The Essence of Christianity
GA 68a
20 April 1903, Weimar
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The Essence of Christianity, tr. SOL
3. Die Theosophie und der Wissenschaftliche Geist der Gegenwart
3. Theosophy and the Scientific Spirit of the Present Age
I. Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 22. April 1903
I. Article in the “Weimarische Zeitung” dated April 22, 1903
[ 1 ] Dritter Vortrag des Herrn Dr. Rudolf Steiner — Berlin über «Die Theosophie und der wissenschaftliche Geist der Gegenwart». Im Anschluss an die beiden bereits gehaltenen Vorträge unternahm es der Vortragende, den wiederum zahlreich erschienenen Zuhörern ein vergleichendes und übereinstimmendes Bild zwischen Theosophie und Naturwissenschaft zu entwerfen und sei aus diesem Thema Folgendes wiedergegeben:
[ 1 ] Third lecture by Dr. Rudolf Steiner — Berlin on “Theosophy and the Scientific Spirit of the Present Day.” Following the two lectures already delivered, the speaker set out to present to the audience—which had once again turned out in large numbers—a comparative and harmonious picture of the relationship between theosophy and the natural sciences; the following is a summary of this topic:
[ 2 ] In meinen vorhergehenden Vorträgen schon habe ich zu zeigen versucht, dass das große uns umgebende Geheimnis der göttlichen Lehre weiter nichts ist als die Gesetzmäßigkeit, die logische Konsequenz aller Forschungen, die zur Ergründung des Rätsels unternommen wurden und noch unternommen werden. Die Forschungen in der Naturwissenschaft werden in absehbarer Zeit auf dem Punkte angekommen sein, an dem die Theosophie ihren Anfang nimmt, und derselben so eine Zukunft sichern, wie sie von den Vertretern derselben angestrebt wird. Die Sehnsucht nach Aufklärung der höchsten Rätsel auf der einen Seite und die Mutlosigkeit, die Zweifel gegenüber den höchsten Fragen auf der anderen Seite sind es eben, die einander noch unbesiegt gegenüberstehen. Der Kampf aber wird es selbst den hervorragenden Geistern der Gegenwart zur Notwendigkeit machen, auf die Punkte hinzutreiben, die die Theosophie als ihre Grundfragen betrachtet. Nicht nur ein Gelehrter zeigt in seinem Buche über Menschen-Entstehen an der Hand von Forschungen, wie die Entstehung des physischen Menschen vor sich gegangen ist, wie sich aus dem Kohlen-, Sauer-, Wasser- und Stickstoff die ersten unvollkommenen Lebewesen gebildet haben. Er zeigt in der 10. Stufe, wie sich aus genannten Urstoffen die Urfischchen gebildet haben, welche wohl Anlage oder Andeutung des Rückgrates, aber kein vollständiges Nervensystem besaßen. Er zeigt weiter, wie sich bei diesen Urtieren das Gehirn, das Gebiß und die Gliedmaßen entwickelt haben, wenn auch erst in unvollkommenem und unförmlichem Maße. In den weiteren Stufen finden wir, wie sich diese Urtiere, sonst nur im Wasser lebend, an das Landleben gewöhnen und sich die hierzu erforderlichen Gliedmaßen bilden. Die Tiere werden vollkommener und kommen nach langer Verwandlung als Känguru und später als Affe, das dem Menschen physisch ähnlichste Tier, in die Welt und im 21. Glied der Entwicklung sehen wir den Menschenaffen, aus dem sich als 22. Glied der Mensch selbst bildet. Aber in der Kette der Nachforschungen vergisst man als 23. Glied die Seele, die geistige Kraft des Menschen, anzureihen, denn in der Biografie, in der Individualität unseres Ichs liegt das, was uns über alle anderen Lebewesen erhebt. Mit dem 22. Glied hört wohl die Gattung auf, aber nun beginnt unser Seelenleben, dessen Werden wir genau wieder so wie die physische Entwicklung betrachten können, wenn wir von Stufe zu Stufe gehen. Der Gang der Wissenschaft zeigt in den Sechzigerjahren (Haeckel), dass die Naturwissenschaft des Abendlandes nichts weiter ist als elementare Theosophie, und wir dürfen annehmen, dass diese elementare Theosophie mit der Zeit sich in eine höhere entwickelt. Wenn die größten Naturforscher die Konsequenzen zu ziehen suchen, so finden sie in denselben die Theosophie.
[ 2 ] In my previous lectures, I have already attempted to show that the great mystery of divine teaching that surrounds us is nothing more than the lawfulness, the logical consequence of all the research that has been undertaken—and continues to be undertaken—to unravel this enigma. In the foreseeable future, research in the natural sciences will have reached the point where theosophy begins, thereby securing for it the future that its proponents aspire to. It is precisely the longing for enlightenment regarding the highest mysteries, on the one hand, and the despondency and doubts regarding the highest questions, on the other, that still stand opposed to one another, neither having been overcome. This struggle, however, will compel even the outstanding minds of the present to focus on the very points that theosophy regards as its fundamental questions. In his book on the origin of humankind, a scholar—and he is not the only one—uses research to demonstrate how the physical human being came into being, and how the first imperfect living beings were formed from carbon, sulfur, water, and nitrogen. In the 10th stage, he shows how the primordial fish formed from the aforementioned primordial substances, which possessed a rudimentary or embryonic spine but no complete nervous system. He further shows how the brain, teeth, and limbs developed in these primordial animals, albeit only to an imperfect and rudimentary degree. In the subsequent stages, we see how these primitive animals, which otherwise lived only in water, adapted to life on land and developed the limbs necessary for this. The animals become more perfect and, after a long process of transformation, emerge into the world as kangaroos and later as apes—the animals most physically similar to humans—and in the 21st link of this chain of development, we see the great apes, from which, as the 22nd link, human beings themselves emerge. But in the chain of research, people forget to include the soul—the spiritual power of the human being—as the 23rd link, for it is in the biography, in the individuality of our “I,” that lies what elevates us above all other living beings. The species may well end with the 22nd link, but now our soul life begins, the development of which we can observe in exactly the same way as physical development if we proceed step by step. The course of science in the 1860s (Haeckel) shows that Western natural science is nothing more than elementary theosophy, and we may assume that this elementary theosophy will develop into a higher form over time. When the greatest natural scientists seek to draw conclusions, they find theosophy in those very conclusions.
[ 3 ] [Huxley], der bedeutendste Anatom, der sich um die Lehre des Darwinismus die größten Verdienste erworben, sagt in seiner letzten großen Kundgebung, dass es in den Entwicklungsgraden bis zum kompliziertesten menschlichen Gehirn nicht nur mit der Natur sein Bewenden haben könne, sondern dass man zu höherer Intelligenz aufsteigen müsse, welche erhaben steht über das vollkommenste Lebewesen. 1866 wies Haeckel radikal auf das biogenetische Gesetz hin, in dem es heißt, dass jede tierische Art während der Keimentwicklung noch einmal die ganze Neuentwicklung durchmacht. Und wie das Tier durch seine immerwährende Entwicklung die besitzenden Eigenschaften erwarb, bekam auch der Mensch die Organe, die ihn jetzt zieren, aus dem, was seine Vorfahren erworben haben und was er sich selbst erwarb. Das ist das Gesetz des Karma auf physischem Gebiete. Nur dadurch sind die vollkommenen Lebewesen entstanden, weil sie ein unbewusstes Gedächtnis haben, das sie mit ihren Vorfahren verbindet. Und in dem Sinne Ostwalds: Materie gibt es nicht, bewegt sich auch 1895 die Lübecker Naturforscherversammlung. Materie ist eben die immerwährende Tätigkeit. Aus der Physik und Chemie kommen wir in die geistige Welt und der Naturforscher ist gezwungen, um weiter forschen zu können, eine Anleihe aus dem geistigen Gebiete zu machen. Dieses geistige Wesen unseres Ichs kennzeichnet auch Goethe in seinem bekannten Ausspruch: Wenn ich im ganzen Leben rastlos tätig gewesen und zur vollen Tätigkeit entwickelt bin, so kann mich die Naturmacht einst unmöglich in die niederträchtigen Elemente auflösen, sondern sie muss für die weitere Tätigkeit einen neuen Platz aussuchen. Bunge lehrt, dass die Grundlage alles theosophischen Wissens in der Selbstbeobachtung zu suchen sei: Wollt ihr die Tätigkeit erkennen, dürft ihr nicht nur die Außenwelt betrachten. Dass unser lebendiges Seelenleben sich nicht aus Totem entwickelt haben kann, lehren auch [Darwin] und Preyer, die es überhaupt für unmöglich halten, dass sich aus Leblosem etwas Lebendiges entwickeln kann. - Und die göttliche Einheit erkennen, dankend, weisheitsvoll; bekennen, «dass Gott nicht das Geringste machen kann ohne mich», heißt, die erste Stufe erreichen in dem Glauben, dass wir einzelne Menschen Glieder am Leib Gottes sind.
[ 3 ] [Huxley], the most eminent anatomist who rendered the greatest services to the doctrine of Darwinism, states in his last major address that the stages of development leading up to the most complex human brain cannot be attributed solely to nature, but that one must ascend to a higher intelligence that stands above even the most perfect living being. In 1866, Haeckel made a radical statement regarding the biogenetic law, which states that every animal species undergoes the entire process of development once more during embryonic development. And just as the animal acquired its characteristics through its ceaseless development, so too did human beings acquire the organs that now distinguish them from what their ancestors had acquired and what they themselves had acquired. This is the law of karma in the physical realm. It is only through this that perfect living beings have come into being, because they possess an unconscious memory that connects them to their ancestors. And in the spirit of Ostwald’s statement—“Matter does not exist”—the Lübeck Natural Scientists’ Conference of 1895 also moved in this direction. Matter is, in fact, perpetual activity. From physics and chemistry, we enter the spiritual world, and the natural scientist is compelled, in order to continue his research, to draw upon the spiritual realm. Goethe also characterizes this spiritual essence of our “I” in his well-known saying: “If I have been restlessly active throughout my life and have developed to the point of full activity, then the forces of nature will one day be unable to dissolve me into the base elements; rather, they must seek out a new place for my continued activity.” Bunge teaches that the foundation of all theosophical knowledge is to be found in self-observation: If you wish to recognize activity, you must not merely observe the external world. That our living soul life cannot have developed from the inanimate is also taught by [Darwin] and Preyer, who consider it utterly impossible for anything living to develop from the inanimate. - And to recognize the divine unity—with gratitude and wisdom—and to acknowledge “that God cannot do the slightest thing without me” means to reach the first stage in the belief that we, as individual human beings, are members of the body of God.
[ 4 ] Nach kurzer Pause in seinen Ausführungen erledigte der Vortragende einige schriftlich niedergelegte Anfragen, gleichfalls wurde er einer persönlichen Anfrage gerecht. Allgemeiner Beifall lohnte seine Ausführungen.
[ 4 ] After a brief pause in his remarks, the speaker addressed several written questions and also responded to a question posed in person. His remarks were met with general applause.
II. Bericht in «Deutschland», Erstes Blatt, vom 23. April 1903
II. Article in “Deutschland”, First Edition, April 23, 1903
[ 5 ] Der dritte und letzte Vortrag des Herrn Dr. Steiner, Berlin, gehalten am Montag, abends 8 Uhr, handelte von der Theosophie und dem wissenschaftlichen Geist der Gegenwart. Redner begann mit einem kurzen Hinweis auf die beiden von ihm zuerst gehaltenen Vorträge und erklärte, dass der Grundzug der theosophischen Lehre vor allen Dingen die Selbsterkenntnis sei. Heute sei zu ergründen, inwiefern der Geist der Wissenschaft der Gegenwart sich eigne, die Lehre von der Theosophie aufzunehmen. Wenn die führenden Geister der Wissenschaft unserer Zeit erst einmal die theosophische Erkenntnis zu der ihrigen gemacht hätten, dann könne man überzeugt sein, dass die Theosophie eine Zukunft habe, ja, sich die Welt erobern werde. Wir hätten es hier mit einem Janusgesicht zu tun, einmal ein Sehnen der Geister nach einer herrlichen, neuen Weltanschauung, auf der anderen Seite eine Mutlosigkeit und Verzagtheit, in die tiefen Weisheiten des Karma einzudringen. Der Geist der Gegenwart sei es, in den man zuerst hineindringen müsse, um die Stellung der modernen Wissenschaft zur theosophischen Lehre zu kennzeichnen. Ein großer Teil der modernen Wissenschaft dränge geradezu nach der theosophischen Wissenschaft hin. Redner wies auf den bedeutungsvollen Vortrag des Leipziger Chemikers Ostwald hin, der auf dem Naturforscher-Kongress in Lübeck gehalten wurde. Herr Dr. Steiner erklärte, dass dieser Vortrag noch vor etwa 10 Jahren unmöglich gewesen wäre, denn Ostwald vertrat den Standpunkt, dass es überhaupt keine Materie, sondern nur Tätigkeiten gäbe. An drastischen Beispielen legte Ostwald dar, wie er diesen, seinen Standpunkt begründete. Ostwald sagte zum Beispiel: «Wenn man mit einem Stocke geschlagen wird, so ist es nicht die Materie, die uns schlägt, sondern es ist die Tätigkeit, die den Stock bewegt und den Schlag ausführt.» Hier sei genau wieder das Gesetz von dem Karma betont und der Menschengeist sei eben auch im Laufe einer langen Entwicklungsperiode von dieser Tätigkeit gebildet. Genau die Entwicklungsgänge, die der physische Körper des Menschen im Laufe einer langen Periode durchgemacht habe, genau dieselben Weiterentwicklungen mache der Menschengeist durch. Es sei ein vollkommener Werdegang, der von Persönlichkeit zu Persönlichkeit sich vollziehe. Es müsse immer wieder betont werden, dass die geistige Entwicklung genau der physischen Entwicklung entspräche. Ernst Haeckel sei in den Sechzigerjahren zuerst mit dieser Wissenschaft in ziemlich radikaler Weise zutage getreten. Es stehe fest, dass auch die Theosophie sich erst auf eine höhere Stufe entwickeln müsste, und wenn nicht alle Zeichen trügten, so würde dieser Umstand bald eintreten. Die Naturwissenschaft sei doch bekanntermaßen in einem fortgesetzten Wandel begriffen, und schon heute sei eine Menge theosophisches Denken bei den Naturforschern zu finden. Gerade Ernst Haeckel sei einer derjenigen führenden Geister, die mit Macht zur theosophischen Bewegung hindrängen, wenn er dies auch vielleicht selbst nicht zugeben wolle. Auch andere führende Geister geben den Umstand zu, der sich wie ein roter Faden durch alle Lebewesen hindurchzieht, und den wir den Kausalkörper nennen. Ein anderer Forscher sagt wiederum: «Alle meine Organe habe ich erworben im Laufe der langen Entwicklung immer von meinen Vorfahren. Heute erinnern sich meine physischen Organe an alles, was im Laufe dieser Zeit erworben wurde.» Dies, so fuhr Herr Dr. Steiner fort, sage kein Theosoph, sondern ein radikaler Naturforscher. So wie die Naturforscher bemüht seien, die Menschheit immer wieder mit neuen wissenschaftlichen Problemen zu überraschen, für die ebensowenig ein klarer Beweis vorhanden sei, so wenig könne man verhindern, dass von anderer Seite in die geistige Welt der Menschheit eingedrungen werde. Gerade so wie Ostwald den Grundsatz aufgestellt habe, «keine Materie, sondern Tätigkeit», so könne hieran anschließend behauptet werden, dass nur der Materialismus annehmen könne, der Geist liege im Stoff begraben. Hier liege die Stufe, von der aus auch Goethe zu seiner geistigen Weltanschauung gekommen ist. Goethe sprach seine Anschauung über die Bestimmung des Menschengeistes in folgendem Satze aus: «Wenn ich in meinem ganzen Leben rastlos tätig gewesen bin, so hat die Natur die Verpflichtung, mich nicht in die niederträchtigen Elemente aufzulösen, sondern mir einen neuen Schauplatz meiner Tätigkeit anzuweisen!» Auch der Forscher Bunge führe an einer Anzahl von Beispielen aus, dass nur Tätigkeit die Weiterausbildung der Menschenseele veranlasst habe. Für alle jedoch, die das menschliche Leben verstehen wollten, gehöre unter allen Umständen eine tiefe Selbstbeobachtung [dazu]. Aus dieser heraus erstehe die Erkenntnis, dass alles, was um uns im Weltenall vorgehe, Tätigkeit (Karma) sei und nichts Materie. Die eigentliche Tätigkeit sei selbstverständlich auch nicht zu sehen, wohl aber das Ergebnis derselben. So sei man am Hauptlehrsatz der Theosophie angelangt, dieser fasse sich in dem einen Wort zusammen: Selbstbeobachtung. Dass wir einen Kausalkörper haben, der sich immer weiter fortpflanzt, das hätten wir erkundet. Aber nicht ein einzelnes Sonderwesen im Weltenall stellten wir dar, sondern ein Glied im ganzen Kosmos. Die drei Glieder der menschlichen Individualität nennt die morgenländische Weisheit Manas, Budhi und Atma und fasst in diese drei Worte die Stufen des Intellekts zusammen. Noch ein Gelehrter der heutigen Zeit spreche von dem, was die Theosophie Reinkarnation nenne, nämlich Professor Baumann, Göttingen, man könne also im großen Ganzen sehen, dass die moderne Wissenschaft überall in die theosophischen Hauptlehren einmünde. Es müsse jedoch, um für jeden denkenden Menschen diese hohe Wissenschaft klar zutage treten zu lassen, eine fortgesetzte Selbsterkenntnis im Menschen arbeiten, der Geist müsse selbst fühlen und bemerken, dass die Individualität in der theosophischen Lehre ihre richtige Beurteilung erfahre. Wenn man diesen Grundsatz von der Selbsterkenntnis aufstelle, so komme wiederum ein Wort Goethes zu Hilfe: «Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt’ es nicht erblicken; läg’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt’ uns Göttliches entzücken?» Eben diese Wahrheit der Kultur des Abendlandes einzuflößen, das sei die Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft. Auch in Deutschland werde dieselbe in Zukunft eine rege Tätigkeit entfalten und speziell hier in Weimar sei eine «Theosophische Gesellschaft» gegründet, in der jeder, der auch nur einen Funken der theosophischen Weisheit in sich aufgenommen habe, fortgesetzt an seiner Weiterentwicklung im geistigen Sinne arbeiten könne. Zum Schluss wies Herr Dr. Steiner darauf hin, dass er gern bereit sei, etwa an ihn gestellte Fragen zu beantworten, einige Fragen seien auch bereits eingegangen. Eine Anfrage, die in der «Weimarer Zeitung» gestanden hatte, lautet folgendermaßen: «Kann der Geist Goethes nicht auch einmal zur Abwechslung in ein weibliches Individuum fahren?» Herr Dr. Steiner, der diese Frage als sehr spaßhaft und naiv bezeichnete, erklärte, dass dies gerade so gut der Fall sein könne, man könne natürlich nicht behaupten, in welcher Zeit Goethes Geist in einem anderen Körper Platz ergreife. Immerhin könnte diese Zeit etwa 38 Generationen zurückliegen. Eine weitere Frage, die sich damit beschäftigte, ob eine Seelengemeinschaft nicht auch bestehen könne zwischen einem hoch entwickelten Tiere, etwa einem Hunde, und dem Menschen; ein edler Hund habe doch Verstand, Treue, Schamgefühl, sogar Phantasie, alle diese Eigenschaften könne man bei «niederen Menschenrassen» nicht bemerken, wie ja in den vorigen Vorträgen Herr Dr. Steiner selbst bemerkt habe. Hierzu erklärte Herr Dr. Steiner, dass doch ein großer Unterschied zwischen den Fähigkeiten der Hundeseele und der Menschenseele bestünde. Bei dem Tiere gäbe es eben keine Biografie des Individuums, sondern nur einen Begriff der Rasse. Vor allem aber fehle den Tieren die Fähigkeit zu zählen, die jeder Mensch besitze, hierin liege aber wohl der bedeutendste Unterschied zwischen Menschen- und Tierseele. - Eine andere Frage, ob die Theosophie eine Wissenschaft oder eine Religion sei, wurde von dem Herrn Vortragenden dahin beantwortet, dass in der Theosophie Wissenschaft, Religion, Philosophie und Ethik zu einem Ganzen vereinigt seien. Ein auf diese Antwort erfolgter Einspruch, man dürfe Religion und Wissenschaft nicht durcheinanderwerfen, sonst verliere man den realen Boden unter den Füßen, wurde von Herrn Dr. Steiner damit zurückgewiesen, als er erklärte, dass sich über diese veraltete Ansicht der Theosoph allerdings hinwegsetzen müsse, wie ja bereits in den vorhergehenden Vorträgen ausgeführt worden sei. Mit Begeisterung und packender Rhetorik vertrat der Redner zum Schluss nochmals seine theosophischen Lehren, darauf hinweisend, dass der erste Punkt der theosophischen Grundsätze darin fuße, den Kern zu einer brüderlichen Geistesgemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstrecke. — Reicher Beifall wurde zum Schluss der Ausführungen gespendet.
[ 5 ] Dr. Steiner’s third and final lecture, delivered in Berlin on Monday at 8:00 p.m., dealt with theosophy and the scientific spirit of the present day. The speaker began with a brief reference to the two lectures he had given previously and explained that the fundamental principle of theosophical teaching is, above all, self-knowledge. Today, he said, we must explore to what extent the spirit of contemporary science is capable of embracing the teachings of Theosophy. Once the leading minds of science in our time have made Theosophical knowledge their own, then we can be certain that Theosophy has a future—indeed, that it will conquer the world. We are dealing here with a Janus-faced phenomenon: on the one hand, a yearning of the mind for a magnificent, new worldview; on the other, a lack of courage and despondency when it comes to delving into the profound wisdom of karma. It is the spirit of the present that must first be penetrated in order to characterize the stance of modern science toward theosophical teachings. A large part of modern science is, in fact, moving toward theosophical science. Redner pointed to the significant lecture by the Leipzig chemist Ostwald, which was delivered at the Congress of Natural Scientists in Lübeck. Dr. Steiner explained that this lecture would have been impossible some 10 years ago, for Ostwald held the view that there is no such thing as matter at all, but only activities. Using dramatic examples, Ostwald explained how he justified this, his, point of view. Ostwald said, for example: “When one is struck with a stick, it is not matter that strikes us, but rather the activity that moves the stick and delivers the blow.” Here, the law of karma must be emphasized once again, and the human spirit, too, is shaped by this activity over the course of a long period of development. The human spirit undergoes precisely the same stages of development that the human physical body has undergone over a long period of time. It is a complete process of development that unfolds from one personality to the next. It must be emphasized again and again that spiritual development corresponds exactly to physical development. Ernst Haeckel first brought this science to light in a rather radical manner in the 1860s. It is clear that Theosophy, too, must first develop to a higher level, and if all signs are correct, this will soon come to pass. As is well known, the natural sciences are in a state of constant change, and even today a great deal of theosophical thinking can be found among natural scientists. Ernst Haeckel, in particular, is one of those leading minds who is strongly pushing toward the theosophical movement, even if he himself may not be willing to admit it. Other leading minds also acknowledge the reality that runs like a common thread through all living beings—what we call the causal body. Another researcher, in turn, says: “I have acquired all my organs over the course of a long evolution, always from my ancestors. Today, my physical organs remember everything that has been acquired over the course of this time.” This, Dr. Steiner continued, is not said by a Theosophist, but by a radical natural scientist. Just as natural scientists strive to surprise humanity time and again with new scientific problems for which there is equally little clear evidence, so too can one not prevent the spiritual world from penetrating into humanity from another direction. Just as Ostwald had established the principle, “not matter, but activity,” so it could be asserted in this context that only materialism could assume that the spirit lies buried in matter. This is the foundation from which Goethe, too, arrived at his spiritual worldview. Goethe expressed his view on the destiny of the human spirit in the following sentence: “If I have been tirelessly active throughout my entire life, then nature has an obligation not to dissolve me into the base elements, but to assign me a new arena for my activity!” The researcher Bunge, too, demonstrates through a number of examples that only activity has brought about the further development of the human soul. For all who wish to understand human life, however, deep self-observation is essential under all circumstances. From this arises the realization that everything taking place around us in the universe is activity (karma) and nothing is matter. Of course, the activity itself cannot be seen, but its result certainly can. Thus, we have arrived at the central tenet of Theosophy, which can be summarized in a single word: self-observation. We have discovered that we possess a causal body that continues to propagate itself. But we do not represent a single, isolated being in the universe, but rather a link in the entire cosmos. Eastern wisdom calls the three aspects of human individuality Manas, Budhi, and Atma, and summarizes the stages of the intellect in these three words. Even a scholar of our time speaks of what Theosophy calls reincarnation—namely, Professor Baumann, Göttingen; thus, on the whole, it can be seen that modern science converges everywhere with the main tenets of Theosophy. However, in order for this lofty science to become clearly evident to every thinking person, a continuous process of self-knowledge must be at work within the individual; the spirit itself must feel and realize that individuality receives its proper assessment in Theosophical teaching. If one establishes this principle of self-knowledge, a quote from Goethe comes to our aid: “Were the eye not sun-like, it could not behold the sun; were God’s own power not within us, how could the divine delight us?” It is the task of the Theosophical Society to instill precisely this truth into Western culture. In Germany, too, the Society would carry out vigorous activities in the future, and specifically here in Weimar, a “Theosophical Society” had been founded, in which anyone who had absorbed even a spark of theosophical wisdom could continue to work on their spiritual development. In conclusion, Dr. Steiner pointed out that he would be happy to answer any questions directed at him; some questions had already been received. One inquiry, which had appeared in the Weimarer Zeitung, read as follows: “Couldn’t Goethe’s spirit, for a change, enter a female body?” Dr. Steiner, who described this question as very humorous and naive, explained that this could very well be the case; of course, one cannot say in which era Goethe’s spirit might take up residence in another body. After all, that era could lie some 38 generations in the past. Another question addressed the possibility of a spiritual connection existing between a highly developed animal—such as a dog—and a human; after all, a noble dog possesses intelligence, loyalty, a sense of shame, and even imagination—all qualities that cannot be observed in “lower human races,” as Dr. Steiner himself had noted in previous lectures. In response, Dr. Steiner explained that there is, in fact, a great difference between the capacities of the dog’s soul and those of the human soul. In the case of animals, he said, there is no individual biography, but only a concept of the breed. Above all, however, animals lack the ability to count, which every human possesses; this, he said, is likely the most significant difference between the human soul and the animal soul. - Another question—whether theosophy is a science or a religion—was answered by the speaker by stating that in theosophy, science, religion, philosophy, and ethics are united into a single whole. An objection raised in response to this answer—that one must not confuse religion and science, lest one lose one’s footing in reality—was rejected by Dr. Steiner when he explained that one must indeed set aside this outdated view of theosophy, as had already been explained in the previous lectures. With enthusiasm and compelling rhetoric, the speaker concluded by once again defending his theosophical teachings, pointing out that the first principle of theosophy lies in forming the core of a fraternal spiritual community that extends across all of humanity, regardless of race, religion, social class, nationality, or gender. — The remarks were met with rich applause at the conclusion.
