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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Christianity
GA 68a

23 October 1903, Weimar

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

4. Das Wesen des Menschen oder die geistige Chemie

4. The Nature of Man, or Spiritual Chemistry

I. Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 25. Oktober 1903

I. Article in the “Weimarische Zeitung” dated October 25, 1903

[ 1 ] Im großen Saale der «Erholung» hielt gestern Abend Dr. Steiner den ersten seiner für das Winterhalbjahr angekündigten Vorträge über «Das Wesen der Menschen oder die geistige Chemie».

[ 1 ] Last night, in the large hall of the “Erholung,” Dr. Steiner gave the first of his lectures—announced for the winter semester—on “The Nature of Human Beings, or Spiritual Chemistry.”

[ 2 ] Früher war man nicht imstande, die Naturkräfte in so umfassender Weise auszunützen, wie wir heute mit unseren Maschinen. Die elektrische Kraft gestattet uns heute über die Erde hin mit den Menschen zu sprechen und im Vogelflug dürften wir in kurzer Zeit wahrscheinlich die Luft durchmessen. Aber die Wissenschaft hat uns auch ein trostloses Bild für die Zukunft unseres materiellen irdischen Lebens zu entwerfen vermocht. Sie kann ausrechnen, wie lange es dauern wird, bis auf unserem Erdball alles Leben verschwunden sein wird. Dann wird alle materielle Kultur vergangen sein. Wird dann auch alles das, was in unserer Seele lebt, vom Weltall verschwinden? Was wird mit dem Inhalt, den wir uns in unserem Innern erwerben? Wird er auch begraben sein in dem allgemeinen Grab? Von der theosophischen Bewegung wird die Antwort auf die Fragen kommen. Eine Menschenverbrüderung will die theosophische Bewegung schaffen. Und sie wird den Beweis bringen, dass das, was die Menschen in Jahrtausenden erstrebt haben, auf dem Gebiete des Geisteslebens, nicht Wahn und Irrtum ist. Die theosophische Bewegung geht einen Weg, der unserer Zeit entspricht; doch widersprechen die theosophischen Werke noch den Denkgewohnheiten der Gegenwart. Und von Denkgewohnheiten lässt sich der Mensch beherrschen. Diese Gewohnheiten haben uns dahin gebracht, dass wir nur den Sinnen vertrauen. Was Sinne nicht wahrnehmen, ist nicht. Die Theosophie aber will zu den Früchten unserer materiellen Kultur die Nahrung des Geistes und der Seele bieten, welche unsere moderne Naturanschauung nur in geringem Maße bieten kann. Die höchsten Fragen der menschlichen Seele sollen beantwortet werden durch die Theosophie. Wir müssen glauben, dass wir in das Wesen der Seele ebenso eindringen können wie der Physiker und Chemiker in die Stoffe; die Seele ist ein mannigfaltiges Wesen, deren Zusammensetzung wir genauer studieren müssen. Es gibt eine geistige Chemie, wie es eine materielle Chemie gibt. Durch die geistige Chemie lernen wir das Wesen des Menschen und seine geistige Aufgabe kennen und lösen. Wahrheit und Wissenschaft sind die beiden Dinge, welche wir miteinander verbinden müssen auf dem Gebiete der inneren menschlichen Natur. Die physische menschliche Wesenheit ist nicht der ganze Mensch. Wenn die seelischen Vermögen aus dem physischen Körper gewichen sind, ist er unmöglich und zerfällt. Die physischen Kräfte und Stoffe unseres Körpers ändern sich fortwährend. Müssen wir da nicht fragen: Was ist das Bleibende an uns? Das Universum wird durchflossen von der Lebenskraft. Die Hypothese, dass alles Leben einem toten Urnebel entsprossen sei, ist aufgegeben. Dieser Urnebel war ein großer Organismus, ein belebtes Wesen. Und aus diesem großen Lebewesen hat sich die leblose und die lebendige Natur nach zwei Seiten abgezweigt.

[ 2 ] In the past, people were unable to harness the forces of nature as comprehensively as we do today with our machines. Electrical power now allows us to communicate with people across the globe, and we will likely soon be able to traverse the skies as swiftly as a bird. But science has also been able to paint a bleak picture of the future of our material, earthly life. It can calculate how long it will take until all life on our planet has vanished. Then all material culture will be gone. Will everything that lives in our souls also disappear from the universe? What will become of the inner content we have acquired? Will it, too, be buried in that universal grave? The answer to these questions will come from the Theosophical Movement. The Theosophical Movement seeks to create a brotherhood of humankind. And it will provide proof that what people have strived for over millennia in the realm of spiritual life is not delusion or error. The Theosophical Movement follows a path that is in keeping with our times; yet theosophical works still run counter to the prevailing patterns of thought today. And human beings allow themselves to be dominated by their habits of thought. These habits have led us to the point where we trust only the senses. What the senses do not perceive does not exist. Theosophy, however, seeks to offer, alongside the fruits of our material culture, nourishment for the spirit and the soul—something that our modern view of nature can provide only to a limited extent. Theosophy aims to answer the highest questions of the human soul. We must believe that we can penetrate the essence of the soul just as physicists and chemists penetrate matter; the soul is a multifaceted being whose composition we must study more closely. Just as there is material chemistry, so there is spiritual chemistry. Through spiritual chemistry, we come to know and resolve the essence of the human being and his spiritual mission. Truth and science are the two things we must combine in the realm of inner human nature. The physical human being is not the whole person. Once the soul’s faculties have departed from the physical body, it ceases to exist and decays. The physical forces and substances of our body are constantly changing. Must we not then ask: What is the enduring aspect of our being? The universe is permeated by the life force. The hypothesis that all life sprang from a dead primordial nebula has been abandoned. This primordial nebula was a great organism, a living being. And from this great living being, inanimate and animate nature branched off in two directions.

[ 3 ] Redner weist im Verfolg entwickelnd auf die vier Grundteile hin, welche sterblich sind: Sterblich ist der menschliche Körper; sterblich ist die Lebenskraft: sie fließt über in die allgemeine Weltlebenskraft, um neu gebraucht zu werden; sterblich sind unsere Instinkte; sterblich ist unser Astralkörper: Er löst sich auf in einer Welt rein geistiger Kräfte. Was dürfen wir, fragt Redner, dem gegenüber als das Unvergängliche betrachten? Unsterblich ist der Kausalkörper, welcher uns verbindet mit früheren Daseinsstoffen. Er ist unser eigentliches höheres Selbst und liegt wieder im Schoß einer einheitlichen Grundwesenheit. Diese einige geistige Grundwesenheit erreichen wir, wenn wir die noch tieferen Kräfte in unserem Seelenleben aufsuchen. Und die genannten sieben Grundteile — vier sterblich, drei unsterblich — sind die Grundsubstanzen der menschlichen Wesenheit.

[ 3 ] Redner goes on to point out the four fundamental parts that are mortal: The human body is mortal; the life force is mortal—it flows into the universal life force of the world to be used anew; our instincts are mortal; our astral body is mortal: It dissolves into a world of purely spiritual forces. What, Redner asks, may we regard as the imperishable in contrast to this? The causal body is immortal; it connects us to the substances of past existences. It is our true higher self and lies once again in the bosom of a unified fundamental being. We attain this single spiritual fundamental being when we seek out the even deeper forces within our soul life. And the seven fundamental parts mentioned—four mortal, three immortal—are the fundamental substances of the human being.

II. Bericht in «Deutschland» vom 25. Oktober 1903

II. Article in “Deutschland” from October 25, 1903

[ 4 ] Gestern Abend eröffnete Herr Dr. Rudolf Steiner, Berlin, im Erholungssaale den Zyklus der für diesen Winter geplanten theosophischen Vorträge mit dem Thema: «Das Wesen des Menschen oder die geistige Chemie». Der Redner legte seinen einleitenden Ausführungen folgenden Gedankengang zugrunde: Das verflossene Jahrhundert habe uns in der äußeren Kultur eine erhabene Höhe erklimmen lassen, die Beherrschung der außer uns liegenden Naturkräfte sei so bedeutend, dass frühere Zeiten nicht daran dachten. Zu gleicher Zeit böte uns die Naturwissenschaft ein trostloses Bild für die Zukunft unseres materiellen Lebens, eine Zukunft, welche unser Inneres nicht befriedige. Dabei stehe aber fest, dass Jahrhunderte und Jahrtausende bestrebt waren, eine Lösung des großen Weltenrätsels zu geben, dass die verschiedenen Religionen für ihre Zeiten dies zu tun beabsichtigt hätten. Auf dem Boden der Ergebnisse der modernen Wissenschaft fußend, wolle nun die Theosophie darnach streben, der Menschheit diese ihr angeborene Befriedigung zu verschaffen. Vor allem müssten wir ohne Vorurteile uns in das eigene Innere vertiefen und bisherige Denkgewohnheiten abwerfen. Diese seien durchaus nicht maßgebend für die Wahrheit unserer Anschauungen, seien oftmals von Zufällen abhängig, wechselten mit den Zeitaltern und deshalb sei es nicht wunderlich, wenn die Theosophie nach dieser Richtung auf Schwierigkeiten stoße. Nur allmählich werden sich die theosophischen Wahrheiten Bahn brechen und dann als herrliche Früchte zur materiellen Kultur hinzutreten. Ebenso wie die jetzige Naturwissenschaft eine volle Hingabe und Beobachtung der Natur fordere, ebenso sei es notwendig, sich in unsere innere Natur zu vertiefen, die inneren Kräfte zu erforschen. Freilich müsse man glauben, dass es eine solche intime Wissenschaft der Seele gäbe. Die abendländische Wissenschaft habe nur den physischen Menschen, die physischen Wesenheiten der Betrachtung unterzogen, aber die inneren Seelenelemente außer Betracht gelassen. In beständigem Wechsel sei unser Organismus begriffen, vor Jahren hätten wir aus ganz anderen Elementen bestanden als heute, und trotzdem seien wir dieselben, die Leiche setzt sich aus denselben Atomen zusammen wie noch vor einer Stunde der lebende Körper. Deshalb seien wir gezwungen anzunehmen, dass der Mensch, wenn er bloß physisch ist, sich als unmöglicher physischer Körper erweise. Dadurch würden wir zu dem Schlusse gedrängt, dass wir höhere geistige Substanzen besitzen, für welche der physische Körper der Träger sei. Diese Kraft sei in Sanskrit ausgedrückt die «Prana», die Lebenskraft, welche alle Lebewesen durchflutet und welche wir Menschen mit Pflanzen und Tieren gemein haben. Schon lange halte man nicht mehr an der KantLaplace’schen Welttheorie fest, wonach das Leben aus bloßem Urnebel sich entwickelt habe, und es werde immer klarer, dass dieser Urnebel ein belebter Organismus sein müsse. Diese Prana halte unsere leblosen Stoffe zusammen und kehre nach dem Tode ebenso zum allgemeinen Weltleben zurück wie die physischen Bestandteile zur Materie. Die Pflanze unterscheide sich von Tier und Mensch dadurch, dass ihr das große Gebiet fehle, das wir mit Lust und Unlust, Freude und Schmerz bezeichnen. Warum beobachte man bei der Pflanze keine Leidenschaften; weil ihr die Kraft fehle. Um diese Gefühle auszulösen, brauchten wir eine Grundkraft des Verlangens, der Begierde, welche die Theosophie «Kama» nennt. Es sei doch unlogisch, Wirkungen zu sehen und keine Ursachen anzunehmen. Der Mensch unterscheide sich von dem Tiere durch die Kraft, die ihm gestattet, seine Instinkte zu beherrschen. Das Tier folge unbewusst dem Triebe, der Mensch sei vermöge einer ihm inne wohnenden Kraft imstande, nach eigener Einsicht zu handeln, und die Kraft, die dies gestatte, hieße die des niederen seelischen Intellekts, die des niederen «Manas». Die kama-manasischen Kräfte sind an unseren physischen Körper, an das Gehirn gebunden und ersterben mit dem Gehirn für uns. Die nächsthöhere Kraft sei die höhere «Manas», jenes Element, das innerhalb unseres Geistigen-Seelischen seinem ganzen Inhalte nach hinausrage über alles Vergängliche. Es lebe in uns von Geburt bis zum Tod und danach, um wieder neue Körper zu bilden. Nicht einmal lebe der Mensch, sondern unzählige Male. Die Dauer im Wechsel, das, was unser höheres Selbst ausmache, heiße die Theosophie den kausalen oder ursächlichen Körper. Wenn wir diesen kausalen Körper betrachten, so liefert er das Bleibende in den verschiedenen Inkarnationen. Aber in diesen Kräften des Seelenlebens seien noch höhere eingeschlossen, welche man erkenne in der großen kosmischen Liebe, welche die ganze Welt durchflute. Wer von diesen Gefühlen durchdrungen sei, der höre auf, sich als einzelne Wesenheit anzusehen, er fühle sich als ein Grundton des Universums. Aus diesem Element haben die großen Religionsstifter gesprochen. Die Kraft, welche von diesen Männern ausging, konnte fortwirken, nicht weil sie das Vergängliche ergriffen, sondern aus der höchsten Kraft der Seele floss. Das sei das, was die Theosophie «Budhi» nenne. Wenn diese Seelenkraft uns treibe, so fühlten wir, was in den indischen Weisheitsbüchern niedergelegt sei. Jedes einzelne Wesen sei nur ein Tropfen in dem urewigen «Atma», der Grundsubstanz der menschlichen Wesenheit, ähnlich der chemischen Substanz der Elemente. Wie wir einen Körper kennenlernen, wenn wir ihn in seine Teile zerlegen, so können wir den Menschen erklären, wenn wir ihn in seinen Teilen erkannt haben. Das sei die Lehre von den Grundbestandteilen des Menschen.

[ 4 ] Last night, Dr. Rudolf Steiner of Berlin opened the series of theosophical lectures planned for this winter in the recreation hall with the topic: “The Nature of Man, or Spiritual Chemistry.” The speaker based his introductory remarks on the following line of thought: The past century has enabled us to scale sublime heights in our external culture; our mastery of the natural forces outside ourselves is so significant that earlier times could not have conceived of it. At the same time, natural science presents us with a bleak picture of the future of our material life—a future that does not satisfy our inner being. Yet it is clear that centuries and millennia have sought to provide a solution to the great mystery of the world, and that the various religions of their respective eras intended to do just that. Building upon the findings of modern science, Theosophy now seeks to provide humanity with this innate sense of fulfillment. Above all, we must delve into our own inner selves without prejudice and cast aside our previous habits of thought. These are by no means decisive for the truth of our views; they are often dependent on chance, change with the ages, and therefore it is not surprising if Theosophy encounters difficulties in this regard. Only gradually will theosophical truths break through and then contribute as magnificent fruits to material culture. Just as modern natural science demands complete devotion to and observation of nature, so too is it necessary to delve into our inner nature and explore our inner forces. Of course, one must believe that such an intimate science of the soul exists. Western science has subjected only the physical human being and physical entities to scrutiny, while disregarding the inner elements of the soul. Our organism is in a state of constant change; years ago we consisted of entirely different elements than we do today, and yet we remain the same—the corpse is composed of the same atoms as the living body was just an hour ago. Therefore, we are compelled to assume that if human beings were merely physical, they would prove to be impossible physical bodies. This would lead us to the conclusion that we possess higher spiritual substances, of which the physical body is the vehicle. This force is expressed in Sanskrit as “Prana,” the life force that permeates all living beings and which we humans share with plants and animals. For a long time now, people have ceased to adhere to the Kant-Laplace theory of the universe, according to which life developed from mere primordial nebula, and it is becoming increasingly clear that this primordial nebula must have been a living organism. This prana holds our inanimate substances together and, after death, returns to the general life of the world just as the physical components return to matter. Plants differ from animals and humans in that they lack the vast realm we describe as pleasure and displeasure, joy and pain. Why do we observe no passions in plants? Because they lack the power to do so. To trigger these feelings, we need a fundamental force of desire—which theosophy calls “Kama.” It would be illogical, after all, to see effects without assuming causes. Humans differ from animals in the power that allows them to control their instincts. Animals unconsciously follow their instincts, whereas humans, by virtue of an innate power, are capable of acting according to their own judgment; and the power that enables this is called the lower mental intellect, the lower “Manas.” The Kama-Manasic forces are bound to our physical body and to the brain, and for us they perish with the brain. The next higher force is the higher “Manas,” that element within our spiritual-soul aspect which, in its entirety, transcends all that is transitory. It lives within us from birth to death and beyond, in order to form new bodies again. Man does not live just once, but countless times. Theosophy calls this enduring presence amidst change—that which constitutes our higher self—the causal or root body. When we consider this causal body, it provides the enduring element across the various incarnations. But within these forces of the soul’s life are enclosed even higher ones, which are recognized in the great cosmic love that permeates the entire world. Whoever is imbued with these feelings ceases to regard himself as an individual being; he feels himself to be a fundamental tone of the universe. It was from this element that the great founders of religions spoke. The power that emanated from these men was able to continue to work, not because it grasped the transitory, but because it flowed from the highest power of the soul. This is what Theosophy calls “Budhi.” When this soul power drives us, we feel what is recorded in the Indian books of wisdom. Every single being is but a drop in the eternal “Atma,” the fundamental substance of human existence, similar to the chemical substance of the elements. Just as we come to know a body by breaking it down into its parts, so can we explain the human being once we have recognized its constituent parts. This is the doctrine of the fundamental constituents of the human being.

[ 5 ] Die ziemlich zahlreiche Versammlung nahm den Vortrag beifällig auf.

[ 5 ] The fairly large audience received the lecture with approval.