From a Fateful Time
GA 64
23 April 1915, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
From a Fateful Time, tr. SOL
14. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
14. Self-Knowledge and Knowledge of the World from the Perspective of Spiritual Science
[ 1 ] Das erste, was die Seele braucht, um ihr eigenes Wesen wissenschaftlich, nicht nur auf dem Glaubenswege kennenzulernen, ist scharfe Gedankenkonzentration, die nicht bloß an das gewöhnliche Denken appelliert, sondern an die Aufwendung innerer Willenskraft im Vorstellen und Denken. Die Gedanken, die aus der äußeren Sinneswelt in uns eindringen, können uns dazu nicht helfen. Wenn wir die Unsterblichkeit der Seele suchen, müssen es andere Gedanken sein. Diese sind äußerlich recht ähnlich solchen Gedankengebilden, solchen inneren Erlebnissen, welche dem Schicksal des Vergessenwerdens unterliegen. Wir können es am Erlebnis des 'Traumes sehen. Warum? Weil der Traum in viel weniger intensiver Weise die Leiblichkeit ergreift und so weniger die Möglichkeit schafft, das Geträumte als Realität zu erfühlen und zu erleben. Ebenso ist es mit unseren freien Gedanken, die wir durch die Seele ziehen lassen; wir nennen sie Träumereien und vergessen sie rasch. Doch je mehr man sich schult, die Kraft zu entfalten, freigebildete Gedanken zu erhalten, wie sonst auf die Erinnerung gestützte Erlebnisse, desto mehr nähert man sich der Gedankenkonzentration. Am wenigsten sind dazu geeignet Gedanken als Abbilder der äußeren Wirklichkeit. In dem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» habe ich solche Gedanken niedergelegt, die zur Gedankenkonzentration taugen.
[ 1 ] The first thing the soul needs in order to come to know its own nature scientifically—not merely through faith—is keen concentration of thought, which does not merely appeal to ordinary thinking but to the exertion of inner willpower in imagination and thought. The thoughts that penetrate us from the external sensory world cannot help us in this regard. If we seek the immortality of the soul, these must be different kinds of thoughts. Outwardly, they are quite similar to those thought-forms, those inner experiences, which are subject to the fate of being forgotten. We can see this in the experience of a “dream.” Why? Because a dream engages the physical body in a far less intense way and thus creates less of an opportunity to feel and experience what is dreamed as reality. The same is true of our free thoughts, which we allow to pass through the soul; we call them daydreams and quickly forget them. Yet the more one trains oneself to develop the power to retain freely formed thoughts—just as one would retain experiences otherwise supported by memory—the closer one comes to concentration of thought. Thoughts that are mere reflections of external reality are the least suitable for this purpose. In the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, I have recorded such thoughts that are suitable for concentration of thought.
[ 2 ] Wenn man solche frei erzeugte Gedankenbilder festhalten will, muß man stärkeren Willen entfalten als im gewöhnlichen Leben. Das im Alltag Erlebte ist so grob, daß es nicht als Vergleich dienen kann. Was die Geisteswissenschaft als unsterblich aufweist, ist in seinem Sinn grundverschieden von dem, was wir im Alltag fühlen und wollen. Achtlos geht der Mensch daran vorüber, um so achtloser, weil er geneigt ist, Realität gerade dem nicht zuzuschreiben, was ihm so entgegentritt wie das Wesen in seinem eigenen Innern, das den Weg findet durch Geburt und Tod.
[ 2 ] If one wishes to capture such freely generated mental images, one must exert a stronger will than in ordinary life. What we experience in everyday life is so crude that it cannot serve as a comparison. What spiritual science identifies as immortal is, in its essence, fundamentally different from what we feel and desire in everyday life. People pass this by without a second thought—all the more so because they are inclined not to attribute reality to precisely that which confronts them as the being within their own innermost being, the one that finds its way through birth and death.
[ 3 ] Es ist leicht, einzusehen, daß dieses innere Wesen existiert, aber nicht leicht ist es, ihm gerade die intensivste Realität zuzuschreiben. Man muß immer wieder von anderen Gesichtspunkten aus über die Unsterblichkeit sprechen, denn erst wenn man sie von den verschiedensten Gesichtspunkten aus charakterisiert hat, ist es möglich, eine wahrhaftige Vorstellung davon zu gewinnen. Die Realität der Unsterblichkeit muß erfaßt werden durch Seelenkräfte, die aus dem Innern hervorgeholt sind. Nun könnten Sie sagen, ich behaupte, daß nur subjektiv etwas erreicht werden könne! — Der Anfang der Geistesforschung ist in der Tat subjektiv: ein inneres Überwinden, ein Sich-Emporarbeiten aus der Finsternis ans Licht. Das ist gewiß subjektiv, weil die meisten Menschen nicht Geduld haben, hinreichend weit mit der Geistesforschung mitzugehen und sich herauszuentwickeln aus dem persönlichsten Persönlichen. Gerade durch die innere Überwindung wird die Seele dazu getrieben, sich da herauszuarbeiten; dann kann sie eintreten in eine Welt, die ihr dann aufgeht. Der Gang aber aus dem Subjektiven ins Objektive des geistigen Forschens ist ein intimer, der notwendig macht, daß der Mensch in seinem Innern. sich Seelengewohnheiten aneignet, die sonst im alltäglichen Leben nicht vorkommen. Zum alltäglichen Leben müssen wir wenig Willen entfalten, um uns in ihm festzuhalten, aber zu dem anderen gehört eine starke Anspannung der inneren Kräfte der Seele. Man muß sie heraufholen aus dem tieferen Seelenleben. Das sind starke innere Energien, die sonst unausgebildet bleiben im alltäglichen Leben. Menschen, welche die Stütze des sinnenfällig Erlebten brauchen, erlahmen allzubald und verfallen in einen Zustand, der dem des Einschlafens nicht unähnlich ist. Wenn der Mensch längere Zeit das mit dem Willen vermählte Denken entfaltet hat, wenn er das innere Vorstellungsleben so erkraftet hat, daß er darin ganz aufgeht, wenn das übrige Seelenleben wie versinkt, die Welt nach allen Seiten abflutet, die Seele ganz eins wird mit dem, was sie selber durch Übung in gesunder Weise erlangt hat: dann merkt der Mensch erst, was die Kraft des Gedankens ist, und wie dieser, wenn er frei walten soll im inneren Leben, durch starken Willen gestützt sein muß. Dann, wenn er die Übungen Monate, Jahre gemacht hat, macht er bestimmte Erfahrungen. Es gelingt ihm zunächst, immer heller und klarer, intensiver sich zu konzentrieren; er merkt: das Gedankenerlebnis wird immer stärker, er fühlt sein ganzes Bewußtseinsleben im Zusammenfließen mit dem Gedanken erhöht.
[ 3 ] It is easy to see that this inner being exists, but it is not easy to attribute the most intense reality to it. One must repeatedly speak of immortality from different perspectives, for only after characterizing it from a wide variety of viewpoints is it possible to gain a true understanding of it. The reality of immortality must be grasped through soul forces drawn from within. Now you might say, “I’m claiming that something can only be achieved subjectively!”—The beginning of spiritual research is indeed subjective: an inner overcoming, a working one’s way up from darkness into the light. This is certainly subjective, because most people lack the patience to pursue spiritual research far enough and to develop themselves out of the most personal of the personal. It is precisely through this inner overcoming that the soul is driven to work its way out of that state; then it can enter a world that subsequently opens up to it. The journey, however, from the subjective to the objective realm of spiritual research is an intimate one, which necessitates that a person acquire within themselves habits of the soul that do not otherwise occur in everyday life. In everyday life, we need to exert little willpower to hold on to it, but the other path requires a strong mobilization of the soul’s inner forces. One must draw them up from the deeper life of the soul. These are powerful inner energies that otherwise remain undeveloped in everyday life. People who rely on the support of sensory experience lose momentum all too quickly and fall into a state not unlike that of falling asleep. When a person has cultivated thinking united with the will over a longer period of time, when they have strengthened their inner life of imagination to the point where they are wholly absorbed in it, when the rest of the soul’s life seems to sink away, the world recedes in every direction, and the soul becomes completely one with what it has itself attained in a healthy way through practice: only then does a person realize what the power of thought is, and how, if it is to reign freely in inner life, it must be supported by strong will. Then, after having practiced for months or years, they have certain experiences. At first, they succeed in concentrating ever more brightly, clearly, and intensely; they notice that the experience of thought grows ever stronger, and they feel their entire life of consciousness elevated as it flows together with the thought.
[ 4 ] Dann kommt ein kritischer Moment, wenn er an dem Erleben der vollen Stärke des Gedankens angekommen ist. Der Gedanke zersplittert sich und löst sich auf in der Seele, er verdunkelt sich, verfinstert sich und hört auf, für uns gegenwärtig zu sein. Wir fühlen, wie unser ganzes Wesen mit dem Gedanken mitgeht. Das ist nicht einfach. Dieses Erlebnis rüttelt alle menschlichen Seelenkräfte durcheinander, es stellt alles in Frage, was man bis jetzt als wertvoll gefühlt hat. Man sträubt sich, an dieses Erlebnis heranzukommen. Der menschliche Egoismus läßt die mit den Tiefen der Seele verbundenen Kräfte nicht herein ins Bewußtsein. Wenn wir nicht alle Willensenergien anspannen, so kommen wir nicht dazu. Im Unterbewußten haben wir Furcht, daß uns etwas viel Schlimmeres passieren könnte als der physische "Tod. Der Materialist sagt: gegenüber dem physischen Tod werde das Erlebnis doch nicht so schlimm sein! Aber es tritt nicht so in das gewöhnliche Bewußtsein herein; es ergreift als Impuls ein gegenüber dem gewöhnlichen Seelenleben erhöhtes Bewußtsein. Es ist nicht Furcht vor der Zerstörung des Leibes, sondern vor dem Ergießen des eigenen Wesens in den Kosmos. Es sind unaussprechbare — und doch Furchtgefühle zu nennende Empfindungen. Überwindet man sie, dann kommt eine Erfahrung, die man so schildern könnte: Dadurch, daß du diese Kräfte entwickelt hast, ziehst du etwas aus dem Leibe heraus. Das erscheint besonders gefahrvoll. — Es ist ein Gefühl, als ob man etwas aus sich herauszöge, als ob es in uns stecken bliebe und doch herausgezogen werden müsse. Es ist ein deutliches Bewußtsein davon, daß noch etwas anderes herausgezogen werden muß, daß es mit der Gedankenkonzentration allein nicht geht, daß diese nur einen Teil von uns herauszieht.
[ 4 ] Then comes a critical moment when we have reached the point of experiencing the thought’s full power. The thought shatters and dissolves into the soul; it darkens, grows dim, and ceases to be present to us. We feel our entire being going along with the thought. This is not easy. This experience shakes up all the powers of the human soul; it calls into question everything we have hitherto regarded as valuable. We resist approaching this experience. Human selfishness does not allow the powers connected to the depths of the soul to enter into consciousness. Unless we mobilize all our willpower, we will not be able to achieve this. In our subconscious, we fear that something far worse than physical “death” might happen to us. The materialist says: compared to physical death, the experience surely cannot be that bad! But it does not enter ordinary consciousness in that way; rather, it seizes hold of us as an impulse that elevates our consciousness above ordinary soul life. It is not a fear of the destruction of the body, but of the outpouring of one’s own being into the cosmos. These are indescribable—and yet they must be called feelings of fear. If one overcomes them, an experience arises that could be described as follows: By developing these powers, you draw something out of the body. This seems particularly perilous. — It is a feeling as if one were pulling something out of oneself, as if it were stuck inside us and yet had to be pulled out. It is a clear awareness that something else still needs to be pulled out, that concentration of thought alone is not enough, that it pulls out only a part of us.
[ 5 ] Wenn man sich klarmachen will, warum der Mensch zu diesen Schilderungen kommt, so muß man ausgehen von alltäglichen Erlebnissen. Der Mensch muß in ein neues Verhalten zu sich selber treten, eine viel genauere Selbsterkenntnis entwickeln. Nichts ist so fraglich im gewöhnlichen Leben als das Verhalten des Menschen zu sich selbst, die Meinung, die er über sich selbst hat. Wie mangelhaft die Selbsterkenntnis des Menschen ist, drückt sich in zahlreichen Beispielen aus, so in der Geschichte des Philosophen Mach: Als er in einen Omnibus stieg und in einem Spiegel sein Gesicht erblickte, da fragte er sich, was das wohl für ein häßlicher Schulmeister sei, bis er darauf kam, daß er sich selbst sah.
[ 5 ] If one wants to understand why people arrive at these descriptions, one must start with everyday experiences. People must adopt a new attitude toward themselves and develop a much more precise self-knowledge. Nothing in ordinary life is as questionable as a person’s attitude toward themselves, the opinion they hold of themselves. Just how deficient a person’s self-knowledge is is illustrated by numerous examples, such as the story of the philosopher Mach: When he boarded a bus and saw his face in a mirror, he wondered who that ugly schoolmaster might be, until it dawned on him that he was looking at himself.
[ 6 ] Man lacht über solche Dinge leicht, aber sie sind tief bezeichnend für das fragwürdige Verhalten des Menschen zu sich selbst. Der Mensch muß suchen, in ein Verhältnis der Selbsterkenntnis zu sich selbst zu kommen. Er hat die Kräfte aufgespeichert, die ihn abhalten, sich loszulösen von dem, was mit seiner Innerlichkeit durch das ganze Leben hindurch verbunden ist. Dieses aber muß hinzutreten zu der Gedankenkonzentration: daß wir zu dem, was unser Schicksal ausmacht, ein ganz anderes Verhältnis gewinnen. Im Alltag sehen wir das Schicksal an uns herankommen. Es trifft uns als sympathische und antipathische Zufälle; wir betrachten als etwas Äußeres das, was uns zufällt. Schon gewöhnliches Nachdenken kann uns belehren, daß sogenannte Zufälle nicht so äußerlich sind. Blicken wir hin in irgendeiner Zeit des Lebens auf das, was wir sind, so wird uns ein solches Betrachten sagen können, wenn wir uns vor wirklicher Menschenkenntnis nicht verschließen wollen: daß wir das oder jenes nicht können würden, wenn nicht vor achtzehn, zwanzig Jahren das oder jenes uns zugestoßen wäre.
[ 6 ] It is easy to laugh at such things, but they are deeply revealing of humanity’s questionable behavior toward itself. Human beings must strive to develop a relationship of self-knowledge with themselves. They have accumulated forces that prevent them from breaking free from what has been connected to their inner being throughout their entire lives. But this must be combined with a concentration of thought: that we may develop an entirely different relationship to what constitutes our destiny. In everyday life, we see fate approaching us. It strikes us as favorable and unfavorable coincidences; we regard what befalls us as something external. Even ordinary reflection can teach us that so-called coincidences are not entirely external. If, at any point in life, we look at who we are, such contemplation will reveal to us—if we do not close ourselves off from a true understanding of human nature—that we would not be able to do this or that if this or that had not happened to us eighteen or twenty years ago.
[ 7 ] Wir sehen, wie das ganze Bündel dessen, was wir an Talenten, Begabungen, Gewohnheiten des Seelenlebens haben, aus dem Schicksal heraus wächst. Man betrachte sich konkret als fünfzigjährigen Menschen, der man geworden ist, und versuche den ganzen Knäuel der Schicksalserlebnisse zu verfolgen. Wenn man Ernst damit macht, was ja nicht allzu häufig vorkommt, so muß man sich sagen: Das Schicksal ist nicht äußerlich; ich stecke darin, mein Ich steckt darin, ich gehe mit meinem Bewußtsein einher und gieße mich aus in den Strom meines Schicksals. — Das muß Methode werden, das muß zu dem hinzukommen, was durch Gedankenkonzentration eingetreten ist. Wir sind mit den alltäglichen Gedanken in uns drinnen; durch die Gedankenkonzentration gehen wir aus uns heraus und glauben uns darin zu verlieren. Der umgekehrte Prozeß kommt, wenn wir uns mit dem Schicksal identifizieren: wir gehen in etwas hinein, was uns im äußeren Strom zufließt; wir wachsen zusammen mit etwas, von dem wir geglaubt haben, daß es ein Äußeres sei. Was ich glaubte als äußeres Schicksal zu erleben, in dem steckte ich schon darin; ich habe es selbst herbeigeführt. Wenn solche Betrachtungen Gewohnheit geworden sind, so kommen wir wieder aus uns heraus, ziehen unsere Seele nach; ein ganz verborgener innerer Mensch wird aus uns herausgezogen. In demjenigen, worinnen wir uns lebend wissen, schauen wir hin auf etwas wie sonst auf Tische und Stühle im äußeren Leben. So haben wir hierin zwei Mittel, wie wir sonst im physikalischen Kabinett oder in der Klinik experimentieren; aber es sind nicht äußere Experimente, sondern Verrichtungen, die sich auf die inneren Seelenerlebnisse beziehen.
[ 7 ] We see how the entire bundle of what we possess in terms of talents, gifts, and habits of the inner life grows out of fate. Let us consider ourselves concretely as the fifty-year-old person we have become, and try to trace the entire tangle of experiences shaped by fate. If one takes this seriously—which does not happen all too often—one must say to oneself: Destiny is not external; I am immersed in it, my “I” is immersed in it; I walk alongside my consciousness and pour myself into the stream of my destiny. — This must become a method; it must be added to what has come about through concentration of thought. We are contained within ourselves by our everyday thoughts; through concentration of thought, we step outside ourselves and believe we are losing ourselves in it. The reverse process occurs when we identify with fate: we step into something that flows toward us in the outer stream; we grow together with something we believed to be external. What I believed I was experiencing as external fate—I was already immersed in it; I brought it about myself. When such reflections have become a habit, we step out of ourselves once more, drawing our soul along with us; a completely hidden inner self is drawn out of us. In that in which we know ourselves to be alive, we look at something as we would otherwise look at tables and chairs in external life. Thus, we have here two methods, just as we would otherwise experiment in a physics laboratory or in a clinic; but these are not external experiments, rather they are activities that relate to inner soul experiences.
[ 8 ] Die anthroposophische Geisteswissenschaft spricht nicht in allgemein abstrakter Weise davon, daß man sich vom Leibe trennen kann, sondern sie redet experimentell, wie man davon spricht, daß der Sauerstoff vom Wasserstoff zu trennen ist, indem man zeigt, daß der Sauerstoff im Wasser steckt. Im Laboratorium können wir mit einer gewissen inneren Gleichgültigkeit den Dingen gegenüberstehen; aber so ist es nicht mit den Seelentragödien, mit den Überwindungen, mit dem innerlichen Enttäuschtwerden, wenn man bald auf festem Boden steht, bald den Boden verliert. Das ist oft schauerlich, oft beseligend. Dann, wenn die innere Seele vom Leib abgetrennt ist, weiß sie, daß das, was nun außen vor ihr steht, alle die Kräfte enthält, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tode der Erde übergeben werden. Sie hat zugleich mit dem Schicksal des Menschen den ewigen Seelenkern erfaßt. Sie weiß, daß das, was sich jede Nacht vom physischen Leib trennt, dieser ewige Seelenkern ist, der sich nur nicht wahrnimmt im gewöhnlichen Leben, weil er nicht die Kräfte dazu hat. Sie hat zugleich erfaßt, was durch Geburt und Tod geht, und hat es mit dem Schicksal vereint, mit dem, was in der. geistigen Welt gegeben war und dann durch die Vererbungskräfte durch Vater und Mutter und durch die Bildekräfte in den physischen Leib fließt, was in der geistigen Welt sich vorbereitet hat zu neuem Leibesleben. Immer konkreter und lebendiger wird der unsterbliche Lebenskern, der sonst nicht wahrnehmbar ist. Im alltäglichen Leben arbeitet man das alles in den Lebenskern hinein, aber verdunkelt fortwährend die Bildekräfte, wenn sie Bildekräfte des Leibes bleiben und nicht zu Erkenntniskräften verwendet werden können. Der Leib ist nicht ihre Ursache, sondern ihre Wirkung, die heruntergestiegen ist aus den geistigen Welten. Er trägt in sich den Charakter früherer Erdenleben. So ist es jetzt, weil man nicht zum ersten Mal im physischen Leibe lebt.
[ 8 ] Anthroposophical spiritual science does not speak in a generally abstract way about the possibility of separating oneself from the body, but rather speaks experimentally—just as one speaks of separating oxygen from hydrogen—by demonstrating that oxygen is present in water. In the laboratory, we can approach things with a certain inner detachment; but this is not the case with the tragedies of the soul, with the struggles to overcome them, with the inner disappointment that comes when one is sometimes on solid ground and sometimes loses one’s footing. This is often terrifying, often blissful. Then, when the inner soul is separated from the body, it knows that what now lies outside it contains all the forces that begin with birth and are handed over to the earth at death. At the same time as it has grasped the destiny of the human being, it has grasped the eternal core of the soul. It knows that what separates itself from the physical body every night is this eternal core of the soul, which simply does not perceive itself in ordinary life because it lacks the powers to do so. At the same time, she has grasped what passes through birth and death, and has united it with destiny—with that which existed in the spiritual world and then flows into the physical body through the forces of heredity from father and mother and through the formative forces, which in the spiritual world have prepared for a new physical life. The immortal core of life—which is otherwise imperceptible—becomes ever more concrete and alive. In everyday life, we work all of this into the core of life, but we continually obscure the formative forces when they remain merely the formative forces of the body and cannot be used as powers of cognition. The body is not their cause, but their effect, which has descended from the spiritual worlds. It bears within itself the character of previous earthly lives. This is how it is now, because this is not the first time we have lived in a physical body.
[ 9 ] Die Geistesforschung verfolgt nicht durch abstrakte Theorien, sondern durch eine geistige Experimentalmethode den ewigen Wesenskern, der, von Erdenleben zu Erdenleben gehend, dem Schicksal unterliegt. Es wird lange dauern, ehe eine größere Zahl von Menschen teilnehmen wird an der Geisteswissenschaft, aber sie wird ein wirklich realer Bestandteil der menschlichen Geisteskultur werden und wird eingreifen in das menschliche Leben und in das, was moralische Impulse sind, was Bewußtseinsleben in der eigenen Wesenheit ist. Da wird Geisteswissenschaft dann eingreifen, wenn die jetzt noch begreiflich erscheinenden Vorurteile überwunden sein werden. Sie werden so radikal überwunden werden, wie die einstigen Vorurteile gegen die Naturwissenschaft. Da glaubte man, es sei etwas Erträumtes, man nannte es gleich einen Irrtum — man nannte Kopernikus einen Narren, weil er sagte, daß die Erde um die Sonne laufe, während doch die gesunden Sinne einem sagten, daß die Erde stillstehe. So wollen heute die gesunden fünf Sinne nicht glauben, daß man im Ergreifen des gesteigerten Denkens ein Stück des inneren Menschen herausziehe, und das andere Stück nachziehe durch das Hineingehen in das Schicksal. Die Menschheit wird lernen müssen, nicht mehr dem Sinnenschein zu vertrauen. Es gibt eine stärkere Kraft des Für-wahr-Haltens, als das Heranziehen dessen, daß man sich auf die gesunden fünf Sinne und den Verstand verlassen muß. Diese Kraft ist verbunden mit allen Impulsen menschlichen Weisheitsfortschrittes. Man muß das Vertrauen hierin entwickeln, indem man eine starke moralische Kraft in der Seele entfacht. Wenn der Mensch an die Erkenntniskräfte in sich selbst appelliert, wird er sich mutig durch die Welt tragen, nicht bloß auf das vertrauend, was er durch die äußeren fünf Sinne erfahren kann. Damit steht man heute an dem Punkt der Menschheitsentwickelung, wo Wissenschaft das werden muß, was sie vorher nicht werden konnte. Was der Geistesforscher herausdestilliert, war immer im Menschen: er schafft es nicht, er ruft es nur in die Geist-Erkenntnis hinein.
[ 9 ] Spiritual science pursues the eternal essence—which, passing from one earthly life to the next, is subject to fate—not through abstract theories, but through a spiritual experimental method. It will be a long time before a large number of people engage with spiritual science, but it will become a truly integral part of human spiritual culture and will influence human life, moral impulses, and the life of consciousness within one’s own being. Spiritual science will exert this influence once the prejudices—which still seem understandable today—have been overcome. They will be overcome just as radically as the former prejudices against the natural sciences. Back then, people believed it was a figment of the imagination; they immediately called it a mistake—they called Copernicus a fool because he said that the Earth revolves around the Sun, even though the healthy senses told them that the Earth stood still. In the same way, today the five healthy senses refuse to believe that, in the act of embracing heightened thinking, one draws out a part of the inner human being and draws the other part in by entering into destiny. Humanity will have to learn to no longer trust the appearance of the senses. There is a power of belief stronger than the argument that one must rely on the five healthy senses and the intellect. This power is connected to all the impulses of human progress in wisdom. One must develop trust in this by kindling a strong moral force in the soul. When a person appeals to the powers of insight within themselves, they will carry themselves courageously through the world, not merely trusting in what they can experience through the external five senses. Thus, we stand today at a point in human development where science must become what it could not become before. What the spiritual researcher distills has always been within the human being: he does not create it; he merely calls it forth into spiritual knowledge.
[ 10 ] Ein naheliegender Einwand, der aus Seelenbequemlichkeit kommt, ist: Warum kümmern wir uns überhaupt um den ewigen Seelenkern? Er ist doch ewig, wir werden schon einmal darin leben. — Das ist zu billig gedacht. Zweierlei muß man dagegen sagen. Erstens ist es dem sittlichen Gefühl des Menschen nicht nur darum zu tun, daß er dies oder jenes weiß, sondern darum, daß der Entwickelungsprozeß auf der Erde fortschreite von der Naturwissenschaft zu den geistigen \Wahrheiten, die erst unbekannt waren und jetzt hervorgeholt werden. Darauf beruht aller Menschheitsfortschrit. Wer nicht daran teilnehmen will, der soll sich gestehen, daß ihm dies gleichgültig ist. Dieser Punkt ist wichtig, aber mehr abstrakt. Zweitens aber findet ein recht konkreter Fortschritt statt. Die Menschen waren in alten Zeiten auf der Erde im wesentlichen nicht gleich wie heute, — die Seelen waren verschieden von den heutigen. Wir finden da ein aus Urzeiten, aus alten Epochen herstammendes hellseherisches Bewußtsein im Zusammenhang mit den göttlich-geistigen Kräften der Welt. Heute hat der Mensch dies verloren; aber er holt sich aus dieser irdischen Welt, mit der er sich verbunden hat, die Selbständigkeit heraus. Nun, da man die Stufe der Loslösung vom irdischen Denken errungen hat, muß man wieder vom geistigen Leben erfaßt werden, muß wieder hinein durch die Geisteswissenschaft. Heute können wir allerdings sagen: wir haben noch soviel ererbte Kräfte, daß das Seelenleben nach dem Tode nicht abgedämmt werden kann. Aber der Mensch muß sich so entwickeln, daß er nicht in Dumpfheit, sondern in heller Erfahrung durchmacht das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Frei wurde der Mensch durch das Abreißen des Fadens, der ihn mit der geistigen Welt verbindet. Nun muß er ihn wieder anknüpfen. Von der Jetztzeit ab ist immer mehr die Notwendigkeit da zum Erkennen des geistigen Lebens. Daher tritt dort, wo das geistige Leben in der neueren Zeit intensiver wurde, das wiederholte Erdenleben als Lehre auf. Zum Beispiel bei Lessing im achtzehnten Jahrhundert, in der «Erziehung des Menschengeschlechts», das er wie ein Testament der Menschheit hinterlassen hat, da tritt der Grundgedanke der wiederholten Erdenleben und eines dazwischen liegenden rein geistigen Lebens auf. Es gibt Leute, die sagen, Lessing sei alt und schwach geworden und habe darum diese vertrackte Idee gehabt.
[ 10 ] An obvious objection, stemming from a desire for peace of mind, is: Why should we even concern ourselves with the eternal core of the soul? After all, it is eternal; we will live in it at some point. — That is too simplistic a way of thinking. Two points must be made in response. First, what matters to a person’s moral sensibility is not merely that they know this or that, but that the process of development on Earth progresses from the natural sciences toward spiritual truths that were previously unknown and are now being brought to light. All human progress is based on this. Anyone who does not wish to participate in this should admit to themselves that they are indifferent to it. This point is important, but rather abstract. Secondly, however, a very concrete kind of progress is taking place. In ancient times, people on Earth were essentially not the same as they are today—their souls were different from those of today. We find there a clairvoyant consciousness dating back to primeval times, to ancient epochs, connected to the divine-spiritual forces of the world. Today, human beings have lost this; but they draw their independence from this earthly world with which they have bound themselves. Now that one has attained the stage of detachment from earthly thinking, one must once again be grasped by spiritual life, must find one’s way back into it through spiritual science. Today, however, we can say: we still possess so many inherited powers that the life of the soul after death cannot be stifled. But human beings must develop in such a way that they experience the life between death and a new birth not in dullness, but in clear awareness. Human beings became free by severing the thread that connects them to the spiritual world. Now they must reconnect it. From the present time onward, there is an ever-increasing need to recognize spiritual life. Therefore, wherever spiritual life has become more intense in recent times, repeated earthly lives appear as a lesson. For example, in Lessing’s eighteenth-century work *The Education of the Human Race*, which he left behind as a testament to humanity, the fundamental idea of repeated earthly lives and an intervening, purely spiritual life emerges. There are people who say that Lessing had grown old and frail and that is why he came up with this convoluted idea.
[ 11 ] Was durch einen Geist wie Lessing da angeknüpft wurde, bildet eine Art Anlage, die fortentwickelt werden muß in der deutschen Volksseele, um einzulaufen in den Strom geisteswissenschaftlicher Forschung, um, wie heute angedeutet wurde, wirkliche Wissenschaft zu werden. Das liegt als Anlage tief in dem, was Fichte als den Urquell deutscher Eigenart empfand. Es ist ein wunderschöner Gedanke Fichtes, dem Sinne nach: Nicht erst, wenn wir durch den Tod gegangen sind, werden wir unsterblich; schon im Leibe können wir gewahr werden, was unsterblich ist und den Leib bildet. Allein im Erfassen dieses eigentlich Unsterblichen erkenne ich den Sinn des Lebens, um dessentwillen alles in diesem sterblichen Leibe sich darleben mag. Hier ist als Anlage das vorhanden, was die Geistesforschung wissenschaftlich ausführen soll. Fichte spricht es aus: Wenn nur die rechten Kräfte losgelöst werden, so kann das Unsterbliche erfaßt werden. Veranlagt ist die Geisteswissenschaft insbesondere bei den Persönlichkeiten des geistigen Strebens, die ich gestern charakterisierte.
[ 11 ] What was initiated by a mind like Lessing’s forms a kind of foundation that must be further developed within the German national soul in order to flow into the current of spiritual scientific research and, as was suggested today, to become true science. This potential lies deep within what Fichte perceived as the original source of German character. It is a beautiful thought of Fichte’s, the gist of which is: We do not become immortal only after we have passed through death; even while in the body, we can become aware of what is immortal and what constitutes the body. Only in grasping this truly immortal do I recognize the meaning of life, for the sake of which everything in this mortal body may unfold. Herein lies the foundation for what spiritual research is meant to carry out scientifically. Fichte puts it this way: If only the right forces are set free, the immortal can be grasped. A predisposition for spiritual science is found particularly in those personalities of spiritual striving whom I characterized yesterday.
[ 12 ] Ahnungen davon treten uns an den verschiedensten Orten entgegen, aber hier ist es eine gerade Linie vom deutschen Geistesstreben zu dem, was sich zur Geisteswissenschaft entwickeln muß. Im Strom des mitteleuropäischen geistigen Lebens ist die Bewußtheit in der Erfassung des geistigen Kernes nie ganz verlorengegangen. Nur auf ein Beispiel will ich jetzt aufmerksam machen, das in nur zarter Weise gegeben werden wollte von einem solchen Bewußtsein. Einer der Geister der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, der ganz auf dem Boden der Weltanschauung Schillers und Goethes stehende Kunstfreund Herman Grimm, hat es in seiner Novelle «Die Sängerin» zum Ausdruck gebracht. In den sechziger Jahren war noch nicht die Zeit gekommen für die Geisteswissenschaft, aber die Menschen, die in jener Zeit darinnen standen, hatten das Bedürfnis, nicht nur die Sinneswelt zu schildern, sondern auch den andern Teil der Welt. Sie wußten, daß wenn man die wahre Wirklichkeit schildern will, es nicht genug ist, die sinnliche Welt zu schildern. Als Beispiel diene das Hufeisen, das, wenn es zum Magneten geworden ist, doch noch aussieht wie ein gewöhnliches Hufeisen. Der geistigen Welt gehört der Mensch mit seinem geistigen Teil an, wie er der Sinnenwelt mit seinem physischen Teil angehört. Aus der Vertiefung des deutschen Idealismus heraus wußten jene Menschen eine echte geistgemäße Weltanschauung heraus zu entwickeln. Das taten sie durch objektive unbefangene Betrachtung des deutschen Geisteslebens, das eine Mission hat, die erfüllt werden sollte innerlich aus ideeller Anerkennung des geistigen Lebens heraus: wie Fichte, Schelling, Hegel zum Geiste vorzudringen, dazu aber die Welt noch mit wirklichen Geistesaugen, Geistesohren wahrzunehmen, von denen Goethe gesprochen hat.
[ 12 ] We encounter hints of this in a wide variety of places, but here there is a direct line from German spiritual striving to what must develop into spiritual science. In the stream of Central European spiritual life, the awareness of the spiritual core has never been entirely lost. I would like to draw attention now to just one example, which was intended to be a subtle expression of such an awareness. One of the leading figures of the second half of the nineteenth century—Herman Grimm, a lover of the arts who stood firmly on the ground of Schiller’s and Goethe’s worldview—expressed this in his novella *Die Sängerin* (*The Singer*). In the 1860s, the time had not yet come for spiritual science, but the people who were engaged in it at that time felt the need to depict not only the sensory world but also the other part of the world. They knew that if one wishes to depict true reality, it is not enough to depict the sensory world. Take, for example, the horseshoe, which, even after it has become a magnet, still looks like an ordinary horseshoe. Human beings belong to the spiritual world through their spiritual nature, just as they belong to the sensory world through their physical nature. Drawing on the depths of German idealism, these people were able to develop a genuine, spiritually grounded worldview. They did so through an objective, unbiased observation of German spiritual life, which has a mission that must be fulfilled inwardly out of an ideal recognition of spiritual life: to penetrate to the spirit, as Fichte, Schelling, and Hegel did, while at the same time perceiving the world with true spiritual eyes and spiritual ears, of which Goethe spoke.
[ 13 ] Wo sich der Blick auf die deutsche Geistesforschung, insbesondere auf Goethe lenkt, da hängt eine Art Hoffnung der Menschheit gerade mit der Entwickelung dieses Geisteslebens zusammen. Wenn man das liest, was sich zwischen den Zeilen des deutschen Geisteslebens abspielt, so kann man oft prägnant zum Ausdruck gebracht finden, wie gerade aus der Entwickelung des deutschen Wesens heraus die Welt zur Erfassung des Geisteslebens kommen kann. Man braucht nicht von Hochmut ergriffen zu sein, aber man kann fühlen, wie das, was die Goethe-Schillerzeit hereinstellte, heute in Mitteleuropa zu verteidigen ist, damit es sich entwickeln kann.
[ 13 ] Whenever one turns one’s gaze to German spiritual research, particularly to Goethe, a certain hope for humanity is linked precisely to the development of this spiritual life. When one reads what is taking place between the lines of German spiritual life, one often finds it succinctly expressed how it is precisely through the development of the German essence that the world can come to grasp spiritual life. One need not be overcome by arrogance, but one can sense how what the Goethe-Schiller era ushered in must be defended in Central Europe today so that it may continue to develop.
[ 14 ] Aus dem schicksaltragenden Zeitgefühl heraus will ich zwei Bilder hinstellen: Wir haben in den ersten Augusttagen 1914 erfahren, wie erlebt wurde in den verschiedenen Ländern Europas die eben erhaltene Kunde von dem kommenden Geschehen. Zunächst in Deutschland. Man steht vor dem großen Ereignis, — der Reichstag tritt zusammen — ich will nicht eingehen auf die Tagespolitik, nicht auf das, was da mit den kriegerischen Ereignissen zusammenhängt —, da stehen die Vertreter der einzelnen Parteirichtungen — und schweigen. Das ist ein gewaltiger Eindruck, wie wenn es der Herold wäre von dem, was kommen sollte, vor einer großen kommenden Wahrheit.
[ 14 ] Drawing on that fateful sense of the times, I would like to present two images: In the first days of August 1914, we learned how the news we had just received about the coming events was received in the various countries of Europe. First, in Germany. They stand on the eve of a great event—the Reichstag is convening—I do not wish to delve into day-to-day politics, nor into matters related to the hostilities—there stand the representatives of the various political factions—and they remain silent. It is a powerful impression, as if it were a harbinger of what was to come, a foreshadowing of a great truth yet to be revealed.
[ 15 ] Mit einer Art inneren Weinens sieht man auf das andere Bild, auf die Versammlung des Gossudarstwennaja Duma. Da war kein Schweigen: sie redeten alle, — so daß der Eindruck entsteht, als wäre sie formal zusammengestellt, wie eine historische Theatervorstellung. Es ist der Taumelrausch unwahrer Begeisterung, was da von vielen geredet wurde, wie ein Gegensatz zu dem Schweigen weiter westlich. Wenn man die Geschichte erforschen will, das, was durch die Menschheit hindurchraunt, so wird man auf solche Stimmungen hinzuschauen haben. In diesem Schweigen liegt die Zuversicht, daß sich Vertrauen haben läßt zur geistigen Kraft, zur geistigen Wahrheit, daß sie gut aufgehoben, daß sie verteidigt werden muß, — ein Vertrauen, das seelisch hinwegträgt über Tod und Schicksal.
[ 15 ] With a kind of inner weeping, one looks at the other picture, at the session of the Gossudarstvennaya Duma. There was no silence there: they were all talking—so that one gets the impression it was staged, like a historical theatrical performance. What many were expressing there was the intoxicating frenzy of false enthusiasm, in stark contrast to the silence further to the west. If one wishes to explore history—that which murmurs through humanity—one must look to such moods. In this silence lies the conviction that one can place trust in spiritual power and spiritual truth, that they are in good hands and must be defended—a trust that carries the soul beyond death and fate.
[ 16 ] Emerson will Goethe beschreiben und weist darauf hin, was die Goethe-Kultur für die Menschheit bedeutet. Auf ihn hinweisend sagt er: «Die Welt ist jung. Große Männer der Vergangenheit weisen uns die Wege mit den Worten: «Wir müssen Schriften schreiben, die Kunde geben vom Ewigen. Das darf nicht sein, daß eine Lüge für uns bestehen bleibt.» Emerson meint jene Lüge, daß kein Geist hinter der Außenwelt stehe.
[ 16 ] Emerson seeks to describe Goethe and highlights what Goethe’s legacy means for humanity. Referring to him, he says: “The world is young.” Great men of the past show us the way with the words: ‘We must write works that bear witness to the eternal. It must not be that a lie remains for us.’ Emerson is referring to the lie that there is no spirit behind the external world.
[ 17 ] Aus der Dämmerung der Zeitereignisse muß sich ein heller Sonnenhorizont entwickeln, der einen endlichen Frieden zum Heil der Menschheit kündet. Alles, was an Leib und Seele zu erdulden haben diejenigen, die das Todesopfer bringen, muß eine Lebensmahnung werden für jene, die zurückbleiben. Die unverbrauchten Kräfte derer, die jung vor Ablauf ihrer Zeit ihr Leben verlassen müssen, werden mithelfen: das Gesetz von der Erhaltung der Kräfte gilt auch in der geistigen Welt. Wissen wird man in der Zukunft: diese Welt hängt zusammen mit der geistigen Welt. Reale Kräfte werden diese unverbrauchten Kräfte sein für die Menschen, die ein Bewußtsein haben werden von der geistigen Welt.
[ 17 ] From the twilight of world events, a bright, sunlit horizon must emerge, heralding a lasting peace for the salvation of humanity. All that those who make the sacrifice of death must endure—in body and soul—must serve as a reminder of life for those who remain. The untapped energies of those who must leave this life while still young, before their time, will contribute to this: the law of the conservation of energy also applies in the spiritual world. In the future, people will come to know that this world is interconnected with the spiritual world. These untapped energies will be real forces for those who develop an awareness of the spiritual world.
Die Geisterwelt, sie bleibet dir verschlossen,
Erkennst du in dir selber nicht
Den Geist, der in der Seele leuchtet
Und tragend Licht dir werden kann
In Weltentiefen, auf Weltenhöhen.
The spirit world remains hidden from you,
Do you not recognize within yourself
The spirit that shines within the soul
And can become your guiding light
In the depths of the world, on the heights of the world.
