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Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben
GA 65

16 Dezember 1915, Berlin

5. Fichtes Geist Mitten unter Uns

[ 1 ] Wir versetzen uns nach Rammenau in der Oberlausitz, einem Orte in der Nähe von Kamenz, wo Lessings Wiege gestanden hat. 1769 sei das Jahr. Ein verhältnismäßig wenig großes Häuschen steht an einem Bach. Nachweislich seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges war das Bandwirkerhandwerk bei den Geschlechtern dieses Hauses erblich. Ein durchaus nicht einmal mäßiger Wohlstand, sondern eigentlich ziemliche Armut herrschte in dem Hause. An dem Häuschen fließt ein Bach vorbei, an dem: Bache steht ein siebenjähriger Knabe, verhältnismäßig klein, eher gedrungen für sein Alter gewachsen, mit roten Backen, mit lebhaften, aber in diesem Augenblick von schwerem Leid zeugenden Augen. Der Knabe hat eben in den Bach hinein ein Buch geworfen. Das Buch schwimmt fort. Der Vater kommt aus dem Hause hinzu und wird etwa die folgenden Worte zu dem Knaben gesprochen haben: Gottlieb, was fällt dir wohl ein! Was dein Vater für teures Geld erworben hat, um dir eine große Freude zu machen, das wirfst du ins Wasser! — Der Vater war sehr böse, denn er hatte dem Knaben Gottlieb das Buch vor ganz kurzer Zeit als Geschenk gegeben, dem Knaben, der bis dahin aus Büchern nichts vernommen hatte als dasjenige, was man vernehmen kann aus der Bibel und aus dem Gesangbuch.

[ 2 ] Was war nun eigentlich vorgegangen? Der junge Gottlieb hatte mit einer großen inneren Kraft bisher aufgenommen, was ihm gegeben worden war vom Inhalte von Bibel und Gesangbuch, und er war ein Knabe, der gut gelernt hatte in der Schule. Der Vater wollte ihm eine Freude machen und kaufte ihm eines Tages zum Geschenk den «Gehörnten Siegfried». Der Knabe Gottlieb vertiefte sich in die Lektüre des «Gehörnten Siegfried» ganz hinein, und die Folge davon war, daß er gescholten werden mußte wegen seiner Vergeßlichkeit und Unaufmerksamkeit in bezug auf all dasjenige, wofür er sich vorher interessiert hatte, in bezug auf seine Schulsachen. Das ging dem Knaben zu Herzen. Er hatte sein neu bekommenes Buch, den «Gehörnten Siegfried», so lieb, er hatte solch tiefes Interesse, solche tiefe Anteilnahme dafür gefaßt. Aber auf der anderen Seite stand der Gedanke lebendig vor seiner Seele: Du hast deine Pflicht versäumt! Das ging in dem siebenjährigen Knaben vor. Da ging er hin zum Bach, und warf kurzerhand das Buch in den Bach. Er bekam seine Strafe, weil er dem Vater wohl die Tatsache und seine Vornahme sagen konnte, nicht aber den eigentlichen tieferen Grund.

[ 3 ] Wir verfolgen den Knaben Gottlieb in diesem seinem Alter in noch andere Lebenslagen hinein. Wir sehen ihn zum Beispiel weit entfernt von seiner Eltern Häuschen, draußen auf einsamer Weide stehen, nachmittags von vier Uhr ab, den Blick in die Ferne gerichtet, ganz und gar versunken in den Anblick der Ferne, die um ihn ausgebreitet war. So steht er noch um fünf, so steht er um sechs Uhr, so steht er, als es zum Gebet läutet. Und der Schäfer kommt und sieht den Knaben so stehen. Er pufft ihn und macht ihn darauf aufmerksam, daß er mit ihm nach Hause gehen soll.

[ 4 ] Zwei Jahre nach dem Zeitpunkt, den wir eben angenommen haben, 1771, ist der Freiherr von Miltitz beim Gutsbesitzer in Rammenau. Er wollte dahin kommen von seinem eigenen Gutsbesitz in Oberau an einem Sonntag, um das Mittagsmahl einzunehmen und einige Geselligkeit zu haben mit seinen Gutsnachbarn. Er wollte außerdem vorher die Predigt hören. Er kam aber zu spät an und konnte den ihm als biederen Mann bekannten Prediger von Rammenau nicht mehr hören. Die Predigt war schon vorüber. Das tat ihm sehr leid, und daß es ihm sehr leid tat, wurde unter den Gästen, dem Wirte und den anderen Versammelten vielfach besprochen. Da sagte man: Ja, im Dorf ist aber ein Knabe, der kann vielleicht die Predigt wiederholen; man weiß das von diesem Knaben. Und es wurde geholt der jetzt neunjährige Gottlieb. In seinem blauen Bauernkittel kam er, man stellte einige Fragen an ihn, er beantwortete sie kurz mit Ja und Nein. Er fühlte sich sehr wenig zu Hause in der vornehmen Gesellschaft. Da machte man ihm den Vorschlag, er solle die Predigt, die er eben vorher gehört habe, wiederholen. Er ging in sich, und aus einer tiefen inneren Beseeltheit heraus, mit innigstem Anteil an jedem Worte, wiederholte er vom Anfang bis zum Ende die Predigt, die er gehört hatte, vor dem Gutsnachbar seines Gutsherrn. Und so wiederholte er sie, daß man das Gefühl hatte, alles, was er sagte, käme unmittelbar aus seinem eigenen Herzen; er hätte es so in sich aufgenommen, daß er es ganz mit sich verbunden hatte. Mit innerem Feuer und Wärme, immer mehr in Feuer, immer mehr in Wärme kommend, brachte der neunjährige Gottlieb die ganze Predigt vor.

[ 5 ] Dieser neunjährige Gottlieb war der Sohn Christian Fichtes, des Bandwirkers. Der Gutsherr von Miltitz fand sich im Innersten erstaunt über das, was er auf diese Weise erlebt hatte, und sagte, er müsse für die Weiterentwickelung dieses Knaben sorgen. Und die Abnahme einer solchen Sorge mußte den Eltern wegen ihrer kümmerlichen äußeren Verhältnisse etwas außerordentlich Willkommenes sein, trotzdem sie ihren Knaben innigst liebten. Denn es waren nach Gottlieb noch viele Kinder gekommen, es war eine große Familie geworden, und man mußte die Hand des Freiherrn von Miltitz ergreifen, die sich so hilfreich bot. Und gleich mitnehmen wollte der Freiherr von Miltitz den jungen Gottlieb, den Neunjährigen, so tief ergriffen war er von dem, was er an ihm erlebt hatte. Und er nahm ihn mit zu sich nach Oberau bei Meißen. Aber der junge Gottlieb fühlte sich dort gar nicht zu Hause, in dem großen Hause, das so abstach von alledem, was er gewohnt worden war in seinem ärmlichen Bandwirkerhäuschen. In all dem Vornehmen fühlte er sich ganz und gar unglücklich. Da gab man ihn in die Nähe nach Niederau zu einem Pfarrer, der Leberecht Krebel hieß. Und da wuchs denn Gottlieb heran in einer innigen, von Liebe getragenen Umgebung, mit dem ausgezeichneten Pfarrer Leberecht Krebel. Tief, tief fand er sich hinein in all das, was ihm durch die Gespräche schimmerte, die für den ungemein begabten Knaben der wackere Pfarrer führte. Und als Gottlieb dreizehnjährig war, da konnte er mit Unterstützung seines Wohltäters in Schulpforta aufgenommen werden.

[ 6 ] Nun war er versetzt in die strenge Disziplin von Schulpforta. Diese Disziplin wollte ihm gar nicht besonders behagen. Er merkte, daß die Art und Weise, wie die Zöglinge zusammenlebten, manches von Verheimlichung, manches von List im Verhalten gegenüber den Lehrern und Erziehern notwendig machte. Dabei war er ganz und gar unzufrieden mit der Art und Weise, wie ältere Jungen da zu «Obergesellen», wie man es nannte, für die jüngeren Jungen gesetzt wurden. Gottlieb hatte schon zu jener Zeit «Robinson» und manche andere Geschichte in sich aufgenommen. Unerträglich war ihm dies Schulleben zunächst geworden. Er konnte es mit seinem Herzen nicht vereinigen, daß es irgendwo, wo man der geistigen Welt entgegenwachsen sollte — so fühlte er-, Verheimlichung, List, Täuschung gäbe. Was tun? Nun, er beschloß, in die weite Welt hinaus durchzugehen. Er machte sich denn auch auf, ging einfach durch. Auf dem Wege kommt ihm der innerlich von Empfindung tief getragene Gedanke: Hast du recht getan? Darfst du das tun? Wo holt er sich Rat? Er fällt auf die Knie nieder, verrichtet ein frommes Gebet und wartet, bis ihm aus den geistigen Welten heraus irgendein innerer Wink gegeben werde, was er tun soll. Der innere Wink ging dahin, daß er umkehrte. Er kehrte freiwillig um. Das große Glück war, daß dort ein außerordentlich liebevoller Rektor war, der Rektor Geisler, der sich die ganze Sache von dem jungen Gottlieb erzählen ließ und der tiefes inneres Miterfühlen hatte mit Gottlieb; der ihn nicht strafte, der ihn sogar in eine Lage versetzte, daß der junge Gottlieb jetzt viel mehr mit sich und der Umgebung zufrieden sein konnte, als er es eigentlich nur zu wünschen vermochte. Und so konnte er sich auch anschließen an die begabtesten Lehrer.

[ 7 ] Seinem Streben wurde nicht leicht Nahrung gegeben. Der junge Gottlieb, der schon in diesem Lebensalter nach dem Höchsten verlangte, durfte das, wovon er durch Hörensagen bisher gehört hatte, eigentlich nicht lesen: Goethe, Wieland, namentlich aber Lessing, sie waren dazumal eine verbotene Lektüre in Schulpforta. Aber ein Lehrer fand sich, der konnte ihm eine merkwürdige Lektüre geben: Lessings «Anti-Goeze», jene von innerer Kraft getragene Streitschrift gegen Goeze, in der alles enthalten war, was an hoher, aber freimütiger Denkungsweise, in einer freien und freimütigen Sprache Lessing als sein Glaubensbekenntnis vorzubringen hatte.

[ 8 ] So nahm Gottlieb in verhältnismäßig jungen Jahren auf, was er aus diesem «Anti-Goeze» entnehmen konnte. Nicht nur eignete er sich die Ideen an — das wäre für ihn sogar das allerwenigste gewesen —, den Stil, die Art, sich zu den höchsten Dingen zu verhalten, die Art, sich in eine Weltanschauung hineinzufinden, das nahm der junge Gottlieb auf.

[ 9 ] Und so wuchs er denn heran in Schulpforta. Als er seine Abgangsprüfungsarbeit zu machen hatte, machte er diese über ein literarisches Thema. Eine merkwürdige Abgangsarbeit. Ganz und gar fehlte darin, was viele junge Leute tun: daß sie ihre Schulaufgaben mit allerlei philosophischen Ideen durchsetzen. Nichts von Philosophie, nichts von philosophischen Ideen und Begriffen fand sich in dieser Abgangsarbeit. Dagegen verriet sich schon darin, daß der junge Mann darauf ausging, Menschen zu beobachten, sie anzuschauen bis in ihr innerstes Herz hinein, eine erstrebte Menschenerkenntnis. Das kam gerade in dieser Schulaufgabe ganz besonders zum Ausdruck.

[ 10 ] Nun war mittlerweile der wohltätige Freiherr von Miltitz gestorben. Was als Unterstützung in so großmütiger Weise für den jungen Gottlieb, Johann Gottlieb Fichte, dargeboten worden war, versiegte. Fichte machte sein Abiturientenexamen in Schulpforta, ging nach Jena und in tiefster Armut mußte er dort leben. Nichts konnte er mitmachen von dem, was damals Jenensisches Studentenleben war. In harter Arbeit mußte er sich von Tag zu Tag erdienen, was er für das nackte Leben brauchte. Und nur wenige Stunden konnte er verwenden, um seinem innigst strebenden Geiste selber Nahrung zuzuführen. Jena erwies sich als zu klein. Johann Gottlieb Fichte konnte sich dort nicht ernähren. Er dachte, er könne das leichter in Leipzig, der größeren Stadt. Dort versuchte er sich auf jene Stellung vorzubereiten, die für ihn das Ideal des Vaters und der Mutter war, die innerlich fromme Leute waren: für eine sächsische Pfarre, für eine Predigerstelle. Hatte er doch, ich möchte sagen, sich selber wie vorbestimmt gezeigt für eine solche Predigerstelle. Er konnte in den Überlieferungen der Schrift so aufgehen, daß er schon im Vaterhause immer wieder aufgefordert wurde, kleine Betrachtungen über diese oder jene Bibelstelle zu halten. Dazu wurde er auch wieder aufgefordert, als er bei dem wackeren Pfarrer Leberecht Krebel war. Und immer, wenn er wiederum für kurze Zeit zu Hause weilen konnte, in dem Orte, in dem das bescheidene Häuschen seiner Eltern stand, dann durfte er — denn der Pfarrer des Ortes hatte ihn gern — dort predigen. Und er predigte so, daß das, was er von sich zu geben vermochte, das biblische Wort in einer selbständigen, aber durchaus der Bibel entsprechenden Auffassung, wie aus einer heiligen Begeisterung heraus getragen war.

[ 11 ] So wollte er sich denn in Leipzig für seinen ländlichen theologischen Beruf vorbereiten. Aber es war schwierig. Schwierig war es für ihn, eine Erzieherstelle zu bekommen, die er glaubte ausfüllen zu können. Mit Korrekturen, mit Hauslehrertum beschäftigte er sich. Aber hart wurde ihm dieses Leben. Und vor allen Dingen: er konnte während dieses Lebens nicht dazu kommen, wirklich sich selber geistig weiter zu bringen. Sechsundzwanzigjährig war er schon. Es war eine harte Zeit für ihn. Er hatte eines Tages gar nichts mehr und keine Aussicht, in den nächsten Tagen etwas zu bekommen; keine Aussicht, daß er, wenn es so fort ginge, auch nur den bescheidensten Beruf jemals erreichen könne, den er sich vorgesetzt hatte. Von zu Hause konnte er nur in der allerspärlichsten Weise unterstützt werden; wie ich schon sagte: es war eine mit Kindern sehr reich gesegnete Familie.

[ 12 ] Da stand er eines Tages vor dem Abgrund, und die Frage tauchte wie eine wilde Versuchung vor seiner Seele auf: Keine Aussicht für dieses Leben? — Nicht ganz mochte er es sich zum Bewußtsein gebracht haben, aber im Untergrund des Bewußtseins lauerte der selbstgesuchte Tod. Da kam zur rechten Zeit der ihm befreundet gewordene Dichter Weiße. Er bot ihm eine Hauslehrerstelle in Zürich an und sorgte dafür, daß er diese Hauslehrerstelle auch wirklich in drei Monaten antreten konnte. Und so finden wir denn vom Herbst 1788 an unseren Johann Gottlieb Fichte in Zürich. Versuchen wir wiederum mit dem Seelenblick ihn zu verfolgen, wie er im Münster von Zürich auf der Kanzel steht, jetzt ganz ausgefüllt von seiner eigenen Auffassung des Johannes-Evangeliums, schon ganz erfüllt von dem Bestreben, dasjenige, was in der Bibel zum Ausdruck kommt, in einer eigenen Weise wiederzugeben. So daß man, wenn man seine begeisternden Worte im Dom von Zürich ertönen hörte, glauben konnte, es sei einer aufgestanden, der die Bibel in einer ganz neuen Weise, wie durch eine neue Inspiration, in ein ganz neues Wort hinein zu gießen vermochte. Diesen Eindruck hatten ja gewiß viele, die ihn damals im Dom von Zürich hörten.

[ 13 ] Und dann wiederum verfolgen wir ihn in eine andere Lebenslage hinein. Er wurde Erzieher im Hause Ott, im Gasthof «Zum Schwert» in Zürich. Er schickte sich nur im geringen Maße hinein in die eigentümliche vorurteilsvolle Anschauung, die man ihm dort entgegenbrachte. Mit seinen Zöglingen war er gut ausgekommen, weniger gut mit deren Eltern. Und wir spüren, was Fichte ist, aus dem Folgenden. Eines Tages bekam die Mutter der Zöglinge eine merkwürdige Zuschrift von dem Hauslehrer. Was stand in dieser Zuschrift? Ungefähr stand darin: das Erziehen sei eine Aufgabe, der er sich — er meinte sich selber, Johann Gottlieb Fichte — gern unterwerfen möchte. Und was er von den Zöglingen wisse und an ihnen kennen gelernt habe, gebe ihm die sichere Aussicht, daß er mit ihnen recht viel machen könne. Aber die Erziehung müsse an einem gewissen Punkte aufgenommen werden; vor allen Dingen müsse die Mutter erzogen werden. Denn eine Mutter, die sich zum Zögling so verhalte, die sei das größte Hindernis für eine Erziehung im Hause. - Ich brauche nicht auszumalen, mit welch eigentümlichen Empfindungen die Frau Ott in Zürich dieses Schriftstück las. Aber die Sache wurde noch einmal überbrückt. Johann Gottlieb Fichte konnte in dem Hause Ott in Zürich in einer gesegneten Weise wirken, bis in den Frühling 1790, also mehr als anderthalb Jahre.

[ 14 ] Aber Fichte war durchaus nicht geeignet, dasjenige, was seine Seele umfaßte, einzuschließen in seinen Beruf. Er war durchaus nicht geeignet, den Blick hinwegzuwenden von dem, was in der Geisteskultur um ihn herum vorging. Er wuchs durch den inneren Eifer und durch den inneren Anteil, den er an allem nahm, was in der Welt geistig um ihn herum vorging, hinein in das, was geistig um ihn herum vorging. Ja, er wuchs in das alles hinein. Hinein wuchs er im Schweizerlande in das, was dazumal an Gedanken alle Menschen erfüllte, was herübergedacht wurde von der ausbrechenden französischen Revolution. Wir können ihn belauschen, möchte ich sagen, wie er in Olten, als er einen besonders begabten Menschen findet, mit diesem über die Fragen diskutiert, die in einer so bedeutsam eingreifenden Weise dazumal Frankreich und die Welt erfüllten; wie er fand, daß das die Ideen seien, denen man sich jetzt widmen müsse; wie er all dasjenige, was aus seiner tiefen Religiosität und aus seinem scharfen Geiste heraus ihn innerlich beschäftigte, hineintrug in die Gedanken der Menschenbeglückung, in die Gedanken der Menschenrechte, der hohen Menschenideale.

[ 15 ] Fichte war kein Selbstling, der bloß starr aus seinem Innern heraus seine Seele entwickeln konnte. Diese Seele wuchs zusammen mit der Außenwelt. Diese Seele fühlte wie unbewußt die Pflicht eines Menschen, nicht nur für sich selbst zu sein, sondern als ein Ausdruck dazustehen dessen, was die Welt will in der Zeit, in der man lebt. Das war ein tiefstes Fühlen, ein tiefstes Empfinden in Fichte. Und so wuchs er denn zusammen gerade in der Zeit, in der er, man möchte sagen, am allermeisten empfänglich war für das Zusammenwachsen seiner Seele mit dem, was in seiner geistigen Umgebung lebte und webte, — so wuchs er zusammen mit dem schweizerischen Element, und aus diesem schweizerisch-deutschen Element heraus finden wir immer einen Einschlag in dem ganzen Fichte, wie er später wirkt und lebt.

[ 16 ] Man muß ein Verständnis haben für den tiefgehenden Unterschied dessen, was in der Schweiz lebt, von dem, was schon, ich möchte sagen, ein wenig nördlich in Deutschland lebt, wenn man den Eindruck begreifen will, den gerade schweizerische Umgebung, schweizerisches Menschentum und Menschenstreben auf Fichte machte. Es unterscheidet sich zum Beispiel wesentlich von anderem Deutschtum dadurch, daß es alles, was geistiges Leben ist, mit einem gewissen selbstbewußten Element durchdringt, so daß das ganze Kulturelement einen politischen Ausdruck bekommt; daß alles so gedacht wird, daß der Mensch sich durch das Gedachte hineingestellt fühlt in das unmittelbare Handeln, in die Welt. Kunst, Wissenschaft, Literatur, sie stehen wie einzelne Nebenflüsse des gesamten Lebens für dieses schweizerische Deutschtum da.

[ 17 ] Das war es, was sich auch mit Fichtes Seelenelement in der schönsten Weise verbinden konnte. Er war auch ein Mensch, der nicht irgendeine menschliche Betätigung oder irgendeine menschliche Bestrebung einzeln denken konnte. Alles Einzelne mußte sich in das Gesamte des menschlichen Tuns und des menschlichen Sinnens und des menschlichen Empfindens und der ganzen menschlichen Weltanschauung eingliedern. Dabei war unmittelbar verbunden auch in Fichte dasjenige, was er wirken konnte, mit seiner immer stärker und stärker werdenden unmittelbaren Persönlichkeit. Wer Fichte heute liest, wer sich auf seine ja auch inhaltlich oftmals so trocken erscheinenden Schriften, auf das Geistsprühende einzelner Abhandlungen, einzelner Schriften einläßt, der wird keine Vorstellung von dem bekommen, was Fichte gewesen sein muß, wenn er all sein inneres Feuer, sein inneres Dabeisein bei dem, was er geistig meinte und was er geistig durchdrungen hatte, in die Rede hineinlegte. Denn in die Rede floß aus dasjenige, was er war. Daher versuchte er auch — es war ein mißglückter Versuch -, sogar damals in Zürich eine Redeschule zu gründen. Denn er glaubte, daß durch die Art und Weise, wie das Geistige an den Menschen gebracht werden kann, in der Tat in ganz anderer Art gewirkt werden kann, als bloß durch den sei es auch noch so gediegenen Inhalt.

[ 18 ] Einen anregenden, die Seele tief ergreifenden Umgang hat Fichte auch gerade in Zürich im Hause Rahn gefunden, eines damals begüterten Schweizers, der der Schwager Klopstocks war. Und innige Neigung zu der Tochter, zu Johanna Rahn, faßte Fichte. Innige Freundschaft, die sich immer mehr zur Liebe hin entwickelte, verband ihn mit der Nichte Klopstocks. Zunächst war die Hauslehrerstelle in Zürich nicht mehr recht haltbar. Fichte mußte weiter sehen. Er wollte nicht etwa jetzt schon, bevor er etwas war in der Welt — das sprach er dazumal genügend oft aus -, irgendwie in das Haus Rahn als Mitglied treten und etwa von den Mitteln des Hauses Rahn leben. Er wollte weiterhin seinen Weg in der Welt suchen; wir dürfen bei ihm nicht sagen: sein Glück, sondern wir müssen sagen: seinen Weg in der Welt suchen.

[ 19 ] Er ging wiederum nach Deutschland zurück, nach Leipzig. Er dachte sich dort eine Zeitlang aufzuhalten; er hoffte dort dasjenige zu finden, was sein eigentlicher Beruf sein könne, jene Form des seelischen Ausdrucks zu finden, die er zu seinem Lebenswege machen wollte. Dann wollte er nach einiger Zeit zurückkehren, um dasjenige frei auszuarbeiten, was er mit seiner Seele vereint hat. Da geschah etwas Unerwartetes, das seine Lebenspläne alle änderte. Rahn brach zusammen, verlor sein ganzes Vermögen. Nicht nur die Sorge quälte ihn jetzt, daß die Leute, die ihm die liebsten waren, in Armut verfallen waren, sondern er mußte nun gewissermaßen den Wanderstab ergreifen und weiter in die Welt ziehen, mußte seine Lieblingspläne aufgeben, die sich ihm vom Innern der Seele heraus eröffnet hatten.

[ 20 ] Zunächst bot sich ihm eine Hauslehrerstelle in Warschau. Allein, schon als er dort ankam und sich vorstellte, fand die Aristokratin, in deren Haus er eintreten sollte, daß die schon damals und auch später von manchen fest, energisch gefundenen Bewegungen Fichtes eigentlich linkisch seien; daß er gar keine Begabung hätte, sich in irgendeine Gesellschaft hineinzufinden. Man ließ ihn das merken. Das konnte er nicht vertragen. Da ging er denn fort.

[ 21 ] Sein Weg führte ihn nun an diejenige Stätte, wo er zunächst glauben konnte, einen Menschen zu finden, den er unter allen Menschen nicht nur seiner damaligen Gegenwart, sondern des ganzen Zeitalters, am höchsten verehrte und dem er nahegetreten war, nachdem er eine Zeitlang ganz in der Weltanschauung Spinozas aufgegangen war; einen Menschen, dem er nahegetreten war, indem er seine Schriften studiert hatte, in die er sich ganz, ganz hineingefunden hatte, so daß, wie ehemals die Bibel oder andere Schriften, jetzt in einer ganz besonderen neuen Form die Schriften dieses Mannes vor ihm standen, — nämlich Immanuel Kant. Er machte den Weg nach Königsberg. Und er saß zu Füßen des großen Lehrers und fand sich ganz hinein in die Art und Weise, wie seine Seele widerspiegeln konnte dasjenige, was er für die größte Lehre hielt, die der Menschheit jemals gegeben worden war. Und es verband sich in der Seele Fichtes dasjenige, was in seiner Seele lebte, aus seinem frommen Sinn heraus, aus seinem Sinnen über die göttliche Weltenlenkung und über die Art und Weise, wie die Geheimnisse dieser Weltenlenkung von jeher der Menschheit, der Welt verkündet worden sind, mit dem, was er gelernt und gehört hatte von Kant. Und das, was in seiner Seele entstand, verarbeitete er zu einem Werke, dem er den Titel gab «Kritik aller Offenbarung». 1792 war das. 1762 ist Fichte geboren, dreißigjährig war er. Ein Merkwürdiges trat dazumal ein. Kant empfahl sogleich einen Verleger für das Werk, von dem er hingerissen war: «Kritik aller Offenbarung.» Das Werk ging in die Welt hinaus ohne den Namen des Verfassers. Kein Mensch hielt es für etwas anderes als ein Werk Immanuel Kants selber. Die guten Kritiken flogen nur so von allen Seiten herbei. Unerträglich war das Fichte, der mittlerweile, wiederum durch Vermittlung Kants, eine ihm jetzt sehr zusagende Hauslehrerstelle in dem ausgezeichneten Hause Krockow, in der Nähe von Danzig, bekommen hatte, wo er auch seinen geistigen Bestrebungen frei nachleben konnte. Unerträglich war es ihm, so vor der Welt dazustehen, daß man eigentlich, indem man über sein Werk sprach, einen andern meinte. Der bald vergriffenen ersten Auflage folgte eine zweite, Da nannte er sich. Jetzt machte er allerdings eine merkwürdige Erfahrung. Nun, jetzt geradezu das Entgegengesetzte von dem zu sagen, was man früher gesagt hatte, war doch wenigstens einer großen Anzahl von Kritikern nicht möglich; aber man dämpfte das Urteil herab, das man früher gehabt hatte. Es war wieder ein Stück Menschenkenntnis, das sich Fichte angeeignet hatte.

[ 22 ] Nachdem er eine Zeit in dem Krockowschen Hause verbracht hatte, konnte er den Plan fassen, nach der Art und Weise, wie er jetzt in die Welt hineingestellt war, nicht etwa äußerlich, sondern geistig — er hatte gezeigt, daß er etwas vermochte —, zurückzugehen in das Haus Rahn; nur so wollte er Klopstocks Nichte für sich gewinnen, jetzt konnte er es tun. Und da ging er denn 1793 wiederum nach Zürich zurück. Klopstocks Nichte wurde seine Frau.

[ 23 ] Nicht nur, daß er jetzt im tiefsten Sinne an dem weiterarbeitete, was er als Kantische Ideen aufgenommen hatte, sondern er vertiefte sich auch weiter in all das, was ihn schon bei seinem ersten Aufenthalt in Zürich beschäftigt hatte; er vertiefte sich in das, was jetzt durch die Welt ging an Ideen von Menschenzielen und Menschenidealen. Und er verwob die Art und Weise, wie er selber denken mußte über Menschenstreben und Menschenideale, mit dem, was jetzt durch die Welt ging. Und er war eine so selbständige Natur, daß er nicht anders konnte, als der Welt zu sagen, was er denken mußte über dasjenige, was jetzt die radikalsten Naturen über den Menschheitsfortschritt dachten. «Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution», das war das Buch, das jetzt 1793 von ihm erschien.

[ 24 ] Gleichzeitig mit der Ausarbeitung dieses Buches ging ein fortwährendes innerliches Weiterarbeiten an den Weltanschauungsidee, die er aus der Kantischen Weltanschauung heraus für sich gewonnen hatte. Es müsse eine Weltanschauung geben, so sagte er sich, welche aus einem obersten Impuls für das menschliche Wissen alles Wissen erleuchten könne. Und diese Weltanschauung, die nach dem Höchsten so fragt, daß man kein Höheres mehr für das Wissen jemals auffinden könne, das schwebte Fichte als ein Ideal vor.

[ 25 ] In einer merkwürdigen Weise verketten sich die Umstände. Während er noch also mit der inneren Ausarbeitung seiner Ideen beschäftigt war, bekam er eine Zuschrift von Jena, von Jena-Weimar. Solchen Eindruck hatte dort gemacht, was Fichte geleistet hatte, daß, als Karl Leonhard Reinhold von der Jenenser Universität abging, Fichte auf Grundlage dessen, was er geleistet hatte, aufgefordert wurde, die Professur der Philosophie zu übernehmen. Mit innigster Befriedigung begrüßten diejenigen, die dazumal an dem Geistesleben der Universität Jena beteiligt waren, die Idee, diesen Geist, der ihnen auf der einen Seite wie ein Brausekopf, auf der anderen Seite aber wie ein gerade in Weltanschauungsfragen nach dem Höchsten hin Strebender erschien, an die damals berühmteste und besuchteste Hochschule des deutschen Volkes zu holen.

[ 26 ] Und jetzt versuchen wir einmal, ihn als Verwalter der angetretenen Lehrerstelle ins geistige Auge zu fassen. Was sich ihm als seine Weltanschauung ergeben hatte, wollte er denen überbringen, die jetzt vom Jahre 1794 ab seine Zöglinge waren. Aber Fichte war nicht ein Lehrer wie andere. Sehen wir zuerst darauf, was sich ihm in seiner Seele ergeben hatte. Man kann es nicht mit seinen Worten unmittelbar sagen — das würde zu lange dauern -, aber man kann es ganz aus seinem Geist heraus charakterisieren. Nach einem Höchsten suchte er, nach einem solchen, wo der Menschengeist das Weltenströmen, das Weltengeheimnis an einem Punkte erfassen konnte, wo der Geist unmittelbar eins war mit diesem Weltenströmen, mit diesem Weltengeheimnis. So daß der Mensch, indem er hineinsah in dieses Weltengeheimnis, sein eigenes Dasein mit diesem Geheimnis verbinden konnte, es also wissen konnte. Das konnte man nicht in irgend einem äußeren sinnlichen Dasein finden. Das konnte kein Auge, kein Ohr, kein anderer Sinn, das konnte auch nicht der gewöhnliche menschliche Verstand finden. Denn all dasjenige, was man mit den Sinnen äußerlich schauen kann, das muß erst der menschliche Verstand kombinieren, das hat sein Sein in der äußeren Welt; man kann es nur seiend nennen, wenn man das Sein sozusagen bekräftigt bekommt durch das, was man sinnlich beobachtet. Das ist kein wahres Sein. Mindestens kann man über das wahre Sein desjenigen, das sich nur den Sinnen darbietet, zunächst gar kein Urteil gewinnen. Im Innersten des Ich selber muß der Quell alles Wissens aufgehen. Das kann aber nicht ein fertig Seiendes sein, denn ein fertig Seiendes im Innern wäre gleich dem, was als ein fertig Seiendes den äußeren Sinnen gegeben wird. Das muß ein Schaffendes sein. Das ist das Ich selber, jenes Ich, das sich in jedem Augenblick neu schafft; jenes Ich, dem nicht ein fertiges Sein, sondern eine innere Tathandlung zugrunde liegt; jenes Ich, dem das Sein deshalb nicht genommen werden kann, weil sein Sein in seinem Schaffen, in seinem Selbstschaffen besteht. Und in dieses Selbstschaffen fließt hinein alles das, was wahres Sein hat. Also hinaus mit diesem Ich aus allem Sinnensein, hinein in die Sphären, wo der Geist wallt und webt, wo der Geist als Schaffendes wirkt! Anfassen dieses geistige Leben und Wirken da, wo das Ich vereinigt ist mit dem geistigen Wirken und Weben der Welt; sich durchdringen mit dem, was nicht äußeres, fertiges Sein ist, sondern was aus dem Quell des göttlichen Weltenlebens heraus das Ich schafft, zuerst als Ich, und dann als dasjenige, was die Ideale der Menschheit sind, was die großen Pflichtideen sind.

[ 27 ] Das war die Kantische Philosophie in Fichtes Seele geworden. Und so wollte er vor seine Zuhörer auch nicht eine fertige Lehre bringen; darauf kam es ihm nicht an. Das war bei Fichte kein Vortrag wie ein anderer Vortrag, das war keine Lehre wie eine andere Lehre ist. Nein, wenn dieser Mann sich vor den Lehrtisch stellte, dann war das, was er dort zu sagen hatte oder, besser gesagt, was er dort zu tun hatte, das Ergebnis einer langen, vielstündigen Meditation, in der er vermeinte innerlich, in dem über alles sinnliche Sein erhaben sich selbst schaffenden Ich hereinfließen zu sehen das göttliche Sein, das göttlich-geistige Weben und Wirken, das die Welt durchzieht und durchwallt. Nachdem er lange Zwiesprache bei sich selber darüber gehalten hatte, was der Weltengeist der Seele zu sagen hat über die Weltgeheimnisse, ging er vor seine Zuhörer hin. Dann kam es ihm aber nicht darauf an, mitzuteilen, was er mitzuteilen hatte, sondern darauf, daß sich eine gemeinsame Atmosphäre von ihm über seine Zuhörer hin ausbreite. Darauf kam es ihm an, daß dasjenige, was in seiner Seele über die Weltengeheimnisse lebendig geworden war, auch in der Seele seiner Zuhörer unmittelbar lebendig werde. Wecken wollte er geistiges Leben, wecken wollte er geistiges Sein. Herausholen wollte er aus den Seelen seiner Zuhörer selbstschöpferisches geistiges Tun, indem sie an seinen Worten hingen. Nicht teilte er bloß mit. Von folgender Art etwa war das, was er seinen Zuhörern geben wollte. Eines Tages, als er anschaulich machen wollte dieses Selbstschöpferische des Ich — wie auch im Ich alle Denktätigkeit werden kann und wie der Mensch nicht anders zu einem wirklichen Erfassen der Weltengeheimnisse kommen kann als dadurch, daß er dieses Selbstschöpferische im Ich erfaßt -—, als er die geistige Welt mit seinen Zuhörern ergreifend, gleichsam jedem die geistige Hand führend in die geistige Welt hinein, ‘dieses erreichen wollte, da sagte er zum Beispiel: Denken Sie sich einmal die Wand, meine Hörer! Nun, ich hoffe, Sie haben jetzt eine Wand gedacht. Die Wand ist jetzt als Gedanke, als Vorstellung in Ihrer Seele. Jetzt denken Sie sich den, der die Wand denkt. Sehen Sie ganz ab von allem Denken der Wand. Denken Sie ganz, ganz den, der die Wand denkt!

[ 28 ] Unruhig wurden manche Zuhörer, aber zu gleicher Zeit im tiefsten Innern ergriffen von der unmittelbaren Art, von dem unmittelbaren Verhältnis, in das sich Fichte zu seinen Zuhörern versetzen wollte. Geist aus Fichtes Seele sollte den Geist in seinen Zuhörern erfassen.

[ 29 ] Und so wirkte der Mann jahrelang, niemals zweimal ein und dieselbe Vorlesung haltend, immer neu und neu gestaltend. Denn darauf kam es ihm nicht an, dieses oder jenes in Sätzen mitzuteilen, sondern darauf, immer Neues in seinen Zuhörern zu wecken. Und immer wieder wiederholte er: Darauf kommt es gar nicht an, daß dasjenige, was ich sage oder den Menschen zu sagen habe, von diesem oder jenem wieder gesagt werde, sondern darauf, daß es mir gelinge, in den Seelen solche Flammen zu erwecken, welche die Veranlassung werden, daß ein Jeder ein Selbstdenker werde; daß keiner das sagt, was ich zu sagen habe, sondern daß ein jeder angeregt wird durch mich, das zu sagen, was er selber zu sagen hat. — Nicht Schüler, Selbstdenker wollte Fichte erziehen. Wenn wir die Geschichte der Wirkungen Fichtes verfolgen, so können wir begreifen: Eigentliche Philosophenschüler hat gerade dieser deutscheste der deutschen Philosophen nicht gebildet; eine Philosophenschule hat er nicht gegründet. Tüchtige Männer sind überall hervorgegangen aus diesem unmittelbaren Verhältnis, in das er sich zu seinen Schülern versetzt hat.

[ 30 ] Nun, Fichte war sich bewußt — und mußte sich ja bewußt sein, da er das Bewußtsein des Menschen bis zu dem unmittelbaren Erfassen der schaffenden geistigen Wirklichkeit hinführen wollte -, daß er auf ganz besondere Art sprechen mußte. Die ganze Art Fichtes war gerade schwer zu begreifen. Im Grunde genommen hatten alle, die irgendwie teilnahmen an seiner Lehrart, dergleichen, wie er es dazumal in Jena übte, noch nicht vernommen. Selbst Schiller war erstaunt darüber, und zu Schiller sprach er einmal über die Art und Weise, wie er eigentlich in seinem eigenen Bewußtsein sich sein Wirken vorstellte, zum Beispiel folgendermaßen: Wenn die Menschen das lesen, was ich spreche, dann können sie so, wie sie heute lesen, unmöglich darauf kommen, was ich eigentlich sagen will. - Da nahm er eines seiner Bücher in die Hand und versuchte vorzulesen, so wie er dachte, daß dasjenige, was er zu sagen hatte, vorgelesen werden müsse. Dann sagte er zu Schiller: Sehen Sie, die Leute können heute nicht innerlich deklamieren. Weil aber das, was in meinen Perioden enthalten ist, erst durch wahres innerliches Deklamieren herausgeholt werden kann, kommt es eben nicht heraus.

[ 31 ] Allerdings war es etwas ganz anderes, was Fichte aus seinen eigenen Perioden herausholte. Was er sprach, es war gesprochene Sprache, Daher sollte man Fichte auch heute noch in der Mitte des ganzen Seelenlebens suchen, dem man sich widmen kann als dem Seelenleben des ganzen deutschen Volkes; man sollte auch heute noch immer die Überwindung haben, mit innerlicher Deklamation, mit innerlichem Hinhören, das aufzunehmen, was bei Fichte sonst so trocken und so nüchtern erscheint.

[ 32 ] So stehen wir, indem wir Fichtes geistige Entwickelung an unserer Seele vorüberziehen lassen, gewissermaßen auf einem der geistigen Gipfel seines Seins. Und der Blick mag wohl zurückschweifen auf diesen merkwürdigen Geistes gang.

[ 33 ] Wir haben Johann Gottlieb Fichte aufgesucht, wie er vor dem Freiherrn von Miltitz in dem blauen Bauernkittel dastand, ein richtiges rotwangiges, kurzgedrungenes Bauernkind, mit keiner anderen Bildung, als die ein Bauernkind haben kann, aber so, daß diese Bildung schon bei dem Neunjährigen innerstes Eigentum der Seele war. Wir haben ein Beispiel vor uns, wie aus dem deutschen Volke, ganz aus dem deutschen Volke eine Seele herauswächst, die zunächst nichts hereinbekommt, als was innerhalb dieses deutschen Volkes lebt, lebt in der unmittelbaren Art der Lebensweise dieses Volkes. Wir verfolgen diese Seele durch schwierige Lebenslagen, diese Seele, die eigentlich als ein Ideal betrachtet, in dem Volke stehen zu bleiben, aber sich überlassen muß dem innersten Impuls, dem innersten Antrieb ihres Wesens. Wir verfolgen diese Seele, wie sie hinaufsteigt zu den höchsten Höhen menschlich inneren Geschehens, Arbeitens, wie sie zum Menschenbildner wird in der Art, wie wir es eben schildern durften. Wir verfolgen den Weg, den eine deutsche Seele machen kann, die unmittelbar aus dem Volke herauswächst und die nur durch eigene Kraft zu den höchsten Höhen des geistigen Seins hinaufsteigt.

[ 34 ] Bis zum Frühling 1799 versieht Fichte also sein Lehramt in Jena. Es hatte schon früher allerlei Mißhelligkeiten gegeben. Denn ein Mensch, mit dem sich so ohne weiteres leicht auskommen ließ, ein Mensch, der geneigt wäre, damit es sich mit ihm leicht auskommen ließe, allerlei Umschweife im Leben zu machen, allerlei weiche Bewegungen in seinem Verhalten vor den Leuten zu machen, ein solcher Mensch war allerdings Fichte ganz und gar nicht. Aber ein Wichtiges tritt uns doch hervor, das bedeutsam ist für das ganze deutsche Leben in der damaligen Zeit.

[ 35 ] Derjenige, der insbesondere tiefe Befriedigung hatte — und in dieser Befriedigung einverstanden war mit Goethe darüber, daß er diesen Mann, Fichte, an seine Universität nach Jena berufen konnte, war Karl August. Und ich glaube, man darf ein Urteil hervorrufen über die ganze Vorurteilslosigkeit Karl Augusts, der den Mann an seine Universität berief, der in der freiesten Weise die Kantische Philosophie auf die Offenbarung angewendet hatte, aber nicht nur dies — der den Mann an seine Universität berief, der in der freiesten, in der rückhaltlosesten Weise eingetreten war für die freiesten Menschheitsentwickelungsziele. Ich glaube, man würde Karl August, diesem großen Geist, nicht Recht tun, wenn man nicht auf den hohen Grad von Vorurteilslosigkeit aufmerksam machen würde, den dieser deutsche Fürst dazumal brauchte, um Fichte zu berufen. Eine Verwegenheit nannte Goethe diesen Ruf. Aber ich möchte sagen, Karl August und Goethe, die ja vor allen Dingen die Seele dieses Rufes waren und sein mußten, sie nahmen es gegen eine Welt von Vorurteilen auf sich, Fichte nach Jena zu bringen. Ich sage, es wäre fast ein Unrecht, nicht aufmerksam zu machen, in welchem Grade gerade die Vorurteilslosigkeit Karl Augusts entwickelt war. Und zu diesem Zwecke möchte ich einen Satz aus dem Buche Fichtes vorlesen, das da den Titel hat «Beiträge zur Berichtisung der Urteile des Publikums über die französische Revolution»: «Sie» — er meint die Fürsten Europas, auch die Fürsten Deutschlands -, «die größtenteils in der Trägheit und Unwissenheit erzogen werden, oder wenn sie etwas kennen, eine ausdrücklich für sie verfertigte Wahrheit kennen; sie, die bekanntermaßen an ihrer Bildung nicht fortarbeiten, wenn sie einmal regieren, die keine neue Schrift lesen, als höchstens etwa wasserreiche Sophistereien, und die allemal, wenigstens um ihre Regierungsjahre hinter ihrem Zeitalter zurück sind... .» Das stand in dem letzten Buch, das Fichte geschrieben hatte — und Karl August berief diesen Mann an seine Universität.

[ 36 ] Wenn man sich ein wenig in die ganze Lage vertieft, in der Fichte und diejenigen waren, die ihn berufen haben, kommt man zu der Anschauung: Eigentlich haben die Menschen, die von der Gesinnung des großen, freiherzigen Karl August und Goethes waren, einen Feldzug unternommen gegen diejenigen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung waren und die durchaus so wenig wie möglich einverstanden waren mit der Berufung Fichtes. Und es war ein Feldzug, der gar nicht leicht zu unternehmen war, denn, wie gesagt, Staat zu machen in dem Sinne, wie man gerne Staat macht in der Welt, war mit Fichte nicht möglich. Fichte war schon ein Mensch, der durch seine Schiefheiten, durch seine Schroffheiten jeden verletzte, von dem man eigentlich gerne wollte, daß er nicht verletzt werde. Fichte war kein Mensch, der mit der Hand eine weiche Bewegung machte. Fichte war ein Mensch, der, wenn ihm etwas nicht recht war, mit der Faust seine Stöße in die Welt hinein machte. Die Art und Weise, wie Fichte mit seiner vollen Kraft dazumal das, was er der Welt mitzuteilen hatte, in die Welt hineinstellte, war Goethe und Karl August nicht leicht; es war ihnen sehr schwierig, sie ächzten etwas darunter.

[ 37 ] Und so nach und nach zogen die Ungewitter herauf. Da wollte Fichte zum Beispiel Vorlesungen über Moral halten, Vorlesungen, die als «Vorlesungen über die Moral für Gelehrte» gedruckt sind. Er fand keine Stunde, als nur den Sonntag. Das aber war etwas Schreckliches für alle, die da glaubten, der Sonntag werde entheiligt, wenn man über Moral im Fichteschen Sinne zu den Studenten in Jena am Sonntag spreche. Und alle möglichen Klagen kamen vor die Weimarer Regierung, vor Goethe, aber auch vor Karl August. Der ganze Jenaer Professorensenat sprach sich darüber in dem Sinne aus, daß es doch ungeheueres Aufsehen und Mißhelligkeiten hervorrufe, wenn Fichte am Sonntag — und er hatte ohnedies die Stunde gewählt, in der Nachmittagsgottesdienst war — moralische Vorlesungen an der Universität hielte. Karl August mußte schon in dieser Angelegenheit, ich möchte sagen, den Gegnern Fichtes zuerst das Feld räumen. Doch wäre es wiederum nicht gut, wenn man nicht heute wiederum zu Gehör brächte, in welcher Weise er es getan hatte. Karl August schrieb dazumal an die Universität Jena:

[ 38 ] «So haben Wir nach Eurem Antrag resolviert, daß dem mehrerwähnten Professor Fichte die Fortsetzung seiner moralischen Vorlesungen am Sonntage äußersten Falles nur in den Stunden nach geendigtem Nachmittagsgottesdienst gestattet sein solle» Das Dekret bezog sich ausdrücklich auf den Umstand, daß «etwas so Ungewöhnliches, als die Anstellung von Vorlesungen am Sonntag während der zum öffentlichen Gottesdienst bestimmten Stunden» vorlag. Indem Karl August aber dieses Dekret herausgab, konnte er doch nicht umhin, noch die Worte dazu zu fügen: «Wir haben uns gern überzeugt, daß, wenn dessen (Fichtes) moralische Vorlesungen dem ... eingehefteten trefflichen Aufsatz gleichen, sie von vorzüglichem Nutzen sein können.» Aber es bohrte weiter. Die Gegner ließen nicht mehr locker, könnte man sagen. Und so kam es denn 1799 zu jenem unseligen Atheismus-Streit, durch den Fichte von seinem Lehramt in Jena weichen mußte. Forberg, ein jüngerer Mann, hatte in der Zeitschrift, die Fichte dazumal herausgab, einen Aufsatz geschrieben, der von gewisser Seite her des Atheismus angeklagt worden war. Fichte fand schon seinerseits unvorsichtig, was dieser junge Mann geschrieben hatte, und er wollte Randbemerkungen dazu machen. Damit war aber Forberg wiederum nicht einverstanden. Und Fichte in seiner freien Weise, die er nicht nur im Großen, die er bis ins Kleinste hinein betätigte, wollte durchaus nicht etwa, weil er nicht damit einverstanden war, diesen Aufsatz zurückweisen. Er wollte auch nicht Randbemerkungen gegen den Willen des Verfassers machen. Aber er schickte einen eigenen Aufsatz «Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltenregierung», voraus. Hierin standen Worte, die ganz durchtränkt waren von wirklicher, man darf sagen, ins Geistigste hinaufgehobener, wahrer, inniger Gottesverehrung und Frömmigkeit, aber eben ins Geistigste hinaufgehoben, in jenes Geistige, von dem Fichte sagen wollte, daß es das einzig Wirkliche sei; daß man die Wirklichkeit überhaupt erst erfassen könne, wenn man sich mit seinem Ich im Geistigen bewegend, in der geistigen Strömung der Welt drinnen stehend fühlt. Nicht durch irgendwelche äußere Offenbarung oder äußere Wissenschaft müsse man dann das Dasein Gottes erfassen, sondern im lebendigen Wirken und Weben. Das Schaffen der Welt müsse man erfassen, indem man drinnen strömt, selber sich schaffend unaufhörlich und sich damit seine Ewigkeit gebend.

[ 39 ] Aber dieser Aufsatz Fichtes wurde erst recht des Atheismus angeklagt. Es ist unmöglich, diesen Streit, diese Atheismus-Anklage in aller Ausführlichkeit zu erzählen. Es ist im Grunde schrecklich zu sehen, wie Goethe und Karl August gegen ihren Willen Partei nehmen mußten gegen Fichte; wie sich Fichte aber nirgends abhalten läßt, nun, ich möchte sagen, eben mit der Faust gerade vor sich hinzuschlagen, wenn er glaubte, daß er dasjenige in der Welt durchbringen müsse, was er durchzubringen hat. So kommt es denn dahin, daß Fichte hört: man will etwas gegen ihn unternehmen, will ihm einen Verweis geben. Goethe und Karl August wäre es am liebsten gewesen, wenn man diesen Verweis hätte geben können. Fichte sagte sich: Einen Verweis wegen desjenigen, was man aus den innersten Quellen des menschlichen Wissens herauszuschöpfen hat, hinzunehmen, hieße, die Ehre - nicht die Ehre der Person, sondern die Ehre des Geistesstrebens — selber verletzen. Und da schrieb er denn zunächst an den Minister Voigt in Weimar einen Privatbrief, der dann aber zu den Akten gegeben wurde, in dem er sagte: Einen Verweis werde er sich nimmermehr geben lassen; nein, lieber würde er seinen Abschied nehmen. Und wenn Fichte schrieb über Dinge dieser Art, so schrieb er, wie er sprach. Man sagte: Er sprach schneidend, wenn es nötig war. So schrieb er auch schneidend — jedem, wer es auch war. Man konnte nicht anders, wenn man nicht alles drunter und drüber gehen lassen wollte in Jena, als die Entlassung annehmen, die Fichte nicht eigentlich angeboten hatte, denn man hatte ja einen Privatbrief zu den Akten genommen. So kam es dazu, daß Fichte auf diese Weise sein so segensreiches Lehramtin Jena verlassen mußte.

[ 40 ] Wir sehen ihn bald darauf in Berlin auftreten. Wir sehen ihn da auftreten, indem er jetzt wiederum von einer neuen Seite her das Stehen des Ich im webenden und waltenden Weltengeist erfaßt: «Die Bestimmung des Menschen» schrieb er dazumal. Er schrieb sie aber so, daß er sein ganzes Sein, sein ganzes Wesen in dieses Werk hineinlegte. Zeigen wollte er in diesem seinem Werk, wie zu einer wesenlosen Weltanschauung diejenigen führen, die nur äußerlich die Sinnenwelt betrachten, und sie nur mit dem Verstande kombinieren, Wie man auf diese Weise nur zu einem Traum vom Leben kommt, das bildet den Inhalt des ersten Teiles. Wie man abkommt, die Welt als eine Kette von äußerlichen Notwendigkeiten zu betrachten, ist der Inhalt des zweiten Teiles. Und den Inhalt des dritten Teiles der «Bestimmung des Menschen» bildet dann die Auseinandersetzung, wie es der Seele wird, wenn sie versucht, in ihrem Innern dasjenige zu erfassen, was an dem inneren Leben schafft, und was dadurch nicht nur ein Abdruck, sondern ein Mitschaffen ist an jenem großen Schaffen alles Weltendaseins. An seine Frau, die er damals in Jena zurückgelassen hatte, schrieb Fichte, nachdem er abgeschlossen hatte mit der Schrift: Ich habe noch niemals einen so tiefen Blick in Religion getan, als während ich diese Schrift «Bestimmung des Menschen» abgeschlossen habe.

[ 41 ] Mit einem kurzen Zwischenraum, 1805, während dem er sich an der Universität Erlangen aufhielt, verbrachte Fichte dann das Leben, das er noch in der Welt zu führen hatte, in Berlin, zuerst Privatvorträge haltend in den verschiedensten Wohnungen, Vorträge, die eindringlich waren; später zur Mithilfe an der neu begründeten Universität berufen, wovon wir ja gleich noch zu sprechen haben.

[ 42 ] Ich sagte, mit einem kurzen Zwischenraum in Erlangen hat er nun wiederum in Berlin gewirkt. Denn immer und immer neu aus seiner Seele herausgeschöpft war dasjenige, was er den Leuten zu geben hatte, wiederum neu in Idealform gießend, was er zu geben hatte, trug er in Erlangen mit vollem Eifer seine Wissenschaftslehre, seine Weltanschauung vor. Merkwürdig — während er in Jena, als er mit seinen Vorträgen begann, einen wachsenden Zulauf hatte und das in Berlin auch so war, nahm die Zuhörerschaft in Erlangen im Laufe des Semesters bis auf die Hälfte ab. Nun, man weiß ja, wie gewöhnlich Professoren diese Abnahme hinnehmen; wer das erlebt hat, weiß, daß das eben hingenommen wird. Für Fichte war das nicht so. Als die Zuhörerschaft in Erlangen auf die Hälfte herabgekommen war, ergriff er einmal das Wort — allerdings dann nur vor denen, die es hörten, nicht vor denen, die weggeblieben waren, aber er setzte voraus, daß sie es erfahren würden -, und hielt eine jener Donnerreden, in der er den Leuten begreiflich machte, daß sie, wenn sie nicht hören wollten, was er ihnen zu sagen habe, nur für äußeres historisches Wissen, nicht für vernünftiges Wissen zu haben seien. Und nachdem er hinzugefügt hatte, was der Mensch im Leben werde, wenn er als geistig Strebender nicht dieses vernünftige Wissen sich erwerben wolle, sagte er: «Die Zeit, in der ich lese? — Ich habe zwar gehört, wie wenig zufrieden man sei mit der Wahl der Stunde. Ich will dies nicht nach der Strenge nehmen, folgernd aus Prinzipien, die sich eigentlich von selbst verstehen und die hierbei angewendet werden müßten. Ich will die, welche es trifft, nur für übel unterrichtet halten und sie besser berichten. Sie können nämlich sagen: dies sei von jeher so gewesen. Falls dies wahr wäre, müßte ich erwidern, daß es von jeher sehr übel mit der Universität bestellt gewesen sei... Ich selbst habe in Jena ein ähnliches Collegium, wie dieses, Sommer und Winter von 6-7 Uhr vor Hunderten gelesen, welches sich gegen den Schluß sehr zu verstärken pflegte. Ich muß nur gerade heraussagen: als ich hier ankam, wählte ich diese Stunde, weil keine andere übrig. Seit ich die Denkart darüber erkannt habe, werde ich sie mit Bedacht wählen und dies künftigen Sommer tun. Der Grund aller jener Mißbräuche ist der: es zeigt sich ein tiefes Unvermögen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und eine Fülle von Flachheit und Langeweile, wenn man, nachdem so Gott will um 12 Uhr das Mittagessen verzehrt ist, es nicht länger in der Stadt aushalten kann. Und wenn Sie mir den Beweis führten — der, wie ich hoffe, nicht zu führen sein wird -, daß in Erlangen seit seiner Erbauung, daß in ganz Franken, ja in ganz Süddeutschland dies Sitte sei, so werde ich mich nicht scheuen, darauf zu antworten, daß demnach in Erlangen und in Franken und in ganz Süddeutschland die Flachheit und Geistlosigkeit ihren Sitz aufgeschlagen haben müsse.» Eine Donnerrede hielt er. Man mag von einer solchen Donnerrede denken wie man will, echt Fichtesch ist sie, Fichtesch in der Art, daß Fichte eben drinnen stehen wollte und auch immer drinnen stand in dem, was er geistig an die Menschen heranbringen wollte; daß Fichte mit dem, was er sprach, nicht bloß etwas sagen, sondern etwas für die Seelen tun, die Seelen ergreifen wollte. Darum war jede Seele, die wegblieb, ein wirklicher Verlust, nicht für ihn, sondern für das, was er für die Menschheit erzielen wollte. Ein Tun war für Fichte das Wort. So stand er in der geistigen Welt drinnen, und das gab ihm die Möglichkeit, mit anderen gleichzeitig wie in einer gemeinsamen geistigen Atmosphäre in der geistigen Welt drinnen zu stehen; daß er wirklich nicht nur theoretisch den Satz verfocht: Die äußere Sinneswelt ist nicht das Wirkliche, sondern der Geist, und derjenige, der den Geist kennt, der sieht auch hinter allem Sinnensein das geistige Sein.

[ 43 ] Nicht nur Theorie war ihm das, sondern so war es ihm praktische Wirklichkeit, daß sich einmal später in Berlin das Folgende abspielen konnte: Er hatte in seinem Vortragsraum seine Zuhörer versammelt. Der Vortragsraum war in der Nähe des Spreekanals. Plötzlich kam eine furchtbare Botschaft: Kinder, unter diesen auch Fichtes Knabe, hatten unten gespielt, ein Knabe war ins Wasser gefallen, und man sagte, es sei Fichtes Sohn. Fichte machte sich mit einem anderen Freunde auf, und während die Zuhörer alle herumstanden, zog man den Knaben aus dem Wasser. Der Knabe sah Fichtes Sohn sehr ähnlich, aber er war es nicht. Einen Augenblick aber mußte Fichte glauben, es sei sein Sohn. Das Kind wurde tot aus dem Wasser gezogen. Er bemühte sich um das Kind. Derjenige, der da weiß, welch inniges Familienleben im Hause Fichtes zwischen Fichte, Frau Johanna und diesem einzigen Sohne, der der einzige blieb, waltete, der weiß, was Fichte in jenem Augenblick durchgemacht hat: den größten Schrecken, den er hat durchmachen können, und den Übergang von dem größten persönlichen Schrecken zur größten persönlichen Freude, als er seinen Sohn wiederum in seine Arme schließen konnte. Dann ging er in ein Nebenzimmer, kleidete sich um und setzte seinen zweistündigen Vortrag in der Weise fort, wie er ihn sonst immer gehalten hatte, vollständig in der Sache drinnen.

[ 44 ] Übrigens nicht nur das. Proben solchen Drinnenstehens in dem geistigen Leben hat Fichte oft und oft gegeben. Da finden wir ihn zum Beispiel gerade während seiner Berliner Zeit so, daß er den Leuten Vorlesungen hält, die eine Kritik des damals gegenwärtigen Zeitalters sein sollten, eine schwere Anklage dieses Zeitalters. Er nahm so die einzelnen Zeitalter der Geschichte durch. Das allein, in dem er lebe, sagte er, sei dasjenige, in dem die Selbstsucht bis zum höchsten gekommen sei. Und in dieses Zeitalter der Selbstsucht fand er hineingestellt als den, der die Selbstsucht in der Person verkörperte, Napoleon. Fichte dachte sich im Grunde dazumal, während das Napoleonische Chaos über Mitteleuropa hereinbrach, nie anders als den Gegner im Geiste gegenüber Napoleon. Und eine Charakteristik Napoleons ist da, von der man sagen kann: In dem, wozu der vorhin geschilderte Bauernknabe im blauen Kittel herangereift war, in dem deutschen Mann erstand ein Bild Napoleons, ebenso hervorgehend aus innerster deutscher Kraft und deutscher Anschauung wie aus höchster philosophischer Lebensauffassung. Wir sind zu einem Menschendasein in der Gegenwart gekommen, so sagte Fichte, in der man die Erkenntnis verloren hat, daß Geistesweben und Geisteswesen die Welt durchpulst und auch durch das Menschenleben geht, durch die Menschenentwikkelung zieht, als sittliche Impulse die Menschen von Epoche zu Epoche trägt und daß der Mensch nur insofern etwas wert ist im Verlaufe der Geschichte, als er getragen wird von dem, was sich erhält an sittlichen Impulsen, an moralischer Weltordnung von Epoche zu Epoche. Davon aber weiß man nichts. Zu einem Zeitalter ist man gekommen, wo man Geschlecht nach Geschlecht in der Welt auftreten sieht wie Kettenglied an Kettenglied. Vergessen haben die Besten, so sagte Fichte, was sich durch diese Kettenglieder hindurchziehen muß als moralische Weltanschauung. In diese Welt herein ist Napoleon versetzt. Eine Quelle ungeheurer Kraft, aber ein Mensch, so sagte Fichte, in dessen Seele zwar einzelne Bilder von Freiheit zu finden sind, aber niemals eine wirkliche Idee, ein wirklicher Begriff von wahrer umfassender Freiheit, wie sie wirkt von Epoche zu Epoche in dem sittlichen Ideal der Menschen, in der moralischen Weltordnung. Und von diesem Grundmangel, daß eine Persönlichkeit, die nur Hülle ist, die keinen Seelenkern hat, solche Kraft entfalten kann, von dieser Erscheinung her leitete Fichte die Persönlichkeit und das ganze Unglück, wie er es sagte: Napoleon.

[ 45 ] Wenn man dies nebeneinanderstellt: Fichte, den kraftvollsten deutschen Weltanschauungsmann mit seiner Idee von Napoleon, und Napoleon selber, so muß man, um die ganze Lage klar zu machen, wohl hinweisen auf einen Ausspruch Napoleons, den er, wie erzählt wird, auf St. Helena nach seinem Sturze getan hat, denn dadurch wird erst die ganze Lage im Grunde genommen beleuchtet: Alles, alles wäre gegangen. Ich wäre nicht gefallen gegen alle die Mächte, die sich gegen mich aufgerichtet haben. Nur mit einem habe ich nicht gerechnet, das hat mich eigentlich zum Sturze gebracht: mit den deutschen Ideologen! Mögen die kleinen Geister über die Ideologie dieses oder jenes sprechen, diese Selbsterkenntnis Napoleons wiegt, ich denke, mehr als alles, was man gegen Fichtes Idealismus, der aber durchaus praktisch war, einwenden möchte.

[ 46 ] Daß es schließlich einem solchen Idealisten, wie es Fichte war, nicht schwer ist, auch einmal praktisch zu sein, bei Fichte können wir es geradezu beweisen, richtig historisch beweisen. Es war nämlich notwendig geworden, daß er als Kompagnon, als Gesellschafter in das Geschäft seines Vaters eintrat, das nun seine Brüder übernommen hatten. Da war er nun Teilhaber an dem Bandwirkergeschäft seines Hauses. Die Eltern lebten noch. Und man kann nun auch verfolgen, wie er sich als Geschäftsteilhaber eines Bandwirkergeschäftes ausnahm. Er war ein guter, vorsichtiger Geschäftsmann, der seinen Brüdern, die reine Geschäftsleute geblieben sind, wirklich sehr an die Hand gehen konnte. Gegenüber all denen, die da sagen: Ach diese Idealisten, sie verstehen nichts vom praktischen Leben, das sind Hirngespinstmacher! — konnte Fichte aus dem innersten Wesen seines ganzen Daseins heraus gerade in den Vorträgen, die er über «Die Bestimmung des Gelehrten» hielt, Worte sagen, die immer wiederum wiederholt werden müssen gegenüber denjenigen Menschen, die von dem Unpraktischen der Ideale sprechen, von dem Unpraktischen überhaupt der geistigen Welt. Als Fichte über die Bestimmung des Gelehrten sprach, sagte er in der Vorrede die folgenden Sätze: «Daß Ideale in der wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen wir anderen vielleicht so gut als sie, vielleicht besser. Wir behaupten nur, daß nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß das klar, daß nur auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Umlauf der Säfte, und dabei - kluge Gedanken verleihen!» Dieser deutsche Mann wußte schon über die Bedeutung der Ideale, auch über die Bedeutung des praktischen Lebens im rechten Sinne Bescheid. Aber Fichte war eben diese auf sich selbst gestellte Natur. Mag man das Einseitigkeit nennen, — solche Einseitigkeit muß zuweilen im Leben auftreten, wie Kräfte im Leben wirken müssen, die zuweilen über das Ziel hinausgehen müssen, damit sie, indem sie über das Ziel hinausgehen, das Rechte wirken.

[ 47 ] Gewiß, in Fichtes Verhalten war manche Schroffheit gemischt, als er in Jena den Leuten nicht bloß moralische Vorlesungen halten wollte, sondern allen Schlendrian, allen Suff, alles Herumbummeln der Studenten auch praktisch bekämpfen wollte. Er hatte schon einen gewissen Anhang in der Studentenschaft gewonnen. Es hatte zudem eine Anzahl Leute eine Eingabe gemacht, daß man diese oder jene Vereinigung, die besonders bummelte, abschaffen wolle. Aber er war nun eben eine schroffe Natur, er war ein Mensch, der nicht weiche Handbewegungen zu machen wußte, sondern mit der Faust zuweilen auch derb vor sich hinschlug — selbstverständlich alles symbolisch gemeint. Da kam denn doch das zunächst, daß einem größeren Teil der Jenenser Studentenschaft die praktische moralische Wirksamkeit Fichtes recht zuwider war. Und sie rotteten sich zusammen und warfen ihm die Fenster ein. Was dann Goethe, der Fichte verehrte, der von Fichte verehrt wurde, zu dem guten Witz veranlaßte: Nun ja, das ist der Philosoph, der alles auf das Ich zurückführt. Es ist ja allerdings eine unbequeme Art, von dem Dasein des Nicht-Ich überzeugt zu werden, wenn einem die Fenster eingeworfen werden; das hat man aus dem Nicht-Ich heraus als sein Gegenteil gesetzt!

[ 48 ] Aber das alles kann uns kein Beweis dafür sein, daß Fichtes Art zu philosophieren nicht in vollem Einklange gestanden hätte mit Goethes Art zu philosophieren. Und tief wahr empfand Fichte, als er am 21. Juni 1794, bald nachdem er seine Vorträge in Jena begonnen hatte, mit der Übersendung der Korrekturbogen seiner Wissenschaftslehre an Goethe schrieb: «Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsentanten... (der reinsten Geistigkeit des Gefühls) auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.» Und Goethe schreibt an Fichte, als er die Wissenschaftslehre übersandt bekommen hatte: «Das Übersendete enthält nichts, das ich nicht verstände oder wenigstens zu verstehen glaubte, nichts, das sich nicht an meine gewohnte Denkungsweise willig anschlösse.» Und weiter schreibt Goethe dem Sinne nach: Ich glaube, Sie werden dasjenige, womit die Natur mit sich zwar immer einig war, womit die Menschenseelen aber einig werden müssen, auf eine rechte Art vor diese Menschenseelen bringen können. — Und wenn heute jemand, der jene Wissenschaftslehre, die dazumal Fichte hat drucken lassen, trocken und ungoethisch finden würde, etwa behaupten wollte, daß Goethe für diese Sache keinen Sinn gehabt hätte, dann würde man ihm erwidern müssen, was ich erwidert habe, als ich im Weimarer Goethe-Schiller-Archiv die Briefe Fichtes an Goethe im Goethe-Jahrbuch 1894 herausgab. Es finden sich im GoetheSchiller-Archiv von Goethe selbst geschriebene Auszüge aus Fichtes «Wissenschaftslehre», wo Goethe Satz für Satz niedergeschrieben hat, was ihm an Gedanken beim Lesen von Fichtes «Wissenschaftslehre» aufschoß. Und schließlich begreift man auch, wie einer der deutschesten Deutschen, Goethe, dazumal aus der reinsten Geistigkeit des Gefühls, aus der heraus er eine neue Weltanschauung suchte, die Hand reichen mußte dem, der aus Vernunft-Energie heraus als der deutscheste der Deutschen dazumal nach einer philosophischen Weltanschauung suchte. Hat es Goethe doch einmal, als er von seinem Verhältnis zur Kantschen Philosophie sprach, schön in Worte gebracht. Er sagte ungefähr so, nicht wörtlich, aber dem Sinne vollständig entsprechend: Da trat Kant auf und sagte, indem der Mensch den Blick in die Welt richte, könne er nur ein Sinneswissen haben. Das Sinneswissen sei aber bloß Erscheinung, bloß etwas, was der Mensch selber durch seine Auffassung in die Welt hineinbringe. Das Wissen müsse abgesetzt werden, man könne nur durch einen Glauben zur Freiheit, zur Unendlichkeit, zu einer Auffassung des göttlich-geistigen Daseins selber kommen. Und was man unternehmen wollte, um nicht zu einem Glauben zu kommen, sondern zu einem unmittelbaren Anschauen der geistigen Welt, zu einem Leben und Weben des eigenen Schaffens in dem Schaffen des göttlichen Weltengeistes, und wovon Kant glaubt, man könne es nicht unternehmen, von dem sagt Kant, es würde sein «das Abenteuer der Vernunft». Und Goethe meint: Nun, so müßte man denn entschieden wagen, dieses Abenteuer der Vernunft mutig zu bestehen! Und wenn man schon einmal an der geistigen Welt nicht zweifle, sondern an Freiheit und Unsterblichkeit, an Gott glaube, warum sollte man dieses Abenteuer der Vernunft nicht wacker bestehen und sich mit dem Schaffenden der Seele in die schaffende Geistigkeit versetzen können, die die Welt durchwallt und durchwebt, in der Welt selber? - Nur’ auf eine andere Art, als Goethe es bestehen wollte, fand er es dennoch bei Fichte.

[ 49 ] Und es mußte einmal, wenn auch in Schroffheit, auftreten dieses Hindrängen nach der Geistigkeit, nach dem Erfassen der schaffenden Weltweisheit, indem sich das schaffende Ich in der schaffenden Weltenwesenheit, mit ihr eins, darinnen erlebt. Und das sollte nach Fichtes Anschauung durch seine Wissenschaftslehre geschehen. Wie wir es charakterisieren konnten, ist es eine unmittelbare Tat des deutschen Volkes, denn wir sehen aus dem deutschen Volke Fichtes Seele zu der Höhe hinaufwachsen, und Fichte war sich dessen bewußt, daß im Grunde seine Philosophie immer ein Ergebnis seines lebendigen Verkehrs mit dem deutschen Volksgeist war. Damit hat der deutsche Volksgeist das, was er selber über Welt und Leben und über Menschenziele zu sagen hatte, vor die Welt hingestellt. Hingestellt so, wie es allerdings nur sein konnte, indem es auf den ersten Anhub geschah in einer so schroffen Persönlichkeit, wie es Fichte war.

[ 50 ] Leicht zu behandeln war Fichte nicht. Als zum Beispiel in Berlin die Universität begründet werden und Fichte den Plan ausarbeiten sollte, bildete er sich eine Idee von der Universität und arbeitete den Plan zu dieser Idee auch in allen Einzelheiten aus. Aber was wollte er denn? Er wollte etwas so grundsätzlich Neues in der Universität zu Berlin schaffen, dazumal im Beginn des 19. Jahrhunderts, daß wir dürfen es sagen, ohne daß dagegen auch nur irgendein Widerspruch auftauchen könnte — dieses Neue heute noch nirgend in der Welt verwirklicht ist; daß die Welt noch auf die Verwirklichung wartet. Man hat selbstverständlich den Plan Fichtes nicht verwirklicht, obzwar er, wie er sich ausdrückte, nichts anderes wollte, als die Universität zu einem Institut machen, das da bedeutet: «Eine Schule der Kunst des wirklichen Verstandesgebrauches.» Also nicht Menschen, die das oder jenes wissen, sollten aus der Universität hervorgehen, die Philosophen oder Naturwissenschafter oder Mediziner oder Juristen seien, sondern Menschen, die im Gesamtgefüge der Welt so drinnenstehen, daß sie die Kunst des Verstandesgebrauches vollständig handhaben können. Denken wir uns, was das für ein Segen wäre, wenn es irgendwo in der Welt eine solche Universität gäbe! Wenn wirklich irgendwo eine Kunstschule verwirklicht wäre, aus der Menschen hervorgingen, die ihr inneres Seelisches so lebendig gemacht haben, daß sie sich wirklich frei bewegen würden in dem, was Wesenslogik des Daseins ist.

[ 51 ] Aber leicht handhabbar war diese Persönlichkeit schon nicht; groß, um der Geschichte einen mächtigen Einschlag zu geben, dazu war sie da. Fichte wurde auch der zweite Rektor der Universität. Er faßte seinen Beruf so energisch auf, daß er nur vier Monate Rektor sein konnte. Länger ertrugen weder die Studenten noch die beteiligten Behörden das, was er durchführen wollte. Das alles aber ist aus deutschem Volkstum heraus, gerade wie es bei Fichte auftrat, aus deutschem Volkstum heraus geschmiedet. Denn als er seine «Reden an die deutsche Nation» hielt, über die ich ja hier schon zum wiederholten Male, und zwar nicht nur während des Krieges, sondern auch vor dem Kriege wie überhaupt über die große Erscheinung Fichtes — gesprochen habe, da wußte er, daß er dem deutschen Volke das sagen wollte, was er gleichsam durch sein meditatives Zwiegespräch mit dem Weltengeist erlauscht hatte. Nichts anderes wollte er hervorrufen dazumal, als: in ihren Seelen sollte sich bewegen dasjenige, was sich aus dem tiefsten Quell des Deutschseins in den Seelen der Menschen bewegen kann. Diese Art und Weise, wie sich Fichte zu seiner Zeit und zu denjenigen stellte, von denen er wollte, daß sie ihre Seelen in eine Richtung bringen, die den Aufgaben im Weltendasein gewachsen ist, — das war allerdings nicht geeignet, auf Flachlinge, auf oberflächliche Leute einen anderen Eindruck zu machen, als höchstens den der Neugierde. Aber den wollte Fichte ganz und gar nicht erzeugen. Es ist ja selbstverständlich immer das Allerleichteste, wenn so etwas wie Fichtes Geistigkeit in die Welt tritt, sich darüber lustig zu machen. Nichts leichter, als Kritik zu üben, sich lustig zu machen. Das taten die Leute ja genügend. Das brachte Fichte in ernste Lagen. Zum Beispiel, gleich als er an die Universität Jena kam, war er schon in einer recht ernsthaften Lage dadurch, daß er nicht so recht einverstanden sein konnte mit denen — nun ja, die auch Philosophen waren. Da war zum Beispiel an der Jenenser Universität derjenige, der der erbeingesessene Philosoph war. Schmid hieß er. Der hatte sich über dasjenige, was Fichte bis dazumal geleistet hatte, der jetzt sein Kollege werden sollte, so abfällig ausgesprochen, daß es eigentlich schon schandhaftig war, daß nun Fichte der Kollege werden sollte. Da sagte denn Fichte wieder einige Worte in jener Zeitschrift, in der sich Schmid ausgesprochen hatte. Und es ging so hin und her. Fichte trat sein Lehramt in Jena eigentlich an, indem er in die Jenaer Zeitschrift, in derSchmid geschrieben hatte, einrücken ließ: Ich erkläre, daß für mich Herr Schmid nicht mehr vorhanden sein wird in der Welt. — So stellte er sich neben seinen Kollegen hin.

[ 52 ] Das war eine ernste Lage. Eine weniger ernste, aber deshalb nicht minder bezeichnende war diese: Es erschien dazumal in Berlin eine Zeitschrift «Der Freimütige». Kotzebue, der «berühmte» deutsche Dichter Kotzebue und noch ein anderer hatten Anteil an der Herausgabe dieser Zeitschrift, stellten sie zusammen. Man kann eigentlich nicht recht herausbekommen -— ich glaube wirklich, nicht einmal durch ganz intimes Hellsehen könnte man herausbekommen! was eigentlich dieser Kotzebue dazumal in den Vorträgen von Fichte wollte. Aber nur eine Zeitlang konnte man es nicht recht herausbekommen. Später stellte es sich heraus, denn es erschienen im «Freimütigen», der sich dazumal in Berlin recht wichtig machte, die hämischsten Angriffe über die Vorträge von Fichte. Fichte wurde es einmal, nun, sagen wir, zu dumm. Und siehe da, er nahm sich eine Nummer dieses «Freimütigen» und zerpflückte sie vor den Zuhörern, zerpflückte sie so, daß er - was er auch konnte — einen unüberwindlichen Humor ausgoß über dasjenige, was dieser «Freimütige» zu sagen hatte. Das Gesicht eines der Zuhörer, von dem man früher nicht wußte, warum er eigentlich teilnahm, wurde immer länger und länger. Und schließlich stand Herr Kotzebue mit langem Gesicht auf und erklärte, das brauche er sich nicht mehr länger anzuhören! Dann ging er fort, erschien nicht wieder. Aber Fichte war ganz froh, daß er ihn los war.

[ 53 ] Ja, Fichte konnte nach der Art, wie er sich praktisch in das Leben hineinstellte, das er als das innerste Leben des Menschendaseins gestalten wollte, auch schon einen Ton finden, der durchaus unmittelbar die Lage ergriff. Trotzdem er ganz in der geistigen Welt lebte, war er nicht ein weltfremder Idealist, aber er war ein Mann, der ganz auf sich selber ruhte und der dasjenige, was er als sein Wesen in sich, auf sich selber ruhend, fand, mit allem Ernst nahm. Daher konnte er auch in einer gewissen Zeit, als Napoleon Preußen überwunden hatte, als die Franzosen in Berlin waren, nicht in Berlin bleiben. Er wollte nicht in der Stadt sein, die französisch unterjocht war. Er ging nach Königsberg, später nach Kopenhagen. Er kehrte erst wieder zurück, als er als der deutsche Mann auftreten wollte, der das innerste Wesen seines Volkstums, des Volksseins, seiner Volksart, vor seine Volksgenossen hinstellte in den «Reden an die deutsche Nation».

[ 54 ] Mit Recht empfindet man Fichte wie einen unmiittelbaren Ausdruck des deutschen Volkstums, wie den Ausdruck dessen, was als Geist im Grunde immerdar, insofern wir die Deutschheit in ihrem Geiste zu erfassen in der Lage sind, mitten unter uns lebt, — nicht nur in Gedanken, wie es etwa so schön ein Philosoph ausgesprochen hat, der als Philosoph gar nicht in Übereinstimmung war mit Fichte, Robert Zimmermann, der da sagte: «Solange in Deutschland ein Herz schlägt, das die Schmach fremder Zwingherrschaft zu fühlen vermag, wird das Andenken des Mutigen fortleben, der im Moment der tiefsten Erniedrigung, unter den Trümmern der zusammengebrochenen Monarchie Friedrichs des Großen, mitten in dem von Franzosen besetzten Berlin, vor Augen und Ohren der Feinde, unter Spionen und Angebern, die von außen durchs Schwert geknickte Kraft des deutschen Volkes von innen durch den Geist wieder aufzurichten und in demselben Augenblicke, da die politische Existenz desselben für immer vernichtet zu sein schien, durch den begeisternden Gedanken allgemeiner Erziehung, ein solches in künftigen Generationen neu zu erschaffen unternahm.» Mögen wir auch heute — das möchte ich wiederholentlich hier aussprechen -, in bezug auf den Inhalt von vielem, was in den «Reden an die deutsche Nation», ja, was in den anderen Schriften Fichtes steht, ganz anders denken müssen, darauf kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß wir fühlen den deutschen Geist, der durch seine Erzeugnisse fließt, und die Erneuerung des deutschen Geistes mit Bezug auf seine Stellung im Weltenall, wie sie gegeben ist in den «Reden an die deutsche Nation». Daß wir das als den Geist fühlen, der mitten unter uns ist, und den wir ergreifen nur in dem einen Beispiel Fichtes, durch das er sich in einer allerdings zuerst weit hintönenden Art in die deutsche Entwickelung hineingestellt hat. Kraftvoll und energisch, aber tief innerlich, so wollte sich dieser Geist hineinstellen in die Weltenentwickelung. Daher fand Fichte noch in der Zeit, als schon sein Lebensabend hart herankam, die Möglichkeit, gerade in der intimsten Art wiederum einmal seine ganze Wissenschaftslehre umgießend und erneuernd, wiederum sie meditierend, im Herbste 1813 vor seine Berliner Zuhörer zu bringen, was er als seine tiefsten Gedanken erfaßt hatte. Da warf er noch einmal, wiederum in der geschilderten Art die Seele seiner Zuhörer ergreifend, den Blick darauf, wie unmöglich der Mensch hinter das Dasein und seine Wirklichkeit kommen kann, der nicht dieses Dasein im Geiste, jenseits aller Sinnlichkeit, erfassen will. Denjenigen Menschen aber, die da glauben, im Sinnen-Sein und dem, was nur nach dem Sinnen-Sein geformt ist, irgendein wahres Dasein zu erblicken, den Menschen rief er zu in den Vorträgen, die zum Letzten gehören, das Fichte gesprochen hat: «Ihr Wissen geht auf im Unverstande und einem leeren Worte; und darüber lobpreisen sie sich wohl, und finden ganz recht, daß es so ist. Zum Beispiel Sehen: Es wirft sich ein Bild des Gegenstandes auf die Netzhaut. Auf der ruhigen Wasserfläche spiegelt sich auch ein Bild des Gegenstandes. Sieht darum, unserer Meinung nach, die Wasserfläche? Was ist nun das Mehr, das hinzukommen muß zwischen dieses Bild und das wirkliche Sehen, das bei uns ist, bei der Wasserfläche nicht? Darüber geht ihnen auch nicht einmal die Ahnung auf, denn bis dahin geht nicht ihr Sinn.» Einen besonderen Sinn, einen neuen Sinn, so sagt Fichte, muß man in sich gewahr werden, wenn man erleben will jenes Sein im Geiste, das alles andere Sein erst begreiflich macht. «Ich bin, und ich bin mit allen meinen Zielen nur in einer übersinnlichen Welt!» Das ist eines der Worte, die Fichte selbst geprägt hat und die wie das Leitmotiv durch alles hindurchgehen, was Fichte zeit seines Lebens gesprochen hat, was er in einer anderen Art bekräftigte noch einmal in jenem Herbst 1813. Und wovon sprach er damals? Daß die Menschen sich bewußt werden müssen, daß man auf die Weise, wie man im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die Dinge und die Welt sieht, niemals hinter das wahre Sein kommen könne. Da müsse man sich gewahr werden, daß ein übersinnlicher Sinn in einem jeden Menschen lebe und daß der Mensch aufgehen könne in einer übersinnlichen Welt, mit diesem Sinne sich hineinleben könne als ein Schaffender in seinem Ich im schaffenden, webenden Weltengeist. Es ist, so sagt Fichte, wie wenn ein Sehender in eine Welt von Blinden kommt und ihnen die Welt der Farben und Formen begreiflich machen will, und die Blinden leugnen es ihm ab. So leugnet der, der materialistisch gesinnt ist, weil er nicht den Sinn dafür hat, gegenüber dem, der da weiß: Ich bin, und ich bin mit all meinen Zielen und Schaffen in der übersinnlichen Welt. Und so prägte dazumal Fichte seinen Zuhörern dieses Sein im Übersinnlichen, dieses Leben im Geistigen, diese Handhabung eines Übersinnlich-Sinnlichen ein, daß er sagte:

[ 55 ] «Der neue Sinn ist demnach der Sinn für den Geist; der, für den zur Geist ist, und durchaus nichts Anderes, und dem auch das Andere, das gegebene Sein, annimmt die Form des Geistes, und sich darein verwandelt, dem darum das Sein in seiner eigenen Form in der Tat verschwunden ist.»

[ 56 ] Es ist ein Großes, daß in dieser Weise das Bekenntnis des Geistes abgelegt worden ist innerhalb der deutschen Geistesentwickelung vor denen, die suchen wollten, was im höchsten Sinne das deutsche Volk zu sprechen hat, wenn es aus dem Innersten seines Wesens heraus spricht. Denn das hat durch Fichte dieses deutsche Volk gesprochen. Und mehr als für irgendeinen anderen ist es für Fichte wahr, daß der deutsche Volksgeist auf der damaligen Stufe, wie er sprechen konnte, zu dem deutschen Volk gesprochen hat.

[ 57 ] Ob wir ihn äußerlich anschauen, diesen Fichte, ob wir auf seine Seele den Seelenblick hinwenden, immer erscheint er uns als der unmittelbarste Ausdruck des deutschen Volkstums selber, desjenigen, was innerhalb der Deutschheit nicht nur zu irgendeiner Zeit da ist, was immer da ist; was, wenn wir es nur zu ergreifen wissen, immer mitten unter uns ist. Gerade durch das, was Fichte ist, wie er sich uns darstellt, darstellt so, daß wir wie plastisch sein Bild vor unserer Seele haben, wohl ihn schauen, wohl ihm zuhören möchten im Geiste, wenn er eine Atmosphäre bildet, die sich ausbreitet zwischen seiner Seele und der Seele seiner Zuhörer, daß wir ihm ganz nahe sein wollen: das macht, daß wir ihn fühlen können, ich möchte sagen, wie einen legendarischen Helden, wie einen Geisteshelden, der da als ein Anführer seines Volkes im Geiste immer geschaut werden kann, wenn dieses Volk ihn nur recht versteht. Es kann ihn schauen, indem es sich ihn plastisch vor die Seele stellt als einen seiner besten Geisteshelden.

[ 58 ] Und heute, im Zeitalter der Tat, da das deutsche Volk in einer unvergleichlichen Weise ringen muß um sein Dasein, um seine Existenz, darf vor unserer Seele, vor unserem Geiste aufstehen das Bild desjenigen, der Deutschheit, deutsches Wesen, von dem höchsten Gesichtspunkte aus, aber auch in der energischsten, in einer einzigen Weise zu schildern vermochte; so zu schildern vermochte, daß wir bei ihm mehr als bei einem andern glauben können: Wir haben ihn unmittelbar unter uns, wenn wir ihn recht verstehen. Denn alles ist bei ihm so sehr aus einem Guß, es stellt sich unmittelbar so dar, daß er in aller Lebendigkeit unter uns dasteht, indem wir ihn betrachten; ob der einzelne Zug aus der Ganzheit seines Wesens hervorgeht oder ob wir intimste Seiten seiner Seele auf uns wirken lassen, er steht als Ganzheit vor uns da. Er kann nicht anders von uns erfaßt werden, sonst ist er stüumperhaft, oberflächlich erfaßt. |

[ 59 ] Ja, er kann erschaut werden, wie er die Seelen zum Sichhingeben an die Daseinskräfte der Welt, schaffend im Schaffenden, innerhalb seines Volkes entzündet, wie er mit dieser Seele aufsteigt zu dem Erleben im Geiste, und wie er sich als Leben einfügt in den Entwickelungsfortschritt seines Volkes. Man öffne nur das Seelenauge. Man wird ihn nicht verstehen, wenn man ihn nicht also plastisch versteht. Wenn man aber sein Seelenauge für seine Volksgröße öffnet, dann steht er mitten unter uns.

[ 60 ] Die Art und Weise wie er gesucht hat, in anderer Weise als andere Lehrer zu wirken, indem er, sich hinstellend vor seine Zuhörer, nicht sprach, sondern tat mit seinen Worten, so tat, daß ihm gleichgültig war, was er sagte, weil es in der Seele des Zuhörers nur entzünden sollte die eigene Tat, weil mit der Seele etwas geschehen sollte, etwas getan werden sollte, und weil die Seelen anders den Saal verlassen sollten, als sie hineingegangen waren, — dies bewirkt das ganz Eigentümliche, daß er uns lebendig werden muß in der Art und Weise, wie er wirkte aus dem Volke in das Volk, und daß wir glauben, ihn zu hören, wenn er das, was er erlauscht hat in einsamen Meditationen, durch die er sich wohl vorbereitete zu jedem gesprochenen Vortrag, was er erlauscht hat in seinem Selbstgespräch mit dem Weltengeist, nun nicht hinstellte vor seine Zuhörer, sondern in das Wort, das Tat ist, umwandelte, so daß er diejenigen, zu denen er gesprochen hatte, als andere Menschen entließ. Andere Menschen waren sie geworden aber nicht durch seine Kraft, sondern durch die Erweckung und Entzündung ihrer eigenen Kraft. Wenn wir ihn in solcher Art richtig verstehen, dann können wir glauben, ihn hellhörend zu vernehmen, wie er mit seinem Wort, mit der Schärfe, mit dem scharfen Messer seines Wortes unmittelbar den Geist ergreifen will, den er vorher in der Seele ergriff, indem er, wie gesagt worden ist von ihm, nicht bloß gute, sondern große Menschen in die Welt hineinstellen wollte durch seine Pflege der Seele.

[ 61 ] Man kann, wenn man so recht lebendig macht, was er war, nicht anders als seine Worte hören, seine Worte, die aus dem Geiste selber zu kommen scheinen, der sich in diesem Fichte nur ein Werkzeug machte, um zu sprechen, aus dem Geiste der Welt selber heraus zu sprechen, befeuernd, Feuer und Wärme und Licht erweckend. Herzhaftigkeit rollte in seinen Worten, Sittenmütigkeit trieben sie vor sich her. Herzhaftigkeit wurde aus seinen Worten, wenn sie durch die Ohren in die Seelen, in die Herzen der Zuhörer strömten, Sittenmütigkeit trugen diese Worte in die Welt hinaus, wenn mit dem Feuer, das diese Worte in den Seelen der Zuhörer entzündet haben, diese Zuhörer, wie wir so oft hören von denen, die Fichtes Zeitgenossen waren, als die tüchtigsten Männer in die Welt hinauszogen. Man öffne das Geistesohr, und man kann vernehmen, wenn man Fichte überhaupt versteht, unmittelbar wie einen Gegenwärtigen den, der aus dem Geiste seines Volkes heraus spricht. Und wer ein Ohr hat für solche Volksgröße, der wird sie hören mitten unter uns. Und selten wird ein Geist so vor uns stehen, daß wir alles dasjenige verfolgen können, was er ist bis in jede einzelne Tat des Lebens hinein. Die Pflicht, die moralische Weltordnung, wie er sie vertrat auf der Höhe seiner Philosophie, sehen wir sie nicht schon, wenn wir den Knaben schauen, wie er mit sieben Jahren, weil er aus der Neigung heraus Liebe zum «Gehörnten Siegfried» erfaßt hat, diesen ins Wasser wirft, da er sich nicht in Übereinstimmung mit seinen Pflichten fühlt? Finden wir den sinnenden Mann, der sich zu seinen Vorträgen vorbereitet, der den Geist auf die Geheimnisse der Welt zu richten weiß, nicht schon in dem Knaben, der draußen auf der Weide steht und stundenlang den Blick nach einer Richtung in die Geheimnisse der Natur hineinschweifen läßt, bis der Schäfer kommt und ihn nach Hause führt? Fühlen wir nicht das ganze Feuer, das Fichte beseelte, das ihn auf seiner Lehrkanzel in Jena beseelte, und später, als er zu den Repräsentanten, wie er sagte, seines ganzen Volkes in den «Reden an die deutsche Nation» sprach? Fühlen wir es nicht schon da, wo er, die Predigt des Landpfarrers wiederholend, Eindruck auf den Freiherrn von Miltitz machte? Fühlen wir nicht in allem einzelnen, selbst in den kleinsten Handlungen seines Lebens, wenn wir nur ein wenig geistig fühlen können, diesen Geist ganz nahe? Fühlen wir nicht, wie Seelenhaftigkeit, Herzhaftigkeit, Sittenmütigkeit von diesem Geiste ausströmt in die ganze nachherige deutsche Entwickelung? Fühlen wir nicht das ewig Lebendige, das da lebt, wenn wir auch mit dem Einzelnen nicht übereinstimmen können, in den «Reden an die deutsche Nation»? Trotzdem sie 1824 zweimal von der Zensur konfisziert worden sind, waren sie nicht tot zu machen. Sie leben gerade heute und müssen leben in den Seelen.

[ 62 ] Wie wir ihn schauen können, diesen Fichte, mitten unter uns! Wie wir ihn hören können, wenn wir ihn recht verstehen! Wir können ihn fühlen, wenn wir mit der Seele fühlen, wie er seine Zuhörer begeistert, wie er das ganze deutsche Volk in seiner ferneren Entwickelung begeistert, wie das, was er geschaffen hat, was er ausströmen ließ durch die fortlaufende Entwickelungsströmung seines Volkes, unvergänglich bleiben muß! Wir können nicht anders, wenn wir ihn recht verstehen, wir müssen diesen Geist Fichtes fühlen mitten unter uns.