From Central European Spiritual Life
GA 65
16 December 1915, Berlin
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From Central European Spiritual Life, tr. SOL
5. Fichtes Geist Mitten unter Uns
5. Fichte's Spirit Among Us
[ 1 ] Wir versetzen uns nach Rammenau in der Oberlausitz, einem Orte in der Nähe von Kamenz, wo Lessings Wiege gestanden hat. 1769 sei das Jahr. Ein verhältnismäßig wenig großes Häuschen steht an einem Bach. Nachweislich seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges war das Bandwirkerhandwerk bei den Geschlechtern dieses Hauses erblich. Ein durchaus nicht einmal mäßiger Wohlstand, sondern eigentlich ziemliche Armut herrschte in dem Hause. An dem Häuschen fließt ein Bach vorbei, an dem: Bache steht ein siebenjähriger Knabe, verhältnismäßig klein, eher gedrungen für sein Alter gewachsen, mit roten Backen, mit lebhaften, aber in diesem Augenblick von schwerem Leid zeugenden Augen. Der Knabe hat eben in den Bach hinein ein Buch geworfen. Das Buch schwimmt fort. Der Vater kommt aus dem Hause hinzu und wird etwa die folgenden Worte zu dem Knaben gesprochen haben: Gottlieb, was fällt dir wohl ein! Was dein Vater für teures Geld erworben hat, um dir eine große Freude zu machen, das wirfst du ins Wasser! — Der Vater war sehr böse, denn er hatte dem Knaben Gottlieb das Buch vor ganz kurzer Zeit als Geschenk gegeben, dem Knaben, der bis dahin aus Büchern nichts vernommen hatte als dasjenige, was man vernehmen kann aus der Bibel und aus dem Gesangbuch.
[ 1 ] We find ourselves in Rammenau in Upper Lusatia, a town near Kamenz, where Lessing was born. The year was 1769. A relatively small cottage stands by a stream. It is documented that the craft of ribbon weaving had been passed down through the generations of this household since the time of the Thirty Years’ War. The household was by no means even moderately prosperous; in fact, it was actually quite poor. A stream flows past the little house; standing by the stream is a seven-year-old boy, relatively small and rather stocky for his age, with red cheeks and lively eyes—though at this moment they betray deep sorrow. The boy has just thrown a book into the stream. The book floats away. The father comes out of the house and must have said something like the following to the boy: “Gottlieb, what on earth were you thinking! You’re throwing into the water something your father bought with his hard-earned money just to make you very happy!” — The father was very angry, for he had given the book to the boy Gottlieb as a gift only a short time ago—to the boy who, until then, had learned nothing from books other than what can be learned from the Bible and the hymnal.
[ 2 ] Was war nun eigentlich vorgegangen? Der junge Gottlieb hatte mit einer großen inneren Kraft bisher aufgenommen, was ihm gegeben worden war vom Inhalte von Bibel und Gesangbuch, und er war ein Knabe, der gut gelernt hatte in der Schule. Der Vater wollte ihm eine Freude machen und kaufte ihm eines Tages zum Geschenk den «Gehörnten Siegfried». Der Knabe Gottlieb vertiefte sich in die Lektüre des «Gehörnten Siegfried» ganz hinein, und die Folge davon war, daß er gescholten werden mußte wegen seiner Vergeßlichkeit und Unaufmerksamkeit in bezug auf all dasjenige, wofür er sich vorher interessiert hatte, in bezug auf seine Schulsachen. Das ging dem Knaben zu Herzen. Er hatte sein neu bekommenes Buch, den «Gehörnten Siegfried», so lieb, er hatte solch tiefes Interesse, solche tiefe Anteilnahme dafür gefaßt. Aber auf der anderen Seite stand der Gedanke lebendig vor seiner Seele: Du hast deine Pflicht versäumt! Das ging in dem siebenjährigen Knaben vor. Da ging er hin zum Bach, und warf kurzerhand das Buch in den Bach. Er bekam seine Strafe, weil er dem Vater wohl die Tatsache und seine Vornahme sagen konnte, nicht aber den eigentlichen tieferen Grund.
[ 2 ] So what had actually happened? Young Gottlieb had, up to that point, absorbed with great inner fervor what had been taught to him from the Bible and the hymnal, and he was a boy who had done well in school. His father wanted to make him happy and one day bought him a copy of *The Horned Siegfried* as a gift. The boy Gottlieb became completely absorbed in reading *The Horned Siegfried*, and as a result, he was scolded for his forgetfulness and inattentiveness regarding everything he had previously been interested in—namely, his schoolwork. This cut the boy to the quick. He loved his newly received book, *The Horned Siegfried*, so dearly; he had developed such a deep interest in it, such deep affection for it. But on the other hand, the thought stood vividly before his mind: You have neglected your duty! These thoughts were swirling through the seven-year-old boy’s mind. So he went down to the stream and, without a second thought, threw the book into the stream. He received his punishment because, although he could tell his father the fact and his intention, he could not explain the actual, deeper reason.
[ 3 ] Wir verfolgen den Knaben Gottlieb in diesem seinem Alter in noch andere Lebenslagen hinein. Wir sehen ihn zum Beispiel weit entfernt von seiner Eltern Häuschen, draußen auf einsamer Weide stehen, nachmittags von vier Uhr ab, den Blick in die Ferne gerichtet, ganz und gar versunken in den Anblick der Ferne, die um ihn ausgebreitet war. So steht er noch um fünf, so steht er um sechs Uhr, so steht er, als es zum Gebet läutet. Und der Schäfer kommt und sieht den Knaben so stehen. Er pufft ihn und macht ihn darauf aufmerksam, daß er mit ihm nach Hause gehen soll.
[ 3 ] We follow the boy Gottlieb at this age into other situations in his life. We see him, for example, standing far away from his parents’ little cottage, out in a lonely pasture, starting at four o’clock in the afternoon, his gaze fixed on the distance, completely absorbed in the view that stretched out around him. He is still standing there at five, still standing there at six, still standing there when the bell rings for prayer. And the shepherd comes by and sees the boy standing there. He nudges him and reminds him that he should go home with him.
[ 4 ] Zwei Jahre nach dem Zeitpunkt, den wir eben angenommen haben, 1771, ist der Freiherr von Miltitz beim Gutsbesitzer in Rammenau. Er wollte dahin kommen von seinem eigenen Gutsbesitz in Oberau an einem Sonntag, um das Mittagsmahl einzunehmen und einige Geselligkeit zu haben mit seinen Gutsnachbarn. Er wollte außerdem vorher die Predigt hören. Er kam aber zu spät an und konnte den ihm als biederen Mann bekannten Prediger von Rammenau nicht mehr hören. Die Predigt war schon vorüber. Das tat ihm sehr leid, und daß es ihm sehr leid tat, wurde unter den Gästen, dem Wirte und den anderen Versammelten vielfach besprochen. Da sagte man: Ja, im Dorf ist aber ein Knabe, der kann vielleicht die Predigt wiederholen; man weiß das von diesem Knaben. Und es wurde geholt der jetzt neunjährige Gottlieb. In seinem blauen Bauernkittel kam er, man stellte einige Fragen an ihn, er beantwortete sie kurz mit Ja und Nein. Er fühlte sich sehr wenig zu Hause in der vornehmen Gesellschaft. Da machte man ihm den Vorschlag, er solle die Predigt, die er eben vorher gehört habe, wiederholen. Er ging in sich, und aus einer tiefen inneren Beseeltheit heraus, mit innigstem Anteil an jedem Worte, wiederholte er vom Anfang bis zum Ende die Predigt, die er gehört hatte, vor dem Gutsnachbar seines Gutsherrn. Und so wiederholte er sie, daß man das Gefühl hatte, alles, was er sagte, käme unmittelbar aus seinem eigenen Herzen; er hätte es so in sich aufgenommen, daß er es ganz mit sich verbunden hatte. Mit innerem Feuer und Wärme, immer mehr in Feuer, immer mehr in Wärme kommend, brachte der neunjährige Gottlieb die ganze Predigt vor.
[ 4 ] Two years after the date we just mentioned, 1771, Baron von Miltitz was visiting the landowner in Rammenau. He had planned to travel there from his own estate in Oberau on a Sunday to have lunch and enjoy some socializing with his neighbors. He also wanted to hear the sermon beforehand. However, he arrived too late and was unable to hear the pastor of Rammenau, whom he knew to be a decent man. The sermon was already over. He was very sorry about this, and the fact that he was so sorry was widely discussed among the guests, the innkeeper, and the other people gathered there. Then someone said, “But there’s a boy in the village who might be able to repeat the sermon; we know this boy can do it.” And so they fetched Gottlieb, who was now nine years old. He came in his blue peasant smock; they asked him a few questions, and he answered them briefly with “yes” and “no.” He felt very out of place in such distinguished company. Then someone suggested that he repeat the sermon he had just heard. He gathered his thoughts, and out of a deep inner inspiration, with the most heartfelt commitment to every word, he repeated from beginning to end the sermon he had heard, in the presence of his landlord’s neighbor. And he repeated it in such a way that one had the feeling everything he said came directly from his own heart; he had absorbed it so deeply that it had become an integral part of himself. With inner fire and warmth, growing ever more fervent and ever more passionate, the nine-year-old Gottlieb delivered the entire sermon.
[ 5 ] Dieser neunjährige Gottlieb war der Sohn Christian Fichtes, des Bandwirkers. Der Gutsherr von Miltitz fand sich im Innersten erstaunt über das, was er auf diese Weise erlebt hatte, und sagte, er müsse für die Weiterentwickelung dieses Knaben sorgen. Und die Abnahme einer solchen Sorge mußte den Eltern wegen ihrer kümmerlichen äußeren Verhältnisse etwas außerordentlich Willkommenes sein, trotzdem sie ihren Knaben innigst liebten. Denn es waren nach Gottlieb noch viele Kinder gekommen, es war eine große Familie geworden, und man mußte die Hand des Freiherrn von Miltitz ergreifen, die sich so hilfreich bot. Und gleich mitnehmen wollte der Freiherr von Miltitz den jungen Gottlieb, den Neunjährigen, so tief ergriffen war er von dem, was er an ihm erlebt hatte. Und er nahm ihn mit zu sich nach Oberau bei Meißen. Aber der junge Gottlieb fühlte sich dort gar nicht zu Hause, in dem großen Hause, das so abstach von alledem, was er gewohnt worden war in seinem ärmlichen Bandwirkerhäuschen. In all dem Vornehmen fühlte er sich ganz und gar unglücklich. Da gab man ihn in die Nähe nach Niederau zu einem Pfarrer, der Leberecht Krebel hieß. Und da wuchs denn Gottlieb heran in einer innigen, von Liebe getragenen Umgebung, mit dem ausgezeichneten Pfarrer Leberecht Krebel. Tief, tief fand er sich hinein in all das, was ihm durch die Gespräche schimmerte, die für den ungemein begabten Knaben der wackere Pfarrer führte. Und als Gottlieb dreizehnjährig war, da konnte er mit Unterstützung seines Wohltäters in Schulpforta aufgenommen werden.
[ 5 ] This nine-year-old Gottlieb was the son of Christian Fichte, the knitter. The lord of the manor of Miltitz found himself deeply astonished by what he had witnessed, and said that he must see to the boy’s further development. And having this burden lifted must have been an extraordinary relief to the parents, given their meager financial circumstances, even though they loved their son dearly. For many children had been born after Gottlieb; it had become a large family, and they had to accept the help offered so generously by Baron von Miltitz. And Baron von Miltitz wanted to take young Gottlieb—the nine-year-old—with him right away, so deeply moved was he by what he had witnessed in the boy. And he took him with him to Oberau near Meissen. But young Gottlieb did not feel at home there at all, in the large house that was so different from everything he had grown accustomed to in his humble lace-maker’s cottage. Amid all that sophistication, he felt utterly unhappy. So he was sent to nearby Niederau to live with a pastor named Leberecht Krebel. And there Gottlieb grew up in a warm, loving environment, under the guidance of the outstanding Pastor Leberecht Krebel. He immersed himself deeply, deeply in everything that shone through in the conversations the brave pastor had with the exceptionally gifted boy. And when Gottlieb was thirteen years old, he was admitted to Schulpforta with the support of his benefactor.
[ 6 ] Nun war er versetzt in die strenge Disziplin von Schulpforta. Diese Disziplin wollte ihm gar nicht besonders behagen. Er merkte, daß die Art und Weise, wie die Zöglinge zusammenlebten, manches von Verheimlichung, manches von List im Verhalten gegenüber den Lehrern und Erziehern notwendig machte. Dabei war er ganz und gar unzufrieden mit der Art und Weise, wie ältere Jungen da zu «Obergesellen», wie man es nannte, für die jüngeren Jungen gesetzt wurden. Gottlieb hatte schon zu jener Zeit «Robinson» und manche andere Geschichte in sich aufgenommen. Unerträglich war ihm dies Schulleben zunächst geworden. Er konnte es mit seinem Herzen nicht vereinigen, daß es irgendwo, wo man der geistigen Welt entgegenwachsen sollte — so fühlte er-, Verheimlichung, List, Täuschung gäbe. Was tun? Nun, er beschloß, in die weite Welt hinaus durchzugehen. Er machte sich denn auch auf, ging einfach durch. Auf dem Wege kommt ihm der innerlich von Empfindung tief getragene Gedanke: Hast du recht getan? Darfst du das tun? Wo holt er sich Rat? Er fällt auf die Knie nieder, verrichtet ein frommes Gebet und wartet, bis ihm aus den geistigen Welten heraus irgendein innerer Wink gegeben werde, was er tun soll. Der innere Wink ging dahin, daß er umkehrte. Er kehrte freiwillig um. Das große Glück war, daß dort ein außerordentlich liebevoller Rektor war, der Rektor Geisler, der sich die ganze Sache von dem jungen Gottlieb erzählen ließ und der tiefes inneres Miterfühlen hatte mit Gottlieb; der ihn nicht strafte, der ihn sogar in eine Lage versetzte, daß der junge Gottlieb jetzt viel mehr mit sich und der Umgebung zufrieden sein konnte, als er es eigentlich nur zu wünschen vermochte. Und so konnte er sich auch anschließen an die begabtesten Lehrer.
[ 6 ] Now he had been transferred to the strict discipline of Schulpforta. This discipline did not particularly suit him. He noticed that the way the students lived together necessitated a certain amount of secrecy and cunning in their behavior toward the teachers and educators. At the same time, he was thoroughly dissatisfied with the way older boys were appointed as “senior assistants,” as they were called, to supervise the younger boys. Gottlieb had already absorbed *Robinson Crusoe* and many other stories by that time. At first, this school life had become unbearable to him. He could not reconcile it with his heart that, in a place where one was supposed to grow toward the spiritual world—so he felt—there would be secrecy, cunning, and deception. What to do? Well, he decided to set out into the wide world. So he set off, simply walking on. On the way, a thought, deeply rooted in his innermost feelings, occurred to him: Have you done the right thing? Are you allowed to do this? Where could he find guidance? He fell to his knees, offered a devout prayer, and waited until some inner sign from the spiritual worlds told him what to do. The inner sign was that he should turn back. He turned back of his own accord. It was a great stroke of luck that there was an exceptionally kind-hearted principal there, Principal Geisler, who listened to the whole story from young Gottlieb and felt deep inner compassion for him; he did not punish him, but instead put him in a position where young Gottlieb could now be much more content with himself and his surroundings than he could ever have hoped for. And so he was able to join the ranks of the most gifted teachers.
[ 7 ] Seinem Streben wurde nicht leicht Nahrung gegeben. Der junge Gottlieb, der schon in diesem Lebensalter nach dem Höchsten verlangte, durfte das, wovon er durch Hörensagen bisher gehört hatte, eigentlich nicht lesen: Goethe, Wieland, namentlich aber Lessing, sie waren dazumal eine verbotene Lektüre in Schulpforta. Aber ein Lehrer fand sich, der konnte ihm eine merkwürdige Lektüre geben: Lessings «Anti-Goeze», jene von innerer Kraft getragene Streitschrift gegen Goeze, in der alles enthalten war, was an hoher, aber freimütiger Denkungsweise, in einer freien und freimütigen Sprache Lessing als sein Glaubensbekenntnis vorzubringen hatte.
[ 7 ] His intellectual curiosity was not easily satisfied. Young Gottlieb, who even at that age yearned for the highest truths, was not actually allowed to read the works he had only heard about through hearsay: Goethe, Wieland, and especially Lessing—these were forbidden reading at Schulpforta at the time. But a teacher came along who was able to provide him with a remarkable read: Lessing’s *Anti-Goeze*, that polemic against Goeze, driven by inner strength, in which everything was contained that Lessing had to present as his creed—a lofty yet forthright way of thinking, expressed in free and candid language.
[ 8 ] So nahm Gottlieb in verhältnismäßig jungen Jahren auf, was er aus diesem «Anti-Goeze» entnehmen konnte. Nicht nur eignete er sich die Ideen an — das wäre für ihn sogar das allerwenigste gewesen —, den Stil, die Art, sich zu den höchsten Dingen zu verhalten, die Art, sich in eine Weltanschauung hineinzufinden, das nahm der junge Gottlieb auf.
[ 8 ] Thus, at a relatively young age, Gottlieb absorbed what he could glean from this “Anti-Goeze.” He not only absorbed the ideas—which would have been the least of it for him—but also the style, the way of relating to the highest things, and the way of finding one’s way into a worldview; the young Gottlieb took all of this in.
[ 9 ] Und so wuchs er denn heran in Schulpforta. Als er seine Abgangsprüfungsarbeit zu machen hatte, machte er diese über ein literarisches Thema. Eine merkwürdige Abgangsarbeit. Ganz und gar fehlte darin, was viele junge Leute tun: daß sie ihre Schulaufgaben mit allerlei philosophischen Ideen durchsetzen. Nichts von Philosophie, nichts von philosophischen Ideen und Begriffen fand sich in dieser Abgangsarbeit. Dagegen verriet sich schon darin, daß der junge Mann darauf ausging, Menschen zu beobachten, sie anzuschauen bis in ihr innerstes Herz hinein, eine erstrebte Menschenerkenntnis. Das kam gerade in dieser Schulaufgabe ganz besonders zum Ausdruck.
[ 9 ] And so he grew up in Schulpforta. When it came time to write his final thesis, he chose a literary topic. It was a peculiar final thesis. It completely lacked what many young people do: infusing their school assignments with all sorts of philosophical ideas. There was no philosophy, no philosophical ideas or concepts to be found in this final paper. Instead, it revealed that the young man was intent on observing people, looking into them right down to the very depths of their hearts—a quest for understanding human nature. This was expressed particularly clearly in this very school assignment.
[ 10 ] Nun war mittlerweile der wohltätige Freiherr von Miltitz gestorben. Was als Unterstützung in so großmütiger Weise für den jungen Gottlieb, Johann Gottlieb Fichte, dargeboten worden war, versiegte. Fichte machte sein Abiturientenexamen in Schulpforta, ging nach Jena und in tiefster Armut mußte er dort leben. Nichts konnte er mitmachen von dem, was damals Jenensisches Studentenleben war. In harter Arbeit mußte er sich von Tag zu Tag erdienen, was er für das nackte Leben brauchte. Und nur wenige Stunden konnte er verwenden, um seinem innigst strebenden Geiste selber Nahrung zuzuführen. Jena erwies sich als zu klein. Johann Gottlieb Fichte konnte sich dort nicht ernähren. Er dachte, er könne das leichter in Leipzig, der größeren Stadt. Dort versuchte er sich auf jene Stellung vorzubereiten, die für ihn das Ideal des Vaters und der Mutter war, die innerlich fromme Leute waren: für eine sächsische Pfarre, für eine Predigerstelle. Hatte er doch, ich möchte sagen, sich selber wie vorbestimmt gezeigt für eine solche Predigerstelle. Er konnte in den Überlieferungen der Schrift so aufgehen, daß er schon im Vaterhause immer wieder aufgefordert wurde, kleine Betrachtungen über diese oder jene Bibelstelle zu halten. Dazu wurde er auch wieder aufgefordert, als er bei dem wackeren Pfarrer Leberecht Krebel war. Und immer, wenn er wiederum für kurze Zeit zu Hause weilen konnte, in dem Orte, in dem das bescheidene Häuschen seiner Eltern stand, dann durfte er — denn der Pfarrer des Ortes hatte ihn gern — dort predigen. Und er predigte so, daß das, was er von sich zu geben vermochte, das biblische Wort in einer selbständigen, aber durchaus der Bibel entsprechenden Auffassung, wie aus einer heiligen Begeisterung heraus getragen war.
[ 10 ] In the meantime, the charitable Baron von Miltitz had died. The support that had so generously been provided to the young Gottlieb—Johann Gottlieb Fichte—dried up. Fichte took his high school graduation exams in Schulpforta, went to Jena, and was forced to live there in abject poverty. He could take no part in what student life in Jena entailed at that time. Through hard work, he had to earn from day to day what he needed for his bare subsistence. And he could devote only a few hours to nourishing his own deeply yearning spirit. Jena proved to be too small. Johann Gottlieb Fichte could not make a living there. He thought he would have an easier time in Leipzig, the larger city. There he tried to prepare himself for the position that represented the ideal of his father and mother—who were deeply devout people—namely, a Saxon parish, a position as a pastor. After all, I might say, he had shown himself to be, as it were, predestined for such a preaching position. He could immerse himself so deeply in the traditions of Scripture that even in his father’s house he was repeatedly asked to deliver short reflections on this or that Bible passage. He was asked to do so again when he was staying with the valiant pastor Leberecht Krebel. And whenever he was able to stay at home for a short time—in the village where his parents’ modest little house stood—he was allowed to preach there, for the local pastor was fond of him. And he preached in such a way that what he was able to convey—the Word of God, interpreted in an independent yet thoroughly biblical manner—seemed to flow from a sacred inspiration.
[ 11 ] So wollte er sich denn in Leipzig für seinen ländlichen theologischen Beruf vorbereiten. Aber es war schwierig. Schwierig war es für ihn, eine Erzieherstelle zu bekommen, die er glaubte ausfüllen zu können. Mit Korrekturen, mit Hauslehrertum beschäftigte er sich. Aber hart wurde ihm dieses Leben. Und vor allen Dingen: er konnte während dieses Lebens nicht dazu kommen, wirklich sich selber geistig weiter zu bringen. Sechsundzwanzigjährig war er schon. Es war eine harte Zeit für ihn. Er hatte eines Tages gar nichts mehr und keine Aussicht, in den nächsten Tagen etwas zu bekommen; keine Aussicht, daß er, wenn es so fort ginge, auch nur den bescheidensten Beruf jemals erreichen könne, den er sich vorgesetzt hatte. Von zu Hause konnte er nur in der allerspärlichsten Weise unterstützt werden; wie ich schon sagte: es war eine mit Kindern sehr reich gesegnete Familie.
[ 11 ] So he decided to prepare for his rural theological vocation in Leipzig. But it was difficult. It was hard for him to find a teaching position that he believed he could handle. He occupied himself with grading papers and private tutoring. But this life became difficult for him. And above all: during this time, he was unable to truly advance his own spiritual development. He was already twenty-six years old. It was a difficult time for him. One day he had absolutely nothing left and no prospect of getting anything in the coming days; no prospect that, if things continued this way, he would ever be able to attain even the most modest profession he had set his sights on. He could receive only the most meager support from home; as I already mentioned, it was a family blessed with many children.
[ 12 ] Da stand er eines Tages vor dem Abgrund, und die Frage tauchte wie eine wilde Versuchung vor seiner Seele auf: Keine Aussicht für dieses Leben? — Nicht ganz mochte er es sich zum Bewußtsein gebracht haben, aber im Untergrund des Bewußtseins lauerte der selbstgesuchte Tod. Da kam zur rechten Zeit der ihm befreundet gewordene Dichter Weiße. Er bot ihm eine Hauslehrerstelle in Zürich an und sorgte dafür, daß er diese Hauslehrerstelle auch wirklich in drei Monaten antreten konnte. Und so finden wir denn vom Herbst 1788 an unseren Johann Gottlieb Fichte in Zürich. Versuchen wir wiederum mit dem Seelenblick ihn zu verfolgen, wie er im Münster von Zürich auf der Kanzel steht, jetzt ganz ausgefüllt von seiner eigenen Auffassung des Johannes-Evangeliums, schon ganz erfüllt von dem Bestreben, dasjenige, was in der Bibel zum Ausdruck kommt, in einer eigenen Weise wiederzugeben. So daß man, wenn man seine begeisternden Worte im Dom von Zürich ertönen hörte, glauben konnte, es sei einer aufgestanden, der die Bibel in einer ganz neuen Weise, wie durch eine neue Inspiration, in ein ganz neues Wort hinein zu gießen vermochte. Diesen Eindruck hatten ja gewiß viele, die ihn damals im Dom von Zürich hörten.
[ 12 ] One day he found himself standing on the brink of the abyss, and the question arose in his soul like a wild temptation: Is there no hope for this life? — He may not have fully brought it to his conscious awareness, but in the depths of his consciousness, self-inflicted death lay in wait. Then, at just the right moment, the poet Weiße—who had become his friend—appeared. He offered him a position as a private tutor in Zurich and made sure that he could actually take up this position in three months. And so, beginning in the fall of 1788, we find our Johann Gottlieb Fichte in Zurich. Let us once again try to follow him with the eye of the soul as he stands in the pulpit of Zurich Cathedral, now completely absorbed in his own interpretation of the Gospel of John, already fully imbued with the desire to convey what is expressed in the Bible in his own unique way. So that when one heard his inspiring words resound in Zurich Cathedral, one could believe that someone had risen who was able to pour the Bible into a completely new message, as if through a new inspiration. Many who heard him in Zurich Cathedral at that time certainly had this impression.
[ 13 ] Und dann wiederum verfolgen wir ihn in eine andere Lebenslage hinein. Er wurde Erzieher im Hause Ott, im Gasthof «Zum Schwert» in Zürich. Er schickte sich nur im geringen Maße hinein in die eigentümliche vorurteilsvolle Anschauung, die man ihm dort entgegenbrachte. Mit seinen Zöglingen war er gut ausgekommen, weniger gut mit deren Eltern. Und wir spüren, was Fichte ist, aus dem Folgenden. Eines Tages bekam die Mutter der Zöglinge eine merkwürdige Zuschrift von dem Hauslehrer. Was stand in dieser Zuschrift? Ungefähr stand darin: das Erziehen sei eine Aufgabe, der er sich — er meinte sich selber, Johann Gottlieb Fichte — gern unterwerfen möchte. Und was er von den Zöglingen wisse und an ihnen kennen gelernt habe, gebe ihm die sichere Aussicht, daß er mit ihnen recht viel machen könne. Aber die Erziehung müsse an einem gewissen Punkte aufgenommen werden; vor allen Dingen müsse die Mutter erzogen werden. Denn eine Mutter, die sich zum Zögling so verhalte, die sei das größte Hindernis für eine Erziehung im Hause. - Ich brauche nicht auszumalen, mit welch eigentümlichen Empfindungen die Frau Ott in Zürich dieses Schriftstück las. Aber die Sache wurde noch einmal überbrückt. Johann Gottlieb Fichte konnte in dem Hause Ott in Zürich in einer gesegneten Weise wirken, bis in den Frühling 1790, also mehr als anderthalb Jahre.
[ 13 ] And then, once again, we follow him into a different phase of his life. He became a tutor in the Ott household, at the “Zum Schwert” inn in Zurich. He only went along to a limited extent with the peculiar, prejudiced views that were directed at him there. He got along well with his pupils, but less so with their parents. And we get a sense of who Fichte is from the following. One day, the pupils’ mother received a curious letter from the tutor. What did this letter say? It said, more or less, that education was a task to which he—meaning himself, Johann Gottlieb Fichte—would gladly submit. And what he knew of the pupils and had learned from them gave him the confident assurance that he could accomplish quite a great deal with them. But the education must begin at a certain point; above all, the mother must be educated. For a mother who behaves in such a way toward her child is the greatest obstacle to an education in the home. - I need not describe the peculiar feelings with which Mrs. Ott in Zurich read this document. But the matter was set aside once again. Johann Gottlieb Fichte was able to work in a blessed way in the Ott household in Zurich until the spring of 1790—that is, for more than a year and a half.
[ 14 ] Aber Fichte war durchaus nicht geeignet, dasjenige, was seine Seele umfaßte, einzuschließen in seinen Beruf. Er war durchaus nicht geeignet, den Blick hinwegzuwenden von dem, was in der Geisteskultur um ihn herum vorging. Er wuchs durch den inneren Eifer und durch den inneren Anteil, den er an allem nahm, was in der Welt geistig um ihn herum vorging, hinein in das, was geistig um ihn herum vorging. Ja, er wuchs in das alles hinein. Hinein wuchs er im Schweizerlande in das, was dazumal an Gedanken alle Menschen erfüllte, was herübergedacht wurde von der ausbrechenden französischen Revolution. Wir können ihn belauschen, möchte ich sagen, wie er in Olten, als er einen besonders begabten Menschen findet, mit diesem über die Fragen diskutiert, die in einer so bedeutsam eingreifenden Weise dazumal Frankreich und die Welt erfüllten; wie er fand, daß das die Ideen seien, denen man sich jetzt widmen müsse; wie er all dasjenige, was aus seiner tiefen Religiosität und aus seinem scharfen Geiste heraus ihn innerlich beschäftigte, hineintrug in die Gedanken der Menschenbeglückung, in die Gedanken der Menschenrechte, der hohen Menschenideale.
[ 14 ] But Fichte was by no means suited to confine what his soul encompassed within the scope of his profession. He was by no means suited to turn his gaze away from what was taking place in the cultural life around him. Through his inner zeal and the deep involvement he felt in everything happening in the intellectual world around him, he grew into that very world. Indeed, he grew into all of it. In Switzerland, he grew into the ideas that filled everyone’s minds at that time—ideas that had spread from the burgeoning French Revolution. We can almost hear him, I would say, as he was in Olten, when he met a particularly gifted person, discussing with him the questions that so profoundly and significantly filled France and the world at that time; how he felt that these were the ideas to which one must now devote oneself; how he incorporated everything that preoccupied him inwardly—arising from his deep religiosity and his sharp intellect—into the ideas of human happiness, human rights, and lofty human ideals.
[ 15 ] Fichte war kein Selbstling, der bloß starr aus seinem Innern heraus seine Seele entwickeln konnte. Diese Seele wuchs zusammen mit der Außenwelt. Diese Seele fühlte wie unbewußt die Pflicht eines Menschen, nicht nur für sich selbst zu sein, sondern als ein Ausdruck dazustehen dessen, was die Welt will in der Zeit, in der man lebt. Das war ein tiefstes Fühlen, ein tiefstes Empfinden in Fichte. Und so wuchs er denn zusammen gerade in der Zeit, in der er, man möchte sagen, am allermeisten empfänglich war für das Zusammenwachsen seiner Seele mit dem, was in seiner geistigen Umgebung lebte und webte, — so wuchs er zusammen mit dem schweizerischen Element, und aus diesem schweizerisch-deutschen Element heraus finden wir immer einen Einschlag in dem ganzen Fichte, wie er später wirkt und lebt.
[ 15 ] Fichte was not a recluse who could merely develop his soul rigidly from within. This soul grew in tandem with the outside world. This soul felt, as if unconsciously, the duty of a human being not only to exist for oneself, but to stand as an expression of what the world desires in the time in which one lives. This was a profound feeling, a profound sensibility within Fichte. And so he grew together precisely at the time when he was, one might say, most receptive to the fusion of his soul with what lived and took shape in his intellectual environment—he grew together with the Swiss element, and from this Swiss-German element we always find an influence throughout the entire Fichte, as he later worked and lived.
[ 16 ] Man muß ein Verständnis haben für den tiefgehenden Unterschied dessen, was in der Schweiz lebt, von dem, was schon, ich möchte sagen, ein wenig nördlich in Deutschland lebt, wenn man den Eindruck begreifen will, den gerade schweizerische Umgebung, schweizerisches Menschentum und Menschenstreben auf Fichte machte. Es unterscheidet sich zum Beispiel wesentlich von anderem Deutschtum dadurch, daß es alles, was geistiges Leben ist, mit einem gewissen selbstbewußten Element durchdringt, so daß das ganze Kulturelement einen politischen Ausdruck bekommt; daß alles so gedacht wird, daß der Mensch sich durch das Gedachte hineingestellt fühlt in das unmittelbare Handeln, in die Welt. Kunst, Wissenschaft, Literatur, sie stehen wie einzelne Nebenflüsse des gesamten Lebens für dieses schweizerische Deutschtum da.
[ 16 ] One must understand the profound difference between what is alive in Switzerland and what is alive—I would say—a little further north in Germany, if one is to grasp the impression that the Swiss environment, Swiss humanity, and human aspirations made on Fichte. It differs, for example, significantly from other forms of German culture in that it permeates everything that constitutes intellectual life with a certain element of self-confidence, so that the entire cultural element takes on a political expression; that everything is conceived in such a way that, through thought, a person feels placed directly within action, within the world. Art, science, and literature stand as individual tributaries of life as a whole, representing this Swiss German identity.
[ 17 ] Das war es, was sich auch mit Fichtes Seelenelement in der schönsten Weise verbinden konnte. Er war auch ein Mensch, der nicht irgendeine menschliche Betätigung oder irgendeine menschliche Bestrebung einzeln denken konnte. Alles Einzelne mußte sich in das Gesamte des menschlichen Tuns und des menschlichen Sinnens und des menschlichen Empfindens und der ganzen menschlichen Weltanschauung eingliedern. Dabei war unmittelbar verbunden auch in Fichte dasjenige, was er wirken konnte, mit seiner immer stärker und stärker werdenden unmittelbaren Persönlichkeit. Wer Fichte heute liest, wer sich auf seine ja auch inhaltlich oftmals so trocken erscheinenden Schriften, auf das Geistsprühende einzelner Abhandlungen, einzelner Schriften einläßt, der wird keine Vorstellung von dem bekommen, was Fichte gewesen sein muß, wenn er all sein inneres Feuer, sein inneres Dabeisein bei dem, was er geistig meinte und was er geistig durchdrungen hatte, in die Rede hineinlegte. Denn in die Rede floß aus dasjenige, was er war. Daher versuchte er auch — es war ein mißglückter Versuch -, sogar damals in Zürich eine Redeschule zu gründen. Denn er glaubte, daß durch die Art und Weise, wie das Geistige an den Menschen gebracht werden kann, in der Tat in ganz anderer Art gewirkt werden kann, als bloß durch den sei es auch noch so gediegenen Inhalt.
[ 17 ] This was what could also be combined in the most beautiful way with Fichte’s “element of the soul.” He, too, was a person who could not conceive of any human activity or any human endeavor in isolation. Every individual aspect had to be integrated into the totality of human action, human thought, human feeling, and the entire human worldview. In Fichte, too, what he was able to accomplish was directly linked to his ever-growing, immediate personality. Anyone who reads Fichte today, anyone who engages with his writings—which, in terms of content, often seem so dry—and with the intellectual brilliance of individual treatises and essays, will have no conception of what Fichte must have been like when he poured all his inner fire, his inner engagement with what he meant intellectually and what he had intellectually penetrated, into his speech. For what he was flowed out into his speech. That is why he even attempted—though it was an unsuccessful attempt—to found a school of public speaking back then in Zurich. For he believed that the way in which the spiritual can be conveyed to people can, in fact, have an entirely different effect than merely through content, however sound it may be.
[ 18 ] Einen anregenden, die Seele tief ergreifenden Umgang hat Fichte auch gerade in Zürich im Hause Rahn gefunden, eines damals begüterten Schweizers, der der Schwager Klopstocks war. Und innige Neigung zu der Tochter, zu Johanna Rahn, faßte Fichte. Innige Freundschaft, die sich immer mehr zur Liebe hin entwickelte, verband ihn mit der Nichte Klopstocks. Zunächst war die Hauslehrerstelle in Zürich nicht mehr recht haltbar. Fichte mußte weiter sehen. Er wollte nicht etwa jetzt schon, bevor er etwas war in der Welt — das sprach er dazumal genügend oft aus -, irgendwie in das Haus Rahn als Mitglied treten und etwa von den Mitteln des Hauses Rahn leben. Er wollte weiterhin seinen Weg in der Welt suchen; wir dürfen bei ihm nicht sagen: sein Glück, sondern wir müssen sagen: seinen Weg in der Welt suchen.
[ 18 ] It was in Zurich, at the home of Rahn—a wealthy Swiss man at the time who was Klopstock’s brother-in-law—that Fichte found a stimulating circle of friends that deeply moved his soul. And Fichte developed a deep affection for the daughter, Johanna Rahn. A close friendship—which gradually blossomed into love—bound him to Klopstock’s niece. Eventually, his position as a private tutor in Zurich became untenable. Fichte had to look ahead. He did not want—even now, before he had made a name for himself in the world—as he often stated at the time—to somehow become a member of the Rahn household and live off the Rahn family’s resources. He wanted to continue seeking his path in the world; we must not speak of his “happiness,” but rather of his “path in the world.”
[ 19 ] Er ging wiederum nach Deutschland zurück, nach Leipzig. Er dachte sich dort eine Zeitlang aufzuhalten; er hoffte dort dasjenige zu finden, was sein eigentlicher Beruf sein könne, jene Form des seelischen Ausdrucks zu finden, die er zu seinem Lebenswege machen wollte. Dann wollte er nach einiger Zeit zurückkehren, um dasjenige frei auszuarbeiten, was er mit seiner Seele vereint hat. Da geschah etwas Unerwartetes, das seine Lebenspläne alle änderte. Rahn brach zusammen, verlor sein ganzes Vermögen. Nicht nur die Sorge quälte ihn jetzt, daß die Leute, die ihm die liebsten waren, in Armut verfallen waren, sondern er mußte nun gewissermaßen den Wanderstab ergreifen und weiter in die Welt ziehen, mußte seine Lieblingspläne aufgeben, die sich ihm vom Innern der Seele heraus eröffnet hatten.
[ 19 ] He returned once again to Germany, to Leipzig. He planned to stay there for a while; he hoped to find there what might be his true calling—that form of spiritual expression he wished to make his life’s path. Then, after some time, he intended to return to freely develop what he had united with his soul. But then something unexpected happened that changed all his life plans. Rahn suffered a financial collapse and lost his entire fortune. Not only was he now tormented by the worry that the people dearest to him had fallen into poverty, but he was now, so to speak, forced to take up his walking stick and journey further into the world, having to abandon his cherished plans, which had revealed themselves to him from the depths of his soul.
[ 20 ] Zunächst bot sich ihm eine Hauslehrerstelle in Warschau. Allein, schon als er dort ankam und sich vorstellte, fand die Aristokratin, in deren Haus er eintreten sollte, daß die schon damals und auch später von manchen fest, energisch gefundenen Bewegungen Fichtes eigentlich linkisch seien; daß er gar keine Begabung hätte, sich in irgendeine Gesellschaft hineinzufinden. Man ließ ihn das merken. Das konnte er nicht vertragen. Da ging er denn fort.
[ 20 ] First, he was offered a position as a private tutor in Warsaw. However, as soon as he arrived there and introduced himself, the aristocrat in whose household he was to take up his post found that Fichte’s mannerisms—which even then, and later on, many considered firm and energetic—were actually awkward; that he had no talent whatsoever for fitting into any social circle. They made this clear to him. He could not bear it. So he left.
[ 21 ] Sein Weg führte ihn nun an diejenige Stätte, wo er zunächst glauben konnte, einen Menschen zu finden, den er unter allen Menschen nicht nur seiner damaligen Gegenwart, sondern des ganzen Zeitalters, am höchsten verehrte und dem er nahegetreten war, nachdem er eine Zeitlang ganz in der Weltanschauung Spinozas aufgegangen war; einen Menschen, dem er nahegetreten war, indem er seine Schriften studiert hatte, in die er sich ganz, ganz hineingefunden hatte, so daß, wie ehemals die Bibel oder andere Schriften, jetzt in einer ganz besonderen neuen Form die Schriften dieses Mannes vor ihm standen, — nämlich Immanuel Kant. Er machte den Weg nach Königsberg. Und er saß zu Füßen des großen Lehrers und fand sich ganz hinein in die Art und Weise, wie seine Seele widerspiegeln konnte dasjenige, was er für die größte Lehre hielt, die der Menschheit jemals gegeben worden war. Und es verband sich in der Seele Fichtes dasjenige, was in seiner Seele lebte, aus seinem frommen Sinn heraus, aus seinem Sinnen über die göttliche Weltenlenkung und über die Art und Weise, wie die Geheimnisse dieser Weltenlenkung von jeher der Menschheit, der Welt verkündet worden sind, mit dem, was er gelernt und gehört hatte von Kant. Und das, was in seiner Seele entstand, verarbeitete er zu einem Werke, dem er den Titel gab «Kritik aller Offenbarung». 1792 war das. 1762 ist Fichte geboren, dreißigjährig war er. Ein Merkwürdiges trat dazumal ein. Kant empfahl sogleich einen Verleger für das Werk, von dem er hingerissen war: «Kritik aller Offenbarung.» Das Werk ging in die Welt hinaus ohne den Namen des Verfassers. Kein Mensch hielt es für etwas anderes als ein Werk Immanuel Kants selber. Die guten Kritiken flogen nur so von allen Seiten herbei. Unerträglich war das Fichte, der mittlerweile, wiederum durch Vermittlung Kants, eine ihm jetzt sehr zusagende Hauslehrerstelle in dem ausgezeichneten Hause Krockow, in der Nähe von Danzig, bekommen hatte, wo er auch seinen geistigen Bestrebungen frei nachleben konnte. Unerträglich war es ihm, so vor der Welt dazustehen, daß man eigentlich, indem man über sein Werk sprach, einen andern meinte. Der bald vergriffenen ersten Auflage folgte eine zweite, Da nannte er sich. Jetzt machte er allerdings eine merkwürdige Erfahrung. Nun, jetzt geradezu das Entgegengesetzte von dem zu sagen, was man früher gesagt hatte, war doch wenigstens einer großen Anzahl von Kritikern nicht möglich; aber man dämpfte das Urteil herab, das man früher gehabt hatte. Es war wieder ein Stück Menschenkenntnis, das sich Fichte angeeignet hatte.
[ 21 ] His path now led him to the very place where he initially believed he might find a person whom he revered above all others—not only among those living at that time but of the entire era—and to whom he had drawn near after having, for a time, become completely absorbed in Spinoza’s worldview; a man whom he had drawn close to by studying his writings, into which he had immersed himself completely, so that—just as the Bible or other writings had once been for him—the writings of this man now stood before him in a very special, new form: namely, Immanuel Kant. He made his way to Königsberg. And he sat at the feet of the great teacher and found himself completely immersed in the way his soul could reflect what he considered the greatest teaching ever given to humanity. And within Fichte’s soul, what lived there—arising from his devout sensibility, from his reflections on divine providence and on the way in which the mysteries of this providence had always been revealed to humanity and to the world—merged with what he had learned and heard from Kant. And what arose in his soul, he crafted into a work to which he gave the title *Critique of All Revelation*. That was in 1792. Fichte was born in 1762; he was thirty years old. Something remarkable happened at that time. Kant immediately recommended a publisher for the work, by which he was enthralled: *Critique of All Revelation*. The work was published without the author’s name. No one thought it was anything other than a work by Immanuel Kant himself. Rave reviews poured in from all sides. This was unbearable for Fichte, who, again through Kant’s mediation, had by then secured a position as a private tutor—one that now suited him very well—in the distinguished Krockow household near Danzig, where he could also freely pursue his intellectual pursuits. It was unbearable for him to be viewed by the world in such a way that, when people spoke of his work, they were actually referring to someone else. The first edition, which soon went out of print, was followed by a second, in which he signed his own name. Now, however, he had a curious experience. Well, it was impossible—at least for a large number of critics—to say the exact opposite of what had been said earlier; but they did tone down the judgment they had previously held. It was yet another insight into human nature that Fichte had acquired.
[ 22 ] Nachdem er eine Zeit in dem Krockowschen Hause verbracht hatte, konnte er den Plan fassen, nach der Art und Weise, wie er jetzt in die Welt hineingestellt war, nicht etwa äußerlich, sondern geistig — er hatte gezeigt, daß er etwas vermochte —, zurückzugehen in das Haus Rahn; nur so wollte er Klopstocks Nichte für sich gewinnen, jetzt konnte er es tun. Und da ging er denn 1793 wiederum nach Zürich zurück. Klopstocks Nichte wurde seine Frau.
[ 22 ] After spending some time in the Krockow household, he was able to form a plan—given the position he now held in society, not outwardly but intellectually (he had shown that he was capable of something)—to return to the Rahn household; that was the only way he could win Klopstock’s niece for himself, and now he was able to do so. And so, in 1793, he returned to Zurich. Klopstock’s niece became his wife.
[ 23 ] Nicht nur, daß er jetzt im tiefsten Sinne an dem weiterarbeitete, was er als Kantische Ideen aufgenommen hatte, sondern er vertiefte sich auch weiter in all das, was ihn schon bei seinem ersten Aufenthalt in Zürich beschäftigt hatte; er vertiefte sich in das, was jetzt durch die Welt ging an Ideen von Menschenzielen und Menschenidealen. Und er verwob die Art und Weise, wie er selber denken mußte über Menschenstreben und Menschenideale, mit dem, was jetzt durch die Welt ging. Und er war eine so selbständige Natur, daß er nicht anders konnte, als der Welt zu sagen, was er denken mußte über dasjenige, was jetzt die radikalsten Naturen über den Menschheitsfortschritt dachten. «Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution», das war das Buch, das jetzt 1793 von ihm erschien.
[ 23 ] Not only was he now, in the deepest sense, continuing to develop what he had absorbed as Kantian ideas, but he also delved further into everything that had already occupied him during his first stay in Zurich; he immersed himself in the ideas about human goals and ideals that were now circulating throughout the world. And he wove together his own way of thinking about human aspirations and ideals with what was currently circulating in the world. And he was such an independent spirit that he could not help but tell the world what he thought about what the most radical minds were now thinking regarding human progress. *Contributions Toward Correcting Public Opinions on the French Revolution* was the title of the book he published in 1793.
[ 24 ] Gleichzeitig mit der Ausarbeitung dieses Buches ging ein fortwährendes innerliches Weiterarbeiten an den Weltanschauungsidee, die er aus der Kantischen Weltanschauung heraus für sich gewonnen hatte. Es müsse eine Weltanschauung geben, so sagte er sich, welche aus einem obersten Impuls für das menschliche Wissen alles Wissen erleuchten könne. Und diese Weltanschauung, die nach dem Höchsten so fragt, daß man kein Höheres mehr für das Wissen jemals auffinden könne, das schwebte Fichte als ein Ideal vor.
[ 24 ] While working on this book, he was simultaneously engaged in a continuous, inner process of refining the philosophical ideas he had developed for himself based on Kant’s worldview. There must be a worldview, he told himself, which, stemming from a supreme impulse for human knowledge, could illuminate all knowledge. And this worldview—which inquires after the Supreme in such a way that one could never find anything higher for knowledge—was what Fichte envisioned as an ideal.
[ 25 ] In einer merkwürdigen Weise verketten sich die Umstände. Während er noch also mit der inneren Ausarbeitung seiner Ideen beschäftigt war, bekam er eine Zuschrift von Jena, von Jena-Weimar. Solchen Eindruck hatte dort gemacht, was Fichte geleistet hatte, daß, als Karl Leonhard Reinhold von der Jenenser Universität abging, Fichte auf Grundlage dessen, was er geleistet hatte, aufgefordert wurde, die Professur der Philosophie zu übernehmen. Mit innigster Befriedigung begrüßten diejenigen, die dazumal an dem Geistesleben der Universität Jena beteiligt waren, die Idee, diesen Geist, der ihnen auf der einen Seite wie ein Brausekopf, auf der anderen Seite aber wie ein gerade in Weltanschauungsfragen nach dem Höchsten hin Strebender erschien, an die damals berühmteste und besuchteste Hochschule des deutschen Volkes zu holen.
[ 25 ] Circumstances unfolded in a curious way. While he was still engaged in the internal elaboration of his ideas, he received a letter from Jena—specifically, from Jena-Weimar. Fichte’s achievements had made such an impression there that, when Karl Leonhard Reinhold left the University of Jena, Fichte was asked to take over the professorship of philosophy on the basis of his accomplishments. Those who were involved in the intellectual life of the University of Jena at the time welcomed with the deepest satisfaction the idea of bringing this spirit—who appeared to them, on the one hand, as a hothead, but on the other, as someone striving for the highest in matters of worldview—to what was then the most famous and most attended university of the German people.
[ 26 ] Und jetzt versuchen wir einmal, ihn als Verwalter der angetretenen Lehrerstelle ins geistige Auge zu fassen. Was sich ihm als seine Weltanschauung ergeben hatte, wollte er denen überbringen, die jetzt vom Jahre 1794 ab seine Zöglinge waren. Aber Fichte war nicht ein Lehrer wie andere. Sehen wir zuerst darauf, was sich ihm in seiner Seele ergeben hatte. Man kann es nicht mit seinen Worten unmittelbar sagen — das würde zu lange dauern -, aber man kann es ganz aus seinem Geist heraus charakterisieren. Nach einem Höchsten suchte er, nach einem solchen, wo der Menschengeist das Weltenströmen, das Weltengeheimnis an einem Punkte erfassen konnte, wo der Geist unmittelbar eins war mit diesem Weltenströmen, mit diesem Weltengeheimnis. So daß der Mensch, indem er hineinsah in dieses Weltengeheimnis, sein eigenes Dasein mit diesem Geheimnis verbinden konnte, es also wissen konnte. Das konnte man nicht in irgend einem äußeren sinnlichen Dasein finden. Das konnte kein Auge, kein Ohr, kein anderer Sinn, das konnte auch nicht der gewöhnliche menschliche Verstand finden. Denn all dasjenige, was man mit den Sinnen äußerlich schauen kann, das muß erst der menschliche Verstand kombinieren, das hat sein Sein in der äußeren Welt; man kann es nur seiend nennen, wenn man das Sein sozusagen bekräftigt bekommt durch das, was man sinnlich beobachtet. Das ist kein wahres Sein. Mindestens kann man über das wahre Sein desjenigen, das sich nur den Sinnen darbietet, zunächst gar kein Urteil gewinnen. Im Innersten des Ich selber muß der Quell alles Wissens aufgehen. Das kann aber nicht ein fertig Seiendes sein, denn ein fertig Seiendes im Innern wäre gleich dem, was als ein fertig Seiendes den äußeren Sinnen gegeben wird. Das muß ein Schaffendes sein. Das ist das Ich selber, jenes Ich, das sich in jedem Augenblick neu schafft; jenes Ich, dem nicht ein fertiges Sein, sondern eine innere Tathandlung zugrunde liegt; jenes Ich, dem das Sein deshalb nicht genommen werden kann, weil sein Sein in seinem Schaffen, in seinem Selbstschaffen besteht. Und in dieses Selbstschaffen fließt hinein alles das, was wahres Sein hat. Also hinaus mit diesem Ich aus allem Sinnensein, hinein in die Sphären, wo der Geist wallt und webt, wo der Geist als Schaffendes wirkt! Anfassen dieses geistige Leben und Wirken da, wo das Ich vereinigt ist mit dem geistigen Wirken und Weben der Welt; sich durchdringen mit dem, was nicht äußeres, fertiges Sein ist, sondern was aus dem Quell des göttlichen Weltenlebens heraus das Ich schafft, zuerst als Ich, und dann als dasjenige, was die Ideale der Menschheit sind, was die großen Pflichtideen sind.
[ 26 ] And now let us try to picture him in our mind’s eye as he took up his new position as a teacher. He wanted to convey the worldview that had taken shape within him to those who, beginning in 1794, were now his students. But Fichte was not a teacher like any other. Let us first consider what had taken shape within his soul. It cannot be expressed directly in his own words—that would take too long—but it can be characterized entirely from the perspective of his spirit. He sought a Supreme Being—one in whom the human spirit could grasp the flow of the universe, the mystery of the universe, at a single point; a point where the spirit was directly one with this flow of the universe, with this mystery of the universe. So that, by looking into this mystery of the universe, a person could connect their own existence with this mystery—and thus come to know it. This could not be found in any external, sensory existence. No eye, no ear, no other sense—nor even the ordinary human intellect—could find it. For everything that can be perceived externally through the senses must first be synthesized by the human intellect; it has its being in the external world; one can only call it “being” if one’s sense perception, so to speak, confirms that existence through what is observed. That is not true being. At the very least, one cannot initially form any judgment whatsoever about the true being of that which presents itself only to the senses. The source of all knowledge must spring from the innermost core of the “I” itself. But this cannot be something that is already fully existent, for something already fully existent within would be equivalent to what is presented to the external senses as something already fully existent. It must be something creative. This is the “I” itself—that “I” which creates itself anew at every moment; that “I” which is based not on a finished existence but on an inner act of creation; that “I” from which being cannot be taken away, because its being consists in its creation, in its self-creation. And into this self-creation flows everything that possesses true being. So let us step out with this “I” from all sensory existence, into the spheres where the spirit surges and weaves, where the spirit acts as a creative force! To grasp this spiritual life and activity there, where the “I” is united with the spiritual activity and weaving of the world; to become imbued with that which is not an external, completed existence, but rather what the “I” creates from the source of divine world life—first as the “I,” and then as that which constitutes the ideals of humanity, the great ideals of duty.
[ 27 ] Das war die Kantische Philosophie in Fichtes Seele geworden. Und so wollte er vor seine Zuhörer auch nicht eine fertige Lehre bringen; darauf kam es ihm nicht an. Das war bei Fichte kein Vortrag wie ein anderer Vortrag, das war keine Lehre wie eine andere Lehre ist. Nein, wenn dieser Mann sich vor den Lehrtisch stellte, dann war das, was er dort zu sagen hatte oder, besser gesagt, was er dort zu tun hatte, das Ergebnis einer langen, vielstündigen Meditation, in der er vermeinte innerlich, in dem über alles sinnliche Sein erhaben sich selbst schaffenden Ich hereinfließen zu sehen das göttliche Sein, das göttlich-geistige Weben und Wirken, das die Welt durchzieht und durchwallt. Nachdem er lange Zwiesprache bei sich selber darüber gehalten hatte, was der Weltengeist der Seele zu sagen hat über die Weltgeheimnisse, ging er vor seine Zuhörer hin. Dann kam es ihm aber nicht darauf an, mitzuteilen, was er mitzuteilen hatte, sondern darauf, daß sich eine gemeinsame Atmosphäre von ihm über seine Zuhörer hin ausbreite. Darauf kam es ihm an, daß dasjenige, was in seiner Seele über die Weltengeheimnisse lebendig geworden war, auch in der Seele seiner Zuhörer unmittelbar lebendig werde. Wecken wollte er geistiges Leben, wecken wollte er geistiges Sein. Herausholen wollte er aus den Seelen seiner Zuhörer selbstschöpferisches geistiges Tun, indem sie an seinen Worten hingen. Nicht teilte er bloß mit. Von folgender Art etwa war das, was er seinen Zuhörern geben wollte. Eines Tages, als er anschaulich machen wollte dieses Selbstschöpferische des Ich — wie auch im Ich alle Denktätigkeit werden kann und wie der Mensch nicht anders zu einem wirklichen Erfassen der Weltengeheimnisse kommen kann als dadurch, daß er dieses Selbstschöpferische im Ich erfaßt -—, als er die geistige Welt mit seinen Zuhörern ergreifend, gleichsam jedem die geistige Hand führend in die geistige Welt hinein, ‘dieses erreichen wollte, da sagte er zum Beispiel: Denken Sie sich einmal die Wand, meine Hörer! Nun, ich hoffe, Sie haben jetzt eine Wand gedacht. Die Wand ist jetzt als Gedanke, als Vorstellung in Ihrer Seele. Jetzt denken Sie sich den, der die Wand denkt. Sehen Sie ganz ab von allem Denken der Wand. Denken Sie ganz, ganz den, der die Wand denkt!
[ 27 ] Kantian philosophy had become part of Fichte’s very being. And so he did not wish to present his listeners with a ready-made doctrine; that was not what mattered to him. For Fichte, this was not a lecture like any other; it was not a doctrine like any other. No, when this man stood at the lectern, what he had to say there—or, rather, what he had to do there—was the result of a long meditation lasting many hours, during which he believed he saw the divine Being—that divine spiritual weaving and working that permeates and surges through the world. After he had long engaged in inner dialogue with himself about what the world spirit has to say to the soul regarding the mysteries of the world, he stepped before his listeners. Yet his aim was not to convey what he had to convey, but rather to ensure that a shared atmosphere spread out from him and over his listeners. His aim was for that which had come alive in his own soul regarding the mysteries of the world to also come immediately alive in the souls of his listeners. He wanted to awaken spiritual life; he wanted to awaken spiritual being. He wanted to draw forth from the souls of his listeners a self-creative spiritual activity as they hung on his every word. He did not merely convey information. What he wanted to give his listeners was something like the following. One day, when he wanted to illustrate this self-creative aspect of the “I”—how all thinking activity can arise within the “I,” and how a person can attain a true understanding of the mysteries of the worlds only by grasping this self-creative aspect within the “I” — when he was drawing his listeners into the spiritual world, as it were, leading each one by the spiritual hand into that world, and “wanted to achieve this,” he said, for example: “Imagine a wall, my listeners! Well, I hope you have now imagined a wall. The wall is now a thought, an image in your soul. Now imagine the one who thinks of the wall. Set aside all thoughts of the wall entirely. Think entirely, entirely of the one who thinks of the wall!”
[ 28 ] Unruhig wurden manche Zuhörer, aber zu gleicher Zeit im tiefsten Innern ergriffen von der unmittelbaren Art, von dem unmittelbaren Verhältnis, in das sich Fichte zu seinen Zuhörern versetzen wollte. Geist aus Fichtes Seele sollte den Geist in seinen Zuhörern erfassen.
[ 28 ] Some listeners grew restless, yet at the same time were deeply moved by the direct manner, by the direct relationship Fichte sought to establish with his audience. The spirit emanating from Fichte’s soul was meant to touch the spirit within his listeners.
[ 29 ] Und so wirkte der Mann jahrelang, niemals zweimal ein und dieselbe Vorlesung haltend, immer neu und neu gestaltend. Denn darauf kam es ihm nicht an, dieses oder jenes in Sätzen mitzuteilen, sondern darauf, immer Neues in seinen Zuhörern zu wecken. Und immer wieder wiederholte er: Darauf kommt es gar nicht an, daß dasjenige, was ich sage oder den Menschen zu sagen habe, von diesem oder jenem wieder gesagt werde, sondern darauf, daß es mir gelinge, in den Seelen solche Flammen zu erwecken, welche die Veranlassung werden, daß ein Jeder ein Selbstdenker werde; daß keiner das sagt, was ich zu sagen habe, sondern daß ein jeder angeregt wird durch mich, das zu sagen, was er selber zu sagen hat. — Nicht Schüler, Selbstdenker wollte Fichte erziehen. Wenn wir die Geschichte der Wirkungen Fichtes verfolgen, so können wir begreifen: Eigentliche Philosophenschüler hat gerade dieser deutscheste der deutschen Philosophen nicht gebildet; eine Philosophenschule hat er nicht gegründet. Tüchtige Männer sind überall hervorgegangen aus diesem unmittelbaren Verhältnis, in das er sich zu seinen Schülern versetzt hat.
[ 29 ] And so the man taught for years, never giving the same lecture twice, always shaping it anew. For what mattered to him was not conveying this or that in sentences, but rather awakening something new in his listeners. And time and again he repeated: What matters is not at all that what I say or have to say to people be repeated by this or that person, but rather that I succeed in kindling such flames in their souls that will inspire each person to become an independent thinker; that no one says what I have to say, but that each person is inspired by me to say what he himself has to say. — Fichte wanted to educate not disciples, but independent thinkers. If we trace the history of Fichte’s influence, we can understand: this most German of German philosophers did not, in fact, train disciples in the traditional sense; he did not found a school of philosophy. Capable men have emerged everywhere from this direct relationship he established with his students.
[ 30 ] Nun, Fichte war sich bewußt — und mußte sich ja bewußt sein, da er das Bewußtsein des Menschen bis zu dem unmittelbaren Erfassen der schaffenden geistigen Wirklichkeit hinführen wollte -, daß er auf ganz besondere Art sprechen mußte. Die ganze Art Fichtes war gerade schwer zu begreifen. Im Grunde genommen hatten alle, die irgendwie teilnahmen an seiner Lehrart, dergleichen, wie er es dazumal in Jena übte, noch nicht vernommen. Selbst Schiller war erstaunt darüber, und zu Schiller sprach er einmal über die Art und Weise, wie er eigentlich in seinem eigenen Bewußtsein sich sein Wirken vorstellte, zum Beispiel folgendermaßen: Wenn die Menschen das lesen, was ich spreche, dann können sie so, wie sie heute lesen, unmöglich darauf kommen, was ich eigentlich sagen will. - Da nahm er eines seiner Bücher in die Hand und versuchte vorzulesen, so wie er dachte, daß dasjenige, was er zu sagen hatte, vorgelesen werden müsse. Dann sagte er zu Schiller: Sehen Sie, die Leute können heute nicht innerlich deklamieren. Weil aber das, was in meinen Perioden enthalten ist, erst durch wahres innerliches Deklamieren herausgeholt werden kann, kommt es eben nicht heraus.
[ 30 ] Well, Fichte was aware—and indeed had to be aware, since he wanted to lead human consciousness up to the immediate grasp of creative spiritual reality—that he had to speak in a very special way. Fichte’s entire style was, in fact, difficult to grasp. Basically, no one who had ever participated in his style of teaching—such as he practiced back then in Jena—had ever heard anything like it before. Even Schiller was astonished by this, and speaking to Schiller once about the way in which he actually conceived of his work within his own consciousness, he put it, for example, as follows: “When people read what I say, they cannot possibly, reading as they do today, grasp what I actually mean to say.” - Then he picked up one of his books and tried to read aloud, just as he thought what he had to say should be read aloud. Then he said to Schiller: “You see, people today cannot declaim inwardly. But because what is contained in my sentences can only be brought out through true inner declamation, it simply doesn’t come across.”
[ 31 ] Allerdings war es etwas ganz anderes, was Fichte aus seinen eigenen Perioden herausholte. Was er sprach, es war gesprochene Sprache, Daher sollte man Fichte auch heute noch in der Mitte des ganzen Seelenlebens suchen, dem man sich widmen kann als dem Seelenleben des ganzen deutschen Volkes; man sollte auch heute noch immer die Überwindung haben, mit innerlicher Deklamation, mit innerlichem Hinhören, das aufzunehmen, was bei Fichte sonst so trocken und so nüchtern erscheint.
[ 31 ] However, it was something entirely different that Fichte drew from his own periods. What he spoke was spoken language; therefore, even today, one should seek Fichte at the very heart of the entire life of the soul—to which one can devote oneself as the life of the soul of the entire German people; even today, one should still have the resolve to take in, through inner recitation and inner listening, what otherwise appears so dry and so sober in Fichte.
[ 32 ] So stehen wir, indem wir Fichtes geistige Entwickelung an unserer Seele vorüberziehen lassen, gewissermaßen auf einem der geistigen Gipfel seines Seins. Und der Blick mag wohl zurückschweifen auf diesen merkwürdigen Geistes gang.
[ 32 ] Thus, as we allow Fichte’s intellectual development to unfold within our souls, we stand, so to speak, upon one of the intellectual peaks of his being. And our gaze may well wander back to this remarkable intellectual journey.
[ 33 ] Wir haben Johann Gottlieb Fichte aufgesucht, wie er vor dem Freiherrn von Miltitz in dem blauen Bauernkittel dastand, ein richtiges rotwangiges, kurzgedrungenes Bauernkind, mit keiner anderen Bildung, als die ein Bauernkind haben kann, aber so, daß diese Bildung schon bei dem Neunjährigen innerstes Eigentum der Seele war. Wir haben ein Beispiel vor uns, wie aus dem deutschen Volke, ganz aus dem deutschen Volke eine Seele herauswächst, die zunächst nichts hereinbekommt, als was innerhalb dieses deutschen Volkes lebt, lebt in der unmittelbaren Art der Lebensweise dieses Volkes. Wir verfolgen diese Seele durch schwierige Lebenslagen, diese Seele, die eigentlich als ein Ideal betrachtet, in dem Volke stehen zu bleiben, aber sich überlassen muß dem innersten Impuls, dem innersten Antrieb ihres Wesens. Wir verfolgen diese Seele, wie sie hinaufsteigt zu den höchsten Höhen menschlich inneren Geschehens, Arbeitens, wie sie zum Menschenbildner wird in der Art, wie wir es eben schildern durften. Wir verfolgen den Weg, den eine deutsche Seele machen kann, die unmittelbar aus dem Volke herauswächst und die nur durch eigene Kraft zu den höchsten Höhen des geistigen Seins hinaufsteigt.
[ 33 ] We visited Johann Gottlieb Fichte as he stood before Baron von Miltitz in his blue peasant smock—a true, rosy-cheeked, stocky peasant child, with no education other than what a peasant child can have, yet such that this education was already, even at the age of nine, the innermost possession of his soul. We have before us an example of how, from the German people—entirely from the German people—a soul grows forth that initially takes in nothing but what lives within this German people, living in the immediate way of life of this people. We follow this soul through difficult life situations—this soul that is actually regarded as an ideal of remaining within the people, yet must yield to the innermost impulse, the innermost drive of its being. We follow this soul as it ascends to the highest heights of inner human experience and work, as it becomes a shaper of humanity in the manner we have just described. We trace the path that a German soul can take—a soul that grows directly out of the people and ascends to the highest heights of spiritual being through its own power alone.
[ 34 ] Bis zum Frühling 1799 versieht Fichte also sein Lehramt in Jena. Es hatte schon früher allerlei Mißhelligkeiten gegeben. Denn ein Mensch, mit dem sich so ohne weiteres leicht auskommen ließ, ein Mensch, der geneigt wäre, damit es sich mit ihm leicht auskommen ließe, allerlei Umschweife im Leben zu machen, allerlei weiche Bewegungen in seinem Verhalten vor den Leuten zu machen, ein solcher Mensch war allerdings Fichte ganz und gar nicht. Aber ein Wichtiges tritt uns doch hervor, das bedeutsam ist für das ganze deutsche Leben in der damaligen Zeit.
[ 34 ] Fichte thus held his teaching position in Jena until the spring of 1799. There had already been all sorts of disagreements in the past. For Fichte was certainly not the kind of person who was easy to get along with, nor was he the sort who, in order to make himself more agreeable, would resort to all manner of detours in life or adopt a soft, accommodating demeanor in public. Yet one important point stands out, one that is significant for German life as a whole during that period.
[ 35 ] Derjenige, der insbesondere tiefe Befriedigung hatte — und in dieser Befriedigung einverstanden war mit Goethe darüber, daß er diesen Mann, Fichte, an seine Universität nach Jena berufen konnte, war Karl August. Und ich glaube, man darf ein Urteil hervorrufen über die ganze Vorurteilslosigkeit Karl Augusts, der den Mann an seine Universität berief, der in der freiesten Weise die Kantische Philosophie auf die Offenbarung angewendet hatte, aber nicht nur dies — der den Mann an seine Universität berief, der in der freiesten, in der rückhaltlosesten Weise eingetreten war für die freiesten Menschheitsentwickelungsziele. Ich glaube, man würde Karl August, diesem großen Geist, nicht Recht tun, wenn man nicht auf den hohen Grad von Vorurteilslosigkeit aufmerksam machen würde, den dieser deutsche Fürst dazumal brauchte, um Fichte zu berufen. Eine Verwegenheit nannte Goethe diesen Ruf. Aber ich möchte sagen, Karl August und Goethe, die ja vor allen Dingen die Seele dieses Rufes waren und sein mußten, sie nahmen es gegen eine Welt von Vorurteilen auf sich, Fichte nach Jena zu bringen. Ich sage, es wäre fast ein Unrecht, nicht aufmerksam zu machen, in welchem Grade gerade die Vorurteilslosigkeit Karl Augusts entwickelt war. Und zu diesem Zwecke möchte ich einen Satz aus dem Buche Fichtes vorlesen, das da den Titel hat «Beiträge zur Berichtisung der Urteile des Publikums über die französische Revolution»: «Sie» — er meint die Fürsten Europas, auch die Fürsten Deutschlands -, «die größtenteils in der Trägheit und Unwissenheit erzogen werden, oder wenn sie etwas kennen, eine ausdrücklich für sie verfertigte Wahrheit kennen; sie, die bekanntermaßen an ihrer Bildung nicht fortarbeiten, wenn sie einmal regieren, die keine neue Schrift lesen, als höchstens etwa wasserreiche Sophistereien, und die allemal, wenigstens um ihre Regierungsjahre hinter ihrem Zeitalter zurück sind... .» Das stand in dem letzten Buch, das Fichte geschrieben hatte — und Karl August berief diesen Mann an seine Universität.
[ 35 ] The one who derived particular satisfaction—and who, in this satisfaction, agreed with Goethe that he could appoint this man, Fichte, to his university in Jena—was Karl August. And I believe one can draw a conclusion about the complete lack of prejudice on the part of Karl August, who appointed to his university the man who had applied Kantian philosophy to revelation in the freest manner possible—but not only that—who appointed to his university the man who had advocated, in the freest and most unreserved manner, for the freest goals of human development. I believe we would not do justice to Karl August, this great mind, if we did not draw attention to the high degree of open-mindedness that this German prince needed at the time to appoint Fichte. Goethe called this appointment a bold move. But I would like to say that Karl August and Goethe—who were, after all, the very soul of this appointment—took it upon themselves, against a world of prejudice, to bring Fichte to Jena. I say it would almost be an injustice not to highlight the degree to which Karl August’s open-mindedness had developed. And to this end, I would like to read a sentence from Fichte’s book titled *Contributions to the Correction of Public Opinions on the French Revolution*: “They”—he means the princes of Europe, including the princes of Germany—“who are for the most part raised in idleness and ignorance, or, if they know anything at all, know a truth expressly tailored for them; they, who, as is well known, do not continue to cultivate their education once they begin to rule, who read no new writings—at most, perhaps, some verbose sophistry—and who are always, at least during their years of rule, behind the times...” This was written in the last book Fichte had authored—and Karl August appointed this man to his university.
[ 36 ] Wenn man sich ein wenig in die ganze Lage vertieft, in der Fichte und diejenigen waren, die ihn berufen haben, kommt man zu der Anschauung: Eigentlich haben die Menschen, die von der Gesinnung des großen, freiherzigen Karl August und Goethes waren, einen Feldzug unternommen gegen diejenigen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung waren und die durchaus so wenig wie möglich einverstanden waren mit der Berufung Fichtes. Und es war ein Feldzug, der gar nicht leicht zu unternehmen war, denn, wie gesagt, Staat zu machen in dem Sinne, wie man gerne Staat macht in der Welt, war mit Fichte nicht möglich. Fichte war schon ein Mensch, der durch seine Schiefheiten, durch seine Schroffheiten jeden verletzte, von dem man eigentlich gerne wollte, daß er nicht verletzt werde. Fichte war kein Mensch, der mit der Hand eine weiche Bewegung machte. Fichte war ein Mensch, der, wenn ihm etwas nicht recht war, mit der Faust seine Stöße in die Welt hinein machte. Die Art und Weise, wie Fichte mit seiner vollen Kraft dazumal das, was er der Welt mitzuteilen hatte, in die Welt hineinstellte, war Goethe und Karl August nicht leicht; es war ihnen sehr schwierig, sie ächzten etwas darunter.
[ 36 ] If one delves a little into the overall situation in which Fichte and those who appointed him found themselves, one comes to the conclusion: In fact, the people who shared the outlook of the great, generous-hearted Karl August and Goethe waged a campaign against those in their immediate circle who were as opposed as possible to Fichte’s appointment. And it was a campaign that was by no means easy to undertake, for, as I said, building a state in the sense that people generally build states in the world was not possible with Fichte. Fichte was indeed a man who, through his eccentricities and his brusqueness, hurt everyone whom one would actually have preferred not to see hurt. Fichte was not a man who made gentle gestures with his hand. Fichte was a man who, when something did not sit right with him, would strike out at the world with his fist. The way in which Fichte, with all his might, presented to the world what he had to say at that time was not easy for Goethe and Karl August; they found it very difficult and groaned somewhat under the burden.
[ 37 ] Und so nach und nach zogen die Ungewitter herauf. Da wollte Fichte zum Beispiel Vorlesungen über Moral halten, Vorlesungen, die als «Vorlesungen über die Moral für Gelehrte» gedruckt sind. Er fand keine Stunde, als nur den Sonntag. Das aber war etwas Schreckliches für alle, die da glaubten, der Sonntag werde entheiligt, wenn man über Moral im Fichteschen Sinne zu den Studenten in Jena am Sonntag spreche. Und alle möglichen Klagen kamen vor die Weimarer Regierung, vor Goethe, aber auch vor Karl August. Der ganze Jenaer Professorensenat sprach sich darüber in dem Sinne aus, daß es doch ungeheueres Aufsehen und Mißhelligkeiten hervorrufe, wenn Fichte am Sonntag — und er hatte ohnedies die Stunde gewählt, in der Nachmittagsgottesdienst war — moralische Vorlesungen an der Universität hielte. Karl August mußte schon in dieser Angelegenheit, ich möchte sagen, den Gegnern Fichtes zuerst das Feld räumen. Doch wäre es wiederum nicht gut, wenn man nicht heute wiederum zu Gehör brächte, in welcher Weise er es getan hatte. Karl August schrieb dazumal an die Universität Jena:
[ 37 ] And so, little by little, the storms began to brew. Fichte, for example, wanted to give lectures on morality—lectures that were published as “Lectures on Morality for Scholars.” He could find no time for them except on Sundays. But this was a terrible thing for all those who believed that Sunday would be desecrated if one were to speak to the students in Jena on Sunday about morality in Fichte’s sense. And all manner of complaints were brought before the Weimar government, before Goethe, but also before Karl August. The entire Jena faculty expressed the view that it would indeed cause a tremendous stir and discord if Fichte were to give lectures on morality at the university on Sundays—especially since he had chosen the very time when the afternoon church service was taking place. Karl August had to yield the field, so to speak, to Fichte’s opponents in this matter. Yet it would not be right, however, if we did not once again make known today exactly how he had gone about it. At that time, Karl August wrote to the University of Jena:
[ 38 ] «So haben Wir nach Eurem Antrag resolviert, daß dem mehrerwähnten Professor Fichte die Fortsetzung seiner moralischen Vorlesungen am Sonntage äußersten Falles nur in den Stunden nach geendigtem Nachmittagsgottesdienst gestattet sein solle» Das Dekret bezog sich ausdrücklich auf den Umstand, daß «etwas so Ungewöhnliches, als die Anstellung von Vorlesungen am Sonntag während der zum öffentlichen Gottesdienst bestimmten Stunden» vorlag. Indem Karl August aber dieses Dekret herausgab, konnte er doch nicht umhin, noch die Worte dazu zu fügen: «Wir haben uns gern überzeugt, daß, wenn dessen (Fichtes) moralische Vorlesungen dem ... eingehefteten trefflichen Aufsatz gleichen, sie von vorzüglichem Nutzen sein können.» Aber es bohrte weiter. Die Gegner ließen nicht mehr locker, könnte man sagen. Und so kam es denn 1799 zu jenem unseligen Atheismus-Streit, durch den Fichte von seinem Lehramt in Jena weichen mußte. Forberg, ein jüngerer Mann, hatte in der Zeitschrift, die Fichte dazumal herausgab, einen Aufsatz geschrieben, der von gewisser Seite her des Atheismus angeklagt worden war. Fichte fand schon seinerseits unvorsichtig, was dieser junge Mann geschrieben hatte, und er wollte Randbemerkungen dazu machen. Damit war aber Forberg wiederum nicht einverstanden. Und Fichte in seiner freien Weise, die er nicht nur im Großen, die er bis ins Kleinste hinein betätigte, wollte durchaus nicht etwa, weil er nicht damit einverstanden war, diesen Aufsatz zurückweisen. Er wollte auch nicht Randbemerkungen gegen den Willen des Verfassers machen. Aber er schickte einen eigenen Aufsatz «Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltenregierung», voraus. Hierin standen Worte, die ganz durchtränkt waren von wirklicher, man darf sagen, ins Geistigste hinaufgehobener, wahrer, inniger Gottesverehrung und Frömmigkeit, aber eben ins Geistigste hinaufgehoben, in jenes Geistige, von dem Fichte sagen wollte, daß es das einzig Wirkliche sei; daß man die Wirklichkeit überhaupt erst erfassen könne, wenn man sich mit seinem Ich im Geistigen bewegend, in der geistigen Strömung der Welt drinnen stehend fühlt. Nicht durch irgendwelche äußere Offenbarung oder äußere Wissenschaft müsse man dann das Dasein Gottes erfassen, sondern im lebendigen Wirken und Weben. Das Schaffen der Welt müsse man erfassen, indem man drinnen strömt, selber sich schaffend unaufhörlich und sich damit seine Ewigkeit gebend.
[ 38 ] “Thus, in response to your request, We have resolved that the aforementioned Professor Fichte shall be permitted to continue his lectures on ethics on Sundays, at the very latest, only during the hours following the conclusion of the afternoon church service.” The decree explicitly referred to the fact that “something as unusual as scheduling lectures on Sunday during the hours designated for public worship” was taking place. However, when Karl August issued this decree, he could not help but add the following words: “We have gladly convinced ourselves that, if his (Fichte’s) moral lectures resemble the excellent essay appended to the …, they can be of outstanding benefit.” But the controversy persisted. One might say that his opponents would not let up. And so, in 1799, the ill-fated atheism controversy arose, as a result of which Fichte was forced to leave his teaching position in Jena. Forberg, a younger man, had written an essay in the journal that Fichte was editing at the time, which had been accused of atheism by certain quarters. Fichte, for his part, already found what this young man had written to be imprudent, and he wanted to add some marginal notes to it. But Forberg, in turn, did not agree to this. And Fichte, in his free-spirited manner—which he practiced not only in grand matters but down to the smallest details—did not want to reject this essay simply because he disagreed with it. Nor did he want to add marginal notes against the author’s will. Instead, he sent an essay of his own, “On the Basis of Our Faith in a Divine World Government.” In it were words that were entirely imbued with genuine—one might say, elevated to the most spiritual level—true, heartfelt devotion to God and piety, but precisely elevated to the most spiritual level, to that spiritual realm of which Fichte wished to say that it was the only reality; that one can grasp reality at all only when one feels oneself moving with one’s self within the spiritual, standing within the spiritual current of the world. One must then grasp the existence of God not through any external revelation or external science, but through living action and interweaving. One must grasp the creation of the world by flowing within it, ceaselessly creating oneself and thereby bestowing upon oneself one’s own eternity.
[ 39 ] Aber dieser Aufsatz Fichtes wurde erst recht des Atheismus angeklagt. Es ist unmöglich, diesen Streit, diese Atheismus-Anklage in aller Ausführlichkeit zu erzählen. Es ist im Grunde schrecklich zu sehen, wie Goethe und Karl August gegen ihren Willen Partei nehmen mußten gegen Fichte; wie sich Fichte aber nirgends abhalten läßt, nun, ich möchte sagen, eben mit der Faust gerade vor sich hinzuschlagen, wenn er glaubte, daß er dasjenige in der Welt durchbringen müsse, was er durchzubringen hat. So kommt es denn dahin, daß Fichte hört: man will etwas gegen ihn unternehmen, will ihm einen Verweis geben. Goethe und Karl August wäre es am liebsten gewesen, wenn man diesen Verweis hätte geben können. Fichte sagte sich: Einen Verweis wegen desjenigen, was man aus den innersten Quellen des menschlichen Wissens herauszuschöpfen hat, hinzunehmen, hieße, die Ehre - nicht die Ehre der Person, sondern die Ehre des Geistesstrebens — selber verletzen. Und da schrieb er denn zunächst an den Minister Voigt in Weimar einen Privatbrief, der dann aber zu den Akten gegeben wurde, in dem er sagte: Einen Verweis werde er sich nimmermehr geben lassen; nein, lieber würde er seinen Abschied nehmen. Und wenn Fichte schrieb über Dinge dieser Art, so schrieb er, wie er sprach. Man sagte: Er sprach schneidend, wenn es nötig war. So schrieb er auch schneidend — jedem, wer es auch war. Man konnte nicht anders, wenn man nicht alles drunter und drüber gehen lassen wollte in Jena, als die Entlassung annehmen, die Fichte nicht eigentlich angeboten hatte, denn man hatte ja einen Privatbrief zu den Akten genommen. So kam es dazu, daß Fichte auf diese Weise sein so segensreiches Lehramtin Jena verlassen mußte.
[ 39 ] But this essay by Fichte was accused of atheism all the more. It is impossible to recount this controversy—this accusation of atheism—in full detail. It is, in fact, terrible to see how Goethe and Karl August were forced, against their will, to take sides against Fichte; yet Fichte would not be deterred in the slightest—I might say, he would strike out with his fist right before him whenever he believed he had to bring about in the world what he was meant to bring about. And so it came to pass that Fichte heard: that something was being planned against him, that he was to be reprimanded. Goethe and Karl August would have preferred it if this reprimand could have been carried out. Fichte told himself: To accept a reprimand for what one must draw from the innermost sources of human knowledge would mean violating honor itself—not the honor of the person, but the honor of intellectual endeavor. And so he first wrote a private letter to Minister Voigt in Weimar—which was then filed away—in which he stated: He would never allow himself to be reprimanded; no, he would rather resign. And when Fichte wrote about matters of this kind, he wrote just as he spoke. It was said: He spoke sharply when necessary. So he also wrote sharply—to whomever it might be. One had no choice, if one did not want everything in Jena to go haywire, but to accept the dismissal that Fichte had not actually offered, for a private letter had, after all, been placed on file. Thus it came to pass that Fichte was forced to leave his most beneficial teaching position in Jena in this manner.
[ 40 ] Wir sehen ihn bald darauf in Berlin auftreten. Wir sehen ihn da auftreten, indem er jetzt wiederum von einer neuen Seite her das Stehen des Ich im webenden und waltenden Weltengeist erfaßt: «Die Bestimmung des Menschen» schrieb er dazumal. Er schrieb sie aber so, daß er sein ganzes Sein, sein ganzes Wesen in dieses Werk hineinlegte. Zeigen wollte er in diesem seinem Werk, wie zu einer wesenlosen Weltanschauung diejenigen führen, die nur äußerlich die Sinnenwelt betrachten, und sie nur mit dem Verstande kombinieren, Wie man auf diese Weise nur zu einem Traum vom Leben kommt, das bildet den Inhalt des ersten Teiles. Wie man abkommt, die Welt als eine Kette von äußerlichen Notwendigkeiten zu betrachten, ist der Inhalt des zweiten Teiles. Und den Inhalt des dritten Teiles der «Bestimmung des Menschen» bildet dann die Auseinandersetzung, wie es der Seele wird, wenn sie versucht, in ihrem Innern dasjenige zu erfassen, was an dem inneren Leben schafft, und was dadurch nicht nur ein Abdruck, sondern ein Mitschaffen ist an jenem großen Schaffen alles Weltendaseins. An seine Frau, die er damals in Jena zurückgelassen hatte, schrieb Fichte, nachdem er abgeschlossen hatte mit der Schrift: Ich habe noch niemals einen so tiefen Blick in Religion getan, als während ich diese Schrift «Bestimmung des Menschen» abgeschlossen habe.
[ 40 ] We see him appear in Berlin shortly thereafter. There we see him emerge as he once again grasps, from a new perspective, the place of the “I” within the weaving and reigning spirit of the world: “The Destiny of Man,” he wrote at that time. But he wrote it in such a way that he poured his entire being, his whole essence, into this work. In this work of his, he sought to show how those who view the sensory world only superficially and combine it solely with the intellect are led to a worldview devoid of essence; how, in this way, one arrives only at a dream of life—this forms the content of the first part. How one ceases to view the world as a chain of external necessities is the content of the second part. And the content of the third part of *The Destiny of Man* then consists of an examination of what happens to the soul when it attempts to grasp within itself that which creates inner life—and which, in doing so, is not merely an imprint but a co-creation in that great creation of all worldly existence. After completing the work, Fichte wrote to his wife, whom he had left behind in Jena at the time: “I have never before gained such a profound insight into religion as I did while completing this work, *The Destiny of Man*.”
[ 41 ] Mit einem kurzen Zwischenraum, 1805, während dem er sich an der Universität Erlangen aufhielt, verbrachte Fichte dann das Leben, das er noch in der Welt zu führen hatte, in Berlin, zuerst Privatvorträge haltend in den verschiedensten Wohnungen, Vorträge, die eindringlich waren; später zur Mithilfe an der neu begründeten Universität berufen, wovon wir ja gleich noch zu sprechen haben.
[ 41 ] With the exception of a brief interlude in 1805, during which he was at the University of Erlangen, Fichte then spent the rest of his life in Berlin, initially giving private lectures in a wide variety of homes—lectures that were deeply compelling—and later being appointed to assist at the newly founded university, which we will discuss shortly.
[ 42 ] Ich sagte, mit einem kurzen Zwischenraum in Erlangen hat er nun wiederum in Berlin gewirkt. Denn immer und immer neu aus seiner Seele herausgeschöpft war dasjenige, was er den Leuten zu geben hatte, wiederum neu in Idealform gießend, was er zu geben hatte, trug er in Erlangen mit vollem Eifer seine Wissenschaftslehre, seine Weltanschauung vor. Merkwürdig — während er in Jena, als er mit seinen Vorträgen begann, einen wachsenden Zulauf hatte und das in Berlin auch so war, nahm die Zuhörerschaft in Erlangen im Laufe des Semesters bis auf die Hälfte ab. Nun, man weiß ja, wie gewöhnlich Professoren diese Abnahme hinnehmen; wer das erlebt hat, weiß, daß das eben hingenommen wird. Für Fichte war das nicht so. Als die Zuhörerschaft in Erlangen auf die Hälfte herabgekommen war, ergriff er einmal das Wort — allerdings dann nur vor denen, die es hörten, nicht vor denen, die weggeblieben waren, aber er setzte voraus, daß sie es erfahren würden -, und hielt eine jener Donnerreden, in der er den Leuten begreiflich machte, daß sie, wenn sie nicht hören wollten, was er ihnen zu sagen habe, nur für äußeres historisches Wissen, nicht für vernünftiges Wissen zu haben seien. Und nachdem er hinzugefügt hatte, was der Mensch im Leben werde, wenn er als geistig Strebender nicht dieses vernünftige Wissen sich erwerben wolle, sagte er: «Die Zeit, in der ich lese? — Ich habe zwar gehört, wie wenig zufrieden man sei mit der Wahl der Stunde. Ich will dies nicht nach der Strenge nehmen, folgernd aus Prinzipien, die sich eigentlich von selbst verstehen und die hierbei angewendet werden müßten. Ich will die, welche es trifft, nur für übel unterrichtet halten und sie besser berichten. Sie können nämlich sagen: dies sei von jeher so gewesen. Falls dies wahr wäre, müßte ich erwidern, daß es von jeher sehr übel mit der Universität bestellt gewesen sei... Ich selbst habe in Jena ein ähnliches Collegium, wie dieses, Sommer und Winter von 6-7 Uhr vor Hunderten gelesen, welches sich gegen den Schluß sehr zu verstärken pflegte. Ich muß nur gerade heraussagen: als ich hier ankam, wählte ich diese Stunde, weil keine andere übrig. Seit ich die Denkart darüber erkannt habe, werde ich sie mit Bedacht wählen und dies künftigen Sommer tun. Der Grund aller jener Mißbräuche ist der: es zeigt sich ein tiefes Unvermögen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und eine Fülle von Flachheit und Langeweile, wenn man, nachdem so Gott will um 12 Uhr das Mittagessen verzehrt ist, es nicht länger in der Stadt aushalten kann. Und wenn Sie mir den Beweis führten — der, wie ich hoffe, nicht zu führen sein wird -, daß in Erlangen seit seiner Erbauung, daß in ganz Franken, ja in ganz Süddeutschland dies Sitte sei, so werde ich mich nicht scheuen, darauf zu antworten, daß demnach in Erlangen und in Franken und in ganz Süddeutschland die Flachheit und Geistlosigkeit ihren Sitz aufgeschlagen haben müsse.» Eine Donnerrede hielt er. Man mag von einer solchen Donnerrede denken wie man will, echt Fichtesch ist sie, Fichtesch in der Art, daß Fichte eben drinnen stehen wollte und auch immer drinnen stand in dem, was er geistig an die Menschen heranbringen wollte; daß Fichte mit dem, was er sprach, nicht bloß etwas sagen, sondern etwas für die Seelen tun, die Seelen ergreifen wollte. Darum war jede Seele, die wegblieb, ein wirklicher Verlust, nicht für ihn, sondern für das, was er für die Menschheit erzielen wollte. Ein Tun war für Fichte das Wort. So stand er in der geistigen Welt drinnen, und das gab ihm die Möglichkeit, mit anderen gleichzeitig wie in einer gemeinsamen geistigen Atmosphäre in der geistigen Welt drinnen zu stehen; daß er wirklich nicht nur theoretisch den Satz verfocht: Die äußere Sinneswelt ist nicht das Wirkliche, sondern der Geist, und derjenige, der den Geist kennt, der sieht auch hinter allem Sinnensein das geistige Sein.
[ 42 ] I said that, after a brief interlude in Erlangen, he had once again taken up his work in Berlin. For what he had to offer people was drawn anew, time and again, from the depths of his soul; constantly casting what he had to give into a fresh, ideal form, he presented his scientific teachings and his worldview in Erlangen with full zeal. It is curious—while he had a growing audience in Jena when he began his lectures, and this was also the case in Berlin, his audience in Erlangen dwindled to half its size over the course of the semester. Well, we know how professors usually accept such a decline; anyone who has experienced it knows that it is simply accepted. For Fichte, this was not the case. When the audience in Erlangen had dwindled to half its size, he once took the floor—though only before those who were listening, not before those who had stayed away, but he assumed they would find out—and delivered one of those thunderous speeches in which he made it clear to the people that if they did not want to hear what he had to say, they were only capable of acquiring superficial, historical knowledge, not rational knowledge. And after he had added what becomes of a person in life if, as one who strives intellectually, he does not wish to acquire this rational knowledge, he said: “The time at which I read?—I have indeed heard how dissatisfied people are with the choice of hour. I do not wish to take this too strictly, based on principles that are actually self-evident and that ought to be applied here. I merely wish to consider those affected by this to be poorly informed and to set them straight. For they might say: this has always been the case. If that were true, I would have to reply that the state of the university has always been very poor... I myself have taught a similar course at Jena, summer and winter from 6 to 7 o’clock to hundreds of students, with attendance tending to increase significantly toward the end of the class. I must simply state plainly: when I arrived here, I chose this time slot because no other was available. Now that I have recognized the reasoning behind it, I will choose it with care and do so next summer. The root of all those abuses is this: it reveals a profound inability to engage with oneself, and an abundance of shallowness and boredom, when—after lunch has been eaten, God willing, at noon—one can no longer bear to stay in the city. And if you were to provide me with proof—which, I hope, will prove impossible—that this has been the custom in Erlangen since its founding, that it is the custom throughout Franconia, indeed throughout all of southern Germany, then I will not shy away from responding that, according to this, shallowness and spiritlessness must have taken root in Erlangen, in Franconia, and throughout all of southern Germany.” He delivered a thunderous speech. Whatever one may think of such a thunderous speech, it is truly “Fichtian”—Fichtian in the sense that Fichte wanted to be at the very heart of what he sought to convey to people intellectually, and indeed was always at the heart of it; that with what he spoke, Fichte did not merely want to say something, but to do something for the souls, to move them. That is why every soul that stayed away was a real loss—not for him, but for what he wanted to achieve for humanity. For Fichte, the word was action. Thus he was immersed in the spiritual world, and this gave him the ability to stand, together with others, simultaneously within the spiritual world as if in a shared spiritual atmosphere; for he truly championed—not merely in theory—the proposition: “The external sensory world is not the real; rather, it is the Spirit, and whoever knows the Spirit also sees spiritual being behind all sensory existence.”
[ 43 ] Nicht nur Theorie war ihm das, sondern so war es ihm praktische Wirklichkeit, daß sich einmal später in Berlin das Folgende abspielen konnte: Er hatte in seinem Vortragsraum seine Zuhörer versammelt. Der Vortragsraum war in der Nähe des Spreekanals. Plötzlich kam eine furchtbare Botschaft: Kinder, unter diesen auch Fichtes Knabe, hatten unten gespielt, ein Knabe war ins Wasser gefallen, und man sagte, es sei Fichtes Sohn. Fichte machte sich mit einem anderen Freunde auf, und während die Zuhörer alle herumstanden, zog man den Knaben aus dem Wasser. Der Knabe sah Fichtes Sohn sehr ähnlich, aber er war es nicht. Einen Augenblick aber mußte Fichte glauben, es sei sein Sohn. Das Kind wurde tot aus dem Wasser gezogen. Er bemühte sich um das Kind. Derjenige, der da weiß, welch inniges Familienleben im Hause Fichtes zwischen Fichte, Frau Johanna und diesem einzigen Sohne, der der einzige blieb, waltete, der weiß, was Fichte in jenem Augenblick durchgemacht hat: den größten Schrecken, den er hat durchmachen können, und den Übergang von dem größten persönlichen Schrecken zur größten persönlichen Freude, als er seinen Sohn wiederum in seine Arme schließen konnte. Dann ging er in ein Nebenzimmer, kleidete sich um und setzte seinen zweistündigen Vortrag in der Weise fort, wie er ihn sonst immer gehalten hatte, vollständig in der Sache drinnen.
[ 43 ] For him, this was not merely theory; it was a practical reality, so much so that the following incident could later take place in Berlin: He had gathered his audience in his lecture hall. The lecture hall was located near the Spree Canal. Suddenly, a terrible message arrived: Children—among them Fichte’s son—had been playing down below; a boy had fallen into the water, and people said it was Fichte’s son. Fichte set out with another friend, and while the audience stood around watching, the boy was pulled from the water. The boy looked very much like Fichte’s son, but he was not. For a moment, however, Fichte had to believe it was his son. The child was pulled from the water, dead. He tried to revive the child. Anyone who knows what a close-knit family life prevailed in the Fichte household—between Fichte, his wife Johanna, and this only son, who remained their only child—knows what Fichte went through at that moment: the greatest terror he could have endured, and the transition from the greatest personal terror to the greatest personal joy when he was able to hold his son in his arms once more. Then he went into an adjoining room, changed his clothes, and continued his two-hour lecture in the manner in which he had always delivered it, fully immersed in the subject matter.
[ 44 ] Übrigens nicht nur das. Proben solchen Drinnenstehens in dem geistigen Leben hat Fichte oft und oft gegeben. Da finden wir ihn zum Beispiel gerade während seiner Berliner Zeit so, daß er den Leuten Vorlesungen hält, die eine Kritik des damals gegenwärtigen Zeitalters sein sollten, eine schwere Anklage dieses Zeitalters. Er nahm so die einzelnen Zeitalter der Geschichte durch. Das allein, in dem er lebe, sagte er, sei dasjenige, in dem die Selbstsucht bis zum höchsten gekommen sei. Und in dieses Zeitalter der Selbstsucht fand er hineingestellt als den, der die Selbstsucht in der Person verkörperte, Napoleon. Fichte dachte sich im Grunde dazumal, während das Napoleonische Chaos über Mitteleuropa hereinbrach, nie anders als den Gegner im Geiste gegenüber Napoleon. Und eine Charakteristik Napoleons ist da, von der man sagen kann: In dem, wozu der vorhin geschilderte Bauernknabe im blauen Kittel herangereift war, in dem deutschen Mann erstand ein Bild Napoleons, ebenso hervorgehend aus innerster deutscher Kraft und deutscher Anschauung wie aus höchster philosophischer Lebensauffassung. Wir sind zu einem Menschendasein in der Gegenwart gekommen, so sagte Fichte, in der man die Erkenntnis verloren hat, daß Geistesweben und Geisteswesen die Welt durchpulst und auch durch das Menschenleben geht, durch die Menschenentwikkelung zieht, als sittliche Impulse die Menschen von Epoche zu Epoche trägt und daß der Mensch nur insofern etwas wert ist im Verlaufe der Geschichte, als er getragen wird von dem, was sich erhält an sittlichen Impulsen, an moralischer Weltordnung von Epoche zu Epoche. Davon aber weiß man nichts. Zu einem Zeitalter ist man gekommen, wo man Geschlecht nach Geschlecht in der Welt auftreten sieht wie Kettenglied an Kettenglied. Vergessen haben die Besten, so sagte Fichte, was sich durch diese Kettenglieder hindurchziehen muß als moralische Weltanschauung. In diese Welt herein ist Napoleon versetzt. Eine Quelle ungeheurer Kraft, aber ein Mensch, so sagte Fichte, in dessen Seele zwar einzelne Bilder von Freiheit zu finden sind, aber niemals eine wirkliche Idee, ein wirklicher Begriff von wahrer umfassender Freiheit, wie sie wirkt von Epoche zu Epoche in dem sittlichen Ideal der Menschen, in der moralischen Weltordnung. Und von diesem Grundmangel, daß eine Persönlichkeit, die nur Hülle ist, die keinen Seelenkern hat, solche Kraft entfalten kann, von dieser Erscheinung her leitete Fichte die Persönlichkeit und das ganze Unglück, wie er es sagte: Napoleon.
[ 44 ] Incidentally, that’s not all. Fichte often provided examples of this kind of immersion in intellectual life. For example, during his time in Berlin, we find him giving lectures intended as a critique of the contemporary era—a serious indictment of that age. In this way, he surveyed the individual eras of history. The age in which he himself lived, he said, was the one in which selfishness had reached its peak. And within this age of selfishness, he found Napoleon positioned as the one who embodied selfishness in person. Deep down, Fichte never saw himself as anything other than Napoleon’s spiritual adversary at that time, as Napoleonic chaos swept across Central Europe. And there is a characteristic of Napoleon about which one can say: In what the peasant boy in the blue smock described earlier had matured into, an image of Napoleon arose in the German man—an image emerging just as much from the innermost German strength and German worldview as from the highest philosophical conception of life. We have arrived at a state of human existence in the present, as Fichte said, in which we have lost the realization that spiritual forces and spiritual beings pulse through the world and also run through human life, run through human development, carrying people from epoch to epoch as moral impulses, and that a human being is of value in the course of history only to the extent that he is carried by what is preserved in moral impulses and in the moral world order from epoch to epoch. But people know nothing of this. We have arrived at an age in which generation after generation is seen to appear in the world like one link in a chain after another. Even the best among us, as Fichte said, have forgotten what must run through these links as a moral worldview. It is into this world that Napoleon has been thrust. A source of immense power, yet a man, as Fichte said, in whose soul one may indeed find individual images of freedom, but never a true idea, a true concept of genuine, all-encompassing freedom—such as it operates from one epoch to the next in the moral ideal of humankind, in the moral world order. And from this fundamental deficiency—that a personality which is merely a shell, which has no core of the soul, can unleash such power—from this phenomenon, Fichte derived the personality and the entire misfortune, as he put it: Napoleon.
[ 45 ] Wenn man dies nebeneinanderstellt: Fichte, den kraftvollsten deutschen Weltanschauungsmann mit seiner Idee von Napoleon, und Napoleon selber, so muß man, um die ganze Lage klar zu machen, wohl hinweisen auf einen Ausspruch Napoleons, den er, wie erzählt wird, auf St. Helena nach seinem Sturze getan hat, denn dadurch wird erst die ganze Lage im Grunde genommen beleuchtet: Alles, alles wäre gegangen. Ich wäre nicht gefallen gegen alle die Mächte, die sich gegen mich aufgerichtet haben. Nur mit einem habe ich nicht gerechnet, das hat mich eigentlich zum Sturze gebracht: mit den deutschen Ideologen! Mögen die kleinen Geister über die Ideologie dieses oder jenes sprechen, diese Selbsterkenntnis Napoleons wiegt, ich denke, mehr als alles, was man gegen Fichtes Idealismus, der aber durchaus praktisch war, einwenden möchte.
[ 45 ] If one compares Fichte—the most powerful German thinker, with his conception of Napoleon—and Napoleon himself, then, to clarify the entire situation, one must point to a statement Napoleon is said to have made on Saint Helena after his downfall; for it is this that truly sheds light on the whole situation: “Everything, everything would have worked out.” I would not have fallen against all the powers that rose up against me. There was only one thing I did not count on, and that is what actually brought about my downfall: the German ideologists! Let the small-minded speak of the ideology of this or that; Napoleon’s self-awareness, I believe, carries more weight than anything one might wish to object to in Fichte’s idealism—which was, after all, thoroughly practical.
[ 46 ] Daß es schließlich einem solchen Idealisten, wie es Fichte war, nicht schwer ist, auch einmal praktisch zu sein, bei Fichte können wir es geradezu beweisen, richtig historisch beweisen. Es war nämlich notwendig geworden, daß er als Kompagnon, als Gesellschafter in das Geschäft seines Vaters eintrat, das nun seine Brüder übernommen hatten. Da war er nun Teilhaber an dem Bandwirkergeschäft seines Hauses. Die Eltern lebten noch. Und man kann nun auch verfolgen, wie er sich als Geschäftsteilhaber eines Bandwirkergeschäftes ausnahm. Er war ein guter, vorsichtiger Geschäftsmann, der seinen Brüdern, die reine Geschäftsleute geblieben sind, wirklich sehr an die Hand gehen konnte. Gegenüber all denen, die da sagen: Ach diese Idealisten, sie verstehen nichts vom praktischen Leben, das sind Hirngespinstmacher! — konnte Fichte aus dem innersten Wesen seines ganzen Daseins heraus gerade in den Vorträgen, die er über «Die Bestimmung des Gelehrten» hielt, Worte sagen, die immer wiederum wiederholt werden müssen gegenüber denjenigen Menschen, die von dem Unpraktischen der Ideale sprechen, von dem Unpraktischen überhaupt der geistigen Welt. Als Fichte über die Bestimmung des Gelehrten sprach, sagte er in der Vorrede die folgenden Sätze: «Daß Ideale in der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen wir anderen vielleicht so gut als sie, vielleicht besser. Wir behaupten nur, daß nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß das klar, daß nur auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Umlauf der Säfte, und dabei - kluge Gedanken verleihen!» Dieser deutsche Mann wußte schon über die Bedeutung der Ideale, auch über die Bedeutung des praktischen Lebens im rechten Sinne Bescheid. Aber Fichte war eben diese auf sich selbst gestellte Natur. Mag man das Einseitigkeit nennen, — solche Einseitigkeit muß zuweilen im Leben auftreten, wie Kräfte im Leben wirken müssen, die zuweilen über das Ziel hinausgehen müssen, damit sie, indem sie über das Ziel hinausgehen, das Rechte wirken.
[ 46 ] That it is, after all, not difficult for an idealist such as Fichte to be practical on occasion—we can prove this in Fichte’s case, prove it historically and accurately. It had, in fact, become necessary for him to join his father’s business as a partner—a business that his brothers had now taken over. So there he was, a partner in his family’s knitting business. His parents were still alive. And one can now also observe how he fared as a business partner in a knitting business. He was a good, cautious businessman who was truly able to provide his brothers—who had remained purely business-minded—with valuable guidance. In contrast to all those who say: “Oh, these idealists—they understand nothing of practical life; they’re just dreamers!”—Fichte, drawing from the very essence of his entire being, was able—precisely in the lectures he delivered on “The Vocation of the Scholar”—to speak words that must be repeated time and again to those who speak of the impracticality of ideals, of the impracticality of the spiritual world in general. When Fichte spoke about the Vocation of the Scholar, he wrote the following in the preface: “We others know perhaps as well as they do—perhaps even better—that ideals cannot be realized in the real world. We merely assert that reality must be judged by them and, by those who feel the strength within themselves to do so, modified accordingly. Suppose they could not be convinced of this either; even so, once they are what they are, they lose very little in the process; and humanity loses nothing in the process. It merely becomes clear that they alone are not factored into the plan for the ennoblement of humanity. Humanity will undoubtedly continue on its path; as for them, may benevolent Nature take charge and grant them, in due time, rain and sunshine, wholesome nourishment, and the unimpeded flow of their life forces—and, in the process, wise thoughts!” This German man already understood the significance of ideals, as well as the significance of practical life in the true sense. But Fichte was precisely this nature turned in on itself. One may call this one-sidedness—yet such one-sidedness must sometimes occur in life, just as forces in life must sometimes go beyond the goal so that, by going beyond the goal, they may bring about what is right.
[ 47 ] Gewiß, in Fichtes Verhalten war manche Schroffheit gemischt, als er in Jena den Leuten nicht bloß moralische Vorlesungen halten wollte, sondern allen Schlendrian, allen Suff, alles Herumbummeln der Studenten auch praktisch bekämpfen wollte. Er hatte schon einen gewissen Anhang in der Studentenschaft gewonnen. Es hatte zudem eine Anzahl Leute eine Eingabe gemacht, daß man diese oder jene Vereinigung, die besonders bummelte, abschaffen wolle. Aber er war nun eben eine schroffe Natur, er war ein Mensch, der nicht weiche Handbewegungen zu machen wußte, sondern mit der Faust zuweilen auch derb vor sich hinschlug — selbstverständlich alles symbolisch gemeint. Da kam denn doch das zunächst, daß einem größeren Teil der Jenenser Studentenschaft die praktische moralische Wirksamkeit Fichtes recht zuwider war. Und sie rotteten sich zusammen und warfen ihm die Fenster ein. Was dann Goethe, der Fichte verehrte, der von Fichte verehrt wurde, zu dem guten Witz veranlaßte: Nun ja, das ist der Philosoph, der alles auf das Ich zurückführt. Es ist ja allerdings eine unbequeme Art, von dem Dasein des Nicht-Ich überzeugt zu werden, wenn einem die Fenster eingeworfen werden; das hat man aus dem Nicht-Ich heraus als sein Gegenteil gesetzt!
[ 47 ] Certainly, there was a certain brusqueness in Fichte’s behavior when, in Jena, he did not merely want to give moral lectures to the students, but also wanted to combat, in practical terms, all their idleness, all their drunkenness, and all their loitering. He had already gained a certain following among the student body. In addition, a number of people had submitted a petition calling for the abolition of this or that student association that was particularly given to loafing. But he was, after all, a brusque sort of man; he was someone who did not know how to make gentle hand gestures, but would sometimes pound the air roughly with his fist—all meant symbolically, of course. So it came to pass that, first and foremost, a large portion of the Jena student body found Fichte’s practical moral activism quite repugnant. And they banded together and smashed his windows. This then prompted Goethe—who revered Fichte, and who was in turn revered by Fichte—to make the witty remark: “Well, yes, that is the philosopher who traces everything back to the ‘I.’” It is, after all, an uncomfortable way to be convinced of the existence of the non-self when one’s windows are smashed; that is what one has posited from the non-self as its opposite!
[ 48 ] Aber das alles kann uns kein Beweis dafür sein, daß Fichtes Art zu philosophieren nicht in vollem Einklange gestanden hätte mit Goethes Art zu philosophieren. Und tief wahr empfand Fichte, als er am 21. Juni 1794, bald nachdem er seine Vorträge in Jena begonnen hatte, mit der Übersendung der Korrekturbogen seiner Wissenschaftslehre an Goethe schrieb: «Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsentanten... (der reinsten Geistigkeit des Gefühls) auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.» Und Goethe schreibt an Fichte, als er die Wissenschaftslehre übersandt bekommen hatte: «Das Übersendete enthält nichts, das ich nicht verstände oder wenigstens zu verstehen glaubte, nichts, das sich nicht an meine gewohnte Denkungsweise willig anschlösse.» Und weiter schreibt Goethe dem Sinne nach: Ich glaube, Sie werden dasjenige, womit die Natur mit sich zwar immer einig war, womit die Menschenseelen aber einig werden müssen, auf eine rechte Art vor diese Menschenseelen bringen können. — Und wenn heute jemand, der jene Wissenschaftslehre, die dazumal Fichte hat drucken lassen, trocken und ungoethisch finden würde, etwa behaupten wollte, daß Goethe für diese Sache keinen Sinn gehabt hätte, dann würde man ihm erwidern müssen, was ich erwidert habe, als ich im Weimarer Goethe-Schiller-Archiv die Briefe Fichtes an Goethe im Goethe-Jahrbuch 1894 herausgab. Es finden sich im GoetheSchiller-Archiv von Goethe selbst geschriebene Auszüge aus Fichtes «Wissenschaftslehre», wo Goethe Satz für Satz niedergeschrieben hat, was ihm an Gedanken beim Lesen von Fichtes «Wissenschaftslehre» aufschoß. Und schließlich begreift man auch, wie einer der deutschesten Deutschen, Goethe, dazumal aus der reinsten Geistigkeit des Gefühls, aus der heraus er eine neue Weltanschauung suchte, die Hand reichen mußte dem, der aus Vernunft-Energie heraus als der deutscheste der Deutschen dazumal nach einer philosophischen Weltanschauung suchte. Hat es Goethe doch einmal, als er von seinem Verhältnis zur Kantschen Philosophie sprach, schön in Worte gebracht. Er sagte ungefähr so, nicht wörtlich, aber dem Sinne vollständig entsprechend: Da trat Kant auf und sagte, indem der Mensch den Blick in die Welt richte, könne er nur ein Sinneswissen haben. Das Sinneswissen sei aber bloß Erscheinung, bloß etwas, was der Mensch selber durch seine Auffassung in die Welt hineinbringe. Das Wissen müsse abgesetzt werden, man könne nur durch einen Glauben zur Freiheit, zur Unendlichkeit, zu einer Auffassung des göttlich-geistigen Daseins selber kommen. Und was man unternehmen wollte, um nicht zu einem Glauben zu kommen, sondern zu einem unmittelbaren Anschauen der geistigen Welt, zu einem Leben und Weben des eigenen Schaffens in dem Schaffen des göttlichen Weltengeistes, und wovon Kant glaubt, man könne es nicht unternehmen, von dem sagt Kant, es würde sein «das Abenteuer der Vernunft». Und Goethe meint: Nun, so müßte man denn entschieden wagen, dieses Abenteuer der Vernunft mutig zu bestehen! Und wenn man schon einmal an der geistigen Welt nicht zweifle, sondern an Freiheit und Unsterblichkeit, an Gott glaube, warum sollte man dieses Abenteuer der Vernunft nicht wacker bestehen und sich mit dem Schaffenden der Seele in die schaffende Geistigkeit versetzen können, die die Welt durchwallt und durchwebt, in der Welt selber? - Nur’ auf eine andere Art, als Goethe es bestehen wollte, fand er es dennoch bei Fichte.
[ 48 ] But none of this can serve as proof that Fichte’s way of philosophizing would not have been in complete harmony with Goethe’s way of philosophizing. And Fichte spoke from the heart when, on June 21, 1794—shortly after he had begun his lectures in Jena—he wrote to Goethe upon sending him the proof sheets of his *Science of Knowledge*: “I regard you, and have always regarded you, as the representative... (of the purest spirituality of feeling) at the stage of humanity currently attained. Philosophy rightly turns to you: your feeling is its touchstone.” And Goethe writes to Fichte after receiving *The Science of Knowledge*: “What you have sent contains nothing that I do not understand or at least believe I understand, nothing that does not willingly align with my customary way of thinking.” And Goethe goes on to write, in essence: I believe you will be able to present to these human souls, in the right way, that which nature has always been in harmony with, but with which human souls must yet come into harmony. — And if today someone were to find that *Science of Knowledge*, which Fichte had printed at the time, dry and un-Goethian, and were to claim, for example, that Goethe had no interest in this matter, then one would have to reply to him as I did when I published Fichte’s letters to Goethe in the *Goethe-Jahrbuch* of 1894 at the Goethe-Schiller Archive in Weimar. In the Goethe-Schiller Archive there are excerpts from Fichte’s *Science of Knowledge* written by Goethe himself, in which Goethe jotted down, sentence by sentence, the thoughts that came to him while reading Fichte’s *Science of Knowledge*. And finally, one also comes to understand how Goethe—one of the most German of Germans—at that time, drawing from the purest spirituality of feeling, from which he sought a new worldview, had to reach out to the one who, driven by the energy of reason and regarded as the most German of Germans at the time, was seeking a philosophical worldview. Goethe once put it beautifully into words when he spoke of his relationship to Kant’s philosophy. He said something like this—not verbatim, but fully in keeping with the meaning: Then Kant appeared and said that when a person turns their gaze toward the world, they can have only sensory knowledge. But sensory knowledge, he argued, is merely an appearance, merely something that a person themselves introduces into the world through their perception. Knowledge must be set aside; one can only arrive at freedom, at infinity, and at a conception of divine-spiritual existence itself through faith. And whatever one might undertake—not to arrive at a belief, but to attain a direct perception of the spiritual world, to live and weave one’s own creative work into the creative work of the divine world spirit—and which Kant believes cannot be undertaken, Kant calls “the adventure of reason.” And Goethe says: Well, then one must certainly dare to courageously undertake this adventure of reason! And if one does not doubt the spiritual world, but rather believes in freedom and immortality, in God, why should one not bravely undertake this adventure of reason and, through the soul’s creative power, immerse oneself in the creative spirituality that surges through and weaves through the world, within the world itself? - Yet he found it in Fichte, albeit in a different way than Goethe intended.
[ 49 ] Und es mußte einmal, wenn auch in Schroffheit, auftreten dieses Hindrängen nach der Geistigkeit, nach dem Erfassen der schaffenden Weltweisheit, indem sich das schaffende Ich in der schaffenden Weltenwesenheit, mit ihr eins, darinnen erlebt. Und das sollte nach Fichtes Anschauung durch seine Wissenschaftslehre geschehen. Wie wir es charakterisieren konnten, ist es eine unmittelbare Tat des deutschen Volkes, denn wir sehen aus dem deutschen Volke Fichtes Seele zu der Höhe hinaufwachsen, und Fichte war sich dessen bewußt, daß im Grunde seine Philosophie immer ein Ergebnis seines lebendigen Verkehrs mit dem deutschen Volksgeist war. Damit hat der deutsche Volksgeist das, was er selber über Welt und Leben und über Menschenziele zu sagen hatte, vor die Welt hingestellt. Hingestellt so, wie es allerdings nur sein konnte, indem es auf den ersten Anhub geschah in einer so schroffen Persönlichkeit, wie es Fichte war.
[ 49 ] And this striving toward spirituality—toward grasping the creative wisdom of the world—was bound to emerge at some point, even if in a brusque manner, as the creative self experiences itself within the creative essence of the world, at one with it. And according to Fichte’s view, this was to be achieved through his *Science of Knowledge*. As we have characterized it, this is a direct act of the German people, for we see Fichte’s soul rising to great heights from within the German people, and Fichte was aware that, at its core, his philosophy was always the result of his living interaction with the German national spirit. In this way, the German national spirit has presented to the world what it itself had to say about the world, life, and human goals. It has presented it in the only way possible, namely by first taking shape in a personality as rugged as Fichte’s.
[ 50 ] Leicht zu behandeln war Fichte nicht. Als zum Beispiel in Berlin die Universität begründet werden und Fichte den Plan ausarbeiten sollte, bildete er sich eine Idee von der Universität und arbeitete den Plan zu dieser Idee auch in allen Einzelheiten aus. Aber was wollte er denn? Er wollte etwas so grundsätzlich Neues in der Universität zu Berlin schaffen, dazumal im Beginn des 19. Jahrhunderts, daß wir dürfen es sagen, ohne daß dagegen auch nur irgendein Widerspruch auftauchen könnte — dieses Neue heute noch nirgend in der Welt verwirklicht ist; daß die Welt noch auf die Verwirklichung wartet. Man hat selbstverständlich den Plan Fichtes nicht verwirklicht, obzwar er, wie er sich ausdrückte, nichts anderes wollte, als die Universität zu einem Institut machen, das da bedeutet: «Eine Schule der Kunst des wirklichen Verstandesgebrauches.» Also nicht Menschen, die das oder jenes wissen, sollten aus der Universität hervorgehen, die Philosophen oder Naturwissenschafter oder Mediziner oder Juristen seien, sondern Menschen, die im Gesamtgefüge der Welt so drinnenstehen, daß sie die Kunst des Verstandesgebrauches vollständig handhaben können. Denken wir uns, was das für ein Segen wäre, wenn es irgendwo in der Welt eine solche Universität gäbe! Wenn wirklich irgendwo eine Kunstschule verwirklicht wäre, aus der Menschen hervorgingen, die ihr inneres Seelisches so lebendig gemacht haben, daß sie sich wirklich frei bewegen würden in dem, was Wesenslogik des Daseins ist.
[ 50 ] Fichte was not easy to deal with. For example, when the University of Berlin was to be founded and Fichte was tasked with drafting the plan, he formed a vision of the university and worked out the plan based on that vision in every detail. But what did he actually want? He wanted to create something so fundamentally new at the University of Berlin—back then, at the beginning of the 19th century—that we can say, without any possible objection, that this new thing has still not been realized anywhere in the world today; that the world is still waiting for its realization. Of course, Fichte’s plan was never realized, even though, as he put it, he wanted nothing more than to make the university an institution that would be “a school of the art of the actual use of reason.” Thus, the university should not produce people who know this or that—be they philosophers, natural scientists, physicians, or lawyers—but rather people who are so deeply immersed in the overall fabric of the world that they can fully master the art of using reason. Just imagine what a blessing it would be if such a university existed somewhere in the world! If only such a school of the arts were truly realized somewhere, producing people who have brought their inner spiritual life to such vivid life that they could move truly freely within the very logic of existence.
[ 51 ] Aber leicht handhabbar war diese Persönlichkeit schon nicht; groß, um der Geschichte einen mächtigen Einschlag zu geben, dazu war sie da. Fichte wurde auch der zweite Rektor der Universität. Er faßte seinen Beruf so energisch auf, daß er nur vier Monate Rektor sein konnte. Länger ertrugen weder die Studenten noch die beteiligten Behörden das, was er durchführen wollte. Das alles aber ist aus deutschem Volkstum heraus, gerade wie es bei Fichte auftrat, aus deutschem Volkstum heraus geschmiedet. Denn als er seine «Reden an die deutsche Nation» hielt, über die ich ja hier schon zum wiederholten Male, und zwar nicht nur während des Krieges, sondern auch vor dem Kriege wie überhaupt über die große Erscheinung Fichtes — gesprochen habe, da wußte er, daß er dem deutschen Volke das sagen wollte, was er gleichsam durch sein meditatives Zwiegespräch mit dem Weltengeist erlauscht hatte. Nichts anderes wollte er hervorrufen dazumal, als: in ihren Seelen sollte sich bewegen dasjenige, was sich aus dem tiefsten Quell des Deutschseins in den Seelen der Menschen bewegen kann. Diese Art und Weise, wie sich Fichte zu seiner Zeit und zu denjenigen stellte, von denen er wollte, daß sie ihre Seelen in eine Richtung bringen, die den Aufgaben im Weltendasein gewachsen ist, — das war allerdings nicht geeignet, auf Flachlinge, auf oberflächliche Leute einen anderen Eindruck zu machen, als höchstens den der Neugierde. Aber den wollte Fichte ganz und gar nicht erzeugen. Es ist ja selbstverständlich immer das Allerleichteste, wenn so etwas wie Fichtes Geistigkeit in die Welt tritt, sich darüber lustig zu machen. Nichts leichter, als Kritik zu üben, sich lustig zu machen. Das taten die Leute ja genügend. Das brachte Fichte in ernste Lagen. Zum Beispiel, gleich als er an die Universität Jena kam, war er schon in einer recht ernsthaften Lage dadurch, daß er nicht so recht einverstanden sein konnte mit denen — nun ja, die auch Philosophen waren. Da war zum Beispiel an der Jenenser Universität derjenige, der der erbeingesessene Philosoph war. Schmid hieß er. Der hatte sich über dasjenige, was Fichte bis dazumal geleistet hatte, der jetzt sein Kollege werden sollte, so abfällig ausgesprochen, daß es eigentlich schon schandhaftig war, daß nun Fichte der Kollege werden sollte. Da sagte denn Fichte wieder einige Worte in jener Zeitschrift, in der sich Schmid ausgesprochen hatte. Und es ging so hin und her. Fichte trat sein Lehramt in Jena eigentlich an, indem er in die Jenaer Zeitschrift, in derSchmid geschrieben hatte, einrücken ließ: Ich erkläre, daß für mich Herr Schmid nicht mehr vorhanden sein wird in der Welt. — So stellte er sich neben seinen Kollegen hin.
[ 51 ] But this figure was by no means easy to deal with; he was destined to make a powerful impact on history. Fichte also became the university’s second rector. He approached his role with such vigor that he could only serve as rector for four months. Neither the students nor the relevant authorities could tolerate what he sought to implement for any longer. All of this, however, stems from the German national character—exactly as it manifested itself in Fichte—forged from the German national character. For when he delivered his “Addresses to the German Nation”—which I have discussed here repeatedly, not only during the war but also before it, as I have spoken of Fichte’s great significance in general—he knew that he wanted to convey to the German people what he had, as it were, overheard through his meditative dialogue with the World Spirit. His sole intention at that time was to evoke nothing other than this: that within their souls should stir that which, from the deepest wellspring of German being, can stir within the souls of human beings. This manner in which Fichte presented himself in his time and to those whom he wished to guide in a direction commensurate with the tasks of existence in the world—this was certainly not suited to making any impression on shallow, superficial people other than, at most, one of curiosity. But that was precisely what Fichte did not wish to evoke at all. It goes without saying that whenever something like Fichte’s spirituality enters the world, it is always the easiest thing to make fun of it. Nothing is easier than to criticize, to make fun of something. People did that plenty. This put Fichte in serious predicaments. For example, as soon as he arrived at the University of Jena, he found himself in a rather serious predicament because he could not quite see eye to eye with those—well, who were also philosophers. For instance, at the University of Jena there was this one individual who was a philosopher obsessed with being. His name was Schmid. He had spoken so disparagingly about what Fichte—who was now to become his colleague—had accomplished up to that point that it was actually quite shameful that Fichte was now to become his colleague. So Fichte responded with a few words in the very journal in which Schmid had published his remarks. And it went back and forth like that. Fichte actually began his teaching position in Jena by having the following published in the Jena journal where Schmid had written: “I declare that, as far as I am concerned, Mr. Schmid will no longer exist in this world.” — In this way, he positioned himself alongside his colleagues.
[ 52 ] Das war eine ernste Lage. Eine weniger ernste, aber deshalb nicht minder bezeichnende war diese: Es erschien dazumal in Berlin eine Zeitschrift «Der Freimütige». Kotzebue, der «berühmte» deutsche Dichter Kotzebue und noch ein anderer hatten Anteil an der Herausgabe dieser Zeitschrift, stellten sie zusammen. Man kann eigentlich nicht recht herausbekommen -— ich glaube wirklich, nicht einmal durch ganz intimes Hellsehen könnte man herausbekommen! was eigentlich dieser Kotzebue dazumal in den Vorträgen von Fichte wollte. Aber nur eine Zeitlang konnte man es nicht recht herausbekommen. Später stellte es sich heraus, denn es erschienen im «Freimütigen», der sich dazumal in Berlin recht wichtig machte, die hämischsten Angriffe über die Vorträge von Fichte. Fichte wurde es einmal, nun, sagen wir, zu dumm. Und siehe da, er nahm sich eine Nummer dieses «Freimütigen» und zerpflückte sie vor den Zuhörern, zerpflückte sie so, daß er - was er auch konnte — einen unüberwindlichen Humor ausgoß über dasjenige, was dieser «Freimütige» zu sagen hatte. Das Gesicht eines der Zuhörer, von dem man früher nicht wußte, warum er eigentlich teilnahm, wurde immer länger und länger. Und schließlich stand Herr Kotzebue mit langem Gesicht auf und erklärte, das brauche er sich nicht mehr länger anzuhören! Dann ging er fort, erschien nicht wieder. Aber Fichte war ganz froh, daß er ihn los war.
[ 52 ] That was a serious situation. A less serious, but no less telling one was this: A magazine called *Der Freimütige* was published in Berlin at the time. Kotzebue—the “famous” German poet Kotzebue—and one other person were involved in publishing this magazine; they put it together. One can’t really figure out—I truly believe that not even through the most intimate clairvoyance could one figure out!—what this Kotzebue was actually after in Fichte’s lectures at the time. But it was only for a while that no one could quite figure it out. Later it became clear, because the *Freimütige*—which was quite influential in Berlin at the time—published the most scathing attacks on Fichte’s lectures. At one point, Fichte had—well, let’s say—had enough of it. And lo and behold, he picked up an issue of this *Freimütiger* and tore it to shreds in front of the audience, tearing it apart in such a way that—as best he could—he poured an irresistible sense of humor over whatever this *Freimütiger* had to say. The face of one of the listeners—whose reason for attending had previously been unclear—grew longer and longer. And finally, Mr. Kotzebue stood up with a long face and declared that he didn’t need to listen to this any longer! Then he left and never returned. But Fichte was quite glad to be rid of him.
[ 53 ] Ja, Fichte konnte nach der Art, wie er sich praktisch in das Leben hineinstellte, das er als das innerste Leben des Menschendaseins gestalten wollte, auch schon einen Ton finden, der durchaus unmittelbar die Lage ergriff. Trotzdem er ganz in der geistigen Welt lebte, war er nicht ein weltfremder Idealist, aber er war ein Mann, der ganz auf sich selber ruhte und der dasjenige, was er als sein Wesen in sich, auf sich selber ruhend, fand, mit allem Ernst nahm. Daher konnte er auch in einer gewissen Zeit, als Napoleon Preußen überwunden hatte, als die Franzosen in Berlin waren, nicht in Berlin bleiben. Er wollte nicht in der Stadt sein, die französisch unterjocht war. Er ging nach Königsberg, später nach Kopenhagen. Er kehrte erst wieder zurück, als er als der deutsche Mann auftreten wollte, der das innerste Wesen seines Volkstums, des Volksseins, seiner Volksart, vor seine Volksgenossen hinstellte in den «Reden an die deutsche Nation».
[ 53 ] Yes, given the way Fichte engaged with life in practice—a life he sought to shape as the innermost essence of human existence—he was already able to strike a tone that captured the situation quite directly. Although he lived entirely in the spiritual world, he was not an unworldly idealist; rather, he was a man who drew his strength entirely from within himself and who took what he found within himself—his very essence, rooted in his own being—with the utmost seriousness. That is why, at a certain time, when Napoleon had conquered Prussia and the French were in Berlin, he could not remain in Berlin. He did not want to be in a city that was under French occupation. He went to Königsberg, and later to Copenhagen. He did not return until he was ready to present himself as the German man who set forth the innermost essence of his national character, of what it means to be a people, and of his national nature before his compatriots in the “Addresses to the German Nation.”
[ 54 ] Mit Recht empfindet man Fichte wie einen unmiittelbaren Ausdruck des deutschen Volkstums, wie den Ausdruck dessen, was als Geist im Grunde immerdar, insofern wir die Deutschheit in ihrem Geiste zu erfassen in der Lage sind, mitten unter uns lebt, — nicht nur in Gedanken, wie es etwa so schön ein Philosoph ausgesprochen hat, der als Philosoph gar nicht in Übereinstimmung war mit Fichte, Robert Zimmermann, der da sagte: «Solange in Deutschland ein Herz schlägt, das die Schmach fremder Zwingherrschaft zu fühlen vermag, wird das Andenken des Mutigen fortleben, der im Moment der tiefsten Erniedrigung, unter den Trümmern der zusammengebrochenen Monarchie Friedrichs des Großen, mitten in dem von Franzosen besetzten Berlin, vor Augen und Ohren der Feinde, unter Spionen und Angebern, die von außen durchs Schwert geknickte Kraft des deutschen Volkes von innen durch den Geist wieder aufzurichten und in demselben Augenblicke, da die politische Existenz desselben für immer vernichtet zu sein schien, durch den begeisternden Gedanken allgemeiner Erziehung, ein solches in künftigen Generationen neu zu erschaffen unternahm.» Mögen wir auch heute — das möchte ich wiederholentlich hier aussprechen -, in bezug auf den Inhalt von vielem, was in den «Reden an die deutsche Nation», ja, was in den anderen Schriften Fichtes steht, ganz anders denken müssen, darauf kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß wir fühlen den deutschen Geist, der durch seine Erzeugnisse fließt, und die Erneuerung des deutschen Geistes mit Bezug auf seine Stellung im Weltenall, wie sie gegeben ist in den «Reden an die deutsche Nation». Daß wir das als den Geist fühlen, der mitten unter uns ist, und den wir ergreifen nur in dem einen Beispiel Fichtes, durch das er sich in einer allerdings zuerst weit hintönenden Art in die deutsche Entwickelung hineingestellt hat. Kraftvoll und energisch, aber tief innerlich, so wollte sich dieser Geist hineinstellen in die Weltenentwickelung. Daher fand Fichte noch in der Zeit, als schon sein Lebensabend hart herankam, die Möglichkeit, gerade in der intimsten Art wiederum einmal seine ganze Wissenschaftslehre umgießend und erneuernd, wiederum sie meditierend, im Herbste 1813 vor seine Berliner Zuhörer zu bringen, was er als seine tiefsten Gedanken erfaßt hatte. Da warf er noch einmal, wiederum in der geschilderten Art die Seele seiner Zuhörer ergreifend, den Blick darauf, wie unmöglich der Mensch hinter das Dasein und seine Wirklichkeit kommen kann, der nicht dieses Dasein im Geiste, jenseits aller Sinnlichkeit, erfassen will. Denjenigen Menschen aber, die da glauben, im Sinnen-Sein und dem, was nur nach dem Sinnen-Sein geformt ist, irgendein wahres Dasein zu erblicken, den Menschen rief er zu in den Vorträgen, die zum Letzten gehören, das Fichte gesprochen hat: «Ihr Wissen geht auf im Unverstande und einem leeren Worte; und darüber lobpreisen sie sich wohl, und finden ganz recht, daß es so ist. Zum Beispiel Sehen: Es wirft sich ein Bild des Gegenstandes auf die Netzhaut. Auf der ruhigen Wasserfläche spiegelt sich auch ein Bild des Gegenstandes. Sieht darum, unserer Meinung nach, die Wasserfläche? Was ist nun das Mehr, das hinzukommen muß zwischen dieses Bild und das wirkliche Sehen, das bei uns ist, bei der Wasserfläche nicht? Darüber geht ihnen auch nicht einmal die Ahnung auf, denn bis dahin geht nicht ihr Sinn.» Einen besonderen Sinn, einen neuen Sinn, so sagt Fichte, muß man in sich gewahr werden, wenn man erleben will jenes Sein im Geiste, das alles andere Sein erst begreiflich macht. «Ich bin, und ich bin mit allen meinen Zielen nur in einer übersinnlichen Welt!» Das ist eines der Worte, die Fichte selbst geprägt hat und die wie das Leitmotiv durch alles hindurchgehen, was Fichte zeit seines Lebens gesprochen hat, was er in einer anderen Art bekräftigte noch einmal in jenem Herbst 1813. Und wovon sprach er damals? Daß die Menschen sich bewußt werden müssen, daß man auf die Weise, wie man im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die Dinge und die Welt sieht, niemals hinter das wahre Sein kommen könne. Da müsse man sich gewahr werden, daß ein übersinnlicher Sinn in einem jeden Menschen lebe und daß der Mensch aufgehen könne in einer übersinnlichen Welt, mit diesem Sinne sich hineinleben könne als ein Schaffender in seinem Ich im schaffenden, webenden Weltengeist. Es ist, so sagt Fichte, wie wenn ein Sehender in eine Welt von Blinden kommt und ihnen die Welt der Farben und Formen begreiflich machen will, und die Blinden leugnen es ihm ab. So leugnet der, der materialistisch gesinnt ist, weil er nicht den Sinn dafür hat, gegenüber dem, der da weiß: Ich bin, und ich bin mit all meinen Zielen und Schaffen in der übersinnlichen Welt. Und so prägte dazumal Fichte seinen Zuhörern dieses Sein im Übersinnlichen, dieses Leben im Geistigen, diese Handhabung eines Übersinnlich-Sinnlichen ein, daß er sagte:
[ 54 ] One rightly perceives Fichte as a direct expression of the German national character, as the expression of that which, as a spirit, essentially lives forever in our midst—insofar as we are able to grasp German identity in its spirit—not merely in thought, as was so beautifully expressed by a philosopher who, as a philosopher, was by no means in agreement with Fichte: Robert Zimmermann, who said: “As long as a heart beats in Germany capable of feeling the shame of foreign tyranny, the memory of the brave man will live on—the man who, at the moment of deepest humiliation, amid the ruins of Frederick the Great’s collapsed monarchy, in the midst of French-occupied Berlin, before the very eyes and ears of the enemy, amid spies and informers, set about restoring the strength of the German people—which had been broken from the outside by the sword—from within through the spirit, and, at the very moment when the political existence of that people seemed to have been destroyed forever, undertook to recreate it anew in future generations through the inspiring idea of universal education.” Even if today—and I would like to reiterate this here—we must think quite differently regarding the content of much of what is written in the “Addresses to the German Nation,” indeed, in Fichte’s other writings, that is not what matters. What matters is that we feel the German spirit that flows through its products, and the renewal of the German spirit with regard to its place in the universe, as presented in the “Addresses to the German Nation.” That we feel this as the spirit that is in our midst, and that we grasp it solely through Fichte’s single example, by which he inserted himself—albeit in a way that initially resonated only distantly—into German development. Powerfully and energetically, yet deeply from within, this spirit sought to insert itself into the development of the world. Thus, even as the twilight of his life was fast approaching, Fichte found the opportunity—once again recasting and renewing his entire philosophy of science in the most intimate manner, meditating upon it anew—to present to his Berlin audience in the fall of 1813 what he had grasped as his deepest thoughts. There, once again—captivating the souls of his listeners in the manner described—he turned his gaze to how impossible it is for a human being to penetrate beyond existence and its reality unless they are willing to grasp this existence in the spirit, beyond all sensuality. But to those people who believe they can perceive any true existence in sensory being and in what is shaped solely by sensory being, he addressed these words in the lectures that were among the last Fichte ever delivered: “Their knowledge dissolves into ignorance and empty words; and yet they praise themselves for it and consider it quite right that it should be so. Take seeing, for example: an image of the object is projected onto the retina. An image of the object is also reflected on the calm surface of the water. Does the water’s surface, in our view, therefore see? What, then, is the additional element that must be added between this image and the actual seeing that exists for us but not for the water’s surface? They do not even have the faintest inkling of this, for their understanding does not extend that far.” A special meaning, a new meaning, says Fichte, must be realized within oneself if one wishes to experience that being in the spirit which alone makes all other forms of being comprehensible. “I am, and I am, with all my aims, only in a supersensible world!” This is one of the phrases Fichte himself coined, and it runs like a leitmotif through everything Fichte spoke of throughout his life—a point he reaffirmed, in a different way, once again in that fall of 1813. And what was he speaking of at that time? That people must become aware that, in the way one views things and the world in ordinary life and in ordinary science, one can never get beyond true Being. One must become aware that a supersensible faculty lives within every human being and that the human being can merge into a supersensible world, using this faculty to immerse oneself—as a creator within one’s own “I”—in the creative, weaving world spirit. It is, as Fichte says, as if a sighted person were to enter a world of the blind and try to make the world of colors and forms comprehensible to them, only to have the blind deny its existence. Thus, the materialist—because he lacks the capacity for it—denies the one who knows: “I am, and I am, with all my goals and creations, in the supersensible world.” And so Fichte impressed upon his listeners at that time this existence in the supersensible, this life in the spiritual, this mastery of the supersensible and the sensible, saying:
[ 55 ] «Der neue Sinn ist demnach der Sinn für den Geist; der, für den zur Geist ist, und durchaus nichts Anderes, und dem auch das Andere, das gegebene Sein, annimmt die Form des Geistes, und sich darein verwandelt, dem darum das Sein in seiner eigenen Form in der Tat verschwunden ist.»
[ 55 ] “The new sense is therefore the sense of the Spirit; that for which the Spirit is, and absolutely nothing else, and for which even the other—given being—takes on the form of the Spirit and is transformed into it, for which reason being, in its own form, has in fact disappeared.”
[ 56 ] Es ist ein Großes, daß in dieser Weise das Bekenntnis des Geistes abgelegt worden ist innerhalb der deutschen Geistesentwickelung vor denen, die suchen wollten, was im höchsten Sinne das deutsche Volk zu sprechen hat, wenn es aus dem Innersten seines Wesens heraus spricht. Denn das hat durch Fichte dieses deutsche Volk gesprochen. Und mehr als für irgendeinen anderen ist es für Fichte wahr, daß der deutsche Volksgeist auf der damaligen Stufe, wie er sprechen konnte, zu dem deutschen Volk gesprochen hat.
[ 56 ] It is a great thing that the confession of the spirit was made in this way within the development of the German spirit, before those who sought to discover what the German people have to say in the highest sense when they speak from the very depths of their being. For it was through Fichte that the German people spoke. And more than for anyone else, it is true of Fichte that the German national spirit, at that stage of development and in the way it was able to speak, spoke to the German people.
[ 57 ] Ob wir ihn äußerlich anschauen, diesen Fichte, ob wir auf seine Seele den Seelenblick hinwenden, immer erscheint er uns als der unmittelbarste Ausdruck des deutschen Volkstums selber, desjenigen, was innerhalb der Deutschheit nicht nur zu irgendeiner Zeit da ist, was immer da ist; was, wenn wir es nur zu ergreifen wissen, immer mitten unter uns ist. Gerade durch das, was Fichte ist, wie er sich uns darstellt, darstellt so, daß wir wie plastisch sein Bild vor unserer Seele haben, wohl ihn schauen, wohl ihm zuhören möchten im Geiste, wenn er eine Atmosphäre bildet, die sich ausbreitet zwischen seiner Seele und der Seele seiner Zuhörer, daß wir ihm ganz nahe sein wollen: das macht, daß wir ihn fühlen können, ich möchte sagen, wie einen legendarischen Helden, wie einen Geisteshelden, der da als ein Anführer seines Volkes im Geiste immer geschaut werden kann, wenn dieses Volk ihn nur recht versteht. Es kann ihn schauen, indem es sich ihn plastisch vor die Seele stellt als einen seiner besten Geisteshelden.
[ 57 ] Whether we look at him outwardly—this Fichte—or turn our soulful gaze toward his soul, he always appears to us as the most immediate expression of the German spirit itself, of that which exists within Germanness not merely at any given time, but which is always there; that which, if we only know how to grasp it, is always right in our midst. Precisely because of what Fichte is—how he presents himself to us, in such a way that we have a vivid image of him before our soul—we want to look at him, we want to listen to him in spirit when he creates an atmosphere that spreads between his soul and the souls of his listeners, so that we want to be very close to him: this is what enables us to feel him, I would say, like a legendary hero, like a hero of the spirit, who can always be seen there as a spiritual leader of his people, provided that this people understands him correctly. It can see him by vividly placing him before its soul as one of its greatest heroes of the spirit.
[ 58 ] Und heute, im Zeitalter der Tat, da das deutsche Volk in einer unvergleichlichen Weise ringen muß um sein Dasein, um seine Existenz, darf vor unserer Seele, vor unserem Geiste aufstehen das Bild desjenigen, der Deutschheit, deutsches Wesen, von dem höchsten Gesichtspunkte aus, aber auch in der energischsten, in einer einzigen Weise zu schildern vermochte; so zu schildern vermochte, daß wir bei ihm mehr als bei einem andern glauben können: Wir haben ihn unmittelbar unter uns, wenn wir ihn recht verstehen. Denn alles ist bei ihm so sehr aus einem Guß, es stellt sich unmittelbar so dar, daß er in aller Lebendigkeit unter uns dasteht, indem wir ihn betrachten; ob der einzelne Zug aus der Ganzheit seines Wesens hervorgeht oder ob wir intimste Seiten seiner Seele auf uns wirken lassen, er steht als Ganzheit vor uns da. Er kann nicht anders von uns erfaßt werden, sonst ist er stüumperhaft, oberflächlich erfaßt. |
[ 58 ] And today, in this age of action, when the German people must struggle in an unparalleled way for their very being, for their very existence, let the image rise before our souls, before our minds, of the one who was able to portray Germanness—the German essence—from the highest vantage point, yet also in the most forceful, unique way; to portray it in such a way that we can believe in him more than in any other: We have him right here among us, if we understand him correctly. For everything in him is so thoroughly of a single mold, it presents itself so directly, that he stands among us in all his liveliness as we contemplate him; whether a single trait emerges from the totality of his being or whether we allow the most intimate aspects of his soul to take effect upon us, he stands before us as a whole. He cannot be grasped by us in any other way; otherwise, he is grasped in a clumsy, superficial manner. |
[ 59 ] Ja, er kann erschaut werden, wie er die Seelen zum Sichhingeben an die Daseinskräfte der Welt, schaffend im Schaffenden, innerhalb seines Volkes entzündet, wie er mit dieser Seele aufsteigt zu dem Erleben im Geiste, und wie er sich als Leben einfügt in den Entwickelungsfortschritt seines Volkes. Man öffne nur das Seelenauge. Man wird ihn nicht verstehen, wenn man ihn nicht also plastisch versteht. Wenn man aber sein Seelenauge für seine Volksgröße öffnet, dann steht er mitten unter uns.
[ 59 ] Yes, one can perceive how he kindles the souls within his people to surrender themselves to the forces of existence in the world—creating within the Creator—how he ascends with this soul to the experience in the Spirit, and how he, as Life, becomes part of his people’s evolutionary progress. One need only open the eye of the soul. One will not understand him unless one grasps him in this vivid way. But when one opens the eye of the soul to his greatness as a leader of his people, then he stands right in our midst.
[ 60 ] Die Art und Weise wie er gesucht hat, in anderer Weise als andere Lehrer zu wirken, indem er, sich hinstellend vor seine Zuhörer, nicht sprach, sondern tat mit seinen Worten, so tat, daß ihm gleichgültig war, was er sagte, weil es in der Seele des Zuhörers nur entzünden sollte die eigene Tat, weil mit der Seele etwas geschehen sollte, etwas getan werden sollte, und weil die Seelen anders den Saal verlassen sollten, als sie hineingegangen waren, — dies bewirkt das ganz Eigentümliche, daß er uns lebendig werden muß in der Art und Weise, wie er wirkte aus dem Volke in das Volk, und daß wir glauben, ihn zu hören, wenn er das, was er erlauscht hat in einsamen Meditationen, durch die er sich wohl vorbereitete zu jedem gesprochenen Vortrag, was er erlauscht hat in seinem Selbstgespräch mit dem Weltengeist, nun nicht hinstellte vor seine Zuhörer, sondern in das Wort, das Tat ist, umwandelte, so daß er diejenigen, zu denen er gesprochen hatte, als andere Menschen entließ. Andere Menschen waren sie geworden aber nicht durch seine Kraft, sondern durch die Erweckung und Entzündung ihrer eigenen Kraft. Wenn wir ihn in solcher Art richtig verstehen, dann können wir glauben, ihn hellhörend zu vernehmen, wie er mit seinem Wort, mit der Schärfe, mit dem scharfen Messer seines Wortes unmittelbar den Geist ergreifen will, den er vorher in der Seele ergriff, indem er, wie gesagt worden ist von ihm, nicht bloß gute, sondern große Menschen in die Welt hineinstellen wollte durch seine Pflege der Seele.
[ 60 ] The way he sought to have an impact differently from other teachers—by standing before his listeners, not speaking, but acting through his words, in such a way that it did not matter to him what he said, because it was meant only to ignite the listener’s own action within their soul, because something was to happen to the soul, something was to be done, and because the souls were to leave the hall different from how they had entered, —this is brought about by the very peculiar fact that he must come alive to us in the way he worked from the people into the people, and that we believe we hear him when he conveys what he has heard in solitary meditations—through which he surely prepared himself for every spoken lecture—and what he has heard in his inner dialogue with the spirit of the world, did not simply present to his listeners, but transformed into the Word, which is deed, so that he sent those to whom he had spoken away as different people. They had become different people, not through his power, but through the awakening and kindling of their own power. If we understand him correctly in this way, then we can believe we hear him clearly as he seeks to seize the spirit directly with his word—with the sharpness, with the sharp blade of his word—the spirit he had previously seized in the soul by seeking, as he himself said, not merely to bring good people into the world but great people through his care for the soul.
[ 61 ] Man kann, wenn man so recht lebendig macht, was er war, nicht anders als seine Worte hören, seine Worte, die aus dem Geiste selber zu kommen scheinen, der sich in diesem Fichte nur ein Werkzeug machte, um zu sprechen, aus dem Geiste der Welt selber heraus zu sprechen, befeuernd, Feuer und Wärme und Licht erweckend. Herzhaftigkeit rollte in seinen Worten, Sittenmütigkeit trieben sie vor sich her. Herzhaftigkeit wurde aus seinen Worten, wenn sie durch die Ohren in die Seelen, in die Herzen der Zuhörer strömten, Sittenmütigkeit trugen diese Worte in die Welt hinaus, wenn mit dem Feuer, das diese Worte in den Seelen der Zuhörer entzündet haben, diese Zuhörer, wie wir so oft hören von denen, die Fichtes Zeitgenossen waren, als die tüchtigsten Männer in die Welt hinauszogen. Man öffne das Geistesohr, und man kann vernehmen, wenn man Fichte überhaupt versteht, unmittelbar wie einen Gegenwärtigen den, der aus dem Geiste seines Volkes heraus spricht. Und wer ein Ohr hat für solche Volksgröße, der wird sie hören mitten unter uns. Und selten wird ein Geist so vor uns stehen, daß wir alles dasjenige verfolgen können, was er ist bis in jede einzelne Tat des Lebens hinein. Die Pflicht, die moralische Weltordnung, wie er sie vertrat auf der Höhe seiner Philosophie, sehen wir sie nicht schon, wenn wir den Knaben schauen, wie er mit sieben Jahren, weil er aus der Neigung heraus Liebe zum «Gehörnten Siegfried» erfaßt hat, diesen ins Wasser wirft, da er sich nicht in Übereinstimmung mit seinen Pflichten fühlt? Finden wir den sinnenden Mann, der sich zu seinen Vorträgen vorbereitet, der den Geist auf die Geheimnisse der Welt zu richten weiß, nicht schon in dem Knaben, der draußen auf der Weide steht und stundenlang den Blick nach einer Richtung in die Geheimnisse der Natur hineinschweifen läßt, bis der Schäfer kommt und ihn nach Hause führt? Fühlen wir nicht das ganze Feuer, das Fichte beseelte, das ihn auf seiner Lehrkanzel in Jena beseelte, und später, als er zu den Repräsentanten, wie er sagte, seines ganzen Volkes in den «Reden an die deutsche Nation» sprach? Fühlen wir es nicht schon da, wo er, die Predigt des Landpfarrers wiederholend, Eindruck auf den Freiherrn von Miltitz machte? Fühlen wir nicht in allem einzelnen, selbst in den kleinsten Handlungen seines Lebens, wenn wir nur ein wenig geistig fühlen können, diesen Geist ganz nahe? Fühlen wir nicht, wie Seelenhaftigkeit, Herzhaftigkeit, Sittenmütigkeit von diesem Geiste ausströmt in die ganze nachherige deutsche Entwickelung? Fühlen wir nicht das ewig Lebendige, das da lebt, wenn wir auch mit dem Einzelnen nicht übereinstimmen können, in den «Reden an die deutsche Nation»? Trotzdem sie 1824 zweimal von der Zensur konfisziert worden sind, waren sie nicht tot zu machen. Sie leben gerade heute und müssen leben in den Seelen.
[ 61 ] When one truly brings to life who he was, one cannot help but hear his words—words that seem to come from the Spirit itself, which made Fichte merely an instrument through which to speak, to speak from the Spirit of the world itself, inspiring and kindling fire, warmth, and light. His words were full of warmth, and they were driven forward by a sense of moral dignity. Heartfelt sincerity emanated from his words as they flowed through the ears into the souls and hearts of his listeners; moral dignity carried these words out into the world, for with the fire that these words kindled in the souls of his listeners, those listeners—as we so often hear from Fichte’s contemporaries—went out into the world as the most capable men. Open the ear of the spirit, and if one understands Fichte at all, one can hear—as if he were present—the one who speaks from the spirit of his people. And whoever has an ear for such national greatness will hear it right here among us. And rarely will a spirit stand before us in such a way that we can trace everything that he is, down to every single act of life. Do we not already see the duty, the moral world order, as he advocated it at the height of his philosophy, when we observe the boy who, at the age of seven—having developed a love for “Siegfried with the Horns” out of pure inclination—throws it into the water because he feels it is not in accordance with his duties? Do we not already find the pensive man preparing for his lectures—who knows how to direct his mind toward the mysteries of the world—in the boy standing out in the pasture, letting his gaze wander for hours in one direction into the mysteries of nature, until the shepherd comes and leads him home? Do we not sense the very fire that animated Fichte, that animated him from his lectern in Jena, and later, when he addressed the representatives—as he put it—of his entire people in his “Addresses to the German Nation”? Do we not already sense it there, where, by repeating the country pastor’s sermon, he made an impression on Baron von Miltitz? Do we not feel, in every single detail—even in the smallest actions of his life—if we are only capable of a modicum of spiritual sensitivity, that this spirit is very close at hand? Do we not feel how soulfulness, warmth of heart, and moral integrity radiate from this spirit into the entire subsequent course of German development? Do we not sense the eternally living spirit—which lives on even when we may not agree with every detail—in the “Addresses to the German Nation”? Although they were confiscated twice by the censors in 1824, they could not be silenced. They are alive today and must live on in our souls.
[ 62 ] Wie wir ihn schauen können, diesen Fichte, mitten unter uns! Wie wir ihn hören können, wenn wir ihn recht verstehen! Wir können ihn fühlen, wenn wir mit der Seele fühlen, wie er seine Zuhörer begeistert, wie er das ganze deutsche Volk in seiner ferneren Entwickelung begeistert, wie das, was er geschaffen hat, was er ausströmen ließ durch die fortlaufende Entwickelungsströmung seines Volkes, unvergänglich bleiben muß! Wir können nicht anders, wenn wir ihn recht verstehen, wir müssen diesen Geist Fichtes fühlen mitten unter uns.
[ 62 ] How we can see him, this Fichte, right here among us! How we can hear him, if we truly understand him! We can feel him—if we feel with our souls—how he inspires his listeners, how he inspires the entire German people in their future development, and how what he created—what he allowed to flow forth through the ongoing current of his people’s development—must remain imperishable! We cannot help but feel this spirit of Fichte right here among us, if we truly understand him.
