The Essence of Christianity
GA 68a
25 April 1907, Berlin
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The Essence of Christianity, tr. SOL
30. Bibel und Weisheit
30. The Bible and Wisdom
[ 1 ] Wenn von den Erzvätern gesprochen wird und deren Alter in Riesenzahlen angegeben wird, dann müssen wir das so verstehen, dass diese sogenannten Erzväter als Repräsentanten für Stämme angesehen werden müssen. Die Bibelforscher taten das zwar schon längst, doch wussten sie nicht, was eigentlich dahinterstecke. Wenn wir uns da nun erinnern an den Vortrag «Blut ist ein besonderer Saft», da finden wir eine besondere Anwendung des Wortes «Bewusstsein». Wer da festhält daran, dass es eine Entwicklung gibt, der muss auch zugeben, dass alles in Entwicklung ist; auch das Bewusstsein. Das Bewusstsein, was wir heute haben, war nicht immer da, es entwickelte sich aus einem andern Bewusstsein heraus, das dämmerhaft, traumhaft war, das in Bildern im Menschen lebte. Diese Art des Bewusstseins, das dumpf und hellseherisch zugleich war, hing an einer ganz bestimmten Tatsache. Die Menschen lebten damals in kleinen Gemeinschaften, alle Völker, in deren fernen Ursprung wir untertauchen, zeigen dasselbe, je weiter die Geisteswissenschaft zurückgeht, desto kleinere Volksverbände zeigen sich ihr. Es galt als unsittlich, aus diesen kleinen Volksverbänden herauszuheiraten. Erst später wurde dies Prinzip der Nah-Ehe durch das Prinzip der Fern-Ehe unterbrochen, und mit dieser Unterbrechung fängt auch die Entwicklung des dämmerhaften Bewusstseins zu dem heutigen verstandesmäßigen Bewusstsein zusammen. In den Angehörigen jener alten Stämme lebte ein ganz anderes Gedächtnis; das, was der Vater, der Großvater erlebte, das lebte im Sohn, als ob er selbst es erlebt habe. Die durchziehenden Kräfte von den Vorvätern, die rannen durch das Blut dieser in engen Blutsverbänden zusammengeschlossenen Stänmme, und zwar in einem solchen Grade, dass der Nachkomme sich der Geschehnisse seiner Vorfahren so erinnerte, als ob er selbst sie erlebt habe; das war im Blut, das rollte durch Generationen hindurch. Der Sohn erinnerte sich und sagte: Ich habe das erlebt —, was Vater und Großvater et cetera erlebt hatten. Solange sich dies Ich — dies Stammes-Ich — erhielt, sprach man von derselben Wesenheit mit demselben Namen. Es ist Adam das durchgängige Ich des Adam, man bezeichnet damit das, was sich hinvererbt durch viele Generationen von Adam, nicht die Person des Adam.
[ 1 ] When we speak of the patriarchs and their ages are given as enormous numbers, we must understand that these so-called patriarchs are to be regarded as representatives of tribes. The Bible Students had been doing this for a long time, but they did not know what was actually behind it. If we now recall the lecture “Blood Is a Special Fluid,” we find a special application of the word “consciousness.” Anyone who maintains that there is a process of development must also admit that everything is in a state of development—including consciousness. The consciousness we possess today was not always there; it evolved from a different kind of consciousness that was dim and dreamlike, one that lived within people through images. This type of consciousness, which was both dull and clairvoyant at the same time, was tied to a very specific fact. People lived in small communities back then; all peoples, into whose distant origins we delve, show the same pattern: the further spiritual science goes back, the smaller the tribal groups it reveals. It was considered immoral to marry outside these small tribal groups. It was only later that this principle of endogamy was interrupted by the principle of exogamy, and with this interruption began the development from twilight consciousness to today’s intellectual consciousness. The members of those ancient tribes possessed a very different kind of memory; what the father or grandfather had experienced lived on in the son as if he himself had experienced it. The permeating forces of the forefathers flowed through the blood of these tribes, united in close blood ties, to such an extent that the descendant remembered the events of his ancestors as if he himself had experienced them; this was in the blood, which flowed through the generations. The son remembered and said: “I have experienced—what my father and grandfather, and so on, had experienced.” As long as this “I”—this tribal “I”—persisted, people spoke of the same entity by the same name. It is Adam’s enduring “I”; this term refers to what has been passed down through many generations from Adam, not to the person of Adam.
[ 2 ] Ebenso müssen wir die Stelle auffassen, wo es heißt: «Henoch, der Mann Gottes, verschwand von der Erde.» (1 Mos 5,24) Das heißt nicht, er habe sich aufgelöst in Dunst und Nebel, sondern «Henoch» bedeutet eben eines jener gemeinsame[n] Ich[e]. Dies wird aufgelöst dadurch, dass er der Mann Gottes wird, das heißt derjenige, der sich dem Geiste widmet, der es aufgibt, Nachkommen zu haben, der sich in einer Art Askese hingibt und daher verschwindet, da er nicht im Sohn weiterlebt und das mitgegeben hat, was im Blut rinnt.
[ 2 ] Likewise, we must interpret the passage where it says: “Enoch, the man of God, disappeared from the earth.” (Gen. 5:24) This does not mean that he dissolved into mist and fog; rather, “Enoch” refers to one of those shared “I”s. This is resolved by his becoming the man of God—that is, the one who devotes himself to the Spirit, who renounces having offspring, who devotes himself to a kind of asceticism, and who therefore disappears, since he does not live on in a son and has passed on what flows in the blood.
[ 3 ] Diejenigen, die heute sich zu der Bibel gläubig verhalten, haben doch keine rechte Vorstellung davon, welches Verhältnis es in alten Zeiten zur Bibel gab. Für die Alten war die Bibel das «Wort Gottes», sie wussten, dass diejenigen, die es niederschrieben, von der göttlichen Weisheit inspirierte Eingeweihte waren, und [um]so mehr sie glaubten, dass von dem göttlichen Geist nur Wahrheit ausgehen könne, [um]so mehr war ihnen ein jedes Wort der Bibel heilig als Ausfluss dieses göttlichen Geistes, der sich ihnen durch diese inspirierten Männer offenbarte. Für den heutigen Menschen ist es schwer, sich in diese ehrfurchtsvolle Gemütsstimmung hineinzuversetzen, die gegenüber dieser inspirierten Weisheit überhaupt keine Kritik anlegte.
[ 3 ] Those who today approach the Bible with faith do not really have a clear idea of what the relationship to the Bible was like in ancient times. For the ancients, the Bible was the “Word of God,” they knew that those who wrote it down were initiates inspired by divine wisdom, and the more they believed that only truth could emanate from the divine Spirit, the more they regarded every word of the Bible as sacred—as an outpouring of this divine Spirit, which revealed itself to them through these inspired men. It is difficult for people today to put themselves in that reverent frame of mind, which harbored absolutely no criticism toward this inspired wisdom.
[ 4 ] Es ist nur zu natürlich, wenn man sieht, dass der moderne Mensch Kritik anlegen muss, aber wir fragen uns: Wie ist es möglich, dass durch Jahrhunderte hindurch wahrlich auch nicht dumme Köpfe, die diese Bücher in der Hand gehabt haben, nicht auch Kritik angelegt haben, warum sie nicht auch zum Beispiel die Verschiedenheiten, die die vier Evangelien aufweisen, dieser Kritik unterzogen haben? Sollen wir uns vorstellen, dass diejenigen wenigen, die vor der Erfindung der Buchdruckkunst die Bibel in der Hand hatten, nicht das gesehen haben, was die heutige Kritik sieht und woraus sie Zweifel an der Echtheit der Evangelien schöpft? Sie haben diese Verschiedenheit wohl gesehen, aber sie wussten, worauf sie zurückzuführen sei. Sie wussten, dass in diesem gewaltigen historischen Moment, in der Begründung des Christentums, auf den physischen Plan herabgezogen war und vollendet war im Mysterium von Golgatha die Stufenfolge der Einweihung. Die konnte auf dem physischen Plan fortan durchmachen der «Menschensohn», das heißt derjenige, der in sich entwickelt hatte das Allgemeinbewusstsein. Das Geheimnis der Einweihung trug hinaus der Menschensohn in die physische Welt, und das Leben dieser Eingeweihten musste so beschrieben werden, dass es ein Abbild war des alten Einweihungskanons in den alten Mysterien, den alten Tempelstätten. Dieser Einweihungskanon war fixiert in dieser Gegend so, in jener Gegend anders, doch hindurchscheinen sieht man durch sie den Einweihungsmodus der alten Einweihungsschulen.
[ 4 ] It is only natural that modern people should apply a critical eye, but we ask ourselves: How is it possible that, over the course of centuries, even those by no means foolish minds who held these books in their hands did not also apply a critical eye—why did they not, for example, subject the differences found in the four Gospels to this same critical scrutiny? Are we to imagine that the few who held the Bible in their hands before the invention of the printing press did not see what modern criticism sees—and from which it draws doubts about the authenticity of the Gospels? They certainly saw these differences, but they knew to what they were attributable. They knew that at that momentous historical juncture—the founding of Christianity—the sequence of initiatory stages had descended onto the physical plane and been fulfilled in the Mystery of Golgotha. From then on, the “Son of Man”—that is, the one who had developed universal consciousness within himself—was able to undergo this process on the physical plane. The Son of Man carried the mystery of initiation out into the physical world, and the lives of these initiates had to be described in such a way that they were a reflection of the ancient canon of initiation in the ancient mysteries and the ancient temple sites. This canon of initiation was established in one way in this region and differently in that region, yet one can see shining through them the mode of initiation practiced by the ancient schools of initiation.
[ 5 ] Das physische Leben des Christus Jesus, wie es in den vier Evangelien beschrieben wird, ist wirklich so verlaufen wie das Leben des Schülers in den alten Mysterienschulen; wir haben in den vier Evangelien nur die verschiedenen Formen des Einweihungskanons zu sehen, wie die verschiedenen Einweihungsschulen ihn fixiert hatten. Es sind kleine Abweichungen, doch ein Ganzes, ein einziger Strom läuft durch alle vier hindurch. Der Jesus Christus, der einzige Menschensohn, der stellt außen im physischen Leben jenen gewaltigen Satz dar, lebt es vor am physischen Leibe: Dass das Leben den Tod besiegt! Das, was der Eingeweihte in seinem Ätherleib erlebt, das erlebt der Jesus Christus auf dem physischen Plan. Das Sinnbild ist äußere Wirklichkeit geworden, ist eine historische Tatsache geworden. Die Geisteswissenschaft sieht in diesen drei Tagen, in denen der Christus Jesus im Tode ist, dasjenige herausgetragen auf den physischen Plan, was der Eingeweihte in der Tiefe der Krypten erlebte. Wenn er dann wieder zum Leben in seinem physischen Körper erwachte, wenn er, zurückgekehrt aus den geistigen Welten, Zeugnis ablegen konnte für ihre Wirklichkeit, wenn er ein Verkündiger der geistigen Welten geworden war, dann rang sich im Überschwang dieser hohen heiligen Gefühle das Wort aus seiner Seele los, das auch der Christus Jesus auf Golgatha sprach: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!» — «Eli, eli, lama ...» (Mt 27,46, vgl. Psalm 22,1; Mk 15,34) Nicht heißen darf es: «verlassen»; das ist eine unrichtige Übersetzung. Dies Wort: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verherrlicht!», in das brach ein jeder aus, wenn er erwachte aus diesem dreitägigen Schlaf, wenn er erfahren hatte, dass das Leben im Geiste den Tod besiegt.
[ 5 ] The physical life of Christ Jesus, as described in the four Gospels, truly unfolded in the same way as the life of a disciple in the ancient mystery schools; in the four Gospels we see nothing but the various forms of the initiation canon, as the different initiation schools had established it. There are minor variations, yet they form a whole; a single current runs through all four. Jesus Christ, the only Son of Man, embodies that mighty truth in his physical life, exemplifying it through his physical body: that life conquers death! What the initiate experiences in his etheric body, Jesus Christ experiences on the physical plane. The symbol has become outer reality; it has become a historical fact. Spiritual science sees in these three days, during which Christ Jesus is in death, the very thing carried out onto the physical plane that the initiate experienced in the depths of the crypts. When he then awoke to life again in his physical body, when, having returned from the spiritual worlds, he was able to bear witness to their reality, when he had become a herald of the spiritual worlds, then, in the exuberance of these lofty, sacred feelings, the words burst forth from his soul—the very words that Christ Jesus also spoke on Golgotha: “My God, my God, how you have glorified me!” — “Eli, eli, lama …” (Matthew 27:46; cf. Psalm 22:1; Mark 15:34) It must not be rendered as “forsaken”; that is an incorrect translation. This phrase—“My God, my God, how you have glorified me!”—was what everyone cried out when they awoke from this three-day sleep, when they realized that life in the Spirit had conquered death.
[ 6 ] Das Einweihungsprinzip vor Christus war ein anderes als das heutige. Nur Auserwählte wurden zugelassen zu den Mysterien, aus denen sich später die Schulen auf der einen und die Kirchen auf der andern Seite entwickelten. Die Unterweisungen erfolgten mündlich, in den Mysterienschulen wurde der Schüler, wenn er zugelassen war, einem ganz besonderen Lebensrhythmus unterworfen, er musste sein Leben in diesen einfügen. Fest und unveränderlich war dieser Rhythmus, der in den alten Einweihungskanon gegeben war; so fest und sicher wie der Lauf der Sonne, so sicher ging ein Schüler die Lebensbahn. Sonnenhelden wurden diese Schüler genannt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht hatten; und dieses Leben eines Schülers, das trug der Christus Jesus hinaus auf den physischen Plan, und das wird in den vier Evangelien beschrieben.
[ 6 ] The principle of initiation before Christ was different from what it is today. Only the chosen few were admitted to the Mysteries, from which the schools on the one hand and the churches on the other later developed. The teachings were transmitted orally; in the Mystery schools, once admitted, the student was subject to a very specific rhythm of life and had to adapt his life to it. This rhythm, laid down in the ancient canon of initiation, was fixed and unchanging; as fixed and certain as the course of the sun, so surely did a student follow the path of life. These students were called “sun heroes” once they had reached a certain level; and it was this life of a student that Christ Jesus brought forth onto the physical plane, and which is described in the four Gospels.
[ 7 ] Es gibt ein bestimmtes Organ im Menschen, das die Christusfähigkeit enthält; der Mensch tritt durch dies Organ in direkte Beziehung mit dem Christus. Das Christusbewusstsein ist von dem historischen Christus geschaffen. So wie das Auge das Licht schaut, so schaut jenes Organ den Christus, doch der historische Christus hat die Christusmöglichkeit geschaffen, die Möglichkeit, dass der Mensch durch dies Organ in unmittelbare Berührung mit dem Christus kommen kann.
[ 7 ] There is a specific organ within human beings that contains the capacity for Christ; through this organ, human beings enter into a direct relationship with Christ. Christ-consciousness was created by the historical Christ. Just as the eye perceives light, so that organ perceives the Christ; yet it was the historical Christ who created the potential for Christ—the possibility that human beings can come into direct contact with the Christ through this organ.
[ 8 ] Als der Menschenleib noch nicht der Träger einer Seele war, solange er noch unbeseelt war, war er, ebenso wie die Erde, die er bewohnte, noch ganz anders gestaltet, er hatte in sich ein Organ, das jetzt noch vorhanden ist als Schwimmblase der Fische. Der Mensch ging damals nicht aufrecht, er bewegte sich schwebend, schwimmend vorwärts, er trug in sich dies Organ, das bei den Fischen, die sich nicht weiterentwickelt haben, geblieben ist; beim Menschen wandelte es sich um zur Lunge. Dadurch erhielt er die Fähigkeit, Luft einzuatmen, zu verarbeiten. Wir finden die Kiemenatmung noch in der Embryonalentwicklung des Menschen. Dieser Zeitpunkt des Einfangens des Sauerstoffs der Luft durch die Lunge ist auch der Moment der Beseelung. Dies, gefühlsmäßig, empfindungsmäßig ausgedrückt, ist dargestellt in den monumentalen Worten: «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebendige Seele.» (1 Mos 2,7) Das heißt, der Mensch atmete ein die göttliche Seele.
[ 8 ] When the human body was not yet the vessel of a soul—when it was still lifeless—it was, just like the Earth it inhabited, shaped quite differently; it possessed an organ that still exists today as the swim bladder of fish. At that time, humans did not walk upright; they moved forward by gliding and swimming. They possessed this organ, which has remained in fish that have not evolved further; in humans, it transformed into the lungs. This gave them the ability to inhale and process air. We still find gill respiration in human embryonic development. This moment of capturing oxygen from the air through the lungs is also the moment of the infusion of the soul. Expressed in terms of feeling and sensation, this is depicted in the monumental words: “And God breathed into the man the breath of life, and he became a living soul.” (Genesis 2:7) That is to say, the human being breathed in the divine soul.
[ 9 ] Die Alten empfanden noch jeden Atemzug als Beseeler, daher die Sagen und Mythen, die in der Luft den Leib derjenigen Gottheit sehen, die die Menschen durchseelt hat. In allen alten Religionsformen finden wir dies in Bilder eingekleidet. Es musste in Bildern für die damalige Menschheit eingekleidet werden, denn wenn die großen geistigen Führer der Menschheit diese Wahrheiten ausgesprochen hätten in der Form wie heute, dann wären sie nicht verstanden worden, sie mussten bildhaft reden. Alles, alles ist in Entwicklung begriffen, auch das Bewusstsein! Die für das frühere dämmerhafte Bewusstsein des Menschen geltende Form, ihnen die Wahrheiten nahezubringen, war die bildhafte, so erscheint in den alten Religionsurkunden das Ich auch zugleich als das Wehende, das in der Luft hinwehende. Das ist die Wahrheit, die sich im Atmungsprozess individualisiert. Das ist dasselbe wie Wotan, der im Luftstrom dahinreitende, der Wehende.
[ 9 ] The ancients still perceived every breath as a source of life; hence the legends and myths that see in the air the body of the deity who infused humanity with life. In all ancient forms of religion, we find this expressed through imagery. It had to be clothed in images for the people of that time, for if the great spiritual leaders of humanity had expressed these truths in the form we use today, they would not have been understood; they had to speak in imagery. Everything, everything is in the process of development, including consciousness! The form suitable for conveying these truths to humanity’s earlier, twilight-like consciousness was the pictorial one; thus, in the ancient religious texts, the “I” also appears as the “Blowing One,” the one blowing through the air. This is the truth that individualizes itself in the process of breathing. This is the same as Wotan, the one riding along in the air current, the “Blowing One.”
[ 10 ] Die Seele war vor der Einkörperung geschlechtslos; auch da hat eine Entwicklung stattgefunden. Auf diese Entwicklung blickt jeder Geistesforscher. Bevor es Mann und Weib gab, entstand innerhalb der geistigen Weltordnung der Gott, der beide Geschlechter in sich vereinigt. Dies ist der Grund, dass zweimal in den ersten Kapiteln der Genesis die Menschenschöpfung erzählt wird. Einmal männlich-weiblich (1 Mos 1,27), das ist der göttliche Geistesmensch, der weder männlich noch weiblich ist, aber die Kräfte beider Geschlechter in sich vereinigt, und dann die Erschaffung des Menschen unten auf dem physischen Plan; es heißt: Der Mensch entstand als männlich-weibliches Wesen (1 Mos 1,27), nicht wie Luther schreibt: «ein Männlein und ein Fräulein».
[ 10 ] Before incarnation, the soul was genderless; a process of development took place there as well. Every spiritual researcher focuses on this development. Before there were men and women, God—who unites both genders within Himself—came into being within the spiritual world order. This is the reason why the creation of humankind is recounted twice in the first chapters of Genesis. Once as male and female (Gen. 1:27)—this is the divine spiritual human, who is neither male nor female but unites the forces of both sexes within himself—and then the creation of humankind down on the physical plane; it states: Human beings came into being as male-female beings (Genesis 1:27), not as Luther writes: “a little boy and a little girl.”
[ 11 ] Das neue Instrument leitet die Menschheit hin zu einem gemeinsamen Band, das umfassender ist als das Band der Liebe. Früher gab es ein Stammes-Ich, dann, nachdem die Fern-Ehe eingetreten, entwickelte sich dasselbe zum Volksbewusstsein, zum Volks-Ich. In der Menschheit liegt nun die Tendenz, das Volksbewusstsein, das innerhalb dieses Volks-Ich liegt, zu erweitern zu dem, was die ganze Menschheit zusammenhält, zum Bruderbund. Diesen Bruderbund, diese Blutsbruderschaft vorzubereiten, die unabhängig ist von dem Blute, das durch die Adern rinnt, das ist die Mission des Christentums. Der alte Gott, Jahve, der Wehende, der das Ich gegeben hat, derjenige Gott, der da lebt in dem einzelnen Bewusstsein, wird sich dahin entwickeln, etwas Gemeinsames in allen Menschen zu erkennen, dies Menschheitsbewusstsein, das ist das Christusbewusstsein! Das umfasst ein Ich, das die ganze Menschheit in einem Bewusstsein umspannen wird. Einen Satz gibt es, der dies ausdrückt: «Wer nicht verlässt Vater, Mutter, Sohn und Bruder, der kann mein Jünger nicht sein.» (Lk 14,26; Mt 19,29) Das Christentum bereitet vor eine umfassende Menschenbruderschaft; nicht im alltäglichen, trivialen Sinn dürfen wir das verstehen.
[ 11 ] This new instrument guides humanity toward a common bond that is more comprehensive than the bond of love. In the past, there was a tribal “I”; then, after long-distance marriage became common, this evolved into a national consciousness, a national “I.” Humanity now has a tendency to expand the national consciousness—which lies within this “national self”—into that which binds all of humanity together: a brotherhood. To prepare this brotherhood, this blood brotherhood—which is independent of the blood that flows through the veins—is the mission of Christianity. The ancient God, Yahweh, the Breathing One, who bestowed the “I”—the God who lives within the individual consciousness—will evolve to recognize something shared by all human beings: this consciousness of humanity is the Christ-consciousness! It encompasses an “I” that will embrace all of humanity within a single consciousness. There is a saying that expresses this: “Whoever does not forsake father, mother, son, and brother cannot be my disciple.” (Luke 14:26; Matthew 19:29) Christianity prepares the way for a comprehensive brotherhood of humankind; we must not understand this in the everyday, trivial sense.
[ 12 ] Den Jehova dürfen wir bezeichnen als den Volksgott, der die Menschheit in einzelne Völker zersplittert; Jahve bedeutet auch das Wehen des Atems, mit dem der Ichgeist in den Menschen einzieht, in dem Christus aber, dem Menschensohn, als welchen er sich selbst bezeichnet — das heißt, nicht der Sohn eines Mannes oder einer Familie, sondern der ganzen Menschheit —, in dem Christus sehen wir den, welcher den allgemeinen Weltenbund der Liebe vorbereitet; und wie Jahve einen Teil seiner Menschheit hineingießt in den Menschen, so gießt der Christus einen Teil seiner Wesenheit von nun an in die Menschheit hinein. In höchster Glorie lebte dies in Jesus von Nazareth, er war der höchste Eingeweihte, daher kann er sagen: «Ehe denn Abraham war ich», oder vielmehr: «bin ich». (Joh 8,58) In solchen Worten liegt das Esoterische des Christentums, das als Kraft im äußern Christentum leben soll.
[ 12 ] We may describe Jehovah as the God of the nations, who divides humanity into separate peoples; Yahweh also signifies the breath with which the I-spirit enters into human beings; but in Christ—the Son of Man, as he designates himself—that is, not the son of a man or a family, but of all humanity—in Christ we see the one who prepares the universal covenant of love; and just as Yahweh pours a part of his humanity into human beings, so Christ pours a part of his being into humanity from now on. This lived in Jesus of Nazareth in its highest glory; he was the highest initiate, which is why he can say, “Before Abraham was, I was,” or rather, “I am.” (John 8:58) In such words lies the esoteric essence of Christianity, which is to live as a force within external Christianity.
[ 13 ] Wie ist es zustande gekommen, dass der Menschensohn in einer Persönlichkeit verkörpert wurde? Ich will Ihnen zur Erklärung dieser Frage schildern, was Prophetie heißt und wie daraus hervorgegangen ist das Mysterium von Golgatha. Es gab früher nur wenige Eingeweihte, Initiierte, Propheten. Einweihen heißt, jene höheren Fähigkeiten im Menschen entwickeln, die ihn hinaufführen in die höheren Welten und ihn deren Wahrheiten selbst erleben lassen. Alles Geistige, was sie dort sehen und erleben, wird einst herabsteigen auf den physischen Plan; ein Prophet kann hinaufsteigen auf den geistigen Plan, er kann sehen, was da ist, er kann so sagen, was später hinabsteigen wird auf den physischen Plan, das ist Prophetie!
[ 13 ] How did it come to pass that the Son of Man was incarnated in a human being? To explain this question, I will describe to you what prophecy means and how the Mystery of Golgotha arose from it. In the past, there were only a few initiates, enlightened ones, and prophets. Initiation means developing those higher abilities within a person that lead them up into the higher worlds and allow them to experience their truths for themselves. Everything spiritual that they see and experience there will one day descend onto the physical plane; a prophet can ascend to the spiritual plane, see what is there, and thus foretell what will later descend onto the physical plane—that is prophecy!
[ 14 ] Die alten Propheten haben verkündet das Kommen des Menschensohnes, das heißt, sie haben in den geistigen Welten sich das vorbereiten sehen, was später in dem gewaltigen Moment, als der Christus auf dem physischen Plan erschien, physische Tatsache wurde. Der Menschensohn brachte herab auf den physischen Plan das, was vorher in den geistigen Welten war, die Menschenbruderschaft, die die Menschen in Liebe einigen soll, unabhängig von den Banden des Blutes. Und in dem Blute, das aus den Wunden auf Golgatha floss, da ist ausgeflossen dasjenige, was als das Überflüssige, Überwundene, als das Egoistische im menschlichen Blute war; dies Blut wurde geopfert am Kreuz. Das ist das Mysterium von Golgatha. Menschenblut hat sich geopfert, um das Blut der Menschen vom Egoismus zu reinigen, diese Reinigung des Blutes vom Ich geschah auf Golgatha.
[ 14 ] The ancient prophets proclaimed the coming of the Son of Man; that is to say, they saw in the spiritual worlds the preparations for what later became a physical reality at that momentous time when Christ appeared on the physical plane. The Son of Man brought down to the physical plane what had previously existed in the spiritual worlds: the brotherhood of humanity, which is to unite people in love, regardless of blood ties. And in the blood that flowed from the wounds on Golgotha, that which was superfluous, overcome, and selfish in human blood was poured out; this blood was sacrificed on the cross. This is the Mystery of Golgotha. Human blood sacrificed itself to purify the blood of humanity from selfishness; this purification of the blood from the “I” took place on Golgotha.
[ 15 ] Wenn wir den Sinn der drei ersten Evangelien vergleichen, finden wir, dass überall ein gewisser Stimmungston zugrunde liegt. Das Evangelium Lukas führt hin auf die Einweihungsschule der Essäer und Therapeuten, daher finden wir in seinen Gleichnissen einen gewissen sozialen Charakter. [Mitschrift bricht ab.]
[ 15 ] When we compare the meaning of the first three Gospels, we find that a certain underlying tone pervades them all. The Gospel of Luke points to the initiatory school of the Essenes and Therapeuts; hence, we find a certain social character in its parables. [Transcript breaks off.]
