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The Rudolf Steiner Archive

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Das Ewige in der Menschenseele
Unsterblichkeit und Freiheit
GA 67

24 Januar 1918, Berlin

1. Ziel und Wesen der Geistesforschung

[ 1 ] Wie jetzt schon seit einer recht langen Reihe von Jahren, möchte ich auch in diesem Winter hier in Berlin eine Anzahl von Vorträgen halten über Gegenstände der Geisteswissenschaft. Die Vorträge werden durchzogen sein von einem gemeinsamen Gedankengang, doch möchte ich die einzelnen Vorträge so gestalten, daß jeder für sich, wenigstens in einem gewissen Sinne, als ein abgeschlossenes Ganzes gehört werden kann.

[ 2 ] Der heutige Vortrag ist zunächst einleitend und orientierend gedacht. Er soll handeln über Ziel und Wesen der hier gemeinten Geistesforschung.

[ 3 ] Spricht man von den Zielen der Geistesforschung, so bezieht man sich eigentlich auf etwas, was Ziel zugleich jedes wahrhaft menschlichen, menschlich fühlenden und empfindenden Herzens ist, und, man kann sagen, was Ziel ist der Menschheit, des menschlichen Erkenntnisstrebens, seit es überhaupt eine denkende, fühlende Menschheit gibt. Und dennoch: jedes Zeitalter muß dieses Ziel auf verschiedene Weise zu erreichen versuchen. Es ist ja auch auf anderen Gebieten des menschlichen Strebens so. Wenn man die verschiedenen Epochen der menschlichen Entwickelung an sich vorüberziehen läßt, so sieht man, daß von Zeitalter zu Zeitalter die Charaktere der menschlichen Bestrebungen sich ändern; die Interessen werden auf immer anderes und anderes gerichtet, die Impulse gehen aus immer anderen und anderen Ecken der menschlichen Seele hervor, das Leben wird von immer neuen und neuen Gesichtspunkten beherrscht. Daher kommt es, daß das, was eigentlich uralt ist, in einer immer neuen und neuen Form von der Menschheit angestrebt werden muß, auch wenn sich dieses Angestrebte auf das ewige, unvergängliche Ziel der Menschheit selber richtet. Man braucht nur daran zu denken, wie verschieden ist beim Menschen die Art und Weise, wie er das äußere räumliche Weltgebäude heute ansieht, von jener Art, wie er es ansah noch vor fünf bis sechs Jahrhunderten. Man könnte auf anderen Gebieten dieselbe Betrachtung anstellen und würde finden, daß die ganze Art und Form des menschlichen Strebens und Denkens, alle Beziehungen des menschlichen Denkens zur Welt sich fortwährend ändern. Diesem Umstande will insbesondere das, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird, Rechnung tragen. Sie will das tiefste Ziel des menschlichen Erkenntnisstrebens in einer solchen Weise verfolgen, wie es gerade entsprechen muß dem Charakter, der Eigenart des menschlichen Strebens in der Gegenwart und der nächsten Zukunft.

[ 4 ] Was hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, kann sehr leicht verkannt werden. Es wird auch sehr leicht verkannt und in den weitesten Kreisen heute noch durchaus mißverstanden. Man denkt dabei an irgend etwas Sektiererisches, stellt sich etwas vor, was wie eine neue Religionsgründung etwa auftreten will oder dergleichen. Das ist alles durchaus nicht richtig. Was diese Geisteswissenschaft will, steht eigentlich so zum menschlichen Streben, daß es sich ausleben muß wie eine unmittelbare Fortsetzung der so tief in alles menschliche Denken und Vorstellen eingreifenden naturwissenschaftlichen Weltanschauung selber. Zunächst ist diese hier gemeinte Geisteswissenschaft gar nicht etwa hervorgegangen aus einem religiösen Impuls, sondern sie ist hervorgegangen aus dem, was sich notwendigerweise neben die Naturwissenschaft mit ihren großen Errungenschaften und ihren großen Einsichten in das äußere Leben des Daseins in Gemäßheit unserer Gegenwart und Zukunft hinstellen muß. Es muß dabei immer wieder betont werden: Geisteswissenschaft verkennt nicht die naturwissenschaftlichen Errungenschaften, sondern anerkennt sie im tiefsten Sinne; aber gerade was die Naturwissenschaft groß, bedeutend gemacht hat, was ihr die großen Erfolge gebracht hat, das hat sie zu gleicher Zeit davon abgebracht, Mittel und Wege zu finden, um in das Geistesleben der Menschheit selbst einzudringen. Man braucht nur hinzuweisen auf das eigentliche Ziel des menschlichen Geistesstrebens, auf dasjenige, was im Mittelpunkte dieses Strebens steht, und man wird, wenn man im gegenwärtigen Wissenschaftsleben Umschau hält, sofort erkennen, daß dieses eben Gesagte richtig ist.

[ 5 ] Der bedeutende Philosoph Eduard von Hartmann hat gegen das Ende seines Lebens eine Geschichte der Seelenlehre geschrieben. In dieser Geschichte der Seelenlehre, die sehr bemerkenswert ist, hat er es ausgesprochen, daß eigentlich seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schon die wissenschaftlich, die akademisch betriebene Seelenlehre gerade diezwei Hauptfragen der menschlichen Seelenerkenntnis im Grunde genommen nicht berühren kann. Diese zwei Hauptfragen sind ja keine anderen als die nach dem Ewigen in der menschlichen Seele, die man im wesentlichen die Unsterblichkeitsfrage nennt, und die andere, die Frage nach dem Wesen der menschlichen Freiheit; und im Grunde genommen gipfelt alles, was auf diesem Gebiete nach Erkenntnis strebt, darin, klare, sichere, wahrhafte Erkenntnis über diese zwei Fragen zu erringen. Und gerade über diese zwei Fragen wird man nicht Mittel und Wege finden in demjenigen, was heute wissenschaftliche Seelenlehre ist.

[ 6 ] Einer der vielleicht Allerbedeutendsten, die sich in der neueren Zeit mit Seelenforschung befaßt haben, der im vorigen Jahre in Zürich verstorbene Franz Brentano, der tiefe Erkenntnissehnsucht auf Fragen des Seelenlebens verwendet hat, er sagte schon in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts, indem er das betrachtete, was aus dem wissenschaftlichen Geist der Gegenwart heraus «Seelenwissenschaft» sein kann: Diese Seelenwissenschaft befaßt sich damit, wie sich eine Vorstellung an die andere knüpft, wie die Aufmerksamkeit zur menschlichen Seele steht, was das Gedächtnis für eine Rolle spielt, wie Liebe und Haß wirken, wie die Gefühle auf- und niederwogen; allein — so meinte Franz Brentano — wenn die genaue Erforschung aller dieser Dinge zur Folge hätte, daß die Beantwortung der großen Frage über die Unsterblichkeit des besseren Teiles in der menschlichen Natur - jene große Frage, die schon Plato und Aristoteles verfolgten — beeinträchtigt würde und weichen müßte gegenüber den Ergebnissen einer Einzelforschung, dann wäre die Einzelforschung, trotz ihrer Exaktheit und Genauigkeit, durchaus eitel. Und man muß sagen: Gerade jene Art des Denkens, die so, wie sie auf naturwissenschaftlichem Gebiete sein muß, in die äußeren Verhältnisse der Natur eindringen kann, sie ist ungeeignet, in das menschliche Seelenleben einzudringen, und sie ist ungeeignet dazu aus dem folgenden Grunde:

[ 7 ] Ein Ideal muß der gegenwärtige Naturforscher darin sehen, die Erscheinungen der Natur so zu verfolgen, daß sich nichts hineinmischt in dieses Verfolgen von dem, was aus der menschlichen Seele selbst, aus der, wie man sagt, subjektiven Natur der Menschenseele stammt. Ausgeschlossen, soll alles werden, was nicht aus den Naturregeln selbst vor den menschlichen Geist tritt, sondern was der menschliche Geist von sich aus dazutut. Wenn das Ideal der Naturforschung sein muß, das Subjektive der Seele auszuschließen, kann man sich dann wundern, daß eine Denkform, eine Vorstellungsart sich heranbildet, die gerade wegen dessen, was sie groß macht, ungeeignet ist, um in das Seelenleben einzudringen?

[ 8 ] Das war nicht immer so. Wer den Gang der menschlichen Geistesentwickelung verfolgen kann in frühere Jahrhunderte und Jahrtausende, der findet, daß die Naturwissenschaft in dem Sinne, wie sie heute groß ist, ja nicht immer vorhanden war, sondern daß sie eigentlich, so wie sie heute ist, erst ein drei- bis vierhundertjähriges Alter hat.

[ 9 ] Vorher betrachtete der Mensch auch die Natur. Aber man verfolge nur das, was der Mensch über die Natur zu wissen glaubte: In allen Erkenntnissen oder vermeintlichen Erkenntnissen über die Natur war immer etwas von der Seele vorhanden. Man sprach so über die Natur und ihre Erscheinungen, daß man immer etwas sah, was ähnlich war dem Wesen der menschlichen Seele selbst. Es ist mit vollem Recht diese Art der Naturbetrachtung versunken in das Dunkel, und eine andere Art ist heraufgekommen, die alles Seelische und Geistige in dieser Art ausschließt. Wer auf dem Standpunkte steht, daß wir es heute einmal so herrlich weit gebracht haben, auf den meisten Gebieten endlich sicher Festgestelltes zu wissen, ein solches Wissen zu haben, daß man auf die kindlichen Errungenschaften früherer Jahrhunderte und Jahrtausende hochmütig herabsehen kann, der wird allerdings leichter mit diesen Fragen fertig werden als der, welcher etwas tiefer in die Menschenzusammenhänge hineinsieht. Man kann mit Bezug auf die großen Errungenschaften eines Helmholtz oder eines Julius Robert Mayer der Meinung sein, das seien eben endlich einmal die Wahrheiten, nach denen die Menschheit seit Jahrhunderten vergeblich gestrebt habe. Aber eine genauere Geschichtsbetrachtung zeigt, daß dies nicht so ist, daß alles Streben uns doch zurückführt auf die großen Ideen Lessings, daß die Entwickelung der Menschheit durch die Jahrhunderte und Jahrtausende eine «Erziehung der Menschheit» ist, daß die Menschheit so fortschreitet, daß sie das, was sie auffindet, deshalb auffindet, um sich immer weiter und weiter zu bringen und dadurch die verschiedenen Formen der Entwickelung durchzumachen. Dadurch kommt man dazu, eine besondere Form der Entwickelung sich nicht als eine endgültige Wahrheit vorzustellen; denn ebenso wie Kopernikus anders dachte als die älteren Astronomen vor ihm, so werden wieder künftige Zeiten anders denken als Kopernikus. Aber man kommt zu folgendem Gedankengang: Diese neuere Zeit, insbesondere seit dem dreizehnten Jahrhundert, hat über die Natur ein Denken entfaltet, welches eine Stufe bildet in der menschlichen Weiterentwickelung, eine Stufe, die besonders dadurch charakterisiert werden kann, daß man sagt: Der Mensch hat gelernt, aus der Natur alles Geistige herauszutreiben, die Natur so anzusehen, daß sie ihm ihre chemische, physikalische Gesetzmäßigkeit darbietet, um jene Kräfte, die in das Seelenleben hineinführen, die ihn zum Geiste bringen, mit um so stärkerer Macht in dem eigenen Innern aufzusuchen. So wird gerade Naturwissenschaft der Hinweis darauf, daß der Weg nach dem Geiste in der neueren Zeit zwar nach dem Muster und den Anforderungen der Naturwissenschaft mit der in der Naturwissenschaft waltenden Strenge gegangen werden muß, daß aber dieser Weg zum Geiste auf innere, eigene Kräfte der Menschenseele selbst gebaut ist. Dies führt uns sogar dahin, daß die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, genau ebenso «Wissenschaftliches» darstellt, ebenso wissenschaftliche Sicherheit darstellt und eine Form darin anstrebt, wie die Naturwissenschaft, daß sie aber, weil sie sich als ebenbürtig neben die Naturwissenschaft hinstellen will, andere Wege einschlagen will, und daß sie sich klar werden muß, daß man mit jenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen, die für die Naturerkenntnis geeignet sind, nicht in das menschliche Seelenleben eindringen kann.

[ 10 ] Da können wir denn gleich — und ich will ohne weitere Umschweife darauf kommen - aussprechen, daß diese hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eben an andere Erkenntniskräfte appelliert als an diejenigen, welche heute in der äußeren Wissenschaft anerkannt sind und gehandhabt werden. Gegen dieses Streben nach solchen besonderen Erkenntniskräften richtet sich ja im Grunde genommen alles, was an Mißverständnissen oder gar an Unehrlichkeit sich anheftet an das Auftreten dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Es muß davon gesprochen werden: Indem diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft das Ewige der menschlichen Seele zu finden versucht, das über Geburt und Tod hinausliegt, muß sie in die Tiefen der menschlichen Seele selbst eindringen, die zwar in jeder Menschenseele unablässig vorhanden sind, die immer zu finden sind, die aber mit den gegenwärtigen Methoden der Wissenschaft nicht gesucht werden können und im Grunde genommen auch nicht gesucht werden. Es handelt sich darum, daß der Mensch den ewigen Kern seines Wesens in sich trägt, daß aber dieser ewige Wesenskern in ihm erst gesucht werden muß, und daß die Kräfte, durch die er gefunden werden kann, erst aus dem Inneren der Seele heraufgeholt werden müssen. Man darf schon den Vergleich gebrauchen, den ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» angewendet habe: Was den Menschen eigentlich zur Seelenerkenntnis führt, das «schläft» im gewöhnlichen Leben in der Seele, das muß erst erweckt werden; es muß erst aus dem gewöhnlichen Bewußtsein das «schauende Bewußtsein» hervorgehen. Damit Geist-Erkenntnis eintritt, ist etwas notwendig in der menschlichen Seelenverfassung, das man bezeichnen kann als ein «Aufwachen» der Seele aus dem Bewußtsein, das uns führt durch das alltägliche Leben und durch die gewöhnliche Wissenschaft. Es muß also etwas heraufgeholt werden, was sich da unten in den Tiefen der Seele findet.

[ 11 ] Nun wird die Reihe der Vorträge zeigen, wie dies, was unten in der Seele als der ewige Kern liegt, heraufgeholt werden kann. Heute will ich nur andeuten, daß es sich bei diesem Heraufholen nicht um irgend welche äußeren Maßnahmen handelt, sondern um einen intimen inneren Seelenweg, der vor allem darauf gerichtet ist, die gewöhnlichen Seelenkräfte des Menschen kraftvoller, intensiver, stärker zu machen, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft sind. Später zu schildernde und in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» wie auch in anderen Schriften beschriebene Übungen machen es der Menschenseele möglich, solche stärkeren Kräfte aus sich selber herauszuholen und ein intensiveres Denken, ein innigeres Fühlen, ein lichtvolleres Wollen zu entwickeln, die dann imstande sind, auf die geistige Welt — in der der Mensch wurzelt, wie er als physischer Mensch in der Sinneswelt wurzelt — so hinzublicken, wie physische Augen auf Farben und Formen hinblicken, physische Ohren auf Töne hinhören. Durch solche, in späteren Vorträgen zu schildernde Übungen kommt der Mensch also dazu, das, was er sonst als Seelenkräfte anwendet, zu erkraften, zu verdichten, so daß er dadurch dahin gelangt, in seiner Seelenverfassung etwas zu entfalten, was, wenn man es heute nur ausspricht, in den weitesten Kreisen selbstverständlich eine Art Hohnlächeln hervorbringt: Er kommt dazu, zu schauen, mit geistigen Organen ebenso zu schauen, wie man sonst im äußeren Leben mit physischen Organen sieht und hört. Er kommt dazu, in einer Menschenwesenheit zu leben, die ebenso übersinnlich ist, wie man im gewöhnlichen Leben in der fleischlichen Sinneswelt lebt. Der Mensch kommt mit anderen Worten dazu, mit seinem ganzen Seelenwesen in einer — wenn der Ausdruck auch uneigentlich ist — «übersinnlichen Leiblichkeit» zu leben. Diese übersinnliche Leiblichkeit trägt der Mensch immer in sich. Zur Erkenntnis des Wesens des Menschen selbst muß sie erst aus dem Innern herausdringen. Man muß anders erkennen, wenn man die Natur erkennt, als wenn man den Geist erkennen will; man muß mit anderen Kräften in das Reich des Geistes hineinschauen als in das Reich der Natur. Wenn ich auch erst später die intimen Seelenvorgänge schildern will, die zum Geistesschauen führen, so darf ich doch schon einiges anführen, was dazu gehört.

[ 12 ] Ein Eigentümliches tritt besonders hervor, wenn man sich die Frage vorlegt: Was macht es denn eigentlich, daß der Mensch in seinem gewöhnlichen Bewußtsein von seinem ewigen Seelenkern nichts weiß? Nun, die hier gemeinte Geistesforschung zeigt, daß dieses Ewige, wenn man es in das Blickfeld des geistigen Bewußtseins bringt, dann der gewöhnlichen Beobachtung und dem gewöhnlichen Denken außerordentlich leicht entschlüpft. Es geht mit dem ewigen Wesenskern des Menschen so, wie es etwa mit zarten Gefühlen in der Seele des Menschen geht: Sie können in der Menschenseele leben, und sie leben am intensivsten, wenn man nicht daran geht, sie mit dem gewöhnlichen Verstande zu betrachten. Will man das Licht des gewöhnlichen Verstandes darauf werfen, so fliehen sie. So ähnlich ist es mit dem ewigen Wesenskern des Menschen. Unsere äußere Naturforschung geht auf robuste, triviale, leicht verständliche Begriffe; sie richtet die Beobachtung so ein, daß solche Begriffe in ihr walten. Wenn man mit solchen Vorstellungen, die gerade tauglich sind, um die Natur zu erkennen, das Seelenleben und seinen ewigen Kern betrachten will, flieht es. So flieht es besonders den, der heute glaubt, mit allen seinen Vorstellungen und Ideen gerade fest auf dem Boden der zeitgemäßen Naturwissenschaft zu stehen.

[ 13 ] Und noch etwas anderes ist der Fall. Wer mit solchen Seelenkräften, wie sie in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert sind, an die Geisteswelt herantritt, der kann bemerken, daß die Seele eine eigentümliche Scheu, man möchte sagen, eine Art innerer Furcht hat, wie sie heute im Grunde genommen die wenigsten Menschen kennen, weil sie tief im Unterbewußtsein sitzt, eine Scheu und Furcht davor, in die Tiefen der Seele hinunterzudringen, wo das Ewige der Seele lebt. Auf der anderen Seite strebt der Mensch mit allen Fasern seines Wesens danach, etwas von dem Leben der Seele zu erkennen; aber er findet doch die Wege, die dazu führen, so schwierig, daß ihn etwas wie diese innere Scheu und Furcht befällt. Gerade wenn der Mensch anfängt, solche Übungen zu machen, um, ich möchte sagen, Auge in Auge seinem Ewigen gegenüberzustehen, dann flieht nicht nur dieses Ewige in der geschilderten Weise, sondern die Furcht und Scheu werden sogar noch größer, steigern sich.

[ 14 ] Noch ein anderes kommt dazu. Haben wir als Geistesforscher etwas von diesen Dingen erfaßt, und versuchen wir mit ungeschultem, geisteswissenschaftlich ungeschultem, aber naturwissenschaftlich gut geschultem Denken an dieses nun schon Gewonnene heranzutreten, so kommt dieses Gewonnene in Verwirrung. Es ist tatsächlich so, wie wenn dies, was so großartig anwendbar ist auf die äußere Natur, dasjenige vertreiben würde, was der Mensch hervorholen kann aus seinem Innern über seine eigene Wesenheit. Dazu kommt weiter, daß der Mensch sehr leicht geneigt ist, aus seinen Wünschen, seinen Begierden und Vorurteilen heraus in die Ergebnisse der Seelenforschung das hineinzutragen, was er darin haben möchte, daß er aus seiner Phantasie heraus dasjenige färbt, was sich in objektiver Weise ergeben soll, gerade so objektiv, wie auf dem Gebiete der Naturwissenschaft die Ergebnisse objektiv sein sollen. Das alles bringt Hindernis über Hindernis. Und wer erkennen will, wie man es eigentlich macht, um an den Geist heranzukommen, der hat gar nicht so sehr nötig, bestimmte Übungen daraufhin anzuwenden, um gewisse in der Seele verborgene Fähigkeiten heraufzuholen; denn läßt man ihnen Freiheit, läßt man sie walten, wie sie walten wollen, sie kommen schon von selber, sie kommen nur aus den angeführten Gründen nicht.

[ 15 ] Ein großer Teil der Anstrengungen, die innerhalb der Übungen zu machen sind, kommt davon, daß man die eben aufgezählten Hindernisse hinwegschaffen muß. Wer oberflächlich von der hier gemeinten Geistesforschung Kenntnis nimmt, der wird allerdings leicht denken: nun, unsere exakte Wissenschaft fordert strengeres Denken, geschultere Ideen-Entwickelung. Wer dagegen tiefer in die Geistesforschung eindringt, wird finden, daß sie weit mehr «Gedanken» verlangt —- man darf schon sagen — als heute die offizielle Wissenschaft. Aber auf der anderen Seite ist das der Fall, daß man ein schwaches Denken kräftigen kann, ein Denken, das namentlich in der heutigen Form dadurch herausgebildet ist, daß sich die heutige Form des Denkens tragen läßt von Experiment zu Experiment und dadurch sich an eine gewisse Passivität gewöhnt. Stärker, aktiver, kräftiger muß dieses Denken werden; und nur durch die Erkraftung des Denkens ist man imstande, die Beobachtung dann so einzurichten, daß die Ergebnisse über den ewigen Wesenskern des Menschen nicht fliehen, daß sie nicht zerstört werden, und daß die Scheu und Furcht, von der ich gesprochen habe, überwunden wird.

[ 16 ] Zu alledem kommen andere Dinge, die mit Bezug auf die Geistesforschung dem heutigen Menschen recht ungewohnt sind, und die er als paradox, als sonderbar ansehen muß. Ich muß immer wieder sagen, was ich schon bei anderen Gelegenheiten betonte: Wahre Geistesforschung muß durchaus mit inneren Mitteln arbeiten, muß durchaus die Kraft des übersinnlichen Schauens aus der gesunden Menschennatur holen, muß dahin kommen, sich den übersinnlichen Menschenleib so zu organisieren, daß dieser unabhängig von dem physischen Menschenleib seine übersinnlichen Organe entwickeln kann. Diese Methoden sind entgegengesetzt denjenigen, die heute auf Schritt und Tritt den Menschen entgegentreten und in begreiflicher Weise von diesem oder jenem geschätzt und überschätzt werden, und die auch hineinführen sollen in einer gewissen Weise in das Übersinnliche, in das Gebiet des Ewigen der Menschennatur. Man kennt heute das, was das weite Gebiet des unterbewußten oder unbewußten Seelenlebens ist. Man weiß, wie man die menschliche Natur durch allerlei Vornahmen zu ganz anderen Verrichtungen bringen kann, als die sogenannten normalen sind; man weiß, was Hypnose und Somnambulismus leisten können. Vonallen diesen Dingen kann in der wahren Geistesforschung nicht dieRede sein. Alle diese Dinge machen aus dem Menschen nicht das, was Geistesforschung aus ihm machen kann: Sie machen ihn nicht unabhängiger von seinem physischen Leibe, sondern gerade von ihm abhängiger. Wenn man die Geistesforschung oft anklagt, daß sie den Menschen auf pathologische Züge hinführe, so ist das nicht wahr. Denn die Wege und Methoden der Geistesforschung sind denjenigen jener Bestrebungen, die in anderer Weise dem Seelenleben nahekommen wollen, gerade entgegengesetzt; diese anderen Bestrebungen machen den Menschen abhängiger von seinem gewöhnlichen Bewußtsein. Unabhängiger, als er im gewöhnlichen Bewußtsein ist, soll er gerade durch die Methoden der Geistesforschung werden. Und auf diesem Wege der Geistesforschung erobert sich der Mensch Kräfte, die in das geistige Reich eindringen können, die aber tatsächlich demjenigen paradox erscheinen müssen, der von ihnen nicht nähere Kenntnis sammeln will.

[ 17 ] Was der Mensch da aus seiner Seele herausholt, sieht ganz anders aus als die gewöhnlichen Seelenkräfte. Man braucht nur darauf aufmerksam zu machen, wie der Mensch als Seelenkraft, um im gewöhnlichen Leben tüchtig zu sein, alltäglich das Gedächtnis, die Erinnerungskraft braucht. Man braucht nur darüber nachzudenken — und wir werden viel in den kommenden Vorträgen darüber zu sprechen haben -, was der Mensch wäre, wenn er in seinem Leben so dahinleben müßte, ohne daß die einzelnen Punkte seines Lebens erinnerungsgemäß zusammenhängen. Kommt der Geistesforscher dazu, aus dem geistigen Schauen heraus ein geistiges, ein übersinnliches Ereignis vor die Seele zu rufen, ein Ereignis, das wirklich aufklären kann über den ewigen Kern der menschlichen Natur, dann ist es gerade ein besonderes Kennzeichen dieser Eroberung des Übersinnlichen, daß man sich an solche Dinge nicht im gewöhnlichen Sinne wieder erinnern kann, daß solche Ergebnisse der Geistesforschung, die innerlich erobert werden, nicht der gewöhnlichen Erinnerung unterliegen. Man muß — Sie können darüber in den bereits genannten Büchern nachlesen, es wird auch hier noch besprochen werden — gewisse innere Verrichtungen pflegen, wenn man zum geistigen Schauen kommen will. An diese Verrichtungen kann man sich erinnern. Hat man es durch diese Verrichtungen dazu gebracht, in den geistigen Welten eine Tatsache zu schauen, so tritt später, wenn man nachher wieder auf diese Sache zurückkommen will, nicht jene Tatsache auf; man kann sich nur an die Seelenverrichtungen erinnern, die man gemacht hat. Die muß man wieder herbeiführen, dann kann man die Seele wieder dahin bringen, daß sie neuerlich dasselbe schaut. Gerade so, wie man das, was als Gegenstände um uns herum im Raume ist, in Begriffe und Vorstellungen fassen kann — dann ist es nicht mehr das Geschaute -, so kann man sich an die Begriffe und Vorstellungen erinnern. Will man wirklich dem Seelenleben nahetreten, so muß man sich schon herbeilassen, solche Unterscheidungen zu machen. Man muß sich an das Faktum des Wiederholens der Seelenverrichtungen gewöhnen. Ohne solche Vornahme ist an die große Frage des Menschendaseins eigentlich nicht heranzukommen.

[ 18 ] Im gewöhnlichen Leben wissen wir, daß etwas, wenn wir es wiederholt üben, uns geläufiger wird. Das bewirkt die Macht der Gewohnheit. Was wäre auch das gewöhnliche Leben, wenn wir nicht etwas, was wir können sollen, eben durch Wiederholung besser tun können! Es beruht doch schließlich alles Schaffen und Wirken im Leben darauf, daß wir uns gewohnheitsmäßig vervollkommnen.

[ 19 ] Mit den geistigen Erfahrungen ist es anders. Das ist es gerade, was wieder so paradox dem Menschen vorkommen muß. Es kommt häufig vor, daß jemand solche Übungen anstellt, wie sie später besprochen werden sollen, und daß er, weil die Menschenseele immer Reservekräfte des Übersinnlichen hat, verhältnismäßig bald gute Fortschritte macht. Ich kenne sehr viele Menschen, die an das Übersinnliche dadurch herantreten durften, daß sie die ersten Übungen nur verhältnismäßig kurze Zeit machten. Dann aber werden sie überrascht. Sie haben vielleicht ganz bedeutende übersinnliche Erfahrungen gemacht und recht Bedeutsames gesehen. Nach einiger Zeit aber kommen diese Erlebnisse nicht wieder, sie können sie nicht wieder herbeiführen. Denn es verhält sich mit dem geistigen Erleben gerade umgekehrt als in dem gewöhnlichen Üben der äußeren Welt. In der äußeren Welt bringt man eine Fertigkeit zu größerer Vollkommenheit, wenn man sie häufig übt. Im geistigen Schauen flieht uns durch Wiederholung, was wir schon erreicht haben; es wird immer geringer und geringer, es geht fort. Die Anstrengungen des Menschen müssen daher immer größere und größere werden. Darin besteht wieder ein Eigentümliches der geistigen Übungen, daß man die Möglichkeit findet, um immer größere und größere Anstrengungen zu machen, um das immer größere Fliehen der geistigen Welt zu überwinden. Diese Dinge sind natürlich alle so zu verstehen, daß sie überwunden werden können; aber sie sind das, was in bezug auf die geistige Welt ein Charakteristisches ist.

[ 20 ] Und ein Drittes. Ich erzähle diese Einzelheiten heute deshalb, weil ich nicht im Abstrakten herumreden will, sondern auch heute schon möglichst im Konkreten die Dinge besprechen möchte. Wenn wir etwas in der äußeren Welt betrachten wollen, so sind wir gewohnt, möglichst lange die Aufmerksamkeit darauf zu richten. Für die Betrachtung des Geistigen ist etwas nötig, was man gerade bezeichnen kann als Geistesgegenwart. Denn das Allerwichtigste und Wesentlichste im Erleben tritt an die Seele aus der geistigen Welt so heran, daß es ganz schnell auftritt - und vorüberhuscht, ohne daß man es beobachten kann. Deshalb entgehen dem Menschen die Geheimnisse der geistigen Welt, weil er nicht Geistesgegenwart genug hat. Eine der besten Übungen, um sich in der geistigen Welt zurechtzufinden, ist, daß man sich schon im äußeren Leben daran gewöhnt, Geistesgegenwart zu entwickeln, daß man sich gewöhnt, in einer Situation nicht lange zu zögern, nicht eine Viertelstunde zu brauchen, um sich zu entschließen, diesen oder jenen Gedanken zu haben. Je mehr Geistesgegenwart man hat und besonders in Situationen, die ein rasches Denken erfordern, desto mehr schult man sich, um das zu erhaschen, was die geistige Welt bietet. Daher werden Menschen, die in gewissen Situationen des äußeren Lebens rasch entschlossen sind, die nicht alles zwei- und dreimal umkehren, sondern die Sache machen und richtig machen können, auch wenn sich nur kurz die Gelegenheit dazu bietet, diese Menschen werden am geeignetsten sein, um geistige Beobachtungen zu machen. In späteren Vorträgen werden noch andere Dinge dargestellt werden, wie der Mensch die Kräfte entwickeln muß, um in jene Welt hineinzuschauen, wo sein ewiger Wesenskern ist.

[ 21 ] Nun will ich nicht, daß jeder Mensch, der Geisteswissenschaft für sich in Anspruch nehmen will, gleich selbst ein Geistesforscher durch solche Übungen werden soll. Das aber meine ich: Wie der Chemiker die chemischen Methoden, der Physiker die physikalischen Methoden entwickeln muß, um zu den chemischen und physikalischen Erfolgen zu kommen, so müssen die entsprechenden geisteswissenschaftlichen Methoden entwickelt werden, wenn der Mensch wirklich wissenschaftlich an die geistige Welt herankommen will. Sind aber die Ergebnisse erforscht und dargestellt, dann kann der Mensch durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand, wenn er sich nur nicht beirren läßt, diese Ergebnisse begreifen, obzwar es auch heute schon möglich ist, daß jeder, der da will, nach den hier gemeinten Methoden sich so weit bringen kann, daß er sich auch durch unmittelbare Anschauung überzeugen kann von der Wahrheit desjenigen, was aus der Geistesforschung über die geistige Welt hervorgeht.

[ 22 ] Wovon man sich besonders überzeugen kann, wenn man in der angedeuteten Weise über die Grenzen der Sinneswelt hinaustritt, ist etwas, was ich schon berührt habe: daß diejenigen Begriffe und Vorstellungen, die gerade geeignet sind, um die äußere Natur im Sinne der großen Erfolge der Naturwissenschaft zu betrachten, nicht in gleicher Weise geeignet sind, um an die geistige Welt heranzutreten. Dies tritt einem, wenn man der Geistesforschung nahe ist, in einer besonders charakteristischen Art dann entgegen, wenn man sich durch die Geistesforschung gewöhnt hat, tiefe Rätsel des Lebens in aller möglichen Innigkeit zu empfinden, an denen man sehr häufig, ich will nicht sagen, vorübergeht, aber an die man noch nicht so herantritt, daß sie einem alles darbieten, was sie darbieten könnten. Geistesforschung ist durchaus gebaut auf dieselben Wahrheitsgründe der menschlichen Seele wie die Naturforschung auch; aber Geistesforschung wirkt doch auf die tieferen Impulse auch des Empfindungslebens, wenn das Empfindungsleben und das Gefühlsleben auch nicht Weltenrätsel lösen können. Und es kann, wenn es vertieft, erkraftet wird von den Ideen der Geisteswissenschaft, gerade an diejenigen Rätsel herantreten, die man sonst weniger beachtet.

[ 23 ] Lassen Sie uns ein solches Rätsel anführen, ein Rätsel, das dem Menschen oft und oft entgegentritt, das Rätsel, das sich dann enthüllt, wenn der Mensch dem entseelten menschlichen Körper, dem Leichnam gegenübersteht. In seiner vollen Tiefe wird der Vergleich des menschlichen. Leichnams mit dem lebenden Menschen nicht allzuoft gemacht; denn sonst würde man erkennen, daß darin einer der tiefsten Vergleiche des Lebens an uns herantritt. Denn den menschlichen Leichnam, der eigentlich, wenn wir ihn vor uns haben, das unmittelbare Problem des Todes und damit auch der Unsterblichkeit vor uns hinstellt, wir sehen ihn an, wir untersuchen ihn auch als Anatom, als Physiologe, um daraus manches Menschenrätsel zu lösen, aber wir bedenken viel zu wenig, was es heißt: Dieser entseelte Leichnam ist da; was er jetzt ist, das ist nicht mehr der «Mensch»; was er jetzt ist, hat nur seine Bedeutung dadurch, daß ein anderes in ihm nicht mehr ist, was früher in ihm war. Der entseelte Leichnam in allen seinen Formen und Zusammenhängen, er hat eigentlich nicht mehr einen ursprünglichen Sinn: Seinen Sinn gibt ihm etwas, was nicht mehr in ihm ist. Die Geistesforschung zeigt uns nämlich, daß es ein Analogon gibt zu diesem entseelten Leichnam, der seinen Sinn nur dadurch bekommt, daß wir wissen: Leben war in ihm, das ihm seinen Sinn gibt. Ein Analogon zu diesem entseelten Leichnam sieht die Geistesforschung in dem gewöhnlichen Vorstellen und Denken. So wenig dieser entseelte Leichnam das Leben noch in sich trägt und verrät, so wahr er aber auch ohne dieses Leben keinen Sinn, keine Bedeutung hat, weil er nur durch dieses Leben Bedeutung erhält, so wahr hat unser gewöhnliches, gerade für die äußere Naturbetrachtung so geeignetes Denken nicht die Möglichkeit, in die übersinnlichen Geheimnisse einzudringen. Denn es ist das gewöhnliche Denken und Vorstellen den übersinnlichen Geheimnissen gegenüber so gelähmt, so tot, wie ein Leichnam gegenüber dem Leben, Und darin hat der Materialismus recht: Dieses Denken, das gerade seine Triumphe in der heutigen Naturwissenschaft errungen hat, rührt davon her, daß wir während des Lebens diesen Leichnam des Denkens in uns tragen, des Denkens, das das Werkzeug des gewöhnlichen Verstandes ist. Und mit vollem Recht sagt die materialistisch orientierte Naturwissenschaft: In dem Augenblick, wo das gewöhnliche Leben aufhört, hört auch das Bewußtsein auf. Denn ein anderes Bewußtsein tritt dann ein, ein Bewußtsein, das nur vorgestellt werden kann durch die Geistesforschung. Wie der menschliche Leib nur durch das Leben seinen Sinn hat, so muß etwas anderes eindringen in das menschliche Denken, dasselbe, was sonst in dem Leichnam ist, was der Leichnam abgelegt hat, und worin das gewöhnliche Denken nicht steckt. Das gewöhnliche Denken steckt nur in dem, was wir als Leichnam ablegen. Wir stecken im gewöhnlichen Leben nur in dem, was wir in unserem gewöhnlichen Denken haben. Wir müssen aber unabhängig werden von dem, was Leichnam werden kann. Indem die Geistesforschung anstrebt, dieses menschliche Denken, das eigentlich selbst ein Leichnam ist, hinunterzutauchen in das, was den Leichnam durchseelt, erkraftet sich dadurch dieses Denken und bringt sich in Verbindung mit einer Welt, wo der Leichnam nie sein kann, das heißt, bringt sich in Verbindung mit der übersinnlichen Welt. Ebensowenig wie der Leichnam sein wahres Wesen, seinen inneren Sinn durch das hat, was er noch ist, so wenig hat dieses Denken sein Wesen in sich. Und wie das Leben in den menschlichen Körper hineinfahren muß, damit er das wird, was ihn aus einem bloßen Körper zu einem beseelten Wesen macht, so kann sich der Mensch auch im Denken mit dem verbinden, wovon der Leib verlassen wird. Geistesforscherische Erkenntnis ist ein realer Vorgang, kein formeller; Geistesforschung ist kein theoretischer Vorgang. Denn Geistesforschung läßt das menschliche Denken und Vorstellen hinuntertauchen in das, was eben gerade aus dem Grunde für das gewöhnliche Bewußtsein verborgen bleibt, weil der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht in diese Dinge untertauchen kann. Es bedeutet für das menschliche Erkenntnisempfinden eine ungeheure Vertiefung, wenn man diese Parallele zieht zwischen dem entseelten Leichnam und demjenigen, was unser gewöhnliches Denken ist. Wir werden in den folgenden Vorträgen sehen, wie gerade aus der richtigen Erforschung dieses Lebensgeheimnisses, dieses Todesgeheimnisses, die Rätsel der Unsterblichkeit vor die Seele treten und wie sie sich äußern, aber geahnt werden können schon auch aus dem, was heute hier besprochen worden ist: daß das Ziel der Geistesforschung das ist, das menschliche Seelenwesen in Verbindung zu bringen mit seinem ewigen Teil, mit demjenigen Teil, der nicht bloß lebt zwischen der Geburt — oder Empfängnis — und dem Tode, sondern der durch die Geburt hereintritt in die eine Pforte des Lebens und mit dem Tode hinaustritt durch die andere, um durch den Tod in ein geistiges Reich einzutreten.

[ 24 ] Das aber ist das Wesen der Geistesforschung, daß durch sie gesucht werden diejenigen Tiefen der Seele, in denen der Mensch nicht nur sein vorübergehendes Leben lebt durch die Sinne, durch seinen physischen Leib, sondern in denen er sein unsterbliches Leben lebt. Damit kann die Unsterblichkeitsfrage im echten Sinne eine Wissenschaftsfrage sein, und das wird der Weg des menschlichen Geistesstrebens in die Zukunft hinein sein. Und schon die Gegenwart wird dieses Streben brauchen, daß sich neben die Naturwissenschaft eine besondere Geisteswissenschaft hinstellt; und gerade dann wird die Naturwissenschaft den großen, den bedeutsamen erzieherischen Wert für den Menschen haben, wenn man auf ihrem Gebiete gar nicht mehr suchen wird, was dort nicht gefunden werden kann: die menschliche Seele und ihre Betätigungen. Aber wenn man auf der anderen Seite nach dem Ideal naturwissenschaftlicher Wahrheit und Wahrhaftigkeit die Seele mit den Geistesmethoden ausbildet, um ebenso zu einer Geisteswissenschaft zu kommen wie durch die naturwissenschaftlichen Methoden zur Naturwissenschaft, dann wird die Unsterblichkeit für die Seele zur unmittelbaren Gewißheit.

[ 25 ] Man kann sagen: was die Geistesforschung will, das wird eigentlich heute in den weitesten Kreisen angestrebt. Man braucht gar nicht zu glauben, daß der Geistesforscher mit irgendeiner eigensinnigen Idee vor seine Zeitgenossen hintritt und ihnen etwas aufoktroyieren will, was nur gerade ihn beseelt. Nein, der Geistesforscher will eigentlich nichts anderes als das, was im innersten Grunde in den weitesten Kreisen auch die Seelen der gegenwärtigen Menschen wollen. Und manches, was an unbefriedigten Gefühlen, an ungestillten Sehnsuchten, die bis zur Krankhaftigkeit und Nervosität gehen können, in der Gegenwart lebt, das rührt vielfach davon her, daß die Seelen der gegenwärtigen Menschen suchen nach dem Geheimnis der geistigen Welt, und doch eigentlich nicht in der rechten Weise wissen, daß sie suchen. Die besten, die wissenschaftlichsten Geister gehören dazu. Jetzt ist es zwar nicht so, aber man kann schon sagen, bevor diese traurigen Zeiten eingetreten sind, war es doch so, daß die Menschen gesucht haben, in Sanatorien und auf ähnlichen Wegen Heilung zu finden für etwas, was in ihren Seelen lag und was im Gefolge davon auch im körperlichen Leben dieser Menschen aufgetreten ist. Die Menschen «wallfahrteten» nach den Sanatorien, und diese Züge waren ja viel stärker als zu anderen Zeiten die Züge nach den Wallfahrtsorten. Würde aber heute richtig verstanden werden, was Geisteswissenschaft für die menschliche Seele sein kann, dann würde man andere Wallfahrten anstellen als nach Bädern und Kurorten, nämlich solche Wallfahrten, die die Seele hineinführen können in die geistige Welt, aus der heraus den Menschen Kraft und Gesundheit kommen kann.

[ 26 ] Man wird vielleicht schon aus den wenigen Andeutungen sehen, daß die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht etwas Theoretisches sein will, sondern etwas, was die Seele vertieft und erkraftet, was, mit anderen Worten, Verständnis des wirklichen, wahrhaftigen Lebens schaffen kann. Geisteswissenschaft will nicht sein eine verworrene, unklare, düstere Mystik; sie will etwas sein, was eingreifen kann ins Leben, was im heutigen Sinne «praktische» Menschen im Leben machen kann. In einer Zeit der Eisenbahnen, der Telegraphen, der Telephone, der Aeroplane und so weiter ist es unmöglich, über geistige Dinge so zu denken, wie man im Mittelalter wohl über dieselben Gegenstände gedacht hat. Und es ist heute auch ebenso unmöglich, das soziale Zusammenleben der Menschen richtig zu gestalten, wenn man nicht die Vorstellungen entwickeln kann, die lebenskraftvoll sind. Was damit gesagt sein soll, das kann man an vielen Erscheinungen der Gegenwart sehen. Ich möchte nur an ein Buch erinnern, das in der letzten Zeit erschienen ist, das in gewisser Beziehung ein bedeutsames Buch ist, das sich zwar nicht mit den Fragen der Geisteswissenschaft, wie sie heute besprochen worden ist, beschäftigt, das aber überall die Sehnsucht durchblicken läßt nach einer solchen Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. An ein Buch möchte ich erinnern, das sich beschäftigt mit den Dingen der äußeren Wirtschaft, mit jenen Dingen, welche der Menschheit notwendig sind, wenn sie einen Ausweg aus den gewaltig katastrophalen Zuständen der Gegenwart finden will. Die meisten von Ihnen werden das Buch von Walther Rathenau «Von kommenden Dingen» kennen. Es handelt von den Gegenständen der äußeren Wirtschaft, der menschlichen Notdurft, von dem, was an äußeren Einrichtungen getroffen werden soll für die künftige Ausgestaltung des Lebens. Aber durch das ganze Buch geht etwas wieein roter Faden: DieSehnsucht nach der Seele, die Sehnsucht nach Gesichtspunkten und Begriffen, um die Bedingungen für das Leben der Seele aus dem äußeren Leben regeln zu können. Man braucht nur wenige Sätze dieses Buches auf seine Seele wirken zu lassen und wird finden, wie das gemeint ist, was ich hier sage. Walther Rathenau spricht auch von denen, die heute im Zeitalter der Mechanisierung den Geist nur zu einem Ergebnis der äußeren Körperlichkeit und der äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse machen wollen. Er sagt zum Beispiel in seinem Buche:

[ 27 ] «Genug dieser Argumente, Sie setzen voraus, was sie zu beweisen haben, daß Leib das erste, Geist das zweite ist, daß Materie Geist formt. Glauben wir, daß wir Geschöpfe des Fleisches sind, so mag wer will das Leben versüßen und beschmeicheln; dann ist das Ringen um Gott und unsre Seele eitel, und es haben die das Wort, die um des Nützlichen und des Nutzens willen da sind. Glauben wir aber, daß der Geist sich seinen Körper formt, daß der Wille nach oben die Welt emporträgt, daß der Funke der Gottheit in uns lebt: dann ist der Mensch sein eigenes Werk, dann ist sein Schicksal sein eigenes Werk, dann ist seine Welt sein eigenes Werk.»

[ 28 ] Ein Mann spricht aus diesem Buche, der Anteil genommen hat an dem, was innerhalb dieses Krieges geschaffen werden mußte, ein Mann spricht, nachdem er angeschaut hat, was sich im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat, und er spricht über die Ursachen der äußeren katastrophalen Wirkungen. Und das Merkwürdige ist, daß ein Praktiker, ein ganz im Leben stehender Mann zu den Worten kommt:

[ 29 ] «Zum letzten Male habe ich im Jahr vor Kriegsausbruch auf die nahende Wende hingewiesen: Nicht aus politischer Notwendigkeit, sondern aus transzendentem Gesetz müsse das Schwere kommen ...»

[ 30 ] Und wiederum, nachdem diese katastrophalen Ereignisse zwei Jahre gedauert haben, und Walther Rathenau dieses Buch schreibt und auf das zurückblickt, was sich bisher ereignet hat und was kommen müsse, da spricht er, der ebenso «an ehrenvolle, gottgesandte Rettung» glaubt, wie nur irgend jemand an dieses oder jenes — was man in diesem Buche nachlesen kann — mit Bezug auf das, was für die Zukunft der Menschheit zu tun sein wird, den folgenden Satz aus:

[ 31 ] «Und abermals sind nicht politische und militärische Gründe bestimmend, sondern transzendente!»

[ 32 ] «Transzendente Gründe», das heißt aber solche, die aus der geistigen Welt herunterfließen! Man könnte dieses Beispiel, das aus diesem Buche spricht, heute durch hunderte und tausende vermehren. Es spricht ein Mensch aus dem lebhaften Bedürfnis nach dem geistig-seelischen Leben, aus dem Wunsche, die Bedürfnisse des geistig-seelischen Wesenskernes des Menschen zum leitenden Prinzip der sozialen Ordnung zu machen. Aber indem man dieses Buch liest und es vergleicht mit den früheren Büchern Walther Rathenaus, «Zur Kritik der Zeit» und «Die Mechanik des Geistes», hat man überall das Gefühl: Die Begriffe sind schwach, sind nicht eingreifend in das Leben, sind nicht das, was tatsächlich diese Wirklichkeit meistern könnte, weil sie selbst nicht aus der vollen Wirklichkeit heraus stammen. In abstrakten Formen wird von der Sehnsucht der Seele, von der Transzendenz der Gründe für unser Handeln gesprochen; aber nirgends ist ein wirkliches Eingehen auf die geistige Welt zu bemerken. Was würde man heute von einem Menschen denken, der in der naturwissenschaftlichen Bildung der Gegenwart drinnenzustehen glaubte und etwa sagen würde: Mich interessieren nicht Schwefel, nicht Silizium, nicht Kalzium; das ist alles nur eines, das ist nur Stoff? Man würde von ihm sagen: er will nicht eingehen auf das Einzelne. Wir sprechen, wenn wir nicht abstrakte Monisten sein wollen, nicht von dem «einen Stoff», sondern von den etwa siebzig Stoffen, den Elementen, wenn wir das wirkliche Naturgefüge verstehen wollen. So spricht man auch nicht von Geist im allgemeinen, sondern von der konkreten geistigen Welt, die ebenso eine Welt geistiger Wesen ist, die in unser Seelenleben eingreifen, wie es einzelne Stoffe im äußeren Leben gibt. Das ist aber etwas, vor dem die Gegenwart heute noch Furcht hat, wenn man in der Geisteswissenschaft von einem Eindringen in das konkrete geistige Leben spricht, das die geistige Wirklichkeit so ergreift, daß mit dem Ergreifen und Begreifen dieser Wirklichkeit auch starke, kraftvolle Begriffe gefunden werden können, kräftige Impulse, welche die Macht haben, auch in das äußere soziale Leben einzugreifen. Und dieser Geisteswissenschaft und diesem Ergreifen des geistigen Lebens möchten diese Vorträge dienen.

[ 33 ] Es ist heute noch notwendig, daß man vielfach, wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung spricht, sich gewisser Ideen und Vorstellungen bedienen muß, von denen mancher wohl sagt, sie seien schwierig, und man müsse sich anstrengen, um sie zu erringen. Mir schwebt vor — wenn ich diese Bemerkung machen darf — eine Gestalt der Geistesforschung, die es in der Zukunft geben kann, eine Gestalt, die einfach, die populär ist, so daß sie jedes einfache Gemüt in sich aufnehmen kann. Das muß ja auch so sein. Physik brauchen nur einzelne Menschen, Astronomie und so weiter brauchen nur einzelne Menschen. Was Geistesforschung ist, das braucht aber jeder Mensch. Heute noch steht Geistesforschung der übrigen Forschung fern. Sie muß sich, damit sie geduldet wird, heute noch auf einen Gesichtspunkt stellen, daß sie gewachsen ist den gegen sie gerichteten Angriffen seitens der übrigen Forschung. Würde sie heute schon wie «aus der Pistole geschossen» in ihrer einfachen Form auftreten, die sie haben kann: sie würde verlacht, würde verhöhnt werden. Heute muß sie auftreten mit schwereren Begriffen, damit sie gewappnet ist gegenüber dem, was die offizielle Wissenschaft zwar in leichter Weise, aber dennoch ihr entgegensetzen kann. Damit muß man sich abfinden.

[ 34 ] Vor allem muß man sich damit bekannt machen, daß diese Geistesforschung etwas in unser Kulturleben hineinführen muß, was diesem Kulturleben zu seiner innersten Gesundung ganz besonders notwendig ist. Wenn man sich näher befaßt mit dieser Geistesforschung, dann wird man sehen, daß ihre Ergebnisse einen Charakter haben, von dem man sagen kann: Es wird angestrebt ein wirkliches Sichgegenüberstellen der geistigen Welt, aber ohne alle Sentimentalität, ohne alle falsche Mystik und Frömmelei, ohne das, was den Menschen schwach macht. Nein, gerade stark soll der Mensch dadurch werden, daß er sein Verhältnis zur geistigen Welt kennt. Daher darf man auch nicht denken, daß diese Geisteswissenschaft irgendwie sich in sektiererischer Weise geltend machen will, daß sie so auftreten will, als wenn sie eine neue Religionsbildung anstrebte. Das alles will sie nicht. Woraus sie sich zunächst als aus ihrer Wurzel entwickelt, das ist die moderne naturwissenschaftliche Denkweise. Festgehalten werden muß, daß sie andere Begriffe und Erkenntnisfähigkeiten entwickeln muß als die moderne naturwissenschaftliche Forschung. Daher suche man ihren Ursprung in dem, was modernes naturwissenschaftliches Denken ist. Daß dann diese Geisteswissenschaft die beste Stütze gerade des religiösen Lebens der Menschen werden kann, daß das ja auf so vielen Gebieten, in so vielen Verzweigungen — leider! — so vielfach erschütterte religiöse Leben wieder eine Auffrischung und feste Stütze erlangen kann, das ist eine andere Frage. Das ist eine Frage, welche Dr. Rittelmeyer in einem Aufsatze, der in der Zeitschrift «Die christliche Welt» erschienen ist, vor kurzem eingehend und erschöpfend behandelt hat. Aus diesem Aufsatze kann man ersehen, was nach dem Urteil eines Urteilsfähigen diese Geisteswissenschaft gerade der Vertiefung des religiösen Lebens sein kann. Vielleicht wird sie es gerade deshalb sein, weil sie nicht darauf ausgegangen ist, eine neue Form neben das schon bestehende religiöse Leben hinzustellen, sondern weil sie darauf ausgegangen ist, die Frage zu beantworten: Wie dringt man ebenso wissenschaftlich ernst in das geistige Reich ein, wie man naturwissenschaftlich in die Natur eindringt?

[ 35 ] Geltend machen wollte ich, daß Geisteswissenschaft wirklich nicht etwas in der Gegenwart willkürlich Auftretendes ist, sondern die Zusammenfassung dessen, was die besten Geister der Menschheit immer gewollt haben, eine Zusammenfassung dessen, was zum Beispiel Goethe damals durch die Seele gezogen ist, als er vor der Frage stand, die sich ihm aufgeworfen hatte durch die Idee Hallers: «Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist.» Haller, ein großer Naturforscher zur Zeit Goethes, war ein bedeutender Geist. Allein er stand auf der Seite derer, die seitdem immer zahlreicher und zahlreicher geworden sind, die da glauben, daß das menschliche Erkenntnisvermögen «Grenzen» habe. Grenzen hat gewiß das Erkenntnisvermögen, das wir auf das gewöhnliche Leben anwenden. Aber das Erkenntnisvermögen des Menschen kann so erweitert werden, daß wir bis zu einem gewissen Grade eindringen können in das Rätsel des Ewigen in der Seele, daß man sich mit dem Rätsel des Ewigen verbinden kann. Das wird Geisteswissenschaft durch ihre Forschung darstellen können. Und sie wird mit den Worten Goethes, womit ich den heutigen Vortrag abschließen will, ihre Forschungsart bekräftigen können. Goethe erinnerte sich an die Worte Hallers, der, wie gesagt, einer der bedeutendsten Naturforscher seiner Zeit war, und der sagte:

«Ins Innere der Natur
Dringt kein erschaffner Geist
Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!»

[ 36 ] Und Goethe erwiderte darauf:

«Das hör’ ich sechzig Jahre wiederholen,
und fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale,
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!»