin eine ganz besondere Überbrückung des Gegensatzes zwischen deutschem und französischem Wesen. — Nun müssen wir uns, um das, was zu sagen ist, voll zu verstehen, allerdings erst das Grundgerüst dieses «Jean Christophe» vor die Seele führen.

[ 37 ] What particularly captivated people is that the French author portrays a German, Johann Christof Kraft, who has outgrown his German nature—we will see how in a moment—and who, after spending his youth in Germany, goes to France to find his further development there. This is seen as a very special bridge spanning the contrast between the German and French characters. — Now, in order to fully understand what needs to be said, we must first bring the basic framework of this *Jean Christophe* to mind.

[ 38 ] Ich weiß, welches Ansehen die Kritiker haben, die ihre Meinung über diesen Roman dahin ausgesprochen haben: die Gestalt dieses Jean Christophe sei eine solche, wie sie unmittelbar aus dem Leben herausgegriffen ist; kein Zug — so empfände man — könnte in dieser Zeichnung anders sein. Aber ich muß doch sagen: Dieser Jean Christophe erscheint mir als ein recht unverdauliches Ragout, in seinem Charakter recht unharmonisch zusammengeschweißt aus Charakterzügen des jungen Beethoven, Wagner, Richard Strauß und Karl Marx. Die Verehrer des Jean Christophe mögen es mir verzeihen, aber der Eindruck ist so. Dieser Jean Christophe wächst auf — er ist nur in die Gegenwart versetzt — so ähnlich, wie Beethoven aufgewachsen ist. Man erkennt alle Züge des jungen Beethoven wieder — aber zur Karikatur verzerrt — bis in alle Einzelheiten, aber so, daß überall das Leben des jungen Beethoven als ein grandioses Kunstwerk erscheint, das Leben des Jean Christophe dagegen als eine Karikatur. Nun hat ja der Dichter nicht die Aufgabe, wenn er Anklänge an Historisches gibt, diesem Historischen treu zu sein. Alle Einwände, die in dieser Beziehung von Kritikern etwa gemacht werden, kann ich mir selber machen; dennoch muß ich dies sagen: Der Jean Christophe wächst auf in einer Umgebung, die — nach der Ansicht vieler Leute — ein Bild des deutschen Wesens gibt. Da werden vorgeführt der Großvater, die Großmutter, der Onkel und andere, die seine Freunde sind. Er wächst so auf, daß das deutsche Wesen, aus dem er herauswächst, als das größte Hindernis seiner sich entwickelnden Genialität empfunden wird. Deutsches Wesen wird ja zum Beispiel folgendermaßen dargestellt. Wie auch Beethoven ist der junge Jean Christophe eine Art früher Komponist; er macht schon in jungen Jahren Kompositionen. Der Vater, der ein Trunkenbold ist, fühlt sich gedrängt, dieses frühreife Talent der Welt vorzuführen. Dieser Vater ist ein Sekretär, Diener eines kleinen deutschen Fürsten. Die besondere Deutschheit dieses Vaters wird kulturhistorisch nun dadurch dargestellt, daß er, als er ein Konzert mit dem jungen, sieben- bis achtjährigen Jean Christophe plant, wobei auch der Fürst anwesend sein soll, darüber nachdenkt, wie er den Knaben anziehen soll. Da kommt er zuletzt auf eine ganz schlaue Idee; aus der «kulturhistorischen Idee echten wahren Deutschrums» heraus ist das geschildert: Er läßt ihn lange Hosen und einen Frack anziehen, dazu eine weiße Binde, so daß der Knabe ein achtjähriger kleiner Mann ist. Ich will nun nicht erzählen, weil es ja zu weit führen würde, wie sich diese deutsche Unternehmung später abspielt. Ich will auch nicht im einzelnen schildern, wie er an allem Ekel empfindet, was die ganze deutsche Umgebung bietet, diese Umgebung, die mit «Liebe» — nach der Ansicht mancher Leute — gezeichnet ist und die ein getreues Bild des deutschen Wesens geben soll. Als er es aber gar nicht mehr in dieser Umgebung aushalten kann, fühlt er sich gedrängt — wie es in dem Buche heißt sich inspirieren zu lassen von dem lateinischen Geist. Er geht also nach Paris. Dort findet er einen Freund, der in vielem ein deutliches Abbild von Romain Rolland selber ist. Das ist derjenige, der zum Ausdruck bringt, was das junge, sich neu gebärende Franzosentum für die Zukunft verspricht; er ist es, der diesem wirren Kopf, dieser Puppe, die zusammengeschweißt ist aus dem jungen Beethoven, Wagner, Richard Strauß und anderen, einige Ordnung im Gemüte beibringt. Das ist die «Liebe», mit der ein deutscher Charakter, Jean Christophe, nach der Ansicht gewisser Leute gezeichnet ist. Es macht dann auch Jean Christophe in Paris — wir merken jetzt einige Züge von Richard Wagner — Verschiedenes durch. Und als er den Freund verliert, wendet er sich weiter nach dem Süden, macht manche Erlebnisse durch, die hart ans Verbrecherische grenzen, die ihn sogar zum Selbstmord führen, der dann nur mißglückt. Und nachdem nun dieser Jean Christophe, der in seiner deutschen Umgebung nicht hat gedeihen können, durch lateinisches Wesen durchgegangen ist, kommt er in einem einsamen alten Dorf gleichsam zu sich selbst; er erobert sich den eigenen Geist. Die Ewigkeit geht ihm auf.

[ 38 ] I am well aware of the standing enjoyed by the critics who have expressed their opinions on this novel: the character of Jean Christophe is said to be one taken directly from life; not a single trait—so it seems—could be any different in this portrayal. But I must say: This Jean Christophe strikes me as a rather indigestible stew, his character a rather discordant amalgam of traits from the young Beethoven, Wagner, Richard Strauss, and Karl Marx. May the admirers of Jean Christophe forgive me, but that is the impression I have. This Jean Christophe grows up—he is merely transposed into the present—in much the same way that Beethoven grew up. One recognizes all the traits of the young Beethoven—but distorted into a caricature—down to the smallest details, yet in such a way that the life of the young Beethoven appears everywhere as a magnificent work of art, whereas the life of Jean Christophe appears as a caricature. Now, it is certainly not the poet’s task, when he alludes to historical events, to remain faithful to those events. I can raise against myself all the objections that critics might make in this regard; nevertheless, I must say this: Jean Christophe grows up in an environment that—in the view of many people—portrays the German spirit. We are introduced to his grandfather, grandmother, uncle, and others who are his friends. He grows up in such a way that the German character from which he emerges is perceived as the greatest obstacle to his developing genius. The German character is, for example, portrayed as follows. Like Beethoven, the young Jean Christophe is a sort of precocious composer; he is already writing compositions at a young age. His father, who is a drunkard, feels compelled to showcase this precocious talent to the world. This father is a secretary, a servant to a minor German prince. The particular “Germanness” of this father is depicted in cultural-historical terms by the fact that, when planning a concert featuring the young Jean-Christophe—who is seven or eight years old—at which the prince is also to be present, he ponders how to dress the boy. Finally, he comes up with a very clever idea; this is depicted from the perspective of the “cultural-historical idea of genuine, true Germanness”: He has him put on long pants and a tailcoat, along with a white sash, so that the boy looks like a little eight-year-old man. I won’t go into detail here—as that would take us too far afield—about how this German endeavor plays out later. Nor do I want to describe in detail how he feels revulsion toward everything the entire German environment has to offer—this environment that is marked by “love”—in the view of some people—and is supposed to present a faithful picture of the German character. But when he can no longer bear to be in this environment, he feels compelled—as the book puts it—to draw inspiration from the Latin spirit. So he goes to Paris. There he finds a friend who, in many ways, is a clear reflection of Romain Rolland himself. This is the one who expresses what the young, reborn French spirit promises for the future; it is he who instills some order in the mind of this confused soul, this puppet welded together from the young Beethoven, Wagner, Richard Strauss, and others. This is the “love” with which a German character, Jean Christophe, is imbued, according to certain people. Jean Christophe then goes through various experiences in Paris—we now notice some traits of Richard Wagner—and when he loses his friend, he turns further south, undergoing experiences that border on the criminal, even leading him to attempt suicide, which ultimately fails. And now that this Jean Christophe—who was unable to flourish in his German environment—has been shaped by a Latin sensibility, he finds himself, as it were, in a lonely old village; he conquers his own spirit. Eternity dawns upon him.

[ 39 ] Nun wollen wir nur ein paar Proben der gar liebevollen Versenkung in das deutsche Wesen einmal auf uns wirken lassen, die dem Roman entnommen sind. Da wird zum Beispiel der Vater, der nachgezeichnet ist dem Vater Beethovens, Melchior, charakterisiert. Ich weiß selbstverständlich, daß jemand sagen kann: Du nimmst aus einem Roman Worte heraus, die ja nicht eigentlich die Meinung des Autors wiedergeben müssen. Allein die künstlerische Komposition dieses Romanes entspricht durchaus nicht dem, was schon Schiller gefordert hat in den wunderschönen Worten, die er über den «Wilhelm Meister» geschrieben hat, und was wirklich zu der künstlerischen Komposition eines Romanes zugehört. Als Goethe deswegen getadelt worden ist, daß gewisse Eigenschaften der Persönlichkeiten in seinem Roman nicht ganz moralisch vorkämen, sagte Schiller: «Wenn die Leute Ihnen nachweisen können, daß das Unmoralische aus Ihrer eigenen Seele kommt, dann haben Sie einen ästhetischen Fehler gemacht; wenn es aber aus den Personen kommt, dann sind Sie in jeder Beziehung gerechtfertigt.» — Diese goldene Kunstregel ist auch etwas, was dann in die tragende Kraft des deutschen Geistes übergegangen ist. Die besten Kunstwerke, die wir in Deutschland finden, sind wirklich unter dem Einflusse dieser SchillerGoetheschen Gesinnung geschrieben. Bei Romain Rolland aber trifft man fortwährend, fast auf jeder dritten Seite, auf Ausführungen, denen man es anmerken kann, daß es der Autor ist, der da spricht, und nicht die Personen. Daher ist es in diesem Falle nur eine Ausrede, wenn eingewendet wird, man dürfe nicht das, was gelegentlich — man kann nicht einmal sagen, daß es die Personen aussprechen —, sondern was gelegentlich der Personencharakteristiken der Autor sagt, charakteristisch finden für die Art, wie sich der Autor in das deutsche Wesen versenkt hat. Der Vater Melchior wird zum Beispiel in der folgenden Weise gezeichnet:

[ 39 ] Now let us simply allow a few examples of this truly affectionate immersion in the German spirit—taken from the novel—to sink in. For example, there is the characterization of the father, who is modeled after Beethoven’s father, Melchior. I am, of course, aware that someone might say: You are taking words out of a novel that do not necessarily reflect the author’s actual opinion. Yet the artistic composition of this novel does not at all correspond to what Schiller had already demanded in the beautiful words he wrote about *Wilhelm Meister*, and to what truly belongs to the artistic composition of a novel. When Goethe was criticized for the fact that certain traits of the characters in his novel did not appear entirely moral, Schiller said: “If people can prove to you that the immoral elements come from your own soul, then you have made an aesthetic mistake; but if they come from the characters, then you are justified in every respect.” — This golden rule of art is also something that has since become part of the driving force of the German spirit. The finest works of art we find in Germany are truly written under the influence of this Schiller-Goethean mindset. With Romain Rolland, however, one continually encounters—almost on every third page—passages in which it is evident that it is the author speaking, and not the characters. Therefore, in this case, it is merely an excuse to object that one should not consider what the author occasionally says—one cannot even say that the characters say it—but rather what the author says in the character descriptions, to be characteristic of the way the author has immersed himself in the German spirit. The father, Melchior, for example, is portrayed in the following manner:

[ 40 ] «Er war ein Schönredner, gut gebaut, wenn auch ein wenig plump, und der Typus dessen, was in Deutschland als klassische Schönheit gilt: eine breite ausdrucklose Stirn, starke regelmäßige Züge und ein lockiger Bart: ein Jupiter vom Rheinufer.»

[ 40 ] “He was a smooth talker, well-built, though a bit clumsy, and the epitome of what is considered classical beauty in Germany: a broad, expressionless forehead, strong, regular features, and a curly beard—a Jupiter from the banks of the Rhine.”

[ 41 ] Dann zur Charakterisierung von Melchiors Freunden, wie sie sich bei dem Vater versammelten und dort miteinander spielten und sangen:

[ 41 ] Next, a description of Melchior’s friends, as they gathered at their father’s house and played and sang together there:

[ 42 ] «Zuweilen sangen sie gemeinsam im vierstimmigen Männerchor eins jener teutschen Lieder, die, eins wie das andere, mit feierlicher Einfalt und in platten Harmonien sich schwerfällig — gewissermaßen vierfüßig — fortbewegen.»

[ 42 ] “At times they would sing together in a four-part men’s choir one of those German songs which, one after another, move along ponderously—in a manner of speaking, on all fours—with solemn simplicity and in simple harmonies.”

[ 43 ] Liebevolle Schilderung des deutschen Wesens! Ich will es nur zur Charakteristik anführen. Dann kommt ein Onkel Theodor in dem Roman vor, der allerdings des Großvaters Stiefsohn ist; der wird in der folgenden Weise geschildert. Ich will nichts dagegen sagen, daß einzelne Personen in dieser Weise dargestellt werden, sondern wende mich nur dagegen, daß diese Schilderung ein Kulturbild des deutschen Wesens sein soll; denn man merkt heraus: Romain Rolland mischt fortwährend das hinein, was ihn juckt, damit er es über das deutsche Wesen sagen kann. Von diesem Onkel Theodor wird gesagt:

[ 43 ] What a loving portrayal of the German character! I mention this merely as an example. Then there is a character named Uncle Theodor in the novel—who is, in fact, the grandfather’s stepson—and he is described in the following manner. I have no objection to individual characters being portrayed in this way; my objection is solely to the idea that this portrayal is meant to be a cultural portrait of the German character—for it is clear that Romain Rolland constantly weaves in whatever strikes his fancy so that he can say it about the German character. Of this Uncle Theodor, it is said:

[ 44 ] «Er war Teilhaber eines großen Handelshauses, das geschäftliche Verbindungen mit Afrika und dem äußersten Osten unterhielt. Er stellte ganz den Typus eines jener Deutschen neuen Stils dar, die mit Vorliebe den alten Idealismus der Rasse spöttisch verschmähen und siegestrunken mit Kraft und Erfolg einen Kultus treiben, der beweist, daß sie nicht gewohnt sind, unter diesem Zeichen zu leben. Da es aber unmöglich ist, die jahrhundertalte Natur eines Volkes plötzlich zu ändern, kam der zurückgedrängte Idealismus immer wieder in der Sprache, im Benehmen, in den moralischen Anschauungen, in den Goethezitaten anläßlich der geringsten häuslichen Begebenheiten wieder zutage; und so entstand durch das bizarre Bemühen, die ehrbaren Prinzipien des alten deutschen Bürgertums mit dem Zynismus dieser neuen Laden-Condottieri in Einklang zu bringen, ein sonderbares Gemisch von Gewissenhaftigkeit und Eigennutz, ein Gemisch, das einen recht widerlichen Geruch von Heuchelei an sich hat, — die darauf hinausläuft, aus deutscher Kraft, Geldgier und Interessensucht das Symbol alles Rechtes, aller Gerechtigkeit und aller Wahrheit zu gestalten.»

[ 44 ] “He was a partner in a large trading firm that maintained business ties with Africa and the Far East. He epitomized the very type of those “new-style” Germans who take a particular delight in mockingly spurning the old idealism of their race and, intoxicated by victory, vigorously and successfully cultivate a culture that proves they are not accustomed to living under that banner. But since it is impossible to suddenly change the centuries-old nature of a people, the repressed idealism repeatedly resurfaced in their language, their behavior, their moral views, and in their quotations from Goethe on the occasion of even the most trivial domestic events; and so, through the bizarre effort to reconcile the honorable principles of the old German bourgeoisie with the cynicism of these new shop-front condottieri, a strange mixture of conscientiousness and self-interest arose—a mixture that carries a rather repulsive stench of hypocrisy—which amounts to fashioning, out of German strength, greed, and self-interest, the symbol of all that is right, all justice, and all truth.”

[ 45 ] Liebevolle Schilderung! Es wird dann eine junge Adlige, in die sich Jean Christophe verliebt, als ein Typus eines jungen deutschen Mädchens geschildert. Minna heißt sie:

[ 45 ] What a lovely description! The young noblewoman with whom Jean Christophe falls in love is portrayed as a typical young German girl. Her name is Minna:

[ 46 ] «Übrigens war Minna bei aller Sentimentalität und Romantik ruhig und kühl. Trotz ihres aristokratischen Namens und des Stolzes, den ihr das Wörtchen «von» einflößte, hatte sie das Gemüt einer kleinen deutschen Hausfrau —» und dann heißt es weiter:

[ 46 ] “Incidentally, despite all her sentimentality and romanticism, Minna was calm and reserved. Despite her aristocratic name and the pride that the little word ‘von’ instilled in her, she had the disposition of a simple German housewife—” and then it continues:

[ 47 ] «Minna, dies naiv-sinnliche deutsche kleine Mädchen, kannte sonderbare Spiele.»

[ 47 ] “Minna, this naïve and sensual little German girl, knew some strange games.”

[ 48 ] Und um jetzt auszuführen, kulturhistorisch, was besonders charakteristisch für das deutsche Wesen sein soll, wird angeführt, daß sie auch das verstand: Mehl auf den Tisch auszubreiten, gewisse Gegenstände hineinzubringen, die man dann mit dem Munde zu suchen hatte.

[ 48 ] And to explain, from a cultural-historical perspective, what is said to be particularly characteristic of the German character, it is pointed out that they also understood this: spreading flour on the table and placing certain objects in it, which one then had to find with one’s mouth.

[ 49 ] Nun soll gezeigt werden, warum das deutsche Wesen so unleidlich für Christof wird; und man kann dazu wieder nur sagen: es juckt den Verfasser, was er selbst über die Deutschen empfindet, zum Ausdruck zu bringen. Es soll geschildert werden die Unwahrhaftigkeit, das Pharisäerhafte in dem deutschen Idealismus, in jenem Idealismus, von dem Romain Rolland meint, daß er nur erfunden sei, weil man die Wahrheit unbequem findet und deshalb zum Ideal hinsehe; man lügt über die Wahrheit und nennt es Idealismus. So hätten die Deutschen die Eigenschaft, die Menschen nicht ruhig anzuschauen, sondern sie zu «idealisieren», sich über ihre wahren Eigenschaften hinwegzulügen. Diese Eigenschaft hätte sich auch Christof angeeignet, aber sie sei ihm immer ekelhafter geworden:

[ 49 ] Now it remains to be shown why the German character becomes so unbearable for Christof; and once again, one can only say: the author is itching to express his own feelings about the Germans. The aim is to depict the insincerity, the self-righteousness in German idealism—that idealism which Romain Rolland believes was invented solely because people find the truth uncomfortable and therefore turn to the ideal; they lie about the truth and call it idealism. Thus, the Germans are said to have the trait of not looking at people calmly, but rather “idealizing” them, lying their way past their true characteristics. Christof had also adopted this trait, but it had become increasingly repulsive to him:

[ 50 ] «Nachdem er sich nun einmal zur Überzeugung gebracht hatte, daß sie» — gewisse Menschen — «ausgezeichnet seien und ihm gefallen müßten, gab er sich als echter Deutscher alle Mühe, zu glauben, daß sie ihm wirklich gefielen. Aber es gelang ihm durchaus nicht: ihm fehlte jener willfährige germanische Idealismus, der nicht sehen will und auch nicht sieht, was ihm zu entdecken peinlich wäre, aus Furcht, die bequeme Ruhe ihres Urteilens und das Behagen ihres Lebens zu stören.» «Deutscher Idealismus» aus dem Grunde erfunden, um sich das Behagen des Lebens nicht zu stören! Nun wird wiederum ein junges Mädchen, in das sich Jean Christophe selbstverständlich auch verliebt, geschildert, ein Urbild von Häßlichkeit, «die kleine Rosa». Man fühlt förmlich aus dem Roman heraus, wie ihr die Nase kaum richtig im Gesichte steht und anderes mehr; aber es wird aus einer liebevollen Kulturschilderung über sie gesagt:

[ 50 ] “Now that he had convinced himself that they”—certain people—“were exceptional and ought to appeal to him, he, as a true German, made every effort to believe that he truly did find them appealing. But he did not succeed at all: he lacked that compliant Germanic idealism that refuses to see—and indeed does not see—what would be embarrassing for him to discover, for fear of disturbing the comfortable tranquility of his judgment and the ease of his life.” “German idealism”—invented for the very reason of not disturbing the ease of life! Now the novel turns to a young girl—with whom Jean Christophe, of course, also falls in love—an archetype of ugliness, “little Rosa.” One can literally feel, through the novel, how her nose barely sits right on her face, and other such things; yet this is what is said about her in a loving cultural description:

[ 51 ] «Die Deutschen sind in bezug auf physische Unvollkommenheiten von einer glücklichen Nachsicht: sie bringen es fertig, sie nicht zu sehen; sie können sogar dahin kommen, sie mit wohlwollender Phantasie zu verschönen, indem sie unerwartete Beziehungen zwischen dem Gesicht, das sie sehen wollen, und den herrlichsten Exemplaren menschlicher Schönheit herausfinden. Es hätte nicht allzu großer Überredungsgabe bedurft, um den alten Euler» — den Großvater der Rosa — «zu der Erklärung zu veranlassen, daß seine Enkelin die Nase der Juno Ludovisi habe.»

[ 51 ] “The Germans are remarkably forgiving when it comes to physical imperfections: they manage not to notice them; they can even go so far as to embellish them with benevolent imagination by discovering unexpected connections between the face they wish to see and the most magnificent examples of human beauty. It would not have taken much persuasion to induce old Euler”—Rosa’s grandfather—“to declare that his granddaughter had the nose of Juno Ludovisi.”

[ 52 ] Aber nachdem er so an seiner eigenen Person die Lügenhaftigkeit des deutschen Idealismus erprobt hat — man hat das ja bei bekannten «Genies» immer wieder erlebt; aber daß es charakteristisch für deutsches Wesen sein sollte, daß es eine besondere Eigenschaft des Deutschen sein soll, die Menschen zu «idealisieren», hat man früher nicht geglaubt —, kommt er nun auch dazu, daß im Grunde genommen alle deutschen Musiker einen Haken hätten, irgendwo stimmte etwas nicht; das hinge auch mit dem deutschen Idealismus zusammen! Und nun kommt er darauf, daß er bedeutsamer sein muß als alle übrigen. Zur Charakteristik darüber einige Worte über Schumann:

[ 52 ] But after he had thus tested the fallacy of German idealism on himself—something we have seen time and again with well-known “geniuses”; though it was not previously believed that “idealizing” people was a characteristic of the German nature or a distinctive trait of the Germans—he now comes to the conclusion that, fundamentally, all German musicians have a flaw, that something is amiss somewhere; this, too, is connected to German idealism! And now he concludes that Schumann must be more significant than all the others. To illustrate this point, a few words about Schumann:

[ 53 ] «Aber gerade sein Beispiel führte Christophe zu der Erkenntnis, daß die schlimmste Falschheit der deutschen Kunst nicht dort lag, wo die Künstler Empfindungen ausdrücken wollten, die sie nicht fühlten, sondern vielmehr dort, wo sie zwar Gefühle ausdrückten, die sie empfanden — die aber in sich gefälscht waren. Die Musik ist ein unerbittlicher Spiegel der Seele. Je naiver und vertrauensvoller ein deutscher Musiker ist, um so mehr zeigt er die Schwächen der deutschen Seele, ihren unsicheren Grund, ihre weiche Empfindsamkeit, ihren Mangel an Freimut, ihren ein wenig hinterhältigen Idealismus, ihre Unfähigkeit, sich selbst zu sehen, zu wagen, sich ins Gesicht zu schauen.»

[ 53 ] “But it was precisely his example that led Christophe to realize that the worst falsehood in German art did not lie in the artists’ attempts to express feelings they did not actually feel, but rather in their expression of feelings they did feel—feelings that were, however, inherently false. Music is a relentless mirror of the soul. The more naive and trusting a German musician is, the more he reveals the weaknesses of the German soul—its uncertain foundation, its soft sentimentality, its lack of candor, its somewhat insincere idealism, and its inability to see itself, to dare to look itself in the face.”

[ 54 ] Nun, da er ja nur ein: wiedergekommener Beethoven ist — der natürlich nach Wagner lebt — und ein Genie werden soll, wie es noch nicht dagewesen ist, so muß er seinen Ärger auch über Wagner ausdehnen. Und da werden dann allerlei liebevolle Dinge — man kann wirklich nicht sagen: Johann Christof in den Mund gelegt, was verzeihlich wäre; sondern sie werden immer so ausgedrückt, daß sie sich von der Person des Johann Christof absondern und zu etwas werden, was von dem Autor selber die absolute Färbung erhält. So wird über Richard Wagner, mit Bezug auf Lohengrin und Siegfried, gesagt:

[ 54 ] Well, since he is, after all, nothing more than a reincarnated Beethoven—who, of course, lives after Wagner—and is supposed to become a genius the likes of which the world has never seen, he must naturally extend his anger to Wagner as well. And so all sorts of affectionate remarks—one really cannot say that they are put into Johann Christof’s mouth, which would be forgivable—are instead always expressed in such a way that they detach themselves from the person of Johann Christof and become something that takes on the author’s own distinct character. Thus, with regard to *Lohengrin* and *Siegfried*, the following is said about Richard Wagner:

[ 55 ] «Deutschland ergötzte sich an dieser ältlich-kindlichen Kunst, dieser Kunst losgelassener Bestien und mystisch-quakelnder Mädelchen.»

[ 55 ] “Germany took delight in this art that was at once elderly and childlike, this art of unrestrained beasts and mystically chattering little girls.”

[ 56 ] Nun, ich möchte sagen, noch eingehender wird in so liebevoller Weise das deutsche Wesen charakterisiert. Davon auch eine Probe:

[ 56 ] Well, I would say that the German character is portrayed even more thoroughly and in such a loving way. Here is a sample:

[ 57 ] «Besonders seit den deutschen Siegen taten sie alles, um Kompromisse zu schließen, einen widerlichen Mischmasch aus neuer Macht und alten Grundsätzen zustande zu bringen. Auf den alten Idealismus wollte man nicht verzichten: das wäre eine Tat des Freimuts gewesen, zu der man nicht fähig war; man hatte sich, um ihn den deutschen Interessen dienstbar zu machen, damit begnügst, ihn zu verfälschen. Man folgte dem Beispiel Hegels, des heiter doppelzüngigen Schwaben, der Leipzig und Waterloo abgewartet hatte, um den Grundgedanken seiner Philosophie dem preußischen Staat anzupassen,» — es darf vielleicht doch gesagt werden, daß das grundlegende Werk Hegels, «Die Phänomenologie des Geistes» — davon versteht aber Romain Rolland wahrscheinlich sehr wenig, wenn er sagt, daß die Hegelsche Philosophie nach Leipzig und Waterloo entstanden ist — während des Kanonendonners der Schlacht von Jena, also im Jahre 1806, geschrieben ist und schon die gesamte Philosophie Hegels enthält —

[ 57 ] “Especially since the German victories, they did everything they could to reach compromises, to bring about a repulsive hodgepodge of new power and old principles. They did not want to give up their old idealism: that would have been an act of boldness of which they were incapable; instead, in order to make it subservient to German interests, they had contented themselves with distorting it. They followed the example of Hegel, the cheerfully duplicitous Swabian who had waited for Leipzig and Waterloo to adapt the fundamental ideas of his philosophy to the Prussian state,” — it may perhaps be said, after all, that Hegel’s seminal work, *The Phenomenology of Spirit*—though Romain Rolland probably understands very little of it when he says that Hegel’s philosophy emerged after Leipzig and Waterloo—was written amid the thunder of cannon fire at the Battle of Jena, that is, in 1806, and already contains the entirety of Hegel’s philosophy—

[ 58 ] «und änderte jetzt, nachdem die Interessen andere geworden waren, auch die Prinzipien. War man geschlagen, so sagte man, Deutschlands Ideal sei die Menschheit. Jetzt, da man die andern schlug, hieß es, Deutschland sei das Ideal der Menschheit. Solange die andern Länder die mächtigeren waren, sagte man mit Lessing, daß die Vaterlandsliebe eine heroische Schwäche sei, die man sehr gut entbehren könne, und man nannte sich Weltbürger. Jetzt, da man den Sieg davontrug, konnte man nicht genug Verachtung für die «französischen» Utopien aufbringen: als da sind Weltfrieden, Brüderlichkeit, friedlicher Fortschritt, Menschenrechte, natürliche Gleichheit; man sagte, das stärkste Volk habe den andern gegenüber ein absolutes Recht, während die andern als die Schwächeren ihm gegenüber rechtlos seien. Es schien der lebendige Gott und der fleischgewordene Geist zu sein, dessen Fortschritt sich durch Krieg, Gewalttat und Unterdrückung vollzog. Die Macht war jetzt, da man sie auf seiner Seite hatte, heilig gesprochen. Macht war jetzt der Inbegriff alles Idealismus und aller Vernunft geworden. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß man sagen, daß Deutschland Jahrhunderte lang...»

[ 58 ] “And now, since interests had changed, it also changed its principles. When Germany was defeated, it was said that Germany’s ideal was humanity. Now that they were defeating the others, they claimed that Germany was the ideal of humanity. As long as other countries were the more powerful ones, they said, echoing Lessing, that patriotism was a heroic weakness that one could very well do without, and they called themselves citizens of the world. Now that they had emerged victorious, they could not muster enough contempt for the “French” utopias—such as world peace, brotherhood, peaceful progress, human rights, and natural equality; they said that the strongest nation had an absolute right over the others, while the others, as the weaker ones, had no rights in relation to it. It seemed to be the living God and the Spirit incarnate, whose progress was achieved through war, violence, and oppression. Power, now that it was on their side, had been sanctified. Power had now become the very embodiment of all idealism and all reason. To give truth its due, one must say that for centuries Germany...”

[ 59 ] das ist vielleicht das einzige, was die Leute an Deutschland suchen, um der Wahrheit die Ehre geben zu wollen! — «so sehr darunter gelitten hatte, Idealismus ohne Macht zu besitzen, daß es nach soviel Prüfungen wohl entschuldbar war, wenn es jetzt das traurige Geständnis ablegte, es bedürfe vor allem der Macht, wie immer sie beschaffen sein möge. Wieviel verborgene Bitternis aber lag in solchem Bekenntnis des Volkes eines Herder und Goethe! Und welcher Verzicht, welche Erniedrigung des deutschen Ideals lag in diesem deutschen Sieg! — Und, ach, dieser Verzicht fand nur allzu viel Entgegenkommen in der beklagenswerten Neigung aller besten Deutschen, sich unterzuordnen.

[ 59 ] That is perhaps the only thing people look for in Germany—the desire to do justice to the truth! — “It had suffered so greatly from possessing idealism without power that, after so many trials, it was quite excusable if it now made the sad confession that it needed, above all, power, whatever form that might take. But how much hidden bitterness lay in such a confession by the people of Herder and Goethe! And what a renunciation, what a humiliation of the German ideal lay in this German victory! — And, alas, this renunciation found all too much willingness on the part of all the best Germans, who had a lamentable tendency to submit.

[ 60 ] «Was den Deutschen charakterisiert», sagte Möser schon vor mehr als einem Jahrhundert, «ist der Gehorsam.»

[ 60 ] “What characterizes the Germans,” Möser said more than a century ago, “is obedience.”

[ 61 ] Und Frau von Stael:

[ 61 ] And Madame von Staël:

[ 62 ] «Sie parieren ordentlich. Sie nehmen philosophische Vernunftgründe zu Hilfe, um das Unphilosophischeste auf der Welt zu erklären: den Respekt vor der Macht und die Gewöhnung an Furcht, die den Respekt in Bewunderung verwandelt.» Christof fand dies Gefühl beim Größten und beim Kleinsten in Deutschland wieder — vom Wilhelm Tell an, dem bedächtigen, kleinen Spießbürger mit den Lastträgermuskeln, der, wie der freie Jude Börne sagt, um Ehre und Angst miteinander in Einklang zu bringen, vor dem Pfahl des «lieben Herrn Geßler» mit gesenkten Augen vorbeigeht, damit er sich darauf berufen könne, daß der nicht ungehorsam ist, welcher den Hut nicht sah —, «bis hinauf zu dem ehrenwerten siebzigjährigen Professor Weiße, einem der meistgeachteten Gelehrten der Stadt, der, wenn ein Herr Leutnant an ihm vorüber kam, ihm eilfertig den Fußsteig überließ und auf den Fahrdamm hinunterging».

[ 62 ] “You parry neatly. You resort to philosophical reasoning to explain the most unphilosophical thing in the world: respect for power and the habituation to fear, which transforms respect into admiration.” Christof found this sentiment reflected in everyone in Germany, from the greatest to the least—starting with Wilhelm Tell, the deliberate, small-minded philistine with the muscles of a porter, who, as the free Jew Börne says, in order to reconcile honor and fear, with his eyes downcast, so that he could claim that one who did not see the hat was not disobedient— “all the way up to the honorable seventy-year-old Professor Weiße, one of the city’s most respected scholars, who, when a lieutenant passed him, hastily yielded the sidewalk to him and stepped down onto the road.”

[ 63 ] Und weiter heißt es:

[ 63 ] It goes on to say:

[ 64 ] «Im übrigen trug Deutschland in der Tat die schwerste Sündenlast Europas. Wenn man den Sieg errungen hat, ist man dafür verantwortlich; man ist der Schuldner der Besiegten geworden. Man übernimmt stillschweigend die Verpflichtung, ihnen vorauszuschreiten, ihnen den Weg zu weisen. Der siegreiche Ludwig XIV. brachte Europa den Glanz der französischen Vernunft. Welches Licht hat das Deutschland von Sedan der Welt gebracht?» —

[ 64 ] “Incidentally, Germany did indeed bear the heaviest burden of sin in Europe. Once victory has been won, one is responsible for it; one has become indebted to the vanquished. One tacitly assumes the obligation to lead the way for them, to show them the path. The victorious Louis XIV brought the splendor of French reason to Europe. What light did the Germany of Sedan bring to the world?” —

[ 65 ] Dies also ist die liebevolle Schilderung. Doch ich darf nichts vergessen und darf, um nicht ungerecht zu sein, nicht verschweigen, daß doch auch an einer Stelle etwas von liebevoller Schilderung des deutschen Wesens aus diesem Roman klar und deutlich entgegenleuchtet. Das ist da, wo sich einmal ein deutscher Professor einer kleinen Stadt — selbstverständlich heißt er «Schulz» — für die Jugendwerke des Johann Christof begeistert, die von allen andern verkannt werden. Johann Christof ist einmal in der Lage, den alten Professor zu besuchen. Da finden sich noch zwei andere Bekannte ein, und da gibt es dann — neben dem, daß Johann Christof zum Entzücken der drei Leute seine Werke vorführt — ein Gelage, ein riesiges Mittagsgelage. Dabei hat dann Salome (!), die Köchin des alten Professors, der längst Witwer ist, ihre besondere Freude, wie alle essen können. Und es wird nun wirklich «kulturhistorisch-treu» und «liebevoll» ein Stück deutschen Wesens geschildert.

[ 65 ] So this, then, is the affectionate portrayal. But I must not forget anything, and—so as not to be unfair—I must not fail to mention that there is, after all, one passage in this novel where a loving portrayal of the German character shines through clearly and distinctly. This occurs when a German professor in a small town—whose name, of course, is “Schulz”—becomes enthusiastic about the early works of Johann Christof, which are misunderstood by everyone else. Johann Christof has the opportunity one day to visit the old professor. Two other acquaintances happen to drop by as well, and then—in addition to Johann Christof performing his works to the delight of the three—there is a feast, a huge luncheon. During the meal, Salome (!), the cook of the old professor, who has long been a widower, takes particular delight in seeing how everyone is able to eat. And a piece of the German spirit is now portrayed in a manner that is truly “culturally and historically accurate” and “affectionate.”

[ 66 ] Salome, um zu sehen, wie die da drinnen ein Stück deutschen Kulturwesens genießen, schaute durch die Türritze; und was sie sah, darüber heißt es:

[ 66 ] Salome peered through the crack in the door to see how those inside were enjoying a bit of German culture; and as for what she saw, it is said:

[ 67 ] «Es war wie eine Ausstellung der unvergeßlichen, ehrlichen, unverfälschten deutschen Küche mit ihren Düften aller Kräuter, ihren dicken Saucen, ihren nahrhaften Suppen, ihren vorbildlichen Fleischgerichten, ihren monumentalen Karpfen, ihrem Sauerkraut, ihren Gänsen, ihren Haustorten, ihren Anis- und Kümmelbroten.»

[ 67 ] “It was like an exhibition of unforgettable, honest, authentic German cuisine with its aromas of all kinds of herbs, its thick sauces, its hearty soups, its exemplary meat dishes, its monumental carp, its sauerkraut, its geese, its homemade cakes, and its anise and caraway breads.”

[ 68 ] Man braucht sich nicht zu verwundern, wenn Johann Christof, nachdem er das alles durchgemacht hat, «heraus will» aus dieser Umgebung, da seine Genialität eben in diesem Milieu nicht gedeihen kann. Aber von Frankreich weiß er eigentlich nichts, dieser Johann Christof. Er ist ganz ungebildet, eben nur ein großer Musiker. Da er aber nichts weiß, wird sein Gehen nach Frankreich in folgender Weise charakterisiert:

[ 68 ] It is no surprise that Johann Christof, after going through all of this, “wants to get out” of this environment, since his genius simply cannot flourish in this milieu. But this Johann Christof actually knows nothing about France. He is completely uneducated—merely a great musician. But since he knows nothing, his departure for France is characterized as follows:

[ 69 ] «Instinktiv (da er Frankreich nicht kannte!) aber schauten seine Augen nach dem lateinischen Süden. Und zu allererst nach Frankreich. Nach Frankreich, der ewigen Zuflucht aus deutscher Wirrnis.»

[ 69 ] “Instinctively (since he did not know France!), however, his eyes turned toward the Latin South. And first and foremost toward France. Toward France, the eternal refuge from German turmoil.”

[ 70 ] In Frankreich bekommt er seinen Freund Olivier. Der setzt ihm ein Licht auf über das junge Franzosentum. Und vielleicht hat das diesseits des Rheins so entzückt, was diese jungen Franzosen über die Deutschen sagen. Olivier unterrichtet Johann Christof über die besondere Auffassung des jungen Franzosentums über das Wesen des offiziellen Paris und über das, wogegen er früher ebenso polemisiert hat wie die andern:

[ 70 ] In France, he meets his friend Olivier. Olivier enlightens him about the “young French movement.” And perhaps that is what has so delighted people on this side of the Rhine—what these young Frenchmen say about the Germans. Olivier informs Johann Christof about the distinctive views of the young French generation regarding the nature of official Paris and about the very things he used to criticize just as vehemently as the others:

[ 71 ] «Die Besten unter uns sind abgesperrt, sind Gefangene auf unserm eigenen Boden... Niemals wird man wissen, was wir gelitten haben, wir, die am Genius unserer Rasse hängen, die wie ein heilig anvertrautes Gut das Licht, welches wir von ihm empfingen, bewahren und es gegen den feindlichen Atem, der es verlöschen möchte, verzweifelt verteidigen; und dabei stehen wir allein, fühlen rings um uns die verpestete Luft jener Metöken, die sich gleich einem Mückenschwarm auf unser Denken gestürzt haben und deren widerliche Larven unsere Vernunft benagen und unser Herz beschmutzen; von denen, deren Mission es wäre, uns zu verteidigen, unsern Vorgesetzten, unsern blöden oder feigen Kritikern, sind wir verraten; sie umschmeicheln den Feind, um sich Verzeihung dafür zu erwirken, daß sie unseres Geschlechtes sind; von unserm Volk, das sich nicht um uns kümmert, das uns nicht einmal kennt, sind wir verlassen... Welche Mittel haben wir, um uns ihnen verständlich zu machen? Wir können nicht bis zu ihnen gelangen... Und das ist das Schwerste. Wir wissen, daß wir unserer Tausende in Frankreich sind, die dasselbe denken; wir wissen, daß wir in deren Namen sprechen, und wir können nichts tun, um gehört zu werden! Der Feind besetzt alles: Zeitungen, Zeitschriften, Theater... Die Presse flieht jeden Gedanken oder läßt ihn nur zu, wenn er Vergnügungsinstrument oder Parteiwaffe ist. Intrigen und Literatencliquen lassen den Durchgang nur dem frei, der sich wegwirft. Elend und Überarbeitung drücken uns zu Boden. Die Politiker, die einzig darauf bedacht sind, sich zu bereichern, interessieren sich nur für das käufliche Proletariat. Die gleichgültige und eigennützige Bürgerschaft schaut unserem Sterben zu. Unser Volk kennt uns nicht; selbst die, welche gleich uns kämpfen, gleich uns von Schweigen umhüllt sind, wissen nichts von unserem Dasein, und wir wissen nichts von dem ihren... Unseliges Paris! Gewiß, es hat auch Gutes gewirkt, indem es alle Kräfte französischen Denkens in Gruppen ordnete. Aber das Übel, das es geschaffen hat, steht dem Guten mindestens gleich; und das Gute selbst wandelt sich in einer Epoche gleich der unseren in Böses. Es genügt, daß eine Pseudo-Elite Paris an sich reißt und die ungeheure Glocke der Öffentlichkeit läutet, um die Stimme des übrigen Frankreichs zu ersticken. Weit mehr noch: Frankreich verwirrt sich selbst; es schweigt bestürzt und drängt seine Gedanken ängstlich in sich selbst zurück... Früher habe ich unter all dem sehr gelitten. Jetzt aber, Christof, bin ich ruhig. Ich habe meine Kraft, habe die Kraft meines Volkes verstanden. Wir müssen nur warten, bis die Überschwemmung vorüberzieht. Frankreichs feinen Granit wird sie nicht benagen. Unter dem Schlamm, den sie mit sich treibt, will ich ihn dich fühlen lassen. Und schon treten hier und dort hohe Gipfel zutage...»

[ 71 ] “The best among us are locked away, prisoners on our own soil... No one will ever know what we have suffered—we who are devoted to the genius of our race, who preserve the light we received from it as a sacred trust and desperately defend it against the hostile breath that seeks to extinguish it; and in doing so we stand alone, feeling all around us the foul air of those metics who, like a swarm of mosquitoes, have descended upon our thoughts, and whose repulsive larvae gnaw at our reason and defile our hearts; we have been betrayed by those whose mission it should be to defend us—our superiors, our stupid or cowardly critics; they fawn over the enemy to secure forgiveness for being of our own kind; we are abandoned by our people, who do not care about us, who do not even know us... What means do we have to make ourselves understood to them? We cannot reach them... And that is the hardest part. We know that there are thousands of us in France who think the same way; we know that we speak on their behalf, and we can do nothing to be heard! The enemy controls everything: newspapers, magazines, theaters… The press shuns every idea or allows it only if it serves as an instrument of entertainment or a partisan weapon. Intrigues and literary cliques leave the way open only to those who sell themselves out. Misery and overwork are crushing us to the ground. The politicians, whose sole concern is to enrich themselves, are interested only in the proletariat that can be bought. The indifferent and self-serving middle class stands by and watches us die. Our people do not know us; even those who fight alongside us, who like us are shrouded in silence, know nothing of our existence, and we know nothing of theirs... Wretched Paris! Certainly, it has also done good by organizing all the forces of French thought into groups. But the evil it has created is at least equal to the good; and the good itself, in an era such as ours, turns into evil. It is enough for a pseudo-elite to seize Paris and ring the immense bell of public opinion to stifle the voice of the rest of France. Far more than that: France is confusing itself; it remains silent in dismay and anxiously withdraws its thoughts into itself... I used to suffer greatly from all of this. But now, Christof, I am at peace. I have come to understand my strength—and the strength of my people. We need only wait until the floodwaters recede. They will not erode France’s fine granite. Beneath the mud they carry with them, I want you to feel it. And already, here and there, high peaks are emerging...”

[ 72 ] Mehr braucht man ja eigentlich nicht, um dasjenige Franzosentum zu charakterisieren, welches jetzt den Krieg gegen Deutschland führt. Nun aber — ich möchte sagen — gibt es noch Schöneres. Dieser Roman ist also erschienen. Er ist ja auch ins Deutsche übersetzt worden. Ich möchte Ihnen nun noch ein paar Worte eines deutschen Kritikers dieses Romanes vorlesen, die in Form eines Briefes, der in einer Berliner Zeitung abgedruckt war, an Romain Rolland gerichtet waren.

[ 72 ] That is really all it takes to characterize the French spirit that is now waging war against Germany. But now—I would say—there is something even more beautiful. This novel has been published. It has also been translated into German. I would now like to read you a few words from a German critic of this novel, which were addressed to Romain Rolland in the form of a letter printed in a Berlin newspaper.

[ 73 ] «Die Vollendung Ihres «Jean Christo ist für mich noch mehr ein ethisches Ereignis als ein literarisches... Gobineau, Maeterlinck, Verhaeren und selbst Verlaine haben in Deutschland ihren lebendigen Ruhm, ihre wahrhafte Wirkung eher gehabt als in Frankreich, und nichts wäre gerechter, als daß auch Sie bei uns früher voll gewürdigt würden als in Ihrer Heimat, denn wie keines gehört Ihr Buch nach Deutschland, in das Land der Musik. Es ist in vielem ein deutsches Buch, ein Entwickelungroman wie der «Grüne Heinrich», wie der «Wilhelm Meisten... Die deutsche Musik, die Deutschland die Welt gewonnen hat, hat auch Sie zum Fürsprecher erkürt, sie war es, die Sie zur deutschen Sprache führte und Sie Goethe lieben ließ, dem Sie in Ihrem Werke vielfach ein Denkmal der Liebe und Verehrung gesetzt haben ...

[ 73 ] “For me, the completion of your *Jean Christo* is even more of an ethical event than a literary one... Gobineau, Maeterlinck, Verhaeren, and even Verlaine have enjoyed their living fame and exerted their true influence more in Germany than in France, and nothing would be more fitting than for you, too, to be fully appreciated here before you are in your homeland, for your book belongs in Germany—the land of music—more than any other. In many ways, it is a German book, a coming-of-age novel like *Green Henry* and *Wilhelm Meisten*... German music, which has won the world for Germany, has also chosen you as its advocate; it was German music that led you to the German language and made you love Goethe, to whom you have erected many monuments of love and reverence in your work...

[ 74 ] Ich finde mich selbst verwirrt, wie vielfach ich Ihnen eigentlich danken muß. Der Mensch, der Genießer, der Künstler, der Deutsche, der Weltfrohe in mir, jeder drängt sich vor und will Ihnen ein Wort sagen. Aber ein andermal ein Wort soll der Künstler über diesen Roman sprechen, ein andermal der Genießer, und der Mensch will warten, bis er Ihnen wieder die Hand drücken darf. Heute soll nur der Deutsche danken; denn ich habe das Gefühl, die französische Jugend ist uns näher geworden durch dieses Buch, das mehr getan hat als alle Diplomaten, Bankette und Vereine.»

[ 74 ] I find myself at a loss as to just how many times I ought to thank you. The man, the connoisseur, the artist, the German, and the world-lover within me—each one is pushing forward, eager to say a word to you. But let the artist speak about this novel another time, let the connoisseur speak another time, and let the human being wait until he may shake your hand again. Today, let only the German express his gratitude; for I have the feeling that French youth has drawn closer to us through this book, which has done more than all the diplomats, banquets, and associations combined.”

[ 75 ] Dies als eine Probe vor allen Dingen dafür, wie die tragende Kraft des deutschen Geistes mißverstanden werden kann, und wie die schmerzlich großen Ereignisse, die wir durchleben müssen, nach vielen Seiten hin augenöffnend wirken müssen, wahrhaftig: augenöffnend wirken müssen. Und verzeihen Sie, wenn ich ganz zum Schluß etwas vorbringe, was wie persönlich aussieht, was aber nur an Persönliches anknüpft, weil ich es heute gerade erfahren habe.

[ 75 ] This serves, above all, as an example of how the driving force of the German spirit can be misunderstood, and how the painfully significant events we are forced to endure must serve as an eye-opener in many ways—truly, they must serve as an eye-opener. And please forgive me if, at the very end, I bring up something that may seem personal, but which is only connected to the personal because I have just experienced it today.

[ 76 ] Die geisteswissenschaftliche Richtung, der wir angehören, stand vor Jahren in einem gewissen Verhältnis zu einer theosophischen Bewegung, welche in England und in Indien ihren Sitz hat. Es wurde diese Bewegung nach und nach so absurd, daß es mit wirklichem Wahrheitsgefühl nicht mehr vereinbar war, irgendwelche Gemeinschaft mit vielem dieser englischindischen theosophischen Bewegung zu haben. Viele Jahre vor diesem Krieg erfolgte daher eine absolute Trennung von ihr. Wir wurden damals genügend auch gerade von deutschen Anhängern jener Bewegung geschmäht; man kann vielleicht auch stärkere Worte gebrauchen. Aber man hätte gedacht, daß die Sache jetzt vorüber sei und daß nicht gerade jetzt ein Anlaß sei, darauf wieder zurückzukommen. Aber die Präsidentin dieser englisch-indischen Bewegung hat sich bemüßigt gefunden, gerade jetzt wieder auf diese Sache zurückzugreifen und uns Deutsche zu charakterisieren. Und sie tut es mit den folgenden Worten, die nicht aus persönlichen Rücksichten hier vorgebracht werden, sondern um zu zeigen, wie man von einer gewissen Seite her fähig ist, das, was wir als Deutsche aus unserem Wahrheitsgefühl heraus tun mußten, nun auf solche Weise zu charakterisieren:

[ 76 ] The spiritual scientific movement to which we belong had, years ago, a certain relationship with a theosophical movement based in England and India. This movement gradually became so absurd that it was no longer compatible with a genuine sense of truth to have any association with much of this Anglo-Indian theosophical movement. Many years before this war, therefore, we made a complete break with it. At that time, we were reviled—and perhaps even more strongly—by German followers of that movement in particular; one might even use stronger words. But one would have thought that the matter was now over and that there was no particular reason to revisit it at this very moment. However, the president of this Anglo-Indian movement has seen fit to revisit this matter precisely now and to characterize us Germans. And she does so with the following words, which are not presented here out of personal considerations, but to show how, from a certain perspective, one is capable of characterizing in such a way what we, as Germans, had to do out of our sense of truth:

[ 77 ] «... Jetzt wenn ich rückwärts blicke, im Lichte der deutschen Methoden, wie der Krieg sie uns offenbart, erkenne ich, daß die langandauernden Bemühungen, die theosophische Organisation einzufangen und einen Deutschen an ihre Spitze zu setzen —, der Zorn gegen mich, als ich diese Bemühungen vereitelte —, die Klage, daß ich über den verstorbenen König Eduard VII. als den Beschützer des europäischen Friedens gesprochen hatte, statt dem Kaiser die Ehre zu geben -, daß alles das ein Teil war der weit ausgebreiteten Kampagne gegen England, und daß die Missionare Werkzeuge waren, geschickt gebraucht durch die deutschen Agenten hier» — in Indien —, «um ihre Pläne durchzusetzen. Wenn sie hätten verwandeln können die Theosophische Gesellschaft in Indien mit ihrer großen Anzahl von Verwaltungsbeamten in eine Waffe gegen die britische Regierung und sie dazu hätten erziehen können, emporzuschauen zu Deutschland als zu ihrer geistigen Führerin — statt einzustehen, wie sie es immer getan hat, für den gleichwertigen Bund zweier freier Nationen: so hätte sie allmählich ein Kanal für Gift in Indien werden können.»

[ 77 ] “... Now, when I look back, in light of the German methods as the war has revealed them to us, I realize that the long-standing efforts to take over the Theosophical Society and place a German at its head— the anger directed at me when I thwarted those efforts—the complaint that I had spoken of the late King Edward VII as the protector of European peace, rather than giving that honor to the Kaiser—that all of this was part of the widespread campaign against England, and that the missionaries were tools, skillfully used by the German agents here” — in India —, “to carry out their plans. If they had been able to transform the Theosophical Society in India, with its large number of administrative officials, into a weapon against the British government and had been able to instill in it the notion of looking to Germany as its spiritual guide—instead of standing up, as it has always done, for the equal alliance of two free nations—then it could gradually have become a conduit for poison in India.”

[ 78 ] Das also sind wir, mit englisch-theosophischen Augen angesehen, in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung. Aber ich darf sagen — verzeihen Sie diese Bemerkung; Sie wissen ja, daß ich nicht gern persönliche Bemerkungen mache —, ich kann die Versicherung geben, daß ich keineswegs die Absicht gehabt habe, das alles zu tun, und vor allem nicht die Absicht hatte, die deutsche geisteswissenschaftliche Bewegung zu verlassen. Denn solches lebte nicht in mir und lebte, wie ich glaube, auch nicht in vielen anderen, die sich mit dem deutschen Geiste und seiner tragenden Kraft verbunden wissen, — was in Johann Christof gelebt hat, der durch seinen Instinkt aus Deutschland hinausgetrieben worden ist. Denn wenn es auch schwierig ist, die unmittelbaren Erscheinungen, auf die gerade das unverständige Auge des Reisenden Rolland gerichtet ist, in Zusammenhang mit der tragenden Kraft des deutschen Geistes zu finden, so muß man doch sagen: Die Wahrhaftigkeit des deutschen Wesens wird es immer mehr und mehr — gerade durch die Erfahrungen unserer schicksaltragenden Zeit — möglich machen, die Brücke zu schlagen zwischen dem, was wir im Alltagsleben erleben, und dem, was die tragende Kraft des deutschen Geistes ist. Und wenn uns geschildert werden all die Gestalten in Johann Christofs Umgebung, aus der ihn sein «Genie» heraustreibt, dann darf vielleicht zum Schlusse jetzt — ohne Überhebung selbstverständlich — etwas gesagt werden.

[ 78 ] So this is who we are, as seen through the lens of English Theosophy, in our spiritual science movement. But I must say—please forgive this remark; you know, after all, that I do not like to make personal remarks—I can assure you that I had no intention whatsoever of doing any of that, and above all, I had no intention of leaving the German spiritual science movement. For such thoughts did not dwell within me, nor, I believe, within many others who feel connected to the German spirit and its sustaining power—unlike Johann Christof, who was driven out of Germany by his instinct. For even if it is difficult to connect the immediate phenomena—to which the uninformed eye of the traveler Rolland is currently directed—with the sustaining power of the German spirit, one must nevertheless say: The authenticity of the German character will—precisely through the experiences of our fateful times—make it increasingly possible to bridge the gap between what we experience in everyday life and what constitutes the sustaining power of the German spirit. And when we are presented with all the figures in Johann Christof’s environment—from which his “genius” drives him—then perhaps, in conclusion, something may now be said—without presumption, of course.

[ 79 ] Ich will ja jetzt nicht einen Ausländer zitieren. Aber ich darf einen heranziehen, der schon längst tot ist, der im Jahre 1230 gestorben ist und der sich seinerseits auch darüber ausgesprochen hat, ob denn ein deutsches Genie durchaus durch seine Umgebung herausgetrieben werden müsse aus alle dem, was da in ihr lebt an Minnas und Rosas mit schiefen Nasen, die der deutsche Idealismus als die Nase der Juno Ludovisi kennt. Vielleicht nicht mit einem Genie wie Johann Christof, aber mit einem, von dem wir aus dem Zusammenhange mit der tragenden Kraft des deutschen Geistes wissen, daß es ein deutsches Genie war. Mit einem solchen deutschen Genie dürfen wir vielleicht doch — ohne Überhebung — einen Augenblick zusammen denken: mit Walther von der Vogelweide. Und wir dürfen es uns zugestehen: nicht mit Johann Christof, dem Helden, den Romain Rolland gezeichnet hat, ist zu beurteilen, wie deutsche Männer und deutsche Frauen auf ein Genie wirken, sondern eben mit einem Geiste wie Walther von der Vogelweide. Mit seinen Worten seien denn diese Betrachtungen geschlossen, an die sich morgen ein spezieller geisteswissenschaftlicher Vortrag anschließen soll.

[ 79 ] I don’t want to quote a foreigner right now. But I may refer to one who has long since passed away—who died in the year 1230—and who, for his part, also expressed an opinion on whether a German genius must indeed be driven out of its surroundings by all that lives there: Minnas and Rosas with crooked noses, which German idealism recognizes as the nose of Juno Ludovisi. Perhaps not with a genius like Johann Christof, but with one whom we know—from his connection to the driving force of the German spirit—to have been a German genius. With such a German genius, perhaps we may—without arrogance—think together for a moment: with Walther von der Vogelweide. And we may admit to ourselves: it is not by Johann Christof, the hero portrayed by Romain Rolland, that we are to judge how German men and women influence a genius, but rather by a spirit such as Walther von der Vogelweide. Let these reflections conclude with his words, to be followed tomorrow by a special lecture on the humanities.

[ 80 ] Walther von der Vogelweide wird nicht durch seinen Instinkt aus Deutschland fortgetrieben; er muß anders denken über die, unter denen er lebt. Ich weiß ja nicht, wie diese, wenn sie unter Romain Rollands Finger gerieten, geschildert würden; aber Walther von der Vogelweide sagt von ihnen — und das scheint mir auf besseres Verständnis zu deuten, als Romain Rolland es verrät —:

[ 80 ] Walther von der Vogelweide is not driven from Germany by his instincts; he must think differently about those among whom he lives. I don’t know how they would be portrayed if they fell under Romain Rolland’s pen; but Walther von der Vogelweide says of them—and this seems to me to indicate a deeper understanding than Romain Rolland reveals—:

Deutsche Mann sind wohlgezogen,
Gleich den Engeln sind die Weib getan,
Wer sie schilt, der ist betrogen,
Anders könnt ich nimmer sein verstahn.
Tugend und reine Minne,
Wer die suchen will,
Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel.
Lange möge ich leben darinne!

German men are well-bred,
Their women are like angels,
Whoever scolds them is deceived,
I could never understand it any other way.
Virtue and pure love,
Whoever seeks them,
Let them come to our land, where there is much joy.
May I live long in it!