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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Christianity
GA 68a

20 November 1903, Weimar

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

5. Die Pilgerfahrt der Seele

5. The Pilgrimage of the Soul

I. Bericht in «Deutschland», Zweites Blatt, vom 22. November 1903

I. Article in “Deutschland”, Second Edition, November 22, 1903

[ 1 ] Theosophischer Vortrag. Freitag, abends 8 Uhr hielt im großen Saale der «Erholung» Dr. Rudolf Steiner seinen angekündigten Vortrag über die «Pilgerfahrt der Seele». Er begann damit, dass er sagte, diesmal wolle er nicht, wie bei den drei Vorträgen, die er im vorigen Frühling hier gehalten, von der Naturerkenntnis ausgehen, sondern unmittelbar die Sprache der Theosophie sprechen, und die Dinge so darstellen, wie sie dem erscheinen, dessen Geistesauge für die übersinnlichen Tatsachen geöffnet ist. - Von drei Seiten her hat der Mensch seinen Ursprung genommen. Das, was in ihm ewig und unvergänglich ist, was in immer neuen Verkörperungen wieder erscheint, stammt unmittelbar aus dem Quell des Lebens, aus dem, was der große Weise und Märtyrer Giordano Bruno die Weltseele genannt hat. Wie der Menschengedanke ein Ausfluss der Menschenseele, so ist der ewige Menschengeist ein Ausfluss der göttlichen Urseele. Und wie der Mensch, so wie er jetzt lebt, seine Wahrnehmungen durch seine Sinne aus der Außenwelt, aus der sinnlichen Natur schöpft, wie er seinen Willen anspornen lässt durch seine Gefühle und Leidenschaften, durch die Überlegungen seines an den Naturgesetzen geschulten Verstandes, so schöpfte der ewige Menschengeist, bevor er sich verkörperte, all sein Denken und Wollen aus dem Bronnen des Ewigen, aus der göttlichen Urseele. Er wartete in dieser Form auf seine irdische Verkörperung. Diese wurde möglich, weil auf einem Weltenkörper, der unserer Erde voranging, sich die Körperlichkeit vorbereite, welche den Boden für die äußere Entwicklung abgab. Auf diesem anderen Weltenkörper, der keiner äußerlichen Wissenschaft, wohl aber der geistigen Forschung bekannt ist, entwickelten sich die sinnlichen Vorfahren des Menschen. Es waren Wesen, welche wohl Empfindung und Gefühl, Triebe und Leidenschaften hatten, aber die noch ganz ohne die Kraft des Verstandes, der vernünftigen Überlegung waren. Sie waren sowohl von den gegenwärtigen Menschen wie auch von den gegenwärtigen Tieren sehr verschieden. Diese Wesen wurden keimartig, als die Aufgabe des genannten Weltkörpers erfüllt war. Wie der Pflanzenkeim in einem Schlummerzustand ist, um zu neuem Leben zu erwachen, wenn er in den Boden versenkt wird, so schlummerten diese Wesenskeime, bis sie in der Morgendämmerung unserer Erdenentwicklung von unserem Planeten aufgenommen und zu neuem Dasein berufen wurden. Nun kam ein neuer Vorbereitungszustand für sie. Es bildete sich in ihnen die Fähigkeit aus, die sinnlichen Triebe, die Empfindungen, Gefühle und Leidenschaften in den Dienst einer höheren Kraft zu stellen. Diese Kraft war der Anfang dessen, was später zum Verstande geworden ist, was den gegenwärtigen Menschen befähigt, sich in der äußeren Welt zurechtzufinden, was ihm möglich macht, ein Beherrscher der niederen Naturkräfte zu sein. Durch lange Zeiträume hindurch lebten die Menschen, die später die Wohnungen der Menschengeister werden sollten, in diesem Vorbereitungsstadium. Dann tritt der Zeitpunkt ein, wo sie reif sind, den jungen Menschengeist aufzunehmen, der geschildert worden ist. Dieser verkörpert sich zum ersten Male in solchen Menschenleibern. Er lernt allmählich die Körperlichkeit zu beherrschen, die gleichsam als Hülle um ihn gelegt ist. Aber nur wenig kann er in dem ersten Leben lernen. Er muss immer wieder und wieder die «Pforte des Todes» durchschreiten und zu neuer Verkörperung gelangen. Dann, zwischen zwei Verkörperungen, schreitet der Menschengeist hindurch durch die höheren Welten, in denen er die Erfahrungen der irdischen Entwicklung zur Reife bringt. Er schreitet durch das «Land der Begierden» (Kamaloka), um dort seine Begierden in die rechte Harmonie zum Weltganzen zu bringen; er schreitet weiter durch eine reinere Geisteswelt, in der er zur Reife bringen kann, was er im Kampf mit der Welt an Denkfähigkeit in sich ausgebildet hat. Dann kehrt er zurück zu einer neuen Verkörperung, um wieder den irdischen Wandel für einige Zeit durchzumachen und neue Erlebnisse für seine Höherentwicklung zu sammeln. So macht die Geistseele ihre Pilgerfahrt durch viele Verkörperungen hindurch, bis die irdische Bestimmung erfüllt ist und alle Menschengeister hinübergeführt werden zu einem neuen, noch höheren Dasein in einer Welt, von deren Erhabenheit sich der gegenwärtige Mensch keine Vorstellung machen kann. II. Bericht in der «Weimarischen Zeitung» vom 22. November 1903

[ 1 ] Theosophical Lecture. On Friday at 8:00 p.m., Dr. Rudolf Steiner delivered his previously announced lecture on “The Pilgrimage of the Soul” in the main hall of the “Erholung.” He began by saying that this time, unlike in the three lectures he had given here last spring, he did not wish to start from an understanding of nature, but rather to speak directly in the language of theosophy and to present things as they appear to one whose spiritual eye is open to supersensory realities. — Humanity has its origin in three directions. That which is eternal and imperishable within him, that which reappears in ever-new incarnations, originates directly from the Source of Life—from what the great sage and martyr Giordano Bruno called the World Soul. Just as human thought is an outflow of the human soul, so the eternal human spirit is an outflow of the divine Primordial Soul. And just as human beings, as they live today, draw their perceptions from the external world—from sensory nature—through their senses, and allow their will to be spurred on by their feelings and passions, as well as by the deliberations of their intellect trained in the laws of nature, so, before it incarnated, the eternal human spirit drew all its thinking and willing from the source of the Eternal, from the divine Primordial Soul. In this form, it awaited its earthly incarnation. This became possible because, on a world body that preceded our Earth, physicality was being prepared, which provided the foundation for external development. On this other world body—unknown to external science but well known to spiritual research—the sensory ancestors of humankind developed. These were beings who certainly possessed sensation and emotion, instincts, and passions, but who were still entirely devoid of the power of reason and rational thought. They were very different from both present-day humans and present-day animals. These beings entered a dormant state once the task of the aforementioned celestial body had been fulfilled. Just as a plant seed lies dormant, waiting to awaken to new life when planted in the soil, so these seeds of being lay dormant until, at the dawn of our Earth’s evolution, they were received by our planet and called to a new existence. Now a new preparatory stage began for them. The ability developed within them to place their sensory drives, sensations, feelings, and passions in the service of a higher power. This power was the beginning of what later became the intellect—that which enables modern humans to find their way in the external world and makes it possible for them to master the lower forces of nature. For long periods of time, the human beings who were later to become the abodes of human spirits lived in this preparatory stage. Then the moment arrives when they are ready to receive the young human spirit described above. This spirit incarnates for the first time in such human bodies. It gradually learns to master the physicality that is, as it were, wrapped around it like a shell. But he can learn only a little in his first life. He must pass through the “Gate of Death” again and again to attain a new incarnation. Then, between two incarnations, the human spirit journeys through the higher worlds, where he brings the experiences of earthly development to maturity. It passes through the “Land of Desires” (Kamaloka) to bring its desires into proper harmony with the whole of the universe; it proceeds further through a purer spiritual world, where it can bring to maturity the capacity for thought it has developed within itself through its struggle with the world. Then it returns to a new incarnation to once again undergo earthly life for a time and gather new experiences for its higher development. Thus does the spiritual soul make its pilgrimage through many incarnations until its earthly destiny is fulfilled and all human spirits are led over to a new, even higher existence in a world whose sublimity is beyond the imagination of present-day humanity. II. Report in the Weimarische Zeitung of November 22, 1903

[ 2 ] «Die Pilgerfahrt der Seele», wie sie nach theosophischer Ansicht und Behauptung vor sich geht, suchte gestern Abend in der «Erholung» Dr. Rudolf Steiner, Berlin, seiner zum größten Teil aus Damen bestehenden Zuhörerschaft zu veranschaulichen. Er nahm a priori als feststehend an, dass im menschlichen Körper eine ewige, wirkende Seele wohnt, und erklärte, dass dieses, was ewig ist in uns, seinen Ursprung in der «Weltseele» habe, deren Dasein schon Giordano Bruno angenommen habe. Aber nicht nur aus Seele und Leib besteht, nach der Behauptung Dr. Steiners, der Mensch, es kommt noch ein Drittes hinzu, der Geist. Dieser «junge Menschengeist», wie er vom Vortragenden genannt wird, ist Gott entsprungen und wahrhaft unvergänglich. Diese Dreiheit war aber nicht von Ewigkeit her in einem Menschen zusammen, sondern der «physische Mensch» hat sich aus einem andern rein physischen instinktmäßig handelnden Menschen entwickelt, dessen Dasein sich auf einem früher existierenden Weltenkörper, der unsere Erde erst geboren hat, abspielte. Erst bei der — geheimnisvoll vor sich gegangenen — Herüberkunft auf unseren Planeten hat sich die «Seele» in ihn gesenkt, die ebenfalls schon Entwicklungen hinter sich hat. Lange Zeit dauerte es nun, bis der Mensch so weit war, dass er den jungen Menschengeist aufnehmen konnte. Der Geist musste sich erst eingewöhnen, erst allmählich lernte er mit menschlichen Sinnen wahrnehmen. Das alles aber geschah nicht in einem Menschen. Dadurch, dass der Geist sich nun verkörperte, verwuchs er mit den menschlichen Begierden und Leidenschaften. Er kann sich schwer davon loslösen, selbst wenn der «physische Mensch» schon gestorben ist. Er muss vielmehr sich auf verschiedenen Stationen im Jenseits reinigen, nachdem er das, was er im Erdenleben gelernt, in sich aufgenommen hat. Für eine kurze Zeit taucht dieser Geist dann unter in eine Region, wo er sich entfalten und ausbreiten kann, dann steigt er wieder herab in einen neuen Körper. Diese Wanderung geht so lange vor sich, bis sie zu dem ihr vorbestimmten Ziele gelangt, dem theosophischen «Nirwana». Dies ist aber nicht das «Nichts», wie es die altindischen Weisen (und auch Schopenhauer) nannten, sondern ein Zustand, von dessen Beschaffenheit wir noch keine Ahnung haben. — So gestaltet sich — in großen Zügen — die «Pilgerfahrt der Seele», wie Dr. Steiner es lehrt. Er betonte ausdrücklich, dass dieses Wahrheiten seien, ebenso sicher wie die Wahrheit, dass im Saale der Erholung elektrische Bogenlampen leuchteten. Dieser Überzeugung entsprach auch die Art des Vortrages. Dr. Steiner gebrauchte zur Unterstützung seiner Behauptungen stets die Wendung: Das ist so und so. Daraus gewann man die Überzeugung, dass er mit Gewissheit glaubte, er habe die Wahrheit. (Nicht eine oder seine Wahrheit.)

[ 2 ] Last night at the “Erholung,” Dr. Rudolf Steiner of Berlin sought to illustrate “The Pilgrimage of the Soul”—as it unfolds according to theosophical views and assertions—to his audience, which consisted largely of women. He took as a given that an eternal, active soul dwells within the human body, and explained that this eternal aspect within us has its origin in the “World Soul,” whose existence Giordano Bruno had already posited. But according to Dr. Steiner, the human being consists not only of soul and body; a third element is added: the spirit. This “young human spirit,” as the lecturer calls it, springs from God and is truly imperishable. However, this trinity was not united within a human being from eternity; rather, the “physical human being” developed from another purely physical, instinctively acting human being, whose existence took place on an earlier world body that gave birth to our Earth. It was only during the — mysteriously unfolding — transition to our planet that the “soul,” which had also already undergone its own developments, descended into him. It took a long time before the human being was ready to receive the young human spirit. The spirit first had to acclimate; only gradually did it learn to perceive through human senses. But all this did not take place within a single human being. Because the spirit had now incarnated, it became entwined with human desires and passions. It finds it difficult to detach itself from them, even after the “physical human being” has already died. Rather, it must purify itself at various stations in the afterlife, after having assimilated within itself what it learned during its earthly life. For a short time, this spirit then sinks into a region where it can unfold and expand; then it descends again into a new body. This journey continues until it reaches its predestined goal, the theosophical “Nirvana.” This, however, is not the “nothingness” as the ancient Indian sages (and Schopenhauer as well) called it, but a state whose nature we have not yet begun to comprehend. — Such is—in broad strokes—the “pilgrimage of the soul,” as Dr. Steiner teaches it. He expressly emphasized that these were truths, just as certain as the truth that electric arc lamps were shining in the recreation hall. The style of his lecture also reflected this conviction. Dr. Steiner always used the phrase “It is such and such” to support his assertions. This gave one the impression that he believed with certainty that he possessed the truth. (Not “one truth” or “his truth.”)

[ 3 ] In dem nächsten Vortrage wird er über «Weltenseele und Menschenschicksal» aufklären.

[ 3 ] In his next lecture, he will discuss “The Soul of the World and Human Destiny.”