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Mind and Matter
Life and Death
GA 66

22 March 1917, Berlin

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Mind and Matter. Life and Death, tr. SOL
  1. Geist und Stoff. Leben und Tod

6. Leben, Tod und Seelenunsterblichkeit im Weltenall

6. Life, Death, and the Immortality of the Soul in the Universe

[ 1 ] Wer im wirklich wissenschaftlichen Sinne die Geisteswissenschaft vertritt, wie sie hier gemeint ist, der kann eigentlich nicht erstaunt sein über die zahlreichen schiefen Urteile und Ablehnungen, welche ihr heute noch von allen Seiten entgegengebracht werden. Denn er vermag einzusehen, welche Tragweite, welchen Geltungsbereich die naturwissenschaftlichen Ergebnisse der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit haben, von denen mancher vermeint, daß sie dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauung widersprechen. Allein auf seiten derjenigen, die da glauben, auf dem festen Boden der gegenwärtigen Forschungsresultate stehend, sich ein Weltbild machen zu können, das die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen nicht berücksichtigt, läßt man sich heute begreiflicherweise noch nicht ein auf eine wirkliche Prüfung dessen, was Geisteswissenschaft für ihre Ergebnisse zu sagen hat. Und so stellt sich denn die Tatsache ein, daß man zwar zeigen kann, wie diese Geisteswissenschaft nicht nur mit allen berechtigten naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart in Einklang steht, sondern daß auch gerade diese naturwissenschaftlichen Ergebnisse, recht angeschaut, bekräftigen, was Geisteswissenschaft zu sagen hat; und dennoch, man muß Gegnerschaft finden, die noch begreiflicher wird, wenn man die Wege des naturwissenschaftlichen Forschens in mehr konkreten, speziellen Dingen ins Auge faßt.

[ 1 ] Anyone who advocates the humanities—as understood here—in a truly scientific sense cannot really be surprised by the numerous misguided judgments and rejections that are still directed at them from all sides today. For they are able to recognize the scope and applicability of the findings of the natural sciences—both present and recent—which some believe contradict this spiritual-scientific worldview. However, those who believe they can form a worldview—standing on the solid ground of current research findings—that disregards the concepts of spiritual science understandably still refuse today to engage in a genuine examination of what spiritual science has to say regarding its findings. And so the fact arises that, although it can be shown how spiritual science is not only in harmony with all legitimate scientific findings of the present, but that precisely these scientific findings, when properly examined, confirm what spiritual science has to say—and yet, one encounters opposition, which becomes even more understandable when one considers the methods of scientific research in more concrete, specific areas.

[ 2 ] Es ist noch nicht lange her, da hat Professor Dewar in der Royal Institution einen Vortrag gehalten, in dem er versuchte, auf Grund der Anschauung, die er gewonnen hat aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart, über einen zukünftigen Endzustand des Erdendaseins zu sprechen. Halten wir uns einmal vor, was dieser Physiker, dessen physikalische Forschungen durchaus von mir voll anerkannt werden, sich für Ideen über einen Endzustand des Erdendaseins macht, einen Zustand, in dem nicht mehr vorhanden sein können die menschlichen Erdenbewohner, die jetzt auf dieser Erde herumgehen. Professor Dewar versucht, die physikalischen Vorstellungen, die ihm heute zur Verfügung stehen, zu verwerten, und findet mit einer gewissen einseitigen Berechtigung heraus, man müsse nach den Vorgängen, die zu beobachten sind von dem Physiker, annehmen, daß die Erde sich abkühle. Und er berechnet einen Endzustand, in dem die Erde abgekühlt sein wird bis, sagen wir, minus 200 Grad Celsius. Er läßt den Gedanken durchblicken, daß die Erde in ihrer Entwickelung zu einem solchen Endzustand hin ihren Weg nimmt. Da ist er sich denn klar darüber, daß selbstverständlich alles, was jetzt als Wasser im Meere ist, längst fest geworden sein wird; daß auch die Luft, die heute unsere Atmosphäre bildet, flüssig sein wird, und in einer Höhe von zehn Metern die Erde bedeckt sein wird von dieser flüssig gewordenen Luft, in Form eines Meeres. Die Kälte, wie sie dann herrschen wird, meint er, wird sehr vieles von dem, was heute auf der Erde ist, anders erscheinen lassen. Es ändert sich natürlich nicht bloß der Wärmezustand und mit ihm die Aggregatzustände der einzelnen Körper, sondern auch vieles andere im Aussehen dessen, was dann auf der Erde sich vorfinden wird. So findet Professor Dewar, wiederum ganz richtig von physikalischen Vorstellungen ausgehend, daß die Milch, die dann selbstverständlich fest sein wird, in blauem Lichte erstrahlen wird. Ich weiß zwar nicht, auf welche Weise diese feste Milch dann erzeugt werden wird, aber sie wird nach physikalischen Vorstellungen in blauem Lichte erstrahlen. Ja noch mehr: Eiweiß wird so leuchtend sein, daß man bei diesem Lichte, das man ja dadurch erzeugen kann, daß man die Wände der Zimmer mit diesem Eiweiß anstreicht, wird Zeitung lesen können. Ich weiß zwar nicht, wer dann Zeitung lesen wird, da ich vermute, daß die Menschen längst erfroren sein werden, aber dennoch gebraucht Dewar diese Auseinandersetzung, um den einstigen Zustand unserer Erde nach seinem Weltenbilde sich in der Vorstellung zu formen, und viele andere Dinge. Auf der flüssig gewordenen Luft, die dann Meer sein wird, werden nurmehr ganz gasige leichte Körper sein, Wasserstoff, Helium, Neon, Krypton. Er beschreibt sehr schön, wie man sich dann ganz anders fühlen wird, weil natürlich der Widerstand dieser leichten Gase kein so starker sein wird wie der Widerstand der Luft für den jetzigen Organismus.

[ 2 ] Not long ago, Professor Dewar gave a lecture at the Royal Institution in which he attempted to discuss a future final state of life on Earth based on the insights he had gained from current scientific findings. Let us consider for a moment what ideas this physicist—whose research in physics I fully acknowledge—has regarding a final state of life on Earth, a state in which the human inhabitants of Earth who now walk this Earth can no longer exist. Professor Dewar attempts to apply the physical concepts available to him today and concludes—with a certain one-sided validity—that, based on the processes observable by physicists, one must assume that the Earth is cooling. And he calculates a final state in which the Earth will have cooled to, say, minus 200 degrees Celsius. He suggests that the Earth is progressing in its evolution toward such a final state. He is well aware that, of course, everything that is now water in the oceans will have long since solidified; that the air which today forms our atmosphere will also be liquid, and that at a height of ten meters, the Earth will be covered by this liquid air in the form of a sea. The cold that will then prevail, he believes, will cause much of what exists on Earth today to appear different. Naturally, it is not only the thermal state—and with it the states of matter of individual bodies—that will change, but also many other aspects of the appearance of what will then be found on Earth. Thus, Professor Dewar, again quite correctly based on physical principles, finds that milk—which will, of course, be solid by then—will glow with a blue light. I do not know, admittedly, how this solid milk will be produced, but according to physical principles, it will glow in blue light. Indeed, even more than that: egg white will be so luminous that, by the light produced by painting the walls of rooms with it, one will be able to read a newspaper. I don’t know who will be reading the newspaper then, since I suspect that people will have frozen to death long before that, but Dewar nevertheless uses this discussion to help us visualize the former state of our Earth according to his worldview—and many other things. On the air that has turned into a liquid—which will then be the ocean—there will be nothing but very gaseous, light substances: hydrogen, helium, neon, and krypton. He describes very beautifully how we will then feel completely different, because, of course, the resistance of these light gases will not be as strong as the resistance of air is for our current organism.

[ 3 ] Man kann, indem man die Vorstellungen der heutigen Physik verfolgt, diesen Endzustand der Erde sehr ins Detail ausmalen, und solch ein Vortrag wird selbstverständlich in unserer Gegenwart von den «nicht autoritätsgläubigen» Menschen — das muß man aus Höflichkeit sagen, denn heute ist natürlich niemand autoritätsgläubig — hingenommen als etwas, was außerordentlich bedeutsam ist, was endlich zeigt, wie der «exakte Physiker» über ein gültiges Weltbild zu denken hat.

[ 3 ] By following the ideas of modern physics, one can describe this final state of the Earth in great detail, and such a lecture is, of course, accepted in our time by “people who do not blindly follow authority” — one must say this out of politeness, for of course no one today believes in authority — as something extraordinarily significant, which finally shows how the “exact physicist” should think about a valid worldview.

[ 4 ] Wenn Sie sich erinnern, was ich unter den hauptsächlichsten Bedingungen angeführt habe, die nötig sind, um geisteswissenschaftlich zu forschen, war es dieses, daß die Seele allmählich durch jene inneren Übungen, welche sie durchzumachen hat, zu dem kommt, was ich mit einem Goetheschen Worte das Schauen durch die Augen der Seele genannt habe; daß sie namentlich durchzumachen hat ein Leben in Vorstellungen, das nachgebildet ist dem äußeren moralischen Denken. Nicht daß es mit diesem zu verwechseln wäre, aber die ganze Seelenstimmung, die der Geistesforscher in sich zu entwickeln hat, muß so sein, daß zu den wirklichkeitsdurchsättigten Vorstellungen, die er anstreben muß, sein eigenes Ich sich so verhält, wie sich äußerlich der Mensch verhält zu Dingen, die er für moralisch gut, und solchen Dingen, die er für moralisch schlecht hält. Da ist man nicht zufrieden damit, daß gewisse Dinge als moralisch gut, andere als moralisch schlecht bezeichnet werden können, sondern da weiß man, wenn der Affekt des Menschen zum Guten spricht, daß man den guten Impulsen zu folgen hat, und wenn der Affekt zum Bösen spricht, daß man ihn zu unterdrücken hat. Und man verhält sich demgemäß im äußeren Leben, wenn man alle Kräfte seiner Seele voll entwickelt hat. So muß das Verhältnis des Geistesforschers zu seiner eigenen Begriffswelt ein lebendiges, nicht bloß ein logisches werden. Und im Leben der Idee, der Vorstellung tritt eben das auf, daß man gewisse Vorstellungen hegt, weil sie fähig sind, in die Wirklichkeit einzudringen. Während andere Vorstellungen sich so ankündigen, daß man sie vergleichen kann mit dem, was zu unterlassen ist auf dem Gebiete des moralischen Lebens; sie müssen gewissermaßen weggerückt werden aus dem Horizont des Bewußtseins. In diesem innerlichen Leben der Seele zeigt sich jenes Aufsteigen der geistigen Welten, die dann anzuschauen sind.

[ 4 ] If you recall what I listed among the most essential conditions necessary for research in the humanities, it was this: that the soul, through the inner exercises it must undergo, gradually arrives at what I have called—using a phrase from Goethe—“seeing through the eyes of the soul”; namely, that it must undergo a life of imagination that is modeled on external moral thinking. Not that this should be confused with the latter, but the entire state of mind that the researcher of the spirit must develop within himself must be such that, with regard to the reality-saturated ideas he must strive for, his own “I” relates to them in the same way that a person externally relates to things he considers morally good and to those he considers morally bad. One is not content merely with the fact that certain things can be designated as morally good and others as morally bad; rather, one knows that when one’s emotions speak in favor of the good, one must follow those good impulses, and when they speak in favor of evil, one must suppress them. And one behaves accordingly in external life once one has fully developed all the powers of one’s soul. Thus, the relationship of the spiritual researcher to his own conceptual world must become a living one, not merely a logical one. And in the life of the idea, of the concept, it is precisely the case that one cherishes certain concepts because they are capable of penetrating into reality. While other ideas present themselves in such a way that they can be compared to what must be avoided in the realm of moral life; they must, so to speak, be removed from the horizon of consciousness. In this inner life of the soul, the ascent of the spiritual worlds becomes evident, which can then be beheld.

[ 5 ] Solche Menschen wie Professor Dewar werden gerade durch ihre Vorurteile oder besser «Vorfühlungen» abgeführt von einem solchen Streben nach wirklichkeitsdurchtränkten Vorstellungen. Für den Geistesforscher wird es dann durchsichtig, wo eigentlich der Fehler in dem Aufbau eines solchen Weltenbildes liegt. Man könnte nämlich im Stile dieses Weltenbildes mit Bezug auf den Endzustand der Erde einen Vergleich ziehen dazu, wenn jemand aus ganz richtigen physikalischen, chemischen, physiologischen Voraussetzungen heraus, berechnet die Entwickelung, sagen wir, gewisser Stoffwechselerscheinungen des Menschen. Man könnte da gewisse Stoffwechselerscheinungen im Leibe des Menschen ausdeuten und Zukunftszustände unter der Voraussetzung berechnen, daß dieser Stoffwechselprozeß in der Zeit gleichmäßig so abläuft, wie er abläuft, nun, sagen wir, zwischen dem 30. und 40. Jahr des Menschen. Man beobachtet da einzelne Vorgänge und berechnet dann, wie diese sich nach den ganz richtigen Voraussetzungen der Wissenschaft in 150 Jahren gestalten müssen. Der Einwand ist nur der, daß nach 150 Jahren die Menschen nicht mehr leben werden, daß da bereits der Zustand eingetreten ist, wo die Seele den Leib verlassen hat, und der Leib nicht mehr den Gesetzen folgt, die ihm aufgedrängt sind dadurch, daß er von Seele erfüllt ist, sondern äußeren physischen und chemischen Gesetzen der Erdenumgebung folgt.

[ 5 ] It is precisely their prejudices—or rather, their “preconceptions”—that lead people like Professor Dewar away from such a pursuit of reality-imbued ideas. For the spiritual researcher, it then becomes clear where the error in the construction of such a worldview actually lies. For, in the spirit of this worldview, one could draw a comparison—with regard to the Earth’s final state—to a situation in which someone, based on entirely correct physical, chemical, and physiological premises, calculates the development of, say, certain metabolic processes in the human body. One could interpret certain metabolic processes in the human body and calculate future states on the assumption that this metabolic process proceeds uniformly over time, just as it does, say, between the ages of 30 and 40. One observes individual processes and then calculates how these must unfold over 150 years according to the entirely accurate scientific premises. The only objection is that after 150 years, people will no longer be alive; that by then the state will already have set in where the soul has left the body, and the body no longer follows the laws imposed upon it by the fact that it is filled with the soul, but rather follows the external physical and chemical laws of the earthly environment.

[ 6 ] Wenn man so etwas heute sagt, dann kann man sich der Gefahr aussetzen, daß einem vorgeworfen wird, etwas ganz Groteskes, etwas ganz Törichtes zu sagen. Dennoch: wer nicht gedankenlos den naturwissenschaftlichen Forschungen der Gegenwart folgt, sondern sich einläßt auf die Art und Weise, wie gewisse Voraussetzungen zu Folgerungen verwandt werden, der weiß, daß tiefberechtigt ist, was ich soeben als einen Vergleich angeführt habe. Denn es gilt durchaus, daß nach der Zeit, wo die Milch so schön in blauem Lichte erstrahlen würde, wo man die Wände bestreichen könnte mit Eiweiß, so daß man dabei Zeitungen lesen könnte, die Erde ja ebensowenig vorhanden wäre, wie der menschliche Leib vorhanden ist nach 150 Jahren.

[ 6 ] If one says something like that today, one runs the risk of being accused of saying something utterly grotesque, something utterly foolish. Nevertheless, anyone who does not mindlessly follow contemporary scientific research, but rather engages with the way in which certain premises are used to draw conclusions, knows that what I have just cited as a comparison is deeply justified. For it is certainly true that after the time when milk would shine so beautifully in blue light, when one could paint the walls with egg whites so as to read newspapers by their light, the Earth would be just as nonexistent as the human body is after 150 years.

[ 7 ] Es ist heute die Meinung verbreitet, daß Geisteswissenschaft leichtgeschürzte Vorstellungen aus dem Handgelenk heraus bildet. Und weil man diese Voraussetzung hat, fällt natürlich der Vergleich von Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft so aus, daß man sagt: Da ist auf der einen Seite diese Naturwissenschaft, die in exakter, gründlicher Weise zu ihren Ergebnissen gelangt; und da ist auf der anderen Seite die Geistesforschung, welche zwar behauptet, mit der Naturwissenschaft in vollem Einklang zu stehen, aber eben ihre Begriffe durch irgendeine Phantasterei erhält! Es müssen eben Vorurteile dieser Art erst einmal überwunden werden, wenn Geisteswissenschaft weiter anerkannt werden soll. Und zu den geisteswissenschaftlichen Ergebnissen ist nicht so ohne weiteres zu kommen. Man kann Schwierigkeiten, die sich wirklichen Ergebnissen der Geistesforschung entgegenstellen, studieren, wenn man Erkenntnismenschen ins Auge faßt, welche ihr Leben widmen dem Ringen nach wirklicher Erkenntnis, welche nicht bloß nachsprechen, was eben der Gang der äußeren Forschung heute gibt, sondern, indem sie bekannt sind mit all den Einzelheiten der modernen Forschung, ringen nach einer Erkenntnis auch der geistigen Verhältnisse der Welt.

[ 7 ] It is a widespread belief today that the humanities produce flippant ideas off the cuff. And because people hold this assumption, the comparison between the humanities and the natural sciences naturally turns out this way: on the one hand, there are the natural sciences, which arrive at their results in an exact and thorough manner; and on the other hand, there is humanities research, which, while claiming to be in full harmony with the natural sciences, derives its concepts from mere fantasy! Prejudices of this kind must first be overcome if spiritual science is to gain wider recognition. And the findings of spiritual science cannot be arrived at so readily. One can study the difficulties that stand in the way of genuine findings in spiritual science by looking at seekers of knowledge who dedicate their lives to the struggle for true insight—people who do not merely parrot whatever current external research happens to yield today, but who, being familiar with all the details of modern research, strive to gain insight into the spiritual conditions of the world as well.

[ 8 ] In diesen Tagen konnte man erinnert werden an eine solche Erkenntnis-Persönlichkeit, indem gerade der Seelenforscher vor einigen Tagen gestorben ist, den ich vor kurzem hier erwähnt habe in einem anderen Zusammenhang: Franz Brentano. Die verehrten Zuhörer, die öfter hier sind, wissen, daß ich nur sehr selten auf Persönliches von mir aus eingehe. Allein eine Bemerkung möchte ich mir heute doch gestatten: daß ich Franz Brentanos, des Seelenforschers, Forschungsweg wirklich von seinen Anfängen bis in sein späteres Ringen verfolgt habe. Und gerade an ihm konnte man so recht sehen, wie es dem, der nach der Erkenntnis der geistigen Welt strebt, in der Gegenwart durch die entgegenstehenden Vorurteile schwierig wird, zur vollen Kraft, soweit sie in jedem, also auch dem heutigen Zeitalter möglich ist, sich durchzuringen. Franz Brentano stand manches im Wege, was sich gerade dadurch ergab, daß er — nicht im naturwissenschaftlichen Zeitalter, das wäre sein Glück gewesen, aber-in den Vorurteilen des naturwissenschaftlichen Zeitalters drinnen lebte. Und so ist es denn gekommen, daß Brentano, nachdem er einige geistvolle, tiefgründige Schriften über Aristoteles geschrieben hatte, dann 1874 eine «Psychologie», eine Seelenkunde veröffentlicht hat. Sie sollte der erste Band sein von mehreren Bänden, in denen er aufsteigen wollte zum Begreifen des wirklichen geistig-seelischen Lebens. Es ist bei dem ersten Band geblieben, und nur in kleineren Schriften hat dann Brentano, ich möchte sagen, einige Späne dessen, was er zu sagen hatte, weiter hinzugefügt.

[ 8 ] In recent days, we have been reminded of such a figure of intellectual insight, as the scholar of the soul whom I mentioned here recently in another context—Franz Brentano—passed away just a few days ago. My esteemed listeners who are here often know that I very rarely speak of personal matters on my own initiative. Yet today I would like to allow myself just one remark: that I have truly followed the intellectual journey of Franz Brentano, the scholar of the soul, from its very beginnings through to his later struggles. And it was precisely in him that one could truly see how difficult it is for those who strive for knowledge of the spiritual world in the present day—amid opposing prejudices—to assert themselves to their full potential, to the extent that this is possible in every age, including our own. Many obstacles stood in Franz Brentano’s way, arising precisely because he lived—not in the age of natural science, which would have been his good fortune, but—amidst the prejudices of the age of natural science. And so it came to pass that Brentano, after having written several insightful and profound treatises on Aristotle, published a “Psychology” in 1874. It was intended to be the first volume of a series in which he hoped to ascend to an understanding of true spiritual and psychological life. It remained at the first volume, and only in shorter writings did Brentano subsequently add—I would say—a few fragments of what he had to say.

[ 9 ] Gewiß, Brentanos äußeres Leben war wechselvoll; und wer die Dinge nur äußerlich betrachtet, könnte vielleicht sagen, dieses wechselvolle äußere Leben hätte Franz Brentano gehindert, zu der Sammlung zukommen, die nötig gewesen wäre, um seine «Seelenkunde» zu vollenden. So ist es aber nicht; sondern es ist so gekommen, daß Brentano an den Rätseln des Seelenlebens selber gescheitert ist. Er begann sie im ersten Bande seiner «Psychologie» so darzustellen, daß ihn der Weg geführt hätte gerade dahin, wo die Geisteswissenschaft steht, die hier gemeint ist. Aber da konnte er nicht durch wegen seines Haltens an naturwissenschaftlichen Vorurteilen. Und da er nicht irgendwelche bloße Begriffe entwickeln wollte, sondern Wirklichkeit enthaltende Begriffe, so ließ er die ganze Sache stehen.

[ 9 ] Certainly, Brentano’s external life was eventful; and anyone who considers things only superficially might perhaps say that this eventful external life prevented Franz Brentano from attaining the composure that would have been necessary to complete his Psychology. But that is not the case; rather, it turned out that Brentano himself failed in the face of the mysteries of the life of the soul. In the first volume of his Psychology, he began to present them in such a way that the path would have led him precisely to where the spiritual science referred to here stands. But he could not follow through because of his adherence to scientific prejudices. And since he did not want to develop mere concepts, but rather concepts that embody reality, he left the whole matter undone.

[ 10 ] Nun ist Brentano schon damals, als er seine Psychologie schrieb, von dem Grundsatze ausgegangen, das innere seelische Leben könne zwar wahrgenommen, aber nicht beobachtet werden. Es ist ein Ausspruch, welcher so begründet wie möglich erscheint, aus dem einfachen Grunde: Das seelische Leben, das wir entwickeln, sind wir ja selber. So kann man sagen: Wenn irgendeine Vorstellung auftritt, so müssen wir sie haben; wir können uns ihr nicht gegenüberstellen und sie beobachten. Wenn wir sie beobachten, so ist sie vergangen, so muß sie aus der Erinnerung erst wieder heraufgeholt werden. Diese und noch andere Schwierigkeiten liegen vor. Daher meint Brentano, man könne das seelische Leben wohl wahrnehmen, aber nicht beobachten. Aber er hat nicht gesehen, daß man gerade dann niemals zu einer Wissenschaft des Seelischen kommen würde, wenn man so beobachten könnte, wie er es meint, nämlich daß dieses Beobachten ganz nach dem Muster der Naturwissenschaft wäre. Könnte man so beobachten, das heißt bliebe einem das seelische Leben stehen, so würde man in diesem seelischen Leben nichts wahrnehmen als Spiegelbilder, Spiegelbilder einer Wirklichkeit. Aus diesen Spiegelbildern würden sich ebensowenig Ergebnisse herausfinden lassen über die Wirklichkeit, wie man die Bilder eben eines Spiegels greifen kann oder dergleichen. Man kann das seelische Leben überhaupt nicht beobachten, wenn man es nur in der unmittelbaren Gegenwart beobachten will. Daher mußte ich vor einigen Wochen hier sagen: Nicht darauf kommt es an bei der Beobachtung des Seelisch-Geistigen, daß man gewissermaßen sich diesem Seelisch-Geistigen gegenüberstellt und es dann beobachtet wie ein naturwissenschaftliches Objekt, sondern darauf kommt es an, daß man solche inneren Vorgänge herbeiführt, wie es zum Beispiel dieser ist: Man gibt sich, wie man sagt, meditativ einer ganz bestimmten Vorstellung hin, immer wieder und wiederum, aber man beobachtet dann auch, wie diese Vorstellung wirkt, ohne daß man dabei ist; man übergibt gewissermaßen — von vorneherein braucht man sich darüber nicht zu entscheiden — das, was man vorstellt, dem objektiven Gang der Welt. Ob das nun heruntergedrängt wird in das sogenannte Unterbewußte, oder ob es irgendeiner anderen Sphäre des Weltendaseins übergeben wird, das zeigt sich im weiteren Verlauf der Vorstellung. Man läßt das, was man in das Bewußtsein hereingerufen hat, so wirken, daß man nicht mehr dabei ist. Und hat man dann die anderen Verstärkungen des Bewußtseins verrichtet, die da beschrieben sind in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann findet man allerdings, daß man zwar dieses Seelisch-Geistige, das in einem selber waltet, nicht so beobachten kann, wie es Brentano wollte, sondern daß man es beobachten muß, indem man es in seinem Wirken in der Zeit ins Auge faßt. Das Seelische zeigt sich nur, wenn man es im Lebenslauf des Menschen ins Auge faßt; nicht indem man sich ihm in der Gegenwart gegenüberstellt, sondern indem man sieht, wie dieses Seelische arbeitet zwischen Geburt und Tod. Und dieses Beobachten des Seelischen, das geschieht in derselben Exaktheit, wie äußere wissenschaftliche Forschungen angestellt werden.

[ 10 ] Even back when he was writing his Psychology, Brentano started from the principle that inner mental life can indeed be perceived, but not observed. It is a statement that seems as well-founded as possible, for the simple reason that the mental life we develop is, after all, ourselves. Thus, one can say: When any idea arises, we must have it; we cannot stand apart from it and observe it. If we observe it, it has already passed; it must first be retrieved from memory. These and other difficulties exist. Therefore, Brentano believes that one can indeed perceive mental life, but not observe it. But he failed to see that it is precisely if one could observe in the way he intends—namely, if such observation were entirely modeled on the natural sciences—that one would never arrive at a science of the mind. If one could observe in this way—that is, if mental life were to stand still for us—one would perceive nothing in this mental life but reflections, reflections of a reality. Just as one cannot grasp the images reflected in a mirror or the like, one could derive no conclusions about reality from these mirror images. One cannot observe the life of the soul at all if one seeks to observe it only in the immediate present. That is why I had to say here a few weeks ago: What matters in the observation of the psychological-spiritual is not that one, so to speak, confronts this psychological-spiritual realm and then observes it like a scientific object, but rather that one brings about such inner processes as, for example, this one: One devotes oneself, as they say, meditatively to a very specific image, again and again, but one also observes how this image takes effect without one’s active involvement; one surrenders, as it were—there is no need to decide this in advance—what one imagines to the objective course of the world. Whether this is then pushed down into the so-called subconscious, or whether it is handed over to some other sphere of worldly existence, becomes apparent as the visualization progresses. One allows what one has summoned into consciousness to take effect in such a way that one is no longer actively involved. And once one has carried out the other exercises for strengthening consciousness described in the book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, one will indeed find that, while one cannot observe this soul-spiritual aspect that reigns within oneself in the way Brentano intended, one must instead observe it by focusing on its activity over time. The soul reveals itself only when one observes it in the course of a person’s life; not by confronting it in the present, but by seeing how this soul works between birth and death. And this observation of the soul takes place with the same precision as external scientific research is conducted.

[ 11 ] Wie gesagt, wenn ich Persönliches anführen darf, so darf ich vielleicht sagen: Ich habe in den letzten zwei Vorträgen hier über die Beziehungen des Seelischen zum Nervensinnesmenschen, zum Atmungsmenschen, zum Stoffwechselmenschen gesprochen, und habe versucht, im vollen Einklang mit der Naturwissenschaft ein Ergebnis aufzuzeigen, von dem ich glaube, daß es von ungeheurer Bedeutung sein kann für das Verständnis des Weltenzusammenhanges. Ich habe bisher in dieser Weise nicht formuliert, was ich in den beiden letzten Vorträgen ausgesprochen habe, aber es ist jetzt ganz genau fünfunddreißig Jahre her, seit ich als ganz junger Mann in Wien begonnen habe mit den Forschungen, welche zuletzt dazu führen konnten, das auszusprechen, wie es in den letzten zwei Vorträgen geschehen ist. Und ich war unablässig bei diesem Forschen. Dieses Forschen versuchte ich so zu verfolgen, wie ich das auch neulich beschrieben habe: durch das Übergeben der Vorstellungen an die Objektivität, um zu sehen, was aus den Vorstellungen selber wird, wenn sie geistig arbeiten, ohne daß man dabei ist. Man wird eben einmal erkennen, daß geistige Forschung ebenso exakt ist wie äußere naturwissenschaftliche Forschung. Das wird vielleicht notwendig sein, wenn der Kreis derjenigen größer werden soll, die in dieser Geisteswissenschaft das sehen, was der zukünftigen Bildungsentwickelung der Menschheit notwendig ist. Allerdings stellt sich heraus, daß auf dem Wege dieser geistigen Forschung die Vorstellungen nicht so abstrakt verlaufen in der Seele, wie sie verlaufen, wenn man äußerlich naturwissenschaftlich forscht, oder wenn man so, wie man es gewöhnt ist mit Bezug auf das äußere Leben, nachdenkt. Die Vorstellungen verlaufen vielmehr so, daß nach der anderen Seite hin, möchte ich sagen, als nach der zur sinnlichen Außenwelt die Vorstellungen, die also verfolgt werden in ihrem Eigengange, wenn man persönlich nicht mehr dabei ist, sich durch ihre eigene innere Wesenheit verbinden mit dem geistigen Leben, mit dem geistigen Geschehen, das sich nur beobachten läßt in seiner Tätigkeit, nicht in seiner Ruhe. Nur in vollem Gange, den man mitmacht, läßt sich die geistige Welt beobachten.

[ 11 ] As I said, if I may speak personally, perhaps I can say: In my last two lectures here, I spoke about the relationships between the soul and the nervous-sensory human being, the respiratory human being, and the metabolic human being, and I attempted—in full harmony with the natural sciences—to present a conclusion that I believe can be of immense significance for understanding the interconnectedness of the world. I have not previously formulated in this way what I have expressed in the last two lectures, but it is now exactly thirty-five years since, as a very young man in Vienna, I began the research that ultimately led me to express what I have in the last two lectures. And I have been engaged in this research unceasingly. I sought to pursue this research in the manner I recently described: by surrendering the ideas to objectivity, in order to see what becomes of the ideas themselves when they work spiritually, without my presence. One will come to recognize that spiritual research is just as precise as external scientific research. This may be necessary if the circle of those who see in this spiritual science what is essential for the future educational development of humanity is to grow. However, it turns out that on the path of this spiritual research, the ideas do not take such an abstract course in the soul as they do when one conducts external scientific research, or when one thinks in the way one is accustomed to with regard to external life. Rather, the ideas proceed—I would say—in the opposite direction from that toward the external sensory world; that is, the ideas, when followed in their own course—even when one is no longer personally present—connect through their own inner essence with spiritual life, with the spiritual process that can only be observed in its activity, not in its stillness. The spiritual world can be observed only when it is in full swing and one is actively participating in it.

[ 12 ] Eine Beobachtung, wie ich sie nunmehr anführen will, wird, wenn man sie ohne die Vorbedingung einer inneren Schulung der geistesforscherischen Tätigkeit vornimmt, zu nichts richtigem führen, gerade so, wie beim Hantieren im chemischen Laboratorium, für den, der die Dinge nicht handhaben kann, sie zu nichts führen; erst nachdem man sich die inneren experimentellen Dinge geschaffen hat, zeigt sich die Sache im rechten Licht. Es zeigt sich nämlich das in seiner wahren Gestalt, was manche Denker geahnt haben, wobei sie aber wirklich kaum über die Ahnung hinausgekommen sind: Alles dasjenige, was wir an seelischem Leben entwickeln, indem wir mit der Außenwelt, sei es mit der leblosen oder mit der lebendigen Außenwelt in Berührung kommen, dieses ganze seelische Leben, das für gewöhnlich in unserem Bewußtsein liegt, ist begleitet von einem anderen Seelenleben. Und wer die inneren Bedingungen hergestellt hat, um solche Dinge richtig innerlich zu beobachten, der kann gewahr werden, wie die Seele -— Eduard von Hartmann würde es nennen: im Unbewußten, aber dieses Unbewußte, das ich hier meine, unterscheidet sich von dem Hartmannschen eben dadurch, daß es bewußt werden kann — fortwährend in diesem Unbewußten arbeitet. Es geht neben der Strömung des bewußten Seelenlebens eine andere fortwährend einher, welche- man kann das verfolgen, wenn man den Seelenblick darauf richten kann — nicht den Gesetzen unterworfen ist, denen das äußere Seelenleben unterworfen ist, und die übereinstimmen selbstverständlich mit dem Gang der Naturereignisse. Gesetzen ist zwar auch dieses Seelenleben unterworfen, auf welches ich jetzt hinweise, aber es stimmen diese Gesetze nicht mit dem, was als Gesetze vorwaltet in dem gewöhnlichen bewußten Seelenleben. Für den Geistesforscher dringt dieses unterbewußte Seelenleben herauf. Für das gewöhnliche Leben dringt es auch herauf, nur weiß man es nicht, daß es heraufdringt. Man glaubt zum Beispiel oftmals: diese Vorstellung, diesen Gedanken hast du gefaßt, und glaubt, der ganze Vorgang liegt im gewöhnlichen bewußten Seelenleben. Das tut er nicht, sondern er taucht herauf aus einem unterbewußten Seelenleben. Der Geistesforscher kann nun verfolgen, wie diese zwei Strömungen des Seelenlebens zusammenarbeiten. Und im Grundegenommen, wenn man nicht im abergläubischen oder theoretisch-mystischen Sinne von Hellsichtigkeit spricht, sondern in exaktem Sinne, so ist diese Hellsichtigkeit nichts anderes als die Fähigkeit, dieses parallel gehende Seelenleben wirklich hinaufzuheben und sich überzeugen zu können, daß es zwar seinen Gesetzen unterliegt, daß aber diese Gesetze anders sind als diejenigen des bewußten Seelenlebens. Nicht in irgendwelche krankhafte oder pathologische Zustände wird sich der hineintreiben, der in gesunder Weise, wie es beschrieben ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zu solchen Beobachtungen sich aufschwingt. Im Gegenteil, es wird das eintreten, was ich im letzten Vortrage hier angedeutet habe: er wird sein Seelenleben immer gesünder und gesünder machen, wenn er richtig vorgeht. Aber eine gewisse Fähigkeit des Zusammenwirkens des unterbewußten Seelenlebens mit dem gewöhnlichen Seelenleben, die wird sich ein solcher Geistesforscher erwerben. Und während man im gewöhnlichen Leben, zum Beispiel wenn man zuhört, wenn einem jemand etwas vorliest, glaubt, man sei nun mit der ganzen Seele hingegeben dem, was einem vorgelesen wird, meint man das als wirklich geschulter Geistesforscher nicht mehr. Man weiß, daß das unterbewußte Seelenleben fortläuft und oftmals ganz andere Wege geht, als die Wege der Vorstellungen sind, die vorgelesen werden. Und wenn man genügend Virtuosität hat, um nun doch nicht unaufmerksam zu werden im Zuhören, so steigen zwischen zwei Worten, die man anhört, aus dem Unterbewußten Dinge herauf, die ebenso seelisch erarbeitet sind, wie die Dinge des bewußten Seelenlebens, die aber parallel laufen dem Strome des bewußten Seelenlebens; Dinge eines ganz anderen Seelenlebens. Gewisse Denker haben das geahnt, indem sie zum Beispiel aufmerksam machten, daß der Mensch nicht nur im Schlafe träumt, sondern daß eigentlich den ganzen Tag über beim Wachen das Traumleben fortgeht, nur überleuchtet wird von dem gewöhnlichen bewußten Seelenleben. Das ist auch wahr — und doch auch wiederum nicht wahr. Es geht nur so etwasähnliches vor wie das Traumleben. Das Traumleben ist nur wie eine chaotische Abschattung desjenigen, was da vorgeht. Es geht nämlich im Unterbewußten vor dieser parallel laufende Strom, der für das heutige gewöhnliche Seelenleben so flüchtig ist wie die Träume, und sich daher mit dem Traume vergleichen läßt, der aber heraufsteigt aus einer geistigen Wirklichkeit.

[ 12 ] An observation such as the one I am now about to present will lead to nothing of substance if undertaken without the prerequisite of inner training in spiritual research—just as, in a chemistry laboratory, experiments lead to nothing for those who do not know how to handle the materials; only after one has created the inner experimental conditions for oneself does the matter appear in its true light. For what some thinkers have intuited—though they have scarcely gone beyond that intuition—is revealed in its true form: Everything we develop in our soul life by coming into contact with the external world—whether the inanimate or the animate external world—this entire soul life, which usually lies within our consciousness, is accompanied by another soul life. And whoever has created the inner conditions to observe such things correctly from within can become aware of how the soul—Eduard von Hartmann would call it “the unconscious,” but this unconscious I am referring to here differs from Hartmann’s precisely in that it can become conscious—is constantly at work in this unconscious. Alongside the flow of conscious soul life, another flow runs continuously—which one can observe if one can direct the soul’s gaze toward it—that is not subject to the laws to which outer soul life is subject, and which, of course, correspond to the course of natural events. This life of the soul to which I am now referring is indeed subject to laws as well, but these laws do not correspond to those that prevail in ordinary conscious soul life. For the spiritual researcher, this subconscious life of the soul rises to the surface. It also rises to the surface in ordinary life, only one is unaware that it is doing so. For example, people often believe: “You have formed this idea, this thought,” and assume that the entire process takes place within ordinary, conscious mental life. It does not; rather, it emerges from a subconscious mental life. The spiritual researcher can now observe how these two currents of mental life interact. And fundamentally, if one speaks of clairvoyance not in a superstitious or theoretically mystical sense, but in a precise sense, then this clairvoyance is nothing other than the ability to truly lift one’s awareness to this parallel life of the soul and to be able to convince oneself that, while it is indeed subject to its own laws, these laws are different from those of conscious soul life. Those who, in a healthy manner—as described in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds?—raise themselves to such observations will not drive themselves into any kind of morbid or pathological states. On the contrary, what I hinted at in my last lecture here will occur: if they proceed correctly, they will make their soul life healthier and healthier. But such a researcher of the spiritual realm will acquire a certain ability to harmonize the subconscious soul life with ordinary soul life. And while in ordinary life—for example, when listening to someone reading something aloud—one might believe that one is now wholly absorbed, with one’s whole soul, in what is being read, a truly trained spiritual researcher no longer thinks this to be the case. One knows that the subconscious life of the soul continues to unfold and often takes paths quite different from those of the ideas being read aloud. And if one possesses sufficient skill to avoid becoming inattentive while listening, then between two words one hears, things rise up from the subconscious that are just as deeply processed in the soul as the elements of conscious soul life, but which run parallel to the stream of conscious soul life—elements of an entirely different kind of soul life. Certain thinkers have sensed this, for example, by pointing out that a person does not dream only during sleep, but that the dream life actually continues throughout the entire day while awake, only overshadowed by ordinary conscious life. This is true—and yet, at the same time, it is not true. What takes place is merely something similar to the dream life. Dream life is merely a chaotic shadow of what is actually taking place. For there is a parallel current flowing in the subconscious that is as fleeting to today’s ordinary spiritual life as dreams are, and can therefore be compared to a dream—but one that rises from a spiritual reality.

[ 13 ] Indem man diese beiden Strömungen — das SeelischGeistige und das an die äußere Natur gebundene Seelische — in ihrem Zusammenwirken beobachtet, lernt man allmählich aufsteigen zu einer Vorstellung, die in ihren Einzelheiten in diesem einen Vortrage nicht begründet werden kann, die aber ihrem Ergebnis nach angeführt werden soll. Man lernt erkennen, daß das gewöhnliche Seelenleben, wie es mit Recht von den physiologischen Psychologen der Gegenwart von der Art Theodor Ziehens zum Beispiel, den ich neulich angeführt habe, dargestellt wird, zu seiner notwendigen Bedingung das äußere physisch-leibliche Leben hat. Verfolgt man nun wiederum dieses äußere physischleibliche Leben mit den Mitteln der Geistesforschung, dann kommt man darauf, daß dieses äußere physisch-leibliche Leben und damit auch das an dieses gebundene seelische Erleben des gewöhnlichen Bewußtseins zusammenhängt mit jenen Wirkungen, die sich abspielen zwischen Erde und Sonne. Wirkungen, die nur verfeinerter Art sind, die aber ähnlich sind den Wirkungen der Sonnenumgebung, sagen wir, auf die Pflanzenwelt und dergleichen. Man lernt erkennen den realen Zusammenhang zwischen dem Werkzeuge unseres gewöhnlichen bewußten Seelenlebens und Erde und Sonne, ich könnte auch sagen: unseres ganzen Weltensystems, so wie die Astronomie oder die AstroPhysik von diesem Weltensystem spricht. Man lernt aber auch erkennen, daß grundverschieden von den Gesetzen, welche dem Leiblichen und damit auch dem Seelischen des Menschen eingepflanzt werden durch das Sonnen-Erdenleben, der Verlauf der anderen Strömung ist. Der hängt nicht zusammen in seiner Gesetzmäßigkeit mit der Gesetzmäßigkeit der leiblich-seelischen bewußten Vorgänge. Im Gegenteil, er widerspricht ihnen vielfach. Wo man im äußeren seelischen Leben das hat, was der Psychologe eine Assoziation nennt, ein Zusammenbringen von Vorstellungen, da vollführt dieses innere unterbewußte Seelenleben eine Trennung, und umgekehrt.

[ 13 ] By observing the interaction of these two currents—the soul-spiritual and the soul bound to external nature—one gradually rises to a conception that cannot be fully substantiated in its details in this single lecture, but whose conclusion should be presented here. One comes to recognize that ordinary soul life—as it is rightly described by contemporary physiological psychologists such as Theodor Ziehen, for example, whom I mentioned recently—has external physical-bodily life as its necessary condition. If, in turn, one examines this external physical-bodily life using the methods of spiritual research, one arrives at the conclusion that this external physical-bodily life—and thus also the psychological experience of ordinary consciousness bound to it—is connected to those forces at work between the Earth and the Sun. These are effects that are merely of a more subtle nature, but which are similar to the effects of the solar environment—for example, on the plant world and the like. One comes to recognize the real connection between the instrument of our ordinary conscious soul life and the Earth and the Sun—I could also say: our entire world system, as astronomy or astrophysics speaks of this world system. But one also learns to recognize that the course of the other current is fundamentally different from the laws that are implanted in the physical—and thus also in the soul—of the human being through the Sun-Earth life. Its regularity is not connected to the regularity of the conscious physical-soul processes. On the contrary, it often contradicts them. Where one finds in the outer soul life what the psychologist calls an “association”—a bringing together of ideas—this inner, subconscious soul life performs a separation, and vice versa.

[ 14 ] Das sind aber nur Andeutungen über weitgehende Unterschiede des äußeren und des inneren Erlebens. Und erkennt man so in einem viel weiteren Umfange den Zusammenhang des Seelischen und des Leiblichen, und wiederum des Leiblichen des Menschen mit dem ganzen Sonnen-Erdendasein, dann bekommt man auch Vorstellungen über einen Endzustand des Erdendaseins selbst; Vorstellungen, deren Bildung selbst in der heutigen Sprache schwer zu beschreiben ist. Ich kann nur sagen: Jeder weiß, wie der Astronom aus einer gegenwärtigen Sternkonstellation eine zukünftige berechnen kann, wie man zukünftige Sonnen- und Mondfinsternisse berechnen kann. Dasjenige, was hier durch die Berechnung geschieht, das geschieht, wenn man das richtige Verhältnis findet zu dem, was man lernt über die beiden Strömungen, die ich angedeutet habe, in ihrer Beziehung zum Erdenendzustand. Das, was dort berechnet wird, wird hier innerlich geschaut. Man hat es nicht zu tun mit vagen Analogien im Fechnerschen Sinn, sondern mit einem wirklichen inneren Schauen des Endzustandes der Erde. Denn man lernt erkennen, daß etwas, was aber in seinen Einzelheiten natürlich nicht in einem Vortrage dargelegt werden kann, sich als notwendiges Ergebnis herausstellt. Ich will zu diesem Ergebnis hinführen durch einen Vergleich.

[ 14 ] But these are only hints at far-reaching differences between external and internal experience. And when one recognizes, on a much broader scale, the connection between the soul and the body—and, in turn, the connection between the human body and the entire existence of the Sun and Earth—then one also gains insights into a final state of earthly existence itself; insights whose very formation is difficult to describe even in today’s language. I can only say: Everyone knows how an astronomer can calculate a future constellation based on a present one, just as one can calculate future solar and lunar eclipses. What happens here through calculation is what happens when one finds the right relationship to what one learns about the two currents I have indicated, in their connection to the Earth’s final state. What is calculated there is inwardly perceived here. One is not dealing with vague analogies in the Fechnerian sense, but with a genuine inner perception of the Earth’s final state. For one learns to recognize that something—which, of course, cannot be set forth in detail in a lecture—turns out to be a necessary result. I would like to lead up to this result through a comparison.

[ 15 ] Nicht wahr, so wie der Mensch als leibliches Wesen durch die Welt geht, ist er nur möglich dadurch, daß das Seelische — ich will nicht sagen, ihn durchdringt, damit man nicht glaubt, ich mache irgendwelche Hypothesen - in ihm sich wirksam erweist. Kann es sich nicht mehr wirksam erweisen, dann folgt dieser Leib anderen Gesetzen als denen, welchen er zwischen Geburt und Tod folgt. Er folgt dann den Gesetzen, denen er folgen muß wegen seiner Verwandtschaft zu der äußeren physischen Erdenumgebung. Er geht ganz über mit seiner eigenen Gesetzmäßigkeit in die umgebende Erdengesetzmäßigkeit. Mit diesem möchte ich vergleichen das Ergebnis, das herauskommt mit Bezug auf das Leben unserer Erde. Unsere Erde macht ihren Gang in der Entwickelung nach vorwärts, aber sie macht in diesem Gang innere Verwandlungen durch. Diese Verwandlungen kann man nicht kennenlernen, wenn man nicht weiß, daß in dem Gange unserer Erde das eine reale Rolle spielt, was alle seelischen Wesen in ihrem Unterbewußten wahrnehmen und entwickeln in der angedeuteten Weise. So wie man nicht eine Pflanze begreift in ihrem Werden, wenn man sich keine Vorstellung darüber bilden kann, wie in der Pflanze dieses Jahres in ihren ganzen Wachstumsgesetzen sich vorbereitet der Pflanzenkeim des nächsten Jahres, wenn man nicht in allem Aufschießen der Blätter und so weiter das Werden des Fruchtkeimes der nächsten Pflanze sieht, so kann man auch nicht unsere Erde begreifen, wenn man nur die physikalischen Gesetze auf sie anwendet, wie es der Geologe tut. Denn das, was wir erleben in unserem Unterbewußtsein, das zeigt sich als etwas Keimhaftes in unserem Erdendasein. Wenn ich einen Ausdruck brauchen darf, der nicht ganz richtig ist, wir werden uns schon verstehen: Das wirkt und lebt mit, ist aber etwas, was gar nicht zusammenhängt mit den Beziehungen von Erde und Sonne. Und so stellt sich heraus: Geradeso, wie für den leiblichen Menschen ein Zeitpunkt eintritt, wo sein seelisches Erleben abgetrennt ist von dem leiblichen, und das Leibliche übergeht in die äußere Erdenumgebung, so tritt für die Erde ein Zeitpunkt ein, welcher aufhören läßt die Erden-Sonnenwirkungen. Geradeso wie aufhören die seelischen Wirkungen im Leibe von innen, so hören von außen auf die Sonnenwirkungen auf die Erde. Wie der Leib von der Seele getrennt eine unmögliche Mischung ist, sich auflöst, so wird die Erde von einem gewissen Zeitpunkte an ein unmöglicher Körper im Weltenall. Und so wie der menschliche Leib übergeht in die Erdenumgebung, in ihre physischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten, so geht die Erde von einem gewissen Zeitpunkte an über in die Gesetzmäßigkeit, die wir jetzt in der angedeuteten Strömung verfolgen.

[ 15 ] Isn’t it true that, just as the human being goes through the world as a physical being, this is only possible because the spiritual—I do not wish to say that it permeates him, lest one think I am putting forward any hypotheses—proves itself active within him. If it can no longer manifest itself, then this body follows laws other than those it follows between birth and death. It then follows the laws it must follow because of its connection to the external physical environment of the Earth. It merges completely, with its own laws, into the surrounding laws of the Earth. I would like to compare this to the outcome that arises in relation to the life of our Earth. Our Earth moves forward in its development, but in this process it undergoes inner transformations. One cannot come to know these transformations unless one realizes that what all spiritual beings perceive and develop in their subconscious in the manner described plays a real role in the course of our Earth’s development. Just as one cannot understand a plant in its development if one cannot form a conception of how, within this year’s plant and in accordance with all its laws of growth, the plant seed of the next year is being prepared—if one does not see, in every sprouting of the leaves and so on, the development of the fruit seed of the next plant— so, too, one cannot understand our Earth by applying only the laws of physics to it, as the geologist does. For what we experience in our subconscious manifests as something seed-like in our existence on Earth. If I may use an expression that is not entirely accurate—we will understand each other: This is active and alive, yet it is something entirely unrelated to the relationship between the Earth and the Sun. And so it turns out: Just as there comes a point in the physical human being’s life when his soul experiences are separated from the physical, and the physical passes into the outer earthly environment, so there comes a point for the Earth at which the Earth-Sun influences cease. Just as the soul’s influences within the body cease, so do the Sun’s influences on the Earth cease from the outside. Just as the body, separated from the soul, is an impossible mixture that dissolves, so the Earth, from a certain point in time onward, becomes an impossible body in the universe. And just as the human body merges into the Earth’s environment, into its physical and chemical laws, so too does the Earth, from a certain point in time onward, merge into the laws that we are now tracing in the current described above.

[ 16 ] Es ist, wie Sie sehen, umgekehrt bei der Erde und beim Menschen. Der Leib des Menschen geht über in die Erdenumgebung. Das, was erden-sonnenhaft in der Erde ist, das geht über in Geistiges. Dann, wenn dieser Zeitpunkt eintritt, herrscht in diesem Erdenleibe, der dann auf diese Art, wie ich es geschildert habe, gestorben sein wird, jene Gesetzmäßigkeit, die wir wahrnehmen können in der Parallelströmung, die gar nicht übereinstimmt mit den äußeren Naturgesetzen. Und da kommt das Eigentümliche zutage, das heute noch wie ein wahnsinniges Paradoxon aussieht: daß die Gesetze, die wir heute Naturgesetze nennen, eben nur bis zum Erdenende gelten. Und wenn jemand versucht, nach der Art des Professors Dewar, diese Gesetze über das Erdenende hinaus anzuwenden, so macht er denselben Fehler, wie wenn jemand die Gesetze des Stoffwechsels über den leiblichen Tod hinaus berechnet, über 150 Jahre. Die Erde wird nicht mehr da sein für den Zeitpunkt, den Professor Dewar berechnet, denn sie hat sich in Geistiges umgewandelt. Und alles Geistig-Seelische, das so beobachtet werden kann in der zweiten Strömung, wie ich es geschildert habe, das ist mit aufgenommen in dieses GeistigSeelische der Erde, das lebt drinnen zu anderen Weltengestaltungen hinüber, zu künftigen Weltengestaltungen, die zu beschreiben jetzt nicht möglich ist. Aber wir sehen auf einen künftigen Endzustand unserer Erde hin, in dem diese Erde so durch ihren Tod gegangen sein wird, daß siein einem Geistigen aufgegangen sein wird. Es wird nicht einmal festgewordene Milch bläulich leuchten, und Eiweiß als Kerze dienen, aber alles dasjenige, was jetzt auf der Erde unter dem Erden-Sonnen-Gesetz steht, unter dem, was wir heute Naturgesetze nennen, das wird einmal unter ganz anderen Gesetzen, unter geistig-seelischen Gesetzen leben, die heraufsteigen werden in der Weise, wie ich es geschildert habe, aus unserem eigenen Innenleben. Denn wir sind mit dem, was die Erde werden soll, wodurch die Erde unsterblich ist, auch schon heute verbunden - keimhaft. Daher scheint das wie traumhaft abgeschattet, was da unten im Seelenleben lebt. Es ist eben mit der Keim künftiger Welten, und wir sind unsterblich, indem wir mit diesem Unsterblichen des allgemeinen Geistes leben.

[ 16 ] As you can see, the situation is reversed when it comes to the Earth and human beings. The human body merges into the Earth’s environment. That which is earth-sun-like within the Earth merges into the spiritual realm. Then, when this moment arrives, the earthly body—which will have died in the manner I have described—will be governed by those laws that we can perceive in the parallel current, which do not at all correspond to the external laws of nature. And here the peculiarity comes to light that still appears today as a mad paradox: that the laws we today call the laws of nature apply only up to the end of the Earth. And if someone tries, in the manner of Professor Dewar, to apply these laws beyond the end of the Earth, they are making the same mistake as someone who calculates the laws of metabolism beyond physical death—over 150 years. The Earth will no longer exist by the time Professor Dewar calculates, for it will have been transformed into the spiritual realm. And everything spiritual-soul-related that can be observed in the second current, as I have described it, is incorporated into this spiritual-soul aspect of the Earth, which lives on within it toward other world formations—toward future world formations that cannot be described at this time. But we look toward a future final state of our Earth, in which this Earth will have passed through its death in such a way that it will have been absorbed into the spiritual realm. It will not even be curdled milk glowing bluish, nor egg white serving as a candle, but everything that is now subject to the Earth-Sun law on Earth—that which we today call the laws of nature—will one day live under entirely different laws, under spiritual-soul laws that will arise, as I have described, from our own inner life. For we are already connected today—in a germinal sense—with what the Earth is to become, through which the Earth is immortal. That is why what lives down there in the soul life seems to be cast in a dreamlike shadow. It is, after all, the germ of future worlds, and we are immortal in that we live with this immortality of the universal spirit.

[ 17 ] Auf diese Weise kommt man allerdings zu einer viel konkreteren Anschauung über die geistige Welt, als wenn man die abstrakten Schlagworte von «mystischem Pantheismus» und so weiter braucht, mit denen sich heute so viele Menschen noch viel zugute tun. Ein verschwommener, nebuloser Pantheismus soll in der Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, nicht gesucht werden, sondern konkrete Ergebnisse, die auf exakter geistig-seelischer Beobachtung aufgebaut sind.

[ 17 ] In this way, however, one gains a much more concrete understanding of the spiritual world than by relying on abstract buzzwords like “mystical pantheism” and so on, which so many people still find so helpful today. In the spiritual science referred to here, one should not seek a vague, nebulous pantheism, but rather concrete results based on precise spiritual and psychological observation.

[ 18 ] Das allgemeine Bildungsdenken der Zeit ist heute noch abgeneigt solchen wirklichkeitsgesättigten Vorstellungen, zu denen der Geistesforscher aufrücken muß, um zu einem Weltenbilde zu kommen, das alle Wirklichkeit, die wir erlangen können, umfaßt, nicht bloß die äußere physische. Wer bewußt mitgemacht hat den Bildungsgang der letzten Jahrzehnte, hat ja bemerken können, wie die Menschen im Grunde so gar nicht lieben — es beruht das auf Entwickelungsgesetzen —, mit ihren Begriffen in die Wirklichkeit unterzutauchen. Das lebendige Geistesleben zu erfassen, indem man zu Vorstellungen kommen will, die selber — ohne daß man persönlich dabei ist, sondern das Drinnenleben nur anschaut - in einer geistigen Welt leben, dazu haben die Menschen der letzten Jahrzehnte überhaupt gar nicht sich die Zeit genommen. Daher diese zahlreichen Menschen, die ich nennen möchte die «Knopfzähler» der Geisteswissenschaft. Ich möchte sie Knopfzähler nennen aus folgendem Grunde: Wenn man bewußt herangewachsen ist mit dem, womit sich viele Menschen in den letzten Jahrzehnten als mit wichtigen Begriffen befaßt haben, kann man durchaus begreifen, daß es so geschehen ist, aber man muß es eben auch begreifen. Da haben seit einigen Jahrhunderten bis zum heutigen Tage gewisse Menschen sich immer wieder damit beschäftigt, über das soziale Zusammenleben der Menschen nachzudenken. Die einen sind zu mehr individualistischen Begriffen gekommen, die anderen zu mehr sozialen Begriffen. Individualismus und Sozialismus, sie haben in der letzten Zeit in den mannigfaltigsten Variationen eine Rolle gespielt bei der Betrachtung des menschlichen Zusammenlebens, das ja doch als vom Geiste durchtränkt gedacht werden muß. Demjenigen, der an wirklichkeitsgesättigte Begriffe gewöhnt ist, erscheint dies Plätschern bei all den Sozialisten und Individualisten der letzten Zeit und bis in unsere Tage hinein, wenn man die Gedankengänge verfolgt, durch die einer Individualist oder Sozialist wurde, wirklich nicht tiefer geistig begründet, sondern so, als wenn man an den Knöpfen abzählen würde: IndividualistSozialist, Individualist — Sozialist — und gezählt hätte, bei welchem Knopf es aufhört; nur daß es, wenn dieses Knopfzählen in Gedanken geschieht, nicht so auffällig ist. Man plätschert da herum in solchen Begriffen, die gar nicht dazu geeignet sind, hineinzugreifen in die wahre Wirklichkeit, wie diese Begriffsschatten, die man als Individualismus und Sozialismus in den letzten Jahrzehnten so anhimmelt.

[ 18 ] The prevailing educational philosophy of our time is still averse to such reality-saturated concepts, which the spiritual researcher must embrace in order to arrive at a worldview that encompasses all the reality we can attain—not merely the external, physical reality. Anyone who has consciously followed the educational trends of the last few decades has surely noticed how people, deep down, do not really love—and this is due to laws of development—to immerse themselves in reality with their concepts. To grasp living spiritual life by seeking to arrive at concepts that themselves—without one’s personal presence, but merely observing the inner life—exist in a spiritual world: people in recent decades have not taken the time to do this at all. Hence these numerous people whom I would like to call the “button-counters” of spiritual science. I would like to call them “button-counters” for the following reason: If one has consciously grown up with what many people in recent decades have regarded as important concepts, one can certainly understand why this has happened, but one must also recognize it for what it is. For several centuries up to the present day, certain people have repeatedly engaged in reflecting on human social coexistence. Some have arrived at more individualistic concepts, others at more social ones. Individualism and socialism have recently played a role in the most diverse variations when considering human coexistence, which must, after all, be conceived as imbued with the spirit. To those accustomed to concepts grounded in reality, this back-and-forth among the socialists and individualists of recent times—and right up to the present day—appears, when one traces the trains of thought that led someone to become an individualist or a socialist, to lack any truly profound intellectual foundation; rather, it seems as if one were counting buttons: Individualist, Socialist, Individualist—Socialist—and had counted to see which button it stops at; only that when this button-counting takes place in thought, it is not so conspicuous. People just babble on about such concepts that are entirely unsuited to grasping true reality—like these shadows of concepts that have been so idolized in recent decades as individualism and socialism.

[ 19 ] Die Sache hat aber einen ganz ernsten Hintergrund und hängt zusammen mit vielem, was für gewisse Verhältnisse in der Gegenwart schon außerordentlich wichtig ist. Denn der Mensch braucht nicht immer zu wissen, wie mit dem allgemeinen Weltenbilde, das sich ergibt aus seinen Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulsen, das gewöhnliche Tagesleben, das soziale Leben zusammenhängt. Aber er wird ungeheures Unheil anrichten, wenn er, insbesondere an einer wichtigen Stelle stehend, von nicht wirklichkeitsdurchtränkten Vorstellungen und Empfindungen ausgeht. Wenn er über bloß wissenschaftliche Begriffe eines Weltbildes theoretisiert, so wie Professor Dewar, so erscheinen diese Begriffe für die Geisteswissenschaft wie Wahnvorstellungen, die er seinen Zuhörern aufbürdet. Für solche wissenschaftliche Betrachtung eines Weltbildes wird es ja noch gehen, aber wenn von demselben Geiste beseelt jemand im sozialen Wirken drinnensteht und dieselbe Art des Geistigen überträgt auf dieses Außere, dann wirkt es im höchsten Grade zerstörend, und man sucht oftmals im Leben dasjenige, was eigentlich fehlt, auf ganz anderen Punkten, als wo es gesucht werden müßte. Denn das, was auf der Erde geschieht, steht doch in einem Zusammenhang. Und wie manchmal der Arzt eine ganz andere Art eines Übels angeben muß, als dasjenige ist, an das man von vorneherein glaubt aus oberflächlicher Betrachtung, so muß der, der die Sache überblickt, auch manchmal an ganz anderem Orte die Ursprünge mancher Übel und mancher verheerenden Wirkungen suchen, als es nach einer oberflächlichen Betrachtung erscheint. Dafür möchte ich ein Beispiel anführen; aber wie soll ich es denn nur anführen in der heutigen Zeit, wo ich gerade in bezug auf dieses Beispiel ja in den Schein kommen könnte, daß ich mich in meinem Urteil beeinflussen lasse von den uns alle so schmerzlich berührenden Zeitereignissen? Aber gerade in bezug auf dieses Beispiel habe ich einen Weg, durch den ich diesem Schein entgehe. Ich habe in Helsingfors im Jahre 1913, also vor diesem Kriege, einen Zyklus von Vorträgen gehalten über einen ganz anderen Gegenstand, im Verlaufe dessen ich aber, um auf etwas beispielsweise zu sprechen zu kommen, eine Anspielung machen mußte auf Wilson, und ich will vorlesen, was ich dazumal mit Bezug auf Wilson gesagt habe in anderem Zusammenhange. Sie werden auch sehen aus dem, was ich damals gesagt habe, daß ich eine gewisse Bedeutung, auch einen gewissen Geist, den man Wilson zugestehen kann, durchaus nicht verkannt habe, aber Sie werden auch sehen, daß es nicht notwendig war, um ein Urteil über diesen Mann zu gewinnen, erst die Ereignisse der letzten Jahre oder Wochen vielleicht sogar — wie es bei manchen nötig war — auf sich wirken zu lassen. Ich sagte dazumal:

[ 19 ] However, there is a very serious background to this matter, and it is connected to many things that are already extraordinarily important for certain circumstances in the present. For human beings do not always need to know how their ordinary daily life and social life are connected to the general worldview that arises from their ideas, feelings, and impulses of the will. But they will cause immense harm if, especially when occupying a position of responsibility, they proceed from ideas and feelings that are not imbued with reality. When they theorize about a worldview based solely on scientific concepts—as Professor Dewar does—these concepts appear to the spiritual sciences as delusions that they impose on their listeners. Such a scientific approach to a worldview may still be tolerable, but when someone imbued with the same spirit is actively engaged in social work and applies the same kind of spiritual thinking to this external realm, it has a highly destructive effect, and people often seek in life what is actually missing in places entirely different from where it should be sought. For what happens on earth is, after all, interconnected. And just as a doctor sometimes has to identify a completely different kind of ailment than the one one initially believes, based on a superficial observation, so too must the one who surveys the whole picture sometimes seek the origins of certain evils and devastating effects in places entirely different from where they appear upon superficial observation. I would like to give an example of this; but how am I to present it in the present day, when, precisely with regard to this example, I might give the impression that my judgment is influenced by the current events that affect us all so painfully? Yet it is precisely with regard to this example that I have a way to avoid giving that impression. In Helsinki in 1913—that is, before this war—I gave a series of lectures on an entirely different subject; in the course of which, however, in order to illustrate a point, I had to make an allusion to Wilson, and I would like to read aloud what I said at that time regarding Wilson in a different context. You will also see from what I said back then that I by no means failed to recognize a certain significance, and even a certain spirit, that can be attributed to Wilson; but you will also see that it was not necessary, in order to form a judgment about this man, to first allow the events of the last few years—or perhaps even weeks—to sink in, as was necessary for some. I said at the time:

[ 20 ] «Da gibt es sehr bemerkenswerte Aufsätze, die in der letzten Zeit erschienen sind, von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas, Woodrow Wilson. Da gibt es einen Aufsatz über die Gesetze des menschlichen Fortschritts.»

[ 20 ] “There are some very remarkable essays that have appeared recently by the President of the United States of North America, Woodrow Wilson. There is an essay on the laws of human progress.”

[ 21 ] Woodrow Wilson hat natürlich auch dazumal schon über die Gesetze des wahren menschlichen Fortschrittes gesprochen.

[ 21 ] Of course, Woodrow Wilson was already speaking about the laws of true human progress back then.

[ 22 ] «Darin wird wirklich recht nett und sogar geistreich ausgeführt, wie die Menschen eigentlich beeinflußt werden von demjenigen, was das tonangebende Denken ihres Zeitalters gibt. Und sehr geistreich führt er aus, wie in dem Zeitalter Newtons, wo alles voll war von den Gedanken über die Schwerkraft, man in die gesellschaftlichen Begriffe, ja, in die Staatsbegriffe nachwirken fühlte die Newtonschen Theorien, die in Wirklichkeit nur auf die Weltenkörper paßten. Die Gedanken über die Schwerkraft im besonderen fühlt man in allem nachwirken. Das ist wirklich sehr geistreich, denn man braucht nur nachzulesen den Newtonismus und man wird sehen, daß überall Worte geprägt werden wie Anziehen und Abstoßen usw. Das hebt Wilson wirklich sehr geistvoll hervor. Er sagt, wie ungenügend es sei, rein mechanische Begriffe anzuwenden auf das menschliche Leben, Begriffe von der Himmelsmechanik anzuwenden auf die menschlichen Verhältnisse, indem er zeigt, wie das menschliche Leben damals geradezu wie eingebettet war in diese Begriffe, wie diese Begriffe überall auf das staatliche und soziale Leben Einfluß gehabt haben. Es rügt Wilson mit Recht diese Anwendung rein mechanischer Gesetze in dem Zeitalter, in dem sozusagen der Newtonismus das ganze Denken unter sein Joch gespannt hat. Man muß anders denken, sagt Wilson, und konstruiert jetzt seinen Staatsbegriff und zwar so, daß nun überall, nachdem er dies von dem Zeitalter des Newtonismus nachgewiesen hat, bei ihm der Darwinismus herausguckt.»

[ 22 ] “It explains quite nicely—and even wittily—how people are actually influenced by the prevailing ideas of their age. And he explains very wittily how, in the age of Newton, when everything was filled with thoughts about gravity, one could sense the lingering influence of Newton’s theories—which in reality applied only to celestial bodies—on social concepts, indeed, on concepts of the state. Thoughts on gravity, in particular, can be felt to have a lasting impact on everything. This is truly very insightful, for one need only read up on Newtonianism to see that terms like “attraction” and “repulsion,” etc., are used everywhere. Wilson highlights this in a truly insightful way. He points out how inadequate it is to apply purely mechanical concepts to human life—to apply concepts from celestial mechanics to human relationships—by showing how human life at that time was virtually embedded in these concepts, and how these concepts influenced political and social life everywhere. Wilson rightly criticizes this application of purely mechanical laws in an age in which, so to speak, Newtonianism had subjugated all thought to its yoke. We must think differently, says Wilson, and he now constructs his concept of the state in such a way that, having demonstrated this in relation to the age of Newtonianism, Darwinism becomes evident throughout his work.”

[ 23 ] Was ich dazumal sagen wollte, das war, daß Wilson nun sieht, indem er ein vorhergehendes Zeitalter betrachtet: Da hat man in die Staatsbegriffe den Newton aufgenommen, man hat sich nun nach dem gerichtet. Was tut er? Er nimmt nun den Darwinismus auf, weil er ein Genosse des Zeitalters des Darwin ist, wie die Menschen dazumal Zeitgenossen des Newton waren. Er begeht genau dasselbe, aber er ist so naiv, auch nicht eine Spur davon zu bemerken.

[ 23 ] What I wanted to say back then was that Wilson now sees, as he looks back on a previous era: Back then, Newton was incorporated into political concepts, and people guided themselves by that. What does he do? He now incorporates Darwinism, because he is a contemporary of Darwin’s era, just as people back then were contemporaries of Newton’s. He is doing exactly the same thing, but he is so naive that he doesn’t even notice a trace of it.

[ 24 ] Wenn nun allerlei Leute gespielt haben mit den Begriffen Individualismus und Sozialismus, und sie sind beim Spielen geblieben, nun, so mag das hingehen; aber wenn mit einem so defekten Denken, das wollte ich dazumal sagen, von einer wichtigen Stelle aus gewirtschaftet wird, dann hat das eine ganz andere Bedeutung. Will man einmal kennenlernen unser Zeitalter, dann wird man kennenlernen müssen, mit welch wirklichkeitsfremden Begriffen, die nur Schatten sind von irgend etwas, wo diese Begriffe berechtigt sind, wie im Wilsonschen Falle diese sozialen Begriffe, wie mit solchen schattenhaften, wirklichkeitsfremden Begriffen gearbeitet wird. Man mag noch recht weit sein von solcher Einsicht; aber man wird die Wirklichkeit nicht verstehen und zu keinem Weltenbilde kommen, das dieser Wirklichkeit entspricht, wenn man nicht imstande ist, zu durchschauen, mit was für Begriffshülsen heute in der Wissenschaft und auf den sozialen Gebieten gearbeitet wird. Daher kommt es, daß am wenigsten die Menschen eine Anschauung zu gewinnen imstande sind, wenn es sich darum handelt, in die wirkliche geistige Welt hineinzukommen, und von ihr, oder durch sie, ein Weltenbild zu gewinnen. Es gibt Menschen, die, sei es durch ihre lebendige innere Entwickelung, sei es durch äußere Umstände, von der Sehnsucht erfaßt werden, das Geistige zu erkennen. Allein, wo suchen sie es oftmals? Dazu können sie sich durch eine gewisse innere Bequemlichkeit des Denkens nicht entschließen, den Geist da zu suchen, wo er wirklich zu finden ist: auf dem Wege des Geistes selber. Denn das ist schwierig, obwohl es, wenn auch die Dinge 35 Jahre gedauert haben, durchaus möglich ist, wenn dann die Resultate zutagetreten, sie unmittelbar einleuchtend zu finden. Das erfordert vor allen Dingen, das Innere der Seele in eine solche Stimmung und Verfassung zu bringen, in die zu bringen es gerade exakten Forschern der Gegenwart oftmals nicht lieb ist. Man kann das gerade dann am deutlichsten sehen, wenn sich ein exakter Forscher, der mit Recht ein Ansehen auf dem Gebiete der äußeren Naturforschung hat, einmal auf die geistige Welt einläßt.

[ 24 ] If all sorts of people have been playing with the concepts of individualism and socialism—and have remained at the level of play—well, that may be acceptable; but when such flawed thinking—as I wanted to say at the time—is used to govern from a position of power, then that takes on an entirely different significance. If one wishes to understand our age, one will have to understand how these concepts—which are detached from reality and are merely shadows of something where such concepts are justified, as in Wilson’s case with these social concepts—are actually employed. One may still be quite far from such insight; but one will not understand reality and will not arrive at a worldview that corresponds to this reality if one is unable to see through the empty conceptual shells with which science and the social spheres operate today. This is why people are least able to gain a true perspective when it comes to entering the real spiritual world and deriving a worldview from it or through it. There are people who, whether through their own lively inner development or through external circumstances, are seized by a longing to recognize the spiritual. Yet where do they often look for it? A certain inner complacency in their thinking prevents them from resolving to seek the spiritual where it can truly be found: on the path of the spirit itself. For this is difficult, although—even if it has taken 35 years—it is entirely possible, and when the results come to light, to find them immediately self-evident. Above all, this requires bringing the innermost being of the soul into a certain mood and state of mind—one that even today’s exact scientists are often reluctant to enter. This becomes most clearly evident when an exact scientist, who rightly enjoys a high reputation in the field of external natural science, ventures into the spiritual world.

[ 25 ] Unter denjenigen Büchern, die — abgesehen von der Kriegsliteratur — in den letzten Monaten innerhalb der englisch-sprechenden Welt das allermeiste Aufsehen gemacht haben, ist dasjenige, welches als sein neuestes Buch der Naturforscher Sir Oliver Lodge geschrieben hat. Dieses Buch hat eine besondere Veranlassung. Es hat die Veranlassung, daß der Sohn des Naturforschers Lodge, Raymond Lodge, im Jahre 1915 im August an der Westfront gefallen ist. Nun, Oliver Lodge neigte ja immer zu einer gewissen Wissenschaft über die geistige Welt. Der Tod des Sohnes hat zu seiner Sehnsucht, in die geistige Welt einzudringen, noch das seinige hinzugetan. Und so kam es denn - ich kann diese Dinge nur kurz erzählen, daher wird manches unerklärlich sein, aber ich will den Fall doch erzählen, um das zu bekräftigen, was gerade mit dem angezogenen Gedankengange zusammenhängt -, es kam so: Schon bevor der Sohn fiel, war von Amerika herüber Sir Oliver Lodge darauf aufmerksam gemacht worden, daß irgend etwas mit diesem Sohne geschehen sei. Wenn man liest, was da von Amerika herüber auf dem Umwege durch ein Medium — wie man diese Persönlichkeiten nennt — der Familie Lodge geschrieben worden ist, so hat man als ein wissenschaftlich denkender Mensch — das ist ja Oliver Lodge auch -, oder sagen wir, als ein geisteswissenschaftlich denkender Mensch, den Eindruck: Ja, was ihm da geschrieben worden ist, konnte alles mögliche bedeuten; es kann allenfalls so ausgelegt werden, daß sich Frederick Myers, der Herausgeber einer Schrift über die wissenschaftlichen Untersuchungen über das Seelenleben, der vor langer Zeit gestorben ist, des Sohnes von Sir Oliver Lodge annehmen würde. Man konnte die Sache aber so und so deuten. Wenn Raymond Lodge nicht gefallen war, so konnte man es so deuten, daß Myers ihn beschützen werde vor einem Tode in der Schlacht; nach dem Tode konnte man es so deuten, daß er ihm jenseits ein Helfer, ein Führer sein wird. Ich will gar nicht ausführen, was hinter solchen Dingen steckt; sie sind nicht so harmlos, wie man denkt. Nun fiel Raymond Lodge. Und Sir Oliver Lodge - der es ganz ablehnen würde, auf den Wegen in die geistige Welt einzudringen, um zur unsterblichen Seele zu kommen, die in der hier gemeinten Geisteswissenschaft vertreten werden -, der kam in Verbindung mit nach seiner Ansicht einwandfreien Medien, und da stellte es sich sehr bald für ihn heraus, daß durch diese Medien die Seele des Raymond Lodge sich kundgab, allerlei wirklich mitteilte durch die Medien: wie sie jetzt lebe, welche Wünsche sie habe in bezug auf den Vater, die Familie und so weiter. Nun würde ich die Sache nicht erwähnen, wenn ich bloß erzählen wollte, was gewöhnliche Spiritisten berichten, denn bei denen waltet Kritiklosigkeit; selbst da waltet Kritiklosigkeit, wo Lombroso und Richet dabei sind. Aber Oliver Lodge ist wirklich ein Mensch, der die exakten Methoden kennt, der daher auch bei einer solchen Sache exakt vorgeht, so daß auch derjenige, der in seinem wissenschaftlichen Denken und Forschen eine Erziehung genossen hat an den Methoden der Naturwissenschaft, und der gelernt hat, wirkliche Gewissenhaftigkeit sich auszubilden an der Naturwissenschaft, was im Grunde genommen der Geistesforscher auch sollte, einen gewissen Respekt haben konnte vor der Exaktheit, mit der Oliver Lodge vorgeht bei der Beschreibung der Dinge, die er in seinem dicken Buche mitteilt. Und während man bei gewöhnlichen Berichten selbstverständlich immer gleich sieht, wenn man irgendwie nur ein bißchen bekannt ist mit den Dingen, wo die Beobachter eben nichts gesehen haben, wo die Mitteilungen fehlen über die Zurichtungen und so weiter, sieht man bei Sir Oliver Lodge, daß ein Mensch berichtet, der wirklich wissenschaftliche Methoden zu handhaben und zu beschreiben weiß.

[ 25 ] Among the books that—apart from war literature—have caused the greatest sensation in the English-speaking world in recent months is the one written by the naturalist Sir Oliver Lodge as his latest work. This book has a special occasion behind it. It stems from the fact that the naturalist Lodge’s son, Raymond Lodge, was killed in action on the Western Front in August 1915. Now, Oliver Lodge had always been inclined toward a certain kind of study of the spiritual world. The death of his son added to his own longing to penetrate the spiritual world. And so it came to pass—I can only recount these things briefly, so some aspects may remain unexplained, but I still wish to relate the case to reinforce what is directly connected to the line of thought I have just introduced—it happened this way: Even before his son was killed, Sir Oliver Lodge had been informed from America that something had happened to his son. When one reads what was written from America—via a circuitous route through a medium, as such individuals are called—to the Lodge family, one gets the impression, as a scientifically minded person—which Oliver Lodge certainly is—or, let’s say, as a person with a spiritual-scientific outlook: Yes, what was written to him could mean all sorts of things; at best, it can be interpreted to mean that Frederick Myers—the editor of a treatise on scientific investigations into the life of the soul, who died long ago—would take Sir Oliver Lodge’s son under his wing. But the matter could be interpreted one way or another. If Raymond Lodge was not pleased, one could interpret it to mean that Myers would protect him from dying in battle; after his death, one could interpret it to mean that Myers would be his helper and guide in the afterlife. I do not wish to elaborate on what lies behind such things; they are not as harmless as one might think. Now Raymond Lodge fell. And Sir Oliver Lodge—who would completely reject venturing down the paths into the spiritual world to reach the immortal soul, as advocated in the spiritual science referred to here—came into contact with what he considered to be impeccable mediums, and it very soon became clear to him that through these mediums the soul of Raymond Lodge was making itself known, communicating all sorts of things through them: how she was living now, what her wishes were regarding her father, her family, and so on. Now, I would not mention this matter if I merely wanted to recount what ordinary spiritualists report, for they lack any critical judgment; even where Lombroso and Richet are involved, a lack of critical judgment prevails. But Oliver Lodge is truly a man who knows the exact methods, who therefore proceeds with precision even in such a matter, so that even someone who, in his scientific thinking and research, has been trained in the methods of the natural sciences, and who has learned to cultivate true conscientiousness through the natural sciences—which, after all, a researcher of the spiritual realm should also do—could still have a certain respect for the precision with which Oliver Lodge proceeds in describing the things he recounts in his thick book. And while in ordinary reports one naturally always sees right away—if one is even slightly familiar with the subject matter—where the observers have simply not seen anything, where there are no details about the experimental setups and so on, with Sir Oliver Lodge one sees that this is a person who truly knows how to apply and describe scientific methods.

[ 26 ] Nun hat besonders großen, tiefen Eindruck gemacht eine Sache, die Sir Oliver Lodge angibt. Ich will die anderen Dinge nicht erzählen, denn sie sind, trotzdem sie exakt angegeben werden, nach dem Muster sonstiger Sitzungen. Aber das eine, das besonders großen Eindruck gemacht hat, das ist dieses: Sir Oliver Lodge erzählt, daß durch die einwandfreien Medien - ich kann das alles erzählen, denn Sie wissen, ich vertrete diese Richtung ja nicht — herausgekommen ist, Raymond Lodge habe sich mit Kameraden, bevor er gefallen ist an der Westfront, photographieren lassen. Und nun beschreibt die Seele Raymond Lodges durch das Medium das Bild, und zwar drei Aufnahmen, wie sie so gemacht werden durch den Photographen hintereinander, wo, wenn eine Gruppe aufgenommen ist, die gleiche Gruppe dasitzt, und nur manchmal einer, während er bei der einen Aufnahme die Hände auf die Knie legte, sie dann auf den Stuhl legt oder auf die Schulter des Nachbarn. Mit großer Genauigkeit beschreibt dieses Medium, sagen wir, diese Photographien. Während man — das gibt ja auch Oliver Lodge zu - bei den anderen Dingen manche Zusammenhänge finden könnte so, daß irgendeine leise Suggestion, wie es ja bei solchen Dingen meistens ist, stattgefunden habe, oder sonst ein anderer Vorgang, den jeder Geistesforscher kennt, um auf das Medium zu übertragen, was an Erinnerung, an Reminiszenzen, namentlich an unterbewußten Reminiszenzen an den verstorbenen Raymond Lodge lebte — während das bei alledem ging, was sonst da war, ging es bei diesem Vorfall nicht, denn niemand konnte etwas wissen von diesen Photographien. Diese Photographien waren in der allerletzten Zeit, bevor Raymond Lodge gefallen war, aufgenommen, und waren noch nicht in England angekommen. Niemand wußte etwas davon, weder irgend jemand von der Familie, noch das Medium. Und in der Tat, vierzehn Tage oder drei Wochen nachher kamen die drei Photographien, genau in der Beschreibung, wie sie das Medium gegeben hatte, an. Nun wurde das selbstverständlich für ihn ein experimentum crucis, ein Kreuzbeweis, denn hier war unmittelbar nachweisbar: Niemand konnte etwas davon wissen, es ist etwas gekommen aus einer Welt, die eben nicht die Welt ist, in der früher Raymond Lodge gelebt hat, bevor er durch die Pforte des Todes gegangen ist.

[ 26 ] One thing Sir Oliver Lodge mentions made a particularly deep and lasting impression on me. I won’t go into the other details, because—even though they are described precisely—they follow the pattern of other séances. But the one thing that made a particularly strong impression is this: Sir Oliver Lodge recounts that, through the reliable mediums—I can tell you all this, since you know I don’t subscribe to this line of thought—it emerged that Raymond Lodge had his picture taken with his comrades before he was killed on the Western Front. And now, through the medium, Raymond Lodge’s soul describes the image—specifically, three photographs taken in succession by the photographer, in which, once a group has been photographed, the same group remains seated, and only occasionally does one person, having placed his hands on his knees in one photograph, then rest them on the chair or on the shoulder of the person next to him. With great precision, this medium describes—let’s say—these photographs. Whereas—as Oliver Lodge himself admits—one might find certain connections in the other instances such that some subtle suggestion, as is usually the case with such matters, may have taken place, or some other process familiar to every parapsychologist, in order to convey to the medium what memories, reminiscences—namely, subconscious reminiscences of the late Raymond Lodge—were active—while this was the case with everything else that occurred, it was not the case with this incident, for no one could have known anything about these photographs. These photographs had been taken very shortly before Raymond Lodge’s death and had not yet arrived in England. No one knew anything about them—neither anyone in the family nor the medium. And indeed, fourteen days or three weeks later, the three photographs arrived, exactly as the medium had described them. Now, of course, this became for him an experimentum crucis, a decisive test, for here it was immediately evident: No one could have known anything about them; something had come from a world that is not the world in which Raymond Lodge had lived before he passed through the gate of death.

[ 27 ] Das hat nicht nur auf Sir Oliver Lodge, der eine große Neigung hatte zu solchen Dingen, sondern es hat einen großen Eindruck gemacht auf das ganze für solche Dinge sich interessierende Publikum. Oliver Lodge ist tatsächlich völlig überzeugt worden und konnte auch seine Familienglieder überzeugen, die vorher skeptisch waren; der Kreis hat sich dann immer mehr erweitert. Es ist nun merkwürdig, wie man gerade heute so sehr befriedigt ist, die Unbequemlichkeit sich nicht aufladen zu brauchen, in die Wirklichkeit einzudringen, wie man sich auf leichtgeschürzte Art gerade über die geistige Welt Begriffe bilder.

[ 27 ] This made a great impression not only on Sir Oliver Lodge, who had a strong interest in such matters, but also on the entire audience interested in them. Oliver Lodge was, in fact, completely convinced and was also able to convince members of his family who had previously been skeptical; the circle then expanded more and more. It is now remarkable how, especially today, people are so content not to have to burden themselves with the inconvenience of delving into reality, and how they form concepts of the spiritual world in a rather flippant manner.

[ 28 ] Der Geistesforscher weiß: Wenn schon bei diesen Dingen auf diese Weise etwas herauskommt, so ist es jedenfalls nicht eine Manifestation einer wirklich geistigen Welt. Deshalb nannte ich im letzten Vortrage hier das, was auf solche Weise zutage tritt, gerade das Seelenloseste, dasjenige, woraus der Geist erst recht herausgetrieben ist, obwohl es den Geist manchmal nachbilden kann. Wenn auf diese Weise etwas herauskommt, so verhält sich das zum Geiste so, wie die tote Muschelschale sich zu der lebendigen Auster verhält, wenn die Auster draußen ist. Es kommt die Schale heraus, das Allermateriellste, das Allersinnlichste, der sinnlichste Rest, der nur in seinen Formen manchmal nachbildet das Geistige. Denn den Geist muß man schon auf geistigem Wege suchen. Aber wie konnte sich Oliver Lodge solchem — man darf das sagen, wenn man wirkliche Geistesforschung kennt - solchem Dilettantismus hingeben? Weil ihm einfach die wirklichkeitsgesättigten Begriffe fehlen, um solche Dinge zu beurteilen. Hätte er nur ein wenig in der ja reichen deutschen Literatur über diese Dinge gelesen, die natürlich heute auch wenig berücksichtigt wird, die aber da ist, besonders aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zahlreich da ist, so hätte er gewußt, daß er es, zugegeben alle Exaktheit, doch nicht mit etwas anderem zu tun hat als mit dem, was man in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts im deutschen Geistesleben in das Gebiet der Deuteroskopie verwiesen hat. Man hat da Erscheinungen angeführt wie zum Beispiel die so oft angeführte, wo jemand durch besondere Verfassung des Seelenlebens — sogar Schopenhauer hat es angeführt - in einer Art Traumbewußtsein darauf kommt: Dann und dann wirst du dort und dort einen Unfall haben. Manche somnambule Personen beschreiben ja solche Unfälle in einer nicht allzu ferne liegenden Zukunft so genau, daß sie, wenn sie zum Beispiel vom Pferde stürzen, die Szene ganz genau beschreiben. Man hat es da nicht zu tun mit irgend etwas, was die menschliche Einsicht in die wirkliche geistige Welt erweitern könnte, sondern mit einer bloßen Erweiterung der Wahrnehmung, die sich auf die sinnliche Wirklichkeit bezieht. Man hat es zu tun mit der innerhalb gewisser Grenzen durchaus möglichen Überschreitung der gewöhnlichen Raumes- und Zeitwahrnehmungsgrenzen. Nun lag ganz offenbar in dem Falle des Raymond Lodge nichts anderes vor als das, was in solchen Fällen vorgeht. Was ist Oliver Lodge durch das Medium angegeben worden? Nichts weiter als was dann nachher geschehen ist. Zwar waren zu der Zeit, als das Medium sie beschrieben hat, die Photographien noch nicht da, aber sie sind später angekommen. Der Blick des Oliver Lodge und seiner Familie ist darauf hingerichtet. Es war ein Ereignis, das eintrat; gerade so wie ein Somnambuler träumt, in vierzehn Tagen wird er vom Pferde stürzen. Es ist also nicht irgend etwas, was dem, der nun wirklich Geistesforscher ist, einen Weg weisen würde in eine wirkliche geistige Welt hinein, sondern was sich zu der wirklichen geistigen Welt so verhält, wie die Austernschale zu der Auster. Es bildet das nach. Aber in dem, was da zutage tritt, kann man da etwas vermuten, wenn man die Dinge ernst nimmt? Aber da es bequemer ist, als das wirkliche Eintreten in die geistige Welt, so wird es mancher Mensch mehr lieben, auf diese Weise etwas zu erforschen von der geistigen Welt. Aber man hat es mit etwas viel mehr der Materialität Angehörendem zu tun in einem spiritistischen Phantom, als man es zu tun hat beim wirklichen leiblichen Menschen. Das ist gerade das Eigentümliche mit Bezug auf die Weise, wie sich einleben muß die wirkliche Geistesforschung in das Bildungsleben der Menschen, daß diese Geistesforschung ableiten wird von den Verirrungen, denen selbst große Denker ausgesetzt sind, Menschen ausgesetzt sind, die gerade recht bekannt sind mit den exakten Methoden der äußeren Naturforschung.

[ 28 ] The spiritual researcher knows: If something does emerge in this way even from these things, it is certainly not a manifestation of a truly spiritual world. That is why, in my last lecture here, I called what emerges in this way precisely the most soulless thing—that from which the spirit has been driven out all the more, even though it can sometimes imitate the spirit. When something emerges in this way, its relationship to the spirit is like that of a dead shell to a living oyster when the oyster is out of it. What emerges is the shell—the most material of all, the most sensory of all, the most sensuous remnant, which only in its forms sometimes mimics the spiritual. For one must seek the spirit through spiritual means. But how could Oliver Lodge have indulged in such—and one may say this if one is familiar with genuine spiritual research—such dilettantism? Because he simply lacks the concepts grounded in reality needed to judge such matters. Had he only read a little of the indeed rich German literature on these subjects—which, of course, is scarcely taken into account today, but which does exist, and is particularly abundant from the first half of the nineteenth century—he would have known that, admittedly with all due precision, he is dealing with nothing other than what was classified in German intellectual life during the first half of the nineteenth century as belonging to the field of “Deuteroscopy.” Phenomena were cited there, such as the one so often mentioned, in which someone, due to a particular state of mind—even Schopenhauer cited it—arrives at the realization in a kind of dream-like consciousness: “At such-and-such a time, you will have an accident there and there.” Some somnambulists do indeed describe such accidents in the not-too-distant future so precisely that, if they fall from a horse, for example, they describe the scene in great detail. This has nothing to do with anything that could expand human insight into the real spiritual world, but rather with a mere expansion of perception that relates to sensory reality. What we are dealing with is the transcendence—within certain limits—of the ordinary boundaries of spatial and temporal perception. Now, in the case of Raymond Lodge, there was quite clearly nothing other than what typically occurs in such cases. What was revealed to Oliver Lodge through the medium? Nothing more than what subsequently occurred. Although the photographs were not yet available at the time the medium described them, they arrived later. Oliver Lodge and his family’s attention was focused on them. It was an event that took place; just as a somnambulist dreams that in fourteen days he will fall from a horse. So it is not something that would point the way into a real spirit world for one who is truly a spiritual researcher, but rather something that relates to the real spirit world in the same way that an oyster shell relates to an oyster. It merely mimics it. But in what comes to light there, can one surmise anything if one takes these things seriously? But since it is more convenient than actually entering the spiritual world, many people will prefer to explore the spiritual world in this way. Yet a spiritualist phantom involves something far more material than a real, physical human being. This is precisely what is distinctive about the way in which genuine spiritual research must become integrated into people’s educational lives: that this spiritual research will steer clear of the errors to which even great thinkers are subject—people who are particularly well-versed in the exact methods of external natural science.

[ 29 ] Nun, gerade so, wie man sagen muß, die Naturgesetze, so wie wir sie aus den Naturerscheinungen abstrahieren und auf die Welt anwenden, sind in der charakterisierten Weise nicht anwendbar für den Endzustand der Erde, da sich die Erde eben verwandeln wird mit allem menschlichen Seelen- und Geistesleben, wie es geschildert worden ist, so kann man das auch für den Anfangszustand sagen. Da muß man allerdings lernen, wie sich Erinnerung - also das Leben von Vorstellungen, die schon von selbst so in unserer Seeleleben, daß wir nicht mehr dabei sind - eigentlich verhält zu dem leiblichen Leben. Und studiert man das in eben derselben Weise, wie ich das angegeben habe für jenes Seelenleben, das man braucht für den Erden-Endzustand, dann findet man, daß ein Anfangszustand der Erde auch nicht so berechnet werden kann, wie es die gegenwärtigen Geologen tun, die einfach die physikalischen Gesetze nehmen und dann errechnen, wie nach diesen physikalischen Gesetzen vor so und so vielen Millionen Jahren die Erde ausgesehen haben mag. Man könnte wiederum ebenso die Magengesetze nehmen und die Rechnung anstellen bei einem siebenjährigen Kinde, wie das ausgesehen haben mag als leibliches Wesen vor vierzig Jahren. Da würde man ganz dieselbe Methode einschlagen, wie sie der Geologe einschlägt, wenn er heute den Zustand der Erde vor Jahrmillionen ausrechnet. Es ist wirklich so, daß die Rechnung ganz richtig ist, wie auch die physikalischen Methoden ganz richtig angewendet sind, wenn man aus dem Stoffwechsel eines siebenjährigen Kindes berechnet, wie dieses Kind vor vierzig Jahren ausgesehen haben mag — nur hat es dazumal noch gar nicht gelebt. Und so ist nur das nicht richtig, daß für den Zeitpunkt, für den der Geologe so schöne Dinge angibt — wie ich es vorhin angeführt habe, daß Professor Dewar für den Endzustand der Erde angibt —, die Erde noch nicht da war. Sie war noch nicht aufgetaucht aus dem andersartigen Sonnenleben, sie war noch nicht heraus, sie hatte sich noch nicht herausgehoben. — Und für den Anfangszustand der Erde — das kann ich jetzt nur kurz angeben - ist die Sache so: Wie wir es beim Endzustand der Erde zu tun haben mit dem Aufgehen der in der Sonnen-Erde-Gesetzmäßigkeit befindlichen materiellen Erde in einen geistig-seelischen Zustand, so daß wir mit der Vereinigung mit diesem Zustand selber unser Unsterblich-Übersinnliches tragen durch künftige Weltenläufe, so hat man es zu tun im Beginn der Erdenentwickelung mit einem Herabsteigen - wenn man den Ausdruck, der nicht sehr schön ist, gebrauchen will eines Geistig-Seelischen; aber so, daß es nun nicht geistiger wird, sondern von dem, was vom Sonnenhaften herkommt, in Anspruch genommen, gleichsam überflügelt wird, so daß sich innerhalb des Materiellen das aus dem Geistigen Herkommende verwirklicht, man kann schon sagen: verkörperlicht. Da hat man es mit dem umgekehrten Vorgang zu tun: mit der Herkunft eines Geistigen aus einem Geistigen, das sich umgibt, einhüllt — «einwickelt», könnte man sagen, im Gegensatz zu «entwickelt» — in ein Materielles aus der Raumeswelt, aus der Zeitenwelt. Und auch da bemerkt man also wiederum, daß für den Anfang der Erdenentwickelung die Gesetze gelten, die ich vorhin für die Parallelströmung des Unterbewußten angeführt habe, daß da die gewöhnlichen Gesetze der Mathematik aufhören. So grotesk es klingt, es ist doch wahr. Und ich möchte sagen: Kant hat eine Viertelwahrheit von diesem begriffen, indem er in seinen Antinomien gezeigt hat, wie für gewisse Anfangs- und Endzustände gedacht werden kann so und so; nur weil er eben eine Viertelwahrheit gefunden hat, hat das Ganze eher lähmend gewirkt auf das Weltenbild der Wirklichkeit, als daß es fördernd hätte werden können. Denn Kant hätte nicht nur müssen den Glauben haben, daß Raum und Zeit an das menschliche Anschauungsvermögen gebunden sind, sondern er hätte können erkennen, wenn er zur wirklichen Geistesforschung vorgedrungen wäre, wie das, was im Menschen als GeistigSeelisches lebt, in enger Verbindung steht mit dem geistigseelischen Geschehen des gesamten äußeren Daseins, zunächst des Erdendaseins, und wie eine Durchforschung des GeistigSeelischen ein wirklich geisteswissenschaftliches Weltenbild ergibt, so daß man sagen kann: an den Verkehr des Menschen mit der Erde ist gebunden unsere Raumes- und Zeitenwelt. Daher ist auch das, was wir durch sie ausmachen können, nur vom Erdenanfang bis zum Erdenende gültig. Und man muß die anderen Gesetze kennenlernen, die in der anderen Strömung sind, wenn man über Erdenanfang und Erdenende so reden will, daß sich ein wahrhaftiges, wirkliches Weltenbild ergibt. Dann allerdings erkennt man, daß des Menschen Seele älter ist als die Erde; daß des Menschen Seele in jenem Geistigen schon vorhanden war, das sich eingewickelt, involviert hat in jene Erdengesetzmäßigkeit, die im Verkehr der Erde mit dem Sonnenleben zustandekommt.

[ 29 ] Well, just as one must say that the laws of nature—as we abstract them from natural phenomena and apply them to the world—are not applicable in the manner described to the final state of the Earth, since the Earth will be transformed along with all human soul and spiritual life, as has been described, so one can also say the same for the initial state. However, one must learn how memory—that is, the life of ideas that already exist of their own accord in our soul life, so that we are no longer present in them—actually relates to physical life. And if one studies this in precisely the same way as I have indicated for that soul life required for the Earth’s final state, then one finds that the Earth’s initial state cannot be calculated in the way current geologists do—who simply take the laws of physics and then calculate what the Earth might have looked like so many millions of years ago according to those laws. One could just as easily take the laws of digestion and use them to calculate what a seven-year-old child might have looked like as a physical being forty years ago. One would be employing exactly the same method as the geologist uses today when calculating the state of the Earth millions of years ago. The fact is that the calculation is entirely correct, just as the physical methods are applied entirely correctly, when one uses the metabolism of a seven-year-old child to calculate what that child might have looked like forty years ago—only the child wasn’t even alive back then. And so the only thing that is not correct is that, at the point in time for which the geologist describes such beautiful things—as I mentioned earlier, what Professor Dewar describes as the Earth’s final state—the Earth did not yet exist. It had not yet emerged from that different form of solar existence; it had not yet come into being; it had not yet risen up. — And as for the initial state of the Earth—I can only touch on this briefly now—the situation is as follows: Just as, in the final state of the Earth, we are dealing with the ascension of the material Earth—which is subject to the laws governing the Sun and Earth—into a spiritual-soul state, so that through our union with this state itself we carry our immortal, supersensible nature through future world cycles, so too, at the beginning of Earth’s evolution, we are dealing with a descent—if one wishes to use this expression, which is not very elegant—of a spiritual-soul element; but in such a way that it does not become more spiritual, but is taken over—as it were, overshadowed—by that which comes from the Solar, so that within the material realm, that which comes from the spiritual is realized; one might even say: embodied. Here we are dealing with the reverse process: the origin of a spiritual entity from a spiritual entity that surrounds and envelops it—one might say “wraps” it, in contrast to “unfolds”—into a material entity from the world of space, from the world of time. And here, too, one observes once again that the laws I mentioned earlier regarding the parallel current of the subconscious apply to the beginning of Earth’s evolution—that the ordinary laws of mathematics cease to apply there. As grotesque as it sounds, it is nevertheless true. And I would like to say: Kant grasped a quarter-truth of this when, in his antinomies, he showed how certain initial and final states can be conceived in one way or another; but precisely because he found only a quarter-truth, the whole thing had a rather paralyzing effect on the worldview of reality, rather than being something that could have been constructive. For Kant should not only have believed that space and time are bound to human perceptual capacity, but he could have recognized—had he advanced to true spiritual research—how that which lives within the human being as the spiritual-soul aspect is closely connected to the spiritual-soul processes of the entire external existence, first and foremost earthly existence, and how an exploration of the spiritual-psychic realm yields a truly spiritual-scientific worldview, so that one can say: our world of space and time is bound up with humanity’s relationship to the Earth. Therefore, what we can discern through it is valid only from the beginning of the Earth to its end. And one must come to know the other laws that operate in a different current if one wishes to speak of the beginning and end of the Earth in such a way that a true, genuine worldview emerges. Then, however, one recognizes that the human soul is older than the Earth; that the human soul already existed in that spiritual realm which has wrapped itself up, become involved in, the Earth’s laws that arise from the Earth’s interaction with the life of the Sun.

[ 30 ] Geisteswissenschaft kommt damit hinaus über dasjenige Weltenbild, von dem ich neulich sagte, daß es auf Herman Grimm, der ja diese Zusammenhänge natürlich nicht kannte, einen so abstoßenden Eindruck gemacht hat. Ich habe schon dazumal Herman Grimms Worte mitgeteilt, ich habe sie oft schon mitgeteilt, aber sie sind im Grunde ja so interessant, daß man sie immer wiederum auf seine Seele wirken lassen kann. Denn man hat in ihnen Worte, die beweisen, wie eine gesund empfindende Seele sich verhalten muß zu solchen Weltenbildern, wie etwa der Professor Dewar in der geschilderten Weise sie der Welt aufgebunden hat, und wie sie so fest haften in der Bildung der Gegenwart, daß man natürlich heute noch als ein recht verrückter Kerl gilt, wenn man zustimmt solchen Worten, wie sie Herman Grimm ausgesprochen hat. Herman Grimm verzieh man das. Man sagte: ach, das ist ein Kunstforscher, der ist — ja, nun, der ist nicht bekannt im allgemeinen mit den Regeln der exakten Naturwissenschaft, mit deren Ergebnissen; das hat keine Bedeutung. Das ist ein schöner Grund. Aber dem ernsten Geistesforscher wird man es nicht verzeihen, wenn er Grimms Worte, die er in Anknüpfung an Goethes Weltanschauung sagte, anführt:

[ 30 ] Spiritual science thus transcends the worldview that I recently mentioned—the one that made such a repulsive impression on Herman Grimm, who, of course, was unaware of these connections. I have already quoted Herman Grimm’s words on this occasion—I have quoted them many times—but they are, after all, so interesting that one can always allow them to take effect on one’s soul anew. For in them one finds words that demonstrate how a soundly sensitive soul must respond to such worldviews—such as the one Professor Dewar presented to the world in the manner described—and how deeply ingrained they are in contemporary thought, so that even today one is naturally still regarded as a rather eccentric fellow if one agrees with words such as those spoken by Herman Grimm. Herman Grimm was forgiven for this. People said: “Oh, he’s an art scholar; he’s—well, he’s generally unfamiliar with the rules of exact natural science and its findings; that doesn’t matter.” That’s a fine excuse. But the serious researcher of the spirit will not be forgiven if he quotes Grimm’s words, which he spoke in connection with Goethe’s worldview:

[ 31 ] «Längst hatte, in seinen (Goethes) Jugendzeiten schon die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfaßbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem heutigen Publikum völlig begreiflicher Prozeß, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens mehr bedurfte, als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.»

[ 31 ] “Long before, during his (Goethe’s) youth, the grand Laplace-Kantian vision of the Earth’s formation and eventual demise had already taken hold. From the self-rotating cosmic nebula—children already learn this in school—the central protoplanet forms, which later becomes the Earth, and, as a solidifying sphere, undergoes all phases over inconceivable periods of time—including the episode of human habitation—only to finally plunge back into the Sun as burnt-out slag: a long process, yet one that is entirely comprehensible to today’s audience, the completion of which required no further external intervention than the effort of some external force to maintain the sun at a constant temperature.”

[ 32 ] Wie sollten die Kinder es denn auch nicht glauben, wie sollten sie denn dieser wissenschaftlichen Phantasie sich nicht hingeben! Man kann es ja so einfach zeigen. Man braucht sich nur als Lehrer hinzustellen, man nimmt ein aus einer gewissen Substanz geformtes 'Tröpfchen, nimmt ein Kartenblättchen und schiebt dieses in die Äquatorebene, in den Äquatorkreis des Tröpfchens, steckt oben eine Nadel hinein, bringt es aufs Wasser; dann dreht man und kann dann zeigen, wie so hübsch die kleinen Tröpfchen entstehen, wie die kleinen Weltensysteme entstehen. Wie könnte denn irgend etwas beweisender sein als dies, dafür, daß auch dasgroße Weltengebäude nach Kant-Laplace’scher Theorie entstanden ist. Nur leider - manchmal ist es gut, sich selber zu vergessen, in diesem Falle aber, wenn man wissenschaftlich experimentiert, darf man sich nicht selbst vergessen —, hat nämlich der Lehrer sich selber vergessen. Denn, hätte er nicht gedreht, dann wäre nichts geworden von dem Weltensystem. Wenn er richtig diesen Vorgang schildern wollte, dann müßte er einen riesigen Herrn Professor im Weltenall stehend denken.

[ 32 ] How could the children not believe it, how could they not give themselves over to this scientific imagination! After all, it’s so easy to demonstrate. All you have to do is stand there as a teacher, take a “droplet” formed from a certain substance, take a small piece of paper, and slide it into the equatorial plane—into the equatorial circle of the droplet—stick a needle into the top, and place it on the water; then you turn it and can show how beautifully the little droplets form, how the little solar systems come into being. What could be more conclusive proof than this that even the vast structure of the universe arose according to the Kant-Laplace theory? Unfortunately—though it is sometimes good to lose oneself, in this case, when conducting a scientific experiment, one must not lose oneself—the teacher actually lost himself. For if he hadn’t rotated the droplet, nothing would have come of that cosmic system. If he wanted to describe this process accurately, he would have to imagine a giant professor standing in the cosmos.

[ 33 ] Kurz, die Sache ist so, trotzdem sie heute allgemein wissenschaftlich ist, daß Herman Grimm sagen kann:

[ 33 ] In short, the fact is—even though it is now generally accepted by scholars—that Herman Grimm can say:

[ 34 ] «Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleich zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wißbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden. Niemals hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlaß gewährt... .»

[ 34 ] “No more fruitless prospect for the future can be imagined than the one that is being forced upon us today as scientifically necessary in this expectation. A scrap of carrion that a hungry dog would go out of its way for would be a refreshing, appetizing morsel compared to this final excrement of creation, as which our Earth would ultimately fall back to the sun, and it is the thirst for knowledge with which our generation accepts such ideas and presumes to believe them—a sign of a sick imagination—that scholars of future epochs will one day expend much ingenuity in explaining as a historical phenomenon of our time. Goethe never gave such desolation a foothold... .”

[ 35 ] So liefert die Geisteswissenschaft ein anderes Weltenbild, welches in den Anfangs- und Endzustand der Erde das Geistig-Seelische so mit aufnehmen kann, daß diese Aufnahme wahrhaftig so gestützt ist, wie irgendeine andere wissenschaftliche Tatsache, nur daß diese Dinge eben geistig-seelisch erforscht werden müssen, nicht äußerlich ausspintisiert werden können auf Grundlage dessen, was nur für die materiellen Vorgänge der Erde gilt, solange eben die Erde dieser materielle Leib ist, der sie ist.

[ 35 ] Thus, spiritual science provides a different worldview that can incorporate the spiritual-soul aspects into the Earth’s initial and final states in such a way that this incorporation is truly as well-founded as any other scientific fact, except that these matters must be investigated from a spiritual-psychic perspective and cannot be extrapolated externally on the basis of what applies only to the material processes of the Earth, as long as the Earth remains the material body that it is.

[ 36 ] Die Menschen bemerken heute gar nicht, in welchen Begriffsschatten sie eigentlich leben. Nur manchmal denkt einer etwas schärfer; er kommt dann zwar nicht los von diesen Begriffsschatten, aber er denkt ein bißchen schärfer und da kommt er denn manchmal zu ganz merkwürdigen Behauptungen. So zum Beispiel Eduard von Hartmann, der von den physikalischen Vorstellungen nicht loskam, aber der denken konnte. Hartmann kam dahin, auch über die physikalischen Vorstellungen zu denken. Er dachte im Sinne dieser physikalischen Vorstellungen und hatte den Mut, auszusprechen, was sich ihm da ergab. Nehmen Sie einen sehr netten Ausspruch:

[ 36 ] People today are completely unaware of the conceptual shadows in which they actually live. Only occasionally does someone think a bit more sharply; although they cannot escape these conceptual shadows, they do think a little more sharply, and as a result, they sometimes arrive at quite strange assertions. Take Eduard von Hartmann, for example, who could not break free from physical concepts but was still able to think. Hartmann came to the point where he could think even beyond those physical concepts. He thought in terms of these physical concepts and had the courage to voice what emerged from them. Consider this very nice statement:

[ 37 ] «Daß es eine wirkliche Natur gibt, und daß die von der Physik aufgestellten Gesetze in dieser wirklichen Natur Geltung haben, ist selber nur eine Hypothese.»

[ 37 ] “That there is a real nature, and that the laws established by physics hold true in this real nature, is itself merely a hypothesis.”

[ 38 ] Was steckt eigentlich dahinter? Das heißt: die Physik stellt Gesetze auf; wenn man sie wirklich durchdenkt, ist die ganze Natur nur eine Hypothese. Es ist auch wirklich dann nur eine Hypothese, denn mit den physikalischen Begriffen kommt man an die Wirklichkeit nicht heran. Und wenn denjenigen, die ein Weltenbild sich formen aus den physikalischen Begriffen, nicht- Gott sei Dank -die wirkliche, von der Sonne beschienene Natur, die Sonne entgegen schiene, so bliebe sie ihnen auch eine Hypothese. Es gilt ihnen nur die äußere Wirklichkeit.

[ 38 ] What is really behind this? In other words: physics establishes laws; if one really thinks them through, the whole of nature is merely a hypothesis. It truly is only a hypothesis, because one cannot approach reality using physical concepts. And if—thank God—those who form a worldview based on physical concepts were not confronted by real, sunlit nature, it would remain nothing more than a hypothesis to them as well. For them, only external reality counts.

[ 39 ] Auf dem geistigen Felde muß man es schon zu einer Wirklichkeit bringen, indem man bei dem Eindringen in dieselbe durchaus tätig ist. Das ist nicht so bequem. Das gibt sich einem nicht von selber, wie die äußere Natur. Aber ein solcher Ausspruch, wie der Eduard von Hartmanns, zeigt durchaus, daß die Begriffe, die herrschen, auch auf physikalischem Gebiet ohnmächtig sind, die wirkliche Natur zu erreichen. Denn der, der wirklich denken kann, der weiß, daß die Natur da draußen ist, aber was der Physiker davon aufnehmen will, das gibt nur eine hypothetische Natur.

[ 39 ] In the realm of the spirit, one must bring it into reality by being thoroughly active in penetrating it. That is not so easy. It does not present itself to one of its own accord, as external nature does. But a statement such as that made by Eduard von Hartmann clearly shows that the prevailing concepts, even in the field of physics, are powerless to grasp true nature. For anyone who is truly capable of thinking knows that nature exists out there, but what the physicist seeks to grasp of it yields only a hypothetical nature.

[ 40 ] Es ist ein bedeutsamer Gedanke, den da Hartmann äußert, obwohl es ein ganz wahnsinniger Gedanke selbstverständlich ist. Es wird schon einmal, weil die Bedingungen dazu vorhanden sind, dazu kommen, daß Geisteswissenschaft in das Bildungsleben der Menschheit eingeht. Aber es wird manches wiederum verstanden werden müssen, was heute nicht mehr verstanden wird, was heute nurmehr wie dem Wortklange nach aufgenommen wird.

[ 40 ] This is a significant idea that Hartmann expresses, even though it is, of course, a completely absurd one. The time will come—because the conditions for it exist—when spiritual science will become part of humanity’s educational life. But there will be many things that will have to be understood again, things that are no longer understood today, things that are now merely taken in for the sake of the sound of the words.

[ 41 ] Ich habe hier oftmals die erste Stufe der Anschauung, zu der man gelangt, wenn man diese zweite Strömung des menschlichen Seelenlebens betrachtet, die bewußt werden kann, das imaginative Vorstellen genannt. Man muß zu diesem imaginativen Vorstellen, das kein eingebildetes Vorstellen ist, sondern ein Leben in der geistigen Wirklichkeit, vordringen, um die Wirklichkeit überhaupt zu erfassen. Man wird wiederum verstehen müssen solche Vorstellungen, die innerlich beleben können dieses Eindringen in die geistige Wirklichkeit. Man wird nicht bloß dem Wortklange nach, sondern ihrem tieferen inneren Werte nach solche Worte verstehen müssen, wie sie sich zu hunderten finden in den nur so hingeworfenen Fragmenten eines großen Geistesmenschen, der nur früh gestorben ist: Novalis. Und gerade aus dem, was heute ausgeführt worden ist über Leben, Tod und Unsterblichkeit im Weltenall, wird man eine Ahnung bekommen, welche Tiefe zum Beispiel in einem solchen Worte des Novalis liegt: «Wir werden erst Physiker werden, wenn wir imaginative Stoffe und Kräfte zum Maßstab der Naturstoffe und Kräfte machen.» Das heißt: Wenn wir aus dem Imaginativen heraus auch erkennen können, wenn wir an die äußere Natur herangehen.

[ 41 ] I have often referred to the first stage of perception one reaches when observing this second current of human soul life—which can become conscious—as “imaginative conception.” One must penetrate to this imaginative perception—which is not a figment of the imagination but a life within spiritual reality—in order to grasp reality at all. One will, in turn, have to understand those images that can inwardly enliven this penetration into spiritual reality. One will have to understand words such as these—which are found by the hundreds in the seemingly haphazardly jotted fragments of a great spiritual being who died all too young—not merely by the sound of the words, but by their deeper inner meaning: Novalis. And precisely from what has been discussed today regarding life, death, and immortality in the universe, one will gain a sense of the depth contained, for example, in a statement by Novalis such as this: “We will only become physicists when we make imaginative substances and forces the standard by which to measure natural substances and forces.” That is to say: If we can also perceive from the imaginative realm when we approach external nature.

[ 42 ] Gewiß, es mußte eine Zeitlang die Aufmerksamkeit der Menschen abgelenkt werden vom Geistigen, damit die großen Fortschritte auf äußeren, naturwissenschaftlichen Gebieten gemacht werden konnten. Aber der Mensch darf sich nicht abschnüren von der geistigen Welt. Es muß wiederum die Anknüpfung gefunden werden an wirkliches geistiges Forschen.

[ 42 ] Certainly, people’s attention had to be diverted from spiritual matters for a time so that great progress could be made in the external, scientific fields. But human beings must not cut themselves off from the spiritual world. The connection to genuine spiritual inquiry must be reestablished.

[ 43 ] Man soll nun nicht glauben, daß man durchaus mit allem Vernünfligen, mit allem Gesunden brechen müsse, wenn man sich nicht den Vorstellungen hingibt, die aus einer falschen Ausdeutung der Physik heraus solch ein Mensch wie Professor Dewar gibt. Allerdings, die Sache hat auch in gewissem Sinne ihr Moralisches. Und es wird mit Bezug auf vieles auch eine andere wissenschaftliche Gesinnung erst platzgreifen müssen, als diejenige ist, die heute oftmals gerade die wissenschaftlichen Menschen beherrscht, wenn man sich in der richtigen Weise wird stellen wollen zu der Erforschung der geistigen Welten, um jene innere Seelenruhe zu finden, die das Miterleben in der geistigen Welt so möglich macht, daß die geistige Welt gegenständlich wird, daß die geistige Welt wirklich da ist vor dem Seelenauge, nicht als ein verwaschener Pantheismus oder Mystizismus. Man wird gewisse Dinge auch mit Bezug auf das innere Seelenauge ausbilden müssen, vor allen Dingen eine gewisse Gelassenheit und Demut in bezug auf das innere Erleben. Ich meine es nicht in dem sentimentalen Sinn, wie mancher, der sich Mystiker nennt, denn ich halte von all diesen Schablonen-Benennungen gar nichts. Man wird sich aber aneignen müssen eine gewisse Stimmung. Denn angeähnelt hat sich auch die Stimmung jenen Begriffen, die nur haften an der Oberfläche, und die Menschen glauben, besonderen Idealismus zu entwickeln, wenn sie mit den gebräuchlichen Schattenbegriffen ein wenig Abstraktion treiben von der äußeren sinnlichen Wirklichkeit. Man wird eine andere Gesinnung entwickeln müssen, denn auch die Gesinnung der Wissenschaft hat sich dem bloßen Haften an dem äußeren Leben hingegeben, eine Gesinnung, die ich nun zum Schlusse in ein paar Wortenzusammenfassen will. Nicht meine Worte sollen es sein, sondern die Worte, die eine sinnige deutsche Persönlichkeit gebraucht hat, als sie ein geisteswissenschaftliches Buch übersetzt hat, — der sinnige Matthias Claudius. Lassen Sie mich mit seinen Worten schließen, indem ich gewissermaßen die Seelenkraft zeigen möchte, die als Seelengesinnung in innerer Stimmung eintreten muß, wenn man wiederum hinauskommen soll über solche wissenschaftliche Wahnvorstellungen, wie ich sie heute auch charakterisiert habe. Matthias Claudius sagte bei dieser Gelegenheit, als er ein Buch aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft übersetzte — wie es der damaligen Zeit entsprach, nicht wie es der heutigen Zeit entsprechen würde -, da sagte er in seiner Vorrede:

[ 43 ] One should not think, however, that one must necessarily break with everything reasonable and sound simply because one does not subscribe to the ideas put forward by someone like Professor Dewar, which stem from a misinterpretation of physics. Admittedly, the matter also has a moral dimension in a certain sense. And with regard to many things, a different scientific mindset will have to take hold—one different from the one that often dominates even scientists today—if we are to approach the exploration of the spiritual worlds in the right way, in order to find that inner peace of mind which makes participation in the spiritual world possible in such a way that the spiritual world becomes tangible, that the spiritual world is truly present before the eye of the soul—not as a vague form of pantheism or mysticism. One will also have to cultivate certain qualities in relation to the inner eye of the soul—above all, a certain serenity and humility regarding inner experience. I do not mean this in the sentimental sense, as some who call themselves mystics do, for I have no regard whatsoever for all these stereotypical labels. But one will have to cultivate a certain disposition. For the disposition, too, has become accustomed to those concepts that cling only to the surface, and people believe they are developing a special kind of idealism when they engage in a little abstraction from external sensory reality using the usual shadowy concepts. One will have to develop a different mindset, for even the mindset of science has succumbed to mere clinging to external life—a mindset that I now wish to summarize in a few words as a conclusion. These shall not be my own words, but rather the words used by a profound German figure when translating a book on the humanities—the profound Matthias Claudius. Let me conclude with his words, as I wish to illustrate, so to speak, the spiritual strength that must take hold as a spiritual attitude within one’s inner disposition if one is to move beyond such scientific delusions as I have characterized today. Matthias Claudius said on this occasion, when he was translating a book in the field of spiritual science—as was customary at that time, not as would be customary today—he wrote in his preface:

[ 44 ] «... denn ob einer auf einen Schnurrbart oder auf eine Metaphysik und Henriade eingebildet und ein Narr ist, ob einer über einen größeren Kürbis» — er meint den Kopf «oder über die Erfindung der Differential- und Integralrechnung haßt und neidet, kurz, ob man sich von seinen fünf Jochochsen» — er meint die fünf Sinne — «oder von seiner Polyhistorey» — das heißt von seiner äußeren Gelehrsamkeit — «am Seil halten und hindern läßt, das scheint im Grunde einerlei zu sein und nicht zweierlei.»

[ 44 ] "... whether someone is conceited and a fool because of a mustache or because of metaphysics and the Henriade, whether someone hates and envies another because of a larger pumpkin”—he means the head—“or because of the invention of differential and integral calculus; in short, whether one is held back by one’s five yoke-oxen” — he means the five senses — “or by one’s ‘polyhistor’”—that is, one’s outward erudition — “holds oneself back and lets oneself be hindered, that seems, at the end of the day, to be one and the same thing and not two different things.”

[ 45 ] Und da inneres Seelenleben wirklich mit der Seelengesinnung sehr eng zusammenhängt, so wird schon nötig sein, daß ausgegossen werde über die Sehnsucht nach einem Erforschen der geistigen Welt eine Gesinnung, wie sie sich ausdrückt in diesen schönen Worten des Matthias Claudius. Denn hat der Mensch das in sich verwirklicht, was in diesen Worten angedeutet ist, dann steht er wirklich mit seinem Gefühl in einem Verhältnis zur geistigen Welt. Und das ist eine Vorbereitung dazu, um sich all die Nebel wegzuschaffen, die namentlich vor der geistigen Welt sich erheben, wenn man all die verschiedenen Arten von Hochmut und Überhebung auf sich wirken läßt, die gerade in der gegenwärtigen Geistesbildung vorhanden sind.

[ 45 ] And since inner spiritual life is truly very closely connected to one’s spiritual disposition, it will be necessary to infuse the longing to explore the spiritual world with a disposition such as that expressed in these beautiful words by Matthias Claudius. For when a person has realized within themselves what is implied in these words, they truly stand in a relationship with the spiritual world through their feelings. And this is a preparation for dispelling all the mists that rise up, particularly before the spiritual world, when one allows all the various forms of pride and arrogance—which are especially prevalent in contemporary intellectual culture—to take hold.