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The Essence of Christianity
GA 68a

11 Februar 1906, Düsseldorf

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

16. Die Freiheit des Menschen

16. Human Freedom

[ 1 ] Freiheit ist ein Wort, bei dem jedes Herz höher schlägt, ein Wort, dem sich die Ideale unserer besten Menschheitsbrüder zugewandt haben, für das die edelsten Geister der Menschheit Arbeit, Leben und ihr eigenes Selbst opfermütig hingegeben haben. — Freiheit ist das, wovon große Denker ausgesprochen haben, dass es etwas zu tun hat mit der ganzen Menschheitsentwicklung. Hegel nennt die Geschichte des Menschen «ein Fortschreiten der Menschen im Bewusstsein der Freiheit». Er sagt: Blicken wir auf den Orient mit seiner mächtigen Monarchie, so sehen wir, wie Unzählige schmachten in Unfreiheit und wie nur Einer frei ist. — In der späteren Geschichte sehen wir dann weiter, wie mehrere frei werden, und wie durch das Christentum jedem die innere Anwartschaft auf Freiheit ins Herz, in die Seele gelegt worden, wie ganze Volksmassen ihr Blut vergossen, um das, was das Christentum als göttliches Gut dargestellt hat, wahr zu machen. Noch tiefer liegt das Gefühl der Freiheit im Christentum. Der Herr sagte:

[ 1 ] Freedom is a word that makes every heart beat faster, a word to which the ideals of our finest fellow human beings have been drawn, and for which the noblest minds of humanity have selflessly devoted their work, their lives, and their very selves. — Freedom is what great thinkers have declared to be intrinsically linked to the entire development of humanity. Hegel calls the history of humankind “a progression of people in the consciousness of freedom.” He says: If we look to the East with its powerful monarchy, we see how countless people languish in bondage and how only one is free. — In later history, we then see how more people become free, and how, through Christianity, the inner potential for freedom has been placed in everyone’s heart and soul, how entire masses of people shed their blood to make real what Christianity has presented as a divine gift. The sense of freedom runs even deeper in Christianity. The Lord said:

[ 2 ] Ihr werdet die Wahrheit erkennen. und die Wahrheit wird euch frei machen! (Joh 8,32)

[ 2 ] “You will know the truth, and the truth will set you free!” (John 8:32)

[ 3 ] Wenn wir in die stille Studierstube des Denkers und Philosophen gehen, dann werden wir sehen, wie die tiefsten Geister es als ihre Aufgabe angesehen haben, zu erforschen, was die Freiheit des Menschen einschließt, so zum Beispiel Leibniz und Fichte. Sie fragten: Wie haben wir uns zu stellen zu diesem Mittelpunktsbegriff unseres ganzen menschlichen Seelenlebens? Ist der Mensch frei, oder steht er unter einem notwendigen Zwange? Können wir wirklich in derselben Weise uns dem Verbrecher gegenüberstellen, wenn wir wissen, dass er vorherbestimmt war zu einer bösen Tat, oder wissen, dass er frei war, dass er aus freiem Willen seine Tat begangen hat? — Es könnte wohl sein, dass, gerade weil die Frage nach Freiheit so tief liegt, sie zu den tiefsten Menschheitsrätseln gehört.

[ 3 ] When we enter the quiet study of the thinker and philosopher, we see how the deepest minds—such as Leibniz and Fichte—have regarded it as their task to explore what human freedom entails. They asked: How are we to relate to this central concept of our entire human spiritual life? Is man free, or is he subject to a necessary compulsion? Can we truly treat a criminal the same way if we know that he was predestined to commit an evil act, or if we know that he was free, that he committed his act of his own free will? — It may well be that, precisely because the question of freedom runs so deep, it ranks among humanity’s deepest mysteries.

[ 4 ] Die theosophische Weltanschauung spricht von der Fähigkeit des Menschen, durch die er seine höheren Sinne entwickeln kann. Sie schildert in ihrem Erkenntnispfade die verschiedensten Eigenschaften, Tugenden, die man sich erwerben muss, um zur Erkenntnis zu kommen; die letzte dieser Eigenschaften ist der Wille zur Freiheit. Das gehört dazu, wenn man sich höher entwickeln will. Wer sich in einer ganz natürlichen und vollkommenen Weise diesem Menschenrätsel nähern will, der muss diese Frage etwas anders stellen, als sie gewöhnlich gestellt wird. Gewöhnlich fragt man: Ist der Mensch frei, oder steht er unter einem notwendigen Zwange?

[ 4 ] The Theosophical worldview speaks of the human capacity through which one can develop one’s higher senses. In its “Paths of Knowledge,” it describes the wide variety of qualities and virtues one must acquire in order to attain knowledge; the final of these qualities is the will to freedom. This is an essential part of the process if one wishes to develop to a higher level. Anyone who wishes to approach this enigma of humanity in a completely natural and thorough manner must frame this question somewhat differently than it is usually posed. Usually, one asks: Is humanity free, or is it subject to an inescapable compulsion?

[ 5 ] Ein großer Teil der menschlichen Denker sagt: Die Menschen sind frei; ein anderer Teil der Denker sagt: Nein, wer das glaubt, der merkt nicht, dass in irgendeiner Weise zu allem, was der Mensch tut, eine Ursache da sein muss. — In Wahrheit sagt sich ein solcher Denker, dass der Mensch unfrei ist, und, wenn er scheinbar frei handelt, doch irgendeine Bedingung dahinterliegt. Wenn nicht bestimmte Gründe zu einer Tat vorlägen, würde er sie nicht tun. Es wird hier ein Beispiel angeführt von dem Esel, der in der Mitte zwischen zwei Bündeln Heu steht und sich nicht entschließen kann, welches er fressen soll, und deshalb verhungert, weil er nicht frei ist und die Ursachen rechts und links gleich sind.

[ 5 ] A large number of thinkers say: People are free; another group of thinkers says: No, anyone who believes that fails to realize that there must be a cause, in one way or another, for everything a person does. — In truth, such a thinker tells himself that humans are not free, and that even when they appear to act freely, there is still some condition underlying their actions. If there were no specific reasons for an action, they would not perform it. An example is given here of a donkey standing between two bundles of hay, unable to decide which one to eat, and therefore starving to death because it is not free and the causes on the right and left are the same.

[ 6 ] Vielleicht könnte man sagen: Freiheit ist etwas, was man sich erst erwirbt; dann ist der Mensch weder ganz frei noch unfrei. Indem er sich entwickelt zur Freiheit hinauf, da wird er immer freier. Die Entwicklung des Menschen ist der Weg zu seiner Freiheit. - Da kommen wir näher der Auffassung derer, welche die Freiheit des Menschen ansehen als etwas, was er sich erwerben kann durch Erfahrung und Erkenntnis. - Man betrachte das Kind. Bei dem kann man immer angeben, woher es zu einer Tat getrieben wird, was es unter gewissen Bedingungen tun wird. Die Frage: «Ist der Mensch frei?» ist nicht sinnvoll, wohl aber hat die Frage einen Sinn: Wird der Mensch freier durch die Entwicklung?

[ 6 ] Perhaps one could say: Freedom is something one must first acquire; at that point, a person is neither completely free nor completely unfree. As he develops toward freedom, he becomes increasingly free. Human development is the path to freedom. - This brings us closer to the view of those who regard human freedom as something that can be acquired through experience and knowledge. - Consider the child. With a child, one can always determine what drives him or her to act and what he or she will do under certain conditions. The question, “Is a person free?” does not make sense; however, the following question does make sense: Does a person become freer through development?

[ 7 ] Beim Mechanismus können wir immer genau sagen, was nach den in ihm liegenden Kräften und Bedingungen geschehen muss. Gehen wir zur Pflanze über, so können wir nicht so bestimmt sagen, was mit ihr geschehen wird. Beim Tiere können wir noch weniger mit Bestimmtheit voraussagen, was es tun wird. So etwas wie Willkür kommt schon bei den höheren Tieren heraus. Gehen wir dann hinauf bis zum Menschen, so sehen wir immer mehr das Gebiet der Notwendigkeit eingeschränkt werden. Beim Wilden sehen wir allerdings nur einen Funken von Freiheit; aber je mehr sich der Mensch entwickelt, sodass er zu moralischen Begriffen kommt, desto weniger kann man mit Bestimmtheit voraussetzen, was er unter gegebenen Verhältnissen tut. — Bei den Führern der Menschheit kann man überhaupt nicht voraussetzen, was sie tun. Sie tun immer das, was originell ist. Wer nur ausführt diejenigen Dinge, die die Kette der Notwendigkeit bis zu ihm hinaufführt, der fügt nichts Neues zu der Entwicklung der Menschheit hinzu. Der aber fügt etwas Neues hinzu, der aus dem Born der Erleuchtung etwas hineinbringt in die Menschheit, was noch nicht da war. Originalität bewirkt den Fortschritt, und Originalität muss hinausgehen über das Gebiet der bloßen Notwendigkeit.

[ 7 ] With a mechanism, we can always say exactly what must happen based on the forces and conditions inherent in it. If we turn to a plant, however, we cannot say with such certainty what will happen to it. With animals, we can predict even less definitively what they will do. Something akin to arbitrariness already emerges in higher animals. If we then move up to humans, we see the realm of necessity becoming increasingly restricted. In the case of primitive humans, however, we see only a spark of freedom; but the more a person develops, so that he arrives at moral concepts, the less one can assume with certainty what he will do under given circumstances. — In the case of humanity’s leaders, one cannot assume at all what they will do. They always do what is original. Whoever merely carries out those things that the chain of necessity leads up to him adds nothing new to the development of humanity. But he who adds something new is the one who, from the wellspring of enlightenment, brings into humanity something that was not there before. Originality brings about progress, and originality must go beyond the realm of mere necessity.

[ 8 ] Den Menschen kann man so auffassen, dass wir uns ihn gliedern in die niedere Natur, die den Ausdruck in dem physischen Leibe findet; und in die höhere, seelische, geistige Natur, die anfangs nur glimmt, wie ein Funke, die aber immer deutlicher der Herrscher seines Wesens wird. Bei dem Kinde findet man manche Züge, die zum Herzen sprechen, aber viel Ähnlichkeit haben mit den Eltern, Verwandten und so weiter. Dann beginnt aber jener Funke sich zu regen, der Originalität und Freiheit ist. In dem, was da lebt, fängt das Innerste der Seele selbst an, den Menschen, das Wesen selbst, auszudrücken.

[ 8 ] Human beings can be understood in such a way that we divide them into the lower nature, which finds expression in the physical body; and into the higher, soulful, spiritual nature, which at first glimmers only like a spark, but which increasingly becomes the ruler of their being. In a child, one finds many traits that speak to the heart but bear a strong resemblance to those of the parents, relatives, and so on. But then that spark—which is originality and freedom—begins to stir. In what is alive there, the innermost core of the soul itself begins to express the human being, the very essence of the being.

[ 9 ] Je mehr Originalität der Mensch selbst hat, desto mehr schreibt sich das in die Züge und die Bewegungen seines ganzen Wesens. Dann tritt der Mensch heraus aus dem Innern in seine Umgebung. Erst schreibt er sein Innerstes in sein Wesen; seine Gesichtszüge, seine Gesten werden ein Abdruck seiner Seele. Je vollkommener der Mensch wird, desto mehr drückt er seiner Umgebung die Fußspuren seines Daseins auf; immer weitere Kreise beeinflusst er. Wodurch erwirbt der Mensch sich die Möglichkeit, in dieser Weise zuerst auf sich und dann auf seine Umgebung zu wirken?

[ 9 ] The more originality a person possesses, the more it is reflected in the features and movements of his entire being. Then the person emerges from within into his surroundings. First, they inscribe their innermost being into their very being; their facial features and gestures become an imprint of their soul. The more perfect a person becomes, the more they leave the footprints of their existence on their surroundings; they influence ever-widening circles. How does a person acquire the ability to influence first themselves and then their surroundings in this way?

[ 10 ] Freiheit ist niemals Willkür, sondern etwas ganz anderes. - Die Triebe und Instinkte sind die reinsten Tyrannen, und wenn wir ihnen folgen, sind wir der Willkür unterworfen. Goethe sagte: Nur der ist würdig zur Freiheit, der erst die Herrschaft in sich selbst und über sich selbst errungen hat. — Erst müssen wir die Triebe und Leidenschaften beherrschen, dann haben wir eine Anwartschaft auf die wirkliche Freiheit.

[ 10 ] Freedom is never arbitrariness, but something entirely different. - Drives and instincts are the purest tyrants, and when we follow them, we are subject to arbitrariness. Goethe said: “Only those who have first attained mastery within themselves and over themselves are worthy of freedom.” — First we must master our drives and passions; only then do we have a claim to true freedom.

[ 11 ] Von der alltäglichen Erkenntnis müssen wir uns zu der Erkenntnis der Weltenzusammenhänge erheben. Auf verstandesmäßige Erkenntnis kommt es dabei gar nicht an, sondern auf geistig-seelische Erkenntnis; dann ist diese Erkenntnis der Beginn zur Freiheit. - Indem wir in unser Dasein hineintreten, da sind wir in einen Körper hineingeboren. Der Mensch ist schon bei der Geburt mit einer bestimmten Summe von Fähigkeiten ausgestattet und mit einem bestimmten Grade der Vollkommenheit.

[ 11 ] We must rise from everyday knowledge to an understanding of the interconnections of the world. What matters here is not intellectual knowledge, but spiritual and soul-based knowledge; this knowledge is the beginning of freedom. — As we enter into our existence, we are born into a body. From the moment of birth, a human being is endowed with a certain set of abilities and a certain degree of perfection.

[ 12 ] Wir fragen: Woher ist das gekommen? — Da haben ihn die Gesetze der spirituellen Weltenmächte aufgebaut. Wir sind in die Welt hineingesetzt, und die Weltengesetze haben bis zu dem Punkte an uns und mit uns gearbeitet. Wir müssen uns hineinleben in die Weltengesetze; wir müssen uns erheben zu den schaffenden Kräften in der Welt. Indem wir die Weltengesetze uns zu eigen machen, da machen wir uns immer mehr und mehr frei. Erkenntnis der Weltengesetzmäßigkeit, aufgehen in den Weltengesetzen, das macht uns frei. Wer gezwungen ist zu handeln, der ist unfrei; wer aber die Weltengesetze erkennt, der wird frei. Einsehen, dass man etwas tun soll, das heißt frei handeln. So lange wir das höchste Göttliche nicht erkennen, so lange handeln wir gezwungen. Wenn wir aber das Göttliche erkennen, so handeln wir als Mitwisser der Gedanken Gottes: Dann werden wir frei.

[ 12 ] We ask: Where did this come from? — It was shaped by the laws of the spiritual powers of the universe. We have been placed in the world, and the laws of the universe have worked upon us and with us up to this point. We must immerse ourselves in the laws of the worlds; we must rise to the creative forces in the world. By making the laws of the worlds our own, we set ourselves free more and more. Understanding the laws of the worlds, becoming one with them—that is what sets us free. Whoever is compelled to act is unfree; but whoever recognizes the laws of the universe becomes free. Realizing that one ought to do something—that is what it means to act freely. As long as we do not recognize the highest Divine, we act under compulsion. But when we recognize the Divine, we act as those who share in the knowledge of God’s thoughts: then we become free.

[ 13 ] Meister Eckhart meinte das, als er in seinem Sinne so schön und gewaltig von der Freiheit sprach. Darin ist so manches, was mit einer wunderbar intimen, feinen Gewalt loslöst aus dem Menschen das Verständnis für die Freiheit. Es ist dem, der erfüllt ist von Gotteserkenntnis, unmöglich, das Böse zu tun; es wird für ihn das gute Handeln zu einer Selbstverständlichkeit.

[ 13 ] This is what Meister Eckhart meant when he spoke so beautifully and powerfully about freedom in his own way. There is much in his words that, with a wonderfully intimate and subtle power, awakens in people an understanding of freedom. It is impossible for one who is filled with the knowledge of God to do evil; for such a person, doing good becomes second nature.

[ 14 ] Schiller hat in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» einen reinen Begriff der Freiheit entwickelt. Das Ganze gipfelt darin, den Menschen einen Begriff zu geben von der Freiheit des Menschen.

[ 14 ] In his letters “On the Aesthetic Education of Man,” Schiller developed a pure concept of freedom. The whole endeavor culminates in giving people a concept of human freedom.

[ 15 ] Schiller hat sich in einem Epigramm sehr scharf gegen den Tugendbegriff Kants gewendet, der die Niederzwingung der Instinkte und Leidenschaften als notwendig ansah.

[ 15 ] In an epigram, Schiller sharply criticized Kant's concept of virtue, which regarded the suppression of instincts and passions as necessary.

[ 16 ] Wenn der Mensch nach dem Tugendbegriff Kants handelt, dann ist er ein Sklave seiner Ideale, der Vernunftnotwendigkeit. Folgt er blind seinen Trieben und Leidenschaften, so ist er ein Sklave seiner niederen Natur. In beiden Fällen ist der Mensch nicht frei; er wird erst frei, wenn er den mittleren Zustand zwischen den beiden zu erringen vermag. Diese Auffassung der Freiheit macht die intime Vornehmheit von Schiller aus. Erst der Mensch ist frei, der seine Triebe und Instinkte so veredelt hat, dass er gar nicht anders will, als das tun, was die Pflicht gebeut. Der Mensch folgt dann, indem er seinen Leidenschaften folgt, den höchsten sittlichen Idealen.

[ 16 ] If a person acts in accordance with Kant’s concept of virtue, then he is a slave to his ideals, to the dictates of reason. If he blindly follows his drives and passions, he is a slave to his base nature. In both cases, the person is not free; he becomes free only when he is able to attain the middle ground between the two. This conception of freedom constitutes the intimate nobility of Schiller. Only the person who has ennobled his drives and instincts to such an extent that he cannot help but do what duty commands is truly free. By following his passions, such a person then follows the highest moral ideals.

[ 17 ] Sinnlichkeit und Sittlichkeit, Natürlichkeit und Geistigkeit begegnen sich dann in einem solchen Menschen. Solch einen Zustand erwirbt man durch eine innere Arbeit an sich selbst. Solchen Zustand hat man genannt: Enthusiasmus, das heißt in Gott sein; so geläutert haben seine Instinkte und Leidenschaften, dass selbst die niedersten Triebe nur das wollen, was sie unter dem göttlichen Weltgesetze wollen sollen.

[ 17 ] Sensuality and morality, naturalness and spirituality come together in such a person. One attains this state through inner work on oneself. This state has been called “enthusiasm,” which means being in God; one’s instincts and passions have been so purified that even the basest impulses desire only what they are meant to desire under the divine laws of the world.

[ 18 ] Der Mensch ist bis zu einem gewissen Grade frei, insofern er seine Instinkte und Begierden geadelt hat, und unfrei, insoferne er das noch nicht getan hat.

[ 18 ] Human beings are free to a certain extent, insofar as they have ennobled their instincts and desires, and unfree insofar as they have not yet done so.

[ 19 ] Die Kunst soll dienen zur Erziehung des Menschen zur Freiheit. — Das Auge, eine sinnliche Anschauung vermittelt den Genuss bei den Kunstwerken; aber aus dem Kunstwerk leuchtet auch noch die Seele hervor. Indem wir mit den Sinnen schauen, da fließt zugleich Geistiges in uns hinein. Die Kunst soll die Sinnlichkeit des Menschen zur Geistigkeit erhöhen, ihn vertiefen.

[ 19 ] Art should serve to educate people toward freedom. — The eye—a sensory perception—conveys the pleasure derived from works of art; but the soul also shines forth from the work of art. As we look with our senses, the spiritual flows into us at the same time. Art should elevate human sensuality to spirituality and deepen the human being.

[ 20 ] Es ist ein Werden des Menschen von der Unfreiheit zur Freiheit. Unter den Erziehungsmitteln, die zum Eintritt in die geistigen Welten führen sollen, wird auch angeführt der Wille zur Freiheit.

[ 20 ] It is a process by which human beings move from bondage to freedom. Among the educational means intended to lead to entry into the spiritual worlds, the will to freedom is also mentioned.

[ 21 ] Viele Fragen sind falsch gestellt worden; sie müssen richtig gestellt werden: so auch die Freiheitsfrage. Sie muss auch richtig gestellt werden, dann versteht man auch, wie die Gesetze von Reinkarnation und Karma wirken. Der Mensch muss anfangs erst lernen, seinen Körper als Werkzeug zu gebrauchen, um mit der Umwelt in Verbindung zu treten. Wie er sich selbst als niederen Menschen gebrauchen kann, muss er lernen. Durch viele Leben lernt er den Weg zur Freiheit, den Weg zur Entfesselung der tiefsten Natur des Menschen, das Einleben in die göttliche Natur. Es gibt eine Ruhe und Sicherheit, das Leben in der Freiheit. Der Philosoph Fichte hat das der Seele Kraft gebende Wort gesprochen: «Der Mensch kann, was er soll; wenn er sagt, dass er nicht kann, so will er nicht.»

[ 21 ] Many questions have been asked incorrectly; they must be asked correctly—and this includes the question of freedom. It, too, must be asked correctly; only then can one understand how the laws of reincarnation and karma operate. At first, a person must learn to use their body as a tool to connect with the environment. They must learn how to use themselves as a lower human being. Through many lifetimes, they learn the path to freedom—the path to unleashing humanity’s deepest nature and becoming one with the divine nature. There is a sense of peace and security in living in freedom. The philosopher Fichte spoke these words, which give strength to the soul: “A person can do what he ought to do; if he says he cannot, then he does not want to.”

[ 22 ] Wir müssen erst wollen lernen; unsere Tat wird frei, wenn unser Wille von Erkenntnis durchdrungen ist. Die Freiheit wächst in dem Menschen durch fortwährendes Aufnehmen von Erkenntnisinhalt. Wir saugen solche Kraft ein, wenn wir die Weltengesetze in der richtigen Weise ansehen lernen. Geist und Gesetz müssen in der Welt sein, wenn wir Geist und Gesetz in der Welt finden sollen. Wir holen die Gesetzmäßigkeit aus der Welt heraus; darum muss die Weltgesetzmäßigkeit schon da sein. Will der Mensch Gedanken denken über die Welt, dann muss [die Welt] nach Gedanken gebaut sein. Diejenigen, die die Welt geformt haben, die haben zuerst die Gedanken in die Welt hineingelegt.

[ 22 ] We must first learn to will; our actions become free when our will is imbued with knowledge. Freedom grows within a person through the continuous absorption of knowledge. We draw in such power when we learn to view the laws of the world in the right way. Spirit and law must exist in the world if we are to find spirit and law in the world. We extract the laws from the world; therefore, the laws of the world must already be there. If human beings are to form thoughts about the world, then [the world] must be structured according to thought. Those who shaped the world were the ones who first placed thoughts within it.

[ 23 ] Derjenige wirkt als bewusstes Wesen in der Weltenfreiheit, der die Gesetze der Welt erkannt und sich angeeignet hat, und der ein Gehilfe der Götter in der Welt wird. Durch Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit werden wir frei; dann können wir bewusst handeln.

[ 23 ] One who has recognized and internalized the laws of the world acts as a conscious being within the freedom of the world and becomes an assistant to the gods in the world. Through the understanding of these laws, we become free; then we can act consciously.

[ 24 ] Die Freuden sind Gaben für die Gegenwart; aber die Leiden lernt man schätzen, wenn sie vergangen sind, denn die Leiden sind Quellen der Erkenntnis. Ein Gott, der die Leiden aus der Welt nähme, würde den Menschen keinen Dienst tun. Der Leidensweg ist der Erkenntnisweg, und nur die Erkenntnis macht uns aber frei.

[ 24 ] Joys are gifts for the present; but we learn to appreciate suffering only after it has passed, for suffering is a source of knowledge. A God who would remove suffering from the world would not be doing humanity any favors. The path of suffering is the path of knowledge, and only knowledge sets us free.

[ 25 ] Nur der verdient sich Freiheit und das Leben, der täglich sie erobern muss. (Goethe)

[ 25 ] Only those who must fight for freedom and life every day deserve them. (Goethe)

[ 26 ] Entwicklung ist der Weg zur Freiheit. Christus nannte sich den Weg, die Wahrheit — Erkenntnis — und das Leben - Entwicklung. (Joh 14,6)

[ 26 ] Development is the path to freedom. Christ called himself the way, the truth—knowledge—and the life—development. (John 14:6)

[ 27 ] Als Grundsatz muss dem Menschen dienen: «Stirb dem Niederen und erwecke das Höhere.» «Stirb und werde», das ist es, was immer durch die ganze Menschheitserziehung zur Entwicklung der Freiheit gewirkt hat.

[ 27 ] The guiding principle for human beings must be: “Die to the lower and awaken the higher.” “Die and become”—that is what has always been at work throughout the entire process of human education toward the development of freedom.

[ 28 ] Das Bibelwort besagt das; es sagt uns die große, ernste, erlösende Wahrheit, dass, indem wir uns durchdringen mit dem Wollen der Gesetzmäßigkeit, wir uns zu großen Mitwissern machen des Weltengeschehens. In dem Sinne sagt der Christus Jesus:

[ 28 ] The Bible verse states this; it tells us the great, solemn, redemptive truth that, by imbuing ourselves with the will of the laws of nature, we become great participants in the events of the world. In this sense, Christ Jesus says:

[ 29 ] Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen! (Joh 8,32)

[ 29 ] You will know the truth, and the truth will set you free! (John 8:32)