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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Christianity
GA 68a

22 April 1906, Munich

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The Essence of Christianity, tr. SOL
  1. Über das Wesen des Christentums

18. Germanische und Indische Geheimlehre

18. Germanic and Indian Esoteric Teachings

[ 1 ] Es sind jetzt einige Jahrzehnte, seit man begonnen hat, in einer gewissen Art wissenschaftlicher Methode die verschiedenen Religionen zu vergleichen. Denen, die sich dieser Vergleichung hingeben, fällt es auf, wie viel Übereinstimmung, ja gewissermaßen Gleiches in den verschiedenen Religionen liegt. Die verschiedensten Beweise werden angeführt dafür, dass ein gewisser Kern der Anschauung ihnen allen zugrunde liegt, den indischen wie den germanischen, den vorderasiatischen wie den griechischen, ja schon bei den unzivilisierten Völkerschaften Afrikas wie Nordamerikas ist er zu finden. Die kindlichen Anlagen der verschiedenen Völkerschaften haben in gleicher Weise gewirkt und in gleicher Weise sich Aufklärung geben wollen über die Seele, Welt und Gott; denn überall unterliegt der Mensch der gleichen Ohnmacht gegenüber dem drohenden Schicksal. Die sogenannte Aufklärung nimmt an, das Volk habe in die Naturerscheinungen göttliche Wesen und Kräfte hineingedichtet; sie geht von dem Standpunkt aus, dass alle Religionsbekenntnisse kindliche Phantasien seien und dass endlich jetzt die Völker in das denkende Zeitalter eingedrungen, wo man endlich wisse, wie diese Dinge aufzufassen seien.

[ 1 ] It has now been several decades since people began to compare the various religions using a certain kind of scientific method. Those who engage in this comparison notice how much agreement—indeed, in a sense, how much similarity—exists among the various religions. A wide variety of evidence is cited to show that a certain core of belief underlies them all—the Indian as well as the Germanic, the Near Eastern as well as the Greek; indeed, it can even be found among the uncivilized peoples of Africa and North America. The childlike dispositions of the various peoples have operated in the same way and have sought in the same way to gain insight into the soul, the world, and God; for everywhere, human beings are subject to the same powerlessness in the face of an impending fate. The so-called Enlightenment assumes that people have projected divine beings and forces onto natural phenomena; it proceeds from the standpoint that all religious creeds are childish fantasies and that, at last, peoples have entered the age of reason, where one finally knows how these things are to be understood.

[ 2 ] Ein gründliches Eindringen belehrt uns aber eines anderen. Indem wir den indischen und germanischen Geisteskreis vergleichen, werden wir darüber klar, dass vor einer gründlichen Forschung jene Lehre von Phantasiegebilden nicht standhält. Je tiefer man eindringt, desto mehr fällt jene Hypothese der Aufklärung zusammen, und zwar beweisen zwei Dinge, dass es mit ihr nichts ist: Erstens: In den kindlichen Vorstellungen anerkannt wilder Völkerschaften entdecken wir einen tiefen Sinn. Je unbefangener wir sie betrachten, desto tiefer erscheinen uns solche Volksreligionen; Bilder und Tiere sind da der Inhalt von Vorstellungen, welche einen unendlich tiefen Sinn haben.

[ 2 ] A thorough examination, however, teaches us otherwise. By comparing the Indian and Germanic spheres of thought, it becomes clear that, upon close scrutiny, this theory of figments of the imagination does not hold up. The deeper one delves, the more that Enlightenment hypothesis collapses; indeed, two things prove that it is without merit: First, in the childlike imaginations of so-called “primitive” peoples, we discover a profound meaning. The more impartially we observe them, the more profound such folk religions appear to us; images and animals are the content of ideas that possess an infinitely profound meaning.

[ 3 ] Zweitens: Das Volk dichtet nicht in der Weise, wie [es] sich die Herren am grünen Tisch der Gelehrsamkeit vorstellen. Das Volk personifiziert nicht Naturerscheinungen. So hat man die Sage des Indra, von welchem erzählt wird, dass er auszog mit sieben Priesterweisen, um eine Anzahl von Kühen, die ihm entronnen, der Kultur zurückzuerobern, so gedeutet, als ob der Gott Indra die Morgenröte, die sieben Kühe die Finsternis personifizieren. Ebenso hat man in Buddha den Sonnengott gesehen und gesagt, sein Leben sei eine Personifikation der Sonne — kurz, das Volk dichte sich die Naturerscheinungen in Personen um.

[ 3 ] Second: The people do not compose poetry in the way that the gentlemen at the ivory tower of scholarship imagine. The common people do not personify natural phenomena. For example, the legend of Indra—who is said to have set out with seven priests to reclaim a number of cows that had escaped him—has been interpreted as if the god Indra personified the dawn and the seven cows personified darkness. Similarly, Buddha has been seen as the sun god, and it has been said that his life was a personification of the sun—in short, the common people transform natural phenomena into personified beings.

[ 4 ] Eine solche dichtende Volkspoesie gibt es nicht. Nur wer dem Volk fremd gegenübersteht, kann auf solche Anschauung kommen. Wer tiefer eindringt, wird sich immer mehr vertraut machen mit dem, was die Geistesforschung der Geheimlehre lehrt.

[ 4 ] Such poetic folk literature does not exist. Only someone who is alienated from the people could arrive at such a view. Those who delve deeper will become increasingly familiar with what spiritual research in the Esoteric Doctrine teaches.

[ 5 ] Die kindlich religiösen Vorstellungen gehen aus von reinen höheren Geistesvorstellungen und davon, dass eine gemeinsame, ähnliche Anschauung den verschiedenen Mythen zugrunde liegt. Diese Lehre nennt man die Geheimlehre der Menschheit. Sie ist immer getragen worden von den großen geistigen Führern der Menschheit. Nicht von der dichtenden Volkspoesie, sondern von den großen Eingeweihten rühren die Religionen her.

[ 5 ] Children’s religious conceptions stem from pure, higher spiritual ideas and from the fact that a common, similar worldview underlies the various myths. This teaching is called the Esoteric Teaching of Humanity. It has always been upheld by the great spiritual leaders of humanity. Religions do not originate from folk poetry, but from the great initiates.

[ 6 ] Die Urweisheit ist dieselbe, nur gliedert sie sich nach den Anlagen und der Begabung der verschiedenen Völkerschaften; so finden wir eine andere Form für die griechische Halbinsel, andere für amerikanische, indische, germanische Völker. Die verschiedenen Bilder sind den verschiedenen Lebensweisen und Begabungen der Einzelnen angepasst.

[ 6 ] Primordial wisdom is the same; it is simply structured according to the dispositions and aptitudes of different peoples. Thus, we find one form for the Greek peninsula and others for American, Indian, and Germanic peoples. The various forms are adapted to the different ways of life and aptitudes of individuals.

[ 7 ] Die tiefe geistige Grundlage verrät uns, dass eine geheime Uroffenbarung allen diesen Religionen zugrunde liegt. Vielen scheint zwar diese Wahrheit unglaublich, aber nur wegen Unbekanntschaft mit den Tatsachen, die scheinbar unvollkommen sind, weil die großen Führer ihnen nur einen solchen Ausdruck geben können, wie er verstanden wird.

[ 7 ] The profound spiritual foundation reveals to us that a secret primordial revelation underlies all these religions. To many, this truth may seem unbelievable, but only because they are unfamiliar with the facts, which appear imperfect because the great leaders can only express them in a way that is understood.

[ 8 ] Interessant in der Entwicklungsgeschichte der Völker ist die sehr allgemeine Geheimlehre der Grund-Urzeugung.

[ 8 ] An interesting aspect of the history of human development is the very general esoteric teaching of primordial creation.

[ 9 ] Obschon es eine Sünde gegen den heiligen Geist des modernen Monismus ist, den Menschen als eine zweigliedrige Wesenheit anzusehen, und man riskiert, ein Dualist genannt zu werden, so lässt sich trotz des einheitlichen Urgrundes, der natürlich dem zugrunde liegt, was wir «Mensch» nennen, doch die Zweigliedrigkeit seines Wesens ebenso berechtigt nachweisen wie das Bestehen des Wassers aus Wasserstoff und Sauerstoff, Die zwei Stoffe sind bei aller Einheit des Ganzen in ihm vorhanden. So kann man auch zeigen, dass höheres und niederes Selbst des Menschen einen gemeinsamen Urgrund haben. Wie des Menschen Wesen sich äußert, wie er lebt, strebt und arbeitet, das zeigt sich in einer Zweiheit, wie das Wasser in der Zweiheit von Wasserstoff und Sauerstoff. Wir unterscheiden daher:

[ 9 ] Although it is a sin against the Holy Spirit of modern monism to view human beings as two-part entities—and one risks being called a dualist—it is nevertheless possible, despite the unified source that naturally underlies what we call “human beings,” it is nevertheless possible to demonstrate the twofold nature of his being just as validly as the existence of water consisting of hydrogen and oxygen; the two substances are present within him, despite the unity of the whole. Thus, one can also demonstrate that the higher and lower selves of the human being have a common source. How the human being’s nature manifests itself—how he lives, strives, and works—is revealed in a duality, just as water is revealed in the duality of hydrogen and oxygen. We therefore distinguish:

[ 10 ] Erstens die niedrige Natur, welche mehr leiblich, mehr von der niederen Natur des Stoffes ist.

[ 10 ] First, the lower nature, which is more physical, more of the lower nature of matter.

[ 11 ] Zweitens die höhere Natur, welche mehr geistig, mehr von der höheren Natur des Geistes ist.

[ 11 ] Second, the higher nature, which is more spiritual, more of the higher nature of the spirit.

[ 12 ] Entwicklung besteht in der Adelung der niederen Natur. Populär hat sie keiner besser dargestellt als Schiller in seinen «Ästhetischen Briefen», wo er sagt: Der Mensch ist auf der einen Seite der Naturnotdurft unterworfen, er ist ihr Sklave, solange er an ihr hängt, aber er ist auch Sklave der ehernen Vernunftnotwendigkeit. Der erst erwacht zur Freiheit, der die niedere Natur durch die höhere Natur adelt. Nicht der steht hoch, der die niedere Natur verleugnet, sondern der sie so adelt, dass er sich ihr überlassen kann.

[ 12 ] Development consists in the ennoblement of base nature. No one has portrayed this more eloquently than Schiller in his “Aesthetic Letters,” where he says: On the one hand, man is subject to the necessities of nature; he is its slave as long as he is bound to it, but he is also a slave to the iron necessity of reason. Only he who ennobles his lower nature through his higher nature awakens to freedom. It is not he who denies his lower nature who stands high, but he who ennobles it to such an extent that he can surrender himself to it.

[ 13 ] Die Geheimlehre lehrt, dass der Mensch durch die geistige seine sinnliche Natur überwindet und sein Wesen so verwandelt, dass er einen neuen Eindruck der Geistigkeit bekommt. Die Mystiker sagen es oft: Der Mensch ist eine kleine Welt, und was ihn umgibt, die große. Er enthält alles im Kleinen, was die große Welt um ihn hat. Schiller schreibt es an Goethe in dem ersten Briefe:

[ 13 ] The Esoteric Teaching holds that through the spiritual, human beings overcome their sensual nature and transform their being in such a way that they gain a new sense of spirituality. The mystics often say: Man is a small world, and what surrounds him is the great one. He contains in miniature everything that the great world around him possesses. Schiller writes this to Goethe in his first letter:

[ 14 ] Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Goethe wollte den Menschen als Mikrokosmos gegenüber dem Makrokosmos, der großen Welt, angesehen wissen. Paracelsus hat es in dem schönen Bilde ausgedrückt: Wenn wir die einzelnen Naturerscheinungen draußen betrachten, so erscheinen sie wie Buchstaben, der Mensch als das daraus zusammengesetzte Wort. Alles, was zerstreut draußen im Großen ist, ist im Kleinen der Mensch.

[ 14 ] They take all of nature as a whole in order to shed light on the individual; in the totality of its manifestations, they seek the basis for explaining the individual. Goethe wanted humanity to be viewed as a microcosm in relation to the macrocosm, the greater world. Paracelsus expressed this in a beautiful metaphor: When we observe the individual natural phenomena in the outside world, they appear as letters, while human beings are the word composed of them. Everything that is scattered in the vastness of the outside world is present in the small scale of the human being.

[ 15 ] Im Sinne der Geheimlehre ist der Kampf, der im Menschen durchgekämpft wird und zuletzt seine Läuterung erhält, ein Abbild des großen Kampfes in der Natur draußen. Wie im Menschen die niedere Natur des Physisch-Sichtbaren der geistigen des Unsichtbaren gegenübersteht, so stellt die Geheimlehre der Natur des sichtbaren Universums - Steine, Pflanzen, Tiere — als Zweites die Kräfte der Natur gegenüber, die in den einzelnen Dingen verborgen sind.

[ 15 ] According to the Esoteric Doctrine, the struggle that is waged within the human being and ultimately leads to his purification is a reflection of the great struggle in the natural world outside. Just as in human beings the lower nature of the physical and visible stands in opposition to the spiritual and invisible, so the Esoteric Doctrine contrasts the nature of the visible universe—stones, plants, animals—with, as a second element, the forces of nature that are hidden within individual things.

[ 16 ] Der göttliche Wesensteil des Menschen entspricht auch da einem göttlichen Teil. Die Geheimlehre unterscheidet auch da Sichtbares und Unsichtbares, Physisches und Geistiges. Der Mensch vor Ihnen scheint das zu sein, was äußerlich seinen plastischen Ausdruck findet, aber durch tieferen Anlass, im Ausbruch seiner Leidenschaften enthüllen sich die Kräfte seiner niederen Natur. So findet auch die Natur außen wie der Mensch in seinem Körper einen plastischen Ausdruck in physischen Gebilden, in denen ebenso auch Kräfte verborgen sind wie in der niederen Menschennatur. Es zuckt in der Wolke der Blitz. Die Geheimlehre zeigt nicht nur diesen Vergleich als zugrunde liegend, sondern auch, dass die göttlichen Wesenheiten in der Natur urverwandt sind mit dem, was im Menschen als sein Geist waltet und lebt. Dasselbe, was die Adelung der niederen Menschennatur bewirkt, dasselbe hat draußen in der Natur das Niedere überwunden. Mineral, Pflanze, Tier sind der plastische Ausdruck der Gottesnatur in absteigender Linie, während die unsichtbaren Geister in der Natur für die Geheimlehre den Aufstieg in die höhere Natur bedeuten. Sie sind weiter vorgeschrittene Wesenheiten als der Mensch. Tiere, Pflanzen, Mineralien sind auf absteigender Bahn weiter fortgeschritten.

[ 16 ] The divine aspect of human nature corresponds there, too, to a divine aspect. Esoteric teaching distinguishes there, as well, between the visible and the invisible, the physical and the spiritual. The human being before you appears to be what finds its outward, tangible expression, but through deeper impulses, in the outburst of his passions, the forces of his lower nature are revealed. Just as the human being finds a tangible expression in his body, so, too, does nature find an outward expression in physical forms, in which forces are just as hidden as they are in the lower human nature. Lightning flashes in the cloud. The Esoteric Teaching not only points to this comparison as fundamental but also shows that the divine beings in nature are fundamentally related to what reigns and lives within the human being as its spirit. The very same force that brings about the ennoblement of the lower human nature is the same force that has overcome the lower aspects out in nature. Minerals, plants, and animals are the plastic expression of the divine nature in a descending line, while the invisible spirits in nature represent, for the Esoteric Teaching, the ascent into the higher nature. They are more advanced beings than human beings. Animals, plants, and minerals are more advanced along the descending path.

[ 17 ] Ein Bild dieser Herunterentwicklung gibt die Steinkohle. Sie ist Stein, ein Mineral. Vor Jahrmillionen war sie ein Teil von lebenden Wesen, Pflanzen. Große Wälder sind untergegangen und zu diesen Steinmassen geworden. Was einst Lebewesen war, ist Versteinerung geworden. Das gibt die Naturwissenschaft zu.

[ 17 ] Coal provides an example of this process of degeneration. It is rock, a mineral. Millions of years ago, it was part of living organisms—plants. Vast forests perished and turned into these masses of rock. What was once a living organism has become a fossil. Science acknowledges this.

[ 18 ] Im Meeresbecken sind Kalkgebilde mannigfaltig zusammengewürfelt, entstanden durch Tiere, welche Kalkschalen abgesondert haben. Hier finden wir weite Kalkmassen, von Lebewesen zubereitet. Das Tote ist nichts anderes als ein Produkt des Lebens.

[ 18 ] In the ocean basin, a diverse array of calcareous structures are jumbled together, formed by animals that secreted calcareous shells. Here we find vast masses of limestone created by living organisms. Death is nothing other than a product of life.

[ 19 ] Man fragt: Wie geht das Lebendige aus dem Toten hervor?

[ 19 ] One asks: How does the living emerge from the dead?

[ 20 ] In Wahrheit geht nicht zuletzt das Lebendige aus dem Toten, sondern alles Tote aus dem Lebendigen hervor. So ist selbst der Bergkristall eine Herausgliederung aus dem Urlebendigen.

[ 20 ] In truth, it is not so much that the living emerges from the dead, but rather that everything dead emerges from the living. Thus, even rock crystal is a manifestation of the primordial living.

[ 21 ] Wenn wir die Tiere abwärts verfolgen bis zu den Fischen, so finden wir endlich Knorpelfische, die noch keine Knochen herausgebildet haben. So hat auch der physische Mensch Vorfahren, die Knorpel statt Knochen hatten, die noch nicht so beschaffen sind, dass bei ihnen der Versteinerungsprozess begonnen hat. Wie der Menschenknochen zu Stein wird, so sind auch Granitmassen aus ursprünglich weichem Lebendigem hervorgegangen.

[ 21 ] If we trace the animals back down to the fish, we finally find cartilaginous fish that have not yet developed bones. Similarly, the physical human being has ancestors who had cartilage instead of bones—bones that have not yet reached a stage where the process of fossilization has begun. Just as human bones turn to stone, so too have massive granite formations emerged from what was originally soft, living matter.

[ 22 ] Wo kommt alles her? Aus ursprünglich lebendiger Organisation, und diese aus ursprünglicher Geistigkeit. — Die Überwindung des Niederen durch das Höhere finden wir überall, auch draußen. Das Niedere hat sich abgelöst, indem das Höhere sich herauslöst.

[ 22 ] Where does it all come from? From an original living organization, and this, in turn, from original spirituality. — We find the higher overcoming the lower everywhere, even in the external world. The lower has been shed as the higher emerges.

[ 23 ] Dann aber muss es eine große Einheit geben: Wie zwischen dem Geistigen und Physischen im Menschen, so auch eine große Einheit zwischen der großen Geistigkeit und der niederen Natur draußen.

[ 23 ] But then there must be a great unity: just as there is a unity between the spiritual and the physical within human beings, so too must there be a great unity between the higher spirituality and the lower nature out there.

[ 24 ] Diese Einheit bringen die verschiedenen Glaubensbekenntnisse zum Ausdruck. Wie es klar ist, dass einstmals diejenigen kämpfende und strebende Wesen waren, die heute die niedere Natur zurückgeworfen haben, so sind die Eingeweihten einfach Vorgeschrittenere als ihre Brüder; sie haben den Kampf überwunden und wissen deshalb mehr.

[ 24 ] This unity is expressed by the various creeds. Just as it is clear that those who have now cast off their lower nature were once beings who struggled and strived, so too are the initiates simply more advanced than their brothers; they have overcome the struggle and therefore know more.

[ 25 ] Auf dem Grunde aller Bekenntnisse finden wir die Voraussetzung des Kampfes der höheren Natur gegen die niedere und die Überzeugung, dass es Eingeweihte gibt, die die Führer der Menschheit sind. — Wie ist bei den germanischen Völkerschaften die Geheimlehre zum Ausdruck gekommen? Auch da finden wir die Deutung, das Volk habe gedichtet, die Naturkräfte versinnbildlicht.

[ 25 ] At the root of all creeds we find the premise of the struggle between the higher and the lower nature, and the conviction that there are initiates who are the leaders of humanity. — How did the secret doctrine find expression among the Germanic peoples? There, too, we find the interpretation that the people composed poetry and symbolized the forces of nature.

[ 26 ] Eine Grundlage für die theosophische Weltanschauung finden wir in einem Werke Ludwig Laistners: «Rätsel der Sphinx» über Mythenforschung. Wie so oft der Theosoph von dem Nichttheosophen am meisten lernen kann, dürfen wir hier von seinen Grundprinzipien ausgehen. Gehen wir von einer einfachen Volkssage aus, von der Sage über die Mittagsfrau. Sie lebt in den verschiedensten Gegenden und hat folgenden Inhalt: Wer früh morgens auf das Feld geht, um zu arbeiten, und versäumt, zur gehörigen Stunde, in der Mittagspause zwischen zwölf und ein Uhr, nach Hause zu gehen, dem erscheint die Mittagsfrau und stellt ihm Fragen, die schwer zu beantworten sind, über Leineweben, Flachsbau und dergleichen auf seine Tätigkeit Bezügliches. Die ganze Zeit der Mittagspause werden Fragen an ihn gestellt, die er alle beantworten muss. Verfehlt er auch nur eine, so kommt sie mit der Sichel und schneidet ihm den Hals ab. In manchen Gegenden heißt es, man könne sich ihrer entledigen, indem man das Vaterunser hersage, aber nicht so einfach, nicht von vorne, sondern von hinten müsse es aufgesagt werden. — Es besteht in Bezug auf diese Sage noch der Spinnstubenspruch: «Du fragst wie die Mittagsfrau.» Laistner deutet folgendermaßen: Diese Sage hat ihren Ursprung in jenem Zustande, der in dem Menschen herbeigeführt wird, wenn er draußen auf dem Felde bleibt und etwas einschläft. Dann wirkt die Umgebung so, dass immer in ähnlicher Weise der Traum diese Form annimmt. Laistner verfolgt alle diese Sagen bis zum Rätsel der Sphinx. Es ist dieselbe Fragepein, die sich bei dieser findet. Dazwischen liegt eine ganze Welt von Mythen und Sagen. Sie hat nichts mit Volkspoesie zu tun, sondern erklärt sich aus dem, was der Traum bei dem Schläfer leistet. Der Traum ist der Hauptsymboliker. Man fängt im Traum einen Frosch, wacht auf und hat den Zipfel der Bettdecke in der Hand. Sagen und Mythen haben ganz einfach in der Traumphantasie ihren Ursprung. Von da hätte Laistner nur noch einen Schritt bis zur theosophischen Auffassung gehabt, nach der es nicht nur den gewöhnlichen Alltagsbewusstseinszustand gibt, sondern noch einen andern Bewusstseinszustand, der wie die Traumbilder den äußern Dingen einen anderen Sinn gibt: Den Zipfel der Bettdecke in das Bild eines Frosches umgewandelt. Der Traum, ein Mittel der okkulten Entwicklung, gibt Sinnbilder einer höheren geistigen Welt. Dann entsteht gegenüber diesem gewöhnlichen Traumzustand ein höherer Bewusstseinszustand, in dem der Mensch in seinem Bewusstsein sinnlicher Wahrnehmer wird. Was für den Menschen hineinleuchtet in das dämmernde Bewusstsein aus dem höheren Bewusstseinszustand, ist der Traum. Dieser Zustand ist auch bei den Medien in dumpfer Form vorhanden im Trance: Das Tagesbewusstsein ist ausgelöscht, und ein dämmerhaftes Bewusstsein ist eingetreten.

[ 26 ] We find a foundation for the theosophical worldview in a work by Ludwig Laistner: “The Riddle of the Sphinx,” on the study of mythology. Since, as is so often the case, the theosophist can learn the most from the non-theosophist, we may take his basic principles as our starting point here. Let us take as our starting point a simple folk tale—the legend of the Noon Woman. It is found in a wide variety of regions and goes as follows: Whoever goes out to the fields early in the morning to work and fails to return home at the proper time—during the noon break between twelve and one o’clock—will be visited by the Noon Lady, who asks him questions that are difficult to answer, concerning linen weaving, flax cultivation, and similar matters related to his work. Throughout the entire noon break, he is asked questions, all of which he must answer. If he misses even one, she comes with a sickle and cuts his throat. In some regions, it is said that one can rid oneself of her by reciting the Lord’s Prayer, but not just any way—it must be recited backward, not forward. — There is also a spinning room saying related to this legend: “You ask questions like the Noon Woman.” Laistner interprets it as follows: This legend has its origin in the state that arises in a person when they remain out in the fields and doze off. Then the surroundings have such an effect that the dream invariably takes on this form. Laistner traces all these legends back to the riddle of the Sphinx. It is the same torment of questioning found in that story. In between lies a whole world of myths and legends. It has nothing to do with folk poetry, but is explained by what the dream does for the sleeper. The dream is the primary symbolizer. One catches a frog in a dream, wakes up, and finds the corner of the bedspread in one’s hand. Legends and myths quite simply have their origin in the imagination of the dream. From there, Laistner would have been just one step away from the theosophical view, according to which there is not only the ordinary state of everyday consciousness, but also another state of consciousness that, like dream images, gives external things a different meaning: transforming the corner of the bedspread into the image of a frog. The dream, a means of occult development, provides symbols of a higher spiritual world. Then, in contrast to this ordinary dream state, a higher state of consciousness arises in which the human being becomes a sensory perceiver within his or her own consciousness. What shines into a person’s twilight consciousness from this higher state of consciousness is the dream. This state is also present in a dimmed form in mediums during trance: waking consciousness is extinguished, and a twilight consciousness has set in.

[ 27 ] Alles in der Welt hat sich entwickelt, so auch des Menschen heutiges Bewusstsein. Wie in Bezug auf seine Organe, so ist er auch in Bezug auf sein Bewusstsein ein anderes Wesen geworden. Früher hatte er kein Tagesbewusstsein, sondern ein dämmerhaftes Hellseherbewusstsein. So, wie der Körper Organe hat, deren Bedeutung erlöschen, so ist der Zustand, in den der Versäumer der Mittagspause gerät, ein Nachklang des alten Hellseherbewusstseins. Es wirkt so, dass der Ungeschulte alles verkehrt sieht; die Dinge erscheinen wie im Spiegelbilde. So muss man zum Beispiel für 365 563 lesen. In dieser höheren Geisteswelt, der Astralwelt, sieht der Mensch seine Begierde. Alles, was in diesem Plan liegt, überfällt ihn in rückläufiger Richtung, in entgegengesetzter Reihenfolge. Das Volk sagt daher ganz richtig: Willst du der Mittagsfrau entgehen, so musst du das Vaterunser umgekehrt hersagen, nämlich etwas tun, was den Gesetzen dieser Welt nicht entspricht.

[ 27 ] Everything in the world has evolved, including human consciousness today. Just as with his physical organs, so too has he become a different being in terms of his consciousness. In the past, he did not possess daytime consciousness, but rather a twilight-like clairvoyant consciousness. Just as the body has organs whose significance fades away, so too is the state into which one who skips the lunch break falls an echo of the old clairvoyant consciousness. It causes the untrained person to see everything upside down; things appear as if in a mirror image. For example, one must read 365 as 563. In this higher spiritual world, the astral world, a person sees his or her desires. Everything that lies within this plane assails him or her in reverse, in the opposite order. The people therefore say quite correctly: If you want to escape the lunch lady, you must recite the Lord’s Prayer backward—that is, do something that does not conform to the laws of this world.

[ 28 ] Es handelt sich bei diesen Sagen und Mythen um einen anderen Bewusstseinszustand. Unseren Vorfahren im Mittelalter erschienen sie in diesem Lichte erst erklärlich. Unsere Vorfahren haben ein hellseherisches Bewusstsein gehabt, die Sagen sind Nachklänge davon. Dies ist das Geheimnis namentlich der germanischen Mythe. Wer hinter die Kulissen der Natur blickt, sieht, wie die Mythe zum Ausdruck kommt.

[ 28 ] These legends and myths represent a different state of consciousness. To our ancestors in the Middle Ages, they could only be understood in this light. Our ancestors possessed a clairvoyant consciousness; the legends are echoes of that. This is the secret of the Germanic myth in particular. Anyone who looks behind the scenes of nature can see how the myth manifests itself.

[ 29 ] Der Drachenkampf der Siegfriedsage ist nichts anderes als der Kampf der höheren Weisheit gegen die niedere. Die Germanen waren ein Kriegervolk, ihr Gott ein Kriegergott und ihr Kampf ein Drachenkampf.

[ 29 ] The battle with the dragon in the Siegfried saga is nothing other than the struggle between higher wisdom and lower wisdom. The Germanic peoples were a warrior people; their god was a warrior god, and their battle was a battle with a dragon.

[ 30 ] Es findet sich das astrale Bild, hellseherisch wahrgenommen, auch in der Baldursage: Der Urkampf der älteren Brüder, der Götter, gegen die niederen, der in den Naturkräften seinen Nachklang hat. Den sieht das Volk und drückt ihn hellseherisch aus als wirkliche Überwindung des Baldur durch den blinden Hödur.

[ 30 ] The astral image, perceived clairvoyantly, is also found in the Baldur saga: the primal struggle of the elder brothers—the gods—against the lesser ones, which finds its echo in the forces of nature. The people see this and express it clairvoyantly as the actual victory of the blind Hödur over Baldur.

[ 31 ] Man sagt, Baldur solle den Sonnengott darstellen, der vom Winterlichen überwunden sei. Die Sage bedeutet aber den Kampf zwischen Lichtwesen und finsteren Wesen. Der alte Germane erinnert sich an die Urzeiten, wo er die Finsternis vom geistigen Licht, wo er die Finsternisse von astralem Licht erhellt sah - Hödur bedeutet astrale Blindheit. — Das hellseherische Bewusstsein hat die Baldursage erlebt. Die Geheimlehre, welche uns sagt, dass es Eingeweihte gab, hat auch Wotan als Eingeweihten hingestellt. Es war kein göttliches Wesen, sondern ein Mensch, der sich hinaufgehoben hatte. Die Erzählung, dass er neun Tage am Galgen gehangen, sich als Schlange durch Schluchten und Klüfte zur Gunnlöd hindurchgewunden, um den Trunk der Einweihung aus dem Becher der Walküre zu empfangen, stimmt mit der alten Kreuzeinweihung überein, mit der ägyptischen Mystik. Drei Tage und Nächte ist Wotan bei der Gunnlöd als Schlange, welche die Eingeweihten bezeichnet. Mit dem Weiblichen wird die höhere Seele bezeichnet, durch die das Hinaufsteigen zu höheren Stufen vollbracht wird.

[ 31 ] It is said that Baldur represents the sun god, who is overcome by winter. The legend, however, signifies the struggle between beings of light and beings of darkness. The ancient Germanic people recall the primordial times when they saw darkness dispelled by spiritual light, when they saw the darknesses illuminated by astral light—Hödur signifies astral blindness. — The clairvoyant consciousness has experienced the legend of Baldur. The esoteric teaching, which tells us that there were initiates, has also portrayed Wotan as an initiate. He was not a divine being, but a human who had elevated himself. The tale that he hung on the gallows for nine days, winding his way like a serpent through gorges and crevices to Gunnlöd in order to receive the drink of initiation from the Valkyrie’s cup, corresponds to the ancient cross initiation and to Egyptian mysticism. For three days and nights, Wotan remains with Gunnlöd as a serpent, which symbolizes the initiates. The feminine principle signifies the higher soul, through which the ascent to higher levels is accomplished.

[ 32 ] Auch die Siegfriedsage ist ein Bild der Einweihung. Siegfried erwirbt sich Unverwundbarkeit, das heißt, wird unempfindlich gegen physische Eindrücke, und dadurch Genosse der Walküre. Die Eingeweihten werden unsichtbar durch die Tarnkappe, das heißt, unsichtbar als Eingeweihte, sonst bleiben sie natürlich sichtbar (physisch).

[ 32 ] The Legend of Siegfried is also a metaphor for initiation. Siegfried gains invulnerability—that is, he becomes impervious to physical stimuli—and thereby becomes a companion of the Valkyries. The initiates become invisible through the cloak of invisibility—that is, invisible as initiates; otherwise, they naturally remain visible (physically).

[ 33 ] Was ist denn die Einweihung? Jedes Volk hat seine Geheimlehre so ausgebildet, wie es seinen Sitten und Gebräuchen entspricht. Die Deutschen waren Krieger, und ein Held hieß, der auf dem Schlachtfelde gefallen war; der trat die Wanderung nach Walhalla an. Die Walküre kam ihm entgegen, das heißt, seine eigene höhere Seele kommt ihm entgegen, wenn er die Pforten des Todes durchschreitet.

[ 33 ] What, then, is initiation? Every people has developed its esoteric teachings in a way that corresponds to its customs and traditions. The Germans were warriors, and a hero was one who had fallen on the battlefield; he embarked on the journey to Valhalla. The Valkyrie came to meet him—that is to say, his own higher soul comes to meet him when he passes through the gates of death.

[ 34 ] «Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt», das heißt, wer jene Welt nicht vorher kennenlernt, der stirbt mit dem Tode. Einweihung ist das Vorhererleben dessen, was der Seele bevorsteht, wenn sie durch die Pforten des Todes geht. Der selige Krieger wird mit der Walküre vereint, wenn er in die Walhalla tritt: Siegfried mit Brünhild. Die Führer des Volkes kleideten die Einweihung in diese Form. Selbst in diesem Teil der Sage findet die Geheimlehre ihren Ausdruck in der Sprache, welche dem Volke verständlich ist.

[ 34 ] “Whoever does not die before he dies will perish when he dies”—that is to say, whoever does not come to know that world beforehand will die with death itself. Initiation is the foretasting of what lies ahead for the soul when it passes through the gates of death. The blessed warrior is united with the Valkyrie when he enters Valhalla: Siegfried with Brünnhilde. The leaders of the people clothed the initiation in this form. Even in this part of the saga, the secret teaching finds expression in language that is understandable to the people.

[ 35 ] Die göttliche Welt, welche ihre Natur herniedergedrückt hat, finden wir wieder in den Riesen.

[ 35 ] We find the divine world, which has suppressed its own nature, reflected in the giants.

[ 36 ] Die Geheimlehre erzählt auch, wie der Zug der Völker vor sich ging. Zwischen Europa und Amerika lag der Atlantische Kontinent. Selbst der «Kosmos», eine Zeitschrift, die in Haeckel’scher Richtung schwimmt, stellt im zehnten Heft das als Hypothese hin. Sie anerkennt zwar nur die Existenz von Pflanzen und Tieren, aber das hindert nicht, dass Menschen da waren, denn die Naturwissenschaft hinkt immer hintennach.

[ 36 ] The Secret Doctrine also recounts how the migration of peoples took place. The Atlantic Continent lay between Europe and America. Even Kosmos, a journal that leans toward Haeckel’s views, presents this as a hypothesis in its tenth issue. Although it acknowledges only the existence of plants and animals, that does not preclude the possibility that humans were there, for the natural sciences are always lagging behind.

[ 37 ] Von da ab haben sich die Menschen ostwärts gewandt. Die bis nach Mittel- und Ostasien zogen, bilden den Grundstock des alten indischen Asiens, die Zurückgebliebenen den der Kelten und Germanen. Am meisten fortgeschritten in der Umwandlung des alten dumpfen Hellseherbewusstseins zum jetzigen sinnlichen Bewusstsein sind die Kelten. Die Germanen sind noch lange beim astralen Bewusstsein der Atlantier geblieben, als die Asiaten sich schon zum Tagesbewusstsein entwickelt hatten.

[ 37 ] From that point on, people turned eastward. Those who migrated as far as Central and East Asia formed the foundation of ancient Indian Asia, while those who remained behind formed the foundation of the Celts and Germanic peoples. The Celts have made the greatest progress in the transformation from the ancient, dull clairvoyant consciousness to the present sensory consciousness. The Germanic peoples remained with the astral consciousness of the Atlanteans for a long time after the Asians had already developed into day consciousness.

[ 38 ] In der Epoche vor den Veden entstand die Lehre, welche sich mehr auf das gewöhnliche Tagesbewusstsein gründet. Aber nie kann der Mensch den Zusammenhang mit dem Geistigen verlieren, und so entstand dort die Sehnsucht, auf künstlichem Wege den Weg zum alten Hellsehen zu finden, so entstand dort jenes künstliche Hellsehen, das die Weisen durch innere Entwicklung erstrebten — Yoga. Demnach haben wir in Indien künstliches Hellsehen bei völligem Tagesbewusstsein, während bei den Germanen noch das alte Hellseherbewusstsein erhalten ist. Bei den Germanen bilden Mythe und Sage einen trüben Ausdruck der Geheimlehre gegenüber dem von den Eingeweihten der neueren Zeit durch künstliches Hellsehen gewonnenen. Für das Volk, das nicht mehr das Hellsehen hat, muss man in Abbildern die göttlichen Welten darstellen. Daher stammen die Götzenbilder, vom Menschen künstlich zubereitete Nachbildungen. Bei den Germanen lebten die alten Mythen noch im Volk, im alten zurückgebliebenen Symbolismus, während im alten Indien die Geheimlehre künstlich zum Ausdruck kommt durch die, welche sich aufschwingen. Was wir von Indien beziehen, ist daher mehr von verstandesmäßiger Form, aber dieselbe Geheimlehre, die in den alten germanischen Mythen viel unmittelbarer zum Ausdruck kommt.

[ 38 ] In the era preceding the Vedas, a doctrine arose that was based more on ordinary daily consciousness. But human beings can never lose their connection to the spiritual, and so a longing arose there to find, through artificial means, the path back to the ancient clairvoyance; thus arose that artificial clairvoyance which the sages sought through inner development—yoga. Accordingly, in India we find artificial clairvoyance in a state of full waking consciousness, whereas among the Germanic peoples the ancient clairvoyant consciousness is still preserved. Among the Germanic peoples, myths and legends form a dim reflection of the esoteric teaching compared to that gained by the initiates of more recent times through artificial clairvoyance. For the people, who no longer possess clairvoyance, the divine worlds must be represented in images. Hence the idols, artificially crafted replicas made by human hands. Among the Germanic peoples, the ancient myths still lived on among the people, in the archaic, rudimentary symbolism, whereas in ancient India the secret doctrine is expressed artificially through those who have ascended spiritually. What we derive from India is therefore more of an intellectual form, but it is the same secret doctrine that finds much more direct expression in the ancient Germanic myths.

[ 39 ] Die Götzenbilder der Indier und die theosophische Lehre: Die Erneuerung der mehr theosophischen Lehre vom künstlichen Hellsehen in Indien geht vollständig parallel mit dem, was in Germanien in den alten Sagen noch lebt. Wir brauchen daher in Europa nichts von indischer Terminologie, wir brauchen nur das zu verstehen und wiederzubeleben, was in Europa ursprünglich ist. Wir können auf den Grund einer großen europäischen Geheimlehre kommen und werden dahin kommen.

[ 39 ] The idols of the Indians and theosophical teachings: The revival of the more theosophical doctrine of artificial clairvoyance in India runs completely parallel to what still lives on in the ancient legends of Germania. We therefore have no need in Europe for Indian terminology; we need only to understand and revive what is originally European. We can get to the bottom of a great European esoteric teaching, and we will get there.

[ 40 ] Der Gang der Geheimlehre wird noch durch etwas anderes bestimmt. Prophetisch drückt sich der Gang der Zukunft aus in der alten germanischen Geheimlehre. Es kommt die Hindeutung auf das Christentum in gewaltiger Art zum Ausdruck. Die mit der Geheimlehre zusammenhängende Sagenforschung findet eine zusammenhängende Wahrheit in der Sage und dem Christentum. Krimhild verrät den Gatten durch Aufheften des Kreuzes. Was deutet dieser tiefe Zug an? Er deutet die prophetische Hindeutung auf das Kreuz Christi an. Siegfried, der Eingeweihte, ist unverwundbar am ganzen Leib; nur eine Stelle ist nicht unverwundbar für den großen Eingeweihten, die Stelle, an der Christus das Kreuz trägt. Durch Ausbreitung des Christentums ist auch diese Stelle unverwundbar geworden.

[ 40 ] The course of the secret teaching is determined by something else as well. The course of the future is expressed prophetically in the ancient Germanic secret teaching. The allusion to Christianity is expressed in a powerful way. Legendary research connected to the secret teaching finds a coherent truth in both legend and Christianity. Krimhild betrays her husband by pinning the cross to his garment. What does this profound motif signify? It alludes to the prophetic reference to the cross of Christ. Siegfried, the initiate, is invulnerable throughout his entire body; there is only one spot that is not invulnerable for the great initiate—the spot where Christ bears the cross. With the spread of Christianity, this spot, too, has become invulnerable.

[ 41 ] In Indien haben wir eine verstandesmäßig und sinnbildlich sich ausdrückende Geheimlehre, in Europa blieb bis zu Jesus Christus die alte germanische Mythe in dem astralen Ausdruck bestehen. Durch das Christentum ist die Mythe abgelöst.

[ 41 ] In India, we have a secret teaching expressed intellectually and symbolically; in Europe, the ancient Germanic myth persisted in its astral form until the time of Jesus Christ. Christianity has replaced the myth.

[ 42 ] Aufgabe der Theosophie ist, im Sinne dieser geistigen Entwicklung der Menschheit zu wirken, den tiefen Zusammenhang zwischen den alten Germanen und der neueren Zeit herzustellen. Wir können nicht die Kultur des Orients ohne Weiteres verbreiten, wir müssen mit der germanischen und christlichen Urkultur rechnen. Wir müssen den Grund der Geheimlehre nicht in Sanskritdogmen, sondern den Wahrheitskern in denjenigen Religionsformen suchen, die angemessen sind der europäischen Volkssubstanz, suchen, was als Ausfluss der Geheimlehre in der germanischen Sagenwelt existiert.

[ 42 ] The task of Theosophy is to work in the spirit of this spiritual development of humanity, to establish the deep connection between the ancient Germanic peoples and modern times. We cannot simply spread the culture of the East; we must take into account the original Germanic and Christian culture. We must not seek the basis of the Esoteric Doctrine in Sanskrit dogmas, but rather seek the core of truth in those religious forms that are appropriate to the European national character, and seek what exists in the Germanic mythological tradition as an outgrowth of the Esoteric Doctrine.

[ 43 ] Das schwebte dem Künstler vor, als er durch Umbildung der germanischen Sage eine neue Kultur gegeben hat, das schwebte Richard Wagner vor, als er die alten deutschen Sagen umarbeitete.

[ 43 ] That was what the artist had in mind when he created a new culture by reinterpreting the Germanic legend; that was what Richard Wagner had in mind when he reworked the old German legends.

[ 44 ] Auch die Theosophie sucht die Spur der alten Geheimlehre, die auf dem Grunde der deutschen Sage lebt. Wer dem nachspürt, wird sich nach und nach heimisch finden in der Theosophie. Doch dürfen wir dabei keineswegs denken, wie wir’s «so herrlich weit gebracht». Denn jedes Volk hat in seiner Weise das Seinige getan. Und in diesem Sinne müssen wir im Bruderbunde Eintracht und die Harmonie der Grundlehre höherstellen als die Verschiedenheiten der Auffassung und Darstellung. Wenn wir die Wahrheit in jeder Meinung suchen, die Bruderliebe höher stellen als den Egoismus unserer Meinung, dann handeln wir im echten Sinn der theosophischen Lebensanschauung.

[ 44 ] Theosophy, too, seeks the traces of the ancient esoteric teaching that lives on in the depths of German legend. Those who follow this path will gradually find themselves at home in Theosophy. Yet we must by no means think that we have “come so far.” For every people has done its part in its own way. And in this sense, we must, within the brotherhood, place the unity and harmony of the fundamental teachings above the differences in interpretation and presentation. If we seek the truth in every opinion and place brotherly love above the selfishness of our own opinions, then we are acting in the true spirit of the Theosophical worldview.

[ 45 ] Bericht in den «Münchner Neuesten Nachrichten», April 1906

[ 45 ] Article in the “Münchner Neueste Nachrichten”, April 1906

[ 46 ] Theosophische Vorträge. Der theosophische Redner Dr. Rudolf Steiner hielt im Prinzensaale des Café Luitpold wieder zwei beifällig aufgenommene Vorträge über «Germanische und indische Geheimlehre» und über «Innere Entwicklung». Im ersten Vortrage suchte Redner die Ansicht zu vertreten, dass die Entstehung von Sagen und Mythen nicht auf die Personifizierung von Naturerscheinungen durch die dichtende Volksphantasie zurückzuführen sei, wie ja auch bereits Ludwig Laistner im «Rätsel der Sphinx» eine andere Erklärung der Entstehung gewisser Mythen nahegelegt habe, sondern dass der merkwürdig tiefe Sinn von Mythen und Sagen darauf hindeute, sie als den symbolischen Ausdruck von Urwahrheiten zu betrachten, die von den Naturvölkern selbst mehr intuitiv in Bildern, Symbolen erkannt, wie auch von den großen, in die « Urgeheimlehre» eingeweihten Lehrern der Menschheit in dem Verständnisse und der Eigenart der Völker Asiens, Amerikas, Afrikas und Europas angepassten Bildern dargestellt wurden. So finden wir zum Beispiel den sich im Makrokosmos wie im Mikrokosmos vollziehenden Kampf der höheren mit der niederen Natur, den geistigen Entwicklungskampf, den Urkampf, den in Urzeiten die Götter, das heißt die am frühesten um die geistige Entwicklung streitenden Wesen, gekämpft, in den Mythen vom Kampfe der Götter und Helden mit dem Drachen verbildlicht. Auch im germanischen Mythenzyklus finden wir den Drachenkampf und den Kampf mit den Riesen, den Mächten der niederen Natur. Für die kriegerischen germanischen Völker, die als höchste Tugend die Tapferkeit betrachteten, fand die Lehre vom höheren und niederen Selbst auch darin Ausdruck, dass der auf dem Schlachtfeld gefallene, durch den Heldentod erhobene Krieger nach Walhall hinaufzieht zur Walküre — seiner eigenen höheren Seele, die ihm entgegenkommt. Redner sprach sodann die Ansicht aus, dass die Theosophische Gesellschaft in Europa vor allem die Aufgabe habe, für das Verständnis der großen Wahrheiten und Schönheiten, die der germanischen Sagenwelt, wie auch anderseits für das tiefere Verständnis der Symbole des Christentums zu wirken, da die Formen des Orients nicht ohne Weiteres auf Europa übertragen werden können., Sie müsse hineinleuchten in die Urgründe des Schönen und Wahren der germanischen Sagenwelt, die der große Meister Wagner künstlerisch wieder erstehen ließ, und sie für ihre vergeistigte Welt- und Lebensauffassung verwerten, wie anderseits die Urwahrheit des der germanischen Welt gebrachten Christentums, das die alte Mythe abzulösen bestimmt war.

[ 46 ] Theosophical Lectures. The theosophical speaker Dr. Rudolf Steiner once again delivered two well-received lectures in the Prinzensaal of Café Luitpold on “Germanic and Indian Esoteric Teachings” and on “Inner Development.” In the first lecture, the speaker sought to argue that the origin of legends and myths cannot be attributed to the personification of natural phenomena by the poetic imagination of the people—as Ludwig Laistner had already suggested in The Riddle of the Sphinx by proposing a different explanation for the origin of certain myths—but rather that the remarkably profound meaning of myths and legends suggests they should be regarded as the symbolic expression of primordial truths, which were recognized more intuitively by primitive peoples themselves through images and symbols, and which were also depicted by the great teachers of humanity—initiated into the “Primordial Esoteric Teaching”—in images adapted to the understanding and distinctive character of the peoples of Asia, America, Africa, and Europe. Thus, for example, we find the struggle between higher and lower nature—which takes place in both the macrocosm and the microcosm—the spiritual struggle for development, the primordial struggle that the gods, that is, the beings who first contended for spiritual development, waged in primeval times, depicted in the myths of the gods’ and heroes’ battles with the dragon. In the Germanic mythological cycle, too, we find the battle with the dragon and the battle with the giants—the forces of lower nature. For the warlike Germanic peoples, who regarded bravery as the highest virtue, the doctrine of the higher and lower self was also expressed in the idea that the warrior who fell on the battlefield—exalted by a heroic death—ascends to Valhalla to meet the Valkyrie—his own higher soul, which comes to meet him. The speaker then expressed the view that the Theosophical Society in Europe has, above all, the task of promoting an understanding of the great truths and beauties of the Germanic mythological world, as well as a deeper understanding of the symbols of Christianity, since the forms of the East cannot simply be transferred to Europe. It must shed light on the fundamental sources of beauty and truth in the Germanic mythological world—which the great master Wagner artistically brought back to life—and utilize them for its spiritualized view of the world and life, just as it must do with the primordial truth of Christianity brought to the Germanic world, which was destined to supersede the ancient myth.