Mind and Matter
Life and Death
GA 66
1 March 1917, Berlin
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Mind and Matter. Life and Death, tr. SOL
3. Seelenunsterblichkeit, Schicksalskrafte und menschlicher Lebenslauf
3. The Immortality of the Soul, the Forces of Destiny, and the Course of Human Life
[ 1 ] Was es schwer macht, der Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, mit dem vollen Verständnis nahezukommen, das ist, daß sie nicht nur in anderer Weise als das gewöhnliche Bewußtsein denken muß über gewisse Lebensrätsel — über Lebensrätsel, von denen sehr viele Menschen glauben, daß sie dem menschlichen Erkennen überhaupt nicht zugänglich seien, manche sogar, daß sie außerhalb des Wirklichen liegen —, sondern daß sie zu einem Denken kommt, das in seiner Art, in seiner ganzen Form anders ist als das Denken des gewöhnlichen Bewußtseins. Zu einem Denken kommt Geisteswissenschaft, das in der Art, wie das in den beiden letzten Vorträgen, die ich hier gehalten habe, angedeutet worden ist, erst aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus entfaltet werden muß, wie die Blüte aus der Pflanze, die noch nicht blüht, entfaltet werden muß. Man kann aber sagen, daß die Entwickelung der menschlichen Geisteskultur im neunzehnten Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein zu vielen Ideen und Vorstellungen gekommen ist, welche auf dem Wege sind zu dieser Geisteswissenschaft. Wenn auch die entsprechenden Bestrebungen innerhalb der neuzeitlichen Geistesentwickelung von dieser Geisteswissenschaft radikal abweichen, so erheben sie doch Forderungen für die Erkenntnis gewisser Lebensrätsel und Welträtsel, welche sich auf dem Wege nach der Geisteswissenschaft hin bewegen. Und da darf insbesondere auf eine Idee hingewiesen werden, welche innerhalb gewisser Kreise, nicht nur derjenigen Kreise, in denen sie Eduard von Hartmann, der bekannte Philosoph, populär gemacht hat, sondern auch innerhalb anderer wissenschaftlicher Kreise in der letzten Zeit viel gepflogen worden ist, ich meine die Idee, die Vorstellung des Unbewußten oder auch, wie man vielleicht besser sagen würde: des Unterbewußten im menschlichen Seelenleben.
[ 1 ] What makes it difficult to fully grasp spiritual science—as it is understood here—is that it must not only think about certain mysteries of life in a different way than ordinary consciousness does—mysteries of life that many people believe are completely beyond human understanding, and some even believe lie outside of reality—but that it arrives at a way of thinking that is, in its nature and in its entire form, different from the thinking of ordinary consciousness. Spiritual science arrives at a form of thinking that, as indicated in the last two lectures I have given here, must first be unfolded from ordinary consciousness, just as a flower must be unfolded from a plant that has not yet bloomed. One can say, however, that the development of human spiritual culture in the nineteenth century and up to the present day has given rise to many ideas and concepts that are on the path toward this spiritual science. Even if the corresponding endeavors within modern intellectual development diverge radically from this spiritual science, they nevertheless raise demands for the understanding of certain mysteries of life and the world that are moving along the path toward spiritual science. And here one may point in particular to an idea that has been widely discussed in recent times within certain circles—not only those in which Eduard von Hartmann, the well-known philosopher, popularized it, but also within other scholarly circles—namely, the idea, the concept of the unconscious, or, as one might perhaps better say, the subconscious in human soul life.
[ 2 ] Sehen wir, was eigentlich mit diesem Unbewußten oder Unterbewußten gemeint ist. Wenn es auch die verschiedensten Leute in der verschiedensten Weise ausdeuten, zuletzt kommt das Gemeinte doch darauf hinaus, daß in den Tiefen der Menschenseele etwas ruht, was seinem Wesen nach eigentlich die Grundlage dieser Menschenseele ausmacht, was aber nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein des Tages, auch nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein der Wissenschaft erreicht werden kann. So daß man also sagen kann: Diejenigen, die vom Unterbewußten oder Unbewußten in der menschlichen Seele sprechen, die sprechen so davon, daß man sieht, sie sind überzeugt, daß das eigentliche Wesen der Seele mit alledem nicht erfaßt werden kann, was der Mensch in seinem gewöhnlichen Denken, EmpfAinden, in dem Durchdringen seiner Willensimpulse in das alltägliche und auch in das gewöhnliche wissenschaftliche Bewußtsein hereinbringen kann. Man kann sagen, soweit, wie diese Vorstellung hier eben charakterisiert worden ist, kann Geisteswissenschaft mit ihr im Grunde genommen übereinstimmen. Allein es ist schon einmal das Schicksal der Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, daß sie mit mancherlei Weltanschauungsrichtungen von einem gewissen Gesichtspunkte aus übereinstimmen muß, daß sie aber gerade die Wege, welche diese Weltanschauungsrichtungen andeuten, in einer anderen Weise einschlagen muß, als diese es tun. Und da kommen wir gleich auf etwas, was nun die Vertreter des Unterbewußten oder Unbewußten meinen, worin sich aber die Geisteswissenschaft von ihnen grundsätzlich unterscheiden muß. Diese Vertreter des Unbewußten meinen, das, was so unbewußt für das gewöhnliche Bewußtsein unten in den Tiefen der Seele ruht und das eigentliche Wesen der Menschenseele ausmacht, das müsse auch unter allen Umständen unterbewußt oder unbewußt bleiben, das könne nie heraufrücken in das gewöhnliche Bewußtsein. Daher ist auch Eduard von Hartmann, der, wie gesagt, das Unbewußte am meisten populär gemacht hat im letzten halben Jahrhundert, der Anschauung, daß man durch unmittelbares Wissen, durch Erleben, durch Beobachten über das Wesen der Seele ebensowenig wie über das Wesen der Natur selber etwas erfahren könne. Er meint,daß man auf das Unbewußte oder Unterbewußte nur schließen kann, über dasselbe nur Hypothesen aufstellen kann, daß man aus den Beobachtungen,die sich aus der gewöhnlichen Weltergeben, aus den Erlebnissen des Alltags oder der WissenschaftsolcheSchlüsse ziehen könne, und dann hypothetisch sich Vorstellungen bilden könne, wie es in der Welt des Unbewußten oder Unterbewußten aussieht. In diesem Punkte kann Geisteswissenschaft nicht mitgehen. Und daß sie das nicht kann, das werden diejenigen verehrten Zuhörer, die bei den letzten Vorträgen waren, aus ihnen haben entnehmen können. Denn es wurde da charakterisiert, wie Geisteswissenschaft gerade zu der Erkenntnis kommt, daß allerdings dieses Unbewußte oder Unterbewußte für das gewöhnliche Wissen unten ruht in den Tiefen der Seele, daß es aber unter gewissen Umständen heraufgeholt werden kann. Es kann heraufgeholt werden, wenn dasjenige Bewußtsein zur Entwickelung kommt im Menschen, das man, wie ich gezeigt habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», das schauende Bewußtsein nennen kann, in weiterer Ausbildung des Goethe-Wortes «anschauende Urteilskraft». Goethe hat mit diesem Worte über die «anschauende Urteilskraft» eine bedeutungsvolle, eine schwerwiegende Anregung gegeben. Diese Anregung konnte in seiner Zeit einfach deshalb, weil die Geisteswissenschaft nicht so weit war wie jetzt, nicht voll ausgebildet werden. Aber Geisteswissenschaft betrachtet es als ihre Aufgabe, nicht im Nebulosen, im Schwärmerischen allerlei Phantasiegebilde zu erzeugen, sondern auf ernstem wissenschaftlichem Boden gerade das auszubilden, wozu Goethe die Anregung mit seinem sehr bedeutungsvollen Worte von der anschauenden Urteilskraft gegeben hat. Die Art und Weise, wie die menschliche Seele zu dieser anschauenden Urteilskraft oder zum schauenden Bewußtsein kommt, ist ausgeführt in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in anderen meiner Bücher, auf die ich hier verweisen muß. Das aber, was dieser anschauenden Urteilskraft zugrunde liegt, wird von einem gewissen Gesichtspunkte aus, hoffe ich, insbesondere im heutigen Vortrag zum Vorschein kommen.
[ 2 ] Let’s see what is actually meant by this “unconscious” or “subconscious.” Although a wide variety of people interpret it in a wide variety of ways, ultimately what is meant boils down to this: that in the depths of the human soul there lies something which, by its very nature, actually constitutes the foundation of that human soul, but which cannot be reached by ordinary everyday consciousness, nor even by the ordinary consciousness of science. So one can say: Those who speak of the subconscious or unconscious in the human soul do so in such a way that one can see they are convinced that the true nature of the soul cannot be grasped through anything that a person can bring into their everyday consciousness—or even into ordinary scientific consciousness—through their ordinary thinking, feeling, and the penetration of their volitional impulses. One can say that, to the extent that this conception has just been characterized here, spiritual science can, in essence, agree with it. However, it is the very nature of spiritual science—as understood here—that it must, from a certain point of view, agree with various worldviews, yet it must follow the paths suggested by these worldviews in a different way than they do. And this brings us straight to something that the proponents of the subconscious or unconscious believe, but in which spiritual science must fundamentally differ from them. These advocates of the unconscious believe that what lies so unconsciously for ordinary consciousness deep within the soul—and constitutes the very essence of the human soul—must remain subconscious or unconscious under all circumstances; it can never rise into ordinary consciousness. Hence, Eduard von Hartmann—who, as mentioned, has made the unconscious most popular over the last half-century—holds the view that one cannot learn anything about the nature of the soul through direct knowledge, experience, or observation, any more than one can about the nature of nature itself. He believes that one can only infer the existence of the unconscious or subconscious, that one can only formulate hypotheses about it, and that one can draw such conclusions from the observations arising from the ordinary world—from everyday experiences or those of science—and then hypothetically form ideas about what the world of the unconscious or subconscious might look like. On this point, spiritual science cannot go along with this view. And that it cannot do so is something that those esteemed listeners who attended the recent lectures will have been able to glean from them. For it was explained there how spiritual science arrives precisely at the realization that, while this unconscious or subconscious indeed lies deep within the soul, beyond the reach of ordinary knowledge, it can nevertheless be brought to the surface under certain circumstances. It can be brought to the surface when that aspect of consciousness develops in the human being which, as I have shown in my book The Riddle of Man, can be called the “contemplative consciousness”—a further elaboration of Goethe’s term “contemplative power of judgment.” With this phrase about “contemplative judgment,” Goethe offered a significant and profound inspiration. In his time, this inspiration could not be fully developed simply because spiritual science had not yet reached the level it has today. But spiritual science regards it as its task not to generate all manner of fanciful constructs in the realm of the nebulous or the fanciful, but rather to develop, on a serious scientific foundation, precisely what Goethe inspired with his very significant phrase regarding “contemplative discernment.” The manner in which the human soul attains this “contemplative power of judgment” or “contemplative consciousness” is explained in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? or in other books of mine, to which I must refer here. But what underlies this “contemplative power of judgment” will, I hope, become apparent from a certain perspective, particularly in today’s lecture.
[ 3 ] Ist Geisteswissenschaft so genötigt, die Wege, welche die Vertreter des Unbewußten einschlagen wollen, auf andere Weise als sie selber zu gehen, so ist sie auf der anderen Seite in vollem Einklange gerade mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der neueren Zeit. Und auch da ist sie in der Lage, den Weg, den diese naturwissenschaftliche Forschung einschlägt, nun wiederum in einer anderen Weise zu gehen als diese selber; gerade deshalb in einer anderen Weise zu gehen, weil sie mehr in Übereinstimmung mit der Naturwissenschaft ist, als die naturwissenschaftliche Anschauung oftmals mit sich selbst.
[ 3 ] If the humanities are thus compelled to follow the paths that the proponents of the unconscious wish to take in a different way than they themselves do, they are, on the other hand, in complete harmony precisely with the findings of modern natural science. And here, too, it is in a position to follow the path taken by this scientific research in a different way than the researchers themselves; to follow it in a different way precisely because it is more in harmony with the natural sciences than the scientific worldview is often with itself.
[ 4 ] Was nun die Frage des eigentlichen Seelenwesens betrifft, so geht ja die naturwissenschaftliche Auffassung dahin, daß dieses Seelenwesen, wie es der Mensch erlebt in seinem gewöhnlichen Bewußtsein, durchaus abhängig ist von der menschlichen Leibesorganisation. Und ich habe es hier oftmals angedeutet, daß es ein vergebliches Bemühen wäre, sich von irgendeinem Standpunkte aus gegen diese Anschauung der Abhängigkeit des Seelenlebens, wie es der Mensch erfährt, von der Leibesorganisation zu wehren. Nichts scheint klarer, wenn auch die Naturforschung auf diesem Wege noch vieles wird durchzumachen haben, als daß sie in feiner Weise, wenn auch die Hauptsachen längst bekannt waren, dargelegt hat, wie der Verlauf des ganzen menschlichen Lebens klar zeigt diese Abhängigkeit der Seele in ihrer Entwickelung von der Leibesorganisation. Man braucht-und es könnte auf viele feinere Tatsachen hingewiesen werden — nur zu sehen, wie von der Kindheit an der Mensch sich organisch als Lebewesen entwickelt, und wie mit dieser Entwickelung ganz parallel geht die seelische Entwickelung, wie mit der Ausbildung der Organe, welche die Naturwissenschaft mit einem gewissen Rechte zuschreibt dem Seelenleben als dessen Werkzeuge, auch dieses Seelenleben wächst. Und wenn man die Tatsache hinzunimmt, daß durch die Untergrabung der Gesundheit oder des organischen Zusammenhanges gewisser Leibesteile das Seelenleben untergraben wird, so ergibt sich aus dem allem, wie recht die naturwissenschaftliche Weltanschauung auf diesem Gebiet hat. Sie kann uns außerdem auch zeigen, wie wiederum mit der allmählichen Abnahme der Kräfte, welche den menschlichen Leib durchdringen, mit dem Altern, diese Seelenkräfte genau parallel der Leibesorganiisation zurückgehen. Gegen diese Anschauung, die von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung vorgebracht wird, könnte im Grunde genommen nur der Dilettantismus irgendeinen Einwand machen. Diejenigen, welche glauben, daß Geisteswissenschaft nicht rechne mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft, die beurteilen eben nicht diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, an sich selbst, sondern das falsche Bild, das sie sich aus ihrer Phantasie von ihr zimmern, und das sie dann wenig übereinstimmend finden mit den ihnen mit Recht wahr scheinenden naturwissenschaftlichen Ergebnissen der neueren Zeit. So steht Geisteswissenschaft durchaus auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Ergebnisse. Aber hinzufügen möchte ich zu dem, daß Geisteswissenschaft in einem noch viel tieferen Sinne gerade durch ihre Erkenntnisse mit diesen Ergebnissen im Einklang steht, als das die Naturwissenschaft selber ausführen kann. Das kann sich insbesondere zeigen, wenn man zu einer Seelenerlebensrichtung blickt, welche von vielen Menschen verwechselt wird mit dem, was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist. Alle möglichen unklaren mystischen Vorstellungsarten und Erlebnisse der Menschen müssen ja aufrücken, wenn man Geisteswissenschaft kritisiert, und man verwechselt dann diese Geisteswissenschaft mit diesen unklaren, verworrenen mystischen Schwärmereien.
[ 4 ] As for the question of the actual nature of the soul, the scientific view holds that this soul, as experienced by human beings in their ordinary consciousness, is entirely dependent on the human physical organization. And I have often indicated here that it would be a futile effort to oppose, from any standpoint, this view that the life of the soul—as experienced by human beings—is dependent on the physical organism. Nothing seems clearer—even if scientific research still has a long way to go in this regard—than the fact that it has demonstrated in a subtle way, even though the main points have long been known, how the course of the entire human life clearly shows this dependence of the soul’s development on the physical organism. One need only—and many finer facts could be pointed out—observe how, from childhood onward, a person develops organically as a living being, and how this physical development proceeds entirely in parallel with psychological development; just as the organs—which natural science, with some justification, attributes to the life of the soul as its instruments—develop, so too does this life of the soul grow. And when one adds the fact that the life of the soul is undermined by the deterioration of the health or the organic integrity of certain parts of the body, it becomes clear from all this just how correct the scientific worldview is in this area. It can also show us how, with the gradual decline of the forces that permeate the human body—that is, with aging—these spiritual forces diminish in exact parallel to the physical organization. Essentially, only dilettantism could raise any objection to this view, which is put forward by the scientific worldview. Those who believe that spiritual science does not take the findings of natural science into account are not actually judging spiritual science—as it is meant here—on its own merits, but rather the false image they have constructed of it in their imagination, which they then find to be at odds with the findings of modern natural science that they rightly regard as true. Thus, spiritual science is firmly grounded in the findings of the natural sciences. But I would like to add that, in an even deeper sense, spiritual science—precisely through its insights—is in harmony with these findings to a greater extent than the natural sciences themselves can demonstrate. This becomes particularly evident when one considers a form of spiritual experience that many people confuse with what is meant here by spiritual science. All manner of vague, mystical notions and experiences people have inevitably come to the fore when spiritual science is criticized, and people then confuse this spiritual science with these vague, confused mystical ramblings.
[ 5 ] Wenn man sich gerade vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft eingehender namentlich beschäftigt mit dem, was durch die verschiedenen Zeitalter Mystik genannt worden ist, so zeigt sich — nicht bei allem, aber bei vielem — etwas sehr Bemerkenswertes. Man kann zu den geschätztesten Mystikern kommen und bei ihnen klar sehen, wie die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung recht hat, wenn sie diesen mystischen Bestrebungen oftmals keinen sehr großen Erkenntniswert für die eigentlichen Seelen- und Menschheitsrätsel beilegt. Interessant, außerordentlich anziehend ist gewiß dasjenige, wenn man es richtig betrachtet, was Mystiker erlebt haben. Und nicht gegen das Studium, gegen die objektive, gute Betrachtung der mystischen Erlebnisse verschiedener Zeiten soll hier etwas eingewendet werden, sondern mehr gegen das Prinzipielle der Sache; das soll einfach charakterisiert werden. Mystiker versuchen, was ja wiederum ein richtiger Weg auch im Sinne der Geisteswissenschaft ist, wie ich sie eben vorhin charakterisierte, durch das, was sie nennen «Vereinigung der Seele mit dem Weltengeiste oder mit dem Göttlichen» — wie man es eben bezeichnen will —, ein tieferes Erleben durchzumachen, ein solches Erleben, das sie hinwegführt über die äußere sinnliche Wirklichkeit, sie eins sein läßt mit dem Geistig-Göttlichen, das sie gewissermaßen aus dem Vergänglichen in die Sphäre des Ewigen hineinhebt. Aber wie versuchen sie das zumeist? Nun, wenn man wirklich die mystische Entwickelung studiert, so findet man: Sie versuchen es auf dem Wege, daß sie das gewöhnliche alltägliche Bewußtsein verfeinern, daß sie es in einer gewissen Weise auch vertiefen, durchwärmen, durchglühen mit allerlei Innerlichkeit, aber daß sie doch bei diesem gewöhnlichen Bewußtsein verbleiben. Nun weiß Geisteswissenschaft gerade aus ihren Erkenntnissen, daß die naturwissenschaftliche Anschauung richtig ist, daß dieses gewöhnliche, alltägliche Bewußtsein ganz und gar abhängig ist von seinen Werkzeugen, von dem Leibesleben. Vertieft man also im mystischen Sinne das gewöhnliche, das alltägliche Bewußtsein, macht man es noch so innerlich und fein, aber bleibt man in demselben stehen, dann erreicht man auch nichts anderes als etwas, was abhängig ist von der Leibesorganisation. Man kann Mystiker finden, welche durch hohe poetische Schönheit, durch wunderbaren Schwung der Phantasie, durch eine merkwürdige Intuition für allerlei weltabgewandte Dinge das menschliche Herz erheben und die menschliche Seele erquicken, daß sie geradezu, ich möchte sagen, durch diese Dinge einen in Erstaunen versetzen. Aber man muß zuletzt aus diesem Staunen immer wieder aufwachen mit der Empfindung: ja, was ist denn das Ganze doch anderes als ein zwar intimeres, oftmals, möchte man sagen, raffiniertes Vorstellen und Denken, das an die Leibesorganisation gebunden ist; nur jetzt nicht so gebunden ist, wie der Mensch im Alltage an sie gebunden ist, sondern mit feineren, raffinierter ausgebildeten Kräften der Leibesorganisation im Zusammenhang steht. Man kann liebenswürdige, achtunggebietende Mystiker finden, von denen man doch sagen muß: ihre mystischen Erlebnisse sind nichts anderes als verfeinerte, oder sagen wir, vergeistigte Leidenschaften, Affekte, Gefühle, die aber doch ähnlich sind den Leidenschaften, den Affekten, den Gefühlen des gewöhnlichen Lebens. Solche Mystiker haben nur ihre Leibesorganisation durch allerlei asketische Mittel oder durch allerlei Anlagen dahin gebracht, daß diese Leibesorganisation vielleicht nach ganz anderen Richtungen hin sich zum Empfinden bringt, als es bei gewöhnlichen Menschen der Fall ist, aber es ist zum Schluß doch die Leibesorganisation. Oftmals sieht man den schwungvollsten Ausführungen und Ergüssen solcher Mystiker es an, daß sie zwar abgekehrt sind von dem gewöhnlichen Sinnesleben des Tages, von dem Stehen in der äußeren Welt, daß sie aber in dieses Sinnesleben, in das gewöhnliche Leidenschaftsleben und Affektleben, nur vergeistigend, das hereingebracht haben, was ihr Vorstellen zu erleben vermag. — Daher wird der naturwissenschaftlich Denkende mit einem gewissen Recht die Erlebnisse solcher Mystiker abnorm nennen, weil sie vom gewöhnlichen Erleben abweichen; er wird sie vielleicht ungesund nennen, aber er wird recht haben auch damit, daß er sagt: sie beweisen gar nichts gegen die Abhängigkeit des menschlichen Seelenlebens von der Leibesorganisation, wenn esin noch so mystisch-verfeinerter Weise auftritt. Es ist gewissermaßen die Leibesorganisation nur trainiert worden, damit das, was sonst in brutaler Sinnlichkeit auftritt, in geistigen Bildern, in Metaphern, inSymbolen sich in der Seele äußert, hinter welchen Bildern, Metaphern, Symbolen der Kenner aber doch nichts anderes als einen verfeinerten Ausdruck des gewöhnlichen Leidenschaftslebens zu finden vermag.
[ 5 ] When one examines in greater detail—particularly from the perspective of spiritual science—what has been called “mysticism” throughout the various ages, something very remarkable becomes apparent—not in every instance, but in many. One can turn to the most highly regarded mystics and clearly see in them how the modern scientific worldview is correct in often attributing little cognitive value to these mystical endeavors when it comes to the true mysteries of the soul and humanity. What mystics have experienced is certainly interesting and extraordinarily compelling when viewed correctly. And the objection here is not directed against the study or the objective, sound examination of mystical experiences from various eras, but rather against the fundamental nature of the matter itself; this is simply to be characterized. Mystics attempt—which is, after all, a valid path also in the sense of spiritual science, as I characterized it just now—through what they call “the union of the soul with the World Spirit or with the Divine” — however one wishes to describe it — to undergo a deeper experience, one that carries them beyond external sensory reality, unites them with the spiritual-divine, and, in a sense, lifts them out of the transitory into the sphere of the eternal. But how do they usually attempt this? Well, if one truly studies mystical development, one finds that they attempt it by refining their ordinary, everyday consciousness—by deepening it in a certain way, warming it, and infusing it with all manner of inner life—yet they remain within the bounds of this ordinary consciousness. Now spiritual science knows precisely from its own insights that the scientific view is correct—that this ordinary, everyday consciousness is entirely dependent on its instruments, on physical life. So if one deepens ordinary, everyday consciousness in a mystical sense—no matter how inward and refined one makes it—but remains within that same consciousness, then one achieves nothing other than something that is dependent on the physical organism. One can find mystics who, through sublime poetic beauty, through a marvelous flight of imagination, through a remarkable intuition for all manner of otherworldly things, uplift the human heart and refresh the human soul—so much so that, I might say, they leave one in a state of wonder through these very things. But ultimately, one must repeatedly awaken from this amazement with the feeling: yes, what is all of this, after all, other than—admittedly—a more intimate, and often, one might say, more refined form of imagination and thought that is bound to the physical constitution; only now it is not bound to it in the same way that a person is bound to it in everyday life, but rather is connected to the physical constitution through finer, more refined, and more highly developed powers. One can find amiable, respectable mystics of whom one must nevertheless say: their mystical experiences are nothing other than refined—or, shall we say, spiritualized—passions, emotions, and feelings, which are nonetheless similar to the passions, emotions, and feelings of ordinary life. Such mystics have merely trained their physical constitution through all manner of ascetic practices or predispositions to the point where this physical constitution perhaps directs their sensibilities in entirely different directions than is the case with ordinary people; yet, in the end, it is still the physical constitution. One can often see from the most impassioned discourses and outpourings of such mystics that, while they have turned away from the ordinary sensory life of the day and from their standing in the external world, they have nonetheless brought into this sensory life—into the ordinary life of passions and emotions—only in a spiritualized form, that which their imagination is capable of experiencing. — Therefore, the scientific thinker will, with some justification, call the experiences of such mystics abnormal, because they deviate from ordinary experience; he may call them unhealthy, but he will also be right in saying that they prove nothing against the dependence of human soul life on the physical constitution, no matter how mystically refined it may appear. In a sense, the physical constitution has merely been trained so that what otherwise manifests as crude sensuality expresses itself in the soul through mental images, metaphors, and symbols—behind which images, metaphors, and symbols, however, the connoisseur can find nothing other than a refined expression of ordinary emotional life.
[ 6 ] Demgegenüber steht nun, was Geisteswissenschaft sagt, wobei sie mit den Bekennern zum Unterbewußten oder Unbewußten sich völlig klar darüber ist: Wenn man das gewöhnliche Bewußtsein auch noch so mystisch verfeinert, wenn man noch so sehr dieses gewöhnliche Bewußtsein «vergeistigt» — wie man es oftmals nennt -, so daß es ein Gefühl der Vereinigung mit dem Geiste bringt, innerhalb dieses gewöhnlichen Bewußtseins kommt man nicht in diejenige Sphäre, die man eigentlich aufsucht, wenn man von den tieferen Seelenrätseln des Menschen sprechen will. Namentlich zeigt gerade die geschulte Beobachtung des Geistesforschers, daß auch alles, was der Mensch im gewöhnlichen Erleben in seiner Seele haben kann und bewahren kann, was er zur Erinnerung macht, an die Leibesorganisation gefesselt ist. So daß mit alledem, was der Mensch in sich erlebt, wenn er sich in seine Erinnerungen vertieft, er nicht aus dieser Leibesorganisation herauskommt, und man darf sagen: Eine wirkliche geisteswissenschaftliche Selbstbeobachtung zeigt gerade, daß, je treuer von der Erinnerung die Erlebnisse behalten werden, um so mehr die Tätigkeit der Erinnerung an diese Leibesorganisation gebunden ist. - Daher muß die Geisteswissenschaft zu völlig anderen Methoden greifen, als sie das gewöhnliche Bewußtsein entwickelt. Selbst wenn dieses gewöhnliche Bewußtsein eine besondere Treue für die Erinnerung aufbringt dadurch, daß die Leibesorganisation gut funktioniert und die Erlebnisse nach langer Zeit treu wieder heraufgeholt werden können: Geisteswissenschaft muß andere Methoden einschlagen als diejenigen, die das gewöhnliche Bewußtsein kennt. Und ich habe schon auf das, was als Beobachtung gerade des Denkens sich ergibt, in den letzten Vorträgen hingewiesen und will das nur von einem anderen Gesichtspunkte aus wiederholen.
[ 6 ] In contrast to this stands what spiritual science says, and in this regard it is entirely clear to those who profess belief in the subconscious or unconscious: No matter how mystically refined ordinary consciousness may be, no matter how much this ordinary consciousness is “spiritualized” — as it is often called — so that it brings about a feeling of union with the spirit, one cannot, within this ordinary consciousness, enter the sphere one is actually seeking when one wishes to speak of the deeper mysteries of the human soul. In particular, the trained observation of the spiritual researcher shows that everything a person can have and retain in their soul through ordinary experience—everything they turn into a memory—is bound to the physical organism. Thus, with everything a person experiences within themselves when they immerse themselves in their memories, they do not step outside this physical organization, and one may say: True spiritual-scientific self-observation shows precisely that the more faithfully memories retain these experiences, the more the activity of memory is bound to this physical organization. - Therefore, spiritual science must resort to methods entirely different from those developed by ordinary consciousness. Even if this ordinary consciousness exhibits a particular fidelity to memory—because the physical constitution functions well and experiences can be faithfully recalled after a long time—spiritual science must adopt methods other than those known to ordinary consciousness. And I have already pointed out in recent lectures what emerges from the observation of thought itself, and I would like to repeat this from a different perspective.
[ 7 ] Das gewöhnliche Denken, so sagte ich, ist zwar der Ausgangspunkt für alles geisteswissenschaftliche Forschen, und nur der findet diesen Ausgangspunkt, welcher durch eine wahre Beobachtung dieses Denkens schon sich klarmacht, wie eben wahr und wirklich ist, daß dieses Denken bereits über das Sinnlich-Physische hinausführt, daß es selbst schon ein Geistiges ist. Aber stehenbleiben kann man auf diesem Punkte nicht. Stehenbleiben kann man nicht dabei, anzuerkennen, daß dieses Denken, so wie es sich im gewöhnlichen Leben ergibt, ein Letztes ist. Selbst dann ist es kein Letztes, wenn es scheinbar am meisten sich vergeistigt hat, nämlich in den Erinnerungsvorstellungen. Daher sagte ich: Alles dasjenige, was der Mensch denken, fühlen und wollen kann im gewöhnlichen Leben, führt nicht zu einer Erkenntnis des Wesens der Seele, wenn es beobachtet, wenn es erlebt wird. Vielmehr-- das ist nur eine von den vielenMaßnahmen, die im intimen Seelenleben durchgemacht werden müssen, andere finden Sie in den genannten Büchern — muß der Mensch sein Denken so entwickeln, sein Vorstellen so entfalten, daß er mit seiner Persönlichkeit, oder sagen wir mit seiner Subjektivität, nicht mehr bei diesem Denken dabei ist; denn er ist solange dabei, als das Bewußtsein das gewöhnliche ist, und da wirkt seine Leibesorganisation mit. Bringen wir es mit unserem Denken nur so weit, daß sich Vorstellungen entwickeln und Vorstellungen gesucht werden, welche behalten werden können und wieder auftauchen, so bringen wir es doch nur zu dem, was durch die Werkzeuge der Leibesorganisation zustande kommt. Man muß deshalb, wie ich mich ausdrückte, dieses Denken so entwickeln, daß man nicht mehr bei dieser Entwickelung dabei ist. Dazu bedarf es aber, daß man die Geduld, die Ausdauer hat, nicht zu glauben, daß die großen Weltenfragen im Handumdrehen entschieden werden können, daß man jedesmal nur daranzugehen braucht, um hinter diese Weltenrätsel zukommen oder darüber sich eine Meinung zu bilden; dazu bedarf es etwas ganz anderen. Dazu bedarf es der Geheimnisse des ganzen menschlichen Lebenslaufes. Es bedarf der Geduld, solche inneren Methoden auszubilden, deren Leben nicht in einem Augenblick hereingenommen werden kann, sondern die sich nur entwickeln können, wenn man sie der Entwickelung, die sie im Laufe des menschlichen Lebens erfahren können, überläßt.
[ 7 ] Ordinary thinking, as I said, is indeed the starting point for all research in the humanities, and only those who, through a true observation of this thinking, have already made clear to themselves just how true and real it is that this thinking already leads beyond the sensory-physical realm—that it is itself already a spiritual reality—can find this starting point. But one cannot stop at this point. One cannot stop at acknowledging that this thinking, as it arises in ordinary life, is the ultimate reality. Even then it is not the ultimate, when it appears to have become most spiritualized, namely in the images of memory. That is why I said: Everything that a person can think, feel, and will in ordinary life does not lead to a knowledge of the essence of the soul when it is observed or experienced. Rather—and this is just one of the many steps that must be taken in the inner life of the soul; you will find others in the books mentioned—a person must develop their thinking and unfold their imagination in such a way that their personality, or let us say their subjectivity, is no longer present in this thinking; for one is present in it as long as consciousness remains ordinary, and the physical organism plays a role in this. If we take our thinking only so far that images develop and are sought—images that can be retained and resurface—then we have achieved nothing more than what comes about through the instruments of the physical organism. One must therefore, as I put it, develop this thinking in such a way that one is no longer present in this development. But this requires having the patience and perseverance not to believe that the great questions of the world can be resolved in the blink of an eye, that one need only set about them each time to get to the bottom of these world mysteries or form an opinion about them; it requires something entirely different. It requires the mysteries of the entire course of human life. It requires the patience to cultivate such inner methods whose essence cannot be grasped in an instant, but which can develop only when one leaves them to the process of development they undergo over the course of a human life.
[ 8 ] Ich habe angedeutet, daß man dies «meditatives Leben» nennt, wenn man gewisse Vorstellungen, am besten solche, die man genau überschauen kann, damit nur ja nicht irgendwelche unbewußte oder sonstige Reminiszenzen des Lebens dabei auftauchen, in seine Seele, in sein Bewußtsein hereinbringt, diese Vorstellungen wirklich nach allen Seiten mit ruhendem Bewußtsein durchlebt. Wenn man nun nicht bloß beobachtet, wie im gewöhnlichen Bewußtsein diese Vorstellungen, so wie sie sind, wiederum in die Erinnerung hereingebracht werden können, nicht bloß darauf achtet, wie sie, wie man sagen könnte, treu ihrer eigenen Gestalt bleiben, sondern wenn man dazu greift, diese Vorstellungen gewissermaßen aus dem gewöhnlichen Bewußtsein dadurch herauszulassen, daß man bei ihrer Entwickelung nicht mehr dabei ist. Man wird nämlich immer finden, wenn man nur dabei Ausdauer und Geduld genug hat, daß die Vorstellungen hinabtauchen in die Untergründe des menschlichen Bewußstseins, wo man, wie man trivial sagen könnte, nichts mehr von ihnen weiß; dann wird man erfahren können, wie sie wieder herauftauchen in die Erinnerung. Mit alledem kann zunächst die Geistesforschung nichts anfangen. Aber ein anderes findet statt. Für den, der im Sinne der genannten Bücher sein inneres Seelenleben entwickelt, zeigt sich, daß die Vorstellungen, auf denen das Bewußtsein in entsprechender Weise geruht hat, zwar ebenso wie die anderen nach Monaten, Jahren wieder herauftauchen als Erinnerung, aber diese Vorstellungen begegnen ihm so wieder, wie sie gerade eine treue Erinnerung nicht zeigt, sondern so, daß sie jetzt nicht sein leibliches, sondern sein seelisches Leben gestaltet haben so, daß sie es auf einem gewissen Gebiete zu einem anderen gemacht haben. Diese Vorstellungen tauchen also nicht herauf in derselben Form, in der wir sie heruntergelassen haben in das Unterbewußte, sondern sie tauchen herauf und kündigen sich so an, daß man sich sagen muß: Sie haben nicht in dem, was dein Persönliches ist, sondern in dem, was unter dem bewußten Persönlichen ist, gewirkt, sie haben da ihre Kraft entfaltet und erscheinen jetzt in einer wesentlich anderen Gestalt. Man kann daher sagen: Wenn sich die Vorstellung, die man gehabt hat, die man treu behalten hat, die man treu wiedererweckt hat, wieder begegnet mit dem, was aus ihr geworden ist, ohne daß wir mit unserem Bewußtsein dabei waren, mit dem, was sich aus ihr ergeben hat dadurch, daß sie ohne uns in irgendwelchen Untergründen gearbeitet hat, so zeigt diese Begegnung der Vorstellung des gewöhnlichen Bewußtseins mit der Vorstellung, die heraufrückt aus dem Unterbewußten, diese so verändert, daß man ihr ihre Wirkungskraft ansieht für das menschliche Seelenleben. Diese Begegnung zeigt, wie der Mensch in einem noch völlig anderen Lebensgebiet drinnensteht als dem der physisch-sinnlichen Wirklichkeit, wie wirklich in den Untergründen des Seelenlebens ein für das gewöhnliche Dasein Unbewußtes oder Unterbewußtes lebt, wie es aber heraufgeholt werden kann durch entsprechende Methoden, und anders, als dies bei der gewöhnlichen Erinnerung ist, in das Bewußtsein hereindringt.
[ 8 ] I have suggested that this is called the “meditative life” when one brings certain ideas—preferably those that one can clearly grasp, so that no unconscious or other reminiscences of life surface in the process—into one’s soul, into one’s consciousness, and truly experiences these ideas from every angle with a calm mind. Now, if one does not merely observe how, in ordinary consciousness, these images can be brought back into memory just as they are—if one does not merely pay attention to how they, so to speak, remain true to their own form—but if one goes so far as to, in a sense, let these images out of ordinary consciousness by no longer being present during their unfolding. For one will always find—if one has only enough perseverance and patience—that the images sink down into the depths of human consciousness, where, as one might trivially say, one knows nothing more of them; then one will be able to experience how they resurface in memory. At first, spiritual research cannot make sense of all this. But something else takes place. For those who develop their inner spiritual life in the spirit of the books mentioned, it becomes apparent that the images upon which consciousness has rested in a corresponding way do indeed resurface as memories after months, years, just like the others, as memories; yet these ideas return to the person not as a faithful memory would present them, but in such a way that they have now shaped not his physical but his spiritual life—transforming it in a certain area into something else. These ideas, then, do not resurface in the same form in which we sent them down into the subconscious; rather, they resurface and make themselves known in such a way that one must say to oneself: They have not worked within what is your personal self, but within what lies beneath the conscious personal self; there they have unfolded their power and now appear in a fundamentally different form. One can therefore say: When the idea that one has held, faithfully preserved, and faithfully revived encounters once again what has become of it—without our consciousness being present in the process—that is, what has emerged from it as a result of its having worked in some deeper layers without our involvement, then this encounter between the image of ordinary consciousness and the image that emerges from the subconscious transforms the former in such a way that one can see its effective power for human soul life. This encounter shows how human beings are immersed in a realm of life that is entirely different from that of physical-sensory reality; how, in the depths of the soul life, there truly exists something unconscious or subconscious to ordinary existence; and how it can be brought to the surface through appropriate methods and, unlike ordinary memory, penetrate into consciousness.
[ 9 ] Geisteswissenschaft steht also auf dem Standpunkt, daß durch entsprechende Behandlung unseres Seelenlebens das Unbewußte in das Bewußte heraufrücken kann, aber erst heraufrücken soll, wenn es im Unbewußten seine Arbeit, seine Entfaltung erreicht hat. Dadurch aber kommt Geisteswissenschaft zu dem, was man das schauende Bewußtsein nennt. Denn es wird wirklich etwas durchgemacht, was sich vergleichen läßt mit dem Übergehen des gewöhnlichen Traumlebens zum wachen Bewußtsein. Im Traumleben, was erfahren wir da? Wir erfahren die inneren subjektiven Bilder, die wir, während wir träumen, für Wirklichkeit halten. Indem wir aufwachen, wissen wir durch die unmittelbare Berührung mit der äußeren Wirklichkeit, daß der Traum uns nur Bilder gebracht hat, und zwar Bilder — das zeigt sich der genaueren Beobachtung -, die aus unserem organischen Innern aufsteigen, die zwar dieses organische Innere in Symbolen zeigen, aber eben aus uns aufsteigen. Und niemand wird versucht sein zu glauben, daß einem im Traum ein Bewußtsein davon aufgehen könne, was der Traum eigentlich ist; niemand kann träumen, was der Traum ist. Dagegen wenn man aus dem Traum herausrückt ins gewöhnliche Bewußtsein und vom gewöhnlichen Bewußtsein aus den Traum sich zu erklären versucht, so kommt man zu seiner phantastisch-chaotisch-bildhaften Natur. Ebenso ist es, wenn man in der geschilderten Weise von dem gewöhnlichen zum schauenden Bewußtsein aufrückt. Da kommt man, ebenso wie aus dem Traum heraus in die physisch-sinnliche Wirklichkeit, aus der äußeren physisch-sinnlichen Wirklichkeit in die — das Wort ist anfechtbar — höhere, geistige Wirklichkeit. Man erwacht in eine andere Welt hinein, in eine Welt, die jetzt ebenso Licht wirft auf die gewöhnliche physisch-sinnliche Welt, wie die Welt des gewöhnlichen Bewußtseins Licht wirft auf die Traumeswelt. In dieser Weise gelangt Geisteswissenschaft dazu, nicht nur anders zu denken über die Welten- und Seelenrätsel, sondern vor allen Dingen gelangt sie zu der Erkenntnis, daß, um in die geistigen Welten einzutreten, erst aus den Tiefen der Seele ein anderes Bewußtsein herausgeholt werden muß, als das gewöhnliche Bewußtsein ist. Nun kann ich heute nur gewisse Ergebnisse und deren Betrachtung herbringen, aber es ist ja in vielen Vorträgen hier mancherlei Begründendes über diese Ergebnisse gesagt worden und es ist in der betreffenden Literatur zu finden.
[ 9 ] Spiritual science therefore takes the view that, through appropriate attention to our inner life, the unconscious can rise into consciousness—but should do so only once it has completed its work and reached its full development within the unconscious. Through this, however, spiritual science arrives at what is called “contemplative consciousness.” For what is actually experienced is comparable to the transition from ordinary dream life to waking consciousness. In dream life, what do we experience? We experience the inner, subjective images that we, while dreaming, take for reality. Upon waking, we know through our direct contact with external reality that the dream has brought us only images—and, as closer observation reveals, images that arise from our inner organic being; images that, while depicting this inner organic being in symbols, nonetheless arise from within us. And no one will be tempted to believe that, in a dream, one could become aware of what a dream actually is; no one can dream what a dream is. On the other hand, when one emerges from the dream into ordinary consciousness and attempts to explain the dream from the perspective of ordinary consciousness, one comes to understand its fantastical, chaotic, and pictorial nature. It is the same when one ascends in the manner described from ordinary consciousness to intuitive consciousness. There one enters—just as one emerges from a dream into physical-sensory reality—from external physical-sensory reality into the—the term is debatable—higher, spiritual reality. One awakens into another world, a world that now sheds just as much light on the ordinary physical-sensory world as the world of ordinary consciousness sheds light on the world of dreams. In this way, spiritual science comes not only to think differently about the mysteries of the world and the soul, but above all, it comes to the realization that, in order to enter the spiritual worlds, a consciousness different from ordinary consciousness must first be drawn forth from the depths of the soul. Today I can present only certain findings and my reflections on them, but much has already been said in numerous lectures here to substantiate these findings, and further information can be found in the relevant literature.
[ 10 ] Schon mit Bezug auf, ich möchte sagen, das allernächstliegende Wissenschaftliche muß nun, ebenso wie sie mit der Naturwissenschaft einverstanden ist, diese Geisteswissenschaft auch wieder von der bloßen Naturwissenschaft abweichen. Diese Geisteswissenschaft, so wie sie heute auftreten will, steht voll auf der Grundlage desselben wissenschaftlichen Gewissens, derselben wissenschaftlichen Gesinnung wie die Naturwissenschaft der neueren Zeit. Aber sie kann nicht bei solchem Denken stehenbleiben, wie es die Naturwissenschaft entwickelt. Daher wird, so wie die Dinge heute liegen, der Geisteswissenschaftler vor allen Dingen dann eine gute Grundlage haben, wenn er sein Denken, sein Vorstellen, sein Empfinden über die Welt entwickelt hat an den allerstrengsten naturwissenschaftlichen Vorstellungen, und diese sind heute diejenigen, die möglichst viel von Mathematik durchdrungen sind, die Vorstellungen des Physikalischen, des Chemischen, des Mechanischen sogar. Es wird einmal anders sein, wenn die biologischen Wissenschaften, die Physiologie, in ihrer Art ebensoweit sein werden wie die unorganischen Naturwissenschaften sind. Allein der Geistesforscher kann nicht dabei stehen bleiben, so über die Welt zu denken, wie Naturwissenschaft über die Welt denkt. Er kann nur sein Denken gewissermaßen in Zucht nehmen, indem er es schult an dem strengen Denken der Wissenschaft. Und wenn er sich selbst erzogen hat, ich möchte sagen, sich nichts anderes im Denken zu gestatten, als was vor der denkerischen Gesinnung der Naturwissenschaften bestehen kann, so wird er als geisteswissenschaftlicher Forscher den besten Boden geschaffen haben. Daher stellt es sich auch heraus, daß diese Geisteswissenschaft in ihrem Wesen vielfach verglichen werden muß mit dem, was mit dem Aufschwung der neueren naturwissenschaftlichen Denkweise eingetreten ist. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, wie mit der kopernikanischen Weltanschauung die Menschen mit Bezug auf die äußere Welt haben umdenken lernen müssen, wie das, was Kopernikus geltend gemacht hat, den Menschen zunächst absurd erscheinen mußte, weil es ja den Aussprüchen der äußeren Sinneswelt widersprach. Wenn gerade gegen Geisteswissenschaft eingewendet wird, daß sie den Aussagen der äußeren Sinneswelt widerspricht, dann muß man immer wieder darauf aufmerksam machen, daß ja gerade zum Beispiel die Astronomie durch Kopernikus dadurch ihre großen Fortschritte errungen hat, daß sie nicht bei dem geblieben ist, was die äußeren Sinne zeigen, sondern daß sie kühn darüber hinweggeschritten ist, indem sie gerade das, was die äußeren Sinne zeigen, für Schein genommen hat. Würde man den inneren Nerv eines solchen Umschwunges gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet erkennen, dann würde man viel weniger, wie es heute eben doch noch durchaus vorkommt, unverständige Einwände gegen Geisteswissenschaft vorbringen. Aber heute will ich noch einen anderen Punkt vorbringen, in dem diese Geisteswissenschaft sich ähnlich erkennen muß dem Fortschreiten der Naturwissenschaft in der kopernikanischen Weltanschauung. Kopernikus mußte das Denken über die planetarische Welt, man möchte sagen, völlig auf den Kopf stellen, um Rechnung zu tragen dem, dem Rechnung getragen werden mußte. Hier steht die Erde ruhend, die Sonne kreist herum — so sagte den Leuten das gewöhnliche sinnliche Bewußtsein. Wenn auch die kopernikanische Weltanschauung manche Berichtigung erfahren muß, wenn wir weiterkommen wollen, können wir nicht so denken, daß wir uns vorstellen, wie die Erde in dem Mittelpunkt des Planetensystems steht und die Sonne darum herumkreist; sondern wir müssen die Tatsache, welche sich als Scheintatsache den Sinnen darbietet, völlig auf den Kopf stellen: wir müssen die Sonne in den Mittelpunkt des Planetensystems stellen und die Planeten um die Sonne herumkreisen lassen. Man weiß, wie von gewissen Kreisen die kopernikanische Weltanschauung lange nicht angenommen worden ist. Nur weil sie heute so gewohnt geworden ist, denkt man nicht mehr nach über das Groteske, als das sie hat erscheinen müssen vielen Menschen, denen sie von anderen Gesichtspunkten her vor Augen getreten ist. Man mußte ja völlig neue Vorstellungen ausbilden; man mußte sich gewöhnen, andere Vorstellungen zu haben als diejenigen, die man durch Jahrhunderte gehabt hatte für das gewöhnliche Denken.
[ 10 ] Even with regard to—I would say—the most immediately apparent aspect of science, this human science must now, just as it is in agreement with the natural sciences, once again diverge from the natural sciences alone. This humanistic science, as it seeks to present itself today, is fully grounded in the same scientific conscience and the same scientific spirit as modern natural science. But it cannot remain at the level of thinking developed by natural science. Therefore, as things stand today, the scholar of the humanities will have a solid foundation above all when he has developed his thinking, his imagination, and his perception of the world in accordance with the most rigorous concepts of the natural sciences—and these are today the concepts that are permeated as much as possible by mathematics: the concepts of physics, chemistry, and even mechanics. Things will be different one day when the biological sciences—physiology—have advanced as far in their own right as the inorganic natural sciences have. Yet the researcher in the humanities cannot stop at thinking about the world in the same way that the natural sciences think about it. He can only, so to speak, discipline his thinking by training it in the rigorous thinking of science. And when he has trained himself—I would say, to allow himself nothing in his thinking other than what can stand up to the intellectual rigor of the natural sciences—he will have laid the best foundation as a researcher in the humanities. Hence it also becomes apparent that this humanities discipline, in its very nature, must in many ways be compared to what occurred with the rise of the modern scientific way of thinking. I have often pointed out how, with the Copernican worldview, people had to learn to rethink their relationship to the external world, and how what Copernicus asserted must initially have seemed absurd to people because it contradicted the phenomena of the external sensory world. When it is objected specifically against spiritual science that it contradicts the observations of the external sensory world, one must repeatedly point out that astronomy, for example, achieved its great advances precisely because it did not stop at what the external senses reveal, but boldly went beyond them by regarding precisely what the external senses reveal as an illusion. If one were to recognize the inner essence of such a revolution, particularly in the field of natural science, then one would raise far fewer unfounded objections to spiritual science—as, unfortunately, still happens today. But today I would like to raise another point in which spiritual science must be recognized as similar to the progress of natural science within the Copernican worldview. Copernicus had to, one might say, completely turn our thinking about the planetary world upside down in order to take into account what had to be taken into account. Here the Earth stands still, and the Sun circles around it—that is what ordinary sensory perception told people. Even if the Copernican worldview must undergo some correction, if we wish to make progress, we cannot think of the Earth as standing at the center of the planetary system with the Sun circling around it; rather, we must completely turn the fact—which presents itself to the senses as an apparent fact—on its head: we must place the Sun at the center of the planetary system and have the planets revolve around the Sun. It is well known that certain circles long refused to accept the Copernican worldview. Only because it has become so familiar today do people no longer reflect on how grotesque it must have appeared to many who viewed it from other perspectives. After all, one had to develop entirely new concepts; one had to get used to having ideas different from those that had been part of ordinary thinking for centuries.
[ 11 ] Nun ist es auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft etwas schwieriger, das Analoge gerade auf ihrem Gebiet zu durchschauen, aber eben nur aus dem Grunde, weil sie heute sich in der Lage befindet, in der sich die kopernikanische Weltanschauung zur Zeit ihres Auftretens befunden hat. Die Vorstellungen, die die Geisteswissenschaft entwickeln muß, sind eben heute ganz ungewohnt, und sie müssen mit Bezug auf einen gewissen Punkt im menschlichen Seelenleben, ich möchte sagen, einen ähnlichen Weg machen, wie ihn die kopernikanische Weltanschauung gemacht hat. Was scheint für das gewöhnliche Seelenleben, für die gewöhnliche Beobachtung klarer zu sein — so klar, wie für den Sinnenschein die Tatsache, daß sich die Sonne um die Erde dreht -,, als daß der Mensch mit seiner Seele geboren wird, seinen Lebenslauf durchmacht, daß sich seine Seele oder sein Ich im Verlauf dieses Lebens nach und nach, dieses Leben begleitend, ändert, daß sie, wenn der Mensch 7, 13, 15, 18, 20,25 Jahre alt wird, als Seele begleitet hat diesen durch die Jahre hingehenden Lebenslauf. Gewissermaßen wie schreitend durch das Leben von der Geburt bis zum Tode sieht man das Seelenwesen, so wie wenn es mitginge. Geisteswissenschaft zeigt es völlig anders. Geisteswissenschaft zeigt die merkwürdige Tatsache — in den folgenden Vorträgen soll das weiter ausgeführt werden -—, daß das, was wir Seelenwesen nennen, an das sich die Vorstellung über Unsterblichkeit knüpft, gar nicht in dem gewöhnlichen Sinne den Lebenslauf mitmacht. Geradesowenig wie die Sonne in dem gewöhnlichen Sinne in ihrem Himmelslauf um die Erde zieht, geradesowenig macht das menschliche Ich oder die menschliche Seele den Weg von der Geburt bis zum Tode durch. Also die Sache ist völlig anders. Nur weil man auf diese Weise nicht gewohnt ist, zu beobachten, sieht es anders aus. Die Sache verhält sich ganz anders:
[ 11 ] Now, in the field of the humanities, it is somewhat more difficult to grasp the analogous process within their own domain, but this is precisely because the humanities today find themselves in the same position that the Copernican worldview was in at the time of its emergence. The concepts that spiritual science must develop are, after all, quite unfamiliar today, and with regard to a certain aspect of human soul life, they must, I would say, follow a path similar to that taken by the Copernican worldview. What seems clearer to ordinary spiritual life and ordinary observation—as clear as the fact, to the senses, that the sun revolves around the Earth—is that a human being is born with a soul, goes through the course of life, that his soul or “I” changes gradually over the course of this life, accompanying it, and that as the human being reaches the ages of 7, 13, 15, 18, 20, and 25 years old—has accompanied this life’s course as it progresses through the years. In a sense, as one walks through life from birth to death, one sees the soul being, just as if it were walking alongside. Spiritual science reveals it to be entirely different. Spiritual science reveals the remarkable fact—which will be elaborated upon in the following lectures—that what we call the soul, to which the concept of immortality is linked, does not at all participate in the course of life in the ordinary sense. Just as the sun does not, in the ordinary sense, travel around the Earth in its celestial course, so too does the human “I,” or the human soul, not travel the path from birth to death. So the reality is entirely different. It only appears different because we are not accustomed to observing it in this way. The reality is quite different:
[ 12 ] Wir erinnern uns im späteren Leben bis zu einem gewissen Punkte zurück, der einige Jahre nach unserer Geburt liegt. Bis zu diesem Punkte geht allein in seiner Entwickelung das Ich oder Seelenwesen mit. Dann bleibt es — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, er ist richtig — in der Zeit stehen, bleibt so in der Zeit stehen, wie die Sonne im Raum, und der Lebenslauf nimmt das Ich nicht mit, sondern bewegt sich, ebenso wie die Planeten um die Sonne, weiter, indem das Ich oder die Seele ruhend bleibt in dem Punkte, den ich angedeutet habe. Der Lebenslauf strahlt dasjenige, was in ihm verfließt, zurück auf die ruhend gebliebene Seele. Die Vorstellung ist nur deshalb so schwierig, weil es eben leichter ist, das Ruhen im Raum vorzustellen, als das Ruhen in der Zeit. Aber wenn man bedenkt, daß für gewisse Kreise erst im Jahre 1827 die kopernikanische Weltanschauung annehmbar geworden ist, so kann man ja auch voraussetzen, daß sich die Geisteswissenschaft Zeit lassen kann, bis die Menschen dazu kommen, sich vorstellen zu können, daß ebenso ein Ruhen in der Zeit möglich ist wie ein Ruhen im Raume. Man kann sagen: die Seele bleibt eben in sich selber ruhend zurück, und das Leben läuft bis zum Tode weiter, indem die Erlebnisse nur zurückstrahlen auf dasjenige, was in dem genannten Zeitpunkte zurückbleibt. Damit aber hängt etwas anderes zusammen: daß das, was wir eigentlich Seelenwesen nennen, gar nicht heraustritt in diejenigen Ereignisse und Tatsachen, die mit dem Leibesleben zusammenhängen, daß die Seele in ihrer eigentlichen Wesenheit im Geistigen drinnenbleibt. Sie tritt deshalb nicht in den gewöhnlichen Lebenslauf ein, weil dieser Lebenslauf eben einströmt in das sinnlich-physische Geschehen. Die Seele bleibt zurück, hält sich zurück im Geistigen. Nun verläuft das gewöhnliche Bewußtsein durchaus mit dem gewöhnlichen Lebenslauf, mit dem gewöhnlichen Hinströmen des Lebens zwischen Geburt und Tod; es verläuft darinnen so, daß es erscheint in Gemäßheit der Leibeswerkzeuge. Aber das Tiefere, das wahre Seelenwesen, das ergießt sich als solches nicht in dieses Leibeswesen, sondern bleibt im Geistigen stehen. Damit aber ist schon gegeben, daß ein Wissen, eine Erkenntnis von diesem Seelenwesen gar nicht erlangt werden kann im gewöhnlichen, von der äußeren Welt abhängigen Lebenslauf, sondern daß dieses Wissen, diese Erkenntnis nur erlangt werden kann, wenn in der geschilderten Weise das Bewußtsein sich selber ausschaltet, wenn — um eben dieses eine Beispiel noch einmal zu wiederholen — der im Bewußtsein gebliebene Gedanke dem unterbewußt arbeitenden Gedanken nun begegnet. Dann aber tritt das Bedeutungsvolle ein, daß allmählich dieses unterbewußte Arbeiten über den gesamten menschlichen Lebenslauf, sofern er durchlaufen ist, sich ergießt, und daß der Mensch sich in seinem inneren Erleben wirklich weiß am Ausgangspunkte seines Erdenlebens, vor der Grenze, bis zu der die Erinnerung reicht, sich drinnenstehend weiß im geistigen Leben, aber herausgehoben aus der Zeit, in welcher das gewöhnliche Bewußtsein verläuft. Daher kann keine Mystik, die so ist, wie ich es vorhin charakterisiert habe, die ebenso tief in das Bewußtsein, das in der Zeit verläuft, hineinbringen will ein feineres Erleben als das gewöhnliche, das Seelenwesen erreichen. Sondern dieses Seelenwesen kann nur erreicht werden, wenn die Zeit als solche überwunden wird, wenn die Seele hinaufrückt in dasjenige Gebiet, das vor dem Eintreten in die Erinnerung auftaucht, vielleicht besser gesagt: Wenn der Mensch mit seinem inneren Erleben hinaufrückt über diesen Zeitpunkt, die Seele entwickelt, um da die Seele erst zu finden, wie sie in ihrer inneren Wesenheit ist.
[ 12 ] In later life, we can recall events back to a certain point that lies a few years after our birth. Up to this point, the “I” or soul being accompanies the process of development. Then it—if I may use the expression, for it is accurate—comes to a standstill in time, remaining stationary in time just as the sun does in space, and the course of life does not carry the “I” along with it, but continues to move, just as the planets orbit the sun, while the “I” or soul remains at rest at the point I have indicated. The course of life reflects back to the soul, which has remained at rest, whatever flows through it. The concept is so difficult to grasp only because it is easier to imagine resting in space than resting in time. But when one considers that, for certain circles, the Copernican worldview did not become acceptable until 1827, one can also assume that spiritual science can take its time until people are able to conceive that resting in time is just as possible as resting in space. One might say: the soul simply remains at rest within itself, and life continues on until death, with experiences merely reflecting back upon that which remains at the aforementioned point in time. But this is connected to something else: that what we actually call the soul-being does not at all step out into those events and facts connected with bodily life; that the soul, in its true essence, remains within the spiritual realm. It therefore does not enter into the ordinary course of life, because this course of life flows into sensory-physical events. The soul remains behind, holding itself back in the spiritual realm. Now, ordinary consciousness proceeds entirely in tandem with the ordinary course of life, with the ordinary flow of life between birth and death; it proceeds within it in such a way that it manifests in accordance with the physical organs. But the deeper, true soul-being does not, as such, pour itself into this physical being, but remains within the spiritual realm. This, however, already implies that knowledge or insight into this soul-being cannot be attained at all in the ordinary course of life, which is dependent on the external world; rather, this knowledge and insight can only be attained when consciousness, in the manner described, withdraws from itself—when, to repeat this one example once more — the thought that has remained in consciousness now encounters the thought working in the subconscious. But then something significant occurs: gradually, this subconscious activity pours forth over the entire course of human life, insofar as it has been lived, and the human being, in his inner experience, truly knows himself to be at the starting point of his earthly life, before the boundary to which memory extends; he knows himself to be standing within spiritual life, yet set apart from the time in which ordinary consciousness unfolds. Therefore, no mysticism of the kind I characterized earlier—which seeks to introduce into the consciousness that unfolds in time an experience more subtle than the ordinary one—can reach the soul being. Rather, this soul-being can only be attained when time as such is overcome, when the soul ascends into that realm that emerges before the onset of memory—or perhaps better said: when the human being, with his inner experience, ascends beyond this point in time, developing the soul in order to find there, for the first time, the soul as it truly is in its inner essence.
[ 13 ] Dies alles sind schwierige Vorstellungen, aber das Schwierige liegt nicht darin, daß die menschliche Seele sie nicht vollziehen könnte, sondern nur darin, daß die Menschen sich im Laufe der Jahrhunderte gewöhnt haben, eben anders zu denken. Der Mensch muß also nicht, indem er geisteswissenschaftliche Methoden entwickeln will, im Sinne der gewöhnlichen Mystik durch das gewöhnliche Bewußtsein eine Vereinigung mit dem Geistigen suchen, sondern dasjenige, was er sucht, muß ihm Objekt sein; er muß sich ihm nahen mit dem Bewußtsein, daß es eigentlich etwas dem gewöhnlichen Leben Fremdes ist, daß es stehen geblieben ist, bevor dieses gewöhnliche Seelenleben eingetreten ist. Dann, wenn der Mensch so sein inneres Seelenwesen erkennt, dann hat er im Grunde genommen erst die Seele so, daß er jetzt weiß: Diese Seele hat mitgearbeitet, indem sie durch die Geburt geschritten ist mit den Kräften, die sie auch vorher schon im Geistigen hatte, an der Ausgestaltung des gesamten Lebens bis in die Leibesorganisation hinein, indem sie ihre Kraft vereint mit dem, was der Mensch durch die physische Vererbung erlangt hat. Der Mensch gelangt auf dieses Weise hin zum Unsterblichen der Seele.
[ 13 ] These are all difficult concepts, but the difficulty does not lie in the fact that the human soul is incapable of grasping them, but simply in the fact that, over the course of centuries, people have become accustomed to thinking differently. Therefore, in seeking to develop methods of spiritual science, a person need not, in the sense of conventional mysticism, seek union with the spiritual through ordinary consciousness; rather, what he seeks must be an object for him; he must approach it with the awareness that it is, in fact, something foreign to ordinary life, that it remained as it was before this ordinary life of the soul began. Then, when a person recognizes his inner soul being in this way, he has, in essence, come to understand the soul in such a way that he now knows: This soul has contributed, by passing through birth with the forces it already possessed in the spiritual realm, to the shaping of the entire life, right down to the physical organization, by uniting its power with what the person has acquired through physical heredity. In this way, the human being attains the immortality of the soul.
[ 14 ] Die Frage nach dem Unsterblichkeitsrätsel verändert sich für die Geisteswissenschaft gegenüber der Gestalt, die man dieser Frage sonst gibt. Man denkt immer, wenn man diese Frage aufwirft, man könne sie beantworten, wenn man sie so stellt: Ist nun die Seele mit ihrem gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen so, daß sie irgend etwas davon als Unsterbliches bewahrt? So wie dieses Denken, Fühlen und Wollen im gewöhnlichen Leben ist, ist es gerade dadurch, daß es sich der Leibeswerkzeuge bedienen muß. Wenn diese Leibeswerkzeuge abgelegt sind, indem die Seele durch die Pforte des Todes schreitet, hört auch die Form des Denkens, Fühlens und Wollens selbstverständlich auf für ein inneres Erleben, welches vom gewöhnlichen Bewußtsein erreicht werden kann. Dagegen lebt in jedem Menschen das, was eben für die gewöhnliche Seelenbeobachtung verborgen ist, so wie die Dinge verborgen sind, die erst durch die Naturwissenschaft über die Natur erkundet werden können, was aber in der skizzenhaft angedeuteten Weise erreicht werden kann, und was stehen bleibt gewissermaßen vor dem Tore . der Erinnerung. Das kann die Ereignisse des gewöhnlichen Lebenslaufes aufnehmen, indem es sie zurückstrahlt. Und wenn dann das, was in diesem gewöhnlichen Leben drinnensteht, was an die Leibeswerkzeuge gebunden ist, dem Menschen genommen wird, indem er durch die Pforte des’Todes schreitet, wird dasjenige, was niemals aus der geistigen Welt herausgeschritten ist, eben auch durch die Pforte des Todes schreiten. Das, was sich hindurchträgt, das hat sich nicht entwickelt innerhalb des gewöhnlichen Bewußtseins, sondern das hat sich entwickelt im Unterbewußten, das eben nur heraufgebracht werden kann auf die geschilderte Weise.
[ 14 ] For the spiritual sciences, the question of the mystery of immortality takes on a different form than the one usually ascribed to it. People always assume, when they raise this question, that they can answer it by phrasing it this way: Is the soul, with its ordinary thinking, feeling, and willing, such that it preserves any part of this as immortal? Just as this thinking, feeling, and willing exists in ordinary life, it does so precisely because it must make use of the body’s instruments. When these bodily instruments are laid aside as the soul passes through the gate of death, the form of thinking, feeling, and willing naturally ceases to be an inner experience accessible to ordinary consciousness. In contrast, what is hidden from ordinary soul observation lives within every human being—just as things are hidden that can only be explored through the natural sciences—yet this can be approached in the sketch-like manner described, and it remains, so to speak, at the threshold of memory. It can take in the events of the ordinary course of life by reflecting them back. And when what lies within this ordinary life—that which is bound to the physical instruments—is taken from the human being as he passes through the gate of death, that which has never stepped out of the spiritual world will also pass through the gate of death. That which carries itself through has not developed within ordinary consciousness, but has developed in the subconscious, which can only be brought to the surface in the manner described.
[ 15 ] So verändert sich die angedeutete Frage für die Geisteswissenschaft so, daß der Geistesforscher vor allen Dingen den Weg zeigt, wie das wahre Seelenwesen gefunden wird, und indem er diesen Weg zeigt, stellt sich durch die Art und Weise, wie dieses wahre Seelenwesen ist, dessen Unsterblichkeit als eine Wahrheit heraus. Wie man nicht zu beweisen braucht, daß die Rose rot ist, wenn man jemand hingeführt hat zu der Rose, und er sie vor sich hat, so braucht man nicht zu beweisen durch allerlei Hypothesen, Schlußfolgerungen, daß das Seelenwesen unsterblich ist, wenn man den Weg zeigt, wodurch der Mensch das Seelenwesen so findet, daß er sieht: es arbeitet das Sterbliche aus sich heraus, es ist der Erzeuger des Sterblichen, das Sterbliche ist seine Offenbarung — wenn man die Unsterblichkeit als eine Eigenschaft dieses Seelenwesens aufzeigen kann, so wie man die Röte als eine Eigenschaft der Rose aufzeigt. Darauf kommt es gerade an, daß sich die Fragestellung völlig verändert, wenn Geisteswissenschaft in ihrer wirklichen Gestalt an dieses Seelenrätsel herangeht.
[ 15 ] Thus, the question raised for spiritual science takes on a different form: the spiritual researcher, above all, shows the path to finding the true nature of the soul, and by showing this path, the immortality of the soul emerges as a truth through the very nature of that true soul. Just as one need not prove that the rose is red once one has led someone to the rose and they have it before them, so too one need not prove through all manner of hypotheses and conclusions that the soul is immortal if one shows the path by which a person finds the soul in such a way that they see: it works the mortal out of itself; it is the creator of the mortal; the mortal is its manifestation—if one can point to immortality as a quality of this soul-being, just as one points to redness as a quality of the rose. This is precisely the point: the very nature of the question changes completely when spiritual science, in its true form, approaches this mystery of the soul.
[ 16 ] Es wird das, was damit nur skizzenhaft angedeutet worden ist, sich ein wenig durch eine Seitenbeleuchtung, möchte man sagen, klären, wenn man einen Blick wirft auf etwas, was im menschlichen Leben eine so bedeutungsvolle Rolle spielt, was aber, wie schon oftmals gesagt, für die meisten Philosophen der denkerischen, der wissenschaftlichen Betrachtung völlig unzugänglich erscheint: wenn man einen Seitenblick wirft auf das, was man das menschliche Schicksal nennt. Das menschliche Schicksal erscheint ja in der Aufeinanderfolge der Begebenheiten, die den Menschen treffen, vielen wie eine reine Summe von Zufälligkeiten; es erscheint vielen wie eine vorausbestimmte Notwendigkeit, wie eine Notwendigkeit der Vorsehung. Alle diese Vorstellungen aber nähern sich dem Schicksalsrätsel wiederum vom Standpunkte des gewöhnlichen Bewußtseins aus. Und wenn diese Vorstellungen auch noch so mystisch vertieft sind, man kommt solchen Rätseln durch diese Vorstellungen nicht näher. Daher habe ich das letztemal gerade mit Bezug auf die Schicksalsfrage gezeigt, wie man sich überhaupt erst vorbereitet in der rechten Weise, an diese Frage nach dem menschlichen Schicksal heranzutreten. Es muß das noch einmal von einem gewissen Gesichtspunkte aus wiederholt werden, damit über die Frage nach den Schicksalskräften genauer gesprochen werden kann. Ich sagte: Gibt sich der Mensch als Geistesforscher in seinem Inneren gewissen Entwickelungen hin, deren eine Art ich gezeigt habe in der Entwickelung des Denkens, so bedeutet diese innere Entwickelung für ihn ein wirkliches Sichherausheben aus dem gewöhnlichen Bewußtsein; nicht eine mystische Vertiefung dieses gewöhnlichen Bewußtseins bloß, sondern ein Sichherausheben, ein Aufsteigen zu dem, was in das gewöhnliche Bewußtsein gar nicht hereintritt. Dann gehört viel Geduld und Ausdauer dazu, um diese innere Entwickelung immer weiter und weiter zu führen. Sie braucht das äußere Leben nicht im geringsten zu beeinträchtigen. Diejenigen Menschen sind schlechte Geistesforscher, welche durch die Geistesforschung für das gewöhnliche Leben unbrauchbar, unpraktisch werden. Sie zeigen, daß sie im Grunde genommen noch durchaus materialistisch gesinnte Naturen sind. Denn wer aus dem gewöhnlichen Leben herausgerissen wird, wer aus dem festen Drinnenstehen im Leben, aus des Lebens Pflichten und Aufgaben, kurz, aus der Lebenspraxis gerissen wird durch eine Art von Geistesforschung, der zeigt, daß er das Wesen wahrer Geistesforschung nicht begriffen hat; denn diese verläuft im Geistigen, in dem, was mit dem gewöhnlichen Leben in unmittelbarer Art durchaus nicht in Widerstreit kommen kann. Und wer da glaubt, daß er, nun, sagen wir, sich in die geistige Welt hinaufhungern kann, oder durch ein anderes äußeres, materielles Mittel in die geistige Welt hinaufkommen kann, der zeigt eben, daß er, trotzdem er den Geist sucht, ganz von materialistischen Vorstellungen durchdrungen ist. Aber wenn der Mensch den Weg wahrer Geistesforschung oder auch nur wahrer Geisteswissenschaft geht, indem er durchdringt, in seine Seele aufnimmt, was die Geistesforschung zutage fördert, dann wird im rechten Zeitpunkte das, was der Mensch da innerlich erlebt, für ihn nach und nach zu einer inneren Schicksalsfrage, zu einer inneren Schicksalswendung. Er erlebt ein inneres Durchdrungenwerden, welches ihn in die Sphäre des Geistigen hineinträgt, so lebendig, so intensiv, daß dieses Erlebnis, das ganz ohne Beeinträchtigung des äußeren Erlebens vor sich geht, zu einer Schicksalswendung wird, die größer, bedeutungsvoller ist als jede noch so bedeutungsvolle Schicksalswendung des äußeren Lebens. Ja gerade darin zeigt sich das Bedeutsame des Drinnenstehens in der Geisteswissenschaft, daß diese also für den Menschen zu einer Schicksalswendung werden kann. Nicht abgestumpft für die anderen Schicksalswendungen braucht dadurch der Mensch für seine Seele zu werden; voll empfinden kann der Mensch, was als äußere Schicksale, nicht nur von ihm, sondern auch von anderen, verläuft, wenn er also die höhere Schicksalswendung auch erlebt hat, die rein innerlich verläuft. Wer stumpf wird für das äußere Leben und äußere Schicksal, wer etwa gar sein Mitleid und Mitgefühl für die äußere Welt und die Menschen abstumpfen würde dadurch, der ist nicht auf dem rechten Wege. Aber wer sich, wie es bei der guten Erziehung schon sein kann, beim vollen Drinnenstehen im sozialen Leben in einer geistigen Welt stehend findet, bei dem kann es doch sein, daß ein Zeitpunkt eintritt, in dem er, nachdem er innerlich den Weg zu dem, was nicht eingeht in die sinnliche Welt, gefunden hat, dieses innere Erlebnis als eine Schicksalswendung empfindet, die größer und eindringlicher ist als die furchtbarste Schicksalslage oder die freudigste Schicksalswendung, die ihn sonst im Leben treffen kann. Daß aber eine solche Schicksalswendung eintreten kann, das vertieft das Gemüt, verinnerlicht die menschliche Seele; das stattet sie aus mit Kräften, die zwar immer in der Seele ruhen, die aber gewöhnlich nicht heraufgebracht werden.
[ 16 ] What has been only sketchily hinted at here will become a little clearer—through a sort of oblique illumination, one might say—if one casts a glance at something that plays such a significant role in human life, but which, as has often been said, seems completely inaccessible to most philosophers in terms of intellectual or scientific consideration: when one casts a sideways glance at what is called human fate. To many, human fate—as it appears in the succession of events that befall people—seems like a mere sum of coincidences; to many, it appears as a predetermined necessity, as a necessity of providence. All these conceptions, however, approach the riddle of fate once again from the standpoint of ordinary consciousness. And no matter how mystically profound these conceptions may be, one does not come any closer to such riddles through them. That is why, last time, precisely in relation to the question of fate, I showed how one must first prepare oneself in the right way to approach this question of human fate. This must be repeated once more from a certain perspective so that we can speak more precisely about the question of the forces of destiny. I said: If a person, as a researcher of the spiritual, devotes themselves inwardly to certain developments—one type of which I have shown in the development of thinking—then this inner development signifies for them a genuine rising above ordinary consciousness; not merely a mystical deepening of this ordinary consciousness, but a rising above it, an ascent to that which does not enter into ordinary consciousness at all. Then it takes a great deal of patience and perseverance to carry this inner development further and further. It need not impair outer life in the least. Those people are poor spiritual researchers who, through spiritual research, become useless and impractical for ordinary life. They show that, at heart, they are still thoroughly materialistic in nature. For whoever is torn away from ordinary life—whoever is torn away from a firm grounding in life, from life’s duties and tasks, in short, from the practice of life—by a certain kind of spiritual research, demonstrates that they have not grasped the essence of true spiritual research; for this takes place in the spiritual realm, in that which cannot in any way come into direct conflict with ordinary life. And anyone who believes that they can, let us say, “starve themselves” their way up into the spiritual world, or reach the spiritual world through some other external, material means, demonstrates precisely that, despite seeking the spirit, they are entirely permeated by materialistic notions. But when a person follows the path of true spiritual research—or even simply true spiritual science—by penetrating and absorbing into their soul what spiritual research brings to light, then at the right moment what the person experiences inwardly gradually becomes for them a matter of inner destiny, a turning point in their inner destiny. He experiences an inner permeation that carries him into the sphere of the spiritual—so vividly, so intensely—that this experience, which takes place entirely without interfering with his outer experience, becomes a turning point in his destiny that is greater and more significant than any turning point in outer life, no matter how significant. Indeed, it is precisely in this that the significance of being deeply immersed in spiritual science is revealed—that it can thus become a turning point in a person’s destiny. This does not mean that a person’s soul must become numb to other twists of fate; a person can still fully feel what unfolds as external destinies—not only their own but also those of others—even after having experienced this higher twist of fate that takes place purely within. Anyone who becomes numb to external life and external fate—or who, for example, would even allow their compassion and empathy for the external world and for people to become dulled as a result—is not on the right path. But for those who, as can happen with a good upbringing, find themselves standing in a spiritual world while fully immersed in social life, there may still come a moment when, having found the inner path to that which does not enter the sensory world, may experience this inner experience as a turning point in fate that is greater and more profound than the most terrible misfortune or the most joyful turn of fate that might otherwise befall them in life. But the fact that such a turning point in destiny can occur deepens the mind and internalizes the human soul; it endows it with powers that, although they always lie dormant in the soul, are not usually brought to the surface.
[ 17 ] Zu einem wird die Seele vor allen Dingen zubereitet: Indem die Seele also ein Schicksal erlebt hat rein innerlich, so daß sie diesem Schicksal, nur jetzt mit den innerlich erlebbaren Seelenkräften gegenübersteht, wird der Mensch so intim bekannt mit der größten Schicksalswendung, daß er einen Erkenntnismaßstab gewinnt für das äußere Schicksal. Man braucht ja — trivial gesagt — für alles im Leben einen Maßstab. Den Maßstab für die Schicksalsbeurteilung, man erlangt ihn dadurch, daß man nicht betrachtet zunächst bloß durch allerlei Spekulation, durch Phantasterei, die dunklen Schicksalsverläufe, sondern daß man betrachtet einen so hellen Schicksalsverlauf, wie man ihn dadurch durchmacht, daß man Schritt für Schritt in seinem inneren Seelenleben so die Kraft entwickelt hat, daß man alles mit angesehen hat. Man sieht: So ist es durch Jahre geworden, so haben wir uns allmählich eine innere, wahre, ohne Selbsttäuschung errungene Überzeugung von der geistigen Welt, in der wir leben und weben und sind, geschaffen, da waren wir dabei bei der Schicksalswendung, da tritt sie uns nicht entgegen als etwas, was dunkel bleibt, und woran wir nur uns freuen oder leiden können, sondern da tritt sie uns in heller innerer Klarheit entgegen. Und wenn wir also die Kräfte, die uns in heller innerer Klarheit entgegentreten, entwickelt haben in der Seele, dann erst vermögen wir das, was dunkel bleibt, mit innerem Lichte zu beleuchten, dann vermögen wir die Hergänge des äußeren Schicksals auch zu betrachten. Diese Hergänge des äußeren Schicksals, sie sind dunkel für das gewöhnliche Bewußtsein. Aber das gewöhnliche Bewußtsein ist ja für die Betrachtung der Schicksalsfrage gerade dadurch zum schauenden Bewußtsein geworden, daß es eine solche Schicksalswendung eintreten läßt. Für die Schicksalsfrage hat sich dieses Bewußtsein zum schauenden Bewußtsein gemacht. Dadurch erlangt man überhaupt erst das, was nötig ist, um nun an die Schicksalsfrage so heranzutreten, daß sie in dem Sinne, wie es sein soll, eine gewisse Aufklärung erfahren kann. Dadurch zeigt sich aber, daß, soviel man auch das Schicksal mit dem gewöhnlichen Bewußtsein betrachtet, alles Konstatieren über dieses Schicksal gewissermaßen hypothetisch oder eine leere phantastische Annahme bleibt. Denn es zeigt sich gerade, daß das Schicksal so, wie es außen für das gewöhnliche Bewußtsein auftritt, nur in seiner Offenbarung auftritt, in seinem Hineinragen in das gewöhnliche Bewußtsein, daß aber dieses Schicksal im Unterbewußten an der menschlichen Seele arbeitet, so daß diese menschliche Seele, die niemals aus der geistigen Welt, wie ich angedeutet habe, heraustritt, im Unterbewußten im Schicksalsstrome lebt. So lebt sie im Schicksalsstrome, daß sich dem gewöhnlichen Bewußtsein ihr Verstricktsein mit dem Schicksal so wenig zeigt, wie sich dem Träumer das zeigt, was ihn als physische Wirklichkeit in der äußeren Welt umgibt.
[ 17 ] The soul is prepared, above all, for one thing: Since the soul has thus experienced a destiny purely inwardly, so that it now faces this destiny solely with the soul forces that can be experienced inwardly, the human being becomes so intimately acquainted with the greatest twist of fate that he gains a standard of understanding for external destiny. After all—to put it simply—one needs a standard for everything in life. The standard for judging fate is attained not by initially observing the dark courses of fate merely through all manner of speculation or fantasy, but by observing a course of fate as clear as the one one experiences by having developed, step by step in one’s inner soul life, the strength to have witnessed everything. One sees: This is how it has come to be over the years; this is how we have gradually created within ourselves an inner, true conviction—achieved without self-deception—of the spiritual world in which we live, act, and exist. We were present at the turning point of destiny; it does not confront us as something that remains obscure, something we can only rejoice in or suffer from, but rather it confronts us in bright inner clarity. And so, only when we have developed within our souls the powers that meet us in bright inner clarity can we illuminate what remains obscure with inner light; only then can we also contemplate the course of external fate. This course of external fate is obscure to ordinary consciousness. But ordinary consciousness has, in fact, become a contemplative consciousness for the consideration of the question of destiny precisely by allowing such a turning point in destiny to occur. With regard to the question of fate, this consciousness has transformed itself into a contemplative consciousness. Only through this does one acquire what is necessary to approach the question of fate in such a way that it can be clarified in the manner intended. This, however, reveals that, no matter how much one contemplates fate with ordinary consciousness, any assertion about this fate remains, so to speak, hypothetical or an empty, fanciful assumption. For it becomes evident that fate, as it appears externally to ordinary consciousness, appears only in its manifestation, in its intrusion into ordinary consciousness; yet this fate works upon the human soul in the subconscious, so that this human soul—which, as I have indicated, never departs from the spiritual world—lives in the stream of fate within the subconscious. It lives in the stream of destiny in such a way that its entanglement with destiny is just as little apparent to ordinary consciousness as what surrounds the dreamer as physical reality in the external world is to the dreamer.
[ 18 ] Wenn das schauende Bewußtsein sich übt, die Bewußtseinskräfte zu entwickeln, die hierfür nötig sind, dann gelangt man dazu, mit ganz anderen Geistesaugen — um den Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen - auf die Schicksalsfrage hinzuschauen. Die Seele gelangt dann dazu, die Zusammenhänge, die verstrickt sind in dem, was wir eine Schicksalswendung nennen, ganz anders zu betrachten, als man sie im gewöhnlichen Bewußtsein betrachtet. Man erkennt erst, auf was man die Aufmerksamkeit richten muß in der Schicksalsfrage, wenn man also durch das innere Ergriffensein von einer rein geistigen Schicksalswendung dazu vorbereitet ist. Nehmen wir irgendeine Schicksalswendung, die leicht im äußeren Leben uns entgegentreten kann. Als typisch für das, was im äußeren Leben uns entgegentritt, könnte man etwa das Folgende erzählen - es ist durchaus möglich, daß es auf diese Art zum Beispiel sich abspielt -: Ein Mensch ist voll vorbereitet, sagen wir, für irgendeinen äußeren Beruf, für eine äußere Arbeit. Seine Anlagen zeigen, daß er dieser Arbeit voll gewachsen sein könnte, daß er der Welt, der Menschheit viel nützen könnte durch die Verrichtung seiner äußeren Arbeit. Die Sachen sind gewissermaßen so weit gediehen, daß der Posten schon ausersehen ist, auf den der betreffende Mensch kommen soll. Alles ist vorbereitet, der Mensch selbst ist vorbereitet, diejenigen Menschen, welche ihm den entsprechenden Posten geben können, sind aufmerksam geworden für das, was er leisten kann; alles ist vorbereitet. Da, gerade, ich möchte sagen, bevor diesen Menschen die Urkunde trifft, daß er auf den Posten versetzt wird, tritt irgend ein Unfall ein, durch den er unfähig wird, diesen Posten auszufüllen. — Da haben wir eine typische Schicksalswendung. Ich will nicht sagen, daß dieser Mensch, den ich meine, gleich mit dem Tode abgehen müsse, aber er wäre unfähig, in dem gewöhnlichen Lebensverlauf, das, was gut vorbereitet war von allen Seiten, wirklich zu erlangen. Den Menschen trifft ein Schicksalsschlag.
[ 18 ] When the observing consciousness trains itself to develop the powers of consciousness necessary for this, one comes to view the question of destiny with entirely different “eyes of the spirit”—to use Goethe’s expression. The soul then comes to view the interconnections entangled in what we call a twist of fate in a completely different way than they are viewed in ordinary consciousness. One recognizes only then what one must focus one’s attention on in the question of fate—that is, when one has been prepared for this through being inwardly moved by a purely spiritual twist of fate. Let us take any twist of fate that might easily occur in our outer life. As a typical example of what we encounter in outer life, one could describe the following—it is entirely possible that it might unfold in this way, for example: A person is fully prepared, let us say, for some outer profession, for some outer work. His aptitudes indicate that he could be fully up to this work, that he could be of great benefit to the world and to humanity through the performance of his external work. Things have, so to speak, progressed to the point where the position to which this person is to be appointed has already been identified. Everything is in place—the person himself is prepared, and those who can offer him the position have become aware of what he is capable of achieving; everything is in place. Then, just—I would say—before this person receives the official notification that he is being appointed to the position, some accident occurs that renders him incapable of fulfilling that role. — There we have a typical twist of fate. I am not saying that this person I am referring to must die immediately, but he would be unable, in the ordinary course of life, to actually attain what had been so well prepared from all sides. A stroke of fate befalls him.
[ 19 ] Nun, wenn man so den menschlichen Lebenslauf betrachtet im gewöhnlichen Bewußtsein — wenn man auch glaubt, man mache es anders -, da macht man es doch so, daß man das betrachtet, was irgendeiner Tatsache im Lebenslauf vorangegangen ist. Man betrachtet die Welt ja so, daß man immer Wirkung an Ursache und wiederum Wirkung an Ursache reiht, daß man immer von dem Späteren auf dasFrühere zurückgeht. Jetzt, wenn der Mensch vorbereitet ist zum Erkennen dieser Schicksalswendung, die uns etwas lehren kann, jetzt zeigt es sich, daß wir es zu tun haben bei jener Schicksalswendung mit einem Zusammenströmen von zwei Reihen. Hier in dem angeführten typischen Beispiel haben wir es auf der einen Seite damit zu tun, daß der Mensch etwas geworden ist, wodurch er auch Vorgänge in der äußeren Welt gezwungen hat, sich auf ihn zu richten. Eine andere Ereignisreihe kommt, welche diese erste Ereignisreihe durchkreuzt. Man lernt gerade, wenn man solche Schicksalsvorgänge betrachtet, erkennen, daß es im höchsten Sinne richtig, vortrefflich ist, den menschlichen Lebenslauf so wie Naturvorgänge zu betrachten, indem man darauf sieht, wie das Spätere aus dem Früheren folgt. Aber man lernt auch erkennen, daß diese Betrachtung nur eine höchst einseitige ist. Man lernt erkennen, daß man, wenn man das Dasein in seiner Vollständigkeit betrachten will, nicht nur fortdauernde, wachsende, aufsteigende Ströme der Ereignisse in Betracht ziehen kann, sondern auch in Betracht ziehen muß den absteigenden Strom, denjenigen Strom, der den aufsteigenden Strom immer durchschneidet, durchkreuzt, vernichtend trifft. Dann gelangt man dazu, durch das Treffen der beiden Ströme an den Punkt geführt zu werden, wo der Geist sich einem enthüllt. Denn der Mensch ist kein anderer geworden, indem er auf der einen Seite selber eine Durchkreuzung erfahren hat dessen, was er geworden ist; es sind zwei Lebensströme zusammengekommen, aber der Mensch ist kein anderer geworden. Und gerade dieses, daß man mit seinen Seelenkräften stößt auf dieses Sichdurchkreuzen der beiden Lebensströme, das zeigt einem, wie in dem Augenblick, wo irgend etwas schicksalsmäßig an der menschlichen Seele arbeiten soll, es sich gerade aus dem äußeren Leben zurückziehen muß. Man gelangt auf diesem Wege hinein in das Innere des Seelischen, das aber gar nicht aufgeht in dem äußeren sinnlichen Leben. Indem man das Dasein ergreift, wo es nicht nur sich offenbart, sondern wo es verschwindet aus der äußeren Offenbarung, findet man den Weg hinein in das Gebiet, aus dem die Seele gar nicht herauskommt, und in dem an ihr das Schicksal arbeitet.
[ 19 ] Well, when one looks at the course of human life in this way from the perspective of ordinary consciousness—even if one believes one is doing it differently—one still ends up looking at what preceded a particular event in the course of life. After all, we view the world in such a way that we always link effect to cause and, in turn, effect to cause—that is, we always trace back from the later to the earlier. Now, when a person is prepared to recognize this turning point in fate—one that can teach us something—it becomes apparent that, in that turning point, we are dealing with a convergence of two sequences. Here, in the typical example cited, we are dealing on the one hand with the fact that a person has become something, thereby compelling events in the outer world to focus on him or her. Another series of events arises, which intersects with this first series of events. It is precisely when one observes such fateful events that one learns to recognize that it is, in the highest sense, correct and excellent to view the course of human life in the same way as natural processes, by observing how what comes later follows from what came before. But one also learns to recognize that this perspective is only a highly one-sided one. One comes to realize that if one wishes to view existence in its entirety, one cannot—and must not—consider only the continuous, growing, ascending currents of events, but must also take into account the descending current—the current that always cuts through, intersects, and devastatingly strikes the ascending current. Then one comes to be led, through the meeting of the two currents, to the point where the spirit reveals itself. For the human being has not become someone else, even though, on the one hand, he has himself experienced a crossing of what he has become; two currents of life have come together, but the human being has not become someone else. And it is precisely this—that one encounters with one’s soul forces this crossing of the two life currents—that shows one how, at the very moment when something fateful is to work upon the human soul, it must withdraw from outer life. In this way, one enters into the innermost realm of the soul, which, however, is not at all absorbed into external sensory life. By grasping existence where it not only reveals itself but where it disappears from external manifestation, one finds the path into the realm from which the soul never emerges, and in which destiny works upon it.
[ 20 ] Und jetzt merkt man auch, wenn man die Betrachtung so weit getrieben hat, daß es durchaus im Wesen der Seele liegt, daß sich das Schicksal so zu der Seele verhält, wie ich es eben gezeigt habe. Denn nehmen wir an, die Sache wäre so, daß die menschliche Seele im vollen Bewußtsein, mit voll entwickelten Vorstellungen, so wie sie an die äußere sinnliche Wirklichkeit herantritt und sie sich in naturwissenschaftlichen Vorstellungen erklärt, auch an die Schicksalsverkettung herantreten würde. Was würde dann daraus folgen? Es würde daraus folgen, daß die Seele innerlich tot bliebe, daß sie innerlich dem Schicksal, ich möchte sagen, so gelassen, um nicht zu sagen gleichgültig, gegenüberträte, wie sie den Aussagen entgegentritt, die die Naturwissenschaft macht. Aber so tritt die menschliche Seele dem Schicksal nicht gegenüber. Ich entwickele hier nicht bloß Zweckmäßigkeitsvorstellungen. Wer auf dieMethoden dessen, was hier vorgebracht wird, eingeht, wird das einsehen, daß ich nicht in teleologische oder Zweckmäßigkeitsvorstellungen zurückfalle, sondern daß ich die Frage so stelle: Was ist notwendig zum Wesen der Seele? —, wie man fragen könnte: Inwiefern ist die Wurzel notwendig zum gesamten Leben der Pflanze?
[ 20 ] And now, having taken this line of thought to its logical conclusion, one realizes that it is indeed inherent in the nature of the soul that fate relates to the soul in the way I have just shown. For suppose it were the case that the human soul, in full consciousness and with fully developed concepts—just as it approaches external sensory reality and explains it through scientific concepts—would also approach the chain of fate in the same way. What would follow from this? It would follow that the soul would remain inwardly dead, that it would face fate—I might say—with the same composure, not to say indifference, with which it confronts the statements made by natural science. But this is not how the human soul faces fate. I am not merely developing notions of finality here. Anyone who examines the methods of what is being presented here will see that I am not falling back on teleological or finalistic notions, but that I am posing the question as follows: What is necessary to the essence of the soul? — just as one might ask: To what extent is the root necessary to the entire life of the plant?
[ 21 ] Insofern die Seele im Schicksal steht, erlebt sie dieses Schicksal überhaupt nicht durch erkenntnisgemäße Vorstellungen, sondern sie erlebt es so, daß Affekte, Empfindungen, Gefühle der Freude, Gefühle des Leides in dieser Seele auftreten, und daß über diesen Empfindungen nicht schweben so klare Vorstellungen, wie man sie sonst in der Erkenntnis hat. Würden aber solch klare Vorstellungen darüber schweben, so würden das eben solche Vorstellungen sein, die nur in der Sphäre des gewöhnlichen Bewußstseins, das heißt in der Sphäre, die an den Leib gebunden ist, arbeiten. Gerade indem dasSchicksalserlebnis herausgehoben ist aus diesen Vorstellungen, die an den Leib gebunden sind, indem das Schicksalserlebnis getrieben wird durch die Empfindungen und Gefühle, durch die fortschreitenden oder Widerstreben findenden Willensimpulse, bleibt dieses Schicksalserlebnis im Unterbewußten oder wird, besser gesagt, ins Unterbewußte hinuntergeleitet. Dadurch arbeitet das Schicksalserlebnis außerhalb des Bewußtseins so an dem Seelenwesen, wie die Erlebnisse der äußeren Welt um den Träumenden herum vorgehen, ohne daß sie — wenigstens in unmittelbarer Weise - in sein Bewußtsein hereindringen.
[ 21 ] Insofar as the soul is subject to fate, it does not experience this fate at all through concepts based on cognition, but rather experiences it in such a way that affects, sensations, feelings of joy, and feelings of suffering arise within this soul, and that these sensations are not accompanied by concepts as clear as those one otherwise has in cognition. But if such clear concepts were to hover over them, they would be precisely the kind of concepts that operate only within the sphere of ordinary consciousness—that is, within the sphere bound to the body. Precisely because the experience of fate is set apart from these ideas bound to the body, and because it is driven by sensations and feelings, by the impulses of the will that either advance or meet with resistance, this experience of fate remains in the subconscious—or, to put it more accurately, is channeled down into the subconscious. As a result, the experience of fate works on the soul outside of consciousness in the same way that the experiences of the external world around the dreamer unfold without—at least not directly—penetrating into his consciousness.
[ 22 ] Die Art und Weise, wie der Mensch seine Leiden und Freuden erlebt, die macht es, daß sein Schicksal in die tieferen unterbewußten Regionen des Seelenlebens, in diejenigen Regionen, aus denen das Seelenleben überhaupt nie heraustritt, hereingeleitet wird. So daß der Mensch im Lebenslauf unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins von seinem Schicksal getrieben wird. Da unten aber, wo das Bewußtsein nicht hinreicht, das im gewöhnlichen Leben steht und auf das gewöhnliche Leben gerichtet ist, istOrdnung; da unten leuchten die Schicksalserlebnisse zurück auf die Seele, die vor der Empfindungsgrenze stehen geblieben ist. Da zimmert das Schicksal selber an unserer Seele fortwährend, so daß die Art und Weise, wie der Mensch in seinem Schicksal drinnensteht, von ihm ebensowenig durch das gewöhnliche Bewußtsein durchschaut werden kann, wie durchschaut werden kann von dem träumenden Bewußtsein, was in dem Zimmer, in dem geträumt wird, äußerlich, sinnlich-physisch vorgeht. Das Schicksal verbindet sich mit der Seele unter der Schwelle des Bewußtseins. Da aber zeigt sich, wie auch dieses Schicksal beschaffen sein mag, daß es intim mit der Seele zusammenhängt, daß es gerade der Arbeiter ist an der Gestaltung unseres Seelenlebens. Einer der Arbeiter ist es, welcher macht, daß das, was wir im Lebenslauf zwischen Geburt und Tod durchmachen, hinübergetragen wird zu der Seele, die durch Geburt und Tod in wiederholten Erdenleben geht, so daß diese Seele durch Verrichtungen, durch Kräfte, durch Wirkungen, die nicht ins gewöhnliche Bewußtsein hineinreichen, durch dieses gesamte Leben, das durch die wiederholten Erdenleben geht, hindurchgetragen wird. Da sehen wir die Verknüpfung des menschlichen Schicksals mit der menschlichen Seele. Da gelangen wir durch das Schicksal selber in die unterbewußten Gründe, in die ewigen Gründe der Menschenseele. Und erst da, wo Unsterblichkeit waltet, da waltet auch in seiner wahren Gestalt das Schicksal. Und hingetragen wird es dahin durch den Umstand, daß wir im gewöhnlichen Leben ihm so überliefert sind, daß wir es nicht erkennend durchdringen. Dadurch, daß wir es affektmäßig, gefühlsmäßig durchleben, dadurch wird das Schicksal selber in diejenige Region hingetragen, wo es an dem unsterblichen Seelenteil arbeiten kann.
[ 22 ] The way in which a person experiences his sufferings and joys is what causes his destiny to be channeled into the deeper subconscious regions of the soul’s life—those regions from which the soul’s life never emerges at all. Thus, in the course of life, a person is driven by his destiny beneath the threshold of ordinary consciousness. But down there, where ordinary consciousness—which is rooted in and directed toward ordinary life—cannot reach, there is order; down there, the experiences of destiny shine back upon the soul, which has come to a halt at the boundary of sensation. There, fate itself is constantly shaping our soul, so that the way in which a person is immersed in their fate can be understood by them just as little through ordinary consciousness as the dreaming consciousness can understand what is happening externally, in a sensory-physical sense, in the room where the dreaming takes place. Fate connects with the soul beneath the threshold of consciousness. Yet there it becomes evident, whatever the nature of this fate may be, that it is intimately connected with the soul, that it is precisely the agent shaping our inner life. It is one of these workers who ensures that what we experience in the course of life between birth and death is carried over to the soul that passes through birth and death in repeated earthly lives, so that this soul is carried through this entire life—which extends across repeated earthly lives—by deeds, forces, and effects that do not reach into ordinary consciousness. There we see the connection between human destiny and the human soul. There, through destiny itself, we reach the subconscious causes, the eternal causes of the human soul. And only where immortality reigns does destiny also reign in its true form. And it is carried there by the fact that in ordinary life we are so at the mercy of fate that we do not penetrate it with understanding. Because we experience it through our emotions and feelings, fate itself is carried into that region where it can work upon the immortal part of the soul.
[ 23 ] Da erweist sich dann das Schicksal — es klingt ja pedantisch, fast philisterhaft — als der große Lehrer durch den gesamten Lebenslauf. Aber es ist so. Es trägt uns das Schicksal weiter. Und wahr ist es, was einzelne Menschen, die durch einen besonders dazu veranlagten Lebenslauf vorbereitet waren, über das Zusammenhängende im menschlichen Schicksalslauf empfinden. Ein solches Beispiel möchte ich Ihnen wörtlich vorlesen. Goethes Freund Knebel ist im späten Alter zu Vorstellungen über das Schicksal getrieben worden, die sich ihm wahrhaftig nicht durch Spekulationen, nicht durch philosophische Phantastereien ergeben haben, sondern die, ich möchte sagen, wie heraufgestrahlt sind aus dem, was sonst im unterbewußten Seelenleben vorgeht, wenn das Schicksal an der Seele arbeitet. Da sagt Knebel:
[ 23 ] And so fate—it sounds pedantic, almost philistine—proves to be the great teacher throughout the entire course of life. But that is how it is. Fate carries us forward. And it is true what certain individuals—who were prepared for it by a life course particularly suited to this end—feel about the interconnectedness of the human course of destiny. I would like to read you one such example verbatim. Goethe’s friend Knebel was driven in his later years to ideas about fate that truly did not arise from speculation or philosophical flights of fancy, but rather—I would say—as if they were beamed up from what otherwise takes place in the subconscious life of the soul when fate is at work upon the soul. Knebel says:
[ 24 ] «Man wird bei genauer Beobachtung finden, daß in dem Leben der meisten Menschen sich ein gewisser Plan findet, der, durch die eigene Natur oder durch die Umstände, die sie führen, ihnen gleichsam vorgezeichnet ist. Die Zustände ihres Lebens mögen noch so abwechselnd und veränderlich sein, es zeigt sich am Ende doch ein Ganzes, das unter sich eine gewisse Übereinstimmung bemerken läßt. - Die Hand eines bestimmten Schicksals, so verborgen sie auch wirken mag, zeigt sich auch genau, sie mag nun durch äußere Wirkung oder innere Regung bewegt sein: ja, widersprechende Gründe bewegen sich oftmals in ihrer Richtung. So verwirrt der Lauf ist, so zeigt sich immer Grund und Richtung durch.»
[ 24 ] “Upon closer observation, one will find that in the lives of most people there is a certain pattern that is, as it were, predetermined for them by their own nature or by the circumstances that guide them. No matter how varied and changeable the circumstances of their lives may be, in the end a coherent whole emerges that reveals a certain consistency within itself. —The hand of a certain destiny, however hidden its workings may seem, reveals itself precisely, whether moved by external forces or internal impulses: indeed, even conflicting motives often align with its direction. However confusing the course may be, its purpose and direction always become apparent.”
[ 25 ] Das ist nicht entstanden durch eine Spekulation, durch eine Philosophie über das Schicksal, sondern das ist ein Ergebnis, welches die Seele selbst heraufgetrieben hat aus der Region, wo an ihr selbst das Schicksal arbeitet. Daher werden in der Regel nur Menschen, welche mit vollem inneren Anteil in den Ereignissen des Lebens, nicht nur des eigenen Lebens, stehen, sondern mit mitleidsvollem Anteil leben in dem Lebensschicksal vieler Menschen, in einem gewissen Zeitpunkt ihres Lebenslaufes aus den Tiefen ihrer Seele eine solche Anschauung über das Schicksal heraufleuchten sehen.
[ 25 ] This did not arise from speculation or from a philosophy of fate, but is a result that the soul itself has drawn forth from the realm where fate is at work within it. Therefore, as a rule, only those who are fully engaged—not merely in their own lives, but with compassionate involvement in the destinies of many people—will, at a certain point in their life’s journey, see such a view of fate emerge from the depths of their soul.
[ 26 ] Nun, Fragen der Wissenschaft, auch der Geisteswissenschaft, sie hängen nicht ab von irgendwelchen äußeren Ereignissen — Fragen der Wissenschaft, Fragen der Erkenntnis gehen ihren Lauf -, vielmehr richtet sich das äußere Leben in vielen seiner Eigentümlichkeiten nach dem, was die Wissenschaft zutage fördert. Aber auf der anderen Seite — man kann das auch in der Naturwissenschaft verfolgen — tragen gewisse äußere Umstände bei, daß Erkenntnisse erst in der rechten Weise gewürdigt, genau ins Auge gefaßt werden können von den Menschen. Man braucht nur daran zu erinnern, wie die Venus-Durchgänge, die nur zweimal im Jahrhundert eintreten, abgewartet werden müssen, bis sie eintreten, wie da die äußeren Umstände kommen müssen, damit eine bestimmte Erkenntnis auf einem gewissen Gebiete auftrete. So kann es auch sein mit Bezug auf die Fragen der Geisteswissenschaft, die sich auf das Seelenleben beziehen. Und obzwar das nicht im eigentlichen Sinne zur Geisteswissenschaft gehört, so kann doch das in unserer schicksaltragenden Zeit lebende Empfinden hingelenkt werden darauf, wie gerade unsere Zeit im tiefsten Sinne des Wortes den Menschen in ihrer Seele das nahebringt, was Geisteswissenschaft zu geben vermag.
[ 26 ] Well, questions of science—including the humanities—do not depend on any external events; questions of science and questions of knowledge follow their own course. Rather, external life, in many of its particularities, is shaped by what science brings to light. But on the other hand—and this can also be observed in the natural sciences—certain external circumstances contribute to people being able to properly appreciate and fully grasp insights. One need only recall how the transits of Venus, which occur only twice a century, must be awaited until they take place; how the external circumstances must align for a specific insight to emerge in a certain field. So it may also be with regard to the questions of the humanities, which pertain to the life of the soul. And although this does not strictly speaking belong to spiritual science, the sensibility of those living in our fateful times can nevertheless be directed toward how our time, in the deepest sense of the word, brings to people in their souls what spiritual science is able to offer.
[ 27 ] Der alte Heraklit, der große griechische Philosoph, von dem einzelne, aber tief bezeichnende Leuchtstrahlen seines Forschens seit seinem Leben durch alle Zeiten dringen, sagt einmal, indem er auf das Traumleben hindeutet: In bezug auf die Traumwelt hat jeder Mensch seine eigene Welt. In einem Zimmer können die verschiedensten Menschen schlafen, und jeder kann das Verschiedenste träumen; da hat jeder seine eigene Traumwelt. In dem Augenblick, wo sie aufwachen, sind sie alle in einer gemeinschaftlichen äußeren Umgebung. Da regt diese gemeinschaftliche Umgebung ein großes Seelenbild an, da sind sie in einer Einheit. — In einer noch größeren, bedeutungsvolleren Einheit sind die Menschen — trotz alledem, was dagegen gesagt werden kann, denn das ist nur scheinbar, was dagegen gesagt werden kann -, wenn sie auf dasjenige hinblicken, was das schauende Bewußtsein aus der geistigen Welt herausbringt. Da finden sich die Menschen zusammen, und Täuschung ist es nur, wenn man glaubt, der eine behaupte das, der andere jenes. Der eine kann auch richtig, der andere falsch rechnen, deshalb bleibt doch die Rechnungsmethode richtig. In einem höheren Sinne finden sich die Menschen in einer Einheit, wenn sie ins schauende Bewußtsein aufrücken und in die geistige Welt eintreten. Aber es können auch die äußeren Verhältnisse die Menschen zu einer gewissen Einheit im Leben führen. Dann können — ich möchte sagen, wie sich die astronomische Forschung für die Venusdurchgänge herbeiläßt, die aber, weil es die Tiefen des Menschlichen weniger berührt, gleichgültig sind —, dann können diese Erlebnisse anregend sein für dasjenige, was nach des Lebens Einheit hinstrebt: für die Geisteswissenschaft. Und wir leben ja in unserer Zeit in einem Schicksalsgeschehen, das die Menschen in einer ganz anderen Weise eint — sagen wir jetzt, weil das ja uns zunächst nahegeht -, die Menschen Mitteleuropas, als sie sonst von außen geeint werden. Gemeinsame Schicksalserlebnisse, die der eine in der einen, der andere in der anderen Weise als sein Schicksal empfindet, strömen über die Menschenseelen, strömen über die Menschenleiber, strömen über die Menschenleben dahin. Das kann Anregung sein, und wird hoffentlich Anregung sein, aus der schweren, der schicksaltragenden Zeit heraus auch zu den schwerwiegenden Wegen der Geisteswissenschaft hin die Menschen zu lenken. Und man darf denken: Wenn Geisteswissenschaft auch immer ein Wichtigstes in bezug auf die ewigen Fragen den Menschen zu sagen hat - in unserer Zeit, wo so viele Schicksale sich entscheiden, wo das Schicksal so furchtbar fragend vor der ganzen Zeitseele steht, da werfen sich die Schicksals- und Seelenfragen in einer besonders tiefen Weise auf. Geisteswissenschaft, weil sie appelliert an dasjenige, was nicht nur im Leben steht, sondern, weil es stehen bleibt in der geistigen Welt, dieses Leben auch durch den menschlichen Lebenslauf hindurchträgt, Geisteswissenschaft kann dadurch den Menschen besondere Stärken, besondere Kräfte geben, um durch alle Schicksalswendungen hindurch mit dem Bewußtsein, was das Schicksal für Unsterblichkeit, für ewiges Leben bedeutet, sich durch das Leben hindurch in entsprechender Weise zu finden, um abzuwarten, was aus dieser schicksaltragenden Zeit geboren wird. Lernt man das Schicksal verstehen, dann lernt man auch, wenn es nötig ist, mit der wahren, nicht mit der abstumpfenden Seelenruhe, mit jener Seelenruhe, die Stärke ist, dem Schicksal entgegenzutreten. Und die Seele wirkt in ihrer Ruhe oft kraftvoller, als sie wirken kann, wenn sie auf den Wogen des äußeren Lebens, selber mit diesen Wogen auf- und abschaukelnd, getragen wird.
[ 27 ] The ancient Heraclitus, the great Greek philosopher, whose isolated yet profoundly significant flashes of insight have penetrated through the ages since his lifetime, once said, referring to the life of dreams: “When it comes to the world of dreams, every person has their own world.” A wide variety of people can sleep in one room, and each can dream the most diverse things; there, each has their own dream world. The moment they wake up, they are all in a shared external environment. There, this shared environment inspires a great image of the soul; there, they are united. — People are part of an even greater, more meaningful unity—despite everything that might be said against it, for what is said against it is only apparent—when they look toward what the contemplative consciousness brings forth from the spiritual world. There, people come together, and it is only an illusion to believe that one person asserts this and another that. One person may calculate correctly while another may be wrong; yet the method of calculation remains correct nonetheless. In a higher sense, people find themselves in unity when they ascend into the beholding consciousness and enter the spiritual world. But external circumstances can also lead people to a certain unity in life. Then—I would say, just as astronomical research is undertaken for the transits of Venus, which, however, are of little consequence because they touch less upon the depths of the human soul—then these experiences can be stimulating for that which strives toward the unity of life: for spiritual science. And we are, after all, living in our time amid a series of fateful events that unites people—let us say, for now, since this affects us most directly—the people of Central Europe in a completely different way than they are otherwise united from outside. Shared experiences of destiny—which one person perceives as their destiny in one way, another in another—flow over human souls, flow over human bodies, flow over human lives. This can be an inspiration—and will hopefully be an inspiration—to guide people, out of this difficult, fateful time, toward the profound paths of spiritual science. And one may well think: Although spiritual science always has something of the utmost importance to say to people regarding the eternal questions—in our time, when so many fates are being decided, when fate stands before the entire soul of the age with such a terrible question—the questions of fate and the soul arise in a particularly profound way. Spiritual science, because it appeals to that which not only exists in life but, because it endures in the spiritual world, also carries this life through the course of human existence, Spiritual science can thus give people special strengths and powers to navigate all the twists and turns of fate—with an awareness of what fate means for immortality and eternal life—and to find their way through life in an appropriate manner, waiting to see what will be born from this fateful time. If one learns to understand destiny, then one also learns—when necessary—to face destiny with true, not numbing, peace of mind; with that peace of mind that is strength. And the soul often acts more powerfully in its stillness than it can when it is carried along on the waves of external life, itself rocking up and down with those waves.
[ 28 ] Und vielleicht ist gerade das Bewußtsein von dem Stillestehen der Seele in unserem Lebenslauf, so abstrakt diese Vorstellung heute noch scheinen mag, eine Vorstellung, welche überzugehen vermag in die Grundkräfte des menschlichen Gemütes, und dort zu werden vermag ein großer, nicht abstumpfender, sondern erkraftender Beweger für dieses menschliche Gemüt. Denn — das zeigt uns insbesondere die Wendung, die nach den heutigen Betrachtungen die Unsterblichkeits- und Schicksalsfrage genommen hat- ebenso wie es unrichtig ist von jemandem, der einen Magnet vor sich hat, zu sagen: das ist ein Stück Eisen in Hufeisenform und sonst nichts, und du bis ein Phantast, wenn du glaubst, daß da besondere Kräfte drinnen seien, wie es unrichtig ist, den, der die Kräfte zunächst nicht zeigen kann durch die Anziehung des Eisens, sondern sie nur behauptet, deshalb für einen Phantasten zu halten, so ist es unrecht, den für einen Phantasten zu halten, der von dem äußeren, im physischsinnlichen Dasein verlaufenden Leben so spricht, daß dieses Leben nicht nur dasjenige ist, als was es den äußeren Sinnen erscheint, sondern daß es durchzogen, durchleuchtet und durchglüht ist von dem Geistigen, in dem die Seele wurzelt und webt. Denn wahr bleibt das Wort des Heraklit - lassen Sie mich damit schließen -, bekräftigend, wenn es richtig verstanden wird, dasjenige, was der innerste Nerv der Geisteswissenschaft ist, bekräftigend, daß nur der die Welt kennt, der den Geist im Sinnenschein zu durchschauen vermag:
[ 28 ] And perhaps it is precisely the awareness of the soul’s standstill in the course of our lives—however abstract this notion may still seem today—that is capable of penetrating into the fundamental forces of the human mind, and there becoming a great source of inspiration for that mind—one that does not dull it, but rather strengthens it. For—as is shown to us in particular by the turn that the question of immortality and destiny has taken in light of today’s reflections—just as it is incorrect to say of someone who has a magnet in front of them: “That’s just a piece of iron shaped like a horseshoe and nothing more, and you’re a fantasist if you believe there are special forces within it”—just as it is wrong to regard as a fantasist someone who cannot immediately demonstrate these forces through the attraction of the iron but merely asserts them, to regard them as a fantasist—so it is wrong to regard as a fantasist anyone who speaks of the outer life, as it unfolds in physical-sensory existence, in such a way that this life is not merely what it appears to be to the outer senses, but that it is permeated, illuminated, and infused by the spiritual, in which the soul is rooted and weaves its web. For the words of Heraclitus remain true—let me conclude with this—affirming, when correctly understood, that which is the innermost nerve of spiritual science, affirming that only the one who is able to perceive the spirit in the radiance of the senses truly knows the world:
[ 29 ] «Augen und Ohren, sie sind Zeugen für das, was in der Welt vorgeht, Zeugen gegenüber den Menschen; sie sind aber schlechte Zeugen gegenüber denjenigen Menschen, deren Seelen die Sprache, die wahre Sprache der Augen und Ohren nicht verstehen.»
[ 29 ] “Eyes and ears are witnesses to what is happening in the world, witnesses to humanity; but they are poor witnesses to those people whose souls do not understand the language—the true language—of the eyes and ears.”
[ 30 ] Die wahre Sprache der Augen und Ohren will die Geisteswissenschaft sprechen und damit den Weg finden hinein in dasjenige, was für das gewöhnliche Bewußtsein Augen und Ohren nicht zu zeigen vermögen; in dasjenige, aus dem das Leben selber sprießt und webt. Daher auch der Mensch mit seinem eigenen Arbeiten am besten sprossen und wirken wird, wenn er sich bewußt ist, daß er als Ewiges aus diesem ewigen Lebensquell heraus nicht nur stammt, sondern immer in demselben drinnensteht.
[ 30 ] Spiritual science seeks to speak the true language of the eyes and ears, and thereby to find the path into that which, for ordinary consciousness, the eyes and ears are unable to reveal—into that from which life itself springs and weaves. That is why human beings, too, will flourish and be most effective in their own work when they are conscious that, as eternal beings, they not only originate from this eternal source of life but are always immersed within it.
