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From a Fateful Time
GA 64

26 February 1915, Berlin

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From a Fateful Time, tr. SOL
  1. Aus schicksaltragender Zeit

8. Was ist am Menschenwesen Sterblich?

8. What is mortal about human beings?

[ 1 ] Über die Frage nach dem Sterblichen und Unsterblichen des Menschen möchte ich in den zwei Betrachtungen sprechen, von denen der heutige Abend, der erste, des Menschen Sterblichkeit hauptsächlich gewidmet sein soll, und der zweite Vortrag der nächsten Woche von des Menschen unsterblichem Wesen handeln soll. Wir leben ja in einer Zeit, in welcher der Materialismus, wenn er auch in unsern Tagen mehr oder weniger schon im Rückgange begriffen ist, doch weite Kreise ergriffen hat. Und wenn man sich auch über diese Tatsache dadurch täuschen will, daß man das Wort Materialismus vielfach verpönt, — die Denkweise und Gesinnung, die Nuance von Weltanschauung ist doch in fortwährendem Zunehmen begriffen, welche mit dem Worte Materialismus richtig bezeichnet werden muß.

[ 1 ] I would like to address the question of what is mortal and what is immortal in human beings in two lectures: tonight’s lecture, the first, will be devoted primarily to human mortality, and next week’s lecture, the second, will deal with the immortal nature of human beings. We live, after all, in a time in which materialism—even if it is already more or less on the decline in our day—has nevertheless taken hold in wide circles. And even if one wishes to delude oneself about this fact by often frowning upon the word “materialism”—the way of thinking, the mindset, and the nuance of worldview that must rightly be designated by the word “materialism” are nevertheless in a state of constant growth.

[ 2 ] Nun hat der Materialismus auf die Frage «Was ist am Menschenwesen sterblich?» im Grunde genommen eine recht, recht einfache Antwort. Er hat die Antwort: Am Menschenwesen ist eben alles sterblich. Man braucht ja nur gewissermaßen auf die Bibel der neueren materialistischen Zeit, auf David Friedrich Strauß’ «Alter und neuer Glaube» hinzuweisen, um dies zu erhärten. Zwar wird David Friedrich Strauß’ «Der alte und der neue Glaube» heute nicht mehr in solchem Maße gelesen, als das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Aber das ist weniger aus dem Grunde, weil man sich aus den innersten Impulsen, die David Friedrich Strauß’ Materialismus beherrschen, zurückgezogen hat, sondern es ist mehr deshalb, weil in unserer schnellebigen Zeit ein Buch ja kaum einige Jahrzehnte zu überleben in der Lage ist.

[ 2 ] Now, materialism essentially has a very, very simple answer to the question, “What is mortal about human beings?” Its answer is: Everything about human beings is mortal. One need only point, so to speak, to the “Bible” of the modern materialist era—David Friedrich Strauss’s *The Old and the New Faith*—to corroborate this. It is true that David Friedrich Strauss’s *The Old and the New Faith* is no longer read to the same extent today as it was a few decades ago. But this is not so much because people have distanced themselves from the innermost impulses that govern David Friedrich Strauss’s materialism, but rather because, in our fast-paced times, a book is hardly able to survive for even a few decades.

[ 3 ] Wir können uns die Frage vorlegen und müssen sie uns angesichts alles desjenigen, was innerhalb der heutigen materialistischen Weltanschauung zutage getreten und verhandelt worden ist, vorlegen: Kann der Materialismus dem Menschen in bezug auf seine berechtigten geistigen Fragen irgendeine Antwort geben, oder kann der Materialismus den Beweis liefern, daß die Fragen, die eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung aufwerfen muß, unberechtigt sind, daß sie sich gewissermaßen auf nichts beziehen? — Wenn man, sehr verehrte Anwesende, weiß, wie tief verankert die materialistische Weltanschauung in demjenigen ist, was vielen Menschen heute als das einzig wahrhaft Wissenschaftliche gilt, dann muß man diese Fragen mit einer ganz besonderen Intensität aufwerfen. Denn innerhalb der heutigen Wissenschaft, besser gesagt innerhalb der Anschauung, die sich für viele aus der heutigen Wissenschaft ergibt, liegen starke Impulse, die gegen die Wissenschaft vom Geiste einnehmen. Es liegen in dieser heutigen Wissenschaft viele Machtmittel, die ins Feld geführt werden können gegen so manches, was der eine oder andere von dieser oder jener Seite her gegen die materialistische Weltanschauung einzuwenden hat. Wer dasjenige, was durch die sogenannte naturwissenschaftliche Weltanschauung, die behauptet, einzig und allein auf dem Boden wahrer, wirklicher Tatsachen zu stehen, heraufgekommen ist, wirklich überschauen kann, der muß sich sagen: Nur dann kann eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung, wie sie hier in diesen Vorträgen immer wiederum vertreten wird, gewachsen sein den Anforderungen der gegenwärtigen Naturwissenschaft, wenn sie sich im vollsten Sinne des Wortes mit dieser Naturwissenschaft so auseinanderzusetzen versteht, daß diese Naturwissenschaft dabei zu ihrem vollen Rechte kommt.

[ 3 ] We can ask ourselves this question—and indeed must ask it—in light of everything that has come to light and been discussed within today’s materialistic worldview: Can materialism provide humanity with any answers to its legitimate spiritual questions, or can materialism prove that the questions a spiritual-scientific worldview must raise are unfounded—that they, so to speak, refer to nothing? — If one realizes, dear attendees, how deeply rooted the materialistic worldview is in what many people today regard as the only truly scientific perspective, then one must raise these questions with particular urgency. For within modern science—or rather, within the perspective that many derive from modern science—there are powerful impulses that take a stand against the science of the spirit. Within this modern science lie many powerful tools that can be deployed against many of the objections that one or another person might raise from this or that perspective against the materialistic worldview. Anyone who can truly grasp what has emerged through the so-called natural-scientific worldview—which claims to stand solely on the ground of true, real facts—must say to themselves: Only then can a spiritual-scientific worldview—as repeatedly advocated here in these lectures—be equal to the demands of contemporary natural science if it knows how to engage with this natural science in the fullest sense of the word, in such a way that natural science is thereby given its due.

[ 4 ] Mit denjenigen Einwendungen, die heute noch von vielen Seiten gemacht werden, wird, das muß durchaus zugegeben werden, die Naturwissenschaft im Grunde genommen recht leicht fertig; wenigstens insofern fertig, als sie mit ihren Gründen gegen die Unsterblichkeit der menschlichen Seele bei denjenigen leicht durchdringen wird, welche von vorneherein in ihrem Gemüte Anlagen mitbringen, das freie Wirken des Geistes, unabhängig von dem Materiellen, abzuleugnen.

[ 4 ] It must certainly be admitted that natural science can, in essence, quite easily deal with the objections that are still raised from many quarters today; at least to the extent that its arguments against the immortality of the human soul will readily prevail among those who, from the outset, possess a predisposition to deny the free activity of the spirit, independent of the material world.

[ 5 ] Geisteswissenschaft, das ist ja öfters betont worden, will sich hineinstellen in den geistigen Kulturprozeß unserer Zeit, und sie will dieses auf Grundlage — das darf wohl gesagt werden — einer völligen Umänderung, einer völligen Erneuerung desjenigen, was gewohnte Denkmanieren, gewohnte Vorstellungsarten der Menschen sind. Gerade aus diesem Grunde, weil Geisteswissenschaft an etwas appellieren muß, welches in den weitesten Kreisen heute unbekannt, wirklich unbekannt ist, auch in denjenigen Kreisen, die es zumeist bekämpfen, deshalb ist es so schwierig, diese Geisteswissenschaft der Zeitbildung wirklich einigermaßen begreiflich zu machen.

[ 5 ] Spiritual science—as has often been emphasized—seeks to place itself within the spiritual cultural process of our time, and it seeks to do so on the basis—and this may well be said—of a complete transformation, a complete renewal of what are people’s habitual ways of thinking and habitual modes of perception. Precisely for this reason—because spiritual science must appeal to something that is unknown, truly unknown, in the widest circles today, even in those circles that mostly oppose it—it is so difficult to make this spiritual science of the formation of the age truly comprehensible to any degree.

[ 6 ] Von dem, was man heute gewohnt ist, philosophische Denkweise zu nennen, unterscheidet sich Geisteswissenschaft ganz grundsätzlich. Philosophische Denkweise, die vor allen Dingen zu ihren Ergebnissen kommen will durch Vernunfterwägungen, durch bloße Begriffsverbindungen, durch Schlußfolgerungen und dergleichen, — philosophische Denkweise, wie sie heute vielfach aufgefaßt wird, sie ist nicht imstande, dasjenige zu ergreifen in der menschlichen Natur, was wirklich durch die Pforte des Todes geht, was wirklich zu leben vermag unabhängig von der Leiblichkeit, von der Körperlichkeit.

[ 6 ] Spiritual Science differs fundamentally from what is commonly referred to today as philosophical thinking. Philosophical thinking, which seeks above all to arrive at its conclusions through rational deliberation, through mere conceptual connections, through inferences, and the like, — philosophical thinking, as it is widely understood today, is incapable of grasping that aspect of human nature which truly passes through the gate of death, which is truly capable of living independently of physicality and corporeality.

[ 7 ] Für die Geisteswissenschaft ist aber diese rein philosophische, auf Begriffe und Vorstellungen der äußeren Welt sich stützende Anschauungsweise von vornherein etwas — verzeihen Sie den etwas trivialen Vergleich -, es ist diese, rein auf Vernunftgründen, wie man oftmals sagt, bauende Philosophie etwas, was ebensowenig zu wirklichen Ergebnissen über das geistige Leben kommen kann, ebensowenig den Geist hereinbekommen kann in die menschliche Erkenntnis, wie der Mensch sich ernähren kann dadurch, daß er sich selber ißt. Geradeso wie der Ernährungsprozeß ergreifen muß irgend etwas, was außerhalb seines Gefüges steht, wenn er der menschlichen oder der tierischen Organisation dienen will, so muß das menschliche Erkennen etwas ergreifen, was außerhalb der bloßen Begriffs- und Ideenverbindung und Ideenverkettung liegt, wenn die wahren Erkenntnisbedürfnisse des Menschen befriedigt werden sollen. Gerade da, wo der Materialismus in gewisser Weise, ich möchte sagen, am krassesten, aber auch am ehrlichsten hervorgetreten ist, bei David Friedrich Strauß’ «Alter und Neuer Glaube», haben wir ein Beispiel für die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wie dieser Materialismus in seiner strengen Logik zwar fortzuschreiten vermag von Schlußfolgerung zu Schlußfolgerung, wie er aber deshalb, weil es ihm unmöglich ist, auf eine geistige Wirklichkeit wirklich. einzugehen, sich dennoch in Widersprüche verwickelt, die zwar nicht bemerkt werden von dieser materialistischen Weltanschauung selbst, die aber bemerkt werden von demjenigen, der sich geschult hat zu einer gewissen Universalität des Denkens. In seinem Buche «Alter und neuer Glaube» bringt also David Friedrich Strauß unter den mancherlei Beweisen über die menschliche Unsterblichkeit, die er da abkanzeln will, auch den Goetheschen Gedanken von der Unsterblichkeit. Er greift diesen Gedanken auf und benimmt sich dabei ganz merkwürdig. David Friedrich Strauß gesteht zwar zu, daß Goethes Unsterblichkeitsgedanke etwas Heroisches habe, aber er kanzelt dann doch dieses Heroische ab — man möchte das Wort gebrauchen, das Nietzsche für David Friedrich Strauß geprägt hat — wie ein rechter Philister. Goethe hat nicht einen, sondern viele Aussprüche über die menschliche Unsterblichkeit getan. Für Strauß kommt nur der eine, den ich jetzt erwähnen will, in Betracht.

[ 7 ] For the humanities, however, this purely philosophical approach—which relies on concepts and ideas of the external world—is, from the outset, something—forgive me for the somewhat trivial comparison— this philosophy, which, as is often said, is based purely on rational grounds, is something that can no more yield real results regarding spiritual life, nor bring the spirit into human knowledge, than a person can nourish themselves by eating themselves. Just as the process of nourishment must take in something that lies outside its own structure if it is to serve the human or animal organism, so human cognition must take in something that lies outside the mere connection and chaining of concepts and ideas if the true cognitive needs of human beings are to be satisfied. Precisely where materialism has emerged in a certain way—I would say in the most blatant, but also the most honest manner—in David Friedrich Strauss’s *Old and New Faith*, we have an example from the second half of the nineteenth century of how this materialism, in its strict logic, is indeed capable of progressing from conclusion to conclusion, yet—precisely because it is impossible for it to truly engage with a spiritual reality— it nevertheless becomes entangled in contradictions—contradictions that go unnoticed by this materialist worldview itself, but which are perceived by those who have trained themselves to think with a certain universality. In his book *Old and New Faith*, David Friedrich Strauss thus includes, among the various proofs of human immortality that he seeks to refute, Goethe’s idea of immortality. He takes up this idea and behaves quite strangely in doing so. David Friedrich Strauss does admit that Goethe’s idea of immortality has something heroic about it, but he then dismisses this heroism—one might use the term Nietzsche coined for David Friedrich Strauss—like a true philistine. Goethe made not one, but many statements about human immortality. For Strauss, only the one I am about to mention is of any significance.

[ 8 ] Goethe steigt der Gedanke auf, daß die menschliche Seele, wenn sie sich selbst zu erfassen versucht, in sich gewahr wird, wie sie Anlagen und Befähigungen hat, welche sie durchaus nicht in einem Menschenleben zur vollen Entwickelung und Entfaltung bringen kann; und nun kommt Goethe aus der Tiefe seines Wesens und zugleich aus dem, was ich gestern «die tragende Kraft des deutschen Geistes» nannte, das Wort herauf: Wenn die Natur mir solche Anlagen verliehen hat, welche nicht in diesem Leben befriedigt werden können, so ist sie verpflichtet, mir nach dem Tode ein anderes Leben anzuweisen, wo diese verschiedenen Anlagen wirklich zur Entfaltung kommen können.

[ 8 ] The thought occurs to Goethe that when the human soul attempts to grasp itself, it becomes aware that it possesses inclinations and abilities which it cannot possibly bring to full development and realization within a single human lifetime; and now, from the depths of his being and at the same time from what I yesterday called “the sustaining force of the German spirit,” the following words rise up in Goethe: “If nature has endowed me with such inclinations that cannot be fulfilled in this life, then it is obligated to assign me, after death, another life where these various inclinations can truly come to fruition.”

[ 9 ] Nun, erstens macht Strauß gewissermaßen eine Art Witz, indem er sagt: Vielleicht sei ja die Natur dazu verpflichtet; aber wer sage uns denn, daß die Natur diese Verpflichtung auch hält? Aber noch etwas anderes wendet er ein. Er sagt: Widerspricht denn nicht die gesamte Naturwissenschaft der Anschauung, daß alle Anlagen, welche innerhalb der Wesensreihen der Natur zutage treten, auch wirklich entwickelt werden? Könnte es denn nicht sein, daß allerdings in der Menschennatur Anlagen sich entwickeln, die nicht zur letzten Vervollkommnung, nicht zur Ausbildung kommen? Und nun sieht es allerdings sehr logisch aus, wenn David Friedrich Strauß sagt: Daß nicht alle Anlagen zur Entfaltung kommen, das könne man ja sehr deutlich an den Fischkeimen sehen, wie Tausende von Fischkeimen entstehen und wie wenige davon sich entwickeln. Es könne aber jedem klar sein, der einmal über Felder oder durch Gärten gegangen ist und gesehen hat, wieviel Äpfel gefallen sind und vergehen, ohne daß sie zu ihrer Entfaltung kommen.

[ 9 ] Well, first of all, Strauss makes a sort of joke, so to speak, by saying: Perhaps nature is indeed obligated to do so; but who is to tell us that nature actually fulfills this obligation? But he raises another objection as well. He says: Does not the entire field of natural science contradict the view that all predispositions that manifest themselves within the taxonomic ranks of nature are actually developed? Could it not be that, in human nature, there are predispositions that do not reach their ultimate perfection or come to full development? And now it certainly seems very logical when David Friedrich Strauss says: “That not all predispositions come to fruition can be seen very clearly in fish eggs—how thousands of fish eggs are produced and how few of them develop. But it should be clear to anyone who has ever walked through fields or gardens and seen how many apples have fallen and rotted away without ever coming to fruition.”

[ 10 ] Nun kann man sagen: das ist alles gewiß richtig und das schaut so aus, als ob es überzeugend sein könnte. Aber man muß dann, wenn man das Denken etwas universeller in sich gestaltet, auf den Einwurf kommen: ja, gehen denn alle Äpfel zugrunde? Fallen sie alle, bevor sie entwickelt sind, vom Baum? Oder, kommen gar keine Fischkeime zur Entfaltung? — Zeigt also nicht gerade die Natur dadurch doch, daß sie es im Grunde auf die wirkliche letzte Entfaltung aller Keime abgesehen hat? — Wenn dann der Mensch in sich bemerkt, daB gewisse Anlagen in ihm sind, welche nicht innerhalb seines Lebens bis zum Tode zur Entfaltung kommen, dann müßte ja — nach Straußscher Logik — bei jedem Menschen die Entfaltung derartiger Anlagen nicht erreicht werden. Das zeigt uns aber das Leben durchaus nicht. David Friedrich Strauß aber zeigt uns, daß er nicht zu Ende denken kann. Allerdings, das ist ihm noch nicht genug, sondern er findet noch etwas anderes. Man braucht nicht einmal zwischen den Zeilen zu lesen, sondern es steht ziemlich grobklotzig da, was ich nur in ein bißchen andere Worte übersetzen will. David Friedrich Strauß sagt etwa so: Im Grunde genommen ist ja der Goethesche Ausspruch nicht einmal richtig. Denn betrachtet man den alten Goethe, so findet man ganz klar, daß Goethe alle seine Anlagen eigentlich zur Entfaltung bringen konnte. Dann macht er uns darauf aufmerksam, daß eigentlich jeder Mensch durchaus, richtig betrachtet, finden wird, daß seine Anlagen zur Entfaltung kommen. — Wenn Strauß nur ein wenig bescheidener gewesen wäre, so würde ihm vielleicht der Gedanke aufgegangen sein, daß vielleicht Goethe doch ein größeres Recht gehabt hat, von unvollendeten Anlagen zu sprechen in der Menschennatur, die erst ihre Entfaltung suchen, als Strauß.

[ 10 ] Now one might say: all of this is certainly true, and it seems as though it could be convincing. But if one adopts a somewhat more universal way of thinking, one must then ask: Do all apples perish? Do they all fall from the tree before they are fully developed? Or do no fish embryos ever reach maturity? — Does nature not thereby demonstrate that, at its core, it is aimed at the true, ultimate development of all embryos? — If a person then realizes that there are certain potentials within them that do not come to fruition within the span of their life until death, then—according to Strauss’s logic—the fulfillment of such potentials would not be achieved in any human being. But life certainly does not show us that. David Friedrich Strauss, however, shows us that he cannot think things through to their conclusion. Indeed, that is not enough for him; he finds something else as well. One does not even need to read between the lines—it is stated quite bluntly, and I will simply rephrase it in slightly different words. David Friedrich Strauss says something like this: “Strictly speaking, Goethe’s statement isn’t even correct. For if one considers the elderly Goethe, one finds quite clearly that Goethe was actually able to bring all his aptitudes to full development.” He then draws our attention to the fact that, strictly speaking, every human being will find that his or her aptitudes do indeed come to fruition. — If Strauss had been just a little more modest, it might have occurred to him that perhaps Goethe was, after all, more justified than Strauss in speaking of unfulfilled potentials in human nature that are still seeking to unfold.

[ 11 ] So können wir aus diesem Beispiel ersehen — und es könnten Hunderte und Tausende solcher Beispiele angeführt werden —, wie gewissermaßen ein allgemeiner Gang der bloßen philosophischen Spekulation, auch wenn sie eine materialistische Färbung hat, durchaus nicht auf etwas anderes kommt, als daß sie in einen leicht widerlegbaren Widerspruch ausläuft, der sich selbst zerstört vor der universell betrachtenden Seele.

[ 11 ] Thus, we can see from this example—and hundreds or thousands of such examples could be cited—how, in a sense, a general course of mere philosophical speculation, even if it has a materialistic slant, ultimately leads to nothing other than a contradiction that is easily refuted and destroys itself in the eyes of the universally observing soul.

[ 12 ] Wenn man sich fragt, wie der Mensch eigentlich dazu kommt, es so schwierig zu haben, über das Unsterbliche in seiner Seele zu sprechen, so muß man sich allerdings die Antwort geben: Der Mensch lebt zwar zwischen Geburt und Tod, wie wir gleich sehen werden, durchaus in dem, was in ihm sterblich ist, was in seinem Wesen vergänglich ist. Und man möchte sagen: nur leise und intim tritt auf dasjenige, was im Menschenwesen unsterblich ist, tritt das unsterbliche Teil zutage. Ja, man kann sagen, so leise und intim tritt dieses Unsterbliche auf, daß im gewöhnlichen Leben die menschliche Seele nicht die Kraft, die Ausdauer, vor allen Dingen aber nicht in einem höheren Sinne entwickelte Aufmerksamkeit genug hat, um zu beobachten, was sich da intim und leise als das Unsterbliche in ihr ankündigt.

[ 12 ] If one asks oneself how it is that human beings actually find it so difficult to speak of the immortal aspect of their soul, one must indeed answer: Although human beings live between birth and death—as we shall see in a moment—they do so entirely within that which is mortal within them, that which is transitory in their being. And one might say: what is immortal in the human being—the immortal part—manifests itself only softly and intimately. Indeed, one can say that this immortality manifests so softly and intimately that, in ordinary life, the human soul lacks the strength, the endurance, and—above all—the attention developed in a higher sense necessary to observe what is quietly and intimately making itself known within it as the immortal.

[ 13 ] Wenn wir die menschliche Seele betrachten in ihrem Leben, so wie sie sich äußert, so tritt sie uns gewissermaßen in drei Äußerungsweisen entgegen: als denkende Seele, als fühlende Seele, als wollende Seele. Nun ist ja hier in diesen Vorträgen öfter auseinandergesetzt worden, daß der Weg der Geisteswissenschaft in die geistigen Welten hinein darin besteht, daß in den Tiefen der Seele liegende Kräfte aus ihr hervorgeholt werden, um Denken, Fühlen und Wollen zu einer hohen Ausbildung, zu einer schärferen intensiveren Berätigung zu bringen als derjenigen, in der sie gewöhnlich sind, damit sie durch diese Ausbildung, durch diese Betätigung zu Organen werden können, die den Menschen nicht nur befähigen, das Physische zu ergreifen, sondern ihn befähigen zum Ergreifen des Geistigen, das überall um uns herum ist. Nun geht aber die gewöhnliche Betrachtung, die sich über das Sterbliche und Unsterbliche im Menschenwesen klar werden will, zumeist davon aus, daß sie dieses Sterbliche und Unsterbliche der Seele betrachtet und sich nun fragt: Ist in diesem Denken, Fühlen und Wollen irgend etwas zu finden, was verrät, daß der Mensch aus dem Sterblichen ins Unsterbliche etwas hineinzutragen vermag?

[ 13 ] When we consider the human soul in its life, as it manifests itself, it presents itself to us, so to speak, in three modes of expression: as a thinking soul, as a feeling soul, and as a willing soul. Now, it has often been discussed in these lectures that the path of spiritual science into the spiritual worlds consists in bringing forth from the depths of the soul the powers that lie there, in order to raise thinking, feeling, and willing to a higher level of development, to a sharper and more intense activity than they usually possess, so that through this development and this activity they may become organs that enable human beings not only to grasp the physical, but also to grasp the spiritual, which is all around us. Now, however, the ordinary line of thought that seeks to gain clarity about the mortal and the immortal in the human being usually assumes that it is observing this mortal and immortal aspect of the soul and then asks: Is there anything to be found in this thinking, feeling, and willing that reveals that human beings are capable of carrying something from the mortal into the immortal?

[ 14 ] Da muß ich anknüpfen an dasjenige, was ich in einem der Vorträge dieses Winters schon gesagt habe über die Entwickelung der eben angedeuteten menschlichen Fähigkeiten zur geisteswissenschaftlichen Forschung, um auszuführen, inwiefern gefunden und nicht gefunden werden kann im Denken, Fühlen und Wollen dasjenige, was das Sterbliche im Menschen von dem Unsterblichen unterscheiden läßt. Als einer der Wege in die geistige Welt hinein wurde ja hier oft bezeichnet dasjenige, was man die Konzentration des Gedankenlebens, des Denkens nennt. Nur kurz will ich darauf aufmerksam machen, worin diese Konzentration besteht und wozu sie führt. Wenn wir irgendeinen Gedanken, am besten einen solchen, den wir uns selbst gebildet haben, also nicht einen Gedanken, den die äußere Welt in uns anregt, — wenn wir einen solchen von uns selbst gebildeten Gedanken in den Horizont unseres Bewußtseins hineinstellen, wenn wir alles dasjenige vergessen, was um uns und was sonst in uns lebt, und nur eins werden mit diesem einen Gedanken, wenn wir eine gewisse Zeit ganz in diesem einen Gedanken nur leben können, dann können wir alles dasjenige, was wir an Seelenkräften sonst auf die gesamte Betätigung des Menschen verwenden, auf diesen einen Gedanken hinwerfen, dann wird der immer stärker und stärker gemacht; dann fließt unser ganzes Wesen mit diesem Gedanken zusammen, wir konzentrieren uns auf diesen Gedanken. Dieses Erlebnis tritt ein als die Folge der geisteswissenschaftlichen Erfahrung, die aber dadurch herbeigeführt wird, daß man nicht müde wird, immer wieder und wiederum einen Gedanken in den Mittelpunkt seines Bewußtseins zu stellen und sich ganz mit ihm zu identifizieren. Denn man muß oft jahrelang diese innere Energie und Ausdauer, diese gespannte Aufmerksamkeit auf einen Gedanken verwenden. Wenn man auch der Vorsicht halber sagt, man darf diese Sache nicht übertreiben, so muß doch eine kurze Zeit täglich einer solchen Übung gewidmet sein, wenn man aber je nach seinen Anlagen, je nach dem, wie das Gefüge der Seele nach dem Erlebnis des Menschen ist, sich einer solchen Übung hingegeben hat, bekommt man eine gewisse Erfahrung, man kommt in ein gewisses Erlebnis hinein. Bis zu einem gewissen Punkt verstärkt sich dieser innerlich konzentrierte Gedanke; er wird immer heller und heller; der eine Gedanke ergreift uns immer mehr und mehr, nimmt uns immer mehr und mehr in Anspruch, und wir fühlen uns, indem wir uns konzentriert haben, so, daß wir vergessen können die Welt, wir fühlen uns immer stärker und stärker drinnen in diesem Gedanken. Aber gerade wenn wir uns stark fühlen in diesem Gedanken, fühlen wir zugleich, wie dieser Gedanke uns gleichsam entschwindet, und wie mit diesem Gedanken die Kraft, unser Denken in dieser Weise anzuwenden, gleichsam erstirbt. Wir fühlen uns mit diesem Gedanken so, wie wenn der Gedanke und damit wir selbst von Mächten, die um uns herum leben, hingenommen würden; wie wenn unser Denken sich uns verdunkelte von einem gewissen Momente ab. Das alles muß selbstverständlich durchaus ein seelischer Prozeß bleiben, dann allein ist er ein gesunder Prozeß. Es ist heute nicht die Zeit dazu, zu erwähnen, daß alle Einwände, die von der Pathologie, von der Psychopathologie gemacht werden, das Richtige durchaus nicht treffen, wenn sie sagen, daß der Mensch sich auf diese Weise in Illusionen und Selbstsuggestionen hineinarbeiten würde, daß er zu Vorstellungen kommen müsse, die krankhafter Natur seien. Man braucht nur die betreffenden Kapitel meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zu lesen, dann wird man sehen, daß der Weg, der hier gekennzeichnet worden ist, gerade der gesündeste Seelenweg ist, wenn er eben richtig beschritten wird. Man fühlt dann, wenn der Moment herbeigekommen ist, wie eine um uns liegende geistige Macht uns gleichsam den Gedanken entreißt und in uns ihn ersterben läßt; man fühlt dann dasjenige, was die Seele durchmachen muß, um den Weg ins Geistige zu finden. Man fühlt, wie wenn man geistig — auch das wurde hier schon angedeutet — den Boden unter den Füßen verlieren würde. Man fühlt, wie wenn man in einer gewissen Weise mit dem Nichts Bekanntschaft geschlossen hätte. Und es kann den Menschen leicht ein Zustand überkommen, der sich vergleichen läßt mit einer grenzenlosen Furcht. Aber gerade ein solcher Zustand ist geeignet, gewisse Kräfte, die sonst im Menschen unentwickelt bleiben, aus seiner Seele hervorzuholen. Denn in der Überwindung solcher Zustände, die ich jetzt mit Furcht verglichen habe, und mancher anderen, die zu den Erfahrungen des Geistesforschers gehören, werden tiefe Kräfte der Seele, die sonst unentfaltet bleiben, entfaltet, und darin liegt jene Erstarkung des inneren Seelenlebens, durch die allein der Mensch den Weg in die geistigen Welten hinein finden kann.

[ 14 ] Here I must build upon what I have already said in one of this winter’s lectures regarding the development of the human faculties for spiritual scientific research that I have just alluded to, in order to explain to what extent it is possible—or impossible—to find in thinking, feeling, and willing that which distinguishes the mortal from the immortal in human beings. One of the paths into the spiritual world that has often been mentioned here is what is called the concentration of the life of thought, of thinking. I would like to briefly draw attention to what this concentration consists of and where it leads. When we place any thought—preferably one we have formed ourselves, that is, not a thought stimulated in us by the external world—when we place such a thought of our own making within the horizon of our consciousness, when we forget everything that lives around us and within us, and become one with this single thought, if we can live entirely within this one thought for a certain time, then we can direct all the soul forces that we otherwise devote to the entirety of human activity toward this one thought; then it becomes stronger and stronger; then our whole being merges with this thought, and we concentrate on it. This experience arises as a result of spiritual scientific practice, which, however, is brought about by never tiring of placing a thought again and again at the center of one’s consciousness and identifying completely with it. For one must often devote this inner energy and perseverance—this intense focus—to a single thought for years on end. Even if, out of caution, one says that one must not overdo this practice, a short time each day must still be devoted to such an exercise; but when one has devoted oneself to such an exercise—in accordance with one’s own aptitudes and the structure of one’s soul as shaped by one’s life experiences—one gains a certain experience and enters into a certain state of experience. Up to a certain point, this inwardly concentrated thought intensifies; it becomes brighter and brighter; this single thought grips us more and more, absorbs us more and more, and as we concentrate, we feel as though we can forget the world; we feel ourselves drawn ever deeper into this thought. But just when we feel strong within this thought, we simultaneously feel how this thought, as it were, slips away from us, and how, with this thought, the power to apply our thinking in this way, as it were, dies away. With this thought, we feel as if the thought—and thus ourselves—were being taken away by forces that live all around us; as if our thinking were darkening for us from a certain moment onward. All of this must, of course, remain an entirely psychological process; only then is it a healthy process. This is not the time to mention that all the objections raised by pathology and psychopathology miss the mark entirely when they claim that a person would, in this way, work themselves into illusions and self-suggestions, and that they would inevitably arrive at ideas of a pathological nature. One need only read the relevant chapters of my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* to see that the path outlined here is precisely the healthiest path for the soul—provided it is followed correctly. When the moment arrives, one feels as if a spiritual power surrounding us were, so to speak, snatching the thought away and allowing it to die within us; one then feels what the soul must go through in order to find the path into the spiritual realm. One feels as if, spiritually—as has already been hinted at here—one were losing the ground beneath one’s feet. One feels as if, in a certain sense, one had become acquainted with nothingness. And a state can easily come over a person that is comparable to boundless fear. But it is precisely such a state that is suited to drawing certain powers—which would otherwise remain undeveloped in the person—out of their soul. For in overcoming such states—which I have just compared to fear—and many others that are part of the spiritual researcher’s experiences, deep powers of the soul that would otherwise remain undeveloped are unfolded; and therein lies that strengthening of the inner life of the soul through which alone a person can find the path into the spiritual worlds.

[ 15 ] Wenn man eine solche Erfahrung, wie sie hier angedeutet worden ist, durchgemacht hat, hat man noch ein anderes Gefühl. Und alle diese Erlebnisse, die dazu führen, daß man in die geistige Welt wirklich seinen Einzug halten kann, sind intimer Art, sind feine, leise Vorgänge der menschlichen Seele. Indem man bis zu dem angedeuteten Punkte gekommen ist, fühlt man, wie wenn dasjenige, was man bisher als die menschliche Denkfähigkeit angesprochen hat, dasjenige, was in uns denkt, was die Kraft, die Macht zu denken hat, — wie wenn das aus uns hinausginge und zur Welt hinginge, wie wenn man es zunächst verlöre und wie wenn man selbst mit ihm in die objektive Welt hinaus entrückt würde. Solche Erfahrungen muß man machen; man muß sie machen so, daß man sie wirklich in ihrer Realität, in ihrer Wirklichkeit für den Menschen kennenlernt, sonst kann man über sie nicht in einem wahrhaftigen Sinne sprechen. Damit der Mensch aber nicht stehen bleibt bei dieser Erfahrung, als ob ihm nur dasjenige, was bisher in ihm als das Gedankliche gelebt hat, entrissen würde und er mit diesem Gedanklichen, das ihm entrissen wird, hinaus in die Welt entrückt würde, damit er nicht stehen bleibt bei diesem Erlebnis — denn es würde dieser Erkenntnisprozeß einfach ihn in ein Nichts verfallen lassen —, muß ein anderes dazu kommen. Ich habe es öfter hier geschildert unter dem Namen Meditation.

[ 15 ] Once one has gone through an experience such as the one described here, one has yet another feeling. And all these experiences, which lead to one’s truly entering the spiritual world, are of an intimate nature; they are subtle, quiet processes of the human soul. Upon reaching the point described, one feels as if what one has hitherto referred to as the human capacity for thought—that which thinks within us, that which possesses the power to think—were to leave us and go out into the world, as if one were first to lose it and then to be carried out into the objective world along with it. One must have such experiences; one must have them in such a way that one truly comes to know them in their reality, in their actuality for human beings; otherwise, one cannot speak of them in a genuine sense. But so that a person does not remain stuck at this experience—as if only that which has hitherto lived within them as thought were being torn away, and they were being carried out into the world along with this thought that is being torn from them—so that they do not remain stuck at this experience—for this process of cognition would simply cause them to sink into nothingness—something else must be added. I have described it here on several occasions under the name “meditation.”

[ 16 ] Eine Meditation ist auch hier schon angedeutet worden, — eine Meditation über etwas, wovon wir gewohntermaßen als von etwas sprechen, was außerhalb des Menschen ist, von dem wir aber, wenn wir nur das einzelne Menschenleben anschauen, sehen können, wie innig es mit dem Menschen verknüpft ist. Wenn wir hinblicken auf dasjenige, was wir in diesem Leben zwischen der Geburt und unserem jetzigen Lebenspunkt durchlebt haben und was wir als unser Schicksal zusammenfassen, dann sind wir gewohnt zu sagen: dieser oder jener Schicksalsschlag hat uns da oder dort getroffen. Aber bei einer genaueren Überlegung kann es sich schon für das gewöhnliche Leben zeigen, wie einseitig ein solcher Ausspruch ist. Wenn man sich prüft: Was bist du denn heute? Was kannst du heute? Welche Fähigkeiten trägt deine Seele? — dann müssen wir hinblicken auf dasjenige, was wir durchgemacht haben. Wir suchen meistens den Zusammenhang nicht; suchen wir ihn aber, so klärt er uns auf, was wir eigentlich im gegenwärtigen Moment sind. Er klärt uns auf darüber, wie wir diese oder jene Fähigkeiten nicht haben würden, wenn uns dieser oder jener Schicksalsschlag, Schicksalszufall vor zwanzig oder dreißig Jahren oder mehr nicht getroffen und uns hingelenkt hätte, uns diese Fähigkeiten anzueignen. Hätten wir sie aber nicht, so würde unser Selbst im Konkreten etwas ganz anderes sein. Wir bestehen ja mit unserem Selbst aus unseren Fähigkeiten, unseren Kräften. Sie werden aber uns zugetragen durch dasjenige, was unser Schicksal ist. Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, dann sagt man sich: Wir sind viel inniger verbunden mit dem, was unser Schicksal ist, als man gewöhnlich glaubt. Man wächst in sein Schicksal hinein mit dem Intimsten, mit dem Ich. Und man kommt endlich zu dem Gedanken: Im Grunde genommen ist dein Selbst dadurch geworden, daß dir diese oder jene Schicksalsschläge, die guten oder die schlimmen, zugestoßen sind; aber du bist aus ihnen geworden. Das, was du jetzt bist, lag in deinem Schicksal. Unser Ich geht aus uns hinaus, geht in unser Schicksal herein. Wenn man in einer solchen Weise wirklich dasjenige, was man gewöhnlich Schicksal nennt, durchfühlen lernt, wenn man sich wirklich vollständig damit verbindet, so gelangt man dazu, jetzt nicht das Denken, wohl aber den Willen auf das ganze Schicksal auszudehnen und sich zu sagen: Wenn du dich erkennen willst, wie du jetzt bist, mußt du deinen Willen ausbilden. In bezug auf deinen gesamten Schicksalszustand mußt du dir sagen: Du bist, der du jetzt bist, weil dein Ich zu dem geworden ist, was es jetzt ist. Wir sind in dem Schicksal voll drinnen. Das heißt: Wir verstehen, daß wir uns, wenn wir uns jetzt wollen, in unserem Schicksal wollen müssen, mit anderen Worten: daß ich es selbst bin, der in dem Schicksal :waltet, webt und west.

[ 16 ] A meditation has already been hinted at here—a meditation on something we customarily speak of as existing outside of human beings, yet which, when we consider the individual human life alone, we can see is intimately connected to the human being. When we look back on what we have experienced in this life between birth and our present moment—what we summarize as our destiny—we are accustomed to saying: this or that stroke of fate struck us here or there. But upon closer reflection, even in ordinary life it becomes clear how one-sided such a statement is. If we ask ourselves: What are you today? What can you do today? What abilities does your soul possess? — then we must look to what we have gone through. We usually do not seek this connection; but when we do seek it, it reveals to us what we actually are in the present moment. It reveals to us that we would not possess this or that ability if this or that stroke of fate, this or that twist of fate, had not struck us twenty or thirty years ago—or more—and guided us to acquire these abilities. But if we did not have them, our self, in concrete terms, would be something entirely different. After all, our self consists of our abilities and our strengths. Yet these are bestowed upon us through what constitutes our destiny. If one thinks this thought through to its conclusion, one realizes: We are much more intimately connected to our destiny than is commonly believed. We grow into our destiny with the most intimate part of ourselves—the “I.” And we finally arrive at the realization: Fundamentally, your self has come into being because this or that stroke of fate—whether good or bad—has befallen you; but you have been shaped by them. What you are now was already contained in your destiny. Our “I” extends beyond ourselves and enters into our destiny. If one truly learns to feel deeply what is usually called fate in this way, if one truly connects with it completely, then one comes to the point where—not one’s thinking, but one’s will—is extended to encompass one’s entire fate, and one says to oneself: If you want to know yourself as you are now, you must develop your will. With regard to your entire state of destiny, you must tell yourself: You are who you are now because your “I” has become what it is now. We are fully immersed in destiny. That is to say: We understand that if we want ourselves now, we must want ourselves within our destiny—in other words, that it is I myself who “reigns, weaves, and dwells” within destiny.

[ 17 ] Dasjenige, was uns schicksalsmäßig geschehen ist, von dem lernen wir sagen: Wir haben es uns selbst zugefügt; wir waren in jedem einzelnen Schlage unseres Schicksals darin. Der Wille des Menschen — das kann wiederum nur die Erfahrung zeigen — wird dadurch, daß er so sein Schicksal als mit seinem eigenen Wesen voll identisch ergreift, daß er seinen Willen, indem er sein Schicksal will, ganz besonders verstärkt, — der Wille des Menschen wird, indem er so erstarkt wird, zu demjenigen, was sich nun auf eine andere Art, als das vorher beim Denken charakterisiert worden ist, gewissermaßen loslöst von dem Menschen, wie er dasteht vor anderen. Während wir das Denken durch die Konzentration aus uns herausgetrieben haben, gelingt es uns bei einer solchen Verstärkung des Willens, wie sie geschildert worden ist in dem Ergreifen des Schicksalsgedankens, daß wir in etwas hineingehen, was außer uns liegt, was, wie wir sagen, uns zufällt. Wir treten in etwas ein mit unserem Willen, das wir sonst der Außenwelt zuschreiben. Wenn wir so den Willen stählen, ihn stärken, intensiv machen, dann kommt es dazu, daß wir eine zweite geisteswissenschaftliche Erfahrung machen. Sie besteht darin, daß der sich verstärkende Wille sich nun wiederum wie selbständig macht von unserem Wesen und nachzieht dem Denken, das aus uns herausgegangen ist. Und dadurch sind wir imstande, dieses Denken, welches zu ersterben droht infolge der ersten Erfahrung, vom Willen aus zu verstärken.

[ 17 ] We come to say of what has befallen us by fate: We brought it upon ourselves; we were present in every single stroke of our fate. Human will—and this, too, can only be shown by experience—is strengthened in a very special way by the fact that, in grasping one’s fate as fully identical with one’s own being, one, by willing one’s fate, — as it is thus strengthened, the human will becomes that which now, in a manner different from what was previously characterized in thinking, detaches itself, as it were, from the human being as he stands before others. While we have driven thinking out of ourselves through concentration, with such a strengthening of the will—as described in the grasping of the thought of destiny—we succeed in entering into something that lies outside of us, something that, as we say, befalls us. We enter with our will into something that we would otherwise attribute to the external world. When we thus temper the will, strengthen it, and intensify it, we then have a second spiritual-scientific experience. It consists in the fact that the strengthening will now, in turn, becomes as it were independent of our being and follows the thinking that has gone out from us. And through this, we are able to strengthen this thinking—which threatens to die out as a result of the first experience—through the will.

[ 18 ] Was geschieht mit dem Denken, das auf einem gewissen Punkte schattenhaft geworden und bis zum Ersterben gekommen ist? Es wird erfüllt mit Inhalt, es bekommt Substantialität, indem wir den Willen dem Denken nachsenden, uns gewissermaßen mit dem zweiten Teil unserer Wesenheit dem Denken nachsenden. Wenn so Denken und Wollen entrückt werden aus unserem Wesen, dann kommen wir dazu, dasjenige zu erreichen, was heute allerdings für die zeitgenössische Weltanschauung kaum zuzugeben ist, — wir kommen dazu, außerhalb desjenigen zu sein, worin wir sonst im wachen Zustand leben. Wir sind selbst hinausgegangen mit unserem Denken und Wollen; wir stehen real außer uns. Und dasjenige, in dem wir sonst immer sind, wird für uns ein Objekt, wird etwas, was außerhalb von uns ist, wie der Tisch oder irgendein Gegenstand außerhalb des sinnlichen Leibes ist. Wir schauen zurück auf den sinnlichen Leib, auf die Lebensverhältnisse, die dieser Leib durchgemacht hat. Wir schauen auf das Räumliche und das Zeitliche unseres Menschenwesens zurück. Wir lernen kennen dasjenige in uns, was sich abgesondert hat von dem, was sterblich ist.

[ 18 ] What happens to thought that, at a certain point, has become shadowy and has come to a standstill? It is filled with content; it acquires substance when we direct our will toward thought—when, so to speak, we send the second part of our being along with our thought. When thought and will are thus removed from our being, we come to attain that which, admittedly, is hardly acceptable to the contemporary worldview—we come to be outside of that in which we otherwise live in the waking state. We ourselves have gone out with our thinking and willing; we stand, in reality, outside of ourselves. And that in which we are otherwise always present becomes an object for us, becomes something that is outside of us, just as a table or any object is outside the physical body. We look back upon the physical body, upon the life circumstances this body has undergone. We look back upon the spatial and temporal aspects of our human existence. We come to know that which within us has separated itself from what is mortal.

[ 19 ] So beantwortet sich für den Geistesforscher die Frage: Was ist am Menschenwesen sterblich? — so, daß er sagen muß: Dasjenige, was dann übrig bleibt, wenn er den durch dieses Ergreifen der Schicksalstatsachen verstärkten Willen mit dem im Weltenall durch Gedankenkonzentration verstobenen Denken vereint, vermählt und sich in seinem so im Geist ergriffenen Wesen außer sich fühlt, erblickt, dann ist dasjenige, was in uns sonst zu leise ist, das Ewige, das Unsterbliche, — das ist so weit verstärkt, daß wir es erleben, daß wir uns darinnen wissen, daß wir uns, aber außerhalb unseres Leibes, darinnen wissen. Und dann fangen wir erst an, es zu bemerken. Wir fangen aber auch an zu bemerken, was das gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen, kurz das gewöhnliche Seelenleben eigentlich ist.

[ 19 ] Thus, for the spiritual researcher, the question “What is mortal about the human being?” is answered — in such a way that he must say: That which remains when he unites and marries the will—strengthened by this grasping of the facts of destiny—with the thinking that has passed away into the universe through concentration of thought, and feels and perceives himself outside of his being as it is thus grasped in the spirit—that is what is otherwise too faint within us: the eternal, the immortal, — which is so greatly strengthened that we experience it, that we know ourselves to be within it, that we know ourselves—but outside our body—to be within it. And only then do we begin to notice it. But we also begin to notice what ordinary thinking, feeling, and willing—in short, ordinary soul life—actually is.

[ 20 ] Wenn wir das gewöhnliche Denken, wie es angeregt wird durch die äußerlich-sinnliche Natur, wie es verläuft gebunden an den Prozeß unseres Gehirns, ins Auge fassen, dann ist es für denjenigen, der in dem eben angedeuteten Sinne geisteswissenschaftlich die Welt zu betrachten imstande ist, etwas, was durchaus nicht so, wie es sich uns im sterblichen Leibe darstellt, zu unserem Unsterblichen gehört. Das merkt man, wenn man in seiner wahren Wesenheit außerhalb des sterblichen Leibes steht. Denn dann merkt man: alles was dieser sterbliche, dieser physische Leib eigentlich ist — ich möchte einen Vergleich anwenden, der nicht bloß ein Vergleich ist, sondern der auf die Wahrheit hindeutet —, man erkennt: dieser physische Leib ist ein Spiegel, welcher imstande ist, dasjenige zu spiegeln, wovon der Mensch im gewöhnlichen Leben nichts weiß, wovon er nur wissen kann, wenn er es sich gleichsam herausschält aus dem Leiblichen, wovon er nur dann etwas weiß, wenn er in seinem Unsterblichen dem Leib gegenübersteht. Er weiß, daß der Leib nur ein Spiegel ist und daß die Gedanken in einem gleichen Verhältnis zum Leibe stehen wie die Spiegelbilder zum Beschauer. Geradeso, wie wenn man an der Wand eine Anzahl von Spiegeln hätte und vorüberginge an den Spiegeln und seine eigene Gestalt ansieht, solange man da ist, wie man sich aber nicht mehr sieht, wenn man nicht da ist, und wieder sieht, wenn man wieder da ist, — so sieht der Mensch dasjenige, wovon er zwar lebt, wovon er aber nichts weiß, wenn er im Leibe ist und ihm der Leib sein eigenes Wesen zurückwirft. Und nur so lange sind die Gedanken da in der Form, wie wir sie im gewöhnlichen Leben haben, als der sterbliche Leib sie spiegelt. Aber etwas anderes ist dasjenige, was denkt; etwas anderes ist es, was die unmittelbare Tätigkeit ausübt, die sich spiegelt als Gedanke im sterblichen Leibe.

[ 20 ] If we consider ordinary thinking—as it is stimulated by external, sensory nature and as it proceeds in conjunction with the processes of our brain— then, for those who are capable of viewing the world from a spiritual-scientific perspective in the sense just indicated, it is something that—unlike how it appears to us in our mortal body—belongs entirely to our immortal self. One realizes this when one stands in one’s true being outside the mortal body. For then one realizes: everything that this mortal, this physical body actually is—I would like to use a comparison that is not merely a comparison, but one that points to the truth— one recognizes: this physical body is a mirror capable of reflecting that of which a person knows nothing in ordinary life, of which they can only know if they, as it were, peel it away from the physical, of which they know something only when they stand before the body in their immortal self. One knows that the body is merely a mirror and that thoughts stand in the same relationship to the body as mirror images do to the beholder. Just as if one had a number of mirrors on a wall and walked past them, seeing one’s own form as long as one is there, but no longer seeing it when one is not there, and seeing it again when one returns, — so does a person see that which, though it sustains him, he knows nothing of while he is in the body and the body reflects his own essence back to him. And thoughts exist in the form we experience them in ordinary life only as long as the mortal body reflects them. But what thinks is something else; what exercises the immediate activity—which is reflected as thought in the mortal body—is something else.

[ 21 ] Man kann nicht, wenn man das menschliche Denken untersucht, sagen, man könne in diesem Denken etwas finden, was irgendeinen Aufschluss geben könnte über die Unsterblichkeit; denn diese Gedanken sind Spiegelbilder, die hervorgerufen werden durch den sterblichen Leib. Und das, was unsterblich ist, das steht jetzt nicht vor dem Spiegel, sondern spiegelt sich in den Gedankenformen. Was vor dem Spiegel steht, das heißt in unserem Falle in dem Spiegel lebt, was ist denn das? Gibt es eine Möglichkeit, überhaupt mit einer menschlichen Worte dies auszudrücken? Ja, die Möglichkeit gibt es. Aber dasjenige, was hier an diesem Punkte ausgedrückt werden soll, das beobachtet der Mensch nicht; denn er ist zufrieden, wenn er zur Orientierung in der Außenwelt seine Gedanken ergreifen kann, in seinen Gedanken leben kann. Daß in diesem Gedanken etwas lebt, was man als den Willen innerhalb der Gedanken zu bezeichnen hat, als den Willen, der da tätig ist, — das wird der Mensch gewöhnlich gar nicht gewahr, oder wenn er es gewahr wird, macht er eine Schlußfolgerung, wie es Schopenhauer getan hat. Dann hat er kein unmittelbares Anschauen, dann ergreift er sich nicht in diesem willentlichen Denken, im denkenden Wollen, in dem, was er ist, sondern in dem, was ihm dieses denkende Wollen gibt, nämlich in den Gedanken, die aber nur Spiegelbilder sind. Nur dann, wenn der Mensch es dazu gebracht hat, jene Vermählung zu vollziehen zwischen Denken und Wollen, wie ich es beschrieben habe, dann sind die Seelenkräfte so stark, daß alles Denken durchzogen erscheint von einer übersinnlichen menschlichen Wesenheit, die willensartiger Natur ist, aber so, daß sie ihre wahre, willensartige Natur zeigt, gespiegelt als Gedanken. So wahr es wirklich unser Antlitz ist, wenn wir uns im Spiegel sehen, so wahr spiegeln wir uns in unseren Gedanken; aber es ist nicht dasjenige, was wir sind, in diesem Spiegelbild. Das, was wir sind, das spiegelt sich eben so, daß wir niemals dem Leben nach, der Kraft nach, in dem Denken erfassen können, was hinter dem Denken steht und wovon das Denken nur eine Abspiegelung ist. So wenig wie das Spiegelbild länger dauert, als wir vor dem Spiegel stehen, so wenig dauert dieses Denken im materiellen Leib länger, als es angeregt wird durch das eigentliche Unsterbliche in uns, das sich in den Gedanken spiegelt.

[ 21 ] When examining human thought, one cannot say that one might find within it anything that could shed light on immortality; for these thoughts are reflections brought about by the mortal body. And that which is immortal does not now stand before the mirror, but is reflected in the thought-forms. What stands before the mirror—that is, in our case, lives within the mirror—what is that? Is there any way at all to express this in human words? Yes, it is possible. But what is to be expressed here at this point is not observed by human beings; for they are content when they can turn to their thoughts for orientation in the external world, when they can live within their thoughts. That something lives within this thought—which must be described as the will within the thoughts, as the will that is active there—is something people usually do not even become aware of; or if they do become aware of it, they draw a conclusion, as Schopenhauer did. Then they have no direct perception; then they do not grasp themselves in this volitional thinking, in thinking-willing, in what they are, but rather in what this thinking-willing gives them—namely, in the thoughts, which are, however, merely mirror images. Only when a person has managed to bring about that union between thinking and willing, as I have described it, are the soul’s powers so strong that all thinking appears permeated by a supersensible human essence that is of a volitional nature—but in such a way that it reveals its true, volitional nature, reflected as thoughts. Just as it is truly our face when we see ourselves in the mirror, so too are we reflected in our thoughts; but what we see in this reflection is not what we truly are. What we are is reflected in such a way that we can never, in terms of life or power, grasp in thought what lies behind thought—of which thought is merely a reflection. Just as the reflection does not last longer than we stand before the mirror, so too does this thinking in the material body not last longer than it is stimulated by the actual immortal within us, which is reflected in our thoughts.

[ 22 ] Ein anderes zeigt sich uns bei dem gewöhnlichen Wollensprozeß, bei dem Prozeß, durch den wir unsere Handlungen begehen, unsere Glieder regen. Während wir im Denken nicht bemerken, daß als das Wesentliche darin das sich Spiegelnde hinter dem Denken steht, bemerken wir im Handeln, in den Aktionen, die wir vollbringen, nicht, daß hinter dem Willen des Menschen überall etwas ist, was ganz gleich ist unserer Gedankenwelt, ganz gleich ist demjenigen, was sich in den Gedanken spiegelt. Man hat nur deshalb so viel streiten können in der Philosophie über die Freiheit des Willens, weil der Mensch den Willen nicht kennenlernt, so wie er wirklich ist. Er lernt von dem Willen nur die Kraft kennen, aber nicht die in der Kraft wirklich darin webende lebendige Wesenheit. Und im Willen ist die lebendige Wesenheit gedanklicher Natur. Sehen Sie, so leise, so intim, so verborgen in der äußerlichen sinnlichen Welt ist dasjenige, was das eigentliche Unsterbliche im Menschen ist, daß sich im gedanklichen Prozeß das Gedankliche verbirgt, daß im Willensprozeß nicht einmal bemerkt wird, daß jeder kleinste Willensprozeß abhängig ist von dem, was sich im Gedanken spiegelt, was aber gar nicht bemerkt werden kann. Erst dann bemerkt man es, wenn man in der geschilderten Weise den Gang des Schicksals betrachtet; wenn man den Willen stärkt, so daß er vermählt wird, außer uns stehend, außer dem sterblichen Menschen, wie ich es geschildert habe, mit dem Gedanken. Dann merkt man, wie der Wille mit dem Gedanken vereint ist, dann merkt man die beiden Seiten, die uns im Leben immer getrennt entgegentreten als Gedanke und Wille, vereinigt; denn man hat sie erst zur Vermählung gebracht. Man lebt dann in einem Gedanken-Willensprozeß. Dann aber hat man erst dasjenige ergriffen, was über den Tod hinausgeht, was durch die Pforte des Todes geht. Und man kommt darauf, welchen Fehler, welchen ungeheuren Fehler diejenigen gemacht haben, die oftmals in rein philosophischer Weise über die Unsterblichkeit der menschlichen Seele nachgedacht haben. Diejenigen, die über diese Unsterblichkeit der menschlichen Seele nachgedacht haben, sie haben sich immer an etwas halten wollen, was doch in einer gewissen Weise ähnlich ist demjenigen, was in der Sinnlichkeit oder im sinnlichen Denken lebt. Man hat von einer Substanz der Seele gesprochen, hat nach etwas gesucht, was wiederum wie eine feine Materialität durch die Pforte des Todes geht. Daß man das Ewige im Menschen erfassen muß außerhalb des Leibes und daß man dazu ganz neue Begriffe und Vorstellungen braucht, die keine äußere Wahrnehmung, kein an das Gehirn gebundenes Denken geben kann, das wird der Menschheit durch die Geisteswissenschaft aufgehen. Daß gewissermaßen gerade in demjenigen, das nichts Ähnliches hat mit dem Sinnlichen, das Unsterbliche besteht, das ist es, was allmählich wird begriffen werden müssen.

[ 22 ] Another aspect becomes apparent to us in the ordinary process of volition—the process through which we carry out our actions and move our limbs. While in thought we do not realize that what is essential—that which is reflected—lies behind thought, in action—in the actions we perform—we do not realize that behind human will there is always something that is entirely identical to our world of thought, entirely identical to that which is reflected in our thoughts. The only reason there has been so much debate in philosophy about free will is that human beings do not come to know the will as it truly is. They come to know only the power of the will, but not the living essence that truly weaves within that power. And in the will, this living essence is of a thought-like nature. You see, what is truly immortal in human beings is so quiet, so intimate, so hidden within the external sensory world that the mental aspect remains concealed within the thought process; indeed, in the process of the will, it is not even noticed that every minute act of the will depends on what is reflected in thought—something that cannot be perceived at all. Only then do we perceive it, when we observe the course of destiny in the manner described; when we strengthen the will so that it is united—standing outside of us, outside the mortal human being, as I have described—with thought. Then one realizes how the will is united with thought; then one perceives the two aspects—which in life always appear to us as separate entities, thought and will—as united; for one has first brought them into union. One then lives within a process of thought and will. But only then has one grasped that which transcends death, that which passes through the gate of death. And one comes to realize what a mistake—what an enormous mistake—was made by those who have often reflected on the immortality of the human soul in a purely philosophical manner. Those who have reflected on this immortality of the human soul have always sought to cling to something that is, in a certain way, similar to what lives in sensibility or in sensory thinking. People have spoken of a substance of the soul; they have sought something that, in turn, passes through the gate of death like a subtle materiality. That one must grasp the eternal in the human being outside the body, and that this requires entirely new concepts and ideas—ones that no external perception, no thinking bound to the brain, can provide—is what will become clear to humanity through spiritual science. That the immortal consists, so to speak, precisely in that which bears no resemblance to the sensory—this is what must gradually come to be understood.

[ 23 ] Geahnt sind solche Dinge immer worden; wissenschaftlich erhärtet werden sie von der Gegenwart aus in die Zukunft hinein werden. Schiller sagt:

[ 23 ] Such things have always been suspected; they will be scientifically substantiated, moving from the present into the future. Schiller says:

[ 24 ] Schwatzet mir nicht so viel von Nebelflecken und Sonnen!
Ist die Natur nur groß, weil sie zu zählen euch gibt?
Euer Gegenstand ist der erhabenste freilich im Raume,
Aber, Freunde, im Raum wohnt das Erhabene nicht.

[ 24 ] Don’t go on and on to me about misty patches and the sun!
Is nature great only because it gives you something to count?
Your subject is certainly the most sublime in space,
But, friends, the sublime does not dwell in space.

[ 25 ] So hat er darauf hingewiesen, daß man aus dem Räumlichen hinausgehen muß, um zu demjenigen zu kommen, was das eigentlich Geistige ist. Nun allerdings, für denjenigen, der materialistisch denkt, hört dort gerade, wo das Unsterbliche beginnt, die Wirklichkeit auf; und da für ihn dort, wo das Unsterbliche beginnt, die Wirklichkeit aufhört, so kann er zu keinem Begriff von dieser Unsterblichkeit kommen. Wir merken ja wiederum an David Friedrich Strauß, dem Repräsentanten des Materialismus in der neueren Zeit, wie merkwürdig gedacht wird in bezug auf diese Dinge. David Friedrich Strauß hat eine sehr geringe Meinung von Kirchenvätern. Das sind für ihn abgetane Leute; aber er erinnert doch an einen dieser abgetanen Leute, an einen dieser Kirchenväter, der ihm gefallen hat. Er drückt sich etwas merkwürdig über diesen aus, zwar etwas grob, aber doch in gewissem Sinne geistvoll. Diese Charakteristik gibt David Friedrich Strauß hauptsächlich aus dem Grunde, weil jener Kirchenvater gesagt hat: «Unkörperlich ist nur dasjenige, was nicht ist.» — Das ist auch die Überzeugung von David Friedrich Strauß: Unkörperlich ist nur dasjenige, was nicht ist. Man kann ebensogut sagen: was unräumlich ist; aber «im Raum wohnt das Geistige — das Erhabene — nicht».

[ 25 ] He thus pointed out that one must go beyond the spatial realm in order to reach what is truly spiritual. However, for those who think materialistically, reality ends precisely where the immortal begins; and since, for them, reality ends where the immortal begins, they cannot arrive at any conception of this immortality. We see once again in David Friedrich Strauss, the representative of materialism in modern times, how strangely people think about these matters. David Friedrich Strauss has a very low opinion of the Church Fathers. To him, they are figures to be dismissed; yet he does recall one of these dismissed figures, one of these Church Fathers, whom he admired. He expresses himself somewhat strangely about this one—admittedly a bit crudely, but nevertheless, in a certain sense, wittily. David Friedrich Strauss offers this characterization mainly because that Church Father said: “Only that which is not is incorporeal.” — This is also David Friedrich Strauss’s conviction: Only that which does not exist is incorporeal. One might just as well say: that which is non-spatial; but “the spiritual—the sublime—does not dwell in space.”

[ 26 ] Das ist dasjenige, was für die Weltanschauung unserer Zeit noch ganz besondere Schwierigkeiten macht. Diese Weltanschauung unserer Zeit meint ja, um zu verstehen dasjenige, wozu man überhaupt kommen kann, sei es durchaus notwendig, daß an ihr bekannte Begriffe angeknüpft werde. Die Denkgewohnheit unserer Zeit verlangt, daß man vom Geistigen spricht mit solchen Begriffen, welche sie schon kennt. Sie will nicht zu unbekannten Begriffen geführt werden, sondern sie will etwas haben, was sie schon kennt. Man soll auf etwas hinweisen, was sie schon kennt. Das haben alle Philosophen getan, die von einer Seelen-«Substanz» gesprochen haben. Sie sagen: Die Seele muß einfach eine Substanz haben; diese geht dann durch die Pforte des Todes hindurch. Aber man kann sagen: gerade die Naturwissenschaft könnte vorbereiten die Menschen zu dem, wie eigentlich Geisteswissenschaft sich zu diesen Dingen nach und nach wird stellen müssen. Sie alle kennen ja das ganz Einfache, wie man eine elastische Billardkugel nach einer anderen hinlenkt; dann bekommt die andere eine beliebige Richtung. Und es hängt die Richtung, welche die zweite Kugel bekommt, von der Richtung und Bewegung der ersten Kugel ab. Die Physik ist sich klar darüber, daß der Bewegungszustand der zweiten Kugel hervorgegangen ist aus dem Bewegungszustand der ersten und daß man alles, was man in dern Bewegungszustand der zweiten Kugel findet, in der Bewegung der eisten finden kann. Es ist da ein Übergang der Bewegung der ersten Kugel auf die Bewegung der zweiten. Derjenige aber würde etwas ganz Absurdes denken, der sagen würde: Ich kann mir das gar nicht denken, daß die Bewegung der zweiten Kugel von der Bewegung der ersten Kugel abhängt. — Aber genau ebenso absurd denkt derjenige über die Seele, der sich nicht vorstellen kann, daß das Seelisch-Geistige etwas anderes ist als das, was in seiner Wesenheit an Körperliches erinnert. Geradeso wie es wäre, wenn man verlangen würde, daß die erste Kugel von ihrer Substanz etwas in die zweite hineinschickt, damit etwas da ist in der zweiten, — so wäre es, wenn man verlangen würde, daß in dem Leben, das die Seele nach dem Tode antritt, dasjenige wäre, was man finden kann schon in den Erlebnissen, die die Seele durchmacht, indem sie im Leibe ist, nur durch diesen Leib.

[ 26 ] This is precisely what poses particular difficulties for the worldview of our time. The worldview of our time believes, after all, that in order to understand whatever can be understood at all, it is absolutely necessary to link it to concepts already familiar to it. The way of thinking prevalent today demands that we speak of the spiritual using concepts it already knows. It does not want to be led to unknown concepts; rather, it wants something it already knows. We are supposed to point to something it already knows. This is what all philosophers who have spoken of a “substance” of the soul have done. They say: The soul must simply have a substance; this substance then passes through the gate of death. But one could say: it is precisely the natural sciences that could prepare people for the way in which spiritual science will actually have to approach these matters step by step. After all, everyone is familiar with the very simple principle of how one directs an elastic billiard ball toward another; the other ball then takes on any direction. And the direction the second ball takes depends on the direction and motion of the first ball. Physics is clear that the state of motion of the second ball has arisen from the state of motion of the first, and that everything found in the state of motion of the second ball can be found in the motion of the first. There is a transfer of motion from the first ball to the second. But anyone who were to say, “I simply cannot conceive that the motion of the second sphere depends on the motion of the first sphere,” would be thinking something completely absurd. — Yet just as absurd is the view of the soul held by anyone who cannot imagine that the soul-spiritual is anything other than that which, in its essence, resembles the physical. Just as it would be if one were to demand that the first sphere send something of its substance into the second so that something might be present in the second—so it would be if one were to demand that the life the soul begins after death consist of what can already be found in the experiences the soul undergoes while it is in the body, solely through this body.

[ 27 ] Aber es ist auch notwendig, die Schwierigkeit einzusehen, welche der Geisteswissenschaft entgegensteht, nämlich daß diese Geisteswissenschaft tatsächlich nicht nur von Dingen reden muß, die über die Sinneswelt hinausgehen, sondern neue, andere Begriffe, als man sie hat, den Menschen zumuten muß, um dieses Geistige zu begreifen; daß die Begriffe bereichert werden müssen, daß nicht bloß herumgeredet werden darf mit denselben Begriffen und Ideen. Daher ist oft dasjenige, was die Geisteswissenschaft hat, für denjenigen, der auf dem Standpunkt der heutigen Denkgewohnheiten steht, unbegreiflich, weil er eigentlich nur Worte hört, die phantastisch klingen, zusammengeprägt erscheinen, und weil er sich nicht darauf einläßt, auf dasjenige einzugehen, was der Geistesforscher hernimmt aus seinen Erfahrungen. Denn wenn der Geisteswissenschafter diese Dinge lebendig aus der geistigen Welt geholt hat, sind sie begreiflich für die Urteilskraft. Verstehen kann man dasjenige mit der gesunden Urteilskraft, was der Geistesforscher aus der geistigen Welt geholt hat. Es braucht dazu nicht jeder ein Geistesforscher zu sein; man braucht nur vorurteilslos zu prüfen, was der Geistesforscher zu geben vermag, und man wird es einsehen können. Derjenige, der da sagt, es könne unmöglich jemand zugeben, daß das wahr ist, was der Geistesforscher sagt, ohne selber ein Geistesforscher zu werden, — wer so sagt, der soll nur auch behaupten, es könne niemand durch irgendwelche Schlußfolgerungen belegen, daß einer ein Dieb ist, wenn er nicht selbst den Diebstahl ausgeführt hat. Solche Dinge scheinen absurd, wenn man sie ausspricht; aber vor einer universellen Logik sind sie um so richtiger. Vor allen Dingen aber wird eines der Menschheit völlig klar werden, wenn die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse dieser Menschheit einmal begreiflich werden, wenn man einmal anfangen wird, über die Dinge vorurteilslos nachzudenken, — eines wird klar werden: daß allerdings etwas ist in dieser menschlichen Natur, was schon im alltäglichen Leben ein Weben und Leben bloß im Geistigen ist. Da ist es, allein deuten kann man es nur in der richtigen Weise mit Hilfe der Geisteswissenschaft. Etwas ist in unserem alltäglichen Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen, was durchaus geistiger Natur ist; aber der materialistisch Denkende wird es nicht gelten lassen: — das ist der Prozeß, den wir durchmachen in unserer Erinnerung. Wenn wir uns an etwas erinnern, wenn wir hinschauen auf ein Erlebnis, das wir in früherer Zeit gehabt haben, dann ist dieses Erinnern, dieses Hinlenken unserer Seelenkräfte auf etwas, was sich nicht mehr abspielt, ein durchaus geistiger Prozeß; den vollführt die Seele nur im Seelisch-Geistigen.

[ 27 ] But it is also necessary to recognize the difficulty facing spiritual science, namely that this spiritual science must in fact not only speak of things that go beyond the sensory world, but must also expect people to adopt new concepts—different from those they already have—in order to grasp this spiritual realm; that concepts must be enriched, and that one must not merely go on talking in circles using the same old concepts and ideas. Consequently, what spiritual science has to offer is often incomprehensible to those who stand on the ground of today’s habits of thought, because they actually hear only words that sound fanciful, seem to be mere coinages, and because they are unwilling to engage with what the spiritual researcher draws from his experiences. For when the spiritual scientist has drawn these things vividly from the spiritual world, they become comprehensible to the power of judgment. With sound judgment, one can understand what the spiritual scientist has drawn from the spiritual world. One does not need to be a spiritual researcher to do this; one need only examine without prejudice what the spiritual researcher has to offer, and one will be able to see it for oneself. Anyone who says that it is impossible for anyone to admit that what the spiritual researcher says is true without becoming a spiritual researcher themselves—anyone who says this should also claim that no one can prove through any kind of reasoning that someone is a thief unless they have committed the theft themselves. Such things seem absurd when spoken aloud; but in the light of universal logic, they are all the more true. Above all, however, one thing will become perfectly clear to humanity once the findings of spiritual science become comprehensible to it, once people begin to think about these matters without prejudice—one thing will become clear: that there is indeed something in human nature that, even in everyday life, is a weaving and living that exists solely in the spiritual realm. It is there, but it can only be interpreted correctly with the help of spiritual science. There is something in our everyday life, from the moment we wake up until we fall asleep, that is entirely of a spiritual nature; but the materialist will not accept it: — this is the process we undergo in our memory. When we remember something, when we look back on an experience we had in the past, then this remembering—this directing of our soul forces toward something that is no longer taking place—is an entirely spiritual process; one that the soul carries out only in the soul-spiritual realm.

[ 28 ] Man wird das nur zugeben, wenn man die Natur des Geistigen schon begriffen hat. Denn selbstverständlich kann man von dem gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaft aus leicht sagen: Ja, Bewegung verwandelt sich in Wärme, das zeigt uns die physikalische Forschung; warum sollten sich nicht die äußeren Vorgänge in uns in Empfindung und Denken verwandeln? — Gewiß, sie tun es sogar. Sie tun es dadurch, daß sie Prozesse hervorrufen, die der Spiegel sind, in dem sich unser Wesen spiegelt. Da kann man sagen: die Naturwissenschaft hat ganz recht. Dadurch, daß man sich voll auf den Boden der Naturwissenschaft stellt und nicht sie bekämpft, dann aber daneben die geistigen Erfahrungen geltend macht, — nur dadurch kommt man vorwärts. So könnte nun jemand sagen: Also sind die geistigen Prozesse eine Umwandlung der äußeren Prozesse. Wie Bewegung in Wärme, so verwandelt sich dasjenige, was außen in der Welt ist, in das, was in uns ist. Das war aber nur so lange geltend, solange man nicht nachweisen konnte, daß, wenn wir eine Bewegung in Wärme verwandeln, immer etwas zurückbleibt, das da ist, immer da ist. Das ist Wärme geblieben, ist nie etwas anderes als Wärme. Das zeigt sich demjenigen, der nun wirklich von außerhalb seines Leibes den körperlichen Prozeß verfolgt, der verfolgt, was der Leib eigentlich kann. Dem zeigt sich, daß zwar, wenn wir wahrnehmen in der Außenwelt, der Prozeß, der ausgebaut wird durch die Sinne und sich fortsetzt im Gehirn, eine Fortsetzung des Außenprozesses ist, daß das aber nicht richtig ist in bezug auf dasjenige, an das wir uns erinnern. Und gerade an diesem Punkt wird die immer weiter und weiter fortschreitende Naturwissenschaft geradezu zeigen, daß, indem hingelenkt wird die Aufmerksamkeit auf die körperlichen Prozesse, niemals aus den körperlichen Prozessen heraus irgendwie der Prozeß der Erinnerung, der ein rein geistiger Prozeß ist, entstehen könnte. Gerade auf streng naturwissenschaftliche Weise wird gezeigt werden können, daß nicht dasjenige, was körperlich in uns vorgeht, wenn wir uns erinnern, der geistige Prozeß ist oder mit demselben mehr zu tun hat, als die Federstriche auf dem Papier mit dem etwas zu tun haben, was ich lese. Indem ich ein Wort, das aus gewissen Strichen besteht, vor mir habe, lese ich nicht, indem ich das Wort anschaue und meine Gedanken nachzeichnen, sondern dadurch, daß ich mit diesem Zeichen einen Sinn verbinde durch etwas in mir, was mit dem auf dem Papier nichts zu tun hat. So wird man darauf kommen, daß der Erinnerungsprozeß, der sich im Körper abspielt, so wenig etwas zu tun hat mit den körperlichen Prozessen wie mein Leseprozeß mit den Formen auf dem Papier. Die Erinnerung wird sich als ein geistiger Prozeß darstellen, der sich in das physische Leben hineinstellt. Dann aber wird man auch erkennen, daß uns schon in das gewöhnliche physische Erdenleben zwischen Geburt und Tod die Wesenheit hineingestellt ist, die wir im höheren, intensiveren Sinne erfassen müssen, wenn wir auf das Unsterbliche hinschauen wollen. Wenn der Materialismus fragt: Was ist am Menschen sterblich? und darauf antwortet: Alles, was der Mensch hier in der Sinneswelt erfährt! —, so kann ihm auch die Geisteswissenschaft sagen: Ja, du hast recht; alles dasjenige, was der Mensch hier in der Sinneswelt erfährt, ist am Menschenwesen sterblich. Aber ebenso wie ein Ereignis in unserem physischen Leben vorbeigeht und wir uns in einem späteren Zeitpunkt rein durch das geistige Wesen unserer Seele erinnern, wie also dieses frühere Ereignis im geistigen Prozeß erhalten ist, so ist es mit unserem Seelischen. Solange wir nach einer «Seelensubstanz» suchen, sind wir nicht imstande, auch nur heranzurücken an dasjenige, was im Menschenwesen unsterblich ist. Sobald wir wissen, daß dasjenige, was in unserem gewöhnlichen sterblichen Menschen gar nicht beachtet wird, weil es ist, wie wenn ein Mensch vor einem Spiegel steht und nur sein Spiegelbild sieht, sich nur im Bilde kennt, — sobald wir wissen, daß das, was nicht beachtet wird im gewöhnlichen Leben, von dem wir nichts wissen im gewöhnlichen Leben, was wir nur wie im Bilde kennen, — daß gerade das nach unserem Tode die Erinnerung an das Erdenleben zurückbehält und darin lebt, können wir auch begreifen: Das, was wir hier sind, es geht als Tatsache, als dasjenige, als was es hier lebt, unter, es ist sterblich im Menschen. Dasjenige, was der Seele bleibt, der im Leben sich nicht kennenden Seele, das ist die Erinnerung, die sich hineinstellen wird in die Erlebnisse, die dann der Mensch in der rein geistigen Welt nach dem Tode durchmacht.

[ 28 ] One will only admit this once one has already grasped the nature of the spiritual. For, of course, from the current state of natural science, it is easy to say: Yes, motion is transformed into heat—physical research shows us this; why shouldn’t the external processes within us be transformed into sensation and thought? — Certainly, they do. They do so by giving rise to processes that serve as the mirror in which our being is reflected. One can say: natural science is quite right. It is only by standing firmly on the ground of natural science—rather than opposing it—while at the same time giving due weight to spiritual experiences—that one makes progress. So someone might say: So the spiritual processes are a transformation of the external processes. Just as motion is transformed into heat, so what exists outside in the world is transformed into what is within us. But this was only valid as long as one could not demonstrate that, when we transform motion into heat, something always remains that is there, that is always there. That has remained heat; it is never anything other than heat. This becomes evident to anyone who truly observes the physical process from outside their own body—who observes what the body is actually capable of. It becomes clear to them that, although when we perceive the external world, the process—which is elaborated by the senses and continues in the brain—is a continuation of the external process, this is not true with regard to what we remember. And it is precisely at this point that the ever-advancing natural sciences will demonstrate that, by directing attention to the physical processes, the process of memory—which is a purely mental process—could never arise in any way from those physical processes. It will be possible to demonstrate, precisely through a strictly scientific approach, that what physically occurs within us when we remember is not the mental process itself, nor does it have any more to do with it than the strokes of the pen on paper have to do with what I am reading. When I have a word—consisting of certain strokes—in front of me, I do not read by looking at the word and tracing its shape with my thoughts, but rather by associating a meaning with this sign through something within me that has nothing to do with what is on the paper. Thus one will come to realize that the process of memory, which takes place within the body, has just as little to do with physical processes as my process of reading has to do with the forms on the paper. Memory will reveal itself as a spiritual process that intervenes in physical life. But then one will also recognize that even in our ordinary physical earthly life between birth and death, the essence is already present that we must grasp in a higher, more intense sense if we wish to look toward the immortal. When materialism asks, “What is mortal in human beings?” and answers, “Everything that human beings experience here in the sensory world!”—then spiritual science can also say to it: “Yes, you are right; everything that human beings experience here in the sensory world is mortal in the human being.” But just as an event in our physical life passes, and we later recall it purely through the spiritual essence of our soul—that is, just as this earlier event is preserved in the spiritual process—so it is with our soul life. As long as we search for a “soul substance,” we are unable to even come close to what is immortal in the human being. As soon as we realize that what goes entirely unnoticed in our ordinary, mortal human being—because it is as if a person were standing before a mirror and saw only their reflection, knowing themselves only through that image—as soon as we realize that what goes unnoticed in ordinary life, of which we know nothing in ordinary life, and which we know only as if through an image, — that it is precisely this which, after our death, retains the memory of earthly life and lives on within it—then we can also understand: What we are here perishes as a fact, as that which lives here; it is mortal in the human being. What remains with the soul—the soul that did not know itself in life—is the memory that will become part of the experiences the human being then undergoes in the purely spiritual world after death.

[ 29 ] Erst wenn man anfängt zu begreifen, welch rein seelischgeistiger Prozeß die Erinnerung ist, erst dann deutet man auf dasjenige hin, was sich über den Tod hinaus fortsetzt. Die Erinnerungskraft lebt hier schon in der Denk- und Willensbildung und verrät sich hier als Geistiges. In der Erinnerung, die in uns lebt, tragen wir nicht als Seelensubstanz, sondern als Kraft über die Pforte des Todes dasjenige voll hinüber, was wir im Leben zwischen der Geburt und dem Tode sind. Jedem, der sich nicht zur Geisteswissenschaft aufschwingt, entschwindet sofort die Möglichkeit, sich etwas zu denken bei dem, was gesagt worden ist, aus dem Grunde, weil er gar nichts mehr hat, an das er sich nach seinen Vorstellungen erinnern kann. Denn er hat bei allem, was er sich denken kann, im Auge, er müsse etwas Substantielles haben, was er schon kennt. Er will nicht dazu kommen, daß er nur als Gabe der Erinnerung etwas hat, was er nicht kennt.

[ 29 ] Only when one begins to understand what a purely psychological and spiritual process memory is does one point to that which continues beyond death. The power of memory is already present in the formation of thought and will, revealing itself here as something spiritual. In the memory that lives within us, we carry across the threshold of death—not as a substance of the soul, but as a force—the very essence of who we are in life between birth and death. Anyone who does not rise to the level of spiritual science immediately loses the ability to form any thoughts about what has been said, for the reason that they no longer have anything at all that they can recall according to their own conceptions. For in everything they can conceive, they assume they must have something substantial that they already know. They do not want to come to the realization that they possess, as a gift of memory, something they do not know.

[ 30 ] So ist uns tatsächlich in der Erinnerung etwas von dem gegeben, was uns zu den sonst unbekannten Begriffen des seelischen Prozesses hinführt, der sich als ein Unsterbliches von dem Sterblichen loslöst, so daß wir es anerkennen müssen. Und so zeigt sich uns noch in etwas anderem bei dem geistesforscherischen Prozeß, daß wir gewissermaßen uns selbst stärker ergreifen müssen, damit sich die Kräfte des Begreifens ausdehnen über dasjenige, dem sonst keine Aufmerksamkeit zugewendet wird, um in die geistige Welt einzutreten. Wir können uns zum Beispiel ein Ideal vorhalten, das erst erreicht werden soll, das ebensowenig in der Gegenwart da ist wie ein verflossenes Erlebnis. Dann stehen wir auch zu diesem Ideal in einem rein seelischen Prozeß. Der Materialist wird sich zwar mit einer Art Wollust in einer gewissen Sackgasse verlieren; er wird wollen, daß die Seele zu einem Ideal in einem körperlichen Verhältnis steht. Das wirkliche Verhältnis zu einem Ideal ist aber ein rein geistiges. Nur derjenige kann das verstehen, der weiß, daß auch die Erinnerung ein rein geistiger Prozeß ist.

[ 30 ] Thus, our memory does indeed provide us with something that leads us to the otherwise unknown concepts of the soul process, which, as an immortal entity, detaches itself from the mortal, so that we must acknowledge it. And so the process of spiritual research reveals to us something else as well: that we must, in a sense, engage ourselves more deeply so that the powers of comprehension may extend beyond that which is otherwise ignored, in order to enter the spiritual world. We can, for example, hold before us an ideal that is yet to be attained, one that is just as absent from the present as a past experience. Then we, too, engage in a purely spiritual process in relation to this ideal. The materialist, however, will lose himself with a kind of relish in a certain dead end; he will want the soul to have a physical relationship with an ideal. The true relationship to an ideal, however, is a purely spiritual one. Only those who know that even memory is a purely spiritual process can understand this.

[ 31 ] Nun erlebt der Mensch allerdings am Ideal zumeist das, daß er nicht voll warm, geschweige denn feurig werden kann gegenüber dem Ideal. Es bleibt etwas Kaltes, auch wenn er es verehrt. Er wird höchstens warm, wenn er unmittelbar in einem Prozeß darinnensteht, wo das Ideal in der Außenwelt in irgendeiner Weise lebt, wo er mitgehen kann mit dem Ideal. Aber wenn das Ideal in seiner Seele rein wie ein Gedanke auferweckt wird und er dann vollinhaltlich Gefühle und Willensimpulse nur mit dem Ideal verbinden kann, so daß er auch seinen Willen darauf richtet, und wenn er dies öfter macht, wenn er zu der Konzentration auch diese Willensübungen fügt, — dann entwickelt sich in der Seele allmählich ein Gefühl dafür, daß wir nicht nur eine Anschauungs- und Erinnerungskraft haben, sondern daß wir auch etwas haben, was zwar willensartiger Natur ist, was man aber bezeichnen kann als Vorerkenntnis künftiger Ereignisse. In der Menschenseele liegt durchaus etwas von prophetischem Charakter. Nicht bloß irgendeinem Aberglauben ist dieses zuzuschreiben. Geisteswissenschaft zeigt, daß diese prophetische Gabe beim Menschen deshalb außerordentlich schwer nur in Erscheinung tritt, weil der Mensch im physischen Leibe verwenden muß die Kräfte, die ihn sonst vorfühlend dasjenige erkennen lassen würden, was an ihn heranrückt; er muß diese Kraft verwenden zum Aufbau der Leiblichkeit; sie fließt da hinein, wird verwandelt. Weil wir den vergangenen Lebensprozeß schon durchgemacht haben, sind wir imstande, dasjenige, was wir daraus zurückbehalten haben an Wachstumskräften, seelischgeistig als Erinnerungskraft anzuwenden. Indem wir im physischen Leibe der Zukunft entgegenleben, müssen wir die Kraft, die wir brauchen, um den Leib zu erhalten, im physischen Leibe anwenden. So ist es sehr schwierig, gewisse Kräfte, allerdings nicht in der Weise, wie es sich die Menschen vorstellen, sondern in einer viel intimeren und leiseren Weise, kennenzulernen. Sie sind im Menschen vorhanden. Die Geistesforschung kann sie aber so kennenlernen, daß sie dadurch begreifen lernt, daß in dem, was unsterblich in der Menschenseele ist, erwas liegt, was wirklich dieses Inhaltvolle der Seele durch den Tod hindurchträgt, hineinträgt in die Zukunft. Derjenigen Kraft selbst, die den Menschen durchträgt durch die Pforte des Todes, wird der Mensch durch diese Geisteswissenschaft wirklich inne.

[ 31 ] However, what people usually experience with regard to the ideal is that they cannot become fully warm—let alone passionate—toward it. There remains a certain coldness, even when they revere it. At most, they become warm when they are directly immersed in a process in which the ideal is alive in the external world in some way, where they can move in step with the ideal. But when the ideal is awakened in their soul purely as a thought, and they can then connect their full range of feelings and impulses of will solely to the ideal—so that they also direct their will toward it—and when they do this more often, when they combine these exercises of the will with their concentration, — then a sense gradually develops in the soul that we possess not only powers of perception and memory, but also something that, while of a volitional nature, can be described as a foreknowledge of future events. There is certainly something of a prophetic character in the human soul. This is not merely attributable to some form of superstition. Spiritual science shows that this prophetic gift manifests itself only with extraordinary difficulty in human beings precisely because, within the physical body, a person must use the forces that would otherwise enable them to intuitively perceive what is approaching them; they must use this force to build up the physical body; it flows into it and is transformed. Because we have already gone through the process of past lives, we are able to apply what we have retained from them in terms of growth forces as a power of memory in the soul and spirit. As we live toward the future in the physical body, we must apply the power we need to sustain the body within the physical body itself. Thus, it is very difficult to become acquainted with certain forces—not, however, in the way people imagine, but in a much more intimate and subtle way. They are present within the human being. Spiritual science, however, can come to know them in such a way that it learns to understand that within what is immortal in the human soul lies something that truly carries this rich content of the soul through death and into the future. Through this spiritual science, the human being truly comes to realize the very force that carries the human being through the gate of death.

[ 32 ] So kann Geisteswissenschaft nicht so bequem, wie man es wohl denkt, antworten auf die Frage: Was ist am Menschenwesen sterblich? Aber sie zeigt den Weg, wie man hinfinden kann, um dasjenige zu erkennen, was am Menschenwesen sterblich ist, indem sie zeigt, was als das Unsterbliche, unbeachtet von der gewöhnlichen Aufmerksamkeit, im Menschen lebt, und wie dieses Unsterbliche gewissermaßen das eigene, gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod als etwas Objecktives überschauen kann. Es kann dies aber nur dann sein, wenn der Mensch dazu kommt, anzuerkennen, daß seine Wesenheit ein in sich Geschlossenes ist, außerhalb des Leiblichen, daß dieses Geschlossene von außerhalb des Leibes eigentlich auf den Leib wirkt. Wie der Mensch, der vor dem Spiegel steht, auf das Spiegelbild wirkt, so wirkt die wahre Wesenheit der Seele auf das Leibliche, daß sich zurückspiegelt für dieses Erdenleben, was sie ist. Weil wir von unserem wahren Wesen im Erdenleben nur ein Spiegelbild haben, das nur so lange da sein kann, als das Gespiegelte vor dem Spiegel steht, ist im Grunde genommen dasjenige, was wir unmittelbar als gegenwärtig im Erdenleben erleben, der sterbliche Teil. Dasjenige, was ihm zugrunde liegt als Sterbliches, lernt der Mensch kennen als dasjenige, worin sein Unsterbliches wie in seinem Werkzeug — nicht sage ich in seiner Hülle, sondern in seinem Werkzeug — wohnt.

[ 32 ] Thus, spiritual science cannot answer the question—as easily as one might think—“What is mortal in the human being?” But it shows the way to recognize what is mortal in the human being by revealing what lives within the human being as the immortal—unnoticed by ordinary attention—and how this immortal can, in a sense, survey one’s own ordinary life between birth and death as something objective. But this can only be the case if a person comes to recognize that their essence is a self-contained entity, separate from the physical body, and that this self-contained entity actually acts upon the body from outside it. Just as a person standing before a mirror acts upon their reflection, so does the true essence of the soul act upon the physical body, causing what it is to be reflected back for this earthly life. Because we have only a reflection of our true being in earthly life—one that can exist only as long as the reflected being stands before the mirror—what we directly experience as present in earthly life is, in essence, the mortal part. Human beings come to know that which underlies it as mortal—that in which their immortal nature dwells as in its instrument—not, I say, in its shell, but in its instrument.

[ 33 ] Auf diese Weise kommt man dazu, die Frage: Was ist am Menschenwesen sterblich? in vollem Einklang mit der gegenwärtigen Naturwissenschaft zu beantworten. Und das wird für die Zukunft der geistigen Entwickelung von einer ungeheuren Wichtigkeit sein. Es wird deshalb von ungeheurer Wichtigkeit sein, weil der Naturforscher immer hinweisen kann, wenn man ihm von einer selbständigen Seele, von der Seelensubstanz redet, immer sagen kann: Ja, sieh dir doch diese Seele an; sie wächst mit dem Wachstum des Leibes, des Gehirns, sie wächst mit dem Älterwerden. Wenn der Leib erkrankt und abstirbt, ist die Seele nicht mehr da. Aus den aüßeren Erscheinungen die Seele bloß erschließen, das macht nicht möglich, gegen Tatsachen etwas einzuwenden. Das Seelische muß erkannt werden auf einem Felde, das außerhalb der Tatsachen liegt. Man muß in der Lage sein, zu allen berechtigten Einwänden ja zu sagen, nicht nein zu sagen. Und Geisteswissenschaft kann das. Wenn daher diejenigen, die da glauben, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, kommen und sagen: Das wissen wir! Das wissen wir! Das wissen wir! Da darfst du uns nicht mit der Geisteswissenschaft kommen! -, dann tritt der Geisteswissenschafter vor sie hin und sagt: Nichts, aber auch gar nichts, bis zum letzten, was du sagst, leugnet die Geisteswissenschaft; denn was du kennst, was die Naturwissenschaft kennt, das ist am Menschenwesen sterblich. Nichts leugnet ‘die Geisteswissenschaft dir ab, nur zeigt sie, daß es einen Weg der menschlichen Erkenntnis gibt zu etwas anderem, als du kennst. — Dann ist der Naturforscher gezwungen, nicht mehr mit logischen Gründen zu kämpfen, sondern er muß einem schon verbieten, daß man noch etwas anderes weiß, als er weiß. Dann hat er nur diesen einzigen Einwand. Und das ist wirklich der einzige Einwand, der von der Naturwissenschaft kommen kann. Nicht widerlegen kann man die geisteswissenschaftliche Weltanschauung; denn die Einwände, die man macht, die gibt der Geistesforscher ja alle zu. Man muß schon behaupten: Nur ich habe das Recht, zu entscheiden, wo geforscht werden darf; und wenn du etwas anderes behauptest als das, was nach meinem Willen behauptet werden darf, so bist du ein Phantast. — Geisteswissenschaft kann man von jener Seite aus nicht widerlegen mit Gründen, sondern einzig und allein durch Machtsprüche. Geisteswissenschaft kann nur aus der Welt geschafft werden, wenn die Menschen übereinkämen, durch Majorität diese geisteswissenschaftliche Forschung totzudrücken. Nicht durch Logik, sondern nur durch Brutalität kann die Geisteswissenschaft widerlegt werden; aber sie wird gegenüber der Naturwissenschaft allerdings nur dann bestehen können, wenn sie der Naturwissenschaft gewachsen ist, wenn sie nicht mit dilettantischen Dingen kommt und damit die Naturwissenschaft widerlegen will. Sie muß zeigen können, daß sie ein Feld zu erobern imstande ist, auf welchem selbst die alten philosophischen Seelensubstanz-Begriffe nicht mehr anwendbar sind, sondern für welches neue Begriffe geschaffen werden müssen. Deshalb erscheint so vieles von dem, was in der Geisteswissenschaft literarisch zutage tritt, noch absurd. Die Absurdität besteht aber nur darin, daß man niemals gewöhnt worden ist, solche Begriffe zu haben; deshalb lehnt man sie ab. Die Geisteswissenschaft bringt eben etwas völlig Neues hervor. Nicht dadurch, daß man die Naturwissenschaft bekämpft, sondern daß man etwas gegen sie hinstellt, kann man der Geisteswissenschaft die Wege bahnen. Selbst in bezug auf die Denkweise kann Geisteswissenschaft durchaus den berechtigten Anforderungen der Naturwissenschaften genügen. Denn wenn jemand sagen würde: ich stehe auf dem festen Boden der Naturwissenschaft; wer seine gesunden fünf Sinne beisammen hat und sich darauf verläßt und auf dasjenige, was der Verstand auf Grund dieser fünf Sinne erfassen kann, der kann den Phantastereien der Geisteswissenschaft nicht zustimmen, — dann antwortet der Geistesforscher: Schau einmal ein wenig auf dich selbst hin! Du gibst ja zu, daß lange Zeit Menschen gelebt haben als solche, die sich auf die gesunden fünf Sinne verlassen haben. Dann kam Kopernikus. Der hat in bezug auf die äußere Welt eine Weltanschauung aufgestellt, die den fünf Sinnen direkt ins Gesicht schlägt. Manche haben ja lange Zeit gebraucht, ja, bis in die neueste Zeit gebraucht, bis sie die Wahrheit der Weltanschauung des Kopernikus anerkennen konnten oder anerkannt haben. Aber geradeso wie damals die menschliche Wahrheit den Weg gefunden hat, über die fünf Sinne hinauszukommen in bezug auf die äußerliche Wissenschaft von der Welt, so wird Geisteswissenschaft hinausführen über dasjenige, was durch einen Machtspruch der fünf Sinne festgelegt werden soll mit Bezug auf das Übersinnliche. Denn noch weniger gestattet dieses Übersinnliche, daß man sich nur auf seine «gesunden fünf Sinne» verläßt.

[ 33 ] In this way, one is led to answer the question, “What is mortal about the human being?” in full harmony with current scientific knowledge. And this will be of immense importance for the future of spiritual development. It will be of immense importance because the natural scientist can always point out—whenever one speaks to him of an independent soul or of the substance of the soul—that: “Yes, just look at this soul; it grows with the growth of the body and the brain, and it grows as one ages. When the body becomes ill and dies, the soul is no longer there.” To infer the soul solely from external phenomena makes it impossible to counter the facts. The soul must be recognized in a realm that lies beyond the facts. One must be able to say “yes” to all legitimate objections, not “no.” And spiritual science can do that. Therefore, when those who believe they stand on the firm ground of natural science come and say: “We know that! We know that! We know that! You mustn’t come at us with spiritual science!”—then the spiritual scientist steps forward and says: “Spiritual science denies nothing—absolutely nothing, down to the very last thing you say; for what you know, what natural science knows, pertains only to the mortal aspect of the human being.” Spiritual science does not deny you anything; it merely shows that there is a path of human knowledge leading to something other than what you know. — Then the natural scientist is forced to stop fighting with logical arguments; instead, he must go so far as to forbid anyone from knowing anything other than what he knows. That is his only objection. And that is truly the only objection that can come from natural science. One cannot refute the spiritual-scientific worldview; for the objections that are raised are all acknowledged by the spiritual scientist. One must simply assert: “Only I have the right to decide where research may be conducted; and if you claim anything other than what I permit to be claimed, then you are a fantasist.” — The humanities cannot be refuted from that perspective with arguments, but solely through declarations of authority. Spiritual science can only be eliminated from the world if people agreed, by majority vote, to stifle this spiritual scientific research. Spiritual science can be refuted not through logic, but only through brutality; but it will, of course, be able to hold its own against natural science only if it is a match for natural science, if it does not come up with amateurish ideas and attempt to use them to refute natural science. It must be able to demonstrate that it is capable of conquering a field in which even the old philosophical concepts of the substance of the soul are no longer applicable, but for which new concepts must be created. That is why so much of what emerges in the literature of the humanities still seems absurd. The absurdity, however, lies solely in the fact that people have never become accustomed to such concepts; and that is why they are rejected. Spiritual science brings forth something entirely new. It is not by fighting natural science, but by setting something in contrast to it, that we can pave the way for spiritual science. Even in terms of its mode of thinking, spiritual science can certainly meet the legitimate demands of the natural sciences. For if someone were to say: I stand on the firm ground of natural science; anyone who has their five healthy senses in working order and relies on them—and on what the intellect can grasp on the basis of these five senses—cannot agree with the fanciful notions of spiritual science”—then the spiritual scientist replies: “Take a closer look at yourself! You do admit that for a long time people lived as those who relied on their five healthy senses.” Then came Copernicus. With regard to the external world, he formulated a worldview that directly defies the five senses. It took some people a long time—indeed, right up to the present day—before they could or did acknowledge the truth of Copernicus’s worldview. But just as human truth found its way back then to transcend the five senses in regard to the external science of the world, so spiritual science will lead us beyond what the five senses seek to dictate with regard to the supersensible. For the supersensible permits even less reliance on one’s “sound five senses.”

[ 34 ] Nun sehen wir, daß der Mensch den Entwickelungsweg, den er machen muß, wenn er ein Geistesforscher werden will — nicht jeder braucht ein Geistesforscher zu werden; wenn es nur wenige Geistesforscher gäbe, und diese bringen Wahrheiten zustande, so wird der Verstand dieselben einsehen können — wir sehen, daß der Weg, den der Geistesforscher geführt wird, in dem Ergreifen des eigenen Seelischen besteht, um dieses Seelische weiterzuführen. Geradeso wie das Kind sich entwickeln muß, indem es von der Zeit an, wo es noch nicht «ich» sagen kann zu sich selber, geführt wird zu einem Zeitpunkt, wo es dieses sagen kann, so kann die Seele, wenn der Geistesforscher sich in der Hand hat, sich entwickeln, so daß sie ein Genosse der geistigen Welt wird. Da muß aber die Seele sich selbst ergreifen. Das ist ein rein geistig-seelischer Prozeß. Auf dem Wege zu diesem Prozeß ist allerdings die Menschheit schon lange. Einer derjenigen Geister der mitteleuropäischen Geistesentwickelung, von dem ich vor kurzem hier gesprochen habe, er hat ein schönes Wort geprägt, welches, so könnte man sagen, auf den Weg weist das menschliche Fühlen, das menschliche Denken, das menschliche Wollen, — auf den Weg, der zuletzt dann dahin führt, daß der Mensch selbst ein Geistesforscher wird. Der deutsche Mystiker Meister Eckhart, der 1327 gestorben ist, er spricht ein schönes Wort aus. Ein Wort, das sozusagen, wenn man darüber meditiert, die Kraft hat, die Seele hinzuweisen auf den Weg, der in die geistige Welt hineinführt. Man kann solch ein Wort nicht bloß einmal oder ein paarmal auf sich wirken lassen, sondern man muß es Tag für Tag auf sich wirken lassen. Denn hinter einem solchen Wort steckt ein tiefes seelisches Erleben, das derjenige schon durchgemacht hatte, der es aus dem innersten Gefüge seiner Seele herausgeholt hat. Meister Eckhart sagt:

[ 34 ] Now we see that a person must follow the path of development required to become a spiritual researcher—not everyone needs to become a spiritual researcher; if there were only a few spiritual researchers, and they were to uncover truths, then the intellect would be able to grasp them—we see that the path along which the spiritual researcher is guided consists in grasping one’s own soul life in order to carry it forward. Just as a child must develop by being guided from the time when it cannot yet say “I” to itself to a point where it can say this, so too can the soul—if the spiritual researcher has self-mastery—develop to the point where it becomes a partner of the spiritual world. But the soul must grasp itself. This is a purely spiritual-soul process. Humanity has, however, long been on the path toward this process. One of the leading figures in Central European spiritual development, whom I spoke of here recently, coined a beautiful phrase that, one might say, points the way for human feeling, human thinking, and human willing—the path that ultimately leads to the human being becoming a spiritual researcher. The German mystic Meister Eckhart, who died in 1327, utters a beautiful phrase. A phrase that, so to speak, when one meditates on it, has the power to direct the soul toward the path that leads into the spiritual world. One cannot simply allow such a word to take effect on oneself just once or a few times; rather, one must allow it to take effect day after day. For behind such a word lies a profound spiritual experience that the one who drew it from the innermost depths of his soul had already undergone. Meister Eckhart says:

[ 35 ] «Wer zur höchsten Vollendung seines Wesens gelangen will und zum Schauen Gottes, des höchsten Gutes, der muß ein Erkennen haben seiner selbst wie dessen, was über ihm ist, bis auf den Grund. So nur gelangt er zu der höchsten Lauterkeit.

[ 35 ] “Whoever wishes to attain the highest perfection of his being and to behold God, the highest good, must have a thorough understanding of himself and of that which is above him, right down to the very depths. Only in this way can he attain the highest purity.

[ 36 ] Darum, lieber Mensch, lerne Dich selber kennen; das ist Dir besser, als ob du aller Kreaturen Kräfte erkänntest.»

[ 36 ] “Therefore, dear friend, get to know yourself; that is better for you than knowing the powers of all creatures.”

[ 37 ] Lerne dich selbst erkennen! — der Spruch, der schon auf dem Apollinischen Heiligtum stand. Aber Selbsterkenntnis, die ja auf das innigste zusammenhängt mit dem Wege in die geistigen Welten hinein, sie ist gewissermaßen das Aller-, Allerschwierigste! Schon die alleräußerlichste Selbsterkenntnis ist dem Menschen etwas Schwieriges. Dafür gibt der Philosoph Ernst Mach ein kurioses Beispiel. In seiner «Analyse der Empfindungen» verrät er, wie es bei ihm mit der Selbsterkenntnis schon in bezug auf das alleräußerlichste Gebiet steht. Er erzählt, wie er einmal über die Straße ging und in einem schräggestellten Spiegel sein eigenes Bild sah. Er erschrak vor dem häßlichen, ihm widerwärtigen Gesicht, das ihm da entgegenschaute, und siehe da: es war sein eigenes. Und als er schon Professor war, passierte ihm etwas Ähnliches. Er kam ermüdet von einer Reise und bestieg einen Omnibus. Auf der anderen Seite sah er auch einen Mann einsteigen, und er dachte: Was für ein vertrockneter Schulmeister steigt denn da ein! Und wiederum entpuppte sich der Mensch, der ihm gegenüber einstieg, als er selber; er hatte sich in einem Spiegel gesehen. Und er sagt: So kannte ich den Berufshabirus besser als meinen eigenen. Wir sehen an diesem Fall, daß man sogar ein berühmter Professor sein kann und alle Eigenschaften und Kräfte zu einem berühmten Professor haben kann und doch in bezug auf die äußerlichste Selbsterkenntnis nicht sehr weit gekommen sein kann.

[ 37 ] “Know thyself!” — the maxim that was already inscribed on the Sanctuary of Apollo. But self-knowledge, which is so intimately connected with the path into the spiritual worlds, is, in a sense, the most—the very, very most—difficult thing! Even the most superficial form of self-knowledge is difficult for human beings. The philosopher Ernst Mach gives a curious example of this. In his *Analysis of Sensations*, he reveals how he himself fared with self-knowledge even in regard to the most superficial realm. He recounts how he was once walking down the street and saw his own reflection in a slanted mirror. He was startled by the ugly, repulsive face staring back at him—and lo and behold: it was his own. And when he was already a professor, something similar happened to him. He arrived tired from a trip and boarded a bus. On the other side, he also saw a man getting on, and he thought: What a withered schoolmaster is getting on there! And once again, the man who got on across from him turned out to be himself; he had seen himself in a mirror. And he says: That is how I came to know the “professional Habiru” better than my own self. We see from this example that one can even be a famous professor and possess all the qualities and abilities of a famous professor, and yet not have come very far in terms of the most superficial self-knowledge.

[ 38 ] Viel schwieriger aber ist noch dasjenige, was an Selbsterkenntnis der Seele zu erreichen ist. Und man muß sagen, das, was oftmals als Selbsterkenntnis definiert wird, ist nichts anderes als ein egoistisches Gefühl über ein inneres Erlebnis. Wahrlich, die wirkliche Selbsterkenntnis kann nur auf dem Wege der Geisteswissenschaft erworben werden.

[ 38 ] But what is even more difficult to achieve is the soul’s self-knowledge. And it must be said that what is often defined as self-knowledge is nothing more than an egotistical feeling about an inner experience. Truly, genuine self-knowledge can only be attained through spiritual science.

[ 39 ] Aber — und vielleicht erscheint es nicht an den Haaren herbeigezogen; denn nicht an den Haaren herbeigezogen ist auch alles dasjenige, wozu nicht bloß Logik, sondern auch Empfindungen führen, die von vielem, was in der Gegenwart geschieht, veranlaßt werden — angewiesen wird dieser Weg, der in die Geisteswissenschaft ausmünden muß, namentlich in solchen Impulsen, wie sie von Meister Eckhart eben angeführt wurden, wie sie aber noch vielfach aufgezählt werden können. Denn die Menschheit ist auf diesem Wege. Und wenn wir für die neuere Zeit hinweisen wollen auf irgend jemand, welcher auch in bezug auf das Herausarbeiten des Geistigen aus dem Materiellen wissenschaftlich auf dem Wege zur Geisteswissenschaft war, so dürfen wir auf Goethe hinweisen. Goethe, er hat ja, um nur das eine anzuführen, in seiner «Metamorphose der Pflanzen» zeigen wollen, wie im Blatt, im einzelnen Blatt dasjenige liegt, was sich umwandeln kann und sich im Umwandeln als anderes Organ darstellt. Aber auch auf anderen Gebieten war er bemüht, die Idee der Umwandlung durchzuführen. Das ist fruchtbar bei ihm geworden; das hat ihn zu merkwürdigen wissenschaftlichen Resultaten geführt, von denen einzelne heute noch von der Wissenschaft schroff abgewiesen werden. Und dennoch, viele Keime für die zukünftige geistgemäße Weltanschauung liegen in der Vorstellungsart Goethes. Wenn man sein eigenes Ideengebäude aufbaut und dieses Ideengebäude umsetzt in lebendiges geistesforscherisches Erleben, dann merkt man erst, wie fruchtbar Goethes Weltanschauung ist, die so anschaulich zum Beispiel in der kleinen Schrift «Metamorphose der Pflanzen» enthalten ist. Man merkt dann, daß die höchsten geistigen Kräfte, zu denen man erst Worte, Begriffe und Ideen suchen muß, jene Prozesse, die die Seele durchmacht, wenn sie den sterblichen Leib verläßt, schon eine Metamorphose haben in dem gewöhnlichen Gedächtnisprozeß. Man braucht nur Universalität des Geistes genug zu haben, um diesen Prozeß in Metamorphosen zu verfolgen, um ihn zu erkennen als einen Lebensprozeß der vom sterblichen Leibe freigewordenen Seele. Dann merkt man, daß dasjenige, was vom menschlichen Wesen sterblich ist, so abgesondert vergeht, wie man die zurückbleibende Blüte, die verwelkt, abgesondert versteht von dem Keime, der weitergeht zu einer neuen Pflanze. Aber nur konsequent war es, wenn Goethe diese Denkweise auch auf das Physikalische anwendet. Man versteht ihn nur heute noch nicht. Begreiflich muß es erscheinen, daß der Physiker, der da glaubt, auf dem Boden der Wahrheit zu stehen, wenn er auf dem Boden der physikalischen Hypothesen steht, die Farbenlehre Goethes ablehnt. Der tiefere Grund der Ablehnung ist kein anderer als der, daß die Goethesche Farbenlehre von einem Menschen erfaßt wird, aufgestellt wird, der die innere Triebkraft in sich wirken ließ, welche im Geistigen des Menschen lebt, und daß man heute bei den Physikern eine Farbenlehre sucht, die sich nur auf diejenigen Erkenntnisfähigkeiten des Menschen stützt; die durch den Leib vermittelt werden.

[ 39 ] But—and perhaps this does not seem far-fetched; for everything to which not only logic but also feelings—arising from much of what is happening in the present—lead is not far-fetched either—this path, which must lead to spiritual science, is indicated precisely by impulses such as those just cited by Meister Eckhart, and which can be enumerated in many other ways as well. For humanity is on this path. And if we wish to point to anyone from more recent times who, with regard to extracting the spiritual from the material, was scientifically on the path to spiritual science, we may point to Goethe. Goethe—to cite just one example—sought in his *Metamorphosis of Plants* to show how within the leaf, within the individual leaf, lies that which can be transformed and, in the process of transformation, manifests itself as another organ. But he also strove to apply the idea of transformation in other fields. This proved fruitful for him; it led him to remarkable scientific results, some of which are still bluntly rejected by science today. And yet, many seeds for a future spiritual worldview lie in Goethe’s mode of thinking. When one builds one’s own edifice of ideas and translates this edifice into a living spiritual-scientific experience, only then does one realize how fruitful Goethe’s worldview is—a worldview so vividly expressed, for example, in the short treatise *The Metamorphosis of Plants*. One then realizes that the highest spiritual forces—for which one must first seek words, concepts, and ideas—those processes the soul undergoes when it leaves the mortal body, have already undergone a metamorphosis in the ordinary process of memory. One need only possess sufficient universality of spirit to trace this process in metamorphoses, to recognize it as a life process of the soul freed from the mortal body. Then one realizes that what is mortal in the human being passes away in isolation, just as one understands the remaining flower, which withers, as separate from the seed that goes on to become a new plant. But it was only logical for Goethe to apply this way of thinking to the physical realm as well. It is simply that we do not yet understand him today. It must seem understandable that the physicist, who believes he stands on the ground of truth when he stands on the ground of physical hypotheses, rejects Goethe’s theory of colors. The deeper reason for this rejection is none other than that Goethe’s theory of colors was conceived and formulated by a person who allowed the inner driving force—which lives in the human spirit—to work within him, whereas physicists today seek a theory of colors based solely on those human faculties of cognition that are mediated through the body.

[ 40 ] Indem die Geisteswissenschaft als eine Frucht des menschlichen Geistesstrebens sich entwickeln wird, wird mit der Geisteswissenschaft selbst auch so etwas seine Anerkennung finden wie die Goethesche Farbenlehre. Dann wird man verstehen, warum ein anderer Geist, der ebenso den Impuls des Ewig-Geistigen in seiner Seele fühlte, der von demselben Impulse aus auch die Außenwelt begreifen wollte, warum dieser für die Farbenlehre eintrat, ja, noch für etwas anderes eintrat — Hegel, Hegel war auch einer von denjenigen, die tief verbunden waren mit der auch schon gestern hier geschilderten tragenden Kraft des deutschen Geistes. Er hat sich mit aller Macht der Beredsamkeit, die ihm eigen war, gegen die Verkleinerung seines Landesgenossen Kepler gewandt, des großen Kepler, der jedem, der nur ein klein wenig in ein Physikbuch hineingeschaut hat, bekannt ist als derjenige, der die sogenannten Keplerschen Gesetze gefunden hat. Hegel zeigte auf, daß in diesen Gesetzen schon drinnen liegt, was Newton bloß in mathematische Formeln gefaßt hat. Die Welt hat das im übrigen nur wenig bemerkt. Hegel hat gezeigt: Newton setzt mathematische Buchstaben dorthin, wo Kepler seine Gesetze ausgesprochen hat; er verändert nur ein wenig die Formeln. Newton hat also nichts anderes getan, als in mathematischen Buchstaben und Formeln die Keplerschen Gesetze ausgedrückt. Hegel aber kam es an auf das Wirkliche und nicht auf die Ausdrucksform.

[ 40 ] As spiritual science develops as a fruit of human spiritual striving, something like Goethe’s theory of colors will also find recognition within spiritual science itself. Then people will understand why another thinker, who likewise felt the impulse of the eternal-spiritual in his soul and who, driven by that same impulse, also sought to comprehend the external world—why he championed the theory of colors, and indeed, championed something else as well—Hegel; Hegel, too, was one of those who were deeply connected to the sustaining force of the German spirit, which was described here just yesterday. With all the power of the eloquence that was his own, he opposed the belittling of his compatriot Kepler—the great Kepler, who is known to anyone who has even briefly glanced at a physics textbook as the one who discovered the so-called Keplerian laws. Hegel demonstrated that these laws already contain what Newton merely expressed in mathematical formulas. The world, incidentally, took little notice of this. Hegel showed that Newton substitutes mathematical symbols for Kepler’s verbal formulations of his laws; he merely alters the formulas slightly. Newton, therefore, did nothing more than express Kepler’s laws in mathematical symbols and formulas. For Hegel, however, what mattered was the reality itself, not the form of expression.

[ 41 ] Ich sagte schon, ich möchte etwas, was nur empfindungsgemäß heute hierher gehört, vorbringen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß solches uns in der letzten Zeit mehrfach passiert ist, wie es da passiert ist, daß man denjenigen, der nur die Ausdrucksform gefunden hat, als den großen Physiker hinstellt, anstelle desjenigen, der eigentlich den Nerv der Sache gefunden hat — Goethe. Einer geistgemäßen Weltanschauung entsprechend hat Goethe gefunden alles dasjenige, was mit der Entwickelungslehre der Organismen zusammenhängt. Nur muß man getragen sein von dem Geistigen, von dem er auch selbst getragen war, wenn man diese geistgemäße Weltanschauung als die naturgemäße Entwickelungslehre ansehen will. Goethe wurde für den Geist hinter aller Sinnlichkeit durch seine naturgemäße Entwickelungslehre gestärkt und nicht geschwächt. Aber der Menschheit war es vielfach zu schwer, auf Goethesche Art die Verwandlung der Organismen zu begreifen. Die Menschen haben sie leichter begriffen, als sie ihnen vorgeführt wurde in der an den Geist keine so groBen Anforderungen stellenden Darstellung Darwins. Und auf vieles, vieles könnten diese Dinge noch angewandt werden.

[ 41 ] As I said before, I would like to bring up something that, intuitively, belongs here today. I would like to point out that this has happened to us several times recently—as in the case where the one who merely found the form of expression is held up as the great physicist, instead of the one who actually struck at the heart of the matter—Goethe. In accordance with a spiritual worldview, Goethe discovered everything connected with the theory of the evolution of organisms. However, one must be sustained by the spiritual—by which he himself was sustained—if one wishes to regard this spiritual worldview as the natural theory of evolution. Goethe was strengthened, not weakened, by his natural theory of evolution in his understanding of the spirit behind all sensibility. But for humanity, it was often too difficult to comprehend the transformation of organisms in the Goethean way. People understood it more easily when it was presented to them in Darwin’s account, which did not place such great demands on the spirit. And these ideas could still be applied to many, many other things.

[ 42 ] Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist diejenige Zeit, in der man auf vielen Gebieten der flacheren Denkweise zum Opfer gefallen ist. Im deutschen Geistesleben liegen überall für dasjenige, wofür eine flachere Denkweise eingetreten ist, die tieferen Keime, die tieferen Impulse. Es wird sich allerdings darum handeln, daß eine Besinnung eintritt auf dasjenige, was «die tragenden Kräfte des deutschen Geisteslebens» sind; daß eine Besinnung darauf eintritt, wie man die wahre Entwickelungslehre nicht im Darwinistischen Sinne, sondern im Goetheschen Sinne darstellen muß. Das aber führt zu den Gedanken, die unsere heutige schwere Zeit, wie ich es schon gestern ausgeführt habe, auf manchem Gebiete zur Besinnung bringen können, daß man Siege auch noch in anderer Beziehung, als man vielleicht meint, hervorzubringen hat: den Sieg des deutschen Geisteslebens, den Sieg der tieferen Prinzipien einer Weltanschauung, wie sie vorbereitet sind im deutschen Geistesleben, — gegenüber dem, was so vielfach als das Flachere aus England herübergekommen ist. Das ist nicht chauvinistisch-national gesprochen, sondern einfach sachlich historisch gesprochen. Es wird der deutsche Geist einsehen müssen, daß noch manches Englische an seinen Ursprung zurückgeschickt werden muß. Und man kann sagen: in dieser Beziehung darf das deutsche Geistesleben hoffen, daß die in ihm liegenden Keime in Zukunft immer mehr und mehr zur Geltung kommen. Dann aber muß dasjenige, was die deutsche Seele, der deutsche Geist ist, ebenso verteidigt werden, wie er durch unsere aufopferungsvollen Zeitgenossen eben verteidigt wird. Denn da wird ein Heiligstes der Menschheit verteidigt. Nicht nur umschlossen sind deutscher Raum und deutsche Menschen wie in einer Festung von allen Seiten durch die Feinde, sondern edelstes deutsches Geistesgut ist umschlossen und wie in einer Festung belagert und muß verteidigt werden. Die Wahrheit ist überall gleich; aber das ist auch eine Wahrheit, daß nicht überall die Anlage zur Wahrheit in gleicher Art entwickelt ist. Für das deutsche Geistesleben darf gesagt werden: Die Helligkeit, die religiöse Art, in der der deutsche Idealismus sich dem Geistigen genähert hat, ist ein Anfang, um zu einer wirklichen geistgemäßen Weltanschauung immer mehr aufzusteigen. Daher darf man sich der Hoffnung, der auf wahrheitsgemäße Erkenntnis, nicht auf bloße Gefühle begründeten Hoffnung hingeben, daß dem deutschen Geist Gelegenheit gegeben sein wird, durch die Art und Weise, wie er hervorgeht aus der gegenwärtigen schweren Zeit, dasjenige auszubilden, was diejenigen gerade kennen in diesem deutschen Geiste, welche die Verbindung dieses deutschen Geistes mit dem Wege in die Geisteswelten hinein überhaupt kennen. Und wie eine Ahnung steht ein Wort Goethes da, auf das der elsässische Dichter Lienhard in seiner bemerkenswerten Broschüre «Deutschlands europäische Sendung» hingewiesen hat — ein Wort Goethes, das er im Jahre 1813 ausgesprochen hat in einem Gespräch mit Luden. Er sagt:

[ 42 ] The second half of the 19th century was a time when many fields fell victim to a more superficial way of thinking. In German intellectual life, wherever a more superficial way of thinking has taken hold, the deeper seeds and impulses still lie beneath. The task, however, will be to bring about a reflection on what constitutes “the sustaining forces of German intellectual life”; to bring about a reflection on how the true theory of evolution must be presented—not in the Darwinian sense, but in the Goethean sense. But this leads to the thoughts that, as I explained yesterday, our difficult times today can prompt reflection in many areas—that victories must also be achieved in a different sense than one might suppose: the victory of German intellectual life, the victory of the deeper principles of a worldview as they are prepared within German intellectual life, —as opposed to what has so often come over from England as the more superficial. This is not said from a chauvinistic-nationalist perspective, but simply from an objective historical standpoint. The German spirit will have to recognize that many English influences must be sent back to their origins. And one can say: in this regard, German intellectual life may hope that the seeds within it will come to the fore more and more in the future. But then, that which constitutes the German soul, the German spirit, must be defended just as it is being defended by our self-sacrificing contemporaries. For what is being defended here is one of humanity’s most sacred treasures. Not only are German territory and the German people surrounded on all sides by enemies, as if in a fortress, but the noblest German intellectual heritage is also encircled and besieged as if in a fortress, and must be defended. Truth is the same everywhere; but it is also true that the capacity for truth is not developed in the same way everywhere. With regard to German intellectual life, it may be said: The luminosity, the religious manner in which German idealism has approached the spiritual, is a starting point for ascending ever higher toward a truly spiritual worldview. Therefore, one may give oneself over to the hope—a hope grounded in truthful knowledge, not in mere feelings—that the German spirit will be given the opportunity, through the way it emerges from the present difficult times, to develop that which is known precisely within this German spirit by those who are at all aware of the connection between this German spirit and the path into the spiritual worlds. And like a premonition, there stands a word from Goethe, to which the Alsatian poet Lienhard referred in his remarkable pamphlet *Germany’s European Mission*—a word Goethe spoke in 1813 during a conversation with Luden. He says:

[ 43 ] «Das Schicksal der Deutschen ist... noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das Römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müßten sie nach meinem Glauben noch eine große Zukunft haben, eine Bestimmung...»

[ 43 ] “The destiny of the Germans is... not yet fulfilled. If they had had no other task to fulfill than to shatter the Roman Empire and to create and organize a new world, they would have perished long ago. But since they have endured—and with such strength and competence—I believe they must still have a great future ahead of them, a destiny...”

[ 44 ] Auf vielen anderen Gebieten werden noch manche deutsche Bestimmungen liegen. Ganz gewiß aber liegt auch noch die Bestimmung in der deutschen Entwickelung, den deutschen Idealismus zum Spiritualismus zu führen, zu einer ganz geistgemäßen Weltanschauung. Denn, was auch geschehen mag, — das eine kann nur geschehen: daß in dieses Geschehen befruchtend hineintönt, was aus so tief innerlichem Erleben hervorgegangen ist wie ein Wort Goethes, das er gerade gesetzt hat an den Schluß derjenigen Dichtung, wo er tiefstes, mit dem Weltgeist ringendes Menschenwesen darstellt. Nicht umsonst ist gerade aus der deutschen Weltanschauung der «Faust» hervorgegangen, diese Darstellung des Ringens mit dem Weltgeist nach dem Wege in die geistige Welt hinein. Gerade in der Zeit, in welcher Deutschland gewissermaßen sich bis zu einem gewissen Grade von fremdländischer Weltanschauung geistig überwinden ließ, hat man immer wiederum das sonderbare Diktum ausgesprochen, Deutschland sei Hamlet. Deutschland ist nicht Hamlet. Es ist nur ein Mißverständnis, wenn man das glaubt. In den innersten Kräften der deutschen Entwickelung liegt etwas, was niemals von Hamlet ausgesprochen werden kann — «Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage» ist ein Wort von Hamlet —, sondern der deutsche Geist spricht: Der Geist ist der Urgrund alles Seins, und auf dem geistigen Boden findet die Seele ihre wahre Bestimmung, ihre wahre Wesenheit; und »ur auf geistigem Boden, nur im Hinausblicken über das Materielle Das ist die deutsche Entwickelung im richtigen Stil betrachtet, verbunden mit dem Geistwesen der Menschheit überhaupt, daß man sagen muß: Mögen die gegenwärtigen schmerzlichen Ereignisse noch vieles bringen, — das aber liegt in der deutschen Entwickelung selbst als eine tiefste Berechtigung, daß man wird sagen müssen:

[ 44 ] There are still many German destinies to be fulfilled in numerous other areas. But it is certainly also part of Germany’s destiny to lead German idealism toward spiritualism—toward a worldview that is entirely in keeping with the spirit. For whatever may happen—one thing is certain: that which has emerged from such a deeply inner experience will resound fruitfully within these events—such as a word of Goethe’s, which he placed precisely at the end of that poem in which he portrays the deepest human being wrestling with the world spirit. It is no coincidence that *Faust*—this depiction of the struggle with the world spirit to find the path into the spiritual world—emerged precisely from the German worldview. Precisely during the period when Germany, so to speak, allowed itself to be spiritually overcome to a certain degree by a foreign worldview, people repeatedly uttered the strange dictum that Germany is Hamlet. Germany is not Hamlet. It is merely a misunderstanding to believe so. In the innermost forces of German development lies something that can never be expressed by Hamlet—“To be or not to be, that is the question” is a line from Hamlet—but the German spirit speaks: The spirit is the source of all being, and on spiritual ground the soul finds its true purpose, its true essence; and “only on spiritual ground, only in looking beyond the material world”—this is German development viewed in its true light, connected to the spiritual essence of humanity as a whole—so that one must say: Whatever the present painful events may yet bring—it lies within German development itself, as its deepest justification, that one will have to say:

[ 45 ] Ein solcher Sieg des deutschen Wesens muß aus diesen schmerzlichen Zeiten doch hervorgehen gegen den Ansturm aller Feinde des deutschen Wesens, daß kraftvoll, unter den anderen Bestimmungszielen des deutschen Volkes, auch das erfüllt werden kann, welches aus den Worten quillt, mit denen die deutscheste, aber zugleich die tiefste Dichtung der Menschheit schließt, — die hintönen, wie ein Siegesruf gegenüber allen Materialismus, wie die Heroldsrufe vor aller geistgemäBen Weltanschauung: Das Vergängliche, es ist nicht das Beständige. Am Schlusse des «Faust» tönt uns entgegen wie eine wahre Devise einer wirklich geistgemäßen Weltanschauung: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.»

[ 45 ] Such a victory of the German spirit must surely emerge from these painful times—in the face of the onslaught of all enemies of the German spirit—so that, among the other goals of the German people, the one that springs from the words with which the most German, yet at the same time the most profound, poetry of humanity concludes may also be fulfilled, — words that resonate like a victory cry against all materialism, like the heraldic cries preceding every spiritual worldview: “The transitory is not the enduring.” At the end of *Faust*, the following resounds to us like a true motto of a genuinely spiritual worldview: “All that is transitory is but a parable.”

[ 46 ] Und daß dies das Ziel des menschlichen Strebens werde, dazu hat der deutsche Geist noch viel beizutragen. Und hoffen wollen wir, daß die gegenwärtigen schweren Zeiten ihm gerade dazu verhelfen, in dieser Richtung seine Bestimmung voll zu erfüllen.

[ 46 ] And the German spirit still has much to contribute to making this the goal of human endeavor. And let us hope that the current difficult times will help it to fully fulfill its destiny in this direction.