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From Central European Spiritual Life
GA 65

3 February 1916, Berlin

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From Central European Spiritual Life, tr. SOL
  1. Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben

6. Fausts Weltwanderung und seine Wiedergeburt aus dem Deutschen Geistesleben

6. Faust’s Journey Through the World and His Rebirth from German Spiritual Life

[ 1 ] Obwohl ich in diesem Winter an dieser Stelle schon einmal an Goethes «Faust» anknüpfte bei der Betrachtung über Goethes Weltbild im Zusammenhang mit dem deutschen Idealismus, so werde ich mir doch gestatten, als eine Art von Einleitung zu den angekündigten sechs Vorträgen Ihnen heute wiederum mit einer Betrachtung von Goethes «Faust» zu kommen. Ich glaube nämlich, daß sich in der Tat in Anknüpfung an Goethes «Faust» gerade für diejenige Weltanschauung, welche hier von mir vertreten wird, so viele Gesichtspunkte ergeben, daß gerade auf das Folgende, das in den nächsten Zeiten hier gesprochen werden wird, manches Licht fallen wird. Allerdings werde ich ja auch heute nur in der Lage sein, aphoristische Bemerkungen über das Thema zu machen, welches ich mir gestellt habe, denn dieses Thema ist an sich so reichhaltig, daß man immer nicht weiter kommen kann, als diesen oder jenen Gesichtspunkt aus einer Fülle von Gesichtspunkten herauszuheben. Und selbstverständlich ergibt sich dann auch, daß man mit jeder solchen Betrachtung Goethes «Faust» gegenüber auch einseitig sein muß. Das muß man aber schon auf sich nehmen.

[ 1 ] Although I have already referred to Goethe’s *Faust* in this column this winter when discussing Goethe’s worldview in connection with German idealism, I will nevertheless take the liberty of presenting you today with another reflection on Goethe’s *Faust* as a sort of introduction to the six lectures I have announced. For I believe that, in connection with Goethe’s *Faust*, so many perspectives arise—particularly for the worldview I am representing here—that they will shed light on what will be discussed here in the coming weeks. However, even today I will only be able to offer aphoristic remarks on the topic I have set for myself, for this topic is so rich in itself that one can never get further than highlighting this or that perspective from among a multitude of them. And, of course, it follows that any such consideration of Goethe’s *Faust* is bound to be one-sided. But that is a trade-off one must accept.

[ 2 ] Nach einer Betrachtung von Goethes «Faust», die, könnte man sagen, mehr als ein halbes Jahrhundert in Anspruch genommen hatte, hat mein alter Freund und Lehrer Karl Julius Schröer die dritte Auflage seiner «Faust» Ausgabe 1892 abgeschlossen mit einem Vorwort, in dem sich die Worte finden: «Nur des Deutschen Denkungsart war es bestimmt, das Faust-Problem zu lösen.» Und im Wesentlichen an diese Worte möchte ich meine heutigen Betrachtungen anknüpfen.

[ 2 ] After a study of Goethe’s *Faust*—which, one might say, had taken more than half a century—my old friend and teacher Karl Julius Schröer concluded the third edition of his *Faust* edition in 1892 with a preface containing the following words: “Only the German way of thinking was destined to solve the Faust problem.” And it is essentially these words that I would like to take as the starting point for my reflections today.

[ 3 ] Das Faust-Problem wird ja nach einer gewiß berechtigten Meinung Herman Grimms, der so tief in all dem drinnen stand, was Goethe erstrebt und erlebt hatte, durch die Jahrhunderte, ja Jahrtausende der Ausgangspunkt sein für immer wiederkehrende Betrachtungen von Goethes «Faust», die sich ganz gewiß in der Aufeinanderfolge der Zeiten erheblich voneinander unterscheiden werden. Gerade mit Bezug darauf hat Herman Grimm schon in den siebziger Jahren ein sehr bedeutsames Wort gesprochen, das ich einleitungsweise nun auch anführen möchte. Herman Grimm sagte dazumal: «Wir stecken heute noch zu tief in der Welt drin, welche Goethe im zweiten Teil des Stückes allegorisch und symbolisch darstellen wollte; auch hier werden spätere Zeiten erst den richtigen Standpunkt gewinnen.» Man kann sagen: ein ebenso bescheidener als hoher Standpunkt, den hier Herman Grimm einnimmt; denn er spricht durchaus aus einem tiefen Bewußtsein heraus, was eigentlich alles in diese Faust-Dichtung, die der Welt durch Goethe gegeben wurde, hineingegossen ist. Und Herman Grimm sagt weiter: «Wir würden Goethes Faust zu wenig tun, wenn wir ihn nur für das nähmen, als das seine bunt wechselnden Erlebnisse ihn erscheinen lassen, und es wird noch eine Zeit kommen, wo die Erklärer dieses Gedichtes sich mehr mit dem, was in ihm liegt, beschäftigen werden, als mit dem, was bloß an ihm hängt.»

[ 3 ] According to a view certainly worth considering—that of Herman Grimm, who was so deeply immersed in all that Goethe had strived for and experienced—the “Faust problem” will, throughout the centuries, indeed millennia, serve as the starting point for recurring reflections on Goethe’s *Faust*, which will undoubtedly differ significantly from one another as time goes on. It was precisely in this regard that Herman Grimm made a very significant statement as early as the 1870s, which I would now like to quote by way of introduction. Herman Grimm said at the time: “We are still too deeply immersed today in the world that Goethe sought to portray allegorically and symbolically in the second part of the play; here, too, later generations will be the ones to gain the proper perspective.” One might say that the perspective Herman Grimm takes here is as humble as it is lofty; for he speaks entirely from a deep awareness of everything that has actually been poured into this “Faust” epic, which Goethe gave to the world. And Herman Grimm goes on to say: “We would be doing Goethe’s Faust an injustice if we took it only for what its richly varied experiences make it appear to be, and a time will yet come when the interpreters of this poem will concern themselves more with what lies within it than with what merely attaches to it.”

[ 4 ] Gewiß, solche Aussprüche müssen auch heute noch in vieler Beziehung gelten. Dennoch sind, seit Herman Grimm diese Worte niedergeschrieben hat, wiederum Jahrzehnte verflossen, und man darf heute vielleicht schon die Hoffnung hegen aus mancherlei Vertiefung, die das Geistesleben doch erfahren hat, daß man mehr hineinkommen kann, als es damals möglich war, in das, was in «Faust» liegt, gegenüber dem, was am «Faust» hängt, wie Herman Grimm sich ausdrückt.

[ 4 ] Certainly, such statements must still hold true in many respects today. Nevertheless, decades have passed since Herman Grimm wrote these words, and today we may perhaps already harbor the hope—based on the various ways in which intellectual life has deepened—that we can gain a deeper understanding than was possible back then of what lies within *Faust*, as opposed to what is attached to *Faust*, as Herman Grimm puts it.

[ 5 ] Und so möchte ich denn heute Ihre Gedanken vorzugsweise darauf lenken, wie sich jene Weltwanderung gestaltete, die Faust, man kann sagen, von seiner Studierstube aus in die Welt unternimmt, in der ja die Menschen mehr oder weniger leben, und wie er durch diese Weltwanderung sich allmählich erhebt zu Gesichtspunkten einer Weltanschauung im weitesten Sinn des Wortes, welche eine Art Wiedergeburt Fausts aus dem deutschen Geistesleben heraus darstellt, insofern Goethe selbst an diesem deutschen Geistesleben teilgenommen hat. Ich glaube, man wird zu einem vollen Verständnis der Faustgestalt und ihrer Bedeutung für das Leben wohl nur kommen können, wenn man sich von vornherein darein zu vertiefen sucht, was eigentlich in jenem Augenblicke in Fausts Seele lebt, da wir ihn als dichterische Gestalt im Beginne der Faust-Dichtung, wie sie nun einmal durch Goethe fertig geworden ist, vor uns haben. In einer tief bedeutsamen Weise spricht ja das, was in Faust lebt, gleich der Eingangs-Monolog: «Habe nun, ach, Philosophie...» und so weiter aus. Aber man muß doch wiederum aus einer Vertiefung in all das, was sich später im Verlauf der Geschehnisse vollzieht, welche die Faust-Dichtung darstellt, eine Art Licht darauf zurückwerfen, was in Fausts Seele in dem Augenblick lebt, den uns die Dichtung in ihrem Anfange darstellt. Faust steht da gegenüber denjenigen Wissenschaften, die er ja als die Wissenschaften der vier Fakultäten aufzählt, und wir sehen ganz deutlich aus demjenigen, was er ausspricht, wie unbefriedigt er ist gegenüber den Wissenschaften, die da auf seine Seele gewirkt haben. Wir können die Frage aufwerfen: Was will Faust denn nun eigentlich? Und vielleicht kann diese Frage nur genügend beantwortet werden, wenn man im weiteren Verlauf des ersten Monologes gerade ins Auge faßt, daß sich Faust ja, trotzdem er die Wissenschaften der vier Fakultäten in sich aufgenommen hat, der Magie, das heißt demjenigen ergeben hat, was er als die traditionelle, als die herkömmliche geschichtliche Magie aus den verschiedenen Schriften über diese Magie hat kennenlernen können.

[ 5 ] And so today I would like to direct your thoughts primarily to how that journey through the world took shape—the journey that Faust, one might say, sets out on from his study into the world in which people more or less live, and how, through this journey through the world, he gradually rises to the perspectives of a worldview in the broadest sense of the word—one that represents a kind of rebirth of Faust from German intellectual life, insofar as Goethe himself participated in this German intellectual life. I believe that one can only arrive at a full understanding of the character of Faust and his significance for life if one seeks from the outset to delve into what is actually alive in Faust’s soul at that very moment when we encounter him as a poetic figure at the beginning of the *Faust* poem, as it was ultimately completed by Goethe. In a profoundly significant way, what lives within Faust is expressed right from the opening monologue: “I have now, alas, philosophy...” and so on. But one must, in turn, by delving into all that unfolds later in the course of the events depicted in the *Faust* epic, shed a kind of light on what is alive in Faust’s soul at the very moment the epic presents to us at its beginning. Faust stands there facing the sciences, which he lists as the sciences of the four faculties, and we see quite clearly from what he says just how dissatisfied he is with the sciences that have thus far influenced his soul. We may ask: What does Faust actually want? And perhaps this question can only be adequately answered if, as the first monologue progresses, we take into account that Faust—despite having absorbed the sciences of the four faculties—has devoted himself to magic, that is, to what he has come to know as traditional, conventional, historical magic from the various writings on the subject.

[ 6 ] Ich möchte gleich aufmerksam darauf machen, daß leicht ein Mißverständnis über den ersten Faust-Monolog entstehen kann dadurch, daß man etwa glauben könnte, der Augenblick, in dem sich Faust der Magie ergibt, fiele mit dem Augenblick zusammen, in dem er diesen Monolog spricht, und Faust wäre vorher, bevor jene Empfindungen durch seine Seele gehen, die in diesem Monolog leben, noch nicht der Magie ergeben gewesen. Das würde ein Mißverständnis sein und würde das Verständnis des ganzen Seelenzustandes Fausts überhaupt außerordentlich erschweren. Man muß vielmehr annehmen, daß Faust bereits in dem Augenblick, da er seine Empfindungen in jenem Monolog ausspricht, tief drinnen lebt in dem, was er als die Magie anspricht; daß er viele Studien über diese Magie gemacht hat. Und wir können dies aus der Faust-Dichtung selber erweisen. Als später der Pudel, der Faust beim Österspaziergang begleitet, verschiedene Gestalten annimmt und Faust nicht weiß, was in diesem Pudel steckt, da greift Faust nach einem magisch-okkulten Buch und weiß nun ganz genau, nach seiner Meinung wenigstens, in welcher Weise er durch allerlei Beschwörungsformeln dieser Bücher hinter das Geheimnis dieses Pudels kommen könne, wie er sich dieser geistigen Erscheinung gegenüber, die er vor sich zu haben glaubt, zu benehmen habe. Man muß also annehmen, daß Faust sich gewissermaßen schon in diesen Dingen bewandert gemacht hat.

[ 6 ] I would like to point out right away that a misunderstanding regarding the first Faust monologue can easily arise from the belief that the moment in which Faust surrenders to magic coincides with the moment in which he delivers this monologue, and that Faust had not yet surrendered to magic before those feelings—which come to life in this monologue—passed through his soul. That would be a misunderstanding and would make it extremely difficult to understand Faust’s entire state of mind. Rather, one must assume that, even at the very moment he expresses his feelings in that monologue, Faust is already deeply immersed in what he refers to as magic; that he has conducted extensive studies of this magic. And we can demonstrate this from the *Faust* poem itself. When later the poodle, which accompanies Faust on his Easter walk, takes on various forms and Faust does not know what lies within this poodle, Faust reaches for a book on magic and the occult and now knows exactly—at least in his own opinion—how he can uncover the secret of this poodle through all manner of incantations found in these books, and how he should behave in the presence of this spiritual apparition that he believes he is facing. One must therefore assume that Faust has, in a sense, already become well-versed in these matters.

[ 7 ] Nun vernehmen wir, daß sich Faust ein magisches Buch nimmt, und daß er seiner Unbefriedigung dadurch entgegenkommen will, daß er sich zunächst an den Geist der großen Welt wendet, an den Geist des Makrokosmos, wie er es ausspricht. Was will er eigentlich? Was er will, wird man vielleicht nur ersehen können, wenn man sich ein wenig in Goethes Seele selber vertieft, die ja ihre Empfindungen in die Faustfigur gelegt hat, wenigstens in jener Zeit, in der der erste Faust-Monolog und die ersten Partien des «Faust» überhaupt entstanden sind.

[ 7 ] Now we learn that Faust takes a magical book and that he intends to address his dissatisfaction by first turning to the spirit of the greater world—the spirit of the macrocosm, as he puts it. What does he actually want? Perhaps one can only discern what he wants by delving a little into Goethe’s own soul, which, after all, imbued the character of Faust with its own feelings—at least during the period when the first Faust monologue and the first parts of *Faust* were written.

[ 8 ] Welcher Welt und Weltanschauung stand denn eigentlich Goethe gegenüber? Goethe stand derjenigen Weltanschauung gegenüber, welche auf Grundlage dessen aufgebaut werden konnte, was man über Natur- und Geistesleben erkannt hatte, Er stand mitten drinnen in der Weltanschauung, die durchaus mit den naturwissenschaftlichen Offenbarungen rechnete, wie sie durch Kopernikus, Galilei, Kepler und so weiter gegeben waren. Goethe stand demjenigen gegenüber, was man etwa im Sinne Kants die Weltanschauung der Aufklärung nennen könnte, das Hineinkommen in die Geheimnisse der Natur auf dem Wege des die Erfahrungen der Sinne und auch die Erfahrungen der Geschichte zusammenfassenden Verstandes. Was sich der Menschenseele ergibt an Ideen, die, wie wir heute sagen, in gesunder Weise durch den normalen Verstand gefaßt werden und die sich ergeben über dasjenige, was die normale Erfahrung der äußeren Sinne erkunden kann, eine solche Weltanschauung war es, die Goethe umgab. Wie konnte er sich mit seinen Bedürfnissen in das Weltbild hineinleben, das eine solche Weltanschauung geben konnte? Er konnte sich nicht völlig in eine solche Weltanschauung hineinleben; denn was Goethe unablässig wollte, und was er nun seinen Faust wollen läßt, das ist ein unmittelbares Zusammenwachsen des innersten Seelischen mit dem, was draußen die Welt durchwebt und durchlebt, ein Zusammenwachsen der Seele selbst mit den in der Welt vorhandenen Weltgeheimnissen, mit den tieferen Offenbarungen und den sich offenbarenden Kräften und Wesenheiten der Welt.

[ 8 ] What kind of world and worldview did Goethe actually face? Goethe was confronted by a worldview that could be built upon what had been discovered about the natural and spiritual life. He was right in the midst of a worldview that fully took into account the scientific revelations as presented by Copernicus, Galileo, Kepler, and so on. Goethe was confronted with what one might call, in the spirit of Kant, the worldview of the Enlightenment—the penetration into the mysteries of nature through the intellect, which synthesizes both sensory experience and the lessons of history. Goethe was surrounded by a worldview consisting of the ideas that arise in the human soul—ideas which, as we say today, are grasped in a sound manner by normal reason and which go beyond what normal sensory experience can discern. How could he, with his own needs, immerse himself in the worldview that such a philosophy of life could offer? He could not fully immerse himself in such a worldview; for what Goethe ceaselessly sought—and what he now has his Faust seek—is a direct fusion of the innermost soul with that which interweaves and permeates the world outside, a fusion of the soul itself with the mysteries of the world, with the deeper revelations, and with the forces and beings of the world that are revealing themselves.

[ 9 ] Nun stand Goethes Faust mit der Anschauung der Aufklärung der Natur und dem Geist der Welt so gegenüber, daß ihm das, was auf die eben charakterisierte Art eine Weltanschauung ergeben konnte, weit entfernt erschien davon, die Wesenheiten fassen zu können, die die Welt durchwalten und die er mit den innersten Kräften der Seele fassen wollte, mit denen er zusammenleben wollte. Denn was ihm diese auf die damalige Wissenschaft aufgebaute Weltanschauung geben konnte, das gab ihm höchstens ein Wissen, etwas, was den Kopf, was den Verstand ausfüllte, was sich aber nicht so weit identifizieren konnte mit dem menschlichen inneren Erleben, daß man wirklich mit diesem innerlich Erlebten hätte hineinkommen können in die Kräfte, die in Natur und Geisterwelt leben und weben. Suchen muß ich so etwa, sagt Goethes Faust, den innersten Kräften und Wesenheiten der Welt so beizukommen, daß, indem ich sie erfasse, meine Seele drinnen steckt in dem geistig-natürlichen Weben und Leben der Welt, Fasse ich aber nur dasjenige, was nach dem gegenwärtigen Standpunkt einer wissenschaftlichken Weltanschauung erfaßbar ist, so erfasse ich gleichsam nur in trokkener, nüchterner Weise mit dem Wissen diese geheimnisvollen Zusammenhänge der Welt, dasjenige, was die Welt im Innersten bewegt. Und dieses Wissen kann mir niemals jene Fülle geben, die im Ergreifen dessen liegt, was mich mit den Weltengeheimnissen zusammenleben läßt.

[ 9 ] Now Goethe’s Faust stood in such a way toward the Enlightenment’s view of nature and the spirit of the world that what could result in a worldview of the kind just described seemed to him far removed from being able to grasp the essences that govern the world—essences he sought to grasp with the innermost powers of his soul, with which he wished to live in harmony. For what this worldview—based on the science of the time—could offer him was, at most, knowledge: something that filled the head and the intellect, but which could not identify so closely with inner human experience that one could truly, through this inner experience, enter into the forces that live and weave within nature and the spirit world. “I must seek,” says Goethe’s Faust, “to approach the innermost forces and beings of the world in such a way that, as I grasp them, my soul is immersed in the spiritual-natural weaving and life of the world; But if I grasp only what is comprehensible according to the current standpoint of a scientific worldview, then I grasp, as it were, only in a dry, sober way—through knowledge—these mysterious interconnections of the world, that which moves the world at its very core. And this knowledge can never give me the richness that lies in grasping that which allows me to live in harmony with the mysteries of the world.

[ 10 ] Und so will denn Goethes Faust sich auf eine andere Art hineinvertiefen in dasjenige, was die Welt durchwebt und durchlebt, in die Natur- und Geisteswelt. Und da Goethe ganz sicher niemals auf dem Standpunkte gestanden hat, auf dem heute und zu allen Zeiten viele Menschen stehen, daß dasjenige, was gerade zu ihrer Zeit lebt und errungen ist, das unbedingt Richtige ist — demgegenüber man sagen kann, wie so herrlich weit wir es gebracht haben -, so will Goethe anknüpfen an dasjenige, was vorangegangen ist, aus dem sich ja doch das Gegenwärtige heraus entwickelt hat. Und er läßt daher auch seinen Faust anknüpfen an diejenige Weltanschauung, aus der sich das ihn umgebende Weltbild herausgestaltet hat, anknüpfen an eine Weltanschauung, die allerdings den Glauben hatte, daß man mit dem, was sie sich errang, hineinkam in ein Miterleben mit den Geheimnissen des Daseins. Was war das für eine Weltanschauung?

[ 10 ] And so Goethe’s Faust seeks to immerse himself in a different way in that which permeates and animates the world—in the world of nature and the spirit. And since Goethe certainly never held the view—which many people hold today and have held throughout history—that whatever is alive and has been achieved in their own time is absolutely correct—in contrast to which one might say, “How wonderfully far we have come!”—Goethe seeks to build upon what has gone before, from which the present has, after all, developed. And so he also has his Faust build upon the worldview from which the worldview surrounding him took shape—a worldview that, admittedly, held the belief that through what it had achieved, one could enter into a shared experience of the mysteries of existence. What kind of worldview was that?

[ 11 ] Nun, man braucht nur so etwas in die Hand zu nehmen, wie die Werke des Agrippa von Nettesheim oder irgendeines anderen ähnlichen Philosophen des Mittelalters, und man wird eine Einsicht bekommen können, was Goethes Faust mit der Anrufung des Geistes des Makrokosmos eigentlich meint. Solche Begriffe, solche Ideen, wie sie Faust in der Philosophie der Aufklärung umgaben — ich meine den Faust Goethes, nicht den Faust des sechzehnten Jahrhunderts —, hatte man noch nicht zu der Zeit, in der etwa Agrippa von Nettesheim schrieb. Da machte man sich noch nicht in solch abgezogenen Begriffen ein Bild von der Welt wie im Zeitalter der Aufklärung, sondern da lebte man, indem man philosophische Weltanschauungen ausbildete, ich möchte sagen, in Bildern, in Imaginationen. Aber man lebte auch in dem Glauben, daß man etwas herbeiführen könne, wodurch sich Natur und Geisteswelt intim darüber aussprechen, was sie eigentlich sind. Und was man nun als Weltbild bekam, war zugleich mit dem Fühlen und Empfinden der Seele verwoben, war in einer gewissen Weise gleich mit dem, was die Seele in sich selbst erlebte. Heute würde man sagen: Es war sehr anthropomorphistisch. Gewiß, das war es; es war so, daß der Mensch in dem, was er aus der Welt herausabstrahierte, Kräfte fühlte, die den Kräften der eigenen Seele verwandt waren. Von Sympathien und Antipathien der Dinge und ähnlichen Kräften sprach man im Naturdasein, wie man sie erlebte im eigenen Seelendasein. Aber weiter: Man glaubte in dieser Zeit, in der Agrippa von Nettesheim schrieb, wenig dem, was der Mensch durch sich selber erringen kann, was der Mensch einfach dadurch erringen kann, daß er die Kräfte seines Seelenlebens ausgestaltet, daß er dasjenige, was Erkenntniskräfte sind, entwickelt, um ihnen eine höhere Form zu geben, als diejenige ist, die der Mensch von Natur aus hat. Man glaubte nicht an die Forschungskraft der menschlichen Seele selbst; man glaubte vielmehr daran, daß man durch allerlei äußere Verrichtungen, diese oder jene Experimente — aber nun nicht Experimente in unserem heutigen Sinne — gewissermaßen dem Geistigen, das in der Natur webt, Gelegenheit gibt, zu zeigen, wie es in den Naturtatsachen lebt. Durch allerlei Veranstaltungen glaubte man hinter die Geheimnisse der Natur zu kommen, Man glaubte nicht, daß das Bewußtsein unmittelbar in die Natur eindringen kann durch Kräfte, die es sich erwirbt. Man glaubte, man müsse diese oder jene Verrichtungen, diese oder jene Veranstaltungen machen, um gleichsam dadurch, daß man Zauber ausgeübt hat, die Natur so zum Sprechen zu bringen, daß sie ihren Geist ausdrückt. Abgesondert von dem menschlichen Bewußtsein selber wollte man das suchen. Man wollte etwas draußen in der äußeren Welt tun, durch das. die Natur ihre Geheimnisse verrät und durch das sie endlich ausspricht, wie die Kräfte in der Natur liegen, aus denen dann der Mensch selber sich aus Natur und Geisteswelt heraus auferbaut. Also gerade das wollte man, wonach es Goethes Faust gelüstet: zusammenleben mit dem Weben und Wesen der Natur selber; und man glaubte, solches zu erreichen.

[ 11 ] Well, one need only pick up something like the works of Agrippa von Nettesheim or any other similar medieval philosopher to gain an insight into what Goethe’s Faust actually means by invoking the spirit of the macrocosm. Such concepts, such ideas as those that surrounded Faust in the philosophy of the Enlightenment—I mean Goethe’s Faust, not the Faust of the sixteenth century—did not yet exist at the time when, for example, Agrippa von Nettesheim was writing. Back then, people did not yet form a picture of the world in such abstract terms as they did in the Age of Enlightenment; rather, they lived by developing philosophical worldviews—I would say—through images and imaginings. But people also lived in the belief that they could bring about something through which the natural world and the spiritual world would intimately reveal what they actually are. And the worldview that emerged was interwoven with the soul’s feelings and sensibilities; in a certain sense, it was one and the same with what the soul experienced within itself. Today one would say: It was very anthropomorphic. Certainly, it was; it was the case that in what people abstracted from the world, they sensed forces that were akin to the forces of their own soul. People spoke of the sympathies and antipathies of things and similar forces in the natural world, just as they experienced them in their own inner life. But furthermore: In that era, when Agrippa von Nettesheim was writing, people had little faith in what a human being can achieve through his or her own efforts—what a human being can achieve simply by refining the forces of his or her soul life, by developing the powers of cognition in order to give them a higher form than the one the human being possesses by nature. People did not believe in the investigative power of the human soul itself; rather, they believed that through all manner of external activities—this or that experiment (though not experiments in our modern sense)—one could, as it were, give the spiritual forces weaving through nature an opportunity to reveal how they live within the facts of nature. Through all manner of rituals, people believed they could uncover the mysteries of nature. They did not believe that consciousness could penetrate nature directly through powers it acquires. It was believed that one had to perform this or that activity, carry out this or that experiment, in order—as it were, by performing magic—to make nature speak in such a way that it expresses its spirit. People sought to do this apart from human consciousness itself. People wanted to do something out there in the external world through which nature would reveal its secrets and finally articulate how the forces in nature are arranged—forces from which human beings themselves are then built up out of nature and the spiritual world. So this is precisely what people sought—what Goethe’s Faust yearns for: to live in harmony with the weaving and essence of nature itself; and they believed they could achieve this.

[ 12 ] Was als Natur und Geisteswelt also vor den Menschen stand, das war durchgeistet. Und die weltnotwendige Entwickelung hat an die Stelle dessen ein äußeres Naturbild setzen müssen, eben das Naturbild eines Kopernikus, eines Kepler, eines Galilei, oder das, was daraus entstanden ist, ein Naturbild, aus dem gerade das entfernt ist, was diese mittelalterlichen Philosophen aus der Natur heraus suchen wollten. In diesem Weltbild des Kopernikus, Kepler und Galilei und dem, was daraus entstanden ist, waren eben jene Ideen das Maßgebende, Ausschlaggebende, das Berechtigte, die Goethes Faust nicht dicht genug vorkamen, nicht innerlich voll genug waren, um mit ihnen so ausgestattet der Welt gegenüberzutreten, daß man diese Welt voll miterleben kann in seiner eigenen Seele.

[ 12 ] What thus stood before humanity as the natural and spiritual world was imbued with spirit. And the development necessitated by the world had to replace it with an external view of nature—namely, the view of nature held by Copernicus, Kepler, and Galileo, or what emerged from it: a view of nature from which precisely that which these medieval philosophers sought to extract from nature has been removed. In this worldview of Copernicus, Kepler, and Galileo—and what emerged from it—it was precisely those ideas that were the defining, decisive, and legitimate ones—the ones that Goethe’s *Faust* did not consider poetic enough, not inwardly full enough, to face the world with them in such a way that one could fully experience this world within one’s own soul.

[ 13 ] Und so lebt in Fausts Seele in dem Augenblick, in den uns der erste Monolog versetzt, der Drang, durch jene alte Magie die Weltengeheimnisse mitzuerleben, die Weltengesetzmäßigkeit und die Weltenwesenheit mit den eigenen Seelenerlebnissen zu verbinden. Und das glaubte er zu erreichen, indem er sich den Formeln und den Bildern hingibt, die aus dem Buche heraus, das er in die Hand nimmt, den Makrokosmos repräsentieren sollen.

[ 13 ] And so, at the very moment to which the first monologue transports us, there lives within Faust’s soul the urge to experience the mysteries of the world through that ancient magic—to connect the laws of the world and the essence of the world with his own spiritual experiences. And he believed he could achieve this by immersing himself in the formulas and images that, drawn from the book he takes in his hand, are meant to represent the macrocosm.

[ 14 ] Nun ist aber Faust — der Goethesche Faust, nicht der des sechzehnten Jahrhunderts - ich betone es ausdrücklich -, eben der Mensch, die Persönlichkeit seiner Zeit. Die Menschheit rückt eben in ihrer Organisation vor, wenn es auch einer groben Betrachtung nicht anschaulich ist, In dieser Zeit konnte man nicht mehr auf dieselbe Art hinter die Geheimnisse des Daseins kommen wie etwa Agrippa von Nettesheim. Man konnte sich nicht mehr dem Glauben hingeben, daß dasjenige, was man, sei es durch Imagination, sei es durch äußere Veranlassung, durch zauberhaftes Experimentieren erlangt, wirklich etwas zu tun habe mit dem, was die Welt im Innersten bewegt. Und so sieht sich endlich Faust davor gestellt zu erkennen: Ja, ich versuche es so, wie es diese Alten gemacht haben, mich zu verbinden mit den geistigen, mit den natürlichen Kräften des Daseins - aber was gibt mir das? Führt mich das wirklich hinein in das, was in der Natur und Geisteswelt lebt und webt? Nein, ein Schauspiel gibt es mir — welch ein Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!

[ 14 ] But Faust—Goethe’s Faust, not the one from the sixteenth century—I emphasize this explicitly—is precisely the human being, the personality of his time. Humanity is indeed advancing in its organization, even if this is not apparent to a superficial observer. In this era, it was no longer possible to uncover the mysteries of existence in the same way as, say, Agrippa von Nettesheim. One could no longer indulge in the belief that what one attained—whether through imagination, external influence, or magical experimentation—had anything to do with what truly moves the world at its core. And so Faust finally finds himself confronted with the realization: Yes, I am trying, just as those ancients did, to connect myself with the spiritual and natural forces of existence—but what does that give me? Does it truly lead me into what lives and weaves in the natural and spiritual worlds? No, it gives me a spectacle—what a spectacle! But alas, only a spectacle!

[ 15 ] Und in diesem Sinne ist denn der Goethesche Faust wirklich der Repräsentant der Goethe-Zeit. Unmöglich ist es geworden, auf diesem Weg hinzukommen zu den Quellen des Daseins, zu erfassen die unendliche Natur, nicht sie bloß wissend zu durchdringen mit Ideen oder mit Naturgesetzen, sondern zu erleben. Es kann ihm nicht gelingen, weil die Zeit vorüber ist, wo man glauben konnte, daß auf diesem Wege eine wirkliche Erkenntnis der Natur und Geisteswelt zu erreichen ist. Ein Schauspiel! Und er wendet sich ab von demjenigen, was ihm die Betrachtung der Zeichen des Makrokosmos geben kann. Er wendet sich zum Mikrokosmos, zum Erdgeist.

[ 15 ] And in this sense, Goethe’s *Faust* truly represents the Goethean era. It has become impossible to reach the sources of existence in this way, to grasp infinite nature—not merely to penetrate it intellectually with ideas or natural laws, but to experience it. He cannot succeed, because the time has passed when one could believe that a true understanding of nature and the spiritual world could be attained in this way. What a spectacle! And he turns away from what the contemplation of the signs of the macrocosm can offer him. He turns to the microcosm, to the Earth Spirit.

[ 16 ] Was ist dieser Erdgeist? Nun, wenn man das Ganze nimmt, was im Goetheschen «Faust» sich in Anknüpfung an die Erscheinung des Erdgeistes darstellt, so findet man, daß dieser Erdgeist der Repräsentant alles dessen ist, was im Laufe des geschichtlichen Werdens im weitesten Umfange über die Erde hinströmt, was so wirkt, daß aus ihm herauskommt in unsere Seele, in unser Herz, in unser ganzes Innerstes hinein dasjenige, was in unseren tiefsten Trieben liegt, was gleichsam die Erde umkreist und uns Menschen mit unserem Inneren hineinstellt in seine Strömungen. Goethe selbst hat in einer Skizze, die er später für seinen «Faust» gemacht hat, gleichsam zusammenfassend die Idee dieses Erdgeistes bezeichnet als Welt- und Tatengenius. Damit werden wir wieder darauf hingewiesen, daß eigentlich das, was Goethe in seiner Dichtung als Erdgeist anspricht, etwas ist, was im Laufe des geschichtlichen Werdens lebt, was hereinwirkt in unsere Seele, insofern wir Kinder eines bestimmten Zeitalters sind, insofern in uns gewisse Triebe leben, in uns eine gewisse Form desjenigen lebt, was im Dasein in der einen oder in der anderen Artzuerreichen ist. Das aber ist abhängig davon, wie wir in einer gewissen Epoche gerade hineingestellt sind in das, was herausströmt aus dem durch alle Erdenzeiten waltenden Erdgeist. So darf denn dieser Erdgeist, wie es im «Faust» steht, sagen:

[ 16 ] What is this Earth Spirit? Well, if one considers the entirety of what is presented in Goethe’s *Faust* in connection with the appearance of the Earth Spirit, one finds that this Earth Spirit is the representative of everything that, in the course of historical development, flows across the Earth to the greatest extent—that which acts in such a way that it flows out from it into our soul, into our hearts, into our very innermost being—that which lies in our deepest drives, that which, as it were, circles the Earth and places us humans, with our innermost selves, within its currents. Goethe himself, in a sketch he later made for his *Faust*, described the idea of this Earth Spirit, as it were, in summary terms as the “genius of the world and of action.” This reminds us once again that what Goethe addresses in his poetry as the Earth Spirit is, in fact, something that lives within the course of historical development, something that works its way into our soul insofar as we are children of a particular age, insofar as certain impulses live within us, and insofar as a certain form of that which can be attained in existence in one way or another lives within us. But this depends on how we, in a particular epoch, are situated within what flows forth from the Earth Spirit that reigns throughout all earthly ages. Thus, as it is written in *Faust*, this Earth Spirit may say:

... im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

... in the storm of deeds
I surge back and forth,
Wheeling this way and that!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life,
Thus I toil at the whirring loom of time
And weave a living garment for the Deity.

[ 17 ] Nun wird uns ein Wort, ich möchte sagen, gegenständlicher, das im «Faust» ausgesprochen ist und das einen eigentlich oftmals beirrt, gegenüber leicht geschürzten Erklärungen, die davon gegeben werden. Ich möchte nicht in den Fehler verfallen, in den viele nur allzuleicht verfallen, in ein solches Gedicht wie die Faust-Dichtung alles Mögliche hineinzutragen. Und ich weiß sehr wohl: fast jede Erklärung, die man ausspintisieren kann, paßt, wenn man sie nur geschickt dreht, fast auf alles. Ich möchte versuchen, alles, was ich zu sagen habe, aus der Faust-Dichtung selber herauszuheben. Ich meine jetzt in diesem Augenblicke das Wort:

[ 17 ] Now let us consider a line—I would say, a more concrete one—spoken in *Faust* that actually often leads us astray, in contrast to the overly simplistic explanations offered of it. I do not wish to fall into the error—one into which many all too easily fall—of reading all sorts of things into a poem such as *Faust*. And I know full well that almost any interpretation one can spin fits—if one twists it skillfully enough—almost anything. I would like to try to draw everything I have to say directly from *Faust* itself. I am referring right now, at this very moment, to the phrase:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen ...

Two souls dwell, alas! within my breast,
One wants to part from the other ...

[ 18 ] Die eine charakterisiert Faust so, als ob sie in all dem lebte, was die Triebe dieses Erdenlebens sind. Von der anderen Seele sagt er ausdrücklich, daß sie sich erheben will aus dem Dust des Erdenlebens zu den Gefilden hoher Ahnen. Nun, ich meine, eine leichtgeschürzte Erklärung ist es, wenn man einfach sagt: das ist die niedere und das die höhere Menschennatur. Gewiß, mit solchen Abstraktionen trifft man immer ein annähernd Richtiges. Man kann gar nicht fehl gehen, denn je abstrakter man ist, desto richtiger wird man sich in der Regel aussprechen. Aber bei einer solchen Dichtung wie der Faust-Dichtung kommt es darauf an, genau, konkret die Empfindungen zu treffen, welche in der Dichtung verkörpert sind. Und es scheint mir in der Tat, wenn Faust von seinen zwei Seelen spricht, die eine Seele diejenige zu sein, welche vor allen Dingen erlebt, was menschliches Inneres ist, dasjenige erlebt, in das hereinströmen die Kräfte, die Impulse des Erdgeistes, diejenige Seele, die vernimmt, wie aus den tiefen Untergründen des menschlichen Daseins der einzelnen menschlichen Individualität Impulse heraufsteigen und das Seelenleben erfüllen. Die andere Seele scheint mir eben diejenige zu sein, die sich betätigt hat in dem Streben nach dem, was der Geist des Makrokosmos enthüllen soll, die sich erheben will aus dem bloßen Dust des Erdendaseins zu den Gefilden hoher Ahnen, das heißt zu all dem Geistigen, was in Natur- und Geisteswelt lebt und woraus der Mensch nicht nur als geschichtliches Wesen, sondern woraus er als totales, als Gesamtwesen, als Natur- und geschichtliches Wesen entstanden ist, zu dem Universum, wie es sich nach und nach im Verlauf der Jahrhunderte, Jahrtausende, Jahrmillionen herausgebildet hat, in das die Geister der Jahrhunderte, Jahrtausende und Jahrmillionen ihre Impulse gelegt haben. Zu dem Universum also, zu den geistigen Ahnen, aus denen sich dieser Mensch auf der Erde herausgebildet hat, will sich diese Seele erheben. Gewiß, sobald man solche Dinge in so scharf umrissenen Worten ausspricht, wie ich es eben getan habe, macht man den Sinn wiederum etwas einseitig. Auch das soll durchaus nicht geleugnet werden. Aber trotzdem glaube ich, die zwei Empfindungsrichtungen, die in Fausts Seele leben und die er als seine zwei Seelen bezeichnet, sind diese: Die eine davon geht nach dem Makrokosmos, nach dem Universum hinaus und umschließt Geisteswesen, als Ganzes, als Großes, und Natur zugleich, den ganzen Kosmos, insofern der Mensch in diesem Kosmos als ein Mikrokosmos begründet ist. Und in der anderen Empfindungsrichtung glaube ich dasjenige erkennen zu müssen, was aus der Strömung des geschichtlichen Werdens in die menschliche Seele hereinfließt und den Menschen zum Glied, zum Kinde einer ganz bestimmten Zeit macht; so daß wir mit dem Erdgeiste als dem Gegensatz des Geistes der großen Welt zugleich zu dem geführt werden, was sich in der eigenen Seele als das Streben regt gegenüber den einzelnen Äußerungen, bei denen es im einzelnen Menschenleben ja doch immer bleiben muß, den vollen Menschen zu umfassen. Diesem Geist, der den Menschen zum ganzen Menschen macht, und zwar jetzt als geschichtliches Wesen, glaubt sich Faust gleichfühlen zu dürfen, indem er dem Erdgeist gegenübersteht. Aber der Erdgeist weist ihn ab. Er verweist ihn auf den Geist, den er begreift. Und er macht es ihm zugleich verständlich, wieer nicht ihm gleiche, dem Erdgeiste selber. Was liegt da eigentlich zu Grunde?

[ 18 ] One characterizes Faust as if he were immersed in all the passions of this earthly life. Of the other soul, he explicitly says that it seeks to rise from the dust of earthly life to the realms of the noble ancestors. Now, I think it is a simplistic explanation to simply say: this is the lower and that is the higher human nature. Certainly, with such abstractions one always comes close to the truth. One cannot go wrong at all, for the more abstract one is, the more accurately one will generally express oneself. But in a work of poetry such as *Faust*, what matters is capturing precisely and concretely the feelings embodied in the poem. And it does indeed seem to me that when Faust speaks of his two souls, one soul is the one that, above all else, experiences what the human inner life is—the one into which the forces and impulses of the Earth Spirit flow; the soul that perceives how impulses rise from the deep depths of human existence to fill the soul life of the individual human being. The other soul, it seems to me, is precisely the one that has been active in the pursuit of what the spirit of the macrocosm is meant to reveal—the one that seeks to rise from the mere dust of earthly existence to the realms of the high ancestors, that is, to all that is spiritual in the natural and spiritual worlds, and from which humanity has emerged not only as a historical being but as a total, as a whole being—a being of nature and history—has emerged: to the universe as it has gradually taken shape over the course of centuries, millennia, and millions of years, into which the spirits of centuries, millennia, and millions of years have imbued their impulses. This soul, then, seeks to rise up to the universe—to the spiritual ancestors from whom this human being on Earth has emerged. Certainly, as soon as one expresses such things in such sharply defined terms as I have just done, one makes the meaning somewhat one-sided again. That, too, is by no means to be denied. Nevertheless, I believe that the two directions of feeling that live in Faust’s soul—and which he describes as his two souls—are these: One of them reaches out toward the macrocosm, toward the universe, and encompasses spiritual beings as a whole, as something vast, and nature at the same time—the entire cosmos—insofar as the human being is grounded in this cosmos as a microcosm. And in the other direction of feeling, I believe I must recognize that which flows into the human soul from the current of historical becoming and makes the human being a member, a child, of a very specific time; so that, with the Earth Spirit as the antithesis of the Spirit of the great world, we are simultaneously led to that which stirs within our own soul as the striving to encompass the whole human being—in contrast to the individual manifestations that, after all, must always remain limited to the life of the individual human being. Faust believes he can identify with this spirit—which makes a human being a complete human being, specifically as a historical being—by standing face to face with the Earth Spirit. But the Earth Spirit rejects him. It refers him to the spirit he understands. And at the same time, it makes it clear to him how he is not equal to the Earth Spirit itself. What, in fact, lies at the root of this?

[ 19 ] Nun, was zu Grunde liegt, kann man vielleicht erkennen, wenn man den weiteren Fortgang der Goetheschen Faust-Dichtung ins Auge faßt. Wohin fühlt sich denn Faust sogleich gestellt, nachdem er vom Erdgeist zurückgewiesen ist? Wagner fühlt er sich gegenübergestellt! Und man darf schon so viel des edelsten Humors in Goethes Weltdichtung suchen, daß man gewissermaßen der Meinung sein kann: Indem der Erdgeist Faust von sich weist und hinweist auf den Geist, den er begreift, weist er ihn in einer gewissen Beziehung wirklich zu dem Geiste Wagners, dem ja Faust sogleich im nächsten Augenblicke gegenübersteht. Also dieser Erdgeist will Faust eigentlich sagen: Werde dir erst bewußt, wie ähnlich das, was in deinem Innern lebt, was dir verliehen ist aus dem Geist der Erde heraus, doch der ganzen Formung der Wagnerschen Seele ist!- Und was geht denn aus dieser Wagnerschen Seele im Gesamtverlauf des Goetheschen Gedichtes hervor? Ja, wir sehen, wie Wagner weiter lebt das Gedicht hindurch bis zu einem gewissen Zeitpunkt, der uns genau bezeichnet wird im zweiten Teil von Goethes «Faust» in der klassischen Walpurgisnacht, wo dasjenige, was Wagner aus seiner Weltanschauung heraus hervorgebracht hat, der Homunculus, sich auflösen muß in dem Weben und Walten des ganzen Weltengeschehens, wie es Goethe in den verschiedenen Gestalten der klassischen Walpurgisnacht charakterisiert. Und so werden wir denn geführt, ich möchte sagen, zu dem Ideale, zu dem Endziel des Wagnerschen Strebens. Als das dürfen wir doch wohl diese Hervorbringung des Homunculus bezeichnen.

[ 19 ] Well, one might perhaps discern what underlies this by considering the further course of Goethe’s *Faust*. Where does Faust find himself immediately after being rejected by the Earth Spirit? He finds himself confronted by Wagner! And one may indeed find so much of the noblest humor in Goethe’s epic that one might, in a sense, be inclined to think: By rejecting Faust and pointing him toward the spirit he understands, the Earth Spirit—in a certain sense—truly directs him toward the spirit of Wagner, whom Faust indeed encounters in the very next moment. So what the Earth Spirit is actually trying to tell Faust is: First become aware of how similar what lives within you—what has been bestowed upon you from the Spirit of the Earth—is to the entire formation of Wagner’s soul!—And what emerges from this Wagnerian soul in the overall course of Goethe’s poem? Indeed, we see how Wagner continues to live on throughout the poem until a certain point, which is precisely marked for us in the second part of Goethe’s *Faust* during the classic Walpurgis Night, where that which Wagner has brought forth from his worldview, the homunculus, must dissolve into the weaving and unfolding of the entire course of world events, as Goethe characterizes it in the various figures of the classical Walpurgis Night. And so we are led, I would say, to the ideal, to the ultimate goal of Wagner’s striving. We may surely describe this bringing forth of the homunculus as such.

[ 20 ] Was ist denn dieser Homunculus? Gewiß, die Goethesche Faust-Dichtung — und das ist das unvergleichlich Große an ihr - stellt in einer großartigen, dramatischen Weise diese Dinge dar, die sonst oftmals nur Gegenstände einer abstrakten philosophischen Betrachtung sind. Aber das ist eben das Große, daß es einmal in der Welt hat gelingen können, dasjenige, woran sich andere Menschen nur in philosophischen Ideen machen können, wirklich zur dichterischen, zur echt künstlerischen Gestaltung zu bringen. Was ist denn dieser Homunculus, diese HomunculusIdee, wenn wir Goethes Weltanschauung, mit seinem künstlerischen Empfinden verwoben, vor uns hinstellen? Wagner steckt eben in derjenigen Weltanschauung drinnen, die geworden ist bis zu der Zeit hin, in die der junge Goethe sich hineinversetzt fühlt, in der Weltanschauung, die gewissermaßen bloß mit der mechanistischen Naturanschauung und Geschichtsanschauung rechnet, die als ein erstes Produkt herausgekommen ist durch dasjenige, was — gewiß aus einer Notwendigkeit heraus - Kopernikus, Galilei, Kepler aus dem alten Weltbild machen mußten. An Stelle des Lebendigen, des Organischen, das in der vor-kopernikanischen Weltanschauung in das menschliche Weltbild, in das Weltbild der Philosophen verwoben war, tritt jetzt ein Weltbild, das immer mehr und mehr - und bis in unsere Zeit herein hat sich das ja in allerhöchstem Maße herausgebildet — nur Begriffe und Ideen in sich verwob, welche die Welt wie eine mechanische darstellen. Und so konnte denn auch Wagner zwar noch immer an der Gewohnheit festhalten, daß sich aus der Gesamtwelt, aus dem Gesamtkosmos das Verständnis für die Gestaltung des Menschen ergeben müsse. So konnte er denn bis zu der Anschauung kommen, daß sich durch ein entsprechend kompliziertes mechanistisches Aneinanderfügen dessen, was als mechanische Gesetze die Welt durchwebt und durchlebt, auch der Mensch müsse erschaffen lassen. Und diese Erschaffung des Menschen, die in das Bild, in die Vorstellung des Menschen, in das, was man vom Menschen erfühlen und erweisen und erleben kann, nur das hereinbringt, was aus dem mechanistischen Weltenbild erfließt, das sehen wir in dem, was das Ideal des Wagner darstellt, in dem Homunculus.

[ 20 ] What, then, is this homunculus? Certainly, Goethe’s *Faust*—and this is what makes it incomparably great—portrays in a magnificent, dramatic way those things that are otherwise often merely the subject of abstract philosophical contemplation. But that is precisely what makes it so great: that it succeeded, for once in the world, in truly transforming into a poetic, genuinely artistic creation that which other people can only approach through philosophical ideas. What, then, is this homunculus, this idea of the homunculus, when we set before us Goethe’s worldview, interwoven with his artistic sensibility? Wagner is immersed in precisely that worldview that had developed up to the time into which the young Goethe feels himself transported—a worldview that, in a sense, relies solely on a mechanistic view of nature and history, which emerged as an initial product of what—certainly out of necessity—Copernicus, Galileo, Kepler had to create from the old worldview. In place of the living, the organic—which in the pre-Copernican worldview was woven into the human conception of the world, into the philosophers’ conception of the world—there now arises a worldview that, more and more—and this has indeed developed to the highest degree right up to our own time—weaves together only concepts and ideas that portray the world as a mechanical entity. And so Wagner was still able to cling to the notion that an understanding of the human form must arise from the world as a whole, from the cosmos as a whole. This led him to the view that, through a correspondingly complex mechanistic interweaving of what, as mechanical laws, permeates and animates the world, human beings, too, must be created. And this creation of humanity—which introduces into the image, the conception of humanity, and into what one can sense, perceive, and experience about humanity, only that which flows from the mechanistic worldview—we see this in what represents Wagner’s ideal: the homunculus.

[ 21 ] Der Erdgeist weist Faust also klar dahin, wohin er eigentlich kommen würde, wenn er auf der Stufe der Weltanschauung stehen bliebe, auf der er eben noch steht. Klar weist er ihn hin, und man möchte sagen: Sehen wir denn nicht, wenn wir tiefer hinunter schürfen wollen in das, was der Faust-Dichtung an Empfindungen, an Gefühlen zu Grunde liegt, daß, wenn Faust stehen bleibt bei dem, wo er steht vor seiner Weltwanderung, so würde er dahin kommen, wohin Wagner kommt: den Menschen wie einen Mechanismus zu erfassen, der doch erst lebensfähig ist, auch als Idee, wenn er in dem aufgehen kann, was die Welt selber durchlebt und durchwogt und wohin sich gerade Faustens Seele ergießen will zu einem höheren, erlebten Erkennen, gegenüber dem Erkennen, das Wagner erreichen kann, der ganz in der Weltanschauung der Aufklärung drinnensteht.

[ 21 ] The Earth Spirit thus clearly points out to Faust where he would actually end up if he were to remain at the level of worldview where he currently stands. He points this out clearly, and one might say: Do we not see—if we wish to delve deeper into the sensations and feelings that underlie the Faust poem—that if Faust were to remain where he stands before his journey through the world, he would end up where Wagner ends up: to conceive of human beings as a mechanism that is viable—even as an idea—only if it can be absorbed into what the world itself experiences and surges through—and toward which Faust’s soul is precisely striving to pour itself, toward a higher, experiential understanding, in contrast to the understanding that Wagner can attain, who is entirely immersed in the Enlightenment worldview.

[ 22 ] Nun muß man ein wenig in Goethes Seele selbst hineinschauen, wenn man dahinterkommen will, welches die Rolle des Homunculus im ganzen «Faust» eigentlich ist. Wir wissen, wenn wir Goethes Weltanschauung etwas durchforscht haben, wie Goethe auf eigenen Wegen Erkenntnis suchte, wie er hinter die Erscheinungen der Natur kommen wollte. Ich habe im Laufe vieler Jahre in den Einleitungen meiner Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften und auch in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» darzustellen versucht, wie Goethe in dieser Richtung gearbeitet hat. Goethe versuchte, auf seinen eigenen Wegen sich Aufklärung darüber zu verschaffen, was in den Vorgängen und Wesenheiten der äußeren Natur lebt. Und er bildete in einem gewissen Gegensatz zu dem, was ihn als Wissenschaft umgab, seine Metamorphosen-Lehre aus, seine Ideen von der Urpflanze, dem Urtier, von dem Urphänomen. Was wollte er denn eigentlich damit? Was er damit wollte, steht in innigem Zusammenhang mit dem, was er in seinen «Faust» hinein ergießen wollte, und mit dem, was so recht zeigt, wie Goethe doch aus einer ganz anderen Erkenntnisgesinnung heraus strebte als die Wissenschaft um ihn herum. Eine Briefstelle, in der Goethe zur Darstellung bringen will, was sich ihm auf seiner Weltenwanderung durch Italien gezeigt hat über die Urpflanze, über jenes geistige Bild, das er in jeder Pflanze suchte und das ihm zugleich alles Pflanzenleben und alles einzelne Pflanzengestalten erklären sollte, besagt: Wenn man diese Urpflanze hat, wenn man wirklich das erfaßt hat, was diese Urpflanze sein soll, dann hat man etwas, woraus man einzelne Pflanzenformen, die ganz gut leben könnten, sogar erfinden könnte. — Das weist tief in Goethes wissenschaftliches Streben hinein. Goethe wollte durch sein wissenschaftliches Streben nicht zu solchen Ideen kommen, wie die Weltanschauung der Aufklärung um ihn herum. Goethe wollte zu Ideen kommen, die gewissermaßen in der Seele nur repräsentieren, rege machen dieselben Kräfte, die wir draußen in den Pflanzen, in den Tieren, in der ganzen Natur selber haben. Goethe wollte damit zusammenschließen, was in der Pflanze wächst und geschieht, und er wollte nicht eine Idee haben, die sich bloß als eine Abstraktion gegenüber dem, was da draußen in der Natur webt und lebt, ausnimmt; er wollte eine Idee haben, der gegenüber man sagen kann: sie lebt in der Vorstellung als etwas, was gleichgeartet ist dem, was draußen in der Pflanze lebt. Goethe wollte also nicht Ideen gewinnen, von denen man sagen kann, sie bilden dasjenige ab, was draußen in der Welt ist, aber in Wirklichkeit ist das, was draußen in der Welt ist, ganz anders. Goethe wollte Ideen gewinnen, durch die in der Seele auf seelengemäße Art auflebte, was draußen auf naturgemäße Art lebt. Das war sein ganzes Streben. Goethe wollte also eine Erkenntnis, die man als lebendige Erkenntnis, als Zusammenleben mit der Natur ansprechen kann. Das heißt, er wollte mit den Ideen, die er hatte, durch die Natur und ihre Gestaltungen so gehen können, daß sich diese Ideen so verhalten, daß sie das Eigenleben der Natur und ihrer Gestaltung darstellen. Wie sich die Gestalten der Natur verwandeln, so soll sich das, was in der Seele lebt, verwandeln. Es soll in der Seele gar nicht etwas leben, was die Seele nur abgezogen, abstrahiert hat von der Natur, sondern es soll die Seele zusammengeflossen sein mit der Natur, sich mit ihr zusammengelebt haben. Goethe strebte nach einer Erkenntnis, die er wirklich in wunderbarer Weise und künstlerisch darstellt in dem Schicksal des Homunculus in der klassischen Walpurgisnacht. Homunculus ist in bezug auf den Menschen eine abgezogene Idee, die daher auch beim bloßen Mechanismus, bei der bloßen Abstraktion stehen bleiben muß. Wie nun Goethes Ideen, Goethes metamorphosische Ideen, nicht solche Ideen sein sollen, sondern wie sie darstellen, was an Kräften, an Lebewesenheit in der Natur selber ist, so muß dieser Homunculus, belehrt durch eine Naturanschauung, die der Natur noch näher stand als diejenige, die Goethe umgab, belehrt durch die Natur-Ideen der alten griechischen Philosophen, des 'Thales, des Anaxagoras, belehrt aber auch durch das Verwandlungswesen Proteus, sich auflösen. Wie sich die Goetheschen metamorphosischen Ideen mit der Natur selber vereinen sollten, so soll mit dem Weltengeschehen der Homunculus sich vereinen. Er kann so, wie er aus Wagners Anschauungen hervorgegangen ist, nicht leben. Da ist er abgezogene Idee, bloßer Gedanke. Er muß sich mit dem Dasein verbinden. Als der Homunculus erfaßt wird von dem Lebendigen, da ist die Rolle des Wagner ausgespielt.

[ 22 ] Now one must look a little into Goethe’s own soul if one wants to understand what the Homunculus’s role actually is in the entire *Faust*. If we have explored Goethe’s worldview to some extent, we know how Goethe sought knowledge in his own way and how he sought to get beyond the phenomena of nature. Over the course of many years, in the introductions to my edition of Goethe’s scientific writings and also in my book *Goethe’s Worldview*, I have attempted to describe how Goethe worked in this direction. Goethe sought, in his own way, to gain insight into what lives within the processes and entities of external nature. And, in a certain contrast to what surrounded him as “science,” he developed his theory of metamorphosis, his ideas of the primordial plant, the primordial animal, and the primordial phenomenon. What, then, was he actually aiming for with this? What he sought to achieve is intimately connected with what he wanted to pour into his *Faust*, and with what so clearly shows how Goethe strove from an entirely different epistemological perspective than the science around him. A passage from a letter, in which Goethe seeks to describe what revealed itself to him on his journey through Italy regarding the primordial plant—that spiritual image he sought in every plant and which was meant to explain to him both all plant life and every individual plant form—reads: If one has this primordial plant, if one has truly grasped what this primordial plant is supposed to be, then one has something from which one could even invent individual plant forms that could thrive quite well. — This points deeply into the heart of Goethe’s scientific endeavors. Through his scientific pursuits, Goethe did not seek to arrive at ideas like those of the Enlightenment worldview that surrounded him. Goethe sought to arrive at ideas that, in a sense, merely represent within the soul and activate the very same forces that we ourselves possess out there in the plants, in the animals, and in all of nature. Goethe wanted thereby to bring together what grows and happens within the plant, and he did not want an idea that merely appears as an abstraction in relation to what weaves and lives out there in nature; he wanted an idea about which one can say: it lives in the imagination as something that is of the same nature as what lives out there in the plant. Goethe, then, did not want to arrive at ideas of which one could say they merely represent what exists out there in the world, whereas in reality what exists out there is entirely different. Goethe wanted to arrive at ideas through which what lives out there in a natural way would come to life in the soul in a manner appropriate to the soul. That was his entire endeavor. Goethe thus sought a form of knowledge that could be described as living knowledge, as a coexistence with nature. That is to say, he wanted to be able to move through nature and its forms with the ideas he held, in such a way that these ideas would behave in a manner that represents the independent life of nature and its forms. Just as the forms of nature transform, so too should that which lives in the soul transform. Nothing should live in the soul that the soul has merely abstracted from nature; rather, the soul should have merged with nature, having lived in harmony with it. Goethe strove for a form of knowledge that he truly portrays in a wondrous and artistic way in the fate of the homunculus in the classic “Walpurgis Night.” The homunculus, in relation to human beings, is an abstracted idea, which must therefore remain confined to mere mechanism, to mere abstraction. Since Goethe’s ideas—his metamorphic ideas—are not meant to be such ideas, but rather to represent the forces and vitality inherent in nature itself, so this Homunculus—instructed by a view of nature that was even closer to nature than the one that surrounded Goethe, instructed by the natural ideas of the ancient Greek philosophers, Thales and Anaxagoras, but also instructed by the shapeshifting being Proteus—must dissolve. Just as Goethe’s metamorphic ideas were meant to unite with nature itself, so too must the homunculus unite with the events of the world. He cannot live as he emerged from Wagner’s conceptions. There, he is an abstract idea, a mere thought. He must connect with existence. When the homunculus is embraced by the living, Wagner’s role is played out.

[ 23 ] Faust muß eine Weltwanderung beginnen, die ihn über das hinausführt, was er auch hätte erreichen können, was aber sich in dieser Weise ausspielen muß, wie sich die Rolle des Wagner mit der Erzeugung des Homunculus ausgespielt hat. Und zu diesem Ziele zeigt uns Goethe, wie Faust nun nicht diejenigen Kräfte entwickelt als seine Erkenntniskräfte, die ihn zum Makrokosmos führen in dem Sinne, wie der Makrokosmos einzig und allein nach der Kopernikanischen, Keplerschen, Galileischen Weise erfaßt werden kann; sondern Goethe zeigt uns, wie Faust nun gerade dasjenige will, was der Erdgeist aus dem Reich der innersten, man könnte auch sagen, der untersten Kräfte des Seelendaseins heraus geben kann. Mit den Kräften, die daher kommen können, soll Faust seine Weltenwanderung beginnen. Und nun sehen wir Faust diese Weltenwanderung durchlaufen in denjenigen Ereignissen, die zunächst im ersten Teil von Goethes «Faust» dargestellt sind. Da sehen wir, wie Mephistopheles Faust gegenübertritt. Ich will mich hier nicht auf alle möglichen Erklärungen einlassen, was eigentlich dieser Mephistopheles ist; aber ich will auf dasjenige eingehen, was uns die Notwendigkeit zeigt, daß Goethe über das im ersten Teil des «Faust» Dargestellten hinausgehen muß. Nach dem, was wir eben schon betrachtet haben, hat Goethe Faust gewissermaßen zunächst als ohnmächtig gegenüber dem Geiste des Makrokosmos hingestellt. Aber er stellt ihn sogleich nicht in derselben Weise als ohnmächtig gegenüber dem Erdgeiste hin. Aber Faust - das muß man durchaus betonen - bleibt zunächst noch bei dem stehen, was eine abgelebte Zeit, aus der heraus die Menschheit wiederum zu entwickelterer Weltanschauung gekommen war, noch als etwas Richtiges oder wenigstens als etwas Mögliches angesehen hat. Ich will mich nicht darauf einlassen, was Mephistopheles seelisch in seinem Verhältnis zu Faust wird, auch nicht darauf, wie Mephistopheles mehr oder weniger eine realistische, mehr oder weniger eine mythologische Figur ist. Ich will nur darauf aufmerksam machen, was mit Faust unter dem Einflusse des Mephistopheles geschieht.

[ 23 ] Faust must embark on a journey through the world that takes him beyond what he could ever have achieved—a journey that must unfold in the same way that Wagner’s role played out with the creation of the homunculus. And to this end, Goethe shows us how Faust does not develop as his powers of cognition those forces that lead him to the macrocosm in the sense that the macrocosm can be grasped solely in the Copernican, Keplerian, and Galilean manner; rather, Goethe shows us how Faust now desires precisely that which the Earth Spirit can bring forth from the realm of the innermost, one might also say, the lowest powers of soul-life. With the powers that can arise from this, Faust is to begin his journey through the worlds. And now we see Faust undergoing this journey through the worlds in the events depicted initially in the first part of Goethe’s *Faust*. There we see how Mephistopheles confronts Faust. I do not wish to delve here into all possible explanations of what this Mephistopheles actually is; but I do wish to address what reveals to us the necessity for Goethe to go beyond what is depicted in the first part of *Faust*. According to what we have just considered, Goethe initially portrayed Faust, so to speak, as powerless in the face of the spirit of the macrocosm. But he does not immediately portray him as equally powerless in the face of the spirit of the earth. Yet Faust—and this must be strongly emphasized—initially remains anchored in what a bygone era, from which humanity had since emerged with a more developed worldview, still regarded as something true or at least as something possible. I do not wish to go into what Mephistopheles becomes psychologically in his relationship to Faust, nor into the extent to which Mephistopheles is more or less a realistic figure or more or less a mythological one. I merely wish to draw attention to what happens to Faust under the influence of Mephistopheles.

[ 24 ] Auf der einen Seite waren es in der alten Zeit Magie, Imaginationen oder äußere Verrichtungen, durch die man hinter die Geheimnisse der Natur kommen wollte. Faust kann da nicht mit, das sehen wir gleich. Auf der anderen Seite war aber noch etwas anderes mit dem — ich möchte sagen — Weltengeheimnis-Suchen der alten Zeiten verknüpft, etwas, was sich bis in unsere Zeiten herein erhalten hat: der Glaube, daß man irgend etwas über die Geheimnisse, die im Menschen walten, dadurch ergründen könne, daß man des Menschen gesunde Seelenkraft gleichsam herablähmt — über diese gesunde Seelenkraft werden wir insbesondere morgen in ihrem Zusammenhang mit der Geistesforschung sprechen — und daß man etwas aus dem Menschen herausstellt, was geringer ist, als diese gesunde Seelenkraft, die man vielleicht uneigentlich, aber mit einem uns in diesem Augenblick doch verständlichen Wort die normale Seelenkraft nennen kann. Man braucht nur an Worte zu erinnern wie Hypnotismus, Somnambulismus, an alle die Formen des abergläubischen Hellsehens, und man hat das ganze weite Gebiet dessen, wohinein wir, vielleicht auf eine nicht gleich durchsichtige Weise, durch die Geschehnisse des ersten Teiles von Goethes «Faust» geführt werden. Und Mephisto ist einfach, ich möchte sagen, ein solcher Abgesandter des Erdgeistes, der Faust für eine Weile dahin bringt, wirklich ähnlich zu werden dem mittelalterlichen Faust, sei es dem wirklichen historischen Faust, der 1509 in Heidelberg promoviert wurde, der wirklich eine historische Persönlichkeit ist, sei es dem Faust des Volksbuches oder einer der anderen zahlreichen Figuren, auch dem Faust des Puppenspiels, den Goethe kennengelernt hat. Dieser Faust des Puppenspiels, dieser Faust des sechzehnten Jahrhunderts, wie er sich dann weiter durch die Jahrhunderte hinaufgelebt hat, ist gar nicht zu verstehen, ohne daß man Rücksicht nimmt auf ungesunde, auf krankhafte Kräfte der menschlichen Seele, wie wir sie heute nennen müssen, auf solche Kräfte der menschlichen Seele, die durch ein Herabdämpfen, Herablähmen des menschlichen Bewußtseins, wie es im normalen Leben vorhanden ist, erreicht werden. Sei es, daß man Fausts Lebensgeschichte — desjenigen Faust, der 1509 in Heidelberg promoviert wurde — liest, sei es, daß man sich in das «Faust»-Buch vertieft, das 1589 erschienen ist —, man findet da auf der einen Seite eine wirkliche, auf der anderen Seite eine dichterische Persönlichkeit, die im höchsten Grade das ist, was man heute mit einem mehr oder weniger treffenden Wort «medial» nennt, medial mit all den krankhaften, abnormen Erscheinungen, die mit der Medialität verbunden sind.

[ 24 ] On the one hand, in ancient times, people sought to uncover the secrets of nature through magic, the power of the imagination, or external rituals. Faust cannot keep up with this—we’ll see that in a moment. On the other hand, however, there was something else connected to what I would call the search for the mysteries of the world in ancient times—something that has survived into our own era: the belief that one can fathom something of the mysteries at work within human beings by, as it were, numbing the human being’s healthy soul power—we will speak in particular tomorrow about this healthy soul power in its connection to spiritual research—and that one can bring something out of the human being that is lesser than this healthy soul power, which we might perhaps improperly, but using a term that is nevertheless understandable to us at this moment, call the normal soul power. One need only recall terms such as hypnotism, somnambulism, and all the forms of superstitious clairvoyance, and one has the entire vast realm into which we are led—perhaps in a way that is not immediately transparent—by the events of the first part of Goethe’s *Faust*. And Mephisto is simply, I would say, such an emissary of the Earth Spirit who leads Faust for a time to truly become like the medieval Faust—be it the real historical Faust, who received his doctorate in Heidelberg in 1509 and is indeed a historical figure, or the Faust of the folk tale, or one of the other numerous characters, including the Faust of the puppet play that Goethe had encountered. This Faust of the puppet play, this Faust of the sixteenth century—as he has lived on through the centuries—cannot be understood at all without taking into account the unhealthy, pathological forces of the human soul, as we must call them today—those forces of the human soul that are brought about by a dampening, dulling of human consciousness as it exists in normal life. Whether one reads the life story of Faust—the Faust who received his doctorate in Heidelberg in 1509—or delves into the *Faust* book published in 1589— one finds, on the one hand, a real personality and, on the other, a poetic one, which is, to the highest degree, what we today call—with a more or less apt word—“mediumistic,” mediumistic with all the pathological, abnormal phenomena associated with mediumship.

[ 25 ] Nun kommt nicht unmittelbar zum Ausdruck, daß Goethe Faust etwa medial erscheinen Jassen wollte von der Erscheinung des Erdgeistes an bis zum Ende des ersten Teiles seines «Faust», aber was sich abspielt, führt uns wirklich in dieses Gebiet hinein. Und man möchte Mephistopheles als denjenigen Geist bezeichnen, der in Fausts Natur ein solches Weltbild hervorruft, von dem Leute glauben können, daß es tiefere Geheimnisse des Daseins löst, solche Leute nämlich, die zum menschlichen vollen Bewußtsein eben kein rechtes Vertrauen haben und sich daher dem Glauben hingeben, daß man dieses Bewußtsein erst herablähmen, trüben muß, um hinter die Geheimnisse des Daseins zu kommen. In einem Buche, das gewiß einseitig, aber durchaus nicht unverdienstlich ist, hat Kiesewetter den Mephistopheles dargestellt wie eine Art zweites Ich des Faust, aber nicht etwa als ein höheres Ich, sondern als dasjenige Ich, welches man erkennt, wenn man absieht von dem, das sich im normalen höheren Geistesleben in einem Menschen auslebt, und hinuntersteigt zu den Gebieten des Seelenlebens, wo sich die Triebnatur, wo sich, ich möchte sagen, das Untersinnliche — keineswegs das Übersinnliche! — auslebt. In einer Weise, die allerdings nicht gleich an der Oberfläche liegt, die aber doch dem ganz klar wird, der die Geschehnisse im ersten Teil des «Faust» verständnisvoll verfolgt, kommt nun zur Anschauung, daß Faust auf seiner Weltenwanderung jetzt wirklich all das erkennen lernt, von dem geglaubt werden kann, daß man es erreiche auf dem Wege eines solchen abnormen, herabgedämpften, herabgestimmten, somnambulen oder im gewöhnlichen, trivialen Sinne hellscherischen Bewußstseins. Aber etwas anderes wird uns noch anschaulich gemacht, etwas, was außerordentlich wesentlich ist sowohl für das Verständnis der Menschenseele als auch für das Verständnis der «Faust»-Dichtung. Während Faust sich nun in all das einlebt, was man mit tieferen, aber nur untersinnlichen Triebkräften gewiß erkennen kann, was sich dann ausdrückt in der Hexenküche, in der Walpurgisnacht und so weiter, lebt er sich zugleich hinein, wir dürfen sagen, in tragisch-moralische Verirrungen, in ein Walten ungestümer Triebe. Gewiß, was uns zum Beispiel als Gretchen-Dichtung entgegentritt, gehört zu den vollendeten Blüten der Weltliteratur. Aber es gehört vielleicht gerade deshalb zu den vollendeten Blüten der Weltliteratur, weil es dem Dichter gelungen ist, das Tragische darzustellen, das aus den menschlichen Trieben fließt, die sich nicht abklären durch das, was man die höhere Menschennatur im wahren Sinne des Wortes nennen kann. Und Mephisto wirft für Faust zusammen ein gewisses Welterkennen, eine Befriedigung der Erkenntnis, mit diesem Heraufkommen der blinden Triebnatur aus den Untergründen der Seele, wo der Mensch sich eben seinem Wesen überläßt, ohne daß er seinen Lebenswandel begleitet mit einer moralischen Weltenbeurteilung. Das ist in großer, in grandios tragischer Weise in Goethes Dichtung dargestellt. Aber es zeigt uns doch zugleich, wie alles, was sich auf dem Gebiete dessen auslebt, was man so oft als Hellseherei bezeichnet - wir werden morgen über diese Dinge wiederum genauer sprechen -, was man somnambule Hellseherei nennen könnte, die dadurch entsteht, daß das Bewußtsein ins Krankhafte herabgedämpft wird, daß zu den Erkenntniskräften die Leiblichkeit des Menschen verändert und in dieser, wenn auch feinen Veränderung benützt wird; wie all das, was auf diesem Gebiet erreicht wird, genau auf derselben Höhe der Menschennatur steht wie die blinde Trieb- und Leidenschaftsnatur. Dieses für viele Menschen grausame Ergebnis geht aus der Art hervor, wie Goethe darstellt, daß die eben genannte Hellseherei, der Somnambulismus entsteht, wenn man in Erkenntniskräfte umwandelt, was in den Trieben des Menschen lebt, in denjenigen Trieben, die sich noch nicht zur normalen menschlichen Erkenntnisfähigkeit heraufgeklärt haben, in den blinden, unbewußten Trieben, die zwar Impulsen folgen, aber nicht vom Gebiete moralischer Beurteilung durchwobenen Impulsen. Und Goethe will darstellen, daß eine solche Anschauung der Welt, wie sie sich in der Hexenküche, in der Walpurgisnacht ausdrückt, nur das Gegenbild ist von blindem Walten der Triebe, wo der Mensch waltet mit seinem krankhaften Seelenleben. Diese innige Zusammengehörigkeit des niederen menschlichen Trieblebens mit dem, was oftmals als Hellseherei angesehen wird und wovon man glaubt, daß es zu höheren Erkenntnissen über die Menschennatur führen könne, weil man kein Vertrauen zu der normalen Menschennatur hat, wird in dramatisch großartiger Weise im ersten Teil des «Faust» charakterisiert. Und es wird mit hinlänglicher Klarheit ausgesprochen, daß derjenige, der zu solcher Hellseherei kommt, sich keineswegs über den normalen Menschen erhebt, sondern hinuntersinkt unter dasjenige, was gewöhnliche wissenschaftliche Erkenntniskräfte sind, in dieselben Regionen des menschlichen Daseins hinuntersinkt, wo die blinden Triebe walten. Will man die Physiologie der blinden Triebe im Feineren studieren, so kann man sich in den Kundgebungen der Somnambulen, der Hypnotisierten, der Medien ergehen. Will man aber - und davon wollen wir eben morgen genauer sprechen - in die wirklichen höheren Geheimnisse des Daseins eindringen, so muß man gerade wissen, daß man sich mit einem solchen Hellsehen nicht über den normalen Menschen erhebt, sondern unter den normalen Menschen heruntersinkt, — einem Hellsehen, das Goethe, indem er nicht Moral predigen, sondern künstlerisch darstellen will, dramatisch verwebt in die Verirrungen der menschlichen Untersinnlichkeit des menschlichen unterbewußten Wesens. Das mußte Faust während jener Weltenwanderung durchmachen, die uns im ersten Teil dargestellt ist.

[ 25 ] It is not immediately apparent that Goethe intended for Faust to appear, so to speak, as a medium—from the appearance of the Earth Spirit onward until the end of the first part of his *Faust*—but what unfolds truly leads us into this realm. And one might describe Mephistopheles as the spirit who evokes within Faust’s nature a worldview that leads people to believe it unravels the deeper mysteries of existence—namely, those people who have little real confidence in full human consciousness and therefore surrender to the belief that one must first dull this consciousness, to get to the bottom of the mysteries of existence. In a book that is certainly one-sided but by no means without merit, Kiesewetter has portrayed Mephistopheles as a kind of second self of Faust’s, but not as a higher self, rather as the self one recognizes when one looks beyond that which is expressed in a person’s normal, higher spiritual life and descends into the realms of the soul where the instinctual nature—where, I might say, the sub-sensory—by no means the supersensory!—is expressed. In a way that is certainly not immediately apparent on the surface, but which nevertheless becomes quite clear to anyone who follows the events in the first part of *Faust* with understanding, it now becomes apparent that Faust, on his journey through the worlds, truly comes to recognize all that one might believe is attained through such an abnormal, subdued, depressed, somnambulistic, or—in the ordinary, trivial sense—Hellescherian consciousness. But something else is also made clear to us—something that is extraordinarily essential both for understanding the human soul and for understanding the *Faust* epic. While Faust is now immersing himself in all that can certainly be recognized through deeper, yet merely sub-sensory driving forces—which then finds expression in the witches’ kitchen, on Walpurgis Night, and so on—he is at the same time, we might say, becoming engrossed in tragic-moral aberrations, in the reign of unbridled instincts. Certainly, what we encounter, for example, in the “Gretchen” passages belongs to the finest blossoms of world literature. But perhaps it belongs to the finest blossoms of world literature precisely because the poet succeeded in portraying the tragedy that flows from human drives which are not purified by what can be called higher human nature in the true sense of the word. And Mephisto brings together for Faust a certain understanding of the world—a satisfaction derived from knowledge—with this emergence of blind instinctual nature from the depths of the soul, where human beings simply surrender to their nature without accompanying their way of life with a moral judgment of the world. This is portrayed in a grand, magnificently tragic way in Goethe’s poetry. But at the same time, it shows us how everything that plays out in the realm of what is so often called clairvoyance—we will speak more precisely about these things again tomorrow —what might be called somnambulistic clairvoyance, which arises when consciousness is dampened to a pathological state, so that the physical nature of the human being is altered and utilized in this, albeit subtle, transformation alongside the powers of cognition; how everything achieved in this realm stands precisely on the same level of human nature as the blind nature of instincts and passions. This conclusion—which many people find cruel—arises from the way Goethe depicts how the aforementioned clairvoyance, somnambulism, arises when one transforms into cognitive powers that which lives in human instincts—those instincts that have not yet been elevated to normal human cognitive capacity, the blind, unconscious instincts that, while following impulses, but not impulses interwoven with the realm of moral judgment. And Goethe seeks to show that such a view of the world, as expressed in the witches’ kitchen on Walpurgis Night, is merely the antithesis of the blind reign of the instincts, where human beings are ruled by their pathological inner life. This intimate connection between the lower human life of instinct and what is often regarded as clairvoyance—which is believed to lead to higher insights into human nature because one has no trust in normal human nature—is characterized in a dramatically magnificent way in the first part of *Faust*. And it is stated with sufficient clarity that the one who attains such clairvoyance by no means rises above the ordinary human being, but sinks below what constitutes ordinary scientific powers of cognition, sinking into the very regions of human existence where blind instincts reign. If one wishes to study the physiology of the blind instincts in greater detail, one can delve into the manifestations of somnambulists, hypnotized individuals, and mediums. But if one wishes—and we shall speak of this in more detail tomorrow—to penetrate the true higher mysteries of existence, one must know precisely that such clairvoyance does not elevate one above ordinary human beings, but rather sinks one below them, — a form of clairvoyance that Goethe, seeking not to preach morality but to portray it artistically, dramatically weaves into the aberrations of the human subconscious nature. This is what Faust had to endure during that journey through the worlds depicted in the first part.

[ 26 ] Und nun sehen wir, wie Goethe in merkwürdiger Art, gleich im Beginn des zweiten Teiles, Faust dem Natur- und Geistesleben gegenübergestellt sein läßt. Er deutet es sehr klar, ich möchte sagen, großartig klar an, selbstverständlich nicht mit philosophisch abstrakten Worten, sondern durch Gestaltungskraft. Die Frage soll uns heute gar nicht berühren, die ja auch von einzelnen «Faust»-Erklärern gestellt worden ist, ob denn nun wirklich eine solche Persönlichkeit wie Faust von den schweren Verbrechen gesunden könne, die er auf sich geladen hat innerhalb der im ersten Teil dargestellten Geschehnisse, wenn er sich, wie man gesagt hat, in die weite Natur hinausbegibt und das erlebt, was gleich im Beginne des zweiten Teiles dargestellt wird. Inwiefern in Fausts Seele die Schuld, die er auf sich geladen hat, weiter waltet, darüber wollen wir uns heute nicht ergehen. Die kann ja weiter walten. Was Goethe darstellen will, ist aber, wie Faust sich hinauserhebt aus der Verstrickung in die untersinnliche Menschlichkeit. Und da sehen wir den Faust im Beginne des zweiten Teiles gleich, ich möchte sagen, in der gesundesten Weise in die Natur hineingestellt und sehen in der gesundesten Weise die geistige Welt auf ihn wirken. Denn was Goethe darstellt, indem er den Chor der Geister auf Faust wirken läßt, ist wirklich nur eben äußere dramatische Darstellung eines Vorganges, den man mit einem mehr oder weniger zutreffenden Worte als einen innerlichen Vorgang bezeichnen kann, der sich geradeso abspielt, wie sich der Vorgang abspielt, wenn der Genius den Dichter erfaßt, wo nicht durch irgend etwas im äußeren Sinne Zauberhaftes auf den Menschen gewirkt wird, wo auch nicht das menschliche Bewußtsein herabgedämpft wird, wie zu irgend einem somnambulen Schauen, sondern wo in das menschliche Bewußtsein etwas hereinfließt, was zwar geistiger Einfluß ist, was aber nicht in ein herabgestimmtes, in ein herabgedämmertes Bewußtsein hereinfließt, sondern in dasjenige Bewußtsein, das sich in gesundester Weise in Natur und geschichtliches Leben der Menschheit hineinstellt. Und ist Faust nun auf seiner Weltenwanderung jetzt weiter, als er etwa da war, als er das Zeichen des Makrokosmos anschaute und die Welt als ein Schauspiel ansprach? Ja, Faust ist weiter, ganz beträchtlich weiter! Und Goethe will darstellen, daß Fausts gesunde Natur eben die Anfechtungen überstanden hat, dieMephistopheles bisher über ihn gebracht hat und die darin bestanden, daß er ihn hinunterdrängen wollte in das Untersinnliche, in dasjenige, was im Menschen lebt, wenn Triebkräfte und nicht erhöhte Erkenntniskräfte zu irgend einer Weltanschauung gebracht werden. Faust hat in dem Augenblick, der uns im Beginne des ersten Teiles dargestellt wird, das Buch des Nostradamus aufgeschlagen. Das Zeichen des Makrokosmos tritt vor seine Seele. Er versucht, sich in das hineinzuversetzen, was ihm durch die Worte und Zeichen dieses Makrokosmos repräsentiert werden konnte. «Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!» Faust strebt in diesem Augenblick, man möchte sagen, in eine Art krankhaften Seelenlebens hinein, in dem er ja dann auch verbleibt, wenn das Wort «krankhaft» hier auch nicht im philiströsen Sinne aufgefaßt werden darf.

[ 26 ] And now we see how Goethe, in a remarkable way, right at the beginning of the second part, contrasts Faust with the life of nature and the spirit. He indicates this very clearly—I would say, magnificently clearly—not, of course, with abstract philosophical words, but through the power of imagination. We shall not concern ourselves today with the question—which has indeed been raised by certain interpreters of *Faust*—as to whether a personality such as Faust can truly recover from the grave crimes he has committed in the events depicted in the first part, when, as has been said, he ventures out into the vastness of nature and experiences what is portrayed right at the beginning of the second part. We shall not dwell today on the extent to which the guilt he has brought upon himself continues to reign in Faust’s soul. It can certainly continue to reign there. What Goethe intends to depict, however, is how Faust rises above his entanglement in the sub-spiritual realm of humanity. And there, at the beginning of the second part, we see Faust placed within nature—I would say—in the healthiest way possible, and we see the spiritual world acting upon him in the healthiest way possible. For what Goethe depicts—by having the chorus of spirits act upon Faust—is really nothing more than an external dramatic representation of a process that can be described, with a more or less accurate term, as an inner process that unfolds in exactly the same way as the process unfolds when genius seizes the poet—where nothing magically acts upon the human being in the external sense, where human consciousness is not dampened, as in some somnambulistic vision, but rather where something flows into human consciousness—something that is indeed a spiritual influence, yet does not flow into a subdued or dimmed consciousness, but into that consciousness which engages with nature and the historical life of humanity in the healthiest possible way. And has Faust now, on his journey through the world, progressed further than he was, say, when he gazed upon the sign of the macrocosm and spoke of the world as a spectacle? Yes, Faust has progressed—quite considerably further! And Goethe wishes to show that Faust’s healthy nature has indeed weathered the trials that Mephistopheles has thus far brought upon him—trials that consisted in Mephistopheles’ attempt to drag him down into the sub-sensible realm, into that which dwells within human beings when instinctual forces, rather than elevated powers of insight, are directed toward any worldview. At the moment depicted at the beginning of the first part, Faust has opened the book of Nostradamus. The symbol of the macrocosm appears before his soul. He attempts to immerse himself in what could be represented to him through the words and symbols of this macrocosm. “What a spectacle! But alas! Only a spectacle!” At this moment, Faust is drawn, one might say, into a kind of pathological state of mind, in which he indeed remains—even if the word “pathological” must not be understood here in the philistine sense.

[ 27 ] Nachdem Faust ins gesunde Natur- und Geist-Erleben hineingestellt war und der Geist nun auf sein normales Bewußtsein gewirkt hat, spricht er ein anderes Wort aus, ein Parallel-Wort, möchte ich sagen, zu dem Wort «Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!» Faust stellt sich den Erscheinungen gegenüber die durch den Sonnenschein hervorgerufen werden; aber er wendet sich ab und wendet sich dem Wasserfall zu, der in Farben widerspiegelt dasjenige, was die Sonne vermag. «So bleibe denn die Sonne mir im Rücken», sagt Faust. Er will die Spiegelung dessen, was die Sonne hervorruft, anschauen. «Am farbigen Abglanz haben wir das Leben» — eine wunderbare Steigerung gegenüber dem ersten Wort: «Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!» Jetzt kann Faust erfassen, wie in dem, was ihm als Natur entgegentritt, wirklich Geistiges lebt, weil er sich in der richtigen Weise zu dem zu stellen weiß, was in der Natur in dem Sinne des Wortes lebt, mit dem der zweite Teil des «Faust» abschließt: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis» - im Gleichnis erfassend, was geistig in der Natur lebt. Und so sehen wir, wie im Beginne des zweiten Teiles des «Faust» durch eine Wirkung der geistigen Welt auf das normale Bewußtsein Faust zu einer gesunden Stellung gegenüber der Welt gebracht wird; wie er jetzt wirklich nicht mehr, ich möchte sagen, in dem Glauben eingesponnen ist, daß man durch Zurückgehen auf die alte Magie etwas erreichen kann, und wie er jetzt auch gelernt hat, daß man mit all dem, was falsches Hellsehen, was Somnambulismus ist, nichts erreichen kann. Jetzt stellt er sich als ein gesunder Mensch der Welt gegenüber. Er kann dennoch im farbigen Abglanz das Leben erlangen, das heißt das erlangen, was hinter der Naturund Geschichtswelt liegt.

[ 27 ] Now that Faust has been placed within a healthy experience of nature and the spirit, and the spirit has taken effect on his normal consciousness, he utters another phrase—a parallel phrase, I might say, to the phrase “What a spectacle! But alas! Only a spectacle!” Faust faces the phenomena brought forth by the sunshine; but he turns away and turns toward the waterfall, which reflects in colors what the sun is capable of. “So let the sun remain behind me,” says Faust. He wants to gaze upon the reflection of what the sun brings forth. “In the colorful reflection we have life” — a marvelous intensification of the first line: “What a spectacle! But alas! Merely a spectacle!” Now Faust can grasp how what truly lives in the spiritual realm is present in what he encounters as nature, because he knows how to approach what lives in nature in the true sense of the word—the sense with which the second part of *Faust* concludes: “All that is transitory is but a parable”—comprehending through the parable what lives spiritually in nature. And so we see how, at the beginning of the second part of “Faust,” through an influence of the spiritual world upon ordinary consciousness, Faust is brought to a healthy attitude toward the world; how he now truly no longer, I might say, is no longer ensnared by the belief that one can achieve anything by returning to the old magic, and how he has now also learned that one can achieve nothing through false clairvoyance or somnambulism. He now faces the world as a healthy human being. Yet he can attain life in its colorful reflection—that is, attain what lies beyond the world of nature and history.

[ 28 ] Und wirklich, wir sehen nun, wie Faust sich immer mehr und mehr zu dem entwickelt, wozu sich Goethe selber entwickeln wollte. Natürlich, wenn wir auf Goethes Weltanschauungs-Entwickelung hinschauen, dann erscheint uns alles, ich möchte sagen, mehr in abstrakter, philosophischer Form. Aber das ist eben, wie ich schon sagte, das Großartige, das Goethe gerade gelungen ist, äußerlich dramatisch auszugestalten, wozu sich andere Menschen nur in Philosophien erheben können. Und so sehen wir, daß sich Faust nun auch in die Welt des geschichtlichen Werdens hineinzustellen vermag, daß er aus diesem geschichtlichen Werden das Ewig-Bedeutungsvolle, das Geistig-Wirkliche herauszufinden in der Lage ist. Dazu ist aber notwendig, daß Faust nun wirklich in seiner Seele eine Steigerung seiner Erkenntnis-Kräfte erlebt. Durch dasjenige, was er mit Mephistopheles erlebt hat, hat er keine Steigerung, sondern ein Herabdämpfen seiner Erkenntniskraft erlebt, ist er nicht sehend, ist er blind gemacht worden. Jetzt verlangt er aus dem geschichtlichen Werden heraus eine Gestalt wie Helena wiederum lebendig vor sich hingestellt zu haben. Wie kann er das erlangen? Eben dadurch, daß er etwas in sich ausbildet, was so schön und tief in der Szene dargestellt ist, die den «Gang zu den Müttern» darstellt. Goethe hat selber Eckermann gestanden, daß er die Veranlassung, diese Mütter-Szene in seinen zweiten Teil des «Faust» hineinzugeheimnissen, durch dasLesen desPlutarch bekommen hat, wo dargestellt ist, wie eine Persönlichkeit des Altertums in einer schwierigen Lage wie wahnsinnig herumgelaufen sei und von den «Müttern» gesprochen habe, von jenen Müttern, als welche Göttinnen bezeichnet worden waren, die tief im Verborgenen alter Mysterien verehrt wurden. Warum soll denn Faust zu diesen Müttern herabsteigen? Goethe spricht sich zu Eckermann in einer merkwürdig geheimnisvollen Weise aus. Er sagt, daß er sich in bezug auf diese Szene am allerwenigsten verraten hätte. Wir dürfen durchaus annehmen, daß Goethe das nicht in vollen, klaren, abstrakten Begriffen herausgebracht hat, was aber wirklich in voller, klarer Erkenntnis als sein Gang zu den Müttern in seiner Seele lebte. Ich habe öfter über diesen Gang zu den Müttern gesprochen, möchte heute nur andeuten: Wenn wir uns in die alte Weltanschauung, in die Goethe da den Faust versetzt, in die klassische Zeit des Griechentums, in die er uns schon vorher versetzt, wo er die Helena antrifft, -— wenn wir uns in diese antike Welt vertiefen, in die ja Faust nun auch untertauchen soll, so finden wir, daß diese antike Welt aus sich etwas herausstellte mit den Kräften, die den antiken Menschen eben noch eigen waren: Erkenntniskräfte, die, man möchte sagen, tiefer hineingelangen in das Geschehen der Welt, weil sie noch tiefer mit der Natur des Daseins verbunden waren als die Erkenntniskräfte der Seelen derjenigen Zeit, in der Goethe lebte, die sich von dem unmittelbaren Leben mit dem Naturdasein schon mehr abgetrennt hatten und den Weg wieder zurückfinden mußten in das Naturdasein. Aber es ist auch schon angedeutet worden, daß der Mensch, wenn er hineintaucht in sein Seelenleben, etwas finden kann, was jetzt nicht gleich ist mit dem, was vorhin angedeutet worden ist als die untersinnlichen Triebkräfte, als diejenigen Impulse, die den Menschen blind lassen, aber eben doch als Impulse wirken; sondern daß der Mensch hinuntertauchen kann mit vollem Bewußtsein in die Tiefe seines Seelenlebens, und zwar mit nichts anderem als dem, was sein normales Bewußtsein ist, das nur tiefer in seine Seele hineintaucht. Dann erlangt er durch dieses Eintauchen in seine tieferen Seelenkräfte etwas, was ganz anders ist als die eben geschilderten untersinnlichen Seelenkräfte des Somnambulismus oder des Hypnotismus oder ähnliche Erscheinungen des menschlichen Lebens. Er erlangt die Möglichkeit, so tief in seine Seele hinunterzusteigen, daß er wirklich Kräfte heraufbringt, die ebenso bewußt sind, und die er ebenso beherrscht wie die Kräfte des normalen Bewußtseins, denen gegenüber er nicht Sklave ist wie im Somnambulismus oder in der gewöhnlichen Medialität. Und daß Faust zu den Müttern hinuntersteigt, nachdem er so weit, wie es angegeben worden ist, gesundet ist, das ist eben die dramatische Darstellung dieses Hinuntersteigens zu jenen Seelenkräften, die, wenn wir sie in unserer Seele erfassen, einen inneren höheren Menschen der äußeren Welt entgegenbringen, so daß wir auch in der äußeren Welt mehr ersehen können als das, was die bloßen Sinne oder der an die Sinne gebundene Verstand sehen.

[ 28 ] And indeed, we now see how Faust develops more and more into what Goethe himself wanted to become. Of course, when we look at the development of Goethe’s worldview, everything appears to us—I would say—in a more abstract, philosophical form. But that is precisely, as I have already said, the magnificent thing that Goethe succeeded in expressing dramatically on the outside—something that other people can only aspire to in philosophy. And so we see that Faust is now able to place himself within the world of historical becoming, that he is capable of discerning from this historical becoming that which is eternally significant, the spiritual reality. For this, however, it is necessary that Faust now truly experience an elevation of his powers of cognition within his soul. Through what he experienced with Mephistopheles, he did not experience an enhancement but rather a dampening of his powers of cognition; he is not seeing—he has been blinded. Now, drawing from this historical unfolding, he longs to have a figure like Helena once again brought to life before him. How can he achieve this? Precisely by developing something within himself, something so beautifully and profoundly portrayed in the scene depicting the “Journey to the Mothers.” Goethe himself confessed to Eckermann that he was inspired to incorporate this “Mothers” scene into the second part of *Faust* by reading Plutarch, where it is described how a figure from antiquity, in a difficult situation, ran about as if mad and spoke to the “Mothers”—those mothers who had been designated as goddesses and were worshipped deep within the hidden realm of ancient mysteries. Why, then, should Faust descend to these mothers? Goethe expresses himself to Eckermann in a strangely mysterious way. He says that, with regard to this scene, he would have revealed the very least. We may well assume that Goethe did not articulate in full, clear, abstract terms what actually lived in his soul with full, clear awareness as his journey to the Mothers. I have spoken often about this journey to the Mothers; today I would simply like to suggest the following: When we immerse ourselves in the ancient worldview—into which Goethe places Faust—into the classical era of Greek civilization, into which he has already transported us earlier when Faust encounters Helen, —if we immerse ourselves in this ancient world, into which Faust is now also to plunge, we find that this ancient world brought forth from within itself something through the powers that were still characteristic of the people of antiquity: powers of cognition that, one might say, penetrate more deeply into the events of the world, because they were even more deeply connected to the nature of existence than the powers of cognition of the souls of the time in which Goethe lived—souls that had already become more separated from direct life in harmony with nature and had to find their way back to that natural existence. But it has also already been suggested that when a person delves into their inner life, they can find something that is not quite the same as what was previously described as the sub-sensory driving forces—those impulses that leave a person blind, yet still act as impulses; but rather that a person can dive down with full consciousness into the depths of their soul life, using nothing other than their normal consciousness, which simply delves deeper into their soul. Then, through this immersion in his deeper soul forces, he attains something entirely different from the sub-sensory soul forces of somnambulism or hypnotism—or similar phenomena of human life—that have just been described. He gains the ability to descend so deeply into his soul that he truly brings forth powers that are just as conscious and that he controls just as well as the powers of normal consciousness—powers to which he is not a slave, as he is in somnambulism or ordinary mediumship. And the fact that Faust descends to the mothers, after he has recovered to the extent described, is precisely the dramatic depiction of this descent into those soul forces which, when we grasp them within our soul, bring an inner, higher human being into contact with the outer world, so that we may perceive more in the outer world than what the mere senses or the intellect bound to the senses can see.

[ 29 ] Und jetzt sehen wir, wie Faust seine Weltenwanderung im Aufstiege weiterführen kann dadurch, daß er in die Tiefen des Seelenlebens bewußt hinuntertaucht; und wie nun in Gegensatz dazu Wagner mit seinem Homunculus gestellt wird, der nur zu der abstrakten Menschheits-Idee kommt, die aufgehen muß im Leben, die sich nicht halten kann, die vor einer Erkenntnis, welche sich in die Welt einleben will, wenn sie bloß mechanistisch bleibt, zerstiebt. Das wird demjenigen, was Faust im Aufstiege seiner Weltenwanderung erreicht, gegenübergestellt. Aber noch etwas anderes! Klar werden wir auch darauf hingewiesen, wie Mephistopheles wirklich diejenigen Kräfte an Faust herangebracht hat, die untersinnlich sind, indem Mephistopheles zwar noch nicht endet, aber, man möchte sagen, moralisch endet, wenn das Wort hier angewendet werden darf, in der klassischen Walpurgisnacht, als er sich mit den Phorkyaden vereinigt, mit denjenigen Wesenheiten, die aus dem Dunkel und aus dem Abgrund heraus geboren werden, aus jenem Abgrund, der eben die niedere Menschennatur darstellt. Das wird uns, wenn man wirklich darauf eingeht, was Goethe nach seinem eigenen Wort in den «Faust» hineingeheimnißt hat, recht klar, recht deutlich dargestellt. Die Kräfte, die jetzt der Mephistopheles in der klassischen Walpurgisnacht verwandt mit sich empfindet, die sind nichts Übermenschliches, die sind etwas Untermenschliches. Man kann nicht mit denjenigen Erkenntniskräften, die über die gewöhnlichen Erkenntniskräfte hinausgehen, zu einer anderen Anschauung der Welt kommen, als so, daß das erhöht, bereichert wird, was man in den gewöhnlichen Erkenntniskräften hat. Aber mit den untersinnlichen Erkenntniskräften kommt man zu etwas, was im Grunde genommen ärmer ist als das normale menschliche Leben. Und es kann nicht oft genug betont werden, daß es auch im «Faust» ausgesprochen worden ist, daß das Leben, das durch ein Herabdämmern des menschlichen Bewußtseins, sei es durch Somnambulismus, sei es durch Mediumismus, erreicht wird, ärmer ist als dasjenige, was der Mensch mit seinem normalen Bewußtsein der Welt gegenüber erreicht. Der Mensch hat, wenn er sich mit seinem normalen Bewußtsein die Welt anschaut, seine zwei Augen, durch die er in die Welt hinausschaut. Das ist ein gewisser Reichtum der Sinnenwelt gegenüber. Da, wo Mephistopheles bei den Geistern der Dunkelheit ist, haben diese zusammen ein Auge und müssen es einander reichen. Sie sind ärmer. Mephistopheles gehört einer Welt an — wenigstens fühlt er sich verwandt mit dieser Welt —, die ärmer ist als die normale Menschenwelt. Diese Welt kann Faust nun eigentlich nichts mehr bieten, nachdem er selber den Gang hinunter zu den Müttern, das heißt, zu den bewußten tieferen Kräften der Menschenseele, angetreten hat, zu denen ihm eben Mephistopheles noch den Schlüssel reichen kann, in die ihn aber Mephistopheles selber gar nicht einführen kann.

[ 29 ] And now we see how Faust can continue his journey through the worlds in his ascent by consciously delving into the depths of the soul’s life; and how, in contrast, Wagner is now juxtaposed with his *Homunculus*, who arrives only at the abstract idea of humanity—an idea that must blossom in life, that cannot sustain itself, and that shatters in the face of a realization that seeks to take root in the world, if it remains merely mechanistic. This is set against what Faust achieves in the ascent of his journey through the worlds. But there is something else as well! We are also clearly shown how Mephistopheles has indeed brought those forces to Faust that lie beyond the sensory realm—for although Mephistopheles does not yet come to an end, one might say, comes to a moral end—if the word may be applied here—on the classic Walpurgis Night, when he unites with the Phorkyads, those beings born of darkness and the abyss, that very abyss which represents lower human nature. This becomes quite clear and distinct to us when we truly delve into what Goethe, in his own words, has woven into *Faust*. The forces that Mephistopheles now feels a kinship with on the classic Walpurgis Night are not superhuman; they are subhuman. One cannot, through those powers of cognition that go beyond ordinary cognitive powers, arrive at a different view of the world other than one that elevates and enriches what one possesses through ordinary cognitive powers. But through the sub-sensory powers of cognition, one arrives at something that is, in essence, poorer than normal human life. And it cannot be emphasized often enough—as was also stated in *Faust*—that the life attained through a dimming of human consciousness, whether through somnambulism or mediumship, is poorer than that which a person attains in relation to the world through their normal consciousness. When a person looks at the world with their normal consciousness, they have two eyes through which to look out into the world. This represents a certain richness in relation to the sensory world. Where Mephistopheles is among the spirits of darkness, they share a single eye and must pass it back and forth between themselves. They are poorer. Mephistopheles belongs to a world—or at least feels an affinity for this world—that is poorer than the normal human world. This world can no longer really offer Faust anything, now that he himself has set out down the path to the “mothers”—that is, to the conscious, deeper forces of the human soul—to which Mephistopheles can still hand him the key, but into which Mephistopheles himself cannot introduce him at all.

[ 30 ] Und nun sehen wir, wie Goethe Faust auf einer höheren Stufe seiner Weltenwanderung in der richtigen Weise zu stellen vermag zu dem realen, zu dem wirklich fortlebenden Geiste der Vergangenheit. Ja, Goethe läßt neben die Überschrift des dritten Aktes des zweiten Teiles schreiben: Klassisch-romantische Phantasmagorie. Nicht als Wirklichkeit kommt das herauf, sondern «im farbigen Abglanz» hat er das Leben. Er erfaßt es mit den tieferen, aber bewußten Kräften der Menschenseele und streift es dann wiederum ab, wie uns im vierten Akt des zweiten Teiles dargestellt ist. Und so könnten wir, wenn es die Zeit gestattete, noch vieles beibringen, was uns deutlich machen würde, wie Goethe seinen Faust eine Weltwanderung durchmachen läßt, heraus aus den Verirrungen, die sich ergeben, wenn man kein Vertrauen zu dem normalen menschlichen Bewußtsein hat. Die alte Magie, der Faust zuerst zu verfallen droht, der er sich ergeben hat, die hat kein Vertrauen zu dem, was das Bewußtsein zu geben vermag, und sondert die Geschehnisse, die da draußen zauberhaft in allerlei Zeremonien verlaufen sollen, vom Bewußtsein ab. Was sich da außerhalb des vollen Bewußtseins in einem Weben und Wirken der Geister abspielt, soll die geistige Welt offenbaren; aber nicht das, was sich im normalen Bewußtsein, sondern was sich im Unterbewußten, in den dunklen Trieben abspielt, soll erklären, was als Geheimnis die Welt durchwallt. Daraus mußte Goethe seinen Faust herausführen zu dem, was ohne irgendwelche Beeinträchtigung des normalen Bewußtseins, durch ein Weiterentwickeln des normalen Bewußtseins als geistige Welt erkannt werden kann. Das ist, wie mir scheint, sehr deutlich, wenn auch nicht als eine Idee - das hat Goethe selber ausgesprochen -, aber als ein Impuls, der ganz künstlerisch gestaltet ist, in Goethes «Faust» unter vielem anderen wirklich auch verkörpert. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint es, wenn ich das triviale Wort gebrauchen darf, wirklich ganz in der Rolle des Goetheschen Faust, wenn er nun, nachdem er also die Vertiefung des normalen Bewußtseins gefunden hat, wirklich dahin gekommen ist, alles falsche Suchen auf einem falschen, magischen, somnambulen Wege von sich zu weisen, und der Welt gegenüber stehen will als ein Mensch, der das Höhere eben auch nur durch eine Erhöhung der Seelenkräfte erkennen will.

[ 30 ] And now we see how Goethe, at a higher stage of Faust’s journey through the worlds, is able to properly position him in relation to the real, truly enduring spirit of the past. Indeed, Goethe has the following written next to the title of the third act of the second part: “Classical-Romantic Phantasmagoria.” It does not emerge as reality, but rather has its life “in a colorful reflection.” He grasps it with the deeper, yet conscious, powers of the human soul and then casts it off again, as depicted in the fourth act of the second part. And so, if time permitted, we could add much more that would make clear to us how Goethe has his Faust undergo a journey through the world, out of the delusions that arise when one has no trust in normal human consciousness. The ancient magic to which Faust is initially in danger of succumbing—and to which he has surrendered—has no trust in what consciousness is capable of providing, and separates from consciousness the events that are supposed to unfold out there in a magical manner through all manner of ceremonies. What takes place outside of full consciousness in a weaving and working of the spirits is said to reveal the spiritual world; but it is not what occurs in normal consciousness, but rather what takes place in the subconscious, in the dark drives, that is said to explain what surges through the world as a mystery. From this, Goethe had to lead his Faust toward what can be recognized as the spiritual world—not by impairing normal consciousness in any way, but by further developing it. This, it seems to me, is very clear—if not as an idea (as Goethe himself stated), but as an impulse that is entirely artistically shaped—and is truly embodied in Goethe’s *Faust* among many other things. From this point of view, it seems—if I may use the trivial word—truly fitting for the role of Goethe’s Faust when, having thus found the deepening of normal consciousness, has truly come to the point of rejecting all false seeking along a false, magical, somnambulistic path, and wishes to stand before the world as a human being who seeks to recognize the higher realm solely through an elevation of the soul’s powers.

[ 31 ] So lesen wir im zweiten Teil des «Faust»:

[ 31 ] In the second part of *Faust*, we read:

Unselige Gespenster! So behandelt ihr
Das menschliche Geschlecht zu tausend Malen;
Gleichgültige Tage selbst verwandelt ihr
In garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen.
Dämonen, weiß ich, wird man schwerlich los,
Das geistig-strenge Band ist nicht zu trennen ...

Und weiter: Noch hab’ ich mich ins Freie nicht gekämpft.
Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
Stünd’ ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da wär’s der Mühe wert ein Mensch zu sein.

Wretched ghosts! This is how you treat
the human race a thousand times over;
You transform even the most mundane days
into a dreadful tangle of entangled torments.
Demons, I know, are hard to shake off,
For the spiritually binding bond cannot be severed ...

And further: I have not yet fought my way into the open.
If I could remove magic from my path,
Unlearn the spells entirely,
I would stand, Nature! before you as a man alone,
Then it would be worth the trouble to be human.

[ 32 ] Ein Mensch will Faust sein, der weder durch äußeren Zauber, noch durch innere Trübung des Bewußtseins der Welt des Geistes gegenübersteht und diese Welt des Geistigen von diesem Bewußtsein aus auch einzuführen vermag in das soziale Menschenleben, in das Leben der 'Tat. Und das wird gegen den Schluß des zweiten Teiles des «Faust» in einer so wunderbaren, in einer so grandiosen Weise dargestellt. So hat denn Goethe auf seine Art darzustellen versucht, wie der Mensch durch eine Entwickelung der in ihm liegenden Kräfte zu den Geheimnissen des Daseins wirklich vordringen kann, indem er die sich dem Menschen in die Wege stellenden Verirrungen auch klar und dramatisch dargestellt hat.

[ 32 ] A human being who wishes to be Faust is one who faces the world of the spirit neither through external magic nor through an inner clouding of consciousness, and who, from this consciousness, is also able to introduce this world of the spirit into social human life, into the life of “action.” And this is portrayed toward the end of the second part of *Faust* in such a marvelous, such a magnificent way. Thus, Goethe sought in his own way to depict how a human being can truly penetrate the mysteries of existence through the development of the powers lying within him, while also clearly and dramatically portraying the errors that stand in the way of humanity.

[ 33 ] Man möchte sagen, der Mensch, der aus den Menschenkräften selber heraus zu einem Zusammenleben mit der geistigen Welt kommen will, stand wirklich in einer faustischen Gestalt — nicht dadurch, daß er Faust heißt, sondern wirklich in einer faustischen Gestalt - schon dem Augustin gegenüber, der ja dem Manichäer-Bischof Faustus die Möglichkeit zulegt, durch eine innere Erhöhung der menschlichen Erkenntniskräfte den Weltengeheimnissen nahe zu kommen. Goethe fand, indem er den mittelalterlichen Faust auf sich wirken ließ, eine Welt vor, die im Grunde genommen schon ihr Urteil über diese Art von Faust ausgesprochen hat. Das Urteil war gefällt, daß ein solcher Mensch als ein böses Glied vom Strome der Menschheit abfallen müsse, der in einer solchen Weise aus seinen eigenen Kräften heraus zu den Geheimnissen des Daseins kommen wolle. Goethe konnte sich mit dieser Anschauung nur nicht einverstanden erklären. Goethe war sich klar darüber, daß der Mensch nur dann wirklich ein ganzer Mensch sein kann, wenn er imstande ist, das Faust-Streben zu verwirklichen, wenn auch nicht in jener alten Weise, in der es der Faust des Volksbuches oder der des sechzehnten Jahrhunderts verwirklichen wollte. Und Goethe konnte zu dieser Anschauung deshalb kommen, weil er tief verwoben war mit demjenigen, was man, wie ich hier ja schon öfter gesagt habe, den Idealismus, den Weltanschauungs-Idealismus in der deutschen Geistesentwickelung nennen kann.

[ 33 ] One might say that the person who seeks, through human powers alone, to enter into communion with the spiritual world truly took on a Faustian form—not because his name is Faust, but truly in a Faustian form —even in relation to Augustine, who, after all, attributes to the Manichaean bishop Faustus the ability to draw near to the mysteries of the world through an inner elevation of the human powers of cognition. As Goethe allowed the medieval Faust to take hold of him, he found a world that had, in essence, already passed judgment on this kind of Faust. The verdict had been rendered: such a person—who sought to reach the mysteries of existence solely through his own powers—must be cast off as a corrupt element from the stream of humanity. Goethe simply could not agree with this view. Goethe was clear that a human being can only truly be a whole human being if he is capable of realizing the Faustian striving—albeit not in the old way in which the Faust of the folk tale or that of the sixteenth century sought to realize it. And Goethe was able to arrive at this view because he was deeply intertwined with what, as I have already said here on several occasions, can be called idealism—worldview idealism—in the development of the German spirit.

[ 34 ] Ich versuchte in diesen Vorträgen Gestalten wie Fichte, Schelling, Hegel, in ihrem - allerdings nur philosophischen — Streben hinzustellen, die geistige Welt zu erfassen. Ich habe auch hinlänglich darauf aufmerksam gemacht, daß man durchaus nicht ein dogmatischer Anhänger irgendeines Fichteanismus oder Schellingianismus oder Hegelianismus zu sein braucht, um die ganze Größe dieser Gestalten, die kämpfend im deutschen Idealismus drinnen stehen, wirklich auf sich wirken zu lassen. Als Erkenntnissucher, als Menschen mit einem bestimmt gearteten Seelenleben nehme man sie. Man sehe ganz ab von dem, was im Einzelnen der Inhalt ihrer Weltanschauung ist. Aber sie stehen doch in einem Weltanschauungsstreben darinnen, das innig verwandt ist mit dem Goetheschen Weltanschauungsstreben und das sich im Grunde genommen für den, der die tieferen Zusammenhänge erschauen kann, als das deutsche Weltanschauungsstreben vom Ende des achtzehnten, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zeigt, das berufen ist, weiterzuwirken innerhalb der deutschen Entwickelung.

[ 34 ] In these lectures, I attempted to portray figures such as Fichte, Schelling, and Hegel in their—albeit purely philosophical—striving to grasp the spiritual world. I have also made it abundantly clear that one need not be a dogmatic adherent of any form of Fichteanism, Schellingianism, or Hegelianism in order to truly let the full greatness of these figures—who are actively engaged in the struggle within German idealism—sink in. One should regard them as seekers of knowledge, as human beings with a specific kind of inner life. Let us look entirely beyond the specific content of their worldview. Yet they are engaged in a quest for a worldview that is intimately related to Goethe’s quest for a worldview and that, for those who can perceive the deeper connections, ultimately reveals itself as the German quest for a worldview from the late eighteenth and early nineteenth centuries—a quest destined to continue to influence German development.

[ 35 ] Wir wissen, daß Kant ein Goethe nicht verwandtes Weltanschauungsstreben entwickelt hat. Ich habe auch darauf öfter aufmerksam gemacht. Hier kann es nicht begründet werden, ich will es nur anführen. Kant kam zu der Anschauung, daß der Mensch im Grunde genommen nicht hineinschauen kann in die tieferen Quellen des Natur- und Geistesdaseins. Und er sprach es aus, daß der Mensch, wenn er mit seinen Ideen sich wirklich in das Weben des Weltendaseins hineinleben wollte, ein ganz anderes Erkenntnisvermögen haben müßte, als ihm wirklich zugeteilt ist. Dann müßten in seine Erkenntnis nicht bloß Begriffe und Ideen, welche die Dinge abbilden, hereinfließen, sondern der lebendige Strom des Daseins selber. Man kann es ermessen, daß Goethe das empfunden hat, zum Beispiel an seiner Metamorphosen-Idee mit der Urpflanze, dem Urtier, was Kant aus dem menschlichen Erkenntnisvermögen ausschloß. Und Kant sagte: Derjenige, der sich dem Glauben anschließen wollte — ich führe ungenau an, aber es entspricht ungefähr dem Wortlaut —, daß er wirklich hineinschaut in die Quellen des Daseins, müßte sich zu einem Abenteuer der Vernunft versteigen, zu einer Art anschauender Urteilskraft; er müßte nicht nur begreifen, er müßte innerlich erlebend anschauen und anschauend erleben den Strom des Weltendaseins selber.

[ 35 ] We know that Kant developed a worldview distinct from Goethe’s. I have also pointed this out on several occasions. I cannot elaborate on it here; I merely wish to mention it. Kant came to the view that human beings, fundamentally speaking, cannot peer into the deeper sources of natural and spiritual existence. And he stated that if human beings were to truly immerse themselves with their ideas into the fabric of worldly existence, they would need a capacity for knowledge entirely different from that which is actually granted to them. Then, their knowledge would have to be informed not merely by concepts and ideas that represent things, but by the living stream of existence itself. One can surmise that Goethe sensed this, for example, in his idea of metamorphosis with the primordial plant and the primordial animal—elements that Kant excluded from human cognitive capacity. And Kant said: Anyone who wished to embrace the belief—I am quoting imprecisely, but it corresponds roughly to the wording—that he truly looks into the sources of existence would have to embark on an adventure of reason, a kind of intuitive judgment; he would have to not only comprehend, but also contemplate through inner experience and experience through contemplation the flow of worldly existence itself.

[ 36 ] In dem schönen kleinen Aufsatz über «Anschauende Urteilskraft» ergeht sich Goethe über diese Kantische Idee, und sagt ausdrücklich: Wenn man sich mit Bezug auf die Ideen von Freiheit und Unsterblichkeit in eine höhere Region erheben kann, — warum soll man denn nicht auch mit demjenigen, was die menschliche Seele sonst in der Natur, in sich erleben kann, das Abenteuer der Vernunft kühn und mutig bestehen?! — Was will denn eigentlich Goethe? Das heißt nichts anderes als: Goethe will eine solche Erkenntnis in sich rege machen, die in ihm möglich macht, mit dem, was er in der Seele hat, nun wirklich im lebendigen Weltendasein unterzutauchen, nicht bloß zu wissen das Weltendasein, sondern es mitzuerleben. Goethe strebte selber nach einer solchen Erkenntnis und nach einer solchen Stellung zu den Welterscheinungen, wie er sie dramatisch in seinem «Faust» verkörpert. Und Goethe hatte in sich die Überzeugung ausgebildet, daß der Mensch nicht nur ein Wissen erwerben kann, welches eine außer ihm befindliche Welt abbildet, sondern daß er in sich eine Vorstellungswelt rege machen kann, welche den Strom des Weltendaseins miterlebt; daß dies aber nur möglich ist, wenn man das unternimmt, was Kant noch als ein Abenteuer der Vernunft bezeichnet: die tieferen Seelenkräfte heraufzuholen, die mehr erkennen können, als die bloßen Sinne und der auf die Sinne beschränkte Verstand. Und das ist das Großartige, daß Goethe dasjenige, was er als den Nerv seines eigenen Erkenntnisvermögens betrachtete, zugleich als einen Lebensimpuls auffaßte, daß er das Erkenntnisproblem nicht bloß philosophisch zu lösen sich gedrungen fühlte, sondern als lebendiger Mensch; daß für ihn die Frage, was man erkennen kann von der Welt und womit man wirken kann innerhalb der Welt der Taten, was man in seiner Seele als Erkenntnisinhalt und als Wirkungsimpuls für die Welt der Taten innehaben kann, ein Lebensproblem wird. Das ist das Große, das Bedeutsame, daß ihm davon Glück und Verderben des Menschen abhängt; daß ihm davon Befriedigung einer Sehnsucht abhängt, die den ganzen Menschen angeht. Dadurch aber hat das Erkenntnisproblem für Goethe ein künstlerisches, ein dramatisches, ein Lebensproblem im weitesten Umfang des Wortes werden können. Und weil Goethe die Erkenntnis als etwas faßte, was wirklich in das Leben hineinführt, wurde in seiner Darstellung Faust wirklich dadurch, daß er gewissermaßen mit der Goetheschen Weltanschauung selber zusammenwächst, befriedigt in dem, was er sucht. Denn, suchte nicht im Grunde genommen seine Seele von Anfang an das Zusammenleben mit dem, was in der Natur geistig ausgebreitet ist? Als Suchen ist es im Faust von Anfang an. Um es einigermaßen in sich zu verwirklichen, brauchte er seine Weltenwanderung. Als er noch in seiner Welt, in dem «verfluchten, dumpfen Mauerloch» ist, — was hat er denn da für eine Sehnsucht?

[ 36 ] In his lovely little essay on “Intuitive Judgment,” Goethe elaborates on this Kantian idea and states explicitly: If one can rise to a higher realm with regard to the ideas of freedom and immortality—why should one not also boldly and courageously face the adventure of reason with whatever else the human soul can experience in nature and within itself?! — What, then, does Goethe actually want? This means nothing other than: Goethe wants to awaken within himself a kind of insight that enables him, with what he possesses in his soul, to truly immerse himself in the living reality of the world—not merely to know this reality, but to experience it firsthand. Goethe himself strove for such insight and for such a stance toward worldly phenomena as he dramatically embodies in his *Faust*. And Goethe had developed within himself the conviction that human beings can not only acquire knowledge that reflects a world external to them, but that they can awaken within themselves a world of imagination that shares in the flow of worldly existence; but that this is possible only if one undertakes what Kant still described as an “adventure of reason”: to draw upon the deeper powers of the soul, which are capable of perceiving more than the mere senses and the intellect limited to the senses. And what is truly remarkable is that Goethe regarded what he considered the nerve center of his own cognitive faculty as a vital impulse at the same time; that he felt compelled to solve the problem of knowledge not merely philosophically, but as a living human being; that for him, the question of what one can know about the world and with what one can act within the world of deeds—what one can hold within one’s soul as the content of knowledge and as an impulse for action in the world of deeds—becomes a problem of life itself. This is what is great and significant: that for him, the happiness and downfall of humanity depend on it; that the fulfillment of a longing that concerns the whole human being depends on it. Consequently, however, the problem of knowledge was able to become for Goethe an artistic, a dramatic, and a life problem in the broadest sense of the word. And because Goethe conceived of knowledge as something that truly leads into life, Faust in his portrayal became real—in that he, so to speak, grew together with Goethe’s worldview itself—and was satisfied in what he sought. For, did not his soul, at the very core, seek from the very beginning to live in harmony with that which is spiritually spread out in nature? In *Faust*, it is a quest from the very beginning. To realize it within himself to some extent, he needed his journey through the worlds. When he is still in his own world, in that “cursed, dreary cell”—what kind of longing does he have there?

O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult herangewacht:
Dann, über Büchern und Papier,
Trübsel’ger Freund, erschienst du mir!
Ach! könnt’ ich doch auf Bergeshöh’n
In deinem lieben Lichte geh’n,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von allem Wissensqualm entladen,
In deinem Tau gesund mich baden!

Oh, if only you could see, bathed in moonlight,
For the last time, my torment,
Which I have watched over so many a midnight
At this desk:
Then, amid books and paper,
You appeared to me, my melancholy friend!
Ah! If only I could walk upon mountain heights
In your dear light,
Hover around mountain caves with spirits,
Weave through meadows in your twilight,
Freed from all the torment of knowledge,
Bathe myself healthily in your dew!

[ 37 ] Er will hinaus mit seiner Seele, sich vereinigen mit dem, was in der Natur lebt. Er ist dahin gekommen, er ist nach seiner Weltenwanderung wiedergeboren in dem, was Goethe durchseelt und durchlebt als das, was man nennen kann: die höchste, die schönste Blüte des deutschen Geisteslebens.

[ 37 ] He longs to set his soul free, to unite with all that lives in nature. He has arrived there; after his journey through the worlds, he has been reborn into what Goethe embodies and lives through as what might be called the highest, most beautiful flowering of German spiritual life.

[ 38 ] Deshalb kann man sagen, daß Goethe das, was er sich selber errungen hat in einem kämpfenden Erkenntnis- und Weltenleben, wirklich auch durch sein ganzes Leben hindurch - denn «Faust» begleitete ihn sein ganzes Leben hindurch - in seinen «Faust» hineingeheimnißt hat. Viele Geheimnisse sind noch in diesem «Faust». Aber auch das ist darinnen, daß Faust auf seiner Weltenwanderung so weit kommt, daß er durch die Erfahrungen des eigenen Lebens reif wird in sich aufzunehmen, was sich Goethe selber, nicht als ein Abenteuer der Vernunft, sondern als etwas erworben hatte, zu dem man gelangen kann, wenn man zu den «Müttern» hinabsteigt, das heißt, wenn man in seiner Seele auf gesunde Weise eine Entwickelung der schon vorhandenen normalen Geisteskräfte versucht. Weder ein Untersinnliches noch ein Außersinnliches, sondern ein wirklich Übersinnliches findet man auf diese Art. Und daß innerhalb der deutschen Geistesentwickelung ein solches Werk wie der «Faust» möglich geworden ist, das charakterisiert diese ganze deutsche Geistesentwickelung, das bestimmt die Stellung, welche diese deutsche Geistesentwickelung innerhalb der ganzen Weltenentwickelung haben muß.

[ 38 ] That is why one can say that Goethe truly enshrined in his *Faust* what he himself had achieved through a life of struggle for knowledge and engagement with the world—and indeed throughout his entire life, for *Faust* accompanied him throughout his entire life. There are still many mysteries in this *Faust*. But it is also part of the story that Faust, on his journey through the world, progresses to the point where—through the experiences of his own life—he matures enough to take in what Goethe himself had acquired, not as an adventure of reason, but as something one can attain by descending to the “mothers,” that is, by striving in a healthy way within one’s soul to develop the normal spiritual powers that are already present. Neither the sub-sensory nor the extra-sensory, but rather the truly supersensory is found in this way. And the fact that a work such as “Faust” has become possible within the development of the German spirit characterizes this entire German spiritual development; it determines the position that this German spiritual development must hold within the development of the world as a whole.

[ 39 ] Es war immer ein Bewußtsein davon vorhanden, daß mit dem «Faust» mehr gegeben ist als bloß dasjenige, was in Goethe lebte. Gewiß, es gab immer auch in der äußeren Welt Mephisto-Naturen; die können so etwas, wie es im Goetheschen Faust lebt, nicht begreifen. Und zum Schluß möchte ich Sie nur hinweisen auf eine solche äußere Mephisto-Natur. Ich möchte zum Schluß noch eine Kritik des Goetheschen «Faust» vorlesen, die im Jahre 1822 entstanden ist, aus der Sie sehen können, daß man den «Faust» auch anders beurteilt hat, als ihn diejenigen beurteilen, die versuchen, sich selbstlos in diesen «Faust» hineinzuvertiefen. Man möchte sagen, eine Kritik, die einen tröstet darüber, daß so sehr häufig die Mephisto-Naturen in der Welt dem entgegentreten, was in ehrlicher, sich überzeugender Weise suchen will nach den Quellen und Gründen des Daseins. So selten sind ja auch solche Naturen wie diejenige, die da 1822 über «Faust» geschrieben hat, in der Gegenwart nicht. Nachdem ich Sie in die Wanderung zu führen versuchte, die Faust durchgemacht hat, lassen Sie uns auch etwas hören von dem Echo, das «Faust» bei einer MephistoNatur gefunden hat. Ich werde diejenigen Stellen auslassen, die sich nicht für eine öffentliche Vorlesung eignen, weil sie zu zynisch sind. Schon der Prolog im Himmel, wo der Herr mit Mephisto über Fausts Natur diskutiert, zeigt diesem Mann, nachdem er festgestellt hat, «daß Herr von Goethe ein sehr schlechter Versifex sei», das Folgende:

[ 39 ] There has always been an awareness that *Faust* encompasses more than merely what lived within Goethe. Certainly, there have always been Mephisto-like characters in the outside world; they cannot comprehend something like what lives in Goethe’s *Faust*. And in closing, I would simply like to draw your attention to one such Mephisto-like character from the outside world. To conclude, I would like to read aloud a critique of Goethe’s *Faust* written in 1822, from which you can see that *Faust* has also been judged differently than by those who try to immerse themselves selflessly in this *Faust*. One might say it is a critique that offers comfort in the face of the fact that, all too often, the Mephistophelean natures in the world stand in opposition to what seeks, in an honest and convincing manner, the sources and reasons for existence. After all, natures such as that of the person who wrote about *Faust* in 1822 are not so rare in the present day. Now that I have attempted to guide you through the journey that Faust undertook, let us also hear something of the response that *Faust* elicited from a Mephistopheles-like character. I will omit those passages that are unsuitable for a public lecture because they are too cynical. Even the prologue in heaven, where the Lord discusses Faust’s nature with Mephisto, reveals the following to this man, after he has determined “that Mr. von Goethe is a very poor versifier”:

[ 40 ] «Dieser Prolog ist ein wahres Muster, wie man nicht in Versen schreiben soll.»

[ 40 ] “This prologue is a true example of how not to write in verse.”

[ 41 ] Und nun fährt der Kritiker weiter fort - 1822, sehr verehrte Anwesende! —:

[ 41 ] And now the critic continues—in 1822, ladies and gentlemen! —:

[ 42 ] «Die verflossenen Zeitalter haben nichts aufzuweisen, das in Rücksicht auf anmaßende Erbärmlichkeit mit diesem Prolog zu vergleichen wäre... Ich muß mich aber kurz fassen, weil ich ein lang und leider auch langweiliges Stück Arbeit übernommen habe. Dem Leser soll ich beweisen, daß der berüchtigte Faust eine usurpierte und unverdiente Celebrität genießet und sie nur dem verderblichen Gemeingeiste einer Associatio obscurorum vivorum verdanke ... Mich veranlasset keine Celebritäts-Rivalität, über des Herrn von Goethes Faust die Lauge strenger Kritik auszugießen. Ich wandle nicht auf seinem Pfade zum Parnasse und würde mich freuen, wenn er unsere deutsche Sprache mit einem Meisterwerke bereichert hätte... Unter der Menge von Bravorufern mag zwar meine Stimme verhallen, doch genügt mir, mein Möglichstes getan zu haben; und gelingt es mir, auch nur einen Leser zu bekehren und von Anbetung dieses Ungeheuers zurückzubringen, so soll mich meine undankbare Mühe nicht gereuen ... Der arme Faust spricht ein ganz unverständliches Kauderwelsch, in dem schlechtesten Gereimsel, das je in Quinta von irgendeinem Studenten versifiziert worden ist. Mein Präceptor hätte mich durchgehauen, wenn ich so schlechte Verse wie die folgenden gemacht hätte:

[ 42 ] “Past ages have nothing to show that, in terms of presumptuous wretchedness, could be compared to this prologue... But I must be brief, for I have undertaken a long and, alas, tedious task. I am to prove to the reader that the notorious Faust enjoys a usurped and undeserved fame, owing it solely to the corrupt collective spirit of an *Associatio obscurorum vivorum* ... I am not motivated by any rivalry for fame in pouring the lye of strict criticism over Mr. von Goethe’s *Faust*. I do not follow in his footsteps to Parnassus and would be delighted if he had enriched our German language with a masterpiece... My voice may well be drowned out among the crowd of cheerers, but it is enough for me to have done my very best; and if I succeed in converting even a single reader and turning him away from the worship of this monstrosity, then I shall not regret my thankless effort. .. Poor Faust speaks in completely incomprehensible gibberish, in the worst rhyming drivel ever versified in quatrains by any student. My tutor would have flunked me if I had written verses as bad as the following:

O sähst du, voller Mondenschein,
Zum letztenmal(e) auf meine Pein,
Den ich so manche Mitternacht
An diesem Pult(e) herangewacht.

Oh, if you could see, bathed in moonlight,
For the very last time, my torment,
Which I have kept watch over
At this desk so many a midnight.

[ 43 ] Von dem Unedlen der Diktion, von der Erbärmlichkeit der Versifikation, werde ich in der Folge schweigen; an dem, was der Leser sah, hat er Beweise genug, daß der Herr Verfasser in Beziehung auf den Versebau sich auch nicht mit den mittelmäßigen Dichtern der alten Schule messen könne...

[ 43 ] I will say no more here about the coarseness of the diction or the wretchedness of the versification; what the reader has seen provides ample proof that, when it comes to versification, the author cannot even measure up to the mediocre poets of the old school...

[ 44 ] Der Mephistopheles erkennt selbst, daß Faust schon vor dem Kontrakte von einem Teufel besessen war. Wir aber glauben, daß er nicht in die Hölle, sondern in das Narrenhaus gehöre, mit allem was sein ist, nämlich Händ und Füßen, Kopf und so weiter. Von sublimem Gallimathias, Unsinn in hochtönenden Worten, haben uns manche Dichter Muster gegeben, aber den Goetheschen Gallimathias mögte ich als ein genre nouveau den popularen Gallimathias nennen, denn er wird in der gemeinsten und schlechtesten Sprache vorgetragen ...

[ 44 ] Mephistopheles himself recognizes that Faust was already possessed by a devil even before the contract. We, however, believe that he belongs not in hell but in the madhouse, along with everything that is his—namely, his hands and feet, his head, and so on. Many poets have provided us with examples of sublime gibberish—nonsense expressed in high-sounding words—but I would like to call Goethe’s gibberish a “genre nouveau,” or popular gibberish, because it is delivered in the most vulgar and crude language ...

[ 45 ] Je mehr ich über diese lange Litaney von Unsinn nachdenke, je mehr wird mir wahrscheinlich, es gelte eine Wette, daß, wenn ein berühmter Mann sich einfallen lasse, den flachesten, langweiligsten Unsinn zusammenzustoppeln, so werde sich doch eine Legion alberner Literatoren und schwindelnder Leser finden, die in diesem plattfüßigen Unsinne tiefe Weisheit und große Schönheiten zu finden und herauszuexegesieren wissen werden.»

[ 45 ] The more I think about this long litany of nonsense, the more it seems likely to me I’d be willing to bet that if a famous man were to come up with the flattest, most boring nonsense, there would still be a legion of silly writers and gullible readers who would know how to find and expound upon profound wisdom and great beauty in this shallow nonsense.”

[ 46 ] Und so geht es weiter. Zuletzt sagt er noch:

[ 46 ] And so it goes on. Finally, he says:

[ 47 ] «Kurz, ein miserabler Teufel, der bei Lessings Marinelli in die Schule gehen könnte. Diesem nach kassiere ich im Namen des gesunden Menschen-Verstandes das Urteil der Frau von Sta&l zugunsten des gedachten Fausts und verurteile ihn nicht in die Hölle, die dieses frostige Produkt abkühlen könnte, da sogar dem Teufel dabei winterlich im Leibe ist, sondern um in die Cloacam parnassi prezipieret zu werden. Von Rechtswegen.»

[ 47 ] “In short, a wretched devil who could take lessons from Lessing’s Marinelli. Following his example, I hereby overturn, in the name of common sense, Mrs. von Sta&l’s verdict in favor of the aforementioned Faust and do not condemn him to hell—which could not even cool this icy creation, since even the devil feels a winter chill in his bones—but rather to be cast into the Cloacam parnassi. By right of law.”

[ 48 ] Die Welt geht über solche Urteile hinweg. Und die Welt wird in dem «Faust» einen der tiefsten Versuche des Menschengeistes sehen, nicht nur auf philosophische Weise, sondern auf dramatische, auf ganz lebendige Weise das Erkentnis- und Menschheitsproblem im weitesten Sinne vor die Menschen hinzustellen, es überhaupt erst zu ergründen. Und es war immer ein Bewußtsein davon vorhanden, daß es Goethe gelungen ist, nicht nur einseitig die Goethesche Weltanschauung und Goethesche Empfindungen in seinem «Faust» auszusprechen, sondern, wie Herman Grimm wiederum so schön sagt, die ganze Weltanschauung des ganzen Jahrhunderts. Und das wird wohl ein Wort sein, das Herman Grimm mit Recht gesprochen hat. «Wir haben», meint er, «eine eigene Literatur, deren Zweck es ist, nicht nur Goethes Credo, sondern das Credo seines gesamten Jahrhunderts in Faust nachzuweisen.»

[ 48 ] The world looks beyond such judgments. And the world will see in *Faust* one of the deepest attempts by the human spirit not only to present the problem of knowledge and humanity in the broadest sense to people—not merely philosophically, but dramatically and in a truly vivid way—but also to explore it in the first place. And there has always been an awareness that Goethe succeeded not only in expressing, in a one-sided way, the Goethean worldview and Goethean sensibilities in his *Faust*, but—as Herman Grimm so beautifully puts it—the entire worldview of the entire century. And that is surely a statement that Herman Grimm was right to make. “We have,” he says, “a literature of our own whose purpose is to demonstrate in *Faust* not only Goethe’s credo, but the credo of his entire century.”

[ 49 ] Ich könnte im übrigen darauf hinweisen, wie tief gegründet die Wiedergeburt Fausts nach seiner Weltenwanderung im ganzen deutschen Geistesleben ist. Welche Tiefe dieses deutsche Geistesleben selber durchgemacht hat, zeigt sich daran, daß die ganze Fülle dieses Geistesstrebens in einem solchen Werke wie dem Goetheschen «Faust» zum Ausdruck kommen konnte, und Herman Grimms Worte werden wohl wahr sein: nicht bloß Goethes Weltanschauung, sondern die Weltanschauung des ganzen Jahrhunderts. Und eine Weltanschauung, wie sie in kommende Jahrhunderte im allerweitesten Sinne hineinleben wird, ist in Goetes «Faust» zum Ausdruck gekommen. Daß das deutsche Geistesleben dieses Werk hervorbringen durfte, wird für alle künftigen Zeiten eine Tatsache sein, die gegenüber allen Vorurteilen über das deutsche Geistesleben anerkannt werden wird von denen, die unbefangen und objektiv dieses deutsche Geistesleben erfassen können. Indem der deutsche Geist des Menschen tiefstes Streben durch Goethe im «Faust» auf eine so große Weise zum Ausdruck gebracht hat, hat dieser deutsche Geist für alle Zukunft zu allen Menschen der Erdenentwickelung ein unvergängliches Wort der Erkenntnis des menschlichen Lebens im Sein und im freien Wollen und im Wirken ausgesprochen, ein Wort, das da bleiben wird, so wie bleiben wird dasjenige, was wahre, tiefe Früchte des deutschen Geisteslebens sind. Zu diesen tiefsten, wahrsten, unvergänglichen Früchten wird dasjenige gehören, was wir im «Faust» finden können. Und so darf man sagen: Man lernt ein Stück vom Unvergänglichen des deutschen Geistes selber kennen, indem man sich in Goethes «Faust» versenkt. Und dieser deutsche Geist hat zur ganzen Welt gesprochen, indem er aussprechen konnte solches, wie es nun im «Faust», um wiederum dieses Goethe-Wort zu gebrauchen, in einem offenbaren Geheimnis verborgen ist — offenbar, wenn man es nur sucht. Auch gegenüber dem «Faust» darf man das Goethe-Wort selber anwenden: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Aber man darf dieses Wort erweitern: In Werken, die aus dem Vergänglichen heraus so sich zum Ewigen hinneigen, wie der Goethesche «Faust», spricht zu gleicher Zeit das Unvergängliche in einer ewigen Art zur Ewigkeit des Menschendaseins.

[ 49 ] I might also point out how deeply rooted Faust’s rebirth after his journey through the worlds is in the entire German intellectual life. The depth that German intellectual life itself has undergone is evident in the fact that the full richness of this intellectual striving could find expression in a work such as Goethe’s *Faust*, and Herman Grimm’s words are surely true: not merely Goethe’s worldview, but the worldview of the entire century. And a worldview that will live on into the coming centuries in the broadest sense has found expression in Goethe’s *Faust*. That German intellectual life was able to produce this work will remain a fact for all future generations—one that, in the face of all prejudices against German intellectual life, will be acknowledged by those who can grasp this German intellectual life impartially and objectively. By expressing, through Goethe in *Faust*, the deepest aspirations of the German spirit in such a magnificent way, this German spirit has spoken an imperishable word of insight into human life—in being, in free will, and in action—to all people throughout the future course of earthly development; a word that will remain, just as the true, profound fruits of German intellectual life will remain. Among these deepest, truest, and imperishable fruits will be what we can find in *Faust*. And so one may say: One comes to know a part of the imperishable nature of the German spirit itself by immersing oneself in Goethe’s *Faust*. And this German spirit has spoken to the whole world by being able to express that which is now hidden in *Faust*—to use Goethe’s own words again—in an “obvious mystery”: obvious, if one only seeks it. One may also apply Goethe’s own words to *Faust* itself: “All that is transitory is but a parable.” But one may expand upon this statement: In works that, emerging from the transitory, incline toward the eternal as much as Goethe’s *Faust* does, the imperishable speaks at the same time, in an eternal manner, to the eternity of human existence.