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The Rudolf Steiner Archive

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Aus schicksaltragender Zeit
GA 64

23 April 1915, Berlin

14. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft

[ 1 ] Das erste, was die Seele braucht, um ihr eigenes Wesen wissenschaftlich, nicht nur auf dem Glaubenswege kennenzulernen, ist scharfe Gedankenkonzentration, die nicht bloß an das gewöhnliche Denken appelliert, sondern an die Aufwendung innerer Willenskraft im Vorstellen und Denken. Die Gedanken, die aus der äußeren Sinneswelt in uns eindringen, können uns dazu nicht helfen. Wenn wir die Unsterblichkeit der Seele suchen, müssen es andere Gedanken sein. Diese sind äußerlich recht ähnlich solchen Gedankengebilden, solchen inneren Erlebnissen, welche dem Schicksal des Vergessenwerdens unterliegen. Wir können es am Erlebnis des 'Traumes sehen. Warum? Weil der Traum in viel weniger intensiver Weise die Leiblichkeit ergreift und so weniger die Möglichkeit schafft, das Geträumte als Realität zu erfühlen und zu erleben. Ebenso ist es mit unseren freien Gedanken, die wir durch die Seele ziehen lassen; wir nennen sie Träumereien und vergessen sie rasch. Doch je mehr man sich schult, die Kraft zu entfalten, freigebildete Gedanken zu erhalten, wie sonst auf die Erinnerung gestützte Erlebnisse, desto mehr nähert man sich der Gedankenkonzentration. Am wenigsten sind dazu geeignet Gedanken als Abbilder der äußeren Wirklichkeit. In dem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» habe ich solche Gedanken niedergelegt, die zur Gedankenkonzentration taugen.

[ 2 ] Wenn man solche frei erzeugte Gedankenbilder festhalten will, muß man stärkeren Willen entfalten als im gewöhnlichen Leben. Das im Alltag Erlebte ist so grob, daß es nicht als Vergleich dienen kann. Was die Geisteswissenschaft als unsterblich aufweist, ist in seinem Sinn grundverschieden von dem, was wir im Alltag fühlen und wollen. Achtlos geht der Mensch daran vorüber, um so achtloser, weil er geneigt ist, Realität gerade dem nicht zuzuschreiben, was ihm so entgegentritt wie das Wesen in seinem eigenen Innern, das den Weg findet durch Geburt und Tod.

[ 3 ] Es ist leicht, einzusehen, daß dieses innere Wesen existiert, aber nicht leicht ist es, ihm gerade die intensivste Realität zuzuschreiben. Man muß immer wieder von anderen Gesichtspunkten aus über die Unsterblichkeit sprechen, denn erst wenn man sie von den verschiedensten Gesichtspunkten aus charakterisiert hat, ist es möglich, eine wahrhaftige Vorstellung davon zu gewinnen. Die Realität der Unsterblichkeit muß erfaßt werden durch Seelenkräfte, die aus dem Innern hervorgeholt sind. Nun könnten Sie sagen, ich behaupte, daß nur subjektiv etwas erreicht werden könne! — Der Anfang der Geistesforschung ist in der Tat subjektiv: ein inneres Überwinden, ein Sich-Emporarbeiten aus der Finsternis ans Licht. Das ist gewiß subjektiv, weil die meisten Menschen nicht Geduld haben, hinreichend weit mit der Geistesforschung mitzugehen und sich herauszuentwickeln aus dem persönlichsten Persönlichen. Gerade durch die innere Überwindung wird die Seele dazu getrieben, sich da herauszuarbeiten; dann kann sie eintreten in eine Welt, die ihr dann aufgeht. Der Gang aber aus dem Subjektiven ins Objektive des geistigen Forschens ist ein intimer, der notwendig macht, daß der Mensch in seinem Innern. sich Seelengewohnheiten aneignet, die sonst im alltäglichen Leben nicht vorkommen. Zum alltäglichen Leben müssen wir wenig Willen entfalten, um uns in ihm festzuhalten, aber zu dem anderen gehört eine starke Anspannung der inneren Kräfte der Seele. Man muß sie heraufholen aus dem tieferen Seelenleben. Das sind starke innere Energien, die sonst unausgebildet bleiben im alltäglichen Leben. Menschen, welche die Stütze des sinnenfällig Erlebten brauchen, erlahmen allzubald und verfallen in einen Zustand, der dem des Einschlafens nicht unähnlich ist. Wenn der Mensch längere Zeit das mit dem Willen vermählte Denken entfaltet hat, wenn er das innere Vorstellungsleben so erkraftet hat, daß er darin ganz aufgeht, wenn das übrige Seelenleben wie versinkt, die Welt nach allen Seiten abflutet, die Seele ganz eins wird mit dem, was sie selber durch Übung in gesunder Weise erlangt hat: dann merkt der Mensch erst, was die Kraft des Gedankens ist, und wie dieser, wenn er frei walten soll im inneren Leben, durch starken Willen gestützt sein muß. Dann, wenn er die Übungen Monate, Jahre gemacht hat, macht er bestimmte Erfahrungen. Es gelingt ihm zunächst, immer heller und klarer, intensiver sich zu konzentrieren; er merkt: das Gedankenerlebnis wird immer stärker, er fühlt sein ganzes Bewußtseinsleben im Zusammenfließen mit dem Gedanken erhöht.

[ 4 ] Dann kommt ein kritischer Moment, wenn er an dem Erleben der vollen Stärke des Gedankens angekommen ist. Der Gedanke zersplittert sich und löst sich auf in der Seele, er verdunkelt sich, verfinstert sich und hört auf, für uns gegenwärtig zu sein. Wir fühlen, wie unser ganzes Wesen mit dem Gedanken mitgeht. Das ist nicht einfach. Dieses Erlebnis rüttelt alle menschlichen Seelenkräfte durcheinander, es stellt alles in Frage, was man bis jetzt als wertvoll gefühlt hat. Man sträubt sich, an dieses Erlebnis heranzukommen. Der menschliche Egoismus läßt die mit den Tiefen der Seele verbundenen Kräfte nicht herein ins Bewußtsein. Wenn wir nicht alle Willensenergien anspannen, so kommen wir nicht dazu. Im Unterbewußten haben wir Furcht, daß uns etwas viel Schlimmeres passieren könnte als der physische "Tod. Der Materialist sagt: gegenüber dem physischen Tod werde das Erlebnis doch nicht so schlimm sein! Aber es tritt nicht so in das gewöhnliche Bewußtsein herein; es ergreift als Impuls ein gegenüber dem gewöhnlichen Seelenleben erhöhtes Bewußtsein. Es ist nicht Furcht vor der Zerstörung des Leibes, sondern vor dem Ergießen des eigenen Wesens in den Kosmos. Es sind unaussprechbare — und doch Furchtgefühle zu nennende Empfindungen. Überwindet man sie, dann kommt eine Erfahrung, die man so schildern könnte: Dadurch, daß du diese Kräfte entwickelt hast, ziehst du etwas aus dem Leibe heraus. Das erscheint besonders gefahrvoll. — Es ist ein Gefühl, als ob man etwas aus sich herauszöge, als ob es in uns stecken bliebe und doch herausgezogen werden müsse. Es ist ein deutliches Bewußtsein davon, daß noch etwas anderes herausgezogen werden muß, daß es mit der Gedankenkonzentration allein nicht geht, daß diese nur einen Teil von uns herauszieht.

[ 5 ] Wenn man sich klarmachen will, warum der Mensch zu diesen Schilderungen kommt, so muß man ausgehen von alltäglichen Erlebnissen. Der Mensch muß in ein neues Verhalten zu sich selber treten, eine viel genauere Selbsterkenntnis entwickeln. Nichts ist so fraglich im gewöhnlichen Leben als das Verhalten des Menschen zu sich selbst, die Meinung, die er über sich selbst hat. Wie mangelhaft die Selbsterkenntnis des Menschen ist, drückt sich in zahlreichen Beispielen aus, so in der Geschichte des Philosophen Mach: Als er in einen Omnibus stieg und in einem Spiegel sein Gesicht erblickte, da fragte er sich, was das wohl für ein häßlicher Schulmeister sei, bis er darauf kam, daß er sich selbst sah.

[ 6 ] Man lacht über solche Dinge leicht, aber sie sind tief bezeichnend für das fragwürdige Verhalten des Menschen zu sich selbst. Der Mensch muß suchen, in ein Verhältnis der Selbsterkenntnis zu sich selbst zu kommen. Er hat die Kräfte aufgespeichert, die ihn abhalten, sich loszulösen von dem, was mit seiner Innerlichkeit durch das ganze Leben hindurch verbunden ist. Dieses aber muß hinzutreten zu der Gedankenkonzentration: daß wir zu dem, was unser Schicksal ausmacht, ein ganz anderes Verhältnis gewinnen. Im Alltag sehen wir das Schicksal an uns herankommen. Es trifft uns als sympathische und antipathische Zufälle; wir betrachten als etwas Äußeres das, was uns zufällt. Schon gewöhnliches Nachdenken kann uns belehren, daß sogenannte Zufälle nicht so äußerlich sind. Blicken wir hin in irgendeiner Zeit des Lebens auf das, was wir sind, so wird uns ein solches Betrachten sagen können, wenn wir uns vor wirklicher Menschenkenntnis nicht verschließen wollen: daß wir das oder jenes nicht können würden, wenn nicht vor achtzehn, zwanzig Jahren das oder jenes uns zugestoßen wäre.

[ 7 ] Wir sehen, wie das ganze Bündel dessen, was wir an Talenten, Begabungen, Gewohnheiten des Seelenlebens haben, aus dem Schicksal heraus wächst. Man betrachte sich konkret als fünfzigjährigen Menschen, der man geworden ist, und versuche den ganzen Knäuel der Schicksalserlebnisse zu verfolgen. Wenn man Ernst damit macht, was ja nicht allzu häufig vorkommt, so muß man sich sagen: Das Schicksal ist nicht äußerlich; ich stecke darin, mein Ich steckt darin, ich gehe mit meinem Bewußtsein einher und gieße mich aus in den Strom meines Schicksals. — Das muß Methode werden, das muß zu dem hinzukommen, was durch Gedankenkonzentration eingetreten ist. Wir sind mit den alltäglichen Gedanken in uns drinnen; durch die Gedankenkonzentration gehen wir aus uns heraus und glauben uns darin zu verlieren. Der umgekehrte Prozeß kommt, wenn wir uns mit dem Schicksal identifizieren: wir gehen in etwas hinein, was uns im äußeren Strom zufließt; wir wachsen zusammen mit etwas, von dem wir geglaubt haben, daß es ein Äußeres sei. Was ich glaubte als äußeres Schicksal zu erleben, in dem steckte ich schon darin; ich habe es selbst herbeigeführt. Wenn solche Betrachtungen Gewohnheit geworden sind, so kommen wir wieder aus uns heraus, ziehen unsere Seele nach; ein ganz verborgener innerer Mensch wird aus uns herausgezogen. In demjenigen, worinnen wir uns lebend wissen, schauen wir hin auf etwas wie sonst auf Tische und Stühle im äußeren Leben. So haben wir hierin zwei Mittel, wie wir sonst im physikalischen Kabinett oder in der Klinik experimentieren; aber es sind nicht äußere Experimente, sondern Verrichtungen, die sich auf die inneren Seelenerlebnisse beziehen.

[ 8 ] Die anthroposophische Geisteswissenschaft spricht nicht in allgemein abstrakter Weise davon, daß man sich vom Leibe trennen kann, sondern sie redet experimentell, wie man davon spricht, daß der Sauerstoff vom Wasserstoff zu trennen ist, indem man zeigt, daß der Sauerstoff im Wasser steckt. Im Laboratorium können wir mit einer gewissen inneren Gleichgültigkeit den Dingen gegenüberstehen; aber so ist es nicht mit den Seelentragödien, mit den Überwindungen, mit dem innerlichen Enttäuschtwerden, wenn man bald auf festem Boden steht, bald den Boden verliert. Das ist oft schauerlich, oft beseligend. Dann, wenn die innere Seele vom Leib abgetrennt ist, weiß sie, daß das, was nun außen vor ihr steht, alle die Kräfte enthält, die mit der Geburt beginnen und mit dem Tode der Erde übergeben werden. Sie hat zugleich mit dem Schicksal des Menschen den ewigen Seelenkern erfaßt. Sie weiß, daß das, was sich jede Nacht vom physischen Leib trennt, dieser ewige Seelenkern ist, der sich nur nicht wahrnimmt im gewöhnlichen Leben, weil er nicht die Kräfte dazu hat. Sie hat zugleich erfaßt, was durch Geburt und Tod geht, und hat es mit dem Schicksal vereint, mit dem, was in der. geistigen Welt gegeben war und dann durch die Vererbungskräfte durch Vater und Mutter und durch die Bildekräfte in den physischen Leib fließt, was in der geistigen Welt sich vorbereitet hat zu neuem Leibesleben. Immer konkreter und lebendiger wird der unsterbliche Lebenskern, der sonst nicht wahrnehmbar ist. Im alltäglichen Leben arbeitet man das alles in den Lebenskern hinein, aber verdunkelt fortwährend die Bildekräfte, wenn sie Bildekräfte des Leibes bleiben und nicht zu Erkenntniskräften verwendet werden können. Der Leib ist nicht ihre Ursache, sondern ihre Wirkung, die heruntergestiegen ist aus den geistigen Welten. Er trägt in sich den Charakter früherer Erdenleben. So ist es jetzt, weil man nicht zum ersten Mal im physischen Leibe lebt.

[ 9 ] Die Geistesforschung verfolgt nicht durch abstrakte Theorien, sondern durch eine geistige Experimentalmethode den ewigen Wesenskern, der, von Erdenleben zu Erdenleben gehend, dem Schicksal unterliegt. Es wird lange dauern, ehe eine größere Zahl von Menschen teilnehmen wird an der Geisteswissenschaft, aber sie wird ein wirklich realer Bestandteil der menschlichen Geisteskultur werden und wird eingreifen in das menschliche Leben und in das, was moralische Impulse sind, was Bewußtseinsleben in der eigenen Wesenheit ist. Da wird Geisteswissenschaft dann eingreifen, wenn die jetzt noch begreiflich erscheinenden Vorurteile überwunden sein werden. Sie werden so radikal überwunden werden, wie die einstigen Vorurteile gegen die Naturwissenschaft. Da glaubte man, es sei etwas Erträumtes, man nannte es gleich einen Irrtum — man nannte Kopernikus einen Narren, weil er sagte, daß die Erde um die Sonne laufe, während doch die gesunden Sinne einem sagten, daß die Erde stillstehe. So wollen heute die gesunden fünf Sinne nicht glauben, daß man im Ergreifen des gesteigerten Denkens ein Stück des inneren Menschen herausziehe, und das andere Stück nachziehe durch das Hineingehen in das Schicksal. Die Menschheit wird lernen müssen, nicht mehr dem Sinnenschein zu vertrauen. Es gibt eine stärkere Kraft des Für-wahr-Haltens, als das Heranziehen dessen, daß man sich auf die gesunden fünf Sinne und den Verstand verlassen muß. Diese Kraft ist verbunden mit allen Impulsen menschlichen Weisheitsfortschrittes. Man muß das Vertrauen hierin entwickeln, indem man eine starke moralische Kraft in der Seele entfacht. Wenn der Mensch an die Erkenntniskräfte in sich selbst appelliert, wird er sich mutig durch die Welt tragen, nicht bloß auf das vertrauend, was er durch die äußeren fünf Sinne erfahren kann. Damit steht man heute an dem Punkt der Menschheitsentwickelung, wo Wissenschaft das werden muß, was sie vorher nicht werden konnte. Was der Geistesforscher herausdestilliert, war immer im Menschen: er schafft es nicht, er ruft es nur in die Geist-Erkenntnis hinein.

[ 10 ] Ein naheliegender Einwand, der aus Seelenbequemlichkeit kommt, ist: Warum kümmern wir uns überhaupt um den ewigen Seelenkern? Er ist doch ewig, wir werden schon einmal darin leben. — Das ist zu billig gedacht. Zweierlei muß man dagegen sagen. Erstens ist es dem sittlichen Gefühl des Menschen nicht nur darum zu tun, daß er dies oder jenes weiß, sondern darum, daß der Entwickelungsprozeß auf der Erde fortschreite von der Naturwissenschaft zu den geistigen \Wahrheiten, die erst unbekannt waren und jetzt hervorgeholt werden. Darauf beruht aller Menschheitsfortschrit. Wer nicht daran teilnehmen will, der soll sich gestehen, daß ihm dies gleichgültig ist. Dieser Punkt ist wichtig, aber mehr abstrakt. Zweitens aber findet ein recht konkreter Fortschritt statt. Die Menschen waren in alten Zeiten auf der Erde im wesentlichen nicht gleich wie heute, — die Seelen waren verschieden von den heutigen. Wir finden da ein aus Urzeiten, aus alten Epochen herstammendes hellseherisches Bewußtsein im Zusammenhang mit den göttlich-geistigen Kräften der Welt. Heute hat der Mensch dies verloren; aber er holt sich aus dieser irdischen Welt, mit der er sich verbunden hat, die Selbständigkeit heraus. Nun, da man die Stufe der Loslösung vom irdischen Denken errungen hat, muß man wieder vom geistigen Leben erfaßt werden, muß wieder hinein durch die Geisteswissenschaft. Heute können wir allerdings sagen: wir haben noch soviel ererbte Kräfte, daß das Seelenleben nach dem Tode nicht abgedämmt werden kann. Aber der Mensch muß sich so entwickeln, daß er nicht in Dumpfheit, sondern in heller Erfahrung durchmacht das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Frei wurde der Mensch durch das Abreißen des Fadens, der ihn mit der geistigen Welt verbindet. Nun muß er ihn wieder anknüpfen. Von der Jetztzeit ab ist immer mehr die Notwendigkeit da zum Erkennen des geistigen Lebens. Daher tritt dort, wo das geistige Leben in der neueren Zeit intensiver wurde, das wiederholte Erdenleben als Lehre auf. Zum Beispiel bei Lessing im achtzehnten Jahrhundert, in der «Erziehung des Menschengeschlechts», das er wie ein Testament der Menschheit hinterlassen hat, da tritt der Grundgedanke der wiederholten Erdenleben und eines dazwischen liegenden rein geistigen Lebens auf. Es gibt Leute, die sagen, Lessing sei alt und schwach geworden und habe darum diese vertrackte Idee gehabt.

[ 11 ] Was durch einen Geist wie Lessing da angeknüpft wurde, bildet eine Art Anlage, die fortentwickelt werden muß in der deutschen Volksseele, um einzulaufen in den Strom geisteswissenschaftlicher Forschung, um, wie heute angedeutet wurde, wirkliche Wissenschaft zu werden. Das liegt als Anlage tief in dem, was Fichte als den Urquell deutscher Eigenart empfand. Es ist ein wunderschöner Gedanke Fichtes, dem Sinne nach: Nicht erst, wenn wir durch den Tod gegangen sind, werden wir unsterblich; schon im Leibe können wir gewahr werden, was unsterblich ist und den Leib bildet. Allein im Erfassen dieses eigentlich Unsterblichen erkenne ich den Sinn des Lebens, um dessentwillen alles in diesem sterblichen Leibe sich darleben mag. Hier ist als Anlage das vorhanden, was die Geistesforschung wissenschaftlich ausführen soll. Fichte spricht es aus: Wenn nur die rechten Kräfte losgelöst werden, so kann das Unsterbliche erfaßt werden. Veranlagt ist die Geisteswissenschaft insbesondere bei den Persönlichkeiten des geistigen Strebens, die ich gestern charakterisierte.

[ 12 ] Ahnungen davon treten uns an den verschiedensten Orten entgegen, aber hier ist es eine gerade Linie vom deutschen Geistesstreben zu dem, was sich zur Geisteswissenschaft entwickeln muß. Im Strom des mitteleuropäischen geistigen Lebens ist die Bewußtheit in der Erfassung des geistigen Kernes nie ganz verlorengegangen. Nur auf ein Beispiel will ich jetzt aufmerksam machen, das in nur zarter Weise gegeben werden wollte von einem solchen Bewußtsein. Einer der Geister der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, der ganz auf dem Boden der Weltanschauung Schillers und Goethes stehende Kunstfreund Herman Grimm, hat es in seiner Novelle «Die Sängerin» zum Ausdruck gebracht. In den sechziger Jahren war noch nicht die Zeit gekommen für die Geisteswissenschaft, aber die Menschen, die in jener Zeit darinnen standen, hatten das Bedürfnis, nicht nur die Sinneswelt zu schildern, sondern auch den andern Teil der Welt. Sie wußten, daß wenn man die wahre Wirklichkeit schildern will, es nicht genug ist, die sinnliche Welt zu schildern. Als Beispiel diene das Hufeisen, das, wenn es zum Magneten geworden ist, doch noch aussieht wie ein gewöhnliches Hufeisen. Der geistigen Welt gehört der Mensch mit seinem geistigen Teil an, wie er der Sinnenwelt mit seinem physischen Teil angehört. Aus der Vertiefung des deutschen Idealismus heraus wußten jene Menschen eine echte geistgemäße Weltanschauung heraus zu entwickeln. Das taten sie durch objektive unbefangene Betrachtung des deutschen Geisteslebens, das eine Mission hat, die erfüllt werden sollte innerlich aus ideeller Anerkennung des geistigen Lebens heraus: wie Fichte, Schelling, Hegel zum Geiste vorzudringen, dazu aber die Welt noch mit wirklichen Geistesaugen, Geistesohren wahrzunehmen, von denen Goethe gesprochen hat.

[ 13 ] Wo sich der Blick auf die deutsche Geistesforschung, insbesondere auf Goethe lenkt, da hängt eine Art Hoffnung der Menschheit gerade mit der Entwickelung dieses Geisteslebens zusammen. Wenn man das liest, was sich zwischen den Zeilen des deutschen Geisteslebens abspielt, so kann man oft prägnant zum Ausdruck gebracht finden, wie gerade aus der Entwickelung des deutschen Wesens heraus die Welt zur Erfassung des Geisteslebens kommen kann. Man braucht nicht von Hochmut ergriffen zu sein, aber man kann fühlen, wie das, was die Goethe-Schillerzeit hereinstellte, heute in Mitteleuropa zu verteidigen ist, damit es sich entwickeln kann.

[ 14 ] Aus dem schicksaltragenden Zeitgefühl heraus will ich zwei Bilder hinstellen: Wir haben in den ersten Augusttagen 1914 erfahren, wie erlebt wurde in den verschiedenen Ländern Europas die eben erhaltene Kunde von dem kommenden Geschehen. Zunächst in Deutschland. Man steht vor dem großen Ereignis, — der Reichstag tritt zusammen — ich will nicht eingehen auf die Tagespolitik, nicht auf das, was da mit den kriegerischen Ereignissen zusammenhängt —, da stehen die Vertreter der einzelnen Parteirichtungen — und schweigen. Das ist ein gewaltiger Eindruck, wie wenn es der Herold wäre von dem, was kommen sollte, vor einer großen kommenden Wahrheit.

[ 15 ] Mit einer Art inneren Weinens sieht man auf das andere Bild, auf die Versammlung des Gossudarstwennaja Duma. Da war kein Schweigen: sie redeten alle, — so daß der Eindruck entsteht, als wäre sie formal zusammengestellt, wie eine historische Theatervorstellung. Es ist der Taumelrausch unwahrer Begeisterung, was da von vielen geredet wurde, wie ein Gegensatz zu dem Schweigen weiter westlich. Wenn man die Geschichte erforschen will, das, was durch die Menschheit hindurchraunt, so wird man auf solche Stimmungen hinzuschauen haben. In diesem Schweigen liegt die Zuversicht, daß sich Vertrauen haben läßt zur geistigen Kraft, zur geistigen Wahrheit, daß sie gut aufgehoben, daß sie verteidigt werden muß, — ein Vertrauen, das seelisch hinwegträgt über Tod und Schicksal.

[ 16 ] Emerson will Goethe beschreiben und weist darauf hin, was die Goethe-Kultur für die Menschheit bedeutet. Auf ihn hinweisend sagt er: «Die Welt ist jung. Große Männer der Vergangenheit weisen uns die Wege mit den Worten: «Wir müssen Schriften schreiben, die Kunde geben vom Ewigen. Das darf nicht sein, daß eine Lüge für uns bestehen bleibt.» Emerson meint jene Lüge, daß kein Geist hinter der Außenwelt stehe.

[ 17 ] Aus der Dämmerung der Zeitereignisse muß sich ein heller Sonnenhorizont entwickeln, der einen endlichen Frieden zum Heil der Menschheit kündet. Alles, was an Leib und Seele zu erdulden haben diejenigen, die das Todesopfer bringen, muß eine Lebensmahnung werden für jene, die zurückbleiben. Die unverbrauchten Kräfte derer, die jung vor Ablauf ihrer Zeit ihr Leben verlassen müssen, werden mithelfen: das Gesetz von der Erhaltung der Kräfte gilt auch in der geistigen Welt. Wissen wird man in der Zukunft: diese Welt hängt zusammen mit der geistigen Welt. Reale Kräfte werden diese unverbrauchten Kräfte sein für die Menschen, die ein Bewußtsein haben werden von der geistigen Welt.

Die Geisterwelt, sie bleibet dir verschlossen,
Erkennst du in dir selber nicht
Den Geist, der in der Seele leuchtet
Und tragend Licht dir werden kann
In Weltentiefen, auf Weltenhöhen.