The Eternal in the Human Soul
Immortality and Freedom
GA 67
24 January 1918, Berlin
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The Eternal in the Human Soul, tr. SOL
1. Ziel und Wesen der Geistesforschung
1. The Goal and Nature of Spiritual Research
[ 1 ] Wie jetzt schon seit einer recht langen Reihe von Jahren, möchte ich auch in diesem Winter hier in Berlin eine Anzahl von Vorträgen halten über Gegenstände der Geisteswissenschaft. Die Vorträge werden durchzogen sein von einem gemeinsamen Gedankengang, doch möchte ich die einzelnen Vorträge so gestalten, daß jeder für sich, wenigstens in einem gewissen Sinne, als ein abgeschlossenes Ganzes gehört werden kann.
[ 1 ] As I have done for quite a number of years now, I would like to give a series of lectures here in Berlin this winter on topics in the humanities. The lectures will be linked by a common line of thought, but I would like to structure the individual lectures so that each one can be heard, at least in a certain sense, as a self-contained whole.
[ 2 ] Der heutige Vortrag ist zunächst einleitend und orientierend gedacht. Er soll handeln über Ziel und Wesen der hier gemeinten Geistesforschung.
[ 2 ] Today's lecture is intended primarily as an introduction and an overview. It will address the purpose and nature of spiritual research as discussed here.
[ 3 ] Spricht man von den Zielen der Geistesforschung, so bezieht man sich eigentlich auf etwas, was Ziel zugleich jedes wahrhaft menschlichen, menschlich fühlenden und empfindenden Herzens ist, und, man kann sagen, was Ziel ist der Menschheit, des menschlichen Erkenntnisstrebens, seit es überhaupt eine denkende, fühlende Menschheit gibt. Und dennoch: jedes Zeitalter muß dieses Ziel auf verschiedene Weise zu erreichen versuchen. Es ist ja auch auf anderen Gebieten des menschlichen Strebens so. Wenn man die verschiedenen Epochen der menschlichen Entwickelung an sich vorüberziehen läßt, so sieht man, daß von Zeitalter zu Zeitalter die Charaktere der menschlichen Bestrebungen sich ändern; die Interessen werden auf immer anderes und anderes gerichtet, die Impulse gehen aus immer anderen und anderen Ecken der menschlichen Seele hervor, das Leben wird von immer neuen und neuen Gesichtspunkten beherrscht. Daher kommt es, daß das, was eigentlich uralt ist, in einer immer neuen und neuen Form von der Menschheit angestrebt werden muß, auch wenn sich dieses Angestrebte auf das ewige, unvergängliche Ziel der Menschheit selber richtet. Man braucht nur daran zu denken, wie verschieden ist beim Menschen die Art und Weise, wie er das äußere räumliche Weltgebäude heute ansieht, von jener Art, wie er es ansah noch vor fünf bis sechs Jahrhunderten. Man könnte auf anderen Gebieten dieselbe Betrachtung anstellen und würde finden, daß die ganze Art und Form des menschlichen Strebens und Denkens, alle Beziehungen des menschlichen Denkens zur Welt sich fortwährend ändern. Diesem Umstande will insbesondere das, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird, Rechnung tragen. Sie will das tiefste Ziel des menschlichen Erkenntnisstrebens in einer solchen Weise verfolgen, wie es gerade entsprechen muß dem Charakter, der Eigenart des menschlichen Strebens in der Gegenwart und der nächsten Zukunft.
[ 3 ] When we speak of the goals of spiritual research, we are actually referring to something that is at the same time the goal of every truly human heart—one that feels and senses—and, one might say, the goal of humanity and of the human quest for knowledge ever since there has been a thinking, feeling humanity. And yet: every age must strive to attain this goal in different ways. This is also true in other areas of human endeavor. When one surveys the various epochs of human development, one sees that from age to age the nature of human aspirations changes; interests are directed toward ever-changing things, impulses arise from ever-changing corners of the human soul, and life is governed by ever-new perspectives. This is why that which is actually ancient must be sought by humanity in ever-new forms, even when this pursuit is directed toward the eternal, imperishable goal of humanity itself. One need only consider how different the way in which people view the external, spatial structure of the world today is from the way they viewed it even five or six centuries ago. One could apply the same observation to other fields and would find that the entire nature and form of human striving and thinking, as well as all the relationships between human thought and the world, are constantly changing. What is referred to here as anthroposophically oriented spiritual science seeks in particular to take this circumstance into account. It aims to pursue the deepest goal of the human quest for knowledge in a way that must correspond precisely to the character and distinctive nature of human striving in the present and the near future.
[ 4 ] Was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, kann sehr leicht verkannt werden. Es wird auch sehr leicht verkannt und in den weitesten Kreisen heute noch durchaus mißverstanden. Man denkt dabei an irgend etwas Sektiererisches, stellt sich etwas vor, was wie eine neue Religionsgründung etwa auftreten will oder dergleichen. Das ist alles durchaus nicht richtig. Was diese Geisteswissenschaft will, steht eigentlich so zum menschlichen Streben, daß es sich ausleben muß wie eine unmittelbare Fortsetzung der so tief in alles menschliche Denken und Vorstellen eingreifenden naturwissenschaftlichen Weltanschauung selber. Zunächst ist diese hier gemeinte Geisteswissenschaft gar nicht etwa hervorgegangen aus einem religiösen Impuls, sondern sie ist hervorgegangen aus dem, was sich notwendigerweise neben die Naturwissenschaft mit ihren großen Errungenschaften und ihren großen Einsichten in das äußere Leben des Daseins in Gemäßheit unserer Gegenwart und Zukunft hinstellen muß. Es muß dabei immer wieder betont werden: Geisteswissenschaft verkennt nicht die naturwissenschaftlichen Errungenschaften, sondern anerkennt sie im tiefsten Sinne; aber gerade was die Naturwissenschaft groß, bedeutend gemacht hat, was ihr die großen Erfolge gebracht hat, das hat sie zu gleicher Zeit davon abgebracht, Mittel und Wege zu finden, um in das Geistesleben der Menschheit selbst einzudringen. Man braucht nur hinzuweisen auf das eigentliche Ziel des menschlichen Geistesstrebens, auf dasjenige, was im Mittelpunkte dieses Strebens steht, und man wird, wenn man im gegenwärtigen Wissenschaftsleben Umschau hält, sofort erkennen, daß dieses eben Gesagte richtig ist.
[ 4 ] What is meant here by “spiritual science” can very easily be misunderstood. It is, in fact, very easily misunderstood and is still quite frequently misinterpreted in the broadest circles today. People tend to think of something sectarian, imagining something that seeks to present itself as a new religious movement or the like. None of this is correct at all. What this spiritual science aims for is actually so closely aligned with human endeavor that it must unfold as a direct continuation of the scientific worldview itself—a worldview that penetrates so deeply into all human thought and imagination. To begin with, the spiritual science referred to here did not arise from a religious impulse at all, but rather from what must necessarily stand alongside natural science—with its great achievements and profound insights into the outer life of existence—in harmony with our present and future. It must be emphasized time and again: spiritual science does not disregard the achievements of natural science, but rather acknowledges them in the deepest sense; yet precisely what has made natural science great and significant—what has brought it its great successes—has at the same time prevented it from finding ways and means to penetrate into the spiritual life of humanity itself. One need only point to the true goal of human spiritual striving—to that which stands at the center of this striving—and one will, upon surveying the current state of scientific life, immediately recognize that what has just been said is true.
[ 5 ] Der bedeutende Philosoph Eduard von Hartmann hat gegen das Ende seines Lebens eine Geschichte der Seelenlehre geschrieben. In dieser Geschichte der Seelenlehre, die sehr bemerkenswert ist, hat er es ausgesprochen, daß eigentlich seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schon die wissenschaftlich, die akademisch betriebene Seelenlehre gerade diezwei Hauptfragen der menschlichen Seelenerkenntnis im Grunde genommen nicht berühren kann. Diese zwei Hauptfragen sind ja keine anderen als die nach dem Ewigen in der menschlichen Seele, die man im wesentlichen die Unsterblichkeitsfrage nennt, und die andere, die Frage nach dem Wesen der menschlichen Freiheit; und im Grunde genommen gipfelt alles, was auf diesem Gebiete nach Erkenntnis strebt, darin, klare, sichere, wahrhafte Erkenntnis über diese zwei Fragen zu erringen. Und gerade über diese zwei Fragen wird man nicht Mittel und Wege finden in demjenigen, was heute wissenschaftliche Seelenlehre ist.
[ 5 ] Toward the end of his life, the eminent philosopher Eduard von Hartmann wrote a history of the philosophy of the soul. In this history of the philosophy of the soul—which is quite remarkable—he stated that, in fact, since the mid-nineteenth century, the scientific and academic study of the soul has essentially been unable to address the two main questions of human knowledge of the soul. These two main questions are none other than the question of the eternal in the human soul—which is essentially called the question of immortality—and the other, the question of the nature of human freedom; and, fundamentally, everything that strives for knowledge in this field culminates in attaining clear, certain, and true knowledge regarding these two questions. And it is precisely regarding these two questions that one will not find the means and ways in what is today known as scientific psychology.
[ 6 ] Einer der vielleicht Allerbedeutendsten, die sich in der neueren Zeit mit Seelenforschung befaßt haben, der im vorigen Jahre in Zürich verstorbene Franz Brentano, der tiefe Erkenntnissehnsucht auf Fragen des Seelenlebens verwendet hat, er sagte schon in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts, indem er das betrachtete, was aus dem wissenschaftlichen Geist der Gegenwart heraus «Seelenwissenschaft» sein kann: Diese Seelenwissenschaft befaßt sich damit, wie sich eine Vorstellung an die andere knüpft, wie die Aufmerksamkeit zur menschlichen Seele steht, was das Gedächtnis für eine Rolle spielt, wie Liebe und Haß wirken, wie die Gefühle auf- und niederwogen; allein — so meinte Franz Brentano — wenn die genaue Erforschung aller dieser Dinge zur Folge hätte, daß die Beantwortung der großen Frage über die Unsterblichkeit des besseren Teiles in der menschlichen Natur - jene große Frage, die schon Plato und Aristoteles verfolgten — beeinträchtigt würde und weichen müßte gegenüber den Ergebnissen einer Einzelforschung, dann wäre die Einzelforschung, trotz ihrer Exaktheit und Genauigkeit, durchaus eitel. Und man muß sagen: Gerade jene Art des Denkens, die so, wie sie auf naturwissenschaftlichem Gebiete sein muß, in die äußeren Verhältnisse der Natur eindringen kann, sie ist ungeeignet, in das menschliche Seelenleben einzudringen, und sie ist ungeeignet dazu aus dem folgenden Grunde:
[ 6 ] Perhaps one of the most significant figures to have engaged in the study of the soul in modern times—Franz Brentano, who passed away last year in Zurich and who devoted his profound thirst for knowledge to questions of the inner life— said as early as the 1870s, while reflecting on what might constitute “the science of the soul” from the perspective of the contemporary scientific spirit: This science of the soul deals with how one idea connects to another, how attention relates to the human soul, what role memory plays, how love and hate operate, and how emotions ebb and flow; yet—as Franz Brentano argued—if the precise investigation of all these things were to result in the answer to the great question concerning the immortality of the better part of human nature—that great question which Plato and Aristotle had already pursued—being compromised and having to yield to the findings of a particular line of research, then that particular line of research, despite its precision and accuracy, would be utterly futile. And one must say: Precisely that kind of thinking which, as it must be in the field of the natural sciences, is capable of penetrating the external conditions of nature, is unsuited to penetrating the life of the human soul, and it is unsuited to this for the following reason:
[ 7 ] Ein Ideal muß der gegenwärtige Naturforscher darin sehen, die Erscheinungen der Natur so zu verfolgen, daß sich nichts hineinmischt in dieses Verfolgen von dem, was aus der menschlichen Seele selbst, aus der, wie man sagt, subjektiven Natur der Menschenseele stammt. Ausgeschlossen, soll alles werden, was nicht aus den Naturregeln selbst vor den menschlichen Geist tritt, sondern was der menschliche Geist von sich aus dazutut. Wenn das Ideal der Naturforschung sein muß, das Subjektive der Seele auszuschließen, kann man sich dann wundern, daß eine Denkform, eine Vorstellungsart sich heranbildet, die gerade wegen dessen, was sie groß macht, ungeeignet ist, um in das Seelenleben einzudringen?
[ 7 ] The modern natural scientist must regard it as an ideal to observe the phenomena of nature in such a way that nothing from the human soul itself—from what is called the subjective nature of the human soul—interferes with this observation. Everything that does not present itself to the human mind from the laws of nature themselves, but rather what the human mind adds of its own accord, must be excluded. If the ideal of natural science must be to exclude the subjective aspects of the soul, is it any wonder that a form of thought, a mode of conception, develops which—precisely because of what makes it great—is unsuited to penetrating the life of the soul?
[ 8 ] Das war nicht immer so. Wer den Gang der menschlichen Geistesentwickelung verfolgen kann in frühere Jahrhunderte und Jahrtausende, der findet, daß die Naturwissenschaft in dem Sinne, wie sie heute groß ist, ja nicht immer vorhanden war, sondern daß sie eigentlich, so wie sie heute ist, erst ein drei- bis vierhundertjähriges Alter hat.
[ 8 ] This was not always the case. Anyone who traces the course of human intellectual development back through past centuries and millennia will find that natural science, in the sense that it is so prominent today, did not always exist, but that, in its present form, it is actually only three to four hundred years old.
[ 9 ] Vorher betrachtete der Mensch auch die Natur. Aber man verfolge nur das, was der Mensch über die Natur zu wissen glaubte: In allen Erkenntnissen oder vermeintlichen Erkenntnissen über die Natur war immer etwas von der Seele vorhanden. Man sprach so über die Natur und ihre Erscheinungen, daß man immer etwas sah, was ähnlich war dem Wesen der menschlichen Seele selbst. Es ist mit vollem Recht diese Art der Naturbetrachtung versunken in das Dunkel, und eine andere Art ist heraufgekommen, die alles Seelische und Geistige in dieser Art ausschließt. Wer auf dem Standpunkte steht, daß wir es heute einmal so herrlich weit gebracht haben, auf den meisten Gebieten endlich sicher Festgestelltes zu wissen, ein solches Wissen zu haben, daß man auf die kindlichen Errungenschaften früherer Jahrhunderte und Jahrtausende hochmütig herabsehen kann, der wird allerdings leichter mit diesen Fragen fertig werden als der, welcher etwas tiefer in die Menschenzusammenhänge hineinsieht. Man kann mit Bezug auf die großen Errungenschaften eines Helmholtz oder eines Julius Robert Mayer der Meinung sein, das seien eben endlich einmal die Wahrheiten, nach denen die Menschheit seit Jahrhunderten vergeblich gestrebt habe. Aber eine genauere Geschichtsbetrachtung zeigt, daß dies nicht so ist, daß alles Streben uns doch zurückführt auf die großen Ideen Lessings, daß die Entwickelung der Menschheit durch die Jahrhunderte und Jahrtausende eine «Erziehung der Menschheit» ist, daß die Menschheit so fortschreitet, daß sie das, was sie auffindet, deshalb auffindet, um sich immer weiter und weiter zu bringen und dadurch die verschiedenen Formen der Entwickelung durchzumachen. Dadurch kommt man dazu, eine besondere Form der Entwickelung sich nicht als eine endgültige Wahrheit vorzustellen; denn ebenso wie Kopernikus anders dachte als die älteren Astronomen vor ihm, so werden wieder künftige Zeiten anders denken als Kopernikus. Aber man kommt zu folgendem Gedankengang: Diese neuere Zeit, insbesondere seit dem dreizehnten Jahrhundert, hat über die Natur ein Denken entfaltet, welches eine Stufe bildet in der menschlichen Weiterentwickelung, eine Stufe, die besonders dadurch charakterisiert werden kann, daß man sagt: Der Mensch hat gelernt, aus der Natur alles Geistige herauszutreiben, die Natur so anzusehen, daß sie ihm ihre chemische, physikalische Gesetzmäßigkeit darbietet, um jene Kräfte, die in das Seelenleben hineinführen, die ihn zum Geiste bringen, mit um so stärkerer Macht in dem eigenen Innern aufzusuchen. So wird gerade Naturwissenschaft der Hinweis darauf, daß der Weg nach dem Geiste in der neueren Zeit zwar nach dem Muster und den Anforderungen der Naturwissenschaft mit der in der Naturwissenschaft waltenden Strenge gegangen werden muß, daß aber dieser Weg zum Geiste auf innere, eigene Kräfte der Menschenseele selbst gebaut ist. Dies führt uns sogar dahin, daß die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, genau ebenso «Wissenschaftliches» darstellt, ebenso wissenschaftliche Sicherheit darstellt und eine Form darin anstrebt, wie die Naturwissenschaft, daß sie aber, weil sie sich als ebenbürtig neben die Naturwissenschaft hinstellen will, andere Wege einschlagen will, und daß sie sich klar werden muß, daß man mit jenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen, die für die Naturerkenntnis geeignet sind, nicht in das menschliche Seelenleben eindringen kann.
[ 9 ] In the past, people also contemplated nature. But just consider what people believed they knew about nature: In all insights—or supposed insights—into nature, there was always something of the soul present. People spoke of nature and its phenomena in such a way that they always saw something akin to the very essence of the human soul itself. Quite rightly, this way of viewing nature has sunk into obscurity, and another approach has emerged that excludes everything soulful and spiritual of this kind. Anyone who takes the view that we have come so wonderfully far today—that in most fields we finally know what has been reliably established, that we possess such knowledge that we can look down haughtily upon the childish achievements of earlier centuries and millennia—will certainly find it easier to deal with these questions than someone who looks a little more deeply into the fabric of human existence. With regard to the great achievements of a Helmholtz or a Julius Robert Mayer, one might be of the opinion that these are finally the truths toward which humanity has striven in vain for centuries. But a closer examination of history shows that this is not the case; that all our striving ultimately leads us back to Lessing’s great ideas; that the development of humanity through the centuries and millennia is an “education of humanity”; that humanity progresses in such a way that it discovers what it does precisely in order to advance further and further, thereby passing through the various forms of development. This leads one to conclude that a particular form of development should not be conceived of as a definitive truth; for just as Copernicus thought differently from the earlier astronomers before him, so too will future generations think differently from Copernicus. But one arrives at the following line of thought: This more recent era, particularly since the thirteenth century, has developed a way of thinking about nature that constitutes a stage in human evolution—a stage that can be characterized, in particular, by the following statement: Humanity has learned to extract everything spiritual from nature, to view nature in such a way that it reveals its chemical and physical laws, in order to seek out within itself, with all the more powerful force, those forces that lead into the life of the soul and bring one to the spirit. Thus, natural science itself serves as an indication that, while the path to the spirit in modern times must indeed be followed according to the model and requirements of natural science—with the rigor that prevails in natural science—this path to the spirit is built upon the inner, inherent powers of the human soul itself. This even leads us to the conclusion that spiritual science, as it is understood here, represents just as “scientific,” offers scientific certainty, and strives for a form just like natural science, but that—because it seeks to stand on an equal footing with natural science—it must take different paths, and it must realize that one cannot penetrate the life of the human soul with those thoughts, ideas, and concepts that are suitable for the knowledge of nature.
[ 10 ] Da können wir denn gleich — und ich will ohne weitere Umschweife darauf kommen - aussprechen, daß diese hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eben an andere Erkenntniskräfte appelliert als an diejenigen, welche heute in der äußeren Wissenschaft anerkannt sind und gehandhabt werden. Gegen dieses Streben nach solchen besonderen Erkenntniskräften richtet sich ja im Grunde genommen alles, was an Mißverständnissen oder gar an Unehrlichkeit sich anheftet an das Auftreten dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Es muß davon gesprochen werden: Indem diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft das Ewige der menschlichen Seele zu finden versucht, das über Geburt und Tod hinausliegt, muß sie in die Tiefen der menschlichen Seele selbst eindringen, die zwar in jeder Menschenseele unablässig vorhanden sind, die immer zu finden sind, die aber mit den gegenwärtigen Methoden der Wissenschaft nicht gesucht werden können und im Grunde genommen auch nicht gesucht werden. Es handelt sich darum, daß der Mensch den ewigen Kern seines Wesens in sich trägt, daß aber dieser ewige Wesenskern in ihm erst gesucht werden muß, und daß die Kräfte, durch die er gefunden werden kann, erst aus dem Inneren der Seele heraufgeholt werden müssen. Man darf schon den Vergleich gebrauchen, den ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» angewendet habe: Was den Menschen eigentlich zur Seelenerkenntnis führt, das «schläft» im gewöhnlichen Leben in der Seele, das muß erst erweckt werden; es muß erst aus dem gewöhnlichen Bewußtsein das «schauende Bewußtsein» hervorgehen. Damit Geist-Erkenntnis eintritt, ist etwas notwendig in der menschlichen Seelenverfassung, das man bezeichnen kann als ein «Aufwachen» der Seele aus dem Bewußtsein, das uns führt durch das alltägliche Leben und durch die gewöhnliche Wissenschaft. Es muß also etwas heraufgeholt werden, was sich da unten in den Tiefen der Seele findet.
[ 10 ] We can therefore state right away—and I will get to the point without further ado—that this anthroposophically oriented spiritual science appeals to powers of cognition other than those recognized and employed in mainstream science today. In essence, everything that takes the form of misunderstandings or even dishonesty attached to the presentation of this anthroposophically oriented spiritual science is directed against this pursuit of such special powers of cognition. It must be stated: Since this anthroposophically oriented spiritual science seeks to find the eternal aspect of the human soul—that which lies beyond birth and death—it must penetrate into the depths of the human soul itself, which, though constantly present in every human soul and always to be found, cannot be sought using current scientific methods and, in fact, are not sought at all. The point is that human beings carry the eternal core of their being within themselves, but that this eternal core of being must first be sought within them, and that the powers through which it can be found must first be drawn up from within the soul. One may well use the comparison I employed in my book The Riddle of Man: What actually leads a person to self-knowledge “sleeps” in the soul during ordinary life; it must first be awakened; the “contemplative consciousness” must first emerge from ordinary consciousness. For spiritual insight to arise, something is necessary in the constitution of the human soul that can be described as an “awakening” of the soul from the consciousness that guides us through everyday life and through conventional science. Something must therefore be drawn up from the depths of the soul.
[ 11 ] Nun wird die Reihe der Vorträge zeigen, wie dies, was unten in der Seele als der ewige Kern liegt, heraufgeholt werden kann. Heute will ich nur andeuten, daß es sich bei diesem Heraufholen nicht um irgend welche äußeren Maßnahmen handelt, sondern um einen intimen inneren Seelenweg, der vor allem darauf gerichtet ist, die gewöhnlichen Seelenkräfte des Menschen kraftvoller, intensiver, stärker zu machen, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft sind. Später zu schildernde und in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» wie auch in anderen Schriften beschriebene Übungen machen es der Menschenseele möglich, solche stärkeren Kräfte aus sich selber herauszuholen und ein intensiveres Denken, ein innigeres Fühlen, ein lichtvolleres Wollen zu entwickeln, die dann imstande sind, auf die geistige Welt — in der der Mensch wurzelt, wie er als physischer Mensch in der Sinneswelt wurzelt — so hinzublicken, wie physische Augen auf Farben und Formen hinblicken, physische Ohren auf Töne hinhören. Durch solche, in späteren Vorträgen zu schildernde Übungen kommt der Mensch also dazu, das, was er sonst als Seelenkräfte anwendet, zu erkraften, zu verdichten, so daß er dadurch dahin gelangt, in seiner Seelenverfassung etwas zu entfalten, was, wenn man es heute nur ausspricht, in den weitesten Kreisen selbstverständlich eine Art Hohnlächeln hervorbringt: Er kommt dazu, zu schauen, mit geistigen Organen ebenso zu schauen, wie man sonst im äußeren Leben mit physischen Organen sieht und hört. Er kommt dazu, in einer Menschenwesenheit zu leben, die ebenso übersinnlich ist, wie man im gewöhnlichen Leben in der fleischlichen Sinneswelt lebt. Der Mensch kommt mit anderen Worten dazu, mit seinem ganzen Seelenwesen in einer — wenn der Ausdruck auch uneigentlich ist — «übersinnlichen Leiblichkeit» zu leben. Diese übersinnliche Leiblichkeit trägt der Mensch immer in sich. Zur Erkenntnis des Wesens des Menschen selbst muß sie erst aus dem Innern herausdringen. Man muß anders erkennen, wenn man die Natur erkennt, als wenn man den Geist erkennen will; man muß mit anderen Kräften in das Reich des Geistes hineinschauen als in das Reich der Natur. Wenn ich auch erst später die intimen Seelenvorgänge schildern will, die zum Geistesschauen führen, so darf ich doch schon einiges anführen, was dazu gehört.
[ 11 ] Now, this series of lectures will show how that which lies deep within the soul as its eternal core can be brought to the surface. Today I wish only to suggest that this process of bringing it to the surface does not involve any external measures, but rather an intimate inner spiritual path aimed above all at making the ordinary spiritual powers of the human being more powerful, more intense, and stronger than they are in ordinary life and in ordinary science. Exercises to be described later—and which are detailed in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? as well as in other writings—enable the human soul to draw such stronger powers from within itself and to develop more intense thinking, deeper feeling, and a will filled with light; these are then capable of looking toward the spiritual world — in which the human being is rooted, just as the physical human being is rooted in the sensory world — just as physical eyes look upon colors and forms, and physical ears listen to sounds. Through such exercises—to be described in later lectures—the human being thus comes to strengthen and consolidate what he otherwise employs as soul forces, so that he thereby arrives at unfolding within his soul a state that, if merely spoken of today, would naturally elicit a kind of derisive smile in the widest circles: They come to see—to see with spiritual organs just as one otherwise sees and hears in external life with physical organs. They come to live in a human existence that is just as supersensible as one lives in the physical sensory world in ordinary life. In other words, the human being comes to live with his entire soul being in a — even if the expression is somewhat inapt — “supersensory physicality.” The human being always carries this supersensory physicality within himself. To gain insight into the very essence of the human being, it must first emerge from within. One must perceive differently when observing nature than when seeking to perceive the spirit; one must use different faculties to look into the realm of the spirit than into the realm of nature. Although I intend to describe the intimate soul processes that lead to spiritual vision at a later time, I may nevertheless already mention a few aspects that pertain to this.
[ 12 ] Ein Eigentümliches tritt besonders hervor, wenn man sich die Frage vorlegt: Was macht es denn eigentlich, daß der Mensch in seinem gewöhnlichen Bewußtsein von seinem ewigen Seelenkern nichts weiß? Nun, die hier gemeinte Geistesforschung zeigt, daß dieses Ewige, wenn man es in das Blickfeld des geistigen Bewußtseins bringt, dann der gewöhnlichen Beobachtung und dem gewöhnlichen Denken außerordentlich leicht entschlüpft. Es geht mit dem ewigen Wesenskern des Menschen so, wie es etwa mit zarten Gefühlen in der Seele des Menschen geht: Sie können in der Menschenseele leben, und sie leben am intensivsten, wenn man nicht daran geht, sie mit dem gewöhnlichen Verstande zu betrachten. Will man das Licht des gewöhnlichen Verstandes darauf werfen, so fliehen sie. So ähnlich ist es mit dem ewigen Wesenskern des Menschen. Unsere äußere Naturforschung geht auf robuste, triviale, leicht verständliche Begriffe; sie richtet die Beobachtung so ein, daß solche Begriffe in ihr walten. Wenn man mit solchen Vorstellungen, die gerade tauglich sind, um die Natur zu erkennen, das Seelenleben und seinen ewigen Kern betrachten will, flieht es. So flieht es besonders den, der heute glaubt, mit allen seinen Vorstellungen und Ideen gerade fest auf dem Boden der zeitgemäßen Naturwissenschaft zu stehen.
[ 12 ] Something peculiar becomes particularly evident when one asks the question: What is it, actually, that causes human beings, in their ordinary consciousness, to know nothing of their eternal soul core? Well, the spiritual research referred to here shows that this eternal core, when brought into the field of spiritual consciousness, slips away from ordinary observation and ordinary thinking with extraordinary ease. The eternal core of the human being behaves much as delicate feelings do in the human soul: They can live within the human soul, and they live most intensely when one does not attempt to examine them with the ordinary intellect. If one tries to shine the light of the ordinary intellect upon them, they flee. It is much the same with the eternal core of the human being. Our external research into nature relies on robust, trivial, easily understandable concepts; it structures its observations so that such concepts prevail within them. If one attempts to observe the life of the soul and its eternal core using such concepts—which are suitable precisely for understanding nature—it flees. It flees especially from those who today believe they stand firmly on the ground of contemporary natural science with all their concepts and ideas.
[ 13 ] Und noch etwas anderes ist der Fall. Wer mit solchen Seelenkräften, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind, an die Geisteswelt herantritt, der kann bemerken, daß die Seele eine eigentümliche Scheu, man möchte sagen, eine Art innerer Furcht hat, wie sie heute im Grunde genommen die wenigsten Menschen kennen, weil sie tief im Unterbewußtsein sitzt, eine Scheu und Furcht davor, in die Tiefen der Seele hinunterzudringen, wo das Ewige der Seele lebt. Auf der anderen Seite strebt der Mensch mit allen Fasern seines Wesens danach, etwas von dem Leben der Seele zu erkennen; aber er findet doch die Wege, die dazu führen, so schwierig, daß ihn etwas wie diese innere Scheu und Furcht befällt. Gerade wenn der Mensch anfängt, solche Übungen zu machen, um, ich möchte sagen, Auge in Auge seinem Ewigen gegenüberzustehen, dann flieht nicht nur dieses Ewige in der geschilderten Weise, sondern die Furcht und Scheu werden sogar noch größer, steigern sich.
[ 13 ] And there is something else as well. Anyone who approaches the spiritual world with the kind of soul powers described in the book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds? , may notice that the soul possesses a peculiar shyness—one might say a kind of inner fear—which, strictly speaking, very few people today are aware of because it lies deep in the subconscious: a shyness and fear of delving into the depths of the soul, where the eternal aspect of the soul dwells. On the other hand, human beings strive with every fiber of their being to gain some insight into the life of the soul; yet they find the paths leading there so difficult that they are overcome by something like this inner shyness and fear. Precisely when a person begins to engage in such exercises in order, I might say, to stand face to face with his Eternal Self, not only does this Eternal Self flee in the manner described, but the fear and aversion actually grow even greater, intensifying.
[ 14 ] Noch ein anderes kommt dazu. Haben wir als Geistesforscher etwas von diesen Dingen erfaßt, und versuchen wir mit ungeschultem, geisteswissenschaftlich ungeschultem, aber naturwissenschaftlich gut geschultem Denken an dieses nun schon Gewonnene heranzutreten, so kommt dieses Gewonnene in Verwirrung. Es ist tatsächlich so, wie wenn dies, was so großartig anwendbar ist auf die äußere Natur, dasjenige vertreiben würde, was der Mensch hervorholen kann aus seinem Innern über seine eigene Wesenheit. Dazu kommt weiter, daß der Mensch sehr leicht geneigt ist, aus seinen Wünschen, seinen Begierden und Vorurteilen heraus in die Ergebnisse der Seelenforschung das hineinzutragen, was er darin haben möchte, daß er aus seiner Phantasie heraus dasjenige färbt, was sich in objektiver Weise ergeben soll, gerade so objektiv, wie auf dem Gebiete der Naturwissenschaft die Ergebnisse objektiv sein sollen. Das alles bringt Hindernis über Hindernis. Und wer erkennen will, wie man es eigentlich macht, um an den Geist heranzukommen, der hat gar nicht so sehr nötig, bestimmte Übungen daraufhin anzuwenden, um gewisse in der Seele verborgene Fähigkeiten heraufzuholen; denn läßt man ihnen Freiheit, läßt man sie walten, wie sie walten wollen, sie kommen schon von selber, sie kommen nur aus den angeführten Gründen nicht.
[ 14 ] There is yet another factor to consider. If, as researchers of the spiritual sciences, we have grasped some of these things and then attempt to approach what we have already gained with a way of thinking that is untrained in the spiritual sciences but well-trained in the natural sciences, what we have gained becomes confused. It is indeed as if what is so magnificently applicable to external nature were to drive out what a person can draw forth from within themselves regarding their own being. Furthermore, human beings are very easily inclined to project onto the findings of soul research—based on their wishes, desires, and prejudices—what they would like to find there; they color, through their imagination, what should emerge objectively—just as objectively as results are supposed to be in the field of natural science. All of this creates obstacle after obstacle. And anyone who wants to understand how one actually goes about approaching the spirit does not really need to perform specific exercises to bring forth certain abilities hidden within the soul; for if one allows them freedom, if one lets them act as they will, they will emerge on their own—they simply do not emerge for the reasons mentioned above.
[ 15 ] Ein großer Teil der Anstrengungen, die innerhalb der Übungen zu machen sind, kommt davon, daß man die eben aufgezählten Hindernisse hinwegschaffen muß. Wer oberflächlich von der hier gemeinten Geistesforschung Kenntnis nimmt, der wird allerdings leicht denken: nun, unsere exakte Wissenschaft fordert strengeres Denken, geschultere Ideen-Entwickelung. Wer dagegen tiefer in die Geistesforschung eindringt, wird finden, daß sie weit mehr «Gedanken» verlangt —- man darf schon sagen — als heute die offizielle Wissenschaft. Aber auf der anderen Seite ist das der Fall, daß man ein schwaches Denken kräftigen kann, ein Denken, das namentlich in der heutigen Form dadurch herausgebildet ist, daß sich die heutige Form des Denkens tragen läßt von Experiment zu Experiment und dadurch sich an eine gewisse Passivität gewöhnt. Stärker, aktiver, kräftiger muß dieses Denken werden; und nur durch die Erkraftung des Denkens ist man imstande, die Beobachtung dann so einzurichten, daß die Ergebnisse über den ewigen Wesenskern des Menschen nicht fliehen, daß sie nicht zerstört werden, und daß die Scheu und Furcht, von der ich gesprochen habe, überwunden wird.
[ 15 ] A large part of the effort required in these exercises stems from the need to overcome the obstacles just listed. Anyone who takes only a superficial look at the spiritual research referred to here will, of course, easily think: well, our exact sciences demand stricter thinking and a more refined development of ideas. Anyone who delves deeper into spiritual research, on the other hand, will find that it demands far more “thought”—one might even say—than official science does today. On the other hand, however, it is true that one can strengthen weak thinking—a form of thinking that, particularly in its present form, has been shaped by the fact that contemporary thought is carried from experiment to experiment and has thus become accustomed to a certain passivity. This thinking must become stronger, more active, and more vigorous; and only by strengthening one’s thinking is one able to structure observation in such a way that the results do not elude the eternal essence of the human being, that they are not destroyed, and that the hesitation and fear of which I have spoken are overcome.
[ 16 ] Zu alledem kommen andere Dinge, die mit Bezug auf die Geistesforschung dem heutigen Menschen recht ungewohnt sind, und die er als paradox, als sonderbar ansehen muß. Ich muß immer wieder sagen, was ich schon bei anderen Gelegenheiten betonte: Wahre Geistesforschung muß durchaus mit inneren Mitteln arbeiten, muß durchaus die Kraft des übersinnlichen Schauens aus der gesunden Menschennatur holen, muß dahin kommen, sich den übersinnlichen Menschenleib so zu organisieren, daß dieser unabhängig von dem physischen Menschenleib seine übersinnlichen Organe entwickeln kann. Diese Methoden sind entgegengesetzt denjenigen, die heute auf Schritt und Tritt den Menschen entgegentreten und in begreiflicher Weise von diesem oder jenem geschätzt und überschätzt werden, und die auch hineinführen sollen in einer gewissen Weise in das Übersinnliche, in das Gebiet des Ewigen der Menschennatur. Man kennt heute das, was das weite Gebiet des unterbewußten oder unbewußten Seelenlebens ist. Man weiß, wie man die menschliche Natur durch allerlei Vornahmen zu ganz anderen Verrichtungen bringen kann, als die sogenannten normalen sind; man weiß, was Hypnose und Somnambulismus leisten können. Vonallen diesen Dingen kann in der wahren Geistesforschung nicht dieRede sein. Alle diese Dinge machen aus dem Menschen nicht das, was Geistesforschung aus ihm machen kann: Sie machen ihn nicht unabhängiger von seinem physischen Leibe, sondern gerade von ihm abhängiger. Wenn man die Geistesforschung oft anklagt, daß sie den Menschen auf pathologische Züge hinführe, so ist das nicht wahr. Denn die Wege und Methoden der Geistesforschung sind denjenigen jener Bestrebungen, die in anderer Weise dem Seelenleben nahekommen wollen, gerade entgegengesetzt; diese anderen Bestrebungen machen den Menschen abhängiger von seinem gewöhnlichen Bewußtsein. Unabhängiger, als er im gewöhnlichen Bewußtsein ist, soll er gerade durch die Methoden der Geistesforschung werden. Und auf diesem Wege der Geistesforschung erobert sich der Mensch Kräfte, die in das geistige Reich eindringen können, die aber tatsächlich demjenigen paradox erscheinen müssen, der von ihnen nicht nähere Kenntnis sammeln will.
[ 16 ] Added to all this are other aspects of spiritual research that are quite unfamiliar to people today and that they must regard as paradoxical or strange. I must repeat what I have already emphasized on other occasions: True spiritual research must work entirely with inner means; it must draw the power of supersensible perception from healthy human nature; it must strive to organize the supersensible human body in such a way that it can develop its supersensible organs independently of the physical human body. These methods are the opposite of those that people encounter at every turn today—methods that are, understandably, valued and even overvalued by some—and which are also supposed to lead, in a certain way, into the supersensible, into the realm of the eternal in human nature. Today, people are familiar with the vast realm of subconscious or unconscious soul life. We know how to induce human nature, through all manner of techniques, to perform actions quite different from what are considered “normal”; we know what hypnosis and somnambulism can achieve. None of these things can be the subject of true spiritual research. None of these things make a person into what spiritual research can make him: They do not make a person more independent of their physical body, but rather more dependent on it. While spiritual research is often accused of leading people toward pathological tendencies, this is not true. For the paths and methods of spiritual research are precisely the opposite of those pursued by other endeavors that seek to approach the life of the soul in different ways; these other endeavors make a person more dependent on his ordinary consciousness. It is precisely through the methods of spiritual research that a person is to become more independent than he is in ordinary consciousness. And on this path of spiritual research, a person acquires powers that can penetrate the spiritual realm, but which must indeed seem paradoxical to anyone who does not wish to gain a closer understanding of them.
[ 17 ] Was der Mensch da aus seiner Seele herausholt, sieht ganz anders aus als die gewöhnlichen Seelenkräfte. Man braucht nur darauf aufmerksam zu machen, wie der Mensch als Seelenkraft, um im gewöhnlichen Leben tüchtig zu sein, alltäglich das Gedächtnis, die Erinnerungskraft braucht. Man braucht nur darüber nachzudenken — und wir werden viel in den kommenden Vorträgen darüber zu sprechen haben -, was der Mensch wäre, wenn er in seinem Leben so dahinleben müßte, ohne daß die einzelnen Punkte seines Lebens erinnerungsgemäß zusammenhängen. Kommt der Geistesforscher dazu, aus dem geistigen Schauen heraus ein geistiges, ein übersinnliches Ereignis vor die Seele zu rufen, ein Ereignis, das wirklich aufklären kann über den ewigen Kern der menschlichen Natur, dann ist es gerade ein besonderes Kennzeichen dieser Eroberung des Übersinnlichen, daß man sich an solche Dinge nicht im gewöhnlichen Sinne wieder erinnern kann, daß solche Ergebnisse der Geistesforschung, die innerlich erobert werden, nicht der gewöhnlichen Erinnerung unterliegen. Man muß — Sie können darüber in den bereits genannten Büchern nachlesen, es wird auch hier noch besprochen werden — gewisse innere Verrichtungen pflegen, wenn man zum geistigen Schauen kommen will. An diese Verrichtungen kann man sich erinnern. Hat man es durch diese Verrichtungen dazu gebracht, in den geistigen Welten eine Tatsache zu schauen, so tritt später, wenn man nachher wieder auf diese Sache zurückkommen will, nicht jene Tatsache auf; man kann sich nur an die Seelenverrichtungen erinnern, die man gemacht hat. Die muß man wieder herbeiführen, dann kann man die Seele wieder dahin bringen, daß sie neuerlich dasselbe schaut. Gerade so, wie man das, was als Gegenstände um uns herum im Raume ist, in Begriffe und Vorstellungen fassen kann — dann ist es nicht mehr das Geschaute -, so kann man sich an die Begriffe und Vorstellungen erinnern. Will man wirklich dem Seelenleben nahetreten, so muß man sich schon herbeilassen, solche Unterscheidungen zu machen. Man muß sich an das Faktum des Wiederholens der Seelenverrichtungen gewöhnen. Ohne solche Vornahme ist an die große Frage des Menschendaseins eigentlich nicht heranzukommen.
[ 17 ] What a person draws from within their soul looks quite different from ordinary soul powers. One need only point out how, as a soul power, a person relies on memory—the power of recollection—every day in order to function effectively in ordinary life. One need only consider—and we will have much to say about this in the coming lectures—what a human being would be like if he had to live his life in such a way that the individual events of his life were not connected through memory. When the spiritual researcher, through spiritual vision, brings a spiritual, a supersensible event before the soul, an event that can truly shed light on the eternal core of human nature, then it is precisely a distinctive feature of this mastery of the supersensible that one cannot recall such things in the ordinary sense, that such results of spiritual research, which are inwardly mastered, are not subject to ordinary memory. One must—you can read about this in the books already mentioned, and it will also be discussed here—cultivate certain inner exercises if one wishes to attain spiritual vision. One can remember these exercises. If, through these exercises, one has succeeded in beholding a fact in the spiritual worlds, then later, when one wishes to return to this matter, that fact does not reappear; one can only recall the soul activities that one has performed. One must bring these about again; only then can one lead the soul to behold the same thing anew. Just as one can grasp the objects that surround us in space as concepts and ideas—at which point they are no longer the objects as they were originally perceived—so too can one recall the concepts and ideas. If one truly wishes to draw near to the life of the soul, one must be willing to make such distinctions. One must accustom oneself to the fact of repeating the soul’s activities. Without such an endeavor, the great question of human existence cannot truly be approached.
[ 18 ] Im gewöhnlichen Leben wissen wir, daß etwas, wenn wir es wiederholt üben, uns geläufiger wird. Das bewirkt die Macht der Gewohnheit. Was wäre auch das gewöhnliche Leben, wenn wir nicht etwas, was wir können sollen, eben durch Wiederholung besser tun können! Es beruht doch schließlich alles Schaffen und Wirken im Leben darauf, daß wir uns gewohnheitsmäßig vervollkommnen.
[ 18 ] In everyday life, we know that when we practice something repeatedly, it becomes more familiar to us. This is the power of habit. What would everyday life be if we couldn’t improve our ability to do something we’re supposed to be able to do simply through repetition! After all, all creation and action in life ultimately rest on the fact that we habitually perfect ourselves.
[ 19 ] Mit den geistigen Erfahrungen ist es anders. Das ist es gerade, was wieder so paradox dem Menschen vorkommen muß. Es kommt häufig vor, daß jemand solche Übungen anstellt, wie sie später besprochen werden sollen, und daß er, weil die Menschenseele immer Reservekräfte des Übersinnlichen hat, verhältnismäßig bald gute Fortschritte macht. Ich kenne sehr viele Menschen, die an das Übersinnliche dadurch herantreten durften, daß sie die ersten Übungen nur verhältnismäßig kurze Zeit machten. Dann aber werden sie überrascht. Sie haben vielleicht ganz bedeutende übersinnliche Erfahrungen gemacht und recht Bedeutsames gesehen. Nach einiger Zeit aber kommen diese Erlebnisse nicht wieder, sie können sie nicht wieder herbeiführen. Denn es verhält sich mit dem geistigen Erleben gerade umgekehrt als in dem gewöhnlichen Üben der äußeren Welt. In der äußeren Welt bringt man eine Fertigkeit zu größerer Vollkommenheit, wenn man sie häufig übt. Im geistigen Schauen flieht uns durch Wiederholung, was wir schon erreicht haben; es wird immer geringer und geringer, es geht fort. Die Anstrengungen des Menschen müssen daher immer größere und größere werden. Darin besteht wieder ein Eigentümliches der geistigen Übungen, daß man die Möglichkeit findet, um immer größere und größere Anstrengungen zu machen, um das immer größere Fliehen der geistigen Welt zu überwinden. Diese Dinge sind natürlich alle so zu verstehen, daß sie überwunden werden können; aber sie sind das, was in bezug auf die geistige Welt ein Charakteristisches ist.
[ 19 ] It is different with spiritual experiences. This is precisely what must seem so paradoxical to people. It often happens that someone undertakes exercises such as those to be discussed later and, because the human soul always possesses reserves of supersensory power, makes good progress relatively quickly. I know many people who were able to approach the supersensible simply by doing the initial exercises for a relatively short time. But then they are surprised. They may have had quite significant supersensible experiences and seen things of real importance. After some time, however, these experiences do not return; they cannot bring them about again. For spiritual experience works in exactly the opposite way to ordinary practice in the external world. In the external world, one brings a skill to greater perfection by practicing it frequently. In spiritual vision, however, what we have already achieved slips away through repetition; it becomes smaller and smaller, and eventually disappears. Human effort must therefore become ever greater and greater. Herein lies another distinctive feature of spiritual exercises: one finds the means to make ever greater and greater efforts in order to overcome the ever-increasing elusiveness of the spiritual world. These things are, of course, all to be understood as surmountable; yet they are what is characteristic of the spiritual world.
[ 20 ] Und ein Drittes. Ich erzähle diese Einzelheiten heute deshalb, weil ich nicht im Abstrakten herumreden will, sondern auch heute schon möglichst im Konkreten die Dinge besprechen möchte. Wenn wir etwas in der äußeren Welt betrachten wollen, so sind wir gewohnt, möglichst lange die Aufmerksamkeit darauf zu richten. Für die Betrachtung des Geistigen ist etwas nötig, was man gerade bezeichnen kann als Geistesgegenwart. Denn das Allerwichtigste und Wesentlichste im Erleben tritt an die Seele aus der geistigen Welt so heran, daß es ganz schnell auftritt - und vorüberhuscht, ohne daß man es beobachten kann. Deshalb entgehen dem Menschen die Geheimnisse der geistigen Welt, weil er nicht Geistesgegenwart genug hat. Eine der besten Übungen, um sich in der geistigen Welt zurechtzufinden, ist, daß man sich schon im äußeren Leben daran gewöhnt, Geistesgegenwart zu entwickeln, daß man sich gewöhnt, in einer Situation nicht lange zu zögern, nicht eine Viertelstunde zu brauchen, um sich zu entschließen, diesen oder jenen Gedanken zu haben. Je mehr Geistesgegenwart man hat und besonders in Situationen, die ein rasches Denken erfordern, desto mehr schult man sich, um das zu erhaschen, was die geistige Welt bietet. Daher werden Menschen, die in gewissen Situationen des äußeren Lebens rasch entschlossen sind, die nicht alles zwei- und dreimal umkehren, sondern die Sache machen und richtig machen können, auch wenn sich nur kurz die Gelegenheit dazu bietet, diese Menschen werden am geeignetsten sein, um geistige Beobachtungen zu machen. In späteren Vorträgen werden noch andere Dinge dargestellt werden, wie der Mensch die Kräfte entwickeln muß, um in jene Welt hineinzuschauen, wo sein ewiger Wesenskern ist.
[ 20 ] And a third point. I am sharing these details today because I do not want to speak in abstract terms, but rather discuss things as concretely as possible, even today. When we want to observe something in the external world, we are accustomed to focusing our attention on it for as long as possible. To observe the spiritual realm, one needs what can be described as presence of mind. For the most important and essential aspects of experience approach the soul from the spiritual world so rapidly—and flit by so quickly—that one cannot observe them. That is why the mysteries of the spiritual world elude human beings: because they lack sufficient presence of mind. One of the best exercises for finding one’s way in the spiritual world is to get into the habit, even in everyday life, of developing presence of mind—to get used to not hesitating for long in a situation, not needing a quarter of an hour to decide to have this or that thought. The more presence of mind one has—especially in situations that require quick thinking—the more one trains oneself to grasp what the spiritual world has to offer. Therefore, people who are quick to make decisions in certain situations of external life—who do not turn things over in their minds two or three times, but who can take action and do it right, even when the opportunity presents itself only briefly—these people will be best suited to make spiritual observations. In later lectures, other aspects will be discussed regarding how a person must develop the powers to look into that world where their eternal core of being resides.
[ 21 ] Nun will ich nicht, daß jeder Mensch, der Geisteswissenschaft für sich in Anspruch nehmen will, gleich selbst ein Geistesforscher durch solche Übungen werden soll. Das aber meine ich: Wie der Chemiker die chemischen Methoden, der Physiker die physikalischen Methoden entwickeln muß, um zu den chemischen und physikalischen Erfolgen zu kommen, so müssen die entsprechenden geisteswissenschaftlichen Methoden entwickelt werden, wenn der Mensch wirklich wissenschaftlich an die geistige Welt herankommen will. Sind aber die Ergebnisse erforscht und dargestellt, dann kann der Mensch durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand, wenn er sich nur nicht beirren läßt, diese Ergebnisse begreifen, obzwar es auch heute schon möglich ist, daß jeder, der da will, nach den hier gemeinten Methoden sich so weit bringen kann, daß er sich auch durch unmittelbare Anschauung überzeugen kann von der Wahrheit desjenigen, was aus der Geistesforschung über die geistige Welt hervorgeht.
[ 21 ] Now, I do not mean that every person who wishes to claim spiritual science for themselves should immediately become a spiritual researcher through such exercises. But this is what I mean: Just as the chemist must develop chemical methods and the physicist must develop physical methods in order to achieve results in chemistry and physics, so too must the corresponding spiritual scientific methods be developed if a person truly wishes to approach the spiritual world scientifically. But once the results have been researched and presented, then, through ordinary common sense—provided one does not allow oneself to be misled—one can comprehend these results, although it is already possible today for anyone who so desires to advance, through the methods referred to here, to the point where they can convince themselves through direct perception of the truth of what spiritual research reveals about the spiritual world.
[ 22 ] Wovon man sich besonders überzeugen kann, wenn man in der angedeuteten Weise über die Grenzen der Sinneswelt hinaustritt, ist etwas, was ich schon berührt habe: daß diejenigen Begriffe und Vorstellungen, die gerade geeignet sind, um die äußere Natur im Sinne der großen Erfolge der Naturwissenschaft zu betrachten, nicht in gleicher Weise geeignet sind, um an die geistige Welt heranzutreten. Dies tritt einem, wenn man der Geistesforschung nahe ist, in einer besonders charakteristischen Art dann entgegen, wenn man sich durch die Geistesforschung gewöhnt hat, tiefe Rätsel des Lebens in aller möglichen Innigkeit zu empfinden, an denen man sehr häufig, ich will nicht sagen, vorübergeht, aber an die man noch nicht so herantritt, daß sie einem alles darbieten, was sie darbieten könnten. Geistesforschung ist durchaus gebaut auf dieselben Wahrheitsgründe der menschlichen Seele wie die Naturforschung auch; aber Geistesforschung wirkt doch auf die tieferen Impulse auch des Empfindungslebens, wenn das Empfindungsleben und das Gefühlsleben auch nicht Weltenrätsel lösen können. Und es kann, wenn es vertieft, erkraftet wird von den Ideen der Geisteswissenschaft, gerade an diejenigen Rätsel herantreten, die man sonst weniger beachtet.
[ 22 ] What one can particularly see for oneself when one steps beyond the boundaries of the sensory world in the manner described is something I have already touched upon: that the concepts and ideas which are particularly suited to viewing external nature in the sense of the great achievements of natural science are not equally suited to approaching the spiritual world. For those familiar with spiritual research, this becomes particularly evident when, through such research, one has become accustomed to experiencing the profound mysteries of life with the deepest intensity—mysteries that one very often, I won’t say passes by, but does not yet approach in a way that allows them to reveal everything they could possibly reveal. Spiritual research is certainly built upon the same foundations of truth in the human soul as natural science is; yet spiritual research does appeal to the deeper impulses of emotional life as well, even if emotional life and the life of feeling cannot solve the world’s mysteries. And when it is deepened and strengthened by the ideas of spiritual science, it can approach precisely those mysteries that one would otherwise pay less attention to.
[ 23 ] Lassen Sie uns ein solches Rätsel anführen, ein Rätsel, das dem Menschen oft und oft entgegentritt, das Rätsel, das sich dann enthüllt, wenn der Mensch dem entseelten menschlichen Körper, dem Leichnam gegenübersteht. In seiner vollen Tiefe wird der Vergleich des menschlichen. Leichnams mit dem lebenden Menschen nicht allzuoft gemacht; denn sonst würde man erkennen, daß darin einer der tiefsten Vergleiche des Lebens an uns herantritt. Denn den menschlichen Leichnam, der eigentlich, wenn wir ihn vor uns haben, das unmittelbare Problem des Todes und damit auch der Unsterblichkeit vor uns hinstellt, wir sehen ihn an, wir untersuchen ihn auch als Anatom, als Physiologe, um daraus manches Menschenrätsel zu lösen, aber wir bedenken viel zu wenig, was es heißt: Dieser entseelte Leichnam ist da; was er jetzt ist, das ist nicht mehr der «Mensch»; was er jetzt ist, hat nur seine Bedeutung dadurch, daß ein anderes in ihm nicht mehr ist, was früher in ihm war. Der entseelte Leichnam in allen seinen Formen und Zusammenhängen, er hat eigentlich nicht mehr einen ursprünglichen Sinn: Seinen Sinn gibt ihm etwas, was nicht mehr in ihm ist. Die Geistesforschung zeigt uns nämlich, daß es ein Analogon gibt zu diesem entseelten Leichnam, der seinen Sinn nur dadurch bekommt, daß wir wissen: Leben war in ihm, das ihm seinen Sinn gibt. Ein Analogon zu diesem entseelten Leichnam sieht die Geistesforschung in dem gewöhnlichen Vorstellen und Denken. So wenig dieser entseelte Leichnam das Leben noch in sich trägt und verrät, so wahr er aber auch ohne dieses Leben keinen Sinn, keine Bedeutung hat, weil er nur durch dieses Leben Bedeutung erhält, so wahr hat unser gewöhnliches, gerade für die äußere Naturbetrachtung so geeignetes Denken nicht die Möglichkeit, in die übersinnlichen Geheimnisse einzudringen. Denn es ist das gewöhnliche Denken und Vorstellen den übersinnlichen Geheimnissen gegenüber so gelähmt, so tot, wie ein Leichnam gegenüber dem Leben, Und darin hat der Materialismus recht: Dieses Denken, das gerade seine Triumphe in der heutigen Naturwissenschaft errungen hat, rührt davon her, daß wir während des Lebens diesen Leichnam des Denkens in uns tragen, des Denkens, das das Werkzeug des gewöhnlichen Verstandes ist. Und mit vollem Recht sagt die materialistisch orientierte Naturwissenschaft: In dem Augenblick, wo das gewöhnliche Leben aufhört, hört auch das Bewußtsein auf. Denn ein anderes Bewußtsein tritt dann ein, ein Bewußtsein, das nur vorgestellt werden kann durch die Geistesforschung. Wie der menschliche Leib nur durch das Leben seinen Sinn hat, so muß etwas anderes eindringen in das menschliche Denken, dasselbe, was sonst in dem Leichnam ist, was der Leichnam abgelegt hat, und worin das gewöhnliche Denken nicht steckt. Das gewöhnliche Denken steckt nur in dem, was wir als Leichnam ablegen. Wir stecken im gewöhnlichen Leben nur in dem, was wir in unserem gewöhnlichen Denken haben. Wir müssen aber unabhängig werden von dem, was Leichnam werden kann. Indem die Geistesforschung anstrebt, dieses menschliche Denken, das eigentlich selbst ein Leichnam ist, hinunterzutauchen in das, was den Leichnam durchseelt, erkraftet sich dadurch dieses Denken und bringt sich in Verbindung mit einer Welt, wo der Leichnam nie sein kann, das heißt, bringt sich in Verbindung mit der übersinnlichen Welt. Ebensowenig wie der Leichnam sein wahres Wesen, seinen inneren Sinn durch das hat, was er noch ist, so wenig hat dieses Denken sein Wesen in sich. Und wie das Leben in den menschlichen Körper hineinfahren muß, damit er das wird, was ihn aus einem bloßen Körper zu einem beseelten Wesen macht, so kann sich der Mensch auch im Denken mit dem verbinden, wovon der Leib verlassen wird. Geistesforscherische Erkenntnis ist ein realer Vorgang, kein formeller; Geistesforschung ist kein theoretischer Vorgang. Denn Geistesforschung läßt das menschliche Denken und Vorstellen hinuntertauchen in das, was eben gerade aus dem Grunde für das gewöhnliche Bewußtsein verborgen bleibt, weil der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht in diese Dinge untertauchen kann. Es bedeutet für das menschliche Erkenntnisempfinden eine ungeheure Vertiefung, wenn man diese Parallele zieht zwischen dem entseelten Leichnam und demjenigen, was unser gewöhnliches Denken ist. Wir werden in den folgenden Vorträgen sehen, wie gerade aus der richtigen Erforschung dieses Lebensgeheimnisses, dieses Todesgeheimnisses, die Rätsel der Unsterblichkeit vor die Seele treten und wie sie sich äußern, aber geahnt werden können schon auch aus dem, was heute hier besprochen worden ist: daß das Ziel der Geistesforschung das ist, das menschliche Seelenwesen in Verbindung zu bringen mit seinem ewigen Teil, mit demjenigen Teil, der nicht bloß lebt zwischen der Geburt — oder Empfängnis — und dem Tode, sondern der durch die Geburt hereintritt in die eine Pforte des Lebens und mit dem Tode hinaustritt durch die andere, um durch den Tod in ein geistiges Reich einzutreten.
[ 23 ] Let us consider such a riddle—a riddle that confronts human beings time and again, a riddle that reveals itself when a person stands before a lifeless human body, a corpse. The comparison between a human corpse with the living human being is not made all too often; for otherwise one would recognize that in it one of life’s deepest comparisons confronts us. For the human corpse—which, when we have it before us, actually presents us with the immediate problem of death and thus also of immortality—we look at it, and we examine it as anatomists and physiologists in order to solve many of the mysteries of humanity, but we give far too little thought to what it means: This lifeless corpse is there; what it is now is no longer the “human being”; what it is now derives its meaning solely from the fact that something else—which was once within it—is no longer there. The lifeless corpse, in all its forms and contexts, actually no longer has an intrinsic meaning: its meaning is given to it by something that is no longer within it. Spiritual science shows us, in fact, that there is an analogue to this lifeless corpse, which derives its meaning solely from our knowledge that life was within it—a life that gives it its meaning. Spiritual science sees an analogue to this lifeless corpse in ordinary imagination and thinking. Just as this lifeless corpse no longer bears or reveals life within itself, and just as it has no meaning or significance without this life—because it derives its significance solely from this life—so too does our ordinary thinking, which is so well suited to the observation of external nature, lack the ability to penetrate the supersensible mysteries. For ordinary thinking and imagination are as paralyzed, as dead, in the face of the supersensible mysteries as a corpse is in the face of life. And in this, materialism is right: this way of thinking, which has achieved its triumphs precisely in modern natural science, stems from the fact that during our lives we carry within us this corpse of thinking—the thinking that is the instrument of the ordinary intellect. And materialistically oriented natural science is entirely correct in saying: The moment ordinary life ceases, consciousness also ceases. For another consciousness then takes its place—a consciousness that can only be conceived through spiritual research. Just as the human body has meaning only through life, so something else must enter human thinking—the very thing that is otherwise contained in the corpse, that which the corpse has shed, and in which ordinary thinking does not reside. Ordinary thinking resides only in what we shed as a corpse. In ordinary life, we are confined only to what we have in our ordinary thinking. But we must become independent of what can become a corpse. As spiritual science strives to plunge this human thinking—which is itself, in fact, a corpse—down into that which animates the corpse, this thinking thereby gains strength and connects itself with a world where the corpse can never be, that is, it connects itself with the supersensible world. Just as the physical body does not derive its true nature, its inner meaning, from what it still is, so too does this thinking not have its essence within itself. And just as life must enter the human body so that it becomes what transforms it from a mere body into an animated being, so too can the human being, through thinking, connect with that from which the body is eventually separated. Spiritual scientific insight is a real process, not a formal one; spiritual science is not a theoretical process. For spiritual science allows human thinking and imagination to plunge into that which remains hidden from ordinary consciousness precisely because, in ordinary life, human beings cannot immerse themselves in these things. Drawing this parallel between the lifeless corpse and what our ordinary thinking is represents an immense deepening of human cognitive perception. In the following lectures, we shall see how, precisely through the proper exploration of this mystery of life and death, the enigmas of immortality come before the soul and how they manifest themselves; but they can already be sensed from what has been discussed here today: that the goal of spiritual research is to connect the human soul with its eternal aspect—that part which does not merely live between birth (or conception) and death, but which, through birth, enters through one gate of life and, through death, exits through the other, in order to enter a spiritual realm through death.
[ 24 ] Das aber ist das Wesen der Geistesforschung, daß durch sie gesucht werden diejenigen Tiefen der Seele, in denen der Mensch nicht nur sein vorübergehendes Leben lebt durch die Sinne, durch seinen physischen Leib, sondern in denen er sein unsterbliches Leben lebt. Damit kann die Unsterblichkeitsfrage im echten Sinne eine Wissenschaftsfrage sein, und das wird der Weg des menschlichen Geistesstrebens in die Zukunft hinein sein. Und schon die Gegenwart wird dieses Streben brauchen, daß sich neben die Naturwissenschaft eine besondere Geisteswissenschaft hinstellt; und gerade dann wird die Naturwissenschaft den großen, den bedeutsamen erzieherischen Wert für den Menschen haben, wenn man auf ihrem Gebiete gar nicht mehr suchen wird, was dort nicht gefunden werden kann: die menschliche Seele und ihre Betätigungen. Aber wenn man auf der anderen Seite nach dem Ideal naturwissenschaftlicher Wahrheit und Wahrhaftigkeit die Seele mit den Geistesmethoden ausbildet, um ebenso zu einer Geisteswissenschaft zu kommen wie durch die naturwissenschaftlichen Methoden zur Naturwissenschaft, dann wird die Unsterblichkeit für die Seele zur unmittelbaren Gewißheit.
[ 24 ] But this is the essence of spiritual research: it seeks to explore those depths of the soul in which human beings live not only their transient lives through the senses and their physical bodies, but also their immortal lives. Thus, the question of immortality can be a scientific question in the true sense, and this will be the path of human spiritual striving into the future. And even the present will require this striving—that a distinct spiritual science stand alongside the natural sciences; and it is precisely then that the natural sciences will have great and significant educational value for humanity, when one no longer seeks within their domain what cannot be found there: the human soul and its activities. But if, on the other hand, one cultivates the soul using spiritual methods in accordance with the ideal of scientific truth and truthfulness—in order to arrive at a spiritual science just as one arrives at natural science through scientific methods—then immortality will become an immediate certainty for the soul.
[ 25 ] Man kann sagen: was die Geistesforschung will, das wird eigentlich heute in den weitesten Kreisen angestrebt. Man braucht gar nicht zu glauben, daß der Geistesforscher mit irgendeiner eigensinnigen Idee vor seine Zeitgenossen hintritt und ihnen etwas aufoktroyieren will, was nur gerade ihn beseelt. Nein, der Geistesforscher will eigentlich nichts anderes als das, was im innersten Grunde in den weitesten Kreisen auch die Seelen der gegenwärtigen Menschen wollen. Und manches, was an unbefriedigten Gefühlen, an ungestillten Sehnsuchten, die bis zur Krankhaftigkeit und Nervosität gehen können, in der Gegenwart lebt, das rührt vielfach davon her, daß die Seelen der gegenwärtigen Menschen suchen nach dem Geheimnis der geistigen Welt, und doch eigentlich nicht in der rechten Weise wissen, daß sie suchen. Die besten, die wissenschaftlichsten Geister gehören dazu. Jetzt ist es zwar nicht so, aber man kann schon sagen, bevor diese traurigen Zeiten eingetreten sind, war es doch so, daß die Menschen gesucht haben, in Sanatorien und auf ähnlichen Wegen Heilung zu finden für etwas, was in ihren Seelen lag und was im Gefolge davon auch im körperlichen Leben dieser Menschen aufgetreten ist. Die Menschen «wallfahrteten» nach den Sanatorien, und diese Züge waren ja viel stärker als zu anderen Zeiten die Züge nach den Wallfahrtsorten. Würde aber heute richtig verstanden werden, was Geisteswissenschaft für die menschliche Seele sein kann, dann würde man andere Wallfahrten anstellen als nach Bädern und Kurorten, nämlich solche Wallfahrten, die die Seele hineinführen können in die geistige Welt, aus der heraus den Menschen Kraft und Gesundheit kommen kann.
[ 25 ] One could say: what spiritual research aims for is, in fact, what the broadest circles are striving for today. One need not believe that the spiritual researcher approaches his contemporaries with some stubborn idea and seeks to impose upon them something that inspires only him. No, the spiritual researcher actually wants nothing other than what, deep down, the souls of people today also desire in the broadest circles. And much of what exists today in the form of unfulfilled feelings and unquenched longings—which can even reach the point of morbidity and nervousness—stems in many cases from the fact that the souls of people today are searching for the mystery of the spiritual world, yet do not actually realize in the right way that they are searching. The finest and most scientific minds are among them. Although this is not the case now, one can certainly say that before these sad times began, people did indeed seek healing in sanatoriums and through similar means for something that lay within their souls—and which, as a consequence, also manifested in their physical lives. People “made pilgrimages” to the sanatoriums, and these movements were, after all, much stronger than the pilgrimages to traditional sites of pilgrimage in other times. But if it were truly understood today what spiritual science can be for the human soul, then people would undertake pilgrimages other than those to spas and health resorts—namely, pilgrimages that can lead the soul into the spiritual world, from which strength and health can flow to human beings.
[ 26 ] Man wird vielleicht schon aus den wenigen Andeutungen sehen, daß die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht etwas Theoretisches sein will, sondern etwas, was die Seele vertieft und erkraftet, was, mit anderen Worten, Verständnis des wirklichen, wahrhaftigen Lebens schaffen kann. Geisteswissenschaft will nicht sein eine verworrene, unklare, düstere Mystik; sie will etwas sein, was eingreifen kann ins Leben, was im heutigen Sinne «praktische» Menschen im Leben machen kann. In einer Zeit der Eisenbahnen, der Telegraphen, der Telephone, der Aeroplane und so weiter ist es unmöglich, über geistige Dinge so zu denken, wie man im Mittelalter wohl über dieselben Gegenstände gedacht hat. Und es ist heute auch ebenso unmöglich, das soziale Zusammenleben der Menschen richtig zu gestalten, wenn man nicht die Vorstellungen entwickeln kann, die lebenskraftvoll sind. Was damit gesagt sein soll, das kann man an vielen Erscheinungen der Gegenwart sehen. Ich möchte nur an ein Buch erinnern, das in der letzten Zeit erschienen ist, das in gewisser Beziehung ein bedeutsames Buch ist, das sich zwar nicht mit den Fragen der Geisteswissenschaft, wie sie heute besprochen worden ist, beschäftigt, das aber überall die Sehnsucht durchblicken läßt nach einer solchen Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. An ein Buch möchte ich erinnern, das sich beschäftigt mit den Dingen der äußeren Wirtschaft, mit jenen Dingen, welche der Menschheit notwendig sind, wenn sie einen Ausweg aus den gewaltig katastrophalen Zuständen der Gegenwart finden will. Die meisten von Ihnen werden das Buch von Walther Rathenau «Von kommenden Dingen» kennen. Es handelt von den Gegenständen der äußeren Wirtschaft, der menschlichen Notdurft, von dem, was an äußeren Einrichtungen getroffen werden soll für die künftige Ausgestaltung des Lebens. Aber durch das ganze Buch geht etwas wieein roter Faden: DieSehnsucht nach der Seele, die Sehnsucht nach Gesichtspunkten und Begriffen, um die Bedingungen für das Leben der Seele aus dem äußeren Leben regeln zu können. Man braucht nur wenige Sätze dieses Buches auf seine Seele wirken zu lassen und wird finden, wie das gemeint ist, was ich hier sage. Walther Rathenau spricht auch von denen, die heute im Zeitalter der Mechanisierung den Geist nur zu einem Ergebnis der äußeren Körperlichkeit und der äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse machen wollen. Er sagt zum Beispiel in seinem Buche:
[ 26 ] One may already see from these few hints that the spiritual science referred to here is not intended to be something theoretical, but rather something that deepens and strengthens the soul—something that, in other words, can foster an understanding of real, authentic life. Spiritual science does not wish to be a confused, unclear, gloomy mysticism; it wishes to be something that can intervene in life, something that can make a difference in the lives of “practical” people as we understand the term today. In an age of railroads, telegraphs, telephones, airplanes, and so on, it is impossible to think about spiritual matters in the same way that people in the Middle Ages likely thought about the same subjects. And it is just as impossible today to properly shape human social life if one cannot develop ideas that are full of vitality. What this means can be seen in many phenomena of the present. I would just like to mention a book that has recently been published, a book that is significant in a certain respect; although it does not deal with the questions of spiritual science as they have been discussed today, it nevertheless reveals throughout a longing for the kind of spiritual science meant here. I would like to mention a book that deals with matters of the external economy—with those things that are necessary for humanity if it is to find a way out of the immensely catastrophic conditions of the present. Most of you will be familiar with Walther Rathenau’s book Von kommenden Dingen (Of Things to Come). It deals with the subjects of the external economy, human necessities, and the external arrangements that must be made for the future organization of life. But a common thread runs through the entire book: the longing for the soul, the longing for perspectives and concepts that will enable us to regulate the conditions for the life of the soul out of external life. One need only let a few sentences from this book sink into one’s soul to understand what I mean here. Walther Rathenau also speaks of those who, in today’s age of mechanization, wish to reduce the spirit to nothing more than a product of external physicality and external economic conditions. For example, he says in his book:
[ 27 ] «Genug dieser Argumente, Sie setzen voraus, was sie zu beweisen haben, daß Leib das erste, Geist das zweite ist, daß Materie Geist formt. Glauben wir, daß wir Geschöpfe des Fleisches sind, so mag wer will das Leben versüßen und beschmeicheln; dann ist das Ringen um Gott und unsre Seele eitel, und es haben die das Wort, die um des Nützlichen und des Nutzens willen da sind. Glauben wir aber, daß der Geist sich seinen Körper formt, daß der Wille nach oben die Welt emporträgt, daß der Funke der Gottheit in uns lebt: dann ist der Mensch sein eigenes Werk, dann ist sein Schicksal sein eigenes Werk, dann ist seine Welt sein eigenes Werk.»
[ 27 ] “Enough of these arguments; they assume what they are supposed to prove—that the body comes first, the spirit second, and that matter shapes the spirit. If we believe that we are creatures of the flesh, then let whoever wishes to do so sweeten and flatter life; then the struggle for God and our soul is in vain, and those who are here for the sake of utility and benefit have the final say. But if we believe that the spirit shapes its own body, that the will carries the world upward, that the spark of divinity lives within us—then man is his own creation, then his destiny is his own creation, then his world is his own creation.”
[ 28 ] Ein Mann spricht aus diesem Buche, der Anteil genommen hat an dem, was innerhalb dieses Krieges geschaffen werden mußte, ein Mann spricht, nachdem er angeschaut hat, was sich im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat, und er spricht über die Ursachen der äußeren katastrophalen Wirkungen. Und das Merkwürdige ist, daß ein Praktiker, ein ganz im Leben stehender Mann zu den Worten kommt:
[ 28 ] A man speaks from this book—a man who has taken part in what had to be accomplished during this war; a man speaks after having observed what has unfolded over the course of the last few years, and he speaks about the causes of the catastrophic external effects. And what is remarkable is that a man of practical experience, a man firmly grounded in life, arrives at the following words:
[ 29 ] «Zum letzten Male habe ich im Jahr vor Kriegsausbruch auf die nahende Wende hingewiesen: Nicht aus politischer Notwendigkeit, sondern aus transzendentem Gesetz müsse das Schwere kommen ...»
[ 29 ] “I last pointed out the approaching turning point in the year before the outbreak of the war: The hardship must come not out of political necessity, but out of a transcendent law ...”
[ 30 ] Und wiederum, nachdem diese katastrophalen Ereignisse zwei Jahre gedauert haben, und Walther Rathenau dieses Buch schreibt und auf das zurückblickt, was sich bisher ereignet hat und was kommen müsse, da spricht er, der ebenso «an ehrenvolle, gottgesandte Rettung» glaubt, wie nur irgend jemand an dieses oder jenes — was man in diesem Buche nachlesen kann — mit Bezug auf das, was für die Zukunft der Menschheit zu tun sein wird, den folgenden Satz aus:
[ 30 ] And again, after these catastrophic events had lasted two years, and Walther Rathenau was writing this book and looking back on what had happened so far and what was yet to come, he—who believes just as much in “an honorable, God-sent rescue” as anyone else might believe in this or that—as can be read in this book—uttered the following sentence with regard to what must be done for the future of humanity:
[ 31 ] «Und abermals sind nicht politische und militärische Gründe bestimmend, sondern transzendente!»
[ 31 ] “And once again, it is not political or military reasons that are decisive, but transcendent ones!”
[ 32 ] «Transzendente Gründe», das heißt aber solche, die aus der geistigen Welt herunterfließen! Man könnte dieses Beispiel, das aus diesem Buche spricht, heute durch hunderte und tausende vermehren. Es spricht ein Mensch aus dem lebhaften Bedürfnis nach dem geistig-seelischen Leben, aus dem Wunsche, die Bedürfnisse des geistig-seelischen Wesenskernes des Menschen zum leitenden Prinzip der sozialen Ordnung zu machen. Aber indem man dieses Buch liest und es vergleicht mit den früheren Büchern Walther Rathenaus, «Zur Kritik der Zeit» und «Die Mechanik des Geistes», hat man überall das Gefühl: Die Begriffe sind schwach, sind nicht eingreifend in das Leben, sind nicht das, was tatsächlich diese Wirklichkeit meistern könnte, weil sie selbst nicht aus der vollen Wirklichkeit heraus stammen. In abstrakten Formen wird von der Sehnsucht der Seele, von der Transzendenz der Gründe für unser Handeln gesprochen; aber nirgends ist ein wirkliches Eingehen auf die geistige Welt zu bemerken. Was würde man heute von einem Menschen denken, der in der naturwissenschaftlichen Bildung der Gegenwart drinnenzustehen glaubte und etwa sagen würde: Mich interessieren nicht Schwefel, nicht Silizium, nicht Kalzium; das ist alles nur eines, das ist nur Stoff? Man würde von ihm sagen: er will nicht eingehen auf das Einzelne. Wir sprechen, wenn wir nicht abstrakte Monisten sein wollen, nicht von dem «einen Stoff», sondern von den etwa siebzig Stoffen, den Elementen, wenn wir das wirkliche Naturgefüge verstehen wollen. So spricht man auch nicht von Geist im allgemeinen, sondern von der konkreten geistigen Welt, die ebenso eine Welt geistiger Wesen ist, die in unser Seelenleben eingreifen, wie es einzelne Stoffe im äußeren Leben gibt. Das ist aber etwas, vor dem die Gegenwart heute noch Furcht hat, wenn man in der Geisteswissenschaft von einem Eindringen in das konkrete geistige Leben spricht, das die geistige Wirklichkeit so ergreift, daß mit dem Ergreifen und Begreifen dieser Wirklichkeit auch starke, kraftvolle Begriffe gefunden werden können, kräftige Impulse, welche die Macht haben, auch in das äußere soziale Leben einzugreifen. Und dieser Geisteswissenschaft und diesem Ergreifen des geistigen Lebens möchten diese Vorträge dienen.
[ 32 ] “Transcendent reasons”—that is, reasons that flow down from the spiritual world! One could multiply this example, taken from this book, by hundreds and thousands today. A person speaks out of a vivid need for spiritual and soul life, out of the desire to make the needs of the spiritual and soul core of the human being the guiding principle of social order. But when one reads this book and compares it with Walther Rathenau’s earlier works, Zur Kritik der Zeit and Die Mechanik des Geistes, one has the feeling throughout: The concepts are weak, do not penetrate into life, and are not what could actually master this reality, because they themselves do not stem from full reality. In abstract terms, the book speaks of the soul’s longing and of the transcendence of the reasons for our actions; but nowhere is there any real engagement with the spiritual world. What would one think today of a person who believed himself to be well-versed in contemporary scientific education and were to say, for example: “I am not interested in sulfur, nor in silicon, nor in calcium; all of that is just one thing, it is merely matter”? One would say of him: he does not want to engage with the particular. If we do not wish to be abstract monists, we speak not of “one substance,” but of the approximately seventy substances—the elements—if we wish to understand the true structure of nature. Likewise, we do not speak of spirit in general, but of the concrete spiritual world, which is just as much a world of spiritual beings that intervene in our inner life as there are individual substances in our outer life. But this is something that the present day still fears when, in spiritual science, one speaks of penetrating into concrete spiritual life—a life that seizes spiritual reality in such a way that, through grasping and comprehending this reality, strong, powerful concepts can be found, as well as vigorous impulses that have the power to intervene even in external social life. And these lectures are intended to serve this spiritual science and this grasping of spiritual life.
[ 33 ] Es ist heute noch notwendig, daß man vielfach, wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung spricht, sich gewisser Ideen und Vorstellungen bedienen muß, von denen mancher wohl sagt, sie seien schwierig, und man müsse sich anstrengen, um sie zu erringen. Mir schwebt vor — wenn ich diese Bemerkung machen darf — eine Gestalt der Geistesforschung, die es in der Zukunft geben kann, eine Gestalt, die einfach, die populär ist, so daß sie jedes einfache Gemüt in sich aufnehmen kann. Das muß ja auch so sein. Physik brauchen nur einzelne Menschen, Astronomie und so weiter brauchen nur einzelne Menschen. Was Geistesforschung ist, das braucht aber jeder Mensch. Heute noch steht Geistesforschung der übrigen Forschung fern. Sie muß sich, damit sie geduldet wird, heute noch auf einen Gesichtspunkt stellen, daß sie gewachsen ist den gegen sie gerichteten Angriffen seitens der übrigen Forschung. Würde sie heute schon wie «aus der Pistole geschossen» in ihrer einfachen Form auftreten, die sie haben kann: sie würde verlacht, würde verhöhnt werden. Heute muß sie auftreten mit schwereren Begriffen, damit sie gewappnet ist gegenüber dem, was die offizielle Wissenschaft zwar in leichter Weise, aber dennoch ihr entgegensetzen kann. Damit muß man sich abfinden.
[ 33 ] Even today, when speaking of research in the spiritual sciences, it is often necessary to draw upon certain ideas and concepts that some might say are difficult and require effort to grasp. I envision—if I may make this remark—a form of spiritual research that might exist in the future, a form that is simple and accessible to the general public, so that it can be embraced by every simple mind. That is indeed how it must be. Only a few people need physics; only a few people need astronomy and so on. But what spiritual research is, every human being needs. Today, spiritual science still stands apart from other fields of research. In order to be tolerated, it must still adopt a stance that shows it has grown to withstand the attacks directed against it by the rest of the scientific community. If it were to appear today “out of the blue” in the simple form it is capable of taking, it would be laughed at and mocked. Today it must present itself using more complex concepts so that it is equipped to face what official science can oppose it with—albeit in a lighthearted manner, but nonetheless. One must come to terms with this.
[ 34 ] Vor allem muß man sich damit bekannt machen, daß diese Geistesforschung etwas in unser Kulturleben hineinführen muß, was diesem Kulturleben zu seiner innersten Gesundung ganz besonders notwendig ist. Wenn man sich näher befaßt mit dieser Geistesforschung, dann wird man sehen, daß ihre Ergebnisse einen Charakter haben, von dem man sagen kann: Es wird angestrebt ein wirkliches Sichgegenüberstellen der geistigen Welt, aber ohne alle Sentimentalität, ohne alle falsche Mystik und Frömmelei, ohne das, was den Menschen schwach macht. Nein, gerade stark soll der Mensch dadurch werden, daß er sein Verhältnis zur geistigen Welt kennt. Daher darf man auch nicht denken, daß diese Geisteswissenschaft irgendwie sich in sektiererischer Weise geltend machen will, daß sie so auftreten will, als wenn sie eine neue Religionsbildung anstrebte. Das alles will sie nicht. Woraus sie sich zunächst als aus ihrer Wurzel entwickelt, das ist die moderne naturwissenschaftliche Denkweise. Festgehalten werden muß, daß sie andere Begriffe und Erkenntnisfähigkeiten entwickeln muß als die moderne naturwissenschaftliche Forschung. Daher suche man ihren Ursprung in dem, was modernes naturwissenschaftliches Denken ist. Daß dann diese Geisteswissenschaft die beste Stütze gerade des religiösen Lebens der Menschen werden kann, daß das ja auf so vielen Gebieten, in so vielen Verzweigungen — leider! — so vielfach erschütterte religiöse Leben wieder eine Auffrischung und feste Stütze erlangen kann, das ist eine andere Frage. Das ist eine Frage, welche Dr. Rittelmeyer in einem Aufsatze, der in der Zeitschrift «Die christliche Welt» erschienen ist, vor kurzem eingehend und erschöpfend behandelt hat. Aus diesem Aufsatze kann man ersehen, was nach dem Urteil eines Urteilsfähigen diese Geisteswissenschaft gerade der Vertiefung des religiösen Lebens sein kann. Vielleicht wird sie es gerade deshalb sein, weil sie nicht darauf ausgegangen ist, eine neue Form neben das schon bestehende religiöse Leben hinzustellen, sondern weil sie darauf ausgegangen ist, die Frage zu beantworten: Wie dringt man ebenso wissenschaftlich ernst in das geistige Reich ein, wie man naturwissenschaftlich in die Natur eindringt?
[ 34 ] Above all, one must come to understand that this spiritual research must introduce into our cultural life something that is particularly necessary for its innermost healing. If one examines this spiritual science more closely, one will see that its findings have a character about which one can say: It strives for a genuine encounter with the spiritual world, but without any sentimentality, without any false mysticism or pietism, without anything that weakens the human being. No, the human being is to become strong precisely by knowing his or her relationship to the spiritual world. Therefore, one must not think that this spiritual science in any way seeks to assert itself in a sectarian manner, or that it seeks to present itself as if it were striving to establish a new religion. It seeks none of that. What it develops from, as its root, is the modern scientific way of thinking. It must be emphasized that it must develop different concepts and cognitive abilities than those of modern scientific research. Therefore, one should seek its origin in what modern scientific thinking is. Whether this spiritual science can then become the best support precisely for people’s religious life—and whether religious life, which has been so often—alas!—shaken in so many areas and in so many branches, can once again gain renewal and firm support—that is another question. This is a question that Dr. Rittelmeyer recently addressed in depth and exhaustively in an essay published in the journal Die christliche Welt. From this essay, one can see what, in the judgment of a discerning mind, this spiritual science can be precisely for the deepening of religious life. Perhaps it will do so precisely because it did not set out to establish a new form alongside existing religious life, but rather because it set out to answer the question: How does one penetrate the spiritual realm with the same scientific seriousness with which one penetrates nature through the natural sciences?
[ 35 ] Geltend machen wollte ich, daß Geisteswissenschaft wirklich nicht etwas in der Gegenwart willkürlich Auftretendes ist, sondern die Zusammenfassung dessen, was die besten Geister der Menschheit immer gewollt haben, eine Zusammenfassung dessen, was zum Beispiel Goethe damals durch die Seele gezogen ist, als er vor der Frage stand, die sich ihm aufgeworfen hatte durch die Idee Hallers: «Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist.» Haller, ein großer Naturforscher zur Zeit Goethes, war ein bedeutender Geist. Allein er stand auf der Seite derer, die seitdem immer zahlreicher und zahlreicher geworden sind, die da glauben, daß das menschliche Erkenntnisvermögen «Grenzen» habe. Grenzen hat gewiß das Erkenntnisvermögen, das wir auf das gewöhnliche Leben anwenden. Aber das Erkenntnisvermögen des Menschen kann so erweitert werden, daß wir bis zu einem gewissen Grade eindringen können in das Rätsel des Ewigen in der Seele, daß man sich mit dem Rätsel des Ewigen verbinden kann. Das wird Geisteswissenschaft durch ihre Forschung darstellen können. Und sie wird mit den Worten Goethes, womit ich den heutigen Vortrag abschließen will, ihre Forschungsart bekräftigen können. Goethe erinnerte sich an die Worte Hallers, der, wie gesagt, einer der bedeutendsten Naturforscher seiner Zeit war, und der sagte:
[ 35 ] I wanted to make it clear that spiritual science is truly not something that has arisen arbitrarily in the present, but rather the synthesis of what the greatest minds of humanity have always sought—a synthesis of what, for example, moved Goethe’s soul at the time when he was confronted with the question raised by Haller’s idea: “No created spirit penetrates into the innermost being of nature.” Haller, a great natural scientist in Goethe’s time, was a remarkable mind. Yet he stood on the side of those—who have since become ever more numerous—who believe that human cognitive capacity has “limits.” Certainly, the cognitive faculty we apply to ordinary life has limits. But the human cognitive faculty can be expanded to such an extent that we can, to a certain degree, penetrate the mystery of the eternal in the soul—that we can connect with the mystery of the eternal. Spiritual science will be able to demonstrate this through its research. And it will be able to affirm its method of research with the words of Goethe, with which I would like to conclude today’s lecture. Goethe recalled the words of Haller, who, as I mentioned, was one of the most significant natural scientists of his time, and who said:
«Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist
Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!»
“No creative spirit
Penetrates the innermost depths of nature
Blessed is he to whom she
Reveals only her outer shell!”
[ 36 ] Und Goethe erwiderte darauf:
[ 36 ] And Goethe replied:
«Das hör’ ich sechzig Jahre wiederholen,
und fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale,
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!»
“I’ve heard this repeated for sixty years,
and I curse it, but secretly;
Tell me a thousand thousand times,
She gives everything abundantly and gladly;
Nature has neither core
nor shell,
She is everything all at once;
Just examine yourself above all else,
Whether you are core or shell!”
